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HERBST 2014

#13 KÖLNER KULTUREN MAGAZIN | WWW.NULL22EINS-MAGAZIN.DE

FREIEXEMPLAR | EHRENAMTLICH | WERT 3 EURO


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EDITORIAL


EDITORIAL

EE dd ii tt oOo rr ii aa ll „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“ Eine langweilige Frage. Die Antwort hierauf interessiert auch gar nicht. Es ist der Blick des Befragten. Ging dieser noch vor 20 Jahren automatisch zum linken oder rechten Handgelenk, bleibt er heute starr. Die Hand bewegt sich und zückt das Telefon – der Verweis auf „mobil“ hat sich erübrigt. Ein Kommunikationsmittel bestimmt die Zeit. Ganz schön komisch eigentlich, ist man doch der Überzeugung, dass Raum, Zeit und „Dinge“ nicht das gleiche sind. Oder ist unsere Wahrnehmung dafür nur einfach zu eingeschränkt? Waren es nicht die zur See fahrenden Entdecker, die erst mit der Taschenuhr das Navigieren perfektionierten? Und so den bis dahin begrenzten Raum überwinden konnten? Verschwimmende Grenzen haben positive, manchmal aber auch negative Eigenschaften. Was gestern noch trennte, ist heute verknüpft. „Es ist übrigens 13 Uhr“, antwortet eine junge Dame. Überraschung: Sie hat eine alte Taschenuhr in der Hand. Doch nun muss sie weiter gehen. Das Telefon klingelt. Und wir haben auch gar keine Zeit. Es geht weiter und weiter – vorbei an Glück und Pech, an Glaube und Aberglaube, an Raum und Zeit. Wir heben ab – und liefern euch null22eins #13 für den Herbst 2014. Viel Spaß beim Lesen.

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INHALT


INHALT | IMPRESSUM

INHALT ALT | NEU /// TOURISMUS Selfie-Verwirklichung vs. Nostalgie

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WERKSCHAU /// MADELINE VON FOERSTER 08 What the hell is nature? FOTOSTRECKE /// MARIA MAGDIC Leben in Welten

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KÖLN SZENE /// GEBEN Lass es finden

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ZWISCHENRAUM /// SPAZIERENGEHEN Vom Verlust eines Kulturgutes

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KUNST /// AUSGEZEICHNET Haarkleine Mikrokosmen

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FILM /// TRASH Das Grauen aus der Tiefe

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GALERIE /// SALONABEND Die Staatsgalerie Delirien

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ARTISHOCKE /// DAKTYLUS Eine Bildergeschichte – zweiter Teil

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MUSIK /// KI RECORDS Photosynthese

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MUSIK /// IN KÖLN the blackwhitecolorful Half Past 2 Elephants on our graves Litman

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THEATER /// NOT / AUFNAHME Ein neuer Blick auf Depression

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KÖLNER ORTE /// GEISTER JAGEN Ohne Führung durch Kalk

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SPORT /// PADEL Wartet mal fünf Jahre

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NETZWERKEN /// 3D -STUDIUM 44 Beruf mit Zukunft WISSENSCHAFT /// STADTGESCHICHTE Kolonial-Schau

IMPRESSUM HERAUSGEBER

artishocke e. V. Mülheimer Freiheit 61 • 51063 Köln redaktion@null22eins-magazin.de

V.I.S.D.P

Robert Filgner robert@null22eins-magazin.de

REDAKTION U. REDAKTIONELLE MITARBEIT

Maria Aguilar, Miriam Barzynski, Britta De Matteis, Robert Filgner, Camilla Geier, Melanie Hahn, Marie-Luise Hofstetter, Christiane Kanthak, Simone Kollmann, Christina Löw, Giacomo Maihofer, Andreas Richartz, Christian Schneider, Anna Stroh, Christine Willen

LAYOUT

Stefanie Grawe, Sabrina Halbe, Leo Pellegrino, Stephanie Personnaz, Kirsten Piepenbring, Rosa Richartz, Andi Wahle, Julia Ziolkowski

FOTOS

Emi Maria Bohacek, Boris Breuer, Alessandro De Matteis, Johanna Flammer, Stephanie Lieske, Carina Matijasic, Houtan Nourian, Andi Wahle

ILLUSTRATIONEN

Sabrina Halbe, Fricka Langhammer, Jovita Majewski, Leo Pellegrino, Stephanie Personnaz, Kirsten Piepenbring

TITELSEITE

Stephanie Personnaz

RÜCKSEITE

Andi Wahle

DRUCK Druckerei WIRmachenDRUCK GmbH Mühlbachstr. 7 • 71522 Backnang www.wir-machen-druck.de

PORTRÄT /// 12 FARBEN 40 Lasst Literatur Stadt finden EVENT /// JENSEITS VON EUROPA Das Afrika-Film-Festival

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BANKVERBINDUNG artishocke e. V. Deutsche Skatbank Konto-Nr.: 4680715 • BLZ: 830 654 10 Urheberrechte für Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie der gesamten Gestaltung bleiben beim Herausgeber oder den Autoren. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers! Alle Veranstaltungsdaten sind ohne Gewähr.


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ALT | NEU

SELFIE – Verwirklichung VS. Nostalgie


ALT | NEU

Gemalte Romantik als Ausdruck von Urlaub – das war einmal. Heute stecken wir oberflächlich Orte auf der persönlichen Weltenbummler-Landkarte ab. Als Ausgleich und zur Erholung wandelten und wandeln Menschen durch Land und Natur – die Seele vom Alltag befreit, den Blick erweitert, romantische Landschaftspoesie. Ein Tourist begibt sich auf Reisen, genießt einen Spaziergang – er macht eine „Tour“. Aus dem Bedürfnis, die eigene Lebensumwelt für einen begrenzten Zeitraum zu durchbrechen, sich zum Eroberer der Neuzeit zu erheben, sind Touristen ein fester Bestandteil besonders schöner oder interessanter Orte geworden. Jeder Kölner kennt die Masse an Menschen, die als Karawane durch die Altstadt zieht. Für die Stadt selbst ist das ein Segen. Tourismus als Wirtschaftsform entstand parallel zur Entwicklung des Anspruchs auf Urlaub, was es noch gar nicht so lange gibt. Erst im 20. Jahrhundert etabliert, ist das Prinzip Tourismus weiter im Wandel. Schnell und oberflächlich entwickelt sich die Entdeckung unseres Globus zum privaten Poesiealbum mit persönlicher Widmung und fotografischer Verewigung. Aber was bleibt im Zwist zwischen Selfie-Verwirklichung und Nostalgie? Was bleibt im Geist und als Gefühl von der Fremde, von dem Exotischen, dem kulturellen Erbe? Alte Ansätze und neue Formen – oder einfach nur ein Wandeln in unterschiedlichen Zeiten, wie es jeder für sich selbst erkunden muss...

TEXT /// ROBERT FILGNER ILLUSTRATION /// JOVITA MAJEWSKI

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WERKSCHAU

Madeline Von Foerster

What the hell is

NATUR E ?


Seit Tausenden von Jahren versucht der Mensch, die ihn umgebende Natur zu verstehen. Doch was ist das eigentlich, Natur? Und wie gehen wir mit ihr um? Wichtige Fragen, die sich im Zeitalter des Anthropozän aufdrängen. Madeline von Foerster verpackt diese Themen in die anmutige Ikonografie der Renaissance. Fremdartige Tier- und Pflanzenarten, in Reliquien nistende Papageien, von Schlingpflanzen überwucherte Menschen: Die Natur wird erforscht in ihren Gemälden, sie wird in Wunderkammern archiviert, scheinbar gezähmt und bleibt doch unbändig und geheimnisvoll. Das mysteriöse Tier, dessen Blut in einem Kelch aufgefangen wird, ist ein Pangolin. Dieses asiatische Schuppentier ist heute vom Aussterben bedroht, da es in China als Delikatesse gilt. Madeline inszeniert es wie Jan van Eycks Opferlamm auf dem Genter Altar. Kunsthistorische und religiöse Bezüge sind ganz bewusst gesetzt. Die Natur ist heute in unserer Wahrnehmung das, was im Mittelalter die Religion war. Was uns täglich umgibt, stellen wir nicht infrage. Um es mit der Fischparabel* von David Foster Wallace zu sagen: What the hell is nature? Die natürliche Vielfalt und Schönheit ist schützenswert. Doch durch unser Bestreben zu kategorisieren und zu kontrollieren, stoßen wir immer wieder an die Grenzen des Begreiflichen. Genau diesen Zauber des Unbegreiflichen fängt Madeline in ihren Arbeiten ein.

Dabei bedient sie sich einer über 600 Jahre alten malerischen Mischtechnik aus Öl und Eitempera, die schon die flämischen Meister anwandten und die heute kaum noch jemand beherrscht. In einer vom Aussterben bedrohten Technik bringt sie diese ephemeren Wesen auf die Leinwand und so korrespondiert ihre Malweise auch mit dem Inhalt ihrer Bilder.

* There are these two young fish swimming along, and they happen to meet an older fish swimming the other way, who nods at them and says, „Morning, boys, how‘s the water?“ And the two young fish swim on for a bit, and then eventually one of them looks over at the other and goes, „What the hell is water?“ TEXT /// CAMILLA GEIER WEITERE INFOS /// WWW.MADELINEVONFOERSTER.COM


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FOTOSTRECKE


FOTOSTRECKE

LEBEN IN WELTEN

Menschen in ihrem ganz persönlichem Umfeld, die ihre eigene interessante Geschichte erzählen: das steht im Mittelpunkt der Fotografien von Marija Magdić. Ihre Bilder schaffen charakteristische Momentaufnahmen, mit der Kraft, die Fotografierten genau zu verorten. Identität, Heimat, Selbstref lexion und Mentalität bannt die 27-jährige Kölnerin in sehr persönliche Porträts. Das gelingt bei Persönlichkeiten wie der Schauspielerin Pheline Rogan und dem Komponisten Carsten Meyer ebenso wie bei der Aufarbeitung ihrer eigenen kroatischen Herkunft. Marija fotografiert das Leben in dessen Welten. Manchmal sind es sehr verschiedene Welten, doch das ist für sie „nema problema“ – „kein Problem“.

WEITERE INFOS /// MARIJA MAGDIC WWW.MARIJAMAGDIC.DE

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FOTOSTRECKE


FOTOSTRECKE

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KÖLN SZENE

LASS ES FINDEN !

DAS PRINZIP „GEBEN“ im Alltag

TEXT /// CHRISTINE WILLEN GRAFIK /// SABRINA HALBE WEITERE INFOS /// WWW.KULTURLISTE-KOELN.DE WWW.UMSONSTLADEN-KOELN.DE


KÖLN SZENE

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Schönes im Leben ist frei – also meist kostenfrei. Schöne Dinge im oder für das Leben kann man auch geben. Die „Nehmer“ werden sich freuen. Im Alltag wird unabhängig aller sozialen Gefüge sehr rege so gut wie alles getauscht. Das zeigt uns nicht nur die Tauschbörse „Nettwerk“ auf Facebook. Ganze Autos und Wohnungen gehören ebenfalls dazu, wie in manchen Kleinanzeigen nachlesbar: „Nur im Tausch mit dem Automodel Z oder mit einer Wohnung in Stadtviertel X.“ Bei solchen Tauschgeschäften versucht ein jeder, zumindest etwas Gleichwertiges oder etwas Besseres für die individuelle Situation zu ergattern. Dabei ist das Prinzip „geben“ viel einfacher – und kostspielig muss es auch nicht sein. Im Alltag tauschen wir am häufigsten Gedanken und Ideen aus, beispielsweise am Abend im Park mit Freunden und Bierchen. Dabei kann aus der leeren Bierflasche schon eine Mini-Spende für Bedürftige werden. An manchen Plätzen in Köln ist die Infrastruktur dafür bereits optimiert: Ringförmige Flaschenhalter am Mülleimer bringen die Flaschen-Spende als indirekte Geldspende sicher an den Sammler. So ähnlich kann auch die angefangene Zigarette fungieren, die nicht im Müll landet, sondern vorsichtig ausdrückt beispielsweise für Obdachlose liegen bleibt. Eine kleine Mini-Gabe „Tabak“ – ohne viel Aufwand. Geld liegt ja schließlich nicht auf der Straße, oder doch? Zumindest manchmal: einen Meter höher als freiwillige oder unfreiwillige Spende in Automaten für Parkscheine oder Zigaretten. Bedürftige schauen immer nach, weil manche Menschen dort sogar gerne und absichtlich etwas Kleingeld „vergessen“.

Im Überfluss spenden Es wird in der Regel schneller gespendet und geschenkt, was im Überfluss da ist: Wer es hat, spendet Geld, manchmal auch Zeit (durch ehrenamtliche Tätigkeiten) oder Altkleider. Was von offiziellen Kleider-Spenden wo und wie ankommt, weiß man in der Regel nicht. Dabei geht das ganz lokal. Neben gut erhaltenen Altkleidern sind Alltagsgegenstände gefragt, die noch zu schade zum Wegwerfen sind. Eine Einrichtung dafür ist zum Beispiel der Umsonstladen in Mülheim – eine Abgabe für andere Besucher, für Menschen, die die Sachen gut zu Hause gebrauchen und sich einfach kostenlos mitnehmen können. Kleiderspenden können aus Platzgründen nur aus saisonal passender Kleidung bestehen. Es mangelt im Umsonstladen eher an anderen Dingen: an Hausrat wie beispielsweise Kaffeemaschinen, Wasserkocher und Geschirr oder Lampen, CDs und DVDs. Der Gang zur Berliner Straße in Mülheim lohnt sich aber auch auf anderer Ebene. Der Umsonstladen ist auch ein Begegnungsort für eine einfache Idee: ein Netzwerk für mehr Selbstversorgung, ohne den Zwang zum Kaufen.

Kultur geben Manche fühlen sich gezwungen etwas zu kaufen, viele andere können es einfach nicht. Wer nicht einmal Geld für Urlaub hat, wird an Kultur wohl noch weniger denken. In Köln gibt es in dieser Hinsicht aber ein einfaches Prinzip: Überschüssige Eintrittskarten für das Theater oder das Konzert stiften die

Veranstalter und stellen diese als kostenlose Gästelistenplätze zur Verfügung. Die Kulturliste Köln vermittelt diese Plätze dann per Telefon. Die Anmeldung für die Kulturliste ist nur durch persönliche oder schriftliche Anmeldung möglich. Jeder, dessen Einkommen unterhalb der Armutsgefährdung liegt, kann sich bei der Kulturliste anmelden. Und dazu zählen nicht nur Hatz-IV-Empfänger: 930 Euro netto im Monat sind hierfür die Grenze – nicht nur für Studierende ein Anreiz. Klar, die großen Konzerte der Weltstars deckt die Kulturliste wohl nicht ab. Doch sie ist ein weiterer Beweis dafür, dass das Prinzip „geben“ funktioniert – und dass es nicht unbedingt Geld braucht, um Kulturveranstaltungen zu genießen. Bei der Vermittlung der Kulturliste geht es um die Integration von Menschen in schwierigen Lebenslagen und die Förderung der kulturellen Teilhabe. Geben kann nicht nur einfach sein, sondern auch viel bewirken. Mit etwas Aufmerksamkeit und Solidarität kann jeder von uns einen Beitrag leisten – sei es durch den kleinen Tabakrest und die leere Bierflasche oder auch mehr.


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ZWISCHENRAUM

Spazierengehen – Vom Verlust eines Kulturgutes Hetzende Menschen, die sich durch Handys und Kopfhörer von der Umgebung abschotten. Den beobachtenden Spaziergänger, der gelassen in der Stadt umherschlendert, gibt es nicht mehr.


ZWISCHENRAUM

Ein Mann überquert eilig den Rudolfplatz. Er hat fast den Bürgersteig erreicht, da rutscht er auf dem nassen Laub des Rinnsteins aus und fällt hin. Eine junge Frau ist ihm schnell beim Aufstehen behilflich, bevor die nächs­ ten Autos kommen, bleibt sogar bei ihm ste­ hen und reicht ihm ein Taschentuch, damit er sich seine Hose säubern kann. Ein kurzer Moment, nicht einmal fünf Minuten. Unge­ wöhnlich und auch schon wieder vorbei, als sei nichts geschehen.

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Bot der Gang durch die Stadt den Menschen einmal die Möglichkeit zu entspannen, in Ruhe zu beobachten und sich ungestört mit einem Begleiter zu unterhalten, sind wir Menschen heute scheinbar rastlos mit ande­ ren Dingen, wie beispielsweise unserem Han­ dy, beschäftigt. Mit Kopfhörer wird sich von der Umwelt abgeschottet. Sprich mich bloß nicht an, ist die Botschaft, die gesendet wird. Die Zeit, um von Ort zu Ort zu gelangen, will effizient genutzt werden. Am besten gelingt dies, wenn man mehrere Dinge gleichzei­ tig erledigen kann. Gehen und Musik hö­ ren, Bahn fahren und arbeiten, gehen und telefonieren.

zielgerichtet durch die Stadt

Das Ziel ist wichtiger als der Weg Das übliche Bild, was sich einem sonst in den Städten bietet, sind eilig durch die Straßen hastende Menschen. Alle scheinen schnell irgendwohin zu müssen. Kein Blick nach rechts und links. Keiner hat mehr Zeit. Rote Ampeln werden achtlos übergangen. Ankom­ men ist wichtiger als das Hingehen. Das Ziel ist wichtiger als der Weg. Langsames Schlen­ dern scheint ein vergessenes Kulturgut zu sein. Den beobachtenden Spaziergänger, der gelassen in der Stadt umherschlendert und sich in der Menge treiben lässt, gibt es nicht mehr. Gemächliche Spaziergänge, die allein der Muße dienen, sind längst vergessen.

Dabei war einst der Spaziergang ein Privileg derjenigen, die genug Zeit hatten. Den an­ deren, den Arbeitern war dies nur sonntags vergönnt, den Rest der Zeit mussten sie Geld verdienen. Heute arbeiten die Menschen wieder viel. Der Arbeit wird die meiste Zeit gewidmet. Lediglich am Sonntag sieht man die Menschen in Parks und am Rheinufer entlang gehen, um sich Bewegung zu ver­ schaffen. Doch außerhalb der begrünten Erholungsflächen sind Spaziergänger selten zu sehen. Graue Wohnblöcke und Häuser­ schluchten laden nicht zum erholsamen Schlendern ein. Der Blick kann nicht unge­ stört in die Ferne schweifen, und die Sonne schafft es, abgeschottet durch die hohen Häu­ ser, nicht bis auf die Straße.

Verlassen wir die vertraute, alltägliche Um­ gebung und besuchen eine andere Stadt, gibt es genug Neues zu entdecken, ist ein Gang durch die Stadt wieder attraktiv. Doch auch hier nehmen wir uns oft nicht die Zeit alleine durch die Gegend zu streifen und die Stadt für uns zu entdecken. Stadtführungen und Stadtrundfahrten präsentieren das Wichtigs­ te in kompakten und effizienten 30 Minuten. Bewusste Wahrnehmung der eigenen Um­ welt gibt es nicht mehr. Navigationssysteme lenken uns und wir haben den Blick eher auf den Bildschirm gerichtet und lassen uns von technischen Hilfsgeräten zielgerichtet durch die Stadt leiten. Ebenso wie dem Spazierengehen ist es dem Schaufensterbummeln ergangen. Heu­ te geht man nicht mehr bummeln, es wird geshoppt. Unser Konsumverhalten hat uns zum erlebnisorientierten Kunden gemacht, der nicht mehr nur einkauft, was er braucht, sondern das Einkaufen zum glamourösen Event machen will. Oder man verlässt erst gar nicht das Haus und konsumiert online per Mausklick. Tragen wir doch etwas zur Erhaltung un­ serer Kultur bei und gehen wieder bewusster durch die Städte und entdecken das langsa­ me Schlendern neu. Wer weiß, was wir in unse­rer Eile bisher alles übersehen haben.

TEXT /// CHRISTIANE KANTHAK FOTOS /// ANDI WAHLE


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KUNST


KUNST

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Wenn aus Öl und Acryl neue Welten entstehen und dort Haar wie selbstverständlich seine Wurzeln schlägt, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Johanna Flammer ihre Finger im Spiel hatte. Von einer Künstlerin, die ihre Stimme gefunden hat, und einer Kunst, so besonders, dass sich ein zweiter und dritter Blick in jedem Fall lohnen.

A

n einem Mittwoch um kurz nach Drei klingelt in einem Düsseldorfer Atelier Johanna Flammers Handy. Johanna und ich sind zum Interview verabredet. Tele­ fonisch. Zunächst völlig merkwürdig für uns beide: Miteinander warm werden, ins Ge­ spräch kommen, über Persönliches sprechen, ohne sich je persönlich begegnet zu sein. Aber: Nach nicht einmal vier Minuten läuft die Unterhaltung wie geschmiert. Während ich vor meinem zu einem Schreibtisch um­ funktionierten Wickeltisch im tiefsten All­ gäu sitze, Johannas Homepage auf meinem Laptop betrachtend, befindet sich die Künst­ lerin vor einer teils bemalten, teils noch wei­ ßen Leinwand 600 km nördlich. Nach einem kurzen Kennenlernen kommen wir schnell auf das zu sprechen, was Johanna so einzig­ artig macht: papierenes Haar. TEXT /// MARIE- LUISE HOFSTETTER FOTOS /// JOHANNA FLAMMER BORIS BREUER WARSTEINER

In ihren drei Serien Nodi, Stolo und In my Hair schafft die Künstlerin kleine verflochte­ ne Mikrokosmen, in denen Fotografien von Haaren mit Öl und Acryl verschmelzen und zu einer scheinbar völlig natürlichen, aber dennoch überraschenden Einheit werden. Jo­ hanna hatte vor ihrem Studium an der Kunst­ akademie Düsseldorf passenderweise eine Ausbildung zur Friseurin angestrebt. Nicht zuletzt ihrem Hang zur Biologie, der, wie sie selbst sagt, ihrer „Wald und Wiesen-Kindheit“ geschuldet ist, haben ihre Serien die außer­ gewöhnlichen Titel zu verdanken. Nodi von dem lateinischen Wort „nodus“ bedeutet Knoten und benennt, ähnlich der Serie Sto­ lo (von stolonen: „Ausläufer von Tieren, die nach ihrer Abtrennung als eigenständiges Lebewesen existieren“) eben das, was Johan­ na seit nunmehr sieben Jahren auf Leinwand wachsen lässt. Ihre Werke, so die Künstle­ rin, seien wie die abgetrennten Stücke eines Regenwurms: Jedes für sich existiere als ei­ genständiger Teil eines großen, verknüpften Ganzen. Ist diese außergewöhnliche Idee der miteinander verwurzelten Mikrostrukturen einmal verstanden, so überrascht es auch nicht, dass Johanna ihrer jüngsten Einzelaus­ stellung in der Berliner Galerie von Michael Schultz den Titel „Zoom“ verlieh.


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KUNST

Dass Johannas Kunst mittlerweile bis in namhafte Berliner Galerien vorgedrungen ist, hat sie nach eigener Aussage zu großen Teilen ihrer Teilnahme am BLOOOM Award by WARSTEINER 2012 zu verdanken. Einge­ reicht hatte die Wahl-Düsseldorferin damals Stolo on White 4, einen, wie der Name schon vermuten lässt, weißen, fast schwerelos wir­ kenden „Ausläufer“ ihres haarigen Gesamt­ kunstwerkes. Ausschlaggebend für ihre Teil­ nahme war der ausgeschriebene Preis: ein einjähriges Mentoring durch den Direktor und künstlerischen Leiter der ART.FAIR und BLOOOM, Walter Gehlen, sowie eine Rei­se zur Kunstmesse Art Basel Miami Beach.„Die Veranstalter des BLOOOM Award by WAR­ STEINER haben sich wirklich Gedanken gemacht, wie sie die teilnehmenden Künstler nachhaltig und sinnvoll unterstützen können. Geldgewinne, wie sie bei solchen Wettbewer­ ben häufig üblich sind, sind irgendwann auf­ gebraucht. Wenn man jedoch weiß, wohin man mit seiner Kunst will, sind die Kontakte, die einem die Zusammenarbeit mit einem Mentor wie Herrn Gehlen ermöglichen, un­ bezahlbar“, erklärt mir Johanna während ich mir Bilder der Preisverleihung ansehe. Auf einem von ihnen hält meine Gesprächspart­ nerin den Award in ihren Händen – im Hin­ tergrund Stolo on White 4. Offenbar wusste Johanna, wohin ihre Reise gehen sollte. Aus dem Kontakt zu „Herrn Gehlen“ wurde ein Austausch mit „Walter“, der auch heute noch überdauert.

Die Galerie Michael Schultz hat ein paar ih­ rer Arbeiten auch für die kommende ART. FAIR im Gepäck. Vom 24. bis 27. Oktober kann man also in der Koelnmesse ihre Bil­ der „in Natura“ sehen. Das habe ich ihr und mir gewünscht. Ich freue mich darauf, live vor Johanna Flammers Arbeit zu stehen und einzutauchen in diese von ihr erschlossenen, neuen, kleinsten Welten. Vielleicht ergibt sich auch die Gelegenheit, der Frau mit der netten Stimme und den blonden Locken per­ sönlich zu gratulieren und mir die Sache mit der Jahre überdauernden Liebe zum Haar noch einmal genau erklären zu lassen.

WEITERE INFOS /// WWW.JOHANNA-FLAMMER.DE WWW.BLOOOM.DE


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FILM

TRASH


FILM

Eine Handvoll Sex, eine geballte Faust Ge­walt und eine offenkundige Unfähigkeit des gesamten Filmteams ergeben die explosive Mischung der in der breiten Öffentlichkeit (zu Recht?) vergessenen 70er und 80er Jahre Trashfilme. Das Grauen aus der Tiefe Reißerische Titel wie „Foltercamp der Liebeshexen“ oder „Zombies unter Kannibalen“ sollten damals den unbedarften Zuschauer ins Kino locken und warben mit Versprechungen im Filmtitel, die oft gar nicht erfüllt wurden. Was früher als übler Schund verschrien war, erweist sich heute jedoch als Fundgrube für den geneigten Filmfan. „So bad it´s good“ lautet das Credo dieser Film-Enthusiasten, die Filme abseits des guten Geschmacks suchen, um sich unterhalten zu lassen. Trashfilme scheinen dabei immer mehr ein Publikum zu finden, das sich auch außerhalb der eingeweihten Trash-Fan-Zirkel findet. Man könnte sagen, Trash wird salonfähig. So salonfähig, dass heute bewusst Trashfilme wie beispielsweise „Sharknado“ gedreht werden, in dem ein Tornado, der aus Haien besteht, den Protagonisten das Leben zur Hölle macht. Im Unterschied zu früheren Trashfilmen wird mittlerweile bewusst Trash produziert, der lustig sein soll. Die klassischen Vertreter hingegen wurden größtenteils mit Ernsthaftigkeit gefilmt und brachten im Laufe der Jahre eine eher unfreiwillige Komik hervor.

Ein bekannter Vertreter des klassischen Trashfilm-Genre ist die „Schulmädchen Report“Reihe. Hier werden Orgien gefeiert, Lehrer von frühreifen Mädchen verführt und haarsträubende Geschichten aus dem Hut gezaubert, die unter dem Deckmantel mora­lischer Aufklärung dargeboten werden. Das alles wird mit einem schmissigen Soundtrack und flippigen Sprüchen untermalt, was in der heutigen Zeit mehr zum Schmunzeln anregt als schockiert. Meister des frühen Trashkinos sind unter anderem die Italiener, wie Lucio Fulci, der in seinem Fantasyfilm „Conquest“ einen mit Nunchakus bewaffneten Barbaren auf Werwölfe, Zombies und eine leicht bekleidete Hexe treffen lässt, die ihm zu einem elektronischen Soundtrack nach dem Leben trachten. Gepaart mit weich gezeichneten, unwirklich wirkenden Bildern ergibt sich ein absurder Film, der seinesgleichen sucht. Wer heutzutage noch einen VHS-Player sein Eigen nennt, kann sich viele dieser tras­ higen Filme besorgen. Leider wer­ den diese Klassiker nicht allzu oft auf DVD oder Blu-ray gebannt. Wer einen Schritt weiter gehen und einige dieser Kunstwerke im Kino bewundern möchte, der findet in der „Something Weird Cinema“-Reihe des Köl­ ner Filmhauses die Möglichkeit dazu. Hier werden einige Schmankerl auf original Zel­ luloid-Material in ihrer Urform dargeboten. Weitere Möglichkeiten bieten der abseitige Kölner Filmzirkel „Retronativ“ oder der ge­ heimnisvolle Filmclub „Buio Omega“, für den man sich jedoch nach Gelsenkirchen bege­ben muss. Wie auch immer man sich diese Filmspektakel zu eigen macht, ein Erlebnis ist es allemal – sei es nur als Bewertung zum schlechtesten Film aller Zeiten. Und hier buhlen einige Anwärter um den Spitzenplatz.

TEXT /// CHRISTIAN SCHNEIDER FOTOS /// ANDI WAHLE

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GALERIE

Ein Salonabend im 2. Jahrtausend TEXT /// ANNA STROH FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS HOUTAN NOURIAN


Drei Künstler leben den Traum ihrer eigenen Galerie – sprichwörtlich. Denn ihre STAATSGALERIE DELIRIEN ist mehr als ein Atelier in vier Wänden: Wohnzimmeratmosphäre trifft auf den Charme vergangener Zeiten. WEITERE INFOS /// WWW.AETHERBOCXS.BLOGSPOT.DE

Jeder weiß: Kultur steht im weitesten Sinne in den Kommunen nicht wirklich an erster Stelle. Im Zeichen von Haushaltssparmaßnahmen fließen Gelder eher in angeblich sinnvollere Projekte. Also kommt man nicht umher, selbst initiativ zu werden und eigene künstlerisch wertvolle Einrichtungen zu erschaffen. Das dachten sich wohl auch Steffen und seine beiden Mitschreiter, Ricarda und Oliver, als ihnen die Idee einer unabhängigen Künstlergemeinschaft in den Sinn kam. Kurze Zeit später waren die passende Location gefunden, das Projekt umgesetzt und mit der neu gegründeten Staatsgalerie Delirien ein Weg entdeckt, um in Köln hoffentlich nicht nur aufzufallen. Bereits 2012 bezogen die drei jungen Künstler ihr autarkes Reich in der Gladbacher Straße 29 unweit des Stadtgartens. Auch wenn es eher wie das Luxemburg auf der Landkarte der Kölner Galerien wirkt, fehlt es ihnen nicht an Platz. Trotz verschiedener Stile und Genre, die von Porträtmalerei, Skulptur, Installation und Abstrakter Malerei bis hin zu Assemblage und Fotografie reichen, kommen sich die Künstler nicht in die Quere. Und möchte einer von ihnen doch mal ganz ungestört arbeiten, zieht er einfach seinen großen weißen Vorhang zu und schafft sich so seine eigene kleine Welt.

Wir-Gefühl und Wohnzimmer Das alles funktioniert nur so gut, weil die drei sich prächtig verstehen und miteinander befreundet sind. Differenzen bei der Musikwahl, die bei der Arbeit sehr wichtig und inspirierend für sie ist, gibt es nicht. Hier toleriert der Elektro-Freund die martialische Gitarrenwand des Punkrockers und umgekehrt. Überhaupt wird Toleranz, Offenheit und ein Mit- statt Gegeneinander groß geschrieben, ein Wir-Gefühl ist förmlich überall zu spüren. Das Atelier ist für die drei jungen Künstler aber nicht nur ein klassischer Arbeitsplatz. Sie haben in ihren vier kleinen, aber feinen Wänden sogar ein äußerst gemütliches Wohnzimmereckchen eingerichtet: ein Platz für sich und natürlich die vielen Freunde und Kunstliebhaber zum Austauschen, Diskutieren oder einfach nur zum Chillen. Das Motto lautet: Kunst gehört zur Schau gestellt und darf nicht hinter einem Vorhang versteckt werden. Dabei ist ihnen der persönliche Kontakt zu anderen Künstlern und Kunstinteressierten besonders wichtig. Auch Externe dürfen in ihrem Atelier arbeiten und ausstellen. Das neueste Schmankerl aber sind die sogenannten Salonabende, eine Transformation der historischen Salonabende des 19. Jahrhunderts als kulturelles Zusammentreffen in unser modernes Zeitalter. Die Korken knallen, laute Rockmusik wabert aus den Boxen, viele interessante Menschen unterhalten sich

angeregt – eine Mischung aus Galerieatmosphäre und Privatparty mit Programm. Zwischendurch werden die Regler immer wieder nach links gedreht, um Nachwuchskünstlern mit Lesungen, aber auch musikalisch begleiteten literarischen Versen, Gesang, Gedichten, Kurzgeschichten oder einfach nur notierten Gedanken genügend Freiraum zu lassen.

Willkommener Austausch Gleich geht’s los. Der Vorleser setzt sich in einen Sessel, der mindestens in den 70er Jahren, höchstwahrscheinlich früher, gefertigt wurde. Die Besucher sind irgendwie überall: sitzend auf dem Boden, an der Wand neben einem Porträtgemälde lehnend oder vor dem Atelier im Flur. Applaus und weiter. Wieder Musik und aktiver Austausch über das Vorgetragene, die Werke an den Wänden oder einfach nur über das, was letztes Wochenende passiert ist. Oder passieren wird? Jeder ist hier willkommen und hat die Möglichkeit auf irgendeine Art mitzuma­ chen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Ricarda ein Faible für die Nostalgie und Romantik eines Salonabends hat und eine stilechte Saloniere ist. Die nächste Möglichkeit einen solchen Abend mitzuerleben bietet sich bereits im Oktober und ist allemal einen Besuch wert.


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ARTISHOCKE

In einer früheren Zeit: Nur der Rahmen zeigt, was hätte sein können.

Rückblick Daktylus #12

Eine Frau steigt aus dem Wasser, in den Händen hält sie eine Schreibmaschine. Die Frau ist auf der Suche, aber wonach? Sie ist orientierungslos. Das Geräusch des Betätigens der Schreibmasche ist seltsam vertraut. Genauso wie der Ort, zu dem es sie zieht. Dort spürt sie die Anwesenheit von Menschen, die ihr nahezustehen scheinen. Alles fühlt sich bekannt an und doch erscheint es ihr unwirklich, sie selbst erscheint sich unwirklich. Ein Haus erinnert sie an das Gefühl von Geborgenheit aus früherer Zeit und sie betritt es. Dort fängt ein Bilderrahmen ihren Blick. Sie versucht, eine Erinnerung zu greifen, doch es gelingt nicht. Erschöpft fällt die Frau in einen tiefen Schlaf.

Eine Bildergeschichte – zweiter Teil

daktylus


Im Licht f端gt sich zusammen, was getrennt wurde.


Erinnerung an glückliche Zeiten. Doch das Geräusch der Schreibmaschine verklingt, wird dumpf. Schwappt aus dem Traum des Großvaters in die Wirklichkeit. Die Schreibmaschine ist die Brücke zwischen Traum und Realität und ein Symbol der Erinnerung an die Enkelin.


ARTISHOCKE

TEXT /// MIRIAM BARZYNSKI FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS WWW.ALESSANDRODEMATTEIS.COM FOTO-ASSISTENT /// HOUTAN NOURIAN WWW.HOUTANNOURIAN.EU HAIR- & MAKEUP ARTIST /// KATHRIN MÜLLER WWW.FACEBOOK.COM/KATHRINMUELLERMAKEUP TRAILER /// CHRISTIAN SCHNEIDER WWW.DASAUGE.DE/-CHRISTIAN-SCHNEIDER MUSIK /// STEFANIE GRAWE / GRAY WWW.GRAYMUSIC.DE

OUTFIT /// ANNA KRUS /// POLYESTERSHOCK VINTAGE STORE WWW.POLYESTERSHOCK.COM NORBERT OLLIG /// GALANT SCHÖNE SACHE WWW.GALANT-KOELN.DE MODEL /// LILLI LOUISE LENZ NORBERT OLLIG ARTISHOCKE E.V. /// MIRIAM BARZYNSKI, CLAUDIA BRÜCKNER, PHILIPP DREBER, ANDREAS LENZ, CHRISTIAN SCHNEIDER, ANDI WAHLE WEITERE INFOS /// WWW.NULL22EINS-MAGAZIN.DE WWW.FACEBOOK.COM/NULL22EINS EIN BESONDERES DANKESCHÖN AN /// FABIAN WAHRSCHEINLICH ODONIEN WWW.ODONIEN.DE

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MUSIK

Das Independet-Label Ki Records hat seine Wurzeln tief in die Kölner Musikszene gegraben und ist längst weit über die Stadtgrenzen hinausgewachsen.

Ki ist Japanisch und bedeutet Baum. Ebenso organisch ist das Label seit seiner Gründung 2009 gewachsen und wird von den Freunden Amelie, Freda, Christian, Mitch, Marius, Timo und Paul gestemmt. Zwölf Künstler, die eine Passion zu elektronischen Klängen teilen, veröffentlichen inzwischen ihre Werke im Rahmen von Ki Records. Bei der Auswahl der Musik möchte sich das Label nicht auf eine Nische konzentrieren, sondern durch Abwechslung glänzen. Gemeinsam haben alle Veröffentlichungen, dass sie aus der breiten Masse hervorstechen. „Ich höre immer sehr überraschtes Feedback“, freut sich Mitgründer Mitch. „Die Leute honorieren unseren Mut, diese Musik zu veröffentlichen. Das ist das schönste Kompliment!“


MUSIK

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Vinyl ist unser Medium

TEXT /// SIMONE KOLLMANN FOTOS /// KI RECORDS

2009 war kein leichtes Jahr für die Gründung eines Plattenlabels. Zum damaligen Zeitpunkt galt Vinyl als überholt und die Leute griffen verstärkt zu anderen, in erster Linie digitalen Tonträgern. Trotzdem setzt das Label auf die runden Scheiben. Hauptgrund hierfür ist der Platz, den ein PlattenCover zur Gestaltung bietet. Christian LöffDer wohl bekannteste Künstler ist Christi- ler gestaltet seine Veröffentlichungen selbst. an Löffler, der das Label zusammen mit sei- Andere Werke werden von unabhängigen nem Schulfreund Paul ins Leben gerufen hat. Künstlern beigesteuert. Dabei handelt es „Am Anfang war es ein Abenteuer und auch sich um Freunde des Labels und um fremetwas naiv“, reflektiert Paul die Gründung. de Künstler, die auf das Label aufmerksam Mittlerweile hat sich Ki Records aber einen geworden sind und ihre Mithilfe anbieten. Namen in der Szene gemacht und zahlreiche Für Marius schwingt bei der Wahl des MeKünstler wollen ein Teil davon werden. Auch diums die Qualität mit, auf die Ki Records wenn nicht jedes eingesendete Material den in allen Bereichen setzt: „Es ist schön, eine Ansprüchen des Labels standhält, findet es Platte in der Hand zu halten und das Cover Beachtung: „Man muss sich alles anhören, zu bestaunen. Die Platten und der künstleweil sich dazwischen wahre Schätze verber- rische Aspekt der Cover unterstreichen die gen.“ Das Demo-Material von Sean Piñeiro, Wertigkeit des Gesamtproduktes.“ einem der jüngsten Neuzugänge, ist auf so viel Begeisterung gestoßen, dass Ki Records Nachhaltigkeit der Musik kurze Zeit später ein komplettes Album mit Da es heute schon mit wenig Aufwand ihm veröffentlicht hat. möglich ist, Musik zu produzieren, wird der Markt mit Neuerscheinungen überflutet. „Früher hat man sich wieder und wieder Musik, die verbindet „Was ich schön finde, ist die persönliche Ebe- das gleiche Album angehört. Heutzutage ist ne“, meint Marius Sahdeeq, einer der Künst- Musik sehr schnelllebig“, stellt Label-Grünler des Labels. „Wenn einer von uns einen der Paul fest und möchte dem Trend mit Ki Gig hat, treffen wir uns vorher zum Abend- Records auch in Zukunft entgegensteuern: essen und gehen gemeinsam hin.“ Im Hin- „Wir versuchen die Musikkultur zu erhalten, tergrund arbeiten Amelie, Freda und Timo indem wir Musik veröffentlichen, die man ehrenamtlich und kümmern sich um Fotos, sich auch noch in vielen Jahren anhören Pressetexte und den Vertrieb der Veröffent- möchte.“ Aktuell steht die Veröffentlichung lichungen. Zuletzt waren die Beteiligten des neuen Albums „Floating Underwater“ auf dem Label-Showcase in Brüssel vereint. von Daisuke Tanabe an, der seit den ersten Dadurch, dass die Musiker sich untereinan- Tagen bei Ki Records dabei ist und damals der kennen, inspirieren sie sich gegenseitig. das Logo des Labels gestaltet hat. „Durch Ki-Records bin ich zu Musik gekommen, die ich sonst nicht gehört hätte“, erklärt Marius weiter, „von Techno mit Tiefsinn, bis WEITERE INFOS /// Elektronika ist alles vertreten.“ WWW.KI-RECORDS.COM


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Musik in KÖLN

Das ist unsere Plattform für Musiker aus und in Köln. Egal, ob ganz frisch im Geschäft, etabliert oder kurz vor dem großen Durchbruch: Die Bands und Künstler leisten ihren kleinen Beitrag und helfen, diese Seite zu produzieren. Interesse? E-Mail an: redaktion@null22eins-magazin.de

ICH ZU SICH SELBST

THE BLACKWHITECOLORFUL Es geht um die Ruhe vor dem Sturm oder das Chaos danach. Der Auf­ stieg nach dem Fall oder der Fall nach dem Aufstieg. Das ist ganz abhän­ gig da­von, wo man sich auf der Suche nach sich selbst befindet. Denn still steht nichts. Diesem Widerspruch, diesem Möbius’schen Band ha­ ben sich the blackwhitecolorful verschrieben. Mittels des Sprachrohrs des Alternati­ve Rock, mit hier und da einer Leihe aus Post-Rock und Post-Hardcore, setzen Sascha (Gesang, Gitarre), Jonas (Bass/Synths), Mathias (Gitarre) und Lukas (Drums) seit 2013 an, diesen mit einem hörbaren Gewand zu versehen. In verschie­dene, kleine Kapitel unterteilt, demonstriert ihre kürzlich erschienene Debüt-EP die Reise eines Ichs nach sich selbst – mit Ruhe und mit Sturm. WEITERE INFOS /// WWW.THEBLACKWHITECOLORFUL.COM WWW.THEBLACKWHITECOLORFUL.BANDCAMP.COM

VON LIVE AUF LP

HALF PAST 2

Aus lockeren Proben um halb drei ist das Bandprojekt Half Past 2 entstanden, das sich heute in Köln wohlfühlt. Christian, Nico und Stefan machen Musik, weil es ihnen Spaß macht – und das hört man auch. Half Past 2 steht für eine klangvolle Mischung aus luftigen Pop- und treibenden Alternative-Rock-Songs, die ins Ohr gehen. Den Half Past 2-Sound gibt es bald auch für zuhause und unterwegs: Nach knapp zehn Jahren Live-Erfahrung nimmt die Band zurzeit ihr erstes Album auf: „The Monster We Created“ wird voraussichtlich nächstes Jahr fertig sein. Doch auch jetzt schon lohnt es sich, auf den Half Past 2-Internetseiten vorbei­ zuschauen. Dort lassen sich die Aufnahmen mitverfolgen und in regelmäßigen Abständen immer neue Ergebnisse hören. WEITERE INFOS /// WWW.HALFPASTTWO.DE WWW.FACEBOOK.COM/HALFPAST2 WWW.SOUNDCLOUD.COM/HALF-PAST-2


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KLANGFARBEN

ELEPHANTS ON OUR GRAVES

KEIN LEBEN OHNE MUSIK

LITMAN

Wortlos betritt das als Trio gegründete Ambientrockprojekt die Synapsenlandschaft des Hörers und lässt ihn zwischen Klang und Geräusch taumeln. Dunkel, melancholisch – kreischend und zart. Eine erste EP und Hörproben des bald erscheinenden Albums fin­ det man hier: WEITERE INFOS /// WWW.ELEPHANTSONOURGRAVES.BANDCAMP.COM WWW.FACEBOOK.COM/ELEPHANTSONOURGRAVES

„Wir sind Träumer, die keiner liebt – aber bleiben Träumer aus Prinzip.“ Diese Zeile aus dem Song „Stampede“ verrät viel über das Selbstverständnis des Künstlers Litman: Tief verwurzelt in der Hip Hop-Kultur ist der stetige Antrieb seines Schaffens, seinen Gefüh­ len und Gedankengängen Ausdruck zu verleihen. Die Erwartungs­ haltung Anderer spielt dabei keine Rolle – nach über 15 Jahren am Mic ist Musik ein existentieller Bestandteil seines Lebens. Litman schreibt Texte, produziert Beats und ist ein ausgeprägter Vinyljun­ kie. Die musikalische Unterlegung seiner persönlichen Texte sind zeitlose Sample-Collagen. Seine aktuelle EP „Sepia“ kann man über www.litman.bandcamp.com/album/sepia downloaden. Weitere Projekte, z. B. eine EP mit dem US-Rapper Foodie, stehen kurz vor der Fertigstellung. Und auch in der Zukunft werden weitere musi­ kalische Taten folgen. Denn ein Leben ohne Musik ist für ihn keine Option. WEITERE INFOS /// WWW.FACEBOOK.COM/LITMANONE


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THEATER

Not / Aufnahme TEXT /// MIRIAM BARZYNSKI FOTOS, SCHNITT & MATERIAL /// EMI MARIA BOHACEK

Depression und Burnout sind heute allgegenwärtig und gerade im beruflichen Umfeld gängige Begriffe. Aus Angst vor Stigmatisierung teilen sich betroffene Menschen oft nicht mit. Nicole de Cruppé möchte dies mit ihrer Soloperformance NOT / AUFNAHME ändern.

Die Idee zu NOT / AUFNAHME entstand während eines Klinikaufenthalts, bei dem sich Nicole de Cruppé intensiv mit sich und dem eigenen Platz in der Gesellschaft auseinandersetzte. Hieraus entstand das Bedürfnis, diese Erfahrung mit anderen Menschen zu teilen. Denn eigentlich hat fast jeder das Gefühl von Traurigkeit, Einsamkeit und Entschlusslosigkeit bereits im eigenen Leben erfahren. Heute werden derartige Gemütsverfassungen unter Depression als Diagnose zusammengefasst, was seit der Ökonomisierung von Gesundheit auch wirtschaftliche Gründe hat: Die Diagnose kann schnell gestellt werden und bringt beispielsweise der Pharmaindustrie höhere Absätze. Zudem werden diese Emotionen als Schwäche eines Menschen umgedeutet, sodass dieser durch das Raster der Leistungsgesellschaft fällt.

Eine Ode an das Menschsein Nicole steht bei der Performance selbst auf der Bühne. Diese persönliche und intime Umsetzung gewährleistet die nötige Authen-


WEITERE INFOS /// WWW.FACEBOOK.COM/NOTAUFNAHME.NICOLEDECRUPPE WWW.EMIMARIABOHACEK.WORDPRESS.COM WWW.THEATERJOBS.DE/NICOLEDECRUPPÉ

tizität und Nähe, damit sich der Zuschauer in NOT / AUFNAHME wiedererkennen und neu entdecken kann. Im Hintergrund werden scheinbar unvereinbare Motive wie Natur und z. B. Beton in Form von Fotos gezeigt und durch Zeitraffer doch verbunden. Hierzu werden Porträtfotos unterschiedlichster Menschen kombiniert, die während eines Shootings mit der Fotografin Emi Maria Bohacek entstanden sind. Um den Fotos die Flüchtigkeit zu nehmen, kann der Besucher die Portraits im Rahmen einer Ausstellung genauer betrachten und die Einzigartigkeit der Menschen in ihrer Gleichheit und Ungleichheit ergründen. Nicole und die Fotografin sind vor Ort und stehen für Fragen zur Verfügung. Der Austausch eigener Erfahrungen und der persönliche Kontakt sind essenziell für das Projekt: Sie sollen dem Besucher die Scheu nehmen und einen offenen Umgang mit den Themen Depression und Burnout fördern.

Utopische AnsprüchE Depression und Burnout können als gerechtfertigte Reaktion auf die Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Erwartungen angesehen werden: Einerseits bedarf es einer gewissen Rücksichtslosigkeit in der Arbeitswelt, um sich gegen die Konkurrenz durchsetzen zu können. Andererseits ist soziales Engagement im Lebenslauf gern gesehen. Eigeninitiative ist zwar vorbildlich, aber nur

innerhalb vorgegebener Regeln erwünscht. Die hochtechnisierte Welt evoziert außerdem einen ständigen Vergleich des Menschen mit der Leistung des Computers, der ihm seine vermeintliche Fehlerhaftigkeit, mangelnde Effizienz in Arbeitsprozessen und Ersetzbarkeit vor Augen führt. NOT / AUFNAHME appelliert an die Verantwortung jedes einzelnen Menschen. Er soll sich bewusst darüber werden, dass er selbst Teil des Systems ist und auch etwas daran ändern kann. Die Performance konzentriert sich bewusst auf das Menschsein in seiner konformen und non-konformen Existenz durch Bewegung, Stimme, Berührung, Ton, Fotografie und Video. Die Verbindung verschiedener künstlerischer Mittel verdeutlicht eindrucksvoll, was den Menschen ausmacht, die digitale Kommunikation aber an ihre Grenzen treibt: menschliche Nähe.

Crowdfunding für die Premiere Der immensen Einsatzbereitschaft der Beteiligten ist es zu verdanken, dass NOT / AUFNAHME umgesetzt werden kann. Für das Vorankommen des Projekts ist aber weitere finanzielle Unterstützung notwendig, unter anderem für Räumlichkeiten und Material. Unter www.visionbakery.com/notaufnahme kann man seinen Teil dazu beitragen. Die Premiere findet voraussichtlich im Februar 2015 in Berlin, im März dann in Köln statt.


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KÖLNER ORTE

ein szenischer Spaziergang Wir Lassen uns ein auf eine Stadtführung der anderen Art. Vorhang auf für Köln-kalk, eine hommage an das Flanieren. Willkommen bei einem Kunstprojekt.

TEXT /// MARIA AGUILAR ILLUSTRATIONEN /// FRICKA LANGHAMMER WEITERE INFOS /// WWW.ACADEMY-COLOGNE.ORG

Kalk, am Spielplatz hinter den Köln Arcaden. Ich hatte schon befürchtet, der Spaziergang würde buchstäblich ins Wasser fallen. Doch ein kleines Sommergewitter soll die Premiere nicht verhindern. Ich bekomme freundlich einen Jutebeutel mit orangefarbenem Streifen in die Hand gedrückt. Eine junge Frau kommt auf mich zu. „Bist du orange? Hast du Lust auf einen Spaziergang mit mir?“ Es geht also los. Ich bin allein, scheinbar orange und ein bisschen beschämt. Normalerweise spaziert man in kleinen Gruppen. Ich aber marschiere mit meiner sympathischen Begleiterin allein los. Sie legt ein freundliches Grinsen auf und beginnt ihren Monolog. „Geister jagen. Ein szenischer Spaziergang zu den Dingen, die heimsuchen“ ist ein Pro-


KÖLNER ORTE

jekt der Kulturwissenschaftsstudentinnen Maike Berger und Julia Wellmann, gefördert durch die Junge Akademie der Künste. Die Idee entsprang einer Masterarbeit und konnte schnell Freunde und Bekannte zum Mitmachen begeistern. Die elf Darsteller, meist eher Laien auf dem Gebiet der Schauspielerei, leben in Kalk oder fühlen sich auf besondere Art und Weise mit dem Ort verbunden.

Geballte Geschichte aus aller Welt Der Spaziergang geht durch die kleinen, nassen Kalker Nebenstraßen. Vorbei an grau gekachelten Häusern, schnuckeligen EckKneipen und spielenden Kindern. „Hier habe ich mal gewohnt. Komisch oder?“, sagt meine Begleitung, ihren Monolog weiterführend, und zeigt auf ein typisches Kölsches Arbeiterhaus, aus dem neugierig eine alte Frau durch ihre Gardinen lugt. Meine Begleiterin reibt etwas Putz von einer der vielen maroden Wände. „Hast du dich mal gefragt, was hinter dieser Mauer steckt, hinter dem Putz?“ Kalk, einst ein kleiner Pilgerort, hatte sich im 19. Jahrhundert zu einem beachtlichen Industriestädtchen gemausert und wurde 1910 von der Stadt Köln eingemeindet. Im zweiten Weltkrieg fast gänzlich zerstört, erfolgte der Wiederaufbau in Windeseile. Heute ist Kalk einer der Kölner Stadtteile mit dem höchsten Migrationsanteil. Hinter diesem Putz liegt also sehr viel mehr, als zunächst erwartet. Das Veedel Kalk unterlag einem ständigen Wandel, der durch die Einwohner und deren vielfältigen Geschichten besonders geprägt wurde.

Flanieren Dem, was dahinter steckt, dem Geist, den dieser Wandel mit sich trägt, versucht sich der Spaziergang zu nähern. Wir pflücken eine Blume, entdecken eine winzige rosafarbene Haarspange, fühlen uns fast verbunden mit dem muskelbepackten jungen Mann mit Boxer, der uns kaum ausweicht. Wir saugen unsere Umgebung bei diesem Spaziergang scheinbar in uns auf. „Bist du ein Flaneur?“ Ich schaue verdutzt. Sie zeigt auf meinen Jutebeutel. Da steht es: „Flaneur“. „Sagt dir Walter Benjamins Flaneur-Konzept etwas?“ Im selben Moment beginnt es heftig zu regnen. Gerade rechtzeitig erreichen wir den Klub Genau und finden Unterschlupf. Der Regen fällt schwer, dumpf und irgendwie beruhigend auf das Wellblechdach der alternativen Kalker Kulturinstitution. Am „Flaneur“, einer Figur, die unter anderem von dem Philosophen Walter Benjamin sowie den Schriftstellern Gustave Flaubert und Charles Baudelaire besprochen wurde,

scheint sich dieser szenische Spaziergang tatsächlich zu orientieren. Der Flaneur als ein aufmerksamer Spaziergänger nimmt sich in aller Ruhe Zeit, das unbändige Treiben der durch die Industrialisierung geprägten, wachsenden Großstadt des 20. Jahrhunderts aufmerksam zu beobachten. Dabei wird er selbst als ein Teil der Masse unsichtbar und gleichermaßen hoffnungslos überflutet von seinen Eindrücken. Das Projekt „Geister jagen“ nimmt dieses urbane Gefühl vollkommen auf. Der gemeinsame Spaziergang entpuppt sich als eine wilde Flut von Denkanstößen. Die kleine Expedition, ununterbrochen begleitet durch den Monolog der Darsteller, schneidet den nächtlichen Spuk der Gedanken, die einen nicht einschlafen lassen wollen, ebenso an, wie die Geister der Ahnen, die besonders in Kalk aus aller Welt zusammenkommen. Vor allem aber ist dieser Spaziergang ein Aufruf – ein Aufruf zum detaillierten Beobachten und Hinterfragen unserer direkten Umgebung. Was bringt mein Viertel mit sich? Welche Geschichten und Geister schlummern in seinen Gemäuern? „Geister jagen“ schenkt uns eine Anleitung zum modernen Flanieren im 21. Jahrhundert und tatsächlich verlässt man diesen Spaziergang mit geschärftem Blick. Diesen Herbst steht womöglich eine weitere Runde an.

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SPORT

WARTET MAL FÜNF JAHRE

TEXT /// BRITTA DE MATTEIS FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS WEITERE INFOS /// WWW.PADEL-COLONIA.COM WWW.CAMPUSSPORT-KOELN.DE/SPORTCOURTS/PADEL


SPORT

Zwar aus Tennis entstanden wirkt die Sportart Padel gar nicht elitär und abgrenzend, sondern verbindend und für jeden zugänglich. Und sie verbreitet sich rasend schnell. Überrascht darüber, dass es in Köln gar keinen Padel-Court gab, muss Ignacio Gutiérrez wohl nachsinnend die schattige Allee an der Uni-Mensa vorbei geschlendert sein. Da fiel sein Blick plötzlich auf eine unfertige Anlage auf dem neuen campussport-Gelände. „Das wird doch ein Padel-Court!“ In Deutschland stehen heute knapp 50.000 Tennisplätze gerade einmal 15 Padel-Courts gegenüber. In Spanien waren es schon 2010 über 100.000 Padelplätze – und heute wohl dreimal mehr.

Trendsport in Spanien Ignacio, Spitzname Nacho, hat die rasante Entwicklung dieser Sportart in seiner Heimat Málaga selbst miterlebt und aktiv gestaltet. Jede Wohnanlage hat mittlerweile eigene Spielplätze, die recht schnell und unaufwendig gebaut werden können. Spanien verließ er im vergangenen Jahr eigentlich, da er vom Fachkräftemangel in Deutschland hörte und sich als Chemie-Ingenieur bei vielen deutschen Firmen bewarb. Allerdings ohne Erfolg. Doch hier war sie: seine Chance für Arbeit und Aufenthalt in Köln. Sofort nach Fertigstellung des Courts spielte er los. Da er eindeutig der beste Spieler war, wurde er

ohne Umschweife von der Uni Köln als Trainer angeheuert. Mit der 15-jährigen Spielerfahrung und seiner Leidenschaft zu unterrichten war er genau der Richtige. Ignacio ist unter anderem ausgebildeter Lehrer für Tennis, Spanisch, Tango und Segeln. Mittlerweile kann er 19 Stunden pro Woche seinen Lieblingssport verbreiten und natürlich selbst spielen.

Einfacher Spaß im Doppel Die Sportart Padel ist 1965 in Mexiko entstanden und verbindet Elemente von Squash und Tennis zu einem bewegungsreichen Rückschlagspiel, das immer im Doppel, also zu viert, gespielt wird. Die Grundtechniken sind sehr leicht zu lernen. Anfängern hilft, dass sie eine zweite Schlagchance bekommen, wenn der Ball von den umgebenden Wänden abprallt. Der Spielcourt ist ungefähr halb so groß wie ein Tennisplatz, auf halber Länge ist ein recht niedriges Netz gespannt. Der PadelSchläger ist leicht und kurz. Gespielt wird mit einem Tennisball, der einen etwas geringeren Innendruck hat, sodass die Spielgeschwindigkeit reduziert wird. Zudem bringt Padel die Menschen zusammen: „Männer wie Frauen, Kinder wie Erwachsene, Profis und Anfänger spielen gemeinsam. Eine gute Art, neue Leute kennenzulernen“, findet Ignacio.

Rasante Entwicklung Er strahlt bei der Idee, in das „Geschäft“ Padel einzusteigen: „Ich möchte den ersten überdachten Padel-Court für Köln bauen.“ Nacho spricht mit einem Glitzern in den Augen von einer ganzen Padel-Generation. Denn in Spanien sind die jetzigen Teenager nicht mehr mit Tennis, sondern direkt mit Padel aufgewachsen. Seine logische Konsequenz: „Tennis ist tot – es lebe Padel! Vielleicht auch bald in Deutschland. Wartet mal fünf Jahre!“

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PORTRÄT

TEXT /// ANDREAS RICHARTZ FOTOS /// MADAME ROSSI

Lasst Literatur Stadt finden! „Literatur findet Stadt“, so lautet das Credo des Literatur-Vereins rhein-wörtlich e.V. Über die Vielfalt der Edition „12 Farben“ zeigt Bettina Hesse, wie Literatur wieder stärker bei uns ankommen kann.

Bettina Hesse ist eine eloquente und amüsante Gesprächspartnerin. Außerdem ist sie eine leidenschaftliche Kämpferin für die Literatur. Das hat sie jahrelang als Verlegerin in ihrem kleinen, aber feinen Verlag „Tisch 7“, als Herausgeberin diverser Anthologien und als Autorin und Kulturjournalistin bewiesen. „rhein wörtlich“ heißt ihr derzeit größtes Projekt, das sie als Gründerin und erste Vorsitzende gemeinsam mit Christof Bultmann als ZweihirnThink-Tank realisiert. Neben der ständigen Suche nach Fördermitteln, erweist sie sich als findige Agentin außerordentlicher Literatur. Während Bultmann als zweiter Vorsitzender mehr für die mediale Präsentation verantwortlich ist, arbeiten beide als Lektoren gleichberechtigt, wenn ein neuer Band ihres ambitionierten Projektes „12 Farben“ den Feinschliff erhalten soll. Doch Bettina Hesse will mehr.

Sie sieht sich nicht lediglich als Promoterin der schönen literarischen Künste, sondern auch als Veranstalterin. „Dinge anfassen, die einen Stich ins Wespennest bedeuten.“ Man merkt es schnell: Sie kennt auch die saturierten Seiten des Literaturbetriebs in- und auswendig. Dass sie ihre auf 12 Bände angelegte Edition als Vereinsvorsitzende herausgibt, ist dabei für all jene selbsterklärend, die einmal versucht haben, kulturelle Projekte zu stemmen, ohne dabei die eigene Privatkasse zu plündern. So sind es u.a. die Kunststiftung NRW und das Förderprogramm der SK-Stiftung Kultur, sowie das Kulturamt der Stadt Köln, die ihr helfen. Trotzdem: „Bei uns kann man auch Mitglied werden“, betont Hesse. Sondervergünstigungen bei den Veranstaltungen des Vereins sowie ein Freiexemplar jeder Neuerscheinung sind dabei obligatorisch.


PORTRÄT

Seit 2011 erscheinen die Erstveröffentlichungen in einer Auflage von jeweils 600 Exemplaren. Acht Bände sind bislang erschienen, das Projekt befindet sich also im letzten Drittel auf der Zielgeraden. Aktuell arbeitet Ulrike Anna Bleier mit ihrer Erzählung „Miriam” an der neunten Veröffentlichung der „12 Farben“.

Literarische Unterhaltung Die Edition lebt von wunderbaren Texten wie Selim Özdoğans „Was wir hörten, als wir nach der Wahrheit suchten“ als siebter Band – ein glänzendes Buch, das fiktionale Plattenkritiken fiktionaler Bands vereint, die Özdoğan zu Miniaturen eines popkulturellen Diskurses komponiert und das bereits im Titel das Spiel um Wahrheit und Lüge in der Literatur führt; ein Heidenspaß literarischer HochUnterhaltung. Bettina Hesse selbst ist auch mit einem Band vertreten. Das kommentiert sie mit sympathischem Understatement: „Eigentlich erscheint man ja nicht in der eigenen Reihe.” Dennoch: Ihr Buch ist eine kunstvoll geschachtelten Zeitreise des Erinnerns an eine vergangene (Körper-)Liebe. „Am Ende anfangen“ wird durch das Konzept der an jeden Text der Reihe anschließenden Poetologie, einem Werkstattbericht zur eigentlichen Erzählung, noch voller, noch pittoresker und dabei klarer. „Der Reiz der Konzeption liegt in der Freiheit der Poetologie als Einblick in die Werkstatt, privat-autobiographisch, hochphilosophisch, aber niemand ‚erklärt’ seinen Text. Es handelt sich um eine zusätzliche Textart.” Und das Konzept geht auf: Wo man sonst Königs Erläuterungen oder die blauen Reclam-Hefte bemühen muss, um auf die Metaebene, die textimplizite Mentalitätsgeschichte eines Primärtextes zu stoßen, liefern die Autoren der „12 Farben” diese Ebene gleich mit – ohne den Duktus literaturwissenschaftlicher Verbrämung, sondern mit Lust an der Erfüllung der Vorgabe, einen zweiten Text zum oder über den eigentlichen Text zu schreiben. Wobei

dies nicht immer so weit führen mag wie bei Ulrike Anna Bleier, deren Poetologie ein fiktionales Eigenleben erhält, da sie der (Schein-) Frage nachgeht, inwieweit die Grenzen von fiktionalem Text und Werkstattbericht aufgehoben werden können, eine Idee mit literarexperimentellem Charakter.

Kunstverein für Literatur Wesentlicher Teil des Konzeptes von „12 Farben“ ist aber auch das, was Hesse als „Performance von Literatur“ beschreibt: an außerordentlichen Orten Buchpremieren „Stadt finden“ zu lassen und dabei den Rahmen zu erweitern für diverse künstlerische Darbietungen. Vermittlung von Literatur im performativen Akt: Damit kommt „rhein-wörtlich e.V.“ dem nahe, was die deutschen Kunstvereine für ihre Kunst vermittelnden Projekte als Selbstverständlichkeit erachten. So wird die Veröffentlichung eines der Abschlussbände der Edition, Stan Lafleurs „Rhein-Meditation”, im nächsten Jahr als Buchpremiere im Pumpwerk angedacht. Nicht zuletzt die Rezeptionsgeschichte der Edition ist ein großer Erfolg: In der Tagespresse wurden alle bislang erschienenen Bände besprochen. Der erste Band der gesamten Reihe wurde in Roger Willemsens und Martin Stankowskis Literatur-Talk in Würselen mit einer Auszug-Lesung und Besprechung bedacht – ein Glücksfall. Stankowski war denn auch der erste Abonnent der Edition, bald folgte das prominente Deutsche Literaturarchiv Marbach. Den Ritterschlag aber erhielten die „12 Farben“ durch Peter Handke. Voll des Lobes schrieb dieser an den Autor des achten Bandes, Roland E. Koch, einen ganzseitigen Brief. Sein Buch „Alleestraße“ sei einfach im Erzählen ohne Urteilen. Die Wertschätzung aus der Feder eines Großen der deutschsprachigen Literatur belegt: Eine schönere Adelung für ein rundum gelungenes Literatur-Projekt kann es kaum geben.

WEITERE INFOS /// WWW.RHEIN-WOERTLICH.DE

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EVENT

Jenseits

AFRIKA-FILM-FESTIVAL

VON EUROPA Gegen Klischees und „abgedroschenes, paternalistisches Entwicklungshelferzeug“

TEXT /// CHRISTINA LÖW ILLUSTRATION /// SABRINA HALBE WEITERE INFOS /// WWW.FILME-AUS-AFRIKA.DE


EVENT

„Jenseits von Europa“ ist mehr als nur der man hauptsächlich fand, war so abgedroTitel des Kölner Afrika-Film-Festivals, das schenes, paternalistisches Entwicklungsheldieses Jahr zum 13. Mal stattfindet: Es steht ferzeug, was man auf keinen Fall zeigen oder für einen authentischen Blick von afrikani- unterstützen wollte“, stellt Karl Rössel fest. Die Mühe hat sich aber gelohnt: Entstanschen Filmemacherinnen und Filmemachern auf ihren Kontinent. Filme, die aus Afrika den ist das biennal veranstaltete Kölner Afriauf Afrika schauen, stehen im Mittelpunkt. ka-Film-Festival, das sich über die rund zwei Wichtig ist der direkte, persönliche und aus- Jahrzehnte seit seiner Gründung zur umführliche Bezug zu den Ländern, die in den fassendsten Präsentation des afrikanischen Filmschaffens in Deutschland entwickelt hat. Filmen gezeigt werden.   Damit entspricht „Jenseits von Europa“ Auch heute noch ist den Veranstaltern besonvoll und ganz den Zielen, die sich FilmIniti- ders wichtig, dass die gezeigten filmischen ativ Köln e.V. schon zu seiner Gründung ge- Geschichten aus Afrika von Afrikanerinnen setzt hat: Seit 1988 will der Verein vor allem und Afrikanern selbst erzählt werden. Oder den Filmen einen Raum schaffen, die aktu- wie die Filmregisseurin Sarah Maldoror im elle weltpolitische Ereignisse diskutieren und Rahmen von „Jenseits von Europa VI“ festdokumentieren - und dadurch auch zum in- stellte: „Entscheidend ist unsere Perspektive, terkulturellen Austausch anregen. Der Fokus uns durch unsere eigenen Bilder zu betrachauf das zeitgenössische afrikanische Kino ten.“ kam 1992 hinzu, als sich die Weltbevölke-   Bei „Jenseits von Europa“ stehen nicht nur rung mit dem 500. Jahrestag der Koloniali- die afrikanischen Filme im Mittelpunkt, von sierung Amerikas befasste und laut Film- großer Bedeutung sind für FilmInitiativ Köln Initiativ Köln einen entscheidenden Faktor auch die Filmemacher selbst: Bei den bisher vergaß: „Kolonialismus und Eroberung be- zwölf Ausgaben des Festivals waren mehr als gann in Afrika schon vorher, bevor die Euro- 100 Filmschaffende aus 30 Ländern Afrikas päer nach Lateinamerika kamen - zumindest zu Gast – um ihre Filme selbst zu präsentieren oder auch die Schirmherrschaft für einen an den Küsten.“   Als eine Art ‚Gegenveranstaltung‘ wurde der Festival-Zeiträume zu übernehmen. Die die erste Filmreihe mit afrikanischen Filmen Kölner Veranstalter selbst halten sich eher organisiert, mit dem in Deutschland auffind- im Hintergrund. Ein weiterer Aspekt des baren Material eine Herausforderung: „Was Festivals, den afrikanischen Gäste wie Ade Bantu Odukoya, Filmemacher aus Lagos und Schirmherr von „Jenseits von Europa XII“, positiv wahrnehmen: „Die Träume, Ängste und Hoffnungen eines komplexen, viel-

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schichtigen und facettenreichen Kontinents, der 54 Länder umfasst, wurden in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit gerückt. Es entstand ausnahmsweise so etwas wie ein ‚Dialog auf Augenhöhe‘.“   Auch dieses Jahr steht bei „Jenseits von Afrika XIII“ wieder Vielfalt auf dem Programm: Gezeigt werden 83 Filme aus 27 Ländern Afrikas – aktuelle Produktionen von den wichtigsten afrikanischen Filmfestivals (Ougadougou, Tunis, Durban, Sansibar) ebenso wie von Festivals mit Afrika-Fokus aus aller Welt. Inhaltlich werden Filme über Frauen in Afrika neben „LGBTI“-Filmen und Filmen anlässlich der 50-jährigen Städtepartnerschaft Köln-Tunis präsentiert. Spielfilme finden ihren Platz neben Kurz- und Dokumentarfilmen. In allen werden die gesellschaftlichen und politischen Situationen der jeweiligen Länder reflektiert. Zusätzlich gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Ausstellungen, Lesungen, Workshops und Live-Musik, das sich nicht nur auf die eigentlichen zehn Festival-Tage (18. bis 28. September) beschränkt, sondern noch darüber hinaus geht: Dadurch ist der Kontinent Afrika mit seinen vielen unterschiedlichen Ländern und deren ganz persönlichen Geschichten (fast) den ganzen Monat lang an verschiedensten Orten in Köln präsent.


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NETZWERKEN

BERUF MIT ZUKUNFT: 3D-DIRECTOR

TEXT /// MELANIE HAHN ILLUSTRATION /// STEPHANIE PERSONNAZ

WEITERE INFOS /// WWW.HS-FRESENIUS.DE


NETZWERKEN

„3D-Mind & Media“: ein Studiengang der Hochschule Fresenius.

Chris Wickenden. „Ein 3D-Director muss mehr können als das reine Anwenden von Software-Werkzeug.“ Ein zunehmender Teil der 3D-Kreativen bewegt sich als Freelancer oder selbständiger Unternehmer am Markt. Neben der Voraussetzung, 2D- und 3D-Anwendungen zu beherrschen und dem kreativen Umgang mit den neuen Medien, stehen dabei vor allem Anforderungen in den Bereichen Selbstvermarktung, Management und Akquisition im Vordergrund. Für den 3DExperten Arndt von Koenigsmarck ist unternehmerisches Know-how für das zukünftige Berufsbild besonders wichtig. Klassische Design-Ausbildungen sowie Studienangebote, die auf das reine Erlernen von SoftwareWerkzeugen spezialisiert sind, greifen seiner Meinung nach zu kurz. Ausbildungsziele würden damit häufig auf rein ausführende Tätigkeiten in Werbeagenturen oder in der Filmbranche reduziert.

Von der Theorie zur Praxis

Morgens das Briefing der Hotelkette besprechen, mittags Avatare für den virtuellen Auftritt der Messegesellschaft kreieren, abends das Budget der 3D-Konzepte für die Unternehmensberatung kalkulieren: So sieht der Arbeitsalltag eines 3D-Directors aus - kreativ, abwechslungsreich, verantwortungs- und anspruchsvoll. 3D-Techniken begegnen uns nicht nur auf der Kinoleinwand oder auf dem Computer, sondern auch im Alltag. Tassen, Stühle oder Autos: Auch die dreidimensionale Gestaltung von Objekten zählt dazu. 3D-Visualisierungen finden sich in einer anspruchsvollen Vortragspräsentation, einer App oder auch einer Print-Werbekampagne. Das 3D-Design dringt zunehmend in alle Bereiche vor: Architektur, Medizin, Technik bis hin zum Marketing. Mit der „dritten Dimension“ können bildliche Inhalte und Informationen neu aufbereitet werden. Das schafft neue Perspektiven, zum Beispiel auch für betriebswirtschaftliche Problemstellungen, Visionen oder Prozesse, die sich mit neuester 3D-Technik darstellen lassen. Chris Wickenden, Diplom-Designer und Studiengangsleiter an der Hochschule Fresenius in Köln, hatte die Vision, einen Studiengang zu konzipieren, der sowohl kreative, philosophische als auch unternehmerische Inhalte gleichermaßen bietet. „Ziel ist es, den Studierenden einerseits einen direkten Zugang zur Praxis und den entsprechenden theoretischen Grundlagen zu gewähren und andererseits eine Plattform zu bieten, abstrakte und reale Themen zu hinterfragen, zu beleuchten und zu untersuchen“, so

Neben der Entwicklung eigener Ideen und Konzepte, ist der 3D-Director auch für Präsentationen und die Beratung von Kunden verantwortlich. Seine 3D-Software-Fähigkeiten und seine unternehmerische Kompetenz erfüllen zwei konkrete Anforderungen des heutigen Managements: Praxis und Professionalität. So arbeitet ein 3D-Director beispielsweise im „Store Design“: In einem neuen Einkaufszentrum soll ein Laden für eine spezielle Zielgruppe entstehen. Der 3D-Director macht mit dem zukünftigen Ladenbesitzer eine Zielgruppenanalyse. Unter Berücksichtigung der Raumgröße und der Lage sowie des zur Verfügung stehenden Budgets gestaltet der 3D-Director dann Entwürfe für den neuen Store. Das Konzept, die zeitliche Planung und die Kosten legt er dem Kunden vor. Seine Entwürfe präsentiert er als dreidimensionale Modelle am Bildschirm in Form begehbarer Räume. Mithilfe des 3D-Drucks (Rapid-Prototyping) werden außerdem einzelne Details des Stores zu Objekten zum Anfassen.

Entwicklung einer Fantasy-Film-Figur Eine ganz andere Ebene ergibt sich für 3DSpezialisten in den Medien: Für eine Filmsequenz benötigt ein Regisseur eine Fantasyfigur, die den realen Hauptdarsteller auf der Straße begleiten soll. Der Regisseur kann lediglich den Verlauf der Filmsequenz beschreiben. Der kreative 3D-Director ist in der Lage, sich in die Thematik hineinzuversetzen und die Anforderungen des Regisseurs umzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit liefert er erste Ideen zu der Figur in 3D und gibt Impulse zum Verlauf und der Stimmung der Filmsequenz. Der Regisseur beauftragt die zeitin-

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tensive und kostenaufwändige Produktion dieser Figur. Der 3D-Director leitet dann ein kleines Team von 3D-Artists, die seinen Anweisungen folgen. Doch auch auf ganz anderen Gebieten ist 3D künftig fest verankert: 3D-lösungsorientierte Denkanstöße und Präsentationen beispielsweise gestalten ganze Unternehmensprozesse: Die Umsätze eines Möbelhauses brechen erheblich ein. Eine beauftragte Unternehmensberatung entwickelt Strategien, um diese Umsatzeinbußen zu bremsen. Zusammen mit einem 3D-Director beleuchten sie die verschiedenen Einflüsse auf den Umsatzeinbruch von unterschiedlichen Perspektiven. Der 3D-Director konzipiert anhand der von der Unternehmensberatung ermittelten Parameter zum Umsatzverlauf mehrere Faktoren, mit denen er die Situation dreidimensional darstellt. Am Ende präsentiert er die Gesamtproblematik in einer dreidimensionalen Form, die andere Perspektiven ermöglicht und damit zu neuen Lösungsansätzen führt. Die Einsatzmöglichkeiten des 3D-Directors sind also vielfältig. Er kann als Freelancer selbständig für Unternehmen arbeiten, als Festangestellter in einer Werbeagentur oder einem Designstudio, oder auch in einem Unternehmen mit eigener Produktentwicklung. Es gibt keine Grenzen: ein Kreativ-Beruf mit Zukunft!


WISSENSCHAFT

KÖLN IN DER ZEIT DES DEUTSCHEN KOLONIALISMUS Marodierende Kinderbanden, tanzende Afrikaner und die weit entfernte Wirklichkeit. Ein kommentierender Rückblick auf Kölnische Stadtgeschichte. Die Stadt Köln im ausgehenden 19. Jahrhundert ist wie viele andere Städte des jungen Deutschen Reichs ein Ort der nationalen und völkischen Begegnung. Weiß trifft auf Schwarz, Europäer auf Afrikaner, Zivilisation auf Barbarei. Zwischen Völkerschauen, Zeitungsberichten und Plakaten werden Stereotypen des Fremden evoziert. Der edle Wilde und der Neger als Kind stehen dem zivilisierten Europäer gegenüber. Ein skurriles Chaos der kulturellen Begegnungen beginnt: Ein verzweifelter Lehrer wendet sich am 19. Juli 1885 an den Kölner Stadt-Anzeiger, der damals noch eine Beilage der Kölnischen Zeitung ist: Er schreibt, dass er zutiefst besorgt sei, über die marodierenden Banden von Jungs, die durch die Straßen ziehen würden. Sie hätten sich in der Tracht der Kameruner verkleidet, die man im Panoptikum sehen könne. Und sie würden mit Steinen nach den Zäunen werfen und wilde Kämpfe auf offener Straße veranstalten. Viel schlimmer noch: Sie würden ihre Hausaufgaben nicht mehr machen, weil sie lieber Afrikaner spielten.

Die Kinder sind zu dieser Zeit nicht die Einzigen, die die Faszination an den Fremden packt. Die ganze Stadt ist im Fieber. Völkerschauen, in denen Stämme aus den fernen Kolonien in Köln auftreten, sind große mediale Ereignisse und ziehen ein enormes Publikum an. Sie kommen aus Kamerun, aus Togo, Zulus und Nubier, Familien wie Karawanen. Anfangs werden sie tatsächlich im wörtlichen Sinne „ausgestellt“. Wie die Nubier-Karawane, die 1880 nach Köln kommt und deren Mitglieder im Garten eines Riehler Hauses mit ihren Kamelen, Zebus und wilden Eseln verweilen. Bald aber werden ganze Programme entwickelt. Die Völkerschauteilnehmer tanzen für ihre Zuschauer, sie singen und kämpfen miteinander, sie inszenieren für ihr Publikum sogar kleine Theaterstücke: Ein Frauenraub wird dargestellt, in dessen Folge die Männer gegeneinander antreten müssen. Im Happy End bekommt der Gute die Schöne – ein Muster, das sich schon in der mittelalterlichen Hofliteratur immer gut bewährt hat. Auf der folgenden Hochzeit geben die Afrikaner vor ihren Zuschauern Volkstänze zum Besten und musizieren gemeinsam.

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Die Wahrnehmung der Fremden ist von Beginn an sehr gespalten. Die Kölner sind beeindruckt von ihrer Schönheit. Regelrechte Schwärme von Männern sollen der schwarzen Prinzessin Amazula zu Füßen gelegen haben. Manche bieten ihr Geschenke an. Der Bonner Anthropologe Professor Schaaffhausen geht sogar so weit und behauptet, die Schönheit der Fremden wissenschaftlich erweisen zu wollen. Im Stadt-Anzeiger des ausgehenden 19. Jahrhunderts fallen die Wörter edel, schön und anmutig in vielen Beschreibungen. Auch Erotik spielt eine wichtige Rolle. Spätestens die Dahomey Amazonen lassen vor allem bei den Männern das Blut in Wallung geraten. „Wilde Weiber – der Dahomey Amazonen Corps“ wirbt ein Plakat 1880 für die Vorstellung am Panoptikum. „Soldaten im Unterrock“ titelt der Stadt-Anzeiger. „Die Soldatinnen sind schlaue, zumeist wohlgebildete kastanienbraune Gestalten“, schreibt die Zeitung und spricht später noch von „schwarzbraunen Damen.“ Im leichten Mieder tanzen die Amazonen vor ihrem Publikum. Daneben aber wird das Wesen der Afrikaner auch als laut und wild beschrieben. Es ist von unzivilisierten Menschen die Rede, schmerzunempfindlich und kaltblütig: Die Musik, die lauten Trommeln, die fremden Götzen, die sie anbeten, all das wirkt fremd, all das macht Angst. Und gleichzeitig erzeugt es Mitleid. Das Wesen des Afrikaners wird mit dem eines Kindes gleichgesetzt, es wird von Wüstenkindern, Naturkindern oder

Kindnegern gesprochen – Kindern, die Hilfe und Leitung benötigen. Auf Illustrationen sieht man sie diese Hilfe empfangen, vorzugsweise in einer niederknienden Haltung: Auf dem Cover der Zeitschrift „Gott will es!“ werden Afrikaner abgebildet, die von einem Missionaren des „Afrika-Verein deutscher Katholiken“ gesalbt werden. Die Ikonographie ist bewusst dem Mittelalter entlehnt – dem berühmten Abbild des Heiligen Bonifatius, der Ende des ersten Jahrtausends für Karl den Großen die Slawen missioniert hat. Das ist auch das erklärte Ziel des Vereins, den der Domkapitular Karl Hespers 1888 gründet: „Die Zivilisierung des Negger durch Bekehrung zum Christentum.“ Hespers inszeniert dafür im Kölner Dom eigenhändig eine Taufe mehrerer Afrikaner. Er geht einen Deal mit J.C. Bruce ein, der sich selbst als „Berufsneger“ bezeichnet. Nayo Bruce, wie sein heimischer Name lautet, ist ein Prinz aus Togo. Er ist des Deutschen wie des Englischen mächtig und hat abseits seiner Heimat Karriere in der deutschen Kolonialverwaltung gemacht. Jetzt mimt er bei den Aufführungen den strengen König, der schweigend über sein unzivilisiertes Volk herrscht. Viele seiner Kinder hat Bruce in christlichen Heimen untergebracht, lässt sie nach europäischen Werten erziehen und in der Kölnischen Zeitung äußert er in einem Interview, er wolle seine Leute zivilisieren. Nayo Bruce hat eine der größten reisenden Völkerschautruppen in ganz Europa im Schlepptau: 15 Männer, zehn Frauen und ein Kind befinden sich in seinem Gefolge. Er streift mit seiner Truppe durch den ganzen Kontinent, von London bis St. Petersburg und Avignon. Als er 1903 zum dritten Mal nach Köln kommt, lässt er sich von Domkapitular Hespers überzeugen, einige seiner Kinder taufen zu lassen. Es ist nicht das erste Mal. Bereits acht der 27 Völkerschauteilnehmer hat der Prinz katholisch taufen lassen. Sieben Mädchen und zwei Jungen der Togogruppe sind dieses Mal an der Reihe.


WISSENSCHAFT

Das Spektakel wird in den Medien angekündigt: Der Dom füllt sich entsprechend mit Besuchern. Die Preise werden an diesem Abend ermäßigt. Das Kölner Abendblatt wird am nächsten Tag von einem „rührenden Anblick“ schreiben. Die Kinder der Tropen seien in Andacht vor dem Altar niedergekniet, um das heilige Sakrament aus den Händen des Priesters zu empfangen. Sie hätten laut und freudig ihren Glauben bekannt. Jocoto Quajo heißt von nun an Johannes, sein Bruder Quete Ajavou heißt Joseph und die Mädchen tragen fortan die Namen Christina, Elisabeth, Katharina, Maria, Caecilia und Agnes. Andere Namen: Sie versprechen ein anderes Leben, ein neuer Glaube eine neue Verheißung. Zivilisation, die große Mission, das große Versprechen, das die Europäer den Afrikanern aber auch sich selbst gegeben haben, das Ziel und Legitimation zugleich ist, für die Herrschaft in Übersee. Sie ist wie die Völkerschauen selbst nur Inszenierung, ein gut durchgeführtes Spektakel. Denn während die Afrikaner in der rheinischen Metropole tanzen und die Taufe empfangen, brennt in ihrer Heimat die Erde, liegen ihre Landsleute in Ketten. Von dort, wo wirklich gekämpft wird, wo gestorben wird, hört man nicht viel – außer dem, was man auch in der Stadt sieht: Die Zivilisierung der Neger ist ein großer Erfolg.

TEXT /// GIACOMO MAIHOFER ILLUSTRATION /// KIRSTEN PIEPENBRING

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VEREIN

IN EIGENER SACHE NULL22EINS – KÖLNER KULTUREN MAGAZIN IST EIN UNABHÄNGIGES MEDIUM, DAS UNTERSCHIEDLICHEN KREATIVEN, KÜNSTLERN UND MEDIENMACHERN EINE PLATTFORM BIETET, SICH UND IHR JEWEILIGES KÖNNEN ZU BEWEISEN. DAS MAGAZIN SELBST DIENT DEM NETZWERKGEDANKEN. DAHINTER STEHT DER ARTISHOCKE E.V. DIE ARTISHOCKE LEBT VOM FREIWILLIGEN ENGAGEMENT VIELER LIEBENSWERTER UND VERRÜCKTER KÖPFE. WIR HABEN EINIGES IM SINN, BRAUCHEN DAFÜR ABER VOR ALLEM FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG. UND DAFÜR BENÖTIGEN WIR MITGLIEDER UND DEREN MITGLIEDSBEITRAG. DENN WIR BRAUCHEN NICHT NUR GELD FÜR DEN DRUCK VON NULL22EINS. JEDER BRIEFVERKEHR, JEDES VERBRAUCHSMATERIAL, JEDER FLYER UND JEDES POSTER VERURSACHT KOSTEN. FÜR EINEN MITGLIEDSBEITRAG VON MINDESTENS 60 EURO IM JAHR KÖNNEN INSTITUTIONEN, KULTUREINRICHTUNGEN ODER CAFÉS, LÄDEN UND WEITERE GEWERBETREIBENDE EIN FÖRDERMITGLIED DES ARTISHOCKE E.V. WERDEN. ZIEL DIESER UNTERSTÜTZUNGSFORM IST ES, DEN VEREIN NACHHALTIG AUF SICHERE BEINE ZU STELLEN. SO KÖNNEN WIR WEITEREN ZIELEN NÄHER KOMMEN. ÜBER FÖRDERMITGLIEDER GEHEN WIR QUASI DEN ERSTEN SCHRITT FÜR EIN ABO AUF NULL22EINS. DARÜBER HINAUS BIETEN WIR WEITERE MÖGLICHKEITEN FÜR KOOPERATIONEN UND GEGENSEITIGE UNTERSTÜTZUNG AN. KONKRET WOLLEN WIR UNSERE KREATIVEN KÖPFE UND KÜNSTLER IM UMFELD DES VEREINS AKTIV VERMITTELN – FÜR WEITERE PROJEKTE UND NEUE UMSETZUNGSFORMEN. DENN DIE ARTISHOCKE IST EIN ÄUSSERST LEBENDIGES NETZWERK. FÖRDERMITGLIEDER KÖNNEN EIN FESTER BESTANDTEIL DER ARTISHOCKE WERDEN. WIR STELLEN ALLE DREI MONATE EIN FÖRDERMITGLIED EXPONIERT IM MAGAZIN VOR. DABEI BEHALTEN WIR UNS LEDIGLICH VOR, DIES VON DER HÖHE DES MITGLIEDSBEITRAGS DER FÖRDERMITGLIEDSCHAFT ABHÄNGIG ZU MACHEN. DENN HINTER JEDER GESTALTETEN SEITE IN DIESEM MAGAZIN STEHT AUCH EIN WERT. WIE DIESER EXPONIERTE PLATZ IM MAGAZIN AUSSEHEN KANN ZEIGEN WIR ÜBER DIE TREUE ARTISHOCKE „MR. SHIRAZY“ UND SEINEN CD-RELEASE. FÖRDERMITGLIEDER KÖNNEN DIESEN SERVICE IN ZUKUNFT REGELMÄSSIG FÜR SICH NUTZEN. WIR FREUEN UNS NATÜRLICH AUCH WEITERHIN ÜBER FREIE SPENDEN ODER GESPENDETE „WERTE“, WIE EINEN RAUM, AUSSTATTUNG, ETC. UND EBENSO ÜBER INTERESSIERTE „ORDENTLICHE“ VEREINSMITGLIEDER. WEITERE INFOS /// WWW.NULL22EINS-MAGAZIN.DE/FOERDERN


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#13 Herbst 2014  

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