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#16 kรถlner kulturen magazin | www.null22eins-magazin.de

freiexemplar | ehrenamtlich | wert 3 euro


editorial Treffen sich ein Italiener, eine Türkin und ein Ostdeutscher. Kein Witz! Sagt der Italiener: „Lass mal n Magazin machen …“. Die Türkin daraufhin: „Ja, aber schon was mit Kultur.“ Der andere: „Na wenn es denn so sein soll …“. Ein Italiener, eine Türkin und ein Thüringer holten sich Beistand: einen Bergheimer, eine Sauerländerin und viele mehr. Wenig später kamen eine Peruanerin, ein Pole, eine Kölnerin, eine Gladbacherin und sogar Berliner, Dresdner, Franzosen, Schweizer, Spanier, Portugiesen, weitere Polen und Italiener und so weiter und so fort hinzu. Trafen sich drei Kölner, einer, der in Mühlheim wohnte, eine in der Nähe der Ringe und einer aus Deutz. Und sie machten einfach mal ein Magazin. Und siehe da: Viele weitere Kölner fanden das Projekt gut. Und beteiligten sich – ohne „Migrations-Fördertopf“, ohne „Integrations-Preis“ – ganz einfach als Projekt in der Freizeit, das Spaß macht. Gemeinsam ist ihnen allen nur eins: Ihr Aufeinandertreffen in Köln – unabhängig von Heimaten ihrer Eltern. Das ist Köln. Und natürlich brauchen wir in diesem Zusammenhang auch kein *, denn unter unserer Definition „Kölner“ gehören Kölnerinnen so selbstverständlich dazu wie alle anderen „GenderFormulierungen“, wie türkischer, wie polnischer, italienischer, arabischer und sonst was Herkunft. Sorry. Es gibt mindestens eine Generation, die Multikulti einfach lebt – ohne Wenn und Aber. Und die ein tiefes Verständnis hat, sich vor dem Fremden nicht fürchten zu müssen. Warum auch. In der KVB ist auch jeder Nachbar auf den ersten Blick ein Fremder, aber morgen vielleicht schon dein „Herzblatt“, das du am Abend genauer kennengelernt hast und magst. null22eins #16 wärmt euch in Richtung Winter 2016/17 und stellt sich gegen dunklere Stimmungen und verfinsterte Gemüter.


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INHALT

Inhalt 06

FILM ///

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KÖLN-SZENE ///

Haben oder Sein mit jungem Blick Unsichtbare Helden

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THEATER ///

Angst essen Seele auf

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TANZTHEATER ///

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PROSA ///

Mensch gegen Behörde

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FOTOSTRECKE ///

Der Ehrenfeldstudio-Verein und neuer Schwung Im Angesicht der Scheinwelt

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ZWISCHENRAUM ///

Die Maus im Hamsterrad

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WERKSCHAU ///

40 Jahre Künstler

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MUSIK ///

Der Klub der 40

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MUSIK ///

Pappen im Nebel / Puente / Illabeatz


INHALT/IMPRESSUM

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Impressum 34

HERAUSGEBER

artishocke e. V. Mauenheimer 150 • 50733 Köln redaktion@null22eins-magazin.de

V.I.S.D.P

Robert Filgner robert@null22eins-magazin.de

REDAKTION U. REDAKTIONELLE MITARBEIT

Miriam Barzynski, Dakini Böhmer, Robert Filgner, Christina Löw, Stefanie Pörschke, Andreas Richartz, Christine Willen

LAYOUT

Stefanie Grawe, Alicja Kmita, Kirsten Piepenbring, Rosa Richartz, Julia Ziolkowski

FOTOS

Matthias Burchardt, Lea-Marie Lepper, Bettina Malik, Werner Meyer, Viola Sophie, Judith Uhlig, Christof Wolff

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ILLUSTRATIONEN

Alicja Kmita, Anja Noack, Kirsten Piepenbring

KÖLNER ORTE ///

TITELSEITE

Matthias Burchardt

RÜCKSEITE

Viola Sophie

EDITORIAL

Kirsten Piepenbring

Straßenprotest

DRUCK

D+L Printpartner GmbH, Bocholt www.dul-print.de

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ANZEIGEN

redaktion@null22eins-magazin.de

INTERNET

null22eins-magazin.de facebook.com/null22eins issuu.com/null22eins-magazin

BANK

artishocke e. V.

PORTRAIT ///

Schreiben eröff net neue Möglichkeiten

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WISSENSCHAFT ///

Schauerliteratur

GESCHICHTE ///

Syrische Wohnungssuche

49 GLOSSE ///

Wir- und Die-Da-Sager

Deutsche Skatbank Konto-Nr.: 4680715 • BLZ: 830 654 10 Urheberrechte für Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie der gesamten Gestaltung bleiben beim Herausgeber oder den Autoren. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit schrift licher Genehmigung des Herausgebers! Alle Veranstaltungsdaten sind ohne Gewähr.


06

FILM

FLEISS & SCHLAFLOSIGKEIT TEXT /// CHRISTINE WILLEN ILLUSTRATIONEN /// KIRSTEN PIEPENBRING

peter, 58

diddi, 47

sergio, 37


FILM

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Dokumentarfilm

DER OBDACHLOSEN willi, 57

erwin, 69

matze, 33 Auch in Köln leben Menschen, die durchs soziale Raster fallen und deshalb gezwungenermaßen auf der Straße leben. Passanten machen allzu gern einen großen Bogen um sie, sei es aus Angst oder Ekel. Denn viele glauben, diese Menschen bereits zu kennen und haben dabei negative Attribute im Kopf: faul, drogensüchtig, asozial, kriminell und psychisch krank, sind Behauptungen, die schnell aufgestellt werden.

Was ist dir wichtig? Johanna Sunder-Plassmann und Tama TobiasMacht haben sich trotz und gerade wegen dieser gesellschaftlichen Vorurteile mit vier Schicksalen aus Köln intensiv auseinandergesetzt. Die beiden Absolventinnen der KHM (Kunsthochschule für Medien) haben sich zusammengetan, um herauszufinden, welche persönlichen Geschichten dahinter stecken und welche Dinge für Menschen, die auf der Straße leben, besonders wertvoll und wichtig sind. Sie recherchierten etwa zwei Jahre, um einen Dokumentarfilm zu realisieren. Über die Anlaufstellen für Obdachlose kam es zu den entsprechenden Kontakten. Was sie fanden, war sehr bewegend: „Obdachlose müssen jeden Tag sehr viel unter-

wegs sein, um zum Beispiel eine Mahlzeit zu bekommen. Sie leiden außerdem unter chronischem Schlafdefizit. Obdachlose kommen praktisch nie in den Tiefschlaf, weil es kalt ist oder die Angst vor Überfällen sie davon abhält“, sagt Johanna. „Es stecken oft sehr sensible Menschen hinter den Fassaden, die für viele warmherzige Begegnungen beim Dreh gesorgt haben.“ Die Dreharbeiten dauerten von Februar bis Juni 2016. Dabei nutzten sie ihre Erkenntnisse, um die Persönlichkeit und persönlichen Objekte der Obdachlosen im Einklang zu inszenieren. Dabei fangen sie die Schicksale und Gegenstände derart intensiv mit ihrer Kamera ein, dass es didaktisch museal wirkt: „Wir wollen Obdachlose in einem anderen Licht darstellen. Museen sind gesellschaftlich wichtig. Wir finden aber auch, dass die Geschichten und Dinge der Obdachlosen mindestens genauso wertvoll sind. Wir hof-

fen damit, den starren Blick der Gesellschaft auf das Thema Obdachlosigkeit zu verändern“, sagt Johanna. Die Film und Medien Stiftung NRW fördert dieses Projekt unter dem Titel „Unsichtbare Helden“. Das Projekt-Team ist gerade dabei, das gewonnene Filmmaterial zu sichten und zu schneiden. Bis zum Frühjahr 2017 soll der 90-minütige Dokumentarfilm fertig sein. „Wenn wir Glück haben, haben wir Premiere auf einem Film-Festival. Danach würde der Beitrag im Kino laufen. Im Fernsehen wird die Doku in jedem Fall auf arte gezeigt“, versichert Johanna. Ein spannendes Projekt und ein interessanter detailreicher Blick auf ein Thema, das uns an vielen Orten umgibt und nicht gesehen oder ernstgenommen wird. Und ein Film, der vielleicht auch die eigene Welt und unsere eigenen Dinge auf einer anderen Ebene berühren kann. Wir werden es sehen. WEITERE INFOS /// WWW.JOHANNASUNDERPLASSMANN.DE WWW. TAMATOBIASMACHT.COM PRODUKTION /// UNAFILM GMBH KÖLN


German Ă„ngst


THEATER

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Angst essen Seele auf – Angst essen Angst auf. Das analogtheater geht einem omnipräsenten thema nach: Unserer Angst oder der anderer.

Eine wabernde Blase, schwarze Flicken auf einer weißen Plastikhaut, ein rotes Leuchten aus dem Inneren. Die Blase tanzt, lockt Zuschauer an, öffnet sich und ihr entsteigt ein Wesen – rot-orange stapeln sich die Wülste übereinander, ein raupenartiger Körper, aber aufrecht auf zwei Beinen gehend und mit Armen, die aus dieser Schale, dem Kokon, ausgefahren werden können. Hörner zieren den Kopf ohne Augen oder Mund. Ist das etwas wovor wir Angst haben? Ist es die versinnbildlichte Angst selbst? Ist es ein Ergebnis oder Lösungsvorschlag, wie wir sie überwinden können? Zum Beispiel indem wir sie aufessen?

Einladung zum kritischen Denken

viel mit Herauszögern zu tun, mit Zaudern und Verzagen.

Gesellschaftsthemen im Fokus Schon lange, bevor „German Ängst“ entstanden ist, hat sich Daniel Schüßler mit dem Thema Angst beschäftigt. Damals, bei den anfänglichen Überlegungen zu der Reihe „The Future is Now“, ging es ihm generell um Grenzen. Um Grenzen zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch und Tier und um die Grenzen, die Menschen sich selbst und anderen setzen. Dass Grenzen, ob physischer oder psychischer Natur, zur Aufführung von „German Ängst“ ein Thema sein würden, war schon abzusehen. Dass Angst als solcher eine derart große gesellschaftliche Bedeutung zukommen würde, wusste Daniel Schüßler zu dieser Zeit noch nicht – und hätte es sich gerne anders gewünscht. Aber gerade deshalb ist das Stück umso relevanter. Nicht, weil es Antworten hätte, um auf einen Schlag alle Probleme zu lösen. Dafür ist das Ensemble selbst zu reflektiert. Stattdessen möchte es zum Nachdenken anregen und dazu ermutigen, sich kritisch mit den Geschehnissen in der Welt auseinanderzusetzen – und sich eine fundierte, eigene Meinung zu bilden. Damit sich alle ehrlich nicht nur mit der Frage beschäftigen, in was für einer Gesellschaft wir leben, sondern vor allem auch zu überlegen, in was für einer Gesellschaft wir leben möchten und was wir dafür tun können.

Das Analogtheater arbeitet bei seinem Stück „German Ängst“ assoziativ, ein klassisches Narrativ fehlt augenscheinlich. Auch auf Sprache wird weitestgehend verzichtet, sie ist nur rudimentär vorhanden, wird stark formalisiert eingesetzt. Eine bewusste Entscheidung, erzählt Regisseur Daniel Schüßler, um die Sprachlosigkeit zu betonen, die Angst oft umgibt. Ein Gefühl der Hilflosigkeit, das sich in Handlungsunfähigkeit ausdrückt und in Sprachlosigkeit äußert – zumindest bei denen, die bestehende Ängste nicht weiter schüren wollen. Diejenigen, die Angst funktionalisieren, sind oft ganz laut und übertönen alles andere. Es ist Effekthascherei, durch die sich die lauten Stimmen der Rechtspopulisten auszeichnen, die meinen, ganz viel reden zu müssen, und dabei eigentlich gar nichts aussagen. Ebendas spiegelt sich auch in „German Ängst“ auf „German Ängst“ ist als Ensemble-Stück entstanden, unter der inhaltder Bühne wider: In einem Gewitter aus Geräuschen und Musik, aus lichen Mitwirkung aller an der Inszenierung Beteiligten, ob auf oder Lichteffekten und Kunstschnee wird die leise Stimme, die sich kri- hinter der Bühne. Die Koproduktion des Analogtheaters mit der Stutisch äußert, einfach überblendet. Leere Worthülsen und irrationales diobühne Köln hatte im September Premiere, die nächsten AuffühGeblubber stülpen sich über das Bedürfnis zur distanzierten Betrach- rungstermine sind im Januar 2017. tung, zum Nachdenken und Reflektieren. Vor allem der Sound, der sich oft eines „Delays“ bedient, also einem echoähnlichen Hall, ist TEXT /// CHRISTINA LÖW Daniel Schüßler dabei wichtig – denn auch der Begriff der Angst hat FOTOS /// CHRISTOF WOLFF


DAS AUSSENAUGE


THEATER

Es gab eine Zeit, da galt Köln als so etwas wie eine Metropole des Tanzes in NRW. Kompanien wurden gefördert und einem breiten Publikum über Jahre durch große Produktionen schmackhaft gemacht. Heutzutage haben es Tanz, Tanz­theater und Performance nicht gerade leicht in Köln. Silke Z. und Mitstreiter ver­suchen das nun massiv zu ändern.

Silke Z. ist eine der Protagonistinnen der etwas zu sagen habe auf der Bühne und merKölner Szene, die unverdrossen immer weiter ke, dass ich es nicht vertanzen kann, dann gearbeitet haben. In ihren Choreographien kann ich doch auch unterschiedliche Mittel reflektierte sie schon immer auch über die nutzen.“ Auf der Suche nach den Grenzen eiBedingungen ihrer Kunst. Gefühlsduselig ner starken Physikalität stellen sich dieselben geht anders. In den letzten beiden Jahren not­ wendigerweise ein und verlangen nach ist bei Silke Z., die seit bald 20 Jahren im In- anderen Medien. So kommen Text, Film und und Ausland arbeitet, viel passiert: Höhe- Video, aber auch Audio-Spuren in ihre Stücke. punkt dieses Vernetzungs- und GründungsOutputs ist der vor einem knappen Jahr in „Sound ist eine starke Waffe“ gemeinsamer Leitung mit den Künstlern Der Zuschauer soll so nah wie möglich „rutMarion Dieterle, Özlem Alkis, Tim Behren, schen“, mitfühlen, in Kontakt sein mit dem Caroline Simon und Florian Patschows- Geschehen, es (körperlich) nachvollziehen ky ge­ gründete ehrenfeldstudio e.V. In der können. Früher, so erzählt die ChoreograWissmanstraße 38 haben Silke Z. und ihre phin, glaubte sie, dass es immer „die WahrKollegen eine feste Residenz gefunden, in heit“ sein müsse. Heute hingegen stellt sie der sie interdisziplinäres Arbeiten an den einen schnellen Abwasch angeblich gesellSchnittstellen Tanz, Performance, Medi- schaftspolitischer Wahrheiten grundsätzlich enkunst und sogar zeitgenössischen Zir- in Frage. Darum forscht sie so gerne den Verkus fördern wollen. Im Sommer 2016 fand brieftheiten unserer Existenzen körperlich dort zum ersten Mal das zweitägige Festival nach. Der Unterschied zwischen RepräsenECHT. JETZT #1 als vorübergehender Ab- tation einer Rolle und Präsentation eigener schluss einer Reihe von Aktivitäten statt. Authentizität ist ihr wichtig. „Authentizität Das Festival war ein voller Erfolg und wird ist Wahrheit der Präsentation“, meint sie, als durchaus ausbaufähig betrachtet. Dass es „Präsentation geschieht ohne aktuelle Aneigauch 2017 stattfinden wird, gilt als sicher. nung einer ‚Rolle‘, sie geschieht unmittelbar.“ Dabei ist ihr vollkommen klar, dass glaubhaft zu sein manchmal dennoch erfordert, in die Engagement auf vielen Gleisen Silke Z. beschreibt ihre Arbeit gerne als Ge- Lügenkiste zu greifen. In welchem Zustand genbewegung innerhalb einer Gesellschaft, der Akteur auf der Bühne sich gerade befindie Leistung als höchsten Wert fetischisiert. det oder befinden soll – das als ChoreograSie ist mehr an dem Brüchigen, dem ver- phin zu wissen, ist wesentlich und stärkt die meintlich Peinlichen, dem Unvollkommenen Kontrolle über die angestrebte Narration. Bis wohin reicht der Körper? Welches der Menschen und ihrer Handlungen interessiert. Hier, so sagt sie, zeigt sich der ganze Material kann er nicht bedienen? Und wenn Mensch. Auf der Suche nach Hindernissen es nicht geht, warum sollen nicht vielfach und den Grenzen der Ausdrucksmöglich- andere Medien ins Spiel kommen? Silke Z. keiten integriert und erweitert sie von jeher ist überzeugt: Die sogenannten Widersprüdie künstlerischen Genres um solche, die che, nicht nur künstlerische, auch diejenigen ihr zum Zwecke der Sichtbarmachung des biografischer Pluralität, sollten öfter gefeiert Natürlichen dienlich erscheinen. „Wenn ich und gepflegt anstatt beschimpft und aus-

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THEATER

­

gemerzt werden. Widersprüche und Scheitern? Das eine ist so fruchtbar, wie das andere eine lebensweltliche Übertreibung und Anmaßung ist. Dabei ist sie Realistin genug: „Kunst ist Arbeit.“ Den Begriff Furcht mag sie lieber als Angst. Furcht ist aktiver, gerichteter und darum beherrschbarer. Angst hingegen kann überwältigen. In dieser basalen Hinsicht funktionieren die Gemeinschaften in unseren Gesellschaften mehr oder weniger stromlinienförmig an ihren Möglichkeiten vor­­ bei. Darum mag Silke Z. alternative Gemeinschaften. Ihre jetzige künstlerische Gemeinschaft besteht aus aufstrebenden jungen Kollegen und einem alten Künstler-Freundeskreis. Vortanzen lassen für ihre Projekte ist nicht ihre Sache. „Was soll man da schon sehen?“ Mit Jugendlichen arbeitet sie allerdings schon mal so. Dann wird das Casting-Projekt pädagogisch-klug und clever in „Working-CastShop“ umgetauft. Das nimmt Ängste und fördert das Gemeinschaftsgefühl. Silke Z. verspricht weiterhin projektive Offenheit und viele künstlerische Pro­ gra­ mme. Immer wieder auch zusammen mit dem „Kölner Künstler Theater“, das unweit am Grünen Weg in Ehrenfeld residiert und auch anderen Kölner Kulturorten. Und sie verspricht ein Wiedersehen beim ECHT. JETZT #2-Festival in den Ehrenfeldstudios 2017. WEITERE INFOS /// WWW.EHRENFELDSTUDIOS.DE WWW.RESISTDANCE.DE TEXT /// ANDREAS RICHARTZ FOTOS /// BETTINA MALIK, WERNER MEYER


REINKARNATION ART ACADEMY ART SPACE & ART GALLERY Brüsseler Strasse 96 50672 Köln Tel: 0221 16903012 Web: reinkarnationartacademy.com

Ignoranz ist der Feind, Kultur ist die Waffe

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ZWISCHENRAUM

TEXT /// DAKINI BÖHMER ILLUSTRATION /// ALICJA KMITA

Die Maus im Hamsterrad Vorbeugung ist besser als Nachsicht, das gilt in jedem Bereich des Lebens. Ob Prophylaxe beim Zahnarzt, Impfungen gegen Schnupfen, Schminke, um Mitmenschen nicht zu verschrecken oder Billigprodukte zur Schonung des Sparschweins. Der Mensch weiß sich vor jeglichem Übel zu schützen. Das ist gut. So braucht er vor nichts mehr Angst zu haben – Sicherheit durch Prävention. Sinnvoll ist das auch in einer ganz anderen Kategorie, die hoch im Kurs steht: Schädlinge in Form von fiesen kleinen Krabbeltierchen, die selbstverständlich nicht in eine ordentliche Wohnung gehören. Der Ekel vor Insekten, Ratten und Co. ist längst ins Grundempfinden des Menschen eingebettet: Ein Hamster als Haustier ist niedlich, eine Maus auf dem Dachboden ein ausgewachsenes Problem. Um sich gar nicht erst von dieser tief verwurzelten Angst beeinflussen lassen zu müssen, kann und sollte man bereits im Vorfeld dagegen angehen. Es gibt diverse Firmen, die sowohl die Bekämpfung der Schädlinge als auch die Vorbeugungsmaßnahmen gegen diese anbieten. Nur wie soll man damit umgehen? Wir hätten da Anregungen für „Sie“ und „Ihr“ Problem.

Anleitung zur sauberen Befreiung Erinnern Sie sich an den Film „Ghost Busters“? So ähnlich, nur mit Erfolgsgarantie läuft das ab. Ihr Schädlingsbekämpfer, der rund um die Uhr parat steht, nimmt sich jeder Herausforderung an. Sie sollten allerdings eine große Garage haben, falls Sie Wert auf Anonymität legen, denn sonst steht der große Insektenbulli für jeden sichtbar direkt vor Ihrer Wohnungstür. Was sollen da die Nachbarn denken? Abgesehen davon wird alles schnell und unkompliziert abgewickelt. Sie haben einen persönlichen Kundenberater, zahlen viel Geld, Ihre Räume werden mit in diversen Versuchslaboren speziell entwickelten Chemikalien eingesprüht und Sie können beruhigt durch Ihre Gemächer schreiten. Fabelhaft ist auch die Tatsache, dass mit jedem Atemzug in Ihrer beweihräucherten, ungezieferfreien Wohnung auch Ihre eigenen Viren, Bakterien und was sonst noch alles in Ihrem Körper krabbelt, absterben. Somit schlagen Sie quasi zwei Fliegen mit einer Klappe; großartig. Und sollte sich trotz all dieser wohl durchdachten

schädlinge


ZWISCHENRAUM

Maßnahmen eines Tages eine Ratte in Ihrer Toilette verirren, dann scheuen Sie sich nicht, erneut Kontakt aufzunehmen und die Dringlichkeit durch panisch erhöhte Stimmlage zu verdeutlichen. Je nach Art des Ungeziefers bringen die in dreijähriger Ausbildung mit fachlicher Kompetenz ausgestatteten Bekämpfer ihre stets auf dem neuesten Stand gehaltenen Flöten mit, um die Tierchen schonend aus Ihrem Zuhause zu locken. Von der Musik meditativ berauscht, folgen diese den Mitarbeitern der Schädlingsbekämpfung bis zu einem Teich oder einem Fluss, in welchem sie sich selbst ertränken. Während dieser Prozedur bekommen Sie natürlich spezielle Ohrschützer aufgesetzt, da die Töne auch Sie paralysieren könnten. Wie Sie sehen wird an alles gedacht und ein professioneller Rundum-Service ist garantiert. Also: Tun Sie etwas für Ihr Wohlergehen und lassen Sie nicht zu, dass Ihre Stimmung und Gesundheit negativ von Parasiten beeinflusst wird; beugen Sie rechtzeitig vor und nehmen Sie Ihr Leben und Glück wieder in die Hand. Aus der menschlichen Urangst vor Tierchen, die Mensch nicht beherrschen kann, muss keine Panik erwachsen. Es gibt Mittel für jeden Zweck – nur sehen muss es ja nicht jeder. Und moderne Methoden darf dabei auch keiner hinterfragen. Sonst könnte ja noch jemand denken, hier geschieht etwas Unmenschliches.

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Foto: GettyImages/Schon & Probst

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ICH BAU MIR KEIN SCHLOSS Ein Haus wird 40 Jahre nicht verlassen. Ein Werk entsteht. „Etüden des Sehens“: Das unerschlossene Werk des Künstlers Erwin Hapke. TEXT /// ANDREAS RICHARTZ FOTOS /// MATTHIAS BURCHARDT


WERKSCHAU

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WERKSCHAU

Ein eremitischer Entwurf. Lebensangst und Askese? Konsequenter und radikaler Rückzug. Das monströse Werk eines entsagenden Forschergeistes.

Kosmos der Entschleunigung im künstlerischen Prozess. Abertausende Werke. Filigran und verletzlich. Wie die verschlossene Seele ihres Urhebers.


Ewig neu beginnen. Ständiger Anschluss im Fluss.

Ein filmreifes Leben ohne Narration. Nach dessen Ende ein Echo beginnt. Jetzt. Es wird lange nachhallen.

WEITERE INFOS /// BURCHARDT@UNI-KOELN.DE ART MAGAZIN 11/2016 /// WWW.ART-MAGAZIN.DE Wir danken Erwin Hapkes Neffen, dem Kölner Philosophen Matthias Burchardt, für die freundliche Genehmigung zum Abdruck seiner Fotos und zur Verwendung seines Zitats.


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KÖLN SZENE

TEXT /// ANDREAS RICHARTZ FOTOS /// BETTINA MALIK

reduce it to the max


KÖLN SZENE

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Was denken junge, kreative Menschen über Zukunft? Sowohl über ihre als auch die Deutschlands oder Europas. Welche Befürchtungen teilen sie, welche Hoffnungen? Gibt es ein Ausbildungs-Leben nach der Schule? Die Geschwister Hoffmann verfallen nicht in Panikmache.

Malina und Mika sind in vielerlei Hinsicht ein außerordentliches Pärchen. Sie ist 19, er gerade 14 Jahre alt geworden. Viel spricht dafür, dass Geschwister in dieser Phase ihres Lebens getrennte Wege gehen, unvereinbare innere Erlebniswelten etablieren. Nicht so diese beiden. Stattdessen fragte Malina ihren jüngeren Bruder, ob er mit ihr an einem transmedialen Tanz-Performance-Stück arbeiten wolle. Er hat ja gesagt. Ich treffe Malina und Mika auf einem Tanz- und Crossmedia-Festival in Köln. Gerade haben sie das umjubelte Debüt ihres ersten gemeinsamen Auft ritts hinter sich. Ich habe mich spontan mit ihnen zum Gespräch verabredet. Wir sitzen zusammen in der Nachmittagssonne. Ich bin sprachlos über die professionelle Unaufgeregtheit, mit der die beiden nicht nur ihren Auft ritt absolviert haben, sondern nun auch vor mir sitzen. Beide scheinen die Ruhe selbst zu sein. Ursprünglich sollte Malina, die seit einigen Jahren bereits in der Tanz-Theater-Szene zuhause ist, für das Festival ein Solo entwickeln. Doch alles allein zu übernehmen, schien ihr eine Spur zu dick aufgetragen. Ein Duo mit ihrem Bruder, der ebenfalls junges Theater ausprobiert und wie sie Akkordeon spielt, hielt sie dagegen für eine gute Idee.

Haben oder Sein Das aus dieser Zusammenarbeit entstandene Stück hat es in sich. Es überwältigt mit gehaltsästhetischer Fulminanz, etwas, das man selten sieht dieser Tage. Erst recht, wenn die Protagonisten noch so jung sind. Es geht um nichts weniger als den Irrsinn der Produkte-

Gier. Um die argumentative Hohlheit der Vermarktungsstrategien. Um den Wahnsinn bedeutungsloser und beliebiger Anhäufung von Zeug um uns herum. Und um alternative Lebensmöglichkeiten und Auswege. Also um die alte Frage von Haben oder Sein. Zusammen haben sie an der Choreographie gearbeitet, wahre Textmassen zum Thema recherchiert und geremixt, ein Licht-Design entwickelt, das mit einer dieser Lampen arbeitet, die vielfach in deutschen Kinderstuben herum stehen und deren Farben wechseln. Sound und Foto-Projektionen bereichern das Konzept. Und Mika leistet als Sprecher der von ihm adaptierten Netz-Texte eine ungeheure Memorierungsarbeit. „Reduce it to the max“, ein Bewegungstheater der Geschwister Hoffmann, ist ein Stück, das man unbedingt wieder sehen will, das regelmäßig – vielleicht sogar in ständig von ihnen weiterentwickelter Form – aufgeführt werden sollte. So entspinnt sich an jenem Nachmittag im Spätsommer 2016 ein Gespräch, das auf eine ganz natürliche Weise hin zu einer politischen Diskussion über persönliche Angst angesichts der Weltlage führt. Und über die Möglichkeit, etwas zu ändern. Beide betonen schnell, dass in Angstfreiheit aufgewachsen zu sein, ihnen als der entscheidende Faktor dafür erscheint, ihre kreativen Möglichkeiten derart früh freigesetzt zu haben. Malina räumt ein, sich selbst als absolut privilegiert betrachten zu dürfen, ja zu müssen. Auf meine Frage, wo echte Angst in beider Leben andocke, erhalte ich vieldimensionale und differenzierte Antworten. Mika meint, bereits jetzt, mit 14, sei für ihn der Glaube an die

Menschen schwer. Wovor er sich fürchte sei ganz konkret, dass Europa zersplittere. Mika, der Vielleser, der auch schon mal politische Bücher aus der Bibliothek seiner Eltern zieht, wenn er gerade keine andere Lektüre hat.

Aus realer Angst kreativen Nutzen ziehen Malina entgegnet mir mit bedachten Worten. Ob sie Angst vor dem Scheitern habe, Versagensängste kenne? Sie lächelt: „Wirklich gute Musik zu spielen auf einem Akkordeon, dessen Tasten ich nicht sehe … das hat mir jede Nervosität davor genommen, vor Publikum auf einer Bühne zu tanzen, zu schauspielern oder sonstwie zu hampeln.“ Nach einer Aufführung, die mir noch immer in den Knochen sitzt, glaube ich ihr jedes Wort. Obwohl beide jung sind, haben sie Überzeugungen: Furcht, die nicht kanalisiert werden kann, führt zu Abwehrhaltungen, die wiederum zu Stagnation und zur Verfestigung von Haltungen führen. Wir könnten stundenlang so weiter reden. Was sie mal machen wollen, möchte ich zum Schluss wissen. Malina will gern Regie studieren. Und Volkswirtschaftslehre. Mika hat noch keinen Plan. Aber weiterhin große Lust auf Theater. Es dämmert. Mika holt sich was zu trinken. Als er zurückkommt, setzt er sich wie selbstverständlich auf den Schoß der großen Schwester, schmiegt sich an sie. Sie hält ihn liebevoll. Kurz zuckt der Papparazzi in mir hoch. Doch ich habe keine Kamera dabei. Dieses Bild echter Geschwisterliebe ist wunderschön. Viel zu schön, um abgelichtet zu werden.


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PROSA

HEART‘S

FEAR TEXT /// STEFANIE PÖRSCHKE ILLUSTRATION /// ALICJA KMITA

Ich fühle mich überwacht. Ich fühle mich kontrolliert. Gegängelt. Bevormundet. Nicht für voll genommen. So empfinden viele, die es mit einer Behörde zu tun bekommen. Nicht nur Menschen, die schon einmal auf Hartz IV angewiesen waren, kennen das mulmige Gefühl, welches einem beim Erhalt von Fensterbriefumschlägen aus Umweltpapier plötzlich überkommt – auch wenn es dabei einer absurden Welt festzustecken, deren gar nicht um die Sicherung des eigenen Le- Regeln man nicht versteht und deren Sprabensunterhalts, sondern vielleicht nur um die che man nicht spricht. In Köln bietet das letzte Parksünde geht. Der rasche Gedanke: Niemandsland zwischen Arbeitsagentur und „Jetzt haben sie mich“. Man merkt, dass man Justizzentrum an der Luxemburger Straße erwachsen ist, wenn die Monster nicht mehr eine hervorragende Kulisse, um dystopischen Phantasien freien Lauf zu lassen: entunterm Bett, sondern im Briefkasten lauern. Doch woher rührt dieses Unbehagen, menschlichte Bürokratie, in Beton gegossene wenn es um die Begegnung von Mensch und Trostlosigkeit. Wenn hier der Herbstwind in Behörde geht? Wieso fühlen wir uns so schnell den Ecken pfeift, ist jede Hoff nung dahin. in der Defensive? Warum glauben wir, im „Am 1. kommt ArGe, dann gibt’s mangiare“ Kontakt mit Ämtern und Behörden sei höchs- hat jemand ans Parkhaus gegenüber gesprüht. „Ich kann Behörde“, behauptet dagegen te Vorsicht geboten? Und vor allem: Warum hält sich diese Vorsicht auch bei all den Zeit- mein guter Freund Chris. Er ist zurzeit gegenossen so hartnäckig, die sich in anderen zwungen, sich mit allen möglichen Behörden Zusammenhängen für Facebook, WhatsApp auseinanderzusetzen. Vor einigen Monaten geriet sein Leben aus den Fugen: Chris wurund Google bereitwillig ausziehen? Vor allem seit der Einführung von Hartz IV de in der U-Bahnstation am Appellhofplatz wurde von vielen Medien das Gefühl der von einem Unbekannten überfallen, zusamOhnmacht vor der Staatsgewalt kultiviert, mengeschlagen und bewusstlos auf die Gleise indem sie Menschen portraitierten, die sich gestoßen. Wären ihm nicht zwei herbei eilenhilflos staatlicher Willkür ausgeliefert sa- de Menschen zu Hilfe gekommen, dann häthen: „Heart’s Fear“ beschreibt ein Lebensge- te ihn die nächste U-Bahn überrollt. Chris fühl, wie man es bisher nur aus Erzählungen überlebte – mit schweren Knochenbrüchen von Franz Kafka kannte. Mit einem Mal in und herausgetretenen Zähnen. Auf einen langen Klinikaufenthalt folgten Reha, Traumatherapie, Jobverlust. Dabei musste er sich seinen Weg durchs Dickicht der deutschen Sozialversicherungsträger erkämpfen: DRV, LVR, Barmer, Sozialamt, Integrationsamt, JobCenter. Chris sagt: „Ich merke, dass ich immer stärker werde.“

Die mentale und emotionale Energie die es kostet, sich beim Lauf durch die Institutionen nicht aufzureiben, ist immens – und führt oft mals nicht ans Ziel. In seinem aktuellen Buch „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ geht der amerikanische Aktivist David Graeber der Frage nach, warum wir so oft an den Anforderungen scheitern, die Bürokratie an uns stellt. Für ihn sind Bürokraten immer auch Utopisten, beide glauben naiv an die menschliche Vollkommenheit. Bürokratien sind dabei stark von struktureller Gewalt bestimmt: Zeigt sich, dass ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihren Erwartungen zu entsprechen, ändern sie nicht ihre Ansprüche, sondern kontern mit Strafmaßnahmen. Graeber spricht sich für eine Abschaff ung all jener Staatsorgane aus, deren alleiniger Zweck darin besteht, Bürger zu kontrollieren. Was sollen die Beamten mit all der neugewonnenen Freizeit anfangen? Graeber hat einige Anregungen: Literatur lesen! Malen! Bands gründen! Die Welt wäre ein vielleicht besserer Ort.


PROSA

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SEELENLOS IM EINSAMEN FOKUS

Düstere Orte und dunkle Ecken wollen wir oft meiden und empfinden sie als unangenehm.


FOTOSTRECKE

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an düsteren Ecken. nicht und landete erstaunlicherweise

tionierten Hochglanzwelt begegnen wir freiwillig ganz anders – tagein

Köln fotografisch festgehalten tagaus. Lea-Marie Lepper hat persönliche Angstorte in

Unserer künstlich perfek-


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FOTOSTRECKE

„Mir macht die Mischung aus super aufwendig gestalteten Puppen und Schaufenstern, ständiger Überwachung und der Einsamkeit mancher Fenster Angst. Als ob mehr Zeit darauf verwandt würde, wie wir sein sollen, als darauf, wer wir sind.“

Wir wollen beispielsweise leere Fenster und Überwachungskameras gar nicht sehen. Und wenn wir sie doch sehen, wollen wir die Bedeutung davon gar nicht wahrnehmen, wie zum Beispiel das nie zu erreichende Ideal,


FOTOSTRECKE

wachung und Verwahrlosung, die wir nicht wahrnehmen und verdrängen, die uns aber deshalb

nicht

wenn wir uns perfekte Schaufensterpuppen

anschauen. So entsteht eine Scheinwelt aus Idealisierung, Über-

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weniger bedroht. „Ich habe das Gefühl wenn ich durch die Stadt gehe, will ich immer an allem ‚vorbei’ gucken was mir unangenehm ist, entweder wirklich weggucken oder nur die Bedeutungen verschieben bis sie mir passen.“ Ein einfacher Umgang, sich mit dem Unangenehmen auseinanderzusetzen – und eine nicht ungewöhnliche

Perspektive in unserer

Zeit.


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MUSIK

Gegen den Kommerz Musik-Veranstalter mit 20 Jahren Anti-Berufserfahrung

Es besteht ein unglaubliches Missverhältnis in der Musik-Branche: Live-MusikAuftritte von (noch) unbekannten lokalen oder internationalen Musikern werden oft zu wenig honoriert. Der „Klub der 40 e.V.“ stemmt sich seit 20 Jahren gegen diesen Trend. „Jeder Musiker spielt unter Umständen schon seit Jahrzehnten, aber kaum jemand ist dazu bereit, für diese mühevoll erworbenen musikalischen Fähigkeiten ausreichend Geld zu zahlen“, schildert Christof Lechtenbörger die Problematik. Insbesondere im Vergleich zu den Musik-Konserven aus der Industrie mit ihren Stars und Sternchen, die eine riesige Gage bei ihren „Pseudo-Live-Auftritten“

kassieren, klafft die Lücke besonders krass: „Dafür haben wir kein Verständnis. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, subjektiv unterrepräsentierte Bands zu fördern, indem wir als Veranstalter ohne kommerzielle Interessen Konzerte organisieren“, so Lechtenbörger.

schließen. Auf dem Bahngelände mussten diese Sperrzeiten nicht eingehalten werden“, erzählt Lechtenbörger. Die Station gibt es zwar nicht mehr, aber der Verein existiert weiterhin.

Mehr als 40 sollen es nicht sein

Christof Lechtenbörger gehört zusammen Nunmehr feiert der „Klub der 40 e.V.“ sein mit Hans Eggeling und Rupert Eis zu den 20-jähriges Jubiläum und ist stolz darauf, frühen Mitgliedern des „Klubs der 40“. Vor unter anderem auch, weil eine Sinn- und 20 Jahren entstand die Idee zum Verein und Finanzkrise vor etwa zehn Jahren überwunzwar – wo auch sonst – in einer Kölner Knei- den wurde. Mehr als 40 Leute sollen dem pe an der Zülpicher Straße, in der „Station“ Verein allerdings nicht beitreten: „Mehr am Bahnhof Süd. „Damals war es eine be- Leute würden die monatlichen Sitzungen rüchtigte und beliebte Szene-Kneipe, weil oder die Jahreshauptversammlung unüberes keine Sperrzeit gab. Alle anderen Knei- sichtlich machen. Darüber waren wir uns pen mussten spätestens um eins per Gesetz damals einig und haben den Verein einfach


MUSIK

danach benannt“, berichtet Hans Eggeling leicht amüsiert, weil die Leute oft denken, es handele sich dabei um eine Altersangabe. Mittlerweile sind es 36 Mitglieder, die über Mundpropaganda und auch über ihre MusikVeranstaltungen auf den Verein aufmerksam wurden. Jedes Mitglied zahlt einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Mit diesem Geld werden die anvisierten Konzertveranstaltungen vorfinanziert.

Lokale und internationale Bands

60 Jahre“, so Eggeling. Entweder buddeln die Vereinsmitglieder selbst Vorschläge für Bands aus, oder bekommen per E-Mail Anfragen, mittlerweile auch von Booking-Agenturen: „Wir als Veranstalter arbeiten dabei auf zwei Säulen: Wir wollen es der Band gut gehen lassen und auch dem Publikum huldigen. Dem Publikum huldigen wir, indem die Eintrittspreise erschwinglich sind und den Band-Mitgliedern, indem wir sie beim Auftritt gut versorgen. Wir fragen beispielsweise immer nach Wünschen für Essen und Getränke. Die Gage kann, wenn der Abend erfolgreich war, unter Umständen auch etwas nach oben korrigiert werden.“ In der Regel dauert es zwei bis drei Monate, bis ein Konzert mit der ehrenamtlichen Arbeit des Vereins durchorganisiert ist. So stehen 2016 zum Beispiel noch Melt-Banana im MTC auf dem Veranstaltungs-Plan.

„Wir supporten lokale und internationale Bands. Auch von der Musikrichtung her haben wir uns nicht festgelegt. Wenn sich jemand bewirbt, der meint seine jeweilige Gut organisiert und trittsicher Nationalhymne furzen zu können, unter- Das einfache Resümee nach 20 Jahren Verstützen wir das unter Umständen auch“, sagt eins- und Veranstaltungsarbeit lautet: „WeiEggeling. Von den Lokalitäten her wird oft termachen!“ Nur Roky Erickson, der große mit dem Cadenhead´s Tastingroom, Sonic Meister, hat den Verein ein wenig enttäuscht: Ballroom und Blue Shell zusammen gear- Erickson kam 2012 nach Köln für einen CDbeitet. Ein großes Ziel des Vereins ist es nach Release-Auftritt ins Luxor, ohne dass der wie vor, Roky Erickson auf die Bühne nach „Klub der 40 e.V.“ trotz Angebot an der OrKöln zu bringen: „Roky Erickson ist ein alter Recke aus Amiland. Quasi eine Legende aus der psychedelischen Musik-Schiene der

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ganisation beteiligt gewesen wäre. Das hindert sie jedoch nicht daran weiterzumachen, denn immerhin fragte der Veranstalter beim Klub an, ob der eine lokale Vorband wüsste und ermäßigte sogar die Eintrittskarten für die Klubgeschwister: „Wir arbeiten völlig autark und losgelöst vom kommerziellen Bezug. Wollen das Unmögliche möglich machen, indem wir die Basis und Newcomer unterstützen. Unsere ehrenamtliche Arbeit ist mittlerweile so gut organisiert und trittsicher, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als weiterzumachen“, so Lechtenbörger. WEITERE INFOS /// WWW.KLUBDER40.DE

AUSGEWÄHLTE „VEREINSPROJEKTE“: THE YOUTH (OBEN LINKS), R&B, BEAT UND GARAGE AUS KOPENHAGEN, SPIELTEN 2015 IM SONIC BALLROOM. COLIN SMITH (LINKS), FRÜHERER SÄNGER DER ALTERNATIVEN ROCKBAND MRNORTH, BELEBTE 2013 DEN CADENHEAD´S TASTING­ ROOM AN DER LUXEMBURGER STRASSE. UND DMT DESERT MOUNTAIN TRIBE (OBEN) AUS LONDON, UM DIE BEIDEN IN KÖLN GEBORENEN BRÜDER PHILIPP (BASS) UND FELIX (DRUMS), ROCKTEN IM APRIL 2016 MIT IHREM PSYCH-ROCK UND EXPERI­ MENTAL ROCK DAS BLUE SHELL.

TEXT /// CHRISTINE WILLEN FOTOS /// PROMO


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Musik in KÖLN

Das ist unsere Plattform für Musiker aus und in Köln. Egal, ob ganz frisch im Geschäft, etabliert oder kurz vor dem großen Durchbruch: Die Bands und Künstler leisten ihren kleinen Beitrag und helfen, diese Seite zu produzieren. Interesse? E-Mail an: redaktion@null22eins-magazin.de

SPHÄREN IM DUNST

PAPPEN IM NEBEL Ungemütlich, verkrümmt und im Krampf liege ich in meiner Deutschlandfahne gefesselt auf der Seite wie ein Embryo auf einem schäbigen Teppich. Sehen kann ich nicht, ich liege im Nebel; die Augen brennen, Ohren schmerzen, mein Geist ist umnachtet. Verspulte Vibrationen und Schlangenbeschwörer-Rhythmen wogen über mich hinweg. Irgendwo hier im Raum müssen meine zwei Freunde sein auch sie wahrscheinlich niedergezwungen in ihrem großdeutschen Leib. Ich erstarre im Schreck als zu diesen markerschütternden Synthesizerwalzen eine grotesk verzerrte Gitarre einsetzt, eine Fläche verdichtet sich und raubt mir den Verstand ... ich weiß nicht wie mir geschieht ... alles nimmt an Intensität zu ... ich zucke rhythmisch im Wahn ... da bricht ein Drumgewitter über mich hinein und ich entgleite in spastischem Feiztanz. Schwarz rot güldener Schleim rinnt aus meinem Körper und ich begreife Freiheit, Toleranz und Liebe.

WEITERE INFOS /// WWW.SOUNDCLOUD.COM/PAPPEN-IM-NEBEL ARTIST- UND RELEASEINFORMATIONEN UNTER WWW.BAUMUSIK.DE, DEM LABEL DES BAUSTELLE KALK E.V.

AUFBRUCH MIT KLANG

PUENTE

Drei starke Frauen, drei starke Stimmen auf ihrem Instrument. Cello, Piano, Klarinette. Puente vermittelt zwischen klassisch-romantischen Miniaturperlen, lateinamerikanischem Esprit und eigenen Kompositionen. Musik die befriedet, aufwühlt, in Ruhe entlässt. Puente arbeitet auf der Grundlage absoluter Gleichberechtigung. Ein Dreieck der Kräftebündelung. Ein Trio außerordentlicher musikalischer Reichweite. Arrangements voller Finesse. Räume für freie Improvisation. Ist das noch Klassik? Ist das schon Jazz? Oder gar Moderne Musik? Auf jeden Fall ist diese Musik im Hier und Jetzt. Aktuell: die neue CD „AUFBRUCH“. Konzert zum CDRelease: 26. November in der Michael-Horbach-Stiftung, Wormser Straße 23. Beginn um 19:30 Uhr.

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PORTRAIT

Mit ihren Projekten „Poesie in kleinen Dosen“ und „poetische Traumreise“ hat Sarah Moujtahid ein neues Konzept für die Vermittlung von Lyrik kreiert. Sie packt, berührt und reißt mit, ohne dabei aufdringlich zu sein. Und Sarah hat noch einiges mehr zu bieten.


PORTRAIT

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Poesie

im großen Stil DAS GESCHRIEBENE WORT ALS MITTEL ZU GRENZENLOSEN MÖGLICHKEITEN

TEXT /// DAKINI BÖHMER FOTOS /// VIOLA SOPHIE

Zart ist eine der ersten Eigenschaften, die mir in den Sinn kommen, als ich Sarah Moujtahid kennenlerne. Doch noch bevor ich auf die – im Nachhinein völlig lächerlich anmutende – Idee komme, sie als zerbrechlich zu bezeichnen, erkenne ich ihre großartige Stärke hinter ihrem hochsensiblen Charakter. Nach wenigen Sätzen ist bereits klar: Es steckt ein wacher Geist, viel Kreativität und vor allem Mut in dieser Frau. Und Humor – eine wichtige Eigenschaft, wenn man sich als Lyrikerin mit alten Werten in einer digitalen, medien-gesteuerten Welt bewegt und Erfolg haben möchte. Da könnte es zu inneren Konflikten kommen oder gar zu Überlegungen, nun doch einen Schritt in Richtung Masse zu gehen, sich vom Monster „Konsum“ überreden zu lassen und es zu füttern. Nicht so Sarah. Mit ihren Projekten macht sie das genaue Gegenteil. Sie zwingt das Monster, eine Diät zu halten und lässt es im Regen stehen. Quantitatives Arbeiten ist nicht ihr Ding. Sie gibt den Menschen lieber etwas, das man heutzutage nicht mehr oft findet: Echtheit. Die in Solingen geborene Halb-Marokkanerin schreibt Gedichte, ganz ohne Bommeln und Glitzer, frei aus der Seele heraus, tröstend, (mit-)fühlend, beistehend – im ersten Moment für sich selbst, im nachfolgenden Prozess für andere. Sarah beschenkt mit Worten. Da ein wahres Geschenk jedoch auch eine schöne Verpackung braucht, legt sie ihre Gedichte oder Auszüge aus solchen in kleine Boxen – „Poesie in kleinen Dosen“. Entstanden ist diese Idee sehr plötzlich. Die Geschichte, die ihr voranging war lang. Als junge Frau schrieb Sarah Gedanken nieder, auf kleine Zettel, die sie verwahrte und vergaß. „Erst Jahre später fielen

mir diese Papierfetzen wieder in die Hände und ich erkannte die Lyrik darin, verstand den Sinn der Worte erst jetzt – und schrieb weiter.“ Auch da wusste sie noch nicht, was sie mit ihrem Talent anfangen sollte, bis sie eine ganze Zeit später auf einem Flohmarkt alte Zigarrenboxen erstand. Erst zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich die Idee. Mittlerweile sind die Zigarrenboxen einer Eigenkreation gewichen und auch ihre Worte stehen nicht mehr auf Schmierzetteln, sondern werden liebevoll handgeschrieben. In Zusammenarbeit mit Aller’Leys Druckwerkstatt wird ihre Poesie auf Büttenpapier gedruckt. Aufgeteilt in die Themen Trauer, Freiheit und Liebe enthält jede Box vier Gedichte und ein kleines, persönliches Souvenir. Verkauft werden sie auf ihrer Homepage www.poesieinkleinendosen.de, in der Galerie MaJourie in der Südstadt, im „Eisfeld“ und in der „Drahtflechterei“ in Ehrenfeld. Außerdem ist sie auf diversen Märkten in ganz Köln mit ihrem kleinen Stand unterwegs. Doch dabei bleibt es nicht. Sarah möchte Menschen berühren, möchte Angst nehmen und Zuversicht geben. Sie selbst hat nämlich genau das gelernt: den Mut zu haben, tief verwurzelte Ängste aufzugreifen und anzunehmen, um sie letztlich loslassen zu können. Ein Besuch auf der Insel Elba, ein einjähriger Aufenthalt in Italien während ihres GeografieStudiums und eine spirituelle Reise nach Indien haben ihr den Weg zur Energiearbeit geebnet. Ein Widerspruch? Eine selbsternannte Lyrikerin, die gleichzeitig ausgebildete schamanische Seherin ist, sowie Aura-healing und Aura-reading betreibt und anbietet? Bei näherem Hinsehen macht genau das Sinn! Erst durch ihre energetische Arbeit, die sie auch in Einzelsitzungen in Ehrenfeld anbietet, und die sie auch selbst prägt, vorantreibt und zu sich führt, werden ihre Gedichte so echt. Sie weiß wovon sie spricht, sie steckt ihr ganzes Sein in


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PORTRAIT

jeden Satz. Zum ersten Mal hat sie ihre zwei für jegliche Einflüsse offen“, sagt die 35-JähriBerufe in ihrer „poetischen Traumreise“ kom- ge. Die Umsetzung ihrer Ideen wird sicherlich biniert, die sie seit 2016 im TutGut-Institut in nicht lange auf sich warten lassen, ist sie doch der Südstadt anbietet. Eine meditative Lesung, eine Macherin und eben nicht nur eine Träuihre Gedichte gepaart mit Gesang, Klang und merin. Wenn man mit ihr über ihre Projekte und einer Reise zum eigenen Ich. Man sitzt nicht auf grauen Klappstühlen und unterdrückt ein die Welt, die Menschen, die sie erreichen Gähnen, sondern liegt auf dem Boden, hat die möchte und die Dinge, die sie persönlich schäftigen, spricht, kristallisiert sich ein Augen geschlossen und fällt. Mitten hinein in be­­ Sarahs Worte. „Ich möchte den Leuten nicht gewisses Mantra, ein konkreter Ratschlag nur etwas vorlesen. Ich will sie mit allen Sin- heraus: „Was vor allem fehlt ist die Abwesennen ansprechen. Wenn ich vom Duft eines heit von Ablenkung!“ Ein Satz, den man sich Apfelbaumes erzähle, sollen sie ihn riechen erstmal bewusst durch den Kopf gehen lassen können.“ Dieses Experiment kam gut an, die muss, um dann festzustellen, wieviel WahLeute waren begeistert und dementsprechend res dahintersteckt. Wäre nicht am laufenden Band diese Ablenkung da, sei es durch Meplant Sarah weitere Traumreisen. Aber auch das ist nicht alles. Sarah will dien, Musik, Geschwätz und mehr, so wäre aus­probieren, möglichst irgendwie alles. Sie man in der Lage, viel mehr zu kreieren und zu möchte weitere Lesungen veranstalten, möch- schaffen und vor allem sich selbst zu finden. te Gesang, Tanz und Musik, möchte dem „Dazu gehört viel Mut“, sagt Sarah. „Der Weg geschriebenen Wort über diverse Ausdrucks- zur Selbsterkenntnis und zu innerem Frieden formen Kraft verleihen. Bei der Beantwor- führt immer wieder auch durch dunkle Tuntung der Frage, wie sie sich ihre Lesungen in nel, die es zu durchschreiten gilt, man stellt Zukunft vorstellt, wird klar: Alles ist möglich, sich seinen Dämonen und entdeckt düstere außer Langeweile. „Am liebsten wäre mir eine Ecken der eigenen Persönlichkeit. Es tut weh Revue, ein richtiges Spektakel.“ Auch Gast- und der Schmerz muss in diffusen Prozessen Leser wie Udo Lindenberg oder Bjarne Mädel erkannt und Stück für Stück gelindert werden.“ hätte sie gern mit im Programm, oder auch Doch genau das ist der Weg aus der Angst mitnochmal Clueso, der bereits eines ihrer Ge- ten hinein in die Freiheit: Ruhe, um zu erkendichte einlas und mit seiner Interpretation nen, Zeit zum Begreifen, immer ehrlich zu sich überzeugte. „Ich bin gespannt, was noch alles selbst sein. Sarah erklärt das so zuversichtlich, auf mich zukommen wird. Der Vorstellungs- so überzeugend und ungekünstelt, dass es wie kraft sind keine Grenzen gesetzt und ich bin das einfachste der Welt erscheint. Doch vor allem verspürt man beim Zuhören den tiefen Wunsch, selbst die eigene fluchende Seele am Schopf zu packen und die Reise, Sarahs und die eigene, mit ihr gemeinsam anzutreten. WEITERE INFOS /// WWW.POESIEINKLEINENDOSEN.DE


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Der Gute war nicht nur ein einfallsreicher Erfinder, sondern auch Fachmann der famosesten Phantasterei. So trug es sich zu, dass er zwei Katzen Boxhandschuhe um die Pfötchen schnallte – und sie in einem Duell um Leben und Kleinod gegeneinander antreten ließ. Die charmante Chose hielt er, wo auch sonst, auf seiner eben erfundenen Filmkamera fest.

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WISSENSCHAFT

LUST AUF ANGST Schwarzer Humor ist in unserer Wahrnehmung oft mit England verbunden. Dass diese düstere, auf den ersten Blick harte und bissige Ausdrucksform letztlich „Humor“ sein kann, hat System. Ein ganzes Literaturgebiet ist ähnlich ausgerichtet – und hat seinen Ursprung ebenfalls auf der Insel. Eine sachliche Annäherung an „Schauerliteratur“.


WISSENSCHAFT

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In der Psychologie bezeichnet Angstlust eine zwiespältige Gefühlslage, bei der aus einer bedrückenden Angstphase selbst oder aus ihrem erfolgreichen Überstehen und Bewältigen ein erregendes Erlebnis erwächst. Das Phänomen als solches war auch schon in der Antike bekannt: So sollte z.B. die griechische Tragödie nach Aristoteles Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) hervorrufen, um zu einer Reinigung (katharsis) der Emotionen zu gelangen. In der Praxis wurden die Gefühle des Zuschauers einer Tragödie oft durch ein geschicktes Wechselspiel der Ereignisse zwischen der Sympathie mit dem Helden, dem Erschrecken vor dem näher rückenden, unabänderlichen tragischen Ende und der immer wieder angeregten Hoffnung auf einen günstigeren Ausgang hin und her gezogen. In diesem sprichwörtlichen Wechselbad der Gefühle empfand das Publikum sowohl Furcht als auch Erleichterung (=Lust).

Erlesene Angst Eben dieser Angstlust bedient sich auch die Schauerliteratur, die Mitte des 18. Jahrhunderts in England als gothic fiction mit dem Schauerroman (gothic novel) entstand und Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Hochzeit erlebte. Hier wird beim Leser ein wohliger Schauer ausgelöst, indem dieser das dar- dem Leben der Menschen zu schwinden gestellte Geschehen nachvollzieht, mit der begann. Durch die Aufklärung und eine literarischen Figur mitleidet, sich aber ge- „Sekurisierung“ des öffentlichen Lebens im wiss sein kann, selbst nicht in Gefahr zu sein. modernen Staat – ein neues Gefühl von SiDie erlesene Angst stellt sich nur ein, wenn cherheit – wurde die Angst zwischen die der Leser die Angstsituation durch eigenes Buchdeckel verdrängt. In der gothic novel außerliterarisches Erleben als Schauerele- finden sich historisch überwundene Ängste ment erkennt, für ihn beim Lesen selbst aber wie auch aktuelle Schrecken wieder: Theweder ein Risiko der Existenz noch eine matisch genießt der Leser sowohl die Angst Preisgabe der Vernunft besteht. vor absolutistischem und katholischem Machtmissbrauch, vor denen er sich im zeitgenössischen England sicher weiß. Auch Schrecken und Lust Das Aufkommen der Schauerliteratur zu der Triumph der bürgerlichen Werte über gerade diesem Zeitpunkt erklärte beispiels- das adlige Gottesgnadentum wird dem Leweise der deutsche Literaturkritiker Richard ser nähergebracht. In der Wirklichkeit blieb Alewyn 1964 in seinem Vortrag „Die lite- den Engländern all dies zu diesem Zeitpunkt rarische Angst“ damit, dass die Angst aus jedoch versagt. Hinzu kommen nach Wolfgang Trautwein, der in dem Werk „Erlesene Angst“ der Schauerliteratur wissenschaftlich nachging, ödipale und sadistische Triebwünsche, die unter dem Deckmantel der Angst im literarischen Werk verwirklicht werden, ohne dass sich der Leser diese Lüste eingestehen muss. Mary Shelleys „Frankenstein“ oder auch Charles Robert Maturins „Melmoth der Wanderer“ sind klassische Beispiele der Schauerliteratur. Doch auch Edgar Allen Poe oder Stephen King haben sich dieser Elemente bedient. Von Schauer zu Horror ist es gar nicht weit – zumindest literarisch.

TEXT /// CHRISTINA LÖW ILLUSTRATIONEN /// AUSZÜGE AUS DEM ILLUSTRIERTEN BUCH „DIE ANGSTMASCHINE“ VON ANJA NOACK /// WWW.ANJANOACK.DE


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KÖLNER ORTE


KÖLNER ORTE

TEXT /// DAKINI BÖHMER FOTOS /// VIOLA SOPHIE

Der andere StraßenProtest gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung Straßenmusiker gehören zum Kölner Stadtbild. In diesem Jahr ist ihre Szene aber auffällig gewachsen. Ob Afroamerikaner, Syrer, Inder oder Roma – an jeder Ecke geben teilweise ganze Combos ihre Musik zum Besten. Von Klassik über Reggae bis Jazz ist alles dabei, die Sprache nicht immer verständlich, die Ästhetik und Wirkung der vielfältigen instrumentalen Klänge dafür umso deutlicher. Man taucht ein in die Traurigkeit eines Saxophons, schwingt mit bei wilden Trommeleinlagen, grübelt über ein andächtiges Geigensolo nach. Die Musiker hinter den Instrumenten sind in ihre Stücke vertieft und führen dank Talent und Leidenschaft durch ferne Welten, die plötzlich ganz nah erscheinen. „Genau das ist das Ziel“, freut sich eine junge Sängerin aus Serbien. „Wir spielen, um den Menschen ein wenig von ihrer Furcht zu nehmen, um sie behutsam an die Fremde heranzuführen, die doch eigentlich gar nicht fremd sein dürfte. Wir sind alle Menschen, mit den gleichen Träumen und Wünschen.“ Ihr Begleiter, ein etwas älterer, zerzauster Afghane mit einer zerkratzten AkkustikGitarre, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ländergrenzen sind eine Erfindung der Menschheit. Das habe ich nie verstanden. Wir leben alle auf dem selben Planeten.“ Die Straßen stehen sinnbildlich für die zunehmende „Sorge“ in Deutschland. Politische Flüchtlingsdebatten, Anschläge und Hetzpropaganda haben ein dynamisches Ungleichgewicht der Gesellschaft geschaffen, welches in der Öffentlichkeit spürbar ist. Nicht nur bedachte Wachsamkeit ist die Folge, sondern Ausgrenzung und Vorverurteilung, Weitblickverlust und Kontrollwahn. Statt Neugier fremden Kulturen gegenüber, erleben wir immer mehr Abwehrhaltung. Statt sich die Hände zu reichen, treten wir lieber auf den Fuß. Eine radikale und gefährliche Entwicklung, ist doch der größte Leidtragende dadurch auch man selbst – selbst wenn man das nicht so wahrnimmt. Denn eines bleibt pausenlos präsent und ist ein Ursprung von Hass: tief verwurzelte Angst.

Einnehmende Klänge ersetzen Sprache Es ist nur logisch, dass auf ein Mittel zurückgegriffen wird, das schon seit jeher zusammenführt, Vorurteile nimmt und in den Bann zieht: die Musik. Nichts überwindet selbstdefinierte Mauern so konstruktiv und wirkungsvoll wie die Kunst, mithilfe von Noten, Emotionen und Intensität eine Geschichte zu erzählen. „Wenn das Wissen fehlt, muss das Gewissen her“, sagt ein gebrechlicher Afroamerikaner, der zwar Mühe hat zu stehen, dafür aber umso erstaunlichere Töne mit seinem Didgeridoo erzeugt. „Ich habe jahrelang, während meines Berufs als Lehrer versucht, durch Gespräche, Fakten und Tatsachen eine Wirkung zu erzielen, aufzuklären und für Verständnis zu sorgen. Nichts davon hat die Menschen so sehr zum Nachdenken angeregt wie es jetzt meine Musik tut.“

Gemeinsam am Mut zur Hoffnung festhalten Zwei Gefühle stechen während der Gespräche mit den unterschiedlichen Künstlern heraus: Trauer und Hoffnung, wie einer von ihnen präzise zusammenfasst: „Integration und Gemeinschaft funktionieren nur mit gegenseitigem Verständnis, mit Empathie und Respekt. All dies ist leider keine Selbstverständlichkeit. Doch es ist da, wir müssen es nur herauskitzeln.“ Einige der Sänger

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»Sie werden so manchen zum Umdenken bewegen und andere lediglich zum Tanz auffordern.« haben Schilder mit der deutschen Übersetzung ihrer Texte neben sich stehen, andere verzichten gänzlich auf Erklärungen und vertrauen auf die Empfindung. Was auffällt ist, dass alle gern ins Gespräch kommen, jeder hat etwas zu erzählen, niemand tritt unfreundlich oder abwehrend auf. Mit einigen kann man nur etwas durcheinander kommunizieren, da sie mal ein bisschen gebrochenes Deutsch, dann wieder etwas Englisch oder Französisch sprechen. Doch mithilfe von Gestik und Mimik kommt immer ein Austausch zustande, der zu gemeinsamem Lachen und manchmal zu Tränen führt. Nur wenige sind erst vor kurzem hier angekommen, die meisten wohnen schon lange in Deutschland. Eins haben sie aktuell aber alle gemeinsam: Sie werden ausgegrenzt. Ein marokkanischer Trommler, der in Köln geboren und aufgewachsen ist, schüttelt mehrmals resignierend den Kopf: „Es ist erschreckend, was über uns zusammengebrochen ist, rein menschlich gesehen. Ich hatte nie Probleme – bis jetzt. Ich lebe, arbeite und liebe hier, schon immer. Doch plötzlich stehe ich am Rand, plötzlich bin ich der Ausländer, der Feind.“

Diese Missstände, das rasante Hin und Her zwischen Zuversicht, Schmerz, Freude, Hoffnung und Resignation – das alles prasselt gebündelt nieder, wenn man die Straßenkünstler aus aller Welt sprechen lässt, ihnen zuhört und ihrer Musik lauscht. Sie werden weiterspielen und präsent bleiben, werden zum Umdenken bewegen oder lediglich zum Tanz auffordern. Ob zum Begreifen oder um einfach ein Gratis-Konzert mitten in der Stadt zu genießen, bleibt jedem selbst überlassen – lohnend ist es in jedem Fall.

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GESCHICHTE

VOM KENNENLERNEN UND ERKENNEN TEXT /// MIRIAM BARZYNSKI


GESCHICHTE

Syrien, 1990 Wenn Khaled erzählt, erzählt er von einer friedlichen und behüteten Kindheit. Zur Schule zu gehen war für ihn immer schön. Er und seine Brüder maßen sich aneinander, wer die besten Noten mit nach Hause und die Gunst des Vaters gewinnen würde. Kleine Wettkämpfe wurden auch mit den Kindern in der Nachbarschaft beim Fußball- oder Murmelspielen ausgetragen. Die Ferien verbrachte Khaled bei den Großeltern auf dem Land. Das bedeutete Abenteuer und draußen sein. Getrieben von kindlicher Neugier entdeckte Khaled neue Ecken und unbekannte Tiere. So erschloss er sich seine eigene Welt.

TILLUSTRATION: FREEPIK.DE

Die schönste Erinnerung hat Khaled jedoch an eines der zwei wichtigsten muslimischen Feste: Neben dem Opferfest Eid al-Adha, das an die auch im Christentum bekannte göttliche Abwendung der Opferung Isaaks durch dessen Vater Abraham erinnert, gibt es das Fest Eid al-Fitr. An diesem Tag wird das Fastenbrechen gefeiert. Das Fest steht aber auch für Solidarität und Freude und wird oft als Familienfest begangen. Khaled erinnert sich an Abende, an denen er und die anderen Kinder lange wach bleiben durften, von Tür zu Tür zogen, um nach Süßigkeiten zu fragen. Das Kind, welches am meisten sammeln konnte, erfreute sich zwar des Sieges, überaß sich jedoch meist an den Leckereien.

deutschland, 1992 Wenn ich mich zurückerinnere, denke ich an eine friedliche und behütete Kindheit. In der Nachbarschaft lebten viele gleichaltrige Kinder und das Zentrum unserer kleinen Welt war die wilde Wiese in der Mitte der Häuserreihen. Dort konnten wir uns gemeinsam nach der Schule austoben und auf Entdeckungsreise gehen. Das Gras, durch das wir uns wühlten, um zu den Schaukeln am Kirschbaum zu gelangen, war oft so hoch wie wir selbst. An Sankt Martin im November, einem Tag, an dem ursprünglich der Botschaft des Heiligen Martins, die Notleidenden nicht zu vergessen, gedacht wird, zogen wir zusammen los. Eine bunte Gruppe aufgeregter Kinder, die durch die Dunkelheit streiften, um Süßigkeiten an den Türen der Nachbarn zu ergattern. Diese wurden danach auf dem Teppich im elterlichen Wohnzimmer ausgebreitet und untereinander getauscht, mal mehr, mal weniger diplomatisch.

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GESCHICHTE

Epilog

Deutschland, 2016 Khaled spricht gut Englisch, er hat ein Sprachstudium in Syrien abgeschlossen und dort im IT-Bereich gearbeitet. Zwischen zahlreichen Formularen ist er nun in Köln auf Wohnungssuche, damit er sich mit einem festen Wohnsitz um eine Arbeitsstelle kümmern kann. Er tut alles dafür, schrift liche Belege zu sammeln, damit sein Mietanteil einem potentiellen Vermieter sicher ist. Ein schwieriges Unterfangen: ohne festen Wohnsitz keine Chance auf einen Arbeitsplatz. Ohne festes Einkommen keine Chance auf eine Unterkunft. Sätze wie ‚Warum kämpfst du nicht um dein Land?‘ oder ‚Leider kein Interesse, man denke nur an die Silvesternacht.‘ hat er oft gehört. In diesem Teufelskreis versucht Khaled regelmäßigen Kontakt zu seiner Familie in Aleppo zu halten, was durch das fehlende Internet dort erschwert wird. Ab und zu denkt Khaled darüber nach, trotz der grausamen Lebensumstände nach Aleppo zurückzukehren. Die Sorge um Eltern und Geschwister ist zu seinem ständigen Begleiter und einer zusätzlichen Belastung geworden. Aber Khaled möchte diese Chance für sich nutzen und seinen Deutschkurs erfolgreich beenden, um einen nächsten Schritt machen zu können.

Die Klarheit eines Entweder-Oders gibt es in der heutigen Zeit der Globalisierung nicht mehr: alles ist vernetzt, der eigene vertraute Raum fügt sich in eine große Struktur über Grenzen hinweg, vermischt und verändert sich. Das ist eine Herausforderung und kann beizeiten Angst machen. Diese war nie ein guter Ratgeber und Fragen sollten auch aus der Komfortzone heraus gestellt werden: Wie soll die Welt sein? Und was kann jeder einzelne dafür tun? Die Antwort scheint komplex, aber ein Grundgedanke kann ein Anfang sein: nach links und rechts schauen, sich auf andere Perspektiven einlassen, zuhören, erzählen, von sich und von dem, was einem wichtig ist. Und versuchen, das Gegenüber zu verstehen oder zu erklären, warum man es gerade nicht kann. So oder so, die Ansichten werden ähnlicher sein als erwartet, auch über soziale und kulturelle Unterschiede hinweg. Denn in den Erinnerungen und im Gefühlten gibt es mehr Übereinstimmungen als gedacht. Andersartigkeit finden wir in jeder sozialen Struktur, das Gefühl von Gemeinschaft, Beistand und gegenseitiger Unterstützung ebenso. Ein Bestreben kann also einfach sein, sich zu erinnern, an eine kleine Welt in der Aspekte wie Herkunft, kultureller Hintergrund oder Status keine Bedeutung auf die Verbindung zwischen Menschen hatte, sei sie nun gut oder schlecht. Menschenverachtender Radikalität und Machtgier zum Trotz: Denkt zurück und nach vorne und gestaltet eine Welt, die im Sinne der Menschlichkeit für jeden lebenswert wird und bleibt. Für sich selbst, aber auch über die eigene Existenz hinaus.

Syrien, 2016 +++ Aleppo in Trümmern +++ Feuerpause soll wieder aufgenommen werden +++ Humanitäre Hilfe für eingeschlossene Bevölkerung +++ Waffenruhe nur kurze


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Ach, wohin soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht? Von allen Bergen schaue ich aus nach Vater- und Mutterländern. Aber Heimat fand ich nirgends: unstät bin ich in allen Städten und ein Aufbruch an allen Thoren. Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern. So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm heiße ich meine Segel suchen und suchen. Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

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Verschnaufpause +++ Bewohner Aleppos nirgendwo mehr sicher +++ Im Ostteil von Aleppo in den letzten fünf Tagen mehr als 300 Kinder getötet und verletzt +++


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GLOSSE

Fürchtet Euch nicht

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GLOSSE

Du sollst keine Angst haben.

Du sollst keine Angst haben. Ungeschriebe- die Abers, Empfehlungen von Doku-Filmen wie nes Gesetz der Stunde. Erst kriegst du welche „Feed the world“ oder der uralt-hippieeske Hingemacht, dann soll sie möglichst nicht sein. weis auf den kleinen Anfang, der an einem selber Aber da war doch was? Es gab mal so etwas wie liegt. Buddhist zu werden und die Welt total geil begründete Angst. Ein hochproblematischer zu finden, ist aber längst keine echte Alternative Terminus. Unter seinem Deckmantel lässt sich mehr. Überhaupt, die Religionen… Partizipation bleibt zudem ein problematinoch der größte Unfug legitimieren. Gewalt sowieso. Außerdem werden jüngst Begriffe wie scher Begriff. Wenn immer mehr Menschen parAngstraum, subjektiv empfundene Angst und tizipieren ohne zu integrieren noch integriert zu Angststörung virulent. Der erste bringt Video- werden, dann wird noch mehr verglichen als ohüberwachung und anderen sogenannten Sicher- nehin schon. Partizipationsvergleiche sind allheitskonzepten einen kräftigen Schub, der zwei- überall im Gange und führen dort zu Unruhen, te ist eine eigentliche Tautologie sondergleichen wo ein Maß des Ausgeschlossenseins erreicht ist, und wenn der dritte auch nur halbwegs Substanz dass durch keine Fähigkeit, in Alternativen zu hat, dann sollten bald zwei Drittel der Deut- denken, gelindert werden kann. Da machen wir nicht mit. Auch so ein schwieschen an einer Angststörung leiden. Die Definition bleibt schwammig. Wann hat man denn viel riges Ding: Wir da, die da, ihr da! Wer sagt denn oder zu viel Angst, damit sich dies definitorisch die und wir? Die Wir-Brüller versuchen relativ einsortieren ließe? Dass Angst störend ist, liegt bald, als einzige Wir sagen zu dürfen, weil sie eija in ihrem Kern. Wenn die Leute es sagen also? gentlich nur sich ganz vorne sehen wollen. Und Tun sie aber nicht. Darum laufen manche von die Die-Da-Sager fühlen sich oft so weit weg ihnen Amok. Zu spät aufgefallen ist halt auch von einem echten Wir, dass sie, wenn sie zu viele werden, ein unheilvolles Wir bilden können. Massaker. Gleich neben dem Wink mit der Angst stehen Leider sind die Wir und die Die-Da-Brüller imdie Ratgeber aller Couleur bei Fuß. Feld-Wald mer häufiger ein- und dieselben. Oft sind es ähnund Wiesen-Diagnostiker unserer aktuellen lich enthemmte und ignorante Hirne aus ganz Lebensumstände pflastern den Weg europäi- verschiedenen Regionen der Welt. Die Prinzipien von Inklusion oder Exklusion scher Sozialgesellschaften nach unten. Sie kommen aus den Wissenschaften, sind Lehrer oder sind klar. Jetzt müsste das nur noch Schulstoff in Berufsfeldern wie Medien, Kunst oder der werden. Ein Schulfach namens Systemische Befreien Wirtschaft unterwegs. Von den verbal- ziehungslehre zum Beispiel! Ich fordere mal was. dimorphen Schwallern aus den politischen Sehr trendig, zu sagen, was wir müssten. Wirkt Institutionen ganz zu schweigen. Die Medien irgendwie so clever. Dass es auch nur im Entsind entsprechend voll von Angstmache und ferntesten clever war, ist aber schon lange her. neuerdings auch voll von „Angst weg“-Schwa- Eigentlich läuft es derart beschissen, dass überdronierung. Ernstzunehmend mäßigende und haupt noch Angst zu haben, völlig idiotisch erechte Krisenmedien, die einen öffentlichen und scheint. Ein Ziel könnte sein, Befürchtungen zu ideologiefreien Diskurs darüber eröffnen, was konkretisieren: Habt keine Angst: Ihr seid schon das Stündlein geschlagen hat, ohne in Panik zu längst von ihr überwältigt. Wir sind die Angst! verfallen, scheinen kaum mehr zu existieren. Da Übrigens, wer hat es bemerkt? In diesem Text ist nicht einmal das Wort Flüchtling gefallen. kann man schon mal heftige Angst kriegen. In den meisten Artikeln, die wir lesen, folgen an dieser oder bald nach einer solchen Stelle dann TEXT /// ANDREAS RICHARTZ FOTOS /// JUDITH UHLIG


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null22eins #16  

Kölner Kulturen Magazin

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