Anna Stern. Wild wie die Wellen des Meeres

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Anna Stern Wild wie die Wellen des Meeres Roman

KOSTENLOSE LESEPROBE


1.

Roberta Fripp – zartgliedrig und mit dem grauen Haar einer Großmutter, jedoch ohne Milde im Blick, der entschlossen ist, beinahe hart – lehnt sich in ihrem Sessel zurück, schlägt ein Bein über das andere und verschränkt ihre Hände im Schoß. Sicher, Herr Faber, sagt sie, Ihre Sorgen sind legitim, und ich kann nachvollziehen, dass Sie aufgewühlt sind und verunsichert, doch ich gehe davon aus, dass Sie wissen, dass ich Ihrer Bitte nicht entsprechen kann. Sie wissen genauso gut wie ich, dass diese Informationen unter das Arztgeheimnis fallen, und selbst Ihre Stellung als Polizeibeamter befreit mich nicht davon. Ava Garcia war – Ava Garcia ist meine Patientin, und Sie sind weder ihr Erziehungsberechtigter noch ihr Ehemann. Ihnen als Privatperson kann und darf ich über meine Gespräche mit Frau Garcia keine Auskunft geben, wie weit auch immer diese zurückliegen. Ich verstehe, dass Sie sich in der Vergangenheit auf die Suche nach Antworten zu Geschehnissen der Gegenwart machen, doch ich kann Ihnen diesen Zugang zu Frau Garcias Vergangenheit nicht gewähren. Auch mir selbst fiele die eine oder andere Frage ein, die ich Ihnen – in der Hoffnung, dadurch den einen oder anderen weißen Fleck auf der Landkarte von Frau Garcias Kindheit und Jugend zum Verschwinden zu bringen – gern stellen würde. Doch das ändert nichts daran: Das Arztgeheimnis bindet mich, ich fühle mich Hippokrates verpflichtet. Während sie spricht – ihre Stimme weich und buttrig golden –, steht Roberta Fripp auf und geht vor dem Fenster auf und ab, 13


durch das hell und warm und vom majestätischen Blätterdach der Eiche im Garten gefiltert die Sommersonne scheint. Schließlich durchquert sie mit den leichten Schritten einer Tänzerin ihr Behandlungszimmer und zieht ein dünnes, blaues Schulheft aus dem Bücherregal hinter ihrem Schreibtisch. Dann setzt sie sich Paul Faber wieder gegenüber. Nichtsdestotrotz will ich Ihnen ein Angebot machen, sagt sie, einen Vorschlag. Ich gebe Ihnen dieses Heft hier, und Sie schreiben darin alles auf, was Frau Garcia und Sie verbindet, Sorgen, Ängste, Erinnerungen, Träume, Wünsche – alles. Und wenn Sie fertig sind, kommen Sie zurück, und wir werden gemeinsam sehen, wie sich das mit meiner Einschätzung von Frau Garcia deckt. Ich erhalte einen Überblick über Ihre Beziehung, darüber, inwieweit Sie eingeweiht sind in die Geschehnisse, und kann dann besser beurteilen, was und wie viel ich Ihnen erzählen kann, erzählen darf. Ich schlage vor, wir sehen uns in zwei Monaten wieder, Ende September, so haben Sie genug Zeit, um Ihre Erinnerungen festzuhalten. Vereinbaren Sie am besten beim Hinausgehen bei Frau Hirsch im Sekretariat einen neuen Termin. Roberta Fripp erhebt sich, und auch Paul steht auf, und er nimmt das blaue Schulheft entgegen, das die Frau ihm reicht, und sie schütteln sich die Hände.

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2.

Die letzte Nachricht, die Ava vor dem Abflug erreicht, ist von Martha Halloran: Have to work, sorry. Just ask at the gallery, Lorca/Allen will show you around. I’ll be there at 4 pm xx M. Ava schaltet das Telefon aus und fliegt. Eine Stunde nach der Landung durchschreitet Ava die belebte Bahnhofshalle der Victoria Station und verschwindet die Treppen hinunter in die U-Bahn, fährt mit der District Line und der Hammersmith & City Line bis Ladbroke Grove. Portobello Road. Martha Halloran ist umgezogen seit Avas letztem Besuch und bewohnt jetzt ein Zimmer im obersten Stock von Lorca und Allen Tomberlins Haus. Hallo, sagt Ava, ich bin Ava. Hallo, sagt die Frau hinter dem Tresen, ich bin Lorca. Hallo, sagt der Mann, der gerade ein Bild von einem Wal an die Wand hämmert, ich bin Allen. Balaenoptera musculus, sagt Ava. Genau, sagt Allen und dreht sich um, der Blauwal. Komm, sagt Lorca, ich zeig dir, wo Martha wohnt. Das Haus ist schmal, das Treppenhaus ist schmal, es gibt jeweils einen Raum je Treppenabsatz. Wie in Notting Hill, sagt Ava. Wir sind in Notting Hill, sagt Lorca. Ich meine den Film mit Hugh Grant und … 15


Ja, ja, sagt Lorca und lacht, alle Besucher meinen immer den Film mit Hugh Grant und … Die Treppe ist mit dunkelrotem Spannteppich ausgelegt, Bilder hängen überall. Die Küche ist voller Bücher, und ein im Vorübergehen erhaschter Blick ins Bad offenbart Fliesen in Rosa und Gold und kleine Glühbirnen, in deren funzligem Licht der Wildschweinkopf über dem Spiegel nicht unbedingt vertrauensvoller erscheint. Eine Katze springt Ava entgegen. Das ist Marthas Reich, sagt Lorca. Sie stößt die Tür auf in ein helles Zimmer, in ein schmales Zimmer, ein karges Zimmer. Fühl dich wie zu Hause, sagt Lorca, und wenn du etwas brauchst, sagst du einfach Bescheid. Sie stellt ihre Tasche ab, den Rucksack, und sieht sich im Zimmer um: hellblaue Wände; unebene, weiß gestrichene Dielen; eine Kommode, darauf ein Spiegel; ein kleiner Schreibtisch, darunter ein Stuhl; ein Bett, das direkt unter dem Fenster steht und die gesamte Breite des Zimmers einnimmt. Ava setzt sich darauf, legt sich hin, durch das Fenster scheint die Sonne, es ist warm. Ava ist müde. Sie hat kaum geschlafen letzte Nacht bei Paul. Sie legt eine Hand auf ihren Bauch. Sie sollte etwas essen, sie wollte in die Wellcome Collection. Sie rollt sich auf die Seite und macht die Augen zu. Sleepyhead, sagt Martha Halloran und setzt sich neben Ava aufs Bett, wake up. Ava streicht sich das Haar aus dem Gesicht, die Sonne steht tiefer. 16


Hast du die ganze Zeit geschlafen, sagt Martha Halloran. Ava umarmt ihre Freundin. Schön, dich zu sehen, sagt sie. Likewise. Martha Halloran zieht sich um und macht sich zurecht; sie reden. Ready, sagt Martha Halloran. Ready, sagt Ava. Na dann, dann also los. Sie gehen die Portobello Road entlang. Martha Halloran lenkt Ava geschickt zwischen den Farben und Sprachen, zwischen Warenständen und Touristen hindurch. Hier, sagt sie und stößt die Tür zu einem libanesischen Deli auf. Sie grüßt den jungen Mann an der Kasse, stellt ihn Ava als Hamid vor und tauscht dann in vertrautem Ton Nettigkeiten mit ihm aus, bevor er mit ihnen zur Kühltheke geht. Mit Kennermiene wählt Martha Halloran verschiedene Speisen aus, die Hamid in einzelne Behälter verpackt. Für Ava wiederholt Martha Halloran die Namen: Hummus. Tabbouleh. Mutabbal. Ful. Warak Enab. Fatayer. Balila … Dazu Pitabrot. Du willst mich mästen, sagt Ava.

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Es ist kurz nach fünf, als sie beim Serpentine Lido ankommen. Hurry up, sagt Martha Halloran, wenn wir noch schwimmen wollen, müssen wir uns beeilen. Sie bezahlen den Eintritt und ziehen sich um. Ava steht auf der Terrasse und blickt auf das Wasser, eine glitzernde Fläche im warmen Licht der hinter den Bäumen verschwindenden Abendsonne. Tret- und Ruderboote gleiten über den See, dazwischen treiben Schwäne dahin oder gründeln am Ufer, die Vögel lassen sich weder vom regen Verkehr auf dem offenen Wasser noch von den Schwimmern in dem mit Leinen markierten Schwimmbereich in ihrer majestätischen Ruhe stören. Ava denkt an ihren See, an die Schwäne dort, an Paul. The ineluctable strangeness of swimming with swans. Sie folgt Martha Halloran über die Brücke an den Uferabschnitt, der für Schwimmer reserviert ist, und sie vergisst den anderen See, vergisst Paul. Ava und Martha Halloran suchen sich einen Platz im Schatten einer großen Eiche, setzen sich ins hohe Gras. Und du musst wirklich morgen schon wieder weg, sagt Martha Halloran. Ja, sagt Ava, am Abend. Ich muss arbeiten, sagt Martha Halloran, nicht so früh zum Glück. Und wenn du willst, kannst du mitkommen und ich führe dich herum. 18


Eine Privatführung durch Kew Gardens, sagt Ava, das lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Schön, sagt Martha Halloran, ich freue mich. Als es dunkel wird, ist Ava erstaunt über die vielen Sterne, die trotz Luft- und Lichtverschmutzung zu sehen sind. Vega. Altair. Deneb.

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3. 18. J u l i 2017 Paul wacht auf. Ava ist weg.

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4.

Ava überquert die Straße und geht auf die Euston Station zu, Reisetasche in der Hand, Rucksack auf dem Rücken. Über einer Apotheke blinkt abwechselnd mit der Temperaturanzeige eine Uhrzeit auf: 18:49. Sie ist früh, sie ist nervös, und sie ist aufgeregt: Martha Halloran weiß nun Bescheid. Sie setzt sich auf eine Bank, draußen. Es ist immer noch warm, ein weiterer heißer Sommertag, der zu Ende geht. Die Sonne scheint zwischen den hohen Häusern hindurch, Busse, Autos, Stimmen überall. Leute gehen vorbei, Reisende mit Koffern, Pendler, Liebespärchen, Händchen haltend, sich küssend; andere liegen in dem kleinen Park, aus Papiertüten riecht es nach Fastfood, sie spielen auf ihren Telefonen, sie hören Musik, sie schlafen. Ava nimmt ein Buch aus ihrem Rucksack, Lolita von Vladimir Nabokov: Sie hat es Martha Halloran geklaut. Die Uhr blinkt 19:47, Avas Zug fährt erst nach elf. Sie steht auf und geht in das Bahnhofsgebäude hinein, es ist stickig, tropisch fast, eine Frauenstimme tönt aus dem Lautsprecher durch die Ankunftshalle: See it. Say it. Sorted. Ava nimmt eine Rolltreppe ins Zwischengeschoss und setzt sich in ein Restaurant, von dem aus sie das Gewusel der Reisenden überblicken kann und freie Sicht auf die Abfahrtstafel hat, auf der die Namen fremder Orte in orangefarbener 22


Schrift leuchten. Die Frauenstimme gibt dieselben Angaben wieder, und immer wenn für einen weiteren Zug endlich die Bahnsteignummer aufleuchtet, lösen sich einige Männer und Frauen und manchmal Kinder aus der Gruppe der unter der Tafel Wartenden. Jemand setzt sich neben sie, ein Herr dunkler Hautfarbe und mittleren Alters, ein Angestellter der Bahn, wie seine Jacke verrät. Er isst sein Abendessen, Burger und Pommes, er trinkt Wasser aus einer Flasche, er blättert in einer liegen gelassenen Zeitschrift und geht. Jemand setzt sich neben sie, ein junger Mann mit Bart. Er isst sein Abendessen, Burger und Pommes, er trinkt Wasser aus einer Flasche, er blättert in der liegen gelassenen Zeitschrift und geht. Ava steht auf und fährt mit der Rolltreppe in die Halle hinunter. Im Schaufenster der Buchhandlung locken Virginia Woolfs The Waves und ein Buch von Safran Foer, das sie noch nicht kennt. Doch sie betritt die Buchhandlung nicht und stellt sich stattdessen zu der Gruppe unter der Abfahrtstafel. Draußen ist jetzt Nacht, und doch ist es immer noch heiß in der Halle, nur manchmal stiehlt sich ein schwacher Luftzug durch die Schiebetüren und bringt etwas Abkühlung. Ava stellt die Tasche auf den Boden und den Rucksack darauf, ihr Rücken schmerzt, ihr scheint, jedes ihrer Gelenke schmerzt, die Leuchtschrift verschwimmt vor ihren Augen, die Stimme der Ansagerin schmilzt.

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Watford Junction – London overground train to – Shrewsbury – If you see something that doesn’t look right – Glasgow Central – Text police, six-one-oh-one-six – Watford Junction – Close two minutes prior to departure – Liverpool Lime Street – See it. Say it. Sorted. Dann, endlich: Ihr Zug fährt von Platform 1. Vor der offenen Tür zu ihrem Wagen empfängt sie ein kleiner, dicker Herr mit einem Klemmbrett im Arm und einem Kugelschreiber hinter dem Ohr. Hello, sagt er, I am your host tonight, how may I help you. Ava braucht keine Hilfe, ihr Ticket sagt ihr, was sie wissen muss, doch sie hält es ihm trotzdem hin, und er macht zufrieden ein Kreuz bei ihrem Namen auf seiner Liste, kritzelt L to E und das Datum – 19/7 – auf ihr Ticket und fragt, ob er sie am nächsten Morgen wecken soll und ob sie dann Tee wolle oder Kaffee oder Apfel- oder Orangensaft. No wake-up service, sagt Ava, and thank you but no, no tea, no coffee, no apple and no orange juice. Sie steigt ein und ist überrascht, wie eng alles ist, der Gang ist so schmal, dass sie Schwierigkeiten hat, mit Tasche und Rucksack gleichzeitig zu ihrem Abteil vorzudringen, und sie malt sich aus, wie ihr Host sich hier durchwurstelt, Nacht für Nacht, wie er es löst, sollte einer seiner Guests ihm plötzlich entgegenkommen – doch vielleicht hat sie zu viel Fantasie, und Übung macht hier den Meister. Die Tür zu ihrem Abteil steht offen, und auch hier ist alles eng. Wohin mit der Tasche, fragt sie sich und hofft, dass niemand das andere Bett gebucht hat. Sie stellt sie auf die blaue 24


Abdeckung, unter der sich das Waschbecken verbirgt, und lässt zuerst den Rucksack und dann sich auf das untere Bett fallen. Sie weiß nicht, ob das tatsächlich ihr Bett ist oder ob nicht doch vielleicht das obere, vielleicht stünde es außen an der Tür, vielleicht auf ihrem Ticket, vielleicht spielt es gar keine Rolle, wenn sie die Kabine für sich allein hat, doch sie mag nicht mehr aufstehen, sie mag nicht mehr denken. Sie erinnert sich, wie jemand, vielleicht war es Paul, ihr einmal gesagt hat, sie solle bei Doppelstockbetten in Schlafsälen immer das untere Bett wählen, warme Luft und Fürze stiegen nach oben. Und sie erinnert sich an die Schul- und Ferienund Sportlager, die sie nach Césars Unfall besucht hat, und an Emma, die so etwas wie eine Freundin war in jener Zeit und die an einer Milbenallergie litt und derentwegen sie dann doch immer oben schliefen: Das hieß Freundschaft damals. Ava bleibt auf dem unteren Bett sitzen und denkt an Emma, an diese frühere Wirklichkeit, in der alles anders war, aber nichts einfacher; nicht, wenn man genau hinsah. Auf dem Gang gehen Mitreisende vorbei, ihre Stimmen dringen in das Abteil, doch Ava hört nicht, hört nicht zu, sie schließt die Augen, sie lässt sich fallen, sie vergisst. Später. Sie ist immer noch allein. Sie setzt sich auf, schiebt die Tasche beiseite und klappt die Abdeckung auf. Das Wasser, das aus dem Warmwasserhahn schießt, ist heiß. Sie wäscht sich das Gesicht, sie putzt sich die Zähne. Sie findet heraus, wie sich die Abteiltür abschließen 25


Zur Autorin

Anna Stern, geboren 1990 in Rorschach. Doktoriert und schreibt in Zürich. Zuletzt erschienen: »Beim Auftauchen der Himmel« (2017, Erzählungen, lectorbooks), »Der Gutachter« (2016, Roman, Salis), »Schneestill« (2014, Roman, Salis). 2018: 3sat-Preis der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt, Förderpreis der St. Gallischen Kulturstiftung.

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»Paul setzt sich zu Ava ans Bett, steht wieder auf und macht das Licht im Zimmer aus. Er geht um das Bett herum und stellt sich ans Fenster, Ava im Rücken, das Dunkel im Blick. Es ist Nacht, ein, zwei, vielleicht drei Uhr, die Zeit hat alle Bedeutung verloren. Ein beinahe voller Mond hängt über der fremden Stadt, umgeben von Sternen, die sich wie die Fußabdrücke eines Wasserläufers über den Himmel ziehen. Paul sucht nach dem Sommerdreieck, nach Deneb und Vega und Altair.«

Während Ava Garcia um ihr inneres Gleichgewicht ringt und um die Entscheidung, ihr ungeborenes Kind zu behalten oder nicht, kämpft Paul Faber um ihre Liebe und eine gemeinsame Zukunft. Angesiedelt im Nordwesten Schottlands sowie am Bodensee erzählt »Wild wie die Wellen des Meeres« die vielschichtige Beziehung zwischen den beiden Liebenden. Anna Stern folgt der Familiengeschichte von Ava Garcia bis weit in die Vergangenheit, parallel dazu schildert sie die Gegenwart von Paul Faber. Stern gelingt ein beeindruckender Roman über den Umgang mit Trauer, die Präsenz der Vergangenheit und die trügerische Authentizität von Erinnerungen.

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung und unter www.salisverlag.com 978-3-906195-81-0 9ISBN 783906 195810


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