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Nullnummer / Frühjahr 2014 / CHF 12.50 / EUR 10.–

HR Giger – Das grosse Interview Absinthe – Besuch im Val-de-Travers Legal Highs – Falsche Perspektiven El Pepe – oder die Verbesserung der Welt Albert Hofmann – Ein Gespräch mit dem LSD-Entdecker

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Drogen […] Allgemein weisen Drogen eine bewusstseins- und wahrnehmungsverändernde Wirkung auf. Traditionell als Genussmittel verwendete oder als Medikament eingestufte Drogen werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft nicht als solche betrachtet, obwohl in geeigneter Dosierung und Einnahmeform ebenfalls Rausch- oder erheblich veränderte Bewusstseinszustände auftreten können. Wikipedia, Stand Februar 2014


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Die Offenbarung des HR Giger Li I, 1974, 70 x ×97 cm, Acryl und Tusche auf Foto

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ÂŤWenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell wegÂť Seite 32


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I de Schwiiz Seite 58


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Der zweifelhafte Weg in die schรถne neue Welt Seite 66


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Im Durchgangstal Seite 86


Lucy’s Editorial

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Editorial von David Höner

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Rausch und Realität Ein Geleitwort von Herausgeber Roger Liggenstorfer

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«Das Leben hat mir vieles gegeben» Die Offenbarung des HR Giger im Interview mit David Höner

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Die Schattenseite der Kunst Ein kritischer Blick von Claudia Müller-Ebeling

«Wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg» Ein grossartiges Gespräch mit Albert Hofmann

Ich, Markus Berger, Visionär & Aktivist Selbstportrait eines Psychonauten

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Eine Mutter auf der Suche nach der Grenze Iris Disse reflektiert den Drogenkonsum ihres Sohnes

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Dort, wo die Feen wohnen Eine Reise mit David Höner zum Ursprung des Absinthe

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Vom Malariamittel zum Tonic Water HG Hildebrandt erzählt die Geschichte des Chinins

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El Pepe oder die Verbesserung der Welt David Höner zur Mission des uruguayischen Präsidenten José Mujica

Legal Highs Hans Cousto zu den neuen psychoaktiven Substanzen

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Drogenpolitik in der Schweiz Thomas Kessler zur Kohärenz in Drogenfragen

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I de Schwiiz Der Schweizer Rapper SKOR zur Befindlichkeit Helvetiens

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Der Deutsche Hanfverband im Fernsehen Lucy's gratuliert Georg Wurth zum Gewinn der Millionärswahl auf Pro7

102 Lucy's Mix 104 Lucy’s Bibliothek 111 Ausblick

Die Sehnsucht nach dem Rausch Marian Bissegger zur Drogenkultur in unserer Gesellschaft

111 Agenda 1 1 2 Abonnement 1 12 Impressum

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Auf die Reise gehen mit Lucy’s Gibt es das Traumland, wo aus Kohlköpfen Kinder wachsen, wo eine Wunderbohne in den Himmel wächst und wo dir der weise Elefantengott mit dem Rüssel die letzte Kirsche vom Vanilleeis saugt? Kann die Hexe mit den Tieren tanzen, mit dem Besen fliegen? Kann ein Tiger Haikus dichten? Ist das, was man im Dunkeln nicht sieht, hell und grell? Lebt im Wandschrank wirklich ein Geist, der am liebsten zur Melodie eines Wanderlieds mit Murmeln spielt? Woher kommt das Knacken im Heizkessel, und wohin geht der Lichterglanz der Weihnachtsbäume übers Jahr? Überströmende Gefühle beim Betrachten eines kleinen, grünschimmernden Käfers. Mal tosende Lebensfreude, dann abgrundtiefe Verzweiflung. Und aus tiefster Finsternis antworten Stimmen auf bedeutende und unbedeutende Fragen. Warum ist die Banane krumm? Existiert Gott? Ist mein Vater wirklich mein Vater? Bin ich von Ausserirdischen entführt worden? Haben Lügen kurze Beine, und wenn ja, im Vergleich zu welchen Tieren? Meine Güte, das letzte Glas war doch eines zu viel, oder habe ich schlechtes Aspirin erwischt? Die haben uns etwas ins Trinkwasser getan! Also die Strassenbahn rast heute ja geradezu vorbei. Ich muss mich setzen, nein, stehen, oder besser laufen oder ganz still liegen… Tauchen? Fliegen? Oder doch am klügsten mit der Strassenbahn fahren? Ja, wo ist sie denn? Da! – Wo? Schon vorbei! Drogen sind Alltag. Das Wissen um die Macht der Drogen ist in jedem bewusst lebenden Menschen vorhanden. Die gewöhnliche Anwendung, sei es ein Glas Bier, eine Tabakpfeife oder der Genuss einer Tasse Kaffee ist fest in unserer Kultur verankert. Geniessen nennt man diese Konsumgewohnheiten. Genussmittel ihre Zutaten. Drogen nennt man die Genussmittel dann, wenn eine Grenze überschritten wird, die üblicherweise angstbesetzt ist. Doch diese Angst lässt sich – wie die Angst vor

allem, was einen ins Unbekannte gleiten lässt – durch Neugier überwinden. Der drogenmündige Mensch weiss um Wirkungen und Risiken. Er weiss, was er «verträgt». Wir sind der Meinung, dass die Vielfalt von Angeboten, legaler und illegaler Art, nach Information verlangt. Im Umgang mit Drogen ist Vorsicht geboten. Doch wer den Umgang mit Drogen generell verteufelt und kulturellen und sozialen Traditionen ihre Bedeutung abspricht, begibt sich eher in Gefahr als der bewusste Konsument. Lucy’s ist kein Drogenratgeber. Auch kein wissenschaftliches Magazin. Es geht uns darum, das Thema aus verschiedensten Blickwinkeln mit Reportagen, Berichten und Bildern zu erhellen. Neue Entwicklungen, Kunst, Musik und Literatur gehören ebenso zum Spektrum von Lucy’s wie Drogenpolitik und frühere oder heutige Konsumgewohnheiten. Die Reise durch das eigene und das kollektive Bewusstsein ist mehr als ein Zeitvertreib. Davon ist zu berichten.

D a v i d H ö n e r, Re d a k to r


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G e l e i t w o r t z u L u c y ’s

Geleitwort zu Lucy’s

Rausch und Realität Text

Ro g e r L i g g e n s to r fe r, H e ra u s g e b e r

Wie bitte? Ein neues Printmagazin im digitalen Zeitalter? Ist das Mut oder einfach nur die Berauschung durch die Idee, etwas Neues zu schaffen? Und überhaupt, was soll der Name Lucy’s? Und was hat er mit dem Verlagsprogramm des Nachtschatten Verlags zu tun? Eingeweihte wissen: Der Name enthält eine Anspielung auf den BeatlesSong «Lucy in the Sky with Diamonds». Die Verbindung zu Albert Hofmanns Entdeckung scheint klar, vielleicht handelt es sich aber auch um einen Zufall – wie die Entdeckung von LSD selbst. Den Namen Lucy tragen zudem die sterblichen Überreste des in Afrika entdeckten ersten Menschen aus der «First Family» – des eigentlichen Urmenschen, dessen Alter auf rund 3,2 Millionen Jahre datiert wird.

Roger Liggenstorfer vor einem Bild von Fred Weidmann / Foto von Lara von Däniken

Lucy heisst aber auch einfach Licht. Und Licht ins Dunkel der Drogendiskussion zu bringen, ist eines der Ziele von Lucy’s. Seit dem SphinxMagazin, das von 1977 bis 1986 erschien, hat es kaum mehr Zeitschriften gegeben, die unvoreingenommen über Drogen und Bewusstsein sowie über traditionelles (schamanisches) Wissen berichteten und sich gleichzeitig an der Zukunft orientierten. In Zukunft werden wir nämlich psychoaktive Substanzen bewusst und gezielt einsetzen und ihr Wirkungspotenzial, ob nun medizinisch oder rekreational, anerkennen. Davon sind wir überzeugt. Es gibt sehr viele Hanfmagazine, die auch über Ethnobotanik und Schamanismus berichten; sie alle haben schon einiges zur öffentlichen Diskussion beigetragen, ebenso wie einige esoterische/spirituelle Periodika mit Artikeln zur traditionellen Ethnomedizin und den zugehörigen Ritualen – mit und ohne Substanzen. Die Mainstream-Medien berichten zunehmend differenzierter über Drogen und Rausch, da sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Rausch nicht zwingend mit Drogen zu tun haben muss. Es gibt substanzunabhängige Abhängigkeiten, die sogar mehr Schaden anrichten. Der Geschwindigkeitsrausch zum Beispiel fordert mehr Todesopfer als viele illegalisierte Substanzen zusammen.

Was Rausch ist, wird verschieden definiert und wahrgenommen. Für Drogengegner ist der Rausch per se etwas Negatives; legale ‚Genussmittel’ tolerieren sie bestenfalls gerade noch knapp. Weltoffene Menschen dagegen betrachten den Rausch differenzierter, sie erkennen zahlreiche mögliche Nuancen und Variationen. Beginnt ein psychoaktiver Zustand beispielsweise schon am Morgen beim ersten Kaffee oder erst mit dem Glas Wein zum Mittagessen?

Rausch ist also nicht ausschliesslich substanzorientiert. Rausch ist ein Urbedürfnis und kaum aus unserer Gesellschaft wegzudenken. Oder anders ausgedrückt: Was würde passieren, wenn von heute auf morgen keine Zigaretten, kein Bier, kein Kaffee und keine Psychopharmaka mehr erhältlich wären? Unvorstellbar!

Es ist Zeit, den Fokus auf unerforschte Bereiche zu richten, kritisch zu hinterfragen, aufzudecken, Berauschendes, Nachdenkliches und Gesellschaftskritisches zu publizieren. Und es ist Zeit, sich den verschiedenen Realitäten zu stellen und den Rausch (im rituellen Kontext) gesellschaftlich zu akzeptieren. Dazu will Lucy’s beitragen.

Realität ist wohl am schwierigsten zu definieren. Was ist meine, was ist deine Realität? Woher kommt sie, wohin führt sie uns? Und die alte Frage nach dem Sinn des Lebens: Was tun wir hier und jetzt in dieser Realität? In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders (einer meiner Lieblingssätze!) – und die drogenpolitische Wirklichkeit sieht leider trüb aus: Eine überwiegende Mehrheit der Menschen berauscht sich gerne und regelmässig. Der Konsum und Besitz von relativ harmlosen Substanzen kann dabei ins Gefängnis führen. Weitaus gefährlichere Genussmittel werden dagegen breit beworben und dürfen legal konsumiert werden. Auch das ist eine Realität – eine, die zu ändern wäre.

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LK ua cpyi ’t se lI n t e r v i e w

DIE OFFENBARUNG DES HR GIGER E i n I nte r v i e w m i t HR G i g e r Text D a v i d H ö n e r

«Ich kenne niemanden, der die seelische Befindlichkeit der heutigen modernen Gesellschaft so treffend im Bild festhalten kann wie er. Wenn in einigen Jahrzehnten vom zwanzigsten Jahrhundert die Rede sein wird, wird man an Giger denken.» Oliver Stone

Es ist früh an einem kühlen, regnerischen Novemberabend. Ich stelle das Motorrad ab vor einem kleinen, bescheidenen Haus mit einem verwilderten Garten. Bäume, ein Teich voller Laub, ein überwachsener Sitzplatz: ein fast verwunschener Ort inmitten der wuchernden Glas- und Betongebäude der Vorstadt. (Wie sich später herausstellt, ist es nur eines von drei miteinander verbundenen Reiheneinfamilienhäusern.) Zürich-Oerlikon, späte Dämmerung. Hier lebt HR Giger, der Oscar-Preisträger, der Schöpfer des Alien, der Maler des Necronomicon, einer der bedeutendsten Künstler der schweizerischen Gegenwart. Ich klingle an der Tür, eine grossgewachsene, gutaussehende Frau öffnet mir, lächelt: Carmen, seine Frau. Danach sitzen wir am Küchentisch und trinken ein Glas Wein. Eine ganz allgemeine Frage zuerst: Dein Verhältnis zu Drogen. Sind sie Bestandteil des Lebens? HR Giger: Ja und nein. Man kann sich selber besser kennenlernen, mit LSD zum Beispiel. Gekifft habe ich nur selten, ich rauche auch nicht und nehme auch kein Kokain.

Foto: Annie Bertram

Du warst ja befreundet mit Albert Hofmann. Was war das für eine Beziehung? Wie habt ihr euch kennengelernt? Wir kannten ihn nur während seiner letzten Lebensjahre, haben ihn drei- oder viermal besucht. Er war aber auch in unserem Museum in Gruyères. Ich erinnere mich, dass er mit der Hand über die Bilder gefahren ist und sagte, man könne sich kaum vorstellen, dass dies nur zweidimensional sei. Auch hat ihm die Bar extrem gut gefallen.

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L u c y ’ s I n Kt ear pv i teewl

HR Giger HR Giger, geboren 1940 in Chur, ist Schweizer Maler, bildender Künstler und Oscar-Preisträger. Er lebt und arbeitet in Zürich Oerlikon.

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Konntest du mit dem LSD etwas anfangen? Jeder, der LSD-Erfahrung hat, kann nur bestätigen, wie sehr es alle Sinne intensiviert. Da ich als Maler vor allem ein visueller Mensch bin, haben mich vor allem die Farben und die erweiterten, verzerrten Dimensionen begeistert. Die Welt von HR Giger liegt in vielem ausserhalb unserer (Normalbürger-)Wahrnehmung. Es ist, als ob du eine Tür geöffnet hättest. Könnte man sagen, dass dabei die erweiterte Wahrnehmung mit Hilfe des L S D eine Rolle gespielt hat? Das perspektivische Zeichnen hat mich schon als Knabe fasziniert. Natürlich hat mich das LSD nur schon deswegen fasziniert, weil sich meine früh wahrgenommenen «Verzerrungen» der Perspektiven bestätigt haben.

Gibt es ein Vorher und ein Nachher? Den Blick vor und nach dem Acid? Unbedingt. Das LSD öffnet Pforten, die «Pforten der Wahrnehmung», wie schon Aldous Huxley sagte. Es lässt sich nicht beschreiben, man kann es nur selber erfahren. Kannst Du umschreiben, was diese Eindrücke und Erfahrungen kennzeichnet? Wie gesagt, es sind die Farben und Formen. Intensiv, leuchtend, plastischer auch. Eine Art Neon-Glanz verstärkt sie. Alles beginnt zu strahlen, zu leuchten, die Dinge zerfliessen in der Bewegung. Werden auch die Gefühle und Empfindungen verstärkt? Du sagst es. Natürlich verstärken sich die emotionalen Zustände. Im Necronomicon gibt es drei Ölbilder: eine Toilette, den Waschtrog und eine Badewanne. Sie drehen sich um das Motiv der Vagina dentata (d.h. mit Zähnen), die einen verschlingen will. Es kann durchaus beängstigend wirken, das gehört dazu.

«Bilder von Geburt und Tod, Sexualität, Folter und anderen Formen von Gewalt, von körperlichen Ausscheidungen, satanischen Motiven und religiösen Themen finden sich nebeneinander oder gehen ineinander über.» aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century»

Sind es neue oder bestehende Ängste? Es sind bestehende Dinge, die sich auf bestimmte Weise verstärken oder verändern, sie weisen in eine Richtung. Das kann wie ein Film ablaufen, dazu leuchten die Farben, und alles verändert sich immerzu. Und die Kontraste verschärfen sich, komplementäre Farben tauchen auf. Wie gesagt, es lässt sich nicht beschreiben. Und kannst du eine Idee auch noch verfolgen, wenn du in so etwas eintauchst? Wirst du nicht abgelenkt, führt es dich irgendwo hin? Du meinst das LSD? Wenn ich male? Nun, wie gesagt, ich habe nur sehr wenige Male und nur während einer bestimmten Periode mit LSD gemalt, zudem immer mit einer sehr geringen Dosis. Andernfalls ist es unmöglich.

Biomechanoid I, 1974, 20 x ×140 cm, Acryl auf Papier auf Holz

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Also der Weg ist kein direkter. Man nimmt eine Substanz und erst danach, quasi in der Auswertung, wird es verarbeitet und zum Bild? Es kann auch direkt funktionieren, man kann, vor allem mit der Spritzpistole, unheimlich schnell reagieren, darauf eingehen, auf die Bewegungen, auf die Farben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man ein Bild oder eine Skulptur entwickelt. Auf diese Bewegungen einzugehen ist fast wie ein Tanz.

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«Landschaften aus Babyköpfen haben es mir besonders angetan. Babys sind schön und unschuldig, und doch sehe ich sie, in dieser riesigen Anzahl, als eine unheimliche Bedrohung und als den Anfang von allem Übel. Als Träger vieler Seuchen sind sie für mich prädestiniert, die psychischen und organischen Schäden unserer Zivilisation darzustellen.» aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century»

Eine direkte Inspiration? Und eine inspirierende Kreativität. Als du mit Zeichnen und Malen angefangen hast, war das auch ein Abbild dessen, was um dich herum passierte, und der Gesellschaft, in der du lebtest? Würde ich nicht so sagen ...

Fast braucht es Mut, um diese Bilder zu verstehen. Mut hilft nicht, etwas besser zu verstehen.

«Erkenntnisse aus der psychedelischen und der empirischen Psychotherapie haben bestätigt, dass Gigers Verständnis der menschlichen Psyche dasjenige von Mainstream-Therapeuten, die die neuen Erkenntnisse noch nicht akzeptiert und in ihre wissenschaftliche Arbeit integriert haben, bei weitem übertrifft.»

Also deine eigene Welt. Ich habe mir meine eigene Welt kreiert. Ich bin in Chur aufgewachsen, mein Vater kam aus Basel, die Mutter aus dem Thurgau. Als junger Mann kam ich nach Zürich an die Kunstgewerbeschule. Ich bin ein Städter, der Bauernhof war nie meine Welt. So sind auch meine Bilder städtisch, wenn man so will.

aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century» Zeigen sie uns auch eine Zukunft? Ja, schon. Sie wachsen, die Städte, in den Städten leben die vielen Menschen. In deinen Bildern spielt die weibliche Schönheit ja auch eine grosse Rolle. Hast du auch mit Modellen gearbeitet? Eher wenig. Es ist nicht günstig, andere Menschen um sich zu haben. Besser, man ist alleine.

Haben sich die Städte seit deiner Jugend auch verändert? Mir scheint, die Häuser und Strassen seien früher organischer gewesen. Doch sie sind es immer noch, nur dass sich dann diese Biomechanik entwickelte: Maschinen und Menschen verbinden sich, eher im negativen Sinn. Das ist heute aktueller denn je.

Ein anderer Faktor ist die Gewalt, die auch immer wieder eine Rolle spielt. Und oft in einer sehr subtilen Form. Die Bilder der Gebärmaschine beispielsweise… Vielleicht braucht es diese Erläuterungen einfach nicht. Etwas geschieht, und man hat die Leinwand oder den Malgrund vor sich. Man lebt in einer Umgebung, und am Ende spiegelt sich das wider, was man sieht, erlebt und spürt.

Hast du auch als Kind nie Blümchen oder Tiere gezeichnet? Nein, meine Bilder und Visionen sind früh entstanden, mit etwa acht Jahren habe ich Comics gezeichnet, viele Burgen, Indianerkämpfe, Schlösser mit Perspektiven bis hin zu Folterwerkzeugen.

«Indem er nach der Quelle seiner eigenen Alpträume, Visionen und beunruhigenden Phantasien suchte, entdeckte er, unabhängig von den Pionieren der modernen Bewusstseinsforschung und der empirischen Psychotherapie, die überragende Bedeutung des Geburtstraumas.»

Menschen, Maschinen und Architektur, das sind Leitmotive in Deiner Arbeit. Und Erotik? In meinen Werken ist das Weibliche oft erotisch, es sind androide Schönheiten. Mir gefällt dieses Organische, das Lebendige, der Mensch.

aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century»

Und warum die Folterwerkzeuge? Ist Schmerz ein Bestandteil deiner Kunst? Nicht wirklich. Es handelt sich eher um die Angst zu ersticken, vielleicht die Angst, die man hat, wenn man geboren wird, wie Stan es so treffend beschreibt. Meine Bilder sind trotzdem sehr subjektiv. Von mir geprägt.

Bist du ein politischer Mensch? Nein. Ich habe mich davon ferngehalten. Ich bin kein öffentlicher Mensch, meine Prozesse sind innerliche, seelische. Ich nehme nicht zu konkreten Dingen Stellung. Einzig das Thema der Überbevölkerung hat mich oft beschäftigt. Zu viele Leute – das ist das Thema der Gebärmaschinen. Was ich darstelle, ist diese Bedrohung. Die Welt hat sich meinem Empfinden nach in den letzten Jahren nicht verbessert. Kannst du benennen, was sich verschlechtert hat? Wie gesagt, zuviele Leute, zu viele Kinder, zu viele Alte: Es ist bedrohlich eng geworden...

Und in dieser subjektiven Wahrnehmung spielt auch der Tod eine Rolle. Ja, klar, der Tod gewinnt mit dem Alter zunehmend an Wichtigkeit. Er wird interessanter.

«Gigers Kunst entstammt offenkundig den Tiefen des kollektiven Unbewussten (…) die kreative Kraft floss ganz einfach durch ihn hindurch, und er wurde zu ihrem Instrument. (…)» Stan Grof

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«Der Begriff ‘Offenbarung’, in dem Sinn, dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, etwas sichtbar, hörbar wird, etwas, das einen im tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Tatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohne Zögern.» Friedrich Nietzsche Gibt es einen spirituellen Giger? Was meinst du damit? Religion? Religion hat mich nie interessiert, das ist zu stark institutionalisiert, es schränkt die eigene Wahrnehmung ein. Als frei denkender Künstler bin ich kein Anhänger solcher Einschränkungen. Vor allem das Christentum ist mir zu dogmatisch. Trotzdem. Gibt es bei dir ein Denken, welches über den Tod hinausgeht? Natürlich ist die Vorstellung, dass es einmal aufhören soll, mit Angst besetzt. Doch ich glaube nicht an eine Transformation, für mich hört es auf, es ist Schluss. Mit dem Tode ist es vorbei, so glaube ich zumindest. Man kann sich ja in diesem Bereich nicht sicher sein.

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(Die Katze springt auf meinen Schoss. HR lacht.) Offenbar magst du Katzen? Katzen finde ich spannend, ich hatte immer Katzen, keine Hunde. Die kenne ich auch, mein Vater hatte Hunde, aber die finde ich nicht so interessant.

«Möchte man Themen wie Schamanismus, Übergangsriten, Mystik, Religion, Mythologie, Parapsychologie, Nahtoderfahrungen und psychedelisch Bewusstseinszustände seriös studieren, so ist diese Kartographie [des Bewusstseins] unerlässlich.» aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century» Gibt es eine Relation zum Schamanismus? Könnte man sagen, dass du einer bist, der Dinge sieht, die andere nicht sehen, ein Magier, vielleicht ein Seher? Vielleicht bin ich das… Und woher kommt das? Wer soll das wissen? Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich habe relativ spät angefangen, da war ich 18, 20 Jahre alt, als ich begann, diese Eindrücke zu malen, zu zeichnen und zu modellieren.

1 «Schacht Nr. 1», 1964, 21× x 15 cm, Tusche auf Papier 2 «His Master’s Voice», 1964, 30 x ×21 cm, Tusche auf Papier 3 «Schacht Nr. 4» (Macht und Ohnmacht einer Organisation), 1964, 30× x 21 cm, Tusche auf Papier 4 «Schacht Nr. 2», 19× 64, 21× x ×1 5 cm, Tusche auf Papier

Ich gehöre zur Generation, die mit deinen Bildern aufgewachsen ist. Doch gekannt hat man dich nicht. Du bist ja auch kein Partygänger. (lacht) Nein, absolut nicht. Aber früher tanzte ich gerne, freestyle, für mich alleine, damals in der Platte 27, im Africana. Dort habe ich Dollar Brand gehört. Ich bin ein grosser Jazzfan, Miles Davis hat mich immer begleitet.

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Hast du auch zum Arbeiten Musik gehört? Sehr viel! Doch an Konzerte ging ich selten, zu viele Menschen, und ich war doch langsam bekannt. Man hat mich angesprochen, was ich leider ein wenig lästig fand, einfach zu viele Leute. Stan Grof hat ja nun dieses Buch zu deinen Arbeiten geschrieben. Kennt ihr euch schon lange? Lang ist relativ, seit den achtziger Jahren. Anfang der achtziger Jahre. Näher kennengelernt habe ich ihn über meine Frau Carmen, die bei ihm die Ausbildung gemacht und für ihn gearbeitet hat. Reist du gerne? Nein. Meine Reisen finden vorwiegend in meinem Inneren statt. Ich bin zwar an einigen Orten gewesen, und für ein paar kurze Aufenthalte in New York. Das hat mich beeindruckt. Der Grossstadtwahnsinn. Ich habe dann dieses Buch gemacht, das New York City zum Thema hat. Wie lange lebst du schon hier in Oerlikon? Mittlerweile vierzig Jahre, und natürlich habe ich auch gesehen, wie sich hier alles veränderte. Früher war direkt neben uns ein Bauernhof, mit Schäfchen und einer Wiese voller Wildblumen.

«Giger wurde zum Ziel unzähliger wütender Reaktionen von Laien. Kunstkritiker griffen ihn mit moralischen Wertungen und psychiatrischer Stigmatisierung auf erbitterte Art und Weise an und hinterfragten seinen Charakter, seine Integrität und seine Zurechnungsfähigkeit. (…) Sie wären äusserst erstaunt zu erfahren, dass Giger eigentlich ein scheuer, sanftmütiger und liebevoller Mensch ist, der die Kunst als Ausdruck einer Auseinandersetzung mit seinen Angstgefühlen, Unsicherheiten und inneren Dämonen nutzt.» aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century»

Was war, von dir aus gesehen, der Höhepunkt deiner Karriere? Der Film «Alien»? Ja, der Oscar, den ich dafür erhalten habe, war natürlich wichtig. Er hat mir bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber eine Sache ist die Karriere, eine andere das Schaffen an sich. Hier ist der Tempel «The Spell» eine der wichtigsten Arbeiten, auch wenn die Symbolik oft fehlgedeutet wurde. Ich bin nämlich weder Satanist noch Schwarzmagier. Aber du hast diese Symbolik in deine Arbeiten einfliessen lassen. Das hat unter anderem mit Sergius Golowin zu tun, der ein guter Freund von mir war. Er war ein bedeutender Mythenforscher und Schriftsteller. Ihm verdanke ich einige Inspirationen. Bist du auch einer, der in die Natur hinausgegangen ist? Ach ja (lacht), wenn es nicht anstrengend ist. Sonst lieber mit der Luftseilbahn. Ich mag das Meer und die Berge. Wir hatten auch eine Zeitlang ein Ferienhaus in den Bergen. Als Kind war ich dort zum Skifahren, im Sommer zum Wandern.

Meister und Margarita, 1976, 100×x70 cm, Acryl auf Papier auf Holz


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Lucy’s Interview

Lucy’s Interview

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Und wenn ich dich nach den Menschen frage, die dich beeinflusst haben, wer kommt dir da zuerst in den Sinn? Vom Menschlichen her ist da sicher Timothy Leary, der ein guter Freund von mir war. Ich habe sogar Unterschriften für ihn gesammelt, als er hier im Exil war. Er wurde verfolgt und flüchtete darum in die Schweiz. Die Unterschriften habe ich gesammelt, um ihm seinen Aufenthalt hier in der Schweiz zu ermöglichen. Er machte mir mal ein bemerkenswertes Kompliment: «Giger, du siehst weiter als wir anderen gewöhnlichen Primaten.» Er schrieb für zwei meiner Bücher die Einleitung.

«Wie Hieronymus Bosch, wie Pieter Bruegel zeigt uns Giger gnadenlos den Anabolismus und Katabolismus unserer Realitäten. In diesen Gemälden sehen wir uns selbst als kriechende Embryos, als fötale, von unseren Ego-Membranen geschützte Larvenkreaturen, wie wir auf den Moment unserer Befreiung und Wiedergeburt warten. Wir sehen unsere Städte, unsere Zivilisationen als Insektenschwärme, als Ameisenkolonien, bevölkert von krabbelnden Kreaturen.» Timothy Leary Gibt es noch andere? Es sind zu viele, als dass ich sie hier alle aufzählen könnte. Salvador Dali zum Beispiel. Ich lernte ihn kennen, und wir schätzten uns gegenseitig. Ich besuchte ihn in seinem Museum. Er nannte mich immer den «Autrichien», weil er meinte, ich sei Österreicher. Bei einem Besuch in seinem Museum – er sass neben seiner Frau Gala auf zwei hohen Stühlen – winkte er mich herbei und bat mich, ihren Platz einzunehmen. Es war eine ganze Menge Leute da. Ich empfand das als grosse Ehre, eine Anerkennung. Ein Freund von mir erzählte mir, dass er als Gymnasiast einen Vortrag über dich gehalten hat. Du hast ihm bei seinem Besuch einen Schrumpfkopf gezeigt. Hast du den noch? Den habe ich vor langer Zeit gekauft, sicher vor mehr als dreissig Jahren, von einem Schweizer, der diese Länder bereiste. Es ist ein kleiner Kopf von einem Buben mit kurzen Haaren, irgendwo aus Südamerika. Das sind natürlich faszinierende rituelle Gegenstände. Konnte dir deine Kunst das Leben erleichtern? Ich habe Freude am Leben, bin lebensfroh, esse gerne, trinke gerne. Das Leben hat mir vieles gegeben.

«Gigers entschlossene Suche nach kreativer Selbstentfaltung ist untrennbar mit seiner unerbittlichen Suche nach seinem Selbst und der Selbstheilung verbunden.» aus «HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century»

Hast du auch mal Musik gemacht? Ich spielte Sopransaxophon. Und etwas Piano… Ich finde ja Essen auch immer wichtig. Was sind denn so deine Lieblingsgerichte? Ja, das Essen, klar ist es wichtig. Carmen kocht wunderbar. Ich selber mache wenig in der Küche, vielleicht mal ein Fondue oder eine Pizza, aber essen tu ich gerne. Alles, was gut ist.

HR Giger and the Zeitgeist of the Twentieth Century Betrachtungen aus der modernen Bewusstseinsforschung von Grof Stanislav

Stanislav Grof, der Pionier der Bewusstseinsforschung, interpretiert in seinem einzigartigen Essay HR Gigers visionäre Welt erstmals aus der Sicht der transpersonalen Psychologie. Bisher wurden die Bilder HR Gigers in allen Variationen beschrieben, nie aber die gesellschaftliche Relevanz seiner Kunst. Mit seiner Deutung der klaustrophobischen, albtraumhaften Aspekte in Gigers Kunst ermöglicht Grof ein neues, tieferes Verständnis des Gesamtwerks. Mit einem Vorwort von Claudia Müller-Ebeling (Kunsthistorikerin).

ISBN 978-3-03788-300-6 248 Seiten, Format 24x24 cm, Hardcover, deutsch/englische Ausgabe limitierte und nummerierte Sonderausgabe: ISBN 978-3-03788-301-3, 248 Seiten, Format 24x24 cm, deutsch/englische Ausgabe Leinenausgabe inkl. Fine Art print des Titelbildes Inspiriert vom Buch wurden folgende Absinth-Sorten produziert: HR Giger – Zeitgeist, 54 Vol% HR Giger – Wolfsmilch, 69 Vol% Original aus dem Val-de-Travers (CH). www.nachtschatten.ch/giger


Psychoaktive Standardwerke aus dem AT Verlag Dieter Hagenbach/Lucius Werthmüller Albert Hofmann und sein LSD Ein bewegtes Leben und eine bedeutende Entdeckung 406 Seiten, gebunden 978-3-03800-530-8 CHF 44.90

Wolfgang Maria Ohlhäuser, Am Rand des Wahnsinns, 1975

Kritischer Blick auf die Schattenseite der Kunst

Christian Rätsch Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendung 944 Seiten, gebunden 978-3-03800-352-6 CHF 129.–

Text

Ab 1948 gerieten vor allem phantastische Künstler des realistischen Stils in eine Isolation, weil man allgemein beweisen wollte, in den Jahren des Krieges nicht «hinter dem Mond» geblieben zu sein. Der abstrakten Malerei gehörte die Zukunft. Alle malten abstrakt, weil sie, so der Vertreter der Wiener Schule des phantastischen Realismus, Ernst Fuchs, der Meinung waren, «dass von nun an die Malerei der Zukunft nie wieder figürliche Darstellungen zeigen würde.» 1

Rick, Strassman DMT Das Molekül des Bewusstseins. Zur Biologie von Nahtod-Erfahrungen und mystischen Erlebnissen 464 Seiten, gebunden 978-3-03800-967-9 CHF 36.90

A T V ERLAG www.at-verlag.ch

Claudia Müller-Ebeling

A T

Die Vehemenz, mit der Kritiker auf das Werk visionärer Künstler reagieren, entbehrt jeglichen guten Tons und Feingefühls. Anlässlich der Retrospektive des Gesamtwerkes von Alex Grey 1977 in San Diego, USA, beklagte die Kunstkritikerin Leah Ollman einen «illustrativen Overkill», der Greys Werk heimsuche. Sie beschimpfte es als «lächerlich» und bezichtigte seine Kunst als unerträgliches Repertoire von «New-Age-Klischees». 

1 FUCHS, München, Zürich: Piper 1977: 45

Warum werden Reaktionen von Kritikern nicht von der gleichen dezenten Zurückhaltung bestimmt, die sie beispielsweise der radikal abstrakten Kunst des holländischen Malers Piet Mondrian (1872 –1944) entgegenbrachten, obgleich dessen künstlerischer Stellenwert erst nach seinem Tod erkannt wurde? Verursachen die oft unbekümmert vernachlässigten Grenzen zwischen Kitsch und Kunst der meist gegenständlichen visionären Kunst das Unbehagen? Obliegt die Kritik dem Bann der Originalität und den Gesetzen des zeitgenössischen Kunstmarkts oder lösen Konfrontationen mit dem innerpsychisch «Eingemachten» derartige Eruptionen unterhalb der Gürtellinie aus? Entscheiden Sie selbst …

Die Wiege der Inspiration Inspirationen werden im weiten Raum des Bewusstseins geboren. Zunächst bevölkern sie körperlos die (vom jeweiligen Zeitgeist sowie von


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Lucy’s Kunst

Ansichten und Moden) jeweils geschichtlich entstandene, durch Zeiten, Kulturen, Ansichten und Moden geprägte Lebenssphäre eines Künstlers, jenseits von stilistischen Ausrichtungen und künstlerischen Ambitionen und Positionen. Dann geraten sie in den Geburtskanal. Manchmal reifen Inspirationen in Minutenbruchteilen zur Kunst. Aus Ideen werden Skizzen – aus Skizzen Entwürfe – aus Entwürfen Kompositionen – aus Kompositionen Bilder. Schon immer liessen sich Künstler von zufälligen Gebilden in Wolken, Baumrinden, Mauern oder abblätterndem Putz inspirieren und konkretisierten diese vagen Motive dann zu Bäumen, Schlössern und Gestalten. Etwa der französische Dichter Victor Hugo (1802–1885), der auch als Zeichner reüssierte und dem der Romantiker Théophile Gautier nachsagte, er habe aus Tintenoder Kaffeeklecksen Landschaften entstehen lassen. Der Surrealist Max Ernst (1891–1976) entwickelte 1925 die Technik der Frottage, bei der er durch Durchreiben mit Graphit die unterlegte Maserung von Hölzern oder Blättern sichtbar machte und in den Dienst der phantastischsurrealen Gestaltung stellte. Der zeitgenössische Künstler Fred Weidmann2 stellt marmorierte Untergründe her, die er zu phantastischen Szenerien ausarbeitet. Wolfgang Maria Ohlhäuser lässt sich durch zufällige Strukturen in den Untergründen seiner aufwändigen Eitemperatechnik zu grossformatigen Landschaften inspirieren, die bei näherer Betrachtung von phantastischen Wesen bevölkert sind.3 Die Künstlerin Nana Nauwald versenkt sich in den schwarzen Malgrund, mit dem sie ihre Leinwände bedeckt, um die leuchtend farbigen Strukturen des unsichtbaren Raums hervorzulocken.4 Meist sind die visionären Szenarien Künstlerinnen und Künstlern geradezu in die Netzhaut eingebrannt und müssen, salopp vereinfachend gesagt, nur noch abgemalt werden. Der Schweizer Künstler HR Giger erklärte in einer Fernsehdokumentation: «Wenn ich die Augen schliesse sehe ich etwas ganz Phantastisches. Eine unwirkliche Architektur.» Künstler wie Giger werden von diesen Visionen heimgesucht und so lange umgetrieben, bis sie sich in Graphiken oder Gemälden niederschlagen. Andere müssen sich leer und frei Der Mikrokosmos Mensch verschmilzt mit dem Makrokosmos des Universums. Christian Rätsch, Hommage à Albert Hofmann, Aquarell, 1982

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machen, damit sie die Muse küsst. Ohlhäuser sagt: «Ich kann mich in meine Bildwelten nur vertiefen, wenn ich völlig ungestört von äusseren Einflüssen und Ablenkungen bin. Sonst kommen die Musen nicht. Sie kommen nur, wenn ich leer bin. Nur ein leeres Gefäss kann gefüllt werden.» Visionen lieben die Dunkelheit. Sie entfalten sich vornehmlich in der Nacht. Sie zeigen sich bei geschlossenen Augen und breiten ihre phantastischen Szenerien im Innern des Menschen aus. Visionen – so wissen wir aus den Erzählungen der Prärieindianer, die auf Visionssuche gingen, oder aus den Überlieferungen von Einsiedlern – überfallen den Menschen in nächtlicher Einsamkeit. Sie kommen, wenn die Katzen nicht grau sind, wie es heisst, sondern wenn ihre Augen im Dunkeln glühen wie Kohlen. Diese opalisierenden Katzenaugen gleichen den Visionen. Sie schillern in vielen Farben und sind von einem inneren Licht erfüllt. Visionen bahnen Wege ins Bewusstsein. Sie führen durch die Gesichte der Dunkelheit in das Labyrinth der Erscheinungen. Dorthin, wo Gedanken zu Bildern und Nachtgesichte zu farbenprächtigen und taghellen Wirklichkeiten werden. Das haben Hildegard von Bingen, die «Seherin vom Rhein», Prärieindianer und auch der Psychiater Arthur Heffter gleichermassen beschrieben.Der Ort, wo Gedanken zu Bildern werden, ist das Reich der Visionen. Die Bilder stammen zwar aus iner «anderen» Wirklichkeit, doch gehören sie zu dieser Welt. Wie die Nacht zum Tage. Dieser (gekürzte und redigierte) Text basiert auf einem Kapitel aus: Claudia Müller-Ebeling, Ahnen, Geister und Schamanen – Universale Zeichen, Klänge und Muster der unsichtbaren Welt, 2010 Aarau/ München: AT-Verlag.

Claudia Müller-Ebeling Studierte Kunstgeschichte und Ethnologie in Freiburg, Hamburg, Paris und Florenz. Die Autorin und Referentin promovierte in Kunstgeschichte über «Visionäre Malerei in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts» und lebt in Hamburg. www.claudia-mueller-ebeling.de

2 Siehe www.fredweidmann.com 3 Ohlhäuser lernte die alte Technik der Niederländer von Ernst Fuchs. Siehe: Retrospektive W.M. Ohlhäuser. 27 Jahre künstlerischen Schaffens 1975–2001, Kulturstiftung Rhein-Neckar-Kreis e.V. 2001. 4 Siehe www.visionary-art.de


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«Wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg» Albert Hofmann

Lucy’s Interview

Ein Gespräch mit Albert Hofmann (1906 –2008) dem Schweizer Wissenschaftler, Autor und Entdecker des LSD. Das Gespräch führten Mathias Bröckers und Roger Liggenstorfer im August 2005.

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Was uns alle am meisten interessiert: wie man 100 Jahre alt wird. Welche Methoden – oder Tricks – hast du angewendet, um ein solches Alter zu erreichen und so rege und geistig wach zu bleiben? Das kann man nicht planen. Ich hatte irgendwie immer wieder das Glück, Positives zu erleben. Wenn etwas Negatives kam, dann kam, sozusagen wie vom Himmel, wieder etwas Positives. So hat sich das immer wieder ausge-glichen. Ich glaube, dass ich die Gnade hatte, offene Sinne zu behalten, und unser Bewusstsein wird ja von den Sinnen genährt. Ich habe bis heute keine Brille und keine Hörgeräte. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich auf die Natur höre, auf das, was uns gegeben ist. Deshalb bin ich auch so skeptisch gegenüber dieser technischen Kultur, weil: Wir verpassen ja das Paradies! Wir vermauern und verbrettern unsere Sinne mit dieser Technisierung. Ich bin noch zu Hause in der Natur, nicht in der technischen Welt. Ich glaube, das ist einer der entscheidenden Fehler unserer heutigen Welt: Wir kommen immer mehr ab von dem, was da ist, von diesem grossen Geschenk, wir nehmen es nicht einmal mehr wahr. Wir rackern uns ab mit technischen Problemen. Wenn ich in der Stadt hätte leben müssen, wäre ich mit Sicherheit schon lange gestorben, schon lange tot. Ich habe das Glück, dass ich hier auf der Rittimatte im Paradies lebe – und wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg.

Sehen, was wichtig ist und von was wir eigentlich leben: von der Natur oder von der Maschine, von der Technik?

Hat auch das LSD dabei eine Rolle gespielt, dass du so lange geistig wach und jung geblieben bist? Ich müsste zwei Leben haben, um das zu beantworten: eines mit und eines ohne LSD. Dann könnte man das wissenschaftlich beurteilen. So kann ich das ja nicht. In meinem Buch LSD – Mein Sorgenkind steht ja am Anfang dieses mystische Naturerlebnis als Kind, das ja absolut einem LSD-Erlebnis glich, dieses Einssein mit der Natur. Irgendwie, glaube ich, war mir das angeboren. Zum ersten Mal hergestellt 1938 und dann in der Schublade verschwunden – und 1943, bei einer Frühstückspause mit Milch und Honigbrot im Labor, kam dir die Idee, dass an dieser Verbindung möglicherweise etwas dran sein könnte, und bei der erneuten Herstellung geschah dann die Entdeckung der erstaunlichen Wirkung … zum selben Zeitpunkt, als gerade die erste Atombombe konstruiert wurde, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs. Du warst zu dieser Zeit auch Offizier in der Schweizer Armee und musstest monatlich zum Dienst bei der Grenzsicherung? Ja, immer für drei Monate war ich weg, im Tessin, die Südgrenze bewachen, gegen Mussolini. Und hast mitten im Krieg die Substanz entdeckt, die als «geistige Atombombe» bezeichnet wurde. Würdest du die alte Hippie-Parole unterschreiben, dass, wenn alle Generäle einen erfolgreichen LSD-Trip unternehmen, mehr oder weniger automatisch der Weltfrieden eintritt? Das kann ich auch nicht beantworten. Man müsste es wissenschaftlich untersuchen. Aber ich denke, es wäre einen Versuch wert. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Geschichte ein: Irgendwann kam einmal eine junge Frau in mein Laboratorium. Ich fragte sie, wie sie hier in die Fabrik überhaupt hineingekommen sei, und sie antwortete auf Englisch: «I can pass everywhere, I am an angel.» Und sie sagte: «Sie müssen mir helfen, dass der amerikanische Präsident LSD bekommt.» Sie hiess Johanna, wie die heilige Johanna der Franzosen. Ich wunderte mich immer noch, wie sie überhaupt in das Sandoz-Gebäude hineingekommen war. Aber ich konnte ihr natürlich nichts geben.

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In den 70er Jahren hast du mit Gordon Wasson und Carl Ruck in einem Buch («Der Weg nach Eleusis») das Geheimnis der Eleusischen Mysterien gelüftet, mit der These, dass im Mittelpunkt dieses Rituals, der wichtigsten spirituellen Instanz des gesamten antiken Abendlands, ein LSD-Erlebnis stand. Auch die dort Initiierten sprechen von einem neuen Verständnis des Einsseins mit der Natur, des Lebens und des Todes. Könnte es sein, dass die Vermauerung der Sinne durch Technik, die wir angesprochen haben, damit zu tun hat, dass mit dem Abbruch dieser Tradition auch ein Faden gerissen ist, der unmittelbare Kontakt mit der Natur? Das ist sicher so. Die grossen Geister, Staatsmänner und Philosophen, die gesamte Elite jener Zeit, waren mindestens einmal im Leben in Eleusis. Wir müssen wieder lernen, überhaupt wahrzunehmen, was die Natur, die Schöpfung ist. Ich habe das in meinen beiden Büchlein Einsichten, Ausblicke und Lob des Schauens angesprochen: wir müssen wieder sehen lernen. Sehen, was wichtig ist und von was wir eigentlich leben: von der Natur oder von der Maschine, von der Technik? Ich habe dort gezeigt, wie wunderbar die Natur ist und wie unfassbar, allein der Aufbau und die Planung der Organismen, die Schöpfung! Wenn der Naturwissenschaftler kein Mystiker wird, ist er kein Naturwissenschaftler. Und das ist es ja auch, was die Menschen in Eleusis erlebten: Erleuchtung. Erkennen, was wichtig ist. Zu meinen schönsten Erlebnissen zählte immer wieder, wenn junge Leute zu mir kamen. Einmal kam ein junger Mann, der sich bedankte und sagte: «Ich bin in der Stadt aufgewachsen, doch seit ich einmal LSD genommen habe, gehe ich wieder in den Wald.» Er hat erkannt, was wirklich wichtig ist: nicht die Häuser, Fabriken, Büros, das brauchen wir und benutzen wir, aber das, wovon wir leben, ist die Sonne und der Mond und die Erde, die Wiesen und die Blumen. All das, was wächst, das Lebendige. Das ist es, was wir brauchen. Was der Mensch gemacht hat, ist wunderbar, aber sekundär. Und er macht so tolle Sachen, dass es ihm schadet. Wenn man sich jetzt nicht mehr in die Augen schauen muss, wenn man miteinander redet, wenn man mehr und mehr der Maschine überlässt, die immer perfekter wird, was soll das dann werden? Wir haben nur ein Bewusstsein – und das ist entweder angefüllt mit dem Leben der Maschinen oder dem Wunder der Natur. Um diese wieder sehen zu lernen, muss eine Veränderung des Bewusstseins eintreten. LSD ist das stärkste Instrument für eine Bewusstseinsveränderung. Unser Bewusstsein setzt sich aus all dem zusammen, was wir mit den Sinnen aufnehmen, an Licht, Wärme, Nahrung, aus dem, was ich sehe, höre, esse und so weiter. Das ist eine ganze Menge, die da aufgenommen wird. Von LSD jedoch braucht es nur eine Spur, ein winziges Staubkörnchen. Das verändert unser Bewusstsein völlig. Unsere Welt ist aus Energie und Materie aufgebaut. Doch mit solch einer winzigen Spur von äusserlicher Substanz, die unser Inneres so verändert, sind wir an der Grenze von Geist und Materie. Das ist etwas ganz Einmaliges. Es ist in diesen Pflanzen enthalten, die seit 3000 Jahren als sakrale Drogen verwendet werden – in denen ich dann diese LSD-ähnlichen Verbindungen entdeckt. Deshalb gehört auch LSD in die Gruppe der sakralen Drogen. Aber jetzt fange ich an zu erzählen, was ich in den Büchern schon alles und viel besser geschrieben habe.

Dann kam das Verbot. Schon die Herstellung ist verboten. So wie Besitz und Anwendung: ein Totalverbot.

Nein, nein, wir sind begeistert, es noch einmal zu hören, und du erzählst wunderbar. Ich würde auch gern noch etwas zu dem Modell des Bewusstseins hören, das mir in seiner Einfachheit sehr eingeleuchtet hat und das du Sender-EmpfängerModell genannt hast? Der ganze Planet als Sender und jedes einzelne Bewusstsein als Empfänger? Unsere Sinne sind die Antennen, darüber kommt alles herein, das Bewusstsein ist der Empfänger. Alles, was wir im Bewusstsein haben, ist irgendwann


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Lucy’s Interview

einmal durch die Sinne hineingekommen. Bei Geburt ist es gleichsam ein leeres Bewusstsein und wird dann durch all das gefüllt. Und ein paar Millionstelgramm LSD verändern die Wahrnehmung dramatisch. Es ist nicht nur einfach das bekannte Bild, ein bisschen verzerrter oder bunter. Ist es ein völlig anderes Programm? Weil LSD unsere Sinne verändert, man sieht besser, man hört besser, alles wird intensiviert. Insofern hatte auch Timothy Leary recht, als er behauptete, es sei auch das grösste Aphrodisiakum. Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: Die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet, und wir sehen plötzlich mehr. Von der Wahrheit. Und das ist manchmal sehr verwirrend … Ja, man erschrickt. Man hat ein völlig anderes Bild, und das kann einen furchtbar erschrecken. Deshalb sagen die Indianer: Bevor ich den heiligen Pilz nehme, muss ich fasten, muss beten, muss rein sein, dann bringt mich der Pilz dem Göttlichen näher. Und wenn ich das nicht mache, tötet er mich oder macht mich wahnsinnig. Das haben die Indianer gesagt, lange, lange bevor LSD und Psilocybin entdeckt wurden. Und die amerikanische Jugendbewegung, die es ja gut meinte, hat sich daran nicht gehalten, sie haben es zu oberflächlich genommen, sie haben sich nicht vorbereitet. Dieses alte Wissen wurde anfangs nicht vermittelt, die meisten, die LSD nahmen, wussten nicht, was es ist, und kamen erst mit der Zeit dazu, damit richtig umzugehen … Das ging alles zu schnell. Es hätte sich entwickeln müssen, die Erkenntnis, dass es etwas Sakrales ist, das heisst, die Wiederentdeckung, denn eigentlich ist es schon seit mindestens 3000 Jahren bekannt, dass es etwas Besonderes ist. Das haben Tim Leary und seine Kollegen in Harvard, Ralph Metzner und Richard Alpert, ja eigentlich auch getan, sie haben auf die Wichtigkeit von «Set & Setting» hingewiesen und das alte Ritualwissen gewissermassen in die Neuzeit transportiert. Aber Leary hat LSD gleichzeitig – typisch amerikanisch – auch angepriesen wie ein Wanderprediger oder Handelsvertreter. Er hat es ja jedem geradezu aufgedrängt. Etwas, was ich nie getan habe. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Menschheit lernen wird, damit umzugehen in Zukunft. Und wenn man überlegt wie so ein modernes Eleusis aussehen könnte, dann wäre das zuerst ein Ort, eine schöne natürliche Umgebung, in der man Meditationsferien macht, wo man fastet, ruht und betet, sich vorbereitet. Und wo dann solche Substanzen ihrem Sinn entsprechend angewendet werden. Der Priester von Eleusis wusste, weil jeder einen Vorbereitungskurs machen musste, die richtige Dosierung für jeden Einzelnen. Wir wissen ja heute eigentlich auch alles, um dafür zu sorgen, dass es nie einen schlechten Trip gibt. Parallel mit der psychedelischen Bewegung ab Ende der fünfziger Jahre hat ja ohnehin eine Hinwendung zu östlicher Philosophie, Meditation, zur Ökologie und Natur stattgefunden. Glaubst du, dass LSD dabei eine Rolle gespielt hat? Es hat viele Leute auf gute Ideen gebracht, und diejenigen, die zur Natur zurückgefunden haben, sind gerettet. Manche sind aber auch in der Hölle gelandet und kamen nicht mehr raus. Viele aber haben etwas entdeckt, was es in unserer Gesellschaft fast gar nicht mehr gibt: das Heilige. Hat dieses Heilige mit dem, was unsere Kirchen verwalten, etwas zu tun? Ich glaube sehr viel, wenn man sich an Jesus hält. Ich bin Christ, und Jesus hat gesagt: «Seht die Lilien auf dem Felde, sie sind wunderbarer als der Palast von David, seht die Vögel … der Vater im Himmel sorgt für sie.» Er hat die Händler und Schriftgelehrten aus

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dem Tempel gejagt und gesagt: «Geh in dein Kämmerlein und in den direkten Kontakt zu Gott.» Nur der einzelne Mensch kann in Kontakt zu Gott treten, nicht die Kirche. Nur der Einzelne kann sehen, kann erfahren, hat ein Bewusstsein, das die Welt, wie wir sie sehen, hervorzaubert. Auch bei diesem Kontakt mit Gott geht es ja um unser Bewusstsein, deshalb ist die wissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins so wichtig. Damit stehen wir noch sehr am Anfang, und das LSD ist das wichtigste Mittel dazu, ein Werkzeug. Aber wie gesagt, wir stehen noch ganz am Anfang in der Bewusstseinsforschung. Und ich hoffe sehr, dass sie weitergeht, denn wir brauchen eine Art neues Eleusis, sonst wird unsere Welt untergehen. Unsere politischen Führer heute wissen doch nichts, sie wissen nicht, was auf der Erde wichtig ist, sie haben kein Wissen, was der Mensch wirklich braucht, dass er von und in der Natur lebt. Aber dieses Wissen müssen wir wiedergewinnen, wenn die Menschheit nicht untergehen soll. Der Naturwissenschaftler, der dieses Wunder nicht sieht, nimmt sich nur etwas von der Mechanik der Natur, das, was er für seine Technik brauchen kann. Und dann macht er Waffen daraus, die Atombombe. Dabei könnten wir aus der Erde einen Paradiesgarten machen, es wäre alles dafür da, die Methoden, die Hilfsmittel … Nur da fehlt es noch: am Bewusstsein.

Wir könnten aus der Erde einen Paradiesgarten machen, es wäre alles dafür da, die Methoden, die Hilfsmittel … Nur da fehlt es noch: am Bewusstsein.

Ich würde gerne noch über deine Wegbegleiter und Freunde sprechen. Du hattest ja mit vielen Persönlichkeiten zu tun, wie zum Beispiel mit Ernst Jünger, mit dem zusammen du auch LSD-Reisen gemacht hast? Mit Jünger verband mich eine über 50-jährige Freundschaft, ich war einer der wenigen seiner Freunde, mit denen er per Du war; mit Klett zum Beispiel, seinem Verleger, war er auch sehr verbunden, aber sein Lebtag per Sie. Diese LSD-Versuche mit Jünger habe ich ja ganz ausführlich beschrieben; wenn ich das jetzt alles erzählen wollte, sässen wir morgen früh noch hier. Mit Laura Huxley, der Frau von Aldous Huxley, verbindet dich ja auch eine lange Freundschaft. Sie gab ihrem Mann, als er starb, auf seinen Wunsch LSD. Huxley benutzte es sozusagen zum Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand, er war überzeugt, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt. Wie stehst du zu dieser Art von LSD-Verwendung, gewissermassen als Sterbehilfe? LSD wurde schon vor Jahrzehnten in dieser Richtung verwendet, bei sterbenden Krebskranken, wo selbst Morphine nicht mehr gegen die Schmerzen wirkten. Ich bin überzeugt, dass das künftig auch ein Thema werden wird, dass man mit LSD diesen Übergang erleichtern kann. Nichts kann aus Nichts entstehen, und aus etwas, was ist, kann nicht nichts werden, es gibt nur Umwandlungen. Irgendwann hat jemand Jünger gefragt: «Glauben Sie, dass das Leben nach dem Tod weitergeht?» und er antwortete: «Nein, ich weiss es!» Das kann man auch als Naturwissenschaftler verstehen. Wir können nicht sagen, woher wir kommen. Dass irgendeine Supermaterie am Anfang stand und dann knallte und den Raum erzeugte: Das ist doch alles dummer Mist. Darüber wissen wir nichts, das ist das grosse Wunder. Aus unseren Erfahrungen können wir nur sagen: Es gibt nichts, das aus Nichts entsteht, und nichts, das zu Nichts zerfällt. Es gibt immer nur den Wandel. Wenn man die Naturwissenschaft und alle ihre Entdeckungen weiterdenkt, stösst man immer wieder auf ein Geheimnis. Ich habe unlängst eine CD mit den Vorträgen Einsteins gehört, dort spricht er darüber. Er sagt wörtlich, ich habe mir den Satz gut gemerkt: «Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.» Wenn man in das Tiefste der materiellen Wirklichkeit


«Aufgrund dieses leider etwas dramatisch ausgefallenen Möchten Sie gerne weiter lesen? Selbstversuches kann gesagt Unterstützen Sie unser Magazinwerden, dass das d-LysergProjekt und kaufen Sie die Nullnummer. säure-diäthylamid eine der physiologisch wirksamsten, Herzlichen Dank! wenn nicht die wirksamste bis anhin bekannte Substanz darstellt.»

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Albert Hofmann aus dem Original-Protokoll S. 76 –77 4

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Kapitel

Kapitel 2

ive Zustände Gesellscha ftsmagazin für psychoakt

– eine Betracht ung Die berauschte Schweiz HR Giger – das Interview die Psychona uten Albert Hofman n – und de Travers Val im Absinthe – Besuch ven Legal Highs – falsche Perspekti

Lucy’s Rausch Erscheinung halbjährlich, 120 Seiten Bestellung unter versand@nachtschatten.ch www.lucys-magazin.com Über gut sortierte Buchhandlungen und Shops erhältlich

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7 Preis Einzelnummer CHF 12.50 / EUR 10.–

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Einsteiger-Abo Nr. 1–3 zusammen CHF 35.– / EUR 27.– Gratis zum Abo ein Hörbuch nach Wahl: Hofmanns Reisen Innere & äussere Reisen des LSD-Entdeckers Albert Hofmann (Bröckers /Liggenstorfer) 9

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1 Bei der Mühle im Surbtal bei der Wandervogelhütte,1919  2 Mit Kommilitonen an der Universität, 1927  3 Im Forschungslaboratorium, chemisch-pharmazeutische Abteilung   4 Für die Schweizer Armee am Minenwerfer, 1939   5 Familie Hofmann, 1950  6 Dr. H. Nobel, Dr. A. Bruck, Kultur von Psilocybe mexicana, im Sandoz-Labor, 1959  7 Besuch von Aus dem Familienalbum:

Den Kopf aufmachen Eine psychedelische Reise ins Herz des Schamanismus (Daniel Pinchbeck)

10 Gönner-Abo 6 Nummern für CHF 250.– / EUR 200.– inkl. Gratis-Mitgliedschaft im NachtschattenMember-Club im Wert von CHF 100.– / EUR 80.– Gordon Wasson, dem amerikanischen Banker und Ethnomykologen, im Labor L 315, in dem das Psilocybinsowie entdeckt (www.nachtschatten.ch/member) mitwurde, 1959  in der Nähe der Rittimatte, 2002   9 Albert Hofmann am Fotos von Roger Liggenstorfer: 8 Mit DJ Goa-Gil bei einer Techno-Party beiden Hörbuchern. Telestrion in Eleusis, 2000  Foto: Hansjörg Sahli: 10 Feier zu seinem 90. Geburtstag, im Teufelhof Basel, 1996.

Lucys Rausch Auszuege Seite1 bis 39  

Lucy’s ist: Ein Gesellschaftsmagazin für psychoaktive Zustände. Ein Projekt vom Nachtschatten Verlag in Solothurn (CH) für den deutschsprac...

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