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Fälle 38

Fallen und Verschwinden Am 8. Mai hat die Oper «Fälle» auf der Studiobühne Premiere. Ein Gespräch mit Regisseur Jan Eßinger über das theatralische Potenzial der Charms’schen Geschichten und den heute wieder erschreckend aktuellen biografischen Hintergrund des Dichters

Die 2012 uraufgeführte Oper des russisch-argentinischen Komponisten Oscar Strasnoy, die das Inter­ nationale Opernstudio im Mai auf die Bühne bringt, trägt den Titel Slutchai, zu deutsch: Fälle. Was verbirgt sich hinter diesem Titel? Fälle basiert ursprünglich auf Texten des sowjetischen Schriftstellers Daniil Charms, die dieser selbst unter diesem Titel zu einer Sammlung zusammengestellt hat. Die Oper besteht aus mehreren Kurzgeschichten, jede ist sozusagen ein Fall für sich – Zwischenfälle, Vorfälle, Unfälle. «Fälle» kann aber auch im Sinne von «Akten» verstanden werden, die Informationen über Menschen ent­halten, oder Gerichtsfälle – auch das spielt mit hinein. Es gibt also in dieser Oper keine durchgehende Handlung, sondern mehrere in sich abgeschlossene Einzelgeschichten; auch ein Gedicht von Daniil Charms und ein Fragment seines Theaterstücks Jelisaweta Bam fanden Eingang in das Libretto. Worum geht es in den Geschichten, die hier erzählt werden? In den Kurzgeschichten werden aus einer fast kühlen Distanz heraus Szenen aus dem Alltag beschrieben, die witzig-­grotesk wirken, aber oft gar keine wirkliche Pointe haben – wie zum Beispiel die Geschichte von dem Mann mit dem Weissbrot, der einfach nur über einen Platz geht, ohne dass irgendetwas passieren würde, das es wert wäre, erzählt zu werden; oder von Maschkin, der scheinbar grundlos Koschkin erschlägt bzw. Puschkin und Gogol, die ständig übereinander stolpern; oder von den Frauen, die aus dem Fenster schauen und sich aus Neugier so weit hinauslehnen, dass sie eine nach der anderen runterfallen – diese Geschichte endet aber nicht etwa

tragisch, sondern mit der lakonischen Feststellung des Er­zählers, dass die Schaulustigen nach der sechsten fallenden Frau genug hatten vom Zuschauen und weitergingen zum Majewski-Markt, wo einem Blinden ein Schal geschenkt worden sein soll. Mitgefühl oder Mitleid spielen hier kaum eine Rolle, es ist eher so, dass man froh ist, nicht der andere zu sein. Warum eignen sich diese Geschichten für das Musik­ theater? Weil sie sehr viel theatralisches Potenzial enthalten! Und der Komponist Oscar Strasnoy hat dieses Potenzial voll aus­geschöpft: In den Momenten, in denen die Geschichte theatralische Aktionen erfordert, lässt er in seiner Musik den entsprechenden Raum; umgekehrt zieht er das Tempo an, wenn sich die Dinge verdichten müssen. Auch die Partitur selbst hat einen grossen Witz – nicht zuletzt, weil zu den 12 Instrumenten des Sinfonieorchesters auch ein Akkordeon, Bühnenmusiker und ein DJ gehören. Viele dieser Geschichten erschliessen sich erst vor dem biografischen Hintergrund von Daniil Charms ganz; ist diese Oper einem heutigen Publikum überhaupt ver­ ständlich? In der Beschäftigung mit dieser Oper hat es mir tatsächlich sehr geholfen, mich mit Charms’ biografischem Hintergrund und der Zeit auseinanderzusetzen, in der er gelebt hat, also den 30er und 40er-Jahren in der Sowjetunion. In dieser Zeit hatten die Menschen kaum Raum für Priva­tes, viele lebten in den sogenannten Kommunalkas, also Gemeinschaftswohnungen, mit zum Teil wildfremden Menschen auf engstem Raum zusammen, manchmal – wie

MAG 28: La Traviata  

Magazin Opernhaus Zürich 14/15

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