188
Literarische Spurensuche Zum Palmbaum-Einband
Zum Palmbaum-Umschlag
189
Jens-Fietje Dwars
Kein Museum, keine Kunst? Zu Besuch bei Reinhard Zabka im Tempel der Lügen
Noch nie ist es mir so schwer gefallen, einen Künstler, eine Künstlerin
Richard von Gigantikow alias Reinhard Zabka im Tor seines Lügenmuseums (Foto: Jens-F. Dwars)
für den Einband des Palmbaums zu finden. Ausgerechnet für das 75. Heft wollte mir niemand einfallen. Und das bei einem so wundervollen Thema: der absurden Welt. Aber genau deshalb, weil unsere Welt so absurd ist, wussten auch Freunde, Kunstkritiker, Galeristen und Sammler keinen Rat. Absurdes malen und zeichnen viele, aber das Absurde als solches zur Sprache zu bringen, es als den Irrsinn, der uns nicht schlafen lässt, fühlbar zu machen, das gelingt nur wenigen. Nein, schlimmer noch: Wir sahen niemanden, der es auch nur versucht – wie vor hundert Jahren die Dadaisten mit Lust und der nötigen Bosheit, den herrschenden Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzuspielen, sie zum Tanzen zu bringen! Fragen Sie doch mal Richard von Gigantikow, rät mir Michael von Hintzenstern, der Impressario der Weimarer Dada-Dekade. Dessen Adelstitel ist echt, über Jahrhunderte von Vorfahren vererbt, der des anderen so wahrhaft falsch, so selbst gemacht und erdacht wie alles in dem Lügenmuseum, das er seit drei Jahrzehnten betreibt. 1950 als Reinhard Zabka in Erfurt geboren, war er zunächst Gelegenheitsarbeiter und nannte sich seit 1974 einen „Bilderclown“, der die Leute zum Lachen bringt, und zum Nachdenken, wie sich das für jeden guten Clown gehört. 1980 erwarb er mit Freunden eine verfallene Bauernkate in Babe bei Neustadt an der Dosse. Sie machten ein Kunsthaus daraus und nannten es 1990 „Deutsch-Historisches Lügenmuseum“. Das wuchs und wuchs, bis Zabka 1997 im Gutshaus Gantikow bei Kyritz ein neues Domizil fand. Seitdem nennt er sich von Gigantikow, was den eigenen Größenwahn bekennt und damit auch auf die Schippe nimmt. Natürlich gehört Hybris dazu, der Lüge ein ganzes Museum zu widmen. Und mehr noch Fantasie, denn die Lüge und das Lachen und die Fantasie, diese unheilige Dreieinigkeit ist es, die den Menschen vom Tier unterscheidet, die ihn zu einem Narren macht. Wer auch das offen eingesteht, dass wir alle Narren sind, der schafft sich Feinde, vor allem bei Ordnungshütern, die sich für
190
Interview Zum Palmbaum-Einband
Jens-Fietje Dwars: Zu Besuch im Lügenmuseum Radebeul
191
Ein zeitloses Zeitbild aus Dingen. Auf dem Fotoporträt eines jungen Mannes um 1900 steht: „Auch ohne Menschen ist diese Erde wunderbar.“
Vom Vergehen der Macht: Die Schreibmaschine Eva Brauns, geändert in: Erich Mielkes. Assemblage von Reinhard Zabka (2015)
besonders klug halten. Das war zu allen Zeiten so. In der DDR, in der Zabka mit der Ausstellung „Götzen – Ismen – Fetische“ im Treppenhaus des Berliner Doms jeglichen Götzendienst spielerisch ad absurdum führte und damit den Argwohn der Tempelwächter des Staates weckte. Aber auch in der neuen Bundesrepublik, in der das Geld die Ordnung wahrt. So musste das Lügenmuseum nach Ablauf des Mietvertrages das Gutshaus räumen und fand 2012 Unterschlupf im einstigen Gasthaus Serkowitz am Ortseingang von Radebeul. Im Wohnort eines der erfolgreichsten Lügenerzähler aller Zeiten, der sich freilich toternst nahm: Karl May. Auch hier wird das Flunkern schief angesehen: Die Stadt will das Haus demnächst verkaufen und die Sächsische Landesstelle für Museumswesen behauptet, das sei gar kein Museum, sondern nur eine Selbstdarstellung des Künstlers, eine Performance aus Flohmarktobjekten. Gibt es eine bessere Werbung für ein Museum, das die Grenzen des Musealen und der zum Objekt erstarrten Kunst sprengt! Das traditionelle Museum, das Dinge, herausgerissen aus ihrem Lebenszusammenhang, hinter Panzerglas konserviert und als Reichtümer für die Ewigkeit anstarren lässt, haben die Dadaisten schon vor 100 Jahren für tot erklärt. Auch
wenn heute wieder eben diese Objekte magisch ausgeleuchtet werden, um sie anzubeten, wie in der Ausstellung des Weimarer Goethehauses, die nach zehn Jahren niemand mehr sehen will. Die wahre Kunst des Ausstellens besteht darin, die toten Dinge zum Leben zu erwecken, sie sprechen zu lassen. Das geschieht im Lügenmuseum, auch wenn es nur wenige Lügen im eigentlichen Wortsinn zu sehen gibt: Da wird das Ohr von van Gogh in einem tresorartigen Kasten als Schatz präsentiert, wir können in einem Glaskasten einen bemoosten Wanderschuh bewundern, den Fontane in den Wäldern Brandenburgs verloren hat, und die Reste einer verrotteten Schreibmaschine werden gezeigt, die erst Eva Braun und später Erich Mielke gehört haben soll. Behauptungen, die wir mit einem Schmunzeln als Lügen durchschauen, die aber als Parodien auf gängige Museumspraktiken an die Wurzeln unseres Kulturverständnisses rühren: Was erachten wir warum als wertvoll und bedeutend? Und was als wertlos? Auf einer Ablage stehen ein präparierter Hechtkopf, eine Feder und das Foto eines unbekannten Jünglings um 1900. Trödel, für den man keinen Cent ausgeben würde. Doch wer genauer hinsieht, kann eine aufgeklebte
192
Interview Zum Palmbaum-Einband
Beispiel für die Mitarbeit internationaler Künstler: Storchennest auf einem Verkehrskegel, Installation von Komatsu Tsunetaka (2017).
Jens-Fietje Dwars: Zu Besuch im Lügenmuseum Radebeul
193
Schreibmaschinenschrift auf dem Foto entziffern: „Auch ohne Menschen ist diese Erde wunderbar.“ Und da verwandelt sich der Kitsch in ein Menetekel, das uns mitten ins Herz unserer Zivilisation trifft: Ist der ganze Humanismus, auf den wir Gebildeten ach so stolz sind, nicht „die letzte Mythe“, wie Heiner Müller schon vor 30 Jahren schrieb? Zabka und seine Mitstreiter bringen den Müll der Geschichte zum Sprechen, lassen ihn Geschichten erzählen, indem sie Bilder daraus arrangieren, die Assoziationen im Kopf der Betrachter wecken. So gibt es einen schmalen Durchgang, den sie „Kathedrale des Sozialismus“ nennen oder „Vittoriale der Ostdeutschen“. Hier, in dieser „Siegerstraße“, erscheinen all jene Objekte vom Mini-Lenin bis zum Sandmann, die in Ostalgie-Museen für den Alltag der DDR stehen, in rosarotem Licht, das die Verklärung so penetrant auf die Spitze treibt, dass man unwillkürlich die Kehrseite des vermeintlichen Idylls mitdenken muss – ohne es umgekehrt in ein Horrorkabinett zu verwandeln, was ja auch eine Lüge wäre. Weder Paradies noch Hölle treffen das Ganze, denn das wahre Leben gibt es nur im falschen und jeder muss seine eigenen Erinnerungen freilegen, die immer zwischen Wahrheit und Selbstlüge schwanken. Wahrheit, heißt es bei Nietzsche, ist die Form der Lüge, derer ein jeder bedarf, um auf seine Art zu leben. So weit würde Zabka wohl nicht gehen, überhaupt fällt auf, dass Theorien für das Lügenmuseum nur eine untergeordnete Rolle spielen, dass es nur wenige Texte im Labyrinth der Räume und Gänge gibt. Die Dinge selbst und ihr geheimnisvolles Arrangement sollen sprechen, die Besucher schauen, staunen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Hier, an diesem Gesamtkunstwerk, kann man trainieren, die Welt mit offenen Sinnen anzuschauen und sie nicht nach den Mustern einer fertigen Weltanschauung in Schubladen zu ordnen. Seit 2017 gibt es einen Raum, der „Interieur Underground“ heißt. Er soll jene Dinge enthalten, die 1992 auf dem Dachboden eines Hauses in der Erfurter Taubengasse gefunden wurden: Kunstwerke der DDR-Subkultur, die eben nicht Werke für den Kunstbetrieb waren. Weder für den Markt, den es auch gab, noch für offizielle Ausstellungen. Es war Kunst für den Gebrauch, oft aus gebrauchten Materialien gefertigt: experimentelle Gestaltungsversuche, in denen es mehr um den Ausdruck des eigenen Empfindens ging als um „hohe“ Ideen oder zeitlose Formen. Ob all die aufgehängten Dinge von Albrecht Hillemanns „Nestern der Poesie“ über ein Foto von Papenfuß-Gorek mit Ernst Jandl bis zum ersten Siebdruckplakat von Cornelia Schleime tatsächlich auf jenem Dachboden
194
Interview
Jens-Fietje Dwars: Gespräch mit Susanne Theumer
195
Bewegende Romanbiografie über das Leben und Werk der Bauhauskünsterlin Friedl Dicker-Brandeis
vor sich hin staubten? Vielleicht sind wir auch hier einer Lüge aufgesessen, aber wahr ist, dass die „Poesie des Untergrundes“ die Seele dieses nichtmusealen Museums mit seiner Kunst der Nicht-Kunst markiert. Nirgends tritt sie bunter, lauter, schriller und schöner in Erscheinung als im Tanzsaal des einstigen Gasthofes: Hier schrammelt, paukt und pfeift es aus Dutzenden irrwitziger Maschinen, die, wie von Zauberhand betrieben, nichts produzieren als zwecklose Bewegung und eine Musik aus puren Geräuschen, die den Zuhörer in einen Rausch versetzt. Die Hingabe an das spielerisch Zwecklose aber ist der Anfang aller Fantasie, der Urgrund der Künste, wie das Staunen der Beginn jeder Wissenschaft. Und so ist auch die Vorlage für den Einband des Palmbaums: eine überbordende Collage in 50 x 60 cm, ein Bild aus unzähligen Bildfetzen, das Material für mehrere Varianten bot. Absurd sind sie nicht, eher eine freundliche Einladung, die Zerrissenheit unserer Welt wahrzunehmen, produktiv mit ihr umzugehen, selbst zu zaubern … Kontaktadresse: Lügenmuseum, Kötzschenbrodaer Straße 39, 01445 Radbeul www.luegenmuseum.de
E L E N A M A K A ROVA
FRI E D L
Ein Buch über die Werra Der reich bebilderte und mit Zeichnungen der Autorin Sandra Blume illustrierte Band ist ein Heimatbuch im besten Sinne – zum Schwelgen, Entdecken und Verstehen.
— Bild-Text-Band ISBN 978-3-96311-668-1
www.mitteldeutscherverlag.de
Das Glanzstück des Lügenmuseums: Maschinen im Tanzsaal des einstigen Gasthofs Serkowitz, wie in den Anfängen des Weimarer Bauhauses
Biografischer Roman Aus dem Russischen von Christine Hengevoß ISBN 978-3-96311-567-7