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Sonja Poppe

Bibel und Bild

Die Cranachschule als Malwerkstatt der Reformation

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Bibel und Bild


Sonja Poppe

Bibel und Bild

Die Cranachschule als Malwerkstatt der Reformation


Sonja Poppe, Jahrgang 1980, studierte Evangelische Theologie, Religionspädagogik und

Deutsch für das Lehramt an Gymnasien. Seit abgeschlossenem Referendariat arbeitet sie als freiberufliche Lektorin, Autorin und Kolumnistin für verschiedene Buchverlage und Zeitungen. Außerdem schreibt sie für das Internetportal »evangelisch.de« und betreut Social-Media-Projekte. Ihre thematischen Schwerpunkte liegen im kulturellen, kirchlichen und religiösen Bereich. Sonja Poppe lebt und arbeitet nahe Osnabrück.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2014 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig Printed in Germany · H 7751 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheber­rechts­gesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt. Bibeltexte: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft · Stuttgart Coverbild: Schöpfungsbild von Cranach, © Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek Gestaltung: Thomas Puschmann · fruehbeetgrafik.de · Leipzig Druck und Binden: GRASPO CZ a. s. · Zlín ISBN 978-3-374-03795-7 · www.eva-leipzig.de ISBN 978-3-438-06237-6 · www.dbg.de


Inhalt

Vorwort 

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1 Einleitung 1.1

Wie Lucas Moller aus Kronach an den sächsischen Hof kam  9

1.2 In sächsischen Diensten  11 1.3 Die Zeiten ändern sich  15 1.4 Kunst im Schnellverfahren  18 1.5 Freundschaftsbande  21 1.6 Wie der Vater, so der Sohn?  25

2 Altes Testament 2.1 Die Schöpfung  30 Bilder zur Bibel  2.2 Paradies  34 Paradiesische Harmonie 2.3 Adam und Eva im Paradies  40 Eigenwillige Schönheit und unterschwellige Erotik

2.4 David und Batseba  46 Zwischen Ermahnung und Verführung 2.5 Simson und Delila  50 Die Macht der Frauen

3 Neues Testament 3.1 Christus segnet Wehret ihnen nicht

die Kinder 

56

Christus und die Samariterin am Jakobsbrunnen  60

Vom richtigen Glauben

3.2

3.3 Christus und die Wie malt man Gnade?

Ehebrecherin

3.4 Das Abendmahl  70 Protestantische Fürsten in Szene gesetzt 3.5 Christus am Kreuz  74 Glaubensbekenntnis und Würdigung des Vaters

66


4 Reformation

5 Anhang

4.1 Die Lutherporträts  80 Cranach gibt der Reformation ein Gesicht

Biografische Eckdaten  115

Zitate  116

Literatur  117

Bildnachweis  118

4.2 Polemische Holzschnitte  86 Konfessionelle Kampfansage in Bildern 4.3 Madonna

mit Kind unter dem Apfelbaum  92

Maria evangelisch betrachtet

4.4 Gesetz und Gnade  96 Ein reformatorisches Lehrbild

Wittenberger Reformationsaltar 

Vom Wesen der Kirche

Nachwort 

4.5

111

102


Vorwort Können Sie sich eine Welt ohne Bilder vorstellen? Was wäre mit dem Kunstdruck über dem Bett, der Fototapete in der Küche und den fröhlichen Teddys auf der Cornflakes-Packung? Was mit den bunten Reklametafeln an der Bushaltestelle, der Pinnwand voller Urlaubskarten im Büro? Und – ja, ein Computer ohne Bilder lässt sich auch kaum vorstellen. Was, wenn in Zeitschriften plötzlich nur noch Buchstaben zu sehen wären und der Abend keinen Fernseher mehr hätte? Bilder lassen sich aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegdenken. Handys können inzwischen fotografieren und den Schnappschuss zeitgleich ins Internet stellen, noch einen kurzen Dreiwortsatz dazu und weiter geht’s. Ganze Konzerne leben davon. Bilder strukturieren unsere Welt. Wir kommunizieren über Bilder, immer schneller und vor lauter Überfluss auch immer oberflächlicher. Ihren Anfang nahm diese rasante Entwicklung vor mehr als 500 Jahren, als sich durch den optimierten Buchdruck nie dagewesene Möglichkeiten zur schnellen Verbreitung von Text und Bild boten. Zwei Menschen aus dem auch damals eher kleinen Wittenberg gehörten zu denjenigen, die das Potential, das dahintersteckte, erkannten und für ihre Zwecke zu nutzen wussten: Martin Luther, dessen Bibelübersetzung in allgemeinverständlichem Deutsch sich durch den Buchdruck schnell in Umlauf bringen ließ und zum Bestseller wurde sowie Lucas Cranach, der die Schriften Martin Luthers  – auch die Bibel  – illustrierte und dem Reformator durch massenhaft angefertigte Porträts sein bis heute überall bekanntes Gesicht gab.

Während andere Reformatoren nicht nur den altgläubigen Umgang mit Heiligenbildern, sondern religiöse Bilder an sich ablehnten, hielt Luther Bilder zu Lehrzwecken durchaus für berechtigt. Gemeinsam mit Lucas Cranach entwickelte er eine neue Bildsprache, mit der sich seine reformatorischen Überzeugungen selbst leseunkundigen Menschen vermitteln ließen. Anlässlich des 500. Geburtstags Lucas Cranachs des Jüngeren, des Sohnes, Mitarbeiters und Nachfolgers des älteren Cranachs, erinnert das Themenjahr »Reformation – Bild und Bibel« im Jahr 2015 an das gemeinsame Schaffen von Vater und Sohn. Die Bilder aus ihrer Werkstatt laden in ihrer Detailfülle und Farbigkeit noch heute zum Betrachten ein – mit einem kurzen Blick zu erfassen, wie wir es inzwischen gewohnt sind, sind sie jedoch nicht. Dieses Buch soll Lust machen, etwas genauer hinzusehen und eine Zeit des Umbruchs kennenzulernen, in der Bilder gerade erst begannen, ihren Siegeszug als Kommunikationsmedium anzutreten. Holzhausen, im Juni 2014 Sonja Poppe

Zitate wurden behutsam der aktuellen deutschen Sprache und Recht­ ­schreibung angepasst. Weitere Infos und Lesungstermine unter: www.cranach-bild-und-bibel.de

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A

m Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Und die Erde ließ aufge-


1. Mose 1,1–2,4 /

hen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag. Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.

Die Schöpfung

Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag. Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden

kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden. Lucas Cranach d. Ä. »Die Schöpfung« Kolorierter Holzschnitt von 1534 Anna Amalia Bibliothek, Weimar

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2.1 Bilder zur Bibel Der in leuchtenden Blau-, Grün-, Rot- und Gelbtönen kolorierte Holzschnitt zur Illustration der ersten Gesamtausgabe der Lutherbibel zeigt den Schöpfergott über der gerade erschaffenen Welt schwebend. Gottes prunkvoller Umhang schmiegt sich um das Erdenrund und unterstreicht wie die

ihn umgebenden Strahlenkränze seine göttliche Macht. In Gestalt eines bärtigen Mannes blickt er väterlich auf die Welt hinab und breitet die Hände segnend über seine Schöpfung. Die Erdscheibe ist, ganz dem traditionellen geozentrischen Weltbild entsprechend, von Himmelsozean und Firmament umgeben, an dem Sonne, Mond und Sterne befestigt sind. Wolken und Vögel ziehen am Himmel entlang. Die Erde liegt als paradiesische Insel inmitten eines von Fischen und Seeungeheuern bewohnten Meeres. Flüsse durchziehen das Land, in dem es von wilden und zahmen Tieren wimmelt. Im Mittelpunkt stehen die ersten Menschen. Eine paradiesische Szene ganz nach dem Motto: »Und Gott sah, dass es gut war.« 34

Wer genauer hinsieht, erkennt allerdings: Das Bild hat noch mehr zu erzählen. In der Schöpfung, die Gott so zufrieden überblickt, ist bereits angelegt, was bald geschehen wird. In einem der Bäume, die mitten im Paradies stehen, scheint die Sünde bereits zu lauern. Eva weist mit einer Hand in Richtung des Baumes, während Adam sie zweifelnd anschaut. Auch die Schlange links neben dem Paar streckt sich dem Geschehen schon beobachtend entgegen. Und selbst das im Vergleich zu den anderen Tieren recht groß geratene Kaninchen, springt wohl nicht zufällig zu Füßen der Menschen herum. Man erkannte in diesem Tier damals ein Symbol für die Wollust, die die Menschen nach Ansicht der Kirchenväter erst nach dem Biss in die verbotene Frucht überkommen hat. So fasst die Darstellung beide Schöpfungsberichte der Bibel zusammen und weist zugleich voraus auf die Erzählung vom Sündenfall.

Kein »unnütz Ding, das zum Text nicht dienet« Diese aufwändig von Hand kolorierte und an Himmelskörpern, Bäumen und Strahlenkranz sogar mit Goldfarbe verzierte Version des Holzschnitts entstammt einem Exemplar der Luther-Bibel von 1534, das sich heute in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar befindet. Angefertigt wurde der Druckstock von einem namentlich nicht bekannten Künstler aus der Cranach’schen Werk-


statt, der seine Arbeiten mit den Initialen MS signierte. In den Jahren 1532 bis 1534 schuf er über 100 Holzschnitte zur Illustration der ersten vollständigen Bibelübersetzung Luthers von 1534. Zusammen mit Luthers Text wurden seine Holzschnitte schließlich bei Hans Lufft gedruckt. Christoph Walthers, ein Mitarbeiter von Hans Lufft, berichtet, dass Luther selbst an der Auswahl der Bildthemen beteilig gewesen sei: »Luther hat die Figuren in der Wittenbergischen Biblia zum Teil selber angegeben, wie man sie hat sollen reißen oder malen, und hat befohlen, dass man aufs einfältigst den Inhalt des Textes sollt abmalen und reißen, und wollt nicht leiden, dass man […] unnütz Ding, das zum Text nicht dienet, sollt dazu schmieren.« Offensichtlich hatte Luther erkannt, dass Bilder das Verständnis der biblischen Geschichten erleichtern konnten, sofern sie die Textaussage und den Kern der Botschaft nicht verfälschten. Denn anders als andere Reformatoren wie Ulrich Zwingli oder Johannes Calvin lehnte er Bilder zur Illustration der frohen Botschaft und zur Vermittlung wichtiger Glaubensaussagen nicht ab. Schon für die erste Auflage der Lutherübersetzung des Neuen Testaments – des später wegen seines Erscheinens im September sogenannten »Septembertestaments«  –, hatten Cranach und seine Mitarbeiter Holzschnitte zur Apokalypse geliefert. Da verwundert es nicht, dass Luthers Freund Cranach nun auch mit der Illustration des Alten Testaments betraut wurde. Cranach selbst scheint allerdings weder Zeit noch Muße für diese Aufgabe gehabt zu haben. Er überließ die Arbeit an den Holzschnitten seinem Mitarbeiter.

Einzelstücke aus Massen­produktion Die Erfindung des Buchdrucks und die Bebilderung durch Holzschnitte machten hohe Auflagen möglich. Luthers Übersetzung erschien zunächst in einer Auflage von 3000 Stück. Obwohl eine gebundene Ausgabe zum Preis von 2 Gulden und 8 Groschen für damalige Verhältnisse nicht

gerade günstig war, war die erste Auflage schnell vergriffen. In den folgenden Jahren erschienen mehrmals kaum veränderte Nachdrucke. Die Technik des Holzschnitts war damals eigentlich schon so weit ausgereift, dass die Drucke durch schraffierte Hell-Dunkel-Abstufungen auch ohne farbige Ausgestaltung lebendig genug wirkten. Dennoch entschieden sich viele Käufer, die gedruckten Bibeln, ähnlich wie alte Handschriften, farbig ausmalen zu lassen. Dadurch wurden aus dem Massenprodukt aus der Druckerpresse wieder ganz individuelle Einzelstücke. Das ganzseitige Schöpfungsbild eröffnet nach dem Titelblatt die Reihe von 117 Illustrationen des Cranachmitarbeiters MS. Ganz in Luthers Sinn setzen die Darstellungen den Text einprägsam ins Bild. Noch deutlicher als der Holzschnitt zur Schöpfung fassen einige der Illustrationen – für den heutigen Betrachter eher ungewöhnlich – mehrere Szenen in einem Bild zusammen. Wer sich mit den biblischen Geschichten aber ein wenig vertraut macht, dem können die Holzschnitte auch heute noch erhellende Einblicke in den Text bieten. 35


1. Mose 2,4–25 /

E

s war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. Der

zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein.

Paradies

Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

Lucas Cranach d. Ä. »Paradies« Öl auf Holz, von 1530 Gemäldegalerie der Alten Meister Dresden

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2.2 Paradiesische Harmonie Auch dieses vor Lebewesen nur so wimmelnde Ölgemälde von 1530 erzählt eine ganze Geschichte in nur einem Bild. Hervorgehoben durch seine Größe und die leuchtenden Farben seines blauen Gewandes und eines roten Umhangs steht Gottvater – wie damals üblich als bärtiger Mann dargestellt – zusammen mit Adam und Eva in der Mitte des Bildes. Beinahe schüchtern fassen sich die beiden an den Händen, ein Zweig verdeckt ihre Scham, während sie Gott aufmerksam anschauen. Der weist mit einer segnenden Geste auf den Baum der Erkenntnis links hinter ihm – eine Szene, die im Bibeltext so nicht vorkommt. Vielleicht ist hier der Mo-

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ment festgehalten, in dem Gott den beiden verbietet, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Um sie herum im Mittelgrund erstreckt sich eine parkähnliche Landschaft in üppigem Grün, bevölkert von zahlreichen Tieren, von denen viele damals wohl auch in einem fürstlichen Park zu finden waren. Meist paarweise suchen Störche und Kraniche nach Futter, Schafe und Hühner, Pfauen und Rebhühner, Bären, ein Kaninchen und einige Tiere mehr beleben die Rasenfläche. Rechts hinter der Szene mit Gott, Adam und Eva befindet sich vor einer Felsenlandschaft ein kleiner See, auf dem Wasservögel schwimmen, ein Schwanenpaar spiegelt sich auf der glatten Oberfläche. Der Vordergrund des Bildes ist beinahe überfüllt mit Tieren, die auch auf Cranachs Jagdgemälden für seine Kurfürsten in Fülle zu finden sind. Rehe und Hirsche, Fasane, ein Fuchs, aber auch Pferde und Kühe und sogar ein Einhorn finden sich dort in friedlicher Eintracht mit einem Löwenpaar. Eingebettet in den Mittelgrund, spielen sich fünf weitere Szenen um Adam und Eva ab. In ungeordneter Folge führen sie dem Betrachter die Paradiesgeschichte und den Sündenfall vor Augen. Links über der Mittelszene erschafft Gott Adam, der noch in Gestalt eines kleinen Kindes vor ihm kauert. Schon als erwachsener, bärtiger Mann liegt er in der Szene ganz rechts schlafend auf der Erde, während Gott Eva aus seiner Seite zieht. Unter dem Baum der Erkenntnis links im Bild dann der Sündenfall: Eva reicht Adam die verbotene Frucht, hinter ihr die Schlange mit weiblichem Oberkörper, die weitere Früchte in den Händen hält. Dann wieder rechts im Bild Adam und Eva, wie sie sich im Gebüsch vor Gott verstecken. Erschrocken schauen sie in den Himmel, wo


Gott in einer Wolke direkt über ihnen schwebt. Ein von ihm ausgehender Lichtstrahl zeigt, dass er das Paar längst entdeckt hat. Ganz links im Bild die Konsequenz: Ein Engel mit erhobenem Schwert treibt die beiden vor sich her aus dem Paradies hinaus, auch die abwehrende Handbewegung Adams hilft da nicht mehr.

Wo »Wolf und Schaf beieinander weiden« – verheißene Idylle Innerhalb eines Jahres hat Lucas Cranach d. Ä. die Paradieserzählung gleich zweimal auf sehr ähnliche Weise ins Bild gesetzt. An der hier vorgestellten Version, die sich heute in der Dresdener Gemäldegalerie der Alten Meister befindet, fällt vor allem der Tierreichtum im Bildvordergrund auf. Reine Freude an der Darstellung, am Reichtum der göttlichen Schöpfung? Sicher nicht nur. Zu Cranachs Zeit wird den Betrachtern auch die symbolische Bedeutung, die den Tieren traditionell zugeschrieben wurde, bewusst gewesen sein. Da ist der Hirsch, der nach alter Überlieferung ein Gegner der Schlangen ist und daher auf Christus hinweist, aber auch der Löwe, der je nach Kontext ebenfalls für Christus oder aber entgegengesetzt für das Böse an sich, den Teufel, stehen kann. Da sind die etwas naiven Schafe, aber auch ein Ziegenbock und ein Fuchs, die Hinterhältigkeit symbolisieren. Da sind das märchenhafte Einhorn, das für die reine Unschuld steht und das Kaninchen, das auf Wollust hinweist. Deutlich wird, dass in der Vielfalt der Schöpfung sowohl das Gute als auch das Böse schon von Beginn an angelegt waren. Üblicherweise dienten Bilder zur Paradieserzählung zur Zeit Cranachs dazu, den Menschen die Wurzeln ihrer Sündhaftigkeit vor Augen zu führen. Auch in Cranachs Gemälde

wird deutlich: Adam und Eva haben sich dem Willen Gottes widersetzt und die ursprüngliche Gottesnähe und Vertrautheit mit ihm dadurch verspielt. Steht Gott dem Paar in den Szenen, die sich vor dem Sündenfall abspielen, noch als Gegenüber zur Seite, ist er nicht mehr da, während die beiden die verbotene Frucht probieren. In der nächsten Szene dann, schaut Gott aus dem fernen Himmel herab auf das Paar, das sich im Gebüsch versteckt hat, und schließlich schickt er einen Engel, der die beiden aus dem Paradies vertreibt. Die Geschichte, die Cranachs Bild erzählt, ist damit aber nicht wie üblich schon zu Ende. Es ist ganz offensichtlich auch nicht der Sündenfall, der hier im Mittelpunkt steht. In der Mitte des Bildes stehen, durch die Größe der Darstellung zusätzlich betont, Adam und Eva Gott gegenüber, scheinbar ins Gespräch vertieft. Gottes Hand weist nicht nur auf den Baum der Erkenntnis, sondern er scheint die Hand zugleich 39

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Beispielseiten aus dem Buch

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