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25. Ausgabe | 3. Quartal 2021 | hungrig seit 2015

Magazin für Wolfsburg und die Region Ausschließlich als E-Paper erhältlich

Titelstory

Keiner darf verloren gehen

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JEDE*R ZÄHLT

25 www.flow-wolf.de


Inhalt

Teile unsere Geschichten: #flowwolfsburg

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Vorwort Ingo Bartels

Impressum

Beiträge

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Keiner darf verloren gehen Katrin Haudel Eine barrierereiche Fahrt Ingo Bartels Einer für Alle Julia Klemp Inklusion und Teilhabe in Wolfsburg Julia Klemp

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Third Culture Kids Nele Pape

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Impressum

Wieder Richtung Sonne fliegen Adam Ciemniak Der Verein der Zukunft Joshua Rustenbeck Gleichstellung in Wolfsburg Nele Pape

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Jah

re

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Vorwort

Vorwort Ingo Bartels

in der Stadt ist, um Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. mit dem Titel Jede*r zählt Zudem sprach sie mit Monika schauen wir uns unsere Stadt Müller, Dezernentin für Soziales aus einem anderen Blickwinund Gesundheit, Klinikum und kel an und haben sehr tolle Sport, die somit auch für den Gesprächspartner*innen gefunBereich Inklusion zuständig ist. den, die offen über Inklusion, Barrierefreiheit und Gleichberech- Im Interview ging es darum, was die Stadt Wolfsburg bereits alles tigung gesprochen haben. unternommen hat, um mehr Chancengleichheit zu erzielen. Für unsere Titelstory besuchte Katrin Haudel ihren ehemaligen Arbeitgeber – das CJD Wolfsburg Nele Pape traf sich mit Antje Biniek, Gleichstellungsbeauf- und berichtet über die Vielfalt trage der Stadt Wolfsburg, und der Einrichtung, da im CJD jede sprach über Chancengleichheit Persönlichkeit zählt. und Gleichberechtigung für alle Bürger*innen der Stadt. Zudem Ingo Bartels setzte sich in einen machte sie einen Abstecher nach Rollstuhl und durchquerte die Hoitlingen im Landkreis Gifhorn. Vorsfelder Altstadt nicht ganz barrierefrei. Alexander Czauderna, Dort besuchte sie Ann Wöste, die Expatfamilien und Rückkehseit Geburt an einer infantilen Zerebralparese leidet, zeigte sehr rende unterstützt, indem sie ein eindrucksvoll, wie er seinen Alltag sanftes Ankommen und Einleben trotz zahlreicher Hürden meistert. ohne Kulturschock ermöglicht. Für mich persönlich ein sehr spannendes Thema, da ich Unsere neue Redakteurin Julia selbst einige Jahre in verschieKlemp traf sich mit dem Bedenen Ländern verbracht habe hindertenbeirat Wolfsburg und erfuhr, dass der Verein sehr aktiv und weiß, wie wichtig es ist auf Liebe Leser*innen,

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andere Kulturen vorbereitet zu werden. Joshua Rustenbeck blickte beim TSV Heiligendorf in den Verein der Zukunft, der sich das Thema Inklusion groß auf die Fahne geschrieben hat und dafür sogar sein Logo änderte. Das Inklusions- und Nachhaltigkeitskonzept wird in den nächsten Monaten und Jahren durch Stephanie Grassau und Henning Geffers umgesetzt. Viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe wünscht

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Ingo Bartels Herausgeber FLOW WOLF P.S. Bitte bewerte uns auf Google und Facebook, wenn dir unser Magazin, Blog oder auch Social Media Auftritt gefällt.

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Keiner darf verloren gehen Titelstory

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Foto: CJD (2)

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Jede Persönlichkeit zählt.

Das CJD, Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands, ist eines der größten Bildungsund Sozialunternehmen in Deutschland. Über 10.500 Mitarbeitende begleiten und fördern Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene an mehr als 350 Standorten. Darunter auch in Wolfsburg.

und litt unter Angststörungen sowie einer Depression. Heute nimmt er aktiv an der Berufswelt und der Gesellschaft teil. Wie das zusammen funktioniert? Boris selbst musste erst erfahren, dass er so sein darf, wie er ist und dass er sich selbst kennenlernen darf. Er hört eines Tages bei seiner Therapiestunde von der Möglichkeit einer Maßnahme, bei der er die Möglichkeit hat, seine Interessen selbst erst einmal besser kennenzulernen.

Die Vielfalt an Einrichtungen ist groß. Seit Gründung im Jahr 1947 prägt der Leitgedanke Es folgte ein Gespräch mit der „Keiner darf verloren gehen!“ die Arbeit im CJD. Hier hat jeder REHA-Abteilung der Agentur für das Recht, Teil der Gesellschaft Arbeit, denn hier werden die Plätze der Bildungsmaßnahme zu sein. Menschen werden auf zugewiesen. Wenn es dann für ihrem Weg unterstützt, ihre Fähigkeiten zu entfalten und ein beide Seiten passt, kann der selbstständiges Leben zu führen. Teilnehmer im September des Hierbei unterstützen berufsorien- jeweiligen Jahres starten. Der junge Mann ist seit tierte und vernetzte 2019 in einer BvB, Angebote. Letztlich Sich selbst Berufsvorbereitenden ist es wichtig, an kennenlernen Bildungsmaßnahme, sich selbst zu glaudes CJD in Wolfsburg. ben. Und das kann dürfen Ich treffe ihn im Hauptman lernen. gebäude des CJD Wolfsburg. Hier befindet sich auch sein Boris Semenov ist 25 Jahre alt

Zimmer verlassen, sonst habe ich mich fast ausschließlich dort aufgehalten.“, sagt der heute so zielstrebige junge Mann. Heute führt Boris das Interview selbstbewusst und ist sicher Früher lebte Boris zurückgezogen, schloss sich die meiste Zeit in seinem Auftreten. „Ich habe in seinem Zimmer ein. Zu Beginn mich hier im CJD sehr schnell der Maßnahme traute Boris sich wohl gefühlt, weil man mich zu keinem Gespräch allein. Sei- von Anfang an ernst genommen hat. Und ich habe gelernt, Hilfe ne Ängste waren zu groß. anzunehmen, einfach weil das „Ich habe nur nachts mein derzeitiger Arbeitsplatz. Boris macht heute einen offenen und sehr sympathischen Eindruck auf mich.

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08 im CJD normal ist.“ Boris möchte seine Geschichte erzählen, weil er hofft, dass er auch anderen Mut machen kann. Er möchte zeigen, dass es Hilfen gibt, man wachsen und den eigenen Weg gegen Widerstände gehen kann. Heute hat Boris eine eigene Wohnung in Wolfsburg, einen

festen Freundeskreis und fühlt sich sichtlich wohl. Laut der pädagogischen Fachkräfte und dem 25-Jährigen sind seit Maßnahmenbeginn echte Bindungen entstanden. Für Boris war das zu seiner Schulzeit nicht denkbar. Und die Veränderung merkt er auch in der Schule. Früher wurde Boris, laut eigener Aussage,

extrem gemobbt. Heute, in der Berufsschule, ist Boris selbstsicherer und steht zu sich. „Ich habe das beste Zeugnis gehabt. Und ich hätte doch nie gedacht, dass ich einmal im Büro arbeite und Gespräche führe“, erklärt Boris und ich sehe ihm an, wie stolz er auf sich ist. „Ich lerne mich heute überhaupt

Foto: CJD (2)

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erst kennen, ohne das CJD hätte ich das nicht machen können“, sagt er weiter. Ich muss zugeben, dass mich dieser Satz während des Gesprächs sehr berührt. Teilnehmende an beruflichen Bildungsmaßnahmen sind bis zu 25 Jahre alt und werden dabei


Katrin Haudel Content Producer

Katrin Haudel absolvierte nach dem Abitur und einem Job am Landestheater einen Abschluss an der Fachschule für Sozialpädagogik und arbeitete anschließend in der Jugend- und Erwachsenenhilfe. Neben der Jugendhilfe war das Schreiben immer eine

ihrer Leidenschaften. So bereichert sie das Team der Content Marketing Agentur bartels. als Content Producer und Influencerin. www.punktgenaue-emotion.de/ team/katrin-haudel

unterstützt, sich über ihre eige- Als es mich Ende 2013 hierher verschlagen hat, begann ich im nen Fähigkeiten und Wünsche klar zu werden. Hier können sie CJD Wolfsburg in der Jugendhilfe zu arbeiten. Das PBW, sich persönlich und fachlich weiterentFacettenreiche pädagogisch begleitete Wohnen, was heute wickeln, wie man Angebote im „Lessing 26“ ist, am Beispiel von war mein Arbeitsplatz. Boris Semenov sehr Das PBW ist ein stationäres Begut sehen kann. treuungsangebot zur VerselbstDer Standort Wolfsburg gehört ständigung für junge Menschen zum CJD Verbund Niederzwischen 16 und 21 Jahren. sachsen Süd-Ost mit 600 Mitarbeitenden, einer von 16 Hier habe ich Jugendliche CJD-Verbünden bundesweit. und junge Erwachsene auf Braunschweig und Salzgitter ihrem Weg begleitet, sie auf sind weitere Standorte des das eigenständige Verbundes. Aber Wohnen vorbereitet bleiben wir vor Ort, Meine Zeit im CJD und dabei intensiv denn die Vielfalt sozialpädagogian Einrichtunsche Unterstützung geleistet. gen in Wolfsburg ist groß. Und Geschichten, wie die von Boris, genau hier begann auch meine eigene Geschichte in Wolfsburg. werden auch hier geschrieben.

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10 ermöglicht das CJD jungen MenAußerdem arbeitete ich in den schen mit psychischer oder/ Flexiblen Hilfen. Hier werden und Lernbeeinträchtigung eine Menschen befähigt ihre Persönlichkeit zu entfalten und ein sozialpädagogisch begleitete selbstständiges Leben zu führen. Ausbildung. Die jeweilige spezielle Das Netzwerken ist ebenfalls ein Individuell sind Fördersituation wird individuell begleigroßes Thema und wir doch alle tet. Das CJD bildet das soziale Umfeld in verschiedenen und die Arbeit mit Bereichen aus, zum Beispiel in Partnern wird im CJD immer den Arbeitsfeldern Garten- und befürwortet. Somit fühle ich mich, auch wenn Landschaftsbau, Hauswirtschaft, ich heute in einer ganz anderen Malerhandwerk und BüroBranche Fuß gefasst habe, nach management. Das Team aus Ausbildern, Lehrkräften und sieben Jahren im CJD, immer Sozialpädagog*innen unternoch als Teil der CJD-Familie. stützt, denn die schulischen und Und irgendwie kam ich auch praktischen Anforderungen soldurch mein dortiges Netzwerk auf meinen heutigen Weg. Allein len mit so wenig Druck wie möglich bewältigt werden. Deshalb in Wolfsburg bietet das CJD ein unterstützen auch Psychologen, Facettenreichtum an AngeboÄrzte sowie Physiotherapeuten ten, über Kinder- , Jugend- und bei Bedarf mit ergänzenden Familienhilfe, einer KindertaAngeboten. gesstätte mit Krippe, Flexible Hilfen, Mädchenwohngruppen, die VfL-Fußball.AKADEMIE sowie Die persönliche und gesundheitliche Stabilisierung steht im CJD die VfL-Mädchen Wohngruppe, der Beruflichen Bildung und dem im Fokus. Beispiele hierfür sind Stressbewältigung und PrüfungsAngebot der REHA-Ausbildung. Im Rahmen der REHA-Ausbildung angst. Foto: CJD (2)

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Übrigens: Im Mai 2022 findet im CJD eine Großveranstaltung statt. Der Titel wird lauten „Begegnungs(t)räume Festival der Persönlichkeitsbildung“. Das Festival wird vom 18. bis 21. Mai 2022 in Wolfsburg stattfinden. Der Titel passt auch zur Geschichte von Boris. Auch er kann mitfeiern – vor allem sich selbst. Gleichzeitig feiert das CJD, bei diesem Anlass, bundesweit sein 75-jähriges Bestehen, wo auch der Standort Wolfsburg dann eine besondere Rolle spielen wird. Wir sind gespannt und ich freue mich ganz besonders darauf, ein wenig mitfeiern zu können – wir werden sicher berichten. KH

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Eine barrierereiche Fahrt

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Foto: Flow wolf (2)

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Mit dem Rollstuhl durch die Vorsfelder Altstadt.

Wolfsburg steht für Mobilität, für kurze Wege und ist eine junge, moderne Stadt, in der man schnell von A nach B kommt. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man körperlich dazu in der Lage ist.

schlüpfen und Wolfsburg aus einer anderen Perspektive entdecken.

Für den Selbsttest verabrede ich mich mit Alexander Czauderna, der seit seiner Geburt an infantile Zerebralparese leidet und im Rollstuhl sitzt. Bei der Erkrankung handelt es sich um SympAls ich Anfang Dreißig war, tome mit Bewegungsstörungen sagte mir ein Sportarzt aus und Muskelsteife, Frankfurt am Main, dass ich Kopfsteinpflaster die Alexander teilweise mit einem aufgrund meiner Gegengift behanSpondylolisthesis deln muss, um die Schmerzen im unteren Lendenwirbelbereich mit 50 Jahren im Rollstuhl zu lindern. Die Ursache dafür ist sitzen würde. Damals hatte ich eine Fehlbildung des Gehirns, die vor bzw. während der Geburt große Schmerzen und glaubte entstehen kann. ihm irgendwie. Als ich Jahre später mit dem SpitzensportWir verabreden uns in der ler und Chiropraktor Sven Eberstadt, da dort die RahKnipphals zusammenarbeitete gab es Entwarnung, da mir der menbedingungen besonders schwierig sind, um sich mit dem ehemals schnellste Wolf des VfL Wolfsburg sehr gut erklärte, Rollstuhl fortzubewegen. Den dass mein Wirbelgleiten nur im Rollstuhl leihe ich mir für diesen Zweck vom Sanitätshaus Bode 1. Grad vorliegt, zwar unheilaus. Wir beginnen an der Lange bar ist, aber mit Muskelaufbau Straße und biegen rechts in kompensiert werden kann. die Meinstraße ein. Die Straße Nun durfte ich in den Rollstuhl 13


14 dass die Autotür direkt vor mir ist nicht gut befahrbar und der geöffnet wird“, erklärt Alexander Gehweg ist sehr schmal sowie die Tücken seines Alltags. abschüssig. Ich drifte permanent zur Straßenseite und muss Bei der Bank vor teilweise auf die AuOrt müssen wir tospur ausweichen, Ohne Rampe zuerst durch den um die parkenden geht es nicht Hinterhof, da der Fahrzeuge zu umHaupteingang nicht kurven. Alexander behindertengerecht Czauderna fährt ist. Die Rampe lässt sich einfach einen Rollstuhl, der ihm bei Steigungen unterstützt und ihn passieren, nach dem Öffnen der Automatiktür über den mit Kipprädern schützt, sollte Schalter geht es allerdings für er mal nach hinten umfallen. meinen Eindruck zu eng durch Mein Modell kann das nicht die Türrahmen. Für den geübten und ich erkenne sehr schnell, Alexander jedoch kein Problem, dass meine Fortbewegung hat er sich daran gewöhnen dadurch extrem schwerfällig müssen, dass es für ihn meist und gefährlich ist, insbesondeumständlich bis unmöglich ist, re wenn ich versuche auf den Gehweg zu rollen. Auf Kopfstein- ein Gebäude alleine zu befahren. Am Geldautomaten stelle pflaster ist die Überquerung ich fest, dass ich aufgrund meibesonders schwer. Wir fahren ner Größe keine Probleme habe, wieder in die Lange Straße damit ich nachempfinden kann, Geld abzuheben. Allerdings wäre eine kleinere Person oder eine wie er seinen Bankgeschäften nachgehen kann. Die Passagen Person mit Spastiken stark eingeschränkt, um außerhalb der zwischen den Parkplätzen und der Außengastronomie kommen Öffnungszeiten den Automaten zu bedienen. Weiter geht es in nicht nur mir sehr schmal vor. Richtung Vorsfelder Innenstadt, „Es kann schon mal passieren, Foto: flow wolf (2)

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da mir Alexander zeigen möchte, wo es schon gute Ansätze aber auch Verbesserungsbedarf gibt. Beim örtlichen Bäcker ist

zwar eine Rampe, aber „es ist derzeit ein Einbahnstraßenprinzip und der Ausgang ist nicht behindertengerecht“, erklärt mir

der passionierte Fotograf, der gerne den ÖPNV fotografiert und auf Instagram knapp 2.000 Abonnenten hat. Entlang der Probstei, in Richtung Wolfsburger Straße, steht an der engsten Stelle des Fußgängerweges eine Laterne im Weg. Normalerweise würde mich das nicht stören, aber mit meinem Rollstuhl komme ich nur schwer vorbei und bin extrem in Schräglage in Richtung Fahrbahn. Ein bisschen rollen wir die Straße weiter und haben das Therapiezentrum vor Augen. Dort geht Alexander regelmäßig zur Physiotherapie. Er kommt die gepflasterte Rampe sehr gut hoch, die Tür öffnet sich allerdings nicht automatisch, sondern muss von ihm manuell aufgedrückt werden. „Beim Herausgehen geht es nicht ohne Hilfe“, sagt mir Alexander und hofft, dass behindertengerechte Ein- und Ausgänge stärker durchdacht werden, damit er barrierefrei seinen Alltag bestreiten kann. Durchdacht ist der Zutritt zur Apotheke an der Amtsstraße.

Völlig unscheinbar und auf Kniehöhe befindet sich eine Klingel. „Mit dem Rollstuhl schaffe ich es, eine drei bis fünf Zentimeter hohe Kante hochzufahren“, erklärt mir der gebürtige Wolfenbüttler, der in Weyhausen im Landkreis Gifhorn aufwuchs und jetzt in Vorsfelde lebt. Seine Wohnung befindet sich im ersten Stock in einem Mietshaus ohne Fahrstuhl. Um in die Wohnung zu gelangen, stellt er seinen Rollstuhl im Flur ab und zieht sich mit Muskelkraft die Treppen hoch. In der Wohnung wartet dann sein Rollstuhl mit Stehfunktion, damit er sich in seinen vier Wänden bewegen kann. Es wird mir bewusst, wie mobil und sorgenfrei ich mich jede Minute bewegen kann und wünsche mir, dass es trotz der wenigen Rollstuhlfahrer:innen in Wolfsburg nicht an barrierefreien Zugängen fehlt, denn jede:r Wolfsburger Bürger:in sollte die Möglichkeit haben, die Stadt in vollen Zügen zu genießen. IB

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Einer für Alle

Es ist ein sonniger Freitagnachmittag an dem ich mich mit Frank Roth, dem Schatzmeister des Behindertenbeirats Wolfsburg (kurz BBR), in den Räumen der EUTB (Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung) treffe. Der BBR ist Träger der Teilhabeberatung und so sind Nicole Tietz und Brid Rehtfeld von der Beratung ebenfalls dabei und helfen mir einen tieferen Blick in das Thema Inklusion und die Beratungsarbeit zu gewinnen. Ich werde warmherzig in den Räumen empfangen, wo sonst Menschen mit Behinderung und deren Angehörige kostenfrei und unabhängig beraten werden.

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sondern musste eine gefühlte Vollbremsung hinlegen, erzählt mir Frank Roth. Auch weitere beliebte Events mussten ausfallen, wie der Wheelchair Skating Workshop mit David Lebuser, der über die Stadtgrenzen von Wolfsburg hinaus bekannt ist und viele WheelchairSkater in den Skatepark am Allersee lockt.

Und auch der Workshop „Hightech Inklusive“ kann nicht in der gewohnten Häufigkeit stattfinden. Bei der Aktion bietet der BBR Unternehmen, Institutionen und Vereinen einen Einblick in den Alltag von Menschen mit einer Beeinträchtigung unter anderem mit Hilfe eines Simulationsanzuges, Unweigerlich beginnen wir der seinem Träger neben einem unser Gespräch mit dem Thema eingeschränkten Sichtfeld, ein einCOVID-19, denn der diesjährige Familienlauf fällt pandemiebedingt geschränktes Hörvermögen oder aus. Schon das zweite Jahr hinter- verminderte Kraft beschert. Durch spezielle Brillen, einander findet Beeinträchtigung Kopfhörer, Gewichte das Sportereigoder Handschuhe nis am Allersee nachempfinden kommt man sehr nicht statt. nah an die Einschränkungen heran, Und auch sonst fährt der BBR in die Menschen durch Alter, angediesem von Corona geprägten borene oder im Laufe des Lebens Jahr nicht nur mit Handbremse, Foto: flow wolf

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Der Behindertenbeirat Wolfsburg und seine Arbeit.

Trotz ausgefallener Veranstaltungen in der Stadt oder bei Unternehmen und Vereinen, finden glücklicherweise weiterhin Gespräche des Behindertenbeirates mit möglichen Sponsoren und Befürwortern statt und auch die Beratungen und die Beiratsarbeit wird fortgeführt. Der Behindertenbeirat wird andernorts politisch gewählt, in Wolfsburg aber ist es ein eingetragener Verein (e.V.). Der BBR ist in drei wichtigen Gremien Wolfsburgs bereits vertreten und steht für die Interessen von Menschen mit Beeinträchtigung und Behinderung In den Bereichen Bau, Soziales sowie Sport ein.

erworbene Beeinträchtigung täglich erfahren. So müssen beispielsweise gestandene Busfahrer*innen ganz schön schlucken, wenn sie im Simulationsanzug einen Bus betreten, berichtet Frank Roth. Wie ist es so, nach Kleingeld zu greifen, mit Fingern, die nicht mehr gut spüren oder halten können und wie fühlt sich eine starke Bremsung an wenn man den Griff im Bus nicht gut festhalten kann? Wer selbst einmal in der Lage eines Menschen mit Beeinträchtigung war, der sieht so manches mit anderen Augen und das ist es, was der Workshop „Hightech Inklusive“ bewirken soll: Ein Verständnis für das Gegenüber, was über den Workshop hinaus halten soll und was die Teilnehmer mitnehmen und auch weitertragen sollen.

Vieles hat sich schon in eine positive Richtung bewegt, nicht zuletzt seit der Änderung des BTHG (Bundesteilhabe Gesetz) im Jahr 2020. Foto: Behindertenbeirat Wolfsburg

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18 persönlicher und dadurch angenehm gestaltet. Frank Roth spricht wertschätzend über die Dezernentin für Soziales und Gesundheit, Klinikum und Sport. Man ist offen für Gespräche und bereit, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Dennoch fehlt es zum Beispiel an einer/m Inklusionsbeauftragten, die/der eine ähnliche Stellung in der StadtAuch innerstädtisch tut sich künftig verwaltung bekleidet, wie der/ die Gleichstellungsbeauftragte/r, einiges. Ab September 2021 soll erzählt mir Frank Wolfsburg zur Roth weiter. assistenzhundAssistenzhundIch frage in die freundlichen freundliche Stadt Runde, ob man Stadt werden. denn an der Das erleichtert den Zutritt für Assistenzhunde, die Gesellschaft merke, dass sie sich verändert, vielleicht offener wird einen Menschen mit Beeinträchund bekomme prompt einen posititigung begleiten, zum Beispiel im Krankenhaus oder im ÖPNV. Doch ven Einblick von Nicole Tietz. es gibt weiterhin vieles zu optimieJa, die Menschen sind aufgeschlosren, bis man echte Teilhabe und sener, was das Thema Inklusion Inklusion in Wolfsburg vorfindet. Daher ist die Arbeit des BBR enorm und Teilhabe betrifft. Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtiwichtig, gerade in politischen gung werden nicht mehr einfach so Belangen. Frank Roth erzählt mir, dass die Zusammenarbeit mit der abgetan oder Abseits gestellt. Viele bemühen sich bereits im persönliStadt Wolfsburg für den BBR von guter Qualität ist, nicht zuletzt, weil chen Umfeld, dennoch muss auch weiterhin offen und ehrlich über Stadträtin Monika Müller diese Seitdem ist die Förderung und die Verteilung der Gelder personenzentriert und die Leistungen werden nicht direkt an eine Einrichtung gegeben. Nun können Betroffene ihr Leben viel selbstbestimmter gestalten und Leistungen von Unternehmen oder Verbänden ihrer Wahl beziehen.

Foto: Behindertenbeirat Wolfsburg (2)

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Julia Klemp Social Media Managerin

Probleme gesprochen und gemeinsame Lösungen erarbeitet werden. Denn auch wenn sich Gesellschaft und Technik weiterentwickeln und Vieles heute durchaus möglich ist, was vor einigen Jahren noch undenkbar war, so müssen alte Strukturen und Institutionen sich ebenfalls verändern, umstrukturieren und den Wandel mitmachen. Menschen mit Behinderung haben nun mehr Möglichkeiten mit Hilfe von modernen Hilfsmitteln ihren Alltag nicht nur zu bewältigen, sondern ihn optimaler zu gestalten. Sie können sogar neben dem Alltag Erfüllung in Kunst, Kultur

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Julia Klemp lebt seit 2013 in Wolfsburg. Nach ihrem Studium der Anglistik und Sprachwissenschaften an der Universität Bremen liegt ihr berufliches Interesse im Bereich Social Media Marketing, Unternehmenskommunikation sowie

Redaktion. Privat ist sie für Sport, Fotografie, Musik und Reisen zu begeistern. Julia arbeitet für die Agentur bartels. als Social Media Managerin. www.punktgenaue-emotion.de/ team/julia-klemp

und im Sport finden oder gar in den Leistungssport einsteigen. Gedanklich schweife ich kurz ab und freue mich auf die Paralympischen Sommerspiele, die vom 24. August bis 5. September 2021 in Tokyo stattfinden. Doch dann kehren die Gedanken wieder in die Räume der Teilhabeberatung und ich denke mir, dass auch die Barrieren in unseren Köpfen und in alteingesessenen Institutionen weichen müssen, damit wirklich echte Inklusion gelebt werden kann. JK

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inklusion und Teilhabe in wolfsburg

Monika Müller ist Dezernentin für Soziales und Gesundheit, Klinikum, Sport und der Bereich der Inklusion fällt neben anderem in ihren Verantwortungsbereich.

Frau Müller, können Sie mir sagen, was die Stadt Wolfsburg unternimmt, um Menschen mit Behinderung am Leben in der Stadt teilhaben zu lassen? Zunächst eine Anmerkung zu der Fragestellung. Bei Inklusion geht es nicht primär darum, dass wir als Stadt andere teilhaben lassen, also etwas zugestehen oder ermöglichen. Inklusion meint

stattdessen, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung die gleichen Möglichkeiten haben und gleichermaßen mitbestimmen, was sie brauchen. Es soll also nicht so sein, dass wir beschließen, was wir für andere tun. Sondern vielmehr wollen wir, dass Menschen mit Behinderung und deren Angehörige uns wissen lassen, was sie brauchen und welche Hürden sie bewältigen müs-

20 sen. Das ist schwer von außen einzuschätzen für die, die selbst keine Behinderung haben. Es geht also nicht nur um Teilhabe, es geht vielmehr um Mitsprache und Beteiligung. Ein wichtiger Ansatz ist, dass Beteiligung stattfindet, und zwar nicht nur im Rat der Stadt, sondern in allen relevanten Themen wie etwa Jugendbeteiligung oder im Klimabeirat. In allen Bereichen und allen Belangen

Foto: Behindertenbeirat Wolfsburg

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Alles inklusive?

sollen Menschen mit Beeinträchtigung vertreten sein und mitsprechen können. Dieses Ziel ist nicht immer einfach umzusetzen, aber es ist sehr wichtig, dass wir Menschen mit und ohne Beeinträchtigung immer stärker beteiligen, um gemeinsam ein „Wolfsburg für alle“ zu gestalten. Deshalb ist uns ganz wichtig, dass der Wolfsburger Behindertenbeirat die Rechte und Interessen von Menschen mit Behinderungen wahrnimmt - in unterschiedlichen Gremien, nicht nur im Sozialausschuss oder dem Sportausschuss, sondern auch im Bereich Bau oder darüber hinaus.

rierearm erreichbar machen kann, etwa mit einem Fahrstuhl. Wann das tatsächlich umgesetzt wird, ist noch nicht klar.

Was aber konkreter und aus meiner Sicht für die Freizeit und den Tourismus wichtig ist, ist ein Steg in den Allersee, damit künftig auch Menschen mit Beeinträchtigung ins Wasser gelangen können. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiges Projekt, da sich am Allersee auch Familien mit Kindern im Rollstuhl oder erwachsene Rollstuhlfahrer gerne aufhalten. Es ist ein Projekt was der Behindertenbeirat konkret angestoßen hat und was wir gerne Gibt es aktuelle oder geplante aufgenommen haben. Diesen Projekte, die sich speziell an Sommer wird es leider noch Menschen mit Behinderungen nicht umgesetzt werden, aber im richten? nächsten Sommer sollte der Steg Grundsätzlich sollten sich Projekte rechtzeitig vor Saisonstart eröffnet wie gerade beschrieben an alle werden können. richten, damit sie inklusiv sind, aber manches wird vorrangig Was noch ansteht ist, unsere unter dem Stichwort der Teilhabe Freibäder barrierefrei zu machen. von Menschen mit Behinderung Das ist leider noch nicht überall verstanden: Beispielsweise die der Fall. Überhaupt sollten auch Diskussion um das Schloss Sportangebote und -Anlagen entFallersleben und wie man es bar- sprechend nachgerüstet werden,

wo es noch Barrieren gibt. Der Behindertenbeirat kann uns dabei bestens beraten. Darüber hinaus wird natürlich auch in Wolfsburg bei jedem öffentlichen Gebäude überprüft, ob es barrierefrei ist oder zumindest barrierearm umgebaut werden kann. Auch unsere Bushaltestellen sind inzwischen fast alle so ausgestattet oder werden es noch, so dass Menschen im Rollstuhl oder auch mit Rollator in den Bus gelangen können, ohne Schwellen. Es ist leider nicht überall und nicht immer schnell möglich, alles barrierefrei zu halten und manchmal ist es auch so, dass Abhilfe für die eine Behinderungsart wiederum nicht optimal für eine andere Art der Behinderung ist. Dann ist es schwierig zu priorisieren, beispielsweise sind im Boden eingelassene Blindenleitsysteme nicht immer auch optimal für Rollstuhlfahrer. Es gibt noch weitere Themen, die der Behindertenbeitrat angestoßen hat und die wir versuchen zu realisieren Zum Beispiel Spielplätze mit inklusiven Spielgeräten. Das Foto: stadt Wolfsburg

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22 ist für Kindern im Rollstuhl und der Familien ein echter Gewinn an Spielqualität und bringt Kinder spielerisch zueinander, die sich sonst nicht unbedingt begegnen würden. Was können sie uns aus dem Bildungsbereich zum Thema Inklusion berichten? Wir haben über 300 Kinder mit unterschiedlichen Förderbedarfen in Wolfsburg, die eine Schulbegleitung haben, sodass sie eine Regelschule besuchen können. Viele Kindergärten und Krippen sehen inklusive Arbeiten als selbstverständlich an. Natürlich müssen wir vor allem immer wieder die gemeinsame Haltung überprüfen, gerade auch, wenn es um Kinder geht, die besonders „herausfordernd“ sind, beispielsweise Kinder mit seelischen Beeinträchtigungen. Was noch eine große Herausforderung ist und bleibt, ist der Übergang von der Schule in die Ausbildung und in den Beruf. Hier braucht es noch mehr Verständnis und Abstimmung zwischen allen Akteuren, um vor allem Men22

Oder geschieht dies über die schen mit geistiger Behinderung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Schulen? Ja, über die Schulen oder FörderWolfsburg ist bereits als Modellregion in Niedersachsen beteiligt, schulen. Die sind insgesamt sehr gut vernetzt. Am bestem geht man aber die Erfolge könnten noch wachsen. Denn jeder Einzelne, der mit den Lehrerinnen und Lehrern direkt ins Gespräch und schaut nicht in einer Werkstatt für Mengemeinsam, was für das Kind gut schen mit Behinderung, sondern inklusive am ersten Arbeitsmarkt ist. Zudem ist jedes Kind mit einer Beeinträchtigung beschäftigt ist, grundsätzlich in der kann damit echte Barrierefreie Teilhabe am Bademöglichkeiten Eingliederungshilfe. Dort ist man aber Erwerbsleben nicht vor allem eine spüren und einen Akte, sondern es gibt sogenannte echten Lohn erwerben. „Fallkonferenzen“ für jede und jeden Einzelnen. Bei denen sitzen Einige junge Menschen haben alle rund um das Kind Beteiligten wir auch schon auf dem Weg zusammen, z.B. das Jugendamt, dahin, aber da kann ruhig noch die Schule, Reha-Träger, und mehr passieren. Denn es wäre erarbeiten für und mit den Betroffatal, wenn die Inklusion, die wir in den Krippen, Kindergärten und fenen, soweit es möglich ist, LöSchulen leisten, beim Thema Aus- sungen oder Hilfestellungen. Und bildung nicht mehr vorangetrieben das ist etwas, was sich in Hinblick werden würde. Das ist momentan auf Menschen mit Behinderung im Bereich Bildung die schwerste verändert hat: dass man sie und auch ihre Angehörigen in solche Hürde, die zu nehmen ist. Fallkonferenzen einbezieht und Gibt es konkrete Anlaufstellen gemeinsam schaut, was das Beste für junge Menschen mit Behin- ist. Hilfe und Beratung leistet ebenfalls die EUTB (Unabhängige derungen oder deren Eltern?

Teilhabeberatung), an die man sich wenden kann. Ist diese Eingliederung nur im Bereich Kinder und Jugend oder steht sie auch erwachsenen Personen zur Verfügung? Wie sieht es mit Menschen aus, die erst im Laufe ihres Lebens eine Behinderung oder Beeinträchtigung erfahren haben? Ja, wir unterscheiden zwischen unter 18-Jährigen und über 18-Jährigen, weil es auch um Schulpflicht geht. Zwar ist das Thema Behinderung oft ein lebenslanger Begleiter und viele Personen betreuen wir ihr Leben lang, aber es gibt natürlich auch sehr viele Behinderungen, die nur vorübergehend sind. Solange diese andauern, sind auch diese Menschen in der Eingliederungshilfe verortet. Man muss aber bedenken, dass man es dem Großteil der Menschen mit Behinderungen gar nicht ansieht. Nicht alle sitzen im Rollstuhl und sind auf den ersten Blick zu erkennen. Es gibt beispielsweise chronisch kranke Menschen, die


Mittlerweile feiern wir einen unfreiwilligen Jahrestag, den Jahrestag von Covid-19.

einen Schwerbehindertenausweis besitzen. Das ist sogar der größte Anteil der Menschen mit Behinderung.. Wie viele Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigungen leben in Wolfsburg?

Etwa 10.000 Menschen mit Behinderung zählt Wolfsburg. Daneben gibt es natürlich auch Menschen, die einen Schwerbehindertenausweis haben könnten, ihn aber nicht beantragen. Gerade bei Kindern ist es oft so, dass

Eltern den Ausweis nicht beantragen aus Angst vor einem Stigma, dass das Kind dann abgestempelt ist oder einen Nachteil bei der Jobsuche erfahren könnte. Was kann man im Alltag als Privatperson tun oder lassen,

damit man Menschen mit Behinderung nicht diskriminiert? Am wichtigsten finde ich, Menschen mit einer Behinderung nicht mit Mitleid zu begegnen, sondern mit Interesse und Respekt. JK Vielen Dank für das Interview.

WIR SIND DIE ENERGIE!

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Third Culture Kids

Als ich mich auf den Weg nach Hoitlingen (Samtgemeinde Brome) mache, um mehr über die globale Familie zu erfahren, stelle ich mir die Frage, wie es wohl wäre, in mehreren Kulturen aufzuwachsen, von klein auf durch die Welt zu ziehen? Wo wäre dann mein Zuhause? Was wäre Heimat für mich? Doch als ich bei Ann Wöste eintreffe, fühle ich mich gleich Zuhause. Denn Ann Wöste ist Coach für Expat-Partner und Third Culture Kids. Sie hilft Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dabei, anzukommen, Ruhe zu finden und sich überall Zuhause zu fühlen. Eigentlich ist Ann Wöste gelernte Buchhändlerin. Doch mit dem Thema durch die Welt reisend und in anderen Ländern leben und Kulturen kennenzulernen, kam die 47-Jährige schon früh in Berührung. Nach dem Abitur zog es sie als Au-Pair nach Irland, als Foto: flow wolf

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Wo bin ich eigentlich Zuhause?

junge Buchhändlerin nach Spanien und schließlich als Ehefrau eines überwiegend im Ausland tätigen Ingenieurs nach Portugal und China. Sie lebt den mobilen Lebensstil und sieht in den zahlreichen Auslandsaufenthalten

eine große Bereicherung für ihre Jedoch können sich nicht alle Reisenden mit dieser Einstellung persönliche Weiterentwicklung: identi„Nun bin ich Überall auf der Welt Zuhause fühlen fizieren und in mir zu Hause, egal, wo in der Welt ich fühlen sich von ihrem Umfeld oftmals nicht verstanden. Das weiß mich gerade aufhalte.“

auch Ann Wöste, denn sie kennt beide Seiten: die Herausforderung einer Entsendung als mitreisende Partnerin und die Rolle als Mutter zweier Third Culture Kids. Als ihre Familie dann für einige Zeit in China lebte, hatte die

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28 Arbeit spricht. Drittkulturkinder sind Kinder und Jugendliche, die in einer anderen Kultur als ihre Eltern aufwachsen, weil sie oftmals umgezogen sind und dadurch die Kultur gewechselt haben. Einerseits birgt diese Lebensweise viele Chancen und Vorteile, wie eine neue Sprache lernen und eine andere Kultur Dieses Buch war für Ann Wöste wie ein Augenöffner, da es exakt entdecken. Anderseits werden insbesondere Kinder auch mit den Lebensstil ihrer Familie Stolpersteinen konfrontiert, wie beschrieb. Allerdings war der Begriff vielen Menschen gar nicht Rastlosigkeit, sich nicht Zuhause fühlen, permanent Abschied bekannt und sie fasste den Entschluss, dass die Thematik Third nehmen müssen und die damit verbundene Trauer. Culture Kids auch in den gesellschaftlichen Diskurs gehörte. „Ich wollte Frauen wie mich und Oftmals ist im Umfeld der Third Kinder wie meine dabei unterstüt- Culture Kids das Verständnis zen, diesen Lebensstil zu führen. für das Unglücklichsein und das Vermissen einer Zugehörigkeit Daraufhin habe ich ein Fernstudium begonnen, bin Kinder- und noch nicht vorhanden oder Jugendcoach geworden und habe diese Gefühle werden unterschätzt. Deswegen werden die mich dann hier selbstständig Sorgen und Gefühle der Kinder gemacht.“ als Phase abgetan, welche von Doch wer sind diese „Third Culture selbst wieder vorübergeht. Jedoch kann diese Phase nicht Kids“ (kurz TCK)? Mit dieser einfach vorübergehen, denn Frage wird Ann Wöste häufiger rückkehrende Third Culture Kids konfrontiert, wenn sie über ihre zweifache Mutter einen Schlüsselmoment: „Wenn ich ein Thema habe, dann helfe ich mir meistens selbst, indem ich gucke, was es Lesenswertes darüber gibt. Dabei bin ich über ein Buch gestolpert: Third Culture Kids – Aufwachsen in mehreren Kulturen.“

Foto: flow wolf

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Nele Pape Content Marketing Managerin

sind in ihrer Heimatkultur eine Art „Hidden Immigrants“. Sie gleichen vielleicht äußerlich den Einwohnern ihrer Heimatkultur, kennen diese aber nicht so gut wie Gleichaltrige. Und da sie selbst eben oft auch nicht wirklich verstehen, warum sie sich so anders und eben nicht zugehörig fühlen, befinden sie sich oft in einem Spannungsfeld von Anpassungsdruck und dem Wunsch, ihre TCK-Identität zu leben. Oftmals können sie dieses innere Gefühlschaos nicht richtig in Worte fassen. Daher drücken Kinder die „Unzufriedenheit“ oftmals durch schlechte Noten, ein verändertes Verhalten, Integrationsschwierigkeiten oder Probleme mit Klassenkamerad*innen aus. An dieser Stelle greift das Coaching von Ann Wöste. Sie hilft bei

der Übersetzung dieser inneren Gefühle. So wird beispielsweise Raum zum Trauern und Abschied zu nehmen geschaffen, Druck abgebaut. Die Expertin weiß au-

Nach einem Auslandsaufenthalt in England und dem Studium der Kulturwissenschaften und Germanistik an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg sammelte Nele Pape Erfahrung als Fremdsprachenlehrerin, Lerntherapeutin

und Redakteurin für Digital und Print. In der Agentur bartels. ist sie für Online-Marketing als Content Marketing Managerin tätig. https://punktgenaue-emotion.de /team/nele-pape/

in die im Ausland gewonnen Fähigkeiten und Ressourcen stärken und sie unterstützen, ihre TCK-Identität zu erkennen und zu leben.

den ein sanftes Ankommen und Einleben ohne Kulturschock ermöglichen. Eine Entsendung oder eine Rückkehr bedeuten nicht nur Koffer packen und los geht es denn mit dieser einschneidenden Entscheidung sind viele Emotionen, Chancen aber auch Herausforderungen für die ganze Familie verknüpft. Ann Wöste zeigt, dass ein mobiler Lebensstil in Zeiten der Globalisierung für alle Parteien funktionieren kann, wenn eben darüber kommuniziert und auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Familienmitglieds eingegangen wird. Weitere Informationen zu Ann Wöste und ihr Coaching Angebot „Überall zu Hause Coaching für Expat-Partner und Third Culture Kids“ findest du auf ihrer Website www.die-globale-familie.de. NP

Das Institut für einen mobilen Lebensstil ßerdem: „Sie müssen erst wieder lernen im Hier und Jetzt präsent zu sein, weil sie im Herzen noch woanders sind.“ Denn anders als Erwachsene entwickeln Kinder erst noch ein Wertesystem, eine eigene Identität und einen Heimatbegriff. Dieses Bewusstsein ist für uns Erwachsene selbstverständlich, für Third Culture Kids jedoch nicht. Mit ihrem individuellen Coaching von Third Culture Kids möchte Ann Wöste das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen

Ann Wöstes Arbeit zielt nicht nur auf Rückkehrende ab, sondern sie bereitet auch Familien auf die Entsendung vor. Um mobile Familien ganzheitlich und weltweit zu unterstützen, hat die ambitionierte TCK-Expertin mit ihren Kolleginnen Stefanie Guth, Angela Schreiner, Rebecca Lüppen und Wiebke Homborg das Institut für mobilen Lebensstil (www.mobile-familien. de) gegründet. Gemeinsam wollen sie Expatfamilien und Rückkehrende unterstützen, indem sie Reisen-

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Wieder in Richtung Sonne fliegen

Eine Gruppe von bestenfalls mäßig gestimmten Menschen sitzt auf Stühlen, die in einem Kreis angeordnet sind. Die Teilnehmer*innen des Stuhlkreises erzählen sich gegenseitig von ihren Sorgen und Problemen und nicken sich verständnisvoll zu. So in etwa stellt man sich eine Selbsthilfegruppe vor. Und das ist auch nicht unbedingt falsch, aber es ist auch noch sehr viel mehr. In Deutschland gibt es etwa 100.000 Selbsthilfegruppen, die von rund 3,5 Millionen Menschen genutzt werden. Auch in Wolfsburg gibt es ein breit gefächertes Angebot. Axel Pieper leitet die Kontaktund Informationsstelle für Selbsthilfe des Paritätischen Wolfsburg, kurz KISS genannt. Als Sozialpädagoge betreut und koordiniert er gemeinsam mit seinen Kolleginnen Jennifer Nehrkorn und Anette Klarmann die unterschiedlichen Selbsthilfegruppen – stets mit Foto: flow wolf (2)

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einem offenen Ohr für deren Bedürfnisse. Wieviele Selbsthilfegruppen sind denn aktuell bei Ihnen organisiert und wie viele Menschen nutzen diese Angebote? Es gibt hier immer wieder Veränderungen, daher ist es schwer, genaue Zahlen zu nennen. Aber die Anzahl der Wolfsburger Selbsthilfegruppen bzw. Initiativen beträgt ca. 100. In den Selbsthilfegruppen engagieren sich insgesamt bis zu 4.000 Personen. Wie finden die Menschen den Weg zu Ihnen? Ein Großteil der Interessierten kommt über unsere Homepage www.selbsthilfe-wolfsburg. de. Hier sind alle Informationen zu den Selbsthilfegruppen aufgeführt. Zusätzlich veröffentlichen wir jährlich unseren Selbsthilfeplan in gedruckter Version, in dem die Kontaktdaten, Schwerpunkte und Treffpunkte der Selbsthil-


Selbsthilfe hat viele Gesichter.

fegruppen aufgeführt sind. Eine gut ausgebaute Vernetzung mit Ärzten, Beratungsstellen und –institutionen aus dem psychosozialen Bereich führt dazu, dass Hilfesuchende an uns weitervermittelt werden, und umgekehrt. Im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit führen wir auch Aktionen, Vorträge und Informationsveranstaltungen durch, um über neue Themen und Selbsthilfegruppen aufzuklären. Auch machen die Gruppen in Eigenregie auf sich aufmerksam.

persönliche Austausch und das Zusammensein im Vordergrund steht. Für viele Menschen, die von einer Krankheit betroffen sind, sind die Gruppentreffen eine der Säulen, die Halt geben. Und diese Säule fällt nun weg, was ein dramatischer Einschnitt für die Betroffenen ist.

Die Selbsthilfegruppen gehen unterschiedlich mit der Situation um. Die einen telefonieren viel oder bleiben mit digitalen Medien in Kontakt. Einige Gruppen arbeiten auch zunehmend mit Videokonferenzen, um ein Gruppengeschehen am Laufen zu halten und zu signalisieren, dass man füreinander

da ist. Ein persönliches Treffen kann hiermit aber auf gar keinen Fall ersetzt werden. All das, was eine Selbsthilfegruppe ausmacht, darf aktuell nicht sein: z.B. das Beisammensein, das gegenseitige Erleben und Wahrnehmen, das gemeinsame Lachen und Weinen, die Nähe, oder die intensiven Gespräche

Selbsthilfegruppen leben von persönlichen Kontakten und dem gegenseitigen Austausch. Wie funktioniert das in Zeiten von COVID-19? Aufgrund der Einschränkungen mussten durch die CoronaPandemie seit März 2020 viele Treffen ausfallen. Dies ist für Selbsthilfegruppen eine dramatische Situation. Gerade auch für die Themen, in denen der 29


30 von Angesicht zu Angesicht. Erfreulicherweise ist es aber mit diesen Maßnahmen einer Vielzahl von Gruppen gelungen mit Abstand im Kontakt zu bleiben. Aktuell dürfen sich Selbsthilfegruppen unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen wieder treffen. Es gründen sich aktuell auch viele neue Gruppen. Die Selbsthilfe nimmt also langsam wieder Fahrt auf. Allerdings sind noch einige Gruppen sehr zögerlich und wollen abwarten, wie sich die Infektionslage entwickelt. Es wird eine wichtige Aufgabe der nächsten Monate sein, hier zu motivieren und zu unterstützen, so dass möglichst alle Gruppen wieder ihre regelmäßigen Treffen abhalten können. Wie entsteht eine Gruppe? Häufig ist es so, dass eine Gruppe zu einem Thema gesucht wird, die aktuell in Wolfsburg nicht besteht. Ist eine Eigenmotivation zu einer Gründung vorhanden, Foto: flow wolf

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so besprechen wir ausführlich mit dem potenziellem Gruppengründer*in was weiter zu tun und zu beachten ist. Selbstverständlich bieten wir hier unsere Unterstützung und Anfangsbegleitung an. Eine spezielle Qualifikation für eine Gruppengründung ist nicht notwendig. Die eigene Betroffenheit und der Wunsch für sich und Andere einen Raum der Entlastung und der gegenseitigen Hilfe zu schaffen ist die Voraussetzung. Eine unserer Kernaufgaben ist die Unterstützung von bestehenden Selbsthilfegruppen. Im Rahmen dieser Tätigkeiten bieten wir regelmäßig Fortbildungen und Supervision an, um die ehrenamtlich engagierten Personen in ihrer Gruppenarbeit zu unterstützen. Kostet die Teilnahme an den Selbsthilfegruppen etwas? Selbsthilfegruppen bieten Halt, entwickeln gemeinschaftlich Problemlösungen und bilden


Adam Ciemniak Freier Redakteur

eine wesentliche Säule des Bürgerschaftlichen Engagements in Wolfsburg. Die gegenseitige Unterstützung unter Gleichbetroffenen ist unverzichtbar und unersetzbar. Eine professionelle Leitung, die etwas kosten würde, ist

hier nicht vorhanden. Daher ist die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe grundsätzlich kostenlos. Die Beratungsund Unterstützungsangebote der Selbsthilfekontaktstelle sind ebenfalls kostenfrei. Die Beratungsstelle wird durch

Adam Ciemniak kommt gebürtig aus Stettin in Pommern (Polen) und lebt seit 1992 in Wolfsburg. Er studierte Geragogik und Sozialpädagogik in Braunschweig und Wolfenbüttel. In Wolfsburg ist er schon seit über 20

Jahren vielfach ehrenamtlich aktiv und auch in zahlreichen politischen Gremien unterwegs. Derzeit ist er u.a. Fraktionssprecher im Ortsrat Wolfsburg Mitte-West und schreibt unregelmäßig für den FLOW WOLF.

die Stadt Wolfsburg, dem Nds. Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, den gesetzlichen Krankenkassen sowie durch Stiftungen und Spenden finanziert.

kann man nachlesen, welche Selbsthilfegruppen es bereits gibt oder welche sich in der Planung oder in der Gründungsphase befinden. Auch findet ihr an dieser Stelle Termine für z. B. Vorträge und aktuelle Themen. AC

Auf www.selbsthilfe-wolfsburg.de

Seit 1986 ein professioneller Partner für Veranstaltungstechnik in der Region. Ton | Licht | Video | Bühne www.me-event.de 31


Der verein der Zukunft

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Für Stephanie Grassau gehören ehrenamtliche Tätigkeiten schon lange zu ihrem Leben. Sie engagierte sich bereits bei mehreren Projekten für Grundschulen und Kitas. Doch ein Thema ist ihr in den letzten Jahren besonders wichtig geworden – Inklusion.

Angefangen hat ihre ehrenamtliche Laufbahn in Heiligendorf bei der Kinderwoche, genannt Kiwo, einer kostenlosen Spaßund Freizeitwoche für Kinder und Jugendliche. Nach vielen KiWos plant sie nun gemeinsam mit anderen Müttern aus dem Dorf inklusive Kita- und Kindergartenangebote. Durch ihr Engagement wurde Henning Geffers, der seit seiner Kindheit beim TSV Heiligendorf ist, auf sie aufmerksam. Nach mehreren gemeinsamen Gesprächen fassten sie einen Entschluss: Den TSV Heiligendorf inklusiver und nachhaltiger machen. ,,Wir haben ein InklusionsFoto: flow wolf (2)

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Inklusion ist mehr als eine Regenbogenfarbe.

und Nachhaltigkeitskonzept Vorschläge sofort durch. entwickelt und das dann dem Vereinsvorstand Zu Beginn war Inklusion definieren es wichtig, den vorgestellt“, erzählt StephaBegriff Inklusinie. Der Vorstand war von der on erstmal auf den Verein bezoIdee begeistert und winkte die gen zu definieren. „Bei Inklusion

geht es nicht nur um körperliche und geistige Behinderung, sondern um viel mehr. Aspekte wie Soziale Herkunft, Glaube oder Sexualität fallen dabei oft hinten runter“, erklärt Henning Geffers. Kein Mensch soll sich

ausgegrenzt oder nicht gewollt fühlen. Deshalb geschehen alle inklusiven Aktivitäten der beiden unter dem Slogan ,,Wir für alle“. Und damit meinen sie wirklich alle. Nicht nur dann aktiv werden, wenn etwas gebraucht oder gefordert wird. Weniger reagieren mehr agieren, um den komplexen Themen die benötigte Zeit zukommen zu lassen. ,,Es reicht nicht, eine Regenbogenflagge ans Vereinsheim zu hängen und dann war es das. Das geht zwar alles schon in die richtige Richtung, aber es ist keine Kampagne, die bald wieder vorbei ist. Die Einstellung zu Inklusion muss nachhaltig in die Köpfe der Menschen übergehen“, erklärt Henning. Ein Anfang wurde schon gemacht. Geffers ist beim TSV in den Vorstand gewählt worden und bekleidet das Amt des Inklusionsbeauftragten, mit Stephanie Grassau als seine Vertretung. Das hat einen Grund, denn: „Henning kennt den Verein in puncto Fußball einfach besser als ich. Ich gebe da andere 33


34 Impulse, zum Beispiel vom Frauensport. Wir sind ein tolles Team und ergänzen uns super“, sagt die 35-jährige lächelnd. Bei so einem ambitionierten Team lassen Erfolge nicht lange auf sich warten. Die Satzung des TSV Heiligendorf wurde bereits an einigen Stellen geändert und ist nun moderner und inklusiver. Die sieben Dimensionen der Inklusion (Alter, Geschlecht, Herkunft, soziale Herkunft, Sexualität, Glaube, Behinderungen) wurden in der Vereins-DNA integriert. Der TSV geht noch einen Schritt weiter und bezieht auch zukünftige Generationen mit ein. So versucht das Team, die Umweltauswirkungen des Vereins so gering wie möglich zu halten. überzeugen, was über ein gutes Es soll allerdings kein Alleingang öffentliches Image hinausgeht“, schildert der 31-jährige Wolfsdes TSV Heiligendorf werden. burger. Ein ,,Wir wollen Übergreifendes Netzwerk Big Player ein übergreibei diesem fendes Netzwerk auf Stadt- und Landesebe- Ziel ist der VfL Wolfsburg, der ne schaffen. Wir wollen andere mit seiner Expertise das Projekt im Breitensport unterstützen Vereine mit einem Angebot 34

Foto: flow wolf

könnte. Hierzu gibt es bereits einen sehr regen Austausch. So könnten Anreize für andere Vereine geschaffen werden, in den freiwilligen Inklusionsclub einzutreten. Der andere große Bereich, der die beiden beschäftigt ist Nach-

haltigkeit, um Ihren Teil dazu beizutragen auch zukünftigen Generationen die Ausübung von Sport zu ermöglichen. Henning arbeitet auch beruflich in dem Bereich Nachhaltigkeit. „Wenn du dich jeden Tag damit auseinandersetzt, wird dir erst klar wieviel falsch läuft. Für mich ist flow wolf (3)


Joshua Rustenbeck Medienkommunikation Student

ehrenamtliches Engagement einfach ein Ventil, den Frust abzubauen, den ich gegenüber der Welt habe. Ich versuche einfach so viel geradezurücken, wie ich kann“, schildert der Vater eines 1-jährigen Sohnes. Einige Pläne der beiden sind schon in diesem Jahr umsetzbar. „Auf dem Dorffest in diesem Jahr wird es mehr vegetarische Speisen geben und die Becher werden aus kompostierbarem Plastik bestehen. Für das nächste Jahr schrauben wir mit dem Festausschuss an einem Mehrwegsystem", erzählt der

Joshua Rustenbeck ist gebürtiger Wolfsburger. Im Hinblick auf sein Studium im Bereich Medien and der FH Ostfalia absolvierte er mit Begeisterung ein vierwöchiges Praktikum bei der Social Media Agentur bartels. und schrieb dabei auch Blog- und Magazinbeiträge für den FLOW

WOLF, führte Interviews und erstellte kurze YouTube Videos. Die Leidenschaft für Medien hat er schon vor längerer Zeit für sich entdeckt und möchte beruflich in diesem Bereich arbeiten. Er schreibt auch weiterhin für das Stadtmagazin, wenn es die Zeit zulässt.

burger Vereinen von der Idee eines Inklusionsclub überzeugt haben“ ergänzt Henning. ,,Ich will in 5 Jahren gemeinsam mit Steffi und den Henning und Ziel: Der nachhaltigste Verantwortlichen vom TSV Stephanie Club werden Heiligendorf haben einen am Sportheim langfristigen Plan mit dem TSV Heiligendorf. sitzen, auf eine Regenbogenflagge schauen und mir dabei den,,Wir wollen der nachhaltigste Club Wolfsburgs werden. Wir für ken: Ja, die hängt hier zurecht“, Foto: TSV Heiligendorf sagt Henning abschließend. alle“, sagt Stephanie stolz. Auf die Frage, wo sie sich und den gebürtige Wolfsburger. „AuJR Verein in fünf oder zehn Jahren ßerdem kompensiert die erste sehen, sind sich beide einig. Herrenmannschaft bereits den CO2-Ausstoß, den Sie durch die „Bis dahin wollen wir möglichst Anreise zu Spielen und Training eine zweistellige Zahl von Wolfsverursachen. Den anderen Mannschaften wird das Konzept in den nächsten Tagen vorgestellt“, so Henning.

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gleichstellung in wolfsburg

Was bedeutet eigentlich Gleichstellung? Gibt es Unterschiede bei der Gleichstellung von Frauen und Männern? Warum ist Gleichstellung im Jahr 2021 überhaupt noch ein Thema? Und wieso ist gender- und geschlechtergerechte Sprache wichtig? Nur wenige Dinge werden wohl so leidenschaftlich, öffentlich und auch kontrovers diskutiert wie das Thema Gleichstellung. Insbesondere die Gleichstellung zwischen Männer und Frauen. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, und herauszufinden, warum die Thematik auch im Jahr 2021 so wichtig ist, haben wir uns mit Antje Biniek, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wolfsburg, getroffen.

Gruppe mit anderen, vergleichbaren Personen oder Gruppen“ zu verstehen. Doch wie ist es um die tatsächliche Lage von Gleichstellung in Deutschland bestellt? Laut Bundesregierung ist die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht. An der tatsächlichen, alltäglichen Gleichstellung würde man noch arbeiten – da scheint noch Luft nach oben zu sein.

Eine ähnliche Auffassung hat auch Antje Biniek. Die gebürtige Wolfsburgerin ist Teil des Gleichstellungsreferates der Stadt Wolfsburg, das sich nicht nur innerhalb der Verwaltung, sondern auch in der Stadtgesellschaft für die Gleichstellung und Chancengleichheit aller Geschlechter einsetzt. Dabei beginnt ein ebenbürtiger Umgang, der alle Geschlechter berücksichtigt, mit geschlechtergerechter Sprache: „Die Stadt Wolfsburg verwendet vorrangig geschlechterDoch was ist denn überhaupt neutrale Personenbezeichnungen Gleichstellung? Per Definition ist und, wenn es die Satzstellung Gleichstellung als eine „Angleichung der rechtlichen und sozialen nicht anders erlaubt, das Gendersternchen“, weiß die 30-jährige Verhältnisse einer Person oder Foto: flow wolf (2)

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Chancengleichheit und Gleichberechtigung für Alle.

Wolfsburgerin, die sich für eine Etablierung geschlechtergerechter Verwaltungssprache einsetzt und ergänzt: „Die Stadt Wolfsburg ist eine Dienstleisterin für alle Bürger*innen. Es sollte sichtbar sein und sprachlich transportiert werden, dass die Angebote und das Engagement sich entsprechend auch an alle Menschen richten, die in dieser Stadt leben. Unser Anliegen ist es ebenfalls,

Minderheiten sichtbar zu machen, ferates noch lange nicht getan. sie dadurch an den Tisch der „Frauen sind massiv von strukturelDebatten zu holen und im Diskurs ler Diskriminierung und Benachteiliberücksichtigung betroffen. Gleichstellung für alle? Der Gender Pay gen. Sprache ist Macht: Wer Gap, Gender nicht genannt oder angesprochen Care Gap, Gender Data Gap und wird, der bleibt unsichtbar“. Gender Pension Gap sind in diesem Kontext die wohl bekanntesMit gendergerechter und geten nachgewiesenen Formen von schlechtergerechter Sprache ist geschlechterspezifischer Ungedie Arbeit des Gleichstellungsrerechtigkeit“, weist Antje Biniek auf

die Situation auf Bundesebene hin. Casus knacksus Gleichstellung – werden jetzt die Männer benachteiligt? Einige Bürger*innen sind der Überzeugung, dass das Gleichstellungsreferat nur im Sinne der Frauenförderung tätig ist. Dieser Auffassung kann die engagierte Gleichstellungsbeauftrage widersprechen und erklärt, warum wir für aktive Gleichstellungsarbeit alle an einem Strang ziehen

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38 müssen: „Ich bin der Überzeugung, dass wir es ohne die Männer nicht schaffen werden. Wenn wir nachhaltig gesellschaftliche Veränderungen wollen, müssen sich Männer ihrer Privilegien und Machtpositionen bewusst werden und dazu bereit sein, diese teilweise ab bzw. aufzugeben. Und ich

denke, dass wir an dieser Stelle alle Multiplikator*innen brauchen, aber eben auch männliche Multiplikatoren“. Darüber hinaus setzt sich das Gleichstellungsreferat der Stadt Wolfsburg für die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf ein,

Internationalen Frauentags oder fördert Frauen in handwerklichen der Wolfsburger Woche für Vielfalt und MINT-Berufen und versucht, und Toleranz. Bürger*innen sind grundsätzlich festgefahrene jederzeit herzlich GeschlechtersHäusliche Gewalt eingeladen mitzutereotypen und machen oder sich Rollenklischees ehrenamtlich zu engagieren. aufzubrechen. So organisiert das Team um Antje Biniek auch regelmäßig Aktionen anlässlich des Ein Thema liegt dem Gleichstel-

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lungsreferat der Stadt Wolfsburg besonders am Herzen: die Bekämpfung von häuslicher Gewalt. Seit Jahren steigen die Fallzahlen von häuslicher Gewalt und Gewalt an Frauen in Wolfsburg. Mit Aktionen wie dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen „Orange your City“ oder der Kampagne „Schau nicht weg“ möchten Antje Biniek und ihre Kolleg*innen das Thema enttabuisieren und Zivilcourage fördern: „Die Unterstützung durch das nachbarschaftliche Umfeld ist ganz wichtig. Wenn man etwas mitbekommt und die Situation eventuell nicht richtig einschätzen kann, dann sollte man lieber einmal mehr den Notruf wählen. Häufig sind die betroffenen Personen nicht in der Lage, alleine einer gewaltvollen Beziehung zu entkommen – da zählt jede Unterstützung.“ Wenn du selbst von häuslicher Gewalt betroffen bist oder in deinem Umfeld darauf aufmerksam geworden bist, gibt es zahlreiche Hilfsangebote, die dir vor Ort oder telefonisch zur Seite stehen. Das

ken“ zu hinterfragen. Müssen Mädchen die Farbe Rosa und lange Haare tragen? Können nicht auch Jungs Frauen als Vorbilder wählen? Und andersrum genauso – können nicht auch Jungs Rosa und lange Haare tragen? Und können Auch im Alltag lässt sich ein nicht ebenso Bewusstsein für Tipps für den Alltag Mädchen Chancengleichheit männliche Vorund Gleichstellung für alle Geschlechter schaffen. So bilder wählen? Auch „kleine bewusste Entscheidungen“, wie schlägt Antje Biniek vor, einfach sexistische Sprüche und Witze mal das eigene „SchubladendenThema häusliche Gewalt ist kein Tabu und betrifft sowohl Männer, Frauen als auch Menschen ohne binäres Geschlecht – du bist nicht allein.

nicht mehr hinzunehmen oder geschlechtergerechte Sprache zu nutzen, helfen Chancengleichheit und Gleichberechtigung für alle Geschlechter zu normalisieren und zu etablieren. Letztendlich liegt es in unserer Hand, Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes zu vermeiden und Gleichberechtigung für alle Bürger*innen zu schaffen – denn alleine erreichen wir wenig, gemeinsam erreichen wir so viel mehr. NP

Angebote vor Ort • Dialog e.V. | Tel: 05361 8912300 | www.dialog-wolfsburg.de • Weisser Ring e.V. | 0511 799997 | www.weisser-ring.de • Frauenhaus Wolfsburg | 05361 23860 | www.frauenhaus-wob.de • Täterberatung | 01737564416 • Stiftung Opferhilfe Niedersachsen | 0531 7019 158 | www.opferhilfe.niedersachsen.de • Polizeiinspektion | 05361 46460 | im Notfall 110 • Frauen gegen Gewalt e.V. (Bff) | 030 32299500 | info@bv-bff.de Telefonische Angebote • Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ | 0800 1239900 | www.maennerhilfetelefon.de • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ | 08000 116016 | www.hilfetelefon.de • Youth-Life-Line | www.youth-life-line.de/beratung • Opfer-Telefon Weisser Ring | 116 006 | www.weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer/opfer-telefon • Nummer gegen Kummer | www.nummergegenkummer.de.

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Foto: flow wolf

IMPRESSUM Herausgeber Agentur bartels. Porschestr. 2c 38440 Wolfsburg FLOW WOLF ... … sucht: jobs.flow-wolf.de Telefon … findet: lokal.flow-wolf.de 05361 3889868 … schreibt: blog.flow-wolf.de Folge uns www.facebook.com/flowwolf.wob www.instagram.com/flowwolfwob www.twitter.com/flowwolf_wob www.bit.ly/YTFLOWWOLF www.tiktok.com/@flowwolfwob www.pinterest.de/flowwolf38 40

Redaktion Ingo Bartels (IB) (v.i.S.d.P.) Katrin Haudel (KH) Nele Pape (NP) Julia Klemp (JK) Freie Mitarbeit Adam Ciemniak (AC) Joshua Rustenbeck (JR) Titelcover Agentur bartels.

Rechtliches Namentlich gekennzeichnete Beiträge unserer freien Mitarbeiter geben nicht die Meinung des Herausgebers wieder. Für die Richtigkeit der Beiträge und Anzeigen kann der Herausgeber keine Verantwortung übernehmen. Sämtliche Texte und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, auch auszugsweise, mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. Unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Fotos können nicht zurückgeschickt werden. Der Herausgeber übernimmt keine Haftung und distanziert sich ausdrücklich für alle genannten Links. Das Magazin erscheint quartalsweise und wird kostenlos verteilt. FLOW WOLF im Netz www.flow-wolf.de

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FLOW WOLF #25 / Q3 2021  

Mit dem Titel "Jede*r zählt" schauen wir uns unsere Stadt aus einem anderen Blickwinkel an und haben sehr tolle Gesprächspartner*innen gefun...

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