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Österreich steht kopf

Faszinierende Spiegelbilder

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GUT .

LEBEN

Bad Ischler Legende

Herr Zauner & seine besteTorte

2 OKTOBER

10/2017

WIR BAUEN

EUR 4,60

EIN HAUS FÜR TIERE

Kuschelige Rückzugsorte für Igel, Bienen und andere Nützlinge

DAS LEXIKON DER VERGESSENEN BERUFE VOM AMEISLER BIS ZUM PAGENSTECHER

Richtig gutes Kraut Köstliche Rezepte und erstaunliche Erkenntnisse über die natürlichen Heilkräfte


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INHALT NATUR & GARTEN 16 Österreich steht kopf

Wasserspiegelungen – ein Phänomen, das uns die Schönheit unserer Heimat gleich doppelt vor Augen führt.

32 Rot wie Rebensaft

Die Blätter des Wilden Weins legen jetzt ihr schönstes Gewand an.

34 Beruf: Blumenpflückerin Margrit De Colles blühendes Reich im südoststeirischen Hügelland.

40 Schlaft gut!

Wir schaffen Rückzugsorte für Igel, Bienen und andere Nützlinge.

154 In Gesellschaft der Plappermäulchen

Warum Meerschweinchen zu Recht zu den beliebtesten Haustieren zählen.

4 Servus

KÜCHE & SPEIS 54 Richtig gutes Sauerkraut

Alles über das Wunder namens Kraut, das uns den Winter über mit vitamin­ reicher Gemüsekost versorgt.

60 Karpfengulasch

Ein Rezept aus Omas Kochbuch, das heute wie einst die Zeit des Abfischens der Waldviertler Teiche einläutet.

62 Nach der Pirsch

Hirschrezepte für den köstlichen Höhepunkt der Wildsaison.

70 Bauer & Brenner

Am Guglhof in Hallein brennt Anton Vogl aus Tauernroggen edlen Whisky.

74 Eine süße Geschichte

Bad Ischler Legenden: Josef Zauner und seine beste Torte.

WOHNEN & DEKO 82 Der Zauber des Schatzkästleins

Wie ein 300 Jahre alter Getreide­ speicher von Oberösterreich nach ­Tirol kam. Und was die Familie ­Mißlinger daraus gemacht hat.

90 Sprossenweise Lesespaß

Fundstück: Eine alte Leiter dient in ihrem zweiten Leben als Bücherbord.

92 Schattenspiele

Vorhang auf für Ritter und Drachen in unserem kinderleicht selbst gebas­ telten Schattentheater.

96 Zarte Naturschönheiten

Kahle Zweige, filigrane Samenstände und getrocknete Blüten werden jetzt im Herbst mit etwas Farbe zu wahren Kunstwerken.

COVERFOTOS: EISENHUT&MAYER, HEINZ HUDELIST/IMAGE BROKER/PICTUREDESK.COM, NEUMAYR/PICTUREDESK.COM

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FOTOS INHALT: SIMONE ANDRESS, KATHARINA GOSSOW, EISENHUT&MAYER, PRITZ/F1 ONLINE/PICTUREDESK.COM, SEBASTIAN GABRIEL, JULIA ROTTER, GAP GARDENS, NADJA MEISTER

104 LAND & LEUTE 28 Gottes Getränk und Teufels Beitrag

128 Blähmeister und Nachtkönig

104 Erntedank der Kinder In Gößl im steirischen Salzkammer­ gut fiebern die Kinder jedes Jahr dem letzten Oktobersonntag entgegen. Beim Ruabfeldln werden die Rollen getauscht, und sie dürfen einmal Erwachsene spielen.

162 Bei den Berglern im Burgenland

Wein gilt von jeher als sicheres Mittel, den Göttern ein Stück näher zu ­kommen – auch wenn das manchmal ein recht gefährliches Spiel ist.

114 Er gibt allen einen Korb

Luc Bouriel verliebte sich in ein ur­ altes Handwerk – und in eine Frau. Ihr zuliebe zog er nach St. AndräWördern, wo er die Korbflechtkunst vor dem Aussterben bewahrt.

Das Lexikon der vergessenen Berufe: historische Tätigkeiten und wie sie in Straßen- und Familiennamen weiterleben.

Die Lafnitz ist einer der letzten natur­ belassenen Flussläufe Mittel­europas. Ein Grenzfluss als Lehrmeister für Toleranz, Augenmaß und Diplomatie.

DOSSIER: Das Salz des Lebens

Es schlummert in Bergen und Meeren und gibt unserem Leben Würze. Alles über das weiße Gold – vom Abbau bis zur modernen Salzmedizin. Ab Seite 134

STANDARDS 3 Vorwort 6 Postkastl 8 Mundart: Ernte 10 Servus im Oktober 26 Der Garten-Philosoph 44 Natur-Apotheke: Knoblauch 46 Was unserem Körper jetzt guttut: die Abwehrkräfte stärken 50 Unser Garten 52 Mondkalender 76 Schönes für daheim 94 Kannst dich noch erinnern? Der erste Rausch 102 Einfach schön wohnen: Dekotipps für den Oktober 148  Michael Köhlmeier: Rotz Risto 158 Hund & Katz 160 Doris Knecht: Zwischen Stadt & Land 176 Kalender: Veranstaltungen im Oktober 178 ServusTV: Sehenswertes im Oktober 186 Worauf wir uns freuen, Impressum

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GARTENBESUCH

BERUFSWUNSCH: BLUMENPFLÜCKERIN

Als herziger Kindermund galt die Antwort der kleinen Margrit auf die Frage, was sie einmal werden wolle, wenn sie groß ist. Doch sie hat’s tatsächlich geschafft: Heute ist sie Gärtnerin mit Leib und Seele in einem schier unerschöpflichen Reich aus Bio-Schnittblumen im südoststeirischen Hügelland. TEXT: RUTH WEGERER FOTOS: SIMONE ANDRESS

34 Servus


Vielfarbige Dahlien, Zinnien und wogende Gräser beenden im Spätherbst das Erntejahr auf den Feldern. Mitten in der blühenden Pracht dient ein renovierter Wohnwagen als Freiluft-Werkstätte und bei Festen auch als Wiesencafé.

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arbflecke in der Landschaft sind ­ nfang Oktober ja zu erwarten, doch A das Leuchtfeuer, das da flächendeckend zwischen Wiesen und Wäldern auftaucht, ist überraschend und einfach überwältigend. Beim Näherkommen erkennt man blühende Dahlienfelder, hingebreitet zwischen Äckern und Wiesen, mitten im südoststeirischen Hügelland. Lieblich ist die Gegend hier unweit der trutzigen Riegersburg; das Vulkanland ist ein guter Boden für naturnahe Gartenideen. Und so wachsen auf diesen Blumenfeldern Österreichs erste biologisch angebaute Schnittblumen: das Herzensprojekt der ­Blumenbäuerin und Naturfloristin Margrit De Colle.

BLUMEN SIND LEBENSMITTEL FÜRS HERZ

Es muss doch eine Alternative geben zur herkömmlichen Blumenindustrie, dachte sich die studierte Soziologin und PR-Frau schon vor Jahren. „Eigene Schnittblumen zu kultivieren macht es möglich, tausende Flugkilometer und Unmengen an Pestiziden und chemischen Düngemitteln zu vermeiden. Blumen sollten doch kein Industrieprodukt sein, überzüchtet, weltweit gehandelt und respektlos verfrachtet, sondern ein ­geliebtes Naturprodukt.“ „Blumen haben mich schon immer begleitet“, sagt Margrit. Blumenpflückerin war sogar ihr Berufswunsch als Kind, nur gab es so etwas gar nicht. Dennoch blieb der Wunsch nach Ackerbau und Blumenzucht in ihrem Kopf. So begann sie vor sieben Jahren, inspiriert von Projekten in Amerika und England, auf sieben Hektar Schnittblumen den Jahreszeiten entsprechend biologisch anzubauen. Erst wurde sie belächelt, dann zunehmend bestaunt und angenommen. Ganz wichtig sind der energiegeladenen Blumenbäuerin die Wertschätzung und der Respekt der Natur gegenüber: „Saisonal, ­regional, biologisch und fair kultivierte Blumen müssen zur Selbstverständlichkeit werden, dann können wir uns noch viel mehr an ihnen erfreuen.“ ➻

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TIERE IM GARTEN

SCHLAFT GUT!

In jeder Ritze ein Insekt, unter dem Laub ein träumender Igel und im Nistkasten eine müde Maus: Wer weiß, welche Winterquartiere die heimischen Gartentiere brauchen, hilft ihnen beim Überleben. TEXT: ELKE PAPOUSCHEK ILLUSTRATION: BERND ERTL

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✽ Servus-Tipp: Wer nicht selbst basteln will: Ein Insektenhotel aus Naturmaterialien gibt es um 29 Euro auf servusmarktplatz.com

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1. Insektenhotels mit unterschiedlichen Löchern und Ritzen sind Massenunterkünfte für Nützlinge. 2. Dachböden und Brennholzstapel: Hier finden Fledermäuse Ruhe und feuchte Luft für die Flügel.

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3. Zusammengebundene Gräser sind der perfekte Unterschlupf für Insekten, Reptilien und Amphibien. 4. Laubhaufen für Schlangen, Frösche und andere Kleintiere sollten in einem Naturgarten nicht fehlen. 5. Buffets für hungrige Eichhörnchen können auch am Dach von Nistkästen angerichtet werden.


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er sein grünes Reich naturnah gestaltet und pflegt, stellt damit ohne weiteres Zutun schon so manches Winterquartier für die Fauna des Gartens zur Verfügung: Totholz von alten Bäumen, Reisig- und Laubhaufen, trockene Gräser und Staudenwerk. In einem penibel aufgeräumten Garten sind solche Lebensräume kaum zu finden. Wie schade, denn auch in der kalten Jahreszeit gäbe es sonst beim Blick aus dem Fenster allerhand zu sehen; und wer den Winter über verborgen bleibt, hat wohl ein passendes Quartier gefunden. Eichhörnchen zum Beispiel halten keinen Winterschlaf, verbringen aber längere Zeit dösend in schützenden Baumhöhlen. Alle paar Tage, wenn der Magen knurrt, ­suchen sie ihre gut versteckten Futtervor­ räte auf oder kommen ans Vogelhaus auf Besuch. Um Streitereien mit dem Federvieh zu vermeiden, kann man ihnen ein eigenes Buffet mit ungeschälten Wal- und Hasel­ nüssen, Eicheln, Bucheckern und Erdnüssen zur Verfügung stellen. Serviert wird es auf einem Brett, das im Geäst eines Baums angebracht wird.

WINTERQUARTIERE AUS LAUB

Außer Säugetieren und Vögeln sind alle ­Tiere wechselwarm und nehmen die Temperatur ihrer Umgebung an. Viele Amphi­

bien, also Frösche, Kröten oder Molche, und Reptilien wie Schlangen und Eidechsen ziehen sich in ein Versteck im Boden zurück. Dabei graben sie sich in weiche Bodenmulden, in Mauslöcher, Maulwurfsgänge oder Wurzelhöhlen ein. Hier bleibt es frostfrei. Von Menschenhand geschaffene Verstecke in Laub- und Reisighaufen, in Steinhaufen und zwischen Bretterstapeln oder rund um den Komposthaufen werden ebenfalls gerne angenommen. Ein Komforthotel für diese Tiere ist schnell gebaut: Man hebt eine Erdgrube mit ca. einem Meter Tiefe und Seitenlänge aus, füllt sie locker mit Steinen, morschen Holzstücken und Laub und deckt sie mit Reisig ab. Laubfrosch, Erdkröte, Gelbbauchunke, Ringelnatter oder Zauneidechse haben so den Winter über eine feine Unterkunft. NACHNUTZER IM NISTKASTEN

Auch Nistkästen für die heimische Singvogelschar sind im Winter überaus nützlich. Am besten man reinigt sie nach dem Ausflug der letzten Brut nur mit Wasser und eventuell Schmierseife (keine chemischen Putzmittel!), um Parasiten zu entfernen. Die Kästen werden im Winter gerne von Meisen oder Mäusen zur Übernachtung ­genutzt. Bisweilen überwintern auch Hummelköniginnen hier. ➻

GUT ZU

WISSEN SCHLAFEN, RUHEN UND ERSTARREN Winterschlaf Echte Winterschläfer fressen sich im Herbst ein Fettdepot an, das bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts ausmacht. Danach reduzie­ ren sie ihre Körperfunktionen auf ein Mini­ mum. Herzschlag und Atmung werden extrem langsam, die Körpertemperatur sinkt so stark ab, dass sie den ganzen Winter lang keine Nahrung aufnehmen müssen. Winterschläfer sind Igel, Siebenschläfer und Fledermaus. Sie alle dürfen keinesfalls gestört werden, denn unnötiges Aufwachen kostet sie sehr viel Energie und zehrt an den Kräften. 6. In Nistkästen übernachten gerne Mäuse und Singvögel. 7. Ein Igelhaus sollte unter Laub versteckt werden. 8. Unterirdische Gänge sind frostfreie Krötenquartiere.

Winterruhe Tiere, die Winterruhe halten, senken ihre Körpertemperatur zwar ab, werden aber ­immer wieder wach, um ihre Schlafposition

zu ändern oder eine Mahlzeit einzulegen. ­Dafür haben Eichhörnchen und Maulwurf ­vorgesorgt und Vorratsverstecke angelegt. Nur der Dachs muss sich jedes Mal auf Nah­ rungssuche begeben. Kältestarre Wechselwarme Tiere wie Frösche, Kröten, Eidechsen, Marienkäfer und andere Insekten gehen gleichsam erstarrt durch den Winter, denn sie sind nicht in der Lage, ihre Körpertemperatur zu regulieren. Sie werden bei ­sinkenden Temperaturen immer träger und fallen letztendlich in einen Starrezustand, ihre Sinne aber bleiben wach. Trotzdem sind auch sie auf ein frostfreies Quartier ange­ wiesen, denn das Einfrieren der Körpersäfte wäre tödlich.

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WILDREZEPTE

NACH DER PIRSCH Wenn die Herbstnebel wabern und es laut wird im Wald, ist es Zeit für Hirsch: Seine zart-würzigen Gustostückerln sind der köstliche Höhepunkt der Wildsaison. REDAKTION: ALEXANDER RIEDER FOTOS: EISENHUT & MAYER

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HIRSCHTATAR MIT SCHMORAPFEL UND VOGELBEEREN ZUTATEN FÜR 4 PERSONEN Zeitaufwand: 25 Minuten 240 g Hirschrückenfilet (ohne Sehnen und Häutchen) 1 TL Dijonsenf 1 EL Ketchup 1 Eidotter 1 EL gutes Nussöl 1 Msp. abgeriebene Orangenschale 1 feine Prise Pimentpulver Salzflocken, Pfeffer 1 Jungzwiebel Für den Schmorapfel: 1 Apfel 20 g Butter 2 TL Honig 1 feine Prise Zimt 4 TL Vogelbeergelee

ZUBEREITUNG 1. Das Hirschfleisch mit einem sehr scharfen Messer in feine Würfel schneiden. Mit Senf, Ketchup, Dotter, Öl und Orangenschale vermengen und mit Piment, Salz und Pfeffer abschmecken. Die Jungzwiebeln in feinste Ringe schneiden. 2. Den Apfel in 5 mm dicke Scheiben schneiden, das Kerngehäuse entfernen und die Scheiben in Butter, Honig und Zimt bei moderater Hitze weich schmoren. 3. Die Apfelscheiben mit Vogelbeergelee bestreichen. Das Hirschtatar zu Nocken formen, auf den Apfelscheiben anrichten und mit Zwiebelringen und Vogelbeeren garnieren. Mit getoastetem Weißbrot servieren.

AUF DEM TISCH IN

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MINUTEN

Außerdem: getoastetes Weißbrot eingelegte Vogelbeeren zum Garnieren

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HANDWERK

ER GIBT ALLEN EINEN KORB Luc Bouriel verliebte sich in ein uraltes Handwerk – und in eine Frau. Ihr zuliebe zog er nach St. Andrä-Wördern, wo er jetzt die Kunst des Flechtens vor dem Aussterben bewahrt. TEXT: INGRID EDELBACHER FOTOS: NADJA MEISTER

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In der Werkstatt von Luc Bouriel säumen Weidenbündel die Wände, davor türmen sich prächtige Körbe aller Art: für Babys, Hunde und Katzen, für den Einkauf und fürs Holz.

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as sind Sie? Korbflechter? Davon kann man leben?“, wundern sich die ­einen. „Oh, Sie sind Korbflechter, ich kenn das von früher“, meinen die anderen interessiert und können gar nicht aufhören zu fragen. Der junge Handwerker gibt bereitwillig auf alles eine Antwort. „Das Flechten mit Weiden“, sagt Luc ­Bouriel, „hat mich derart fasziniert, dass ich es zu meinem Beruf machen musste. Die Nutzungsmöglichkeiten sind so vielfältig, und dabei sind es immer nur wenige Schritte zwischen ursprünglichem Material und fer­ tigem Stück.“ Das Ganze erhält durch raffi­ nierte Flechttechniken seine Form – zusam­ mengefügt durch die geschickten Hände, die das wichtigste Werkzeug des 31-Jährigen sind. Anstrengend ist es, dieses Handwerk, selbst wenn die Weidenruten feucht und biegsam sind. Beim Flechten braucht es zwar weder Kleber noch Nagel oder Schnur, dafür aber einiges an Kraft, um die Ruten zu einem dichten Korbgebilde zu formen. MAGISCHES MATERIAL

Die Werkstatt von Luc Bouriel im niederös­ terreichischen St. Andrä-Wördern hat etwas Magisches, aus unserer Welt Gefallenes an

sich – auch die Zeit verliert sich hier ein wenig. Alles ist in warme, beruhigende Brauntöne gehüllt. Weidenbündel in ver­ schiedenen Farbtönen lehnen an den Wänden und warten auf ihre Verarbeitung. Gewiss tragen die Weidenruten zur wohligen Atmosphäre bei. Schließlich sagt man ihnen besondere Heilwirkungen nach.

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ES WIRKT WIE ETWAS AUS UNSERER WELT GEFALLENES. AUCH DIE ZEIT VERLIERT SICH HIER EIN WENIG.

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In ihrer Rinde stecken Inhaltsstoffe, die Fie­ ber senken, Schmerzen lindern und gegen Rheuma wirken. Auch etwas Unsterbliches hat die Weide an sich. Knickt ein kleiner Ast ab und fällt zu Boden, bildet er flugs neue Wurzeln – und wächst und lebt weiter. Links in der Werkstatt befinden sich die fertigen Stücke, in den unterschiedlichsten

Flechttechniken und Farbnuancen herge­ stellt. Körbe aller Art stehen Seite an Seite und übereinandergetürmt: für den Einkauf und die Wäsche, Körbe für Babys, Hunde und Katzen, für Holz oder Erdäpfel. EINE DOLCHTASCHE FÜR ÖTZI

Daneben finden sich ausgefallene Eigen­ kreationen wie Kerzenschaukeln, Lampen­ schirme, Babyrasseln, Vogelhäuschen – und Tierköpfe. Wofür die sind? „Für die Wiener Staatsoper, für die ‚Falstaff‘-Inszenierung“, erzählt Luc, der gerade an einem Widder­ kopf flicht. Zu diesem gesellen sich in wei­ terer Folge Schwein, Pferd und Stier, die bald ihren Auftritt auf den Häuptern der Sänger haben werden. Solche Herausforderungen liebt Luc, auch fürs Kino hat er schon gearbeitet. Für den neuen „Ötzi“-Film etwa wurde eine Dolch­tasche benötigt – von der Art, wie sie der Steinzeitmensch vor mehr als 5.000 Jahren umgebunden hatte. Mindestens so weit geht auch das Hand­ werk des jungen Korbflechters zurück, von vorgestern ist es aber keineswegs. Dem­ nächst wird Luc einen Ballonkorb in Angriff nehmen, den eine Heißluftballonfirma ➻

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WUNDER DER HEIMAT

Frei wie nur noch wenige Flüsse in Europa mäandert die Lafnitz hier durchs Grenzland zwischen Steiermark und Burgenland. Mit dem Schwemmholz, das sich an den ­sogenannten Prallufern anlagert, haben die Biber ihre Freude.

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BEI DEN BERGLERN IM BURGENLAND

Die Lafnitz hat einen der letzten naturbelassenen Flussläufe in Mitteleuropa. Und auch was an ihren Ufern gedeiht, ist recht einzigartig. Von einem Grenzfluss als Lehrmeister in Toleranz, Augenmaß und Diplomatie. TEXT: TOBIAS MICKE FOTOS: MARCO ROSSI

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Liane Pfeiffer (oben) ist seit 16 Jahren Naturführerin in der Region Lafnitz und weiß fast alles über die besondere Tier- und Pflanzenwelt, die der Fluss zu bieten hat. Mit der Zeit hat sie viele Geschichten aus der Region zusammen­ getragen, die ältere Bewohner noch aus eigenen Erlebnissen erzählen konnten. In Wörterberg betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann Otto (unten) im Neben­erwerb eine Biolandwirtschaft mit ­Dexter-Rindern, einer kleinen, aus Irland stammenden Rasse, die bei­ nahe ausgestorben wäre. Auch das „stille Örtchen“ mit Aussicht (Bild Mitte) steht auf dem Grund der Pfeiffers.

lles hat seine Grenzen, heißt es. Aber mit solchen Trennlinien ist das immer so eine Sache. Auf dem Papier lassen sie sich leicht ziehen. Die Praxis erzählt dann allerdings oft ganz andere Geschichten. Was, zum Beispiel, wenn ein Fluss als internationale Grenze anerkannt wird, dem Huber-Bauern die Felder am linken Ufer und dem Pieber-Bauern jene am rechten Ufer gehören – und dann zieht der lustige Fluss bei ­jedem Hochwasser die Grenze neu? Wem gehören die Felder? Wem die Jagd? Da helfen selbst die gut gemeinten alten Grenzsteine aus der Zeit Maria Theresias nicht viel. Wir sind mit Liane Pfeiffer am Ufer der Lafnitz im Bereich der Zinswiesen bei Loipersdorf unterwegs, wo eine Brücke die Ufer verbindet und der Auradweg vorbeiführt. Sie ist Naturführerin in der Region Lafnitztal, weiß viele interessante Grenzgeschichten und kennt die schönsten Plätze in den Lafnitzauen: „Mein Schwiegervater hat einmal zu mir gesagt: ‚Mädel, was willst du über die Lafnitz groß erzählen? Im Winter holen wir dort den Schotter fürs Hausbauen, im Sommer bei Dürre das Wasser fürs Vieh. Und die übrige Zeit ist die Lafnitz einfach nur gefährlich.‘ Heute zeige ich Kindern die lustigen Gelbbauchunken und die Knabberspuren der Biber und mit welchen Tricks die Bruch­ weide ihre Sprösslinge vermehrt. Man kann sagen: Ein Glück, dass die Gemeinden damals kein Geld hatten, um die Lafnitz in diesem Abschnitt so zu regulieren, wie es unten an der heutigen ungarischen Grenze ­geschehen ist. Heute haben wir hier einen Schatz von einem Naturparadies.“ So ist die Lafnitz der einstigen Armut wegen einer der letzten über weite Strecken unregulierten Flüsse des mitteleuropäischen Flachlands mit einer entsprechend einzigartigen und vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt. Einst war sie aber eben auch auf einer Länge von rund 50 Kilometern die „natürliche“ Trennlinie zwischen ­Österreich und Ungarn, 1921 wurde sie dann zum Grenzfluss zwischen der Steiermark und dem Burgenland. LEBENDE BURGENLÄNDER UND TOTE STEIRER

Immer schon waren die zweibeinigen, aber auch die vierbeinigen Bewohner des Lafnitztals bemüht, die Vorund Nachteile der jeweiligen Seite abzuwägen und den Fluss bei Bedarf zu queren, erzählt Liane Pfeiffer. ➻

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Servus in Stadt & Land – Oktober Ausgabe  
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