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Nautisches Flanieren

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Nautisches Flanieren Schifffahrtsbetrachtungen und Flaschenpost Seminar ‚Experimentell Schreiben‘ SS 2014

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Die hier zu findenden Texten entstanden an Bord der MS Karlsruhe während einer 4-HäfenRundfahrt, die das Seminar Experimentell Schreiben im Sommer 2014 vom Rheinhafen Karlsruhe aus angetreten hatte.

Inhalt Elisa Walker: Untergang ...................................................................................................................... 1 Leonie Lang: Die alte Frau ................................................................................................................... 3 Jörg Hartmann: Flaschenpost .............................................................................................................. 5 Elisa Walker: Flaschenpost .................................................................................................................. 7 Julius Link: Flaschenpost ..................................................................................................................... 9 Jannis Wulle: Intro: Der Junge im Regen ........................................................................................... 11 Sebastian Kopf: Der Passagier als nautischer Flaneur....................................................................... 12 Sarah Fischer: Wie motivierend eine Schiffahrt sein kann................................................................ 15 Florian Giek: Flaschenpost ................................................................................................................ 17 Lisa Döbereiner: Kaffeefahrt ............................................................................................................. 19 Lisa Döbereiner: Flaschenpost .......................................................................................................... 21 Daniel Heinold: Seekrank .................................................................................................................. 22 Rosali Eberhard: Wasser Mensch zum Leben braucht ...................................................................... 27 Jannis Wulle: Flaschenpost................................................................................................................ 28

Kontakt: Joerg.Hartmann@kit.edu | #kiteratur


Elisa Walker: Untergang Mit einem knatschigen Geräusch seiner braunen Herrenlederschuhe bahnte sich der betagte bärtige Mann durch die an Deck stehende Touristenmenge. An seiner Seite ging leichten Fußes seine Gattin Margaery. Der elegante weiße Sommerhut auf ihrem Kopf, bebte im Wind. Sie liebte es bei jedem Wetter zu flanieren. Immer im Kreis an der Reling entlang gingen sie. Dabei beobachtete sie so gerne die Menschen an Bord, wie Kinder, die eilig über die hölzernen Bretter des Bodens trampelten und beim Kapitän Schlange standen, um einmal das Steuerrad lenken zu dürfen. Wenn es nach ihr ginge, hätten sie bereits drei der Bälger ihr Eigen nennen können. Zum Glück hatte er sie davon überzeugen können, dass eines schon anstrengend genug sei. Zwischen den beiden herrschte ein nicht unbeachtlicher Altersunterschied von 17 Jahren. In seinem Alter konnte er sich etwas derartiges nicht mehr zumuten. Doch er liebte seine Gattin innig und konnte ihr somit keinen Wunsch abschlagen. Würde sie es versuchen, wäre er bereit nachzugeben und sie wusste das. Sie hatten am Tag zuvor den Hafen verlassen und waren nun auf dem offenen Meer. Über ihnen braute sich seit einigen Stunden ein Unwetter zusammen. Doch der Schiffsführer war sich seiner Sache sicher. Unermüdlich steuerte der Kapitän das hölzerne Schiff über die Seefahrtsstraße, um sie in zwei Tagen überzusetzen. Es war Nacht. Er schreckte durch ein knarrendes Geräusch aus dem Schlaf. Irritiert stellte er fest, dass seine Gattin nicht mehr neben ihm lag. Das Schiff schwankte beachtlich. Er beschloss sich den Morgenmantel überzustreifen, seine braunen Schuhe anzuziehen und nachzusehen, wo sie geblieben war. Im Flur vor seiner Kajüte angelangt, fiel ihm erst das laute Stimmengewirr von unzähligen Passagieren auf, die ebenfalls auf dem Gang standen. Sich am Geländer festklammernd, schwankte er die Stufen hinauf, bis er das Oberdeck betrat. Er musste aufpassen, sich auf den Beinen zu halten, da das Schaukeln wieder schlimmer wurde. Suchend blickte er sich um, doch von seiner Gattin keine Spur. Merkwürdig schief fühlte sich das Schiff an. Bei Betrachtung der Schiffsglocke musste er feststellen, dass es tatsächlich so war. Sie hing in einem unnatürlichen Winkel an ihrem Haken. Die Möglichkeit in Betracht ziehend, dass Margaery doch unten war, ging er vorsichtig wieder hinunter. Im Gang fuchtelte ein Steward eilig mit einigen Rettungswesten herum. Da er nun wirklich beunruhigt war, eilte er so schnell es eben ging zwischen den teilweise panischen Passagieren hindurch in sein Zimmer. Doch zu seinem Entsetzen war sie nicht in ihr Bett zurückgekehrt. Seine Ehefrau war eine Frischluftnärrin. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, wenn es sie in der Nacht nach draußen gezogen hätte, um nur einen winzigen Spaziergang zu machen, wie sie es für gewöhnlich ausdrückte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich erneut den Weg zurück an Deck zu erkämpfen. Das Treiben auf dem Gang hatte sich nun teilweise auf das Oberdeck verlagert, wo Schwimmwesten verteilt wurden. War dies eine reine Vorsichtsmaßnahme oder musste man sich etwa wirklich Sorgen machen? Beherzt setzte er seine Suche fort. Er durchwanderte zunächst den Speisesaal und den Aufenthaltsraum und ging dann vom Heck des Schiffes zum Bug und auf 1


der anderen Seite wieder zurück. Beiboote wurden abseilbereit gemacht. Durch den Lautsprecher ertönte kaum verständlich die gebrochene Stimme des Kapitäns:„… Unwetter… untragbar… begeben Sie sich langsam zu den Rettungsbooten…“ Er musste sie finden, denn die Zeit eilte. „…Notsignal gesendet….“ Keine Spur von ihr. Das Schiff würde untergehen. Die ersten Passagiere stiegen in die Boote. Das aufgebrachte Stimmengewirr wurde immer lauter. Doch ihre Stimme war nicht darunter. Er wandte seinen Blick, als sich etwas Kleines windgetragen seinen Weg zwischen den Umherstehenden hindurch bahnte und auf ihn zuflog. Es war ihr Sommerhut.

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Leonie Lang: Die alte Frau Langsam näherte sie sich der Gruppe. Langsam nicht etwa, weil sie nicht schneller voran kommen würde, auch wenn man das vermuten könnte – immerhin war sie schon sehr alt. Nein, sie ging langsam, weil sie laut ihrer Golduhr, die sie damals von ihrem Mann bekommen hatte, noch fast 2 Minuten Zeit hatte bis sich die Seniorengruppe traf. Und diese zwei Minuten würde sie voll und ganz ausnutzen, selbst wenn sie sich die Schuhe noch drei weitere Male binden musste um Zeit zu schinden. Doch als sie sich – wenige Meter nur noch bis zur Gruppe- zu ihren Schuhen bücken wollte, kam mit erschrockener Miene und wild fuchtelnden Armen ein Junge Anfang zwanzig angerannt. „Warten Sie, ich helfe Ihnen auf!“ Das musste er sein, der Gruppenführer. Schätzungsweise einer dieser Zivildienstleistenden oder ein Sträfling, der seine Sozialstunden ableistete. Kurz überlegte sie wie so oft, zu sagen was sie dachte. Aber das ziemte sich nicht, hatte ihre Schwester gesagt. „Nein danke, junger Mann. Ich hab nur kurz das Gleichgewicht verloren.“, sagte sie also, obwohl sie die Vorstellung, wie er vor ihr kniete um bereits gebundene Schnürsenkel neu zu knoten, durchaus amüsierte. Allerdings hatte sie dafür ihre zwei wunderbaren Minuten hergegeben und sich als zur Gruppe zugehörig verraten. Das „Helena-da-bist-du-ja-alles-in-Ordnung-bei-dir“ wehrte sie mit einem falschen Lächeln und innerlichem Seufzen ab. Sollte sie einen Sturz vortäuschen? Oder eine Magenverstimmung? Aber nein, das hier war doch ein Geburtstagsgeschenk des ältesten Sohnes und würde (laut ihm) sicher „suuuuper nett“ werden. Aber jetzt, da sie ja endlich vollzählig waren, war es wohl Zeit, das Fahrgastschiff zu betreten. Sobald sich alle gesetzt und die entkoffeinierten Kaffees (wer hatte das denn eingeführt?) bestellt hatten wurde sich unterhalten. Über Körperöffnungen und Flüssigkeiten aller Art. Nervös zupfte sie an ihrer Bluse. Seit wann durfte man eigentlich auf die Frage nach dem Befinden nicht mehr einfach nur mit „gut“ antworten? Naja, außer Peter, dem ging es wohl gut mit seinem neuen Darmausgang. Hatte auch ausführlich beschrieben, wie gut genau. Sie schaute aus dem Fenster und versuchte, etwas Spannenderes zu entdecken. Doch das Boot bewegte sich noch langsamer als die vorbeitreibende Windel, die jemand achtlos ins Wasser geworfen hatte. Um sie herum saßen nur alte Menschen und vereinzelt Familien mit kleinen Kindern, kein einziger also, der vom Thema Körperflüssigkeiten hätte ablenken können. 3


Also blieb ihr nichts anderes übrig, als aus dem Fenster zu schauen. Da draußen trieb eine Boje in einem rötlich-pinken Farbton, genau so, wie sie ihre Haare hatte färben wollen. Aber man hatte ihr gesagt, dafür sei sie ja wohl zu alt. Wer hatte das bestimmt? Ihre Schwester? Die Schwiegertochter? Der Friseur? Zu alt. So alt war sie doch noch gar nicht. Die zugeknöpfte Bluse fühlte sich plötzlich so falsch an, genau wie die schweren Ohrringe aus Gold, die sie zusammen mit der Uhr bekommen hatte. Panik kam in ihr hoch. Würden so die nächsten Jahre laufen? Wann hatten die Leute eigentlich beschlossen, über sie bestimmen zu können und über das, was sie zu tun und lassen hatte? „Alles in Ordnung, du siehst so bleich aus?“, fragte ihre Nebensitzerin, Brunhilde oder Siglinde oder sonst wer. „Ja,ja“, tat sie es ab. Doch dann – ganz plötzlich – kam ihr die beste Idee, die sie seit langem gehabt hatte. „Ich gehe nur schnell aufs Oberdeck, frische Luft schnappen.“ Die Treppen nach oben ging sie im Laufschritt, so leicht kamen sie ihr vor. Im leichten Fahrtwind löste sie ihre Haarklammern und stellte sich an die Reling. Sie ließ sich vom Wind die Frisur zerwehen und fühlte sich dabei wie in diesem Film mit dem netten jungen Schauspieler, Leonard irgendwas.. Sie kniff die Augen zusammen und blickte sich auf dem Deck um. Wegen des Regens stand sie nun ganz allein hier oben, ganz für sich. Sehr gut. Zuerst fasste sie sich an Ohren und Handgelenk, löste den teuren Schmuck und behielt ihn in ihrer linken Hand. Auch wenn sie das Schreiben mit rechts hatte lernen müssen war sie nämlich Linkshänderin. Dann holte sie weit aus, stieß einen gellen Schrei aus und schleuderte das schwere Gold vom Schiff. Genugtuung überkam sie, als sie das leise Klonken und Platschen hörte. Doch das reichte ihr noch nicht. Ihre Finger glitten zu ihrem Hals, Knopf für Knopf tastete sie sich voran, bis nun auch die Bluse ihren Weg ins kühle Nass gefunden hatte. Zittrig vor freudiger Erregung fuhr sie nun mit der Hand an ihren Rücken, bis sie die Haken ihres Büstenhalters erfasst hatte. Ein letzer Wurf, und sie stand völlig befreit im Wind. Ein Schrei aus Leibeskräften, vor Freude über die Freiheit, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte. Als sie mehrere Hände an ihren ausgestreckten Armen spürte, wusste sie, dass dieser schöne Moment nun für immer vorbei sein würde. Aber es war ihr egal – dieses Gefühl konnte ihr keiner mehr nehmen. 4


Jörg Hartmann: Flaschenpost An den Finder/die Finderin, 1.6.2014 Karlsruher Inselchen

Wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich hoffentlich noch am Leben sein. Andererseits… Leben… was bedeutet das noch für mich? Seit nunmehr 725 Tagen – ich ritze jeden Sonnenlauf in die Rinde der großen Silberpappel unter der ich hause – vegetiere ich vielmehr vor mich hin. Wo das ist, „hier“? Hier, das ist ein einsames Inselchen am Rande des Oberheins. Das Eiland ist so winzig, dass ich bei jedem Hochwässerchen Zuflucht in der Krone der Silberpappel suchen muss. Oft sitze ich dort tagelang, nur um keine nassen Füße zu bekommen. Bei niedrigem Wasserstand harre ich am Ufer aus. Auf einem der spitzen Steine. Tut inzwischen kaum noch weh. Hornhaut. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Erstaunliches Tier. Passt sich jeder Umwelt an. Ich aber bitte Sie! Erlösen Sie mich aus diesen Umständen. Erlösen Sie mich von meinem schrecklichen Schicksal, hier Jahr und Tag bleiben zu müssen. Nur Sie können es tun. Wenden Sie sich aber bitte keinesfalls an einen der Matrosen oder Kapitäne. Kein Wort zur Wasserschutzpolizei! Jeden Tag sehe ich Schiffe hier vorüberfahren. Ich winke ihnen zu. Verzweifelt. Die Kapitäne und die Matrosen, die hier verkehren auf großen Öltankern oder an Bord des Fahrgastschiffes MS Karlsruhe, sie kennen mich. Mich, diesen verrückten Alten, der, mit dem langen, ehemals weißen Bart in den abgerissenen Kleidern, der da am Ufer umherhumpelt, wild gestikulierend. Sie kennen und erkennen mich wohl – allein, sie ignorieren mich. Fahren vorüber, mit Absicht. Denn ja, ich bin es: Ich bin derjenige, der am 1. Juni 2014 während einer Vier-HäfenRundfahrt auf dem Achterdeck zwischen all den Leuten stand und die Fahrt bei einer gut qualmenden Zigarette genoss. Ich bin der, der trotz des Verbots des Matrosen auch im Ölhafen qualmte. Das sei hier streng verboten, so der Matrose. “Die Gase, das Benzin, und natürlich: das Feuer! Das Feuer!!”, das sei alles viel zu gefährlich. Ich simulierte Verständnis, hatte aber keines, obwohl ich in etwa verstand, was man mir sagen wollte. Die Glut der Kippe streifte ich schuldbewusst am Aschenbecher ab. Sobald der Matrose aber um die Ecke gebogen war, holte ich sie wieder hervor, zündete sie wieder an. Heimlich, verstohlen. Klassenfahrt. 5


Ich weiß nicht, wie er es bewerkstelligte, doch plötzlich stand er wieder vor mir… der Matrose. Er sah mich, wie ich trotz des Verbots meiner Sucht frönte. Kippe ins Wasser werfen! – ach ne, geht ja nicht; das Benzin, die Gase!! Ertappt. - die zu erwartende Strafe ließ mich an einen ganzen Haufen weiterer Kippen herbeiwünschen… . Ja, lieber Finder, ich bin der, den sie auf Grund dieses Rauch-Vergehens VON BORD stießen. Du hast sicher schon von mir gehört. Die Legende ist wahr. … Ich wurde von Bord gestoßen mit kuriosen Begründungen: alles könne sich entzünden, die Gase! explodieren! und und und. Man würde per Feldstecher vom Festland aus beobachtet, wer rauche sei schuld, wenn die MS Karlsruhe auf die ‚schwarze Liste“ geschrieben würde … usw. usf. Ich höre noch die höhnische Lache des Kapitäns: „Über die Planke gehen? Das geht bei uns auch mal ganz schnell ohne Planke… harr harr!“ Dann ich und das eiskalte Wasser des Rheins. Der Schifffschraube entkam ich. Knapp. Der Oberschenkel in Fetzen. Das verheilt. Ist bekannt. Was nicht verheilt sind die Wunden meiner Seele. Oh Du, meine Seele! Wenn Sie diese Zeile hier gelesen habe, kennen Sie mein Schicksal. Ich bitte Sie, flehe Sie an: Retten Sie mich! Kommen Sie vorbei, aber schreiben Sie mir bitte um Himmels willen keine Flaschenpost zurück: auch das steht unter Strafe!

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Elisa Walker: Flaschenpost Geliebte Margaery, ich schreibe Dir diese Zeilen voll Liebe und Sehnsucht in einem verzweifelten Versuch, Kontakt mit Dir aufzunehmen. Es scheint aussichtslos, dass Du diesen Brief erhältst, doch der leise Funke Hoffnung tröstet mich ein wenig. Nichts ist mir an diesem Tag des Schiffuntergangs von Dir geblieben, als Dein Hut. Der Sturm hat Dich mir entrissen und das schäumende Meer ergriff Dich und trug Dich weit fort von mir. Ich werde niemals aufhören, Dich zu suchen. Ich hoffe, Du bist auf einer Insel gestrandet und wartest nur auf die langersehnte Rettung. Ich bete dafür, dass Dich diese Flaschenpost erreicht. Gib die Hoffnung nicht auf, Denn ich werde es nicht. Nachts träume ich davon, Dich wieder in meinen Armen zu halten. Du fehlst mir… Nie werde ich aufhören, die See zu hassen und gleichzeitig zu lieben. Sie hat uns voneinander getrennt. Aber ich kann sie nicht gänzlich verachten, da du sie so inniglich liebtest, mehr noch als mich. Dies stelle ich ohne Urteil fest. Es war nie ein Problem für mich, selbst wenn Du nun gänzlich ihr gehören solltest. Gib die Hoffnung nicht auf, Denn ich werde es nicht. Um es mit den Worten Beethovens an die unsterbliche Geliebte zu sagen: Ewig Dein, ewig mein, ewig uns.

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Julius Link: Flaschenpost Lieber Leser, Du bist der glückliche Finder meiner ersten und einzigen Autobiographie. Da ich auf einem sinkenden Schiff gefangen bin und weit und breit kein Land in Sicht, ist dies meine einzige Möglichkeit, um nicht verrückt zu werden. Zudem sollte mindestens ein Mensch, oder was auch immer Du sein magst, Anteil an meinem Leben haben. Geboren wurde ich im kleinen Dorf Ariban nach dem zweiten großen Brand in Istendur. Bei meinen Eltern wuchs ich auf – was nicht selbstverständlich war zu dieser Zeit – bis ich volljährig wurde. Ich hatte das Handwerk eines Meronauten erlernt, was ein allgemein anerkannter Beruf ist. Vielleicht mag dieser Dir, geschätzter Leser, nichts sagen, aber ich versuche so gut wie möglich es Dir zu erklären. Falls du es doch tust, überlies einfach die nächsten Zeilen. Ein Meronaut nimmt Proben vom Meeresgrund und kann anhand dessen ermitteln, wo sich wertvolles Erz befindet. Meist ist er auf einem speziell dafür gefertigtem und ausgestattetem Schiff unterwegs. Die übrige Mannschaft ist dann für das Ausgraben und der Gewinnung des Erzes zuständig. Diese komplexe Aufgabe mithilfe von Bohrgeräten und Taucherglocken erspare ich Dir. Aber zumindest hast Du einen groben Eindruck, was ich bin. Im Übrigen habe ich mich noch gar nicht vorgestellt. Das liegt wohl an der Pfütze, die sich bereits um meine Füße gesammelt hat. Mein Name ist Jukinus Llui und ich bin der letzte Überlebende der Harpyria. Nun denn, ich hatte also meine Ausbildung abgeschlossen und nahm das erstbeste Schiff, dass einen Meronauten suchte und segelte davon. Die Mannschaft war mir ein wenig suspekt, sie behandelte mich wie einen Außenseiter, allerdings mit einem gewissen Respekt. Anfangs wurde ich sogar auf die Probe gestellt. Der Kapitän ließ mir ein Glas voll Ozeanboden bringen zur Untersuchung. Ich machte mich sogleich an die Untersuchung, jedoch ließ mich die Zusammensetzung stutzen. Ich überprüfte mein Ergebnis mehrere Male, doch es blieb dabei. Ich ging nun mit hämmerndem Herzen zum Kapitän aufs Deck und die anderen schauten mich erwartungsvoll an. Ich sagte, dass ich fertig sei und der Mann mit dem langen Bart schaute mich mürrisch und erstaunt an. Anscheinend hatte ich wohl zu lange gebraucht. Ich erzählte ihm davon, dass die Substanzen eindeutig auf einen See hinwiesen und nicht aus dem Meer kamen. Eine Weile starrte er mich nur an. Ich war nervös und bangte nun darum, ob er mich nun über Bord werfen wolle, als er aber auch schon das Glas mit dem Schlick nahm und es auf dem Boden zerschmetterte. Ich wich zurück. War das mein Zeichen über die Planke gehen zu müssen? Doch die Mannschaft fing an zu gröhlen und zu lachen. Auch der Kapitän stimmte mit ein und erlöste mich, indem er mir in seiner rauen Seemannssprache erklärte, dass ich den Test bestanden hätte. 9


Wie Du vermutlich verstehen kannst, geneigter Leser, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich blieb drei lange Jahre bei ihnen. In dieser Zeit konnte ich mich auch mit den Meisten anfreunden. Doch währenddessen hatte ich das immer stärker werdende Gefühl die Akademie der Meronomik zu besuchen. Das ist die akademische Laufbahn für einen Meronauten. Der Abschied fiel mir nicht leicht, aber es musste sein. Fünf Jahre war ich Gelehrter und schrieb mehrere Forschungsarbeiten. Unter anderem die Theorie über die ozeanische Submineralsedimentschichten, oder die meroanischen Gestaltungsansätze über den Schiffsbau. Du siehst, ich war sehr fleißig. Fast zwanzig Schriften fertigte ich in dieser Zeit an. Danach lockte mich allerdings wieder das Abenteuer, aber auch mein Untergang (im wahrsten Sinne des Wortes). Ich kam an den Hafen und suchte mir blind ein Schiff aus und wollte einfach nur drauf los fahren. Das Schiff „Die Meerschaumkatze“ hielt ich für ein gutes Omen. Wir segelten etwa drei Tage, bis wir in diesen furchtbaren Sturm kamen, bei der Meerenge von Kachmir. Auf der Harpyria kam ich schon öfter in Berührung mit Stürmen, jedoch war dieser unglaublich und gewaltig. Nie hätte ich geglaubt, dass ich dies überleben würde. Doch auch das nicht mehr für lange. Das Wasser steht mir schon bis zur Brust. Bald ist es zu ende. Ich hinterlasse kein Geld, keine Kinder und keine Frau, die um mich trauern könnten. Ich kann trotzdem sagen, dass ich ein tolles Leben hatte. Gerne hätte ich mehr Zeit zu leben, zum Entdecken gehabt. Ich danke Dir, geschätzter Leser, für Deine Aufmerksamkeit. Ich wünsche Dir alles Gute und besuche das Meer für mich! Denn es war meine Heimat. Immer. Auch wenn es mich nun verschlingt. Dein Jukinus Llui

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Jannis Wulle: Intro: Der Junge im Regen Ein Junge sitzt im Gras am Ende der Landzunge, die wie ein Arm in den Flusslauf ragt. Er sitzt dort ruhig und einsam, ohne etwas zu tun, dort fernab der lebenden atmenden Welt im Schatten der Kieswerke. Leise schwappen die Wellen gegen die Steine, kräuselt sich das Wasser wenige Zentimeter unterhalb seiner nackten Füsse. Seine Schuhe liegen neben ihm, achtlos weggeworfen, um Raum für Gedanken zu schaffen. Der Regen schlägt die Wellen an, wie die Tasten auf einem Klavier- Mit Eleganz und Ruhe folgt eine Note auf die andere, nur um wenige Taktschläge danach im Klang der anderen unterzugehen und doch plötzlich aus der Tiefe neu angeschlagen zu werden, um aufzutauchen und lauter zu klingen als zuvor. Aus seinen Haaren rinnt das Wasser, sammelt sich an den Spitzen der dunklen Mähne und tropft, allem verzweifelten Festklammern zum Trotz, auf seinen blauen Pulli. Über ihm kauert auf einem Schild mit der Aufschrift “Trinkwasser” ein Rabe mit weit aufgespreizten Flügeln. Im Hintergrund trägt ein verrostender Container die Last der Zeit. Die Aufschrift “China Shipping” ist vergilbt und blättert stark ab. An seiner Seite ragt eine Metallkonstruktion ins Wasser, die von drei Beinen gestützt, aussieht wie eine groteske Lebensform, die einst zu Stahl erstarrte und nur auf ihre Wiedererweckung wartet. Bei ihrem Anblick würde jedem Poe-Fan der Atem stehen bleiben, sah sie doch ein wenig aus, mit ihren Rohren und Schläuchen, Armen und Klauen, als wäre der mächtige Cthulhu selbst es, der sich vor Jahrhunderten entschlossen hatte, diesen Platz und nicht Ry´leh als sein Gefängniss zu wählen. Ohne erfindlichen Grund springt der Junge auf und wetzt gegen den Sturm, gegen den Regen über einen dünnen Steg, der für das normale Auge kaum erkennbar scheint, immer mit der Gefahr des Abrutschens spielend auf eines dieser grün-braunen Monster, die dem See seinen Kies stehlen. Auf dem Stahlungetüm angekommen, bahnt er sich seinen Weg durch ein, von einem schweren Vorhängeschloss gesicherten Türe in eine Hütte an der Seite des Kiesfressers, die dort, gegen jede Physik, hängt. Sich meinem Blick entziehend, verschwindet das Kieswerk, das Monster, der Junge und Hütte langsam im schlagenden Takt der Wellen hinter dem Uferwall. Die klirrenden Tropfen schlagen auf meine Kapuze, während mein kleines Boot sich in der Strömung verfängt, wie meine Gedanken noch an dem Jungen hängen.

Fortsetzung folgt vielleicht :D

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Sebastian Kopf: Der Passagier als nautischer Flaneur Mit hunderten von Seelen bin ich hier an einem Ort, der Blick, er wandert immer weiter, immer fort. Bis schließlich tausend Augen in die Ferne schweifen ohne je ihr Glück zu greifen. Das Schiff als Heterotopie versinkt im Luxus - C’est la vie Jeder Passagier an Bord verliert den Sinn für Realität ist er doch vom Alltagsstress gequält, geschunden und gezeichnet. Entschuldigt, dass er euch dies nicht beichtet.

Wir befinden uns auf einer Reise. Noch hat das Schiff nicht abgelegt. Es hat den Hafen nicht verlassen und ist mit dem Festland und dem grauen Alltag verbunden. Die Tristesse hält die Köpfe der Menschen in ihrem schwermütigen Trott fest und hindert sie daran die Seele baumeln zu lassen und sich auf eine Reise einzulassen. Eine Reise, die noch in der Zukunft liegt und möglicherweise die Seele nicht nur baumeln lässt, sondern sie verändert. Neue Begegnungen. Neue Gedankenströme. Neue Wellen im Ozean des Lebens, die an unser Ufer branden. Die Passagiere hoffen auf Veränderung und Ablenkung.

Das Schiff legt ab und schreitet dahin, eine fremde Eleganz liegt darin. Man sieht wogende Wellen, die am Bug zerschellen und schäumend das Wasser erhellen. Die Bitterkeit des Lebens soll zerbersten und zerbrechen und keinen von uns je wieder knechten. 12


Ein Traum beginnt und steigt voll Hoffnung empor. Er bringt die schönsten Fantasien und Ideen hervor. Das Denken so völlig frei und uneingeschränkt, das hat uns nur die Mutter Freiheit geschenkt. Der kühle Wind streicht durch das Haar, das Leben – an sich – es ist so wunderbar – einfach und doch so kompliziert. Ich weiß nicht wohin mich mein Kompass in der Brust kalibriert.

Das Schiff verlässt den heimischen Hafen und bricht sich seinen Weg durch das schäumende Gewässer. Das Leben mit all seinen Sorgen ist nicht mehr wichtig. Hier an Bord ist der Passagier unerreichbar, frei und groß. Er ist Einwohner einer kleinen Gesellschaft, die sorglos und hilflos den Gewalten der Natur trotzt und sie mit Hilfe des Schiffes bezwingt. Ein Hauch von Freiheit weht durch die Köpfe der Menschen und verführt sie dazu zu schwärmen.

Freiheit führt meine Gedanken an, wenn ich in die Ferne blicken kann. Das Schiff dient mir als Gedankenschmiede, es ist quasi meine „Ideenmaschine“. Hier würd ich gerne meinen Anker werfen und zuletzt mein Schicksal treffen. Doch leider kennt diese Fahrt kein anderes Ende als eine Wende zum heimischen Hafengelände. Den Anker werfen kann ich nun nur noch in Gedanken. Damit ich nicht mehr zurückkehren muss – hinter all diese Schranken. Den Schranken des Alltags, die mir sagen: Du musst dies und jenes entbehren und mich tief in meinem Innern dazu verleiten – zurückzukehren, statt zu entbehren. 13


Am Ende jeder Reise steht die Erkenntnis der Befremdnis und die R端ckkehr in ein altes Leben. Jede Reise ist einmal zu Ende. Doch ist jedes Ende ein Anfang, wenn man es schafft den richtigen Blickwinkel zu finden. Die Schifffahrt mag zu Ende gehen, doch die gewonnenen Gef端hle, Erkenntnisse und Ideen werden dem Passagier stets als Rettungsring im Ozean des Lebens dienen.

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Sarah Fischer: Wie motivierend eine Schiffahrt sein kann. Ich gehe an den Einlass, der Mann der dort steht reißt meine Karte an und sagt wie auswendig gelernt: “Wir wünschen ihnen einen schönen Aufenthalt auf der MS Karlsruhe, genießen sie das Urlaubsgefühl.“ Im Bauch des Schiffes setze ich mich auf eine große Bank an einen Tisch, mir fällt auf, dass es eine Speisekarte gibt. Eine Gruppe von Rentnern setzt sich zu mir an den Tisch, sie bestellen Kaffee und Kuchen und sind schnell in ein Gespräch vertieft. Ich betrachte das Innere des Schiffes, ein Boden aus Marmor mit eleganten Verzierungen gesäumt von goldenen Ornamenten. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, es kommt mir vor als wolle das Schiff ein großes Touristenschiff nachahmen um ihm zu gefallen. Lächerlich. Diese Schifffahrt dient doch nur als Geldquelle, ein lustiges Kaffeekränzchen für Rentner, die nicht wissen was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Statt sich in ein „Café Köhler“ oder ein „Café Brenner“ zu setzen, wagen sie den Absprung und trinken ihren Kaffee in einem Schiff, das birgt viele Risiken. Man lebt gefährlich, schließlich könnte das Schiff ja auch untergehen. Eine Stimme durch Lautsprecher verkündet Dumpf Informationen über den Rheinhafen, denen keiner zu lauschen scheint. Geprägt sind diese durch viele Zahlen, als könnte ich mir das merken. Ich komme mir vor wie in der Schule. Das einzige was ich aufgeschnappt habe ist, dass hier Strom produziert wird der nach Frankreich und in die Schweiz weitergeleitet wird und ich bin mir sicher diese Information wird mein Leben bereichern. Um die Ansprache auszublenden lausche ich den Gesprächen der älteren Herrschaften an meinem Tisch. „Da hiwwe wous Audo steht, siehsch des da geht’s de Berg nunna, da hem ma unsern kleinen Schrewergarten.“ „Hannoi?“ („Da war ich noch nie“, denke ich vor mich hin) „Hajo“ „Un was baut ihr da so aaa?“ “Grumbiere und Reddich.” „Hannoi?“ („Sei still Gottfried“ denke ich mir und finde eine Sekunde später gemein, dass ich dem Rentner so einen altmodischen Namen gegeben habe, wer weiß vielleicht heißt er ja auch „Kevin“ oder „Mario“) Ich schweife ab und stell mir vor, dass einer der Leute um mich herum aufsteht, einen Wutanfall bekommt und sich darüber beschwert, dass es hier langweilig ist, doch in der Realität passiert nichts. Die Kinder die auf dem Schiff herumtoben wollen werden von ihren Eltern mit Pommes ruhig gestellt. Ich habe Hunger traue mich jedoch nicht mein Brötchen zu essen, da die Kellner die herumlaufen mich schon mit skeptischen Blicken durchbohren (Wie kann ich es auch wagen nichts zu bestellen?). Wie gerne wäre ich jetzt eines der Kinder und hätte eine Portion Pommes vor mir stehen, die meine Eltern bezahlen. Ich frage mich was ich von der Schiffsfahrt erwartet habe. Wasser, das mir ins Gesicht spritzt? Den Wind auf meiner Haut zu spüren? Ein Schiff das schwankt und ein bisschen Urlaubsgefühl? Meine Erwartungen kommen mir lächerlich vor. Wenn ich die Umgebung betrachte ohne auf den Fluss zu achten könnte das genauso gut eine Autofahrt sein. Ich schließe die Augen, jetzt habe ich noch mehr das Autofahrtgefühl, aus Spaß und um die 15


Rentner zu irritieren tue ich so, als würde ich mich anschnallen, doch alle sind so mit sich selbst beschäftigt, dass niemand es bemerkt. Die Vorstellung, dass ich den Fluss sehen muss um das hier als Schiffsfahrt wahrzunehmen macht mit Angst. Was wenn es im Leben immer so ist, man übersieht eine Kleinigkeit und nimmt alles gleich komplett anders war? Was wenn alles anders ist als es scheint, wenn sich die Wahrnehmung von der Realität unterscheidet? Was wenn unsere Realität für uns selbst abhängig von unserer Sichtweise auf die Dinge ist? Dann könnte sich durch eine Veränderung meiner Wahrnehmung meine komplette Realität ändern. Die gleiche Situation könnte ich völlig anders auffassen. Aber das wäre anstrengend und ich war schon immer ein Mensch der jede Art von Anstrengung vermeidet. Schon meine Gedanken werden mir zu anstrengend und ich konzentriere mich auf die Umgebung. Die eine Seite des Flusses gesäumt von Fabriken, die ein tristes leeres grau ausstrahlen, die andere Seite voller grünem Gras um Bäumen mit wunderschönen Blüten. Die Gegensätze Mensch- Natur. Je weiter wir kommen, desto grüner wird es um uns herum und die Stimme aus den Lautsprechern hat uns nichts mehr zu erzählen. Stattdessen läuft Popmusik die den Passagieren suggerieren sollen sie hätten Spaß. „Hui ist das aufregend hier“, denke ich ironisch. Ich stehe auf, frage die Rentner höflich ob ich vorbei könne und gehe über eine große Treppe ans Deck des Schiffes. Hier ist eine andere Stimmung, man spürt den Wind in den Haaren. Ich stelle mich ans Geländer und halte mich fest. „Ich bin der König der Welt.“, schreie ich. Plötzlich singt es hinter mir „Near faaar, wherever you are. I believe that the heart does go on. Und mehr Text kann ich nicht.” Und es legen sich zwei Arme um meine Taille. Ich drehe mich um und schaue ins Gesicht eines grinsenden Rentners. „Endlich mal Action hier.“, sagt er und stellt sich als Oscar vor. Den Rest der Schiffahrt verbringe ich mit meinem neuen Freund und viel Gelächter.

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Florian Giek: Flaschenpost Lieber Leser und Finder, ich hoffe inständig, diese Post erreicht dich bei guter Gesundheit. Zunächst gilt mein Dank deiner Neugier nach diesem Stück schwimmenden Müll zu greifen und es zu öffnen. Damit sei es aber auch schon genug der netten Worte. Eine WARNUNG möchte ich hiermit verfassen, ein Appell an dich richten, sodass du wenigstens später nicht behaupten kannst: “Aber ich wusste doch nicht Bescheid”. Nicht, dass ich in Seenot stecken würde, dass Schiff sinkt oder man mich ausgesetzt hat. Auf eine erschreckende Art und Weise ist mein Leiden schlimmer, weil schon fast ewiglich andauernd. Seit meinem letzten Blick auf die Uhr sind Äonen vergangen, aber irgendwie auch nicht. Gefangen bin ich in einem Gefängnis, kalt, nass, umgrenzt von Wasser und Metall. Umgeben bin ich von Wächtern, Mitinsassen. Manch einer sei hier freiwillig, wird behauptet, ich glaube es nicht. Dabei fing diese ganze Geschichte so gut an. In einer fast schon vergessenen Zeit stand ich morgens auf, gut gelaunt, in freudiger Erwartung ob eines kurzweiligen Ausfluges. Kaffeefahrt, Tagesausflug, Hafenrundfahrt, wie auch immer. Ich nenne es die lustmordende, zeitdehnende Fahrt über ein stinkendes Fließgewässer mit Ausblick auf ruinöse und heruntergekommene Industrieanlagen, zwischenzeitlich durchbrochen durch ein ewiglich gleiches Ufer, gesäumt von vordergründig stehendem Schilf, ergänzt durch ausblickraubende, in Reih und Glied stehende Pappeln. Ja, du hast richtig gelesen, es geht in dieser Warnung um eine Hafenrundfahrt. Um dir vielleicht noch etwas mehr Kontext zu geben: die Fahrt habe ich nicht ganz freiwillig angetreten, Familienausflug nennt sich der Spaß. Nur leider habe ich nächste Woche sowohl zwei Klausuren zu schreiben, als auch noch eine Präsentation im Büro zu halten. Viel vorbereitet habe ich, wie es sich für einen guten Studenten gehört, noch nicht, ist ja klar. Weshalb ich dann aber, ein Tag vor der ersten Klausur, auf die hirnrissige Idee kam, beim Ausflug mit zu machen? Nunja, in Ermangelung der Tatsache, dass ich weder gerne noch gut koche, es Monatsende schreibt und mir dieser Ausflug als „Komm doch einfach für eine Stunde mit, da kannst du was essen, deine Oma freut sich, dass du vorbeikommst, und dann haust du halt wieder ab.“ angepriesen wurde entschied ich mich, mitzugehen. Argwohn wäre angebracht gewesen, auf die Idee zu kommen, wohin wir denn unseren kleinen Ausflug machen würden. Naja, jetzt sitze ich jedenfalls auf diesem verdammten Schiff fest, Panik kriecht immer mehr in mir hoch, ich möchte eigentlich nur noch nach Hause und einfach loslernen, die Präsentation vorbereiten und schlafen gleichzeitig. Das langsame voran gleiten über den Rhein gleicht einem Notfall-Krankentransport der im Stau feststeckt. Jeder einzelne Nerv ist bis zum Zerreißen angespannt, in krassem Gegensatz dazu steht aber die mehr als langsame 17


Fortbewegung Richtung (Kranken-)Hafen. Ich sitze an Deck und versuche vergeblich, wenigstens die Dinge im Kopf durchzugehen, an die ich mich erinnern kann. Allerdings bekomme ich mittlerweile auch Bauchschmerzen von dem Essen, was sie hier servieren. Selbst die Meuterer der Bounty haben wohl besseres Futter bekommen, da bin ich mir sicher. Nun denn, weshalb ich dann in Wahrheit diese Flaschenpost schreibe? Ich suche, um ehrlich zu sein, Vergebung und Absolution, möchte wohl auch ein wenig beichten. Allerdings kann ich ja schlecht zu meinen Eltern gehen und zugeben, ich würde alles nur auf den letzten Drücker absolvieren. Deshalb ist es wohl besser, eine Flaschenpost zu schreiben. Außerdem hilft es gegen das beklemmende Gefühl, es diesmal zu weit getrieben, sich zu viel Zeit für andere Dinge genommen zu haben. In spätestens einer Stunde sind wir ja aber zurück am Hafen. Danach brauche ich auch nur noch anderthalb Stunden bis nach Hause, da habe ich dann ja auch noch locker elf Stunden, bis die Klausur anfängt. Um nun diesen Brief hier aber ehrlich abzuschließen, sei nochmal auf die Warnung zurückzukommen, so merke dir, lieber Leser: Auf den letzten Drücker Dinge auf die lange Bank zu schieben mag zwar den Druck, unter welchem Diamanten angeblich entstehen, erhöhen, allerdings korreliert das exponentiell mit dem Fakt, dass diese paar Stunden vor dem Stichtag sich zum einen höllisch lang anfühlen können, in der Regel wohl dann, wenn man nichts tun kann, im Endeffekt aber mehr als unzureichend kurz sind, natürlich dann, wenn man sich nun der Sache widmet. Der typische Bruch im studentischen Zeitempfinden. Lieber Leser, wappne dich gegen diesen Moment! Es schließt und grüßt gequält, ein Student

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Lisa Döbereiner: Kaffeefahrt Vorsichtig versuche ich mich in der Menschenmenge zum Eingang vorzutasten. Als ich meine Karte vorzeige, fragt mich eine freundliche Stimme, ob ich denn Hilfe bräuchte. Brauche ich eigentlich nicht, aber ich will nicht nicht unhöflich wirken und bejahe. Alleine wäre ich ebenso gut zurecht gekommen. Ich spüre eine Hand an meinem Arm. „Kommen Sie, ich bringe sie zu ihrem Platz!“ Sobald wir ins Innere eingetreten sind, bin ich umgeben von einem sanften Stimmengemurmel, das sich mit Tellerklappern, Besteckklappern und spielenden Kindern vermischt. Ich komme mir vor wie in einem Café, ich spüre auch keinerlei Bewegung. „Vorsicht!“, ruft mein persönlicher Matrose, „nicht über den Rollator und den Kinderwagen stolpern!“. Da tönt schon eine Stimme hinter mir:“Achtung bitte!“. „Entschuldigen sie bitte, dass war nur einer der Kellner.“, erklärt mir mein Matrose. „So, hier ist ihr Platz, genießen Sie die Fahrt!“. „Ja, vielen Dank!“ Endlich lässt er mich in Ruhe. Plötzlich ertönt eine unangenehm laute, knarzende Stimme aus dem Lautsprecher: “Willkommen auf der 4-Häfen-Rundfahrt!“. Langsam und träge setzen wir uns in Bewegung und schon schenke ich der Stimme aus dem Lautsprecher keine Sekunde meiner Aufmerksamkeit mehr. Hätte ich nicht solch eine sensible Wahrnehmung, könnte man meinen, wir wären immer noch nicht losgefahren. Doch dann spüre ich das Vibrieren des Schiffsmotors. Laut der Stimme aus dem Lautsprecher passieren wir gerade das Hochwasserschutztor. Dann schwenken wir nach rechts, wohl endlich auf den Rhein. Es schwankt leicht und Geschirr klappert. Ich höre die Kellner ununterbrochen hin- und herlaufen und Bestellungen aufnehmen und servieren. Ich glaube, ich befinde mich hier in einem schwimmenden Café.Jetzt drehen wir uns und der Motor vibriert. Wir drehen uns wie beim Wiener Walzer. Irgendwann habe ich genug von der netten Café-Atmosphäre im Inneren und möchte nach draußen, nach oben.

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Ich stehe auf und taste mich langsam vorwärts, bis ich auf eine Treppe stoße, die nach oben führt. Zum Glück ist die Fahrt ruhig, ansonsten hätte sich der Treppenaufstieg schwieriger gestaltet. Schnell trete ich ins Freie und sofort weht mir eine frische Brise durch die Haare. Ich spüre Wassertropfen auf meiner Nase. Kommen sie von oben oder von unten? Wahrscheinlich beides. Möwengeschrei reißt mich aus meinen Gedanken. Kommt das aus dem Lautsprecher?! Neben uns höre ich kleine Motoren von kleinen Motorbooten. Ein paar Kinder rennen mich fast um, sie quietschen vor Freude. Ich gehe weiter, bis ich auf die Reling stoße. Ich stütze mich auf die Reling und lasse mich vom Wind so richtig durchpusten. Jetzt fühle ich mich endlich wie auf einer richtigen Schifffahrt! Da höre ich hinter mir eine singende Rentnergruppe. Es ist wohl doch eine Rentner-Kaffeefahrt. Aber trotzdem schön hier oben.

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Lisa Döbereiner: Flaschenpost Hallo Fremder, ich bin verloren, hilf mir! Ich bin nicht hier und nicht dort, nicht oben und nicht unten, nicht drinnen und nicht draußen. Ich weiß nicht wie ich heiße oder wer ich bin. Ich denke ich habe mein Gedächtnis verloren. Es ist vielleicht einfach herausgefallen? Ich weiß nicht wie ich hier wieder wegkomme. Auch weiß ich nicht wie ich hierher gekommen bin. Bin ich gestrandet? Ein Schiffbrüchiger. Das Gefühl für Zeit habe ich vollständig verloren. Gestrandet zwischen Raum und Zeit, zwischen hier und dort, zwischen Himmel und Erde, zwischen den Gezeiten. Falls du mein Gedächtnis findest, bringe es bitte mit wenn du mich retten kommst. Falls ich es bis dahin selbst wiedergefunden habe, erzähle ich dir auch meine Geschichte. Bis bald, ich hoffe auf baldige Rettung! Der Gestrandete. Wohnhaft am Strandweg 1 Küstenhausen

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Daniel Heinold: Seekrank Phobien gibt es wie Sand am Meer. Allerdings muss hierbei fein säuberlich unterschieden werden, denn jede Phobie hat ihre Eigenarten und bedarf anderer Herangehensweisen. Ganz gleich ob es sich um harmlose Ängste wie die Scheu vor Blumen (Anthrophobie) oder Büchern (Bibliophobie) oder um ernst zu nehmendere Fälle wie die Furcht vor Wissen (Epistemophobie) oder dem Lachen (Geliophobie) handelt, jede Phobie wirkt wie Sand im Getriebe und hindert den Menschen in seinem Tun und Sein. An den genauen Entwicklungsverlauf meiner eigenen Ängste kann ich mich heute nur noch schwerfällig erinnern, allerdings gedenke ich gelegentlich den Tagen, an denen die Gefahren der Welt noch keine Macht über mich hatten. Wenn ich es mir recht überlege, war meine Mutter wohl die Wurzel allen Übels. Nicht dass ich jemals ein schlechtes Wort über meine Mutter verlieren würde, schließlich hat sich mich alleine großgezogen und sicherlich ihr Bestes gegeben, allerdings wäre ihr Verhalten aus pädagogischer Sicht nur schwer mit schönen Worten zu umschreiben. Von Schaumstoff an allen Ecken und Kanten des Hauses über Kameras in Kuscheltieren — Meine Mutter erfüllte jedes Klischee, wenn es um die Sicherheit ihres einzigen Sohnes ging. Besonders vor Wasser hatte sie große Angst. Vermutlich hatte sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gesammelt, die sie mir um jeden Preis ersparen wollte. Somit durfte ich mich Wasser oder wasserähnlichen Substanzen nur auf 2 Meter Abstand, nach ausführlicher Sicherheitseinweisung nähern, womit mein Verhältnis zum kühlen Nass bereits von Kind auf besiegelt war. Dass eine solche Erziehung Konsequenzen haben muss, scheint eindeutig, und im Hinblick auf die Erziehungsmaßnahmen meiner Mutter scheint es gar erstaunlich, dass der Umgang mit dem gefährlichsten aller Elemente nicht in einer allgemeinen Wasserphobie gipfelte. Wasser aus Wasserhähnen, Duschköpfen, Trinkbrunnen oder Regenpfützen gehört zum alltäglichen Leben dazu, schließlich darf auch die Hygiene nicht zu kurz kommen. Nur große, unausweichliche Ansammlungen von Wasser bereiten mir Probleme, wie beispielsweise Flüsse, Seen und natürlich allem voran, das offene Meer. Besonders der Gedanke daran, weit draußen auf offener See, umringt von Wassermassen verloren zu gehen, raubt mir den Schlaf. Es ist immer wieder derselbe Traum: Gefangen auf einem rostigen alten Kahn, knallende Wellen und eisiger Wind, dem schlimmsten aller Tode ins Auge blickend. Und eben diese Ausweglosigkeit, irgendwo in den endlosen Weiten des Ozeans auf Hilfe wartend zu verenden, kann nur durch die Fahrt auf dem Wasser initiiert werden. Infolgedessen gilt meine Hauptangst der Schifffahrt. Nahezu alle Fahrzeuge, die sich der Fahrt auf dem Wasser verschrieben haben, treiben mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn, sodass von einem normalen Leben nicht mehr die Rede sein kann.

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Und können Sie sich vorstellen, dass es für diese Phobie noch nicht einmal einen Namen gibt? Allein DAS ist doch bereits durchaus beängstigend, oder finden Sie nicht? Ist diese Angst denn nicht wichtig genug, um ordentlich benannt zu werden? Scheint es nicht plausibler, auf dem Meer zu verunglücken, als von den Wänden eines engen Raums zerquetscht zu werden? Nimmt man verschiedene Angstneurosen genauer unter die Lupe wird jeder normale Mensch doch wenigstens ein bisschen Verständnis für derartige Ängste aufbringen können. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, auf See zu verunglücken kein Hirngespinst. Deshalb die Frage: Warum zum Teufel haben nur so wenige Leute Angst vor dem Meer und begeben sich leichtfertig in den FAST sicheren Tod? Alles Unbekannte wirkt dem Menschen doch grundlegend suspekt, soviel ist von unseren natürlichen lnstinkten glücklicherweise noch erhalten geblieben. Und doch treibt uns unser Wissensdurst - oder doch nur die blanke Gier? wieder einmal dazu, unseren natürlichen Lebensraum zu verlassen. Es sind legitime Fragen, warum sich der Mensch so leichtfertig auf unbekanntes Territorium begibt, schließlich ist unser Erdball zu rund 71% mit Wasser bedeckt, von dem wir im Verhältnis so viel wissen, wie eine Fisch von der Welt der Menschen. Hierbei von Kenntnissen zu sprechen, scheint mir doch etwas anmaßend‚ ebenso wie das Privileg, Zivilpersonen zu befördern, während man keinerlei Vorstellung hat, was in den Tiefen des Meeres wohl lauern mag. Selbst über das Weltall ist uns mehr bekannt und es würde wohl keiner auf die Idee kommen, ein Raumschiff voll Zivilisten auf Kaffefahrt durch den Himmel zu schicken. Dass Boote heutzutage kein angsteinflößender Ort mehr sind, zeigt sich bereits an den heutigen Passagieren. In den guten alten Zeiten wurden Schiffe noch von Räubern, Piraten und Weltumseglern beherrscht - augenblicklich finden sich hier vorwiegend Kinder und Rentner, die höchstens damit zu kämpfen, haben ob in der Bordtoilette Wickeltische und Haltegriffe existieren. Der Säbel verkommt zum Krückstock - aus organisierten Piratenbanden werden zerstreute Rentermeuten - aus Gewalttaten - Wohltaten. Kein Wunder, dass die See schon seit Langem an Prestige verloren hat. Entsinnt man sich der Tage, an denen man noch nicht durch fein säuberlich geordnete Geländer-reihen an Deck geleitet wurde, nachdem ein addrett uniformierter Seemann die fein perforierte Ecke des Fahrscheins entfernt hat, wird einem die grundlegende Veränderung bewusst, die das Schiffwesens in den vergangenen Jahrhunderten erfahren hat. Damals... - Als man sich nach der Ankunft im Heimathafen mit den Kameraden ein Einlaufbier gönnte, um zu feiern, dass man wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte und zugleich ehrfürchtig zu rühmen, dem Tod ein weiteres Mal entkommen zu sein. Als sich der Hein Janmaat besorgt und einsam an Ablegestellen zwischen zwielichtigen Gestalten herumtrieb, ungewiss ob er diesmal Arbeit finden würde, um eine weitere Woche zu überleben. Als Abschiede, im Angesicht des blauen Peters, noch endgültig waren und der Hafen ein fundamentaler Ort im Bewusstsein der Menschen war.

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Aber auch wenn man sich nicht auf der rauen See befindet, sondern lediglich kleine Flussärmel oder Seen befährt, sollte ein leichtfertiger Umgang mit der Situation vermieden werden, schließlich kann man auch in einer Pfütze ertrinken - Kann man dann nicht auch in einem Fluss sinken? Und selbst wenn die Geschwindigkeit und das lachhafte Ruckeln und Schütteln, mit der sie uns durch die Meere befördern schon lange kein Kind mehr beeindrucken können, sollte man die Kräfte der Natur nicht leichtfertig unterschätzen. Denn das glänzende, behutsam dahingleitende Gewässer, die friedvolle Ruhe, die uns in seinen Bann zieht und uns ein Einverständnis der Natur vorgaukelt, gleicht bei näherer Betrachtung viel eher der Ruhe vor dem Sturm - eine unheilvolle Grabesstille die erst in der Unausweichlichkeit der Situation ihr wahres Gesicht offenbart.

Denn betrachtet man das Schauspiel etwas näher, erscheinen Bootsskelette, die bedrohlich aus dem Wasser ragen und rostfarbene, vom Salzwasser geschändete Stege, die nur dunkel an die Mächte der Natur erinnern, die nur wenige Meter unter uns, ja nahezu greifbar, warnend und dennoch unbemerkt ihr Unwesen treiben. Es ist diese perfekte Illusion von Sicherheit und Ruhe, die uns schleichend aber allmählich unvorsichtig macht. Wie auch die trügerische Ruhe, die an Deck herrscht und einem ein Gefühl von Frieden vermittelt, oder die rauen und doch sanften Lüftchen, die Gefühle von Freiheit und Naturverbundenheit assoziieren. Doch ist diese Harmonie wirklich real? Ein wortloser Solidaritäts-Pakt zwischen Mutter Erde und Mensch oder nur ein weiterer Trick der Natur, um leichter an ihre Beute zu kommen? Allerdings muss man betonen, dass nicht jede Fahrt ein Wagnis und von Angst und Zweifel bestimmt ist. Statistiken belegen, dass der Straßenverkehr weitaus mehr Opfer fordert, als es das Schiffswesen jemals könnte, jedoch sollte jeder Fahrt mit einer gesunden Skepsis und Vorbereitung entgegen getreten werden. Eine genauere Betrachtung des Fahrpersonals vor Fahrtantritt, kann einem bereits wichtige Informationen über die Fahrt liefern. Kapitäne mit langjähriger Erfahrung wissen, sowohl ihre Besatzung, als ihr Instrument perfekt zu koordinieren und können einem lästige Komplikationen ersparen. Selbstredend kann ich hier nur auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, die in meinem Fall auf ein paar wenige Kaffeefahrten in meiner wilden und leichtsinnigen Jugend beschränkt sind. Gleichzeitig wirkt auch nichtjedes Boot in gleichem Maße beängstigend. Es gibt verschiedene Abstufungen der Bedrohung, je nach Größe, Art und Modell. Schließlich gibt es auch vereinzelt Boote, bei denen selbst meine Wenigkeit zur Verharmlosung der Situation neigt. Allerdings ist der Teufel bekanntermaßen ein Eichhörnchen - gelegentlich jedoch auch eine Wasserratte. Gänzlich unbestritten birgt die See viele Gefahren: Unwetter, Kollisionen, Eisschäden, Rissbildungen im Schiffskörper, unüberwindbare Strecken und Kilometer über Kilometer das absolute Nichts. Die einzige Möglichkeit den Gefahren entgegenzugehen, ist die bestmögliche Prävention, die in den Schiffen der heutigen Zeit, angeblich ihren Höhepunkt erreicht hat. 24


Und warum wird auf Sicherheit so großen Wert gelegt? Weil jede Reise nun mal Gefahren mit sich bringt, die eine mehr, die andere weniger. Während wir uns beispielsweise in einem Flugzeug befinden, sehen wir uns durchgängig mit den Gefahren eines Absturzes konfrontiert, sei es durch die Schutzweste die unter jedem Sitz klemmt, die Sicherheitsanweisungen an der unteren Seite des Tischtabletts oder die freundlichen Stewardessen, die uns mit Händen und Füßen bewusst machen, dass die Eventualität eines Absturzes nicht leichtfertig von der Hand zu weisen ist. Kein Wunder dass ca. 10% aller Fluggäste unter Flugangst leiden, insofern sie sich überhaupt an Bord trauen. Und wie sieht das im Falle der Bootsfahrten aus? Rettungsringe und Sicherheits-Skizzen zieren auch hier dezent das Deck, Sicherheitspersonal stapft in gut getarnten Rettungswesten umher, während uns das komfortable, mit goldenen, geschickt die Notausgangstür verschleiernden, Stangen umringte Arrangement der Bordkabine in Sicherheit wiegt. Aber auch wenn die großen Seefahrtsriesen mittlerweile mit doppelten Hüllen und 5-fach gesicherten Einzelteilen bestückt sind, darf den Nautologischen-Visionären nicht blindlings vertraut werden. Riesige Kreuzfahrtdampfer, Frachtschiffe oder auch Kriegsschiffe erscheinen einem auf den ersten Blick wie unbezwingbare Giganten, insofern man triviale Orte wie Eisberg-Gebiete meidet, jedoch zeigt die Vergangenheit, dass auch solche Riesen den Tücken der Natur unterliegen. Nehmen wir uns doch nur einige Beispiele aus dem Katastrophen-Pool heraus und analysieren sie diese genau - das Ergebnis wird ihnen mit Sicherheit nicht gefallen! Machen sie nicht den Fehler, mich vorschnell als Hypochonder zu bezeichnen und meine Theorien als Wahnsinn zu deklarieren, ich pflege erstklassige Kontakte zur Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung und beziehe meine Informationen somit aus erster Hand -falls sie mir nicht glauben, wenden sie sich gerne an den Leiter der Bundesstelle Graf und grüßen sie ihn bei der Gelegenheit von mir - er wird sich zweifellos an mich erinnern. Man erinnere sich beispielsweise an die tansanische Fähre „Spice Islander I"‚ die 2011 im Osten Afrikas havarierte und 3000 Menschen mit in den Tod riss. Ein grauenvoller Tag, dessen die Schifffahrt noch lange Zeit gedenken wird... Man muss sich also auch immer wieder vor Augen führen, wie oft unsere Technik letztlich versagt! Nicht erst einmal hat die See uns die Grenzen unseres Könnens aufgezeigt. Allerdings liegt der Fehler oftmals auch nicht bei der Technik, sondern ist durch menschliches Versagen verschuldet. Man gedenke nur an das populärste Beispiel – die Titanic. Hätte die Besatzung richtig gehandelt und im Voraus besser geplant, hätte man eine derartige Katastrophe vielleicht verhindern können?! Und wenn ich es mir recht überlege sind die Maschinen letztlich ja auch nur von Menschen erfunden worden. Was bedeutet, dass jeder „Fehler” der Maschinen, letztlich auch nur ein Fehler der Menschen ist. Schließlich müssen die Maschinen erst erfunden und schlussendlich auch bedient werden. Und wie soll ein Mensch in der Lage sein, diese gewaltige Masse an Technik unter Kontrolle zu bekommen? 25


Anknüpfen an Unkontrollierbarkeit Menschliches Versagen, da sich der Mensch nicht unter Kontrolle hat, wie soll er dann bitte die Technik unter Kontrolle bringen, von der der Großteil der Menschen die sie bedient, nicht den leisesten Schimmer hat, wie sie funktioniert. Währendessen wird ihm bewusst, dass die Schiffsfahrt eigentlich das kleinste Übel ist und Technik in den anderen Ressorts weitaus schlimmere Folgen haben kann… .

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Rosali Eberhard: Wasser Mensch zum Leben braucht Am Anfang sind wir klatschnass. Wir sind munter wie ein Fisch im Wasser. Dann werden wir schnell wieder ins eiskalte Wasser geworfen. Wir tragen Hochwasserhosen und sagen „ahoi“. Uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Wir wagen den Kopfsprung, lassen und treiben, schwimmen mit dem Strom, uns kann kein Wässerchen trüben, bis wir wankend den Boden unter den Füßen verlieren. „Keine Panik auf der Titanic“ heißt es dann und wir hissen erneut die Segel. Keiner kann uns das Wasser reichen. Auch wenn wir Schiffbruch erleiden, so brechen wir doch immer wieder zu neuen Ufern auf. Only dead fish go with the flow. Manchmal schwimmen wir gegen den Strom, dann hängen wir wieder wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Manche reden wie ein Wasserfall, manche sind mit allen Wassern gewaschen, andere stille Wasser sind tief. Wir gehen unter, schnappen nach Luft, bis wir lernen uns über Wasser zu halten. Backbord finden wir ihn, unseren Fels in der Brandung, wir erreichen den Hafen der Ehe und lichten den Anker. Vielleicht sind wir aber auch auf der Steuerboard Seite und vom anderen Ufer. Wir schwitzen Blut und Wasser, gleiten patschnass durch Regen, Nebel, Gewitter und Windstille bis zum Horizont. Und schließlich: die Ruhe vor dem Sturm. Manchmal wollen wir von Bord gehen, uns schießt das Wasser in die Augen, weil uns das Wasser bis zum Hals steht, aber irgendwann nehmen wir das Steuer in die Hand, fahren in das Auge des Sturms und gehen, wie es sich gehört, als Kapitän mit unserem Schiff unter.

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Jannis Wulle: Flaschenpost

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