Magazin #33 der Kulturstiftung des Bundes

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Wer ist Robin Erzählung über eine

Videospielprogrammiererin aus der Zukunft

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Ich war erschöpft von der langen Busfahrt, als ich beim Motel ankam, gelegen im Stadtteil Hialeah. Es wurde bereits dunkel und die Abendluft des Viertels roch nach frischen Abfallfeuern in irgendwelchen Hinterhöfen. Alles hier hatte die enttäuschende Weitläufigkeit eines Gewerbegebiets. Ich sah Menschen leblose Alligatoren aus ihren Häusern tragen und zu den Mülltonnen auf dem Bürgersteig legen. Im Internet hatte ich zuvor gelesen, dass die Gegend zur Heimat der Ringervereine geworden sei, deren Dasein um das regelbasierte Kämpfen und das gewaltsame Bezwingen der Tiere kreiste. Sie lungerten vor ihren Vereinshäusern wie Friseure ohne Kundschaft, spielten Domino, tranken proteinhaltigen Tee und sahen gleichgültig dem Verkehr zu. Oben waren die Wolken. Heinrich’s Motel war ein hufeisenförmiges Gebäude mit Parkplätzen und einem Pool in der Mitte. Der namensgebende Betreiber saß an der Rezeption, hinter ihm einige dieser Halbkugelwandlampen, in denen sich Fliegen zum Sterben versammelten. Mein Zimmer war klein und mit hellbraunem Teppichboden ausgelegt. Zum Abendessen machte ich mir eine Tütensuppe. Danach legte ich mich ins Bett und sah noch etwas fern. Eine Talkshow-Moderatorin nickte ausdauernd, während ihr Gast von den politischen Problemen der Stadt sprach. Sie wirkte bedrückt. Zum Einschlafen warf ich mir wie jeden Tag mein Dyler ein. Am nächsten Morgen frühstückte ich an einer Tankstelle und ging nochmal die Fragen durch, die ich für mein Treffen mit Robin Green-Touré vorbereitet hatte. Den Namen hatte ich das erste Mal in einem Subreddit gelesen, in dem sich eine kleine, aber verschworene Gemeinschaft gegenseitig experimentelle Videospiele empfahl. In diesem Zusammenhang wurden auch die Arbeiten einer Entwicklerin namens RGT immer wieder erwähnt. Es hieß, ihre Spiele würden nicht nur neue Perspektiven auf etablierte Genres werfen, sondern seien fast immer von einer subtilen Handlung getragen, die auf eine seltsame Weise kritisch war und berührte, ohne aufdringlich zu sein. Viele im Forum sahen ihre Arbeiten als Leuchtspurmunition der Hoffnung in der von christlich-amerikanischem Konservatismus verkrusteten Videospielindustrie und verglichen sie mit Kathy Acker, El Greco, H.P. Lovecraft, Arthur Rimbaud und Sylvia Plath, von denen ich allerdings noch nie etwas gehört hatte.

Über ihre Person war nur wenig bekannt, selbst ob Green-Touré wirklich ihr Nachname war. Andere glaubten, RGT sei in Wirklichkeit ein einsamer Mann, der in seinem Keller in rauen Mengen US-amerikanische Kultur verschlang. Und wiederum andere mutmaßten, dass es sich möglicherweise um mehrere Personen handelte. Ein User behauptete, auf dieselbe Grundschule wie sie gegangen und ein guter Freund von ihr gewesen zu sein: „Sie hat schon damals in ihrer Freizeit Brett- und Pausenhofspiele entworfen, die aber meistens niemand von uns verstand. Im Gedächtnis geblieben ist mir außerdem so ein rollenspielartiges Planspiel namens MERKWÜRDIGE DINGE INC. Das sollte nur ein einziges Mal gespielt werden, sich dafür aber über mehrere Wochen ziehen. Wir spielten dabei uns selbst: Schüler an der William-Gass-Grundschule in West Little River, Miami, an der merkwürdige Dinge zu geschehen begannen. Die Grenzverläufe des Spiels waren schwammig. Was eine Fährte und was nur ein belangloser Zufall war, sollten wir durch Investigation und Kombinationsgabe herausfinden. Ein zentrales Element waren Kassettentapes und Notizen mit handlungstreibenden Informationen, die Robin nicht nur auf dem Pausenhof, sondern im ganzen Viertel verteilt hatte. Bei den Tapes handelte es sich um tagebuchartige Einträge eines Schülers namens Bokaj Nolte, der unter ungeklärten Umständen verschwunden war. Die Aufnahmen sollten stückweise offenbaren, auf welches dunkle Geheimnis Nolte gestoßen war, als er zufällig in der Pause ins Lehrerzimmer gekommen war. Dessen zunehmend nervös klingende Nachrichten offenbarten, dass extraterrestrische Wesen seit Jahren unentdeckt auf der Erde lebten, mit dem Ziel, die Menschen in Großraumbüros mit Raumteilern und Wasserspendern zu sperren. Die Spielregeln und Eventualitäten kannte nur Robin. Zur Steuerung des Geschehens hatte sie angeblich einen Kalender mit einem straffen Zeitplan, auf dem die Termine für das Eintreffen neuer merkwürdiger Dinge eingetragen waren; zum Beispiel mit Kreide beschmierte Straße, Zeichen im Sandkasten oder kryptische Sprachnachrichten auf Anrufbeantwortern. Doch fast nichts ging davon auf. Wir suchten schon nach drei Tagen nicht mehr nach den Kassetten und der Wind wehte die versteckten Zettel davon, der Regen spülte die Kreide weg.“ Selbst wenn diese Geschichte erfunden war, so deckte sie sich zumindest mit dem experimentellen Geist von RGTs Frühwerk, das von ihr selbst als Teenage-