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FRÜHLING 2015

#14 KÖLNER KULTUREN MAGAZIN | WWW.NULL22EINS-MAGAZIN.DE

FREIEXEMPLAR | EHRENAMTLICH | WERT 3 EURO


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EDITORIAL


EDITORIAL

EditOrial „Leb vegan, mach Frieden!“, stand da auf dem Plakat. Soll es wirklich so einfach sein? Ist ein Zusammenhang zwischen Fleisch essen und Kriegstreiberei auf der Welt nachvollziehbar? Gibt es dafür bereits eine Studie aus England? Eine ganz neue Verbindung zwischen den Krisen der Welt und menschlichem Konsum. Nun ja, die Menschen, die dieses Plakat aufhängten, werden vermutlich nicht den 3. Weltkrieg auslösen. Und dennoch haftet diesem Thema, also der Auseinandersetzung zwischen Fleisch- und Nicht-Fleischessern, etwas Zähes an. Denn beide „Seiten“ bedienen sich etwas Urmenschlichem: Sie sind zunächst auf sich fixiert, egozentrisch, empfinden ihre Haltung als die eine Wahrhaftige. Eigenes Gesundheitsstreben vor Sozialisation. Den Blick schön eng auf die eigene Lebenswelt beschränkt – zumindest häufig in den endlosen Diskussionen. „Leb vegan, mach Frieden mit den Tieren!“ Bemerkt? Liest sich doch viel einfacher, wenn das menschliche Verständnis von Frieden als Gegenteil von Krieg verschwunden ist, wenn es „nur noch“ um das arme Tier geht. So ist es einfach eine Anlehnung an einen Ausspruch von Franz Kafka, während er Fische betrachtete: „Nun kann ich euch in Frieden betrachten; ich esse euch nicht mehr.“ Es geht „nur noch“ um die Einstellung Einzelner und nicht mehr so schnell um die Gesellschaftskritik im Ganzen. Das Ganze ist aber auch erweiterbar, um die Deutung eines solchen Satzes von Albert Schweitzer: „Solange er sein Mitgefühl nicht auf alle Lebewesen ausdehnt, wird der Mensch selbst keinen Frieden finden.“ Wieder eine neue Verbindung. Und ehrlich, wer fühlt sich jetzt nicht betroffen? Nun ist es das „Lebewesen“ – also Mensch wie Tier wie Pflanze und Bakterium. Und wozu nun dieser je nach persönlicher Lebenslage streitbare Ausflug? „Neue Verbindungen“, unter diesem Motto steht die erste Ausgabe null22eins im Jahr 2015. Nach unserer kurzen Verschnaufpause im Winter gehen wir neue Verbindungen ein – und verbinden stets wieder neu. Fortschritt ist Wandel, mal stärker, mal schwächer. Aber immer wieder neu. Viel Spaß beim Lesen.

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INHALT

INHALT ALT | NEU /// TWITTER-PROSA #Briefegezwitscher

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KÖ LN SZENE /// FARADGANG Wer ist hier noch radlos?

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FOTOSTRECKE /// ISABELL KRICKAU Fotografische Feldforschung

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NETZWERKEN ///

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KISD, NULL22EINS, KULTUR/KÜSST/KÖLN

Von Silberfischen und Miethaien AUSSTELLUNG ///

MORE KONZEPTION CONCEPTION NOW

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Conceptual Art

WERKSCHAU /// TARIK TESFU Genderkrise im Videoblog

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MUSEUM /// SIMULTANHALLE Kleines Ludwig

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ARTISHOCKE /// NEUE VERBINDUNGEN Wer oder was ist eigentlich artishocke?

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MUSIK /// CRIMSONANDBLUE Blues im Elektro-Sound-Gewand

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MUSIK /// IN KÖLN CMI, Masuria, Parcours

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KUNST /// ARTVISITE Lösung oder Ergebnis?

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SPORT /// CAMPUSSPORT KÖLN Auf in die Mensa

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PORTR ÄT /// FILIPPA GOJO Putzfrau oder Opernsängerin

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KÖ LN SZENE /// MEALMATES 44 Das Starter-Menü THEATER /// FORUMTHEATER Die Armen! Aber bitte nicht hier.

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ZEITGENUSS /// RECHT AUF REMIX Grüße von der Gema

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KÖ LNER ORTE /// JUNGE AKADEMIE Jugendstolz und Praxisvorurteile

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IMPRESSUM

IMPRE SS UM HERAUSGEBER

artishocke e. V. Mülheimer Freiheit 61, 51063 Köln redaktion@null22eins-magazin.de

V.I.S.D.P

Robert Filgner robert@null22eins-magazin.de

REDAKTION

Maria Aguilar, Miriam Barzynski, Britta De Matteis, Robert Filgner, Christina Löw, Giacomo Maihofer, Jonas Mattusch, Simon Meienberg, Adam Polczyk, Andreas Richartz, Anna Stroh, Jana Weiss, Christine Willen, Julia Ziolkowski

LAYOUT

Stefanie Grawe, Sabrina Halbe, Elisa Metz, Stephanie Personnaz, Kirsten Piepenbring, Rosa Richartz, Andi Wahle, Julia Ziolkowski

FOTOGRAFIE

Alessandro De Matteis, Marija Magdić, Christian Küller, Isabell Krickau, Alwin Lay, Stephanie Lieske, Houtan Nourian, Nadine Schwickart, Simon Vogel, Andi Wahle, Julia Ziolkowski

ILLUSTRATION

Sabrina Halbe, Jovita Majewski, Elisa Metz, Leo Pellegrino, Stephanie Personnaz, Kirsten Piepenbring, Sarah von der Heide

TITELSEITE

Isabell Krickau

R Ü CKSEITE

Andi Wahle

EDITORIAL

Sabrina Halbe

INHALT

Andi Wahle

DRUCK Druckerei WIRmachenDRUCK GmbH Mühlbachstr. 7, 71522 Backnang www.wir-machen-druck.de

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INTERNET

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artishocke e. V. Deutsche Skatbank IBAN: DE36 8306 5408 0004 6807 15 BIC: GENODEF1SLR Urheberrechte für Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie der gesamten Gestaltung bleiben beim Herausgeber oder den Autoren. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers! Alle Veranstaltungsdaten sind ohne Gewähr.

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TSCHER I W Z E G E F #BRIE


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Irgendwie romantischer und interessanter, aber auch informativer? Irgendwie präzise und schnell – aber auch ehrlicher? Briefe und Gezwitscher: ein sprachlicher Wandel in Schriftform Kommunikation im Wandel. „Schreib mal wieder.“ Damit machte die Post bereits in den 1990er Jahren Werbung, um ihr Geschäft mit Postkarten und Briefen aufrechtzuerhalten. Briefe waren das Kommunikationsmittel überhaupt und sind als Blick in die Geschichte ein Gut von höchstem Wert. Für schnellere Kommunikation sind es Online-Dienste, die durch den Fakt „Echtzeit“ eben in Geschwindigkeit nicht zu überbieten sind. Ungeachtet lassen wir hier das Wort „Briefgeheimnis“, das eigentlich auch in Echtzeit-Kommunikation zum demokratischen System gehören sollte. Egal. Ein Beispiel von Wandel – ein überspitztes: So hörte sich eine Einladung für gemeinsame Zeit noch in Weimar am 11. Februar 1800 an – Johann Wolfgang Goethe in einem Brief an Friedrich Schiller: „Mögen Sie sich heute Abend wohl in dieser starken Kälte zu mir verfügen, so wünsche ich, daß Sie um sechs Uhr kommen, damit wir den Macbeth hinauslesen. Um sieben Uhr, da der Mond aufgeht, sind Sie zu einer astronomischen TEXT /// ROBERT FILGNER GRAFIK /// SABRINA HALBE

Partie eingeladen, den Mond und den Saturn zu betrachten, denn es finden sich heute Abend drei Telescope in meinem Hause. Sollten Sie aber die warme Stube vorziehen, so wird Ihnen Freund Meyer Gesellschaft leisten, der die Mondsberge so sehr wie die Schweizerberge, und die Gestirne so sehr als die Kälte mit einem herzlichen Künstlerhaß verfolgt.“ Im Köln des Jahres 2015 liest sich das eher so: „hi bro, fck wetter #Schneeisscheiße. heut noch heimkino? #FckUGöthe oder kasten bier #rewe24hauf. wenn nicht, dann nicht.“ Und auch Gesellschaftsthemen stehen da nicht hinten an, wie zum Beispiel im Januar 2015: „Cheers bro. heftige party gestern #kater. Was geht da in Paris? was ist ein schalihebbdo? #Stift, verwirrt.“ Oder: „Nicht jede Schneeflocke ist kriminell. Aber treten sie in Massen auf, liest und hört man doch überall vom Wintereinbruch. #schneegida“ Es lebe die Kommunikation. Intention und Ziel davon lassen wir an dieser Stelle bewusst außer acht.

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KĂ–LN SZENE

Faradgang

Wer ist hier Noch Radlos?


KÖLN SZENE

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Zwei Räder, Pedale und ein Lenker: eine einfache Konstruktion. Und dennoch haben Fahrräder schon so geniale Denker wie Albert Einstein und Henry Miller inspiriert. Selbst als Motor für soziale Events wie der Critical Mass Bewegung sind sie heute bekannt. Ein Kollektiv aus Köln und Berlin hat das Fahrrad für sich neu entdeckt: die „faradgang“ schenkt sich selbst und anderen Menschen mehr Unabhängigkeit. Überall stehen Fahrräder herum: kleine, bunte Kinderräder, im Hof, im Keller, Damenräder und Mountainbikes, mit zerschlissenem Mantel, kaputter Kette oder röhrenden Speichen. Die Nachbarn sind bereits genervt, monieren bei jeder Gelegenheit. Trotzdem kommen immer neue Räder hinzu. Alle paar Tage schiebt die Journalistin Du Pham mit den anderen Mitgliedern der faradgang Fahrräder von ihrem Zuhause in Ehrenfeld zur alten Feuerwache in die Werkstatt von Bernhard. Dort werden Klingeln ausgetauscht, Schläuche gewechselt, Naben, Gangschaltung und Tretlager repariert. Bernhard macht das schon seit rund 35 Jahren. Er betreibt eine „Selbsthilfe Werkstatt“, in der er jungen Menschen zeigt, wie man ein kaputtes Fahrrad wieder herrichtet. Jetzt hilft er der faradgang bei ihrem Projekt „Fahrräder für Flüchtlinge“.

Alt wird wertvoll Die „Gang“ sammelt alte Fahrräder, um sie zu reparieren und Flüchtlingen zu schenken. Neben Bernhard helfen viele andere bei diesem Vorhaben. Ein kleiner Aufkleber mit ihrem Logo reist seit vergangenen Sommer durch die ganze Stadt, geht von Hand zu Hand: Immer mehr Menschen kommen, helfen beim Schrauben oder schreiben E-Mails, in denen sie ihre alten Fahrräder anbieten.

Die Gruppe repariert viele davon und verkauft sie, um hochwertige Ersatzteile für die anderen Räder zu besorgen. „Es war überwältigend zu sehen, wie schnell das alles ging und wie viele Leute bereit waren, uns zu helfen“, erzählt die Designerin Carla Zimmermann, eines der neun Gründungsmitglieder der faradgang. Den ganzen Sommer 2014 arbeiteten sie gemeinsam jede Woche an dem Projekt. Am Ende standen bei Du Pham zwanzig auf Hochglanz polierte Räder im Hof. Sie brachten sie zum Asylantenheim in die Herkulesstraße und übergaben sie den Flüchtlingen. So banal das erst einmal klingen mag, für die Flüchtlinge sind die Fahrräder von unschätzbarem Wert. Viele von ihnen haben nicht genug Geld, um regelmäßig mit der Bahn zu fahren. Egal, ob zum Amt oder um die Stadt zu sehen, das Fahrrad ermöglicht den Flüchtlingen unabhängige Bewegung. Das Projekt wurde daher von allen Seiten als Erfolg gefeiert. Die Mitglieder der faradgang gestehen sich aber ein: „Zwanzig Fahrräder für sechshundert Flüchtlinge – das ist schon ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

Verantwortung für sich und andere Die faradgang hat daraus aber viel gelernt. Zunächst für sich selbst, verantwortungsbewusst mit dem eigenen Fahrrad umzugehen.

Und eben auch, wie man anderen Menschen damit helfen kann. Genau in diese Richtung soll es in diesem Jahr weitergehen. Das Kollektiv hat sich als gemeinnütziger Verein fest gegründet. Auch ein kleiner Raum in einer Werkstatt in Ehrenfeld wurde ihnen von Freunden zur Verfügung gestellt, den sie von jetzt an für ihre Projekte nutzen können. Ab März wollen sie regelmäßig die Flüchtlinge aus dem Projekt und Freunde einladen, zu Kaffee und gemütlichem Plausch. Dann soll gemeinsam geschraubt werden. Jeder, der will, kann lernen, was sie gelernt haben: Wie man sein Fahrrad bei Bedarf ganz leicht repariert. Das scheint der richtige Weg zu sein, weg von bloßer Wohltätigkeit hin zur Selbstversorgung. Schließlich ist es ja auch das, was das Fahrrad als Transportmittel so besonders macht: Man ist auf nichts angewiesen, außer auf den eigenen Willen in die Pedale zu treten, um vorwärtszukommen.

TEXT /// GIACOMO MAIHÖFER ILLUSTRATION /// ELISA METZ FOTOS /// FARADGANG E. V. WEITERE INFOS /// WWW.FARADGANG.DE


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FOTOSTRECKE


FOTOSTRECKE

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FOTOSTRECKE

WEITERE INFOS /// ISABELL KRICKAU WWW.ISABELLKRICKAU.DE


FOTOSTRECKE

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Kinderaugen durchdringen. Kinderaugen berühren. Das gilt vor allem gegenüber Erwachsenen und wird verstärkt, wenn dieses Kind hinter den Augen in gänzlich anderen Lebensverhältnissen steckt. Aber Kinder sehen die Dinge auch anders mit ihren Augen als Erwachsene. Das gilt insbesondere bei den Themen Glück und Zuversicht. Wie egal der Dreck im Hinterhof ist, wenn er zum Spielplatz ausgerufen wird. Wie egal der Zustand und die Herkunft des Kleides, wenn es für die große Feier schmückt. Kindliche Lebenswelt ist glücklich, wenn sie aus Spiel und Freunden besteht – das findet man überall, unabhängig von vielen Dingen, die wir stets nur aus unserer eigenen Perspektive bewerten. Isabell Krickau entdeckte genau dies und noch mehr Lebensfreude von Menschen – während ihrer fotografischen Feldforschung in der Dominikanischen Republik für ihre Abschlussarbeit „Mancha Blanca“ an der ecosign/Akademie für Gestaltung. Über das Kinderhilfswerk Dominiño, von der Kölner Erzieherin und Musikpädagogin Tabea Thomaschke 2011 gegründet, kam Isabell Krickau in San Luis den Kindern nah und erhielt Einblicke in deren Schicksale. Fünf Wochen lang sah sie Armut, bemerkte die Bildungsbarrieren und viele Schwierigkeiten mehr. Die Menschen vor Ort zeigten ihr und ihrer Kamera aber vor allem Stolz und Hoffnung. Die Hintergründe sind ernst. Doch ein Perspektivenwechsel kann kaum schöner festgehalten werden.


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NETZWERKEN

TEXT /// SIMON MEIENBERG , JULIA ZIOLKOWSKI FOTOS /// CHRISTIAN KÜLLER, JULIA ZIOLKOWSKI


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VON Silberfischen Das Projekt „Raumkollektiv“ beleuchtet studentische Probleme in der großen Stadt – und es verbindet Kulturvereine und Studierende zu einem Netzwerk. Die Veranstaltung dazu ließ Freiräume entstehen, die auch weiterhin genutzt werden sollen.

Wie leben Studierende in Deutschland wirklich? Wie suchen und finden sie ihre Wohnungen? Und welche Erfahrungen verbinden sie mit den eigenen vier Wänden? Diese Fragen stellten sich Studierende für ein Projekt an der Köln International School of Design – kurz KISD, einem Institut der Fachhochschule Köln. Ein paar Zahlen, beispielsweise des Datensammeldienstes „Eurostudent“, verdeutlichen, warum diese Fragen gerade bei jungen Akademikern hoch im Kurs stehen: Jeder dritte Studierende wohnt in einer Wohngemeinschaft­ , jeder vierte noch bei seinen Eltern, jeder fünfte gemeinsam mit seinem Partner, jeder sechste alleine, jeder zehnte in einem Studentenwohnheim und jeder hundertste wohnt zur Untermiete. Bei solchen Statistiken ist allerdings Vorsicht geboten. Niemand weiß genau, unter welchen Parametern die Daten wirklich erhoben wurden. Eine Tatsache steht aber im Raum: In Deutschland fehlen aktuell über 200.000 Wohnungen, besonders in Großstädten und Ballungszentren. In einem bundesweiten Vergleich liegt Köln auf Platz vier der Wohnungsnot-Städte, Platz eins belegt München, gefolgt von Hamburg und Frankfurt. Das ist an und für sich keine Neuig-

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keit. Doch die Folge sind drastisch steigende Mieten, welche die Studierenden meist nur schwer aufbringen können. Das verschärft ein zunehmend wachsendes Problem. Beton ist heute Gold wert.

Erste Wohnversuche Zurück zum Projekt: Es begann mit einem selbstinitiierten Projekt an der KISD. Für die vier Design-Studierenden Christian Küller, Julia Ziolkowski, Noelle Gangloff und Simon Meienberg standen zunächst nur die Rahmenbedingungen fest. Eine Projektarbeit,

betreut durch Prof. Utikal und Prof. Gais zum Thema „Wohnraum für Studierende“. Wohin das führen würde, stand noch in den Sternen. Geplant war eine Ausstellung mit Plakaten und anschließender A­ ftershowParty. Veranstaltungsort? DJ? Organisation? Low budget musste es sein, aber das würde sich im Verlauf des Projekts schon ergeben. Die Herausforderung: Erst einmal täglich ein Plakat kreieren. Insgesamt 15 Studierende der KISD nahmen die Herausforderung an und brachten ihre visuellen Botschaften auf DIN A1-Plakaten zum Ausdruck. Im Fokus stand die Wohnsituation von Studierenden in Deutschland. In der Auseinandersetzung mit dem Medium Plakat entstand ein reger Diskurs. Die angehenden Designer beschäftigten sich insbesondere mit der Frage: Wie suchen und finden Studierende ihren Wohnraum und welche Erfahrungen haben sie dabei gemacht? Aufgabe war es, einzelne Plakate oder Serien zu gestalten, die sich dem Thema spielerisch, humorvoll und provokativ näherten. Im Verlauf des Projekts verdichtete sich die visuelle Sprache allmählich. Sie wurde präziser, konzentrierter und elaborierter.


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So entstanden 33 Plakate mit klaren Botschaften, harten Fakten und experimentellen Ansätzen. Um die Ecke gedacht, ansprechend umgesetzt und über das Format hinaus.

das raumkollektiv Ein paar intensive Wochen vergingen. Dann war es endlich soweit. Am 13. Dezember 2014 präsentierte das Raumkollektiv seine Plakate in der Ausstellung „Freiraum“ auf dem Gelände der Werkstatt Stadtwaldholz in der Kölner Südstadt. Durch das Raumkollektiv ist ein neues Netzwerk entstanden – mit „KULTUR/küsst/KÖLN“, der KISD und dem artishocke e.V. Dieses kulturelle Netzwerk kann man sich wie eine große Karte mit vielen Straßen und daraus entstehenden Kreuzungen vorstellen. Man wird an jedem Kreuzungspunkt angeregt, sich weiterzubewegen. „Ein Netzwerk ist ein Netzwerk ist ein Netzwerk. Es hat Schnitt- oder Treffpunkte, und es hat Räume, die dazwischen liegen“, heißt es im Standardwerk „Netzwerke: eine Kulturtechnik der Moderne“ von Jürgen Barkhoff, Hartmut Böhme und Jeanne Riou. Durch einen Kontakt folgt ein nächster und wieder ein nächster, immer auf der Suche nach sich selbst und dem Kontakt zu weiteren Kreativen. Netzwerke funktionieren nur dann, wenn sie stetig in Bewegung sind. Wir waren in Bewegung – und wie.

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Über 200 Interessierte kamen, sahen sich die Ausstellung an, tranken Glühwein, genossen das Lagerfeuer und tanzten bis in die frühen Morgenstunden. Und zwar zu den Klängen der Live-Acts Crimsonandblue, Moglebaum und Trezunidoz. Direkt im Anschluss ließen die DJs Aaron Chibb, Laut und Illegal und Fu Man Chung ihre Vinylplatten heiß laufen. Der Bass drang bis ins Zwerchfell vor und pumpte den Zuhörern die Pheromone schubweise in die Venen. Ohne die gemeinsame Zusammenarbeit von „KULTUR/küsst/KÖLN“, der „artishocke“ und allen Projektteilnehmern sowie Wilfried Nißing von der „Werkstatt Stadtwaldholz“, der uns seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte und uns mit Rat und Tat beiseite stand, wäre das Event nicht so erfolgreich zustande gekommen. Bei solch einem Netzwerk gibt es unterschiedliche Ströme die miteinander in Berührung kommen. Wir erwarten viele weitere kreative Veranstaltungen mit interessanten Begegnungen, sehen weitere Straßen mit spannenden Kreuzungen und Knotenpunkten, an denen wir anknüpfen möchten.

PLAKATAUSSTELLUNG „FREIRAUM“ MIT ARBEITEN VON JANA DREYER, NOELLE GANGLOFF, THOMAS KLIMEK, KOSMA KORCZYNSKI, NINCO KÖTTER, CHRISTIAN KÜLLER, JANA MANFROID, MARTIN MARBURGER, SIMON MEIENBERG, CHRISTIAN NUFER, DANIEL SADOWSKI, DANIEL SCHALLER, LEON SCHNIEWIND, HANNA SCHUMACHER, FRANZISKA VOLMER UND JULIA ZIOLKOWSKI.


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AUSSTELLUNG

Conceptual Art Die Ausstellung more Konzeption Conception now TEXT /// JANA WEISS FOTOS /// VG BILD-KUNST, BONN WERKE /// WILLEM DE ROOIJ, ELMGREEN & DRAGSET, CEAL FLOYER, SVEN JOHNE


AUSSTELLUNG

Die Ausstellung „more Konzeption Conception now“ greift ein altes Thema auf und besetzt es mit neuen Akteuren. Das Morsbroich Museum in Leverkusen zeigt in Rückbesinnung auf die erste KonzeptkunstAusstellung in Deutschland, die im Jahr 1969 dort stattfand, Werke zeitgenössischer Konzeptkünstler. ellen Kunst in dieser Ausstellung finden; zu vielseitig sind die künstlerischen Strategien, zu divergent ihre Umsetzungen. Und doch steht über allem das Paradigma der Entmaterialisierung, die Abwendung von der Kunst als Objekt.

Anti-Object-Art

Konzeptkunst und die Ausstellung von 1969 Die Ausstellung Konzeption Conception fand 1969 als erste institutionelle deutsche Konzeptkunst-Ausstellung im Morsbroich Museum in Leverkusen statt und zeigte Werke und Positionen von mehr als 40 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, darunter auch Künstlerlegenden wie Bernd und Hilla Becher, Bruce Nauman, Joseph Kosuth und Sol LeWitt. Obwohl als Überbegriff dieses durchaus kunsthistorisch bedeutsamen Projektes das „Konzept“ steht, lässt sich doch keine einheitliche Definition der konzeptu-

Innerhalb der allgemeinen Aufbruchstimmung und der utopischen Freiheitsgedanken der 1960er Jahre sowie als Abgrenzung zur total objektbezogenen Minimal Art, ist die Konzeptkunst vor allem eine strategische Methode, die gegen die Fetischisierung der Kunst als Ware wirken will. Der Fokus wird auf eine rein konzeptionelle, begrifflich geprägte und anti-ästhetische Kunst gelegt. Im selbstreflexiven Prozess über die Bedingungen künstlerischer Produktion und Distribution ist der Künstler selbst im Grunde nur noch Ideengeber – und nicht selten werden diese Ideen von Dritten ausgeführt. Aus diesem Grundgedanken resultiert aber auch das bis heute mitunter größte Problem der Konzeptkunst: Ihre Verweigerung der visuellen Repräsentation macht sie „kommentarbedürftig“. Ohne Begleittext und kunsthistorische Vorbildung ist sie kaum zu verstehen.

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AUSSTELLUNG

Problem der Ausstellbarkeit Dokumentationsmittel zu einem zentralen Im Zentrum der Konzeptkunst beziehungs- Bestandteil konzeptionellen Arbeitens und weise der Conceptual Art der 1960er Jahre durch ihre Ausstellbarkeit letztendlich zum stand die Befreiung der Kunst vom Waren- Kunstwerk selbst. wert und damit, als rein immaterielles Gut, die Idee. Doch Institutionskritik hin oder her, Konzeptkunst heute wenn Kunst Kunst sein will, muss sie bemerkt Während die Conceptual Art in ihren Anwerden, dokumentiert, ausgestellt – und da- fängen radikal und innovativ war, sind ihre mit früher oder später ins Museum. Aber Merkmale der Selbstreflexivität, des Seriellen wie stellt man Ideen aus? Wie können Men- und Performativen heute quasi zur Selbstschen langfristig Zeugen von temporär statt- verständlichkeit künstlerischen Schaffens findenden Ereignissen werden? Hier dient geworden. Umso wichtiger ist eine Betrachzum einen die Verwendung von Sprache zur tung vor dem jeweiligen politischen und kulBeschreibung des Konzepts, archiviert in turellen Hintergrund der Künstler und ihrer Künstlerbüchern und Ausstellungskatalogen. Zeit. Mögen die Strategien heutiger KonzeptZum anderen bekommt die Fotografie einen künstler oft ideologiefrei und distanziert ervöllig neuen Stellenwert. Sie wird vom reinen scheinen, so liegt das wohl in ihrem Wissen


AUSSTELLUNG

darüber, dass eine radikale Veränderung von Kunst und Gesellschaft durch künstlerische Praxis mittlerweile kaum noch eine reale Möglichkeit darstellt. Die Ausstellung „more Konzeption Conception now“, die noch bis zum 19. April in Leverkusen stattfindet, zeigt Positionen junger zeitgenössischer Konzeptkünstler, darunter unter anderem Willem de Rooij, Elmgreen & Dragset, Sven Johne und Ceal Floyer. Die Künstlerinnen und Künstler bedienen sich zwar ähnlicher Strategien wie die der Ausstellung von 1969, jedoch ohne sie zu kopieren. Durch den unterschiedlichen Umgang der Künstler mit den ursprünglichen

Konzepten und Ideen entstehen Variationen und Brüche. So geht es der Kuratorin Stefanie Kreuzer zwar um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Museums und der Konzeptkunst, jedoch nicht um eine Rekonstruktion der Ausstellung Konzeption Conception. Es soll vielmehr gezeigt werden, wie die zeitgenössischen Künstler die Strategien der damaligen Konzeptkünstler neu umsetzen und auf die aktuelle kulturelle und gesellschaftliche Situation übertragen.

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WERKSCHAU


WERKSCHAU

Tarik Tesfu mag keine Stereotypen, vor allem, wenn es um Geschlechterrollen geht. Dieses Herzensthema bearbeitet er nun in seinem Videoblog: Tariks Genderkrise. Wöchentlich veröffentlicht Tarik einen kurzen Beitrag, in dem er sich mit Themen der Genderforschung auseinandersetzt, einer anthropologischen Disziplin, die sich mit der sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen befasst. Da diese Thematik immer auch polarisiert und öffentliche Debatten darüber oft zu schnell unsachlich und emotional geführt werden, nutzt er gezielt das Stilmittel der Ironie und scheut sich nicht, sich in seinen Videos auch selbst auf‘s Korn zu nehmen. Trotz seiner humoristischen Herangehensweise können sich Kommentare zu seinen Beiträgen jeder Zeit verschärfen. Das Thema Gender ist für viele noch ein rotes Tuch. Tarik kann aber auch dieser Gefahr mit Humor entgegentreten: „So gesehen“, sagt Tarik, „wäre das Beste, was für die Bekanntheit meines Projekts passieren könnte, schon ein ordentlicher Shitstorm“, und muss grinsen. Tarik war sich schon früh darüber bewusst, dass er schwul ist und studierte, neben seinem Hauptfach Publizistik, Gender Studies im Nebenfach. Die zweifache Sonderrolle, zugleich der einzige Dunkelhäutige und zudem noch schwul zu sein, erschwerte Tarik sein Outing in der Schulzeit. All das bewegte ihn später dazu, sich intensiv mit dem Thema der Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Hauptberuflich ist Tarik bei einer Film- und TV-Produktionsfirma tätig und dort als Projektleiter für einen öffentlich-rechtlichen Talk verantwortlich. Sein Videoprojekt „Tariks Genderkrise“ konnte die Jury des Förderprogramms „Academy Fellowship“, das in diesem Jahr zum ersten mal durch die „Film und Medien Stiftung NRW“ und die „Euro-

pean Web Video Academy“ ausgeschrieben wurde, überzeugen und wird nun finanziell gefördert. Jeden Mittwochabend veröffentlicht er einen Beitrag auf Youtube sowie der noch jungen Diskussionsplattform dbate. Ein Facebook- sowie ein Twitteraccount dienen als zusätzliche Kanäle zur Verbreitung des Videoblogs und zur Kommunikation und Diskussion mit interessierten Zuschauern. Die Videos werden wöchentlich produziert. Diese zeitnahe Arbeitsweise, die einen hohen Aufwand bedeutet, ermöglicht es ihm, auf aktuelle Ereignisse und Themen aus Gesellschaft und Politik einzugehen. Monatlich kürt er zudem den „der/die/das Depp des Monats“. Mit diesem Negativpreis werden Personen bedacht, die durch unschöne Aussagen oder Taten zu Genderthemen öffentlich aufgefallen sind. In Zeiten, in denen in TV-Talks und politischen Debatten gegenüber Themen wie der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften Ressentiments geschürt werden, obwohl diese längst überwunden schienen, und „besorgte Eltern“ in mehreren deutschen Demos gegen die Sexualaufklärung an Grundschulen demonstrieren, bietet eine thematische Auseinandersetzung mit Augenzwinkern die Möglichkeit einer unverkrampften Diskussionskultur zum Thema Gender. Gerade deswegen ist Tarik sein Projekt so wichtig. Und die Inhalte werden ihm sicherlich nicht so schnell ausgehen: Er hat noch viel zu sagen, ehe seine Krise überwunden ist.

TEXT /// JONAS MATTUSCH FOTO /// NADINE SCHWICKART ILLUSTRATIONEN /// SARAH VON DER HEIDE WEITERE INFOS /// FACEBOOK.COM/TARIKSGENDERKRISE @YOUTUBE: TARIKS GENDERKRISE

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MUSEUM

Von Kulturinstitutionen ernstgenommen, von den Kölnern noch viel zu oft übersehen. Es könnte eine Miniatur unseres geliebten Museum Ludwig sein. Wie von Geisterhand in die vorstädtische Idylle VolkhoVens und die rauen Plattenbauschluchten Köln-Chorweilers hineingesetzt, trotzt die Simultanhalle allen städtebaulichen Mustern ihrer Umgebung.

HEIKE MUTTER, ULRICH GENTH, 2014


MUSEUM

VOM TESTBAU ZUM OFF-SPACE Ende der 1970er wurde die Simultanhalle als architektonischer Testbau für die Lichtführung und Deckenkonstruktion des Museum Ludwig erbaut. Anfang der 1980er dann von der Künstlerin Eva Janoskova mit hausbesetzerischem Elan vor dem Abriss gerettet, wurde die Simultanhalle ein „Offspace“ – und ist heute ein nichtkommerzieller Projekt- und Ausstellungsraum am Rande der Stadt. Bis heute behauptet sich dieser Ort fernab vom Kommerz, der unsere Kunstlandschaft nur allzu oft beherrscht und bewahrt sich, strotzend vor Idealismus, den historischen Gedanken von Unabhängigkeit der Avantgarde des 19. Jahrhunderts. Doch gleichzeitig bietet er durch seine Größenordnung und offizielle Anerkennung als öffentliche Kulturinstitution NRWs Möglichkeiten, die den meisten alternativen Kunstinstitutionen verwehrt bleiben. Somit ist die Simultanhalle eine echte Perle der Kölner Underground Szene.

DER GEIST DES EXPERIMENTS Für das sehr junge, ehrenamtliche Kuratorenteam von acht Künstlern und Kunsthistorikern, ist die Simultanhalle eine einmalige Möglichkeit aktiv und selbstbestimmt ihre Ideen auf enormen 1.000 Kubikmeter umzusetzen. Demokratisch wird hier jede Saison über die vier Ausstellungen, die jährlich stattfinden, abgestimmt. Eine regelmäßige

Fluktuation im Team garantiert seit Jahren sprudelnde Energie, frische Ideen, vielfältige Blickpunkt und Diskurse. Ansonsten gibt es nur wenige, grobe Richtlinien. Kölner und externe Künstler sollten sich die Waage halten und der Geist des Experiments, dem Bau schon historisch immanent, sollte von den Künstlern aufgegriffen werden. Die ausstellenden Künstler experimentieren und improvisieren in der Aufbauphase mit einem Raum von beachtlicher Größe, den es auszufüllen gilt. Das ist eine Herausforderung und gerade für junge Künstler oft auch die erstmalige Chance in Räumen dieser Dimension auszustellen. So entstehen teilweise bombastische Ausstellungen mit minimalem Budget, die durch extreme Konstruktionen oder auch mal ein eigens angelegtes Biotop, eine ganz neue Welt in die Simultanhalle zaubern. Auch in diesem Jahr werden vielversprechende Ausstellungen die ehemalige „Testhalle“ beleben. Ein besonderes Highlight zum Reinschnuppern bietet der Performancetag „Shift your Base“, das Sommerfest der Simultanhalle.

TEXT /// MARIA AGUILAR FOTOS /// ALWIN LAY, SIMON VOGEL, ANDI WAHLE WEITERE INFOS /// WWW.SIMULTANHALLE.DE

JOHANNES HENSEN, FREYA, 2012

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ARTISHOCKE

wer oder was ist eigentlich

art ishock e


ARTISHOCKE

ar|ti |sho|cke, die; -, -n Bedeutung(en): (a) Zusammenschluss aus ars, Gen. artis [lat. für Kunst(fertigkeit)] und to shock [engl. für schockieren, provozieren] (b) an die Artischocke angelehntes Konstrukt, bei dem viele, individuelle Blätter ein Herzstück umschließen

Der Verein artishocke e.V. wurde 2011 als institutionelles Rückgrat für das zeitgleich ins Leben gerufene Magazin null22eins gegründet. artishocke ist quasi der gemeinnützige Nährboden, aus dem sich das Kölner Kulturen Magazin speist. null22eins ist aber nur ein Produkt aus dem Netz der artishocken: Im Mittelpunkt steht der Austausch untereinander, das ganz individuelle Miteinanderwachsen – mit freien Köpfen, die nicht durch werbegesteuerte Brillen blicken. artishocke ist ein sich stetig wandelndes und entwickelndes kreatives* Konglomerat aus engagierten Kölnern, geprägt durch die Vielfalt der Einzelpersönlichkeiten. Durch eine Handvoll engagierter Menschen wurde im Sommer 2011 die erste Ausgabe des null22eins-Magazins auf die Beine gestellt, aus eigener Tasche finanziert und auf die Stadt losgelassen. Seitdem ist viel passiert: Da wäre zum einen die nunmehr 14. Ausgabe zu nennen, die immer noch ehrenamtlich produziert und kostenlos in ganz Köln verteilt wird – ein Projekt, an dem durchschnittlich 20 bis 30 Kreative beteiligt sind. Zum anderen kann das Netz der artishocken inzwischen auf einige weitere Erfolge zurückblicken, die verdeutlichen, dass mit gemeinsamem Engagement viel erreicht werden kann:

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ARTISHOCKE

Ein Beispiel ist der Musiker Mr. Shirazy, der durch den persönlichen Austausch im Netzwerk zu seinem Projekt „Ich möchte Musiker werden“ Vertrauen gefasst hat. Durch diverse Auftritte (auch bei artishocke-Events) und sein im September 2014 veröffentlichtes Album hat er seinen Platz in der Kölner Musikwelt gefestigt. Der Solution Space, der heute am Dom sein neues Zuhause hat, ist durch frühe Berichte in null22eins über Coworking in Köln erst so richtig ins Bewusstsein der Stadt gerückt: Auch durch mehrere Kooperationen wurde das öffentliche Interesse verstärkt. Seitdem wächst der Solution Space als Innovationshaus am Dom stetig. Unterschiedliche Studierende haben schon vom Netzwerk profitiert: Nicht „nur“ durch Mitarbeit bei null22eins als Mehrwert für das eigene Portfolio, sondern auch direkt für Hochschul-Projekte. Hierzu zählen beispielsweise verschiedene KISD-Vorhaben, wie die Gestaltung eines interaktiven Magazins mit E-Publishing und eine Plakat-Aktion, die im Rahmen einer Projektarbeit zum Thema Streetart durchgeführt wurde. Ein anderes Beispiel ist die Google Online Marketing Challenge 2014, bei der Studierende der Hochschule Fresenius über die null22einsWebsite Adword-Strategien ausprobierten. Als artishocke-Eigenproduktion lässt sich unter anderem die Bildergeschichte „Daktylus“ nennen, die multimedial entstanden ist und sowohl im null22eins-Magazin veröffentlicht als auch online filmisch aufbereitet wurde. Neben den künstlerisch und musikalisch gerahmten Releaseparties für die neuen Ausgaben des Magazins gab es große Tagesevents im Sommer mit Lesungen und Kon-

zerten sowie Foto- und Video-PerformanceEinlagen, oder auch kürzlich, in Kooperation mit „KULTUR/küsst/KÖLN“, „Werkstatt Stadtwaldholz“ und Studierenden der KISD das „Raumkollektiv“, eine Ausstellung mit Live-Acts. Die Arbeit im artishocke-Verein ist facettenreich. Hier gibt den Raum für Menschen, die sich im beruflichen und freundschaftlichen Miteinander weiterentwickeln möchten, kreativ* und sozial. Im Mittelpunkt stehen die Vielfalt, die individuellen Visionen und Fähigkeiten der Einzelpersönlichkeiten, die sich zusammen zu einem neuen Ganzen fügen können – wie die Blätter einer Artischocke. Auch wenn in den vergangenen rund vier Jahren schon viele Freundschaften geschlossen und Arbeitsprojekte umgesetzt wurden, ist die artishocke doch eigentlich noch mitten im Wachstum begriffen: Weil es sich als dynamisches Gebilde immer weiterentwickeln wird; ganz so wie sich in unserem Gehirn immer neue Synapsenverknüpfungen bilden. Mit jeder neuen Person, die sich bei artishocke e.V. engagiert, erschließen sich


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für den Einzelnen und das ganze Netz viele neue Möglichkeiten – und an Ideen für die Zukunft mangelt es ganz bestimmt nicht: Es gibt Gedanken über Workshops, für intern und extern, Kooperationen innerhalb von Köln und über die Stadtgrenzen hinaus. Vielleicht wird sich eines Tages eine Agentur bilden, über die ihre Mitglieder auch ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Oder ein Journalisten-Büro. Oder ein Verlag für kulturelle Publikationen rund um Köln. Für 2015 steht zunächst im Vordergrund, mehr zahlende Mitglieder zu gewinnen. Immerhin lässt sich mit mehr Menschen mehr bewegen. Außerdem laufen die Vorbereitungen für verschiedene Workshops: Darüber halten wir euch natürlich auch auf dem Laufenden! * Kreativ steht in diesem Kontext für schöpferisch; Ideen habend und diese gestalterisch verwirklichend.

TEXT /// CHRISTINA LÖW ILLUSTRATIONEN /// LEO PELLEGRINO


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MUSIK

BLUES IM ELEKTROSOUND-GEWAND Crimsonandblue selbstsicher auf Expansionskurs

TEXT /// CHRISTINE WILLEN FOTO /// ALESSANDRO DE MATTEIS & HOUTAN NOURIAN


MUSIK

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Auf zum Scheuen Reh! Es ist MontagAbend bei kalten Temperaturen und Regen hier am Bahnhof West. Ein Blue monday sozusagen mit der idealen Wetterlage, um in den Club zu gehen und Elektro-Musik zu hören. Crimsonandblue kommen überwiegend de- sik machen möchten. Und da bin ich zufällig zent schwarz gekleidet daher. Sie sind neu- auf Sven gestoßen. Ich hab ihn einfach an der erdings zu viert. Das neueste Bandmitglied, Theke angesprochen. Wir haben gleich angeLukas (26), ist erst seit eineinhalb Monaten fangen über Musik zu reden. Seither sind wir offiziell dabei und kommt direkt mit auf die befreundet und machen zusammen Musik.“ Bühne. „Als ‚Groupie‘ habe ich die Band aber So kam Sven zu Helene. Sven baut Musik am schon viel länger verfolgt“, sagt Lukas. „Ich Computer. Eine Art Techno-Blues, der ein habe einige Live-Auftritte der drei gesehen wenig Retro erscheint, sehr eingängig ist und und sie zum Teil mitgefilmt“. Dann hat er mit eine entspannte Atmosphäre versprüht. Dieseinen Film-Kenntnissen bei einem Musik- ser Sound ist die Grundlage oder das MusVideo-Dreh von Crimsonandblue mitge- ter für die „organische“ Unterfütterung der holfen. Jetzt trägt er mit seinen Synthesizer- anderen Bandmitglieder: Helene mit ihrem Sounds dazu bei, dass sich die Band stetig Gesang und der E-Gitarre, Jan (31) am Bass weiter entwickelt. Denn ihr musikalischer und Lukas am Synthesizer. In diesem MusikWeg führt sie zunehmend weg von der über- Ambiente kann sich der Zuhörer sehr gut wiegend digitalen Musik hin zu analogen treiben lassen. Passen Crimsonandblue in die scheinSounds. bar immer größer werdende Elektro-Szene Kölns? „Wir sind schwer greifbar. Wir haben Gegensätze in scharlachrot und blau Bei dem Liveauftritt fällt sofort die klang- etwas von Indie, Elektro, Blues, Techno und schöne Stimme von Helene (25) auf. Das Pop“, gibt Helene zu verstehen. Ja, Pop! Denn Echo ihrer Stimme hat etwas Zerbrechliches sie lassen sich unter anderem auch von den und Elfenhaftes. Helene erzählt in ihren aktuellen Charts inspirieren, zum Beispiel Texten von „crimson and blue“, von Gegen- von Lady Gaga und Daft Punk. „Für den Kölsätzen, die in scharlachrot und blau erschei- ner Elektro-Sound sind wir vielleicht etwas nen. Von Geschichten, die von der Realität zu laut und direkt. Da wir im Gegensatz zu inspiriert sind, aber ein Eigenleben führen. vielen anderen Bands direkte Songstrukturen Von der Liebe, die sie kriminell werden lässt, verwenden und unser Sound eher technoid von zärtlichen Macho-Songs, vom Leben in und verzerrt ist. Ich würde aber sagen, wir der Großstadt mit all den unterschiedlichen passen mit einem Fuß voll rein“, schlussfolSehnsüchten. Diese gegensätzliche Emoti- gert Helene. Im Scheuen Reh steht Helene jeonalität ist auch im Sound wiederzuentde- denfalls mit beiden Füßen auf der Bühne und cken. Das entsteht durch den Kontrast von gibt ihre Songs zum Besten. Zwischendurch elektronischen Beats und den Bluesriffs von zückt sie einmal eine Miniatur-Flasche und Bass und Gitarre – eine Art Blues im Elektro- gönnt ihrer Stimme einen Schluck Whisky. Sound-Gewand.

Eine Kneipenbekanntschaft Die Gründung der Band vor drei Jahren ist einer echten Kneipenbekanntschaft zwischen Sven (26) und Helene zu verdanken: „Als ich neu in Köln war, hab ich rege nach Leuten gesucht, die mit mir zusammen Mu-

indem wir neue Songs und Visuals entwickeln“, sagt Helene. „Wir wollen Kunst in unserem Rahmen gestalten und wahrscheinlich bald ein neues Album veröffentlichen. Es soll verteilt über das nächste Jahr erscheinen, ein Song nach dem anderen, die aber alle zusammen gehören. Es wird mehr ein Zyklus von Songs und Visuals. Natürlich werden wir auch weitere Auftritte performen, denn das gehört doch zusammen und macht Spaß!“ Jan, Sven und Lukas sehen das genauso und nicken zustimmend. Der Song-Zyklus wird voraussichtlich im März beginnen und kann auf der Facebook- und Youtube-Seite verfolgt werden.

Das gehört zusammen und macht Spaß

Langfristig möchte die Band auf Expansionskurs gehen. „Wahrscheinlich wird bald noch ein Schlagzeuger zu unserer Band kommen.“ Sie proben wöchentlich und entwickeln ohne Druck neues Material. „Unser momentanes Ziel ist es, noch mehr ‚Output‘ zu schaffen,

WEITERE INFOS /// WWW.SOUNDCLOUD.COM/CRIMSONANDBLUE WWW.CRIMSONANDBLUE.TUMBLR.COM WWW.FACEBOOK.COM/CRIMSONANDBLUEMUSIC


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Musik in KÖLN

Das ist unsere Plattform für Musiker aus und in Köln. Egal, ob ganz frisch im Geschäft, etabliert oder kurz vor dem großen Durchbruch: Die Bands und Künstler leisten ihren kleinen Beitrag und helfen, diese Seite zu produzieren. Interesse? E-Mail an: redaktion@null22eins-magazin.de

ANSTECKEND

COLOGNE METAL INVASION

MELANCHOLISCH

PARCOURS

Am 18. April 2015 startet im Kölner Engelshof Cologne Metal Invasion mit fulminantem Line-Up. Als Headliner konnten die Hardrocker Axxis verpflichtet werden, die 2014 ihr 25-jähriges Bandbestehen gefeiert haben und die man getrost eine Institution der deutschen Heavy-Metal-Landschaft nennen kann. Die ungarischen Power-Metaller Wisdom und die Bouzouki-Rocker von Tri State Corner versprechen ebenfalls ein Live-Erlebnis, das die Herzen jedes Metalheads höher schlagen lässt. Aus Frankreich kommen Existance zur Cologne Metal Invasion und spielen ihren ersten Gig in Deutschland überhaupt. Das Line-Up wird vervollständigt vom Kölner Metal-Urgestein Wolfen, den Ostwestfalen CROW7 und den beiden lokalen Bands Sober Truth und Naveia. Tickets gibt es für 24,50 Euro auf www.colognemetal-invasion.de WEITERE INFOS /// WWW.COLOGNE-METAL-INVASION.DE


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PROGRESSIV

MASURIA Masuria wurde im Sommer 2013 von Lukas (Gitarre), Patrick (Bass) und Tobias (Gitarre) gegründet, die schon vorher zusammen Musik gemacht hatten. Nach ersten Songwriting Sessions im Wohnzimmer stießen Stefan (Vocals) und Simon (Drums) kurz danach dazu und machten die Band komplett. Ihre Musik tut sich schwer, unter einem Subgenre zusammengefasst zu werden. Hier treffen vertrackte Djent-Grooves auf energetische Breakdowns sowie epische Melodien und Refrains in bester Post-Rock Manier. Über allem liegen die tiefen Growls und treibenden Shouts von Vocalist Stefan. Mittlerweile erklingt diese Mischung nicht nur in den Katakomben des Kölner Art Olives sondern auch während der mittlerweile regelmäßigen Gigs. Und bald sogar im eigenen Wohnzimmer: die erste EP erscheint in diesem Sommer. WEITERE INFOS /// WWW.FACEBOOK.COM/MASURIABAND WWW.INSTAGRAM.COM/MASURIACOLOGNE @YOUTUBE: MASURIA BAND

Den Blick mal aufs Ganze, mal aufs Detail. Eher nachdenklich als ausgelassen, mehr moll als dur. Philipp und Sebastian laufen sich im Veedel über den Weg. Sebastian hat seine Gitarre und einige Songs im Gepäck, Philipp steuert Bass und zweite Stimme bei. Anfang des Jahres gründen sie Parcours und spielen im Büdchen das erste Konzert. Parcours machen melodisch-melancholischen Pop, der auf den Song fokussiert und sowohl verstärkt als auch akustisch funktioniert. Singer-Songwriter-Passagen treffen auf weite, atmosphärische Sounds und satte Schlagzeugbeats. Die Melodien sind eingängig, ohne dabei vorhersehbar zu sein. Die Texte bewegen sich zwischen Großstadtschwermut und Leichtigkeit. WEITERE INFOS /// WWW.FACEBOOK.COM/PARCOURSMUSIC WWW.PARCOURSMUSIC.COM

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KUNST

ARTvisite

Lรถsung oder Ergebnis?


KUNST

Die Kölner Künstlerinnen Julja Schneider und Iris Stephan führen eine einzigartige Firma an der Schnittstelle von UnternehmensKultur und Kunst. Die Protagonistinnen: Sie selbst. Für die meisten Künstler ist es inzwischen ja nicht selten so: Bevor ihre Karrieren eigentlich beginnen, stecken sie im Stau. Der Stau definiert sich nicht zuletzt aus den nachfolgenden Jahrgängen von Künstlern, die von einem nimmer satten Kunstmarkt und seinen Ausbildungsstätten jährlich in die Freiheit ihrer Brotlosigkeit gespült werden. Julja Schneider und Iris Stephan haben nicht nur einen halbwegs, sondern einen glasklaren Blick auf diese Realität. Das und die Frage nach einer Alternative zum alltäglichen BewerberProzedere als Künstlerinnen auf der Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten ist der Grund, aus dem 2009 ihre Firma ARTvisite entstand. Dabei sind sie als „Solo-Künstlerinnen“ beide auf Kurs. Iris Stephan hat soeben einen großen Übersichts-Katalog ihrer eigenen Werke herausgegeben, es stehen Einladungen zu diversen Ausstellungen an. Auch Julja Schneider kann weder das Erreichte bemängeln noch die Gegenwart beklagen. Ihre Werkschau in Form eines großen Katalogs liegt im Ch. Schroer Verlag vor. Die großartige Erfahrung einer unlängst eingelösten Ausstellungs-Einladung nach Shanghai, die Schneider und Stephan teilen, bezeugt, dass beide verstärkt im Progress ihres Werks stehen.

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KUNST

Die Idee der beiden Kölner Künstlerinnen ist von wagemutiger Verrücktheit; das Konzept ist einzigartig, komplex und dennoch eingängig genial: ART visite produziert unmittelbare KunstErlebnisse im Kontext des Wissensmanagements der Human Resources-Programme von Firmen. Die Produktpalette umfasst Angebote, die einem direkten Zugriff auf Personalentwicklung unterliegen, aber auch solche, die firmeninternen Kulturevents zuspielen. Der Ablauf kann beispielsweise so aussehen: Stephan und Schneider gehen in die Firmen, zu den Menschen und ihren Arbeitsplätzen, bauen dort ihr Atelier auf und beobachten minutiös und dabei diskret. Sie skizzieren, fotografieren und notieren. Erst dann entsteht eine genuine Kunst, die direkt und unübertragbar mit den Produkten der Firma und ihrer Herstellung spielt. Dabei werden sowohl Produktionsabläufe als auch ihr Zustandekommen gespiegelt. Eine ARTvisite wird so zum verlängerten Arm des Ideenmanagements einer Personalführung zur Steigerung der Anreiz-Systeme ihrer Mitarbeiter. Theoretisch. Aber nicht ausschließlich, sondern nur manchmal. Und außerdem: Klingt das nicht ein wenig hässlich?

Mehr als Mitarbeitermotivation Es geht um die Unmittelbarkeit eines Erlebens von ästhetischer Erfahrung, die von mehreren Menschen geteilt wird, ohne einem direkten Nutzen unterstellt zu werden. Denn oft sieht ihr Konzept vor, dass die Mitarbeiter vor Ort an der Herstellung der Kunst beteiligt sind. Klassischerweise beschließt dann auch eine Ausstellung der entstandenen Werke eine ART visite, wodurch ein Aspekt des Unterfangens deutlich sinnhaft und Gemeinsamkeit in einen konkreten Zusammenhang gebracht wird: Seine Greifbarkeit als Gemeinschafts-Erlebnis. Als Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal betrachten beide die Übertragbarkeit ihrer künstlerischen Produkte in verschiedene intern operierende Personalfelder. Sprachaffine Personalentwicklungsmodelle wie „Storytelling“ können durch eine ARTvisite ausgeweitet werden zu objektiv überprüfbaren „Picturetellings“. Systemische Firmen-Beratungen können sie in Beratungsmodule als Auftragspartner einbinden. Firmen, deren Kultur-Events einer allgemeinen Entspannung zuträglich sein sollen, gehören ebenso zu ihrer Klientel wie Organisationen und Ge-


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TEXT /// ANDREAS RICHARTZ ILLUSTRATION /// JOVITA MAJESWSKI WEITERE INFOS /// WWW.ARTVISITE.DE WWW.SCHNEIDERSKUNST.DE WWW.IRIS-STEPHAN.COM

sellschaften, die einen außergewöhnlich erinnerungswürdigen Neben-Akt erleben wollen. Sie alle werden von ARTvisite in temporären Kooperationen bedient. Dabei ist den Tausendsassas Schneider und Stephan ihre Fähigkeit, Menschen unter allen Umständen empathisch und offen begegnen zu können, von großer Hilfe. Eine Herzensangelegenheit ist es ihnen sowieso. Es ist eigentlich also ganz einfach: ARTvisite glauben, was sie anbieten. So beschreibt es Julja Schneider auf den Flügeln ihres Selbstbewusstseins, voller Überzeugung.

erst mal drin und den Menschen nahe, ist alles gut Und dass es gut wird, liegt auch daran, dass sie klar kommunizieren, was sie vorschlagen und was sie freistellen. Eine ART visite darf niemals zu einer Zwangsveranstaltung für ihre Teilnehmer werden. Wenn sie einen derartigen Eindruck in den Vorgesprächen gewinnen, sagen Schneider und Stephan lieber das Engagement ab. Geld regiert vielleicht die Welt, ARTvisite entscheidet in ihrem Fall aber durchaus, wann das geschieht. Womit wir bei der Frage ihrer eigenen Unternehmens-Kultur gelandet sind. Denn unter dem Label „Human Resources“ lässt sich so manche ethische Sauerei gerne rosarot verpacken. Und was ist überhaupt mit folgendem Paradox: Geht Kunst nicht vor die Hunde, wo sie wem auch immer dienstbar gemacht und unter ein ökonomisches Diktat gestellt werden soll? Iris Stephan, akademische Künstlerin und Kulturpädagogin, Kuratorin und Öffentlichkeitsarbeiterin weiß eine klare Antwort: „Wenn Kunst einer positiven Veränderung arbeitsweltlicher Prozesse zuträglich ist, dann rechtfertigt das gerade ihren Einzug in Unternehmens-Kulturen, die Veränderungen wünschen.“ Und um das Thema der moralischen Auftrags-Grenze eines Engagements zu verabschieden, fügt Julja Schneider, die zuletzt als Projektleiterin bei den Kölner „KulturPaten“ tätig war, einer Vereinigung, die sich die Vermittlung von Know-how aus der Wirtschaft in Kölner Kultureinrichtungen zum Ziel gesetzt hat, hinzu: „Es geht um die Entfaltung der Individualität in einem Unternehmen und für ein Unternehmen. Um die Sichtung des Potentials des Einzelnen wie der Organisation, um das entfaltende Reframen der eigenen Eingeschränktheit schöpferischer Kraft.“


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SPORT

AUF in dIE Mensa Tagsüber eine riesige Auswahl an Nahrung, abends unzählige Angebote zum passenden Sport – der campussport köln boomt und überrascht stets mit seiner Bandbreite. Zum Beispiel Tangotanzen in der Mensa.

Es ist kurz vor sieben Uhr abends. Der riesige Raum ist erfüllt von Essensgerüchen. Man nimmt noch immer den Duft von Gemüsepaella mit Vollkornreis oder gebackenen Zucchinischeiben wahr, die hier vor wenigen Stunden verzehrt wurden. Tische werden gerückt. Bei genauem Hinsehen findet man einige kleine Überbleibsel von der Speisekarte auf dem Boden oder in den Ecken wieder. Nach wenigen Minuten entpuppt sich das Parkett der Unimensa als ideale Tanzfläche. Argentinische Musik erklingt und läutet den Beginn des Tangotanzkurses von campussport köln ein – einer Kooperation zwischen dem Universitätssport der Universität zu Köln und dem Allgemeinen Hochschulsport der Deutschen Sporthochschule Köln. Schwungvoll beginnen sich die Paare auf dem gesamten Parkett zu verteilen. Kathrin Rosner und André Langfeld sind seit 2010 die Trainer, die mit großem Engagement und Leidenschaft die Tangokurse des Universitätssports leiten und dem Tango in vieler Hinsicht verfallen sind. Beide kennen sich schon seit über 20 Jahren und haben sich damals – natürlich – beim Tangotanzen kennengelernt. Er, bereits mit Tanzerfahrung ausgestattet, sieht sie, noch Anfängerin, alleine auf der Tanzfläche. Von diesem Zeitpunkt bis heute ist die Liebe


SPORT

zwischen den beiden und die Liebe zum Tango ungebrochen. „Tango ist nicht, wie man es sich klischeehaft vorstellt, ein erotischer Tanz mit Rose im Mund und Schlitz im Kleid. Es ist vielmehr eine poetische Sinnlichkeit, die Kreativität, nonverbale Kommunikation, Vertrauen und Improvisationsgabe miteinander verbindet.“ So beschreibt André seinen Sport. Auf diese Weise werden die Melodien in schwungvolle Bewegungen umgesetzt. „Wobei man lernt, seinen Körper zu fühlen und zu beherrschen und mit seinem Partner oder der Partnerin eine gemeinsame Geschichte auf der Tanzfläche zu erzählen“, ergänzt Kathrin. Wichtig für Kathrin und André ist die Verbindung zum Ballett, das mit dem Tango eine fruchtbare Symbiose eingeht. Beeinflusst und geformt sind sie von Norma Raimondi – ihrer „Tango-Mama“, wie sie sie herzlich bezeichnen. Die russische Balletttrainerin Inna Aleksiev prägte die beiden ebenso. Ende der 1980er Jahre erlebte der Tango, neben Lambada und Mambo, seinen großen Boom. Dabei entwickelte sich Köln nach Berlin zur zweitgrößten Tangozone. „Tango kommt von der Straße und so sollte es auch bleiben“, sagt André vehement. „Man sollte die Bodenhaftung nicht verlieren und muss wissen, wo der Ursprung dieses Tanzes liegt, dass es ein Lebensgefühl ist und einen enormen Einfluss auf den Alltag hat.“ Bei Kathrin und André nimmt der Tango den Mittelpunkt ihres Lebens ein, was man allein auch daran sieht, dass beide fast jede freie Minute mit Tanzen und Trainieren verbringen. 2014 hatten sie ihre erste große Show, die in diesem Sommer oder Herbst im Wartesaal am Dom wiederholt werden soll. „El viaje del Tango“ heißt das tänzerische Spektakel.

„Tanzerfahrung“ ist eher behindernd Die meisten Menschen, die mit dem Tangotanzen beginnen, sind über 30. Dabei überwiegt der Frauenanteil. Interessanterweise nicht an der Universität zu Köln. Hier sind die Männer in der Mehrheit. Ob es an der Mensa und dem Essensgeruch liegt? Wie dem auch sei, außer bequemen Klamotten und Schuhen, die im besten Fall eine Ledersohle besitzen, braucht man nur noch Körpergefühl und etwas Sportlichkeit mitbringen.

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SPORT

Und wen selbst das bremsen würde: Hin und wieder wurden auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Flip-Flops auf der Tanzfläche gesichtet. „Irgendwie ist Tangotanzen heute verkopfter geworden“, bemerken beide. Was daran liegen mag, dass in der Regel Akademiker den Tanz bevorzugen. Vielleicht ist die Unimensa deshalb ein guter Nährboden für den Nachwuchs. Hier halten sich täglich unzählige Studierende auf. Und bereits seit Jahren finden sie hier, organisiert vom campussport köln, neben Tango Argentino auch Salsa, Bachata und weitere Gesellschaftstänze, die zum tänzerischen Ausgleich nach dem Essen einladen. Die neuen Tanzkurse starten wieder Anfang April und laden dazu ein, das Tanzerlebnis in der Mensa live mitzuerleben.

TEXT /// ADAM POLCZYK FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS & HOUTAN NOURIAN WEITERE INFOS /// WWW.CAMPUSSPORT-KOELN.DE


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TANZHUNGRIG DIE SCHWUNGVOLLE POESIE DES KÖRPERS IN UNGEWÖHNLICHEM AMBIENTE. STILVOLLE KURSE AUF DEM „TANZCAMPUS“ IN DER MENSA. DIE TANZKURSE VON CAMPUSSPORT KÖLN GARANTIEREN SPASS, QUALITÄT UND MACHEN HUNGER AUF MEHR.

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PORTRÄT

Filippa Gojo

TEXT /// ANDREAS RICHARTZ FOTOS /// MARIJA MAGDIC WEITERE INFOS /// WWW.FILIPPAGOJO.DE

Filippa Gojos Karriere fand vor kurzem ihren ersten Höhepunkt, just zum Ende ihres Studiums an der Kölner Musikhochschule in der Abschlussklasse des Saxophonisten Roger Hanschel: Mit einem umjubelten KonzertExamen im ArtTheater, der Verleihung des Horst und Grete Will-Stipendiums 2014 für Jazz/improvisierte Musik und der Einspielung ihrer Ende März erscheinenden ersten Solo-CD mit dem vieldeutigen Titel „Vertraum“. So viel zur Legendenbildung. Filippa Gojo ist ein Vorarlberger Sonnenkind. Das wird recht schnell klar, als ich mich mit ihr zum Interview in der Kölner Südstadt im meistergerhard treffe. Sie wirkt vom ersten

Moment an wie eine, die behütet, geliebt und gefördert wurde. Dies belegen auch ihre Auftritte, bei denen auf der Bühne der ganze Glanz zu spüren ist, den sie mit großer Selbstverständlichkeit und Präsenz abstrahlt. Geboren wird Gojo 1988 in Bregenz in Österreich. Zu ihrer Heimat hat sie ein nach wie vor inniges Verhältnis. Davon zeugen diejenigen Titel ihrer neuen CD, die sie in ihrem Heimat-Dialekt eingesungen hat. Ab ihrem vierten Lebensjahr nimmt sie Musikunterricht an der heimischen Musikschule. Erst Kinderchor, mit sieben dann Klavier, und bereits mit zehn Jazz- und klassischer Gesang. Mit 13 beginnt sie mit Profi-Jazzern im Bodensee-Raum aufzutreten.


PORTRÄT

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Was die 26 jährige Jazz-Sängerin Filippa Gojo werden wollte, war ihr mit ungefähr fünf schon klar: Putzfrau oder Opernsängerin. Putzfrau, weil man dann den ganzen Tag singend putzen und dabei Musik hören kann und Opernsängerin, weil man dann eh den ganzen Tag singen darf. Quartett „phasevier“ oder den „Improvisationen über den kleinen Prinzen“ mit Jens Düppe. Die Bandbreite der musikalischen Sprachen ist genauso beachtlich, wie es ihre Stimme ist. Ob Bossa, American Songbook oder schwindelerregende Improvisationen: Gojo ist allen stilistischen Spielarten gegenüber aufgeschlossen. Wenn Pop wirklich gut gemacht ist, kennt sie keine Einwände.

Mit 15 entdeckt sie die große portugiesische Jazz-Sängerin Maria João für sich. Von da an ist Gojo elektrisiert, inspiriert und hoch motiviert. In ihrem Elternhaus war sie zwar bereits mit einigen Protagonisten der Crème der Sangeskunst (und der singenden Putzfrau ihrer Eltern) in Berührung gekommen – genannt seien Ella, Dinah Washington, Sinatra. Aber was Maria João da mit ihrer Stimme machte, war anders. Nach der Matura mit 17 dann ist ihr klar, dass vor einer Ausbildung noch ein Tapetenwechsel passieren muss. Alleine reisen! Sie entscheidet sich für Portugal.

Ein wahrer „Vertraum“

Etwas Handfestes „Ich wollte vor meinem Musik-Studium noch mal was Handfestes machen, etwas, das mich mit ganz normaler Arbeit konfrontieren sollte.“ Sie geht nach Coimbra, der ältesten Universitätsstadt Europas. Ein halbes Jahr bleibt sie schließlich in Portugal, arbeitet lange in einem Waisenhaus, reist durchs Land, bis sie jenen Moment erlebt, den sie gern während ihrer Life-Shows erzählt: Eines Tages sitzt sie im Norden Portugals an einem rauschenden Bach. Der lädt sie zum Sinnieren ein und ein intensives Gefühl überkommt sie, das sie mit dem fließenden Wasser in Verbindung treten lässt. Leicht, klar und frei. So wie sie selbst sich in diesem Moment ihres Lebens fühlt. Filippa Gojo hat daraus das Stück „My Water“ gemacht, das sich auf der CD „Vertraum“ ebenso findet, wie solche, von denen manche Teile als Reminiszenz an die offenen und voluminösen Klangspiralen Maria Joãos zu deuten sind. Die Affinität zu Portugal und seiner Sprache hat sie bewahrt: Die Leichtigkeit der brasilianischen Musik steht ihr dabei näher als das schwere Pathos des Fado. Obwohl sie eine noch sehr junge Musikerin ist, hat sie bereits fünf Preise und Stipendien gewonnen. Den ersten davon schon mit 15 Jahren. Nachdem sie 200 Mitbewerber hinter sich gelassen hat, steht sie mit ihrer Hausband, dem „Filippa Gojo Quartett“ im Finale zum

„Neuen deutschen Jazzpreis 2015“. Wer sich ihr enormes, nicht ausschließlich stimmliches Potential vergegenwärtigt, kann nicht umhin, ihren weiteren Aufstieg in die obere Liga der europäischen Jazzszene regelrecht erwarten zu wollen. Filippa Gojos Sache sind derartige Prognosen allerdings nicht. Bodenständig und erstaunlich kühl spricht sie über die Lust, auch musikpädagogisch wirksam zu sein: „Wenn ich unterrichte, kann ich mich endlich mal mit anderen befassen. Sich immer nur mit sich selbst zu beschäftigen, ist langweilig. Und beim Lehren lernt man viel über sich selbst.“ Unprätentiös und reflektiert klingt das.

Beachtliche Bandbreite Beschäftigt war und ist Filippa Gojo ständig. Mit diversen Projekten und Bands wie dem „Thoneline-Orchestra“ der Saxophonistin, Komponistin und Dirigentin Caroline Thon, der Band „The WiLLit Blend“, dem Damen-

Ob ihr bei manchen Stücken von „Vertraum“ die Performance-Improvisationen Meredith Monks im Sinn lagen? Sie kann dies nicht bestätigen, wiewohl sie Monk kennt und mein Interesse für die disharmonischen VokalArchitekturen ihrer CD zum Anlass nimmt, eine klare Ansage zu formulieren: „Es kann nicht nur um Wohlklang gehen. Das ist im Leben nicht so und betrifft einfach alles. Kontraste würzen doch erst die Suppe. Und Hässlichkeit ist ein Bestandteil dieser Suppe. Ich will doch nicht nur meine kosmetische Seite, die Schminke, zeigen. So steh ich doch morgens auch nicht auf.“ Zuletzt fordere ich sie auf, laut zu spinnen: Mit wem würde sie gerne arbeiten? Sie zögert. Ich werfe ihr Namen hin. Wer würde etwa nicht gern mit Bobby McFerrin auf der Bühne stehen? Oder darf’s ein Duett mit Sidsel Endresen, eine ihrer Heldinnen, sein? Al Jarreau? Fillipa lacht. Nein, sagt sie wenig eitel: „Ich hab mal 2013 und 14 mit der WDR-BigBand unter Steffen Schorn gearbeitet. Wenn ich eines Tages noch mal mit einer richtig großen Big Band singen und live auftreten, vielleicht sogar eine CD einspielen dürfte, das wäre ein Traum.“ Ich wette, Filipa Gojo wird sich eines nicht sehr fernen Tages diesen und viele weitere musikalische Träume erfüllen.


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KĂ–LN SZENE

Das Starter-


KÖLN SZENE

Schnell und beste Qualität: „mealmates“ liefert in fünf Minuten wirklich gesundes Essen. Das ist mehr als Lieferservice. Es ist ein neuer Ansatz für besserE Ernährung in unserer Arbeitswelt.

TEXT /// ROBERT FILGNER FOTOS /// ALESSANDRO DE MATTEIS & HOUTAN NOURIAN WEITERE INFOS /// WWW.MEALMATES.DE @FACEBOOK: MEALMATES

„mealmates“ möchte ab diesem Frühjahr nicht weniger als eine Revolution in der Mittagspause – zumindest vorerst. Denn ein Abendangebot soll schnell folgen. Das Kölner Start-up hat ein neues Lieferkonzept erarbeitet, um gute Ernährung für die hektische Dienstleistungsgesellschaft anzubieten. Dahinter stehen viel Qualität und gut organisierte Arbeit – nicht nur für das künftige Unternehmen, sondern bereits weit im Vorfeld während der Schritte in die Selbstständigkeit. Pascal Ecker, Shahin Golabi und Nils Kornder heißen die drei Jungs hinter dem Start-up. Die Betriebswirte arbeiten seit September vergangenen Jahres intensiv an ihrem Geschäftsmodell. Über die neue Qualität und schnelle Lieferung ihres Essensangebots wollen sie eine gesündere Schnell-Essen-Kultur etablieren – und ebenso für bessere Ernährung sensibilisieren. Ihre Wirkungsstätte ist der STARTPLATZ im Mediapark, eine Institution, die u. a. eine Rundumbetreuung für Gründer anbietet. Hier genießen sie spürbar das geschäftige Treiben, den intensiven Austausch und die kreative Atmosphäre. „Wir durften das STARTPLATZ-Stipendium nutzen und hatten somit direkt die richtige Infrastruktur“, sagt Nils. Damit meint er neben der tatsächlichen Infrastruktur vor Ort die kompetenten Ansprechpartner vom STARTPLATZ-Team und aus dem riesigen Netzwerk anderer Start-up Gründer. „Durch die angebotenen Workshops lernt man viel dazu und kann sich vor allem direkte Kontakte verschaffen.“ Dabei helfen selbst die Geschäftsführer Dr. Lorenz Gräf und Matthias Gräf, die sich sehr häufig über die jüngsten Aktivi-

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täten in ihrem Gründerzentrum informieren und mit Rat zur Seite stehen. Die Vorteile der kurzen Wege liegen bei dem Format der drei Jungs auf der Hand: „Als Online-Start-up profitieren wir von den Experten um uns herum. Datenschutzrechte, Programmierung, Software und selbst versicherungstechnische Hinweise für Selbstständige – erste Tipps erhielten wir stets aus unserem Umfeld hier“, beschreibt es Pascal. Auch in Zukunft werden sie Partner in ihrer Umgebung suchen, denn der Netzwerkgedanke wird nicht nur durch den STARTPLATZ gepflegt. Während der künftigen Professionalisierung liegt der Fokus auf der Kölner Kreativenwelt – sei es im Hinblick auf Gestaltung, Text, Bildmaterial oder andere Kooperationen. Doch aktuell wichtiger für die nun gestartete Erprobungsphase von „mealmates“ ist ihre bisherige Arbeit und die Tatsache, dass sie sich bereits einen richtigen Arbeitsplatz geschaffen haben. „Das heißt, wir hatten die Zeit, um unser Geschäft auf die Beine zu stellen. Denn das ist ein Fulltime-Job.“ Shahin zählt auf: „Nach der Idee kommen die Informationen, die es für das Konzept braucht. Hinzu kommen Marketing, notwendige Ausstattung und vieles mehr: Termine für entsprechende Genehmigungsbehörden, richtige Partner finden und natürlich auch die passgenaue Umsetzung.“ Im Falle von „mealmates“ geht das von Lebensmittelkontrolleuren über die eingesetzte IT-Software bis hin zu verschiedenen Partnern, die einzelne Komponenten der operativen Ausrüstung bereitstellen. „Und natürlich das Durchrechnen“, ergänzt Pascal. Denn auch „mealmates“ stehen ja erst am Anfang und starten „nur“ mit Eigenkapital. Lean-Start-Up heißt dieses Konzept, erklären sie als studierte BWLer. So professionell wie möglich, aber auch so schlank wie möglich. Das reduziert im Endeffekt das Risiko, sich finanziell und ideell zu übernehmen – bremst also sozusagen einen gewissen Höhenflug zu Beginn der Umsetzung, der ohne schnelles Feedback vom Kunden nicht selten im raschen Absturz endet. Das wird den drei Freunden so schnell nicht passieren. Denn neben dem Potential hinter der Idee, beweisen sie vor allem, dass die „mates“ im Namen auch Kumpel als Gründer bleiben.


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THEATER

DIE ARMEN!

ABER BITTE NICHT HIER. Zuschauer finden Lösungen für aktuelle Probleme – ein interaktives Theaterstück des forumtheaters inszene TEXT /// ANNA STROH FOTOS /// STEFANIE LIESKE

Eine etwas andere Form des Theaters Friedericke Wilkens von Hein ist mit ihrem Projekt forumtheater inszene seit zehn Jahren an Schulen, bei Tagungen sowie Fortbildungen unterwegs und begeistert damit das Publikum. Im Mittelpunkt der Stücke stehen immer ein gesellschaftliches Thema sowie der Zuschauer selbst. Er bestimmt, was mit der Figur auf der Bühne geschehen soll und wird selbst ein Teil davon. Ihr aktuelles Stück „Die Armen! Aber bitte nicht hier“ setzt sich mit dem Thema unserer Willkommenskultur auseinander. Drei Schauspieler schlüpfen dabei in verschiedene Rollen, führen dem Zuschauer vor, wie Menschen in bestimmten Situationen reagieren und wo es Kommunikationsschwierigkeiten und Probleme in der Gesellschaft gibt.

Die Handlung Ein Asylantenheim soll errichtet werden. Die Nachbarn sind besorgt, denn eigentlich haben sie nichts gegen Ausländer. Doch muss es wirklich in „unserer“ Gegend sein? Der Rentner Herr Küpper und Mutter Frau von Rosenberg haben gute Argumente, die gegen ein Heim in ihrer Straße sprechen. So können sie das Engagement von Nachbarin Frau Edelhagen ganz und gar nicht nachvollzie-


THEATER

hen. Die Flüchtlingsfamilie Baaz hat hingegen ganz andere Sorgen. Besuche beim Sozialamt und beim Arzt enden in Verzweiflung und Chaos. Das Stück wird einmal komplett durchgespielt und endet mit der Frage: „Was können wir tun?“

Löse das Problem Jetzt ist der Zuschauer gefragt. Er hat die Aufgabe, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Einzelne Szenen werden erneut gespielt und von der Moderatorin Wilckens - von Hein gestoppt. Sie richtet sich an die Beobachter. Was läuft hier falsch? Was können wir besser machen? Die Zuschauer greifen ein. Sie übernehmen die Führung. Sie bestimmen, was die einzelnen Schauspieler zu tun haben oder spielen sogar selber mit. Menschen und ihre Meinungen sowie ihre ganz eigene Sicht zu bestimmten Themen sind immer unterschiedlich. So weiß man nie, in welche Richtung sich eine Szene entwickelt, wenn ein anderer Zuschauer seinen Lösungsvorschlag präsentiert. Aber ist er wirklich in der Lage, den Konflikt zwischen den Nachbarn zu lösen? Die Angst vor den Flüchtlingen zu nehmen? Oder jemandem, der nur gebrochenes Englisch spricht und versteht, die Definition eines Krankenscheins zu erklären?

Das gilt es, selbst herauszufinden – und dabei an eigene Grenzen zu stoßen. Übrigens: Der bildungspolitische Aspekt wird auch bei diesem Stück nicht vergessen. Das topaktuelle Flüchtlingsthema kann für Tagungen, Fortbildungen, Gemeindefeste, schulische Einrichtungen und dialogfördernde Veranstaltungen gebucht werden.

MEHR INFOS /// WWW.FORUMTHEATER-INSZENE.DE

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ZEITGENUSS


ZEITGENUSS

Bilder, Videos und Musik scheinen heute allgegenwärtig. Online werden sie ständig rekontextuiert, reinterpretiert und neu zusammengewürfelt. doch gibt es ein Recht auf Remix? Grüße von der GEMA Nahezu jeder wird folgendes Phänomen kennen: Man stolpert beim Surfen über ein Youtube-Video. Vorschaubild, Beschreibung und

Titel wecken die eigene Neugier, doch folgt man dem Link, kommt die Enttäuschung. Anstatt des erhofften Inhalts bekommt man nur den freundlichen Hinweis seitens der GEMA, dass dieses Video aus urheberrechtlichen Gründen in der eigenen Region nicht verfügbar ist. Falls man sich das Video dennoch anschaut – wie man Ländersperren umgeht, dürfte dem geübten User kein Rätsel mehr sein und wird an dieser Stelle nicht

weiter ausgeführt – stellt man fest, dass ein Musikschnipsel von 20 Sekunden der GEMA oder besser ihrem Algorithmus, schon reicht, Remix in der Gegenwart um ein Video zum Urheberrechtsbruch zu Genau solchen Fragen nimmt sich das Proerklären. Natürlich haben Medienschaffende jekt der Digitalen Gesellschaft „Recht auf absolut das Recht für die Verwendung ihrer Remix“ an. Auf der Webseite des Projektes Werke entlohnt zu werden. Allerdings stellt findet man umfangreiche Informationen zu sich die Frage, wie man denn zum Beispiel kulturhistorischen, rechtlichen und mediaeine Youtube-Parodie eines Wes Anderson- len Aspekten des Phänomens ‚Remix‘. Hier oder Tarantinofilms machen soll, ohne den steht auch ein Manifest, das zu einer ÜberSoundtrack zu zitieren. Und ob es den Rech- arbeitung des Urheberrechts aufruft. Ein sote-Inhaber von Bob Dylan, The Kinks, Ennio genanntes Online-Museum ist auf der Seite Morricone und Co. wirklich schadet, wenn ebenfalls hinterlegt. Darin kann man eine 20-Sekünder ihrer Werke in Youtube-Videos Auswahl von Remixen betrachten – themaVerwendung finden. Ist nicht eventuell das tisch sortiert. Die präsentierten Arbeiten Gegenteil der Fall, sodass diese Verwendung umspannen einen Entstehungszeitraum von das jeweilige künstlerische Werk noch viel 1587 bis heute, von Faust-Motiven bis zur weiter im popkulturellen Kollektivgedächt- „Meme-Kultur“, vom Künstler René Magritnis zementieren kann? te bis zu Internetphänomenen wie Grumpy

Cat. Von grafischen, textlichen, audio und Wer hat‘s gemacht? Hinzu kommt die Frage: Inwieweit entsteht audiovisuellen Arbeiten ist alles vertreten. durch Neuinterpretation, Rekonstruktion Ein besonders amüsantes Exponat ist beiund Rekombination vorhandener Kunst- spielsweise Hitlers Lambeth Walk, ein Remix werke ein eigenständiges, neues Kunstwerk? von Szenen aus dem NS-Propagandafilm TriBestes Beispiel: Kollagen. Ist hier allein der umph des Willens und einem in den 1940er Künstler, der die bereits vorhandenen Fotos, Jahren in England populären Swingstücks. Zeichnungen oder Malerei neu anordnet, Das Ergebnis ist ein Hitler, der John Cleese als Urheber zu betrachten? Inwiefern haben in Ministry of Silly Walks alle Ehre macht. die Schöpfer der ursprünglichen Werke An- Jedem, der sich mehr mit der Geschichte von spruch auf das neuentstandene Werk? Oder Remixkultur und Fragen des Urheberrechts Samples: Ist ein Schnipsel von einem Musik- in Zeiten von copy&paste auseinandersetzen stück, der nur aus einer winzigen Tonfolge möchte, sei ein Besuch der Seite empfohlen. besteht, schützenswert? Selbst wenn er bis zur Unkenntlichkeit geloopt und gepitcht wurde? WEITERE INFOS /// WWW.RECHTAUFREMIX.ORG

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KÖLNER ORTE

Jugendstolz und Praxisvorurteile

Das Junge Internat der Künste der Welt vom 25. Februar bis 1. März hat neue Perspektiven geschaffen – auf Bildungsthemen und unsere Gesellschaft. Als Projekt der Jungen Akademie der Akademie der Künste der Welt schlagen die Verantwortlichen eine neue Brücke zwischen Kunst, Gesellschaft und politischem Ausdruck. Das soll als Profil in diesem Jahr generell noch deutlicher werden.


KÖLNER ORTE

Unterschiede zwischen „Theorie und Praxis“, die teilweise Dis- transdisziplinäre sowie kollektive Arbeitsweise zur Seite. Dieser krepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Schwierigkei- Vorgang wurde im Jungen Internat der Künste der Welt Ende ten beim Übergang zwischen Ausbildung und Beruf – das sind Februar für jeden Besucher im Quartier am Hafen sichtbar. Als aktuelle gesellschaftspolitische Themen, verstärkt durch Krisen „künstlerisch-pädagogisches Sozialexperiment“ gingen die „Junund unsichere Perspektiven einer jungen Generation. Und der gen Akademiker“ der Frage nach, in welcher Welt wir leben und Stellenwert dieser Herausforderungen steigt in unserer Wis- in welcher wir eigentlich leben wollen. Diese Projektwoche wursensgesellschaft rasant – sowohl mit politischem Blick als auch de als „Tage der offenen Türen“ konzipiert, in denen die jungen generell in der Öffentlichkeit. Jeder Student, jeder Azubi, jeder Künstler sich auch als Kollektiv weiterentwickeln sollten. WorkMensch in Weiterbildung kann nachempfinden, was das heißt. shops und kulturelle Veranstaltungen gaben den 18- bis 27-jähOder es kommt noch auf ihn zu. Wie bestehe ich wirklich in rigen meist Kölner Künstlern die notwendige Struktur, um eine der Arbeitswelt? Wie kann ich mein Gelerntes tatsächlich an- konstruktive Arbeit zu gewährleisten. Denn eins ist der Jungen wenden? Und wofür tue ich das Ganze überhaupt? Das sind nur Akademie wichtig. „Interkulturelle Bildung – ein Thema, das einige Fragen, die es dabei zu klären gilt. Aber was hat das nun überall an Bedeutung gewinnt – hat im Rahmen des Formats der mit dieser kölnischen Institution „Junge Akademie“ der Aka- Akademie der Künste der Welt hier in Köln natürlich einen ganz demie der Künste der Welt zu tun? Die direkte Antwort: Mehr besonderen Stellenwert“, sagt Kommunikationsleiterin Melanie Räuschel. Der Austausch zwischen international Renommierten als man glaubt. und den Nachwuchskünstlern kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Dieser schärft das politische und kritische Verständnis Zum selbstbestimmten Schaffen Denn vom Portfoliodenken junger Kunst- oder Kulturstudie- der Jüngeren – leistet also einen Beitrag für die persönliche kulrenden zu einem selbstsicheren und selbstbestimmten Schaffen turelle Bildung. ist es kein einfacher Weg. Junge zeitgenössische Künstler, die durch ihren eigenen Blick Missstände in Politik und Gesell- Organisation für Nachwuchskünstler schaft thematisieren, die provozieren und dadurch auch die „Hinzu kommen aber eben auch weitere Schlüsselkompetenzen“, Öffentlichkeit sensibilisieren können, sind letztlich auch nur ergänzt Georg Blokus. „Wir sind als Junge Akademie auch daMenschen auf ihrem Weg in den Beruf. Und genau diesem The- für da, organisatorische Fragen zu klären. Wie entwickele ich ma nimmt sich die Junge Akademie an. Es ist Nachwuchsarbeit, ein künstlerisches Konzept, wie organisiere ich eine Produktidie die Verantwortlichen hier leisten. Unter der künstlerisch- on, um einige zu benennen.“ Man kann dem 27-Jährigen einen pädagogischen Leitung von Georg Blokus formiert sich die 2012 gewissen Lehrer-Charme bei diesen Aussagen nicht absprechen gegründete Institution, die aktuell 22 Mitglieder zählt, auch in – und das nicht im negativen Sinne. Die Junge Akademie hat ein diesem Jahr weiter. Georg Blokus weiß, dass im vergangenen eigenes Profil und ab Mai mit den neuen Veranstaltungs- und Jahr vor allem die Veranstaltungen der Künstler das Profil der Ausstellungsräumen der Akademie auch einen Ort für ihre ArInstitution bildeten. „Unsere Events waren gut besucht und das beitsprozesse und Projekte. Hier möchten die Mitglieder eine war schön“, sagt der Diplom-Psychologe, der in Köln auch als Lücke im Kulturbereich schließen: das Thema „Lernen“ im Theaterdozent vor allem an der Studiobühne wirkt. „Aber die Übergang von Theorie zu Praxis. Daher passt auch der „künstJunge Akademie ist viel mehr. Wir sind Mittler zwischen pro- lerisch-pädagogische“ Ansatz, der 2015 den Fokus noch stärker fessioneller Produktion und Ausbildung, leisten einen Beitrag auf die Produktionsarbeit für die jungen Künstler legt. Das ist zur kulturellen und politischen Bildung.“ für diese nur ein Gewinn – und ohne Frage auch für die kulturelle Landschaft der Stadt.

Sozialer Experimentierraum

Daher schafft die Junge Akademie auch gerade ein neues künstlerisches Bildungsprogramm. Den Inhalten und der Theorie aus Schulen wie der KHM (Kunsthochschule für Medien) stellt der „Experimentierraum“ politische Kunstpraxis und eine

TEXT /// ROBERT FILGNER FOTOS /// JUNGE AKADEMIE WEITERE INFOS /// WWW.ACADEMYCOLOGNE.ORG

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#14 frühling 2015  

null22eins. Kölner Kulturen Magazin https://www.facebook.com/null22eins

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