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Düster-O-topia (preview)

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DĂźster-O-topia Erstellt und herausgegeben von der Hochschulgruppe KITeratur in Zusammenarbeit mit dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe zu Anlass der Langen Lesenacht in der Sonderausstellung Revolution! Cover: Elisa Walker Layout: JĂśrg Hartmann www.kiteratur.com www.landesmuseum.de 2018


Düster-O-topia

Am Vorabend der Revolution…………………………………………………………………………… 3 (von Julius Link)

1.

Izobel Schmidt……………………………………………………………………………………... 5 (von Lisa Traber)

2.

Joseph Gustav Hoebbels…………………………………………………………………………… 8 (von Daniel Liebeherr)

3.

Apate Fox………………………………………………………………………………………… 12 (von Leonie Lang)

4.

Venero Castelli……………………………………………………………………………………. 15 (von Julius Link)

5.

Liara Pax aka Lazuli……………………………………………………………………………….. 19 (von Elisa Walker)

6.

Veronika Baader…………………………………………………………………………………... 23 (von Katharina Oberkalkofen)

7.

Adam Altman und Roboterhund Spotti……………………………………………………………25 (von Jörg Hartmann)

Ende 1: Revolution scheitert…………………………………………………………………………….27 (von Leonie Lang)

Ende 2: Revolution erfolgreich…………………………………………………………………………. 29 (von Daniel Liebeherr)


„Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.“ Karl Marx


Am Vorabend der Revolution

W

ir schreiben das Jahr 2084. Die Kriminalitätsrate ist extrem hoch und aus verschiedenen Gegenden bedrohen terroristische Gruppen das Land. Sie fordern die Vernichtung aller

digitalen Technologien, denn sie sind davon überzeugt, dass die digitale Technologie die menschliche Existenz bedroht. Grausam und radikal gehen sie vor und scheuen keine Verluste. Sie nennen sich NoTecs. Als sich das Chaos und der Terror immer weiter ausbreiten, erfindet die Wissenschaftlerin Izobel Schmidt eine virtual-reality-Brille, der einem alle seine Ängste in einer interaktiven Wirklichkeit zeigt. Das Serum D76 sorgt dafür, dass das Gehirn alles Gesehene für echt hält – bis die Brille wieder abgenommen wird. Diese Methode soll dazu verwendet werden, Terroristen und anderen Staatsfeinden Informationen abzupressen oder um sie schlichtweg zu foltern, ohne dabei physische Spuren zu hinterlassen. Das neue Projekt wird geheim gehalten. Die Medien werden geschmiert, um nichts darüber zu berichten, bis das Serum fertig entwickelt und die ganze Apparatur als legalisiertes Instrument der Regierung einsatzbereit ist. Da erhebt sich die Stimme einer Rebellin, die zuerst über ihren Blog und später auch über soziale Netzwerke und Foren auf das geheime Projekt aufmerksam macht. Die Regierung versucht das zu vertuschen, scheitert aber daran. Die Bloggerin mit dem Pseudonym Lapislazuli erreicht mit der Veröffentlichung dieses Staatsgeheimnisses viele Menschen, die sich darüber empören und sich ebenfalls wehren wollen. Flashmobs und Demonstrationen werden veranstaltet, die jedoch friedlich ablaufen. Die Regierung reagiert mit Ermahnungen. Noch immer sind einige Bürger der Meinung, dass die Wissenschaftlerin mit dem Projekt etwas Gutes für die Gesellschaft tut. Doch die Mehrheit ist dagegen. Viele patrouillieren tagelang vor dem Pharmakonzern Schmidt & Fox Industries, in welchem das Serum D76 hergestellt wird. Auch andere Sitze der Regierung werden durch Streikende besetzt. Die Demonstranten werden jedoch brutal fortgeschafft und kurzerhand verhaftet. Die Rebellenanführerin Lapislazuli fordert die Menschen in einem Video auf, dass alle Berufstätigen ihr Handwerk niederlegen, um der Regierung ein Zeichen zu setzen. Einen Tag lang steht fast das ganze Land still. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft und Chaos breitet sich aus. Einige Bürger nutzen das sogar für willkürlichen Vandalismus. Auch die Hacker der Rebellen versuchen das Labor zu infiltrieren, scheitern aber. 3


Die Polizei und Spezialkräfte suchen nach der Rebellenanführerin, doch sie flüchtet sich in den Untergrund, kommuniziert aber weiterhin mit der Außenwelt. Ein enger Kreis von treuen Revolutionären umgibt sie nun. Darunter ist auch ein Spion, der sich in Schmidt & Fox Industries eingeschleust hat und wichtige Informationen liefert. Izobel Schmidt ahnt jedoch nichts davon.Die Regierung droht mit Sanktionen, wie etwa Ausgangssperren und Arbeitspflicht. Die Rebellenanführerin Lapislazuli wird als Terroristin deklariert und in den Medien denunziert. Dann eskaliert die Situation. Bürger schließen sich zu einem wütenden Mob zusammen. Die Straßen sind voller Menschen. Einige staatliche Gebäude, wie Ämter und Rathäuser brennen oder sind verwüstet. Regierungssympathisanten und Rebellen kämpfen gegeneinander. Der Pharmakonzern unternimmt eine Gegenmaßnahme: Er beschließt, das Produkt schon am nächsten Morgen zu präsentieren und damit zu legitimieren, um der Rebellion einen Riegel vorzuschieben. Es ist der Tag der Präsentation. Die Menschenmengen pilgern zum Heinrich-Hertz-Platz, um sich das Ereignis nicht entgehen zu lassen. Derweil sind sieben Personen unterwegs. Die Wissenschaftlerin Izobel Schmidt, ihr persönlicher Assistent Venero Castelli, die Vorsitzende des Pharmaunternehmens Apate Fox, der Politiker Joseph Hoebbels, der Bürger Adam Altmann, und die Rebellenanführerin Lapislazuli. Begleiten Sie die Figuren auf ihren imaginären Wegen und belauschen Sie ihre Gedanken! * * *

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1. Izobel Schmidt

I

rgendetwas stimmt hier doch nicht. Schräge Blicke treffen mich, als ich im Screen des großen Labors mein eigenes Gesicht erstrahlen sehe. “Wir werden die Welt verbessern, und durch Ihre

Unterstützung kann es gelingen, geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger” spreche ich es Minute für Minute innerlich mit. Wie meine eigene Titelmelodie. Manchmal überlege ich, ob ich statt einer Wissenschaftlerin eine Politikerin hätte werden sollen, mit meinem Redetalent… naja wobei, Politiker sind doch alle gleich, geschmiert und gelackt. Allein die Vorstellung, meine Tochter Diana hätte mich als selbstverliebte Politikerin sehen können… da hätte sie mir sicher direkt auch einen Schuss ins Herz verpasst. Mein Auge zuckt unweigerlich... dieses verfluchte Auge… Mein Smartear... Zigaretten…. - wann die wohl mal aussterben... - Schlüssel…. jap, hab alles. „Venero, verschiebe den Termin morgen um 15:15 eine halbe Stunde nach hinten, bitte. Und kannst du mir noch irgendwo einen Kaffee für die Versammlung nachher auftreiben? Das sollte kein Problem sein, oder?“ flöte ich zuckersüß über das Smartear. Kaffee brauch ich jetzt dringend. „Natürlich, Miss!”, klingt es in meinen Ohren. Venero ist wirklich ein ganz ausgezeichneter Assistent. Manchmal vielleicht ein wenig zuu treudoof, aber das schadet ja nicht. Apropos, treudoof… da fällt mir ein… wo ist eigentlich Miss Fox? Die suche ich jetzt auch schon den ganzen Vormittag. Ich habe noch einiges mit ihr zu besprechen. „Venero, wo treibt sich Miss Fox rum?” „Stock 16, Raum 311, Ma’am.” Ein Schatz, wirklich ein Schatz. Gut, dass der Aufzug mich gleich abkühlen wird, ich steeerbe. Ich trete auf den Gang. Hmm, welche Schuhe soll ich anziehen…. die hohen? Nein. die Sandalen? Nein… ich glaube es werden die Stiefel, ja. Bing macht es, Aufzug ist da, super. Und wer steigt da mit mir ein? Der Herr Politiker, na das hat mir gerade noch gefehlt… Ich stelle mich einfach schweigend neben ihn und wurstel derweil an meinem Mantel rum. Irgendwas lässt sich da immer finden. Das Loch in der Innentasche müsste auch dringend mal geflickt werden. Und da fängt er auch schon an… „Miss, verzeihen Sie, möchten Sie meinen Kaffee? Ich habe gerade Ihr Gespräch mitbekommen und würde Ihnen gerne meinen anbieten. Ich habe auch noch nichts abgetrunken.“ „Wirklich zu freundlich von Ihnen, danke, aber leider trinke ich nur laktosefrei.“ 5


Selbstverständlich lehne ich ab. Denkt der da doch ernsthaft, der Schmierlappen könnte sich hier meine freundliche Gesinnung erschleichen? Pah, dass ich nicht lache! Wenn die Terroristen den zum Kaffeekränzchen einladen und dem einen Koffer voller Geld hinstellen, ist der doch sowieso auf ihrer Seite. Er schaut betreten zu Boden. Ich beginne mit meinem Smartear zu sprechen: „Ja genau, ich danke Ihnen vielmals...ja genau, alles klar, genau, die Besprechung verschieben wir dann ganz nach Ihren Wünschen auf einen anderen Tag, Mister Rorret, genau, das ist absolut kein Problem.” Bing! Der Aufzug hält im EG, der Politiker… Hoebbels, Doebbels? Ich weiß es nicht… geht raus, genauso wie ich. Was zur Hölle treibt der hier überhaupt? Darüber kann ich gar nicht lange nachdenken, denn mich erwartet eine Traube an Reportern. „Miss Schmidt, Miss Schmidt, sind Sie schon nervös?“ „Was können Sie zur Vermarktung des Produktes D76 sagen?“ „Wird es bereits verwendet?“ „Ist es wirklich so gesundheitsschädigend wie behauptet wird?” Miss Schmidt hier, Miss Schmidt da. Blablabla. Wie sehr ich diese Reporter mit ihren melonengroßen Flauschmikrofonen hasse. Die können mich auch nicht eeeeinmal in Ruhe lassen. Irgendwann erstechen die mich mit den Teilen bestimmt noch. Ich kämpfe dagegen an, nicht meine Augen zu verdrehen. „Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich Ihnen. Fragen beantworte ich Ihnen mit Vergnügen sogleich auf dem Hertzplatz. Ich muss leider gerade noch Vorkehrungen treffen, ich bitte Sie um Ihr Verständnis.” Blabla. Ich wende mich ab und gehe meinen Weg. Im Inneren gehe ich nochmal meine Rede durch. „Ich danke Ihnen vielmals für Ihr zahlreiches Erscheinen, Schmidt & Fox Industries ebenso…” Apropos Fox…. wo ist Miss Fox? Ich habe sie heute noch gar nicht gesehen. Immer noch im 16.? Das darf jetzt aber nicht wahr sein. Ich glaub, ich spinn. Schnell meine Kontakte via Smartear vor dem inneren Auge aufrufend, renne ich prompt in ihren Assistenten Oliver hinein. „Uppsala, Oliver, gerade habe ich an Miss Fox gedacht. Ich hoffe doch, sie ist gut vorbereitet? Hat sie diesen Post auch gesehen? Nicht zu fassen, oder? Das ist so kindisch, manchmal denke ich, es gibt Menschen, die nie in sich gehen und mal über ihr Verhalten nachdenken.” Der Assistent von Miss Fox stimmt mir zu. Miss Fox ist eine klasse Frau, vor allem ihre Arbeitsweise und ihre Weltsicht.… sie könnte ich selbst in jung sein. Nach einem kurzen Gespräch verabschieden wir uns auch schon wieder ,,Tschüss, Oliver, bis gleich, ich freue mich!”. „Miss Fox wartet auf Sie in der Limousine, Miss Schmidt!“ ruft er mir noch hinterher. Er scheint gehetzt. Kommt mir zugute, die Limo steht schon bereit… 6


Woooow, diese Limousine ist heute aber besonders lang. Und weiß, das sieht doch mal wirklich schick aus. Der Chauffeur hält mir auch schon die Türe auf. „Vielen Dank, Mister.” Sitze gut, erstmal eine rauchen. Oh, viele Menschen scheinen wohl auf dem Weg zum Hertz-Platz zu sein, uiuiui… scheint so, als hätten’s sogar die Arbeitslosen mal von ihrer Couch geschafft. Die sehen alle ja nicht so gut gelaunt aus... das lässt sich noch ändern. Hoffentlich taucht diese dämliche Lapislazuli-Mistkuh nicht auf… das würde mir jetzt gerade noch fehlen… Wenn sich mein D76 erst einmal durchgesetzt hat, hat die Olle eh nichts mehr zu lachen, genauso wie diese widerlichen Terroristen mit ihren komischen Barfußschuhen und altbackene Smartphones... ich meine, sind wir im Mittelalter? Als ich nach links blicke, entdecke ich Miss Fox. Gekonnt setze ich ein gekünsteltes Lachen auf. „Miss Fox, schön, Sie hier zu treffen, ich habe Sie schon gesucht! Sind Sie denn gut vorbereitet?“, frage ich sie. „Selbstverständlich bin ich das, war ich das jemals nicht? Ich bin mir sicher, dass der Hertz-Platz gleich voll mit Menschen sein wird, die wir alle mit Ihrer Hilfe überzeugen werden von der Qualität des D76.“ Sie klingt wirklich sehr zuversichtlich und ich bin beruhigter. Manchmal frage ich mich wirklich, ob sie auch ein Privatleben hat. Nachdem wir an einer Foodbox gehalten haben, an welche ich mir via Smartear mein Wunschessen bestellt habe und dieses in Windeseile hinunterschlinge, werfe ich einen Blick auf die Uhr. Uh, jetzt aber schnell. Ich wende mich Miss Fox zu. „Sehen wir uns dann gleich nochmal im Backstagebereich, Miss Schmidt?“ fragt sie mich. „Ja sicher, Miss Fox.“ Wir verabschieden uns kurz und steigen aus. Auf dem Hertz-Platz wimmelt es nur so von Menschen. Gott sei Dank begleitet mich mein persönlicher Sicherheitsbeamter und bahnt mir einen Weg durch die Masse. Ich werde nur zweimal angespuckt, das ist wahrlich eine Steigerung. An den Mauern erkenne ich ein seltsames Zeichen, ich würde es als blauen Kringel beschreiben. Bestimmt wieder eine Beschwörung. Ich treffe auch schon Miss Fox wieder… „Alles wie besprochen?“ „Alles wie besprochen.“, erwidert sie. Es gibt einen tiefen Gong von irgendwo her und der Pulk hört auf zu schreien. Ich sehe, wie der Politiker die Bühne betritt…Ich hoffe, es gibt keine Eskalation. * * *

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2. Joseph Gustav Hoebbels

I

ch weiß nicht weiter. Ich weiß wirklich nicht weiter! Was soll ich nur tun? Was soll ich bloß machen?

Ich weiß nicht weiter! Es lief doch so gut bis jetzt. Wobei, das stimmt nicht ganz, wenn ich ehrlich zu mir bin. Und das gefällt mir alles schon wieder nicht. Aber warum musste diese schreckliche Frau, diese selbsternannte Revolutionärin in mein Leben treten? Warum hat Sie mich aufgesucht? Diese Lapislazuli... was für sein seltsames Pseudonym! Ich hoffe Sie wird bald ihr blaues Wunder erleben! Was habe ich ihr denn getan? Warum konnte sie mich denn nicht einfach in Ruhe lassen? Warum habe ich wegen ihr jetzt diese schrecklichen Zweifel? Vorbild oder Geld? Was will ich denn nun eigentlich? Ach... Meine beiden kleinen Mäuschen... meine süßen Zwillinge! Drei Jahre habe ich sie jetzt schon nicht mehr gesehen. Ich vermisse sie so sehr, ich liebe sie doch so sehr! Gott, oh Gott. Ihr wisst doch gar nicht mehr, wie ich aussehe... was erzählt sie euch nur über mich, mein Drache von Ex-Eheweib? Jetzt will sie ein halbes Vermögen von mir für einen Tag Besuchsrecht in der Woche. Dabei kann ich ihr ja nicht mal ernsthaft etwas vorwerfen. Ich habe Sie mir ja ausgesucht, dieses Monster. Aber gleich und gleich gesellt sich nun mal gerne. Ja, ich bin schon ein Prachtexemplar der menschlichen Rasse. Und ich weiß, dass die schreckliche Frau aus dem Untergrund Recht hat, diese grausamen Bilder, die sie mir gezeigt hat, Augen verloren im Nirgendwo. Halbmenschen, Schatten ihrer früheren Selbst. Eine Leere, die alles in sich aufsaugt. Diese gottverdammte Zombiebrutmaschine! Ihr entarteten Irren! was habt ihr euch dabei gedacht? Das macht man nicht, sowas macht man einfach nicht! 8


Leute anschreien, ihnen drohen… ja, mein Gott, da trennt sich die Spreu vom Weizen! Wer da einknickt, ist zum Leben zu schwach, aber DAS? Das ist gegen jede Spielregel! Ich muss es verhindern, ich muss jetzt handeln. Die Menschen hören auf mich, sie wissen es nicht besser, diese armen Trottel. Ich hasse sie jeden Tag dafür, in gleichem Maße wie ich ihnen dankbar bin. Aber ja, sie hören auf mich! Wenn sich der Konzern durchsetzt mit diesem Wahnsinn wird alles zu spät sein, dann können wir als Menschheit bald einpacken. Das dritte Reich wird dann zu einem kleinen Jungenstreich. Ach, was mach ich nur. Zerrissen wie ich bin muss ich das Gefüge erneut zusammensetzen. Doch es wird. Es muss werden. Ich habe mir ja im Grunde nichts vorzuwerfen, ich habe nie irgendjemanden gefoltert. Ich tu doch keinem was, ich rede doch nur. Kann ich etwas dafür? Was weiß ich, warum sie auf mich hören? Aber das ist gut so, ich werde es noch weit bringen. Sie müssen mir nur wieder einmal zuhören. Ja, ich werde reden! Kein Wort wird wahr sein. Ich suhle mich in Dreck und Lügen und noch mehr Dreck! Ich bin ein Schwein und Schweine brauchen ab und zu ein bisschen Schlamm zwischen den Klauen. Ist es denn mein Fehler? Ich bin ein Ferkel und ich muss jetzt ein ganz großes Borstenvieh werden. Ich hoffe nur sie kriegen dich dran mit deiner komischen blauen Kette, du grässliche Frau und sie sperren dich in ein dunkles Loch und diese Agate, oder wie sie heißt, gleich noch mit dazu und sie tun euch beiden so richtig weh! Kurz nachdenken, denk jetzt bitte hart nach großer Schweinskopf. Lass die Gefühle weg. Heb sie dir für später auf, wenn wieder Platz dafür ist. Erst einmal den Kopf aus der Schlinge ziehen. Das machen wozu ich geboren wurde: lügen und betrügen! Doch heute weiß ich vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben warum. Ich muss jetzt auf den Hertz-Platz, muss retten was zu noch zu retten ist. Für meine beiden Kleinen! Ich betrete die Bühne, die Scheinwerfer blenden mich für einen Moment. Dann hole ich tief Luft: Vorhang auf für das Schmierentheater. 9


Liebe Wählerinnen und Wähler, wie sie vielleicht vernommen haben, sollen die Bürgerrechte in diesem Land zurzeit mit Füssen getreten werden. Menschen würden angeblich bereits in dunklen Verließen gefoltert werden, der Staat, unser Staat, halte sich nicht mehr an die eigenen Regeln. Es gäbe eine neue Geheimpolizei, die im Schutze der Nacht willkürlich Mitbürger verhaftet, welche danach nie wiedergesehen werden. Und um noch eins obendrauf zu setzen: ich sei in einen Schmiergeldskandal verwickelt. Ach so böse Konglomerate würden mich dafür bezahlen, damit ich für ihre Interessen eintrete. Ich bitte Sie inständig: die Zeiten sind schwer, das ist gewiss! Der Terror teilt aktuell unser Land in Gut und Böse, die Lügenpresse nutzt das aus und gewinnt dadurch zusehends an Macht. Schenken sie dem Geschmiere und Gekritzel keinerlei Aufmerksamkeit! Nichts davon ist wahr. "Die Würde des Menschen ist unantastbar!" Lesen Sie es selbst nach, das ist der erste Artikel unserer Verfassung. Und so wahr ich hier stehe, werde ich dafür sorgen, dass es so bleibt. Ich stehe mit beiden Beinen fest auf deren Boden! Doch wer greift denn wirklich nach unser aller Würde? Das sind kriminelle, subversive Elemente, Schädlinge, denen es beizukommen gilt. Sie nehmen uns unsere Würde, lassen uns die große Furcht verspüren. Sie gilt es auszumerzen, zu eliminieren. Doch bitte fassen Sie meine harten, dennoch sehr wahren Worte nicht falsch auf. Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Folter und Todesstrafe ziemen sich nicht für die Art von Rechtsstaat, den es hochzuhalten gilt. Doch worum geht es denn eigentlich? Was ist dran an den ganzen Gerüchten? Ich sage es Ihnen! Es geht um die Wahrheit und sonst um rein gar nichts. Die Wahrheit muss überleben, ohne sie sind wir nicht besser als Tiere, als Untermenschen! Doch wir sind Menschen, und kommen manchmal vom rechten Weg ab, zumeist aus Unsicherheit heraus. Gerade junge Menschen haben es schwer. Wir alle haben die ein oder andere Jugendsünde hinter uns. Ich selbst habe einmal Rauch aus einer Marihuana-Zigarette eingesogen (wenn auch nicht inhaliert). Das ist Jahrzehnte her, doch ja, ich gestehe diese Schandtat. Ich hatte danach schnell an Einsicht gewonnen und es ist bei diesem einem Mal geblieben. Helfen Sie mir mit Ihrer Stimme diese jugendlichen Delinquenten zur Einsicht zu verhelfen. Dazu ist allerdings ein klitzeklein wenig Technologie notwendig, ja, das ist soweit richtig – sollte jedoch nicht überbewertet werden. Doch was wäre die Alternative? Sie weg zu sperren? Denken Sie dabei auch bitte an die Kosten des Strafvollzugs.

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Helfen Sie diesen jungen Menschen, welche vom Weg abgekommen sind, schnell wieder wertvolle Mitglieder unserer wundervollen freien Gesellschaft zu werden. Die Unbelehrbaren soll hingegen die Härte unseres Rechtsstaates treffen. Ich danke Ihnen fürs Zuhören. Wählen Sie mich auf Liste drei – Joseph G. Hoebbels. Wählen Sie die DAF – Deutschland – Arbeit – Fortschritt. * * *

“Too bad she won’t live, but then again who does?” Blade Runner

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3. Apate Fox

D

er Fahrer hält einige Meter vor seinem üblichen Platz, weil ein Pulk von Menschen uns den Weg versperrt. Kaum kommt der Wagen zum Stehen, öffnet Oliver die Türe und zieht

mich mit einer galanten Bewegung heraus. Er ist meine linke Hand, oder zumindest eine von vielen. Wenn er sich nicht ganz so dumm anstellt wie der letzte Oliver, dann könnte er sogar die Monatsmarke knacken. In Zeiten wie diesen habe ich schlichtweg keine Zeit, schon wieder jemand neues einzustellen. Außerdem scheint dieser hier ziemlich auf Zack zu sein. Im Gehen drücke ich ihm Napoleon in die Arme, der mich mit seinen kullerrunden Dackelaugen traurig anschaut und tausche ihn gegen den Kaffeebecher in Olivers ausgestreckter Hand ein. Mit eiligen Schritten laufen wir auf die gläsernen Tore von Schmidt & Fox Industries zu, während er mich auf den neuesten Stand bringt. „Nur das Wichtigste, Oliver, die volle Konzentration gilt heute dem D76-Event. Sie haben eine Minute.“ „Ihre Schwester hat angerufen, sie lässt fragen, warum sie nicht auf der Beerdigung waren.“ Ich mache eine abwinkende Geste. Für solchen emotionalen Firlefanz habe ich nichts übrig, vor allem nicht in Zeiten wie diesen. Ich hatte mit gutem Grund vor 15 Jahren den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen, und daran würde auch ein Todesfall nichts ändern. „Außerdem sind heute zwei Meetings auf Führungsebene wegen der Präsentation des Serums anberaumt. Alle weiteren Termine habe ich abgesagt oder verschoben. Für heute Abend liegen zwei Outfits zu Ihrer Wahl bereit.“ Ohne hinzusehen, schirme ich mein Gesicht vor der fotografierenden Menschenmenge ab, die allesamt gegen diese ach so grausame Foltermethode protestieren. „Soll ich Izobel Schmidt vor dem Event nochmals überprüfen?“ – „Zeitverschwendung“, sage ich, „ich vertraue ihr.“

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Für den Bruchteil einer Sekunde zieht er bei dieser Aussage die Augenbrauen hinauf, fängt sich jedoch sofort wieder. Die leitende Wissenschaftlerin von Schmidt & Fox Industries und ich könnten zwar äußerlich nicht unterschiedlicher sein, dennoch genießt sie meinen Respekt. Sie hat nicht nur das Serum entwickelt, worüber nun die ganze Welt spricht, sondern teilt auch meine Bereitschaft, skrupellos gegen den kriminellen Abschaum unserer Zeit vorzugehen. Ihre Gründe dafür scheinen mir zwar etwas undurchschaubar, es stört mich allerdings nicht sonderlich. Das interne Meeting sprengt wie immer seinen Zeitrahmen, und ich muss mich beeilen, um noch rechtzeitig in den 16. Stock zu kommen, wo sich bereits einige Pressesprecher, Politiker und Geschäftspartner von Schmidt & Fox Industries einfinden. Eine Mittagspause hatte ich zwar heute sowieso nicht eingeplant, dennoch nehme ich Oliver im Aufzug das Sandwich ab und verschlinge es ungeduldig. Ein Blick in den Handspiegel – keine Krümel, Schminke sitzt – dann betrete ich den vollen Besprechungsraum. Laut der großen Uhr sind es noch 3 Minuten, dennoch beschließe ich zu beginnen. „Einen guten Tag wünsche ich Ihnen. Wie Sie wissen, steht heute die große Veröffentlichung des Serums bevor. Sie haben nun Zeit, die letzten Fragen zu klären, bevor wir damit an die Öffentlichkeit gehen.“ Ein paar belanglose Fragen zum Ablauf des Events später meldet sich der Chef eines wichtigen Fernsehsenders. Er leckt seine speckigen Lippen als er spricht und streicht sich über seine gelüberladene Frisur. „Denken Sie, Sie können das Volk überzeugen? Das Serum löst als Foltermethode nach wie vor noch eine gewisse ... Skepsis ... bei den Leuten aus.“ „Ohh Ben, Foltermethode ist so ein böses Wort“, höre ich mich säuseln, „vielleicht verwenden wir dafür einen schöneren Begriff. Zum Beispiel ‚gerechte Präventivmaßnahme‘“. Ich kenne Typen wie ihn. Ein bisschen Augenzwinkern, ein dezent tiefer Ausschnitt und ihn beim Vornamen zu nennen lässt ihn alle Zweifel an mir vergessen. Er nickt beinahe verlegen. Weiter hinten räuspert sich eine Frau eines Partnerunternehmens. „Und was ist mit Hoebbels? Haben wir seine volle Unterstützung bei der Sache?“ 13


Ich setze ein Lächeln auf und schaue sie eindringlich an. „Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Mit den richtigen Argumenten war er schnell vom rechten Weg überzeugt. Sagen wir, so ca. mit einer Million davon.“ Alle im Raum scheint diese Aussage erheblich zu befriedigen. Der geldgierige Politiker hatte allen bereits Magenschmerzen bereitet, die etwas mit der Sache zu tun hatten, mit seiner Unterstützung steht und fällt die Durchsetzung und Legalisierung von D-76. Mit der Klärung dieser Sorge scheinen nun auch die letzten Fragen erledigt und die Beisitzenden wünschen mir viel Erfolg für die abendliche Veranstaltung. Ich verspüre ein Gefühl von Zufriedenheit. Alle Marionetten sind bereit. Nach Ende der Besprechung gilt es nun nochmal die Einzelheiten für das Event durchzugehen. Nachdem ich mich in meinem Büro fertig gemacht habe, wickle ich Napoleon in seine Decke, sodass sein Fell mein neues Outfit nicht berührt, und nehme ihn auf den Arm. Oliver begleitet mich zu der Limousine, die ich mir heute mit Izobel Schmidt teile. Normalerweise fahre ich zu wichtigen Terminen immer alleine, doch heute schien es mir eine gute Idee zu sein, ein paar Minuten mit ihr unter vier Augen zu haben – natürlich aus geschäftlichen Gründen. Wir hatten heute keine Gelegenheit mehr, uns zu unterhalten, und langsam breitet sich in mir Unruhe aus. Daher schicke ich Oliver los, um sie zu finden und warte mit Napoleon im Wagen auf sie. * * *

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4. Venero Castelli

I

ch öffne die verglaste Sicherheitstür und trete ins Freie. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Nach den chemischen Gerüchen ist es wirklich angenehm, meine Nase nicht mehr den penetranten

Reizen auszusetzen. Der Wachmann verabschiedet sich höflich mit den Worten: „Einen schönen Abend noch Herr Castelli“, und ich gehe die Treppe hinunter auf die Straße, zwei Stufen auf einmal nehmend. Ich kann gerade so einem großen grünen Farbklecks ausweichen. Die Treppe ist gesprenkelt mit bunten kleinen Pfützen. Ich drehe mich langsam um und sehe zurück zu dem riesigen bronzefarbenen Gebäudekomplex. Einige der bodenlangen Fenster sind komplett mit Farbe bedeckt. Einige von den nicht zerplatzten Farbbeuteln liegen davor auf dem Rasen. Anscheinend ist heute eine weitere Welle gegen Schmidt & Fox Industries gebrandet. Ich zähle zehn beschmierte Fenster. Gestern waren es noch sieben gewesen. Doch ich verspüre keine Angst. Es ist… Genugtuung. Ich ziehe meinen Trenchcoat enger um mich. Es sind gefährliche Zeiten. Hier will man nicht gleich als persönlicher Assistent der Wissenschaftlerin Izobel Schmidt erkannt werden. Doch was für außen gilt, gilt auch irgendwie für innen. ‚Ich bin ein Chamäleon.‘, kommt es mir in den Sinn und ich schmunzle unwillkürlich. Ich schaue auf meine Smartwatch, die bereits den Timer und die Route zum Heinrich-Hertz-Platz anzeigt. 20 Minuten. Eigentlich eine recht kurze Strecke. Ich schalte alle GPS-Funktionen aus und begebe mich auf den Weg. Zuerst ist es ziemlich ruhig und die Straßen leergefegt. Nur ein paar Akademiker eilen vorbei. Als ich jedoch nach einigen Metern in eine Seitenstraße einbiege, höre ich das ungeduldige Summen der Stadt. Aus der Ferne kann ich die holographischen Werbetafeln erkennen. Als ich näherkomme, wird das Summen lauter und es klingt nicht besonders freundlich, so wie ein Bienenschwarm, der Gefahr wittert. Man wird fast in einen Sog hineingezogen, wenn man die breiteren Straßen betritt. Hier sind wohl alle auf dem Weg zum Hertz-Platz, wo die Vorführung stattfinden sollte. Ich schlage auch meinen Kragen hoch und laufe dann mit dem Strom mit. Ich habe noch etwas zu tun, bevor ich wieder meinen Platz an der Seite von Misses Schmidt einnehme. Meinen ersten Punkt finde ich sehr schnell. Es ist ein Stand für Energiekapseln. Daneben sitzt ein junger Mann, der augenscheinlich auf seinen Mitspieler für eine Runde Tron wartet. Die Bildschirme leuchten erwartungsvoll, noch ist das Spiel nicht eröffnet. Ich kämpfe mich durch eine Gruppe schwatzender Menschen hinüber zu dem Tisch. „Ist der Raster bereit von Licht geflutet zu werden?“, frage ich. Der andere antwortet: „Schon seit 1982.“ Das ist die richtige Parole. 15


Wir nicken uns kurz zu, dann hole ich aus meiner Manteltasche einen Stick und stecke ihn in den Bildschirm. Während die Daten hochgeladen werden spielen wir eine Partie gegeneinander. Wir sitzen uns gegenüber, während jeder nur seinen eigenen Bildschirm sehen kann. Er macht Fehler, ich nicht. Ich hoffe, dass er bei seiner eigentlichen Aufgabe nicht so nervös ist und die Operation nicht in Gefahr bringt. Nach nur ein paar Minuten ist die Übertragung abgeschlossen und ein ätzender Geruch sagt mir, dass der Stick unbrauchbar und die Dateien zerstört sind. Die Informationen werden wahrscheinlich gerade in diesem Augenblick von der Hacker-Zentrale der Revolutionäre verarbeitet. Damit ist alles erledigt. Ich stehe auf und reihe mich wieder in die Masse ein. Verschwinde als Schatten unter vielen. Jetzt gibt es nur noch eine letzte Station. Ich packe eine Brille aus der Innenseite meiner Jacke und setzte sie statt meiner eigentlichen auf. Sofort wird mir ein Radar angezeigt, dem ich folge. Natürlich ist dies nur für meine Augen sichtbar. Ich lasse mich von der Menge treiben. Schließlich gelange ich an den Rand des Hertz-Platzes. Nur wenige Meter entfernt steht meine Zielperson. Ihre Umrisse sind deutlich grün umrandet, zur Identifikation. Es ist eine dunkelhaarige Frau, die mich ebenfalls entdeckt hat. Unauffällig nähern wir uns einander und rempeln uns wie verabredet an. „Ich will, dass alles glatt läuft. Keine Fehler!“, zische ich ihr ins Ohr. Währenddessen stecke ich ihr heimlich einen kleinen Zettel in die Jackentasche. Dann gehen wir aneinander vorbei. Ich habe nicht umsonst diese Mühen auf mich genommen, die Torturen ertragen. Ich habe mir mühevoll das Vertrauen dieser Schmidt erschlichen. Mich klein gemacht, immer wieder zu ihr aufgeblickt. Schleimschmeichler nannte ich mich hin und wieder, wenn ich mich im Spiegel angesehen und Tag für Tag gefragt hatte, wer dieser Mann wohl wirklich sei. Und es hat sich bezahlt gemacht. Ich habe Zugriff auf alle Räume, alle Forschungsdaten und sogar auf Izobel Schmidts persönlichen E-Mail-Account. Die Entbehrung und die psychische Belastung waren enorm gewesen. Wie oft hatte ich die Menschen sehen müssen, die sich festgekettet auf ihren Stühlen abgemüht hatten, um sich loszureißen. Ihre angstverzerrten ausgemergelten Gesichter. Die tränennassen Häftlingshemden. Wie Tiere aus einem lang vergessen Jahrhundert, werden sie zusammengepfercht, beschimpft und stundenlang mit der Folter gequält. Ihre Schreie waren so gellend, dass es einem die Nackenhaare aufstellte und ich glaubte, dass ich nie wieder ruhig schlafen konnte. Aber ich habe geschlafen, habe alles erduldet und durchgestanden. Der Sieg ist zum Greifen nahe. Nur noch einige Stunden und ich bin frei. Ich schlängle mich wieder durch die Menge. Einige tragen Farbkugeln in Säcken mit sich herum, wieder andere haben schwereres Geschütz aufgefahren. Ungeduldig erwarten sie das Ereignis. Ich habe nicht mehr viel Zeit. 16


Nur ein paar Minuten. Ich halte nach Lazuli Ausschau. Ob sie wohl dem Schauspiel persönlich beiwohnen wird? Es wäre auf jeden Fall gut für ihre Hautfarbe, denke ich spöttisch. Plötzlich erklingt eine Stimme hinter mir. „Ist das nicht dieser Castelli?“ Es wird Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Zumindest weg von dem Mob. Ich mache mich auf den Weg, laufe zickzack und versuche wieder in der Masse unterzugehen. Zum Glück mit Erfolg. Hinter mir höre ich noch ein paar Flüche, ehe ich in Richtung des Bühnenbereiches gelange. Ich setze meine imaginäre Maske wieder auf. The show must go on. Ich schalte meine Uhr wieder ein und gehe zum nächsten Wachposten. Der scannt mich und mustert kritisch meinen Ausweis, ehe ich hindurch gelassen werde. Es ist alles bereit. Vom Backstagebereich aus sehe ich zu dem Politiker Joseph Hoebbels hinüber, der gerade eine seiner scheinheiligen Speichellecker-Reden hält. ‚Bin ich etwa schon so spät?‘, schießt es mir kurz durch den Kopf. Eigentlich sind er und ich in einem Punkt gar nicht so unähnlich. Wir betrügen, lügen und kriechen. Doch was uns unterscheidet, sind die Motive. Dieser Kerl macht einfach alles für Geld. Ich habe dabei kein egoistisches Ziel. Es geht um die Gemeinschaft. Ich sehe Misses Schmidt mit dem Pharmavorstand Apate Fox reden. Sie ist mir unangenehm. Dieser kühle und berechnende Blick, den sie mir immer zuwirft, lässt mich schaudern. Zum Glück muss ich dieses Gefühl nicht heucheln. Wäre sie doch nur in ihrem Chefsessel geblieben, aber nein, ich muss sie mindestens einmal die Woche ertragen. Ein Kontrollfreak wie es im Buche steht. Meine Chefin wirkt leicht aufgeregt. Gleich wird sie auf die Bühne treten, um dann ihr Produkt der Masse zu verkaufen. Sie wird versuchen, es zu verharmlosen. Es den Menschen schmackhaft zu machen. Ich grinse verstohlen, während ich mir die Monitore ansehe. Doch ihr Plan wird nicht aufgehen, weil sie vorher ihr blaues Wunder erleben wird – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich schaue den Technikern über die Schulter und tue so, als würde ich alles überprüfen. Kurz linse ich durch einen Spalt der Bühnenverkleidung zu der Menge hinaus. Anscheinend sind alle draußen auf ihrem Posten. Es wird Zeit, dass der Wissenschaft Einhalt geboten wird. Wissen ist dazu da, dass es den Menschen hilft und nicht, dass es ihnen schadet. Izobel Schmidt ist eine egozentrische, rachsüchtige Frau, die nur ihre eigenen Pläne verfolgt. Sich an ihrem Ruhm und ihrer Macht ergötzt. Es ist Zeit, dass dies ein Ende nimmt. Jemand muss diese Folter aufhalten. Sind Terroristen denn nicht auch Menschen? Sie haben verdient, eine gerechte menschenwürdige Strafe zu erhalten. Warum sollen wir so grausam mit ihnen umgehen? 17


Das uralte Sprichwort heißt nicht: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge anderen zu. Es gibt einfach einen Preis, der zu hoch ist, um ihn zu zahlen. Mich haben die Versuche mit den Terroristen sogar in meinem Bestreben bestärkt. Lazuli hat dabei natürlich die tragende Rolle gespielt. Sie hat den Missstand aufgedeckt und das nicht mit grober Gewalt, sondern mit Köpfchen. Ansonsten hätte ich mich wohl nie für diese Sache eingesetzt. Jetzt muss nur noch alles wie geplant ablaufen. Wenigstens habe ich einen Plan B, falls die Revolutionäre scheitern. Denn es darf nicht scheitern. Ich falle Lazuli ungern in den Rücken, aber sonst wird alles herauskommen und ich bin geliefert. Ich laufe freudestrahlend auf die Wissenschaftlerin zu. „Misses Schmidt, ich bin nochmal die letzten Details durchgegangen. Es sollte alles in bester Ordnung sein. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Präsentation!“ In Gedanken füge ich hinzu: ‚Ich hoffe, du kommst in die Hölle, Miststück!‘ * * *

Felicca: „Sie sind etwas misstrauisch, Mr. Bond.“ Bond: „Lieber etwas misstrauisch, als etwas tot.“ James Bond – Der Spion, der mich liebte 18


5. Liara Pax aka Lazuli

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ie angenehme Kühle des Luft-Multiplikators im Nacken scrolle ich gähnend über den Newsfeed und lasse immer wieder unkonzentriert den Blick schweifen. Ich wünsche mir

manchmal, mein Büro hätte richtige Fenster und nicht nur die 3D-Abbildungen, die einem den Blick nach draußen in die grüne Parklandschaft vorgaukeln. Nicht, dass die Stadt heute noch so grün wäre. Aber so ist es einfach sicherer. Der Untergrund ist mir allemal lieber als die überwachte Außenwelt. Ich gehe nur in Ausnahmefällen hinaus. Meine Eltern und meinen Bruder kontaktiere ich ausschließlich über eine sichere Leitung, von der keiner etwas weiß. Nur für sie bin ich noch Liara Pax, alle anderen kennen meine richtige Identität nicht. Für die Onlinewelt heiße ich Lapislazuli, für die Untergrundbewegung bin ich schlicht Lazuli. Es ist zu gefährlich meine Familie zu treffen, also lasse ich es bleiben. Besser, ich halte mich im Hintergrund. Von hier unten aus habe ich alles im Blick, zumindest alles Relevante. Hier die Meldungen des Tages: „Joseph Gustav Hoebbels im Interview mit Newsline – Ist der Politiker wirklich geschmiert worden?“ „Durchbruch auf dem Gebiet der Terrorprävention bald marktreif!“ „Schmidt & Fox Industries gelten als Vorreiter einer sicheren Zukunft“ Die Vorsitzende der Pharmafirma Apate Fox lächelt mir mit ihrem aufgesetzten Businesslächeln entgegen Seite an Seite mit der Wissenschaftlerin Izobel Schmidt vor dem Hochsicherheits-Firmengebäude. Es folgen einige (natürlich rein positive) Bürgerstimmen zur Feierlichkeit: „blablabla… Sicherheit… blablabla… Kontrolle ist besser als Angst… hmhmhm …manchmal sind extreme Maßnahmen nötig…“ Ich schüttele angewidert den Kopf. Und auch einige neue Kommentare auf meinem Blog leuchten signalrot auf. Gerade habe ich einen weiteren aufklärenden Post über die geheimen Aktivitäten eben jenes Pharmakonzerns gepostet. Ich hoffe, dass dieses unsagbare Gerät, diese Foltermethode niemals auf die Öffentlichkeit losgelassen wird. Zu schrecklich sind die Erinnerungen an das, was mich als lange Folge meiner regierungskritischen Onlineaktivitäten in den Untergrund gedrängt hat. Ich war früher technischer Support für Holo-Kommunikatoren. Bei einem Jobeinsatz bei Schmidt & Fox Industries – es fühlt sich fast wie das Leben einer anderen an – hatte ich zur Überprüfung die Leitung des Labors getestet. Die Hologrammaufnahmen die kurz aufgeflackert waren, verfolgen mich nun in meinen Träumen. Der regierungskritische Journalist, der laut Medienberichten bei einem Terrorangriff ums Leben gekommen sein sollte, war von Weißkitteln umstellt und wand sich in einem Stuhl festgeschnallt 19


mit einer merkwürdig aussehenden VR-Brille auf dem Kopf. Seine schmerzerfüllten Angstschreie lassen mich nicht mehr los. Die meisten der Kommentare sind zweifelnder Natur, natürlich glaubt man der Regierung, tun sie doch alles, um die Leute in Sicherheit zu wiegen. Anders-Denkenden wird im Eilverfahren ein Maulkorb angelegt. Und wer bin ich schon, dass man mir glaubt. Es reicht mir aber schon, wenn sie zumindest darüber diskutieren. Das heißt, dass sie darüber nachdenken. Doch einer der Kommentare geht einfach zu weit. Beschimpft alle als kopflose Lemminge, die mir in den sicheren Tod folgen würden, nur, weil sie sich das Recht herausnehmen, sich über die vorgegebenen Medien hinaus zu informieren. Klar, ich gelte heute als größte Feindin der Regierung, obwohl ich es nie hatte soweit kommen lassen wollen. Doch so etwas zu schreiben ist unmöglich. Das muss kommentiert werden! Wütend hacke ich in die Tastatur und halte dabei die Luft an. Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. Diese Unverfrorenheit, Lügen im Netz zu verbreiten, die unbedarfte Bürger bereitwillig aufnehmen und nicht hinterfragen. Irgendjemand muss sie schließlich wach rütteln. Jemand muss ihnen einen Denkanstoß geben. Diese Menschen zu erreichen, ist mein wichtigstes Ziel. Frieden kann schließlich nie wachsen, wenn keiner einen Finger rührt. Und die größten Triumphe der Unterdrücker wurden nicht durch Handeln, sondern durch Nichtstun erreicht. Meine Finger rauschen über die Tasten und kommentieren, was das Zeug hält, durchforsten Foren wie im Wahn, klicken, tippen, scrollen und tippen wieder. Dann atme ich tief durch und schiebe die Tastatur zurück in den Tisch. Müde kneife ich die Augen zusammen, ich habe mal wieder viel zu lange auf diesen Bildschirm gestarrt. Manchmal vergesse ich beim Arbeiten zu blinzeln, wenn ich in Rage bin. Es wird Zeit für meinen Rundgang, um mal etwas Anderes als die vier Wände meines Büros zu sehen. Ich stecke mir mein Smartear an – nur für den Fall – und mache mich auf den Weg durch die engen unterirdischen Gänge hinüber zur Hacker-Zentrale. Dort schaue ich mal hier mal da über die Schulter auf den einen oder anderen Screen und lasse mir berichten, wie die Vorbereitungen stehen. Es muss alles bereit sein, wenn wir den Angriff starten. Dann kommt endlich die Nachricht, auf die ich gewartet habe. Obsidian teilt mir mit, dass er auf dem Weg ist. Zum Glück habe ich diesen Spion in den Reihen des Pharmakonzerns, der nah am Geschehen arbeitet. Ich überlege, ob ich das Heuchler-Spektakel nicht lieber vom Bildschirm aus verfolgen soll. Bequem von der Zentrale aus. Schließlich gibt es genug Kameras, die wir anzapfen 20


können. Ich hoffe, es kommt nicht wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen. Es gibt immer Menschen, die nicht verstehen, dass auch friedlicher Widerstand Widerstand ist. Er bedeutet nicht Nichtstun. Er bedeutet, eine ungeheure Kraftanstrengung zu unternehmen, die nicht auf Muskelkraft und Waffen basiert: Vielmehr setzt sie auf moralische Tapferkeit, auf Selbstbeherrschung und auf das Vertrauen, dass jeder Mensch, so grausam er sich verhalten mag, im Ursprung einen Funken Güte oder den Hang zur Gerechtigkeit besitzt. Das Letzte, was ich will, sind noch mehr Verletzte. Der Platz wird sicher sehr voll sein, eine Panik dort wäre das Schlimmste. Ich meide für gewöhnlich Menschenmengen. Bin noch nie Fan davon gewesen, doch heute Abend will ich nicht fernab von allem hinter dem Bildschirm sitzen. Ich muss dabei sein, wenn es passiert. Nach kurzer Besprechung schließen sich mir einige der anderen Rebellen an. Wir bemühen uns, uns möglichst wie die Mehrheit der Bürger zu kleiden und schminken, um nicht aufzufallen in der Menschenmenge, kurz darauf machen wir uns auf den Weg. Vorsichtig schiebe ich einen Gullydeckel zur Seite und werfe einen Blick auf die abgelegene Gasse in der Nähe des Verkündungsplatzes. Niemand zu sehen. Schnell huschen wir hinauf und erstarren beim Anblick unseres Symbols an der Häuserwand. Das lapislazuliblaue Graffiti ist etwa handgroß und in Eile auf die Wand gesprayt worden. Immer häufiger habe ich in den letzten Wochen Gerüchte gehört, dass es gesichtet wurde. Doch zum ersten Mal stehe ich selbst davor. Das Koru, wie es in Neuseeland heißt, symbolisiert einen jungen noch aufgerollten Silberfarn, der für Hoffnung, Frieden und Chance auf ein Leben in Harmonie steht. Mein Kettenanhänger und Onlinesymbol ist zum Sinnbild für die Gemeinschaft und die Freiheitsbewegung geworden. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mein Blog solche Wellen schlagen würde. Mittlerweile muss man aufpassen, nicht bestraft zu werden, wenn man im Zusammenhang mit diesem Symbol entdeckt wird. Schnell biegen wir um die nächste Häuserecke und kommen nach ein paar Straßenecken auf den Heinrich-Hertz-Platz. Dort mischen wir uns unter das Volk, das auf die Präsentation wartet. Zahlreiche Neugierige haben sich versammelt und sprechen durcheinander. Die Stimmung ist aufgeregt, manche voll freudiger Erwartung, andere wirken eher angespannt und ängstlich. Hier traut man sich unter vorgehaltener Hand zu fragen, ob die Überwachung nun ihren Höhepunkt erwartet oder jemand hingerichtet werden soll oder geht es um Genmanipulation, um Verbrechergene auszulöschen? „Vielleicht hat die Regierung auch einfach nur noch mehr Maschinen erfunden, um einem die Arbeit wegzunehmen“, sagt einer halblaut zu seinem Nebenmann.

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Die lautesten Stimmen sind jedoch optimistisch. Es ist ein wunderbares Gerät versprochen worden, das alle Probleme lösen würde. Kein Terror mehr, keine Toten, keine Rebellen, keine Gefahr. Sichere Straßen. Dann meldet sich endlich mein Smartear zu Wort. Es ist die Zentrale. Obsidian hat alle Verschlüsselungen durchgegeben und die Hacker sind bereit für den Angriff. Die Aufzeichnungen der schrecklichen Test-Folterungen, die wir in den letzten Monaten gesammelt haben, sollen eingespeist werden, um sie auf dem Bühnenmonitor laufen zu lassen, wenn die Produktpräsentation startet. Dann werden alle erfahren, wie gefährlich die neue Erfindung wirklich ist. Nervös greife ich immer wieder zu meinem versteckten Medaillon. Wird es klappen? * * *

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6. Veronika Baader

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in Brummen reißt mich aus den Gedanken. Genervt greife ich nach dem unermüdlich vibrierenden Smartphone.

„Was gibt es den nun schon wieder? Habe ich nicht gesagt, dass wir die Kommunikation auf ein Minimum reduzieren?! Was? Nein, ich komme erst später dazu. Ich werde zum Heinrich-HertzPlatz gehen und erst, wenn Schmidt und Fox auf der Bühne sind, zu euch stoßen. Ich treffe mich dort noch mit jemanden.“ Verärgert über diesen Anruf werfe ich das Smartphone zurück auf den Küchentisch. Am liebsten hätte ich es sofort die Toilette runtergespült, aber in dieser Welt ging ja nichts ohne Technik. Ich konnte noch froh sein, dass man diese Smartphones überhaupt nutzen konnte. Seit diese Frau Schmidt das Smartear erfunden hatte, verhielten sich die Menschen wirklich wie Zombies. Ständig brabbelten sie wie Geistesgestörte vor sich hin und man konnte sich nie sicher sein, ob sie mit einem redeten. Getoppt wird es eigentlich nur noch von der Unaufmerksamkeit, die manche an den Tag legen, wenn sie in ein Gespräch vertieft sind, dass sie nicht ausreichend interessiert. Diese Technikjunkies glauben doch nicht wirklich, dass man es nicht merkt, wenn sie sich auf ihren Brillen die neuesten irgendwas anschauen. Diese Menschen müssen aus ihrer Abhängigkeit befreit werden, davon bin ich überzeugt. Manchmal muss man die Leute zu ihrem eigenen Glück zwingen. Aber die Aktionen der Möchtegern-Revolutionärin hatten alles erschwert. Was wollte diese Lapislazuli mit ihren Flashmobs anrichten? Wollte sie die Wissenschaftlicher, Politiker und die Pharmaindustrie mit ihren Flashmobs tottanzen? Unbewusst hatte ich mir eine Zigarette gedreht. Meine Hände zittern vor Wut als ich mir die Zigarette anzünde. Den Glauben an die breite Bevölkerung hatte ich schon längst aufgegeben. Die breiten Massen reflektieren den Fortschritt der Technik überhaupt nicht. Richtig verpackt kann ihnen die Regierung alles verkaufen. Alles immer schön unter dem Deckmantel der Sicherheit. Ich kann mich noch gut an die gängigsten Slogans der 2060er erinnern: 23


„Mehr Technik, mehr Sicherheit.“ / „Wir können sie nicht beschützen, wenn wir nicht wissen wo sie sind.“ äffe ich nach, nicht ohne einen Würgereiz zu verspüren. Es musste sich etwas ändern und das jetzt. Die Zeiten des „friedlichen“ Demonstrierens sind vorbei! Jetzt gilt es zu handeln! Direkt und radikal! Wer sich für die falsche Seite entschieden hat, ist selbst schuld. In Zeiten wie diesen muss man nicht nur Opfer bringen, sondern auch welche in Kauf nehmen. Schließlich ist das alles für eine größere Sache. Am Ende zählt das Resultat: Der Sieg über die Wissenschaft, die eine menschenverachtende Technik hervorbringt. Wenn nur nicht diese verdammte Lapislazuli gewesen wäre. Ohne ihre Offenlegung der Forschung an dem Serum D76 wäre vieles einfacher gewesen. Aber ungeachtet dessen, zeigt sich an dieser kranken Erfindung dieser Schmidt wieder der Abgrund der Menschen und auch wohin diese teuflische Technik uns führt. Dabei war es nicht mal wirklich ihre Erfindung. „Irgendwo habe ich doch schon mal davon gelesen“, sage ich zu mir selbst. Mein Blick wandert zu meinem vollgestopften Bücherregal, welches schon seit Generationen in meiner Familie weitervererbt wurde und schon Museumswert hatte, weil fast niemand mehr überhaupt Bücher besaß. „Hat nicht mal mein Opa von einer Lesung erzählt?“ frage ich mich selbst. Nach kurzem Wühlen, halte ich ein Heftchen in der Hand. Es war aus einfachem Papier, das über die Jahre vergilbt war. Halblaut lese ich den Titel, der in weißer Schrift in einem Tintenklecks zu sehen ist: „Lesenacht Düster-O-topia“. Erfreut über mein Gedächtnis, schmunzle ich. Ja genau, darin hatte ich schon davon gelesen. Es war doch immer dasselbe. Wissenschaftler greifen irgendwelche Ideen aus der Literatur auf und meinen, diese umsetzen zu müssen. Da ging es einem H.G. Wells nicht anders. Ich schüttle meinen Kopf. Heute war der große Tag. Das Serum sollte vorgestellt werden. Zwar hatte Lapislazuli durch die Veröffentlichung der Forschungsarbeiten an den Foltermethoden meine Pläne maßgeblich behindert, aber wir haben es trotzdem geschafft. Hätte ich Schmidts Lakaien, Venero, nicht angeworben, hätte der Anschlag um Monate verschoben werden müssen. Aber so waren wir über die neuesten Sicherheitsmaßnahmen und Vorkehrungen im Pharmagebäude informiert. Apropos Venero. Erschrocken schaue ich auf meine analoge Uhr. „Verdammt! Ich muss los!“ Venero wollte mir doch noch die letzten Informationen auf dem Hertz-Platz übergeben. * * * 24


7. Adam Altman und Roboterhund Spotti

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al wieder aus dem Fenster schauen… nicht einfach nur in die 3-D Simulation, die eine immer heile Welt vorgaukelt. In der letzten Zeit mache ich das öfters. Denn es tut sich

was, da unten, da draußen auf den Straßen der realen Welt. In den letzten Tagen kam immer wieder zu spontanen Demonstrationen. Sie richteten sich gegen Schmidt & Fox Industries. Angeblich hatte diese Firma eine neue Methode entwickelt, wie potentiellen Verbrechern Informationen über ihre Pläne entlockt werden können. Genaues über diese Methode war kaum bekannt, weder mir noch den Demonstrierenden. Aber es gab ein Webblog, in dem geleakte Dokumente zu diesem Projekt einzusehen und kommentiert waren. Da war die Rede von einer Brille, die das Tor zu Hölle öffnen würde. Eine Brille und ein Serum, das die Foltervisionen George Orwells in 1984 lächerlich erscheinen ließen. Die Stimmung im Volk war aufgeladen. In den Straßen rumorte es, brodelte und gärte es. Hier oben aber fühle ich mich sicher, ich fürchte nur, dass es da unten bald zur Explosion kommt. Mit Folgen, denen auch ich mich nicht entziehen kann. Nicht selten endeten die Demonstrationen in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Staatskräften. Einige habe ich schon von hier oben gesehen, denen sie Handschellen angelegt haben und die sie dann in großen Mannschaftswagen fortgebracht haben. Wohin nur? Wer waren diese Menschen? In der Zeitung erfährt man kaum etwas über sie. Außer, dass sie gefährliche Elemente seien, deren Aktivität notfalls mit Gewalt unterbunden werden müsse. Auch heute… ist ja einiges los da unten auf der Straße. Ob ich mal runtergehen sollte? Aber vorher noch Spotti vom Strom nehmen. Spotti ist mein Roboterhund. Ja, mein treuer Begleiter in diesen unruhigen Zeiten. Mein Roboterhund müsste jetzt eigentlich voll aufgeladen sein. Komm Spotti, ja komm, komm zum Herrchen. Na, hast Du gut Strom getankt? Oh, du wirkst ja richtig ausgelassen! Na komm, komm hier ans Fenster! Hier gibt’s was zu schauen! Wir schauen uns mal an, was da draußen los ist! Die Lage ist unruhig, alles hat mit dieser Erfinderin zu tun, und mit ihrer Brille und diesen Chemikalien. Sie sagt, sie hätte eine Methode entwickelt, um die NoTec-Terroristen zu besiegen. Diese Terroristen sagen, dass eine Welt ohne Nullen und Einsen das richtigere Leben sei. Und um ihre Botschaft zu proklamieren, stecken sie immer wieder Gebäude von High-Tech Firmen in Brand. 25


Hast Du davon gehört, Spot? Wurden dir diese Daten schon übermittelt? Schade, dass deine Entwickler dich nicht mit einer Sprechfunktion ausgestattet haben. Nunja, dein metallisches Wuff klingt auf jeden Fall als ob Du ein richtiger knuffiger Schoßhund wärst. Bei Dir haben die von Boston Dynamics richtig gute Arbeit geleistet. Schau mal, da unten auf der Straße, ist das nicht diese, Izobel Schmidt, die Erfinderin dieser Virtual Reality-Brille? Man hat ja viel gelesen über sie. Vor allem in dem blog dieser Hackeraktivistin. Sie hat auf ihrem blog genau beschrieben, was für eine Höllenmaschine Schmidt & Fox Industries da entworfen haben. Nie darf so etwas in der Realität angewandt werden! Auch wenn es keine körperliche Folter ist, das Gehirn nimmt den Schmerz und die Verstümmelungen genau so wahr, als seien sie echt. Ein echtes Teufelszeug. Natürlich braucht der Staat Informationen. Aber wenn er selbst dafür zum Terrorist wird, hat niemand was gewonnen. Das haben viele verstanden. Und deswegen kommt es auch immer wieder zu Protesten! Zu Recht, wenn Du mich fragst, Spotti. Wuff. Alle strömen zum Hertz-Platz. Dort, so haben es Fox & Schmidt Industries und die Regierung angekündigt, soll heute eine große Bekanntmachung stattfinden. Und ja, Spotti, es geht um diese seltsame Erfindung. Schau mal, sie haben sogar eine richtig große Bühne aufgebaut. Und da am Rande, siehst Du da diesen Typen im Anzug stehen? Das ist der Hoebbels oder Doebbels oder wie der heißt. Politiker. Macht sich wohl gerade bereit für seine Rede… ein schmieriger Typ, wenn Du mich fragst. Verspricht uns eine Welt, ohne Terror, ohne Tote und Rebellen. “Sichere Straßen!” Das ist sein Motto. Aber der Weg dorthin ist ganz offensichtlich mit Leichen gepflastert. Das lässt er durchblicken. Wie er da steht und schwitzt… dieser Schweinskopf. Manchmal scheint es mir, als hätte er auch ein Gewissen, es zuckt kurz auf in seinen Gesichtszügen, aber er schafft es immer wieder, es zu verbergen. Und für seine Karriere hinunterzuschlucken. Wenn er sich da mal nicht verschluckt daran, dieser Hoebbels oder Doebbels oder wie der heißt. Oh, und jetzt betritt doch tatsächlich Izobel Schmitt selbst die Bühne! Was ist da los? Jubeln ihr da etwa einige zu? Was ist denn in das Volk gefahren? Glaubt es tatsächlich die Fehl-Informationen, die von unserer Politikerkaste propagiert wurden? Ich hoffe inständig, dass die Hackerdame bald neue Wahrheiten über die finsteren Pläne der Regierung veröffentlicht. Oder ist es etwa sie, die Panikmache betreibt?? Wem kann man heute noch trauen, Spotti, hm? Wem? * * * 26


Ende 1: Ein heikler Misserfolg

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ährend sich nun auch die letzten Bürger der Versammlung auf dem großen Hertz-Platz anschließen, schlägt die digitale Uhr 6 und ein glockenartiger Ton unterbricht das allge-

meine Stimmengebrumme. Alle Blicke richten sich auf die Bühne, auf der umgeben von wirbelnden Hologrammen nun der beliebteste Moderator des Landes erscheint. Die Gesichter im Publikum zeigen die verschiedensten Regungen – Skepsis, Vorfreude, Angst, Hass. „Meine Damen und Herren! Einen Applaus an Herrn Hoebbels für diese aufregende Einleitung in unsere heutige Veranstaltung! In dieser Zeit voller Angst und Schrecken, angekurbelt durch die Terrorgruppe NoTecs, hat unsere Regierung in Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Schmidt & Fox Industries eine Lösung gefunden, gefährlichen Terroristen wichtige Informationen zu entlocken. Es handelt sich dabei um eine ausgeklügelte Technologie, welche mit Hilfe virtueller Realität und dem Serum D76 verdächtige Personen in gezielte Angstzustände versetzen kann. Salopp könnte man sagen: eine schmerzfreie Alternative zur geständnisfördernden Folter. Doch genug von mir, holen wir doch die grandiose Izobel Schmidt auf die Bühne, die uns mit ihrer charmanten Art alles Wichtige zum D76-Serum erläutern wird. Sie steht Ihnen außerdem nach der Präsentation für Fragen zur Verfügung.“ Der Moderator dreht sich zur Seite, als die Hologramme plötzlich zu zucken beginnen. Statt der Wissenschaftlerin betritt nun eine schwarz gekleidete Person die Bühne und flüstert ihm etwas zu. Es folgt ein kurzer Wortwechsel, während der Moderator hektische Blicke zum Rand der Menge wirft. Dann setzt er sein Showlächeln auf und widmet sich wieder den Bürgern: „Bitte entschuldigen Sie, wir müssen aufgrund technischer Schwierigkeiten leider eine kleine Pause einschieben. Das Programm startet für Sie in wenigen Minuten wie geplant.“ An dem Punkt, den er bis eben fixiert hatte, schieben sich nun etwa ein Dutzend Polizisten durch die Leute. Plötzlich bricht eine Unruhe aus, als mehrere Gesetzeshüter eine scheinbar wehrlose Frau zu Boden drücken.

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Wie ein Lauffeuer springen die Worte von Mund zu Mund: „Revolution... Folter... nicht human... Lapislazuli!“. Die Frau, die nun von den meisten als die Bloggerin erkannt wurde, wird trotz heftigem Widerstand abgeführt. Einige Leute ergreifen bei diesem Schauspiel die Flucht. Nur ein paar wenige geben sich anhand ihres Symbols auf Kleidung, Schmuck oder Fahnen als Lapislazulis Anhänger zu erkennen, doch auch jene sind schnell in Schach gehalten. Die Lage scheint wieder im Griff zu sein. Schließlich wendet sich die Mehrheit wieder verwirrt und erwartungsvoll der Bühne zu. „SCHMIIDT, SCHMIIIIDT!“ hört man es aus den vorderen Reihen. Doch auch nach drängenderen Rufen bleibt das Podium leer. Schließlich fährt quietschend ein Wagen vor und die Wissenschaftlerin eilt mit ernster Miene und einem Finger am Smartear darauf zu. Kaum ist sie eingestiegen, rast das Auto davon. Nun sind im Publikum die wildesten Spekulationen über den Grund ihres überstürzten Abgangs zu hören. Diese reichen von Sicherheitsleck des Labors über versuchte Anschläge bis hin zu privaten Zwischenfällen. Einige Zeit vergeht, bis schließlich der Moderator wieder zu sehen ist. Er räuspert sich und setzt zu einer neuen Rede an. Doch dazu kommt er nicht. Ein ohrenbetäubender Knall peitscht über die Stadt. Die Druckwelle der Explosion fegt wie ein zerstörerischer Dämon durch die Straßen und wirft die Menschen zu Boden. Der Herd dieses Anschlags wäre auch ohne hinzusehen jedem sofort klar gewesen. Dort wo früher Schmidt & Fox Industries stand, stehen nur noch vereinzelte Trümmer in Flammen. Einen Augenblick lang ist alles geisterhaft still, dann erst ertönen Schreie. Eine Frau steigt mit verklärtem Blick auf die Bühne. Sie schließt kurz die Augen und breitet die Arme aus. Nach einer Weile erwacht sie aus ihrer scheinbaren Trance, ihre Parolen erschüttern die Menschen auf dem Hertz-Platz ein zweites Mal bis aufs Mark. „SIEG! NIEDER MIT DER TECHNIK! NIEDER MIT VERKOMMENER WISSENSCHAFT! IHR SEID ZU WEIT GEGANGEN UND NUN HABT IHR DEN GERECHTEN TOD! SEHT WAS SIE EUCH GEBRACHT HAT!“ * * * 28


Ende 2: Ein zweifelhafter Sieg…

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Düster-O-topia Die Story Das Jahr 2084: Massive Umbrüche stehen bevor. Am Abend der herannahenden Revolution sind sieben Figuren unterwegs zum zentralen Platz der Stadt. Dort soll eine neue, folgenschwere Erfindung vorgestellt werden. Begleite die Figuren auf ihren Wegen ins Zentrum des Geschehens und belausche ihre Gedanken! Auf welcher Seite kämpfst Du – und zu welchem Preis? Werde Teil dieser Revolution.

Über KITeratur Wir sind die Hochschulgruppe des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), die kreative Texte schreibt. Alle zwei Wochen treffen wir uns und üben uns im spielerischen Umgang mit Worten. Häufig entstehen aus diesen Experimenten Ansätze für Kurzgeschichten, Gedichte oder Szenen. Diese werden in der Gruppe vorgestellt und besprochen. Wer will, arbeitet seine Ideen zu einem fertigen Text aus. Die so entstandenen Werke stellen wir einem öffentlichen Publikum vor .Dabei können unsere Gäste den Stift auch selbst in die Hand nehmen. Willst Du mehr über unsere Hochschulgruppe erfahren? Dann schreibe uns und lerne uns bei einem Treffen oder einer unserer Veranstaltungen kennen! Wir freuen uns auf Dich! www.kiteratur.com www.facebook.com/KITeratur

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