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KLASSIK MAGAZIN 2010

S t i m m e n, T ön e , H a r mon i e n A l l e s ü b e r d e n E C H o K l a ss i k I n t e rv i e w s , H i n t e rg rü n de u n d R e p ortag e n

Ist die Klassik ein Monster? Cecil i a Ba rtol i u nd a nder e Sta rs e r k l ä r e n da s A be n t e u e r M usi k

Sendetermin

17.10.2010 22 Uhr im ZDF

w w w. e c h o k l a s s i k . d e


HOLEN SIE SICH DIE ECHO-STARS NACH HAUSE.

2CD 480 4478 ET: 15.10.2010

DIE DOPPEL-CD MIT ALLEN PREISTRÄGERN DES ECHO KLASSIK 2010

www.klassikakzente.de/echoklassik


ECHO KLASS I K M AG A Z I N

So klug und so schön wie in diesem Jahr war die Klassik selten! Der Beruf des Musikers hat sich gewandelt. Heute wird nicht mehr nur schön gesungen, genial gegeigt und virtuos Klavier gespielt. Mit der Technik in der klassischen Musik ist es wie mit den Leistungen im Sport: die Interpretationen werden immer besser, ausgefeilter und raffinierter. Aber das ist noch nicht alles. Heute beherrschen Musiker nicht mehr nur ihre Instrumente. Sie sind zu Wissenschaftlern der Musik geworden, zu Abenteurern im Weinberg des Klanges, zu Philosophen der Klassik: Ein Dirigent wie Nikolaus Harnoncourt sucht seit jeher nach den Ursprüngen seiner Musik, Vorworte 4 · Das Multimedium 8 · Alice Sara Ott 12 Paavo Järvi oder die GeigeLeif Ove Andsens, Evgey Kissin, Arabella Steinbacher 14 rin Isabelle Faust stellen Murray Perahia 15 · Jonas Kaufmann 16 · Joyce DiDonato 18 ganz neue Fragen an BeMinguet Quartett, Gautier Capucon, Christina Pluhar 20 · Nikolaus Harnoncourt, ethoven, Cecilia Bartoli Isabelle Faust 21 · MDG 22 · Angelika Kirchschlager 24 · Olga Scheps 25 wird zur Historikerin, Tabea Zimmermann, Nils Mönkemeyer 26 · David Garrett 27 · Cecilia Bartoli 28 wenn sie sich auf die Huelgas Ensemble, Paavo Järvi 30 Mariss Jansons, Ulf Schirmer 31 · Lang Lang 32 Suche nach der grauHannover Chöre 34 · Bryn Terfel 35 · Casal Quartett, Marek Janowsky 36 · Amarcord 37 samen Geschichte Bruno Weil, Martin Schmieding, Jos van Immerseel 38 · Hélène Grimaud 39 der Kastraten macht, Vivica Genaux, Karl Amadeus Hartmann, Yannick Nézet-Séguin 40 und die Geigerin TaLautten Compagney, Mihaela Ursuleasa, Christiane Karg 41 · Juan-Diego Flórez 42 bea Zimmermann verChristian Zacharias, Meta4 44 · Oswaldo Golijow, Janine Jansen 45 schachtelt das Barock Gerd Schaller, Belcea Quartett 46 · Albrecht Mayer 47 mit der Moderne. Die MuFura dels Baus, See-Igel 48 · Fauré Quartett 49 · Sting 50 siker werden immer klüger und verstehen es dabei, ihr Publikum auf spannende Reisen in die universelle Seelenlage des Menschen mitzunehmen. Sie sind auf den Konzertpodien inzwischen ebenso zu Hause wie in Fernsehshows oder in Stadthallen. Die Klassik ist zu einer neuen Populärkultur geworden. Und das im besten Sinne! Sie steht im Mittelpunkt der Gesellschaft und nimmt sich Fragen vor, die uns alle angehen. Sie spricht über Psychologie, Politik und Gesellschaft. Und das stets mit der Logik der strengen Form und der Emotionalität des Klanges. Einige der klügsten und besten Musiker und ihre Missionen stellen wir ihnen in diesem Heft vor. Die ECHO-Preisträger 2010 sind der Beweis, dass die Klassik so munter lebt wie selten zuvor. Viel Vergnügen bei der Lektüre wünschen Ihnen Daniel Knöll und Axel Brüggemann.


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Klassik für Millionen: 15. ECHO-Klassik-Verleihung im ZDF Grußwort von ZDF-Programmdirektor Dr. Thomas Bellut

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Sendertermin

17.10.2010 22 Uhr im ZDF

ubiläum einer Erfolgsgeschichte: Zum 15. Mal überträgt das ZDF die Verleihung des ECHO Klassik! 1996 war „Ein Echo für Dresden“, wie die Sendung damals hieß, eine Benefizgala für den Wiederaufbau der Frauenkirche, die live zur Mittagszeit aus der Semperoper übertra­ gen wurde. Vom Ergebnis waren alle ebenso überrascht wie erfreut: über 14 Prozent Marktanteil. Damit war klar: Das müssen wir fortsetzen. 2001 folgte für „Echo der Stars“ dann ein wei­ terer wichtiger Schritt: der Umzug ins Abend­ programm, was die Zahl der Zuschauer ver­ doppelte. Dieser Erfolg belegt, dass man auch mit dem vermeintlich schwierigen Kulturgut Klassik ein Millionenpublikum erreichen kann. Noch dazu, wenn wie dieses Jahr Thomas Gottschalk durch „Echo der Stars“ führt. Unsere Aufgabe als Fernsehmacher ist, un­ seren Zuschauern in kontinuierlicher Format­ arbeit den Zugang zu klassischer Musik zu er­ leichtern und Lust auf Klassik zu wecken. Am besten gelingt dies, wenn bekannte Künstler beliebte Werke präsentieren. Doch wir suchen auch die Stars von morgen. Anna Netrebko, Rolando Villazón oder Lang Lang beispiels­ weise, heute weltberühmt, galten noch als Geheimtipp, als sie im ZDF ihren ersten TVAuftritt in Deutschland hatten. Und auch bei „Echo der Stars“ treten alljährlich Newcomer neben gefeierten Stars auf: 2010 steht in

Essen der Pianist Lang Lang zusammen mit seinen jungen Kolleginnen Olga Scheps und Alice Sara Ott auf der Bühne. Dabei garantieren auch in diesem Jahr ein mo­ dernes multimediales Bühnenbild sowie inno­ vative Bühnen-, Kamera- und Lichttechnik, dass die großen Auftritte opulent in Szene gesetzt werden. Wir bereiten der Klassik und ihren Interpreten die Bühne, damit sich die große emotionale Kraft der Musik und das Talent der Künstler frei entfalten können. In 15 Jahren steter Arbeit haben wir mit „Echo der Stars“ eine Gala etabliert, die für die Klassik­szene zum Branchentreff und für das ZDF zu einer wichtigen Programmmarke geworden ist. Diese Gala ist seit 15 Jahren ein fixer Termin für alle Klassikfans unter unseren Zuschauern und die, die es noch werden wollen. Ich danke unserem Partner, dem Bundesver­ band Musikindustrie, dessen Kulturinstitut, die Deutsche Phono-Akademie, den ECHO Klassik verleiht, für die gute Zusammenarbeit und freue mich, sie in den nächsten Jahren fortzusetzen.

DR. thomas bellut programmdirektor des ZDF


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Der ECHO Klassik:

Klimax Klassik

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ch freue mich sehr, dass die Verleihung des 17. ECHO Klassik in Essen – also mitten in der europäischen Kulturhaupt­ stadt RUHR.2010 – stattfindet. Ich bin mir sicher, dass die Preisverleihung ein wei­ teres Highlight des an kulturellen Höhepunk­ ten ja nicht armen Kulturhauptstadtjahres sein wird. Auch in diesem Jahr werden wieder Künstler von Weltrang beim ECHO Klassik erwartet, was die hochkarätige Besetzung der Fernsehgala „ECHO der Stars“ bestätigt. Besonderes erfreulich ist die Rekordbeteili­ gung beim ECHO Klassik in diesem Jahr. Rund 60 Labels wie zum Beispiel Sony Classical, Universal Classics & Jazz, EMI Classics, Hänss­ ler Classic, cpo, Ars Produktion oder MDG und viele weitere reichten in diesem Jahr Tonträger ihrer Klassik-Stars und jungen Talente aus al­ ler Welt für die Teilnahme am bedeutendsten Klassikpreis ein. Insgesamt zählte die Deut­ sche Phono-Akademie, das Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie e. V., in der siebenwöchigen Nominierungsphase mehr als 570 Nominierungen für 248 Tonträger. Diese beachtliche Zahl belegt einmal mehr, dass Klassik auf dem Vormarsch ist. So legte auch das Gesamtangebot von Klassiktonträgern auf dem deutschen Markt im letzen Jahr deut­ lich um 14,9 Prozent zu. In diesem Jahr kommen mehr als die Hälfte der ECHO Klassik-Preisträger von kleineren Labels, die es sich zur besonderen Aufgabe gemacht haben, die Vielfalt und Wahrneh­ mung klassischer Musik auch in speziellen Genrebereichen zu fördern und zu stärken – das freut mich ganz besonders.

Die Bemühungen der gesamten Branche, Klassik einem jüngeren Publikum zugänglich zu machen, scheinen Erfolg zu haben. Neue Künstler und ECHO Klassik-Preisträger wie beispielweise Alice Sara Ott, Nils Mönke­ meyer, Meta4., Olga Scheps oder Christiane Karg sprechen auch eine junge Zielgruppe an und sind Botschafter und Zeugen einer jungen und frischen Generation. Letztendlich ist dieser Erfolg auch ein Ergeb­ nis der guten Zusammenarbeit mit dem ZDF, das nunmehr seit 15 Jahren gemeinsam mit uns die klassische Musik einer breiten Öffent­ lichkeit präsentiert und dieser Musik einen besonderen Stellenwert im Rahmen ihres Sendekonzeptes einräumt. Besonders freue ich mich in diesem Jahr darauf, dass Thomas Gottschalk die Preisvergabe moderieren wird. Er ist gleichsam einer der besten und be­ liebtesten Moderatoren des deutschen Fern­ sehens und wird dem ECHO Klassik ein neues Gesicht geben und ihn in der öffentlichen Wahrnehmung weiter stärken. Ihnen allen wünsche ich einen unterhalt­ samen und fulminanten ECHO Klassik in der Philharmonie Essen. Herzlichst

Prof. Dieter Gorny Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie e.V.


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WILLKOMMEN IN essen! Sehr geehrte Damen und Herren, der ECHO Klassik gehört ohne Frage zu den bedeu­ tendsten Auszeichnungen für Interpreten klassischer Musik. Dass die Gala zur Preisver­ leihung nun erstmals in Essen stattfindet, ist für die Stadt eine besondere Ehre. Ich nehme die Wahl nicht zuletzt als Anerkennung für all das wahr, was Essen in den vergangenen Jahrzehnten zu einer lebendigen Kulturland­ schaft über die Region hinaus beigetragen hat und auch in Zukunft beitragen wird. Ich bin überzeugt, dass die Philharmonie als Gastgeber und die Essener Philharmoniker der diesjährigen ECHO Klassik-Gala einen außergewöhnlichen Glanz verleihen werden. Allen Preisträgerinnen und Preisträgern gratuliere ich ganz herzlich und wünsche den mitwirkenden Künstlern und Gästen einen wunderbaren Abend in der Kulturhauptsstadt RUHR.2010! Reinhard Paß Oberbürgermeister der Stadt Essen

Als Generalmusikdirektor der Stadt Essen freut es mich außerordentlich, dass der Echo Klassik dieses Jahr im Zentrum der Kultur­ hauptstadt RUHR.2010 verliehen wird. Die Stadt und mit ihr die Essener Philharmoniker, die als Orchester die heutige hochkarätige Konzertveranstaltung mittragen, blicken auf eine reiche musikalische Tradition bis zu Gu­ stav Mahler und Richard Strauss zurück, die in diesem Haus ihre Werke aufgeführt haben. Die herausragenden Musiker von heute und morgen, die jetzt hier ausgezeichnet werden, haben ihr Publikum erreicht. Sie sind Bot­ schafter unserer wunderbaren Kunst und mit ihrer Präsenz auf Tonträgern der Beweis, dass Musik mitten ins Leben der Menschen ge­ hört. Damit unterstützen sie uns wirksam in unserer Aufgabe, die Musik der Bürgerschaft dieser Stadt immer wieder nahe zu bringen. Ich sage allen Teilnehmern ein aufrichtiges Toi-toi-toi und wünsche den Zuhörern einen inspirierenden, genussreichen Abend. Stefan Soltesz Generalmusikdirektor der Stadt Essen

Wir freuen uns sehr, dass die Philharmonie Essen erstmals Gastgeber der ECHO KlassikGala sein wird. Dieses Haus ist mit seinem klar formulierten Anspruch ein wirklich passender Ort für die Veranstaltung. Schließlich sollen mit dem ECHO Klassik nicht nur Weltstars ausge­ zeichnet, sondern auch junge Talente gefördert werden. Das ist eine Balance, mit der sich die Philharmonie identifiziert. Zum einen sind wir mit unserem eigenen Programm bestrebt, dem Publikum neben großen Namen auch die inter­ nationalen Nachwuchskünstler zu präsentieren, die uns alle mit ihrem unglaublichen Können, ihrer leidenschaftlichen Hingabe zur Musik und ihrer musikalischen Neugier begeistern. Zum anderen verkörpert das Gebäude selbst eine gelungene Synthese aus Alt und Neu, aus etablierter und moderner Architektur: Der histo­ rische Saalbau, in dem Gustav Mahler einst die Uraufführung seiner sechsten Sinfonie leitete, erstrahlt seit 2004 in neuem Glanz. Ich heiße Sie als Gäste sowie alle auftretenden Künstler in der Philharmonie herzlich willkommen beim ECHO Klassik 2010! Dr. Johannes Bultmann Intendant Philharmonie Essen


KULTUR IN ESSEN.

TUP

16. November 2010

Cecilia Bartoli

& Kammerorchester Basel „Sacrificium – La Scuola dei Castrati“

Gefördert von der NATIONAL-BANK AG.

30. Oktober 2010

2. Dezember 2010

Christian Gerhaher, Bariton Gerold Huber, Klavier Michael Autenrieth, Rezitation Berg · Schönberg · Beethoven · Webern · Haydn

Martin Stadtfeld, Klavier Mozarteumorchester Salzburg Ivor Bolton, Dirigent Gluck · Mozart

7. November 2010

„Tell it like it is“ Thomas Quasthoff & Friends

Lied & Lyrik Christian Gerhaher

Martin Stadtfeld spielt Mozart

18. Dezember 2010

Brahms: Requiem Windsbacher Knabenchor Christiane Oelze, Sopran u. a.

Juan Diego Flórez, Tenor Württembergisches Kammerorchester Alessandro Vitiello, Dirigent Rossini · Verdi · Cimarosa · Boieldieu u. a.

Anne Sofie von Otter, Mezzosopran Michael Schade, Tenor Thomas Quasthoff, Bassbariton Max Raabe, Gesang | Maria João, Gesang Götz Alsmann und Thomas Quasthoff, Moderation u. v. a. Mahler Chamber Orchestra & Andrea Marcon WDR Big Band Köln & Michael Abene

Gefördert von der Kulturstiftung Essen.

Gefördert von der DIHAG.

Gefördert von der Philharmonie-Stiftung der Sparkasse Essen.

25. November 2010

Juan Diego Flórez

29. November 2010

In Residence: András Schiff Hommage à Robert Schumann

Alle Konzerte der Spielzeit 2010 | 2011 sind bereits im Vorverkauf!

Karten-Telefon: 02 01 81 22-200 01 80 59 59 59 8 (0,14 € /Min.)

András Schiff, Klavier

www.philharmonie-essen.de


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ein Multimedium Musik ist älter als das Fernsehen – dabei scheint sie fürs TV gemacht zu sein

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usik ist – wenn man so will – eines der ersten Multimedien. Sie ist ein Gefühlsverwandler, eine Weltsprache und eines der ersten Kommunikationsmittel der Menschen! Schon in der Steinzeit­ höhle wurde auf Knochenflöten geblasen, im alten Ägypten hat die Harfe den Kontakt zu den Göttern hergestellt, Indianer haben bei Gefahr getrommelt, im Mittelalter haben die Mönche ihren Gott im Chor angerufen, und nebenbei wurde vom Volk zu Fiedelklängen getanzt. Heute hat sich die Musik problemlos in die modernen Multimedien eingegliedert: Klassik macht Radio, und im Internet wird sogar Bach legal „gedownloaded“. Die Schallplatte wurde von der DVD ersetzt, auf der man Dirigenten, Sänger und Musiker nicht nur hören, sondern auch sehen kann. Selbst im Kino hält die Oper Einzug. Natürlich sind Mozart und Puccini auch im Fernsehen angekommen. So modern wie in den letzten Jahren war die klassische Musik selten. Kein Wunder also, dass sie viele neue Fürsprecher gefunden hat: Popmusiker wie Sting (siehe letzte Seite) erklären den Rock längst für tot und suchen neue Inspiration bei Stravinsky. Natür­ lich auch, weil Klassik-Stars wie Thomas Quasthoff oder Renée Fleming die Grenzen ihres Gen­ res längst brillant überspringen, ihre Stimmen drosseln, mit dem Mikrofon flirten und besten Jazz und Pop machen. Das sind keine Pseudo-Crossover mehr wie früher, sondern ernste Ausflüge in die aktuelle Musik mit den Mitteln des klassischen Handwerkzeugs. Und auch die Klassik­ künstler selbst sind inzwischen keine Elfenbeinturm-Musiker mehr, sondern bedienen Facebook (siehe Sara Ott oder das Fauré Quartett) ebenso selbstverständlich wie einen alten Steinway. Es ist nicht mehr klar, wer eigentlich moderner ist: Lady Gaga oder Bach! Auf jeden Fall stehen sie sich nicht mehr im Weg. Die Klassik scheint unserer bewegten Zeit etwas zu geben, das wir zunehmend vermissen: Beständigkeit, Tradition und wahrhafte Gefühle. Aber gleichzeitig ist sie auch das Medium des ständigen Wandels: von einer Epoche zur nächsten wurden die Regeln der Harmonie


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gesprengt, ebenso wie sich die Regeln des Staates verändert haben. Musik ist ein Abbild unserer Gesellschaft. Komponisten haben neue Instrumente entdeckt: Bach das Ham­ merklavier, Strauss die Kuhglocke, Stockhausen den Computer. Doch neben der dauernden Erneuerung wurden stets die alten Klassiker in die aktuelle Zeit übersetzt: ein Mozart unter Karajan klingt nach 1970, einer unter Harnoncourt nach 2010! Die Mediengesellschaft hat erkannt, dass die Inzest-, Hass- und Liebesüberschriften der „BILD“ in den Opern von Mozart, Verdi und Wagner längst vorgedacht waren und dass der Systemiker Bach auch die Grundlagen für den Pop gelegt hat: Egal, ob Götz Alsmann in seiner „Nachtmusik“ Mozart mit Ukulele begleitet und als Herzblutmusiker keine Probleme damit hat, Jazzer wie Jamie Cullum neben der Cellistin Sol Gabetta auftreten zu lassen. Oder ob Thomas Gottschalk stets einen Platz auf seinem „Wetten dass …“-Sofa für Anna Ne­ trebko, Rolando Villazón oder Lang Lang reserviert. Dieses Jahr übernimmt Gottschalk die ECHO-Präsentation von Götz Alsmann. Für Gott­ schalk gehören Besuche in Bayreuth und Salzburg zur Abwechslung vom Showgeschäft. Vielleicht, weil er weiß, dass seine Lieblingsgäste, die Scorpions und einst Michael Jackson, die legitimen Erben von Mozart und Wagner sind. Die Klassik ist im Fernsehen zu Hause. Und das ist nur der Anfang: Live-Opernübertragungen von Originalschauplätzen begeistern das Publikum, Konzerte werden durch Künstlergespräche bereichert. Irgendwann wird die Klassik sicherlich auch eine eigene Sendung bekommen, in der über Politik und Psychologie, über Macht und Mode, über Krieg und Frieden geredet wird. Denn um all das geht es in der Musik. Sie ist das einzige Medium, das das Unerklärliche erklären kann. Man muss die Musik nur lassen! Der ECHO Klassik ist eines der (viel zu seltenen) Musik-Fernsehhighlights des Jahres. Die Möglichkeiten der Musik im Fernsehen sind längst nicht ausgeschöpft. Beim ECHO können die Stars, die sich täglich um Neudeutungen, um historische Zusammenhänge, um die Tech­ nik und die Fragen der Interpretation kümmern, ihre Ergebnisse vorstellen. Plötzlich steht die Musik im Rampenlicht. Die Klassik wird zur Show, ohne sich dabei selbst aufzugeben. Für eine Stunde zeigt sie, dass sie mehr ist als schöne Klänge, dass sie der Pulsschlag un­ serer Vergangenheit und unserer Gegenwart ist. Dass sie Dinge aussprechen kann, die mit Worten nicht auszudrücken sind. Dass sie das Multimedium Fernsehen vorgedacht hat und Axel Brüggemann es noch heute in neue Dimensionen führen könnte. Von Axel Brüggemann ist gerade das Buch „Wie Krach zu Musik wird – die etwas andere Musik­g eschichte“ bei Beltz und Gelberg erschienen. Unter anderem mit Beiträgen der ECHO-Klassik-Preisträger Cecilia Bartoli und Nikolaus Harnoncourt

Vir Politicus Kurt Masur wird für sein Lebenswerk geehrt Er ist der Dirigent der Einheit. Kurt Masur hat das Musikleben der DDR geprägt und die Freiheit der Klassik hochgehalten. Er hat in New York und in London am Klang getüftelt – und ist doch immer in der Musik zu Hause. Egal, welchen Komponisten sich Kurt Masur widmet: für ihn ist die Musik eine Frage von Herz und Verstand, von Logos und Emotion. Beethoven und Co. sind für ihn Mahner, Visionäre und Menschen aus unserer Gegenwart. In ihren Klängen stöbert Masur die epische Geschichte des Humanismus auf. Ebenso wie sie verkörpert er die Tradition, die Erfahrung und die ewige Wandelbarkeit in eine neue Epoche. Dafür wird er nun mit dem ECHO-Klassik für sein Lebenswerk ausgezeichnet.


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Der Echo hat sie alle! Schauspieler, Medienmenschen und Prominente zu Gast beim ECHO Klassik 2009

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t nur auf der ik 2009 war nich Der ECHO-Klass er den Kulissen Gala. Auch hint n se rie ne ei e Bühn gefeiert. Dieter sik prominent wurde die Klas brille von den dunkler Sonnen z ot tr ar w 1 Wedel s geblendet. der Klassikstar Geheimnissen -Preisträgerin go führ te ECHO Placido Domin roten Teppich. ter 2 über den ut M e hi m op -S Anne islaw Tillich ka rpräsident Stan te is in M ns se Sach vier de Der Harfenist Xa mit Gattin 3 . Na . talia Semperoper 4 Maistre in der führ ten tz Alsmann 5 Wörner und Gö assik-Paar als flirtendes Kl d. durch den Aben 7 r Prof. Die ZDF-Männe ter und Markus Schäch fachsim­ Claus Kleber 6 Musik im pelten über die CrossoverFernsehen. Die sica Cubana 7 Gewinner Clas t ch dem Auftrit haben auch na verband es nd Bu m ter Gorny 8 vo ie D ­ e. un . La te gu annende Show war tet eine sp er rie st du in ik ­Mus

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WIR GRATULIEREN! DEN ECHO KLASSIK-PREISTRÄGERN 2010 UND FREUEN UNS AUF DIE GEMEINSAMEN NEUEN KONZERTE

JONAS KAUFMANN

JOYCE DIDONATO

SÄNGER DES JAHRES

SÄNGERIN DES JAHRES

IN PLANUNG 2011

19.10.10 HAMBURG

KLASSIK 2010

KLASSIK 2010

OICES

VIVICA GENAUX

LANG LANG INSTRUMENTALIST DES JAHRES

OPERNEINSPIELUNG DES JAHRES

IN PLANUNG DEUTSCHLAND UND SCHWEIZ 2012

12.04.11 HAMBURG

KLASSIK 2010

OICES

KLASSIK 2010

The Classical Company Switzerland

DIE NEUE LIVE-DVD

DAVID GARRETT

„ROCK SYMPHONIES“ JETZT IM HANDEL!

BESTSELLER DES JAHRES

TOURNEE MIT DER RUSSISCHEN NATIONALPHILHARMONIE

ROCK SYMPHONIES TOUR

01.05.11 LEIPZIG

08.06.11 BREMEN

02.05.11 BERLIN

10.06.11 BERLIN

03.05.11 HAMBURG

12.06.11 STUTTGART

06.05.11 BADEN-BADEN

13.06.11 KÖLN

08.05.11 FRANKFURT/M.

14.06.11 WIESBADEN

09.05.11 MÜNCHEN

17.06.11 LUDWIGSLUST

18.05.11 HANNOVER 20.05.11 BAD SEGEBERG

22.06.11 MÜNCHEN

KLASSIK 2010

25.06.11 ERFURT

AUF GROSSER TOURNEE

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• OKTOBER – NOVEMBER 2010

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Eine Romanfigur am Klavier Alice Sara Ott stellt die Welt gern auf den Kopf. In ihrer Musik vereint sie selbst den Gegensatz von Leben und Tod

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iner der besten japanischen Autoren ist Haruki Murakami: ein Zaube­ rer zwischen Wirklichkeit und Phantasie und ein Erfinder merkwür­ dig transzendenter Frauengestalten, die mit geschlossenen Augen durch die Welt wandern und anderen so die Augen öffnen. Alice Sara Ott könnte aus einem Roman von Haruki Murakami kommen. Die junge Pianistin ist schräg, sie verdreht die Standards unserer Welt, taucht in psychologische Bücher ab und lebt, wenn sie wieder aufgetaucht ist, ihre ureigene Wirklichkeit. Die Schwerkraft der Welt scheint für sie nicht immer zu gelten. Ott bewegt sich durch ihr Leben und durch die Klassik-Szene wie es ihr gefällt, mal zutiefst ernsthaft, dann ausgelassen fröhlich, zuweilen albern — und immer: ganz sie selbst. Wenn ein Mensch Musik sein könnte, wäre er wahrscheinlich so wie Alice Sara Ott. Ein Aggregatzustand, eine Laune, ein Hauch, der kommt, verschwindet — und ganz anders wieder auftaucht. Ein sehr seltenes Phänomen. Die Deutsch-Japanerin wurde in München geboren (das Aussehen hat sie von der Mutter, die großen Hände vom Vater). Sie ging zur japanischen Schule und begreift sich selbst etwas ironisch als „Produkt des internationalen Verständnisses“. Doch so eine Formulierung ist — wie immer bei ihr — doppeldeutig. Sie ist nicht konkret politisch gemeint, sondern eher zutiefst menschlich. Selten gibt es eine Musikerin, die so offen für alles ist, die jeden Zustand in dem sie sich bewegt, einzusaugen scheint, um ihn irgendwie zu verarbeiten. Alice Sara Ott scheint eine eigene Lebensphilosophie etabliert zu haben. Die Wirklichkeit ist für sie so etwas wie ein Traum, der Traum immer auch ein bisschen Wirklichkeit. Manchmal, sagt sie, wacht sie auf, hat von der Donau geträumt und stellt erschrocken fest, dass sie in Hamburg ist. In solchen Momenten dauert es einige Zeit, bis die Wirklichkeit und Phantasie sich in den Gedanken von Alice Sara Ott wieder trennen.

Sängerin des Jahres Joyce DiDonato Colbran, The Muse

Sänger des Jahres Jonas Kaufmann Sehnsucht

Virgin Classics/EMI Music

Decca/Universal Music


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Aber Ott beherrscht natürlich auch die Umkehrung der Verkehrung der Welt. Dann ist sie plötzlich eine unglaublich ernsthafte, ganz unträumerische, disziplinierte Arbeiterin an den Tasten. Anders wäre es auch gar möglich gewesen, dass sie zunächst bei „Jugend musiziert“ und dann bei mehr als 17 internationalen Wett­ bewerben mit dem ersten Preis nach Hause gegangen ist und dass sie zu einer der renommiertesten Klavierspielerinnen unserer Zeit geworden ist, deren Karriere gerade erst begonnen hat. Fleiß, Ordnung, Klugheit sind die Grundlage. Auf dieser Basis erlaubt sich die Mu­ sikerin, die Welt ein wenig auf den Kopf zu stellen und zu fragen, ob das, was wir sehen, immer wahr sein muss, oder ob das, was wir phantasieren, nicht wirklicher sein kann. Die dauernde Überblendung von wahrhaftigen Träumereien und von traumwandlerischem Realitätssinn durchströmt auch ihre Musik. Ganz besonders ist das in den Walzern von Frédéric Chopin zu hören. Für sie weit mehr als nur schö­ ne Musik der Romantik! Ott gelingt es mühelos, in diesen Werken den Spagat von aktueller Politik zu tran­ szendenten Träumereien zu spinnen. So hat sie sich etwa gewünscht, die ChopinWalzer auf der Danziger Werft zu spielen. Dort, wo einst die Solidarno´sc´ geboren wurde, wo Polens Befreiung begann und die Einigung des Landes. „Das war zeitle­ bens der Traum von Chopin“, sagt Ott, „leider hat er ihn nicht erlebt. Deshalb ist mir diese Sache so wichtig.“ Wenn sie dann an ihrem Instrument mitten im Hafen sitzt und Walzer spielt, wird das musikalische Spektakel zu einem intimen Moment. Und man kann sich vorstellen, dass der Komponist ihr aus dem Himmel zuhört. Alice Sara Ott scheint daran zu glauben, dass Musik selbst unüberwindbare Gren­ zen überschreiten kann. Grenzen, vor denen unsere Körper und die rationalen Ge­ danken kapitulieren. Etwa die Grenze vom Diesseits zum Jenseits, vom Leben zum Tod. Wenn sie den a-Moll-Walzer von Chopin spielt, tut sie das immer auch für ihre verstorbene japanische Großmutter. Sie hat mit ihr telefoniert, ihr das Stück vor­ gespielt — dabei ist die Oma an Lungenkrebs gestorben, übergegangen ins Jenseits. Hört man Ott nun dabei zu, beginnt die Musik zu transzendieren, uns in eine andere Welt mitzunehmen, in ein Reich der schwerelosen Gedanken. In Otts Interpretation wird der Klang zu einer Liebeserklärung, zu einer sinnlichen Erfahrung, in der für einen Augenblick in Gedanken tatsächlich alles möglich wird, selbst der Dialog mit den Toten. Auf Japanisch bedeutet Musik übrigens: „Klang-Spaß“. Genau das hört man bei Ott, wenn sie die Tasten streichelt. Dabei ist die Klavierspielerin in ihrer Freizeit ein durchaus konkreter, irdischer Mensch. Mit ihrer ebenfalls Klavier spielenden Schwester streitet sie schon mal über die Farbe der Konzertkleider, über die Probezeiten am Steinway, der im Eltern­ haus steht oder darüber, wer für die Unordnung im gemeinsamen Zimmer verant­ wortlich ist. Ott führt längst das Leben eines Jet-Set-Stars, aufgekratzt, ewig auf Tour, rastlos reisend, stets im Dienste der Musik. „Um so wichtiger sind die Mo­ mente, in denen ich zur Ruhe komme“, sagt sie, „denn erst in der absoluten Stille beginne ich den Klang der Musik in mir selbst zu hören.“ Vielleicht ist das eines der Geheimnisse der Pianistin: die ewige Dialektik aus Stille und Klang, aus Leben und Tod, aus Traum und Wirklichkeit. In ihrer Musik scheinen all diese Gegensätze zu einem märchenhaften Kosmos zu verschmelzen.

Die Sonne ist eine Frau Was bin ich? Ein Produkt internationaler Kommunikation, das versucht, eine Orientierung zwischen Illusion und Wirklichkeit zu finden und davon überzeugt ist, dass die Sonne weiblich und der Mond männlich ist. Mir geht’s gut.

Lieblingszitat: „neeeeeeem!“ — von einem mysteriösen Fremden.

Lieblingsmusik: Pink Floyd, Guns N’ Roses, Hiroschi Itsuki, Fall Out Boy, Metallica, Depeche Mode, Schubert Lieder, Abba.

Das mag ich nicht: Den Klingelton meines Weckers. Sicherheitskontrollen am Flughafen — weil meine Schuhe da immer piepen!

Nachwuchskünstlerin des Jahres (Klavier) Alice Sara Ott. Frédéric Chopin: Sämtliche Walzer (Deutsche Grammophon/ Universal Music)

Instrumentalist des Jahres Siegbert Rampe Wilhelm Friedemann Bach: Klavierwerke

Instrumentalist des Jahres Lang Lang Tschaikowsky/Rachmaninoff: Klaviertrios

MDG — Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

Deutsche Grammophon/Universal Music


E CHO KLA S S IK M AG A Z IN

Spray it Baby! Leif Ove Andsnes und Robin Rhode haben Mussorgskys Bilder einer Ausstellung neu gerahmt Die beiden haben die Programmmusik selbst zum Programm erhoben: der Pianist Leif Ove Andsnes und der südafrikanische Streetart­ künstler Robin Rhode. Angefangen hat alles damit, dass sie sich einen weißen Raum gesucht haben, in dem ein Flügel stand. An­ dsnes hat sich hingesetzt und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ gespielt. Rhode hat die Spraydose in die Hand genommen und ebenfalls losgelegt: ein Klavier, Verzierungen, ein Monster gemalt. Als den beiden nichts mehr eingefallen ist, sind sie nach draußen gegangen und haben Tischtennis gespielt. Denn die wichtigste Regel ihres Projekts war, dass alles erlaubt sein muss. Andsnes und Rhode wollten herausfinden, wie die Klänge, die Mussorgsky einst zu einer Ausstellung seines Freundes eingefallen sind, heute wieder auf die Kunst wirken können. So ist „Pictures Reframed“ entstanden. Ein Versuch, wie der Klang die Malerei inspirie­ ren kann. Das Ergebnis, von dem die beiden Künstler nicht wussten, wie es aussehen würde, ist in einem opulenten Bildband zu sehen und auf Andsnes’ Konzerten. Er spielt vor Videoinstallationen, in denen Menschen über gemalte Eisblöcke gehen, zu jeder mu­ sikalischen Stimmung entwickeln sich neue Bilder. Die Programmmusik wurde auf den Kopf gestellt — und funktioniert auch mit neuem Rahmen! Editorische Leistung des Jahres. Mussorgsky: Pictures Reframed (Buch Edition), Leif Ove Andsnes (EMI Classics)

Zum Weinen schön Evgeny Kissin ist mehr als ein Klavierspieler. Er lebt die Musik als eigene Welt Evgeny Igorewitsch Kissin ist ein Unikum. Ein Musiker, der kompromisslos für die Mu­ sik lebt. Er wurde 1971 in Moskau geboren, seine Finger suchten die Tasten des hei­ mischen Klaviers, sobald er stehen konnte. Wenn seine Mutter den Deckel schloss, be­ gann Evgeny zu weinen, und als er zwei Jahre alt war, spielte er Bach-Sonanten aus dem Kopf, die er bei seiner größeren Schwester abhörte. Als der Vierjährige dem greisen Diri­ genten Herbert von Karajan Chopins f-MollPrelude vorspielte, kamen dem Maestro die Tränen. Noch heute erinnert sich die Tochter des Dirigenten, dass dieses der einzige Moment war, in dem ihr Vater weinte. Und bis heute berührt Kissin jeden, der ihn hört. Kaum ein anderer Pianist verschmilzt so sehr mit der Musik wie er, für niemanden ist der Klang ein derart wahrhaftiger Kosmos. „Natürlich muss ich verzichten“, sagt Kissin selbst, „seit ich den ersten Ton auf einem Klavier gespielt habe, verzichte ich. Jeder, der ernsthaft Musik macht, muss mit dem Verzicht leben. Die Verantwortung gegen­ über der Musik fordert das.“ Und dann sagt er noch: „Wenn jemand eine C-Dur-Tonleiter spielen kann, hat er die technischen Vo­ raussetzungen zum Klavierspiel. Wenn er die C-Dur Tonleitern in Beethovens Opus 111 spielen kann, ist er auch in der Lage, die Rückschläge des Lebens zu bewältigen.“ Wer solche Sätze sagt, der weiß mehr über die Musik als die meisten von uns. Und viel­ leicht ist das der Grund, warum Kissins Spiel uns so berührt.

Bestens in Form! Arabella Steinbacher geigt die Meisterwerke der Klassik stets an der Grenze des Wahnsinns Um die gefühlsbeladenen Werke von Dvorak und Szymanowsky aufzuführen, muss man zunächst einmal eine innere Ordnung in die Noten bringen. Musik braucht Form, nur sie bewahrt die Emotionen davor, willkürlich und wahnsinnig zu werden. Arabella Steinbacher ist eine Meisterin der Form! Sie geigt stets an der Grenze der Ordnung, balanciert ständig auf dem schmalen Grat von maximaler Emoti­ on und dem Absturz ins Nirgendwo. Das Label Pentatone hat Geigerinnen wie Julia Fischer entdeckt und gefördert — Arabella Steinba­ cher ist der nächste Klassik-Star des Labels, einer der aufregendsten. Privat ist sie eher formlos: „Ich fühle mich wohler, wenn alles herumliegt, dann muss ich nicht lange suchen. Auch Kochen muss bei mir schnell gehen: meist Pasta oder Reis.“ Aber in der Musik ist alles ganz anders. Vor großen Konzerten ist sie aufgeregt. „Ich versuche, die Anspannung in den Griff zu bekommen, indem ich meditiere, ganz in mich gehe. Aber sobald ich den ersten Fuß auf die Bühne setze, fällt die Aufregung von mir ab. Wenn ich zu spielen beginne und in der Musik bin, schließe ich die Augen, um von nichts anderem abgelenkt zu werden.“ In diesen Momenten ist Arabella Steinbacher vollkom­ men „in Form“ — sowohl auf ihrer ECHO-CD als auch in der genialischen Nachfolgeaufnah­ me mit den beiden Violinkonzerten von Béla Bartók. Konzerteinspielung des Jahres (19. Jahrhundert): Arabella Steinbacher. A.Dvorak/k.Szymanowski: Violinkonzert Op53/Romanze/Violinkonzert Op.35 (Pentatone)

Konzerteinspielung des Jahres (20./21. Jahrhundert): Evgeny Kissin. Sergej Prokofiev: Klavierkonzerte 2&3 (EMI)

Instrumentalist des Jahres Albrecht Mayer Bach-Werke für Oboe, Orchester und Chor Decca/Universal Music

Instrumentalist des Jahres Martin Schmeding J. S. Bach: Goldberg-Variationen (Fassung für Orgel) Cybele Records


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Musik für die Musik Murray Perahia glaubt nicht an Worte — für ihn ist Musik eine Blume, die von ganz allein und nur für sich selbst wächst

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m Anfang war: die Musik. Eine Sprache, die nicht übersetzt werden kann und dennoch allgemein verständlich ist. Davon ist jeden­ falls der Pianist Murray Perahia überzeugt, der einmal den wundervollen Satz gesagt hat: „Musik wird aus Musik gemacht, nicht aus Worten.“ Gemeint hat er damit, dass Musik ein eigener Kosmos ist, der sich selbst entwickelt und selbst zum Blühen bringt ,ein Kommunikationssystem, das sich selbst erfindet. Als Beweis für seine These hat Perahia gegenüber einem Interviewer von „Klassik Heu­ te“ den Urvater der Form ins Feld gebracht: Johann Sebastian Bach. „Vergessen Sie nicht“, erklärte der Klavierspieler, „dass die zugrunde­ liegende Idee einer Bach-Suite der Choral ist! Nehmen Sie seine Generalbass-Übungen — die sind als Übungen gemeint, und ich bin sicher, dass er sie selbst geschrieben hat. Da sind diese Akkorde, Akkord­ folgen, Modulationen. Aus diesen Akkorden gewann er die lineare Entwicklung. Und aus solchen Modulationen wachsen auch die Klaviersuiten hervor. Es wird so viel über Rhetorik in der Musik gesprochen. Für mich ist das Unsinn. Der Akkord, der Zusammenklang spricht sich aus, wird hinausprojiziert, atmet, entfaltet Leben. Wie eine Blume.“ Ähnliches könnte auch für die Bach-Partitas gelten, mit denen Perahia dieses Jahr den ECHO gewinnt. Johann Se­ bastian Bach führt den Pianisten zurück zur Urwurzel der Musik, zur strengen musikalischen Form, zur sich selbst konstruierenden Sprache. Vielleicht liegt genau darin das

Besondere seiner Interpretationen. Perahia behauptet nichts anderes als die Musik selbst. Sein Klavierspiel hat nie eine konkrete Botschaft, sondern dient allein der Mu­ sik, ihrer Reinheit und ihrer Form, ihrer Emotionalität und ihrer Strenge. Hört man sein Spiel, ist man aufgehoben in einer Welt, die in sich stimmig ist. Kein Wunder, dass ein Pianist wie er die Deformationen der Klassik mit Skepsis beäugt. „Viele Zuhörer verlangen danach, immerzu etwas ‚Neues’ zu hören“, beklagt er, „und merken dabei nicht, dass diese Sucht nach ‚Neuem’ eine Reaktion auf ihre eigen Langeweile ist.“ Er selbst bedient diese Langeweile nicht. In seinem Bach (wie in all seinen anderen Auseinandersetzungen mit großen Komponisten auch) zieht er es vor, zum Kern der Reinheit vorzudringen. Den findet er nicht unbedingt in der Perfektion des Kontrapunktes, sondern in der mindestens gleichbe­ deutenden Melodieführung bei Bach, die er fast eupho­ risch zelebriert. So ist Perahias Interpretation am Ende eben doch ganz neu und gerade deshalb so glaubhaft, weil sie es nicht sein will. Kaum ein anderer Klavierspieler dringt so tief in die Parti­ turen ein wie er, und kaum ein anderer taucht mit so ver­ blüffenden und logischen Argumenten für seine Interpre­ tation wieder auf, um sie sinnlich und jenseits aller Besser­ wisserei, ganz ohne Worte, nur in Musik zu behaupten. Solisitische Einspielung des Jahres (17./ 18. Jahrhundert) Murray Perahia. J.S. Bach: Partitas 1, 5, & 6 (Sony Classical)

Instrumentalistin des Jahres Tabea Zimmermann M. Reger/J. S. Bach: Suiten für Viola

Dirigent des Jahres Paavo Järvi L. v. Beethoven: Sinfonien 2 & 6 „Pastorale“

Myrios Classics

Sony Classical


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ené Kollo war einer der besten Lohengrin-Interpreten. Inzwi­ schen ist er ein älterer Herr, der gern über die gute alte Zeit spricht, der die Meister­ dirigenten Karajan, Bernstein und Solti lobt und die Gesangskultur der goldenen 70er und 80er Jahre. Von modernen Stimmen hält er nicht so viel. Neulich stand René Kollo in der Pause des „Lohengrin“ auf dem Grünen Hügel in Bayreuth und trank ein Bier. Ein Opernlieb­ haber kam auf ihn zu und wollte dem Sänger schmeicheln: „Na, ja“, sagte er. „Was meinen Sie?“, fragte Kollo. „Der Kaufmann, also, wenn man den mit Ihnen vergleicht …“ Der Te­ nor unterbrach den Fremden und antwortete: „Er ist einer der Besten, ich habe schon lange keine so besondere Stimme mehr gehört.“ Der Opernliebhaber staunte und zog von dannen.

Hören

und

staunen

Kann eine Stimme klug sein? Und ob! Die von Jonas Kaufmann ist auch noch schön dazu

Ensemble/Orchester des Jahres Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks / Mariss Jansons Anton Bruckner: Sinfonie 7 BR-Klassik

Ensemble/Orchester des Jahres Lautten Compagney / Wolfgang Katschner Timeless – Music by Merula and Glass DHM/Sony Music


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Jonas Kaufmann hat den Lohengrin in Bayreuth gesungen, mit einem ganz indi­ viduellen Ton: kein aufgeblasener WagnerHeld, sondern ein gebrochener Mensch. Kein schmetternder Macho, sondern ein leisetö­ nender, sich nach Liebe sehnender Jüngling. Keine Hau-Drauf-Stimme, die dem Publikum die hohen Töne um die Ohren schmettert, sondern eine kluge, jede Phrase mit Bedeutung aufladende Stimme. Das wirklich Merkwürdige an Jonas Kaufmann ist, dass er immer ein bisschen dieses und ein bisschen das ist — und damit in jedem seiner Auftritte auch immer alles. Kaum ein anderer Sänger verbindet so viele Widersprüche wie er. Er formt seine Arien wie aus der alten Schule: klug, wortverständlich, theatral. Gleichzeitig ist er modern, deckt durch seine Interpretation die Knackpunkte der Rollen auf, kümmert sich nicht um die effektvollen Stellen, sondern um die psychologische Ebene unter ihnen. Und wahrscheinlich liegt in die­ sem „sowohl als auch“ die Begeisterung für Kaufmanns Stimme. Er ist ein Sänger, der die Tradition kennt und sie in die Moderne führt. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Sänger-Kollegen und Dirigenten hören ihn und staunen.

Neulich ist Jonas Kaufmann an der Mailänder Scala aufgetreten, als Don José in George Bizets „Carmen“. Er hat die Rolle schon einige Male gesungen, und im ersten Akt dachte man: „Komisch, so habe ich das noch nie gehört. Was für ein Weichei ist dieser Kerl!“

„Er ist einer der Besten. Ich habe schon lange keine so besondere Stimme mehr gehört.“ René Kollo Doch, als Jonas Kaufmann am Ende der Oper seine Geliebte erstochen hatte, am Boden lag und die letzten verzweifelten Töne ge­ sungen hatte, war klar, dass er Oper nicht als Aneinanderreihung von Arien begreift, sondern als epische Erzählung, in der ein Charakter auf­ gebaut, zum Höhepunkt (und so wie im Falle von Don José) schließlich wieder zum Men­ schen demontiert wird. „Ich finde diesen Gedanken auch auf ArienCDs wichtig“, sagt der Tenor selbst, „man kann ein Stück nicht aus dem Zusammenhang

reißen, nur weil es so schön ist. In meinen Aufnahmen versuche ich in jeder Arie klar zu machen, woher ein Charakter kommt und wohin er geht. Und all das, wenn möglich, in wenigen Minuten.“ In der Pause der „Carmen“-Aufführung sitzt Daniel Barenboim im Dirigentenzimmer der Mailänder Scala. „Wissen Sie“, sagt er, „ich habe eine ganz eigene Theorie über Kauf­ manns Stimme.“ Dann setzt er zu einem Vergleich mit einem anderen Weltklasse-Te­ nor an: „Rolando Villazón ist ein dionysischer Sänger, der vor Kraft und Lebenslust nur so strotzt, der ohne Rücksicht auf Verluste auf der Bühne stirbt und dessen Markenzeichen die Leidenschaft ist.“ Barenboim macht eine Pause. „Bei Daniel Barenboim Jonas Kaufmann ist das genau anders. Er verkörpert für mich den apollinischen Sänger, eine Stimme, die alles analysiert, die zu Gebieten vordringt, die unter der Oberfläche schlummern, der Ge­ schichten als Analyse einer Entwicklung der Charaktere erzählt.“ Tatsächlich lassen sich die beiden größten Tenor-Stimmen unserer Zeit wahrscheinlich genau so erklären: als Dionysos und Apollo. Jonas Kaufmann schenkt der Klassik, was sie lange Zeit verloren hat: Tiefe. Um so amüsanter ist es, dass auch in diesem Fall bei ihm, das „sowohl als auch“-Prinzip greift. Während er der Klugheit auf der Bühne eine Stimme gibt, ist er jenseits der Theater zu einem der größten Hochglanz-Stars der Klas­ sik geworden. Er sieht gut aus und zeigt das auch. In Berlin werden Großformatposter von ihm aufgehängt, die Klatschpresse reißt sich um den Tenor, er ist der schillerndste Opern­ star nach Netrebko und Villazón. Aber er ist und bleibt dabei immer: Jonas Kaufmann. Ein Sänger, der die Oberfläche der schönen neuen Opernwelt nutzt, um ein noch größeres Publi­ kum für seine eigentliche Botschaft zu gewin­ nen, die Klugheit, die Tiefe und die Schönheit der Musik.

„Jonas Kaufmann ist ein Apollon  der Oper: klug, erzählerisch  und nachdenklich.“

 änger des Jahres: Jonas Kaufmann. S Sehnsucht (Decca/ Universal Music).

Ensemble/Orchester des Jahres Norddeutscher Figuralchor / Jörg Straube Francis Poulenc: Weltliche Chorwerke MDG — Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

Würdigung des Lebenswerkes Kurt Masur


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Frau DiDonato, wie geht es Ihnen? Wunderbar! Würden Sie denn zugeben, wenn es Ihnen schlecht ginge? Aber natürlich! Warum denn nicht? Weil Sie perfekt darin sind, die Zähne zusammenzubeißen. Sie haben sich immerhin schon einmal ein Bein während der Aufführung gebrochen und trotzdem weitergesungen. Ah, das ist natürlich etwas Anders. Aber vielleicht haben Sie Recht. Nun, wo Sie es sagen, fällt mir ein, dass ich ein echtes Kind des mittleren Westens der USA bin. Ich bin ein Yankee. Und wir Yankees haben eigene Regeln: 1. Vermeide Konflikte. 2. Lächle immer und verbirg dein Leiden. 3. Sei nicht anders als die Anderen. Aber ich glaube, dass mich das Theater inzwischen etwas offener und transparenter gemacht hat. Weil die Bühne das Extrem der Gefühle erwartet? Es könnte etwas damit zu tun haben. Auf der Bühne geht es ja darum, jene Grenzen einzureißen, die eine Gesellschaft vor lauter Konventionen aufbaut. Auf der Bühne geht es immer um

ken. Geht es in der Oper nicht meistens um die ganz alltäglichen Gefühle? Um Liebe und Hass, Eifersucht und Rache? So gesehen ist die Oper vielleicht gar nicht so opernhaft wie wir tun. Und wenn ich mein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen betrachte, meinen Liebeskummer, meinen Mittleren-Westen-Alltag, dann denke ich, dass der Yankee-Teil von mir wahrscheinlich opern­ tauglicher ist. Es ist erstaunlich, wie nahe Sie auf der Bühne an der Psyche ihrer Charaktere kratzen… Vielen Dank für dieses Kompliment. Wenn das wirklich so ist, habe ich erreicht, was ich will! Denn nur darum geht es. Wir Sänger müssen durch Töne in die Seelen der Menschen tauchen. Dort findet meist keine Party mit Diamanten und Champagner statt. Wir schauen in Abgründe, in Seelentiefen, in menschliche und kreatürliche Gefühlswelten. Und diese raue Nacktheit ist für mich das eigentliche Wunder der Oper. Sie rechtfertigt über­ haupt erst, dass wir singen. Es macht nur Sinn zu singen, wenn es um Gefühle geht, die Worte allein nicht ausdrücken können.

Mezzos sind die spannenderen Frauen das Ganze: um die Freude, das Leid, das Leben und den Tod. Und alles steht im Scheinwerferlicht. Eben ganz anders als im mitt­ leren Westen. Haben Sie diese Offenheit der Gefühle auch für Ihr Leben übernommen? Auf jeden Fall gebe ich nicht mehr so viel vor wie sonst. Ich bin freier und ehrlicher geworden und habe in der Oper gelernt, dass offene Gefühle auch offene Ohren finden. Sie führen einen Internetblog unter dem Pseudonym YankeeDiva. Wie passen diese beiden Worte zusammen? In mir schlummern beide Seelen. Auf der einen Seite die harte Arbeit meiner Heimat. Die Regel, dass niemand etwas Beson­ deres ist, dass alles im Team erledigt wird. Meine Mutter hat in einem Interview geantwortet, als sie gefragt wurde, ob sie keine Angst hätte, dass ich abheben würde: „Ach, die kriegen wir schon wieder auf den Boden.“ Das ist die Yankee-Mentalität! Und die Hochglanzoper habe ich erst in Europa kennen gelernt. Plötzlich stiegen der Druck und die Erwartungen. Ich habe an­ gefangen, eine Diva zu sein und diese Rolle zu genießen. Heute liebe ich es, Diva und Yankee gleichzeitig zu sein. Es dauerte ein bisschen, bis man die Balance findet. Aber inzwischen bin ich ganz zufrieden damit. Welches Leben ist denn opernhafter? Das der Diva oder das des Yankee-Girls? Das der Diva natürlich! Obwohl: lassen Sie mich mal nachden­

Dafür stehen wir auf der Bühne. Mit anderen Worten: die Oper ist eine Kunst des Scheins, die wahrer ist als die oberflächliche Wirklichkeit? Das klingt etwas philosophisch, aber ich denke, dass es genau so ist. Erst wenn wir die Masken abnehmen und die natürlichen Grenzen, die wir als Mensch haben als Sänger überschreiten, machen wir wirklich Kunst. Natürlich gibt es viele Leute, die immer noch in die Oper kommen, um sich an der Schönheit zu berauschen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, Türen zu öffnen. Unsere eigenen und die der Zuschauer. Und es ist eine Erfüllung, wenn Leute, die sich unterhalten wollten nachdenk­ lich aus der Vorstellung kommen. Kommt es Ihnen dabei entgegen, dass Sie Mezzosopran sind? Immerhin müssen Sie nicht nur die sterbenden, lieben Frauen singen, sondern sind die dreckigen, verführerischen, aufmüpfigen Weiber. Und ob! Ich möchte um keinen Preis der Welt in ein anderes Fach wechseln. Mezzos sind tatsächlich die interessanten Charaktere: Ariodante sowieso und selbst La Cenerentola ist anders als die Soprane. Ich versuche stets, die Wahrhaftigkeit in den Charakte­ ren zu finden. Denn ich glaube, dass gerade Mezzos die wahren und echten Menschen in der Oper sind. Woran liegt das? Tenöre und Soprane tendieren dazu, übernatürlich schöne Ari­ en singen zu müssen. Sie müssen in künstliche Höhen steigen

Nachwuchs-Künstlerin des Jahres Christiane Karg Verwandlung – Lieder eines Jahres

Nachwuchs-Künstlerin des Jahres Alice Sara Ott Frédéric Chopin: Sämtliche Walzer

Berlin Classics

Deutsche Grammophon/Universal Music


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und zeigen, was sie können. Das macht sie zu Supermännern und Superfrauen. Ungreifbar. Unantastbar. Bei uns ist das anders: wir haben die Stimmhöhe der normalen Menschen. Mez­ zos singen in einem geerdeten, meist unhyste­ rischen Ton. Vielleicht macht sie das so irdisch. … und ein bisschen dreckig? Ich wünsche mir immer ein bisschen Dreck! Übrigens auch in der Stimme. Die Gebrochenheit und das Unfer­ tige sind ja Stilmittel, um Echtheit in der falschen Kunst zu erzeugen. Ich kann Ihnen verraten, dass der mensch­ liche Dreck meist schwieriger zu erzeugen ist als der schillernde Hochglanz. Weil man sich einlassen muss. Weil man sich schmutzig machen muss. In Ariodante gibt es viele Arien, die von vielen Menschen abfällig ein­ geschätzt werden. Aber für mich liegt in der Einfachheit die Kunst. Nur hier habe ich mit der eigenen Stimme die Möglichkeit, dem Charakter eine Farbe zu geben. Das

Das behauptet jedenfalls Joyce DiDonato. Und die Yankee-Sängerin ist selbst der beste Beweis für diese These. ist ein echter Luxus, den Soprane in ihren halsbrecherischen Arien kaum haben. Und vergessen Sie nicht: Wir Mezzos singen auch viele Hosenrollen! Es ist un­ glaublich, was für eine Kraft man da verstrahlen kann. Wir Frauen haben ja sonst nicht die Möglichkeit dazu.  ängerin des jahres: s joyce didonato. colbran, the muse (virgin classics/ emi music)

Nachwuchs-Künstlerin des Jahres Olga Scheps Frédéric Chopin: Klavierwerke

Nachwuchs-Künstler des Jahres Meta4 Joseph Haydn: Streichquartette op.55, 1-3

RCA Red Seal/Sony Music

hänssler CLASSIC


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Schönheit und Schmerz

So klingt das Heute

Purer Wahnsinn

Das Minguet Quartett hat zum ­ersten Mal alle Streichquartette von Peter Ruzicka eingespielt

Gautier Capuçon wirbelt durch die russische Seele

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ür viele ist Klassik die ewige Neu­ deutung des Alten. Beim Minguet Quartett liegt die Sache etwas anders. Klassik ist für die vier Musiker immer auch der Klang unserer Gegenwart. Kaum ein anderes Ensemble kümmert sich so intensiv und be­ geistert um die Kompositionen unserer Zeit. „Gute Musik ist einfach da, und deshalb spie­ len wir sie“, ist die einfache Begründung des Ensembles für die Wahl seines Repertoires. Nachdem eine Uraufführung stattgefunden hat, ist die Partitur von Neuer Musik meist ein Stapel mit stummem Papier. Das Minguet Quartett hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie nachhaltig Klingen zu lassen. Es hat einen Großteil der Werke Wolfgang Rihms aufge­ nommen und nun auch eine weitere Lücke geschlossen. Gemeinsam mit der Sopranistin Mojca Erdmann hat es sämtliche Werke für Streichquartette von Peter Ruzicka aufge­ nommen — als Sprecher sind der Komponist selbst und Christoph Banzer zu hören. Das Minguet Quartett stellt Ruzickas Mu­ sik als traditionsbewussten Klang unserer Zeit vor: zuweilen leichtfüßig schwelgend, manchmal atemberaubend still, aber auch psychologisch zerrissen. Die Musiker legen damit den Grundstein aller weiteren RuzickaDeutungen.

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Kammermusik-Einspielung des Jahres (20./21. Jahrhundert: Minguet Quartett. Peter Ruzicka: Sämtliche Werke für Streichquartett (Neos Music)

enn Sie zwei Wahnsinnige er­ leben wollen, hören wollen, wie das Herz der Musik schlägt und wenn Sie in die Seele Russlands hinabtau­ chen möchten, müssen Sie Valéry Gergiev und Gautier Capuçon hören! Der Dirigent und der Cellist sind Heiligabend in St.Petersburg aufeinander gestoßen. Vor ihnen lag die Par­ titur von Tschaikowskis Rokoko-Variationen, eines der berühmtesten konzertanten Cello­ werke! Der Dirigent, der die russische Seele mit Löffeln gefressen hat und der Cellist, der selbst den bekanntesten Werken des Repertoires frischen Wind einhaucht, wurden zu Hochspannungsmusikern. Es ist selten in der klassischen Musik, dass an einem Abend so viel Energie freigesetzt wird wie in dieser Aufführung, die live mitgeschnitten und auf CD veröffentlicht wurde. Tschaikowskys Komposition, die sich mit dem Stil Mozarts auseinandersetzt, gerät zum Ausbruch purer Emotionen. Nicht minder radikal geht es auf diesem russischen Album bei Prokofievs „Sinfonia concertante“ zu, in der ebenfalls mit unterschiedlichen Stilen und Zeitebenen gespielt wird. So wie zuvor auf seiner CD, in der Gautier Capuçon Antonín Dvorák und Victor Herbert gegenüberstellt hat, gelingt es auch jetzt wieder, das Bekannte mit dem Unbekannten zu paaren. Konzerteinspielung des Jahres (10./21. Jahrhundert): Gautier Capuçon. Tschaikowsky/ Prokofiev: RokokoVariationen, Sinfonia Concertante (Virgin/EMI)

Die Passion Christi hat viele Musiker bewegt. Christina Pluhar holt die Erlösung ins Heute

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ie ist so etwas wie die Mutter der Alten Musik. Wenn Christina Pluhar ruft, sagt niemand „Nein“. Für Star-Countertenor Philippe Jaroussky ist sie eine „Meisterin der Musik“. Und es war keine Frage, dass er alles dafür tun wird, um an ihrem bislang span­ nendsten Projekt teilzunehmen. Selbst auf den leidvollen Kreuzweg ist er seiner Lieblingsdirigentin gefolgt. Herausge­ kommen ist ein innerliches Album rund um die Schönheit und den Schmerz. Auf der CD „Via Crucis“ werden die einzelnen Stationen der biblischen Geschichte er­ zählt. Spannend wird all das, weil Pluhar, eine der engagiertesten Musikforsche­ rinnen der Alten Musik, unterschiedliche Komponisten ausgegraben hat, die diese Themen behandelt haben: Tarquinio Me­ rula, Giovanni Legrenzi und viele andere südeuropäische Barockmeister. Aber selbst das ist natürlich nicht genug, wenn Pluhar ein neues Werk plant. Ihre Art der Interpretation ist so freigeistig, so offen und gerade deshalb so modern, dass es uns vorkommt, als würden wir im Heute durch die Geschichte des Leides und der Erlösung wandeln. Wenn Pluhar ihr Ensemble „L’Arpeggiata“ dirigiert, hört sich die Alte Musik so frisch an, als würde sie bei MTV spielen. All das macht vor allen Dingen Spaß! Klassik ohne Grenzen: Christina Pluhar. L’Arpeggiata: „Via Crucis“ (EMI)

Nachwuchs-Künstler des Jahres Yannick Nézet-Séguin Rotterdam Philharmonic Orchestra: Maurice Ravel

Klassik ohne Grenzen Fauré Quartett Popsongs

EMI Classics

Deutsche Grammophon/Universal Music


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Zuhören! „wir sind geschichtenerzähler“ Nikolaus Harnoncourt hat die historische Aufführungspraxis mitbegründet — hier zieht er Bilanz Sie haben dieHistorische Aufführungspraxis mitbegründet. Hat sie sich gewandelt? Ich glaube, wir waren sehr offen, was das Musizieren betraf. Ich habe allerdings festgestellt, dass schon die zweite Generation dogmatischer wurde. Plötzlich wurden aus den Erkenntnissen der Forschung Regeln aufgestellt, die alle Musiker zu erfüllen hatten. Dabei ist es in der Musik wie überall anders auch: die zweite Gene­ ration liest schon nicht mehr so viele Quellen wie die erste. Es ist ein ganz normaler Vorgang, dass sie sich eher darauf konzentriert, die Erkenntnisse neu zu interpre­ tieren. Dabei wäre es gar nicht wichtig, die Regeln dogmatisch zu erfüllen, sondern zu verstehen, was sie bedeuten. Die alleinige Erfüllung der Regeln kann näm­ lich auch dazu führen, dass man eigentlich alles falsch macht. Was ist denn eine „historische Wahrheit“ überhaupt? Ich glaube, dass ein guter Historiker immer auch ein guter Geschichtenerzähler sein muss. Und dieses Wissen habe ich von Egon Fridell, dessen Ver­ ständnis von Geschichte ich absolut teile. In diesem Sinne wäre die „historische Aufführungspraxis“ als Terminus auch nur unter der Voraussetzung denkbar, dass das „historische“ als offener Begriff verstanden wird. Da kommt auch wieder meine Ureigenschaft des Zweifels zum Tragen. Ich glaube nicht, dass man reale Geschichte erfahren kann. Man erfährt nur, was man darin sieht. Es gibt Kollegen von Ihnen, die noch immer mit dem gebetsmühlenhaften Spruch „Kein Vibrato! Kein Vibrato!“ herumziehen. Das ist doch absoluter Quatsch! Das Vibrato ist so alt wie die Geige — ja, wie die Musik selbst. Es gibt sogar Gedichte über das Vibrato aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Und bei jeder Orgel gibt es ein Register „Vox Humana“, das ein Vibrato von vier Bewe­ gungen pro Sekunde hat. Jede Instrumentenbeschreibung besagt die größtmögliche Annäherung an die menschliche Stimme, und in der ist ein Virbrato natürlich angelegt. Die Frage des Dauervibratos wird immer aktuell bleiben, aber dass man bestimmte Teile auch früher schon mit Vibrato gespielt hat, davon bin ich überzeugt. Auch wenn man weder das eine noch das andere beweisen kann. Grundsätzlich glaube ich, dass man alle Ausdrucksmöglichkeiten nutzen muss — und da spielt es nur eine sekundäre Rolle, ob das früher auch so war oder nicht. Chorwerk-Einspielung des Jahres (18./ 19.Jahrhundert) Nikolaus Harnoncourt / Arnold Schönberg Chor /Concentus Musicus. Joseph Haydn: Die Jahreszeiten (DHM/ Sony Music)

Isabelle Faust und Alexander Melnikov stellen Beethoven auf den Kopf

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s gibt nur wenige Musikstücke, in denen die Geige eine so große und farbenprächtige Bühne bekommt wie in den Sonaten Beethovens. Doch was mag sich Ludwig van Beethoven gedacht haben, als er seine Geigensonaten nicht wie üblich „Sonaten für Violine“ sondern „Sonaten für Klavier und Violine“ nannte? Erstaunlich, dass bislang kaum ein Geiger auf die Idee gekommen ist, den Komponisten beim Wort zu nehmen und sich zu fragen, warum er das Klavier in seiner Titelangabe vor die Geige gestellt hat. Vielleicht hat das etwas mit musikalischer Eitelkeit der Geiger zu tun. Doch Eitelkeit liegt der klugen Isabelle Faust zum Glück fern. Und so ist ihr Beethoven kein Bravourkomponist, durch den sie sich profilieren will, sondern ein Meister der Zwischentöne. Sie nimmt ihn ernst – und das bedeutet, dass sie selbst sich zurücknimmt. En passant stellt sie dabei die Aufnahmegeschichte der Violinsonaten auf den Kopf, in der nor­ malerweise die Geige im Rampenlicht steht und das Klavier zur Beglei­ tung in der zweiten Reihe sitzt. Wir hören Beethovens bekannten Sonaten wie die Früh­ lingssonate und die Kreuzersonate plötzlich mit ganz neuen Ohren. Auf einmal rückt das Dialogische in den Vordergrund. Plötzlich hören wir, dass Beethoven mehr Fragen als Antworten komponiert hat. Zum Beispiel, ob die Instrumente einander auch immer folgen werden. Denn beide haben einen eigenen, sehr dicken Kopf. Wenn Faust das bekannte Frühlingssonaten-Thema anstimmt, hört sich das zögerlicher an als sonst, abwartend, ob der Mann am Klavier ihr bei diesen Läufen auch wirklich folgen wird. Und Alexander Mlenikov lässt seine Mitspielerin tat­ sächlich warten. An seinem Steinway spielt er mit den vielen Überraschungen, die Beethoven in seine Sonaten eingebaut hat und macht klar, dass Stimmungen von einem Takt zum näch­ sten wechseln können, dass Geige und Klavier zwei gleichberechtigte In­ dividuen sind und nur gemeinsam ins Ziel kommen können. Kammermusik-Einspielung des Jahres (19. Jahrhundert) Isabelle Faust / Alexander Melnikov. Beethoven: Sonaten für Klavier und Violine (harmonia mundi)

Klassik ohne Grenzen Christina Pluhar / L’Arpeggiata Via Crucis

Klassik ohne Grenzen Selmer Saxharmonic / Milan Turkovi´c Flying Saxophone Circus

Virgin Classics/EMI Music

MDG – Musikproduktion Dabringhaus und Grimm


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etmold. Der Ort ist, nun ja, mittelmäßig schillernd. Detmold ist nicht Berlin … auch nicht Köln und schon gar nicht München. Detmold, das ist Ruhe statt Hektik, Ernsthaftigkeit statt Glamour. Und trotzdem ist ausgerechnet Detmold die heimliche Hochburg der Klassik. Zugegeben, der Musik-JetSet verkehrt hier nur selten. Und trotzdem wären Anna Netrebko, Lang Lang und David Garret ohne Detmold Klassik-Könige ohne Land. Denn in Detmold wird die Grundlage des Klassikmarktes gelegt. Hier werden junge Musiker, unbekannte Komponisten und neue Interpretationen gefördert. Hier wird am Ideal der Interpretation und des Klanges getüftelt. Hier hat MDG, eines der großen unabhängigen Klassiklabels, seinen Sitz. Jährlich veröffentlicht MDG rund 60 CDs, mehr als manche der sogenannten „Major Labels“. Ohne Detmold und MDG würde die Klassikwelt bald nur aus „Traviatas“ und „Carmens“, aus Beethovens großen Sinfonien, aus Hochglanzdiven und Piano-Pandas bestehen. Ohne Detmold wäre die Klassik längst Pop — und hätte wahrscheinlich einen großen Teil ihres Herzens verloren. MDG steht für „Musikproduktion Dabringhaus und Grimm“. Es ist kein Zufall, dass Werner Dabringhaus und Reimund Grimm sich ausgerechnet in Ostwestfalen niedergelassen haben. Sie haben hier das Tonmeisterhandwerk studiert, wurden zu Musikkennern ausgebildet und haben sich irgendwann gedacht, dass die Klassik eine Nische braucht, in der Qualität Primat ist. Einen Raum für utopische Projekte, spannende Ausgrabungen, idealen Klang und Stars, die nicht nur glänzen, sondern auch strahlen wollen. Deshalb kommen aus Detmold CDs, die Abenteuer versprechen: Kammermusik von Rossini mit dem Ma’alot Quintett, sämtliche Klavierwerke von Schönberg auf Originalinstrumenten mit Hardy Rittner, die Weltersteinspielung der Cellokonzerte von Jean-Louis Duport durch Peter  Hörr, Haydn mit dem Wiener Klaviertrio, Cembalo-Stücke von Wilhelm Friedemann Bach mit Siegbert  Rampe oder Chorwerke von Francis Poulenc mit dem Norddeutschen Figuralchor. Jede Aufnahme ist ein Abenteuer. Für Musik-Profis sowieso, aber durch die umfangreichen Booklets auch für Klassik-Laien. Sie versprechen Entdeckungen und sind Wagnisse, die unabhängig von Klassik-Moden eingegangen werden. Das Schönste an der Detmolder Klassikwerkstatt ist, dass sie seit Jahrzehnten funktioniert, dass sie (auch wenn sie kaum in der „Bunten“, in „BILD“ und „Focus“ vorkommt, sondern in „Fono-Forum“, „Crescendo“, in „Le Monde de la Musique“ oder „Zeit“) längst zum Fundament des Klassikmarktes geworden ist, dass Labels wie MDG die Vielfalt und das Abenteuer der Musik in einer Zeit aufrecht halten, in der sich der Markt auf immer weniger Künstler und Komponisten reduziert. In Detmold wohnen die ehrlichen Arbeiter im Weinberg der Klassik. Das merken auch die Künstler, die hier etwas finden, das bei einigen großen Labels kaum noch existiert: künstlerischen Dialog, Debatten über Qualität und eine Auseinandersetzung mit neuem Repertoire. „Es ist inzwischen ja so, dass viele Musiker verstehen, dass ihre Kunst ohne Gespräche sinnlos ist“, sagt Werner

Im Weinberg der Klassik

Sinfonische Einspielung des Jahres Cappella Coloniensis / Bruno Weil Joseph Haydn: Londoner Sinfonien 93, 95, 96 Ars Produktion

Sinfonische Einspielung des Jahres Anima Eterna Brugge / Jos van Immerseel Hector Berlioz: Symphonie Fantastique Zig-Zag Territoires


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Sinfonische Einspielung des Jahres Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Rundfunkchor Berlin / Marek Janowski Hans Werner Henze: Sinfonie Nr. 9 WERGO

Siegbert Rampe

Konzerteinspielung des Jahres Christian Zacharias W.A. Mozart: Klavierkonzerte Vol. 5 MDG — Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

´ milan turkoViC

peter hörr

Dabringhaus . Tatsächlich sind viele Klassik-Karrieren heute größer aber auch kürzer als früher. Zum Teil behandeln Manager ihre Stars wie Hedgefonds: möglichst große Rendite in möglichst kurzer Zeit. „Das haben wir nie so gehalten“, sagt Dabringhaus, „und das werden wir auch in Zukunft nicht tun. Denn Klassik bedeutet immer auch Kontinuität. Die Entwicklung eines Künstlers, die Ausgrabung eines alten Stückes oder die Arbeit an einem möglichst perfekten Klang, braucht Zeit.“ Und davon gibt’s in Detmold genug! MDGs Geheimnis ist, dass es sich mit seinen Künstlern entwickelt. Es gibt viele Klavierspieler auf dem Klassikmarkt, aber nur einen Hardy Rittner. Er ist ein Freak, einer der sich mit historischen Instrumenten auseinandersetzt, der Handschriften studiert und geschichtliche Details erforscht, bevor er ein Werk aufnimmt. Letztes Jahr hat er für MDG den ECHO als Nachwuchskünstler gewonnen, dieses Jahr sorgte seine Einspielung von Schönbergs Klavierwerken für Furore. Eine Trouvaille für jeden Musikwissenschaftler und eine Referenzaufnahme für jeden Hochglanzpianisten, dem Chopin auf Dauer zu langweilig ist. So ernsthaft in Detmold an der Klassik gearbeitet wird, so gern reißt man hier auch Grenzen ein. Denn auch in Detmold darf Musik Spaß machen. Es hat neun Monate gedauert, bis die 12 genialen Saxophonisten von Selmer Saxharmonic Zeit hatten, um gemeinsam mit Milan Turkovi c´ Werke von Dvorak, Milhaud und anderen Komponisten aufzunehmen — belohnt werden sie mit dem ECHO für „Klassik ohne Grenzen“. CDs wie diese könnten mit einigem Werbeaufwand locker in die Klassikcharts kommen, und wenn Cecilia Bartoli dafür gelobt wird, dass sie vergessene Komponisten ausgräbt, können die Leute von MDG nur lächeln — jede ihrer CDs ist eine Entdeckung! „Es ist wichtig für uns, dass wir unbekannte Komponisten oder bekannte Werke nicht einfach nur so auf den Markt bringen“, sagt Dabringhaus, „es gehört zu unserer Philosophie, gerade bei außerordentlichem Repertoire auch außerordentliche Künstler zu finden. Denn wenn man einen vergessenen Komponisten vorstellt, muss man die bestmögliche Interpretation seiner Werke zeigen. Sonst versinkt er noch tiefer in der Vergessenheit.“ Und so wird das Klassiklabor Detmold inzwischen auch für die großen Stars interessant. Christian Zacharias ist ohne Frage einer der brillantesten und klügsten Pianisten unserer Zeit. Ihm geht es weniger um den Starkult, als um die Qualität seiner Aufnahmen. Das hat er letztes Jahr mit seiner Surround-Einspielung des Jahres unter Beweis gestellt und das zeigt er dieses Jahr mit seinen Mozart-Klavierkonzerten, die so transparent, so spielfreudig und gleichzeitig so ernsthaft daherkommen wie bei keinem anderen Gegenwartsmusiker. In Detmold fehlt das Geld, um all die Produktionen breit zu bewerben. Man steckt es lieber in die Arbeit an der Musik. „Uns ist es Recht, dass unsere CDs Geheimtipps sind“, sagt Dabringhaus, „es kam schon vor, dass wir so erfolgreich mit unserem Programm waren, dass große Firmen unser Repertoire übernommen und anschließend verpfuscht haben. Da machen wir unsere Sache lieber selbst und wissen, was wir haben.“ Tatsächlich lohnt es sich, beim nächsten CD-Kauf, einmal neben dem Aufsteller mit den Klassik-Hits zu suchen. In einer CD aus Detmold steckt häufig mehr Musik als in den Top-Sellern. Auf jeden Fall verspricht sie neue Einblicke in das Fundament unserer Musikkultur.

hardy rittner

Die größten Entdeckungen der Musik werden kaum beworben. Man muss sie selber finden. Das Label MDG ist ein Garant für Ohren­abenteuer.


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Das Wir in ihr Angelika Kirchschlager ist eine Meisterin der Selbstverständlichkeit. Keine singt so normal wie sie, wenn sie Kunst macht

S

o hört sich Sinnlichkeit an! ,So klingen Kunstlieder, wenn sie mitten aus dem Leben kommen, aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf. So menschlich wie bei Angelika Kirschlager, so natürlich, unverstellt und offenherzig liegt die Seele in der Klassik selten blank. Diese Frau ist ein Phänomen: Operette klingt bei ihr existenziell, Oper lebendig und das Lied unverschämt selbstverständlich. Diese Frau zelebriert nicht, sie hebt nichts auf den Olymp, sondern sucht bei Lehár, Mahler und Schumann so lange, bis sie zum Menschen vorgestoßen ist, zu jenen Gefühlen, die alle kennen — und die jeder für sich als zutiefst intim empfindet. Kirchschlager findet in der Kunst das Allgemeingültige, das wir normalerweise für individuell halten. Liebe, Sehnsucht, Freude und selbst der Tod klingen bei ihr nicht nach Opernbühne, sondern nach Frühstückstisch, so alltäglich und normal wie ein Nutellabrot. Wenn sich all das nun so anhört, als würde die Mezzo-Sopranistin keine Kunst machen, ist das natürlich ein Irrglaube. Im Gegenteil: die Normalität ist eine der höchsten Künste. Wie viel Mühe muss es machen, das Intellektuelle, das Hochgeistige, das Verdrehte und Verquere, das Schwere und Komplizierte so selbstverständlich klin­ gen zu lassen? Welche Schwerstarbeit muss es sein, Schumanns „Frauenliebe“, seine „Widmung“ oder sein „Erstes Grün“ derart tief in sich aufzunehmen, zu verarbeiten und auszusingen, dass sich jeder berührt fühlt? Angelika Kirschlager scheint ein Mensch zu sein, der gar nicht anders kann als die Dinge sinnlich zu erleben und sie ebenso sinnlich auszudrücken, wenn sie singt. Jedes ihrer Lieder lässt das Wir in ihr erklingen. Vielleicht hat diese fast einmalige Kunst etwas damit zu tun, dass ihre wahre Heimat die Opernbühne ist, dass sie jedes Kunstlied zu einer Mini-Oper verwandelt, zu einem dramatischen Werk, in dem sie sich in jede Perspektive der Erzählung hineindenkt, um so ein möglichst großes Spektrum von Farben zu benutzen. In ihren Liedern entsteht ein sanftes Panoptikum, in dem selten Schuld, immer aber Vergebung und Liebe mitschwingen. Vielleicht aber hat ihre Interpretation auch etwas damit zu tun, dass Angelika Kirch­ schlager einfach nur ein Mensch ist und, anders als viele Sänge­ rinnen, gar keine Künstlerin sein will, dass Musik für sie an sich eine Selbstverständlichkeit des Ausdruckes ist und ihre samtene Stim­ me ein Geschenk Gottes, um die Sinnlichkeit in die Welt zu singen. Ihre Schumann-Lieder, diese hochgeistigen Auseinandersetzungen mit der menschlichen Sehnsucht, zeigen einmal mehr, dass Kunst zwar auch von Können kommt, dass ihre wahre Grundlage aber das Allgemeingültige ist, die Feier des zutiefst Menschlichen. Und genau davon erzählt Angelika Kirchschlager, wenn sie den Mund aufmacht: von der profanen Kunst zu leben. Liedeinspielung des Jahres. Angelika Kirchschlager. Robert Schumann: Lieder (Sony Classical)

Konzerteinspielung des Jahres Nils Mönkemeyer / Dresdner Kapellsolisten / Helmut Branny Weichet nur, betrübte Schatten Sony Classical

Konzerteinspielung des Jahres Peter Hörr Jean-Louis Duport: Cellokonzerte 4 – 6 MDG — Musikproduktion Dabringhaus und Grimm


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Ganz schön klug Olga Scheps ist der Shooting-Star der Klassik. Am Klavier will sie nicht gut aussehen, sondern gut klingen

1986 saß eine junge Russin in einem Konzertsaal in Moskau und lauschte dem Konzert des Kla­ vier-Genies Vladimir Horowitz. Er spielte eine Polonaise von Chopin. Die Frau war begeistert und hochschwanger. Inzwischen sitzt ihre Tochter auf den Konzertpodien der Welt und spielt jene Polonaise, die sie bereits in Utero gehört hat. Ihr Name: Olga Scheps. Die junge Pianistin wurde in Russland geboren, ist in Deutschland aufgewachsen und studierte bis vor Kurzem noch an der Musikhochschule in Köln. „Bis heute liebe ich das russische Essen und die russische Kultur“, sagt sie, „aber zu Hause fühle ich mich in Deutschland.“ Der Flügel stand im Zentrum von Olgas Kindheit. Sie hat Klavier gelernt wie das Sprechen und das Laufen. „Aber meine Eltern haben die Musik nie mit Zwang verbunden, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Denn nur so kann die Kunst sich wirklich entfalten.“ Mit acht Jahren stand Olga zum ersten Mal auf der Bühne, dann gewann sie den Wettbewerb „Jugend musiziert“ und bekam sofort erste Konzerteinladungen. Seither konzertiert sie in der ganzen Welt. Olga Scheps ist eine Pianistin ihrer Zeit: ohne Scheuklappen, offen und klug. In ihrer Freizeit sam­ melt sie rohe Edelsteine, hört R&B und Hip-Hop, geht gern ins Kino, gesteht aber auch: „Ohne Klassik kann ich nicht leben.“ Selten ist ein junger Klassik-Star so durchdacht und so schön wie sie. Letzteres handhabt sie allerdings eher lässig: „Es macht Spaß, wenn wir schöne Bilder für die Cover machen, aber sobald ich am Klavier sitze, kann ich nicht mehr gut aussehen. Dann geht es plötzlich um die Innerlichkeit und nicht um den Schein.“  achwuchs-Künstler des Jahres (Klavier) Olga Scheps. N Frédéric Chopin: Klavierwerke (RCS Red Seal/ Sony Music)

Hier erklärt Olga Scheps, warum Chopin so tief und sanft ist

In der klassischen Musik kom­ men alle Gefühle vor, die ein Mensch haben kann, Trauer, Leidenschaft und Freude. Jeder Mensch, der Gefühle hat, wird diese Musik verste­ hen! Und Chopin berührt uns ganz besonders. Er hat sehr menschlich komponiert, so, dass man seine Stücke auch singen könnte. Seine Werke atmen, holen Luft und sind sehr körperlich. Sie vibrieren und beben. Wahrscheinlich hat all das mit seiner Begeis­ terung für die Oper zu tun. Sie klingt auch in seinen Kla­ vierstücken mit. Manchmal kommt es mir vor, als könnte man die Menschen mit seinen Kompositionen wirklich „an­ sprechen“.

Es wäre allerdings ein Irrtum, zu glauben, dass Chopin we­ niger streng war als Mozart oder Beethoven. Man darf sich nicht von seinen schönen Melodien mitreißen lassen und ihn nicht als formlosen Komponisten missverstehen, nur weil er ein Romantiker war. Die Gefahr ist, dass man bei ihm ein bisschen weg­ rutscht, aber wenn man sich etwas mit seinen Werken be­ schäftigt, lernt man ihn und seine Musik schnell kennen. Chopin hatte ein schwieriges Leben und viele unglückliche Leibesgeschichten. Aber er hat die Tiefs so unglaublich offen und intim verarbeitet. Ich kann mir vorstellen, dass diese traurigen Teile, die zum

Mein Chopin

Leben eines jeden Menschen gehören, uns heute anspre­ chen. Mir gefällt, dass Chopin, trotz seiner vielen Probleme ein Ästhet war — sowohl in seinem Auftreten als auch in seinen Kompositionen. Er war ein durch und durch schön­ geistiger Mensch. Aber seine wahre Schönheit ist nicht äußerlich, sondern zutiefst innerlich. Mir gefällt beson­ ders seinen leiser Ton, seine Harmonien sind so genial komponiert, dass sie auch ohne Kraftanstrengung dem Zuhörer auf dem letzten Sitz unter die Haut gehen. Man braucht, glaube ich, weiche, zarte Hände, um seine Musik zum Schwingen zu bringen.

Konzerteinspielung des Jahres Arabella Steinbacher A. Dvorak/K. Szymanowski: Violinkonzert Op.53/ Romanze/Violinkonzert Op.35

Konzerteinspielung des Jahres Gautier Capuçon Tschaikowsky/Prokofiev: Rokoko-Variationen, Sinfonia Concertante

PentaTone Classics

Virgin Classics/EMI Music


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Geigen ist zickig

Max Bach und Johann Reger Tabea Zimmermann verschachtelt die Musikgeschichte — mit grandiosem Erfolg

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ie Ohren sind verblüfft. Der Stimmungsumschwung von einer Suite zur nächsten, die Kraft und Energie auf der einen Seite, die innere Erregung und dann, ganz plötzlich, eine nahezu altersweise Gelassenheit, das Vertrauen in die Form, das Zurücklehnen ins reine Denken. Die Vi­ olinistin Tabea Zimmermann experimentiert gern. In ihrem neuen Experiment hat sie kurzerhand die Epochen der Musikgeschichte ineinander verschachtelt. Dafür hat sie sich Max Regers 1915, kurz vor seinem Tod komponierten Suiten vorgenommen und die CelloSuiten von Johann Sebastian Bach. Zimmermann spielt die Werke nicht nacheinander, sondern wechselt nach den einzelnen Suiten die Zeit, die Stimmung und das Genre. Plötzlich öffnen sich unsere Ohren. Im Vordergrund steht das Instrument von Tabea Zimmermann, der sonore, tiefe Klang der Bratsche. Während Regers Suiten original für die Viola komponiert wurden (und zu jeder Aufnahme­ prüfung von Bratschern gehören), hat Bach seine Suiten für Cello komponiert. Zimmermann spielt beide Stücke mit der gleichen Selbstverständlichkeit und nutzt sie als Beweis der Klangvielfalt ihres Instrumentes. Während sie bei Reger bewusst „schrammelt“, kratzt und ächtzt, scheinen die Bach-Stücke an die Tradition der musikalischen Form zu erinnern. Es wird sofort klar, dass die mo­ derne Musik Regers nicht ohne die Strukturen des Barocks möglich waren. Der Trick dieses außergewöhnlichen Albums besteht darin, dass Zimmermann die Zeit in ihrer Interpretation offensichtlich aus­ hebelt, zunächst keinen Unterschied zwischen Reger und Bach macht. Erst so bilden sie eine gemeinsame Form, die sich über die Musikgeschichte legt und die zwei Stücke als ein Werk unserer Gegenwart im Raum stehen lässt.

Es gibt Instrumente, die im Schatten spielen. Nils Mönkemeyer hat seines ins Rampenlicht gestellt: die Bratsche. Über den großen Bruder der Geige gab es bislang nur Witze. Mönkemeyer hat der Viola den Ernst zurückgegeben. In seinem Album „Weichet nur, betrübte Schatten“, das mit dem ECHO ausgezeichnet wird, hat er Bratschenmusik vom Barock bis zur Klassik ausgegraben: Johann Sebastian Bach, die Weltersteinspielung eines Konzertes des böh­ mischen Komponisten Antonio Rosetti und eines Werkes von Anton Hoffmeister.

Wulf Schmiese vom ZDF-Morgenmagazin fragt Nils Mönkemeyer Herr Mönkemeyer, die Bratsche ist ja die klobige Schwester der Geige — was ist das Schöne an der Bratsche? Na ja, alles, allein wie sie aussieht. Man hat ja gern was in der Hand. Aber im Vordergrund steht der Klang, er ist erdig, warm und einfach wunderschön. Ich persönlich finde die Geige zickig. Sagt man eigentlich Bratschist oder Bratscher? Die Frage werde ich nie beantworten könne. Ich persönlich sage Bratschist. Man könnte auch Violist sagen — aber das finde ich ein bisschen aufgesetzt. Hören Sie privat eigentlich auch nur Klassik? Ehrlich gesagt: weniger. Wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin, freue ich mich, wenn ich am Ende eines Tages ein bisschen Pop hören kann und hopse in meiner Wohnung zu Madonna rum. Konzerteinspielung des Jahres (Musik bis 18.Jahrhundert) Nils Mönkemeyer/ Dresdener Kapellsolisten/ Helmut Branny. Weichet nur, betrübte Schatten (Sony Classical)

Instrumentalistin des Jahres (Viola) Tabea Zimmermann. M.Reger / J.S. Bach: Suiten für Viola (Myrios Classics)

Konzerteinspielung des Jahres Janine Jansen Beethoven & Britten: Violin Concertos

Konzerteinspielung des Jahres Evgeny Kissin Sergej Prokofiev: Klavierkonzerte 2 & 3

Decca/Universal Music

EMI Classics


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klassisch „Klassische Musik ist schon immer die Basis für alles was ich tue“, sagt David Garrett

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rockig

virtuos

er Mann ist ein Wunder! Kein Musiker ist so erfolgreich wie er. Keiner hat so viele Kritiker. Und keiner ignoriert sie so charmant. Keiner verbindet Generationen wie er. David Garrett ist der Superstar der Klassik. Wer über den Erfolg des Virtuosen rätselt, sollte wissen, dass Garrett schon ein Wunderkind war. Sein Mentor und Lehrer Itzhak Perlman hat ihn in die Tiefen der Klassik geführt. Garrett kennt sich aus in der Welt der Musik und fordert sie heraus. Mozart und Bach sind ihm heilig - aber sie sind nicht unantastbar. Deshalb arrangiert er die Meisterwerke der Klassik neu, bricht mit Konventionen und spannt den Bogen zwischen Pop und Klassik. Garrett schafft es wie kein anderer sowohl die größten Hallen mit seinen Crossover-Programmen als auch bedeutende Kulturhäuser mit klassischem Repertoire zu füllen. David Garrett wirbt für seine Musik und für seine Kunst. Er taucht im US-Magazin „Rolling Stone“ ebenso auf wie in den großen deutschen Fernsehshows. Er ist der Star unter den Geigern. Bei seinem ausverkauften Konzert in der Berliner Kindl-Bühne Wuhlheide bringt er die Perfektion seines Schaffens zur Vollendung und verbindet große Melodien der Klassik mit Klassikern der Rockmusik. Das komplette Open-Air-Konzert inklusive bisher unveröffentlichtem Bonusmaterial ist gerade auf der DVD „David Garrett — Rock Symphonies — Open Air Live“ erschienen.

„Die Paganinis, Liszts und Chopins des 19. Jahrhunderts waren in meinen Augen die ersten Rockstars der Welt.“ „Ich habe den Anspruch, dass die Crossover-Stücke, die ich arrangiere, auf einem mindestens ebenso hohen Niveau sind wie die klassischen Werke.“ „Die Klassik ist meine Herzensangelegenheit und ich bin sehr glücklich, dass meine Botschaft von den Menschen verstanden wird.“ Bestseller des Jahres: David Garrett, Classic Romance (DEAG Classics)

Operneinspielung des Jahres Juan-Diego Flórez Christoph Willibald Gluck: Orphée et Eurydice

Operneinspielung des Jahres Philharmonie Festiva / Gerd Schaller Carl Goldmark: Merlin

Decca/Universal Music

Profil Edition Günter Hänssler


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Sie feiert die Schönheit der KastratenStimmen und zeigt das Grauen der Oper. Mal wieder behauptet sich Cecilia Bartoli als Grenzgängerin Frau Bartoli, welchen Preis sind wir bereit, für Schönheit zu zahlen? Der Mensch ist ein grausames Monster, wenn es um Schönheit geht. Wir opfern unsere Moral, unsere Körper und unsere Seelen. Wir flirten mit der Hölle, um dem Himmel ein bisschen näher zu sein. Nehmen Sie das 18. Jahrhundert: Jedes Jahr wurden über 4000 Jungen aus den Armenvierteln in Süditalien kastriert. Ein schmerzhafter Prozess. Die Hoden werden entfernt, die Männlichkeit geraubt, oft mit fatalen Folgen: geringes Wachstum des Kehlkopfes, Muskelschwäche, Impotenz und mangelndes sexuelles Verlangen. Und wofür? Nur, um am Ende zwei gottgleiche Sänger zu haben: die Kastraten Farinelli und Caffarelli, die mit ihren Stimmen die Welt in Trance ver­ setzt haben. Auch die Klassik kann grauenhaft sein. Für uns klingt das heute sehr bestialisch. Und was war mit Michael Jackson? Hat er seinen Körper nicht ebenfalls für die Kunst geopfert? Seine Nase, sein Kinn, seine Hautfarbe, seine Stimme. Alles! Machen wir uns doch nichts vor. Die Menschen lieben das Monster. Und wir überschreiten noch immer die Grenzen des Menschlichen für die Kunst. Wir spielen Jekyll und Hyde. Auch im Fall von Michael

Operneinspielung des Jahres Münchener Rundfunkorchester / Ulf Schirmer Karl Amadeus Hartmann: Des Simplicius Simplicissimus Jugend BR-Klassik

Jackson ist ein einmaliger Künstler herausgekommen, der seine Mitmenschen fasziniert hat. Ein Zwitter, bei dem man nicht mehr zwischen schwarz oder weiß und Mann oder Frau unterscheiden konnte. Für mich war er die Fortführung des Kastratentums im 21. Jahrhundert. Wir Menschen haben uns seit der Antike nicht wesentlich verändert: Wir sind süchtig nach dem schönen Schauder, der Übermenschlichkeit. Und wir sind bereit, dafür unend­ liche Opfer zu bringen. Was treibt uns zu diesen Opfern? Warum verstümmeln wir uns? Für die Kunst? Früher war es die Armut. Die Eltern hofften, dass ihre Jungen eine 12- oder 13-köpfige Familien ernähren kön­ nen. Es ging nicht um die Kunst, sondern um das pure Überleben. Und vielleicht um die Hoffnung, aufzustei­ gen. Übrigens ist das ebenfalls eine Parallele zu Michael Jackson. Hat sein Vater ihn nicht auf heißen Herdplatten tanzen lassen? Wollte der Jackson-Clan nicht ebenfalls aufsteigen — mit allen Mitteln? Und denken Sie an all die Models, die ihren Körper freiwillig für den Laufsteg abma­ gern. Es gibt keine Grenze, wenn es um Schönheit geht. Das ist bestialisch. Auf der anderen Seite würde uns ohne Kastraten die wunderschöne Musik fehlen, ohne Michael Jackson der Moonwalk… Aber ist ihre Kunst diese Opfer wert? Mit Moral kommen wir nicht weiter. Was in der Kunst passiert, ist unglaublich unmoralisch. Sie kennt keine Grenzen. Und das ist umso schlimmer, weil die Ergebnisse perverserweise unendlich schön sind! Müssen wir Angst vor uns selbst haben? Natürlich — täglich. Immer wieder werden uns die Fragen nach den Grenzen gestellt: In der Gentechnik, in der For­ schung, in der Politik — und natürlich auch in der Kunst. Und wir sind bereit, die Grenzen ständig zu erweitern. Beruhigend ist, dass wir letztlich nur Teil eines Kreislaufes sind. Irgendwann werden wir alle sterben. Umso wichtiger ist es für mich, dass wir über diese Themen sprechen und nicht nur sagen: „Tolle Musik!“, sondern auch den Preis se­ hen, den so viele Kinder dafür bezahlt haben. Es gibt viele Countertenöre, die Kastraten-Arien singen und sagen: „Ist das nicht schön?“ Ja, das ist es! Aber es ist wichtig, das nicht so stehen zu lassen. Und dafür brauchen wir ausgerechnet eine Sängerin? Eine Frau? Vielleicht. Wer sonst sollte diese Männerstimmen in Frage stellen als eine Frau mit — verzeihen Sie den Ausdruck — Eiern? Operneinspielung des Jahres (Opernarien) Cecilia Bartoli. Sacrificium (DECCA/ Universal Music)

Operneinspielung des Jahres Cecilia Bartoli Sacrificium Decca/Universal Music


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Ein neuer Hut aus alter Zeit Paavo Järvi ist einer der spannendsten Dirigenten unserer Zeit — mit der Kammerphilharmonie Bremen hat er einen Beethoven für die Ewigkeit aufgenommen

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Das Ohr an der Nase führen Das Huelgas Ensemble und Paul van Nevel suchen in den Archiven der Musik nach neuen Klängen

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ngefangen hat das Huelgas Ensemble, das Paul van Ne­ vel in der Schola Cantorum Basiliensis gegründet hat, mit Neuer Musik. Stets ging es um die Frage, welche Formen und Klänge das Ohr irritieren können. Doch schnell ent­ deckte der Chor, dass auch ein Großteil der Musik des Mittelalters und der Renaissance „Uraufführungen“ sein können, verschollene, bislang ungehörte Werke, die von einem Ensemble in unserer Zeit zum ersten Mal belebt werden. Und so begannen die Musiker, das Neue im Alten zu suchen. Die Fragestellung war: Wo wurden Formen gesprengt, wo wurde unser Ohr an der Nase herumgeführt? Nun ist das Huelagas-Ensemble auf Michelangelo Rossi gestoßen, den italienischen Madrigalenkomponisten (1601-1656). Er ist nicht so bekannt wie seine Vorgänger Gesualdo oder Sigismondo. Dabei ist er weitaus revolutionärer gewesen. In seinen Madrigalen wechseln hypnotisch langsame Passagen regelmäßig mit schnelleren Teilen ab, die noch im kontrapunktischen Stil geschrieben sind. Mehr noch als Gesualdo greift Rossi zu überraschenden, unerklärlichen Melodie­ wendungen und Akkordverbindungen, die in der damaligen Zeit völlig unüblich waren. Auch in der Wahl der Tonarten und der Akkordfolgen beschreitet er extreme Wege. Aber weder die Chromatik noch die über­ raschenden Melodiefolgen und abrupten Tempowechsel dienen einer puren Effekthascherei, sondern alleine dem musikalischen Ausdruck der zugrunde liegenden Texte. Man hört dem Huelgas-Ensemble und seinem Dirigenten Paul van Nevel an, dass diese Trouvaille nicht ausgegraben wurde, um die Hörer beiläufig zu unterhalten. Ganz im Sinne Rossis legen sie es in ihrer Interpretation darauf an zu schockieren, zu irritieren, zu berühren. Selten war Renaissance- Musik so modern wie auf der CD „La Poesia Cromatica“, die ein Beweis dafür ist, dass es schon im 17.Jahrhundert eine emotionale Moderne gab, die unserer in nichts nachstand.

eethoven ist ein alter Hut! Jeder hat seine Sinfonien diri­ giert: Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und Sir Simon Rattle. Was soll da noch kommen? Die Kammerphil­ harmonie Bremen und ihr Dirigent Paavo Järvi! Man muss sich das einmal vorstellen: dieses selbstverwaltete Orchester probt in den Räumen einer Bremer Problemschule. Die Musiker geben nebenbei Musikkurse, kümmern sich um Integration und halten Anteile an ihrem eigenen Ensemble. Vielleicht sind das die besten Voraussetzungen, dem alten Meister noch einmal ganz anders zu begegnen. Denn das, was Beethoven wirklich klassisch macht, ist, dass er jeder Zeit etwas Neues zu sagen hat. Beetho­ ven war nach den Kompo­ nisten der Wiener Klassik der erste, der die Konventionen der Musik gesprengt hat, der größer, länger, unhar­ monischer komponiert hat als Haydn und Mozart es wagten. Man könnte auch sagen: Beethoven war ein Revolutionär, der die Denk­ muster seiner Zeit gesprengt hat. Und genau das tut Paavo Järvi nun auch mit seiner Kammerphilharmonie. Sel­ ten hat man die Sinfonien mit einer derartigen Wucht gehört, mit einer so außerordentlichen Kraft — und gleichzeitig scheint es den Musikern zu gelingen, das Ausufernde der Kompositionen in einen gedanklichen Rahmen zu bringen. Denn letztlich ist das die größte Schwierigkeit, die Musiker mit diesem Komponisten haben: den klanglichen Ideenreichtum, die scheppernde Naturgewalt und das ausufernde, weltumspannende Menschenbild unter einen Hut zu bekommen. Der Hut der Kammerphilharmonie ist zutiefst modern. Järvis Beethoven ist eine Mahnung an den Humanismus, der aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart schwappt. Ein Klangkosmos, der unser Heute repräsentiert und gerade deshalb ein Dokument über unsere Zeit für die Zukunft ist, wie die Beethoven-Einspielungen von Furtwängler und Karajan über ihre Ära.

Chorwerk-Einspielung des Jahres. Huelgas-Ensemble/ Paul van Nevel. Michelangelo Rossi: La Poesia Cromatica (DHM/ Sony Music)

Dirigent des Jahres. Paavo Järvi. L.V.Beethoven: Sinfonien 2&6 „Pastorale“ (Sony Classical)

Operneinspielung des Jahres Vivica Genaux Antonio Vivaldi: Opera Arias – Pyrotechnics

Operneinspielung des Jahres Bryn Terfel Bad Boys

Virgin Classics/EMI Music

Deutsche Grammophon/Universal Music


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Besser als Radio Endlich kann man die historischen Aufnahmen des Bayerischen Rundfunks nachhören – und gemeinsam mit dem Symphonieorchester in die Zukunft gehen

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as Radio hat einen Geburtsfehler: alles versendet lich wird deutlich, dass der Klang eines Ensembles sich nicht sich. Man schaltet es ein, im Auto, beim Bügeln, nur in seiner Geschichte entwickelt, sondern auch durch sein oder zufällig im Ohrensessel, hört zu und hat kei­ aktuelles Repertoire. ne Chance zum Nachhören. Dieser Geburtsfehler BR-Klassik hat gerade erst angefangen, einen eigenen Ka­ ist um so bedauerlicher, wenn ein Radiosender sich exquisite talog aufzubauen. Es wird spannend sein, nachzuhorchen, Klangkörper leistet, deren Einspielungen seit Jahrzehnten den woher das Orchester kommt und wohin es geht, Aufnahmen Soundtrack unseres Landes widerspiegeln. Der Bayerische aus der Vergangenheit mit Einspielungen unserer Zeit zu ver­ Rundfunk ist so ein Sender. In den letzten 60 Jahren wurde gleichen. Durch das neue Label wird der Weg des Orchesters sein Symphonieorchester von Meistern wie Eugen Jochum, zu einem akustischen Abenteuer, das jeder für sich immer Rafael Kubelik, Kyrill Kondraschin, Sir Collin Davis, Lorin dann aufschlagen kann, wenn er gerade Zeit hat. Auch, wenn Maazel und Mariss Jansons geleitet. Sie haben zahlreiche das Radio mal keine Klassik sendet. Konzerte gegeben, von denen die meisten übertragen wur­ den – und dann im Archiv des Senders verschwanden. Damit ist nun Schluss: Mit BR-Klassik ist ein Label entstanden, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schätze der Vergangenheit zu heben und die Entwicklung des Orchesters zu begleiten. Musik zum Nach- statt zum Mithören! Plötzlich wird Musik zu einem Abenteuer der Historie. In ihrer Jubiläumsbox hat BR-Klassik alle Dirigenten auf den Markt gebracht und Romantische unter Beweis gestellt, dass das Sympho­ Wucht Oper modern nieorchester des Bayerischen Rundfunks Klassik-Geschichte geschrieben hat. Der Mariss Jansons Ulf Schirmer entdeckt Blick ins Archiv und die Neuentdeckung dirigiert Bruckner Hartmann des Alten ist aber nur ein Teil. Ebenso Wenn man über den Deutschen Klang Die Handlung der Oper „Simplicissi­ spannend ist es, zu hören, was heute aus redet, muss man nach dieser CD auch mus“ von Karl Amadeus Hartmann der Tradition des Klangkörpers gewor­ über das Symphonieorchester des erzählt das Schicksal eines Menschen, den ist. Wenn Mariss Jansons Mahlers Bayerischen Rund­ der sich selbst und die 7. Sinfonie dirigiert, ist zu hören, dass funks reden! Der Ein­ Welt in den Strudeln er sich dem Klang seines Orchesters spielung der siebten des Dreißigjährigen verpflichtet fühlt, ihn aber gleichzeitig Bruckner-Sinfonie ist Kriegs zu verlieren behutsam in die Gegenwart führt. Und anzuhören, dass das droht. Brisant: die wenn man diese Aufnahme mit seinem Orchester den Komponisten im Blut Urfassung entstand 1934-1936 auf An­ Bruckner oder seinem Haydn vergleicht, hat, den erdigen, schwelgerischen, regung Hermann Scherchens, der seit weiß man, dass Radiosymphonieor­ romantischen Klang. Erstaunlich auch, 1933 im Schweizer Exil lebte. Dirigent chester die vielleicht vielseitigsten wie viel modernes Licht und Energie Ulf Schirmer belebt dieses moderne Klangkörper überhaupt sind. Plötz­ Mariss Jansons dieser Sinfonie nun Bild der alten Zeit nun mit fulminanter noch aufsetzt. Hier verschmelzen die Verve und großartigen Sängern wie Wahrung der Tradition und der Schritt Christian Gerhaher. Operneinspielung des Jahres in unsere Zeit. Ensemble des Jahres (Neue Musik): Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks / Mariss Jansons. Anton Bruckner: Sinfonie 7 (BR-Klassik)

(10./21. Jahrhundert) Münchener Rundfunkorchester / Ulf Schirmer. Karl Amadeus Hartmann: Des Simplicius Simplicissimus Jugend (BR-Klassik)

Chorwerk-Einspielung des Jahres Huelgas Ensemble / Paul van Nevel Michelangelo Rossi: La Poesia Cromatica

Chorwerk-Einspielung des Jahres Amarcord Rastlose Liebe

DHM/Sony Music

Raumklang


Ein Künstler in vielen Dimensionen Lang Lang gibt’s inzwischen auch in 3D — aber seine eigentliche Heimat ist die Musik

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inen modernen Musiker gibt es mehr als ein­ mal. Lang Lang ist so ein moderner Musiker. Ihn gibt es — natürlich — live in Konzerten, ihn gibt es — natürlich — auf CD. Aber Lang Lang existiert auch im Internet, in hunderten von You TubeVideos, auf denen ihn Fans sogar beim Fußballspielen filmen. Lang Lang gibt es in der virtuellen Welt auf Twitter und amazon. Und neuerdings gibt es den Klavierspieler so­ gar in 3D! Sein Album „Live in Vienna“ ist nicht nur als CD, als DVD, in einer Deluxe Edition, auf Blue Ray, auf altem Vinyl, sondern auch als dreidimensionales Video erschie­ nen. Was Lang Lang auch macht, er macht es richtig! Der Klavierspieler aus China war einer der ersten KlassikStars, die mit den Konventionen aufgeräumt haben. Musikalisch, indem er die Leidenschaft bei Beethoven, Rachmaninov und Co. wieder in den Vordergrund gestellt hat, indem er mit zahllosen Interpretations-Traditionen gebrochen und die alten Meister auch für ein junges Publi­ kum gespielt hat. Er hat den Menschen erklärt, dass er mit „Tom und Jerry“ aufgewachsen ist und dass der Sound­ track von Stravinsky kommt. Er hat der Klassik Emotionen gegeben, Wildheit, eine Aufgeregtheit und ein unbändiges Temperament. All das konnte er sich leisten, weil er tech­ nisch außerhalb jeder Kritik stand. Gleichzeitig hat er auch gemerkt, dass Klassik, wenn man sie richtig begreift, ein modernes Medium sein kann. Dass die Musik eine Botschaft ist, die Menschen weltweit er­ reicht, die Europäer und Chinesen, Amerikaner und Aus­ tralier, Amerikaner und Europäer miteinander verbindet. Lang Lang hat die neuen Bühnen einer globalisierten Zeit

Chorwerk-Einspielung des Jahres Nikolaus Harnoncourt / Arnold Schoenberg Chor / Concentus Musicus Wien Joseph Haydn: Die Jahreszeiten DHM/Sony Music

genutzt, um diese Kernbotschaft der Klassik zu verbrei­ ten. Er hat begriffen, dass ein Klassik-Star heute nicht nur in einer Dimension spielen muss, sondern in vielen Dimen­ sionen unterschiedliche Rollen einnehmen kann. Natürlich weiß er auch, dass in jeder neuen Dimension andere Regeln gelten, dass die Musik aber auf jeder Ebene die Basis ist. Er weiß, dass er seinen Ruhm Beethoven, Chopin und Rachmaninov zu verdanken hat. Er weiß, dass sie die Grundlage seines Erfolges sind. Denn letztlich ist das Leben wie ein Computerspiel (und Lang Lang liebt Computerspiele!): erst wenn man das Ende eines Levels erreicht hat, kann man zum nächsten vordringen. Den Level des international anerkannten Musikers hat Lang Lang erreicht. Scheinbar problemlos ist er durch den näch­ sten Schwierigkeitsgrad geschritten und wurde zu einer Medienikone. Er ist Botschafter für den Musiknachwuchs, hat eine eigene Stiftung gegründet, setzt sich für den Dialog der Kulturen ein und ist rastlos unterwegs, um die Botschaft der Musik unter die Leute zu bringen. Das Schönste aber an der multiplen Persönlichkeit Lang Lang ist, dass er den ECHO nicht für seine multimedialen Aktivitäten bekommt, sondern für den Ursprung seines Daseins: für die Interpretation von Musik. Sein Tschai­ kowsky und sein Rachmaninov klingen so ungestüm wie eh und je, und auch auf seiner neuen CD „Live from Vien­ na“ zeigt er, wo seine eigentliche Heimat ist: in der Musik. Hier ist der echte Lang Lang zu Hause, auf Vinyl ebenso wie in 3D. Der Rest ist die Kunst, andere Menschen für seine Kunst zu begeistern.

Chorwerk-Einspielung des Jahres Osvaldo Golijov Osvaldo Golijov: Die Markus-Passion Deutsche Grammophon/Universal Music


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Alle Musiker sind Botschafter Miriam Weichselbaum fragt Lang Lang Lang Lang, wie ist das, wenn Sie ein neues Album herausbringen? Es ist immer eine sehr aufregende Sache. Man hat lange daran gearbeitet, und irgendwann ist es zu Ende — und man ist gespannt auf die Reaktionen der Fans. Das ist immer eine sehr aufregende Erfahrung. Wie wählen sie ihr Repertoire aus? Ich habe schon viele CDs aufgenommen, und meistens haben sich die Themen ergeben. Ich habe Beethoven und Rachmaninov gespielt, weil sie mich angesprochen haben. Es war auch toll ein chinesisches Album herauszubringen, weil ich mit dieser Musik aufgewachsen bin und mein Vater chinesische Instrumente spielt. Es geht darum, dass man mit der Musik etwas anfangen kann. Fühlen sie sich auch als Botschafter Chinas? Jeder Musiker ist ein Botschafter. Und ich freue mich, dass ich ein Botschafter in zwei Richtungen sein kann: Ich bringe Musik meiner Heimat in den Westen und Musik aus dem Westen in meine Heimat.

Es fällt auf, dass sie besonders viele junge Fans haben. Ich bin sehr stolz darauf. Eigentlich ist die Klassik ja ein schweres Geschäft. Man schleppt eine große Tradition mit sich herum. Wenn man dann merkt, wie leidenschaftlich diese Musik sein kann, wie emotional sie ist, dann finde ich es toll, dass so viele junge Menschen sich für die Klas­ sik interessieren. Sie selbst haben mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen — ist das Üben nicht manchmal anstrengend? Ich habe eigentlich immer gern geübt — bis heute. Und wenn das nicht der Fall ist, belohne ich mich anschließend selbst mit ein paar Süßigkeiten oder Obst. Haben Sie eigentlich Zeit, auch noch normale Dinge zu tun? Ich liebe Fußball, ich liebe das Kino — und es hat mich besonders stolz gemacht, dass ich für große Filme die Musik einspielen konnte. Also keine Angst, ich habe viele Hobbys. Instrumentalist des Jahres (Klavier) Lang Lang. Tschaikowsky/ Rachmaninov: Klaviertrios (Deutsche Grammophon/ Universal Music)

Chorwerk-Einspielung des Jahres Mädchenchor Hannover / Camerata Vocale Hannover / Knabenchor Hannover / Kammerchor Hannover / Norddeutscher Figuralchor / Bachchor Hannover / Brahmschor Hannover / Junges Vokalensemble Hannover / Capella St. Crucis Glaubenslieder – Neue Kantaten zum Kirchenjahr Rondeau Production


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Jubilieren für eine neue Zeit Neun Chöre aus Hannover beweisen, dass der Gesang der einfachste Weg zu Gott ist und führen die Kirchenmusik in die Zukunft

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ach, Telemann und Buxtehude — klar, diese Meister der Kirchenmusik kennt man. Bei Kampe, Koerppen, Plate und Strohbach kommt man dagegen leicht ins Stutzen. Seit Jahrhunderten werden in den deutschen Kirchen die gleichen Glaubenslieder der ewig gleichen alten Meister gesungen. Zu Recht, schließlich ist die Kirche eine der letzten Institutionen, die ihre Tradition pflegt. Doch zur Geschichte der Glaubenslieder gehört auch, dass es früher — zur Zeit Bachs — fast jeden Sonntag eine Urauffühung in den Kirchen gab. Dass die Gläubigen die Botschaft Gottes in Musik ihrer Zeit vernommen haben. Tempi passati — bis jetzt. Die Kirche in Hannover knüpft endlich wieder an die Tradition an, Gott und die Botschaft der Bibel mit neuen Tönen zu feiern. Sie hat alte Kantatentexte zur Hand genommen und neue Komponisten für sie gesucht. Eben: Kampe, Koerppen, Plate, Trohbach und 26 andere Gegenwarts-Tonsetzer. Ihre Aufgabe war es, das Kirchenjahr vom Advent über Karfreitag bis zum 24. Sonntag nach Trinitatis mit Musik unserer Zeit neu zu beleben. Wenn möglich so, dass auch die Gemeinde an ihren Werken teilhaben und andere Chöre sie nach­ singen können. Ein Experiment, das zeigt, wie lebendig der Glaube auch noch sein kann. En passant stellt es unter Beweis, dass die Musik und die Musiker seit jeher die vielleicht besten Boten für die Botschaft Gottes sind. Laienwie Profichöre beleben die Musik der Kirche.

Gleich neun Ensembles aus Hannover haben die neuen Werke aufgenommen: der volltönend jubilierende Mädchenchor und der Knabenchor Hannover, die klug gestaltende Camerata Vocale, der altehrenwerte Nord­ deutsche Figuralchor, der Bachchor, der mit dem Geist des alten Meisters in die Moderne singt, der Brahm­ schor, das Junge Vokalensemble Hannover und die Capella St. Crucis. Sie alle interpretieren Glaubenslieder, die sich in ihren Stilen grundlegend unterscheiden, die Vielfalt der Moderne abbilden und sich dennoch in ihrer Kernbotschaft gleichen: Musik und das Gebet sind die einfachsten Wege zu Gott. Die Ensembles auf der CD bilden nur die Vorhut der grundlegenden Erneuerung der Kirchenmusik. ,Denn die Noten aller Glaubenslieder sind auch für andere Gesangsgruppen erhältlich. Die Kirche in Hannover hat mit ihrem Projekt einen Grundstein gelegt, die Traditi­ on der Kirchenmusik neu zu beleben und zu beweisen, wie lebendig der Glaube ist, wenn die alte Botschaft in neuen Tönen erschallt.  horwerkeinspielung C des Jahres (20./21. Jahr­ hundert) Mädchenchor Hannover, Camerata Vocale, Knabenchor Hannover, Kammerchor Hannover, Norddeutscher Figuralchor, Bachchor, Brahmschor, Junges Vokal­ ensemble, Capella St. Crucis. Glaubenslieder — Neue Kantaten zum Kirchenjahr (Rondeau Production)

Kammermusik-Einspielung des Jahres Casal Quartett Birth of the String Quartet

Kammermusik-Einspielung des Jahres Wiener Klaviertrio Joseph Haydn: Klaviertrios

Solo Musica

MDG — Musikproduktion Dabringhaus und Grimm


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Bass-Bariton Bryn Terfel zeigt sich als Bösewicht der Oper – und glaubt, dass die Kunst ohne Tod langweilig wäre

Herr Terfel, warum sind die Bass-Baritone so böse? Ist das nicht herrlich? Ohne sie wäre die Oper vollkommen ungefährlich — nur Liebe, aber keine Intrige, kein Tod, keine Spannung. Die Baritone und Bässe treiben die Handlung voran, sie sind für das Drama verantwortlich, sie öffnen die Höllentore. Dauernd reden sie über den Tod oder planen ihn. Das Böse hat eine dunkle Stimme! Und das scheint eine Konstante in der gesamten Operngeschichte zu sein, von Dulcamara im „Liebestrank“ bis zu Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“. Nun haben sie alle Bad Boys auf einer CD zusammengetragen. Ich würde sagen: Mindestens 10 Mal lebenslänglich mit Sicherheitsverwahrung! Mindestens! Aber für mich war ausschlaggebend, dass auch das Böse unterschiedliche Facetten hat. Ein Scarpia aus „Tosca“ ist anders böse als ein Sweeney Todd, der übrigens einer meiner Lieblingsbösewichter ist. Ich habe mir Boitos und Gounods Méphistophélès, Webers Kaspar, Verdis Jago, den Drogenhändler Sportin’ Life aus „Porgy and Bess“ vorge­ nommen, und eben auch Stephen Sondheims Sweeney Todd. Das Schöne an dieser CD war, dass ich Rollen singen konnte, die ich in einer Bühneninszenierung eher nicht machen würde. Scarpia haben Sie auf der Bühne gesungen — was ist das für ein Mensch?

Kammermusik-Einspielung des Jahres Ma’alot Quintet Gioacchino Rossini: La Cenerentola/Tancredi arr. für Bläserquintett MDG — Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

Er hat das letzte Wort. Schon im ersten Akt, wenn er sein Bösewicht-Credo zum Te Deum mitten in der Kirche singt. Das ist ein gewaltiges, bombastisches, dunkles Stück Musik. Und für mich klingt in diesem Stück auch die Gewalt der Kir­ che mit, wenn sie ihre guten Vorsätze aus den Augen verliert und zu einem menschenverachtenden System wird. Für Scarpia wird die Religion zu einer Droge auf dem Weg, seine Geliebte Tosca zu erobern. Gibt es auch einen Urschurken der Oper? Für mich ist das eindeutig Don Giovanni, auch einer dieser eher schizophrenen Bösewichter. Macht er nicht das, was wir alle am liebsten tun würden? Rücksichtslos leben, nur für die eigene Lust. Mozart hat ihm diesen grausamen, höllenhaften d-Moll-Akkord komponiert. Damit hat er eine Grundlage für alle anderen Komponisten gelegt. Auch bei Beethoven oder Weber hören wir später d-Moll, wenn’s richtig böse wird. Es ist die Tonart der Halunken! Was ist das Besondere an Don Giovanni? Ich liebe die Dramatik des Finales. Da stehen drei Charaktere auf der Bühne: Don Giovanni, Leporello und der Komtur. Und jeder hat andere Interessen. Das Thema ist für alle das glei­ che: der Tod. Das Schönste an dieser Szene ist, dass sie trotz der Schwere am Ende beste Unterhaltung ist. Operneinspielung des Jahres (Opernarien und Duette) Bryn Terfel. Bad Boys (Deutsche Grammophon/ Universal Music)

Kammermusik-Einspielung des Jahres Isabelle Faust / Alexander Melnikov L. v. Beethoven: Sonaten für Violine & Klavier harmonia mundi


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Der Magath der Dirigenten Marek Janowski lässt die Zeitlosigkeit bei Hans Werner Henze erklingen

Vom Urschleim ins Jetzt Das Casal Quartett erweitert die Kampfzone der Kammermusik

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er glaubt, dass ein Quartett aus vier Menschen besteht, die dauernd irgendwo Mozart, Schubert und Beethoven spielen, irrt. Das Casal Quartett begreift Musik nicht als pure Aneinanderreihung von Aufführungen. Für die vier Musiker ist das Quartettspiel eine dau­ ernde Auseinandersetzung mit musikalischen Formen und der Frage, was die Kammermusik mit unserem Leben zu tun hat. Die vier leiten eigene Festivals, in Arosa, Bosvil und Kaiserstuhl. Dort und in ihren Programmen erweitern sie die Kampfzone der Kammermusik, ver­ kuppeln sie mit Tanz, Literatur und Musik aus anderen Bereichen, vom Jazz bis zum Tango. Und plötzlich stehen auch Mozart, Schubert und Beethoven in einem ganz anderen Licht. Das Casal Quartett schafft es, die Klassiker modern klingen zu lassen. Bei ihnen hören sie sich an wie Zeitgenossen: aufrüttelnd, entschlossen, gegenwärtig. Sie selbst sagen: „Als Musiker, die sich dem Streichquartett mit all seinen Konsequenzen verschrieben haben, leugnen wir nicht, dass das Gewicht seiner Tradition auch eine Belastung ist. Zu lange und reichhaltig ist die Geschichte seiner Komponisten und Interpreten, als dass ein unbedarftes Herangehen an dieses grosse, wunderbare und lebendige Erbe unserer Kultur möglich wäre. Vor allem aber ist sie eine Herausforderung, die auszufüllen ein ganzes Leben nie genügen kann.“ Um so spannender war es, als sich die vier nun zu den Anfängen ihrer Kunst vorgetastet haben und frühe Werke der Quartettliteratur ent­ deckten: Scarlatti, Sammartini, Mozart, Boccherini und Haydn. Das Quartett hat sich zum Urschleim der Kammermusik vorgetastet und die alten Werke auf alten Instrumenten mit unglaublicher Dynamik und Kraft zum Leben erweckt. Man hört dieser Interpretation an, dass sie aus dem Jetzt kommt, dass die Musiker vom Casal Quartett das Streichquartett längst geöffnet haben und den Schlüssel in der Hand halten, um die alten Meister in unserer Zeit zu befreien.

Wie Felix Magath Fußballmeister macht, so kann Marek Ja­ nowski Philharmonie-Riesen wecken. Oder neu erschaffen.“ Das hat der „Spiegel“ über den inzwischen 71jähringen Mei­ sterdirigenten geschrieben, der sich nie um einen Platz in der KlassikÖffentlichkeit beworben hat, sondern seine Interpretationen lieber für sich sprechen lässt. Der Vergleich zwischen Fußballtrainer und Maes­ tro ist gar nicht so abwegig, denn dass die Musiker Janowski aus den genialen Händen fressen, liegt daran, dass er technisch perfekt ist, ein Gespür für Dynamik und Taktik hat. Außerdem ist er unprätentiös und stellt immer nur die Musik und die Komponisten in den Vordergrund. Janowski hat einen der schönsten „Wagner-Ringe“ dirigiert, ist einer der größten Bruckner- und Beethoven-Dirigenten und — was nur weni­ ge wissen — zeitlebens ein Förderer der Gegenwartsmusik. Sein Ge­ schick liegt darin, auch in der Neuen Musik das Emotionale und Erzäh­ lerische zu suchen und zu finden. Für ihn sind Kompositionen aus dem Jetzt mindestens so zeitlos wie Mozart und Beethoven, weil er in ihnen nie die Moden entdeckt, sondern die Momente der Ewigkeit. Hans Werner Henzes neunte Sinfonie orientiert sich an Anna Seghers Erzählung „Das siebte Kreuz“. Es ist eines dieser Werke, die ewig mah­ nend sind. Ein Stück, das in latenter Spannung vibriert, von Angst und Hoffnung, Überleben und Tod berichtet. Ein klingendes Mahnmal der Menschlichkeit. Also genau die Musik, für die ein Dirigent wie Marek Janowski steht. Er inspiriert das fast schon spukhaft aufspielende Rundfunksinfonieorchester Berlin und den opulenten Rundfunkchor Berlin zu einer tiefgründigen Reise auf der Suche nach der mensch­ lichen Seele. Sinfonische Einspielung des Jahres (10./21. Jahrhundert) RunfunkSinfonieorchester Berlin/ Rundfunkchor Berlin/ Marek Janowski. Hans Werner Henze: Sinfonie Nr.9 (WERGO)

Kammermusik-Einspielung des Jahres (17./18. Jahrhundert) Casal Quartett. Birth of the String Quartet (Solo Musica)

Kammermusik-Einspielung des Jahres Belcea Quartet Franz Schubert: Streichquintett/Streichquartette

Kammermusik-Einspielung des Jahres Minguet Quartett Peter Ruzicka: Sämtliche Werke für Streichquartett

EMI Classics

Neos Music


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Erwachsene Thomanerknaben Beim a-Cappella-Ensemble ­Amarcord macht die Musik Spaß

Gejazzt Jeder der fünf Amarcords soll eine Strophe zur Musik improvisieren. Hier die spontanen Sätze: Ich finde die Musik so toll, weil sie sich immer abwechselt. Die Vielfarbigkeit in der a Cappella Musik, die uns Möglichkeiten gibt, die wir uns nicht zu erträumen wagten. Wir können mit der Musik viel Geld verdienen und die Herzen der Frauen erwärmen. Ohne Musik wäre die Welt ein Irrtum. Dem kann man nichts hinzufügen. Alle: Aaaaaaahmeeeen!

Fußball — der ist wichtig, um bei Amarcord aufgenommen zu werden. Schließlich haben die fünf Jungen aus der a-Cappella-Gruppe schon als Kinder miteinander gekickt. In den Probepausen zur Matthäus-Passion oder an­ deren geistlichen Chorwerken. Die Amarcords sind ein echter Männerbund: lustig, freigeistig und ohne Eitelkeiten. Gelernt haben sie all das beim Thomanerchor in Leipzig. Hier haben sie auch ihr gemeinsames Kunstideal entwickelt: Der Einzelne ist nichts, gemeinsam sind wir stark. So sind sie die fünf Musketiere des Gesangs geworden. Allmählich haben sie eine einheitliche Kunstund Gesangssprache gefunden. „Es ist wichtig, dass wir in der gleichen Artikulation singen, dass unsere Stimmen sich zwar unter­ scheiden, aber trotzdem einheitlich sind, dass wir viele Farben, aber eine Botschaft haben“, sagen sie selbst. All das lassen sie auf ihren CDs und in ihren Konzerten auch hören. Egal, ob das Ensemble Amar­ cord Meisterwerke des Barocks oder der Klassik singt, ob es eine Sause mit Volksliedern

oder Populärmusik anstimmt — in allen Fällen steht die musikalische Professionalität, der Ernst der Sache und der Spaß an der Musik im Vordergrund. Wenn man sich mit den Sängern unterhält, merkt man schnell, dass ihre Sozialisation die Grundlage ihres Erfolges ist. „In den Zeiten der DDR war der Thomanerchor nicht nur eine Institution mit einer langen Geschichte, die 1212 begann, sondern auch eine Insel der Glückseligen“, sagen sie. An ihre eigene Internatszeit erinnern sie sich wie Lausbuben. „Fasching und Weihnachten waren Ausnahmezustände — die älteren Chormitglieder mussten eigene Stücke kom­ ponieren, die Säle schmücken und für das Programm sorgen.“ Und natürlich blieb auch Zeit für jugendlichen Schabernack. Die Strafe folgte allerdings auf den Fuß: Bei besonders schweren Ausrutschern hatte man die ge­ samten 300 Seiten der Matthäus-Passion auszuradieren und die Bleistift-Eintragungen der Sänger zu entfernen. Die fünf Männer vom Ensemble Amarcord haben sich den Spaß nie verderben lassen. Das hört man auch auf all ihren CDs. In der Klassik wie im Crossover steht bei ihnen die Lebenslust der Musik, das Funkeln der musikalischen Ideen und die Freude, sich im Klang auszudrücken im Vordergrund: egal, ob in der MatthäusPassion oder auf dem ECHO-Album „Rastlose Liebe“ oder bei Stücken wie „Die Lotusblume“, „An den Mond“, Wasser­ fahrt“ oder „Im Süden“.

chorwerk-einspielung des jahres (18./19. jahrhundert) amarcord. „rastlose liebe“ (raumklang)

Solistische Einspielung des Jahres Murray Perahia J. S. Bach: Partitas 1, 5 & 6 Sony Classical

Solistische Einspielung des Jahres Mihaela Ursuleasa Beethoven/Brahms/Ravel/Ginastera/ Constantinescu: Klavierwerke Berlin Classics


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Papa Haydns Weltsprache

Der Meister und sein Instrument

Der AntiKarajan

Bruno Weil beweist: man muss nicht Englisch können, um verstanden zu werden

Martin Schmeding bringt die Silbermann-Orgel in Dresden zum Klingen

Das Ensemble Anima Eterna über seinen Dirigenten Jos van Immerseel

Joseph Haydns Orchester wurde gerade abgeschafft und er mit einer lebenslangen Pension abgespeist — er war ein reicher, freier Mann. Da bekam der Komponist Besuch vom Geiger und Konzertunternehmer Johann Peter Salomon. Der traf Haydn in Wien und sagte: „Ich bin Salomon aus London und komme, Sie abzuholen; morgen werden wir einen Akkord schließen.“ Salomon bot Haydn 5.000 Gul­ den an, um mehrere Werke zu komponieren, unter anderen sechs neue Sinfonien. Haydn war begeistert und schlug ein. Nur sein junger Freund Mozart warnte ihn: „Papa, Sie haben keine Erziehung für die große Welt gehabt

Manchmal macht die Geschichte eines Instru­ mentes den Klang aus. Die Silbermann-Orgel in der Dresdener Hofkirche ist so ein Instru­ ment. 1750 bekam einer der bekanntesten Orgelbauer den Vertrag des Sächsischen Hofes, eine Orgel mit 47 klingenden Stim­ men, verteilt auf drei Manuale und Pedal für die neue Kirche zu bauen. Dafür sollte er mit 20.000 Talern bezahlt werden. Gottfried Silbermann verlegte einen Großteil seiner Werkstatt nach Dresden, doch bevor das Instrument 1755 eingeweiht wurde, verstarb der Orgelbauer an einer Bleivergiftung — sein Schüler Zacharias Hildebrandt vollendete das

Beginnen wir mit ein bisschen Humor. Als ein Musiker den Türöffner im Himmel fragte, wie Gott so sei, antwortete der: „Gott ist schon in Ordnung, nur manchmal denkt er, er wäre Herbert von Karajan.“ Tatsächlich ist es so, dass wir uns einen Dirigenten heute gern als Puppenspieler vorstellen, der die Kontrolle über eine Sinfonie und das Orchester hat, indem er nur einen Finger hebt. Das hat zu einem Ungleichgewicht zwischen Orchester und Musikern geführt und: das Wichtigste gerät aus dem Blick: der Komponist. Jos van Immerseel besteht auf die originalen Tempoangaben und nimmt sich dadurch

und reden zu wenige Sprachen.“ Haydn ent­ gegnete trocken: „Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt“. Was er damit meinte, zeigen die Capella Colo­ niensis und der Dirigent Bruno Weil auf ihrer CD mit den Londoner Sinfonien. Sie beweisen, dass Haydns musikalischer Witz, dass seine ernsthafte Durchdringung des menschlichen Geistes, dass seine Spielereien und sein Tüfteln an der Form tatsächlich eine Mensch­ heitssprache ist: universell, allgemeingültig und zeitlos. Bruno Weil ist ein leiser, arbeit­ samer Dirigent, der vollkommen in der Musik aufgeht. Mit seinem Haydn-Projekt zeigt er, dass man nicht Englisch sprechen muss, um im Ausland verstanden zu werden.

Meisterwerk. Es gab drei Silbermann-Orgeln in Dresden, nur eine überlebte den Krieg, weil sie 1944 ausgelagert wurde. 2002 wurde die Orgel restauriert und wieder eingeweiht. Was für einen großen Klang sie hat, hört man nun, wenn einer der besten Organisten diese Orgel spielt. Der Freiburger Orgelprofessor Martin Schmeding zeigt mit seiner Einspie­ lung der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, wie vielfältig und klangstark das Orgelwerk ist. Selten hört man die Or­ gelfassung dieses barocken Klassikers so aufgefächert, so durchhörbar und episch wie bei ihm.

schon einmal zurück. Er glaubt daran, dass die größte Aufgabe des Dirigenten darin besteht, vor den Proben in die Archive zu steigen und sich zu informieren. Vor der Probe schickt er dann einen Brief an alle, in dem er seine Ergebnisse vorstellt, so arbeiten alle gemein­ sam an einem Ziel. Während des Konzertes steht er vollkommen im Dienst des Kompo­ nisten, und es ist immer wieder ein Spaß, wenn er bei den Zugaben vom Pult steigt und dem mündigen Orchester die Sache überlässt. Was bleibt am Ende übrig vom Dirigenten? Die Musik natürlich. Sie steht für Jos van Immerseel stets im Mittelpunkt allen Schaf­ fens. Ebenso wie die Überzeugung, dass die Gegenwart nicht immer besser sein muss als die Vergangenheit.

Instrumentalist des Jahres (Orgel) Martin Schmeding. J.S. Bach: Goldberg-Variationen (Cybele Records)

Sinfonische Einspielung des Jahres (bis 18. Jahrhundert) Capella Coloniensis / Bruno Weil. Joseph Haydn: Londoner Sinfonien (Ars Production)

Sinfonische Einspielung des Jahres (19. Jahrhundert) Anima Eterna Brugge / Jos van Immerseel. Berlioz: Symphonie Fantastique (Zig-Zag Territoires)

Solistische Einspielung des Jahres Hardy Rittner Arnold Schönberg: Sämtliche Klavierwerke

Liedeinspielung des Jahres Angelika Kirchschlager Robert Schumann: Lieder

MDG – Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

Sony Classical


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Treffen wir uns im Traum? Hélène Grimaud und Claudio Abbado spielen Rachmaninov – und bauen dabei eine Welt aus Geist auf

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s gibt außergewöhnliche Momente im Konzert­ leben. Abende, die eine eigene Aura entwickeln, an denen die Künstler auf der Bühne miteinan­ der in Musik kommunizieren und das Publikum elektrisieren. Momente, die uns beweisen, dass Musik größer und freier sein kann als das Leben — und an deren Ende wir hoffen, ein bisschen dieser Inspiration und Frei­ heit mitnehmen zu können in unseren Alltag. DVDs sorgen dafür, dass wir einmalige Momente wenigstens in unseren Wohnzimmern wiederholen können. Dass ein Konzert mit Hélène Grimaud und Claudio Ab­ bado ein unvergessliches Ereignis werden könnte, war abzusehen. Immerhin trafen hier zwei Geistesmenschen aufeinander. Der Dirigent, der vom Proben wenig hält, der das Können seiner Musiker voraus­ setzt, weil die Musik nur so zur Sache der Empathie, der Ein­ fühlung, werden kann - und die Philosophin am Klavier, die versucht ihre Gedanken über das Menschsein und die Mechanismen der Psyche in Klängen auszudrücken. Als diese zwei Geistes­ menschen in Luzern aufeinander­ trafen, durfte man gespannt sein, welche Musik zwischen ihnen ent­ stehen würde. Auf dem Programm stand — natürlich — ein Traum­ stück. Sergei Rachmaninov hat sein zweites Klavierkonzert un­ ter Hypnose ersonnen, in einem außerweltlichen Stadium. Der Neurologe Dahl hatte

ihn in den Halbschlaf versetzt. Später erinnerte sich der Komponist an diesen Moment wie folgt: „’Du wirst dein Konzert schreiben… du wirst mit großer Leichtigkeit ar­ beiten… Das Konzert wird von exzellenter Qualität sein…’ Es waren immer dieselben Worte, ohne Unterbrechung. Auch wenn es unglaublich erscheint, diese Therapie half mir wirklich. Im Sommer begann ich zu komponieren. Das Material wuchs und neue musikalische Ideen begannen sich in mir zu regen.“ Tatsächlich gelang Rachmaninov ein Werk voller lied­ hafter, romantischer Größe. Abbado und Grimaud begeg­ nen ihm wie in einem Traum. Sie verzichten auf roman­ tische Schwelgerei, dringen gleich zum Kern des Mensch­ seins vor. Sie benutzen das Pathos der Musik nicht als schillernde Oberfläche, sondern als Kruste, hinter der sie auf die Suche nach dem Feinsinnigen und Feingeistigen gehen. Bereits nach den ersten acht Glocken-Akkorden der Pianistin hört man, dass Abbado ihre Seele sucht, um sie mit seinem Orchester auf eine Abenteuerreise zu be­ gleiten. Was bleibt, wenn die Musik verklungen ist, ist diese Aufnahme, die so phantastisch daherkommt, als würden sich zwei Menschen im Traum verabre­ den — und dort gemeinsam eine Welt beleben, die allein ihrem Geist entsprungen ist.  usik-DVD-Produktion des Jahres M (Konzerteinspielung) Hélène Grimaud. A Russian Night (Deutsche Grammophon/ Universal)

Editorische Leistung des Jahres Mussorgsky: Pictures Reframed (Buch-Edition) Leif Ove Andsnes

Welt-Ersteinspielung des Jahres Bohuslav Martinu, Drei Fragmente und Suite aus der Oper „Juliette“ Czech Philharmonic Orchestra / Sir Charles Mackerras

EMI Classics

Supraphon


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Viva Vivaldi

Schluss mit Vergessen!

Sie hat den Komponisten neu entdeckt, nun entfacht Vivica Genaux ein Feuerwerk

Nirgends kann man Karl Amadeus Hartmann besser kennenlernen als in seinen Streichquartetten

Wer bei Vivaldi noch immer an die „Vier Jahreszeiten“ denkt, hat den Trend der Zeit verpennt. Der „Rote Priester“ aus Venedig ist inzwischen von vielen Künstlern neu entdeckt worden: als einer der feurigsten Koloraturkomponisten, als komplexer Musikdramatiker, als Meister der Stimme. Vivica Genaux hatte einen großen Anteil an der Vivaldi-Renaissance, als sie 2006 die Oper „Bajazet“ gemeinsam mit dem italie­ nischen Dirigenten und Barockgeiger Fabio Biondi ausgegraben hat. Plötzlich wurde klar, wie unbekannt einer der bekanntesten Komponisten überhaupt war. Nun hat die Sopranistin, die eine Schweizer Mutter hat und in Alaska aufgewachsen ist, nachgelegt: Mit „Pyrotechnics“ hat sie eine Vivaldi-Platte vorgelegt, die aufhorchen lässt. Dass ihr der Komponist so nahe steht, könnte daran liegen, dass Genaux inzwi­ schen in der Nähe seiner Heimat, Venedig, lebt. Aber ihre Stimme scheint für Vivaldis ausufernden Arien auch wie geschaffen zu sein: beweglich, explodierend — eben: ein vokales Feuerwerk. Bei aller Verspieltheit ihrer Stimme ist auch ihre Klugheit zwi­ schen den Tönen zu hören: „Was ich an der Barockmusik so liebe“, sagt Genaux, „ist die Spannung zwischen Solostimme und Or­ chester. Man muss sehr eng mit den Instru­ mentalisten zusammenarbeiten, denn sie begeleiten nicht einfach die Solistin, son­ dern sie unterstreichen und kommentieren das, was sie zu sagen hat.“ Op erneinspielung des Jahres: Vivica Genaux. Antonio Vivaldi: Opera Arias — Pyrotechnics (Virgin/ EMI)

Karl Amadeus Hartmann wird gerade erst richtig entdeckt, er ist einer der zu Unrecht verges­ senen Tonkünstler unseres Jahrhunderts. Vielleicht auch, weil er 1933, mit der Machtergreifung Hitlers, sein öffentliches Schaffen weitgehend aufgeben musste, und es ihm bis zu seinem Tod 1963 schwer fiel, nach der Nazi-Ära künstlerisch Fuß zu fassen. Wie großartig, lichtdurchflutet und systematisch ausgetüftelt seine Werke sind, lässt das Label Cybele nun hören, wenn es die beiden Streichquar­ tette (1933 und 1945/48), das Kleine Konzert für Streich­ quartett und Schlagzeug (1931/32) und das Kammerkon­ zert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester (1930/35) in Surround-Klang vorstellt. Doch das ist noch nicht alles. Neben der Musik kommt der Komponist auch selbst zu Wort. Die farbreichen Werke, die zum Teil an Belá Bartok erinnern, werden so nicht nur klanglich vieldimensional erfahrbar, sondern auch in ihre und unsere Zeit eingeordnet. Wenn eine Edition sich eines Künstlers so umfassend annimmt wie diese es tut, ist es nicht ausgeschlossen, dass die gerade begonnene Hartmann-Renaissance nur der Anfang ist, um einen zu Unrecht vergessenen Musiker wieder ins Zentrum der Klassik-Rezeption zu rü­ cken. Hartmanns Kompositionen haben das ebenso verdient wie sein Lebensweg. Surround-Einspielung des Jahres. Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett (Cybele Records)

Neue Farbe braucht der Klang Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin ist ein junger Wilder. Er hat Ravel in schillerndes Aquarell gegossen Der Generationswechsel am Dirigentenpult hat einen Namen: Yannick Nézet-Séguin. Er hat Valéry Gergiev als Chef des Rotterdam Philharmonic Orchestras abgelöst. Der junge Feu­ erkopf aus Kanada folgt damit dem Draufgänger aus Russland. Und er hat schon jetzt eine kleine revolutionäre Klanggeschichte geschrieben. Egal, ob Nézet-Séguin der „Carmen“ in der MET einheizt oder ob er in Salzburg „Roméo et Juliet“ dirigiert — es scheint keine Oper zu geben, die dem 25-Jährigen zu groß ist. Und kein Orchester, das ihm nicht aus der Hand frisst. Er ist Principal Guest Conductor des London Philharmonic Orchestras und hat fast jedem Ensemble seinen Geist der Gegensätze eingehaucht. Die neue Dirigentengeneration hat zwar Respekt vor den alten Meistern, aber sie scheut sich nicht vor Neudeu­ tungen. Genau das ist Nézet-Séguin mit seiner RavelEinspielung gelungen. Dass der französische Komponist Musik in Farben komponiert hat, ist bekannt, wie groß die Palette ist, hat der junge Dirigent erst jetzt mit Daphnis et Chloé, La Valse und Ma mère l’oye ausgelotet. Sein Ravel ist einige Takte lang nur eine hingehauchte Schwarz-Weiß-Skizze, dann wieder ein schillerndes Aqua­ rell und irgendwann auch mal ein monumentales Ölbild mit voller Naturgewalt. Nachwuchskünstler des Jahres: Yannick Nézet-Séguin, Rotterdam Philharmonic Orchestra. Maurice Ravel (EMI)

Klassik für Kinder Prinzessin Graues Mäuschen Ute Kleeberg / Uwe Stoffel Edition SEE-IGEL

Sonderpreis der Jury für Nachwuchsförderung im Bereich der Klassik Podium junger Musiker e.V.


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Von innen Claudio Abbado hat ihr einen wichtigen Rat gegeben: sie solle sich vom Konzertpodium zurückziehen, sich auf die schulische, musi­ kalische und pianistische Ausbildung besinnen. Sie solle sich nicht aufreiben im Konzertbetrieb, sondern in sich kehren. Die Rumänin Mihaela Ursuleasa hat auf den Rat des Mentors gehört und kehrte einige Jahre später aus sich heraus zurück in die Konzertwelt. Seither besticht sie durch die Souveränität ihres Spieles, durch eine seltene Innerlichkeit, durch lyrische Präzision und expressive Ausbrüche. Man hört ihren Interpretationen die Ausgeruhtheit und das Bei-Sich-Sein an. Heute ist Mihaela Ursuleassa eine der gefragtesten Pianistinnen, gerade weil sie den größten Werken der Klassik mit innerer Ruhe begegnet. Solistische Einspielung des Jahres (19.Jahrhundert) Mihaela Ursuleasa. Beethoven/Brahms/Ravel u.a. (Berlin Classics)

Genial Minimal Barock trifft Minimal Music — die Lautten Compagney und Wolfgang Katschner verbinden Glass und Mérula

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ie Zeit ist eine der sonderbarsten Größen der Musik. Zeit sind die Sekunden, die vom Anfang bis zum Ende eines Stückes verstreichen. Zeit ist aber auch relativ: Dirigenten haben die Freiheit, vom Metronom abzuweichen. Einige Stellen kommen uns als Zuhörer gedehnt, andere rasend vor. Zeit ver­ streicht in der Musik auf eigenwillige Weise. Musiker können die Zeit mühelos überbrücken. Besonders gern und genial tun das die Experten des Barocks. Sie entdecken jede Ausgrabung aus verstaubten Archiven als Uraufführung und lassen sie in unserer Zeit möglichst neu erklin­ gen. Kein Wunder also, dass ausgerechnet die Alte Musik immer wie­ der Schnittmengen mit der Gegenwartsmusik sucht und findet. Der Dirigent Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney haben sich eine besonders spannende Aufgabe gestellt. Sie ha­ ben die Minimal-Music von Philipp Glass auf den historischen Prüfstand gestellt und einen Anknüpfungspunkt beim itali­ enischen Barockkomponisten Tarquinio Mérula gefunden — einem Zeitgenossen Monteverdis. Mérula war ein Tüftler der neuen Klangformen. Eines seiner beliebtesten Stilmittel war die Wiederholung kleiner Motiveinheiten. Es lag also nicht fern, dass die Lautten Compagney auf ihrer CD „Timeless“ ver­ sucht hat, die Zeit zwischen Mérula und Glass zu überbrücken. Herausgekommen ist eine Aufnahme, in der das Barock erschreckend modern klingt und die Minimal-Music er­ staunlich traditionsbewusst. Das liegt natürlich auch an den Musikern selbst, denen es ohrenscheinlich Spaß macht, sich in die Neue Musik zu beamen und dem eher emotionslosen Philipp Glass Gefühle einzu­ hauchen. Gleichzeitig nehmen sie aus seiner Musik Klangideen für das Barock mit. Die Zeit, sie ist in der Klassik eben ein sonderbar Ding!

Vitrinen der Gefühle Christiane Karg zeigt die Stimmungen der Jahreszeiten Die Jahreszeiten sind mehr als das Wetter — sie verkörpern Zustände, Gefühle und Stimmungen. Die Sopranistin Christiane Karg hat sich den Lauf der Zeit für ihre erste Lied-CD vorgenommen und Lieder ausgesucht, die Jahreszeiten illustrieren. Stücke von Schubert, Schu­ mann, Mahler, Wolff und Pfitzner. Eine wundervolle Idee, zumal es Karg gelingt, den Stimmungen Stimme zu geben: mal luftig, sommerlich leicht, dann wieder fast kratzig, rau und eiskalt. Die Jahreszeiten-Lieder sind auch ein Museum der Gefühle, in dem Karg jede einzelne Natur-Vitrine mit anderer Stimmlage ausstattet und so ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellt. Für alle Lieder aber gilt eines: Gesang ist immer auch eine Erzählung, in der die Stimme für die Stimmung sorgt. Kargs Interpretation ist so abwechslungs­ reich wie das Jahr mit seinem Schnee­ gestöber und seinen Hitzewellen.

Ensemble des Jahres (Alte Musik) Lautten Compagney / Wolfgang Katschner. Timeless — Music by Mérula and Glass (DHM/Sony Music)

Sonderpreis der Jury für Nachwuchsförderung im Bereich der Klassik Kultur- und Bildungsunternehmen der Hofer Symphoniker

Nachwuchs-Künstler des Jahres (Gesang) Christiane Karg Verwandlung – Lieder eines Jahres (Berlin Classics)

Surround-Einspielung des Jahres Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett Cybele Records


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Der Tenor mit der Klampfe Bevor Juan-Diego Flórez ein Klassik-Star war, hat er für seine Freunde am Strand mit einer Gitarre gesungen. Eine Leidenschaft, die er bis heute bewahrt hat Herr Flórez, stimmt es, dass Sie sich für den Gesang interessieren, seit Sie am Strand in ihrer Heimat Peru gemerkt haben, dass Frauen ihrer Stimme zu Füßen liegen? Also, das stimmt nur halb. Es ist richtig, dass ich als Ju­ gendlicher gern mit der Gitarre gespielt und dazu gesun­ gen habe. Es stimmt auch, dass ich oft am Strand saß, um zu singen. Falsch ist, dass ich das getan habe, weil mir die Frauen zu Füßen lagen. Vielleicht sollte ich es heute noch einmal probieren. Also waren Sie sich über die Erotik ihrer Stimme noch gar nicht bewusst? Ich glaube nicht. Das war ja noch, bevor ich ans Konserva­ torium gegangen bin. Da habe ich meine Gitarre genom­ men und geübt. Ich erinnere mich daran, dass ich Lieder wie „Granada“ gesungen habe - so wie sich ein junger Mensch einen Tenor vorstellt: aus voller Kehle und mit unglaublicher Leidenschaft! Aber warten Sie, da fällt mir ein, dass ich tatsächlich einmal in der Nacht am Strand war, gemeinsam mit einem Freund und dessen Freundin. Die beiden haben sich näher kennengelernt — und ich habe für die Stimmung gesorgt.

Spielen Sie heute auch noch manchmal Gitarre? Ja, sehr gern. Mit der Gitarre kann man sich selbst be­ gleiten, und selbst die ernstesten Arien klingen mit ihr äußerst unschuldig. Manchmal nehme ich sie auch mit auf die Bühne. Neulich habe ich ein Konzert in Miami gege­ ben — als Zugabe habe ich ein peruanisches Volkslied mit meiner Gitarre gesungen. Sie haben in Wien geheiratet, touren durch die ganze Welt. Welches Verhältnis haben Sie zu ihrer Heimat Peru? Dieses Land ist mein zu Hause. Selbst wenn ich auf Reisen bin, trage ich es in mir. Peru ist für mich ein Lebensgefühl. Übrigens spielt auch die Klassik hier eine ganz andere Rolle. So wie in ganz Südamerika. Für uns ist die Oper oder das Konzert keine Kunst der schönen Oberfläche — sie erzählt von Leidenschaft, von Existenz, Liebe und Hass. Wir nehmen sie sehr ernst, und ich versuche, mir diese Einstellung bei jedem meiner Auftritte zu bewahren

Musik-DVD-Produktion des Jahres Orquestra de la Comunitat Valenciana / Zubin Mehta Richard Wagner: Das Rheingold

Musik-DVD-Produktion des Jahres Hélène Grimaud A Russian Night

C Major

Deutsche Grammophon/Universal


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Kluge Karriere Er war der erste moderne Startenor und geht seither seinen Weg. Das Geheimnis des Juan-Diego Flórez Manchmal vergisst man, wie schnelllebig die Opernwelt ist. Als noch kein Mensch von Rolando Villazón oder von Jonas Kaufmann gesprochen hat, begann die Karriere von Juan-Diego Flórez. Der Tenor aus Peru wurde als junger Rossini-Tenor bei den Festspielen im italienischen Pesaro entdeckt. Nach Lucia­ no Pavarotti hat keiner die Spitzentöne der Partituren so leicht, so luftig und so selbstverständlich gesungen wie er. Selbst die atemberaubenden Aneinanderreihungen von hohen Cs hat er nicht als Hochleistungssport begriffen, sondern jeder einzelnen Note Bedeutung gegeben. Die DECCA hat ihn verpflichtet — und als ersten modernen Startenor nach den drei Tenören aufge­ baut. Wenn man Flórez damals getroffen hat, schien die große schil­ lernde Opernwelt für ihn noch aufregend und neu. Kein Wun­ der, denn er hat in Peru an einem Konservatorium studiert, das baufällig war, schon mal einen Anzug zum Bewerbungssingen vergessen und seine ersten Klassik-Arien mit der Gitarre am Strand geträllert. Vielleicht macht er seine Karriere heute auch deshalb jenseits des Hochglanzes. Juan-Diego Flórez ist ein Tenor, der sich die Leidenschaft bewahrt hat. Auch seiner Stimme hört man die Unbedingtheit an. Mit ihm steht kein Tenor auf der Bühne, der kommt, um schön zu sin­ gen. Wenn Flórez auftritt, geht es meist ums Ganze. Die tenor­ große Liebe wird ebenso ernst genommen wie die Verzweiflung und der Tod in der Oper. Seine Stimme singt keine Töne, son­ dern erzählt Geschichten. Auf seiner letzten CD hat er die Kampfzone seiner Stimme weiter ausgebaut. Mit Glucks „Orphée et Euridice“ hat er eine Rolle in Angriff genommen, die jedem Tenor gefallen muss: den Sänger, der in die Unterwelt steigt, um seine Geliebte zu befrei­ en, was ihm mit Amors Hilfe auch gelingt. Oft wird die Titelrolle mit einem Countertenor besetzt, aber Flórez hat sich auf die Tradition der 70er und 80er Jahre besonnen und singt sich mit der echten Männerstimme eines haute-contre durch die Par­ titur. Dabei entlockt er der Rolle durchaus neue Facetten: das Heldische des mythenumwobenen Sängers kommt endlich zur Geltung, und Flórez ist gleichzeitig ein Meister der leisen und zerbrechlichen Zwischentöne. Obwohl Flórez nach seinem Einstieg mit Rossini nichts gesun­ gen hat, was seine Stimme zerstören könnte, hat er sich nicht auf ein Repertoire festlegen lassen. Gemeinsam mit seiner Plattenfirma hat er seine Karriere behutsam aufgebaut: Ros­ sini, Donizetti, das französische Repertoire und nun den „Or­ phée“ — man darf gespannt sein, was folgen wird. Operneinspielung des Jahres (17./18. Jahrhundert) Juan-Diego Flórez. Christoph Willibald Gluck: Orphée et Euridice (DECCA/Universal Music)

Bestseller des Jahres David Garrett Classic Romance DEAG Classics

Sonderpreis der Jury Red Bull Flying Bach Christoph Hagel & Flying Steps


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Wie der Geist in die Offenheit dringt Christian Zacharias ist einer der ausgeruhtesten Pianisten unserer Zeit. Die beste Voraussetzung für eine zeitlose Mozart-Interpretation

Mozart ist einer der beliebtesten Kompo­ nisten der Klassik. Und einer der Schwie­ rigsten. Das Problem besteht darin, dass die eigentliche Musik nicht nur in den Noten spielt, sondern auch zwischen ihnen. Mozart verlangt von seinen Interpreten das Mitden­

ken, das Lückenfüllen, die Belebung der Parti­ turen durch den eigenen Geist. Gleichzeitig ist jeder Musiker verraten und verkauft, bei dem das Denken zu offensichtlich mitschwingt. Die Kunst der Mozart-Interpretation ist die wissende Naivität, die Übersetzung der Klug­ heit in Klang. Nur, wer seine Musik glaubhaft durchlebt und durchdringt, klingt authen­ tisch. Ein Grund, warum es so wenige geniale Mozartinterpreten gibt — sowohl unter den Dirigenten als auch unter den Pianisten. Christian Zacharias ist ein Klavierspieler, der sich nicht vom Klassikbetrieb hetzen lässt. Er ist einer der wenigen Freigeister, und mit MDG hat er ein Label gefunden, das ihm die nötige Muße erlaubt, um die Zwischentöne der Parti­ turen zu erkundschaften. Das Erstaunliche an seinen Mozart-Konzerten ist, dass sie unver­

schämt selbstverständlich klingen. Natürlich weiß Zacharias um die Ernsthaf­ tigkeit in den musikalischen Spielen, na­ türlich lässt er das Existenzielle im Lachen durchscheinen, die Dunkelheit im Licht, und natürlich zeigt er uns Mozarts Genie durch seine eigene, geniale Technik. Aber Zacharias schafft noch mehr: er füllt Mozarts Klangkos­ mos mit musikalischer Humanität. Als Dirigent am Klavier steckt er mit seiner durchdachten Spielfreude das Kammeror­ chester Lausanne an. Selten hört man die Konzerte so dialogisch wie hier. Zacharias beweist, dass er einer der klügsten und dabei spielerischsten Mozartdeuter unserer Zeit ist. Konzerteinspielung des Jahres (Musik bis 18.Jahrhundert) Christian Zacharias. Mozart: Klavierkonzerte Vol.5 (MDG)

Die Ironie der Dinge Das Quartett Meta4 besticht durch ein Augenzwinkern beim Spielen Wer sagt eigentlich, dass die Finnen melancholisch sind? Allein der Name des Quartettes Meta4 zeigt, dass es in Finnland inzwischen viele junge Men­ schen gibt, die das Klischee aushebeln und eher das Ironische und das Augenzwinkernde suchen. Das Besondere an Meta4 ist der unverfälschte, reine, gern auch spielerisch leichte Klang. Ein Ton, den man von einem Quartett, das sich intensiv um skandinavische Komponisten wie Sibelius und Grieg kümmert, das

aber auch die Moderne attackiert, wenn es Stücke von Esa-Pekka Salonen oder Sallinen interpretiert, nicht unbedingt erwartet. Dann hat Meta4 Haydn aufge­ nommen. Dass der Wiener Klassiker humorvoll ist, war bekannt. Wie lieblich, luftig und leicht seine Kompositionen klingen können, ohne dabei schmierig zu wirken, wie ausgelassen, ironisch und doppeldeutig, das hört man nun in der Interpretation von Meta4. Antti Tikkanen, Minna Pensola, Atte Kilpeläinen und Tomas Djupsjö­ backa stehen für ein neues Lebensgefühl der Klassik. Sie bereichern die alten Meister um moderne Abgründe, sehen dem Tod in der Musik angstlos ins Auge und vergessen dabei nie zu schmunzeln. So viel ernsthafte Leichtigkeit hatte die Klassik selten. Nachwuchskünstler des Jahres (Streicher) Meta4. Joseph Haydn: Streichquartette op.55, 1-3 (hänssler CLASSIC)

Sonderpreis der Jury ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius für die CD-Reihe „Musica Sacra Hamburgensis“.


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Warum spielen Sie Geige, Frau Jansen? Janine Jansen ist eher zufällig zu ihrem Instrument gekommen. Hier gibt sie eine Lehrstunde auf der Violine

Mir wird es gut gehen Oswaldo Golijov hat mit seiner Markus-Passion einen der einfachsten Glaubenssätze in Musik gegossen Es ist selten, dass ein Gegenwartskomponist sich einer Pas­ sion widmet. Osvaldo Golijov ist jung – und begeistert. In seiner Markus-Passion feiert er mit großem Chor und großem Orchester das, was er für die Kernbotschaft des Christentums hält: die Hoffnung auf Erlösung. Inspiriert wurde der Musiker dabei von einem Bild, das seine Urgroßmutter bei sich trug. Hier schreibt er über die Entstehung seiner Passionsmusik und seinen ganz pragmatischen Zugang zur Religion: „Ich wollte so etwas Ähnliches schaffen wie Rembrandt, als er seine Juden auf die Lein­ wand gebracht hat. Nur, dass ich Christen in Klang malen wollte. Nicht mehr und nicht weniger. Zu dieser Komposition bin ich von einem Bild inspiriert worden, das meine Ur­ großmutter immer bei sich hatte: „Jerimea betrauert den Fall Jerusalems”. Der Maler war, natürlich, Rembrandt! Für mich ist dieses eines der schönsten jüdischen Bilder, die ich kenne. Und das, obwohl Rembrandt gar kein Jude war. Ich weiß, dass ich mich nicht mit einem Genie wie Rembrandt vergleichen kann. Aber bei ihm sehe ich einen Kern in der Kunst, der in seiner Pas­ sion auch in den jüdischen Themen deutlich wird. Einen Kern, der auch für das Christentum gilt. All seine Bilder sagen: „Mir wird es gut gehen.“ Das ist der Kern des Glaubens. Und das ist auch genug.“ (Chorwerk-Einspielung des Jahres (20./ 21. Jahrhundert) Oswaldo Golijov. Die Markus Passion (Deutsche Grammophon/ Universal Music)

Frau Jansen, es gibt so viele Geigerinnen – warum mussten Sie ausgerechnet dieses Instrument wählen? Das wollte ich ja eigentlich gar nicht! Ich wollte Cello spielen, weil mein Bruder Cello gespielt hat und ich ihn bewundert habe. Diese Bewunderung ging auch auf sein Instrument über. Aber meine Eltern wollten ein bisschen mehr Abwechslung innerhalb der Familie. Also stehe ich nun hier mit meiner Geige. Ich habe nach 10 Jahren aufgehört zu geigen, weil meine Lehrerin so langweilig war. Was macht eine gute Lehrerin aus? Ich hatte schon am Anfang eine tolle Lehrerin. Sie hat mich zwischen sechs und zehn Jahren unterrichtet und wollte von Beginn an, dass ich Kammermusik mache. Sie war der Meinung, dass es besonders bei einem Instrument wie der Geige wichtig ist, kein Einzelkämpfer zu sein. Das hat meine Ohren geöffnet, mein Spiel flexibler gemacht – und vor allen Dingen: es war ein Mordsspaß! Kam­ mermusik ist dialogisch, und das hilft mir heute noch, wenn ich mit Orchestern spiele. Auch da geht es um das miteinander „Spielen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Gut, dann unterrichten Sie mich doch mal. Darf ich Ihnen mal was vorspielen? Auf meiner Geige? Klar! Aber vorsichtig. Gut. (spielt Alle meine Entchen). Auf was muss ich nun achten? Oh Gott, jetzt bin ich Lehrerin! Das habe ich noch nie gemacht. Aber das muss ich wohl auch lernen. Sie müssen in der Hand flexibel sein, das Gelenk muss mit dem Strich mit­ gehen, sonst sehen Sie nicht nur steif aus, sondern es klingt auch steif. Okay, der Bogenstrich. Verstanden. Und dann? Selbst ein Babylied wie „Alle meine Ent­ chen“ kann man gestalten. Spielen Sie gebunden? Stakkato? Laut? Leise? Vari­ ieren Sie? Sie meinen, ein Kinderlied ist so komplex wie Beethoven oder Britten? Natürlich nicht so komplex, aber bei den beiden muss ich mir die gleichen Fragen stellen. Wenn ich nur die Noten spielen würde, wäre es keine Musik. Konzerteinspielung des Jahres (20./ 21. Jahr­ hundert) Janine Jansen. Beethoven & Britten: Violin Concertos (DECCA/ Universal Music)


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König Artus expressiv Mit Goldmarks „Merlin“ hat Gerd Schaller eine Oper ausgegraben, die man öfter hören will Carl Goldmark brauchte Mut, um seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Zunächst studierte er an der Technischen Universität, wurde dann Geiger und beschloss, auch diesen Job an den Nagel zu hängen, um sich ganz dem Komponieren zu widmen. Seine Vor­ bilder waren Beethoven und Schumann. Er selbst schrieb im Span­ nungsfeld von Wagner und Mendelssohn. Und so hört sich auch die bekannteste seiner sechs Opern an. „Merlin“ trägt tiefromantische und hoch expressive Züge. Die Oper war damals so erfolgreich, dass sie von der Wiener Staatsoper nach Prag, Dresden, Budapest, Ham­ burg und New York wanderte. Goldmark war mit Brahms befreun­ det und Lehrer des Komponisten Jean Sibelius. In der Geschichte um den Druiden, Seher und Berater von König Artus findet er Klän­ ge für das Unheimliche und Unerklärbare. Unerklärbar ist es auch, dass diese Oper so lange vergessen wurde. Das haben der Dirigent Gerd Schaller und die Philharmonie Festiva nun geändert und sich des Werkes angenommen. Und wie! Ein rau­ schendes Klangfest, in dem Schaller das Orchester auch schon mal von den Zügeln lässt, um Goldmarks Expressionismus zu frönen, dann nimmt er es für träumerische Gedanken wieder an die Kan­ dare und spannt ein märchenhaftes Panoptikum der Gegensätze. Schaller macht seinem Ruf als Meisterdirigent und Entdecker des Repertoires auf dieser Aufnahme alle Ehre. Operneinspielung des Jahres Philharmonie Festiva / Gerd Schaller. Carl Goldmark: Merlin (Profil Edition Günter Hänssler)

Offene Fragen Das Belcea Quartett spielt „Der Tod und das Mädchen“. Hier erklärt Geigerin Corina BelceaFischer Schuberts Geheimnis Es handelt sich bei „Der Tod und das Mädchen“ um ein Meisterwerk — ein Stück, das wir unbedingt spielen wollten, weil es so viele Fragen stellt. Es führt uns aus dem Licht in die Dunkelheit und zurück. Dabei entwickelt es Melodien wie ein endloser Strom und bringt uns immer näher zu uns selbst — und zum Leben Schuberts. Es ist eine Beson­ derheit, dass derart intime und private Musik uns alle berührt. Aber Schubert schafft genau das: er hat seine Leiden, seine Hoffnungen, seine privatesten Empfindungen so lange bearbeitet, bis sie als ge­ meingültige Musik erklingen. In einem Ensemble wie unserem geht es darum, sich gemeinsam ein Bild von der Musik zu machen und während der Proben zu sehen, welche intimen Gefühle jeder einzelne mit die­ sen Klängen verbindet, um sie miteinander zu verschmelzen und zum Klingen zu bringen. Eines der wichtigsten Dinge bei Schubert ist die Unbegreiflichkeit seiner Musik, die Mystik, die ihr innewohnt, die Unerklärbarkeit. Er hat Musik in so schnellen Prozessen aufgeschrieben und alles aufs Papier gebracht. Und heute stehen wir an vielen Stellen vor offenen Fragen. Es ist vielleicht gar nicht möglich, sie mit Worten zu beantworten. Unsere Musik versucht, Antworten in all ihrer Offenheit zu geben. Sicher ist nur, dass kaum ein anderes Stück uns sowohl geistig als auch körperlich so bewegt wie dieses. Kammermusik-Einspielung des Jahres (19.Jahrhundert) Belcea Quartett. Franz Schubert: Streichquartette (EMI)

Wir bedanken uns bei unseren Partnern:


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Der Besessene Für Oboe gibt es nicht viele Stücke. Kein Problem für Albrecht Mayer. Er schnitzt sie einfach selbst Als Albrecht Mayer zum ersten Mal eine Oboe gesehen hat, war er sofort verliebt. Sie lag bei ihm zu Hause auf dem Tisch, in einem Kasten – und da hat Albrecht Mayer beschlossen: das ist mein Instrument. Egal, was seine Mitschüler sagten, egal wie viel er üben musste. Er wurde zum Besessenen, spielte so oft und so lange auf der Oboe, bis er alle Kniffe des Instruments heraus hatte. Er hat sich die Schilfrohre für sein Instrument selbst ge­ schnitzt und an der komplizierten Atemtechnik gefeilt. Damals war er ein Sonderling. Heute ist er nicht nur So­ looboist der Berliner Philharmoniker, sondern als Solokünstler auch einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Bei ihm hört man stets die Leidenschaft, mit der er musiziert. Das Instrument ist für Mayer kein Fremdkörper, kein Gegenstand, aus dem Töne kommen, sondern ein selbstverständlicher Teil seiner Ausdrucksfähigkeit. Bei Albrecht Mayer atmet die Oboe. Was er auch zu sagen hat ,am besten kann er es in Musik ausdrücken. Und wenn es gerade keine passende Musik für seinen Seelenzustand oder sein Instrument gibt, dann findet er eine. Mayer hat die wichtigsten Werke der größten Komponisten für die Oboe adoptiert, liebt es, Barockarien um­ zuschreiben und auf dem Instrument zu „singen“. Überhaupt scheint der organische Gesang, das Vibrieren der Stimme, der menschliche Ausdruck, das zu sein, was er mit seiner Oboe sucht und findet. Selten geht ein Solo­ instrument mehr unter die Haut wie die Oboe, die Albrecht Mayer spielt. Nachdem er sich mit seiner letzten CD dem strengen Meister Bach gewidmet hat, macht er sich in seinem aktuellen Album auf die Su­ Hier schreibt Albrecht Mayer über seinen che nach dem leichten Leben in Frankreich. Lieblingskomponisten und dessen Fragen Mayer hat in Paris nach neuer Literatur ge­ sucht., in jener Stadt, in der er sich zum ersten an die Menschlichkeit Mal als Jugendlicher verliebte, als er beim Die Musik Bachs spricht nahezu jeden Menschen an, egal wel­ französischen Oboenpapst Maurice Bourgue cher Herkunft. Und mich als gläubigen Menschen bewegt der studierte. Weil aber auch das französische religiöse Aspekt dieser Musik zusätzlich sehr. Leitmotiv (oder Oboenrepertoire sehr übersichtlich ist, Programm) von Bachs Kantaten ist immer „Soli Deo Gloria“, hat Mayer für seine Frankreich-Hommage „Zum Ruhme und zur Ehre Gottes“. Daher beginnt und endet berühmte Melodien bearbeiten lassen. meine neue Bach-CD mit dem Choral „Was Gott tut, das ist Sanfte Poesie und traumschöne Delikatesse wohlgetan“. Dieser Titel beinhaltet für mich sowohl eine zen­ entlockt er arrangierten Klavierstücken wie trale Aussage als auch eine zentrale Frage, an der die Menschen Saties „Gymnopédies“ und Debussys „Clair de sich immer reiben werden: Ist, was Gott tut, immer wohlgetan? lune“. Wundersam atmet bei ihm die „Pavane“ Müssen wir, wenn wir an einen ordnenden Schöpfer hinter dem von Gabriel Fauré. Und die Ode „À Chloris“ des Kosmos glauben, unser Schicksal annehmen, was auch immer Proust-Freundes Reynaldo Hahn verwandelt Mayer in ein magisch sehnsuchtsvolles Chanson es uns auferlegt? Macht uns das zu gläubigen Menschen oder zu Fatalisten? Faszinierende Fragen, die wohl in der abendlän­ ohne Worte. Wieder einmal stellt er unter Be­ dischen Kunst nirgends ergreifender zum Ausdruck gebracht weis, dass die Musik nicht nur intime Gedanken wurden als in der Musik Johann Sebastian Bachs. zum Klingen bringt, sondern das Lebensgefühl einer ganzen Stadt.

Mein Gott, mein Bach

Instrumentalist des Jahres (Oboe): Albrecht Mayer. Bach-Werke für Oboe, Orchester und Chor (DECCA/ Universal Music)

K R U G E R M E D I A


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Mit Geige, Cello und Marimbaphon Die Edition SEE-IGEL erzählt ein phantas­ tisches Grimm-Märchen mit kluger Musik

Oper als Multimedium Fura dels Baus heizt dem „Rheingold“ ein Wenn Richard Wagner das geahnt hätte — er wäre aus dem Häuschen gewe­ sen! Er wollte, dass die Kunst die Menschen bewegt. In seinen Skizzen zum „Ring“ hat er sich gewünscht, das gesamte Opernhaus nach der „Götterdäm­ merung“ abzufackeln. Die Oper sollte Wirklichkeit werden. Eine Idee, die den spanischen Künstlern von Fura dels Baus gefallen hätte. Für sie kommt die Kunst vom „Spectaculum“, vom Spektakel. Doch die große Show ist für sie keine hohle Effektmacherei, sondern der Versuch, der Oper neue Dimensionen zu geben: Pyrotechnik, Videoinstallationen und akrobatische Bewegungen. Bei ihnen wird die Bühne zum Multimedium und Richard Wagner endgültig in unsere Zeit gebeamt. Natürlich auch dank der musikalischen Kraft von Zubin Mehta. Ebenso ambitioniert wie die Aufführung ist der Videomitschnitt aus Valencia. Man braucht keinen 3D-Bildschirm, damit diese Oper ins Wohn­ zimmer kommt -und Wagners Werk unter die Haut kriecht. Fura dels Baus beweist, dass eine Oper spektakulärer sein kann als so mancher Film made in Hollywood. Die spanischen Künstler heizen der guten alten Oper ein, ohne sie zu verraten. Sie zeigen ihre eigentliche Daseinsberchtigung: Oper steht mitten in unserer Zeit und will nichts anderes als sie bewegen. M usik-DVD-Produktion des Jahres (Operneinspielung) Richard Wagner: Das Rheingold. Orchestra de la Comunitat Valencia / Zubin Mehta (C Major)

Wie lieb kann man einen Menschen haben? So lieb wie ein ganzes Königreich. So lieb wie alle Edelsteine der Welt. Oder so lieb wie das Salz! Die Gebrüder Grimm haben sich diese Frage in ihrem Märchen „Die Gänsehirtin am Brun­ nen“ gestellt – und kommen zu verblüffenden Ergebnis­ sen. Die Edition SEE-IGEL hat sich dieses zu Unrecht ver­ gessenen Märchens angenommen und es unter dem Titel „Prinzessin graues Mäuschen“ aufgenommen. Dabei ist das Wort „aufgenommen“, wie immer bei SEE-IGEL, weit untertrieben. Auch diese CD ist keine normale Hör-CD. Sie ist eine liebevolle Collage aus modern erzähltem Märchen und assoziativer, klassischer Musik. So wird die Prinzessin, die ihren Vater so sehr liebt wie das Salz, zwar nicht mit Pauken und Trompeten, wohl aber mit Geige, Bratsche, Cello und Marimbaphon aus dem Schloss gejagt, um irgendwann wieder triumphal zurückzukehren. Ihr märchenhafter Weg wird dabei mit klug bearbeiteten Werken von Dvorák, Sibelius und anderen Komponisten gepflastert. Über allem schwebt die charaktervolle Stimme der be­ rühmten Schauspielerin Eva Mattes. Sie macht diese CD zu einem dreidimensionalen Hörerlebnis, in dem man durch Wälder und Paläste aus Musik wandelt. Wieder ein­ mal ist es den SEE-IGELN Ute Kleeberg und Uwe Stoffel gelungen, eine uralte Geschichte mit klassischen Mitteln nicht nur liebevoll, sondern auch spannend und modern zu erzählen. Diese Art der Kinderklassik ist beim Label SEE-IGEL inzwischen schon zum Programm geworden. Das Tolle an diesem Konzept: die klassische Musik wird en passant aufgenommen und ist grundlegender Teil der Märchenhandlung.  lassik für Kinder Prinzessin Graues Mäuschen. K Ute Kleeberg/ Uwe Stoffel (Edition SEE-IGEL)


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Stooooop! Das Fauré Quartett ist eines der spannendsten Kammermusik-Ensembles. Den ECHO hat es für die Interpretation von Popsongs bekommen. Ganz zeitgemäß hat der Pianist Dirk Mommertz sich im Facebook-Chat den unseren Fragen gestellt

16:12 ich

16:22 dirk

16:44 ich

Ist Facebook für dich auch PR-Plattform oder nur für Freunde?

Kann ich machen. Zum Glück hört man das im Chat nicht.

16:13 dirk

16:23 ich

Weil ihr wissen wollt, ob auch musikunge­bildete Menschen eure Musiksprache „verstehen“?

Beides, wobei: eher PR Plattform. Privat bin ich da eher nachlässig.

Beethoven war ja eh taub!!!! lol

16:47 dirk

16:23 dirk

16:13 ich

Ich sehe mich insofern als modernen Musiker, als ich, um mir eine Existenz als Musiker zu sichern, so viele außermusikalische Dinge tue (tun muss, gern tue, tun will, was auch immer), z.B. Interviews führen oder alles was mit der Vermarktung dessen, wofür ich als Musiker stehe, zu tun hat. Wenn man so will, nenne ich es modern, sich auf die neuen Gesetze der Vermarktung einzulassen. So gesehen bin ich fast gleichzeitig eine Art Unternehmer, Gesellschafter (im FQ).

„Musikungebildet“ halte ich für einen heiklen Begriff. Musik hat in erster Linie nichts mit Bildung zu tun. Einer meiner persönlich ehrlichsten, wirksamsten und „richtigsten“ Kritiker ist ein Ingenieur. Es geht um das Gespür für Musik. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht „fachmännischen“ Rat ein­ holen soll. Dafür studierte ich 10 Jahre und tue es weiter (auch ohne Immatrikulation)

Und funktioniert das? 16:13 dirk

Je nach Anspruch. Immerhin wächst die „Fangemeinde“ bei meinem Kammermusikensemble stetig :-) 16:14 ich

:-) Wo steckst du? 16:15 dirk

Sitze erschöpft von moderner Musik (aber sehr schöner) in der Berliner UDK und ruhe mich im Interview mit dir aus. 16:15 ich

... wart’s nur ab, wird schon noch anstrengender! Könnte ja mal eine gemeine Frage stellen. 16:16 dirk

Wenn ich gemein antworten darf. 16:16 ich

Zum Beispiel diese: Bist Du ein moderner Musiker? 16:17 dirk

Oh, das ist ja eine ganz gewiefte Frage. Zielt die Gemeinheit auf den Begriff oder das, was dahinter steht? 16:19 ich

Weiß ich nicht. Ist so ganz ohne Hintergedanken :-) 16:20 dirk

Ist ganz schön schwer, solch eine Frage nicht mit Floskeln wie „Beethovensche Musik ist doch zeitlos“ oder „ich kann gerade DURCH die Beschäftigung mit moderner Musik so viel über Bach lernen“ zu beantworten. Du merkst, ich schinde Zeit :-)

16:51 ich

Was weiß der Ingenieur, was du nicht weißt? 16:53 dirk

Wenn ein Musiker z.B. in der Lage ist, die Form eines Stückes richtig darzustellen, wenn er einen Bogen richtig spannt, wenn 16:34 dirk er die „Energie“ (wichtiges Kriterium in der Gerade geht’s :-) Musik) erkennt und transportiert, dann 16:34 ich versteht es auch der musikalische Laie. Danke! Wann nerven sie? ­Vorausgesetzt, ihn interessiert es. Der Inge16:37 dirk nieur lenkt meinen Blick auf das, wovon ich Als Kammermusiker steht man nicht so im oft durch mein Handwerk abgelenkt werde. „Rampenlicht“ und wird auch von AnstürWir Musiker haben es schwer, überhaupt men verschont. Also nervt es nicht. Amüsant noch Musik frei zu hören, vor allem die allerdings sind Interviews, bei denen man Musik, die wir kennen und die, die wir selbst im Laufe des Gesprächs Fragen beantworgespielt haben. Ich unterrichte lieber Werke, ten muss, wie „wie viele sind sie im Fauré die ich nicht selbst gespielt habe. Quartett“ (das hatte ich vor kurzem). Oder 17:16 ich ich wurde gefragt, nachdem eine Journalistin Letzte Frage: Wie heißt die Überschrift einen Bericht über unseren Echo schreiben zu diesem Interview! (habe doch gesagt, wollte , welches Instrument ICH denn in der dass es gemein wird) :-) Gruppe spiele. Dann bin ich aber nicht Diva genug zu sagen: „Bereiten Sie sich gefälligst 17:16 dirk Hm… auf Ihr Gespräch vor, das ist Ihr Job!“ 16:33 ich

Nerven Dich Journalisten manchmal?

16:40 ich

17:16 ich

Sollte man vielleicht machen! Gab es Kritiker oder Kritiken, die dich zum ernsthaften Nachdenken über deine Musik gebracht haben?

Die ist gut!

16:21 ich

16:43 dirk

Stooooopppp ist gekauft!

Ich finde das schon lustig: wir schreiben hier im Chat, wenn man sich mal Beethoven, Mozart oder Co. anschaut. Die haben ganz anders kommuniziert — Musik ist doch auch Kommunikation!

Kommt drauf an. Man ist leicht versucht, sich von guten „offiziellen“ Kritiken“ geschmeichelt und von schlechten verletzt zu fühlen, ohne zu wissen, wer das überhaupt geschrieben hat. Ich muss aber ganz uneitel sagen, dass wir bisher weitgehend gut behandelt werden, glücklicherweise. Allerdings suchen wir bis heute „Kritiker“, die wir um Rat fragen. Das sind meist Musiker, Freunde, teilweise unabhängig davon, wie viel sie von Musik verstehen.

17:17 dirk

16:22 dirk

Sollen wir uns was vorsingen? 16:22 ich

Wenn du anfängst!

17:17 dirk

STOOOOOOOPPPP 17:17 ich

„Der Bauch des Architekten“ Ist ’n Film von Greenaway. 17:22 dirk

Wünsch dir was, Harry Hirsch! 17:22 ich

Dir auch, Klimper-Klamper! Mach’s gut. Klassik ohne Grenzen: Fauré Quartett. Popsongs (Deutsche Grammophon/ Universal Music)


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Sting, was ist klassisch? Sting, Sie suchen Inspiration für den Pop in der Klassik und haben ein Album in der Tradition von Schuberts „Winterreise“ aufgenommen. Ist Klassik die Mutter aller Musik? Das habe ich auch einmal gedacht. Inzwischen glaube ich aber, dass die Wurzel der Musik im Folk liegt. Folk und Pop gehören zur gleichen Familie, die Klassik hat vielleicht diesel­ be DNA – aber sie funktioniert anders. Klassik bedeutet für mich in erster Linie: da stehen Noten. Ich sehe ein C, die Län­ ge des Cs und kann es singen. Klassik flößt mir Ehrfurcht ein. Ich kann sie nicht interpretieren wie ein klassischer Sänger, aber ich bin fasziniert von diesen Noten und liebe es, meine eigene Interpretation zu finden. Geht es auch um eine Authentizität? Sting: Ich glaube, dass es in unserer postmodernen Welt ein grundsätzliches Problem jeder Kunst ist, authentisch zu sein. Was ist schon wahr? Nichts mehr! Alles hat einen doppelten Boden. Und ich gelange allmählich zu der Überzeugung, dass nichts mehr authentisch ist – auch nicht die Musik. Sie meinen den kalkulierten Bruch der Form? Für die Klassik scheint der Klang immer eine Form zu gebrauchen, wohingegen der Rock daran arbeitet, bestehende Formen zu sprengen …

ECHO K l a ssi k M ag a zi n IMPRESSUM Erscheinungsdatum September 2010 © Bundesverband Musikindustrie e. V. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers

Herausgeber: Bundesverband Musikindustrie e.V. Reinhardtstraße 29 10117 Berlin Tel.: 030 – 59 00 38 -0 Fax.: 030 – 59 00 38 -38 www.echoklassik.de Redaktion: Daniel Sebastian Knöll (V.i.S.d.P.), Chefredakteur: Axel Brüggemann (operatext) Redaktion: Claudia Elsässer Projektleitung: Daniel Sebastian Knöll

Der Rock trägt doch nur noch die Kostümierung der Rebellion. In Wahrheit ist er zutiefst konservativ - fast schon reak­ tionär. Es ist unmöglich, den Rock zu verändern – ich habe das selbst ja immer wieder versucht. Ein klassischer Musiker wie Stravinsky ist sicherlich revolutionärer gewesen als der Rock’n Roll oder der ebenfalls festgefahrene Heavy Metall. Vielleicht ist es ein Problem des Rocks, dass die Revolution in ihm eine Normalität ist. Die Frage ist, wo geht es hin? Ich weiß es nicht! Unsere Ge­ schichte ist an einem Punkt der unendlichen Erneuerung angekommen. Wir leben in einer Zeit, in der niemand vorher­ sagen kann, wie wir in fünf Jahren leben. Schauen Sie, wie schnell sich allein die Computer verändern. Diese dauernde Entwicklung kann nur in der Aufwertung des Einzigartigen münden. Aber ich habe keine Idee, was dieses Einzigartige sein könnte. Sind Sie ein Klassiker, Sting? Ich frage mich gerade, ob Bach sich je überlegt hat, ob er 2009 klassisch sein wird, oder ob es eher sein Problem war, jeden Sonntag eine verdammte Messe fertig zu komponieren. Ich schaue mir jeden Morgen eines seiner Stücke an, spiele eine Partita und komme mir vor, als würde ich mit dem Meister persönlich dasitzen. Er war ein Klassiker. Das ist sicher.

Art Direktion: Dominik Schech (schech.net) Bildredaktion und Schlussredaktion: Claudia Elsässer (operatext) Layout und Satz: schech.net |Strategie. Kommunikation. Design. www.schech.net Anzeigen: Daniel Sebastian Knöll Druck: Druckhaus Dresden GmbH

Bildnachweis: Titel: DG // 4 ZDF // 5 Phono Akademie //6 Stadt Essen, Philharmonie Essen // 8 ZDF, Collage Schech // 10 Markus Nass BVMI // 12 DG // 13 Privat // 14 EMI, Sammy Hart // 15 Sony // 16 Wilfried Hösl // 17 EMI // 20 EMI, Neons // 21 Sony, harmonia mundi // 22 MDG, Collage Schech // 24 Sony // 25 Sony // 26 Marco Borggreve, Sony // 27 DEAG // 28 DECCA // 30 Sony // 31 BR // 32 DG // 34 Privat // 35 DG // 36 Solo Musica, Wergo // 37 Martin Jehnichen // 38 Ars Production, Sybele, Zicg-Zag // 39 DG // 40 EMI, Cybele // 41 Sony, Berlin Classics // 42 DECCA // 44 MDG, Hänssler // 45 DG, DECCA // 46 Günter Hänssler, EMI // 47 DEG // 48 C Major, See-Igel // 49 Privat Collage Schech // 50 DG


Klassik Hits Anna Netrebko, David Garrett, Rolando Villazón, Nigel Kennedy... Alle Stars der Klassik. Fotograph Clive Arrowsmith

Filmmusik

Fluch der Karibik, Herr der Ringe, Avatar, King Kong, The Day After Tomorrow... Die größten Filmmusik Hits.

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Klassik Lounge Entspannen mit sanften Downbeats, gemixt von Europas besten DJs. Täglich ab 22 Uhr. Fotograph Stephan Goschlik

www.klassikradio.de

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ECHO Klassik Magazin 2010  

Der ECHO-Klassik ist der begehrteste Preis der Musikbranche. Das ECHO Klassik Magazin begleitet die Preisverleihung mit Hintergründen, Story...

ECHO Klassik Magazin 2010  

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