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„Die _eilige Schrift“ Bibel-Cut-Ups von Studierenden des Instituts für Literaturwissenschaft am KIT

Anmerkungen zur Ausstellung in der Stadtkirche Karlsruhe Juli – September 2014


„Die _eilige Schrift“ – Bibel-Cut-Ups Anmerkungen zur Ausstellung Stadtkirche Karlsruhe Juli-September 2014 Inhalt Einführung ............................................................................................................................. 1 Cut-Ups: Literarische Methode mit Geschichte................................................................... 2 Bibel Cut-Ups: 1630-heute .................................................................................................. 3 Die Bibel: Sprachdenkmal und Textsteinbruch .................................................................... 5 Die Kirche: Schreibraum der Gegensätze ............................................................................ 6 Die Exponate ......................................................................................................................... 8 Die eilige Schrift .................................................................................................................. 8 Gegensätzliches ................................................................................................................ 10 Hell/Dunkel ....................................................................................................................... 12 Genesis/Genetics .............................................................................................................. 14 Herrin ............................................................................................................................... 16 Und Jesus sprach: ............................................................................................................. 18 Son of a Preacher Man...................................................................................................... 20 15 Zweistimmige Intentionen ........................................................................................... 22 Die Schere oder: Das Gefühle-Zertifikat ............................................................................ 24 Liebe/Geist ....................................................................................................................... 26 Gedichte und Texte ............................................................................................................. 28 Zerronnen ......................................................................................................................... 28 Guten Tag, darf ich mich vorstellen?................................................................................. 30 Gute Nacht! ...................................................................................................................... 32 Literatur .............................................................................................................................. 33


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Einführung Bibeln zerschneiden - da stockt bei den meisten Menschen zunächst der Atem. Auch bei den Studierenden, denen diese Aufgabe im Rahmen des Seminars ‚Experimentell Schreiben‘ im Wintersemester 2013/14 gestellt wurde. Der Gedanke, die Heilige Schrift mit der Schere zu malträtieren, löste zunächst ein gewisses Unwohlsein aus. Bücher, insbesondere Bibeln, scheinen weit mehr zu sein als ihr greifbarer Gegenwert aus Papier und Druckerschwärze. Mit der gewaltsamen Dekonstruktion der Physis und des Inhalts von Büchern verbinden sich kollektiv verankerte Schreckenserfahrungen von Zensur, Makulatur und Bücherverbrennung. Aber auch der magisch-mythische Verdacht, dass der ‚Geist‘ des Autors/der Autorin im Werk manifest sei, schwingt bei jedem Biblioklasmus latent mit. Diese meist unbewusste Wertschätzung gegenüber Büchern wurde während des Zerschneidens deutlich. Damit war bereits ein erster Diskussionspunkt für das Seminar gesetzt: Wie stehe ich eigentlich zum Gegenstand ‚Buch‘, und hier: der Bibel? Aber warum überhaupt Bibeln zerschneiden? In einem literaturwissenschaftlichen Seminar? Ausgangspunkt des Seminars war die Beobachtung, dass sich die Literaturwissenschaft ihren Gegenständen aus theoretischer und historischer Perspektive nähert. Dieser Herangehensweise sollten praktische Erfahrungen im Umgang mit Schreiben und Schriften gegenüber gestellt werden. Es sollte aktiv erfahren werden, wie und auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen ‚Schrift‘ funktioniert. Ein Weg dies deutlich zu machen, ist das Experimentieren mit ihren Bestandteilen. Hierfür bot sich die Technik literarischer ‚Cut-Ups‘ an.

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Cut-Ups: Literarische Methode mit Geschichte Mit Cut-Up, zu deutsch ‚Verschnitt‘, wird eine künstlerische Montage-Technik bezeichnet, die literarische, grafische und audiovisuelle Werke zunächst in ihre Bestandteile zerlegt und sie dann auf neue Art und Weise rekombiniert. Im literarischen Bereich hat diese Form der Collage ihre Ursprünge in der Dada-Bewegung in Europa um 1920. Neu entdeckt wurde sie dann in den 1950er Jahren von den ‚Beat-Poeten‘ in den USA. Die bekanntesten Schriftsteller dieser Bewegung waren Jack Kerouac mit ‚On the Road‘, Allen Ginsberg mit dem langen Gedicht ‚Howl‘ und William S. Burroughs mit dem Roman ‚Naked Lunch‘. Burroughs führte auch die Cut-Up-Technik weiter. ‚Cut‘ steht hier für Schnipsel. Texte aus Zeitungen aber auch Lyrikbänden wurden in kleine Teile geschnitten und beliebig neu angeordnet. Ziel dieses ästhetischen Verfahrens war es, die Autorität des Textes bzw. des Erzählers zu unterwandern und bis dahin ungekannte semantische und materiale Potentiale des Sprachlichen aufzudecken. Ursprünglich als feste Fügung gedachte Inhalte wurden aufgebrochen einer Vielzahl neuer Interpretationen zugänglich gemacht. Als LeserIn kann so an jeder Stelle des Buches in den Text eingestiegen werden, jede(r) interpretiert das neu entstandene, dem traditionell linearen Verständnis widerstrebende Werk radikal anders. "Ich fing also an zu experimentieren", erinnert sich Burroughs (nach: Miles, 147ff.). "Jede erzählende Passage oder jede Passage, sagen wir, poetischer Bilder kann beliebig oft variiert werden, und alle Variationen können in sich interessant und gültig sein. Eine zerschnittene und neu arrangierte Seite von Rimbaud wird einem gewissermaßen neue Bilder liefern - wirkliche Rimbaud-Bilder - aber neue. Cut-Ups stellen neue Verbindungen zwischen Bildern her, so dass sich unser Vorstellungsvermögen erweitert..."

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Bibel Cut-Ups: 1630-heute Die Cut-Up-Herangehensweise ist für literarisch schreibende Personen im Hinblick auf Texte und Textproduktion aufschlussreich. Sie zeigt auf und führt darauf zurück, wie das Sprachmaterial als Teil größerer Werke, als ‚Bausatz‘ vorliegt. Doch auch für religiös Schriftinteressierte öffnet sich hier ein weites Feld: das der Hermeneutik, der Lehre der Schriftauslegung. Bei einer erweiterten Recherche zeigen sich sogar direkte Verbindungen zu den vorliegenden Bibel Cut-Ups: Die Wege führen zurück in das England des 17. Jahrhunderts. Um 1630 wurden in der anglikanischen Gemeinde ‚Little Gidding‘ Bibeln ebenfalls mit Scheren ‚behandelt‘. Ziel war es, aus den so erhaltenen Passagen neue Kirchengesänge zu generieren. „Holy reading was understood as an active engagement with the text, even to the extent that scissors became tools of reading.” (Dyck, 67) Dieser aktive Umgang mit dem biblischen Text, der sich vom eher zufälligen, traumartigen Ansatz der Dadaisten und Beatpoeten unterscheidet, findet sich auch in einem Werk wieder, das niemand anderes als der Hauptverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson, 1804 anfertigte: In der sogenannten ‚Jefferson Bible‘, ursprünglich als ‚The Life and Morals of Jesus of Nazareth‘ erschienen, werden die Lebensgeschichte und die Lehren Jesu dargestellt. - Ganz wie im neuen Testament, möchte man meinen… - doch das Werk Jeffersons, das er aus mehreren Bibeln griechischer, lateinischer, französischer und englischer Sprache zusammenstellte, besteht nur aus ausgewählten Aus-Schnitten des zweiten Bibelteils, die er zudem neu arrangierte. Als Jefferson zur Schere griff, tat er dies aus Unzufriedenheit gegenüber der Korruption, die seiner Meinung nach um sich gegriffen und ihre Spuren in der Bibel hinterlassen hatte. Sein Ziel war es, die reine Lehre Jesu zu extrahieren. Daher ließ er alle Passagen, die von übernatürlichen Phänomenen berichten oder die seiner Meinung nach historische Irrtümer enthielten, ‚unter den Tisch fallen‘. 3


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An John Adams, seinen Vorgänger im Präsidentenamt, schrieb Jefferson: "In extracting the pure principles which [Jesus] taught, we should have to strip off the artificial vestments in which they have been muffled by priests, who have travestied them into various forms, as instruments of riches and power to them. (…) We must reduce our volume to the simple evangelists, select, even from them, the very words only of Jesus. (…) There will be found remaining the most sublime and benevolent code of morals which has ever been offered to man. (Jefferson, 218). Auch hier zeigt sich das Bild einer konstruktiven, destillierenden Herangehensweise des ‚Lesens mit der Schere‘. Durch diese Herangehensweise an den in der Bibel überlieferten Text wurde Jefferson zugleich zu einem frühen Vertreter der historischen Jesusforschung. Eine noch heutzutage weit verbreitete Variante des Bibel-Verschnitts stellen die ‚Herrnhuter Losungen‘ dar, die die Evangelische Brüder-Unität seit 1731 jährlich herausgeben; ausgewählte Bibelverse des Alten und Neuen Testaments zur täglichen Andacht.

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Die Bibel: Sprachdenkmal und Textsteinbruch Als Material für unsere Cut-Ups diente ein Nachdruck der Lutherbibel von 1545. Der Reformator hatte diese Ausgabe der ‘Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft Deudsch‘ kurz vor seinem Tod erstellt. Sie stellte somit die Grundlage aller späteren Auflagen dar. Die Bedeutung, die dieses Werk für die Vereinheitlichung des Deutschen als Volkssprache als auch für die Alphabetisierung der Gesellschaft hatte, ist in ihrer Größe kaum zu überschätzen. "Denn“, so Luther, „man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen / wie man sol Deutsch reden“. Vielmehr solle man dem Volk „auff das maul sehen / wie sie reden / vnd darnach dolmetzschen." (‚Sendbrieff von Dolmetschen‘, 1530). Luther war nicht nur ein tiefgründiger Glaubens- und Sprachgelehrter, sondern auch ein Meister der deutschen Sprache, ein Dichter. Das Versmaß und der Klang der Lutherbibel sind bis heute beeindruckend. Mit seiner Bibelübersetzung hat Luther den Deutschen ihr wichtigstes Sprachdenkmal gegeben. Bis tief in das 19. Jahrhundert war das ‚Buch der Bücher‘ häufig das einzige gedruckte Werk in einem Haushalt. Mit Hilfe der Heiligen Schrift wurde Lesen und Schreiben erlernt. In direktem Zusammenhang damit ist auch ihr Einfluss auf die Ausdifferenzierung des literarischen Betriebs zu einem eigenen Kunstsystem zu verstehen. Pietismus und das protestantische Pfarrhaus waren die Wiege unzähliger deutscher Dichterkarrieren (Vgl. Schlaffer). Wer Literatur – auch die heutige – inhaltlich und geschichtlich verstehen möchte, kommt um die Bibel nicht herum. Ich fand die Lutherbibel in einem kleinen Antiquariat in Karlsruhe und sofort fielen mir die kunstvolle typographische Gestaltung in Fraktur-Schrift sowie die feingliedrigen Holzschnitte, die ihr als Illustrationen beigefügt waren, ins Auge. Hier öffnete sich nicht nur inhaltlich, sondern auch grafisch eine Schatztruhe für das Projekt der Bibel Cut-Ups!

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Der Lutherbibel zur Seite stellte ich eine moderne, in nüchternem Arial gedruckte Bibel. Des Weiteren entdeckte ich an einem Kiosk eine Ausgabe der Heftromanserie ‚Der Bergpfarrer‘ – auch sie landete in meinem Einkaufskorb. Im Caritas-Laden erstand ich einige gebrauchte Bilderrahmen, in einem Bastelladen dann schließlich Tonpapier, Klebstoff und… Scheren.

Die Kirche: Schreibraum der Gegensätze Das Seminar traf sich, ausgerüstet mit allen notwendigen Materialien, an einem kalten und dunklen Februarabend vor der großen Stadtkirche in Karlsruhe. Die Kirche hatte ich als Schreibraum gewählt, da die Produktion literarischer Texte immer auch in Interaktion mit den Räumen, in denen sie stattfindet, steht. Die Kirche ist in dieser Hinsicht, – ähnlich wie das ihr zugeordnete Buch, die Bibel – mehr als nur ein Gebäude. Hier gibt es Gegenteilpaare zu erfahren, die in Intensität und Symbolkraft kein anderer Raum bieten kann: Oben-unten, Himmel-Erde, Diesseits-Jenseits, InnenAußen, alt-neu, heilig-profan. Pfarrer Dirk Keller schloss uns auf und führte uns durch die Räumlichkeiten. Wir waren erstaunt vom Ausblick, den man vom Kirchturm oben aus hat, streiften aber auch durch die totenstille Krypta unterhalb des Altarraums. Dann überließ uns Pfarrer Keller die Schlüssel und verschwand. Die Begehung des ‚Erlebnisraums Kirche‘ stellte einen wichtigen Punkt im Verlauf des Seminars dar. Die gesammelten Eindrücke sollten dann in die anzufertigenden Bibel CutUps und/oder zu verfassenden Texte einfließen. Der Ort des Schreibens innerhalb der Kirche blieb jedem freigestellt. So dichtete ein Teilnehmer allein in der Krypta, eine Teilnehmerin auf den Stufen zum Altar. Die meisten jedoch arbeiteten an den Bibel Cut-Ups in den Bänken des Kirchenschiffes.

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Nach der Beendigung der Arbeit kamen wir zusammen, um uns die entstandenen Werke einander vorzustellen, die Gedanken beim Anfertigen zu erläutern und die Inhalte zu diskutieren. Dabei zeigte sich eine große Vielfalt neu entstandener ‚Glaubenssätze‘: von Überlegungen zur Zeitlichkeit des Glaubens, der Kritik am konservativen Frauenbild in der Bibel über die Öffnung hin zu den jeweils individuellen Glaubensinstanzen bis zu religiösen Inhalten in Musik und Populärkultur reichte die Palette. Im Folgenden sind die Exponate der Ausstellung, die in der Stadtkirche von Juli bis August 2014 stattfindet und die von weiteren Cut-Up-Workshops begleitet wird, zu sehen; jeweils mit einem kurzen Text der UrheberInnen zur Intention ihres Werkes.

Jörg Hartmann, MA (Seminarleiter ‚Experimentelles Schreiben‘) Karlsruhe im Juni 2014.

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Die Exponate

Die eilige Schrift von Anna Magdalena Gitzler und Lisa Döbereiner Der Terminus Gott in der Schöpfungsgeschichte schien uns doch sehr erdrückend und einseitig. Wirkt die Präsenz dieses vierbuchstabigen Wortes nicht sehr überlagernd, gerade zu aufdringlich innerhalb der siebentägigen Entstehung des Planeten Erde? Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war... und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. [...] Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und an diesem Tag ruhte er. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das Werk der Schöpfung vollendet hatte. Dieser Gedanke brachte uns zu der ungewöhnlichen Idee Gott einfach aus der Schöpfungsgeschichte auszuschließen. Nur wodurch würden wir ihn ersetzen? Dies ist die eigentliche Philosophie hinter unserem Bibel Cut-Up. Darf nicht jeder Mensch, jeder Leser der Schöpfungsgeschichte selbst entscheiden wie er diese Lücke füllt, ohne sich ausschließlich am Wort Gott festklammern zu müssen? Ist es nicht unser Recht oder vielleicht sogar unsere Pflicht eigene Ideen und Gedanken zu finden um den Sinn unseres Daseins ergründen zu können? Wir wollen nicht das einzig wahre Richtige, denn jeder glaubt auf eine andere Art und Weise, jeder hat ein anders Bild von unserer Schöpfung im Kopf, denn niemand war wirklich dabei! Und macht nicht gerade das den Glauben tolerant und wunderbar?

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Gegensätzliches von Leonie Lang, Sibylle Daub und Jannis Wulle Unser Werk befasst sich mit dem Gegensätzlichen, das Religion und das Christentum speziell aufwirft. Jeder Mensch muss tagtäglich zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Alt und Neu, zwischen dem Erhalt alter Werte und der Veränderung hin zum Neuen balancieren. Dies wollten wir dadurch darstellen, dass wir auf der einen Seite die vergilbte, verbrannte und verschlissene Vergangenheit zeigen, indem wir Rahmen, wie auch Papier künstlich zerstört haben. Auf der anderen Seite sind Rahmen sowie Papier neu und sauber. Hiermit wollten wir auf der einen Seite zwar die veralteten Ansätze bestimmter Religionen darstellen, aber auch (z.B. durch die doppelte Nennung der Offenbarung) dass alte Werte trotz aller Widrigkeit erhalten bleiben und erhalten werden sollten. In der Grundintention soll dieses Werk weder die Vergangenheit noch die Zukunft glorifizieren, sondern darstellen, dass wir nur durch unsere Position zwischen den Gegensätzlichkeiten, zwischen Oben und Unten und zwischen Alt und Neu, existieren und uns weiterentwickeln können.

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Hell/Dunkel von Rosali Eberhard, Johannes Lang und Jessica Lebherz Unser Cut-Up beschäftigt sich auch mit Gegensätzen, die wir mit Bildern und Worten dargestellt haben. Oben-unten, hell-dunkel, rechts-links, Tag-Nacht, gut-böse, schwarz-weiß, Anfang-Ende,… Jeder von uns ist nicht nur gut oder böse, wir alle haben eine helle und eine dunkle Seite, denn jeder macht Fehler und entscheidet sich nicht immer für ‚das Gute‘. Vieles hat sowohl Vor-, als auch Nachteile. Man muss sich immer aufs Neue entscheiden und wohin uns das führt, nach rechts, nach links, nach oben oder unten, ins Licht oder die Dunkelheit, ist nicht immer eindeutig. In unserem Bibel-Cut-Up werden viele Gegensätze vereint, Gegensätze, die jeder in sich trägt. Diese ‚Vereinigung‘ wird durch den Kreis in der Mitte symbolisiert. Die Noten, die auch gegensätzlich, mal auf dem Kopf und mal richtig herum stehen, stellen eine weitere Verknüpfung von Mitte und Rand, außen und innen, von rechts und links dar. Dadurch wird alles zusammengehalten. All unsere Eigenschaften, nicht nur die guten, machen uns zu dem, was wir sind. Auch Fehler sind ein Teil von uns, ein Teil des Lebens. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch vieles dazwischen, vieles, was zwischen Anfang und Ende steht.

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Genesis/Genetics von Joerg Hartmann Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde sowie das Wort. Das Wort, das auch Grundlage der Poesie ist. Poetik wiederum, das kommt von gr. poiesis, ‚Erschaffung‘. Fiktion, das kommt von lat. fingere,‘ machen‘. Zwei Grundbegriffe der Literaturtheorie verbinden sich hier mit dem allumfassenden Schöpfungsnarrativ, das die Bibel anbietet. Die beiden Schöpfungsberichte des Buches Genesis („Am Anfang schuf…“) bilden den Ausgangspunkt meines Cut-Ups, das das religiöse Modell dem Paradigma der Evolutionsbiologie in Form eines stilisierten Genstranges mit den gegenüberstellt. Das beigeordnete „Gattaca“ referiert auf den gleichnamigen Science-Fiction-Film (Niccol, 1997) und ist aus den Abkürzungen der vier Nukleinbasen der DNA zusammengesetzt: A für Adenin, C für Cytosin, G für Guanin und T für Thymin. Die Abfolge GATTACA ebendieser Basen kann erstaunlich oft in der menschlichen DNA gefunden werden. Wie wird gelesen, was in Bibel und Biologie geschrieben steht? Nimmt man die Bibeltexte wörtlich, so erscheinen sie von der Warte der Naturwissenschaften aus gesehen als überlebte Weltsicht. Gelingt es jedoch, sie metaphorisch zu verstehen, geht das Ergebnis über den evidenten Horizont hinaus. Der Bibeltext erschließt dann die transzendentspirituelle Dimension der Wirklichkeit und ergibt ein multidimensionales Menschenbild. Den Gencode wiederum ordnet der Philosoph Hans Blumenberg (1920-96) einer der Leitmetaphern des westlichen Kulturkreises zu, der ‚Lesbarkeit der Welt‘. In ihr erscheine die „Kontinuität des Begehrens nach dem Verstehen der Welt“ (Blumenberg, 1981, Vorwort). Der Kreis von Schreiben und Lesen, Codieren und Verstehen schließt sich. Die oft behauptete Gegensätzlichkeit von Natur- und Geisteswissenschaft stellt sich als Einheit aus zwei Seiten derselben Medaille dar. Oder anders gesagt: die Doppelhelix aus Schöpfung und Erkenntnis nimmt offenbar eine neuerliche Wendung.

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Herrin von Semirah Fetjah Ich wollte eigentlich nur darauf hinweisen, dass Gott kein Geschlecht hat und indirekt das Patriarchalische am christlichen Glauben in Frage stellen. Deswegen das Herr-'In': um zu zeigen, dass es sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Hätte ich ein * gefunden, hätte ich das auch noch eingefügt. Warum das Bild mit dem Feuer, der Verbrennung? Keine Ahnung...vermutlich, um die Geschlechterrolle innerhalb der Kirche sinnbildlich zu verbrennen und so neu überdenken und aufbauen zu können...? Kann auch sein, dass ich das Bild cool fand.

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Und Jesus sprach: von Cedric Höll Um es gleich klarzustellen, ich bin kein besonderer Freund der Kirche und des Glaubens, weswegen die Aussage des Cut-Ups auch als Kritik an diesen zu verstehen ist. Hingegen war meine Intention nicht das stumpfe Verunglimpfen einer Religion oder ihrer Anhänger, sondern lediglich ein Apell umzudenken. Durch Zerschneiden der Bibel habe ich einen Satz geformt, den ich Jesus als wichtigsten Bestandteil des Christentums in den Mund gelegt habe: "Frauen sind Schlangen. Sie sind die Gottlosen unserer Zeit." Durch diesen beabsichtigt provokanten und drastischen Satz habe ich versucht den Betrachter vor einen Widerspruch zu stellen. Jesus, der die Religion der Liebe begründete, würde nach biblischem Verständnis diesen Satz nicht einmal denken, geschweige denn seinen Jüngern vorpredigen. Aber gerade in Zeiten in denen Missbrauchsfälle, Schwulenhass und Holocaust-Leugner die Kirche heimsuchen und ein Umdenken in weiter Ferne steht, scheint die Liebe nicht mehr weiter Teil des christlichen Glaubens zu sein, sofern man nicht in zynischer Weise behauptet Kinder zu missbrauchen stelle auch eine Art von Liebe dar. Ich habe nun im speziellen Fall Frauen gewählt als Sujet Jesus´ Spottes, da die Zeit nicht ausreichte um aus dem doch sehr langen Buch das Wort Schwule herauszufiltern, falls es denn überhaupt geschrieben steht. Hier stehen nun also die Frauen (die im Übrigen in der christlichen Tradition ebenfalls nicht den höchsten Stand genießen) als Platzhalter für homosexuelle Menschen, denen es nicht gestattet wird, den göttlichen Segen zu erhalten. Dies steht aber im krassen Gegensatz zu Jesu Gebot der Liebe gegenüber jedem einzelnen Menschen. Und genau das habe ich versucht durch mein Cut-Up zu verdeutlichen.

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Son of a Preacher Man von Joerg Hartmann “Being good isn't always easy, no matter how hard I try” singt Dusty Springfield in diesem 1968 erschienen Song über eine leidenschaftliche Affäre zum Sohn eines Pfarrers. Aber was heißt “being good” in diesem Kontext eigentlich? Und warum scheint es kaum zu gelingen, dem Anspruch „gut zu sein“ gerecht werden zu können? Welche Moralvorstellungen verbinden sich mit dem Topos ‚Kirche‘ in Bezug auf körperliche Liebe? Das Leiden, das aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und realer Fehlbarkeit entsteht, zeigt sich in diesem Cut-Up als Zerrissenheit. Love will tear us apart. Der besungene Pfarrerssohn scheint sich in der Kunst der Verführung gut auszukennen. Insbesondere weiß er wohl um die Macht der Worte: „When he started sweet-talkin' to me, he'd come and tell me everything is all right. / He'd kiss and tell me everything is allright. ” Verführung, Hingabe sowie der Wunsch nach Erlösung sind hier eng miteinander verwoben. ‚Gebeichtet‘ wird der höchst ambivalente Genuss der ‚Droge Pfarrerssohn‘. Bezeichnenderweise wurden Teile des Songs 1993 für das Lied ‚Hits from the Bong‘ der Gruppe Cypress Hill verwendet. Als Bong wird eine Wasserpfeife bezeichnet, in der Cannabis geraucht wird. 1994 tauchte der ‚Son of a Preacher Man‘ dann als Hintergrundmusik einer Szene des Films ‚Pulp Fiction‘ von Quentin Tarantino auf; auch hier wieder im Zusammenhang mit Rauschmitteln. Statt mit einem Kater endet der Text des Liedes jedoch mit einer reuelosen Feier süßer Worte und leidenschaftlicher Liebe als Weg zu innerem Wachstum: „Learnin' from each other's knowing, lookin' to see how much we've grown.“

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15 Zweistimmige Intentionen von Marie Walther und Ann-Christin Porsch

Zeichen, die etwas bedeuten – das sind nicht nur Buchstaben, die Worte formen, sondern auch Noten, die Töne und Melodien formen. Nicht zufällig spricht man von ‘Notensätzen’. In diesem Cut-Up wurde jedoch nicht irgendein Notensatz genommen, sondern der eines vom lutherischen Christentum stark beeinflussten Komponisten: Johann Sebastian Bach. Man kann mit Fug(e) und Recht behaupten, dass bei diesem Künstler der Glaube ‚groß geschrieben‘ wurde – wie auch die aus der Bibel ausgeschnittenen und beigefügten Initialen. In Bachs Werk spiegelt sich nicht nur sein Glaube, sondern auch seine Vorliebe für Zahlenspielereien. Auch in ihnen sah er tiefere Bedeutungen und Zusammenhänge. Eine besondere Vorliebe hatte er für die Zahl 14, mit der er sich häufig selbst darstellte. Ordnet man den Buchstaben des Namens Bach nämlich Zahlen zu, die sich aus der Position der Buchstaben im Alphabet ergeben und addiert sie, ergibt sich die Zahl 14… . Bach versteckte die Zahl in seinem Wappen, das 14 verdickte Schnörkelenden an den Buchstaben J, S und B zeigt. Er ließ sich mit 14 Knöpfen an seinem Anzug porträtieren und wartete so lange auf die Aufnahme in die »Correspondierende Societät der Musicalischen Wissenschaften«, bis er als 14. eintreten konnte. In dem verwendeten Notenheft handelt es sich jedoch um ‚15 Zweistimmige Inventionen‘. Vor dem Hintergrund des gematrischen (zahlenspielerischen) Interesses Bachs stellt sich sofort die Frage: Wer ist die 1, die Bach seiner Lieblingszahl hinzufügt? Etwa ‚der Eine‘? Die Zahlenspielerei beginnt zu schillern, aus der einstimmigen Melodie werden zwei Stimmen, die zum Zuhörer sprechen, mit ihm spielen. War das etwa Bachs Intention? Dieses Schillern zeigt auch der gewählte Goldgrund, auf den die Intentionen aufgeklebt sind. Er erinnert an die frühchristliche und mittelalterliche Kunst der Ikonenmalerei, in der das Goldene als Ausdruck überirdischer Herrlichkeit galt.

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Die Schere oder: Das Gefühle-Zertifikat von Dennis Heitz Inhalt Mein Cut-Up besteht aus einem Ausschnitt des Lebens einer Serienmörderin, die gerne mit einer Schere Menschen umbringt und währenddessen irre vor sich hin faselt. Dieser Ausschnitt ist in Prosa gefasst und könnte etwa einem Roman oder einer Kurzgeschichte entspringen. Am unteren Bildrand gibt es einen Hinweis auf die Romane eines Verlegers, weshalb ein Ausschnitt aus einem Roman suggeriert wird. Die Protagonistin Sonja Sonnenschein kocht und verspeist nach einem Mord ihr Opfer zusammen mit ihrem Geliebten Franz, der dazu Kartoffeln serviert. Einflüsse Entstanden ist das Cut-Up in der Atmosphäre der Stadtkirche in Karlsruhe, die bezeichnenderweise bei mir nicht viele Spuren im Geschriebenen hinterlassen hat, weil ich beim Kreativsein meistens eher in mich gekehrt bin, als dass äußere Umstände mein Schreiben beeinflussen. Mein Cut-Up mag deshalb aufzeigen, was geschieht, wenn man gegen vorgegebene Themen und Inspirationen eher resistent ist und ergänzt somit die anderen Kunstwerke, die in dieser Runde entstanden sind. Werkzeug Hergestellt wurde das Cut-Up aus einem Musterzertifikat, das im verwendeten Bilderrahmen a priori gegeben war und einem Groschenroman namens "Der Bergpfarrer", der zu diesem Zweck zerschnibbelt wurde. Nur die Worte „zum Herrn“ sind aus einer Bibel ausgeschnitten, die vorher makellos war und von der einzig und allein ich zu diesem Zweck gebraucht gemacht habe. Dieses Verstümmeln einer Bibel wegen nur zwei Worten schafft einen großen Spielraum der Auslegung. Unter anderem soll dieser Kunstgriff für die Verschwendungssucht eines Menschen stehen, der statt billigem Getreide oder Gemüse das wertvolle Fleisch eines Menschen isst. Parallelen zu Vegetarismus und Volkswirtschaft sind hier eindeutig enthalten. Da es sich nur um einen Auszug aus einem gedachten Roman handeln soll, ist der geneigte Rezipient dazu angehalten, sich die Bewandtnis des zweiten Titels „Das Gefühle-Zertifikat“ selbst zu erdenken, was eine interpretative Offenheit dieses Meisterwerks gewährleistet.

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Liebe/Geist von Elisa Walker und Julius Link Das Werk trägt den Titel "Liebe - Tag für Tag". Es wurde in Zusammenarbeit der Studenten Julius Link und Elisa Walker gestaltet. Julius Link nahm hierbei intuitiv eine Auswahl von Bibeltextstellen vor und schnitt diese dann aus. Elisa Walker bestimmte die Reihenfolge der Wort- und Satzschnipsel und fertigte daraus einen zusammenhängenden Fließtext. Sie übernahm außerdem die zum Kontext passende Präsentation vor dem Publikum. Überleitungen für einzelne Abschnitte wurden in gemeinsamer Absprache gesucht und gefunden. "Liebe - Tag für Tag" ist eine liebevoll-humoristische Hommage an das christliche Zölibat. Instrumental umgesetzt in einer kunstvoll inbrünstig vorgetragenen Predigt, steht der Text umklammert durch die beiden rot hervorstehenden Worte - ein, für die Vereinigung von Geist und Liebe, ohne die starren Regeln des Christentums.

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Gedichte und Texte Zerronnen von Anna Gitzler

Von Oben bin Ich gekommen, der Himmel wirkt verschwommen. Mein Jenseits ist so weit, mein Inneres ruft, es schreit…. Nichts ist wie es scheint, der Eine lacht, der Andre weint…. Das Diesseits ist bei mir, doch bin Ich wirklich hier? Nichts will Ich mehr als sein, du wirkst nur wie ein Schein. Von Oben bin Ich gekommen, der Himmel wirkt verschwommen. Lass mich sein bei Dir, damit Ich nicht mehr frier.

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Guten Tag, darf ich mich vorstellen? Von Rosalie Eberhard Ich bin es, euer Begleiter. Ich begleite euch ein Leben lang. Trotzdem fürchtet ihr mich. Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde. Ihr seid froh über jeden Tag der vorrübergeht, ohne dass ihr mir begegnen müsst. Dabei bin ich überall. Dabei gehöre ich doch dazu. Aber ihr schließt mich aus. Obwohl ich so gerne dazugehören möchte.

Guten Tag, darf ich mich vorstellen? Ich bin es, der Tod. Menschen leben, Menschen sterben. Vergänglichkeit, Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart. Ich bin alles. Trotzdem bin ich allein. Und am Ende bleibt auch ihr allein. Ihr bleibt mit mir allein. Dabei biete ich auch Trost. Und Erlösung. Wenn ich zu euch komme, dann nehme ich euch nichts weg. Ich schenke euch nur einen weiteren Abschnitt auf eurem Weg.

Guten Tag, darf ich mich näher vorstellen? Ich bin der Tod. Ich sehe eure Angst. Die Angst loszulassen, mitzukommen. Ihr seid so stark und so zerbrechlich, wie Glas. Ihr braucht einen Freund, der euch begleitet. Aber keine Dankbarkeit, keine Freude, keine Neugier? Also wandele ich allein und wache über euch. Ich beobachte euch: Ich habe euch lachen gesehen, weinen und schreien. Ich sehe schlimme Dinge. Ich sehe schöne Dinge. Ich sehe Macht, Lust, Gewalt, Krieg, Zerstörung… Ich sehe Vernunft, Waffen, Technik, Freundschaft, Glauben, Abschied. Träume. Religionen. Geschenke. Verluste. Trennungen. Wiedersehen. Liebe. Ich sehe alles auf einmal. Ihr seid vielleicht ein buntes Durcheinander! Ihr wisst gar nicht was ihr habt, wisst gar nicht was ihr wollt. Manchmal würde ich gerne eingreifen. Aber ich bin machtlos. Genauso machtlos wie ihr. Ich hole euch doch nicht weil ich will, sondern weil es meine Aufgabe ist. Ein Kind stirbt, die Mutter hasst mich, weil ich so früh komme. Ein Unfall, der Ehemann trauert um seine Frau und hasst mich, weil ich nicht beide mitnahm. Ein kranker Mensch hofft auf das Ende, hasst mich, weil ich nicht früher kommen kann. Jeder stirbt. Manche früher, manche später. Ich habe keinen Einfluss darauf, genauso wenig wie ihr. Aber ihr habt Einfluss auf die Tage an denen ihr lebt. Dieses Geschenk gebe ich euch. Meine Existenz zeigt euch die Schönheit der Welt. Trotzdem denkt ihr, ich mache aus eurem Leben einen Scherbenhaufen, in deren Reflexion sich euer Schmerz wiederspiegelt.

Guten Tag, darf ich mich vorstellen? Ich bin der Tod. Ihr seht mich nicht und seht mich doch. Ich blicke euch durch jedes Augenpaar, durch jedes Lebewesen, durch jedes Gefühl an und lächele euch zu. Ich lebe und fühle mit euch. Ich freue mich mit euch. Ich bin in jeder Träne, jedem Lächeln, jedem Kuss, jedem Spiegelbild, jedem Wassertropfen. Ihr seht mich und doch blickt ihr weg. Ich bin für euch durchsichtig. Ich klopfe an die Scheibe, aber ihr wollt mich nicht einlassen, wollt mich nicht hören. Dabei habe ich euch so viel zu erzählen. Vergänglichkeit ist nicht voll Trauer. Vergangenheit ist Leben. Tod ist Leben. Leben ist Tod. Ich bin ihr und ihr seid Ich.

Ich möchte mich vorstellen: Ich bin’s, euer Tod. Lasst mich Teils des Lebens sein. Ich winke euch zu!

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„Die eilige Schrift“ – Bibel Cut-Ups | Anmerkungen zur Ausstellung

Der tanzende Tod. Aus Schedels Weltchronik, Nürnberg 1493.

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Gute Nacht! Von Rosalie Eberhard Ist das Glas halb leer oder halb voll?

Das Glas ist halb leer Es gibt nichts mehr her. Das Leben ist Müll Die Zeit steht so still. Glück, Zuversicht Kenne ich nicht. Egal was passiert, Ich bin angeschmiert. Weil’s nun mal so ist, Ich bin Pessimist.

Das Glas ist halb voll Das Leben ist toll! Jeder Tag ist ein Tanz Leb ihn voll und ganz! Vom Kopf bis zur Milz, Ich bin ein Glückspilz! Egal was passiert, sei euphorisiert! Weil’s nun mal so ist, Ich bin Optimist.

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Literatur Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1979. Dyck, Paul: “So rare use”: Scissors, Reading, and Devotion at Little Gidding. In: George Herbert Journal 27.1&2 (2003/2004) 67-81. http://muse.jhu.edu/journals/george_herbert_journal/v027/27.1dyck.html

Jefferson, Thomas: Letter to John Adams, October 13, 1813. In: The Writings of Thomas Jefferson. Vol. VI.H.W. Derby, New York 1861. http://archive.org/stream/worksofjefferson06jeffuoft/worksofjefferson06jeffuoft_djvu.txt

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„Bibeln zerschneiden - da stockt bei den meisten Menschen zunächst der Atem. Auch bei den Studierenden, denen diese Aufgabe im Rahmen des Seminars ‚Experimentell Schreiben‘ im Wintersemester 2013/14 gestellt wurde. Der Gedanke, die Heilige Schrift mit der Schere zu malträtieren, löste zunächst ein gewisses Unwohlsein aus. Bücher, insbesondere Bibeln, scheinen weit mehr zu sein als ihr greifbarer Gegenwert aus Papier und Druckerschwärze.“ Der vorliegende Katalog beinhaltet Anmerkungen zur Ausstellung „Die _eilige Schrift“, die in Zusammenarbeit des Seminars ‚Experimentell Schreiben‘ am KIT mit der Alt- und Mittelstadtgemeinde in der Stadtkirche Karlsruhe von Juli bis September 2014 stattfindet.

Kontakt: joerg.hartmann@kit.edu


„Die eilige Schrift“ – Bibel-Cut-Ups  

Anmerkungen zur Cut-Up Ausstellung und deren Exponate in der Stadtkirche Karlsruhe im Juli/August 2014.

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