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KLASSIK MAGAZIN 2013

DA S GROSSE H E F T DE R PR E IS T R ÄGE R I N T E RV I E WS, H I N T E RGRÜ N DE U N D R E P ORTAGE N Z U R E C HO K L A SSI K GA L A I N BE R L I N

SENDETERMIN

6.10.2013 22 UHR IM ZDF

KLASSIK ” MACHT BUMM!

MODE R AT OR U N D PR E IS T R ÄGE R ROL A N D O V I L L A ZÓN Ü BER DIE K R A F T V ER DIS

W W W. E C H O K L A S S I K . D E


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Michael Nagy


ECHO KLASS I K M AG A Z I N

DIE KLASSIK: DAS CHAMÄLEON DER ZEIT

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er 20. ECHO Klassik wird verliehen – das ist nicht nur Grund für eine außergewöhnliche Feier der Musik im Konzerthaus Berlin und im ZDF, das ist auch der Zeitpunkt für einen Rückblick. Der ECHO Klassik hat sich als Fixpunkt im KlassikTerminkalender etabliert, ist Ort, an dem Künstler gefeiert und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ein Preis, bei dem die großen Stars auftreten und neue Entdeckungen vorgestellt werden. Sie werden in dieser Ausgabe des ECHO Klassik-Magazins viele neue Gesichter kennenlernen, die ihren individuellen Weg durch die Welt der Musik gefunden haben. Aber Sie werden auch auf alte Bekannte treffen, die bereits mehrfach mit dem begehrten Preis ausgezeichnet wurden. Der ECHO Klassik tritt damit gleich zwei Beweise an: Zum einen, dass die Musik von Bach, Beethoven und Boulez eine zeitlose Größe ist, dass sie ihre Kraft und gesellschaftliche Relevanz aus der Beständigkeit zieht, und dass sie uns immer wieder auffordert, auf die Geschichte zurückzublicken, um unsere Gegenwart einzuordnen. Auf der anderen Seite zeigt der ECHO Klassik auch die Wandlungsfähigkeit unserer Musik: Labels, Künstler und auch das Publikum lassen sich immer wieder auf neue Interpretationen der alten Werke ein, erweitern die Klangzone von der Bühne über die CD bis ins Internet. Die klassische Musik gilt oft als gestrig, dabei hat sie seit Jahrhunderten bewiesen, dass sie sich wie keine andere Kunst ständig den Gegebenheiten unserer Wirklichkeit anpassen kann. Diese Wandlungsfähigkeit hat der ECHO Klassik bereits zum 20. Mal unter Beweis gestellt. Und wir freuen uns, dass wir Ihnen auch in diesem Jubiläumsjahr wieder eine spannende Lektüre bieten können, um die Abenteuer der einzelnen Künstler genauer kennenzulernen. Viel Spaß bei Ihrem ECHO Klassik–Magazin wünschen Rebecka Heinz und Axel Brüggemann

INHALT

2 Vorworte 6 Die Aura des Klanges 10 Rückblick 14 Helmuth Rilling 16 Kristian Bezuidenhout, James Wood 18 Rolando Villazón 20 Joel Frederiksen, Dorothee Oberlinger 22 Der „Ring“ 23 Alexandre Tharaud 24 Joyce DiDonato 26 Jordi Savall, Martha Argerich 27 Elīna Garanča, Jonas Kaufmann 28 Cecilia Bartoli 29 Sol Gabetta, Hélène Grimaud 30 Simon Rattle, Emanuel Ax 31 Julia Lezhneva 32 Janine Jansen, Leonidas Kavakos 33 Max Emanuel Cencic 34 Sol Gabetta 36 Fazil Say 37 Alexander Krichel 38 Duo Tal & Groethuysen, Patricia Kopatchinskaja 39 Christian Schmitt, Nikolai Lugansky 40 Lang Lang 41 Esa-Pekka Salonen, Mark Padmore 42 Aapo Häkkinen, Arthaus Musik 44 Max Richter, Daniel Hope 46 Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus Wien 47 MDG 48 Der ECHO-YouTube-Channel


E CHO KLA S S IK M AG A ZIN

EIN FEST FÜR DIE MUSIK

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SENDETERMIN

6.10.2013 22 UHR IM ZDF

ie 20. Verleihung des „ECHO Klassik“ ist ein schöner Anlass, auf seine Erfolgsgeschichte zurückzublicken. 1994 erstmals verliehen wurde er zwei Jahre später mit dem Einstieg des ZDF auf einen neuen Level gehoben und erstmals im TV ausgestrahlt: „Ein Echo für Dresden“ war Preisverleihungsgala und Benefizveranstaltung für den Wiederaufbau der Frauenkirche zugleich. Heute ist der ECHO Klassik nicht nur der wichtigste und bekannteste Klassik-Preis Deutschlands, sondern zählt auch zu den bedeutendsten Auszeichnungen weltweit. Die Liste seiner Preisträger liest sich wie das Who is Who der Klassik, alle Großen der Branche sind stolz darauf, „ihren“ ECHO in der Vitrine stehen zu haben. Ein besonderes Anliegen ist der Jury die Nachwuchsförderung, so manche Karriere hat durch den ECHO Klassik und die TV-Übertragung ihren entscheidenden Impuls bekommen. Unter den Newcomer-Preisträgern der frühen Jahre finden sich Namen wie Christine Schäfer (1998), Hilary Hahn, Daniel Harding (beide 1999) oder Magdalena Kožená (2000) – heute allesamt Weltstars. Zu den bewegendsten Augenblicken der Gala zählt stets die Verleihung des ECHO Klassik für das Lebenswerk, wenn Künstler wie Montserrat Caballé, Plácido Domingo, Anneliese Rothenberger, Mstislaw Rostropowitsch oder Dietrich Fischer-Dieskau auf ihre Karriere zurückblicken. Die emotionale Kraft dieser Momente kann kein anderes Medium so unmittelbar übertragen wie das Fernsehen. Jahr für Jahr schauen sich Millionen die Verleihung

des ECHO Klassik im ZDF an. Das zeigt, dass Klassik den öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag und das Publikumsinteresse, Qualität und Quote zusammenbringt. Auf seinen Anteil am Erfolg des ECHO Klassik ist das ZDF sehr stolz, denn Klassik ist eines unserer Markenzeichen. Unser Angebot ist breit gefächert und reichte allein in diesem Sommer von der Übertragung der Jubiläums„Aida“ zum Verdi-Jahr aus der Arena von Verona bis zu einem internationalen Konzerthighlight der Extraklasse, der „Sommernachtsmusik“ mit Anna Netrebko vom Roten Platz in Moskau. Und mit dem Silvesterkonzert, das wir seit drei Jahren aus der Dresdner Semperoper senden, haben wir einen Trend setzen können und die Wiederentdeckung der Operette mit angestoßen. Das Konzerthaus Berlin ist der ideale Ort für die Verleihung des ECHO Klassik 2013, es bietet eine ausgezeichnete Akustik und zugleich ein stilvolles Ambiente für unsere TV-Gala. Und mit dem Konzerthausorchester wissen wir ein hervorragendes Ensemble an der Seite unserer Preisträger. Ich gratuliere unserem Partner, dem Bundesverband Musikindustrie, zur 20. Verleihung des ECHO Klassik, und freue mich, die gute Zusammenarbeit in den nächsten Jahren fortzusetzen. Ihnen, liebes Publikum, wünsche ich einen anregenden Konzertabend!

DR. THOMAS BELLUT INTENDANT DES ZDF


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EINE REISE DES KLANGES

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lassik hat in Deutschland eine lange Tradition und Klassik aus Deutschland wird in der ganzen Welt gehört. Um den Künstlerinnen und Künstlern dieses Genres die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen, und um immer mehr Menschen für die Klassik zu begeistern, hat die Deutsche Phono-Akademie 1994 den ECHO Klassik ins Leben gerufen. Was damals in kleinem Rahmen begann, hat sich heute zu einer der renommiertesten Auszeichnungen für klassische Musik weltweit entwickelt. Namhafte Größen der Klassikwelt haben die ECHO-Trophäe persönlich entgegengenommen und damit den internationalen Stellenwert des Preises unterstrichen. Im Laufe der Jahre durften wir nicht nur Weltstars wie Sir Simon Rattle, Anna Netrebko, Giora Feidman, Cecilia Bartoli, Nigel Kennedy, Lang Lang oder Anne-Sophie Mutter auf der ECHO Klassik-Bühne begrüßen, sondern auch zahlreiche Nachwuchstalente, für die der ECHO nicht selten auch das Sprungbrett für eine internationale Karriere bedeutete. Dass der ECHO Klassik mit den Jahren seine heutige Strahlkraft entfalten konnte, haben wir unter anderem auch der Kooperation mit dem ZDF zu verdanken. Seit nunmehr 18 Jahren steht uns das ZDF als Partner zur Seite und hat maßgeblich dazu beigetragen,

dass der Preis einem Millionenpublikum erlebbar ist. Gemeinsam haben wir in zahlreichen Städten gastiert und beeindruckende Konzerthäuser gesehen, darunter München, Hamburg, Dresden, Frankfurt, Baden-Baden, Weimar und Berlin. Besonders freue ich mich dabei auch darüber, dass der ECHO Klassik im Rahmen von RUHR2010 in der Philharmonie Essen Zwischenstation machen konnte. In diesem Jahr findet die 20. Verleihung im Konzerthaus Berlin statt – der perfekte Rahmen, um ein Jubiläum zu feiern. Und auch in diesem Jahr können wir uns auf eine Reise durch die Welt der Klassik freuen, von ihren Ursprüngen bis hin zu modernen, grenzüberschreitenden Interpretationen und Darbietungen. Ein Vorgeschmack auf die Verleihung und einen Einblick in das Leben der ausgezeichneten Preisträger bietet dieses Magazin – mit vielen spannenden Neuentdeckungen und Geschichten über gefeierte Stars. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise durch die Welt der Klassik und beste Unterhaltung mit diesem Magazin.

PROF. DIETER GORNY VORSTANDSVORSITZENDER BUNDESVERBAND MUSIKINDUSTRIE E.V.


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GRUSSWORTE

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um 20. Mal rollt die Deutsche Phono-Akademie her­ ausragenden Künstlerinnen und Künstlern der klassischen Musik bei der Verleihung des ECHO Klassik den roten Teppich aus. Im Namen Berlins heiße ich alle Gäste herzlich willkommen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Eine Lanze brechen für die Klassik: Das ist das Kernanliegen der Veranstalter, mit dem sie auf eine immer größere Resonanz stoßen. So hat sich die Preisverleihung als Fest der Kreativen etabliert, das eine beachtliche Ausstrahlung in die breite Öffentlichkeit entfaltet. Und der Preis selbst hat sich im Laufe der Jahre zu einem der bedeutendsten Klassikpreise der Welt entwickelt, bei dem beides zählt: künstlerische Qualität und Publikumserfolg. Ich wünsche dem Publikum eine unterhaltsame Gala mit unvergesslichen Hörerlebnissen, allen Akteuren viel Freude beim Musizieren und dem ECHO Klassik, dass der Funke auf all jene überspringt, welche die Klassik noch nicht für sich entdeckt haben. KLAUS WOWEREIT REGIERENDER BÜRGERMEISTER VON BERLIN

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ch heiße Sie herzlich willkommen zur 20. Preisverleihung des ECHO Klassik im festlichen Saal des Konzerthaus Berlin. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 hat sich der ECHO Klassik zu einer renommierten Auszeichnung des Deutschen Musiklebens und einem wichtigen Treffpunkt für die internationale Klassikbranche entwickelt. Auch das Konzerthaus Berlin beherbergte in seiner fast 200-jährigen Geschichte viele bedeutende Komponisten und Interpreten, wie Ludwig van Beethoven, Richard Wagner, Franz Liszt oder Leonard Bernstein und prägte so das Musikleben Berlins. Daher ist es für uns eine große Freude, der Gastgeber der diesjährigen ECHO Klassik-Preisverleihung zu sein. Wir gratulieren den Künstlern und Ensembles, die dieses Jahr das Rennen gemacht haben und wünschen Ihnen allen einen unterhaltsamen und bewegenden Abend hier im Konzerthaus Berlin. PROF. DR. SEBASTIAN NORDMANN INTENDANT KONZERTHAUS BERLIN


ÂťIch lese crescendoÂŤ Elisabeth Kulman, Mezzosopranistin


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DIE AURA DES KLANGES IN ZEITEN DIE DERAMULTIMEDIEN URA

DES KLANG ES

IN ZEITEN N E I D E M I T L U M R E D


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Der ECHO Klassik wird zum 20. Mal verliehen. Die Zeiten und die technischen Möglichkeiten wandeln sich. Die Idee aber bleibt die Gleiche: Wir verstehen unsere Gegenwart nur aus der Vergangenheit heraus. VON AXEL BRÜGGEMANN

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s war einmal eine Zeit, in der die Klassik keinen ECHO brauchte. Damals, im 18. Jahrhundert etwa, als in fast jeder Kirche an fast jedem Sonntag die Uraufführung eines modernen Meis­ terwerks gegeben wurde – natürlich vor vollen Rängen. Musik war schließlich Teil des allgemeinen Lebens. Oder im 19. Jahrhundert, als das neue, mächtige Bürgertum begann, Konzert- und Opernhäuser zu bauen, als in Paris, Rom und Berlin jeden Abend die neuesten Hits von Wagner, Verdi, von Donizetti und Puccini gegeben wurden. Damals war die Klassik auch noch nicht „klassisch“, sondern populäre Musik für ein breites Publikum, die in der Öffentlichkeit debattiert wurde: in den Gassen, in der Philosophie oder in der Politik. Wie groß der Einfluss der Töne auf die Geschichte der Menschheit im 19. Jahrhundert war, zeigen die Jubilare dieses Jahres: Richard Wagner und Giuseppe Verdi, die beide vor 200 Jahren geboren wurden, trieben in ihren Opern die Revolutionen ihrer Länder voran und komponierten den Soundtrack des neuen, nationalstaatlichen Europas, in dem wir noch heute leben. Inzwischen sieht die Situation etwas anders aus. Die Klassik kämpft um ihre Existenz. Sie gilt als Musik von gestern, als Klang der Vergangenheit, der unserer Gegenwart höchstens Orientierung, Vergleiche mit dem Alten, ein bisschen Glamour und moralische und seelische Muße geben kann. Sie wird als kostspieliges Hobby einiger Freaks verstanden, als kulturelle Aufgabe des Staates, der sie in Opernhäusern, Konzertsälen oder durch die Unterhaltung großer Orchester subventioniert – im Glauben, dass die klassische Musik ein schützenswertes Kulturgut ist. Tatsächlich aber ist die Klassik auch heute noch Teil unserer Kultur. Aktuelle Umfragen haben ergeben, dass ein Großteil der Bevölkerung, der nicht in Klassik-Veranstaltungen geht, es trotzdem wichtig findet, dass Theater und Orchester unterhalten werden – vielleicht auch, weil jeder ahnt, dass die klassische Musik Teil unserer Menschwerdung ist, dass die Musik von Mozart und Co. auch heute noch etwas in uns bewegt.

Dabei scheinen gerade Orchester mit über 100 Musikern in Zeiten, da Musik oft mit nur einem Computer produziert wird, wie Anachronismen zu wirken: Opernaufführungen, bei denen über 300 Menschen mitmachen, sind opulente Kostenfaktoren. Und zum Hören von Kammermusik, die sich um die Details der Kompositionen kümmert und stets das Experimentierfeld der Klassik war, scheinen in unserer schnellen Gegenwart oft einfach die Zeit und die Muße zu fehlen. Früher galten Opern als moderne Multimedien. Sie waren die einzigen Kunstwerke, in denen Musik, Text, Architektur und Malerei miteinander verbunden wurden. Die Musik scheint also Vorgänger jenes multimedialen Zeitalters zu sein, in dem wir leben. Und deshalb müssen sich alle Menschen, die mit Klassik zu tun haben, die Frage stellen, wie die Erfindung neuer Medien auf das Medium Klassik wirkt. Heute werden Songs bei iTunes für 1,29 Euro angeboten, meist drei oder vier Minuten Musik. Die Datenbank ist für den langen Atem der klassischen Musik kaum ausgelegt. Gleichzeitig ist die multimediale Revolution noch lange nicht so weit, dass man sich ganze Symphonien oder Opern auf dem Computer in perfekter Qualität anschauen kann. Klassik fordert aber gerade diese Perfektion in Bild und Klang, hält sich nicht an die schnellen Rhythmen einer schnellen Zeit – sie fordert Ausgeglichenheit, Ruhe und das Nachdenken. Klassik entschleunigt uns, um unsere Zukunft besser überdenken zu können. ange profitierte die klassische Musik von der technischen Entwicklung. Kein Wunder, denn die Musik ist eine Kunst mit zwei Schöpfungen: Die eine ist die alte Partitur – sie fand in der Vergangenheit statt. Die andere ist eine Schöpfung im Jetzt: das Erklingenlassen der Musik in Konzerten und auf der Bühne. Jeden Abend hören wir die gleichen Stücke von Bach oder Beethoven – und immer hören sie sich anders an. Und genau darum geht es in den neuen Medien auch: diese Gegenwärtigkeit der zweiten Schöpfung zu transportieren, sie darzustellen. Der Philosoph Walter Benjamin hat von der Aura eines Kunstwerkes geredet und meinte damit die Magie, die entsteht, wenn wir einem Bild wie der Mona Lisa direkt gegenüberstehen – eine Magie, die

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in einer Reproduktion, auf einem Foto, niemals entstehen kann. In der Klassik ist das anders. Aura entsteht immer erst, wenn eine „stumme Partitur“ zum Klingen gebracht wird, also immer nur in der Gegenwart. Und die Aufgabe und Herausforderung der Plattenfirmen ist es, diese Aura so gut wie möglich zu transportieren. Eine neue KlassikAufnahme ist also immer eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die viel über unsere Zeit verrät. Und gerade deshalb haben sich neue Medien und die alte Kunst der Klassik oft gut verstanden. Die Klassik versucht, die Aura des Klanges zu retten und zu transportieren. Für die ersten Schellack-Platten waren die Gassenhauer von Caruso bestens geeignet, und auch die CD war letztlich eine Pionierleistung von Klassik-Künstlern wie Herbert von Karajan, die eine optimale Klangqualität anstrebten. Selbst auf dem MP3-Markt sind es wieder die Klassik-Firmen, die neue Qualitätsstandards schaffen und Formate entwickeln, die weit über die gewohnten Tonqualitäten hinausgehen. Und trotzdem scheint diese Musik oft nicht mehr in unser Medienverhalten zu passen, das sich an schnellen Bildern, rasanten Schnitten und möglichst kleinen Erzählbögen orientiert. Die Klassik ist immer weiter aus unserem Alltag in eine Nische verschwunden. ie Klassikpioniere haben erkannt, dass wir im Zeitalter der Aufmerksamkeits-Ökonomie leben. Lange hatte sich die klassische Musik auch im Fernsehen als Teil der Unterhaltungskultur gehalten: In „Erkennen Sie die Melodie?“ wurden selbst unbekannte Werke von Debussy und Strauss erraten, bei „Einer wird gewinnen“ war es selbstverständlich, dass René Kollo mit einer Arie auftrat, Anneliese Rothenberger und später Justus Frantz hatten eigene Klassik-Sendungen im Hauptprogramm. Aber diese Zeiten gingen zu Ende: Die Ära der kurzweiligen Unterhaltung, des Infotainments und der Berieselung setzte ein. Der Bildungsauftrag wurde in die Nischenkanäle von arte und 3sat übertragen, im Fernsehen begann die Quote zu regieren. Da stellten sich einige Vertreter des langen musikalischen Atems die Frage, wie sie diesen Trends begegnen sollten.

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Die Phono-Akademie ist eine Einrichtung, in der sich jene Schallplattenunternehmen zusammengeschlossen haben, die – anders als Opern- oder Konzerthäuser – klassische Musik ohne Subventionen am Leben halten müssen. Und diese Einrichtung suchte nach einer Möglichkeit, das Abenteuer ihres Tuns in die Öffentlichkeit zu bringen: die klassische Musik als noch immer notwendigen Teil unserer Gegenwart zu behaupten. Zum ersten Mal wurde der ECHO Klassik 1994 verliehen. Und er war eine klare Antwort auf das Verschwinden dieser Musik aus dem allgemeinen Leben. Ein Plädoyer für die Zeitzeugenschaft des Klanges. Eine Jury wählt nicht nur die künstlerisch wertvollsten, sondern auch die beim Publikum beliebtesten Klassik-Neuerscheinungen und prämiert die Besten. So wurde nicht nur ein neuer Preis in Anlehnung an den ECHO Pop gegründet, sondern die Aufmerksamkeit auch auf die klassische Musik gelenkt, die sich fortan in einer eigenen, großen Gala in Szene setzte. Dabei standen nie allein die Großmeister der Musik im Vordergrund, die Stars, die eh in der Öffentlichkeit stehen, sondern auch Musikpioniere, kleinere Labels, Tontechniker, Nachwuchskünstler und Ensembles aus den Nischen der Musikwelt. Inzwischen ist die Geschichte des ECHO Klassik auch eine „Hall of Fame“ der Klassik-Legenden. Die größten Künstler ihrer Zeit wurden ausgezeichnet. Erste Preisträgerin war die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Außerdem wurden die Sänger Angela Gheorghiu, Cecilia Bartoli, Rolando Villazón oder Thomas Quasthoff ausgezeichnet, aber auch Elisabeth Schwarzkopf, Anneliese Rothenberger und Plácido Domingo. Ebenso die Dirigenten Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle oder die Instrumentalisten Maurizio Pollini, Nigel Kennedy oder Lang Lang. Die Liste der Preisträger verrät aber auch etwas anderes über die Wirkungskraft dieser Auszeichnung: Künstler, die mit dem Nachwuchs-ECHO Klassik ausgezeichnet wurden, haben später oft eine große Karriere gemacht. Darunter sind so große Namen wie die Pianistin Ragna Schirmer (2003), der Geiger Daniel Hope (2004), der Dirigent Gustavo Dudamel (2007), die Geigerin Lisa Batiashvili (2008) oder der Violaspieler Nils Mönkemeyer (2009). Und bei aller Kritik an den Mechanismen des Marktes und der Selbstinszenierung der Klassik-Szene, bleibt sich die Jury in ihrem Credo treu: die klassische Musik braucht sowohl strahlende Stars als auch Musiker, die sich jenseits der Genregrenzen auf Seitenwege begeben, vor einem vielleicht kleinem Publikum Neues ausprobieren, die fast vergessene Instrumente zu neuem Leben erwecken.


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Die Regel, dass unbekannte Musiker von bekannten Künstlern profitieren, weil diese in einer großen Öffentlichkeit für die Klassik werben, und die großen Stars sich von den innovativen Formen der jungen Musiker inspirieren lassen, lässt sich auch an den Labels festmachen: Der KlassikMarkt, der gerade in diesem Jahr etwa mit dem Verkauf des Branchen-Riesens EMI zu wackeln scheint, basierte schon immer auf Wechselwirkungen zwischen den Labels. Und auch heute noch ist er ein stabiles Konstrukt: Zum einen, weil andere Major-Labels sich noch immer zur Entdeckung junger Künstler und zu Investitionen in ihre Vorzeigemusiker verpflichtet fühlen, zum anderen aber auch, weil gerade kleine CD-Firmen ein stabiles Publikum für ihr Repertoire gefunden haben, weil sie sich jedes Jahr aufs Neue als Entdecker präsentieren und das Abenteuer Musik gerade dort beleben, wo das Ohr nicht sofort hinhört. In diesem Jahr sind besonders einige kleine Labels durch die Erschütterungen im internationalen Vertrieb gebeutelt – aber sie sind es, die auch die Superstars mittragen. Wir können uns nicht leisten, auf sie und ihre Innovationskraft zu verzichten. Klassik funktioniert nur mit Solidarität. Der ECHO Klassik zeigt also auch, wie groß die Spannbreite der klassischen Musik ist, und vor allen Dingen, dass diese Kunst voller Überraschungen steckt. Denn klassische Musik beschäftigt sich nicht nur mit der Aufführung großer Meisterwerke, sondern auch mit ihrer Präsentation. Es sind weitgehend Labels wie MDG, die am optimalen SurroundKlang tüfteln, Major-Labels, die nach Lösungen suchen, auch im MP3-Format beste akustische Möglichkeiten zu schaffen. Es gibt Künstler, die sich bewusst um den musikalischen Nachwuchs und die Pädagogik kümmern, ebenso wie Gäste aus anderen Genres, die in ihrer Musik mit der klassischen Form oder dem klassischen Instrumentarium flirten. Für all diese Entdecker und Erneuerer der Musik gibt es Kategorien beim ECHO Klassik, weil seine Veranstalter wissen, dass der Markt für ihre Musik vielleicht klein, aber äußerst lebendig und wirkungsstark ist. Und dass alle Künstler und Labels letztlich nur eine Chance haben, wenn sie gemeinsam auftreten.

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erade im Jubiläumsjahr des ECHO Klassik scheint sich die Branche neu zu orientieren: Labels suchen nach neuen Wegen, stehen vor strukturellen Mammut-Aufgaben, aber auch unter den Künstlern, an Konzert- und Theaterhäusern, bei Orchestern und in der Musikpädagogik findet ein tiefgreifender Wandel statt, dessen Ende wir noch gar nicht absehen können. Die Zeichen und Fortschritte sind ermutigend: Die Klassik, die sich lange Zeit lieber in ihren Elfenbeinturm zurückgezogen und vornehm gewartet hat, von neuen Zuhörern entdeckt zu werden, geht inzwischen auf die Menschen zu – und dabei verschwimmen die Grenzen zwischen der traditionellen Bühne und dem Konzertpodium und den neuen Medien. Die Berliner Philharmoniker, die Metropolitan Opera in New York oder die Bayreuther Festspiele zeigen ihre Aufführungen live in den Kinos oder streamen sie über den Computer und treffen dabei auf ein neugieriges, neues Publikum. Theater und Orchester haben es längst als ihre Aufgaben verstanden, den mangelnden Musikunterricht an den Schulen durch Eigeninitiativen, durch Apps und Computerprogramme voranzutreiben und die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie zu Hause sind. Fernsehsender wie arte oder 3sat suchen nach neuen, frischen Formen, um die Geschichte von Künstlern und Komponisten aus unserer Zeit heraus zu erzählen. Und seit es Schallplatten gibt, ist es die wichtigste Aufgabe der Produzenten, den Zuhörern zu Hause etwas von der Größe und Einmaligkeit eines echten Konzertbesuches in die Wohnzimmer zu bringen – die Aura der Klassik. Die neuen technischen Entwicklungen und die über 700 Jahre alte Erfahrung mit dem Medium Musik ergänzen sich dabei prächtig. Und genau darum geht es dem ECHO Klassik. „Unsere Aufgabe ist es", sagt Prof. Dieter Gorny vom Bundesverband Musikindustrie, „die Einmaligkeit der Klassik zu präsentieren. Werke von Bach, Mozart oder Beethoven sind Fixpunkte unserer Kulturgeschichte. Und das Tolle an ihnen ist, dass sie immer wieder neu entstehen müssen. In der Klassik dient die Vergangenheit also immer als Größe, unsere eigene Zeit neu unter die Lupe zu nehmen – den Klang und die technischen Möglichkeiten mit denen unserer Gegenwart in Relation zu setzen. Und für diese Arbeit, dieses Bewusstsein, dafür stehen unsere Labels und Künstler." Dieses Mal schaut der ECHO Klassik auf seine eigene Geschichte zurück. Wie bei der ersten Preisverleihung, ist es noch immer sein Ziel, den Wandel unserer Zeit und die Weltaufgeschlossenheit von CD-Labels unter Beweis zu stellen, die wie vielleicht kein anderes Unternehmen ihr Ohr am Geist der Gegenwart haben, weil sie um die Bedeutung des Vergangenen wissen.


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DAS ECHO DER STARS  Die Klassik-Trophäe wird zum 20. MAL vergeben. Hier einige Fakten.

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ur, wer sich ändert, bleibt sich treu. Das gilt auch für den ECHO Klassik. Seit die Trophäe 1994 zum ersten Mal vergeben wurde, hat sich der Zeitgeist geändert. Ebenso wie die Show des ECHO Klassik. Bei der ersten Verleihung in der Kölner „Flora“ wurden AnneSophie Mutter, Sabine Meyer und Christa Ludwig ausgezeichnet. Drei Preisträger von damals werden allerdings auch 2013 ausgezeichnet: die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, der Dirigent Sir Simon Rattle und der Trompeter Reinhold Friedrich.

Seit 1996 wird der ECHO Klassik im ZDF ausgestrahlt, zum ersten Mal aus der Semper­oper, danach von wechselnden Orten und heute aus dem Konzerthaus in Berlin. Die eigentliche Feier beginnt allerdings erst nach der Aufführung. Dann treffen sich die Preisträger und die Plattenbosse beim großen Empfang, tauschen sich über aktuelle Trends aus, besprechen neue Projekte oder konzentrieren sich einfach auf die Party. Höhepunkte der ECHO Klassik-Geschichte waren, als Bundespräsident Johannes Rau 2003 mit einem Sonderpreis für sein Projekt „Musik für Kinder“ ausgezeichnet wurde, Nikolaus Harnoncourt und Hélène Grimaud für die Förderung der Musik in der heutigen Gesellschaft warben oder als Plácido Domingo, Montserrat Caballé oder José Carreras mit dem ECHO Klassik für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden.

DATUM AUSTRAGUNGSORT

MODERATION

24. März 1994

Köln, Flora

Ingrid Roosen

30. März 1995

Hamburg, Rathaus Stadt Hamburg

Ingrid Roosen

15. September 1996

Dresden, Sächsische Staatsoper

Senta Berger/Gunther Emmerlich

14. September 1997

München, Prinzregententheater

Senta Berger/Jochen Kowalski

25. Oktober 1998

Hamburg, Laeiszhalle

Senta Berger/Roger Willemsen

24. Oktober 1999

Weimar, Deutsches Nationaltheater

Senta Berger/Roger Willemsen

22. Oktober 2000

Berlin, Schauspielhaus am Gendarmenmarkt

Senta Berger/Roger Willemsen

30. September 2001

Baden-Baden, Festspielhaus

Senta Berger/Roger Willemsen

13. Oktober 2002

Frankfurt, Alte Oper

Senta Berger

26. Oktober 2003

Dortmund, Konzerthaus

Senta Berger

24. Oktober 2004

München, Philharmonie im Gasteig

Senta Berger

16. Oktober 2005

München, Philharmonie im Gasteig

Senta Berger

22. Oktober 2006

München, Philharmonie im Gasteig

Maria Furtwängler

21. Oktober 2007

München, Philharmonie im Gasteig

Maria Furtwängler

19. Oktober 2008

München, Philharmonie im Gasteig

Götz Alsmann/Natalia Wörner

18. Oktober 2009

Dresden, Semperoper

Götz Alsmann/Natalia Wörner

17. Oktober 2010

Essen, Philharmonie

Thomas Gottschalk

02. Oktober 2011

Berlin, Konzerthaus

Thomas Gottschalk

14. Oktober 2012

Berlin, Konzerthaus

Nina Eichinger/Rolando Villazón

06. Oktober 2013

Berlin, Konzerthaus

Nina Eichinger/Rolando Villazón


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LET’S DANCE!

„Rolando, erklär mir die Klassik!“: Das neue Moderatorenpaar des ECHO Klassik hat klare Aufgaben: Nina Eichinger lässt sich von der Begeisterung des Tenors Rolando Villazón anstecken und in die Geheimnisse der klassischen Musik einführen. Sie haben die Moderation des Preises von Thomas Gottschalk übernommen.


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Bariton Erwin Schrott freut sich gemeinsam mit seiner Laudatorin Nazan Eckes.

Pop goes Klassik: Tori Amos auf dem roten Teppich. Der alte Meister Thomas Quasthoff und der Nachwuchs: Khatia Buniatishvili.

Die Macher finden’s gut: Dieter Gorny vom Bundesverband Musikindustrie und ZDF-Intendant Thomas Bellut.

Literatin Donna Leon und Leseratte Rolando Villazón.

Trompete und ECHO: Preisträgerin Alison Balsom


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S채ngerin des Jahres

S채nger des Jahres

Joyce DiDonato Drama Queens

Jonas Kaufmann Wagner

ERATO / WARNER CLASSICS

DECCA / UNIVERSAL


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„MUSIK? EIN GESCHENK GOTTES!“

Der Dirigent, Musikpädagoge und BachVerrückte HELMUTH RILLING wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet

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elmuth Rilling hat eine der größten friedlichen Revolutionen der Schallplattengeschichte zu verbuchen. Für einen Klang-Kampf, wie er ihn geführt hat, muss man ein bisschen wahnsinnig sein: 15 Jahre lang, von 1970 bis 1985, hat Rilling als erster Dirigent sämtliche Kantaten von Johann Sebastian Bach auf Schallplatte eingespielt – später folgte das Gesamtwerk des Komponisten auf 172 CDs! Helmuth Rilling, geboren 1933 in Stuttgart, ist überzeugter Schwabe. Und vielleicht zählt für ihn deshalb auch nicht nur der Wert der Kunst, sondern ebenso die organisatorische Machbarkeit des Unmöglichen. Der einstige Kantor der Stuttgarter Gedächtniskirche ist ein Tausendsassa und hat schnell verstanden, dass auch die klassische Musik Strukturen braucht: 1954 gründete Rilling die Gächinger Kantorei – weil er ein Ensemble wollte, das den finanziellen und künstlerischen Freiraum hatte, um sich intensiv mit Alter Musik zu beschäftigen. Zehn Jahre später erfand er, aus gleichem Grund, das Bach-Collegium Stuttgart. Rilling, der sich jahrzehntelang in den musikalischen Welten vor der Bach-Zeit aufhielt, schaffte es mit seinem Kantaten-Projekt, sowohl Musiker als auch das Publikum und vor allen Dingen einen CD-Verlag für sein Unternehmen zu begeistern: Von führenden Solisten über den Bundespräsidenten bis zum Schallplattenboss Friedrich Hänssler überzeugte er jeden von der Wichtigkeit Bachs.

Der Grandseigneur versteht es, die Musik ohne erhobenen Zeigefinger unter die Leute zu bringen. Für Ihn ist sie Bestandteil unseres Lebens: „Kann es ein Leben ohne Gott geben?“, fragt er gern – und meint damit, dass große Werke für ihn einer Offenbarung gleichkommen. „Musik gehört zum Leben“, sagt er, „sie ist ein wunderbares Geschenk Gottes.“ Rilling war einer der Pioniere von Gesprächskonzerten, in denen er die Alten Meister wie unsere Zeitgenossen behandelte – nie populistisch, sondern immer aus dem Abenteuer ihrer Musik heraus. Kein Wunder also, dass ein Mann wie er, für den es keine Grenzen in Zeit und Raum gibt, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in unserer Gegenwart zu Hause ist. „Zunächst finde ich es sehr wichtig und unabdingbar“, sagt er, „dass Musiker, die sich mit Alter Musik beschäftigen, die Augen und Ohren offen halten für Musik, die in heutiger Zeit entsteht. Die Komponisten unserer Zeit können sicher auch etwas sagen zu den Themen, zu denen schon Bach etwas gesagt hat. Den Menschen das zu zeigen, sehe ich auch als meine Aufgabe.“ Rilling hat unter anderem das „Requiem der Versöhnung“ uraufgeführt – eine Komposition von 14 Komponisten zum 50. Jahrestag des Kriegsendes oder Krysztof Pendereckis Meisterwerk „Credo“. Helmuth Rilling erhält nun den ECHO Klassik für sein Lebenswerk – und das besteht noch immer darin, das Selbstverständnis zu schärfen, dass der Klang Teil unserer Existenz ist, und dass es in der Welt der Musik keine Unmöglichkeiten gibt, wenn man sie mit schwäbischer Mentalität anpackt.  HELMUTH RILLING / LEBENSWERK.

Instrumentalistin des Jahres (Klavier)

Instrumentalist des Jahres (Trompete)

Martha Argerich Lugano Concertos

Reinhold Friedrich Russische Trompetenkonzerte

DEUTSCHE GRAMMOPHON / UNIVERSAL

MDG


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DISSONANZEN EINES MORDES JAMES WOOD hat einen musikalischen Krimi

gelöst und die Cantiones von Carlo Gesualdo zusammengefügt.

M ENSEMBLE STATT EGO KRISTIAN BEZUIDENHOUT befreit Mozart

vom lästigen Goldpapier.

K

ristian Bezuidenhout gilt längst als Mr. Mozart. Vor sechs Jahren sprang er in Barcelona für den erkrankten Andreas Staier ein, musizierte gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester und stellte sich der Welt als einen der aufregendsten Pianisten seiner Generation vor: der 1979 in Südafrika geborene Klavierspieler hat Mozart aus dem Goldpapier gewickelt, den Schoko-Mantel abgeknabbert und den Kern seiner Musik offengelegt. Bezuidenhout macht dem Zuhörer sofort klar, dass sein Instrument selbst in Mozarts Klavierkonzerten nicht immer im Vordergrund steht, dass er sich zurücknehmen kann, wenn andere Stimmen gerade wichtiger erscheinen. Und das tut er auch auf der neuen CD. Hilfe bekommt er in dieser Herangehensweise durch sein Instrument, das der alten Wiener Klavierwerkstatt von Anton Walter nachempfunden ist. Bezuidenhout schafft einen transparenten aber zurückhaltenden Klang, der die Musik nicht vom Ego sondern vom Ensemble her denkt. Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester haben oft miteinander gespielt und erscheinen als Traumpaarung: Orchester und Solist verschmelzen zu einer Einheit, inspirieren sich in ihrer Virtuosität und stacheln sich zu Temperament und Spielfreude an. Oft hat das Barockorchester gemeinsam mit Bezuidenhout sein Können auf Konzertpodien vorgestellt, nun endlich ist ihre erste CD mit Mozarts Klavierkonzerten KV 453 und 482 herausgekommen und gleich mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet worden. Weil Mozart selten mit so viel Verständnis gespielt wurde und das Zuhören seiner Musik so viel Verstehen bedeutete.  RISTIAN BEZUIDENHOUT, FREIBURGER BAROCKORCHESTER / MOZART: K KLAVIERKONZERTE KV 453 & 482 (HARMONIA MUNDI) / KONZERTEINSPIELUNG DES JAHRES (BIS INKL. 18. JH.) / KLAVIER.

anchmal ist Musik wie ein Krimi – und wenn es sich um den Komponisten Carlo Gesualdo handelt, führt die Spurensuche in der Regel direkt zu jenem Mord, den er aus Eifersucht angerichtet hat, als er seine untreue Frau für ihre Eskapaden bestrafte. Den britischen Dirigenten James Wood hat allerdings eine ganz andere Kriminalgeschichte interessiert: Drei Jahre lang dauerte seine Fahndung nach Gesualdos Motetten des „Zweiten Buches“ der „Sacrae Cantiones“. Sie waren 1603 im Druck erschienen – aber nur als Stimmbücher, nicht als Partituren. Zwei komplette Stimmen waren überdies verschollen. Wood spricht von einem „überdimensionalen Kreuzworträtsel“, das er zusammensetzen musste, zumal Gesualdo als erstklassiger Harmoniker gilt, der sein Publikum immer wieder durch mystische Chromatik und einfallsreiche Harmonien überraschte. Wood hat das Ergebnis seiner Ermittlungen nun gemeinsam mit dem Vocalconsort Berlin vorgestellt: DreiMinuten-Lieder, die das wohl Komplexeste sind, was die Musikgeschichte des 17. Jahrhunderts zu bieten hat. Auch heute existieren nur wenige Chöre, die Gesualdos Ansprüchen gerecht werden. Das Vocalconsort ist eines von ihnen. Gemeinsam mit Wood erweckt es die verschollene Partitur zum Leben. Zu hören ist ein Krimi in Tönen, ein Weltbild seiner Zeit – und die Psychologie des vielleicht bekanntesten Mörderers der Musikgeschichte. Die Spuren des Blutbades, das Gesualdo und seine Helfer in einem Palast östlich von Neapel hinterlassen haben, sind noch zu betrachten – James Wood hat dafür gesorgt, dass wir nun auch noch die Klänge hören, die diesem Ausnahmekomponisten im Kopf herumgeschwirrt sind. VOCALCONSORT BERLIN, JAMES WOOD / CARLO GESUALDO: SACRAE CANTIONES, LIBER SECUNDUS (HARMONIA MUNDI) / CHORWERKEINSPIELUNG DES JAHRES.

Instrumentalistin des Jahres (Cello)

Instrumentalist des Jahres (Tuba)

Sol Gabetta Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 1, Rachmaninoff: Cellosonate

Andreas Martin Hofmeir Uraufnahmen

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GENUIN CLASSICS


Das Klassik & Jazz Magazin

das hört man gern. Interviews, Reportagen, Rezensionen, Termine – die ganze Welt von Klassik und Jazz. #57 #57 Hörbeispiele aus aktuellen CDs

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1 Finley, Harnoncourt u. a. | Händel (Arr. Mozart): „Bacchus, ewig jung und schön“ 4:53 2 Schorn, Minetti Quartett | Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581, Larghetto 6:25 3 Bartoli, Antonini u. a. | Bellini: „Casta Diva“ 5:00 4 Chiaroscuro Quartet | Beethoven: Quartett f-Moll op. 95, Allegretto ma non troppo 6:54 5 Ottensamer, Nézet-Séguin u. a. | Debussy (Arr. Koncz): „La fille aux cheveux de lin“ 2:54 6 Bates, La Nuova Musica | Händel: „De torrente in via bibet“ 3:55 7 Oberlinger | Telemann: Fantasie Nr. 3 h-Moll 3:41 8 Oliver Schnyder Trio | Schubert: Klaviertrio Nr. 1 B-Dur D. 898, Scherzo. Allegro 6:31 9 German Hornsound | Wagner/Verdi: Siegfried und Violetta 3:50 10 Florio | Wagner (Arr. Rubinstein): „Karfreitagszauber“ (Ausschnitt) 6:02 11 Machaidze, Gatti u. a. | Puccini: “Quando me’n vò” aus „La Bohème“ 2:26 12 Beczała, Berlin Comedian Harmonists u. a. | Romberg: „Overhead The Moon Is Beaming“ 3:28 13 Strawinski, Columbia Symphony Orchestra | „Danse de la terre“ 1:15 14 Buttmann | Reger: Passacaglia d-Moll WoO IV/6 6:41 15 McFerrin und Band | McFerrin: „Gracious“ 2:34

Foto Sébastien Grébille

Hörbeispiele aus aktuellen CDs

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ROLANDO Er moderiert den ECHO Klassik und ist gleichzeitig Preisträger. In diesem Jahr ist ROLANDO VILLAZÓN außerdem noch Verdi-Botschafter. An dieser Stelle gratuliert ihm die Bühnenpartnerin und Verdi-Spezialistin Anna Netrebko.

IST EIN

Instrumentalist des Jahres (Violine)

Würdigung des Lebenswerkes

Leonidas Kavakos Beethoven: The Complete Violin Sonatas

Helmuth Rilling

DECCA / UNIVERSAL


18 | 19

VON ANNA NETREBKO

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olando ist ein herrlicher Mensch, ein wunderbarer Kollege und ein großer Künstler. Ich freue mich wirklich aus tiefstem Herzen, seine Stimme auf dieser CD so wunderschön strahlen zu hören. Wie kaum jemand sonst versteht es Rolando, Verdis Kunstfiguren auf der Bühne oder selbst nur auf CD mit echtem Leben zu erfüllen. Das ist es doch, was wir Sänger immer versuchen: Wir spielen fremde Menschen, die sich jemand erdacht hat, und versuchen sie so zu spielen, als wären sie ein Teil von uns, auch wenn sie mit uns selbst vielleicht überhaupt nichts zu tun haben. Und manchmal passiert es, dass aus diesem Spielen etwas entsteht, was die Menschen mitreißt. Es ist schwer zu erklären, es ist wie Magie. Rolando schafft diese Magie jedes Mal wenn er singt, weil er sich mit voller Kraft und seinem ganzen Gefühl auf die Musik stürzt. Er kann sich vorstellen, welche Menschen sich Verdi da ausgedacht hat und sie auf einmal ganz nah zu uns bringen. Darum

geht es in der Oper, nicht um kalte Perfektion, sondern um die Wärme eines großen und echt empfundenen Gefühls. Und weil Rolando ein im besten Sinne Verrückter ist, nimmt er nicht einfach nur Verdis bekannteste Arien auf, sondern spannt einen Bogen von den frühen Opern bis zur letzten Arie, die Verdi für Tenor geschrieben hat. Rolando kann nicht genug kriegen, würde immer weiter singen, viel mehr, als auf eine CD passt. Wir brauchen diese Wahnsinnigen in der Kunst, die uns zeigen, was das Leben sein kann, welche Vielfalt es haben kann. Und er singt so schön, so mitreißend, mit einer Inbrunst, die jedes Herz rührt. In jeder Arie sieht man ihn vor sich, kann sich mühelos vorstellen, wie er in diesem Moment auf der Bühne wirken würde. Das ist mehr als nur die Musik, das ist wirklich Oper, Theater, das ist Spielen, ohne das es in unserem Job nicht überzeugend geht. Durch Künstler wie ihn können wir vollkommen verstehen, worum es wirklich geht, denn der Ausdruck stimmt – und Ausdruck ist alles.

VERRÜCKTER! „ES MACHT BUMMMMM!“ Rolando Villazón über den Meister aus Italien Welchen Verdi lieben wir 200 Jahre nach seiner Geburt? Wir denken, dass er der Komponist der Gassenhauer ist. Aber er war viel mehr: Er hat seinen Stil langsam entwickelt, seine Musik ist politisch, gesellschaftlich und zutiefst emotional. Ich denke, dass wir Verdi auch deshalb lieben, weil er alle Aspekte des Lebens in seiner Musik verhandelt.

Warum wird seine Musik noch heute in Filmen und in der Werbung gespielt? Weil sie jeder verstehen kann. Verdi nimmt keine Umwege, wenn er unser Herz treffen will. Bei ihm macht es meist sofort „Bummm!“ – und uns stehen die Tränen im Auge. Verdi war, wenn man so will, ein Meister unserer unterbewussten Gefühle. Und das macht ihm bis heute kaum einer nach.

Was sollten wir im Verdi-Jahr noch entdecken? Ich finde, dass seine frühen Opern wie „Oberto“ zu Unrecht vergessen sind. In ihnen hört man schon viel seiner späteren Meisterschaft. Am Anfang ist er noch der Musiktradition Italiens verbunden, die er aber immer weiter entwickelt. Ich glaube, dass es wichtig ist, diese Opern anzuhören, um zu verstehen, wie wichtig Verdi auch für die Geschichte der Musik war.

Dirigent des Jahres

Ensemble / Orchester des Jahres

Esa-Pekka Salonen Lutosławski: The Symphonies

Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt Walzer Revolution

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WENN DIE FLÖTE FREUDE TRÄGT Auf ihrem Album „Flauto Veneziano“ reist DOROTHEE OBERLINGER in die Lagunenstadt. Auf ihrer neuen CD nimmt sie sich Telemann vor.

I MAL EBEN DIE ZEIT AUFLÖSEN JOEL FREDERIKSEN zeigt den Groove des Barocks

und die Zeitlosigkeit des Folks.

K

ünstlerbiografien können zutiefst unterschiedlich sein: Der Lautenist John Dowland hatte erst am Ende seines langen Lebens jene Stellung ergattert, von der er immer geträumt hatte. Er wurde Musiker am königlichen Hof in England. Das war im Jahre 1612 – seither inspirieren seine Gesänge die Musikgeschichte. Ein anderer großer Musiker, Nick Drake, konnte seine Lebensträume nie erfüllen, er starb 1974 mit nur 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva. Man muss schon sehr viel Vertrauen in die Musik haben, um diese zwei Künstler miteinander zu verbinden und so unbefangen durch die Musikgeschichte reisen zu lassen wie Joel Frederiksen. Der in München lebende Amerikaner schmilzt durch seine Klänge Welten und Zeiten zusammen. Frederiksen ist selbst Sänger, Arrangeur und Lautenist. Gemeinsam mit dem Ensemble Phoenix München hat er die Klangwelten Dowlands und Drakes nun ineinander verwoben, Volks- und Folkmusik miteinander verschmolzen und den ganz undidaktischen und sinnlichen Beweis angetreten, dass beide Klangwelten durch genialische Übergänge mit einer verblüffenden Lässigkeit ineinander fließen können. Die aufregende Erkenntnis dieses Albums ist, dass 400 Jahre Zeitunterschied in der Welt der Musik einfach nichts sind! Frederiksen zaubert mit seiner Gambe popreife Bässe, webt ein gregorianisches „Requiem“ in seine Musik ein und singt von Zeit zu Zeit Duett mit einem Tenor. Seine Musik schwebt im Raum, wirkt nie konstruiert, so, dass die „Frankfurter Allgemeine“ jubelte: „Diese Musik ist als Erfahrung nicht mehr auszulöschen.“ J  OEL FREDERIKSEN, ENSEMBLE PHOENIX MUNICH / REQUIEM FOR A PINK MOON (HARMONIA MUNDI) / KLASSIK-OHNE-GRENZEN-PREIS.

hre erste Flöte war ein billiges Instrument, das ihre Eltern von einer Reise nach Polen zurück nach Aachen brachten. Obwohl Dorothee Oberlinger auch passionierte Cellospielerin war, ließ ihr das Blasinstrument keine Ruhe – auch deshalb, weil ihre Mutter, eine Querflötenspielerin, sie inspirierte. Dorothee Oberlinger bevorzugt allerdings die Flöten ohne Klappen, ihren reinen, natürlichen Klang, der dem der menschlichen Stimme ähnelt. Und: Sie ist eine leidenschaftliche Forscherin in der Musik des Barock. „In der Barockmusik kann und muss man selber ornamentieren beziehungsweise improvisieren“, sagt sie, „es braucht dazu das Wissen, wie man beispielsweise phrasiert und die Tempi nimmt. Dieses Wissen kann man sich aneignen. Es gibt viele Texte, welche Einblick in die Musik des Barockzeitalters geben.“ Auf ihrem neuesten Album geht Oberlinger auf Spurensuche bei Georg Philipp Telemann. Mit dem ECHO Klassik wird sie für ihr Album „Flauto Veneziano“ ausgezeichnet, in dem sie sich gemeinsam mit dem Alte Musik-Ensemble Sonatori de la Gioiosa Marca mit der Flötenkunst Venedigs von der Renaissance bis zum Spätbarock beschäftigt hat – den Meister-Kompositionen für „Flauto“, wie das Instrument damals hieß. Zu hören sind die virtuosen Solokonzerte Antonio Vivaldis und Raritäten von venezianischen Komponisten wie Dario Castello, Antonio Caldara, Alessandro Marcello oder Massimiliano Neri. Oberlinger stellt sowohl im neuen TelemannAlbum als auch in ihrer musikalischen Reise nach Venedig unter Beweis, dass die Offenheit der Barockmusik, ihre Einladung zur Interpretation und Improvisation dieser Kompositionen sie automatisch in unsere Gegenwart holt. Oberlinger schafft es, dieses begeisternde Repertoire mitten in unsere Zeit zu stellen. D  OROTHEE OBER­ LINGER, SONATORI DE LA GIOSA MARCA / FLAUTO VENEZIANO (DHM) / KONZERTEINSPIELUNG DES JAHRES (BIS INKL. 18. JH.) / FLÖTE.

Ensemble / Orchester des Jahres

Nachwuchskünstlerin des Jahres (Gesang)

San Francisco Symphony Adams: Harmonielehre & Short Ride in a Fast Machine

Julia Lezhneva Alleluia!

SFS MEDIA

DECCA / UNIVERSAL


WIR GRATULIEREN!

Foto © Xenia Valeras

Joyce DiDonato Sängerin des Jahres Drama Queens

Simon Rattle & Berliner Philharmoniker Sinfonische Einspielung 20./21. Jh. Strawinsky: Le Sacre du Printemps

Alexandre Tharaud Klassik ohne Grenzen Swinging Paris

Vilde Frang Konzerteinspielung Violine 19. Jh. Nielsen/Tschaikowsky: Violinkonzerte

Max Emanuel Cencic Operneinspielung 17./18. Jh. Vinci: Artaserse

Tine Thing Helseth Nachwuchskünstlerin Trompete Tine

Ian Bostridge Operneinspielung 20./21. Jh. Britten: The Rape of Lucretia

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WELTUNTERGANG TOTAL MULTIMEDIAL DER „RING“ AN DER MET ist die Apokalypse

des 21. Jahrhunderts. Ein DVD-Ereignis.

D

ie Metropolitan Opera in New York ist mehr als ein Opernhaus – sie ist medialer Knotenpunkt der Bühnenkunst: 150.000 Zuschauer haben den legendären „Ring des Nibelungen“ im Auditorium gesehen, fast eine Millionen Zuschauer verfolgten die Aufführungen weltweit in den Kinos. „Es ist unglaublich, wie viele Menschen Interesse für die Oper haben“, sagt MET-Chef Peter Gelb, „Wagner ist eben auch 200 Jahre nach seiner Geburt ein Vordenker der Globalisierung und ein Meister des Musiktheaters geblieben.“ Die Deutsche Grammophon hat dieses musikalische Ereignis, die größte Oper, seit es Musik gibt, nun als DVD herausgebracht: Eine opulent ausgestattete Fernseh-Oper in der multimedialen Genie-Inszenierung von Robert Lepage. Ein „Herr der Ringe“ mit Mega-Soundtrack, und vor

allen Dingen: Eine Aufführung mit Star-Besetzung. Die Dirigenten James Levine und Fabio Luisi leiten ein Ensemble, in dem Bryn Terfel Ansprüche auf den Wotan unseres Jahrzehnts erhebt, in dem Jonas Kaufmann als strahlender Siegfried zu hören ist und Debora Voigt als stimmgewaltige Brünnhilde. Dieser „Ring für das 21. Jahrhundert“, wie die Presse jubelte, wird durch eindrucksvolles Bonus-Material begleitet, das einen Blick hinter die Kulisse zulässt. Stars wie Plácido Domingo, Joyce DiDonato kommen zu Wort, und es werden die Geheimnisse der Probearbeit gelüftet. Selten ist Wagners Weltuntergangswerk so groß in Szene gesetzt worden, und nie so eindringlich dokumentiert. Diese acht Opern-DVDs sind der Beweis, dass die Apokalypse des Richard Wagner auch heute noch ein Spiegel unserer Welt ist.  OBERT LEPAGE, DEUTSCHE GRAMMOPHON / DER RING DES R NIBELUNGEN (DEUTSCHE GRAMMOPHON) / MUSIK-DVDPRODUKTION DES JAHRES.

Nachwuchskünstlerin des Jahres (Trompete)

Nachwuchskünstler des Jahres (Klavier)

Tine Thing Helseth Tine

Alexander Krichel Frühlingsnacht

WARNER CLASSICS

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22 | 23

TASTEN TANZEN AUF DEM VULKAN Das Paris der 20er Jahre war wild und verrückt – ALEXANDRE THARAUD hat es besucht.

A

lexandre Tharaud hat ein Problem: Wenn er ein Klavier sieht, kann er nicht anders, als es zu spielen. Inzwischen hat er eine eigene Therapie gefunden. Er hat den Flügel aus seiner Wohnung verbannt und sich ein weltweites Netzwerk von Freunden mit Klavier aufgebaut, bei denen er üben kann. So schafft er es besser, nicht nur Musiker, sondern auch Mensch zu sein. Und die Menschlichkeit spielt in den Alben dieses Ausnahmekünstlers eine große Rolle. Für seine Aufnahme „Swinging Paris“ ging er dort auf Spurensuche, wo die Komponisten der 20er Jahre den Takt des gesellschaftlichen Lebens angegeben haben: Im Cabaret „Le Boeuf sur le toit“ („Der Ochse auf dem Dach“) gingen George Simenon, Coco Chanel und Jean Cocteau ein und aus. Am Abend swingten hier die Kompositionslegenden Darius Milhaud, Maurice Ravel und der Pianist Clément Doucet. Dessen Faible galt außerdem Cole Porter und George Gershwin. Alexandre Theraud hat seine musikalischen Freunde wie die Sopranistin Natalie Dessay, den Klavierspieler Frank Braley und Größen der Pariser Chanson-Szene eingeladen, um mit ihnen noch einmal den Tanz auf dem Vulkan der 20er Jahre zu wagen. Herausgekommen ist nicht nur Musik, sondern das Stimmungsbild einer verrückten Zeit, die unserer so ähnlich ist.

Nun kehrt Tharaud wieder zurück zur großen Klassik, natürlich nicht, ohne wieder einem eigenen, stimmungsvollen Programm zu folgen. „Autograph“ nennt er die neue CD, auf der er persönliche Raritäten versammelt. Das Album überspannt vier Jahrhunderte Musikgeschichte, und allen Werken ist die kleine Form gemein – der Ausdruck auf engstem Raum. „Natürlich liebe ich große Werke wie die Sonate von Liszt, Konzerte oder Musik von Wagner“, sagt der Pianist, „aber ich liebe auch die Préludes von Chopin. Ein Dreiminuten-Stück kann uns genauso viel sagen wie eine Sinfonie.“ Tharaud verbindet Chopins perlenden Minutenwalzer mit einer meditativen Gymnopédie von Satie, Rachmaninovs brodelnde cis-moll-Prélude und Griegs farbiges Tonbild vom Hochzeitstag auf Troldhaugen. Bachs h-moll-Präludium spielt er in der virtuosen Bearbeitung des Rachmaninov-Lehrers Alexander Siloti; und Tharaud selbst bearbeitete einen Konzertsatz nach Vivaldi. Was diesen Künstler ausmacht, ist, dass er bekannte Werke vollkommen neu entdeckt, indem er sie in einen verblüffenden, anderen Zusammenhang stellt.  LEXANDRE THARAUD / SWINGING PARIS (ERATO) / KLASSIKA OHNE-GRENZEN-PREIS.

Klassik-ohne-Grenzen-Preis

Klassik-ohne-Grenzen-Preis

Joel Frederiksen, Ensemble Phoenix Munich Requiem for a Pink Moon

Max Richter, Daniel Hope Recomposed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons

HARMONIA MUNDI

DEUTSCHE GRAMMOPHON / UNIVERSAL


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WEM ICH MEIN

WISSEN ÜBER DIE LIEBE VERDANKE Klassik-ohne-Grenzen-Preis

Alexandre Tharaud Swinging Paris ERATO / WARNER CLASSICS

Sinfonische Einspielung des Jahres (bis inkl. 18. Jh.)

Aapo Häkkinen, Helsinki Baroque Orchestra Franz Xaver Dussek: Vier Sinfonien NAXOS


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Persönlich ist JOYCE DIDONATO alles andere als eine Drama Queen. Aber auf der Bühne verwandelt sie sich in eine Furie, in exaltierte Charaktere und besinnungslos berauschte Frauengestalten. Dafür wird sie nun mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet. Ihr neues Album aber ist eine Danksagung an ihr Publikum. Ein Bekenntnis, dass die Charaktere der Oper Teil unseres Lebens sind.

VON JOYCE DIDONATO

W

as für ein unendliches Glück ist es, Prinzessinnen, Königinnen, wahnsinnige Frauen, Verliebte, Teenager, Helden und Nonnen verkörpern zu dürfen, ihre Gefühlswelten zwischen Freude, Leidenschaft, Scham und Vergebung zu erobern. Jede von ihnen ist mir zur Freundin geworden. Und dennoch habe ich bei allen das Gefühl, dass sie noch so viele Geheimnisse in sich bergen, die ich gern mit meiner Stimme erobern würde. Ich verdanke mein Wissen um die Liebe dem Cherubino und seiner Verletzlichkeit und Romeos Wagemut. Ich habe die Freude von Elena und Cenerentola gelernt und die Vergebung durch Schwester Helens Mut, sich im Tode zu opfern. All diese Dramen von Händel, Mozart, Rossini und Strauss entfalten ihre ganze Kraft aber erst, wenn man sie hört. Wenn man mit ihnen tanzt, lacht und, ja, auch weint oder – im Handeln dieser Personen auch sich selbst entdeckt. Die Aufgabe dieser Charaktere ist es vielleicht, dass wir das Mysterium des Lebens kennenlernen. Und ich glaube daran, dass Komponisten diese Figuren erfunden haben, wir Sänger und Musiker sie beleben, dass aber letztlich das

Publikum, dass SIE selbst diese Charaktere entdecken müssen – sie gehören zu ihrem Leben! Für mich als Sängerin ist es vielleicht eine der größten Befriedigungen, die Tränen, die roten Wangen, das Lachen in den Gesichtern der Zuhörer zu sehen. Weil ich dann weiß, dass meine Freunde etwas in Ihnen bewegen. Und deshalb freue ich mich auch, dass wir nun das erste interaktive Album vorstellen können, auf dem das Publikum Einfluss auf den Sänger nimmt. Meine Freunde bei Facebook haben 15 Titel ausgewählt, die sie besonders berühren, mit denen sie leben wollen. Und sie haben sogar über den Titel abgestimmt: „ReJoyce!“ Genau das ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich Kunst mache, wenn ich in die Haut von anderen Menschen schlüpfe, wenn ich hoffe, Sie durch meine Stimme bewegen zu können: ich juble vor innerer Freude über die Kraft der Musik!

J OYCE DIDONATO / DRAMA QUEENS (ERATO) / SÄNGERIN DES JAHRES.

Sinfonische Einspielung des Jahres (19. Jh.)

Bernard Haitink, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Mahler: Symphonie Nr. 9 BR KLASSIK

Sinfonische Einspielung des Jahres (20./21. Jh.)

Sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker Le Sacre du Printemps WARNER CLASSICS


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SO KLINGT DER ORT DER SEHNSUCHT JORDI SAVALL entdeckt die Seele Armeniens – und ­leistet

wunderschöne und intime Trauerarbeit.

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inige Aufnahmen sind für Musiker besonders persönlich – das Album „Armenian Spirit“ ist so eine CD. Der katalanische Ausnahmegambist und Künstler Jordi Savall legt gleich zwei Lamenti über sein neues Album: Auf der einen Seite ist die Aufnahme eine private Hommage des Musikers an seine verstorbene Frau, die Sängerin Montserrat Figueras, deren große Liebe der armenischen Musik galt. Auf der anderen Seite spiegelt das Album die Seele jenes Landes wider, das in seiner Geschichte immer wieder Opfer von Kriegen, Besetzungen und blutigen Vertreibungen geworden ist. Der „armenische Geist“, den Jordi Savall gemeinsam mit seinem Ensemble Hespèrion XXI hier zum Klingen bringt, ist getragen von dieser hypnotischen und exquisiten Melancholie, die nie in Selbstmitleid verfällt, sondern stets aufrecht bleibt, schön und voller Anmut.

Savall ist ein Musiker, der dort nach Klängen sucht, wo andere nie hinhören würden. Besonders gern war er in Arabien unterwegs. Musik ist für ihn eines der wenigen Dinge, die Völker auch in Zeiten der Not mitnehmen können. „Musik entsteht ja oft in dramatischen Situationen“, erklärt er, „nehmen wir die Juden, die immer wieder vertrieben wurden, auch aus Spanien. Sie haben alles verloren. Doch ihre Musik konnten sie mitnehmen. Und durch ihre Musik konnten sie wieder ein wenig Hoffnung haben. Sie half ihnen, etwas Freude zu empfinden. Darum hat diese Musik eine solche unglaubliche emotionale Dimension. Und eine einfache Melodie kann in uns oft mehr auslösen, als ein ganzes Orchester oder eine Sinfonie.“ Für Armenien gilt wohl das Gleiche – und Savall ist Botschafter dieser langen musikalischen Tradition.

Er entführt seine Hörer dieses Mal in die Welt neuer Klänge, und wie immer, wenn ein Pedant wie er ans Werk geht, entdeckt er neue, originale Instrumente, verfolgt die musikalische Zeit eines Volkes aus dem 14. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. Savall entführt uns mit dieser zurückhaltend trauernden, sinnlich schluchzenden, stets aber stolzen Musik in die Welt eines großen Volkes und gleichsam in seine privaten Gedanken- und Erinnerungswelten.  ORDI SAVALL, HESPÈRION XXI / ARMENIAN SPIRIT J (ALIA VOX) / KAMMERMUSIKEINSPIELUNG DES JAHRES (BIS 17./18. JH.) / GEM. ENSEMBLE.

DIE SPRACHE MACHT DEN TON Auf vier CDs ist MARTHA ARGERICHs Begegnung mit musikalischen Freunden in Lugano nachzuhören. Intime Einblicke in die Welt des Klanges.

I

mmer wieder ruft Martha Argerich ihre musikalischen Freunde nach Lugano, um dort mit ihnen in Musik zu kommunizieren. Herausgekommen sind intime Konzerte unter Gleichgesinnten. Selten spricht die Pianistin über Musik, sie spielt lieber Klavier. Aber hier erklärt sie, warum man über Töne nur schwer Worte verlieren kann. Frau Argerich, wie sind Sie zur Musik gekommen? Ich bin schon mit zwei Jahren in einen Kindergarten gekommen und habe jemanden Klavier spielen hören – es waren nur Kinderlieder. Aber das Instrument und der Klang haben mich magisch angezogen. Was ist das Besondere an Lugano? Das ist ein Ort, an dem ich versuche, meine Freunde zu treffen, um mit ihnen in intensiven Stunden das zu tun, was wir alle lieben: Musik machen. Ihre Freunde kommen aus der ganzen Welt. Welche Rolle spielt die Sprache in der Musik?

Ich wurde ja in Argentinien geboren, wuchs mit Spanisch auf, aber mit meinen Töchtern spreche ich Französisch. Diese Sprache gefällt mir, sie erinnert mich an Chopin. Aber ich denke, dass seine Musik auch von der polnischen Sprache beeinflusst ist. Ich glaube, dass die Sprache das Musizieren beeinflusst und denke inzwischen sogar, dass es – je nach Herkunft – selbst in existenziellen Gefühlen unterschiedliche Nuancen der Wahrnehmung gibt. Gibt es Lieblingskomponisten? Prokofjew ist sicherlich mein bester Freund – er hat mich nie enttäuscht. Er macht mich einfach glücklich. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie Musik machen? Das ist zu schwer zu beschreiben – es handelt sich ja um Musik, und ich scheitere immer wieder daran, Worte für diese, vielleicht größte Form des Ausdruckes zu finden.  ARTHA ARGERICH / LUGANO CONCERTOS M (DEUTSCHE GRAMMOPHON) / INSTRUMENTALISTIN DES JAHRES / KLAVIER.

Konzerteinspielung des Jahres (bis inkl. 18. Jh.) / Klavier

Konzerteinspielung des Jahres (bis inkl. 18. Jh.) / Flöte

Kristian Bezuidenhout, Freiburger Barock­ orchester Mozart: Klavierkonzerte KV 453 & 482

Dorothee Oberlinger, Sonatori de la Gioiosa Marca Flauto Veneziano

HARMONIA MUNDI

DHM / SONY


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WIE KLUGHEIT OHREN ÖFFNET Es gibt ein Reich zwischen Kopf und Bauch – und das besingen die Stimmen von ˇ A und JONAS KAUFMANN. ELI¯NA GARANC

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ine Stimme ist immer auch ein Geheimnis. In ihr verbergen sich private Seelenwelten der Künstler, die Ideen eines Komponisten – und stets auch der Geist jener Zeit, in der sie singen. Jonas Kaufmann und El na Garancˇa sind sicherlich zwei Stimmen, die stellvertretend für den Gesang unserer Epoche stehen. Ihre Kunst besteht nicht allein darin, Noten zu singen und Emotionen zu schaffen, sondern vor allen Dingen darin, dass sie jenseits der Schönheit ihres Repertoires die Ohren ihrer Zuhörer durch Klugheit öffnen. Auf ihrem Album „Romantique“ zeigt El na Garancˇa, was damit gemeint ist. In den schönsten Arien von Camille Saint-Saëns, Charles Gounod, Hector Berlioz oder Peter Tchaikovsky lässt sie ihren samtigen Mezzo nicht einfach

Konzerteinspielung des Jahres (19. Jh.) / Violine

um der Schönheit willen über dem Orchester schweben, sondern scheint innerhalb der kurzen Arien in eine Sphäre einzutauchen, in der sich der Mensch mit all seinem Fühlen in einer Welt des Klanges auflöst. Wie kaum eine andere Sängerin schafft es die Garancˇa, die Romantik als Ort von Seelenlandschaften zu beschreiben, als Prozess, der in Gedanken beginnt und bei der Auflösung des Körpers endet. Einen ähnlichen Ansatz wählt Jonas Kaufmann, wenn er auf seinem Album „Wagner“ den Opern-Jubilar zu seinem 200. Geburtstag in Szene setzt. Jonas Kaufmann ist kein Tenor der alten Schule, der mit hohen Tönen ringt und sich auf die Schwierigkeiten der Partituren konzentriert. Er schafft es stets, in seinen Auftritten und Arien, Geschichten zu erzählen. Kaufmann sucht den Subtext in der Musik, das, was nicht in den Worten steht, sondern im Geist seiner Charaktere passiert. Egal, ob er die Winterstürme der „Walküre“ toben lässt, die Liebesgöttin Venus im „Tann­ häuser“ bejubelt, als Gralsritter in „Lohengrin“ Abschied von der Welt nimmt oder Wagners innige „WesendockLieder“ interpretiert: Bei ihm ist der Klang stets Teil des Dramas, der epischen Geschichte. Seine Stimme setzt nie nur auf den Effekt der Virtuosität, sondern sucht wie ein Seismograph nach den psychologischen Sollbruchstellen seiner Rollen, nach inneren Konflikten und abgrundtiefen Schmerzen. Beide Stimmen sind auch deshalb Ausdruck unserer Zeit, weil sie die Oper als pure Unterhaltung ebenso hinter sich gelassen haben wie die Oper als rein intellektuelle Angelegenheit. El na Garancˇa und Jonas Kaufmann verstehen es wie derzeit kaum ein anderer Sänger, das Pathos und das Schwelgen mit Klugheit und tiefen Gedanken zu paaren – sie singen mit Kopf und mit Bauch, mit Seele und mit Körper. Und so darf man gespannt auf das nächste Album sein, auf dem die beiden zu hören sein werden: In Verdis „Requiem“ werden sie den Bereich zwischen Leben und Tod ausloten. Ein geheimnisvolles Reich, das sie mit Klängen beleben werden. ˇ A / ROMANTIQUE (DEUTSCHE GRAMMOPHON) / E LI¯ NA GARANC SOLISTISCHE EINSPIELUNG DES JAHRES / GESANG (DUETTE/ OPERNARIEN).  JONAS KAUFMANN / WAGNER (DECCA) / SÄNGER DES JAHRES.

Konzerteinspielung des Jahres (19. Jh.) / Orgel

Vilde Frang Nielsen / Tschaikowsky: Violinkonzerte

Christian Schmitt, Bamberger Symphoniker, Stefan Solyom Charles-Marie Widor: Orgelsymphonien op. 42, 3 & 69

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CPO / JPC


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SO BEGINNT GESCHICHTE ZU FLIEGEN CECILIA BARTOLI hat mal wieder ein Wunder

ausgegraben: Agostino Steffani – und die Fortsetzung folgt.

W

enn Cecilia Bartoli in die Archive der Musikbibliotheken hinabsteigt, kann man davon ausgehen, dass sie mit atemberaubenden Neuentdeckungen zurückkehrt. Wie keine andere Sängerin gelingt es der Römerin, in den Katakomben der Musikgeschichte Staub zu wedeln und Juwelen zu entdecken. Niemand anderes schafft es so wie sie, vergessenen Komponisten zum posthumen Ruhm zu verhelfen. Dieses Mal hat Bartoli den italienischen Komponisten Agostino Steffani entdeckt, der lange Zeit in Deutschland wirkte. Er war ein Universalgenie am Anfang des 18. Jahrhunderts, Bischof und Geheimagent seines Herren Ernst August von Hannover. Sein Leben ist so spannend, dass Bartoli die Bestseller-Autorin Donna Leon gleich zu einem neuen Fall inspirierte. In der Hauptsache aber war Steffani Komponist. Er lernte die Legenden seiner Zeit, etwa den großen französischen Komponisten Lully, kennen, schuf aber eine eigene musikalische Sprache, die Bartoli nun vorstellt. „Steffani zeigt uns in seinem Schaffen eine musikalische Welt der Effekte und Gefühle – einen berauschenden Kosmos“, sagt sie. „Mir geht es so, dass seine Musik zum Fliegen animiert.“ Und genau diese Schwerelosigkeit im Universum der Töne liegt der Bartoli. Sie singt nicht nur, sondern malt die Arien Steffanis in bunten, hellen und dunklen Farben. Ihr zur Seite die „I Barocchisti“ unter Diego Fasolis, mit denen sie das SteffaniProjekt nun auch weiter treibt und die „Stabat Mater“ des Komponisten aufnimmt. C  ECILIA BARTOLI, I BAROCCHISTI, DIEGO FASOLIS / MISSION (DECCA) / WELT-ERSTEINSPIELUNG DES JAHRES.

Konzerteinspielung des Jahres (20./21. Jh.) / Violine

Konzerteinspielung des Jahres (20./21. Jh.) / Klavier

Patricia Kopatchinskaja Bartók / Eötvös / Ligeti: Violinkonzerte, Seven

Herbert Schuch Viktor Ullmann: Piano Concerto op. 25; Beethoven: Piano Concerto No. 3

NAÏVE / INDIGO

OEHMSCLASSICS


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„MUSIKALISCHE LUFT ZUM ATMEN“ SOL GABETTA und HÉLÈNE GRIMAUD beflügeln sich gegenseitig,

wenn sie zusammen spielen. Hier reden sie über den Zauber ihrer gemeinsamen Arbeit. SOL GABETTA: Wir haben zwei gemeinsame

GRIMAUD: Das liegt vielleicht daran, dass

Konzerte gegeben, bevor wir die CD „Duo“ aufgenommen haben. Die ersten Begegnungen waren so natürlich und selbstverständlich, dass wir sie unbedingt fortsetzen wollten. HÉLÈNE GRIMAUD: Ja, es war eine sehr intensive, gleichsam aber auch irgendwie luftige und leichte Zusammenarbeit – leicht im Sinne von schwebend. GABETTA: Das Tolle ist, dass nicht viele Worte nötig sind. Es ist ja nicht leicht, Musiker zu finden, mit denen man sich gegenseitig inspiriert – ohne sich zu verbiegen. Ich merke, wenn ich mit dir spiele, dass wir es schaffen, einen Raum für Musik zu kreieren, der, wenn es nach mir ginge, gar nicht aufhören sollte.

wir zwar ernsthaft arbeiten und uns gar nicht immer einig über jede Phrase sind. Aber wir musizieren auf der gleichen Wellenlänge. Dabei sind der Klang von Cello und Klavier ja schwer vereinbar. Wenn das Cello in der tieferen Region spielt, passiert es leicht, dass das Klavier das Cello übertönt. Wir müssen also stets aufeinander hören und auf die spezifischen Eigenschaften der unterschiedlichen Instrumente reagieren.

Und was die Wellenlänge betrifft, glaube ich, dass sie darin besteht, dass bei dir, Hélène, beim Musizieren alles zusammenkommt: Konzentration, Fluss, Epik und Effekt. Wir haben, glaube ich, eine ähnliche Meinung davon, was genau wir in einem Stück zum Klingen bringen wollen. GRIMAUD: Das Programm beflügelt ja auch durch seine Unterschiedlichkeit: Schumann, Debussy, Brahms und Schostakowitsch – das ist wie eine Reise ... GABETTA: Eine abwechslungsreiche Reise mit vielen Gegensätzen. Und gerade da braucht man innere Gemeinsamkeit, um sie anzutreten.

GABETTA:

Vielleicht ist es das, was mich so begeistert, dass ich in dieser Konstellation immer Luft zum musikalischen Atmen habe.

Konzerteinspielung des Jahres (20./21. Jh.) / Klavier-Duo Duo Tal & Groethuysen,

Musikkollegium Winterthur, Douglas Boyd Ralph Vaughan Williams: Concerto for two Pianos & Orchestra / Symphony No. 5 SONY CLASSICAL

Chorwerkeinspielung des Jahres

Vocalconsort Berlin, James Wood Carlo Gesualdo: Sacrae Cantiones, Liber Secundus HARMONIA MUNDI

H  ÉLÈNE GRIMAUD, SOL GABETTA / DUO (DEUTSCHE GRAMMOPHON)/ KAMMERMUSIKEINSPIELUNG DES JAHRES (19. JH) / GEM. ENSEMBLE.


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DER ALLZU MENSCHLICHE RHYTHMUS Mit „Le Sacre du Printemps“ schließen die BERLINER PHILHARMONIKER und SIMON RATTLE einen musikalischen Kreis.

G

roße Dirigenten werden im Zusammenhang mit ihren Orchestern ja oft durch wenige Stücke erinnert: Furtwängler und Karajan durch ihre Interpretationen von Beethovens Neunter mit den Berliner Philharmonikern, Claudio Abbado mit seinem Mahler-Zyklus – und Sir Simon Rattle, der Erneuerer des Berliner Klanges, wird wahrscheinlich stets mit Stravinskys „Le Sacre du Printemps“ verbunden werden, diesem Schocker der Musikgeschichte, der das Publikum der Uraufführung an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Pünktlich zur Bekanntgabe, dass Simon Rattle die Berliner Philharmoniker verlassen wird, und pünktlich zum 100. Jubiläum von Stravinskys SkandalStück, hat der Dirigent dieses Werk nun mit seinem Orchester aufgenommen. Und dahinter steckt wohl mehr als die pure, hörbare Begeisterung des Maestros für die aufgeregt nervöse Musik. Das „Sacre“ war einer der ersten Meilensteine der Ära Rattle in

Berlin. Das Stück bildete die Grundlage für sein weltweit einmaliges Education-Programm, das mit dem Film „Rhythm is it“ bekannt wurde – in ihm tanzen Berliner Kinder zu Stravinskys wilden Klängen. „Le Sacre du Printemps“ stand lange für den Aufbruch in Berlin. Auf ihrer aktuellen Aufnahme lassen die Philharmoniker und Simon Rattle nun hören, dass sie dieses rhythmisch harte Stück auch musikalisch neudeuten können und schließen damit einen Kreis: Neben den furiosen Passagen kümmert sich der Dirigent einfühlsam darum, im Rausch immer auch das humane Antlitz hörbar zu machen, stellt die Effekte gern hintenan, um das allzu Menschliche in dieser Partitur herauszuschälen und dem zerstörerischen Rausch ein Fünkchen Hoffnung entgegenzustellen. Mit ihrer nächsten Einspielung werden die Berliner und Simon Rattle dann erneut ein rhythmisches Meisterwerk unter die Lupe nehmen: Sergej Rachmaninoffs „Glocken“.  IR SIMON RATTLE, BERLINER PHILHARMONIKER / LE S SACRE DU PRINTEMPS (WARNER CLASSICS) SINFONISCHE EINSPIELUNG DES JAHRES (20. / 21. JH.).

DIE VERÄNDERUNG DES EWIG GLEICHEN EMANUEL AX nimmt die Kunst der Variation unter

die Lupe und verblüfft durch lustvolle Aperçus.

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ie Variation ist die Wiederkehr des immer Gleichen in veränderter Form. Was sich in Worten so akademisch anhört, ist in der Musik ein beliebtes und unterhaltsames Spiel unter Komponisten gewesen. Alles dreht sich dabei um die Frage, welche Kunstgriffe dem Schöpfer einfallen, um eine weitgehend eingängige Melodie durch minimale Wandlungen, unterschiedliche harmonische Einbettungen und trickreiche Neudeutungen möglichst spannungsreich zu deklinieren. Haydn, Beethoven und Schumann waren Meister in dieser Disziplin. In der Regel haben sie eine leichte Melodie ausgewählt, um aus ihr dann –

im Verlauf des Werkes – ein Meisterwerk zu entwickeln. Die Variation hört sich aufgrund ihres Ohrwurm-Charakters oft an wie eine Fingerübung, ist aber in der Regel ein zutiefst anspruchsvoller Kompositionsvorgang, der Interpreten vor die Herausforderung stellt, ihre eigene Vielfältigkeit unter Beweis zu stellen. Zu hören ist das in den f-MollVariationen von Joseph Haydn, in Robert Schumanns Symphonischen Etüden und Beethovens Eroica-Variationen, die so heißen, weil der Komponist das Thema später auch im Schlusssatz seiner dritten Sinfonie verwendete. Und irgendwie passt die Variation zu einem Pianisten wie Emanuel Ax, der vor 39 Jahren den Arthur-

Rubinstein-Wettbewerb gewonnen hat und seitdem als einer der versiertesten Klavierspieler in der ganzen Welt auftritt: stets bescheiden, sich selbst in den Hintergrund stellend – ein Diener der großen Komponisten. Es erstaunt also nicht, dass Emanuel Ax, wenn er sich nun die kleinen Mikrokosmen der Variationen vorknöpft, ebenso lustvoll zu Werke geht wie dann, wenn er auf seiner Homepage schnippische Kommentare über das Applausverhalten in

Konzerten schreibt oder Aperçus der Klassik-Welt erzählt. Plötzlich wird klar, was diesen Klavierspieler ausmacht: Sein feinfühliges Gespür für Pointen, seine Fähigkeit zu erzählen, seine ernsthaft untermalte Ironie und die Fähigkeit, selbst in kleinen Noten-Konstellationen ganze Gedankenwelten entstehen zu lassen.  MANUEL AX / HAYDN, BEETHOVEN, E SCHUMANN: VARIATIONS (SONY CLASSICAL) / SOLISTISCHE EINSPIELUNG DES JAHRES (19. JH.) / KLAVIER.

Operneinspielung des Jahres (17./18. Jh.)

Operneinspielung des Jahres (19. Jh.)

Max Emanuel Cencic, Philippe Jaroussky, Diego Fasolis, Concerto Köln Vinci: Artaserse

Mariinsky Orchestra, Valery Gergiev Wagner: Die Walküre

ERATO / WARNER CLASSICS

MARIINSKY / NOTE1


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„ICH KANN NICHT AUFHÖREN ZU SINGEN“ Die russische Sängerin JULIA LEZHNEVA ist erst 24 Jahre jung. Hier erklärt sie ihren Weg zur ersten CD. VON JULIA LEZHNEVA

I

ch spielte Klavier, seit ich fünf Jahre alt bin und habe mit anderen Kindern im Chor gesungen. Als ich sieben Jahre alt wurde, ist meine Familie nach Moskau gezogen, und ich habe am Moskauer Konservatorium Klavier studiert. Aber ich habe auch immer mit dem Singen weitergemacht, so wie all die anderen Kinder damals auch. Singen war und ist für mich der tiefste Ausdruck meiner Gefühle. Ich habe schon sehr früh begonnen, mich für CD-Aufnahmen zu begeistern. Mein großes Idol war damals John Eliot Gardiner. Seine Einspielung von Händels „Hercules“ habe ich mindestens tausend Mal gehört. Es passierte immer irgendetwas Mystisches: Ich bin in eine eigene Welt abgetaucht, konnte mich in den Klängen verlieren und auflösen in dieser Musik. Zur gleichen Zeit hat mich aber auch die „Markus-Passion“ von Bach begeistert. Ich habe sie an manchen Tagen stundenlang gehört und dabei alle Rollen auswendig gelernt. Das war natürlich alles noch Spielerei. Aber ziemlich schnell hat meine Stimmausbildung dazu geführt, dass ich nun auch technisch in der Lage war, all diese wunderschöne Musik, die ich immer gehört habe, selber zu singen. In meinem zweiten Jahr an der Cardiff International Academy of Voice kam die großartige Sängerin Kiri Te Kanawa, um eine Meisterklasse zu geben. Damals habe ich ihr eine Rossini-Arie vorgesungen, und sie hat mich spontan eingeladen, mit ihr bei den „Classical Brit“ aufzutreten. Das war einer der schönsten Momente für mich, und ich bin Kiri Te Kanawa für immer dankbar. Nun habe ich für DECCA das Album „Alleluia!“ mit großartiger, barocker Kirchenmusik aufgenommen – und ich habe jede Sekunde dieser Arbeit genossen. Natürlich auch, weil ich mich schon seit Langem besonders in die Motetten, die wir aufgenommen haben, verliebt hatte. Ich war sehr jung, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Aber Mozart war ja auch erst 16 Jahre alt, als er sein „Exultate Jubilate“ komponierte. Das muss man sich einmal vorstellen!

Operneinspielung des Jahres (20./21. Jh.)

Ian Bostridge Britten: The Rape of Lucretia ERATO / WARNER CLASSICS

Trotzdem sind das alles natürlich sehr komplizierte Werke, die wir ausgewählt haben. Aber ich habe erlebt, wie schön es ist, während der Proben offen mit seinen Gedanken zu sein, sie zu teilen und die Gedanken anderer zu verstehen. So ist mit dem Orchester Il Giardino Armonico unter Maestro Giovanni Antonini ein Album entstanden, das langsam gewachsen ist – durch die Inspiration vieler unterschiedlicher Musiker, die im Laufe der Zeit eine gemeinsame Basis entwickelt haben. Plötzlich war das Singen so, als würde ich mit mir selber sprechen – ein sehr innerlicher und intimer Moment. J  ULIA LEZHNEVA / ALLELUIA! (DECCA) / NACHWUCHSKÜNSTLERIN DES JAHRES / GESANG.

Solistische Einspielung des Jahres (17./18. Jh.) / Orgel

Leo van Doeselaar Heinrich Scheidemann: Orgelwerke MDG


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DIE NEUE MACHT

DER EMOTION JANINE JANSEN und LEONIDAS KAVAKOS

sind die Geiger, die den Klang unserer Zeit erzeugen.

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lassik ist, wenn immer neue Generationen sich die alten Meisterwerke zu eigen machen. Und die beiden Geiger Leonidas Kavakos und Janine Jansen stehen vielleicht für die Vielfalt, die unsere Zeit ausmacht. Kavakos, der griechische Ausnahmevirtuose, den man auf dem Konzertpodium erlebt haben muss. Ihm gelingt es innerhalb weniger Töne, eine magische Aura zu entfalten, welche die Luft im Publikumssaal vibrieren lässt. Bei ihm ist sofort alles Musik. Dieses Erlebnis ist nun auch auf drei CDs in der Einspielung seiner Beethoven-Violinkonzerte zu hören. Eine ganz andere Aura verströmt die niederländische Geigerin Janine Jansen: Ihr Spiel ist von einer modernen Frische geprägt, von technischer Schönheit und emotionaler Tiefe. Selten hat man Schönbergs verklärte Nacht und Schuberts Streichquartett verträumter, jenseitiger und weiter außerhalb dieser Welt angesiedelt gehört als bei ihr. Was diese Generation der Geiger ausmacht, ist ihre Ernsthaftigkeit und ihr unbedingter Glaube an die Emotionalität als Ausdrucksmittel. Beide engagieren sich neben ihren Solo-Auftritten für die Vermittlung von Musik: Kavakos als Leiter der Camerata Salzburg, Janine Jansen als künstlerische Chefin eines eigenen Kammermusikfestivals in Utrecht. Das Einzige, was sich bei diesen beiden Ausnahmegeigern alt anhört, sind ihre Instrumente: Beide spielen Stradivaris und erzeugen auf ihnen den Soundtrack unserer Gegenwart.  EONIDAS KAVAKOS / BEETHOVEN: THE COMPLETE VIOLIN L SONATAS (DECCA) / INSTRUMENTALIST DES JAHRES / VIOLINE.  ANINE JANSEN / SCHÖNBERG: VERKLÄRTE NACHT, SCHUBERT: J STREICHQUARTETT (DECCA) / KAMMERMUSIKEINSPIELUNG DES JAHRES (19. JH.).

Solistische Einspielung des Jahres (19. Jh.) / Klavier

Solistische Einspielung des Jahres (20./21. Jh.) / Klavier

Emanuel Ax Haydn / Beethoven / Schumann: Variations

Nikolai Lugansky Rachmaninov: Klaviersonaten 1 & 2

SONY CLASSICAL

NAÏVE / INDIGO


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HÖHER GEHT ES NICHT Der Countertenor MAX EMANUEL CENCIC hat seine Kollegen versammelt und eine Oper der Superlative organisiert.

A

ls Sir Georg Solti Max Emanuel Cencic bei den Wiener Sängerknaben hörte, sagte er, dass er gerade den schönsten Knabensopran der Welt gehört habe. Inzwischen ist Cencic 37 Jahre alt – und noch immer Sopran. Wohl kaum ein anderer Sänger hat in seiner Karriere so viel für die Berühmtheit von Countertenören getan wie er. Cencic ist mehr als ein Sänger, er sucht sich Gesangspartner, um gemeinsam mit ihnen die Kunst der hohen Stimme zu feiern, trommelt Kollegen für spektakuläre Konzerte zusammen und arbeitet als Produzent für seine eigene Firma Parnassus, um das Kastratenfach mit Aufnahmen in die Welt zu tragen. Für sein Plattenlabel hat der Sänger aus Zagreb nun einen seiner größten Coups gelandet. Er hat die fünf führenden Countertenöre unserer Zeit für eine Einspielung der Oper „Artaserse“ von Leonardo Vinci zusammengebracht. Gemeinsam inszenieren sie ein

spektakuläres Feuerwerk der hohen Noten: Der Franzose Philippe Jaroussky, der Argentinier Franco Fagioli, der Rumäne Valer Barna-Sabadus, der Ukrainer Yuriy Mynenko und Max Emanuel Cencic selber stürzen sich in die Partitur um einen Sohn, dessen Vater einen Mord gesteht, und den Sturz des Thronfolgers Artaserse. Ein Opernkrimi, der seinen Protagonisten virtuose Höchstleistungen abverlangt. All das scheint für den Dirigenten Diego Fasolis und sein Concerto Köln kein Problem zu sein. Er manövriert die Sänger durch ergreifende Leidenschaften, Verzweiflung und barocke Seelenwelten. Cencics Star-Ensemble wandert durch die Turbulenzen der Mythologie, verwischt die Grenzen von Mann und Frau und stellt stets den singenden Menschen als Form des höchsten Ausdrucks in den Mittelpunkt. Wer noch immer überzeugt werden muss, dass Countertenöre die wahren Diven der Opernwelt sind, kommt an dieser Einspielung einfach nicht vorbei.  AX EMANUEL CENCIC, PHILIPPE JAROUSSKY, DIEGO M FASOLIS, CONCERTO KÖLN / VINCI: ARTASERSE (ERATO) / OPERNEINSPIELUNG DES JAHRES (17./18. JH.).

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang (Duette / Opernarien)

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang (Arien / Rezitale)

Elı¯na Garança Romantique

Rolando Villazón Villazón Verdi

DEUTSCHE GRAMMOPHON / UNIVERSAL

DEUTSCHE GRAMMOPHON / UNIVERSAL


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WAHRHAFTIGKEIT ALS ZUSTAND DER NORMALITÄT Wenn SOL GABETTA Schostakowitschs Cellokonzert spielt, interpretiert sie es nicht – sie verkörpert es.

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as Kultur-Diktat der Stalin-Diktatur war 1959 allmählich überwunden, Dimitri Schostako­ witsch, der unter dem Sowjet-System zu leiden hatte, atmete wieder Morgenluft – und schrieb vielleicht eines seiner größten und emotionalsten Werke. Im ersten Cellokonzert rechnete der Komponist mit dem Diktator, unter dem er gelitten hatte, ab. Der große ­Mstislaw Rostropovich führte das Werk damals zum ersten Mal in Leningrad auf. Neben den politischen Anspielungen versteckte Schostakowitsch auch intimste, zärtlichste Botschaften. So klang in seinem autobiographischen Streichquartett Nr. 8, in dem er seine stille Sehnsucht nach einem besseren Leben ausdrückte, bereits das Hauptmotiv des Cellokonzertes an. Dieses Werk ist mehr als Musik: Es ist Ausdruck des zerrissenen Menschseins. Und ein mentaler Marathon, ein aufwühlendes Klangereignis, das vom Musiker den Einsatz des gesamten Körpers fordert – die absolute Hingabe.

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang (Lied)

Kammermusikeinspielung des Jahres (bis 17./18. Jh.) / Bläser

Mark Padmore Britten: Serenade & Nocturne; Finzi: Dies Natalis

Ensemble Villa Musica Devienne: Sonaten für Oboe und Fagott

HARMONIA MUNDI

MDG


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Sol Gabetta hat dieses Cellokonzert zum ersten Mal gespielt, als sie 16 Jahre jung war. Heute ist das für sie fast unvorstellbar. Wenn sie sich daran erinnert, erklärt sie: „Dieses Stück verlangt so unglaublich viel Kraft vom Solisten, nicht nur mental, sondern auch physisch. Damals konnte ich all das nur durchstehen, weil ich jeden Tag gelaufen bin, um meinen Körper für diese Musik fit zu machen.“ Inzwischen ist die Cellistin aus Argentinien weiter gereift. Und ihre Interpretation von Schostakowitschs Mammutwerk gemeinsam mit den Münchener Philharmonikern unter Marc Albrecht ist ein urgewaltiges Klangerlebnis. Gabetta scheint sich mit ihrem Körper in Musik aufzulösen, tritt den Beweis an, dass Musik immer auch eine Form physischen Ausdrucks ist und verwandelt ihr Cello sofort wieder in puren Geist, wenn sie den luftig melodiösen Gedanken hinterherlauscht. „Natürlich ist Rostropowitsch für alle Cellisten ein großes Vorbild“, sagt sie zum Interpreten der Uraufführung, „aber der Reiz der klassischen Musik liegt ja auch darin, dass man seine eigenen Interpretationen findet, sich die alten Meisterwerke zu eigen macht.“ Und gerade auf diesem Feld ist Sol Gabetta eine Meisterin. Ein Teil ihres Erfolges liegt sicherlich darin begründet, dass sie sich im Moment des Spieles vollkommen im Raum der Musik bewegt, dass sie es schafft, sich und ihre Zuhörer in einem Kosmos aus Noten, Körper und Geist aufzulösen, dass sie aufgrund ihrer technischen Brillanz die Freiheit hat, sich selbst bei kompliziertesten Stellen allein um den Ausdruck zu kümmern – und dass sie es mit jedem Werk schafft, eine natürliche Interpretation zu finden, Musik aus ihrer eigenen Welt, aus ihrem eigenen Dasein wortwörtlich zu „verkörpern“. Seit Jahren hat sich Sol Gabetta als führende Cellistin etabliert, die so lebt, wie sie musiziert: voller Begeisterung, Hingabe und Freude an der Musik. Diese Künstlerin scheint den Klang zum Atmen zu brauchen, lässt uns erfahren, was es bedeutet, dass Musik existenziell sein kann – überlebensnotwendig. Diese Freude vermittelt Gabetta nicht nur auf dem Konzertpodium, sondern auch in der Fernsehsendung „KlickKlack“ und bei ihrem Festival „SOLsberg“ im schweizerischen Olsberg, wo sie mit Freunden musiziert und die Intimität des Ausdrucks feiert. Sol Gabetta ist eine der wenigen Musikerinnen unserer Zeit, für die Wahrhaftigkeit ein Zustand der Normalität ist. SOL GABETTA / SCHOSTAKOWITSCH: CELLOKONZERT NR. 1, RACHMANINOFF: CELLOSONATE (SONY CLASSICAL) / INSTRUMENTALISTIN DES JAHRES / CELLO.

Kammermusikeinspielung des Jahres (bis 17./18. Jh.) / gem. Ensemble

Kammermusikeinspielung des Jahres (bis 17./18. Jh.) / gem. Ensemble

Musica Alta Ripa Leclair: Récréations de musique

Jordi Savall, Hespèrion XXI Armenian Spirit

MDG

ALIA VOX / HARMONIA MUNDI


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WAS

ORIENT OKZIDENT UND

LERNEN KÖNNEN

FAZIL SAY ist nicht nur begnadeter Pianist

und Komponist, sondern auch ein Wandler zwischen den Welten, der für die freie Meinung sein Leben riskiert und sich mit der Politik in seiner Heimat, der Türkei streitet. Herr Say, wie unterschiedlich sind die kulturellen Hintergründe zwischen Orient und Okzident in der Musik? Wenn man alles von der Harmonielehre aus betrachtet, sind diese Kulturen eigentlich nicht miteinander zu verbinden. Sie basieren auf komplett unterschiedlichen Tonartverständnissen: Im Westen denkt man in Dur und Moll, aber im 16. Jahrhundert haben wir in Anatolien ganz andere Harmonien benutzt. Wir haben heute 550 unterschiedliche Tonalitäten, mit denen wir spielen. Und die kann man nicht einfach in die temperierte westliche

Musik übersetzen. Ein „A“ am Klavier bleibt ein „A“ – eine türkische Flöte aber spielt mit Zwischentönen, das kann schnell schief gehen. Was bedeutet das für die Zusammenführung von Kulturen? Für mich ist die Lehre aus der Musik auch eine Lehre für das Leben. Wir können die unterschiedlichen Kulturen nicht einfach so miteinander verschmelzen. Was wir aber können, ist, sie gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen, Unterschiede zu akzeptieren und harmonische Brücken bauen. Wir müssen uns der Unterschiede bewusst werden, sie verstehen und pflegen. So mache ich das auch in meinen Kompositionen, in denen Musik aus Orient und Okzident zur gleichen Zeit nebeneinander erklingen – zu so viel Toleranz sollten wir Menschen doch auch in der Lage sein. FAZIL SAY / SONDERPREIS.

Kammermusikeinspielung des Jahres (19. Jh.) / Streicher

Kammermusikeinspielung des Jahres (19. Jh.) / gem. Ensemble

Belcea Quartet Beethoven: Die kompletten Streichquartette Vol. 1

Hélène Grimaud, Sol Gabetta Duo

ZIG ZAG TERRITORIES / NOTE1

DEUTSCHE GRAMMOPHON / UNIVERSAL


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DIE

KUNSTDER EMOTIONALEN MATHEMATIK

ALEXANDER KRICHEL ist hochbegabt

als Mathematiker. Als Musiker ist er aber noch besser.

A

chtung, hier kommt ein Mann, der anders ist als viele andere. Beispiele gefällig? Bitte schön: Alexander Krichel war Preisträger bei der Mathematik-Olympiade, beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen und beim Wettbewerb „Jugend forscht“ im Bereich Biologie. Er war in der Förderklasse für Hochbegabte Mathematiker an der Universität in Hamburg – und wenn es nach seinen Eltern gegangen wäre, würde der 24-Jährige heute als Arzt Operationen durchführen. Aber zum Glück ist Alexander Krichel bereits mit 14 Jahren seinem großen Idol, Franz Liszt, begegnet und dessen Ballade „Hero und Leander“. Diese Musik hat ihn in eine andere Welt entführt. Und fortan wusste er, dass Musik seine Berufung sein

wird. Kurzerhand hat Krichel sich entschlossen, seine Karriereplanung umzubauen – und das mit Erfolg. Nach seinem CD-Debüt bekam er einen Exklusiv-Vertrag bei Sony Classical, wo er das Album „Frühlingsnacht“ mit Werken von Schumann, Mendelssohn, Schubert und Weber aufnahm. Sein einfühlsames Spiel, seine brillante Technik und seine musikalische Hingabe haben die Jury des ECHO Klassik so sehr begeistert, dass sie diesen Ausnahmekünstler sofort als Nachwuchskünstler des Jahres ausgezeichnet hat. Die Welt der Musik ist am Ende ja auch nur der emotionale Ausdruck von Alexander Krichels Lieblingsfach Mathematik: Klang ist die Kunst, das Geheimnis der Zahlen mit Leidenschaft zu verbinden. Und für den jungen Pianisten ist Musik noch viel mehr. „Sie gibt mir die Möglichkeit, mich auszudrücken, wie ich es mit Worten kaum könnte“, sagt er. Vielleicht macht genau das seine Kunst aus: Krichel ist

ein romantischer Erzähler am Klavier, jemand, der Klänge für Worte findet, die oft unaussprechbar sind: sensibel, einfühlsam und jenseits der eigentlichen Sprache. Im Vordergrund steht bei ihm stets die Sinnlichkeit: „Durch Musik bin ich auch als Mensch gegenüber den Gefühlen viel offener“, erklärt der Pianist. In Deutschland gehört er noch zu den Geheimfavoriten, im Ausland sieht all das schon anders aus. Nach seiner Tournee durch Venezuela wird er in Südamerika wie ein Popstar gefeiert. Das allein aber reicht Krichel nicht – noch immer übt er fast zehn Stunden täglich und zieht sich gern zurück, um an eigenen Kompositionen zu tüfteln. Alexander Krichel lebt derzeit in Musik – und es sind große Ereignisse, wenn er auftaucht und uns in seinen Konzerten oder auf seinen CDs an dieser Welt teilhaben lässt.  LEXANDER KRICHEL / FRÜHLINGSNACHT A (SONY CLASSICAL) / NACHWUCHSKÜNSTLER DES JAHRES / KLAVIER.

Kammermusikeinspielung des Jahres (19. Jh.) / Streicher

Kammermusikeinspielung des Jahres (20./21. Jh. ) / Streicher

Janine Jansen Schönberg: Verklärte Nacht, Schubert: Streichquintett

David Geringas, Gringolts Quartett Braunfels: Streichquintett, Strauss: Metamorphosen PROFIL

DECCA / UNIVERSAL


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„MIT BEETHOVEN KANN ICH NICHT REDEN“ PATRICIA KOPATCHINSKAJA untersucht die unga-

rische Seele und wendet sich nun Russland zu.

DIE TÜCKE DES „ZACK!“ Seit 28 Jahren spielt das DUO TAL & GROETHUYSEN nun zusammen – und gewinnt seinen fünften ECHO Klassik.

E

s gibt Künstler, die so etwas wie Stammgäste beim ECHO Klassik sind. Bereits vier Mal wurde das Klavierduo Yara Tal und Andreas Groethuysen ausgezeichnet – ein Zeichen dafür, dass die klassische Musik von Kontinuität lebt. Seit 28 Jahren treten die Pianistin aus Israel und ihr musikalischer Partner aus München gemeinsam auf. Ihrem Spiel ist die musikalische Symbiose anzuhören, ein blindes Selbstverständnis in Interpretationsfragen und ein gemeinsames Öffnen gegenüber den Partnern, mit denen sie auftreten. Längst sind die großen Zentren der Musik ihre Wohnzimmer: das Concertgebouw, die Berliner Philharmonie und die Tonhalle Zürich. Neun Preise der Deutschen Schallplattenkritik für das in München lebende Super-Duo und ihr Label Sony Classical sprechen für sich. Das Spiel von Klavierduos ist besonders kompliziert, erklärt Andreas Groethuysen: „Musikalisch-technisch gibt der Anschlag beim Klavierspiel im ersten Moment einen sehr hohen Impuls und verklingt dann sehr schnell. Bei den meisten anderen Instrumenten entwickelt sich ein Ton für gewöhnlich. Aber beim Klavier geht es: ‚Zack!’ Und dieses ‚Zack!’ muss beim Duospiel perfekt zusammen sein. Eine fehlende Synchronität merkt der Zuhörer hier viel stärker als bei anderen Besetzungen.“ Von Ad-hoc-Duos mit fremden Musikern hält der Pianist deshalb nicht viel, weil er seit Jahren weiß, dass gemeinsames Musizieren ein tiefes gemeinsames Verständnis für Klang bedeutet – so wie er es mit Yara Tal entwickelt hat. Mit der Einspielung des Konzerts für zwei Klaviere und Orchester des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams stellen die beiden Pianisten einmal mehr ihre Weltklasse unter Beweis. Mit beeindruckender Präzision und hinreißender Musikalität interpretieren sie das selten eingespielte Doppelkonzert, das sich durch seinen großen Reichtum an Klangfarben und seine Vielfalt an Stimmungen auszeichnet. Das Musikkollegium Winterthur unter Douglas Boyd begleitet das Doppelkonzert einfühlsam und gestaltend zugleich.

Wer die Geigerin aus Moldavien auf dem Konzertpodium hört, hört vor allen Dingen: pure Energie. Auf ihren CDs schafft es Patricia Kopatchinskaja, diese Kraft zu retten. Frau Kopatchinskaja, Sie haben drei ungarische Komponisten aufgenommen – neben Bartók auch Ligeti und Eötvös. Was gefällt Ihnen an Gegenwartsmusik? Musik mit lebenden Komponisten zu machen, ist eine Herausforderung. Für mich ist Eötvös einer der besten Komponisten unserer Zeit, und ich wollte ihn unbedingt fragen, ob er mitmacht – und er hat „Ja“ gesagt und dirigiert auch. Unter anderem Ligeti, dessen Uraufführung er schon geleitet hat. Eötvös hatte sogar die Originalnotizen dieser Uraufführung in seiner Partitur. Das löst bei mir Gänsehaut aus. Mit Beethoven kann ich nicht mehr reden, aber es ist ein Erlebnis, intensiv mit den großen Meistern unserer Zeit zusammenzuarbeiten. Was hat Eötvös zu Ihrer Interpretation gesagt? Er hat mir viel Freiheit gegeben. Kompositionen sind für Komponisten ja wie Kinder: Irgendwann muss man sie einfach gehen lassen und den Künstlern vertrauen. Die Schönheit der Kunst besteht in ihrer Subjektivität. Auf Ihrem neuen Album spielen Sie Prokofiev und Stravinsky, eine andere Welt … Die ungarische Musik zeichnet sich durch individuelle Gedanken, die mit Volksmusik verbunden sind, aus. In der russischen Schule ist der nationale Hintergrund noch viel größer, weil Russland eine Weltmacht und eine Diktatur war – die privaten Kämpfe der Komponisten mit der Politik schwingen da immer mit.  ATRICIA KOPATCHINSKAJA / P BARTÓK, EÖTVÖS, LIGETI: VIOLINKONZERTE, SEVEN (NAIVE) / KONZERTEINSPIELUNG DES JAHRES (20./21. JH.) / VIOLINE.

D UO TAL & GROETHUYSEN, MUSIKKOLLEGIUM WINTERTHUR, DOUGLAS BOYD / RALPH VAUGHAN WILLIAMS: CONCERTO FOR TWO PIANOS & ORCHESTRA / SYMPHONY NO. 5 (SONY CLASSICAL) / KONZERTEINSPIELUNG DES JAHRES ­ (20./21. JH.) / KLAVIER-DUO.

Kammermusikeinspielung des Jahres (20./21. Jh.) / gem. Ensemble

Steffen Schleiermacher, Andreas Seidel Morton Feldman: Violine und Klavier MDG

Welt-Ersteinspielung des Jahres

Cecilia Bartoli, I Barocchisti, Diego Fasolis Mission DECCA / UNIVERSAL


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DIE UNENDLICHEN MÖGLICHKEITEN EINES INSTRUMENTS CHRISTIAN SCHMITT gehört zu den

Virtuosen der jungen Organisten. Nun nimmt er sich das Werk Widors vor.

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uweilen sind es technische Errungenschaften bei Instrumenten, die neue Kompositionen erst ermöglichen. Als der Orgel-Tüftler CavailléColl Ende des 19. Jahrhunderts Instrumente mit ganz neuen Klangformen entwickelte, spornte das den Komponisten Charles-Marie Widor zu seinen Orgelsinfonien an: Spektakuläre Stücke, in denen die Orgel als gleichwertiges Instrument zum Orchester behauptet wird – eine Herausforderung für jeden Organisten. Christian Schmitt ist einer der profiliertesten jungen Organisten und hat diese Sinfonien mit den Bamberger Symphonikern nun in einem CD-Projekt von

cpo (in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk) aufgenommen. In der zweiten Folge wird die 7. Orgelsolo-Symphonie op. 42 mit der Orgelsymphonie op. 69 verbunden, dem ersten derartigen Werk Widors, das der Komponist selbst als „großes Konzert für Orgel“ beschrieb. Schmitts energisches und zupackendes Spiel wird den Anforderungen an die Orgel als Instrument der Überwältigung gerecht, der Musiker spielt mit dem Orchester und den Möglichkeiten des Klanges. Kritiker von „Klassik Heute“, „klassik.com“ und „ClassicsToday“ loben ihn als Orgelmeister der jungen Generation und feiern seine Poesie und seine Kraft, wenn er den Cavaillé-Coll-Klang wiederbelebt. Einen Sound, der so modern ist, dass er uns noch immer die Ohren putzt. CHRISTIAN SCHMITT, BAMBERGER SYMPHONIKER, STEFAN SOLYOM / CHARLES-MARIE WIDOR: ORGELSYMPHONIEN OP. 42, 3 & 69 (CPO) / KONZERTEINSPIELUNG DES JAHRES (19. JH.) / ORGEL.

VON DER DATSCHA IN DIE WELT NIKOLAI LUGANSKY ist einer der besten Rachmaninov-

Interpreten. Das beweist er nun mit dessen Klaviersonaten.

B

evor Nikolai Lugansky seine erste Klavierstunde erhielt, war er bei Freunden auf einer benachbarten Datscha zu Besuch. Aus Zeitvertreib setzte er sich ans Klavier und spielte eine Beethoven-Sonate, die er zuvor nur gehört hatte. Seine Eltern erkannten sein „absolutes Gehör“ und der Junge durfte „das Geschenk der Musik, das in mir schlummerte“ ausleben. Heute zählt Lugansky zu den gefeiertesten Pianisten unserer Zeit. Das beweist er einmal mehr mit seiner Einspielung von Sergej Rachmaninovs Klaviersonaten. Rachmaninov war sehr skeptisch, was Aufnahmen betraf. Er sagte einmal: „Ich werde sehr nervös bei Einspielungen. Wenn mir bewusst wird, dass dieses Ergebnis jetzt von Dauer sein soll, werde ich nervös, und meine Hände beginnen sich anzuspannen.“ Bei Lugansky, einem der versiertesten Rachmaninov-Kenner, könnte der Komponist entspannen: akkurat, kühl analysierend, gleichzeitig emotional erfüllt und voller Persönlichkeit interpretiert er die Klaviersonaten eins und zwei. Wer ebenfalls skeptisch ist, was Aufnahmen betrifft, hat immer wieder die Möglichkeit, diesen Ausnahmepianisten auch live zu erleben: in Hannover (24.,25.10.), Mannheim (5.12.), Freiburg (6.12.) oder Frankfurt (8.12.). N IKOLAI LUGANSKY / RACHMANINOV: KLAVIERSONATEN 1 & 2 (NAIVE) / SOLISTISCHE EINSPIELUNG DES JAHRES (20./21. JH.) / KLAVIER.

„Klassik für Kinder“-Preis

Audiophile Mehrkanal-Einspielung des Jahres

Andreas N. Tarkmann, Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz Na warte, sagte Schwarte / Die verlorene Melodie

Ewald Kooiman, Ute Gremmel-Geuchen, Gerhard Gnann, Bernhard Klapprott J.S. Bach: Die Orgelwerke (Gesamtaufnahme auf Silbermann-Orgeln) AEOLUS / NOTE1

COVIELLO CLASSICS / MBM


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DINGE, DIE SIE ÜBER

LANG LANG WISSEN MÜSSEN

Er ist der Superstar der Klassik. Sein Chopin-Album ist der Bestseller des Jahres. Wir meinen alles über LANG LANG zu wissen. Hier einige unbekannte Fakten.

Ein eigenes Piano: Andere Weltstars haben Parfums und Mode­ labels. Die Firma „Steinway & Sons“ hat für den Pianisten dagegen eine Klavierlinie designt. Vom Schulklavier bis zum großen Flügel ist hier alles zu haben. Lang Lang glaubt: „Die Schönheit eines Stückes hängt nicht nur von der Komposition ab, man braucht dafür auch die richtigen Hände und das richtige Instrument.“

Der Mann für besondere Anlässe: Manche Musiker sind überall dort, wo Geschichte geschrieben wird, weil ihr Spiel für Besinnung, Frieden und Menschlichkeit steht. Lang Lang hat Mozarts 250. Geburtstag in der Großen Halle des Volkes in Peking gefeiert, die Fußball WM in München eröffnet, zu den Olympischen Spielen und bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama gespielt. Er begleitete Jackie Chan am Klavier bei der Expo in Shanghai und war beim Thronjubiläum von Queen Elisabeth II.

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Ein Leben mit Chopin: Längst hat Lang Lang bewiesen, dass er in jedem Repertoire zu Hause ist. Aber kein anderer Komponist begleitet ihn so lange wie Frédéric Chopin. Das erste Mal, als er China verlassen hat, um am Ettlinger Wettbewerb für junge Pianisten teilzunehmen, war er zwölf Jahre jung. Er spielte Chopins Etüde für schwarze Tasten. Seine Eltern hatten Schulden für diese Reise aufgenommen – aber Lang Lang hat gewonnen und seine Weltkarriere begonnen. Heute dankt der Pianist Chopin dafür mit seinem Bestseller-Album.

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Über die Tasten ins Netz: Lang Lang ist Musiker unserer Zeit. Nirgendwo kommt man ihm näher als auf seiner Seite www.langlang.com. Wer nicht die Chance hat, seine Konzerte zu besuchen, kann hier seine fast täglichen Blogeinträge lesen, Fotos von seinen Weltreisen betrachten oder sich die neuesten Fernsehauftritte des Stars anschauen. Wohl kein anderer Klassik-Künstler ist in der virtuellen Welt von Twitter und Facebook so zu Hause wie Lang Lang.

Der Nachwuchsförderer: Lang Lang entdeckte die Musik als Kind, nun hilft er Kindern, das Abenteuer Klassik zu entdecken. Seit zehn Jahren besteht seine Foundation. „Es ist mir ein Anliegen, die Begeisterung für die Musik weiterzutragen, das ist vielleicht meine zweite Karriere“, sagt der Pianist. In München hat er gerade ein Junior Music Camp geleitet, in Chicago einen Music Summit und in Oxford ein Musik-Event für Kinder.

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 ANG LANG / THE CHOPIN ALBUM (SONY CLASSICAL) / L BESTSELLER DES JAHRES.

Musik-DVD-Produktion des Jahres

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Arthaus Musik Klassik und Kalter Krieg – Musiker in der DDR

Paul Smaczny, Accentus Music John Cage: Journeys in Sound

ARTHAUS MUSIK

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DER MANN MIT DEM LANGEN ATEM

„ICH WILL ERZÄHLEN!“

ESA-PEKKA SALONEN hat mit den Los Angeles Philhar-

Er ist Brite und damit Landsmann des großen Sängers Peter Pears – der Muse Benjamin Brittens. Nun wird der Tenor Mark Padmore für sein Album mit Britten-Liedern ausgezeichnet. An dieser Stelle erklärt er, was den Zauber dieser Musik ausmacht.

monics die Sinfonien von Witold Lutosławski belebt.

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ie gut Dirigenten wirklich sind, zeigt sich nur selten an einem Abend. Oft ist ein langer Weg nötig, um Klangvorstellungen bis ins Detail zu verwirklichen, viel Arbeit und ein großer Atem. Esa-Pekka Salonen stand 1984 zum ersten Mal vor den Los Angeles Philharmonics – damals als finnischer Shooting-Star in den USA. Aber die Musiker waren derart beeindruckt von der emotionalen Analyse dieses Mannes, dass sie ihn immer wieder einluden und 1992 zu ihrem Chef gekürt haben. Seither hat Esa-Pekka Salonen dem Ensemble einen in der Orchesterlandschaft einmaligen Klang verliehen, eine technisch perfekte und emotional aufbrausende Tonfarbe, mit der nicht nur das Orchester selbst, sondern auch ihr Chef international zum Spitzenpersonal der Klassik geworden sind. Der lange gemeinsame Weg ist nicht nur ein Experimentieren und Tüfteln am Klang unter gleichgesinnten Musikern sondern stets auch die Ausweitung der Klangzone. Guten Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen ist es wichtig, dass ihre Musiker Neues kennenlernen, dass sie neben dem Standard-Repertoire auch die Seitenwege der Musik beschreiten und Erfahrungen sammeln. Außerdem glaubt der Dirigent fest daran, dass auch sein Publikum willig ist, mitzudenken und sich auf Neues einzulassen. Einer der Höhepunkte dieser Pionierarbeit ist die Aufnahme von Witold Lutosławskis Sinfonien. Der polnische Komponist, der 1994 verstarb, erlebt gerade eine internationale Renaissance. Salonen hat ihm nun mit der Einspielung des sinfonischen Werkes ein Denkmal gesetzt: Er zeichnet die Wandlungen in der Ästhetik des Komponisten nach. In der vierten Sinfonie pflegt Lutosławski eine melodische Leidenschaft und wirft viele atonale Elemente von früher wieder über Bord. Die dritte Sinfonie lebt von ihrer inneren Zerrissenheit und einem traumhaften Klangszenario, das Salonen gespenstisch in Szene setzt. Außerdem spielt das Orchester die „Fanfare for Los Angeles Philharmonic“, in der sich die Verbundenheit des Tonsetzers zum Orchester ausdrückt. In dieser Sammlung wird deutlich, was passiert, wenn ein echter Maestro und sein Spitzenorchester auf Spurensuche gehen: Sie ordnen selbst im Neuen die Musikgeschichte ein und entwickeln Klangkosmen, die uns verblüffen. Kein Wunder, dass Esa-Pekka Salonen inzwischen zu den gefragtesten Dirigenten unserer Zeit gehört. Auch, weil Musik für ihn eine Angelegenheit des langen Atems ist.

Der Tenor MARK PADMORE über den Gesang als Poesie.

Benjamin Britten hat all seine Tenor-Lieder für seinen Lebenspartner Peter Pears geschrieben, und beide haben sich unglaublich für Poesie interessiert. Vielleicht ist das ein Grund, dass Britten so viele wunderschöne Gedichte vertont hat. Für mich ist das auch ein musikalisches Bekenntnis und eine Herausforderung für meine Stimme. Ich glaube, dass für Britten stets die Poesie des Klanges im Vordergrund stand. Eine der größten Lehren war für mich, den Evangelisten in Bachs Passionen zu singen. Hier ist man als Sänger tatsächlich ein Erzähler. Und ich glaube, dass es entscheidend ist, die Texte exakt herüberzubringen. Mir geht es nicht nur um die Qualität der Stimme, sondern auch um ihren Ausdruck. Nicht nur in der Klassik sondern auch in anderen Genres begeistern mich Stimmen, die es schaffen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen – die eine glaubhafte Geschichte erzählen können. Und das erwartet Britten von uns. Wenn man alte Aufnahmen von Peter Pears anhört, ist es das, was er ebenfalls tut. Inzwischen liegt ja eine Sängergeneration zwischen ihm und mir – etwa der große Robert Tear. Auch an ihm orientiere ich mich, denn Musik ist ja immer eine Befragung der Vergangenheit durch die Gegenwart. Ich verstehe es als meine Aufgabe, bei diesem Spagat meinen ureigenen Stil zu finden.  ARK PADMORE / BRITTEN: SERENADE & NOCTURNE, M FINZI: DIES NATALIS (HARMONIA MUNDI) SOLISTISCHE EINSPIELUNG DES JAHRES / GESANG (LIED).

E  SA-PEKKA SALONEN / LUTOSŁAWSKI: THE SYMPHONIES (SONY CLASSICAL) / DIRIGENT DES JAHRES.

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Bestseller des Jahres

Robert Lepage, Deutsche Grammophon Der Ring des Nibelungen

Lang Lang The Chopin Album

DEUTSCHE GRAMMOPHON / UNIVERSAL

SONY CLASSICAL


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WIE EMOTIONEN GESCHICHTE SCHREIBEN DER ANDERE MOZART AAPO HÄKKINEN entdeckt die lichten Klangwelten

von Franz Xaver Dussek.

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ls Mozart in Prag seine Oper „Don Giovanni“ beendete, leistete ihm der tschechische Komponist Franz Xaver Dussek Gesellschaft. Die beiden waren Brüder im Geiste. Dussek, von der Musikgeschichte oft vergessen, war Pionier der klassischen sinfonischen Form. In den 1760er und 1770er Jahren nahm er die Inspiration der frühen Wiener Musik auf, orientierte sich an Joseph Haydn und verstand es – ebenso wie dieses Vorbild aller klassischen Komponisten – geschickt mit den Erwartungen und dem Ohr der Zuhörer zu spielen. Nun haben Aapo Häkkinen, der finnische Meister der Alten Musik, und das Helsinki Baroque Orchestra die Werke Dusseks wieder ans Tageslicht gebracht: klare und kluge Sonatenhauptsatzformen, fröhliche und sonnige Orchesterwerke, die auf Heroismus verzichten und noch weitgehend unberührt vom „Sturm und Drang“ sind. Häkkinen zeigt Dussek als Meister der einfachen und eingängigen Melodie, die bei ihm stets im Zentrum steht, und an der sich allmählich gebrochene Akkorde orientieren, die nie aufhören, wenn man es eigentlich erwartet. Häkkinen geht auf die Spurensuche einer Epoche, stellt vor, was Haydns und Mozarts Zeitgenossen getrieben haben – und entdeckt ein unglaublich strahlendes und frohsinniges musikalisches Schaffen. A APO HÄKKINEN, HELSINKI BAROQUE ORCHESTRA / FRANZ XAVER DUSSEK: VIER SINFONIEN (NAXOS) / SINFONISCHE EINSPIELUNG DES JAHRES (BIS INKL. 18. JH.).

Gänsehaut ist, wenn ein Volk sich im Gesang befreit. ARTHAUS MUSIK beschreibt Aufstieg und Fall der DDR in Musik.

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usik ist größer als politische Systeme: Auf der einen Seite wird sie von Staatslenkern benutzt, um die Emotionen des Volkes zu steuern, auf der anderen Seite bleibt sie stets individueller Ausdruck der Menschen. In seinem packenden Film „Klassik und Kalter Krieg – Musiker in der DDR“ geht Thomas Zintl diesem Spannungsfeld zwischen Obrigkeitskultur und humanistisch-musikalischer Sehnsucht nach, in dem sich Künstler in der DDR bewegen mussten. Sein Film beginnt mit jungen russischen Soldaten, die nach dem Krieg das „Heidenröslein“ sagen. Er befragt Peter Schreiter, Kurt Masur, Theo Adam, Otmar Suitner und Kanzler Helmut Schmidt, der feststellt: „Jede Musik kann missbraucht werden, um politische Ziele zu verfolgen.“ Zintl erklärt, wie der Sänger Theo Adam als erster Reisefreiheit eingefordert hat und das DDR-System erpresste, um bei den Bayreuther Festspielen aufzutreten. Selbst zur 40. Jahresfeier der DDR, am 7. Oktober 1989, inszenierte sich der Staat noch mit einem Klassik-Konzert. Aber die Musik wurde übermächtig. Zu Beethovens „Gefangenenchor“ haben die Zuschauer minutenlang geschrien und geweint. Beethovens Humanismus siegte, die DDR ging unter. Dieser Film ist mehr als eine Studie über die Kraft der Klassik, er ist der Beweis, dass Klänge Geschichte schreiben. ARTHAUS MUSIK / KLASSIK UND KALTER KRIEG – MUSIKER IN DER DDR (ARTHAUS) / MUSIK-DVD-PRODUKTION DES JAHRES.

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VIVALDI INS JETZT GEBEAMT MAX RICHTER hat sich die „Vier Jahreszeiten“ vorgenommen

und sie für das 21. Jahrhundert auf bereitet. Star-Geiger DANIEL HOPE ist Teil dieser musikalischen Zeitmaschine.

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an kann Musik auch als Rohstoff verstehen, und die Meisterwerke der Klassik als goldenes Erbe der künstlerischen Natur. Wenn man das tut, ist es nur logisch, es zu schmieden, zu bearbeiten, es unserer Zeit entgegen zu formen und allseits bekannte Standardwerke wie Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ daraufhin zu befragen, wie sie wohl in unserer Gegenwart klingen würden. Max Richter ist auf der einen Seite gefeierter Computer-Musiker und Komponist von preisgekrönten Spielfilmen wie „Waltz with Bashir“, auf der anderen Seite ist er als KlassikKomponist sozialisiert, hat mit seinem Ensemble „Piano Circus“ Komponisten wie Arvo Pärt, Brian Eno, Philipp Glass und Steve Reich aufgeführt. Der Brite wohnt in Berlin – und es war naheliegend, dass die Deutsche Grammophon diesen Grenzgänger auswählt, um sich Vivaldis Bestseller vorzunehmen und ihn in unsere Zeit zu beamen. Richter sucht im verborgenen Alten das Neue, schafft eigenwillige

Klangkosmen und tritt dem „roten Priester“ Vivaldi mit großem Respekt entgegen. „Vivaldi ist auch eine Form der ‚PatternMusik‘“, sagt Richter, „Musik, die einem bestimmten Muster folgt. Und so würde ich auch meine Musik beschreiben. Wir leben in einer Post-Minimal-Zeit und Vivaldi ist genau jemand, der diese effektvollen Patterns komponiert hat. Insofern ist da für mich eine natürliche Verbindung.“ Genau so klingt sein „Recomposed“ dann auch: Der Star-Geiger Daniel Hope spielt weitgehend originale Vivaldi-Klänge, das Konzerthaus Kammerorchester Berlin bettet die Geige ein, und Richter schaltet den Computer ein, um den Lounge-Charakter zu erhöhen, um Vivaldis Naturgewalten zu konzentrieren, zu fokussieren – oder eben die Patterns ins Unendliche zu dehnen. Bei all dem schwingt das Original wie eine ferne Welt mit, die über digitale Musik mit unserer Lebensrealität, unseren Großstadt-Gedanken und unserer Sehnsucht nach Schönheit verwoben wird.

Die Klangsprache Richters ist ein faszinierender Hybrid aus traditioneller Kompositionskunst mit Einflüssen aus Romantik, Impressionismus und Minimalismus und elektronischem Klangdesign mit Anklängen aus Ambient, Electronica und Postrock. Das Besondere ist, dass er – anders als andere Künstler in der Reihe „Recomposed“ – nicht auf einen Remix gesetzt hat. „Vivaldi funktioniert über die Noten“, sagt der Komponist, der seine Werke ebenfalls noch ganz klassisch auf Papier niederschreibt. „Man kann die Fragmente nicht so einfach individuell herumschieben. Daher habe ich das Werk neu geschrieben und von einem Orchester spielen lassen.“ Das Ergebnis ist nicht nur verblüffend, sondern eine Fortsetzung der Vier Jahreszeiten für das Zeitalter der Lofts, Clubs und Metropolen-Bewohner und ein Nummer-EinsHit in den U.S.-iTunes-Charts überdies. Richter hat es geschafft, die Musik als Rohstoff zu begreifen, um einen kunstvollen, modernen Jahreszeiten-Ring zu schmieden.  AX RICHTER, DANIEL HOPE / RECOMPOSED BY M MAX RICHTER: VIVALDI – THE FOUR SEASONS (DEUTSCHE GRAMMOPHON) / KLASSIK-OHNEGRENZEN-PREIS.


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„ETWAS LIEF

FALSCH“

Mit ihrer Walzer-Aufnahme zeigen NIKOLAUS HARNONCOURT und sein CONCENTUS MUSICUS WIEN wie revolutionär diese Musikform sein kann – von den Tänzen Mozarts bis zu Johann Strauss. Das Orchester war ein Pionier der Historischen Aufführungspraxis und zeigt bis heute, wie neu das Alte klingt. Hier spricht N ­ ikolaus Harnoncourt über die Anfänge der Bewegung und seine Kämpfe gegen das Establishment. Herr Harnoncourt, eine Grundidee Ihres Orchesters war das Spiel auf alten Instrumenten als modernes Klangerlebnis. Haben Sie einen Gegenpol zum etablierten Musikgeschäft der großen Orchester eröffnet? Wahrscheinlich schon. Aber das war lustigerweise nur möglich, weil ich auch am „normalen“ Musikleben teilgenommen habe. Mein Job als Cellist bei den Wiener Symphonikern hat mir die finanzielle Basis für die Forschung und für das Neue gegeben. Man muss allerdings auch sagen, dass es uns schon als Studenten nicht allein um die Musik ging. Wir haben uns grundsätzlich für die Bedeutung der Kunst im Leben interessiert. Sie sind diesen Weg nicht allein gegangen, sondern mit Freunden und mit Ihrer Frau. Ich habe meine Frau am ersten Tag an der Akademie getroffen. Ich kam damals als eine Art Provinzdepp an, und sie war ein Star der Wiener Musikhochschule. Ziemlich schnell haben wir einen kleinen Musizierkreis gebildet, mit dem wir in Museen oder zu Architektur-Wanderungen aufgebrochen sind. Uns hat gestört, dass ausgerechnet in der Musik alles, was vor Mozart lag, schlecht geredet wurde. Von unserem historischen Wissen sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass das so nicht stimmen konnte. Also haben wir die Bibliothek der Wiener Musikhochschule leer gelesen und leer gespielt. Dabei sind wir darauf gekommen, dass die alten Instrumente anders klingen. Mit 20 Jahren habe ich also gewusst, wie ein Instrument im 15. Jahrhundert klang und habe einen unglaublichen Respekt bekommen. Das hatte allerdings weniger mit unserer Kunstfertigkeit als vielmehr mit der Kunst der Instrumentenmacher zu tun. In diesem Moment hat sich auch langsam eine Verachtung gegenüber der herrschenden Ignoranz entwickelt. Was genau haben Sie verachtet? Wir haben gespürt, dass unser Musikleben in einer falschen Schiene lief. Man hat nicht nach rechts und nicht nach

Wir bedanken uns bei unseren Partnern:

links geschaut. Ich habe die „Matthäus-Passion“ von Furtwängler am Klavier begleitet gehört oder den schrecklichen Hermann Scherchen mit der „Kunst der Fuge“ – er hatte keine Idee von Klang. Oder freundlicher gesagt: Ich hatte durch meine Beschäftigung mit den alten Instrumenten eine ganz andere Klangvorstellung als er. Während die anderen einfach weiter gemacht haben, saßen wir da, haben geschnüffelt und gestöbert und eigentlich nur auf den Moment gelauert, endlich selbst etwas auf die Beine stellen zu können. Die Wiener Symphoniker haben uns eine finanzielle Basis dafür gegeben. Aber das gilt nicht nur für das Geld, sondern auch für die Erfahrung. Von 1952 an habe ich außer mit Furtwängler fast unter jedem Dirigenten gespielt – selbst mit dem alten Kleiber, aber auch unter Strawinsky oder Hindemith. Diese alten Meister hatten ja einiges zu sagen. Die Oberflächlichkeit der Musikalität hat eigentlich erst in den Zwischenkriegsjahren eingesetzt und nahm ihren weiteren Lauf in der Nachkriegszeit. Ein Querkopf wie Sie hatte es sicherlich nicht leicht gegen all die übermächtigen Größen … Ich habe immer Widerstand geleistet, also war diese Situation für mich nicht neu. Ich bin schon als Kind nicht den Ideen meines Vaters gefolgt. Ich bin meinen Lehrern nie blind nachgerannt, und meine zweifelnde Grundhaltung hat sich natürlich auch auf die Musik übertragen. Allerdings wurde mir auch ziemlich schnell klar, dass man in seinem Zweifel auch etwas wagen muss. Es ist einfach sicherer, etwas zunächst nicht zu glauben, anzuzweifeln, zu hinterfragen. Aber dazu gehört auch, dass man die Konsequenzen aus seinen Überzeugungen zieht. Ich habe die Wiener Symphoniker 1969 verlassen. Da hatten wir bereits vier Kinder, aber kein anderes Einkommen. Meine Frau hat mich unterstützt. Sie sagte, dass sie notfalls in einem Spital putzen würde, wenn es nicht klappen würde, oder dass sie im Burgtheaterorchester spielen würde, weil die großen Orchester damals noch keine Frauen aufgenommen haben. CONCENTUS MUSICUS WIEN, NIKOLAUS HARNONCOURT / WALZER REVOLUTION (SONY CLASSICAL) / ENSEMBLE/ORCHESTER DES JAHRES.


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Musica Alta Ripa

DAS GUTE, SELTENE UND SPANNENDE Das LABEL MDG feiert gleich fünf ECHO Klassik-Gewinner und besticht durch einmalige Tonaufnahmen.

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eit Jahrzehnten stellt das Label MDG Ähnlich spannend ist regelmäßig gleich mehrere ECHO Klassikdie Entdeckung des Preisträger. Jeder, der die abenteuerlichen Ensembles Musica Wege der Musik sucht, sich auf Seitenwege Alta Ripa, das die einlässt, Neues im Alten entdecken will oder einfach „Récréations“ von nur sicher gehen möchte, dass die Tonqualität das Jean-Marie Leclair technisch Beste ist, was derzeit möglich ist, weiß wiederentdeckt. Bevor Sergio Azzolini darum, dass gerade in Nischen große Kunst entsteht. Leclair ein berühmter Dieses Jahr feiert MDG gleich fünf Geiger wurde, war er Tänzer auf der Bühne in Lyon Ingo Goritzki Preisträger. Reinhold Friedrich ist und Ballettmeister in Turin. Musica Alta Ripa lässt mit seiner Einspielung russischer Trompetenkon- die zwei Seelen in seiner Brust erklingen: die französische und die zerte Instrumentalist des Jahres – auch weil er italienische Barockmusik, die Andreas Seidel und sich, seit er den ARD-Wettbewerb 1986 gewonsich hier harmonisch vereinen. Steffen Schleiermacher nen hat, kontinuierlich für das Bekanntwerden Neue Akzente in der Gegendes Repertoires seines Instruments einsetzt. wartsmusik setzen der Geiger Ebenso wie Friedrich profitiert auch der Organist Andreas Seidel und der Pianist Leo van Doeselaar von der plastischen AufnahSteffen Schleiermacher. Nachmequalität bei MDG, wenn er an einer der bedeu- dem sie bereits Werke von John Reinhold Friedrich tendsten frühbarocken Orgeln durch das Oeuvre Cage und Wolfgang-Rihm für des Großmeisters Heinrich Scheidemann führt. Dabringhaus & Grimm eingeEchte Pionierarbeit hat das Ensemble spielt haben, kümmern sie sich Villa Musica geleistet, indem es die nun um Cages besten Freund, Oboen- und Fagottsonaten des franzöden US-Komponisten Morton sischen Multitalents François Devienne Feldman und beleuchten seine ausgräbt. Das Ensemble mit Ingo Gogeniale Reduktion von Klang ritzki und Sergio Azzolini präsentiert und Instrumenten. Trouvaillen der Musikgeschichte. Leo van Doeselaar


E CHO KLA S S IK M AG A ZIN

HIER SPRECHEN DIE STARS DER KLASSIK Der ECHO Klassik im Internet: WWW.YOUTUBE.COM/ECHOMUSIKPREIS Hier erleben Sie die Stars der Preisverleihung hautnah. Axel Brüggemann befragt die Künstler, Laudatoren und Ehrengäste der ECHO Klassik-Nacht ganz privat, nimmt Musikunterricht bei ihnen, gibt Einblicke in ihre neuen Projekte und lässt sich musikalische Hintergründe erklären. Erleben Sie die Party-Stimmung des ECHO Klassik hinter den Kulissen exklusiv auf unserem Youtube-Channel.

„Die Geige ist meine beste Freundin“ „Ich will Kathedralen aus Klängen bauen“

DAVID GARRETT

TORI AMOS

„Singen ist wie: unerklärliche Magie“ ROLANDO VILLAZÓN

„Ich bin stolz, ein ECHO KlassikGewinner zu sein“

„Die Geschichte des Barock ist wie ein Krimi“ DONNA LEON

ERWIN SCHROTT

ECHO K l a ssi k M ag a zi n IMPRESSUM Erscheinungsdatum September 2013 © Bundesverband Musikindustrie e. V. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers.

Herausgeber: Bundesverband Musikindustrie e. V. Reinhardtstraße 29 10117 Berlin Tel.: 030 — 59 00 38 -0 Fax.: 030 — 59 00 38 -38 www.musikindustrie.de Redaktion: Dr. Florian Drücke (V.i.S.d.P.), Rebecka Heinz Chefredakteur: Axel Brüggemann (operatext) Claudia Elsässer Projektleitung: Rebecka Heinz

Art Direktion: Dominik Schech (schech.net) Gesamtherstellung: schech.net Strategie. Kommunikation. Design. www.schech.net

Bildnachweis: Titel: DG // 2: Carmen Sauberbrei / ZDF // 3: Markus Nass / BVMI // 4: Katja Renner, Rainer Jensen / dpa // 6: istockphoto.com, qushe // 12: Monique Wüstenhagen / BVMI, Markus Nass / BVMI // 14: Holger Schneider / Hänssler // 16: Marco Borggreve, Rosi Arndt / Harmonia Mundi // 18: Gabo / DG // 20: Thomas Zwillinger / Harmonia Mundi, Felix Broede / dhm // 22: DG // 23: Marco Borggreve / ERATO // 24: Josef Fischnaller / Virgin Classics // 26: Toni Peñarroya / Alia Vox, Susesch Bayat / DG // 27: DG // 28: Uli Weber / DG // 29: Mat Hennek / DG // 30: Sheila Rock / Warner, Lisa Marie Mazzucco / Sony // 31: Uli Weber / DG // 32: Harald Hoffmann / DG // 33: Parnassus ARTS Productions Julian Laidig / ERATO // 34: Uwe Arens / Sony // 36: Fazil Say // 37: Uwe Arens / Sony // 38: Uwe Arens / Sony, Marco Borggreve / Naive // 39: Christian Schmitt / CPO, Marco Borggreve, Naãve-Ambroisie / Naive // 40: Harald Hoffmann / Sony // 41: Katja Thaejae / Sony, Marco Borggreve / Harmonia Mundi // 42: Studio Heikki Tuuli / Naxos, Gewandhaus // 44: Harald Hoffmann / DG // 46: Sony // 47: Judith Schlosser, Archiv Mendelssohn-Haus, Frank, Marco Borggreve / MDG // 48: BVMI /Monique Wüstenhagen.


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Echo Klassik Magazin 2013  

Der ECHO-Klassik ist der begehrteste Preis der Musikbranche. Das ECHO Klassik Magazin begleitet die Preisverleihung mit Hintergründen, Story...

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