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rative Potenz des Aufbruchs in die Wildnis, beim Klettern in unbekanntes Gelände werden Mobbing, das Finanzamt und die PS des eigenen Autos belanglos. Die Batterien laden sich beim Gehen im indischen Hochland für Herausforderungen in den Stadt-

KLETTERN, BIS ICH TOT BIN

Ich lebe noch ziem-

Oswald Oelz l Rund um die Welt

lich intensiv und habe

Diese Therapie ist nicht ohne Risiken. Es fehlen mehr als 25

nicht vor, demnächst

Freunde, mit denen ich am gleichen Seil geklettert bin, mit denen

zu sterben, ich will noch mindestens 20 Jahre klettern und über-

ich gelacht habe und in deren Gesellschaft ich empfand, dass das

schluchten von Zürich oder Berlin.

haupt klettern, bis ich tot bin. Die Pläne reichen für die nächsten

Leben nicht mehr schöner werden könnte. Sie sind in Lawinen

200 Jahre. Aber irgendwann wird es passieren, die Todesanzeigen

geblieben, verschwunden, abgestürzt, am Höhenödem gestorben

in den Zeitungen handeln von meinem Jahrgang und von viel Jün-

und ins unbekannte Land vorausgegangen. Ob dieser Preis ge-

geren. Obwohl ich immer gierig zugeschnappt habe, wenn es et-

rechtfertigt war, bleibt ein Geheimnis.

was zu erhaschen gab, werde ich am Endpunkt vor allem Unerledigtes zurücklassen.

Einige Male hat Freund Hein auch schon auf mich gezielt und mich nur knapp verfehlt. Streifschüsse wie Felsbrocken, Eis-

Das Sein am Höhepunkt einer medizinischen Karriere an der

lawinen, Lungenödeme und ausbrechende Haken machten das

Spitze einer Klinik kontrastierte zum Tasten im löchrigen Omanfels,

herrliche Leben bewusster – wir klettern ja, um intensiv zu sein,

dem Schneebiwak in Lunana im Nordwesten Bhutans, zum Sche-

nicht um zu sterben. «Das Geheimnis des fruchtbaren Lebens

ren der Schafe und zum Trekking im inneren Dolpo in Nepal. Berg-

heisst gefährlich leben, darum: baut eure Häuser an den Vesuv»,

steigen in allerlei Spielarten war für mich die ergänzende archa-

meinte Nietzsche. Bergsteigen ist eine wunderbare Alternative.

ische Lebensform als Kontrast zum Wirken in der überregulierten

Vielleicht aber ist die Antwort nach dem Warum eine ganz

Plastikwelt. Diese hat uns bequemen Komfort, physische Lebens-

andere. Zum Beispiel wie Diego Wellig sie formuliert hat, als er ge-

qualität, mehr als verdoppelte Lebenserwartung sowie Allergien,

fragt wurde, warum er Achttausender besteigen wolle: «Weil es

krebserregende Chemikalien und Fettberge gebracht. Wir haben

keine Neuntausender gibt.» Damit meinte er Ähnliches wie George

die Rhythmen der Natur ausgeschaltet, die Nacht ist taghell er-

Leigh Mallory, der 1924 eine Journalistenfrage, warum er den Eve-

leuchtet, Regen, Kälte und Sturm müssen wir nicht mehr spüren, kein Bär und kein Mammut drohen. Nahrung ist nicht mehr mühsam zu erjagen oder anzupflanzen. Diesel und Flugbenzin ersparen uns das Gehen, die Schichten aus Beton, allerlei Textilien und Metall haben uns von der Erde isoliert. Elektrische Leitungen und Ätherwellen transportieren täglich Milliarden von Banalitäten, alle simsen, aber nur noch wenige können reden. All das wird in ein immer dichteres Regulierungskorsett gezwängt, Sicherheitsvorschriften sind die modernen Terrornetze. Bald werde ich meine Fleischabfälle auch an Füchse nicht mehr verfüttern dürfen, und das Hirn meiner Lämmer dürfte ich schon jetzt nicht mehr selbst verzehren. Virtuelle Welt, Sicherheit, Regulierung und Fremdbestimmung sind bequem und füllen Praxen und

rest besteigen wolle, mit «because it’s there» beantwortete. Beide

Kassen der Psychoindustrie. Unsere Urwelt, in der sich unsere Evo-

drückten aus, wie unnütz und unbeantwortbar die Frage ist.

lution vollzogen hat, war nämlich anders. Wie unsere Vorfahren

So geniesse ich weiterhin jeden Tag, an dem ich einen Griff

mussten wir, sobald wir von den Bäumen heruntergestiegen waren,

ertaste, die Sonne im Nacken brennt, der Durst wächst und der

um Nahrung, Wärme und Frauen kämpfen. Vor dem Bären konnte

feuchte Schnee durchnässt. Die Botschaft von Jabal Misht, Cho-

man entweder ganz schnell davonrennen oder sich ihm stellen.

latse, Heiligkreuzkofel und Triemlispital hat Max Frisch 1937 in

Beim ernsthaften Bergsteigen kehren wir zu jenen Bedingungen

«Antwort aus der Stille» unnachahmlich formuliert: «Warum leben

zurück, unter denen innert einiger Millionen Jahre die menschliche

wir nicht, wo wir doch wissen, dass wir nur ein einziges Mal da

Entwicklung stattfand: Lebenswichtig ist ein geschützter Biwak-

sind, nur ein einziges und unwiederholbares Mal, auf dieser un-

platz, ein Feuer, um Schnee zu schmelzen, Kartoffeln und etwas

sagbar herrlichen Welt!»

Parmesan sowie scharfe Steigeisenwaffen. Darin liegt die regene-

«Auf eine schwere und schlecht abgesicherte Tour geht man nicht, weil man sterben will, sondern im Gegenteil, um intensiv zu leben.» 88

Oswald Oelz


Leseprobe Jubiläumsbuch 150 Jahre Mammut