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ZERO CITY Auf dem Weg zu einem stadtmodell für die postwachstumsära

Report No. 1: ERSTE SCHRITTE ZUR ZERO CITY

ANSTOSS EINE FÜR KAL RADI ALTIGE NACHH ADT ST

Ein Projekt von:

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WIR WE RDEN DI ESE STA Dt NOCh  BRauCH EN. 2


Inhalt 4

VORWORT Zero City – Eine Vision für eine radikal nachhaltige Stadt Daniel Opper, ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

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WARUM ZERO CITY? Das Umdenken muss in den Städten beginnen Julian Petrin, Nexthamburg

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KOMMENTAR Zukunftsvisionen sind praktische Herausforderungen Henrik D. A. Schimkus, ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

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VON DER IDEE ZUR STADTVISION Eine Co-Kreation in drei Schritten

14 REGELN, PRAKTIKEN, WERKZEUGE UND STRUKTUREN WIE FUNKTIONIERT DIE ZERO CITY 22 WIE SIEHT DIE ZERO CITY BAULICH AUS? Drei Prinzipien der räumlichen Organisation 24 AUSBLICK Wie kann die Idee der ZERO CITY Realität werden? Anna Wildhack, Nexthamburg

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Vorwort

ZERO CITY – Eine Vision für eine radikal nachhaltige Stadt „Vermeiden Sie eine Vorliebe für Dinge, die bald verschwunden sein werden.“

Während die Bevölkerung zunimmt, schwindet die Substanz dessen, was eine Stadt wirtschaftlich vital und gemeinschaftlich lebenswert macht. Segregation, Gated Communities oder Townships sind warnende Zeichen einer Zukunft, in der Lebensqualität ein knappes Gut wird. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich eine doppelte Herausforderung: Können wir die Lebensqualität in wachsenden und sich verdichtenden Städten noch erhalten bzw. steigern – und gleichzeitig signifikant Ressourcen einsparen, die knapper und teurer werden? Können wir unsere Städte so „fit“ für die Zukunft machen?

Jørgen Randers Autor des neuen Berichts an den Club of Rome, „2052“

Die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte gemeinsam mit dem Hamburger Think Tank Nexthamburg eine Diskussion zu dieser Frage anregen. Im Rahmen der Initiative „.vernetzt#  – Wie wollen wir leben?“ bietet die ZEIT-Stiftung ein Forum für gesellschaftspolitische Zukunftsfragen. ZERO CITY ist Teil dieser Initiative geworden: ein partizipatives und exploratives Ideenlabor, das Experten und Bürger zusammenbringt. Gemeinsam soll die Vision einer Stadt formuliert werden, deren Maxime sich in einer Frage manifestiert: Wie können wir doppelte urbane Lebensqualität bei halbem Ressourcenverbrauch erreichen? Um diesem ehrgeizigen Ziel näher zu kommen, müssen wir bereit sein, gewohnte Regeln, Prozesse und Strukturen infrage zu stellen und – zu Gunsten einer besseren Option – aufzugeben. ZERO steht dabei symbolisch für alles, was wir dafür zur Disposition stellen müssen. Die Suche nach mehr Lebensqualität steht hingegen dafür, dass ZERO auch attraktiv sein muss, um Menschen für einen solchen Veränderungsprozess zu gewinnen. Für uns als Stiftung ist das lohnende an solch einem hypothetischen Konzept, seine gesellschaftliche Tragfähigkeit zu prüfen und öffentlich zur Debatte zu stellen. Dazu haben wir im Rahmen des Ideenlabors mit Bürgern, Künstlern und Stadtplanern zusammengearbeitet und sie gefragt, wie sie sich eine ZERO CITY konkret vorstellen und ausgestalten würden. Der folgende Report soll einen verdichteten Überblick über die Ergebnisse der Workshops geben. Darin ging es vor allem um die Fragen, welche Dimensionen ein Wandlungsprozess hin zu einem sparsameren (suffizienten), nachhaltigeren, lokaleren, (subsistenten) Handeln hat und wie wir Lebensqualität (neu) definieren wollen. Die Ergebnisse dieser Exploration sollen nicht in eine fertige Agenda münden, sondern Handlungsoptionen aufzeigen.

ZERO CITY ist ein Ideenlabor der ZEIT-Stiftung und Nexthamburg, das die Reaktion und Anpassungsfähigkeit von Metropolen und ihren Bevölkerungen auf Klimawandel, Wachstum sowie Ressourcenknappheit untersuchen will. Eine ZERO CITY muss sich normativ und sozial, strukturell und architektonisch vollkommen neu erfinden, um sich kommenden Krisen anpassen zu können. Ihre Leitfrage lautet: Doppelte Lebensqualität bei halbem Ressourcenverbrauch – ist das möglich? Seit der Industrialisierung üben Städte durch ihre Wirtschaftskraft und ihr Wohlstandsversprechen weltweit eine magnetartige Wirkung auf die Bevölkerung aus. Angezogen von der Hoffnung auf ein besseres Leben, Jobs, Infrastruktur und eine Vielfalt von Möglichkeiten ist bis heute ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung, also mehrere Milliarden Menschen, in Städte und urbane Regionen migriert. Diese Zentren verbrauchen bereits heute über 80 % der globalen Ressourcenströme. Zugleich ist die Endlichkeit vieler Rohstoffe zu erwarten, die dieses historische Wachstum getragen haben. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Migration der Menschen in Städte weiter fortschreitet. Gleichzeitig wird sich das Wirtschaftswachstum, so die aktuellen Prognosen der OECD, aber langfristig tendenziell abflachen und bestimmte Ressourcen (etwa Energieträger oder seltene Erden) werden sich stark verteuern. Die weitere Digitalisierung und Automatisierung unserer Wirtschaft wird zudem klassische Erwerbsarbeits-Jobs weiter absorbieren. Wenn sich diese Trends bestätigen, stehen Metropolen vor einer Krise, die an die Beschreibung der Stadt als „Moloch“ erinnert.

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Der Wandel hin zur ZERO CITY kann auf drei Ebenen stattfinden:

Ebene der sozialen Spielregeln (Das ZERO CITY Manifest/Charta) Ebene der „Werkzeuge“, die den Wandel ermöglichen (ZERO CITY Tools)

Ebene der baulichen Strukturen (ZERO CITY Struktur)

Die Veränderungsprozesse, die der Report auf allen drei Ebenen vorschlägt, werden Kontroversen hervorrufen, da beispielsweise ein freiwilliger Ressourcenverzicht heute keineswegs mehrheitsfähig ist. Menschliche Verhaltensweisen und Gewohnheiten sind „Standardeinstellungen“, wie sie der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace einmal genannt hatte. „Sie sind Glaubensformen, in die man nach und nach einfach so hineinschlittert, jeden Tag ein bisschen mehr; man wird immer wählerischer bei dem, was man sieht und wie man Werte beurteilt, ohne eigentlich wahrzunehmen, dass man genau das tut.“ ZERO CITY hinterfragt genau diese durch die Zeit des Wirtschaftswachstums in uns geprägten „Standardeinstellungen“ und Wert – und somit vor allem auch die Regeln unseres Zusammenlebens. Hierin liegt das zweite Erkenntnisinteresse dieses Projektes für die ZEIT-Stiftung. Diese Regeln müssen wir als Gesellschaft und Stadtbewohner immer wieder neu aushandeln. Lassen Sie sich also von dem folgenden Report und seinen Vorschlägen inspirieren. Sie sollen zum Nachdenken ebenso anregen wie zum Widerspruch. Wir freuen uns auf Ihr Feedback. Besuchen Sie dazu gerne die Seite unserer Initiative .vernetzt#: www.vernetzterleben.de. Hier erfahren Sie auch, wie es mit ZERO CITY weitergeht. Im Namen der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte ich allen Teilnehmern der ZERO CITY Workshops für diese kollektive Exploration ebenso danken, wie dem Expertenteam von Nexthamburg, das die Ergebnisse editiert, bewertet und den folgenden Report gestaltet hat. Daniel Opper Projektleiter .vernetzt# – Wie wollen wir leben? ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius Hamburg, im April 2014

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WARUM ZERO CITY?

Das Umdenken Muss in den Städten beginnen Seit Erscheinen des ersten Berichts an den Club of Rome vor über 40 Jahren gilt es als Allgemeinwissen: Wirtschaftswachstum, das vor allem auf der Ausbeutung fossiler Ressourcen beruht, ist endlich. So oft diese Erkenntnis zitiert wird, so wenig scheint sie unser Handeln beeinflussen zu können. Wenn wir unser Handeln ändern wollen, müssen wir in den Städten anfangen. Denn hier haben wir die Chance dazu.

Elektromobilität, erneuerbare Energien und Co.: Wir befinden uns längst auf dem Weg in die postfossile Zeit, möglicherweise auch in eine postökonomische Zeit, in der wir nicht mehr unsere Produktivität und damit unser wirtschaftliches Wachstum zur Messlatte für Entwicklung nehmen, sondern unsere Lebenszufriedenheit. Aber wenn man genau hinsieht, sind wir immer noch zu sehr damit beschäftigt, unsere bestehenden, extraktiven Lebensgewohnheiten bloß effizienter zu gestalten, anstatt sie infrage zu stellen und nach wirklich neuen Wegen der Wertschöpfung zu suchen. Die Grundfrage, wie eine Gesellschaft aussieht, die sich vom Wachstumspfad verabschiedet, stellen wir noch viel zu selten. Nehmen wir also an, wir müssten uns als eine Gesellschaft organisieren, in der dramatisch weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Wie und wo würde man anfangen? Als praktischer Urbanist und Stadtforscher fällt mein Blick auf die Städte: Hier konzentrieren sich die Anlässe für den Ressourcenverbrauch. Will man an die Wurzeln des Problems gehen, muss man eben diese Anlässe infrage stellen. Dann kommt man nicht umhin, sich mit der Organisation unseres urbanen Lebens zu beschäftigen. Aus den Städten kommt ein Großteil der globalen Güternachfrage, hier werden die Ressourcen verbraucht, die wir anderswo extrahieren. Hier müssen wir also beginnen, unsere Gewohnheiten zu ändern – durch Verhaltensänderung, Neuorganisation von ökonomischen Aktivitäten und Umbau der Infrastrukturen.

Das Modell des rohstoffbasierten Wachstums herrscht ungebrochen – abgeschwächt zwar in den früh industrialisierten Gegenden der Welt, dafür mit neuer Dynamik in den aufstrebenden Regionen Asiens und des globalen Südens. Der Wachstumspfad wird, wenn wir ihn weiter wie bisher beschreiten, immer kostspieliger und immer risikoreicher. Die ökonomischen und ökologischen Kosten der Ausbeutung unseres Planeten steigen mit jedem Schritt. Obwohl wir es besser wissen: Wir haben den Pfad in den vergangenen 40 Jahren nicht verlassen können. Und es wird uns auch künftig nicht gelingen, solange wir nicht grundlegend darüber nachdenken, warum wir ihn weiter beschreiten sollten. Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern ein Vehikel zu gesellschaftlichem Fortschritt, zu Wohlstand und Lebenszufriedenheit. Aber droht das Wachstum nicht auch den geschaffenen Fortschritt zu ersticken? Setzen wir unsere Ressourcen – die globalen wie unsere persönlichen – noch richtig ein? Welche Maschine füttern wir da eigentlich?

Stadtforscher in aller Welt suchen nach Wegen aus der Knappheitsfalle. Längst geht es nicht mehr alleine um Begriffe wie „Ressourcensparen“ oder „Nachhaltigkeit“. Es geht um „Robustheit“, vielleicht sogar um „Antifragilität“ (Nassim Taleb), was immer auch einschließt, dass wir gewisse Krisen nicht mehr ausschließen können. Wir müssen vielmehr lernen, aus ihnen sogar gestärkt hervorzugehen. Für die Stadtforschung bedeutet das zunächst: Wir müssen über ein nicht auf Ressourcenextraktion basierendes ökonomisches Wachstum nachdenken. Wir sollten andere Grundlagen des Wohlergehens finden – so wie es der Zwergstaat Bhutan im Himalaya versucht, indem er die Zufriedenheit seiner Bewohner als Maßstab für seinen Erfolg nimmt. Die „Bhutanisierung“ unserer Städte könnte ein Weg sein, das Urbane neu zu konstituieren – nicht als Akkumulation von ökonomischer Kraft, sondern von Zufriedenheit.

Es sind nicht nur diese Gedanken, die das Projekt ZERO CITY inspiriert haben. Es ist auch die kühle Notwendigkeit, sich mit einem Szenario auseinanderzusetzen, das mit unerbittlicher, mathematisch beschreibbarer Wahrscheinlichkeit auf uns zukommt. Je nach Untersuchung dauert es vielleicht nur noch einige Jahrzehnte, bis die meisten fossilen Ressourcen erschöpft sind. Bis es soweit ist, müssen wir wissen wie wir unsere Gesellschaft ohne sie organisieren. Wir werden sie entweder substituiert oder noch viel weitgehender als heute eingespart haben müssen. Möglicherweise wird unser materieller Wohlstand dabei nicht weiter wachsen, sondern zurückgehen. Wir werden vielleicht andere Quellen der Prosperität finden müssen – oder zwangsläufig eine Effizienz im Ressourcenverbrauch lernen, von der wir heute noch weit entfernt sind.

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werden? Auf welche Güter und Ressourcen von außen können wir tatsächlich verzichten? Wie weit kann der ZERO CITY-Gedanke gehen, um das Versprechen nach mehr Lebensqualität noch einzulösen? Mit der Arbeit am Projekt ZERO CITY sollen auch die Grenzen der Idee einer Postwachstumsstadt ausgelotet werden. Denn der Blick in die Geschichte der Stadtutopie lehrt: Absolute Konzepte hatten nie Aussicht auf Erfolg. Es geht immer um die pragmatische Justierung einer visionären Idee.

Der Think Tank Nexthamburg und die ZEIT-Stiftung haben sich unter dem Titel „ZERO CITY“ 2013 gemeinsam auf den Weg gemacht, eine positive Vision für eine „Postwachstumsstadt“ zu entwickeln und nach konkreten, machbaren Anfängen für den Umstieg zu suchen. Die Null im Titel steht für das visionäre Ziel von null Ressourcenextraktion. Die Null lässt sich aber auch lesen als „Null Ballast“ – als Versprechen, dass die Neujustierung unserer urbanen Ökonomie zugleich ein Mehr an Lebensqualität bedeuten kann.

Das bisherige Echo auf die hier dargestellten ersten Schritte des ZERO CITY-Projekts hat gezeigt, dass der Wunsch nach Umsteuerung groß ist. Die Erkenntnis, dass wir etwas ändern müssen, um das, was wir lieben erhalten zu können, hat viele Menschen längst zum praktischen Handeln bewegt. Machen wir den nächsten Schritt und entwerfen wir die ZERO CITY als Rahmen, der die vielen Anfänge der Einzelnen stark macht. Denn: Wir werden diese Stadt noch brauchen.

In diesem Report sind die Erkenntnisse aus den bisherigen Schritten des Projekts zusammengefasst – den ersten Workshops und einer Ausstellung, in denen wir Ideen gesammelt und diskutiert haben, wie sich das Leben in einer Postwachstumsära organisieren lässt. Ziel ist es, gemeinsam mit Forschern, Künstlern und Bürgern in weiteren Schritten aus diesen Ideen konzeptionelle und praktische Grundlagen für eine reale ZERO CITY zu machen. Dabei ist offen, wie die ZERO CITY einmal umgesetzt werden könnte, als Stadtquartier oder eher als räumlich verteilte Gemeinschaft von Menschen in der Stadt. Wichtig sind die Grundprinzipen der ZERO CITY: Was man im Alltag braucht, muss soweit möglich innerhalb der Stadt hergestellt werden. Und von dem, was die Stadt nicht bereitstellen kann, muss so viel wie möglich gespart werden. Zudem herrscht das Prinzip der Sharing Economy: Was geteilt werden kann, wird geteilt. Was aber kann tatsächlich innerhalb eines Stadtquartiers hergestellt

Julian Petrin Nexthamburg / The Next Network Kurator ZERO CITY

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Kommentar

Zukunftsvisionen sind praktische Herausforderungen Denkt man über die ZERO CITY nach, als Name oder Sammelbegriff für Visionen einer besseren Zukunft, denkt man automatisch einen Wandel mit. Damit wir von einer Vision zur Wirklichkeit kommen, muss sich etwas verändern. Unabhängig davon, wie wir die einzelnen Ideen und Vorschläge, die dieser Report beschreibt, bewerten, wäre ein bestimmter Grad von Wandel immer nötig. Die Formulierung „Es muss sich etwas verändern“ lenkt dabei gerne davon ab, dass gesellschaftliche Veränderungen, so sie denn nicht höherer Gewalt geschuldet sind, immer vom Menschen ausgehen müssen.

Dann gilt es einen breiten (gesellschaftlichen) Konsens darüber zu schaffen, dass eine Situation der Veränderung bedarf. Deckt man beispielsweise Missstände auf, bringt man eher auch andere Menschen dazu, sich für die Veränderung dieser Situation zu engagieren. Dies gilt im Besonderen für „unbequeme Wahrheiten“ wie die Notwendigkeit unseren Lebenswandel stark zu verändern, wollen wir unseren Nachfahren eine lebenswerte Zukunft bieten. Speziell bei gesellschaftlichen Unrechtmäßigkeiten, gibt es meist Parteien, die von diesen profitieren. Konfrontationen lassen sich also nicht völlig vermeiden. Hier kommt die Überzeugung ins Spiel. Nichtregierungsorganisationen wie etwa Foodwatch, Oxfam oder Greenpeace bekämpfen Missstände auf verschiedene Arten, sowohl durch direkten Protest, Charity-Aktionen, zivilen Ungehorsam als auch durch Überzeugungsarbeit.

Die Annahmen, auf denen die hier vorgestellten Ergebnisse basieren, sind mal optimistischer und mal pessimistischer. Manche scheinen dem Ansatz nach leichter, manche schwerer umzusetzen. In der Regel wird man es bei den meisten gesellschaftlichen Veränderungsversuchen mit Widerstand zu tun bekommen und sei es nur, weil das Bedürfnis nach Routine und Verlässlichkeit bei Menschen deutlich ausgeprägt ist.

Alle Betroffenen eines Umstandes oder einer Situation, aber auch ihre Auslöser und selbst Unbeteiligte sollen dann davon überzeugt werden, dass es bei der angestrebten Veränderung nicht um eine „Wir gegen Euch“-Haltung geht. Es geht vielmehr um eine Haltung, die ausdrückt, gemeinsam gegen uns alle betreffende Probleme vorgehen zu wollen. Das zentrale Element der „organisierten Überzeugungsarbeit“ ist es, eine Alternative aufzeigen, die die jeweiligen Aktivisten als Verbesserung des Ist-Zustandes ansehen und bewerben. Dabei geht es nicht unbedingt darum, einem Gegenüber zu sagen, was er oder sie falsch machen. Wird nach der Offenlegung eines Missstandes anstelle von alleinstehender Kritik eine wohl begründete Alternative angeboten, kann sich der Gegenüber selbst für die aus seiner Sicht bessere Lösung entscheiden. Damit wird deutlich, was die ZERO CITY leistet, die als Plattform dient, um Alternativen für die zukünftige Entwicklung unserer Städte darzustellen.

Der Wunsch nach Veränderung entsteht fast immer durch Reizpunkte (in den meisten Fällen gesellschaftliche Missstände), die von einzelnen Personen bis hin zu großen Gruppen wahrgenommen werden. Doch wie kommt man von einem solchen Punkt, über eine Zukunftsvision, zu einer tatsächlichen Veränderung? Es gibt viele Wege, wie den Eintritt in eine politische Partei oder konfrontativeres Verhalten wie die Teilnahme an Demonstrationen (wir sprechen hier bewusst nicht von gewaltsamem Vorgehen). Eine in letzter Zeit häufiger benutzte Herangehensweise lässt sich als „organisierte Überzeugungsarbeit“ bezeichnen. Es handelt sich dabei um eine Art Aktivismus, der weniger auf Konfrontation, sondern stärker auf Kooperation setzt. Das Schema sieht so aus: Reizpunkt > Veränderungswunsch > Zukunftsvision > Organisation > Kommunikation > Überzeugung > Veränderung

Henrik D. A. Schimkus ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Nachdem der Reizpunkt zu einem Veränderungswunsch geführt hat, entwickeln wir eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung von einer verbesserten Situation. Nun formuliert man diese Vorstellung aus, kommuniziert sie und stimmt sich mit anderen darüber ab. So festigen dieser Philosophie folgende Aktivisten eine für sie kohärente Zukunftsvision. Anschließend organisieren sie sich und identifizieren relevante Ansprechpartner.

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WAS MAN IM ALLTAG BRAUCHT, MUSS SO WEIT WIE MÖGLICH INNERHALB DER STADT HERGESTELLT WERDEN. UND VON DEM, WAS IN DER STADT NICHT HERGESTELLT WERDEN KANN, MUSS SO VIEL WIE MÖGLICH GESPART WERDEN. DIE ZERO-CITY GRUNDFORMEL

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der prozess SPEKULIEREN SESSION 1, August 2013, unmarked space festival auf der LOTSENINSEL, Maasholm

REFLEKTIEREN 10


DEBATTiEREN ENTWERFEN SESSION 2, september 2013, LOKALDESIGN HAMBURG

ZUSPITZEN .vernetzt# – das fortschritts-camp der zeit-stiftung, september 2013, KAMPNAGEL HAMBURG

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VON DER IDEE ZUR STADTVISION

Eine co-kreation in drei schritten DAS AUSGANGSSZENARIO

Über zwei Drittel der Menschen leben in Städten, fossile Ressourcen sind fast aufgebraucht und Städte müssen sich weitestgehend durch ihre Regionen versorgen. Das ökonomische Wachstum, das wesentlich auf dem Verbrauch fossiler Ressourcen beruht, ist akut bedroht und kommt an einigen Orten zum Erliegen. Wie würde sich das Leben in der Stadt verändern?

Mit diesem Ausgangsszenario startete im Sommer 2013 das Projekt ZERO CITY. Grundlagen des Szenarios bildeten die Diskurse der Postwachstumsökonomie, des Club of Rome und der Shareconomy. Zu Beginn stand die Vision einer Stadt, die nicht auf ökonomisches Wachstum setzt und versucht, mit den Ressourcen so sparsam wie möglich umzugehen. Wie würden die Menschen in einer solchen Stadt ihren Alltag organisieren? Könnte die Idee der ZERO CITY Grundlage der Entwicklung einer konkreten Stadt oder eines Quartiers werden? Die Vertreter der Postwachstumsökonomie gehen davon aus, dass ökonomisches Wachstum endlich ist und es nötig ist, sich heute schon Gedanken zu machen, wie man eine Postwachstumswelt organisiert. Zwei Prinzipien spielen dabei eine zentrale Rolle. Zum einen geht es um Suffizienz, also das Sparen. Wir müssen lernen, weniger und anders zu konsumieren. Zum anderen geht es um Subsistenz, also die Selbstversorgung. Was können wir selber herstellen? In welchen Bereichen können wir konsequent auf lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe setzen? Übertragen auf die ZERO CITY bedeutet das: Was man im Alltag braucht, muss so weit wie möglich innerhalb der Stadt bereitge-

stellt werden. Und von dem, was die Stadt nicht bereitstellen kann, muss so viel wie möglich gespart werden. Diese Formel bildete die Grundlage, mit der wir in einem Prozess der Co-Kreation die Stadtvision der ZERO CITY entworfen haben. Co-Kreation bedeutet, dass an der Entwicklung der ZERO CITY möglichst verschiedene Akteure mit unterschiedlichsten Interessen beteiligt sind. Drei Monate lang haben wir gemeinsam mit Künstlern, Wissenschaftlern, Praktikern, Aktivisten, Entscheidungsträgern und sonstige Interessierten an der Frage gearbeitet, wie der Alltag in der Zero City aussehen kann. Wie lässt sich Versorgung, Mobilität und soziales Miteinander organisieren – möglichst ohne Ressourcen von außen? Worauf müssen wir verzichten? Was werden wir gewinnen? Dabei haben wir Regeln für eine ZERO CITY formuliert und eine Reihe von „Werkzeugen“ identifiziert, mit denen sich der Alltag in der ZERO CITY organisieren lässt. Mit diesen ersten Erkenntnissen, die auf den folgenden Seiten präsentiert werden, sind die Grundlagen für den nächsten Schritt gelegt: die Gründung einer ZERO CITY-Community, in der urbane Lebensstil-Pioniere einzelne ZERO CITY-Werkzeuge im Alltag erproben.

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Entwicklung des Szenarios und von ersten Regeln und Strukturen Den Auftakt des Projekts machte die erste Session im August 2013 – als Teil des „Unmarked Space“-Festivals auf der Lotseninsel nahe Maasholm an der Ostsee. Einmal im Jahr treffen sich an diesem abgelegenen Ort, der selbst ein Sinnbild des ZERO CITY-Lebensstils ist, internationale Kulturschaffende, um am Meer an ihren aktuellen Projekten zu arbeiten. Der ideale Ort, um ein erstes Szenario zu entwickeln und Ideen für Regeln und Strukturen der ZERO CITY zu formulieren. Unter freiem Himmel erarbeiteten Künstler, Forscher, Bürger und zufällig anwesende Segelgäste gemeinsam die Grundlagen für das Projekt.

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Regeln und Strukturen ergänzen, prüfen und mögliche Praktiken fixieren In der zweiten Session im September 2013 im Hamburger Schanzenviertel ging es darum, die Regeln für die ZERO CITY auf Praktikabilität zu testen. Die WorkshopTeilnehmer konnten Rollen einnehmen und dabei Aufgaben des Alltagslebens lösen: So sollten sie zum Beispiel als Nahrhungsmittelkoordinatoren überlegen, wo in der Stadt Lebensmittel angebaut werden können und wie Nahrungsmittel ersetzt werden, die nicht vor Ort hergestellt werden können. Es entstand eine reiche Sammlung von Regeln und Praktiken, die den Grundstock für die weitere Arbeit an der ZERO CITY-Idee bildet. Dabei wurden auch drei konkrete BaustrukturModelle der ZERO CITY getestet: Wie muss eine Stadt räumlich organisiert sein, um radikal nachhaltig zu sein?

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Präsentation der Ergebnisse, Diskussion und Ausloten der Grenzen des Konzepts Im September 2013 fand das zweite .vernetzt# Fortschritts-Camps der ZEITStiftung auf Kampnagel statt, auf dem das Kooperationsprojekt einem großen Publikum präsentiert wurde. In einer eigenen Halle wurde eine raumgreifende, interaktive Installation eingerichtet – Stadtmodelle und eine schwebende Wand mit den Regeln der ZERO CITY. Die etwa 500 Besucher der Ausstellung wurden eingeladen, in „Kritzelbüchern“ zu beschreiben, wie sie in der ZERO CITY leben würden. Worauf würden sie verzichten? Worauf nicht? Die Ergebnisse dieser Befragung geben erste Aufschlüsse über die Grenzen der ZERO CITY-Idee.

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REGELN, PRAKTIKEN, WERKZEUGE UND STRUKTUREN: WIE FUNKTIONIERT DIE ZERO CITY?

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Die folgenden Seiten illustrieren die wichtigsten Ergebnisse aus dem bisherigen Arbeitsprozess: Das Regelwerk für die ZERO CITY sowie Vorschläge für Werkzeuge, Praktiken und Strukturen, mit denen sich die ZERO CITY organisieren lässt. Einige der Regeln, Praktiken und Werkzeuge sind bereits Teil des Alltags urbaner Communities, andere erscheinen aus heutiger Sicht noch schwer vorstellbar. Erst wenn wir in praktischer Erprobung Erfahrungen sammeln, wird man beurteilen können, welche Regeln und Praktiken „lebbar“ sind und welche nicht. Erst dann wird man wissen, bis zu welchem Grad die Idee der ZERO CITY umgesetzt werden kann.

Klimaschutz Sharing Economy

Postwachstumsökonomie

Ressourcensparen

Ausgangsszenario

Co-Kreation Regeln

Strukturen

Werkzeuge

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REGEL 1

CITY sollte Produktion: In der ZERO genbedarf möglichst viel für den Ei produziert werden. n dazu Transport und Logistik werde Steigende Energiekosten für zurück tiv erscheint, die Produktion führen, dass es wieder attrak öpfung“ dem Begriff „Urbane Wertsch in die Stadt zu holen. Unter gefasst, ntrale Produktionseinheiten werden vor allem kleine deze itgemäße duzieren. Ein Beispiel für ze die für den lokalen Markt pro s sind n Städten sind FabLabs. Da und flexible Produktion in de entar üblikationslabore, zu deren Inv öffentlich zugängliche Fabri er Fräsen r-Cutter, CNC-Maschinen od cherweise 3D-Drucker, Lase , zum hen es grundsätzlich jedem gehören. FabLabs ermöglic Fertigr Kompetenz, kraft eigener Produzenten zu werden. De RO CITY befriedigen, kommt in der ZE keiten Grundbedürfnisse zu ein hoher Stellenwert zu.

Open Prototyping Cafe

Was d en über d kst du ie und W Regeln erkzeu ge? Sag

es uns auf zeroci tyvisio n.net

WERKZEUG In FabLabs werden Produkte „on demand“ vor Ort hergestellt und sofort verkauft. WERKZEUG Im Refurbishment Center werden alte Produkte hergerichtet und neu angeboten.

WERKZEUG Im Open Prototyping Cafe entwickeln Bürger Lösungen für ungewöhnliche Produktwünsche.

REGEL 2 Stoffströme: Möglichst viele der in de r ZERO CITY verwendeten Materialien sollten wiederverwertbar sein.

WERKZEUG ZERO Waste: Produkte sind kompostierbar oder lassen sich für neue Waren wieder ver wenden. WERKZEUG Allpfand-System: Für alle Waren gilt ein Pfand, das man bei Rückgabe wiederbekommt.

WERKZEUG Urban Mining: Mikro-KohlefaserFabriken stellen aus Abfall Werkstoffe her.

Das Cradle-to-Cradle-Prinzip wird bereits heute in der Debatte um die nachhaltige Stadt viel diskutiert. Pro dukte, die nach diesem Prinzip funktionieren, sind komplett wie der verwertbar. Alle Materialien werden dabei in zwei Gruppen unt erteilt: Erstens – Dinge, die verrotten und zu Kom post werden. Zweitens – Dinge, die nicht verrotten und die heute noch überwiegend in den Müllverbrennungsanlag en landen, sollen zu 100 % wieder in neue Produkte überführt werden. Zudem muss sich unser Konsumdenken ver-ändern: Gek auft wird nicht das Produkt, sondern die Leistung. Wir kaufen keine Kaffeemaschine, sondern die Leistung des Kaffeekochens . Die Maschine bleibt Eigentum des Händlers. Dieser Kreislauf funktioniert, weil auf jede s Gerät ein Pfand bezahlt wird, den man nach Rückgabe wie dererhält.

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REGEL 3 Versorgung: Str om, Wasser und Wärme werden zu 100  % in der ZERO CITY gewonnen.

WERKZEUG Erdwärme, Solar und Mikro-W ind len: Jeder erzeugt mit Mikrok mühraftwerken 10 % mehr Energie als benötigt.

WERKZEUG Mit Piezo-Sensoren wird aus Alltagsbewegungen Energie erzeugt.

„Energieautark“ heißt die Vision, von der sich imm meinden aber au er mehr Gech Städte begeis tern lassen. Dah die Idee, dass St inter steckt rom, Wärme und Gas möglichst in Ortsgrenzen prod nerhalb der uziert werden. G elingen soll das du aus Wind, Sonne rch einen Mix und Biomasse so wie neue Speich und intelligente ertechnologien Geräte. Erste Ansä tze gibt es bereits Hamburg: Die Inte , auch in rnationale Bauau sstellung hat ein gelegt, wie die El Konzept vorbinseln energiea utark werden kö den eigenen Ener n nen. Um auch gieverbrauch zu reduzieren, kann Anreizsystem ge es zudem ein ben. Wer mehr En ergie erzeugt als erhält beispielsw er verbraucht, eise ein ÖPNV-Ja hresticket.

WERKZEUG Kleidung aus Na nostoff wandelt Körper wärme in Energie um.

Walmart Corporate/flickr

REGEL 4 Ernährung: Lebensmittel werden weitestgehend in der ZERO CITY und ihrem Umland hergestellt.

Mikrowindräder

Urbane Landwirtschaft ist in aller Munde. Die Gründe für die Ausweitung des Nahrungsmittelanbaus in den Städten sind vielfältig: der Anspruch auf einen nachhaltigen und gesunden Lebensstil, die Notwendigkeit aufgrund wirtschaftlicher Krisen oder das Ziel einer nachhaltigen Stadtplanung, die Transportwege vermeiden und den lokalen Kreislauf aktivieren will. Für die Versorgung einer ganzen Großstadt reichen Brachflächen, Parks, Dächer und Balkone flächenmäßig allerdings nicht. Eine Lösung könnten Pflanzenfabriken sein, wie sie derzeit in Japan getestet werden. In diesen Anlagen wird das Gemüse in bis zu 20 Etagen in einer Nährlösung gezogen.

WERKZEUG In der ZERO CITY wird jeder geeignete Freiraum für urban farming genutzt.

WERKZEUG Jeder Bürger besitzt mindestens ein Nutztier oder eine Patenschaft darauf.

WERKZEUG Heim-Molkereien und Gemeinschaftsbäckereien decken den Bedarf an Grundnahrungsmitteln.

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REGEL 5 WERKZEUG In Sharecafés können Nac hbarn ihre Werkzeuge und Dinge zum Ausleihen anbieten.

WERKZEUG Die Online-Tausch-Plattform Niriu gehört zur Infrasturktur der ZERO CITY.

WERKZEUG Jede Zero City hat einen eigenen Fahrzeugpool mit ausleihbaren Gefährten aller Art.

Besitz: Werkzeuge, Transp ortmittel & Co. – was geteilt werden kann , wird geteilt. „Nutzen statt Besitzen“ ist der neue Trend, der weltweit Einzug hält, vor allem unter jungen Großstadtbewohnern. Das ze igt sich besonders durch die Zunahm e von Angeboten wie Carsh aring. Aber auch das Teilen und Tau schen von so unterschiedli chen Dingen wie Wohnungen, Gä rten, Werkzeugen oder Kleide rn wird immer beliebter. Das „Time Magazin“ hat diese neue Ko nsumform zu einer der zehn großen Ide en erkoren, die die Welt verän dern. Denn dieser Umgang mit Gü tern schafft eine Win-Win-Sit uation für alle: Die Umwelt profitiert , die Qualität der Güter steigt und es stärkt die sozialen Beziehu ngen. Die „Shareconomy“ wa r nicht zuletzt Leitthema der weltg rößten Computermesse Ce BIT. Die Frage ist nur, was alles sin d wir bereit zu teilen? Und mu ss es nicht doch noch einen Rest Privateigentum geben?

Schon heute aktiv: niriu.de

REGEL 6 20-Stundene di lt gi Es : it be ar bs er w Er gerecht zu Woche, um Erwerbsarbeit verteilen. bis zur eit finden, arbeiten andere Während die einen keine Arb nur er Arbeiten wäre daher nicht vollen Erschöpfung. Wenig rde Arbeitslosigkeit, sondern wü ein wirksames Mittel gegen eter der freundlicher gestalten. Vertr den Arbeitsmarkt generell he für halten eine 20-Stunden-Woc Postwachstumsökonomie entation - und Angelpunkt ihrer Argum durchaus realistisch. Dreh lten Güter tzungsdauer von Gütern: Ha ist die Verlängerung der Nu werden. noch die Hälfte produziert doppelt so lang, muss nur n und er Geld für Neuanschaffunge Folglich brauchen wir wenig m verfügbare Zeit kann wiederu können weniger arbeiten. Die n, die leistung Dinge zu organisiere genutzt werden, um in Eigen , welche ssten. Offen bleibt die Frage vorher finanziert werden mu CITY zum Tragen kommt. Wirtschaftsform in der ZERO

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WERKZEUG melt, welche Die Jobbank sam gedeckt sind und t ab Tätigkeiten nich rmittlung. Ve e di organisiert

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WERKZEUG r: Je weniger man ue Negativste mehr Zuschuss zahlt to arbeitet, des aft. h sc n ei em G die


REGEL 7 Gemeinwesen: Zur Organisation der ZERO CITY wird gemeinnützige Arbeit gefördert. den-Woche her vorDie freigestellte Zeit, die aus einer 20-Stun Arbeit im lokalen Umgeht, sollte wiederum für gemeinnützige Tätigkeiten unter gefeld genutzt werden. Die Frage, welche er Erwerbsarbeit, ist meinnützige Arbeit fallen und welche unt e und versorgende noch offen. Primär sind es jedoch sorgend rag zum gesellschaftTätigkeiten, die einen wesentlichen Beit Kompetenzen stärken. lichen Zusammenhalt leisten und soziale r Frau – einer gemeinUnd wenn nun Jeder – egal ob Mann ode gkeiten auch nicht nützigen Arbeit nachgeht, wären diese Täti mehr „weiblich“ konnotiert.

WERKZEUG Firmen, die Zeit für mehr kom munale Arbeit lassen, erhalten die ZERO Tax-Steuer vorteile.

WERKZEUG Gemeinnützige Arbeit wird über Zeitkonten mit kommunalen Leistungen entlohnt.

WERKZEUG Tischlern, Reparieren, Brot backen: Im Craftshop werden handwerkliche Fähigkeiten geschult.

REGEL 8 Welche R egeln und Werkzeug e würdest du testen ? Sag es uns auf zerocityvis ion.net

WERKZEUG Das Bürgergeld wi rd eine ZERO CITY-ü finanziert durch bergreifende Bürgerstiftung.

WERKZEUG Jeder, der sich den Gru ndsätzen der ZERO CITY verpfl ichtet, erhält Bürgergeld.

Vorsorge: Es gib t eine Grundsic herung in Form eines B ürgergeldes.

Die Debatte übe r eine Grundsich erung bleibt zwie Einerseits ermög gespalten: licht die Grundfi n an zi er ung ein soziales Sicherungssyste m jenseits der E rw er bs ar beit und Abhängi Wenn es gut ausg gkeit. estaltet ist, kann da s zu dem die Einkom ungleichheit redu menszieren. Anderers eits wird damit di keit von Erwerbs e Notwendigarbeit ausgeblend et, denn je mehr Grundsicherung B ür ger eine beziehen würden, ohne zu arbeiten, müssten dies an um so mehr dere tun. Oder di e Grundsicherun gering, dass ergä g w är e so nzend Lohnarbei t verrichtet werde Grundsicherung n muss. Eine kann aber den Ü bergang in eine günstigen, weil M ZE R O CITY beenschen auf dies er Basis flexibler an verschiedene si nd und sich n anderen Tätigk eiten beteiligen können.

WERKZEUG Das Bürgergeld gleicht auc h den Verlust an Einkommen dur ch die Gemeinwesenarbeit aus.

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REGEL 9 WERKZEUG Die Dorf WG: Freunde und Nachbarn teilen sich Arbeitsräume, Küchen und Gärten.

WERKZEUG Jedes urbane Dorf hat einen HundertMeter-Laden, der Produkte aus und für die Nachbarschaft anbietet.

WERKZEUG In Snooze-Cafés kann man sich alleine oder in der Gruppe zurückziehen und entspannen.

Wohnen: Auf einen Quadratmeter privaten Raum kommen zwei Quadratmeter Gemeinschaftsraum. Mit zunehmendem Wohlstand leisten sich die Menschen auch mehr Wohnraum. Seit den 50er Jahren steigt die Wohnfläche pro Person kontinuierlich. Inzwischen liegt sie bei durchschnittlich 45 m2. Zudem führt der Trend der Individualisierung zu einem größeren Wohnflächenverbrauch, weil immer mehr allein wohnen. Das Prinzip der Sparsamkeit bezieht sich in der ZERO CITY allerdings auch auf den Flächenverbrauch. Die Lösung sind flexible Wohnkonzepte mit gemeinsam genutzten Gemeinschaftsräumen. Der individuelle Rückzugsraum darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, denn nicht immer wollen alle kommunizieren. Offen ist die Frage, wem der Wohnraum gehört. Gibt es noch private Eigentümer oder werden die Häuser dem Markt entzogen und kollektiv verwaltet?

Wo verl auf die Gren en ze Konzept n des s?

REGEL 10 Mobilität: Die ZERO CITY setzt zu 100 % auf nicht-fossile Mobilität. Eine Stadt, die auf nicht-fossile Mobilität setzt, ist zwangsläufig eine Stadt der kurzen Wege. Wohnen, Arb eiten, Versorgung und Erholung finden in unmittelbarer Nähe stat t. Der Autoverkehr lässt sich so auf ein Minimum reduzieren , während Fahrrad- und Fußverkehr gestärkt werden. Das wieder um entschleunigt die Verkehrsströme, die ein großer Stressfa ktor für viele Menschen sind. Autofreie Straßenräume ermögliche n zudem eine völlig neue Lebensqualität im urbanen Raum. Der Stadtteil Vauban in Freiburg ist hier beispielgebend.

Sag es u ns auf zerocity vision.n et

WERKZEUG Zurück zum Langsamverk ehr: Zufußgehen und Fahrrad sind das Rückgrat des Alltagsverkehrs.

WERKZEUG Jeder Bewohner hat ein CO2-Kontingent für Fernreisen mit Flugzeug, Schiff und Bahn.

WERKZEUG Dachcampen, Industriegolf, Hafenbaden: ZERO CITY Tours bietet spannende Reiseziele am Heimatort.

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kommentare aus der ausstellung

Forschung und Entwicklung benötigen aber internationalen Austausch und Vernetzung.

Müssen alle Vegetarier sein oder wie ist das mit dem Fleischkonsum geregelt?

Die Individualität darf nicht vergessen werden.

Es sollte einen Recycling-Contest geben: Wer kann aus Altem die besten neuen Gegenstände herstellen?

Das Menschenbild der ZERO CITY ist zu idealistisch, nicht jeder hat Lust auf Gemeinschaft.

Gibt es eine zentrale Instanz, die meinen Energieverbrauch kontrolliert und sanktioniert?

Auch Luxus ist wichtig für das gute Leben.

Bürgergeld: Wer arbeitet dann noch?

Was ist mit denen, die keine 20-Stunden arbeiten können?

Der Wettbewerbsgedanke ist im Men-

schen fest verankert. Worauf kann er sich in der ZERO CITY

beziehen, wenn nicht aufs Materielle?

Gibt es in der ZERO CITY noch soziale Schichten?

Was ist mit Jobs, die keiner machen möchte (z.B. Müllmann, Straßenreinigung)?

Kann man das

CO2-Kontingent

verkaufen, wie bei den Emissions-

rechten?

Fernreisen sind wichtig. Sie fördern Verständnis füreinander und erweitern den eigenen Horizont. 21

Die ZERO CITY läuft Gefahr, eine Gated Community zu sein.


WIe sieht die zero city baulich aus?

DREI PRINZIPIEN DER RÄUMLICHEN ORGANISATION Welche räumlichen Strukturen fördern das Prinzip der ZERO CITY? Aus den vielen Ideen und Anregungen, die wir im Laufe der bisherigen Arbeit gesammelt haben, haben sich drei Organisationsprinzipien herauskristallisiert: Die urbane Dorfbildung, die Konzentration und die Autarkie. Wir haben diese drei Organisationsprinzipien in extrem überzeichneter Form in Stadtmodelle übersetzt, um deutlich zu machen, welche Beiträge sie zur ZERO CITY leisten können.

Diese Strukturen sind nicht als eins zu eins umsetzbare Blaupausen für die Stadtentwicklung zu verstehen. Sie sind vielmehr organisatorische Grundprinzipien, die sich in bestehenden wie neuen Stadtstrukturen realisieren lassen. Bei der Entwicklung eines ZERO CITY-Quartiers können alle drei Prinzipien zum Einsatz kommen – sie schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Wie konsequent sie sich umsetzen lassen – und inwieweit sie die Architektur der Stadt verändern, soll in weiteren Schritten des Projekts untersucht werden.

Was de über nkst du di chen e räumliStruk turen Sag e ? su

Räumliches Organisationsprinzip: urbane Dorfbildung

Stadttyp: DIE „CELL“

fer – kleine In den Städten bilden sich urbane Mikrodör n. Diese Nachbarschaften mit 20 bis 100 Haushalte und gend rsor Mikrodörfer sind weitgehend selbstve omisch nicht-hierarchisch organisiert. Sie sind ökon miteinh ausc spezialisiert und stehen in engem Aust eine extrem ander. Durch die urbanen Dörfer entsteht ktur. tstru widerstandsfähige und vielfältige Stad

SO FUNKTIONIERT DIE CELL SELBSTVERSORGUNG

DORF 2

DEZENTRALITÄT

DORF 4

SPEZIALISIERUNG HANDEL

DORF 1 VIELFALT

DORF 3

22 22

zeroc ns auf ityvis ion.n

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Räumliches Organisationsprinzip: Konzentration

Stadttyp: DER „TREE“

Das zweite Organisationsprinzip hat das primäre Ziel, Fläche und Wege zu sparen. Dazu werden möglichst viele Nutzungen „gestapelt“. Entlang von Infrastrukturachsen beispielsweise entstehen hochkonzentrierte, mitunter in die Höhe ragende „Stadtbäume“, in denen die meisten der alltäglichen Bedarfe gestillt werden können – bis hin zu urbanen Anbauflächen.

SO FUNKTIONIERT DER TREE HANDEL

ETAGENDÖRFER

SELBSTVERSORGUNG VIELFALT

ZENTRALE INFRASTRUKTUR

Räumliches Organisationsprinzip: AuTARKIE

Stadttyp: DER „MONOLITH“

Die Selbstversorgung ist ein Grundpfeiler der Postwachstumsökonomie. Sie findet ihren konsequenten Ausdruck in der baulichen Autarkie. Der „Monolith“ ist das maximal autarke Stadtmodell der ZERO CITY. Er beinhaltet alles, was die Bewohner brauchen und ist zugleich gegen Umwelteinflüsse geschützt – ein Modell, das besonders im Fall einer Verschlechterung der Umweltbedingungen seinen Nutzen zeigen würde.

SO FUNKTIONIERT DER MONOLITH SELBSTVERSORGUNG VIELFALT

KAUM HANDEL AUTARK SUPERBLOCKS ALS DÖRFER

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AUSBLICK

Wie KANN DIE IDEE DER Zero City REALITÄT WERDEN? Die Mehrheit der Bürger glaubt nicht mehr daran, dass Wachstum auch automatisch mehr Lebensqualität bedeutet, so lautet das Ergebnis einer Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2010. Gesundheit, soziale Beziehungen und Umweltbedingungen gelten für den überwiegenden Teil der Befragten als Quellen persönlicher Lebensqualität und werden mit Abstand für wichtiger gehalten, als Geld und Besitz zu mehren. Tatsächlich gibt es aber jedes Jahr einen neuen Rekord im Material- und Energieverbrauch, in den Emissions- und Müllmengen. Wie schaffen wir es, diese Kluft zwischen Einstellungen und Verhalten zu überwinden? Wie kann ein Wandel hin zu einer ZERO CITY gelingen? Maximale Sparsamkeit und Selbstversorgung sind die Grundprinzipien der ZERO CITY. Aber der Wandel hin zu einem anderen Lebensstil kann nicht allein auf Minimierungs- und Verzichtsziele setzen. Die Idee der ZERO CITY muss ihre ganze Kraft als positive Stadtvision ausspielen: den Zugewinn von Lebensqualität durch den Ausstieg aus der Logik des „immer höher, immer weiter, immer schneller“. Wie aber sehen die nächsten Schritte hin zur ZERO CITY aus? Auf zwei Ebenen gilt es die offenen Fragen zu adressieren: Auf der praktisch-empirischen und auf der konzeptionellen.

Wie organisiert man beispielsweise seinen Alltag, wenn man versucht, möglichst keine neuen Gegenstände mehr zu kaufen, sondern alles gebraucht zu erwerben? Was gewinnt man durch diese Lebensweise? Worauf fällt es schwer, zu verzichten? Und was sind die Grenzen des ZERO CITY-Konzepts? Ziel der Plattform ist ein Vorrat an Praktiken zu schaffen, auf die auch andere zurückgreifen können. Weiterführung des wissenschaftlichen Diskurses Die wissenschaftliche Ebene des ZERO CITY-Projekts knüpft unmittelbar an die praktische Ebene an. Denn das experimentelle Erproben der Regeln und Werkzeugen gibt unmittelbare Erkenntnisse darüber, welche Strukturen, welche Räume und welche Gemeinschaften eine ZERO CITY braucht. In engem Austausch zwischen Wissenschaftlern und Praktikern wollen wir zum einen herausfinden, welche Regeln und Werkzeuge sich eignen, um maximal sparsam und selbstversorgend in der Stadt zu leben. Zum anderen wie eine Stadt räumlich organisiert sein muss, um das ZERO CITY-Prinzip zu fördern. Und schließlich geht es um die Frage, welche Form des Zusammenlebens diese Stadt braucht. Denn langfristiges Ziel des Projekts ist die tatsächliche Entwicklung einer konkreten Stadt oder eines Quartiers nach dem Muster der ZERO CITY.

Gründung einer ZERO CITY Community Auf der praktisch-empirischen Ebene geht es um das experimentelle Erproben der Grundlagen für die ZERO CITY: Die in diesem Report vorgestellten Regeln und Werkzeuge sollen durch ein Netzwerk von ZERO CITY-Pionieren experimentell im Alltag getestet werden. Das Netzwerk soll Menschen zusammenbringen, die ihr Leben anders bestreiten und bereits heute Handlungsprinzipien der ZERO CITY in die Tat umsetzen wollen. Erst durch die Erprobung wird sich herausstellen, wo Sparen und Verzichten wirklich machbar sind und Erleichterung bringen – und wo die Grenzen des Konzepts verlaufen. Um diese vielen Akteure des Übergangs aus der Unsichtbarkeit zu holen, möchten wir eine Online-Plattform einrichten, auf der die Menschen und ihre alltäglichen Praktiken im Vordergrund stehen. Nach dem Motto „tue Gutes und sprich darüber“ sollen die Akteure die Vorteile ihrer ressourcenschonenden Lebensweise darstellen und in Austausch mit anderen Menschen treten.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Viele Fragen sind noch völlig ungeklärt. Inwiefern muss sich beispielsweise unsere Gesellschaft politisch und kulturell verändern, um die Wachstumslogik außer Kraft zu setzen. Welche Rolle kann die „öffentliche Hand“ spielen? Soll sie lenkend in den Veränderungsprozess eingreifen, indem sie Anreizsysteme etabliert oder geeignete Räume bereitstellt, die Experimente abseits der gängigen Versorgungsstrukturen zulassen? Diese offenen Fragen bilden die Grundlage des weiteren Forschens und der experimentellen Erprobung. Anna Wildhack Nexthamburg

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Impressum Kuratierung des Gesamtprojekts ZERO CITY: Julian Petrin (Nexthamburg) Daniel Opper (ZEIT-Stiftung), Anna Wildhack (Nexthamburg) Gestaltung des Reports: Julian Petrin (Verantwortlich für den Inhalt) Redaktion: Anna Wildhack Texte: Daniel Opper, Julian Petrin, Henrik D. A. Schimkus, Anna Wildhack Fotos: Peter Fey (c) Visualisierungen: Julian Petrin Modellbau: Suitbert Schmitt, Alexander Breit, Melih Kös, Anita Laukart, Felix Nebel Druck: Druckerei Weidmann GmbH & Co. KG

Der Report ist ein Gemeinschaftsprojekt von: ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius Feldbrunnenstraße 56 20148 Hamburg

Nexthamburg Plus Bäckerbreitergang 14 20355 Hamburg

Wir danken unseren Partnern, insbesondere Timo von Kriegstein (unmarked_ space Festival) und dem Kampnagel Team sowie Lena Bührer, Katharina Bothe, Jessica Kellner und dem Nexthamburg-Team für ihre Unterstützung unseres Workshops. Wir danken allen Workshop-Teilnehmern für ihre Beiträge, Ideen und Interventionen.

ZERO CITY-Team v.l.: Elena Mozgovaya, Lale Welker, Felix Nebel, Melih Kös, Anita Laukart, Astrid Großmann, Alexander Breit, Anna Wildhack, Peter Fey, Daniel Opper, Julian Petrin, Sven Lohmeyer

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WIR WE RDEN DI ESE STA Dt NOCh  BRauCH EN. 26


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Internet und Globalisierung verändern unsere Gesellschaft radikal. Neuen Ideen von Kunst und Kultur, Partizipation und Gemeinwesen, Arbeit und Ökonomie, Stadt und Öffentlichkeit bietet die ZEIT-Stiftung mit der Initiative .vernetzt# – Wie wollen wir leben? ein Forum: So wollen wir .vernetzt# leben!

Mehr zum Engagement der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius: www.zeit-stiftung.de

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w w w. v e r n e t z t e r l e b e n . d e


ZERO CITY Report No. 1