Holzbrücken – ein Stück Schweizer Identität An kaum einem anderen Bauwerk als der Brücke sind Jahrhunderte und Jahrtausende Geschichte lebendiger erfahrbar. Noch heute setzen wir in einsamen Tälern unseren Fuss auf Steine, welche längst vergessene römi sche Baumeister einst zu begehbaren Bögen gefügt haben. Doch auch Brücken in Holz haben in unserem Land eine lange Tradition. Die ersten grossen Holzbrücken in der Schweiz wurden um 1225 erstellt; vermutlich 1333 entstand das Original der Kapellbrücke über die Reuss in Luzern. Millionen Touristen nehmen dieses Wahrzeichen der Schweizer Brücken baukunst in Form einer Fotografie mit nach Hause, welche das Erlebnis Schweiz schlechthin repräsentiert. Im 18. Jahrhundert erlebt der Holzbrückenbau mit einer aussergewöhn lichen Ostschweizer Baumeisterfamilie eine besondere Blüte: Hans Ulrich Grubenmann erstellte in den Jahren 1743 bis 1780 elf Brücken in Holz, sein Bruder Johannes Grubenmann in demselben Zeitraum zwei. Von die sen Brückenbauten ist indessen wenig geblieben: Bis auf wenige wurden sie 1799 von den Franzosen beim Rückzug zerstört. Und doch prägt das Grubenmann-Werk bis heute den Holzbau: So reden wir noch immer gern von Hängewerken, Sprengwerken oder Hängesprengwerken. Die Entwicklung der Zimmermannskunst im Brückenbau hat bis ins 19. Jahr hundert immer wieder zu neuen, schlanken und weitgespannten Holz brücken geführt – viele davon sind heute noch im Einsatz. Dann allerdings verwiesen Stahl, Stahl- und Spannbeton das Holz auch im Brückenbau in ein Nischendasein. Erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahr hunderts werden Zeichen einer Renaissance des Holzbrückenbaus sichtbar: 1977 wird in der Schweiz die erste Strassenbrücke aus Brettschichtholz gebaut, versehen mit dem traditionell vorgesehenen Dach als Schutz element. Die ersten Holzbrücken waren immer gedeckt, um dem Holz den notwen digen Schutz zu bieten, was angesichts der langen Nutzungsdauer von bis zu 650 Jahren mehr als richtig war. Heute dagegen ist eine Nutzungs dauer von 100 Jahren für Bauwerke mit übergeordneter Bedeutung schon der maximale Zeithorizont (Norm SIA 260: 2003). Moderne Produkte er lauben es, offene Brückenprofile sauber und problemlos zu detaillieren und abzudichten. Das eröffnet neue Perspektiven im Hinblick auf die Gestaltung der Konstruktion und bereitet einer neuen Generation von Holzbrücken den Weg. Bei den Spannweiten ändert sich über Jahrhunderte wenig: Grubenmann baute über 38 Meter und plante auch für 120 Meter. Das ist in etwa gleich geblieben, nur normaler geworden. Dafür sind jedoch die Beanspru chungen gestiegen. So sind einzelne Strassenbrücken in Holz auch für Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht bis 40 Tonnen ausgelegt. Das ist we niger ein Problem der Längstragwerke als vielmehr der Fahrbahnplatten und der Lastkonzentrationen im Anschluss an die Längsträger. Was angesichts jeder Brücke da ist, ist die faszinierende Erfahrung, dass die Tragwerke und somit die Kraftflüsse sichtbar sind. Das schafft unmittelbare Eindrücke für das gelungene Ineinander von Konstruktion und Gestaltung. Und: Brücken bleiben dem Menschen nicht fern, sie werden begangen und damit persönlich erlebt. Darum sind historische wie moderne Brücken wich tige Mittler für die grossartigen Leistungen des Baustoffs Holz.
Roland Brunner Technische Kommunikation Lignum
Originalmodell der Brücke von Wettingen. 1766 stellte Hans Ulrich Grubenmann die Brücke mit 61 m Spannweite im Auftrag des Abts von Wettingen fertig, 1799 wurde sie von den Franzosen in Brand gesteckt. Quelle: Josef Killer, Buchreihe Lignum im Baufachverlag, Die Werke der Baumeister Grubenmann, 1998, Zürich. Originalbild: Hans Rohr, Aarau
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