Filmpodium Programmheft 16. November - 31. Dezember 2016

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16. November–31. Dezember 2016

3rd Arab Film Festival Zurich Jean Gabin


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AB 15. DEZEMBER IM KINO

Editorial

Revolution und Retrospektive

M A R T I N B U T L E R & B E N T L E Y D E A N , TA N N A

Romeo und Julia auf dem vulkanischen Südsee-Eiland Neue Filmperlen

und restaurierte Klassiker

DVDs, Blu-rays oder ein Onlinekino-Abo sind ideale Geschenke.

www.trigon-film.org – 056 430 12 30

Nach 2012 und 2014 findet bereits zum dritten Mal das Arab Film Festival Zurich im Filmpodium statt. In den letzten zwei Jahren hat sich im postrevolutionären arabischen Raum nicht nur die politische Lage verändert, sondern mit ihr auch das Kino. Letzteres bleibt erstaunlich lebendig und vielfältig. Die Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der älteren wie jüngeren Vergangenheit nimmt höchst unterschiedliche Formen an, im Mittelpunkt der Filme unserer Auswahl steht aber immer der Mensch. Selbst im Chaos von Syrien wird gedreht. Neben dem «Guerrilla»-Filmschaffen, das von Organisationen wie Abounaddara und Bidayyat im Internet verbreitet wird, erweisen sich sogar staatlich geförderte Werke wie Four O’Clock, Paradise Time von Mohamad Abdulaziz als erstaunlich kritische Kommentare zum Bürgerkrieg. Auch der Blick zurück ist nicht nur nostalgisch: Der algerische Altmeister Mohammed Lakhdar-Hamina erinnert in Crépuscule des ombres an die Rebellion seines Volks gegen die französische Kolonialmacht, und Mohamed Amin Benamraoui erzählt im autobiografischen Adios Carmen von einer Zeit, als Europäer in Marokko Asyl suchten. Wer sich also ein Bild von der arabischen Welt machen will, das über den eingeschränkten Fokus der aktuellen Medienberichterstattung hinausgeht, kommt am 3rd Arab Film Festival Zurich auf seine Rechnung, nicht zuletzt in der Begegnung mit den arabischen Filmschaffenden, die vom 16. bis 20. November im Filmpodium zu Gast sind. Wer sich auf diese Konfrontation mit dem Heute nicht einlassen mag – oder zwischendurch eine Abwechslung wünscht –, ist mit unserer zweiten Hauptreihe gut bedient. Die erste grosse Retrospektive, die das Filmpodium Jean Gabin widmet, zeigt den französischen Star in Filmen aus fünf Jahrzehnten. Vom romantischen Jungspund über Einzelgänger und Aussenseiter, Aufrechte und Dickköpfe bis hin zum Grandseigneur des Gangsterfilms reicht die breite Rollenpalette des kernigen Charakterkopfs, der mit den bedeutendsten Cineasten des französischen Kinos zusammengearbeitet hat. Zu den Highlights der Reihe zählen neben Klassikern von Marcel Carné und Jean Renoir auch selten gesehene Frühwerke wie Gueule d’amour von Jean Grémillon und Julien Duviviers La belle équipe, die durchaus schon etwas Weihnachtsstimmung aufkommen lassen. Wir wünschen Ihnen bereits jetzt frohe Festtage und hoffen, dass Sie uns auch im nächsten Jahr auf solchen cineastischen Entdeckungsreisen begleiten. Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer Titelbild: Jean Gabin in Gueule d’amour (1937)


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03 INHALT

3rd Arab Film Festival Zurich

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Die Medien berichten fast täglich von den katastrophalen Zuständen in Syrien, Libyen und anderen Staaten. Die arabische Welt ist und bleibt jedoch weitaus vielfältiger als ihre Wahrnehmung im Westen. Das 3rd Arab Film Festival Zurich zeigt Dramen und Komödien, führt zurück in die Kolonialzeit und die damaligen Ablösungs­ prozesse, schildert die Folgen des arabischen Frühlings für Mächtige und Machtlose, erkundet den Status der Frau in der arabischen Welt vor und nach den Umwälzungen und findet Unentwegte, die weiterhin für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen. Ein Schwerpunkt ist Syriens Kino gewidmet. Vom 16.–20.  November sind arabische Filmschaffende im Filmpodium zu Gast und präsentieren ihre Werke; das Programm dauert bis zum 15. Dezember an. Bild: Nawara

Jean Gabin

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Seit dem frühen Tonfilm hat Jean Gabin (1904  –1976) das französische Kino geprägt. Marcel Carné, Julien Duvivier und Jean Renoir zählten zu seinen Lieblingsregisseuren; mit Gueule d’amour realisierte Jean Grémillon seinen vielleicht schönsten Film. Gabin war als Lokomotivführer so glaubwürdig wie als Deserteur, überzeugte als junger Ganove ebenso wie als alternder Gangster, als Aussenseiter wie als abgeklärter Flic – ein Mann der knappen Gesten und der sparsamen Mimik. Wir zeigen 15 ausgewählte Filme, von Wiederentdeckungen wie G. W. Pabsts frühem Du haut en bas über die Klassiker La grande illusion und Le quai des brumes bis hin zu Spätwerken, in denen sich Gabin neben aufstrebenden Stars seinen Platz beim jungen Publikum sicherte. Bild: Touchez pas au grisbi

Das erste Jh. des Films: 1996

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Grosse Gefühle zelebriert The English Patient; Highs und Abgründe der Heroinsucht lotet Trainspotting aus; von fataler Hingabe erzählt Breaking the Waves; über einen missglückten Coup grinst Fargo und den tödlichen Fauxpas von der Erhabenheit ins Lächerliche demonstriert Ridicule. Bild: Fargo

Remakes

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In Night and the City versucht der clevere, aber erfolglose Harry Fabian über zwielichtige Sportgeschäfte zu Ruhm und Geld zu kommen. Richard Widmark (1950) und Robert De Niro (1992) brillieren in dieser Rolle.

Premiere: Torneranno i prati

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Altmeister Ermanno Olmi legt mit Torneranno i prati eine schöne, starke Parabel über den Krieg vor.

Filmpodium für Kinder: Das Pferd auf dem Balkon

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Mitten in der Nacht entdeckt Mika ein Pferd auf einem der Balkone in seinem Wohnblock. Wie ist es da rauf­ gekommen? Und was wollen die finsteren Gesellen von dessen Besitzer Sascha? Eine weihnächtliche Krimikomödie mit hintergründigem Humor für die ganze Familie. Bild: Das Pferd auf dem Balkon

Einzelvorstellungen IOIC-Soiree: The Penalty und Dr. Mabuse, der Spieler Sélection Lumière: The Ghost Writer

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05 3rd Arab Film Festival Zurich

Alles beim Alten? Von wegen! Was ist aus dem Arabischen Frühling geworden? Wie reagieren Filmschaffende auf die politischen und gewaltsamen Umwälzungen in ihrer Heimat? Die arabische Welt und ihre filmische Darstellung sind weit vielfältiger als ihre Wahrnehmung im Westen, wie das 3rd Arab Film Festival Zurich beweist. Vom 16. bis 20. November 2016 berichten arabische Filmschaffende im Filmpodium von ihrer Arbeit. Viola Shafik resümiert in ihrer Einleitung zum Festivalprogramm die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre. Krieg, staatlicher Terror, paramilitärische Gewalt, sinkende Flüchtlingsboote. Solche Bilder haben die fröhlich-erregte Stimmung abgelöst, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo und in anderen arabischen Städten nach dem Aufstand in Tunesien im Dezember 2010 herrschte. Alles scheint wieder beim Alten – oder noch viel schlimmer. Die Aussichten auf eine Verbesserung der sozialen und politischen Zustände in der arabischen Welt sind in weite Ferne gerückt. Auch bei den Kulturschaffenden. Und doch: Nichts ist wirklich beim Alten geblieben. Schon gar nicht im Kino. Der IS tobt in Kurdistan, aber im nordirakischen Erbil entstehen Multiplex-Kinos; syrische Filmschaffende ergreifen die Flucht, doch ihre Werke zeigen eine nie dagewesene Vitalität und Experimentierfreude. Und das ägyptische Mainstream-Kino muss zur Kenntnis nehmen, dass der unabhängige Film eine Bresche in die Filmkultur des Landes schlägt. Dazu feierte mehr als ein bemerkenswerter arabischer Spielfilm an internationalen A-Festivals seine Premiere, etwa der ägyptische Coming Forth by Day (2013) von Hala Lotfy oder Theeb (2014) von Naji Abu Nowar. Ersterer, von einer Kooperative hergestellt, signalisiert mit seinem undramatischen, langsam-beobachtenden Erzählstil eine radikale Abkehr vom landesüblichen Melodrama. Der Historienfilm Theeb aus dem Filmneuland Jordanien bedient sich ganz ähnlicher stilistischer Mittel und sorgte damit auch in seiner Heimat für Furore. Die tunesische Liebesgeschichte Hedi von Mohamed Ben Attia lief 2016 im Wettbewerb der Berlinale, und der saudische Wadjda (2013) von Haifaa al-Mansour, in Venedig preisgekrönt, ist schon allein deswegen beeindruckend, weil er in einem kinofeindlichen Land von einer Frau gedreht wurde. Interessant ist, dass es sich durchwegs um Erst >

Al leil: Schmerzliche Suche nach dem Vater < Halal Love: Irre bedient – Vor- und Nachteile der Zweitfrau

<

Four O’Clock, Paradise Time: Reflexion über Leben und Tod in Syrien


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07 lingswerke handelt. Doch auch etablierte Filmschaffende machten von sich reden, so der Marokkaner Hicham Lasri (They Are the Dogs, 2013), der mit seinem hybriden, an der Popkultur orientierten Stil seit Jahren auf interna­ tionalen Festivals präsent ist, oder Ghassan Salhab, der nach Al-jabal – The Mountain (2010) und Al-wadi – The Valley (2014) am letzten Teil seiner ­Libanon-Trilogie arbeitet. Neue Strukturen, neue Stile Nicht alles Neue im Film ist der Rebellion zuzuschreiben, die sich zudem in jedem arabischen Land anders manifestierte, bzw. in einigen, etwa Palästina, Libanon, Algerien und Marokko, gar nicht erst zum Zuge kam. Den politischen Begleitumständen gingen wichtige strukturelle Veränderungen voraus, allen voran die digitale Wende Mitte der 1990er Jahre, die mit Satelliten-TV und Internet neue Medien eröffnete sowie handliche und günstigere Produktionsmittel bescherte. Gleichzeitig wuchs das Interesse ausländischer Festivals, Fernsehsender und Förderanstalten, vor allem in Europa und den arabischen Golfstaaten, an der arabischen Filmkultur. Nach dem 9/11-Anschlag in New York priesen zudem politische Stiftungen und NGOs im Westen Videokunst und Film als Bollwerk gegen religiösen Fanatismus und Autoritarismus. Die zu Reichtum gekommenen Golfstaaten, zuvorderst die Arabischen Emirate, versuchten zeitgleich mit der Einführung des transnationalen Satellitenfernsehens, sich als Medien-Hub zu etablieren. Sie waren bis 2014 eine der wichtigsten finanziellen Stützen des arabischen Independentfilms, was der Kreativität insbesondere im Dokumentarfilm zusätzlichen Auftrieb gab. Neue Stil- und Erzählrichtungen entstanden: knallhartes Direct Cinema wie die tunesischen Dokumentarfilme Babylon (2012) vom Trio Chebbi, Ismaël und Slim, It Was Better Tomorrow (2012) von Hinde Boujemaa und El Gort (2013) von Hamza Ouni oder der ägyptische Um ghayeb – Mother of the Unborn (2014) von Nadine Salib; subjektive Ich-Erzählungen wie The Immortal Sergeant (Syrien, 2014) von Ziad Kalthoum oder Waves (Ägypten, 2013) von Ahmed Nour; aber auch poetische Werke wie My Love Awaits Me by the Sea (2014) der Palästinenserin Mais Darwazah und performative Filme wie Out in the Street (2015) von Philip Rizk und Yasmina Metwaly; und nicht zuletzt sogenannte Mockumentaries wie Le Challat de Tunis (2013) von Kaouther Ben Hania und die Werke Hicham Lasris.

ziert und online verbreitet. Viele dieser Filme lehnen sich an die Ästhetik von Plattformen wie Skype und Youtube an. Ein Paradebeispiel ist der abendfüllende Silvered Water: Syria Self-Portrait (2014): Der Film ist angelegt als Online-Gespräch zwischen dem arrivierten alawitischen Regisseur Ossama Mohammed im Pariser Exil und der jungen Kurdin Wiam Simav Bedirxan, deren Alltag im belagerten Homs filmisch mitverfolgt wird. Versetzt ist das Ganze mit einer Chronik des syrischen Aufstandes, wie er sich im Netz präsentiert, sowie grundsätzlichen Überlegungen Mohammeds zu den Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums Film. Die Fragen nach der formalen Relevanz und Wirkung der vielen offen im Netz zugänglichen Filme sind in der Tat von zentraler Bedeutung, will man die Veränderungen in der arabischen Filmlandschaft ermessen. Dabei geht es um die Möglichkeiten einer demokratischeren, unkontrollierten Verbreitung: Neben der Piraterie, die dem Mainstream wirtschaftlich schadet, bemühen sich manche Sparten des unabhängigen Kunstfilms und des politisch motivierten «Guerilla»-Films, produziert u. a. von Kooperativen wie dem ägyptischen Mosireen oder dem syrischen Abounaddara, um die Schaffung von Gegenöffentlichkeit. Damit weichen sie die historische Polarisierung auf zwischen den geförderten Arthouse-Filmen, die oft nur im Ausland laufen, und dem ägyptischen, marokkanischen, indischen oder amerikanischen Mainstream, der in den arabischen Ländern nach wie vor am meisten konsumiert wird. Daneben gibt es auch jene Filme, die in diesem Text unerwähnt blieben, die vor allem vom Alltag berichten und kleine Geschichten am Rande des Aufruhrs erzählen und deswegen oft abseits des Medien- und Festivalrummels stehen. Es sind nicht zuletzt auch diese nicht weniger wichtigen Werke, denen das 3rd Arab Film Festival Zurich seine Aufmerksamkeit schenkt. Viola Shafik Viola Shafik ist freischaffende Filmemacherin, Kuratorin und Filmwissenschaftlerin in München. Mit freundlicher Unterstützung von: Conseil des ambassadeurs et consuls arabes accrédités en suisse

Ofika Stiftung

«Guerilla»-Filme für eine Gegenöffentlichkeit Persönliche Kriegschroniken schufen vor allem syrische Filmschaffende, etwa Talal Derki mit Return to Homs (2013), Mohammed Ali Atassi mit Our Terrible Country (2015) oder Rafat Alzakout mit Home (2015). Darüber hinaus entstand in Syrien eine Flut von Kurzfilmen, häufig von jungen Amateuren gedreht, u. a. von der Hilfsorganisation Bidayyat produ-

www.alam-alkutub.ch


3rd Arab Film Festival Zurich.

AL LEIL (DIE NACHT) Syrien/Libanon/Frankreich 1992

> Speed Sisters.

> Wheels of War.

> Factory Girl.

Al leil schildert die Kindheit von Alallah, der als Erwachsener in der von Israel 1967 verwüsteten syrischen Stadt Kuneitra den Spuren seines längst verstorbenen Vaters nachgeht. Eines Tages tauchte dieser überhaupt nicht mehr auf, nachdem er in den 30er und 40er Jahren für die Demokratie gekämpft hatte, immer wieder mit seinen Kampfgefährten nach Palästina losgezogen war und kaum Zeit für seine Familie gefunden hatte. Alallah wuchs währenddessen bei seiner Mutter Wissal auf. Von ihr erfuhr er auch einen Teil der Geschichte des Vaters. Mohamed Malas verquickt in seinem Klassiker autobiografische und historische Inhalte mit einer traumähnlichen Erzählstruktur. «Ich bin überzeugt, dass das syrische Kinopublikum versteht, dass ich etwas über die Gegenwart sage, wenn ich mich mit der Vergangenheit beschäftige. (...) In Al leil versuche ich die Wurzeln der Probleme zu verstehen und interpretiere die heutige Präsenz von militärischer Macht über den Staatsstreich von damals.» ­(Mohamed Malas im Gespräch mit Robert Richter, Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz 57-1/1994) 119 Min / Farbe / 35 mm / Arab/d/f // REGIE Mohamed Malas // DREHBUCH Mohamed Malas, Ussama Mohamed, nach ­einem Roman von Mohamed Malas // KAMERA Youssef Ben Youssef // MUSIK Vahe Demrejian // SCHNITT Kais Al Zubaidi // MIT Sabah Jazairi (Wissal, die Mutter), Omar Malas (Alallah, das Kind), Fares Al Helou (Alallah, der Vater), Riad Chahrour (Wissals Vater), Maher Sleibi (Awad, der Friseur), Nada Homsi (Awads Frau), Nizar Abou Hajar (der Scheich), Rafiq Sbei (Kämpfer).

ONCE AGAIN Syrien 2009 > L’orchestre des aveugles.

> Yallah! Underground.

> Dégradé.

Ein Sniper erschiesst im Libanon eine syrische Frau. Deren Mann, ein hochrangiger syrischer Offizier, der während des Bürgerkriegs im Libanon stationiert ist, vertraut seinen kleinen Sohn Majd seinem Kollegen Abu Said an. Majd verletzt sich beim Spielen mit einem Gewehr und fällt in ein Koma. Abu Said pflegt ihn und sorgt auch für ihn, als Majd nach Jahren wieder erwacht. 2006 lebt der erwachsene Majd als IT-Experte einer Bank in Damaskus, wo er mit seiner Kollegin Kinda verlobt ist. Als die schöne Joyce vom Libanon nach Syrien versetzt wird und die Leitung der Bank übernimmt, ist Majd von ihr fasziniert – zum Leidwesen von Kinda. Majd bespitzelt gar Joyce’ private Internettelefonate mit ihrer Schwester. So

erfährt er, dass sie, wie er selbst, ihren Vater im Krieg verloren hat. Joyce ahnt jedoch lange nichts von Majds Treiben, und die beiden kommen sich näher – bis Kinda sich einschaltet. «Joud Said behandelt mit Umsicht die kritische soziopolitische Beziehung zwischen Syrien und Libanon. Seine zwei Protagonisten symbolisieren die potentiell bessere Zukunft der beiden arabischen Völker, wenn die Wunden der Vergangenheit einst verheilt sind.» (Sherif Awad, egyptindependent.com, 12.9.2010) 100 Min / Farbe / Digital HD / Arab/e // DREHBUCH UND REGIE Joud Said // KAMERA Wael Ezzedin // MUSIK Nadeem Meshlawi // SCHNITT Simon El Habre, Ali Laylan // MIT Kais Sheikh Najeeb (Majd als Erwachsener), Abdullatif ­Abdulhamid (Abu Said), Pierrette Katrib (Joyce), Abdelhakim Kutifan (Abu Luay), Kinda Aloush (Kinda), Johnny Komovitch (Majds Vater), Jamal Shukeir (Omran), Anjo Rihane (Joyce’ Schwester).

ADIOS CARMEN Marokko/Belgien/VAE 2013 Le Rif, Nordmarokko 1975. Der feinfühlige zehnjährige Amar muss nach dem Tod seines Vaters erleben, wie der neue Mann seiner Mutter mit dieser nach Belgien zieht, ohne ihn mitzunehmen. Fortan lebt er bei seinem Onkel Hamid, einem arroganten und brutalen Taugenichts und Frauenheld. Als wäre dies nicht genug, wird er vom Nachbarsjungen Latif schikaniert. Einziger Lichtblick ist seine Nachbarin Carmen, eine schöne Spanierin um die 40, die mit ihrem Bruder Juan, dem Betreiber des Kinos, hier im Exil lebt. Sie selbst ist die Kinokassiererin und lässt Amar gratis Bollywood-Filme sehen, die fortan sein Bild der Welt und der Liebe prägen. «Geschichten und Erinnerung sind im Kino oft mit Kindheit verbunden, und Adios Carmen, aus dem Blickwinkel eines Kindes erzählt, ist tatsächlich die Geschichte von Benamraouis eigener Kindheit. Seine persönlichen Erinnerungen an die Episode seiner Kindheit, von der Adios Carmen handelt, sind traumatisch, und das gilt auch für die Geschichte der Berber-Region Rif in den 1970er und 1980er Jahren.» (Stefanie van de Peer, alartemag.be, 10.1.2015) 100 Min / Farbe / DCP / OV/e // DREHBUCH UND REGIE ­Mohamed Amin Benamraoui // KAMERA Ivan Oms Blanco // MUSIK Khalid Izri // SCHNITT France Duez // MIT Paulina Gálvez (Carmen), Benjalil Amanallah (Amar), Ufrin Mustapha Azzarouali (Moussa), Juan Estelrich (Juan).

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3rd Arab Film Festival Zurich.

TAHRA’S LIFE

LE CHALLAT DE TUNIS

Ägypten 2015

Tunesien 2014

Die Ägypterin Tahra ist eine Matriarchin, die alle möglichen Berufe ausübt und seit dem Tod ihres Gatten alle fünf Kinder grossgezogen und – mit einer noch ausstehenden Ausnahme – samt Mitgift unter die Haube gebracht hat. Ob sie mit einer grauslichen Brille bewehrt näht, Zement schleppt oder Lkw-Reifen wechselt, Tahra ist ein Ausbund an Lebenswillen und begreift sich als Vorbild für alle Frauen, da sie es mit jedem Mann aufnimmt. Beeindruckendes Kurzporträt einer humorvollen Frau von unglaublicher Lebens- und Tatkraft.

Der sogenannte «Challat de Tunis» hat im Jahr 2003 von einem Motorrad aus mit einem Rasiermesser zahlreichen Frauen das Gesäss aufgeschlitzt. Mittlerweile hat sich der Challat zu einem urbanen Mythos entwickelt, wobei die Meinungen der Stadtbewohner darüber auseinandergehen, ob es den mysteriösen Motorradfahrer wirk­ lich gegeben hat. 2013 macht sich Regisseurin ­Kaouther Ben Hania daran, die «Klinge von Tunis» aufzuspüren, und findet bald den angeblich echten Challat. Der Film bewegt sich dabei in einem Graubereich, wo bald nicht mehr klar ist, ob es sich um eine tatsächliche Recherche, eine Inszenierung oder gar um eine Mischform handelt. Das spielt aber eigentlich keine Rolle, denn Kaouther Ben Hania nimmt auf clevere Art und Weise die Geschichte des Challat als Anlass zur Erkundung von Geschlechterbeziehungen und teils erschreckenden Frauenbildern, die auch im heutigen postrevolutionären Tunesien weiterbestehen. Ein witziger und raffinierter Dokumentarfilm, der nahtlos zwischen Mockumentary und echter Reportage changiert.

FACTORY GIRL (Fatat el masnaa) Ägypten/VAE 2013 Hiyam arbeitet als Näherin in einer Kairoer Klei­ derfabrik. Als der junge Salah als neuer Chef anfängt, ist nicht nur Hiyam von ihm bezaubert. Sie sucht seine Nähe und als er erkrankt, sorgt sie für ihn. Salah lässt sich dazu hinreissen, Hiyam zu küssen. Schnell verbreitet sich das Gerücht, dass Hiyam schwanger ist, was sie nicht dementiert. Dafür bezahlt sie einen hohen Preis. «Mich hat Factory Girl auf verschiedenen Ebenen angesprochen: eine starke, unverfrorene Heldin, ein Mann, der seinen Verpflichtungen schlicht nicht entrinnen kann, eine Familiendynamik voller Liebe und Streit, ein Gerücht, das ausser Kontrolle gerät, weil Stolz im Spiel ist. (...) In den Presseunterlagen zum Film steht: ‹Egal, in welcher psychologischen Verfassung sich das Publikum befindet, es geht ins Kino, um diese Verfassung zu verbessern.› Und genau das hat Factory Girl bei mir getan, er liess mich fühlen, erleben und träumen. Doch das vielleicht grösste Wunder, das Mohamed Khan mit seinem Film vollbringt, flankiert von seiner tollen Besetzung, seiner begabten Frau Wessam Soliman, der Drehbuchautorin, und seinem engagierten Produzenten Samir, ist der Beweis, dass das ägyptische Kino alles andere als tot ist.» (E. Nina Rothe, huffingtonpost.com, 16.12.13) TAHRA’S LIFE 9 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / Arab/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA UND SCHNITT Mohanad Diab // MUSIK ­Islam Algosabjy. FACTORY GIRL 92 Min / Farbe / DCP / Arab/d // REGIE Mohamed Khan // DREHBUCH Wessam Soliman // KAMERA Mahmoud Lotfi // MUSIK George Kazazian // SCHNITT Dina Farouk // MIT ­Yasmin Raeis (Hiyam), Hani Adel (Salah), Salwa Mohamed Ali (Tante Samra), Salwa Khattab (Eida).

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3rd Arab Film Festival Zurich.

90 Min / Farbe / DCP / Arab/d/f // DREHBUCH UND REGIE ­Kaouther Ben Hania // KAMERA Sofian El Fani // MUSIK Si Lemhaf, Benjamin Violet // SCHNITT Nadia Ben Rachid // MIT Mohamed Slim Bouchiha (Marwan Clash), Jallel Dridi (Jallel), Moufida Dridi (Jallels Mutter), Narimène Saidane (Jallels Verlobte).

THE LOVER (AL AASCHEK) Syrien 2013 Murad ist Filmemacher in Damaskus und ringt mit dem Schnitt seines neuen Films «The Lover». Daneben geniesst er eine heimliche platonische Romanze mit seiner Nachbarin Rima, die zu Recht Angst davor hat, dass ihr rabiater Vater davon erfährt. Murads Liebesgeschichte mit Rima verflicht sich immer wieder mit der Handlung des autobiografischen Films, an dem er arbeitet: Als kleiner Junge wächst Murad bei seinem patriotischen Vater, seiner Mutter und der genervten Schwester auf einem kleinen Bauernhof auf. Der Junge hat Ambitionen, geht jedoch nicht gerne zur Schule, weil der Schulleiter ihn schikaniert. Als er die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium besteht, zieht er zu seinem Bruder nach Latakia, wo er sich in das Nachbarsmädchen Huda verliebt. Diese erste, unglückliche Liebe prägt Murads Leben nachhaltig, was auch Rima feststellen muss. Obschon Abdullatif Abdulhamids Film als Romanze und als Reflexion über das Filmemachen

daherkommt, ist er unterfüttert mit satirischer Kritik am exzessiven Patriotismus der Baathisten und am muslimischen Patriarchat. 116 Min / Farbe / Digital HD / Arab/e // DREHBUCH UND REGIE Abdullatif Abdulhamid // KAMERA Joud Gorani // MUSIK Isam Rafi // SCHNITT Rauf Zaza // MIT Abdul Monim Amiri (Murad), Dima Qandalaft (Rima), Abdullatif Abdulhamid ­(Murads Vater), Fadi Sobieh (Schuldirektor).

AL-WADI (THE VALLEY) Libanon 2014 «Ein Mann, der bei einem Autounfall sein Gedächtnis verloren hat und umherirrt, wird von den Bewohnern einer Farm im libanesischen BekaaTal aufgegriffen. Ihr geheimes Geschäft ist die Herstellung von Drogen in einem Labor auf dem streng bewachten Gelände. Die Anwesenheit des namenlosen Fremden hat Folgen für die klandestine Gemeinschaft. Schönheit und Schrecken liegen hier nah beieinander. Die Weite der erhabenen Landschaft ist durchzogen von latenter Gefahr. Eine Katastrophe kündigt sich an. Auch in der Enge des Hauses nehmen die Spannungen zu. Die Identität des Mannes ohne Vergangenheit steht zunehmend in Frage, Zweifel an seiner Amnesie kommen auf. Ist er Arzt oder Mechaniker, ein Engel oder ein Spion? Wie ein unbeschriebenes weisses Blatt eignet er sich für Imaginationen aller Art – und wird schliesslich zum Gefangenen. Konkret und entrückt zugleich, mit kraftvollem Soundtrack und Bildern von grosser Intensität zeigt der Film melancholische Existenzen am Vorabend der Apokalypse. Neben Radio-Nachrichten zu aktuellen politischen Krisen räumt er Poesie, Malerei und einem Liebeslied grossen Platz ein und befragt so den Status der Kunst in Zeiten von Terror und Krieg – hier und heute.» (Katalog Berlinale Forum 2015) 128 Min / Farbe / DCP / OV/d // DREHBUCH UND REGIE Ghassan Salhab // KAMERA Bassem Fayad // MUSIK Cynthia Zaven, Sharif Sehnaoui // SCHNITT Michèle Tyan // MIT ­ ­Carlos Chahine (der Mann), Carole Abboud (Carole), Fadi Abi Samra (Marwan), Mounzer Baalkabi (Ali), Yumna Marwan (Maria), Aouni Kawas (Hekmat).

CRÉPUSCULE DES OMBRES Algerien 2014 1958. Kommandant Saintenac, stationiert am Rande der nordalgerischen Sahara, führt einen unerbittlichen Krieg gegen die Aufständischen. Für ihn, der schon in Indochina kämpfte, gehört Algerien zu Frankreich. Da passt es ihm gar nicht,

dass ihm ein von Paris protegierter Wehrdienstpflichtiger namens Lambert zugeteilt wird, der gegen sein Gewissen eingezogen wurde. Als Saintenac Khaled schnappt, den Anführer einer mysteriösen Rebellenzelle, lässt er ihn foltern, auch um Lambert kleinzukriegen. Doch als er Lambert anweist, Khaled hinterrücks zu töten, meutert der Soldat: Lambert nimmt Khaled und Saintenac als Geiseln und flieht mit ihnen durch die Wüste Richtung Marokko. Als das Benzin ausgeht, beginnt ein mörderischer Marsch, der die drei Widersacher in jeder Hinsicht an ihre Grenzen führt. Ein klassisches Off-Roadmovie und ein Wüsten-Western über ein Kapitel der franko-algerischen Geschichte, das die junge Generation zu vergessen droht, dessen Kulturkonflikte aber bis heute nachwirken. Mohammed Lakhdar-Hamina gewann 1975 mit Chronique des années de braise in Cannes die Palme d’or. 114 Min / Farbe / DCP / OV/e // DREHBUCH UND REGIE ­Mohammed Lakhdar-Hamina // KAMERA Alessandro Pesci // MUSIK Vangelis // SCHNITT Hervé de Luze, Marie-Pierre Renaud // MIT Samir Boitard (Khaled), Nicolas Bridet (Lambert), Laurent Hennequin (Kommandant Saintenac).

KAROUMA VAE 2015 Der kleine Karouma hat einen armlosen, einbandagierten Torso. Die Eltern versuchen den Jungen normal aufzuziehen, aber die Gesellschaft akzeptiert ihn nicht. Nur die Tauben auf dem Dach kennen Karoumas Geheimnis. Preisgekrönte Fabel über Konformismus und Individualität.

I AM NOJOOM, AGE 10 AND DIVORCED (Ana Nojoom bent alasherah wamotalagah) Jemen 2014

Nojoom heisst «Sterne»; so hat ihre Schwester das kleine Mädchen bei der Geburt genannt. Ihr Vater nennt sie jedoch Nojood – «verborgen». Mit neun Jahren wird Nojoom von ihrem Vater mit einem gut 30-jährigen Bauern verheiratet. Die unschuldige Kleine weiss nicht, wie ihr geschieht, als ihr Gatte mit ihr die Ehe vollziehen will – die Mutter hatte sie stets gewarnt, sich von Männern nicht anfassen zu lassen. Der Alltag des Mädchens ist fortan geprägt von Schlägen und Missbrauch. Der Bauer bringt Nojoom schliesslich entnervt nach Sanaa zu ihrem Vater, damit der ihr beibringt, was sich für eine Ehefrau gehört. Nojoom flüchtet zum Gerichtshof, wo sie bei einem Richter die Scheidung verlangt. Basierend auf der Biografie von Nojoud Ali sowie auf dem Leben der Regisseurin, die selbst


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3rd Arab Film Festival Zurich. als Kind verheiratet, missbraucht und geschieden wurde, erschüttert der Film allein durch seine Thematik. Uralte Traditionen und moderne Rechtsprechung werden einander gegenüber gestellt und verhandelt. Gleichzeitig zeigt Nojoom aber auch, dass selbst Zehnjährige ihr Leben selbst in die Hand nehmen können.

irakischen Berufsschauspielern aus der ganzen irakischen Diaspora auslebt. Sie bringen starke Persönlichkeiten auf die Leinwand, vor allem die Frauen, von der unschuldigen Zahra über die sinnliche Frau des Schäfers bis zu Saouds erschütterter Schwester.» (Deborah Young, The Hollywood Reporter, 10.11.2014)

KAROUMA

ZEROKILLED

12 Min / Farbe / Animationsfilm / DCP / ohne Dialog // REGIE Boubaker Boukhari // DREHBUCH George Saad // MUSIK

> Al-Wadi.

Khalaf // SCHNITT Jamal Al-Ubaidi // MIT Sameer Hisham,

I AM NOJOOM, AGE 10 AND DIVORCED

Wissam.

Khadija Audi, Layla Majeed, Hurr Husain, Rasol Ali, Moamel

DREHBUCH Khadija Al-Salami, nach der Biografie «Ich, ­Nojoud, zehn Jahre, geschieden» von Nojoud Ali und Delphine Minoui // KAMERA Victor Credi // MUSIK Thierry David // SCHNITT Alexis Lardilleux // MIT Reham Mohammed ­(Nojoom), Naziha Alansi (Mutter), Ibrahim Alashmori (Vater), Sawadi Alkainai (Ehemann), Munirah Alatas (Schwiegermutter), Adnan Alkhader (Richter), Malak Albukhaiti (Nojooms Schwester), Rym Charabeh (Frau des Richters).

ZEROKILLED Irak 2015 > Le Challat de Tunis.

Drei kleine irakische Jungen suchen im Müll auf den Strassen nach verwertbaren Dingen. Einer von ihnen findet einen rosa Rucksack, legt ihn an und schmuggelt sich unter die Kinder, die zur Schule gehen. Doch der Traum von einem besseren Leben wird jäh zerstört. Drama nach Tatsachen.

THE SILENCE OF THE SHEPHERD Irak 2014

> Once Again.

> I am Nojoom, Age 10 and Divorced.

> The Curve.

Mahmoud Shaker // KAMERA Yasir Katea // MUSIK Raad

Nithin Sasikumar.

96 Min / Farbe / DCP / Arab/e // REGIE Khadija Al-Salami //

> Crépuscule des ombres.

10 Min / Farbe / DCP / OV/e // DREHBUCH UND REGIE

In einem südirakischen Dorf geschehen 1987 drei rätselhafte Dinge: Die 13-jährige Zahra kommt vom Wasserholen am Fluss nicht mehr zurück; ihr junger Nachbar Saoud will in der Stadt seine Einberufung aufschieben und verschwindet; der Schäfer Saber wird in der Wüste Zeuge, wie Soldaten eine grosse Menge Zivilisten heranfahren, hinrichten und verscharren – ein traumatisches Erlebnis, das er verschweigen wird. Zahras angesehener Vater nimmt an, dass sie mit Saoud durchgebrannt ist, was für ihn grosse Schande bedeutet. Saouds Schwester jedoch verliert vor Kummer den Verstand. Erst viele Jahre später wird das Geheimnis um das verschwundene Paar gelüftet. «Für einen, der bisher Dokumentarfilme gedreht hat, ist Mushatat ein erstaunlich nicht-naturalistischer Regisseur mit klarer Neigung zu Poesie und Theatralik, die seine Besetzung von

THE SILENCE OF THE SHEPHERD 105 Min / Farbe / Digital HD / OV/e // DREHBUCH UND REGIE Raad Mushatat // KAMERA Ziad Turkey // MUSIK Duraid ­Fadhil // SCHNITT Mahmoud Mushatat // MIT Mahmoud Abo Alabbas (Hameed Alsegar), Alaa Najim (Sadea Al Bader), Murtadha Habib (Saoud Al Bader), Ahmed Sharji, (Onkel Ali), Samer ­ Kahtan (Saber, der Hirte), Nahar Sadayo, (Ameera Alganaam, Sabers Frau), Inam Abdul Majed (Hanwa Megbil, die Mutter), Shaima Khaleel (Zahra Hameed Alsegar, die Tochter).

AN DER GRENZE: ARABISCHE KURZFILME SOCOTRA: THE HIDDEN LAND Spanien/USA/Jemen 2015 Östlich von Somalia und südlich von Jemen liegt die nicht ganz 4000 km2 grosse Insel Socotra. Hunderte von endemischen Pflanzen- und Tierarten verleihen dem gebirgigen Eiland ein ausserirdisches Aussehen und den Spitznamen «das arabische Galápagos». Die knapp 40 000 Bewohner der Insel, die zu Jemen gehört, glauben teilweise an alte Vorstellungen von Hexen und Zauberei, und einige selbsternannte Heiler praktizieren entsprechende Bräuche. Ein sehr konservativer Islam ist jedoch inzwischen die dominante Religion, und nun hält der Kapitalismus Einzug. Eine Urwelt wird im Eiltempo in die Moderne geschleppt, was mit ökologischen und sozialen Risiken verbunden ist.

FREE RANGE Libanon/Deutschland 2015 Auf das Land beim Haus der kriegsversehrten Familie von Abu Hussein im libanesischen Grenzgebiet wandert eine israelische Kuh. Die Tochter, Malakeh, lotst das Tier aus dem Minenfeld und die ganze Familie hat Freude daran, striegelt die Kuh und melkt sie. Da kommt der Bürgermeister und


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3rd Arab Film Festival Zurich. verlangt, dass die feindliche Kuh entweder behalten und gemolken wird – was Verrat darstellen würde – oder geschlachtet wird wie jeder andere Israeli. Als Abu Hussein zu Letzterem schreiten will, tauchen indische UNO-Soldaten auf, die diese Tat als Frevel verhindern wollen. Ein politischer Zank um das Rindvieh entbrennt. Ein «libanesischer Spaghetti-Western» nach Tatsachen, der die Konflikte im Nahen Osten satirisch überhöht.

IN THE FUTURE THEY ATE FROM THE FINEST PORCELAIN Palästina/GB/Dänemark/Katar 2015 Eine «narrative Widerstandsgruppe» trüffelt den Boden einer Region mit erlesenen Porzellanobjekten, die den Anschein erwecken, von einer fiktiven Zivilisation zu stammen. Das Ziel der Aktion ist, die Geschichte zu beeinflussen und künftige Ansprüche auf ihr verschwindendes Territorium zu untermauern: Archäologen der Zukunft werden das Porzellan ausgraben und die Existenz des erfundenen Volkes bestätigen. Die Umsetzung eines eigenen Mythos wird zu einer historischen Intervention und zur faktischen Schöpfung einer Nation. Wie schon in Nation Estate spielen Larissa Sansour und Søren Lind in ihrem Video-Essay gekonnt mit Science-Fiction-Motiven, CGI-Effekten und Satire. In the Future... ist Teil eines multimedialen Kunstprojekts.

3rd Arab Film Festival Zurich.

DÉGRADÉ Frankreich/Palästina/Katar 2015 Der Schönheitssalon von Christine ist in Gaza ein Treffpunkt für Frauen unterschiedlichen Alters und verschiedener Milieus. So lässt sich eine verbitterte reife Dame aufhübschen, um ihren Scheidungsanwalt zu verführen, während eine nervöse junge Braut für die Trauung frisiert werden soll. Christines Assistentin ist jedoch in Gedanken bei ihrem Geliebten Ahmed. Dieser hat aus dem Zoo von Gaza einen Löwen gestohlen, den er stolz durch die Strassen führt. Bald rückt die HamasPolizei an und geht brutal gegen Ahmeds Bande vor. Der Salon wird zum Refugium für die Frauen, doch die draussen eskalierende Gewalt wirkt sich auch drinnen aus. «Die Regisseure und Zwillingsbrüder Tarzan und Arab Nasser fangen das sympathische Durcheinander mit einer lebhaften Kamera ein, die überall gleichzeitig zu sein scheint. (...) Ein roter Lippenstift kann das Selbstbild verändern, blaue Flecken den Wert einer angespannten Freundschaft bestärken und ein in der Krise übergezogenes Brautkleid neue Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben. In diesen Momenten übertragen sich all die Konflikte, Absurditäten und auch die raue Schönheit, die die Filmemacher über das widersprüchliche Leben im Gazastreifen erzählen wollen.» (Claudia Reinhard, critic. de, 18.5.2015)

ten Regimegegner. In Mayas Zimmer liegt auch die ebenfalls krebskranke Dersem. Deren Mann Bachir hat kein Geld für Medikamente und versucht deshalb verzweifelt, seine Niere zu verkaufen. Mayas Vater fährt aus der Stadt, um sich umzubringen, trifft jedoch auf Sobhi, der seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus bringen muss, und nimmt die beiden widerstrebend mit. Majd will mit seiner Familie nach Saudiarabien fliehen, aber seine Frau fürchtet, dort ihre Rechte zu verlieren. Die junge Tänzerin Lila freut sich auf ihren ersten Ballettauftritt und lädt auch den netten Soldaten von der Strassensperre nebenan ein. Zu ihrem Debüt wird es jedoch nie kommen. Kunstvoll konstruierter, aber realitätsnah gefilmter Einblick ins Leben inmitten der Trümmer des vom Bürgerkrieg zerrissenen Syrien. 120 Min / Farbe / Digital HD / Arab/e // DREHBUCH UND REGIE Mohamad Abdulaziz // KAMERA Waeel Azaldin // MUSIK Ari Jean Sarhan, Khaled Rizk // SCHNITT Rauf Zaza, Safaa

takt zu den beiden Freunden abgebrochen. Grund dafür ist seine Ehe mit Arwa, der Ex-Freundin ihres verstorbenen gemeinsamen Kumpels Hady. Als 2011 Hadys Geburtstag naht, beschliesst Omar, seinem Freund die letzte Ehre zu erweisen und nach Beirut zu Hadys Grab zu fahren. Er bittet Rami, der nun als Aktivist auf Social Media Follower sammelt, und den Amateur-DJ Jay, ihn zu begleiten. Nach einigem Zögern willigen die beiden ein und ein abenteuerlicher Roadtrip beginnt. Die drei Freunde schlittern von einer skurrilen Situation in die nächste, kommen dabei aber sich und Hady wieder näher. «Der junge emiratische Regisseur Mostafa betritt Neuland mit From A to B, einem panarabischen Roadmovie, in dem drei westlich erzogene junge Männer aus verschiedenen arabischen Ländern zweieinhalbtausend Kilometer von Abu Dhabi nach Beirut fahren, durch die Turbulenzen der Region, zum Gedenken an ihren verstorbenen besten Freund.» (Nick Vivarelli, Variety, 24.10.2014)

Zaza // MIT Nawar Yousf (Maya), Mohammad Alarashi ­(Bachir), Samer Omran (Hani), Assad Fidda (Mayas Vater),

108 Min / Farbe / Digital HD / OV/e // REGIE Ali F. Mostafa //

Rana Resha (Dersem, Bachirs Frau), Juan Alkheder (Soldat).

DREHBUCH Mohamed Hefzy, Ashraf Hamdi, Ronnie Khalil, Ali F. Mostafa // KAMERA Michel Dierickx // MUSIK Gregory

FROM A TO B VAE/Jordanien/Libanon 2015

Caron, Hannes De Maeyer // SCHNITT Ali Salloum // MIT ­Fahad Albutairi (Yousef «Jay»), Shadi Alfons (Rami), Fadi ­Rifaai (Omar), Yousra El Lozy (Arwa), Leem Lubany (Shadya), Madeline Zima (Samantha), Christina Ulfsparre (Julie), Maha

Der Syrer Omar, der Ägypter Rami und der Saudi Jay haben zusammen die amerikanische Schule in Abu Dhabi besucht. Seither hat Omar den Kon-

Abou Ouf (Ramis Mutter).

84 Min / Farbe / DCP / OV/f // DREHBUCH UND REGIE Arab SOCOTRA: THE HIDDEN LAND

Nasser und Tarzan Nasser // KAMERA Eric Devin // MUSIK

38 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / OV/e // REGIE UND

Benjamin Grospiron // SCHNITT Sophie Reine, Eyas Salman

KAMERA Carles Cardelús // DREHBUCH Carles Cardelús,

// MIT Hiam Abbass (Eftikhar, die Geschiedene), Victoria

Anna Escurriola // MUSIK Antonio Barba // SCHNITT Anna

­Balitska (Christine), Manal Awad (Safia, die Drogensüchtige),

Im Rahmen des 3rd Arab Film Festival Zurich befassen sich auch zwei Podiumsgespräche

Escurriola.

Mirna Sakhla (Zeinab, die Religiöse), Maisa Abd Elhadi

mit der Lage des arabischen Filmschaffens.

(Wedad, Christines Gehilfin), Nelly Abou Sharaf (Natalie, ­

PODIUMSGESPRÄCHE ZUM ARABISCHEN FILMSCHAFFEN

FREE RANGE

Christines Tochter), Dina Shebar (Salma, die Braut), Reem

Am Freitag, dem 18. November, um 19.15 Uhr, direkt im Anschluss an die Premiere von

9 Min / Farbe / DCP / OV/e // DREHBUCH UND REGIE Bass

Talhami (Wafaa, die Brautmutter), Huda Al Imam (die Schwie-

Mohammed Lakhdar-Haminas neuem Film Crépuscule des ombres, wird über das alge-

Bréche // KAMERA Jan Prahl // MUSIK Khyam Allami //

germutter der Braut), Samira Al Aseer (die Schwangere),

SCHNITT Rana Sabbagha // MIT Ali Chibli (Abu Hussein), Aida

Tarzan Nasser (Ahmed, der Mafioso).

rische Kino diskutiert. Zu den geladenen Gästen gehören Alamir Abaza, Präsident des

Sabra (Mutter), Angie Saleh (Malakeh), Hussein Zreik (erster Sohn), Abdallah Bassil Khodari (zweiter Sohn), Mohammad Akil (Bürgermeister), Dipu Farhut (erster indischer UNOSoldat), Umar Hashmi (zweiter indischer UNO-Soldat).

FOUR O’CLOCK, PARADISE TIME (Al rabiaa betawkit al ferdaous) Syrien 2015

IN THE FUTURE THEY ATE FROM THE FINEST PORCELAIN 29 Min / Farbe / DCP / OV/e // REGIE Larissa Sansour, Søren Lind // DREHBUCH Søren Lind // KAMERA Thomas Fryd // MUSIK Aida Nadeem // SCHNITT Daniel Martinez, William Dybeck Sørensen // MIT Pooneh Hajimohammadi (Anführerin des Widerstands), Anna Aldridge (erstes Mädchen), Leyla Ertosun (zweites Mädchen), Larissa Sansour (Anführerin des Widerstands, Stimme), Carol Sansour (Psychiaterin, Stimme).

Sieben Schicksale kreuzen sich im kriegsgeprägten Damaskus: Die junge, verheiratete Maya liegt mit Krebs im Endstadium im Krankenhaus. Sie bekommt Besuch von Hani, ihrem ehemaligen Lehrer und Liebhaber, der unlängst aus dem Gefängnis entlassen wurde. Mayas Vater, ein Beamter der Assad-Regierung, stört die Zweisamkeit. Mayas Freundinnen Hala und Naya streiten sich um Halas Liebhaber Kinan, einen desillusionier-

­Alexandria Film Festivals, Ahmed Bedjaoui, Filmdozent und Gründungsmitglied der Cinémathèque algérienne, und die Filmemacherin und Kritikerin Viola Shafik. Am Sonntag, dem 20. November, um 14.30 Uhr widmet sich eine zweite Runde dem Filmschaffen in Syrien, dem das Festival am Samstag, dem 19. November, einen Programmschwerpunkt eingeräumt hat. Zu den geladenen Gästen, die über die Entwicklung des syrischen Kinos sprechen und über die (Un-) Möglichkeit, mitten im Krieg Filme zu drehen, zählt auch der syrische Filmemacher Mohamad Abdulaziz (Four O’Clock, Paradise Time). Die Gespräche finden in Arabisch und Englisch statt. Die Leitung übernimmt Evelyn Echle vom Verein IAFFZ.

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3rd Arab Film Festival Zurich.

HALAL LOVE Deutschland/Libanon 2015 Drei ineinander verstrickte tragikomische Geschichten über Musliminnen und Muslime in Beirut, die ihr Liebesleben zu bewältigen versuchen, ohne dabei religiöse Regeln zu verletzen. So sucht etwa Awatef, Mutter zweier Töchter, für ihren Mann eine Zweitfrau, um sein übergrosses Bedürfnis nach Sex zu befriedigen, doch selbst eine legale Dreiecksbeziehung birgt ihre Tücken. Awatefs junge Nachbarn haben andere Probleme: Mokhtar, eifersüchtig und jähzornig, lässt sich zum dritten Mal von Batoul scheiden. Nun muss er zuerst einen neuen Mann für sie finden, bevor er sie wieder heiraten kann. Auch Loubna ist frisch geschieden und will eine Ehe auf Zeit mit ihrer grossen Jugendliebe Ahmed. Dieser wiederum ist jedoch noch verheiratet und möchte Ehe und Vergnügen – so gut es geht – trennen. «Mit grossem Spass folgt man diesen Geschichten, die aus dem Alltag heraus ihren Witz beziehen, die mit muslimischen Regeln spielen und dabei die universellen Gefühle von Begehren und Begehrtwerden, von Bedürfnissen und Pflichten behandeln.» (Harald Mühlbeyer, kinozeit.de, 7.7.2016) 94 Min / Farbe / DCP / Arab/d/f // DREHBUCH UND REGIE ­Assad Fouladkar // KAMERA Lutz Reitemeier // MUSIK Amin Bouhafa // SCHNITT Nadia Ben Rachid // MIT Darine Hamze (Loubna), Rodrigue Sleiman (Abou Ahmad), Zeinab Hind Khadra (Batoul), Hussein Mokadem (Mokhtar), Mirna Moukarzel (Awatef), Ali Sammoury (Salim), Fadia Abi Chahine (Bardot), Berlin Badr (Hiba).

L’ORCHESTRE DES AVEUGLES Frankreich/Marokko 2015 Der siebenjährige Mohamed, Mimou genannt, erzählt die Geschichte seines Vaters, des Musikers Houcine Bidra: Im Marokko der 60er Jahre spielt Houcine mit seinem kleinen Orchester auf Festen und Hochzeiten. Wenn verlangt wird, dass die feiernden Frauen nicht von männlichen Blicken gestört werden, geben sich die Musiker dreist als Blinde aus. An Mimous erstem Schultag redet Houcine, der nie zur Schule ging, seinem Sohn ins Gewissen und verlangt, dass er stets Klassenbester ist. Mimou hat jedoch nur das NachbarsHausmädchen Chama im Kopf, das er mit geklauten Kuchen, aufgeschnappten Zitaten und Gesten zu beeindrucken versucht. Um den Papa nicht zu enttäuschen, fälscht er mit Hilfe seines kommunistischen Onkels seine mässigen Schulnoten. Das geht gut, bis Houcine dahinterkommt. Doch er selbst hat auch ein Geheimnis.

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3rd Arab Film Festival Zurich.

L’orchestre des aveugles, ein einfühlsamer, autobiografischer Coming-of-Age-Film, blickt nostalgisch zurück und porträtiert auch soziale Rand­ figuren liebevoll, was ihn in Brüssel, Tanger, Montréal und an anderen Festivals zum preisgekrönten Publikumsliebling gemacht hat. 113 Min / Farbe / DCP / Arab/d // DREHBUCH UND REGIE ­Mohamed Mouftakir // KAMERA Xavier Castro // MUSIK ­Didier Lockwood // SCHNITT Leila Dynar, Sophie Fourdrinoy // MIT Ilyas El Jihani (Mimou), Younes Megri (Houcine Bidra), Mouna Fettou (Halima), Majdouline Idrissi (Fatima), Moha-

West Bank. Beim Anblick der geköpften Maria brechen die aufgebrachten Ordensfrauen ihr Schweigegelübde und helfen mehr oder weniger freiwillig Moshe, seiner Frau und dessen Mutter, eine Lösung für das zerbeulte Auto zu finden. Dies erweist sich jedoch als schwierig, da der Sabbat bereits angebrochen ist und Moshe das Telefon nicht mehr bedienen darf. Als es dann doch klappt mit dem Telefonanruf, treten bereits neue Probleme auf. Amüsanter Kurzfilm, der allerlei religiöse Klischees liebevoll auf die Schippe nimmt.

med Bastaoui (Mustapha), Salima Benmoumen (Mina), Fehd ­Benchemsi (Abdellah), Oulaya Amamra (Chama).

NAWARA Ägypten 2015 Nawara arbeitet als Dienstmädchen im Kairoer Haushalt des reichen Parlamentariers Usama. Zusammen mit ihrem nubischen Verlobten Aly versucht sie über die Runden zu kommen und wartet auf die Vollziehung der Hochzeit, die bisher aus finanziellen Gründen nicht stattfinden konnte. Bevor sie zur Arbeit ins Villenviertel geht, kümmert sich Nawara jeweils um ihre Grossmutter und um Alys kranken Vater. Als auf dem TahrirPlatz die Demonstrationen ausbrechen, freut sich Nawara, da es heisst, das veruntreute Geld von Mubaraks Regierung werde den Armen geschenkt. Ganz anders steht den Unruhen ihr Arbeitgeber gegenüber. Als Usama und seine Familie keine andere Wahl mehr haben und nach London ziehen, vertrauen sie ihre Villa Nawaras Obhut an. Doch auch für Nawara werden die Zeiten immer schwieriger. «Als eine der deutlichsten Kritiken des Ägyptens nach Mubarak, in der die korrupten Machtmenschen der Vergangenheit klar als unberührbare Klasse erscheinen, die das momentane Aufflackern der Revolution unversehrt übersteht, hat Nawara sich einen Platz in künftigen Studien nationaler Filmtrends verdient.» (Jay Weissberg, Variety, 11.1.2016)

SPEED SISTERS Palästina/USA/Katar/Dänemark/Kanada 2015 Wer hätte das gedacht: Das erste Frauen-Rennteam der arabischen Welt stammt aus Palästina! Marah, Noor, Maysoon, Mona und Betty widmen ihr Leben dem Street Racing. Sie trainieren und fahren Rennen auf Marktplätzen und abgelegenen Flugpisten, wo immer es geht; die israelische Besatzung erschwert die Sache, aber die Frauen leben dennoch ihren Traum aus. Die hochbegabte Marah stammt aus dem Flüchtlingslager Jenin, wird jedoch von ihren Eltern trotz Geldnot eifrig unterstützt. Noor kommt aus besseren Verhältnissen, hat aber Mühe, sich die verschlungenen Parcours zu merken. Mona fährt vor allem aus Spass, während Betty – mexikanischer Herkunft, blondiert und vollbusig – zugleich das Glamourgirl und die beste Fahrerin sein will. Maysoon, die Chefin des Teams, legt sich auch mal mit dem selbstherrlichen und chauvinistischen Leiter des Rennverbands an. «Amber Fares’ Speed Sisters ist cool, rasant, aufschlussreich und macht Spass. Alles, was ein Dokumentarfilm über das erste Frauen-Autorennteam im Nahen Osten sein sollte und noch mehr.» (E. Nina Rothe, huffingtonpost.com, 2.12.2014) AVE MARIA 14 Min / Farbe / DCP / OV/e // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Basil Khalil // KAMERA Eric Mizrahi // MUSIK J ­ amie

110 Min / Farbe / DCP / Arab/d // DREHBUCH UND REGIE Hala

Serafi // MIT Huda Al Imam (Schwester Marie Angeline), Ruth

Khalil // KAMERA Zaki Aref // MUSIK Layal Watfeh //

Farhi (Esther), Maya Koren (Rachel), Shady Srour (Moshe),

SCHNITT Mona Rabei // MIT Menna Shalabi (Nawara),

Maria Zreik (Schwester Marie).

Mahmoud Hemeida (Usama), Sherine Redda (Usamas Frau), Amir Salah El Din (Aly), Ragaa Hussein (Grossmutter), Rahma

SPEED SISTERS

Hassan (Tochter).

79 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / OV/e // DREHBUCH, REGIE UND ­KAMERA Amber Fares // SCHNITT Rabab Haj

AVE MARIA Palästina/Frankreich/Deutschland 2015 Eine jüdische Siedlerfamilie auf der Heimfahrt rammt die Marienstatue vor einem Kloster in der

Yahya // MIT Marah Zahalka, Maysoon Jayyusi, Mona Ennab, Betty Saadeh, Noor Daoud.

LIBYAN STORIES: MISSION IMPOSSIBLE Libyen 2014 Zwei junge Filmstudenten wollen in der libyschen Filmindustrie Fuss fassen und holen gewissenhaft Rat und Meinungen bei Dozenten und Produzenten ein. Doch der Kriegszustand erschwert den Alltag und die Berufswünsche der jungen Cineasten. Kurzer Einblick in die kafkaeske Realität der libyschen Filmbranche.

TRIPOLI STORIES: LAND OF MEN Libyen 2014 Eine libysche Filmstudentin hat, wie viele Mädchen und Frauen, während der Revolution 2011 darauf gehofft, dass ihre Stimme endlich gehört werde. Dieser Traum hat sich jedoch in Luft aufgelöst, denn die Frauen haben seit der Revolution nicht an Freiheit gewonnen, im Gegenteil.

THE CURVE Jordanien 2015 Der Eigenbrötler Radi, der in seinem blauen VWBus lebt, rettet die junge Laila, die sich aus Jordanien nach Syrien absetzen will, vor räuberischen Taxifahrern. Unterwegs von Amman in Richtung Irbid lesen die beiden den libanesischen Regisseur Sami auf, der eine Autopanne hat. Schliesslich steigt ein jordanischer Polizist zu, der dem Trio unbequeme Fragen stellt. Wie sich zeigt, haben Radi und Laila palästinensische Wurzeln, und Sami lebt seinerseits im Exil. Auf ihrer Reise stossen die Gefährten auf Figuren und Gegenstände, die aus ihrer Vergangenheit zu stammen scheinen, und Radi wird von verstörenden Visionen geplagt. Wer reist hier eigentlich wohin, und werden sie alle die Kurve kriegen? «The Curve steckt voller Heimsuchungen und wirkt selbst wie eine Heimsuchung; Schuljungen und Soldaten am Strassenrand erscheinen wie Bruchstücke einer Erinnerung, und obschon Radis eigene Rückblenden visuell weniger stark sind, führen sie doch den Film letztendlich zu seinem endlosen Teufelskreis des Verlusts.» (Fionnuala Halligan, ScreenDaily, 11.12.2015) MISSION IMPOSSIBLE 16 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / Arab/e // DREHBUCH UND REGIE Najmi Own // KAMERA Walid Ayash, Najmi Own, Waheeb Khaled, Kelly Ali // SCHNITT Waheeb Khaled.


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3rd Arab Film Festival Zurich. LAND OF MEN

WAVES ’98

4 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / Arab/e // DREHBUCH UND REGIE Kelly Ali, Alaa Hassan Saneed // KAMERA Ahmed

Libanon/Katar 2015

Aboub // SCHNITT Kelly Ali. THE CURVE 81 Min / Farbe / DCP / OV/e // REGIE Rifqi Assaf // DREHBUCH Rifqi Assaf, nach einer Story von Halim Mardawi und Rifqi ­Assaf // KAMERA Piotr Jaxa // MUSIK Suad Bushnaq // SCHNITT Doaa Fadel // MIT Ashraf Barhom (Radi), Fatina Laila (Laila), Mazen Moudam (Sami), Ashraf Telfah (Polizist), Hind Hamed (Krankenschwester).

CHILDREN OF GOD

YALLAH! UNDERGROUND

Irak 2013

Tschechien/Deutschland/GB/Ägypten/Kanada/ USA 2015

> The Silence of the Shepherd.

Der kleine Amir sitzt im Rollstuhl, ist aber körperlich aktiv und spielt begeistert Fussball. Um Geld zu verdienen, verkauft er Poster von Fussballstars. Als ein Spiel ansteht, in dem die Mädchen gegen die Jungen spielen, wettet Amir alle seine Poster auf den Sieg der Mädchen und hofft, so die Aufmerksamkeit von Mariam zu gewinnen.

WHEELS OF WAR Libanon/Katar 2015

> From A to B.

1998 wächst der Teenager Omar in den Vorstädten Beiruts auf. Er erforscht die vom Bürgerkrieg zerrüttete Stadt und stösst auf eine bizarre Erscheinung, die ihm neue Welten eröffnet. Doch wie bleibt er dabei seiner Heimat verbunden? Ely Dagher kombiniert fantastische Anima­ tionssequenzen, dokumentarisches Material und alle Nuancen dazwischen auf faszinierende Weise. Gewinner der Palme d’or 2015 in Cannes.

Zwischen 1975 und 1990 herrschte im Libanon ein Bürgerkrieg, der über 200 000 Tote forderte. Beirut war in zwei Lager geteilt: Muslime in Westbeirut gegen Christen in Ostbeirut. Besonders Jugendliche liessen sich von den gegensätzlichen Ideologien einnehmen und kämpften für diese oder jene Seite. Zu ihnen gehörten auch Ghassan, George, Jamal und Marwan, die ihre Jugendzeit sowohl in Ost- wie auch in Westbeirut verbrachten. Die vier Männer haben inzwischen auf ungewöhnliche Weise zum Frieden mit dem Kriegsgeschehen und mit sich selbst gefunden: im ersten Harley Davidson Club des Nahen Ostens. Heute brettern sie auf ihren Motorrädern über die libanesischen Landstrassen, nicht mehr als Feinde, sondern als Freunde – und als resolute Gegner jeglicher Ideologien, die Bevölkerungsteile gegeneinander aufwiegeln.

Eine neue Generation von nahöstlichen Musikern, Sängerinnen, Rappern und Kunstschaffenden meldet sich zu Wort und erzählt, was für sie Kunst und Musik bedeutet und wie sie sich damit durchschlägt. Zwischen 2009 und 2013 hat Farid Eslam ihre Arbeit dokumentiert, ihre Träume und Ängste in turbulenten Zeiten, von Beirut, Kairo und Amman bis nach Ramallah. Am meisten Aufmerksamkeit widmet der Film dabei Zeid Hamdan, der als Gründer der alternativen Musikszene im Libanon gilt und mit der Zensur zu kämpfen hat. Beeindruckend sind aber auch die Musikerinnen und Sängerinnen, die sich nicht nur gegen repressive religiöse und sittliche Vorstellungen wehren müssen, sondern gleichzeitig mit der allgemeinen Sexualisierung der Rockszene zu kämpfen haben. Yallah! Underground gibt einen bisher unbekannten Einblick in die arabische «Untergrund»Musik- und Kunstszene und punktet mit vielen Live-Darbietungen. Dazwischen wird auch über die politischen Veränderungen und die damit einhergehenden Hoffnungen und Enttäuschungen diskutiert. WAVES ’98 15 Min / Farbe / Animationsfilm / DCP / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Ely Dagher. YALLAH! UNDERGROUND

CHILDREN OF GOD

85 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / OV/d // DREHBUCH

9 Min / Farbe / DCP / Arab/e // DREHBUCH UND REGIE ­Ahmed

UND REGIE Farid Eslam // KAMERA Prokop Soucek //

Yassin // KAMERA Nashwan Ali // SCHNITT Ahmed Yassin,

SCHNITT Jakub Vomacka // MIT Zeid Hamdan, Tamer Abu

Medoo Ali, Zainab Al-Hariri // MIT Amir Hadi, Hawara Alkhuza.

Ghazaleh, Karim Abdel Eissa, Marc Codsi, Mayaline Hage, Maii Waleed Yassin, Ostaz Samm, Ousso Lotfy, Shadi Zaqtan, Wa-

WHEELS OF WAR

laa Sbait, Bruno Cruz, Ibrahim Farouk, Amer Shomali ­Donia

57 Min / Farbe / Dokumentarfilm / DCP / Arab/e // DREH-

Massoud, Mahmoud Radaideh, Mohamed Safi, Hiba Mansouri.

BUCH, REGIE UND SCHNITT Rami Kodeih // KAMERA Ahmad

> The Lover.

Dakroub // MIT Ghassan Haidar, George Jreije, Jamal

Texte sofern nicht anders vermerkt: Michelle Wolf (IAFFZ)

Kahwaji, Marwan Tarraf.

und Michel Bodmer (Filmpodium)


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21 Jean Gabin

Ein Schauspieler mit Klasse Sei es als Prolet, Ganove oder Deserteur: Jean Gabin (1904 –1976) gehört zu den prägenden Figuren des französischen Kinos zwischen der frühen Tonfilmzeit und den 1970er Jahren. Die Filme, die er mit Marcel Carné, Julien Duvivier und Jean Renoir gedreht hat, sind legendär. Ab den 1960er Jahren wusste er sich durch seine Zusammenarbeit mit aufstrebenden Stars wie Alain Delon und Jean-Paul Belmondo auch den Zugang zum jungen Publikum zu sichern. Er ist der Darsteller der Klassenzugehörigkeit. Egal, auf welche Periode seiner fünf Jahrzehnte langen Karriere man blickt – augenblicklich ist zu erkennen, welcher sozialen Schicht seine Figur angehört. Jean Gabin ist kein glamouröser, sondern ein populärer Filmstar. Nie wirkt er entrückt. Das Publikum im Kinosaal erwartete von ihm vielmehr, dass er es repräsentiert. Berühmt wurde er als einfacher Mann aus dem Volk, dessen Gutmütigkeit vom Leben auf die Probe gestellt wird. Als Proletarier mit Schiebermütze und Zigarette im Mundwinkel ist Gabin zu einer Ikone des Vorkriegskinos geworden. Diese Milieunähe hat auch eine politische Dimension: In La belle équipe verkörpert er die Aufbruchsstimmung der Volksfrontära und versucht, die Utopie von Gemeinschaftssinn und Solidarität zu verwirklichen. Nach dem Krieg, etwa in La traversée de Paris und Un singe en hiver, repräsentiert Gabin den Mythos vom heimlichen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Vor allem aber verleiht er der Klassenzugehörigkeit einen selbstverständlich gestischen Aspekt. Kein anderer Schauspieler verleitet sein Publikum so häufig dazu, ihm bei körperlicher Arbeit zuzusehen. Die Kehrseite beschwört er ebenso nachdrücklich: Keinem anderen Filmstar schaut man so oft dabei zu, wie er sich erschöpft ins Bett legt. Freilich erzählt seine Karriere auch von Aufstieg und Verbürgerlichung. Auch später, wenn er Kommissare, Hoteliers oder Patriarchen spielt, bleibt seine proletarische Herkunft eine Grundierung, die im Gedächtnis haften bleibt. Vertraglich zugesicherte Wutausbrüche Es hätte ganz anders kommen können. Der 1904 in Paris geborene Jean-­ Alexis Moncorgé begann mit Auftritten in den Folies Bergère; eine Laufbahn >

Der verliebte Fussballer: Du haut en bas (1933) < Der Schmuggler: La traversée de Paris (1956)

<

Der Bandenchef: Le clan des Siciliens (1969)


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23 als Revuestar stand ihm beinahe auch auf der Leinwand bevor: Er sollte die Nachfolge Maurice Chevaliers antreten, als dieser zu Beginn der Tonfilmära nach Hollywood ging. Tatsächlich ist in seinen frühen Filmen eine gewisse Leichtigkeit zu spüren. Der Legende nach jagte ihm die Kamera anfangs grosse Angst ein. Wie gut, dass sie ihrerseits Vertrauen zu ihm hatte und ihn dies bald merken liess. Er spürte, dass er seinem Instinkt folgen durfte, dass er gar nicht viel machen musste, ausser zu reagieren und seinen Leinwandpartnerinnen und -partnern aufmerksam zuzuhören; Licht und Schnitt würden den Rest erledigen. So ist in Julien Duviviers Pépé le Moko seine düster-romantische Leinwandpersona beinahe vollständig ausformuliert. Er ist ein proletarischer «homme à femmes», ein selbstgewisser, aber anfechtbarer und verletzlicher Verführer. Früh nutzte er seinen Starruhm, um über dieses Leinwandimage zu bestimmen. Angeblich liess er sich in jedem Vertrag eine Szene mit einem Wutausbruch zusichern, bei dem seine beherrschte Virilität in einen selbstzerstörerischen Furor umschlägt. Diese Zornausbrüche entlasten Gabins Figuren moralisch, denn sie werden seit La bête humaine nie mehr aus Kaltblütigkeit zum Mörder, sondern immer im Affekt. So scheint ihr Schicksal von ihnen selbst besiegelt; ihr Tod ist oft ein verbrämter Selbstmord. Das Publikum wartet geradezu darauf, dass ihr Lebenswille gebrochen wird. Dutzendweise schlug Gabin Angebote aus, um auf den nächsten Film von Marcel Carné, Julien Duvivier, Jacques Prévert oder Jean Renoir zu warten. Er wusste, was er ihnen schuldig war. Aus Loyalität legte er seinen Ruhm in die Waagschale, um schwer durchzusetzende Projekte wie Le quai des brumes und Le jour se lève zu ermöglichen. An den poetischen Fatalismus dieser Vorkriegsfilme konnte er nach dem Krieg nicht nahtlos anknüpfen. Ein Intermezzo in Hollywood (etwa Moontide, 1942, mit Ida Lupino), eine stürmische Liaison mit Marlene Dietrich und sein Dienst in der Armee hatten ihn verändert. Sein Gesicht wies nun Spuren der Resignation auf. Sein Haar war schlohweiss geworden und seine Stimme tiefer und verrauchter; seine Augen drohten, ihre Leuchtkraft zu verlieren. Dennoch gelang es ihm Anfang der fünfziger Jahre, den Pakt mit dem Publikum zu erneuern. Er wurde zu einer Institution, der sich Drehbücher und Regisseure unterordneten. Nun fehlte ihm oft ein Korrektiv. Abgesehen von Renoir, Duvivier und Jacques Becker suchte er sich kaum noch Regisseure, die sein Figurenspektrum erweiterten oder gar revidierten. Er bestimmte über Kameraleute und Partner. Die Dialoge liess er sich vorzugsweise von Michel Audiard auf den Leib schreiben. Der «acteur» wurde zum «auteur». Er schrieb seinen Mythos fort. Viele Filmauftritte knüpften an frühere Rollen an. In La bête humaine steht der Zug für die Unabwendbarkeit menschlichen Verhängnisses; demgegenüber lässt sich der Lastwagen in Des gens sans importance von seinem Fahrer selbstbestimmt anhalten.

Ein grosszügiger Rivale Gabin wusste freilich auch, dass das französische Starsystem nur in der Kombination funktioniert. Also verbündete er sich mit jenen Darstellern, die Anfang der sechziger Jahre das junge Publikum in die Kinos lockten: Jean-Paul Belmondo und Alain Delon. Mit ihnen war ihm eine Konkurrenz erwachsen, die er nicht ignorieren konnte. Auf der Leinwand jedoch ist von Rivalität nichts zu spüren. In Un singe en hiver entdeckt er zusammen mit Belmondo, dass sich auch ein Erwachsener noch kindisch benehmen darf. In Deux hommes dans la ville von 1973 wiederum zeigt er sich als Mitspieler, der Delon klug den nötigen Platz einräumt: zwei Kinomythen, die einander respektieren. Zu der Zeit hatte er längst einen Grenzbereich zwischen Routine und inspirierter Professionalität erreicht. Das traf sich mit der Müdigkeit seiner Figuren, die sich zu alt fühlen für Komplikationen. Mit ihrer Verbürgerlichung sind sie zynischer geworden, haben Schuld auf sich geladen, zumal als untreue oder achtlose Ehemänner. An die Stelle verzehrender Leidenschaften tritt die Gemächlichkeit. In Beckers Touchez pas au grisbi dauert der nächtliche Imbiss der Gangster länger als die finale Schiesserei. Gabin setzt diese Behäbigkeit strategisch ein, schreibt seinem jeweiligen Gegenüber das eigene Tempo vor. Seine Rolle in Le clan des Siciliens demonstriert, wie viel dramaturgisches Gewicht diese erworbene Autorität hat. Seine späten Figuren legt er, auch dies ein Reflex auf frühere Rollen, oft als gefallene Humanisten an, die unnachgiebig studieren, wie tief der Mensch sinken kann. Umso erstaunlicher ist das Vertrauen, das er als Bewährungshelfer in José Giovannis Deux hommes dans la ville dem ehemaligen Bankräuber Delon entgegenbringt. Nun ist das Alter die tragische Bestimmung seiner Figuren. Niederlagen und Triumphe nehmen sie mit der gleichen Gelassenheit hin. Gabins Züge werden regloser. Die Lippen presst er meist missmutig aufeinander. Damals hiess es, er sei der Traum jedes Synchronsprechers, weil er beim Reden den Mund kaum aufmache. Lebhaft wird sein Ausdruck nur noch aus Verdrossenheit. Ein insistierendes Kopfschütteln, weit aufgerissene Augen unter bedrohlich hochgezogenen Brauen künden von seinem Unmut über den Lauf der Welt und über die menschliche Dummheit. Diesen knappen, unverhofften Eruptionen ist ein beträchtlicher mimischer Überschuss eigen; sie werden zum gesetzten Echo seiner Vorkriegswut. Aber auch da tat die Kamera gut daran, ihm zu vertrauen. Gerhard Midding

Gerhard Midding arbeitet als freier Filmjournalist in Berlin.


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Jean Gabin.

DU HAUT EN BAS Frankreich/Deutschland 1933 «Pabst produzierte etliche Filme in Frankreich, die meisten davon geprägt von seinen Stummfilm-Meisterwerken (…). Du haut en bas ist einer seiner am wenigsten bekannten Filme, eine sonderbar-kuriose Wiener Alltagsgeschichten­ Komödie, die auf charakteristische Weise auch das Interesse des Regisseurs an den Sorgen und Nöten von Frauen in einer männerdominierten Welt widerspiegelt. Im Gegensatz zum stark ­dramatischen Einschlag seiner früheren Filme ergreift dieser betont heiter für das weibliche ­Geschlecht Partei und macht sich über die Schwächen des vermeintlich stärkeren her.» (Metro Kinokulturhaus Wien, Mai 2016) «Ein junger Schauspieler, der bis dahin nur zweite Rollen gespielt hatte, wurde zum ersten Mal mit einer Hauptrolle betreut – Jean Gabin. Er, Michel Simon, Peter Lorre, Wladimir Sokoloff und Margo Lion bewiesen von neuem, wie gut Pabst Schauspieler leiten konnte.» (Rudolph S. Joseph, in: G. W. Pabst, Argon Verlag 1997)

> La belle équipe.

Reedition mit neuer digitaler Kopie

> La grande illusion.

> La bête humaine.

79 Min / sw / DCP / F/d // REGIE Georg Wilhelm Pabst // DREHBUCH Anna Gmeyner, Georges Dolley, nach dem Theaterstück von Bus Fekete (= Leslie Bush-Fekete) // KAMERA Eugen Schüfftan // MUSIK Marcel Lattès // SCHNITT Jean Oser // MIT Jean Gabin (Charles Boulla), Janine Crispin (Marie de Ferstel), Michel Simon (Maximilian Podeletz), ­ Margo Lion (Liliane Binder), Mauricet (Monsieur Binder), Wladimir Sokoloff (Monsieur Berger), Catherine Hessling (Paula), Peter Lorre (Strassenmusiker).

Vom jungen Rebellen zum alten Krieger Mo, 21. Nov, 18.15 Uhr: Einführung von Marius Kuhn Vor der Vorstellung von 19.15 Uhr führt der Filmwissenschaftler Marius Kuhn anhand von Ausschnitten in das Schaffen von Jean Gabin ein. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei späten Filmen, in denen sich Jean Gabin im neuen Umfeld der Nouvelle Vague zu behaupten hatte. Dauer ca. 45 Minuten.

LA BELLE ÉQUIPE Frankreich 1936

­ ewältigten Problemen. Eingewebt in diese Geb schichte sind für die Zeit der Volksfront cha­ rakteristische Strassenszenen, die einen dokumentarischen Charakter haben: Der Jubel in den Mietskasernen, die Tänze im Garten geben ein wenig die glückliche Stimmung wieder, von der die Franzosen nicht nur in Paris unter der Front populaire erfasst waren.» (Zeughauskino Berlin, Mai 2005) Reedition mit neuer digitaler Kopie 101 Min / sw / DCP / F/e // REGIE Julien Duvivier // DREHBUCH Julien Duvivier, Charles Spaak // KAMERA Marc ­Fossard, Jules Krüger // MUSIK Maurice Yvain // SCHNITT Marthe Poncin // MIT Jean Gabin (Jean «Jeannot»), Charles Vanel (Charles «Charlot»), Raymond Aimos (Raymond «Tintin»), Raphaël Médina (Mario), Micheline Cheirel (Huguette), Marcelle Géniat (ihre Grossmutter), Charles Dorat (Jacques).

GUEULE D’AMOUR Frankreich/Deutschland 1937 «Gueule d’amour feiert das Zusammentreffen von Filmemacher Jean Grémillon und Jean Gabin, den der Spitzname ‹Gueule d’amour› durch seine Karriere begleiten sollte. Frisch restauriert, zeigt dieses wunderbare Beispiel des volkstümlichen französischen Filmschaffens der 1930er Jahre die anti-heroische Seite Jean Gabins.» (Charlotte Pavard, festival-cannes.com, 12.5.2016) «Einer der schönsten Filme der Geschichte des Kinos aber bleibt Gueule d’amour. Von allen Frauen geliebt, verknallt sich der Soldat mit dem Übernamen ‹Gueule d’amour› in Madeleine, eine Halbweltdame, die ihn ins Verderben führt (…). Es ist die schönste Rolle von Gabin und der erste Film, in dem man ihn weinen sieht. Der Held des Volkes, der auf gewaltsame Tode abonniert war, verlässt hier die Leinwand hinter einem Zugfenster, mit nassen Augen, nachdem er auf dem Bahnsteig seinen Freund geküsst hat. Dieses absolute Meisterwerk des Melodrams der dreissiger Jahre ist damit weit entfernt davon, dem populistischen Kanon zu gehorchen und bildet die Ausnahme zur Regel.» (Olivier Père, arte.tv, November 2011) Reedition mit neuer digitaler Kopie 94 Min / sw / DCP / F/e // REGIE Jean Grémillon // DREHBUCH

«Eine Gruppe von Arbeitslosen, deren Anführer wieder einmal von dem beliebtesten Schauspieler der Front populaire – Jean Gabin – verkörpert wird, gewinnt in der Lotterie und baut ausserhalb von Paris ein kooperativ geleitetes Ausflugslokal auf. Zu einem Idyll vor den Toren der Stadt wird das kleine Lokal ‹Chez Nous› jedoch erst nach > Pépé le Moko.

Charles Spaak, nach dem Roman von André Beucler // ­KAMERA Günther Rittau // MUSIK Lothar Brühne // SCHNITT Jean Grémillon // MIT Jean Gabin (Lucien Bourrache, «Gueule d’amour»), Mireille Balin (Madeleine), Pierre Etchepare (der Hotelbesitzer), Henri Poupon (Monsieur Cailloux), Jean Aymé (der Kammerdiener), Pierre Magnier (der Kommandant), Marguerite Deval (Mme Courtois).


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Jean Gabin.

LA GRANDE ILLUSION Frankreich 1937

> Deux hommes dans la ville.

«Seltenheitswert hat im Kino ein Pazifismus ­jenseits von abschreckenden Kriegsszenen und süsslichen Friedensparolen. Renoirs Film über die Fluchtbemühungen französischer Offiziere aus deutschen Lagern des Ersten Weltkrieges bleibt eines der grandiosen Beispiele dieser Art (…). Da sind zwei französische Fliegeroffiziere, der proletarische Maréchal und der aristokratische Boëldieu, die (…) in ein erstes Kriegsgefangenenlager kommen, wo sie mit Landsleuten (…) einen Fluchttunnel graben. Und da sind die mitgefangenen Engländer und Russen sowie die deutschen Wachen und Vorgesetzten, die alle in knappen Szenen genauso prägnant und unparteiisch mitskizziert werden.» (Andreas Furler, Programmheft Filmpodium, April/Mai 2009) «Gabin, Fresnay, Dalio, Carette und andere zeigen fabelhafte Darbietungen, die nicht nur vom Publikum, sondern auch von Renoir geschätzt wurden.» (Ginette Vincendeau, Sight& Sound, Mai 2012) 114 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Jean Renoir // DREHBUCH

> Des gens sans importance.

> Le jour se lève.

Charles Spaak, Jean Renoir // KAMERA Christian Matras, Claude Renoir // MUSIK Joseph Kosma // SCHNITT Marguerite Renoir, Marthe Huguet // MIT Jean Gabin (Lieutenant Maréchal), Erich von Stroheim (Major von Rauffenstein), Pierre Fresnay (Captaine de Boëldieu), Marcel Dalio (Lieutenant ­Rosenthal), Dita Parlo (Elsa), Julien Carette (Cartier, der Schauspieler), Jean Dasté (der Lehrer), Gaston Modot (der Ingenieur), Jacques Becker (englischer Offizier).

PÉPÉ LE MOKO Frankreich 1937

weiss-Fotografie, die gekonnt die eigenwillige Atmosphäre des maurischen Altstadtviertels von Algier einfangen.» (prisma.de) 94 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Julien Duvivier // DREHBUCH Julien Duvivier, Henri Jeanson, Jacques Constant, nach einem Roman von Ashelbé (= Henri La Barthe) // KAMERA Jules Krüger, Marc Fossard // MUSIK Vincent Scotto, Mohamed Yguerbouchen // SCHNITT Marguerite Beaugé // MIT Jean Gabin (Pépé le Moko), Mireille Balin (Gaby Gould), Line Noro (Inès), Gabriel Gabrio (Carlos), Lucas Gridoux (Inspektor Slimane), Saturnin Fabre (Grossvater), Marcel Dalio (L’Arbi), Gaston Modot (Jimmy), Roger Legris (Max).

LA BÊTE HUMAINE Frankreich 1938 Lantier, Lokomotivführer mit Leib und Seele, wird der Geliebte von Séverine, der Frau des Bahnhofsvorstehers, der einen Mord begangen hat. Als Séverine Lantier anstiftet, ihren Ehemann zu töten, steuert das Drama auf eine Katastrophe zu. «Grosses Schauspielerkino ist dieses Melodram, ein antikes Drama im Eisenbahner-Milieu. Die atmosphärische Schilderung des Lebens in der Banlieue, die düsteren Hinterhöfe, die russgeschwärzten Hallen, der Krach der Maschinen und ein brodelnder ‹bal populaire› machen La bête humaine zum naturalistischsten Film Renoirs.» (Kino Arsenal Berlin, September 2007) «Die Motivierung der Charaktere ist bei Renoir viel besser (als in der Romanvorlage; Anm. d. Red.). Denn er begründet sie nicht aus der Psychologie, sondern aus der Metaphysik des Schauspielers. Was man auf der Leinwand sieht, ist nicht die Mordlust eines Lantier, sondern die von Gabin.» (André Bazin: Jean Renoir, 1977) 100 Min / sw / 35 mm / F/e // REGIE Jean Renoir // DREHBUCH

«Pépé le Moko ist ein französischer Gangster, der sich in der arabischen Altstadt von Algier versteckt und bei den meisten Diebstählen seine Hand im Spiel hat. Die Polizei ist machtlos, weil er sich in den unübersichtlichen Gassen, Innenhöfen und Dachterrassen stets der Verfolgung entziehen kann (…). Aber Pépé ist auch gefangen in der Kasbah, und die Polizei weiss, dass sie ihn nur ergreifen kann, wenn er sein Versteck verlässt.» (Günter Giesenfeld, Reclam Filmklassiker, Bd. 1) «Eine Paraderolle für Jean Gabin in einem der besten Filme Duviviers. Das im Geiste des poetischen Realismus atmosphärisch dicht inszenierte Gangstermelodram ist ein herausragendes Werk des französischen Kinos der dreissiger Jahre.» (Lexikon des int. Films) «Der brillante Film lebt durch die überzeugende Darstellung – allen voran der noch junge Jean Gabin – und die beeindruckende Schwarz> Le chat.

Jean Renoir, nach dem Roman von Émile Zola // KAMERA Curt Courant // MUSIK Joseph Kosma // SCHNITT Marguerite Renoir, Suzanne de Troeye // MIT Jean Gabin (Jacques Lantier), Simone Simon (Séverine Roubaud), Fer­nand Ledoux (Roubaud), Julien Carette (Pecqueux), Jacques Berlioz (Grandmorin), Jean Renoir (Cabuche), Blanchette Brunoy (Flore), Jenny Hélia (Philomène Sauvagnat), Gérard Landry (Henri Dauvergne), Colette Régis (Victoire Pecqueux).

LE QUAI DES BRUMES Frankreich 1938 «Mitten in der Nacht trifft in Le Havre ein Deserteur ein. In einer kleinen Hafenkneipe begegnet er der schönen Nelly, verliebt sich in sie und ge-


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Jean Gabin. rät dadurch in einen Streit zwischen ihrem Adoptivonkel und einem ihrer Verehrer. Carné kreiert mit seinem dritten Spielfilm ein Universum, schwarz und verträumt-romantisch zugleich, in dem utopische Träumereien die Zukunft ersetzen. Die kurzen Momente des Glücks umgibt der Regisseur mit einer Aura des Paradiesischen. Jean Gabin als schroffer und doch gefühlvoller Held wurde mit dieser Rolle zur Ikone.» (Tanja Hanhart, Programmheft Filmpodium, August/September 2009) «Le quai des brumes besitzt beinahe alle Qualitäten, die früher für das französische Kino ­standen. Gabin, der die Wurst mit dem Messer isst, mit dem Zigarettenstummel im Mundwinkel redet oder Brasseur eine runterhaut, verkörpert den sprichwörtlichen harten französischen Kerl – eine Figur so ikonisch wie Bogarts Sam Spade.» (Luc Sante, criterion.com, 19.7.2004) 91 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Marcel Carné // DREHBUCH Jacques Prévert, nach dem Roman von Pierre Mac ­Orlan (=Pierre Dumarchais) // KAMERA Eugen Schüfftan, Louis Page // MUSIK Maurice Jaubert // SCHNITT René Le Hénaff // MIT Jean Gabin (Jean), Michèle Morgan (Nelly),

Jaubert // SCHNITT René Le Hénaff // MIT Jean Gabin (Fran-

101 Min / sw / DCP / F/e // REGIE Henri Verneuil // DREH-

çois), Arletty (Clara), Jules Berry (Monsieur Valentin), Jacque-

BUCH Henri Verneuil, François Boyer, nach dem Roman von

line Laurent (Françoise, die Blumenverkäuferin), Jacques Bau-

Serge Groussard // KAMERA Louis Page // MUSIK Joseph

mer (Kommissar), Bernard Blier (Gaston), Marcel Pérès

Kosma // SCHNITT Christian Gaudin // MIT Jean Gabin (Jean

(Paulo), René Génin (Concierge), Mady Berry (seine Frau).

Viard), Françoise Arnoul (Clotilde Brachet), Pierre Mondy

TOUCHEZ PAS AU GRISBI Frankreich/Italien 1954 Die alternden Gangster Max und Riton sind unerkannt mit einer Millionenbeute entkommen. Sie möchten fortan als gewöhnliche Bürger leben. Doch Riton macht durch eine unvorsichtige Bemerkung eine Verbrecherbande auf sich aufmerksam. So endet der Traum vom bürgerlichen Glück. «Touchez pas au grisbi steht am Anfang eines neuen Genres, des französischen Unterweltfilms, der sich stilistisch bewusst als Film noir ausdrückt, in dem die Protagonisten keine amerikanischen Kopien sind, sondern eigenständige, einheimische, bürgerliche Gangster und Ganoven. (…) Mit Grisbi stand Gabin am Anfang einer fruchtbaren zweiten Karriere.» (Hans Gerhold: Kino der Blicke, Fischer Verlag 1989)

­Michel Simon (Zabel), Pierre Brasseur (Lucien), Robert Le Vigan (der Maler), Edouard Delmont (Panama), Raymond

94 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Jacques Becker // DREH-

­Aimos (Quart Vittel, der Clochard).

BUCH Jacques Becker, Maurice Griffe, Albert Simonin, nach dem Roman von Albert Simonin // KAMERA Pierre Montazel

LE JOUR SE LÈVE Frankreich 1939

// MUSIK Jean Wiener // SCHNITT Marguerite Renoir // MIT Jean Gabin (Max), Lino Ventura (Angelo Fraisier), Jeanne Moreau (Josy), René Dary (Henri «Riton» Ducros), Dora Doll (Lola), Paul Frankeur (Pierrot), Marylin Buferd (Betty), Delia

«Als der nächste Tag anbricht, ist er für François (Jean Gabin) bereits gelaufen. In seiner kleinen Wohnung, an dem kleinen Platz eines Industrievorortes von Paris, hat er sich verbarrikadiert, um der Polizei zu entkommen. Während er sich dort verschliesst, werden in Rückblenden die Ereignisse aufgezeigt, die ihn in diese Situation brachten. In erster Linie geht es um eine unglückliche Liebe, um zwischenmenschliche Beziehungen, die durch Armut, Ausbeutung und Abhängigkeit gekennzeichnet sind.» (Zeughauskino Berlin, Mai 2005) «Kein anderer französischer Star wird so oft am Ende seiner Filme getötet wie Gabin. Historisch ist es nicht ganz korrekt, gleichwohl ist man versucht zu glauben, dass für ihn die Rückblende erfunden wurde: Zum ersten Mal im französischen Kino erzählt in Le jour se lève ein Todgeweihter rückblickend von den Ereignissen, die ihn in die Isolation und den Freitod treiben.» (Gerhard Midding, Programmheft Stadtkino Basel, Januar 2012) 93 Min / sw / Digital HD / F/d // REGIE Marcel Carné // DREHBUCH Jacques Prévert, Jacques Viot // KAMERA Philippe Agostini, André Bac, Curt Courant, Albert Viguier // MUSIK Maurice

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Jean Gabin.

­(Pierrot Berty), Yvette Etiévant (Solange Viard), Dany Carrel

105 Min / sw / DCP / F/d // REGIE Henri Verneuil // DREH-

(Jacqueline Viard), Nane Germon (Mme Cussac, Clotildes

BUCH François Boyer, Michel Audiard, nach dem Roman von

Mutter), Lila Kedrova (Mme Vacopoulos), Robert Dalban

Antoine Blondin // KAMERA Louis Page // MUSIK Michel

­(Gilbert), Pierre Fromont (Brégie), Max Mégy (Philippe).

­Magne // SCHNITT Françoise Bonnot, Monique Bonnot // MIT Jean Gabin (Albert Quentin), Jean-Paul Belmondo (Gabriel

LA TRAVERSÉE DE PARIS Frankreich/Italien 1956 «Ein Film mit doppeltem Boden. Das, was das Publikum amüsiert belacht – die komischen Abenteuer zweier Männer, die ein schwarz geschlachtetes Schwein durch das nächtliche Paris der Besatzungszeit transportieren –, besitzt andererseits die Züge einer bitteren Parabel, die zu denken aufgibt.» (Ulrich Gregor, Filmkritik, 1957) «Die Hauptdarsteller sind Bourvil und Jean Gabin, die hier völlig gegen ihr Rollenklischee besetzt wurden: Bourvil hatte immer den sym­ pathischen Idioten gegeben, doch Autant-Lara (…) liess ihn einen pöbelhaften, grobschlächtigen Händler spielen. Gabin dagegen – bisher als populärer Darsteller von Arbeitern, Bürgerlichen, Polizisten und Gangstern bekannt – verkörpert einen geachteten und angesagten Kunstmaler, einen ebenso kultivierten wie weltgewandten Mann. Der Film zeichnet ein ätzendes Porträt von Frankreich unter der Okkupation.» (cinema.arte.tv)

Scala (Huguette), Daniel Cauchy (Fifi). 80 Min / sw / Digital HD / F/e // REGIE Claude Autant-Lara //

DES GENS SANS IMPORTANCE Frankreich 1956 «Ein gealterter Lastwagenfahrer geht eine Affäre mit einem Dienstmädchen ein, um seinem tristen Familienleben zu entkommen. Als er sich von seiner Frau trennt, um mit der Geliebten ein neues Leben zu beginnen, stirbt diese an den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs, den die junge Frau ohne das Wissen des Mannes durchführen liess. Der durch seine künstlerische Gestaltung, den Einsatz der Kamera und seine Lichtsetzung beeindruckende Film zeichnet eine bedrückende Atmosphäre von Ausweglosigkeit.» (Lexikon des int. Films) «Mit Jean Gabin und Françoise Arnoul brachte Henri Verneuil ein Paar auf die Leinwand, das glaubwürdig soziale und gesellschaftliche Probleme der Zeit verkörperte. Es sind Leute ohne Bedeutung, auf dem Weg ins Verderben. Ein perfekter Film über die Hoffnungslosigkeit in einer Zeit, da die Wunden des Krieges noch längst nicht alle vernarbt waren.» (Rolf Niederer, NZZ, 14.1.2002)

Jungtalent Belmondo mit dem Altstar Jean Gabin zusammen. Das ungleiche Paar verhalf der Tragikomödie dann auch zum erhofften Publikumserfolg.» (Programmheft Kino Xenix, November 2008)

Fouquet), Suzanne Flon (Suzanne Quentin), Gabrielle Dorziat (Victoria), Sylviane Margollé (Marie), Hella Petri (Georgina), Geneviève Fontanel (Marie-Jo), Paul Frankeur (Esnault).

LE CLAN DES SICILIENS Frankreich 1969 «Als Dank dafür, dass der Clan der ‹Sizilianer› seinen Ausbruch eingefädelt hat, gibt Sartet, ein gefährlicher junger Gangster, dem Patriarchen Vittorio Manalese einen guten Tipp, wie bei einer Schmuckausstellung ein schöner Coup zu landen wäre. (…) Der Überfall gelingt mit Sartets effizienter Hilfe. Doch der schöne Junge war so unvorsichtig, Jeanne, die Schwiegertochter von Vittorio Manalese, zu verführen. Ein solcher Verrat ist unverzeihlich.» (Histoire du cinéma français) «Gabin, Delon, Ventura und Verneuil trafen sich am Ende des Jahrzehnts zum ersten Mal im Film in einer Art Schwanengesang für Gabin: Le clan des Siciliens. (...) Einer der am perfektesten konstruierten Kriminalfilme.» (Hans Gerhold: Kino der Blicke. Der französische Kriminalfilm, Fischer Verlag 1989)

DREHBUCH Jean Aurenche, Pierre Bost, nach der Kurz­ geschichte von Marcel Aymé // KAMERA Jacques Natteau //

122 Min / Farbe / Digital HD / F/d // REGIE Henri Verneuil //

MUSIK René Cloërec // SCHNITT Madeleine Gug // MIT Jean

DREHBUCH Henri Verneuil, José Giovanni, Pierre Pelegri,

Gabin (Grandgil), Bourvil (Marcel Martin), Louis de Funès

nach einem Roman von Auguste Le Breton // KAMERA Henri

(Feinkosthändler Jambier), Jeannette Batti (Mariette Mar-

Decaë // MUSIK Ennio Morricone // SCHNITT Pierre Gillette

tin), Robert Arnoux (Marchandot).

// MIT Jean Gabin (Vittorio Manalese), Alain Delon (Roger Sartet), Lino Ventura (Kommissar Le Goff), Irina Demick

UN SINGE EN HIVER Frankreich 1962 «An der normannischen Küste: Albert Quentins Alkohol-Abstinenz geht auf ein Gelübde während der Bombardierung von Tigreville im Juni 1944 zurück. Damals schwor der Draufgänger und Säufer seiner Frau Suzanne, mit der er das Hotel Stella führt, den totalen Alkoholverzicht. Doch eines Tages steht der junge Gabriel Fouquet vor der Tür, der Albert an seine eigene Vergangenheit erinnert. Gabriel schwärmt von einer Geliebten in Madrid, tanzt Flamenco und spielt mitten auf der Strasse Torero und weckt so schnell die verschiedenen Gemüter des verschlafenen Ortes. (...) Henri Verneuil brachte in Un singe en hiver das

(Jeanne Manalese), Amedeo Nazzari (Tony Nicosia), Elisa ­Cegani (Maria Manalese), Sydney Chaplin (Jack).

LE CHAT Frankreich/Italien 1971 «Nach einem Roman von Georges Simenon hat Pierre Granier-Deferre mit Le chat das düstere Kammerstück einer erkalteten Ehe inszeniert, das ganz vom intensiven Spiel seiner charismatischen Hauptdarsteller lebt. Simone Signoret und Jean Gabin (...) zelebrieren hier auf beeindruckende Weise (...) ein giftiges Duell der Geschlechter um Abhängigkeit und Hass, für das sie 1971 bei der Berlinale beide mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurden.


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Jean Gabin. (...) Hier werden scheinbar belanglose Gesten und minimale Äusserungen der Mimik der Antagonisten akribisch fokussiert (...). Das ist grossartige französische Filmkunst, die fesselt, berührt und schonungslos die grossen Fragen hinsichtlich Liebe, Hass und Abhängigkeit aufwirft.» (Marie Anderson, kino-zeit.de, 2014) 86 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Pierre Granier-Deferre // DREHBUCH Pierre Granier-Deferre, Pascal Jardin, nach dem Roman von Georges Simenon // KAMERA Walter ­Wottitz // MUSIK Philippe Sarde // SCHNITT Jean Ravel, Nino ­Baragli // MIT Jean Gabin (Julien Bouin), Simone Signoret (Clémence Bouin), Annie Cordy (Nelly), Jacques Rispal (der Arzt), Nicole Desailly (die Krankenschwester). Leider ist von diesem Film (noch) keine Restaurierung greifbar, die verfügbaren Kopien sind in schlechtem Zustand. Da es sich aber um ein legendäres Schauspielduell handelt, ­haben wir uns entschieden, den Film trotz Farbschwund der Archivkopie für eine Vorführung ins Programm zu nehmen.

main Cazeneuve, ihm zur vorzeitigen Entlassung auf Bewährung zu verhelfen (…). Mit Cazeneuves Hilfe, der sich wie ein väterlicher Freund um ihn kümmert, bekommt der einstige Verbrecher allmählich wieder festen Boden unter die Füsse (…). Als ihm (…) Inspektor Goitreau, der ihn vor zehn Jahren verhaftet hatte, über den Weg läuft, ist es mit der Idylle vorbei. Für Goitreau ist und bleibt Gino ein Verbrecher.» (ard.de, 2012) «Gabin und Delon Seite an Seite zu besetzen, gleicht einer Einladung zu einem Intensivkurs in französischer Filmgeschichte (...). Trotz allen Unterschieden sind Melancholie und nur knapp unterdrückte Gewalt verbindende Elemente ihres Schauspielstils (...), sodass die beiden Stars genügend gemeinsame ikonische Chemie aufweisen, damit ihre Szenen die generationenübergreifende Stabsübergabe reflektieren.» (Fer­ nando F. Croce, slantmagazine.com, 23.8.2005) 100 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE José Giovanni // DREH-

DEUX HOMMES DANS LA VILLE Frankreich/Italien 1973

BUCH José Giovanni, Daniel Boulanger // KAMERA JeanJacques Tarbès // MUSIK Philippe Sarde // SCHNITT Françoise Javet // MIT Jean Gabin (Germain Cazeneuve), Alain Delon (Gino Strabliggi), Mimsy Farmer (Lucie), Michel Bou-

«Zehn lange Jahre hat Gino Strabliggi wegen Bankraubes hinter Gittern gesessen. Endlich gelingt es dem idealistischen Sozialarbeiter Ger-

ELENI HAUPT

NOÉ RICKLIN

quet (Inspektor Goitreau), Victor Lanoux (Marcel), Bernard Giraudeau (Frédéric Cazeneuve), Christine Fabréga (Gene­ viève Cazeneuve), Gérard Depardieu (junger Gauner).

ELISA PLÜSS

CHIARA CARLA BÄR

MARTIN HUG

Robby Müllers fiebrige Kamera in Lars von Triers Breaking the Waves steht den elegischen Bildkompositionen in Anthony Minghellas The English Patient gegenüber, die rauschhaften Aufnahmen aus Danny Boyles Drogentrip Trainspotting kontrastieren mit dem ironisch beobachtenden Blick des Kameramanns Roger Deakins in Fargo. In den unterschiedlichen Ästhetiken offenbaren sich in der Filmauswahl des Jahres 1996 Oppositionen: Während der dänische Regisseur kompromisslos die Formeln des Melodramas aufmischte und damit in Cannes reüssierte, erweckte Minghella mit der Verfilmung von Michael Ondaatjes Roman die epischen Melodramen Lean’scher Ausprägung zu neuem Leben und dominierte nicht zufällig mit neun Auszeichnungen die Oscarverleihung. Demgegenüber manifestieren sich die rastlosen Bilderstürme in Trainspotting zusammen mit dem Soundtrack zwischen Brit-Pop und Punk zu einem ebenso verstörenden wie einnehmenden Porträt einer Generation im Zeichen der Antriebslosigkeit und des Drogenkonsums, das Danny Boyle und die nun nicht mehr gar so junge Schauspielerriege um Ewan McGregor Anfang des kommendes Jahres mit T2: Trainspotting weiterschreiben werden. Weit vorsichtiger tastet sich die Kamera in Fargo an das Geschehen heran, um subtil die tragische Ironie hinter den Schicksalen seiner Charaktere herauszuarbeiten. In den trostlosen Weiten von Minneapolis eskalieren die Geschehnisse, färbt das Blut den Schnee rot und zeigt sich die für die Coen-Brüder typische Absurdität menschlicher Unzulänglichkeit in vollendeter Form. Ebenfalls mit einem beobachtenden Auge, das den vordergründigen Pomp von Versailles jedoch entlarvt, erinnert Patrice Lecontes Ridicule nicht von ungefähr an Stephen Frears’ Dangerous Liaisons. In den Blicken und Gesten zwischen den Protagonisten offenbaren sich die Abgründe am Hofe, die sich in den Dialogen nur andeuten. Marius Kuhn

Weitere wichtige Filme von 1996 Crash David Cronenberg, Kanada/GB Fire Deepa Mehta, Kanada/Indien Jenseits der Stille Caroline Link, D Kolja Jan Svěrák, Tschechien/GB/F La promesse Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Belgien/F Microcosmos: Le peuple de l’herbe Claude Nuridsany, Marie Pérennou, F/I/Schweiz Nacht der Gaukler Michael Steiner, Schweiz

Ein Film von STEFAN HAUPT

Nach dem gleichnamigen Roman von LUKAS HARTMANN, erschienen bei DIOGENES

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1996

Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen. R ­ eferenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2016 sind Filme von 1916, 1926, 1936 usw. zu sehen.

finsteres Glück www.finsteresglueck-film.ch

Das erste Jahrhundert des Films

Ab 17. november im kino 29.08.16 14:50

Pusher Nicolas Winding Refn, Dänemark Romeo + Juliet Baz Luhrmann, USA Scream Wes Craven, USA Secrets & Lies Mike Leigh, GB/F Shall We Dansu? Masayuki Suo, Japan Tesis Alejandro Amenábar, Spanien The Rock Michael Bay, USA Tierra Julio Médem, Spanien Un héros très discret Jacques Audiard, F


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Das erste Jahrhundert des Films: 1996.

BREAKING THE WAVES Dänemark 1996 «Die Protagonistin, die hochemotionale, strenggläubige Bess, gerät in diesem mythologischen Setting in das Spannungsfeld zweier unverein­ barer, indes jeweils patriarchal strukturierter Welten, zwischen denen die naive junge Frau zerrieben wird: die fundamentalistische Glaubensgemeinschaft ihrer Vorväter, (…) und die ‹neue Welt›, repräsentiert durch den weltläufigen Bohrinselarbeiter Jan (…). Bess heiratet Jan und erlebt in den Tagen nach der Hochzeit eine glückvolle Initiation in die Sexualität, in deren Zuge ihre emotionale Bindung an den Ehemann pathologische Züge annimmt. Als Jan zurück auf die Bohrinsel muss, scheint sie an dem Abschied zu zerbrechen (…). Nach einem tragischen Arbeitsunfall auf der Bohrinsel kehrt Jan tatsächlich zu Bess zurück – allerdings lebensgefährlich verletzt (…). Jan möchte, dass Bess ihr Leben, auch ihr sexuelles, ohne ihn weiterführt, ist sich jedoch im Klaren, dass die strenggläubige Frau ihm nie untreu werden würde. So macht er ihr begreiflich, dass er weiterhin an die Liebe glauben und sogar gesunden könne, wenn sie ihm von ihren erotischen Begegnungen mit anderen Männern berichtete.» (Antje Flemming: Lars von Trier, Bertz + Fischer 2010)

«Lars von Trier, bis dahin schlauer, postmoderner Arrangeur unterkühlter Horror- und Krimistücke, wendet sich dem Melodrama zu und verbindet tendenziell inkompatible Einflüsse von Dreyer bis Fassbinder zum überdimensionalen Hohelied der reinen Liebe.» (Christoph Huber, Österreich. Filmmuseum Wien, Mai 2002) «In seiner Ästhetik ist Breaking the Waves eine Fortsetzung des Konzepts von Lars von Triers Geister, ein unmittelbarer Flickenteppich der Wirklichkeit, der lediglich durchbrochen ist von Landschaftsbildern, deren Kitsch die durchgehende digitale Nachbearbeitung intensiviert hat (…). Breaking the Waves postuliert – ironisch, nicht satirisch – einen neuen Wunderglauben und führt einen Parallelismus ad absurdum, der für die Aufgeklärten naheliegt: Bess’ Postulat ‹Love is a mighty power› lautet in Dodos (Bess’ Freundin und Jans Pflegerin) Mund ‹Sickness is a mighty power›». (Daniel Hermsdorf, schnitt.de) 158 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Lars von Trier // DREHBUCH Lars von Trier, Peter Asmussen // KAMERA ­Robby Müller // MUSIK Joakim Holbek // SCHNITT Anders Refn // MIT Emily Watson (Bess McNeill), Stellan Skarsgård (Jan Nyman), Katrin Cartlidge (Dodo McNeill), Jean-Marc Barr (Terry), Adrian Rawlins (Dr. Richardson), Jonathan ­Hackett (Pfarrer), Sandra Voe (Bess’ Mutter), Udo Kier (Mann auf dem Fischkutter), Mikkel Gaup (Pits), Roef Ragas (Pim).

Das erste Jahrhundert des Films: 1996.

FARGO USA/GB 1996 Der Gebrauchtwagenhändler Jerry Lundegaard möchte mit Hilfe eines ausgeklügelten Plans an das Geld seines Schwiegervaters gelangen. Er heuert die beiden Gangster Showalter und Grimsrud an, um seine Frau zu entführen. Das Lösegeld, so ist es zumindest vorgesehen, steckt er selber ein und die Entführer erhalten eine schöne Summe. Ein simpler, aber riskanter Plan, der auch gehörig schiefgeht. Der Schwiegervater will nicht bezahlen und die überforderten Kidnapper werden in einen Mord verwickelt. Die Situation gerät endgültig ausser Kontrolle, als die schwangere Polizistin Marge Gunderson den Fall übernimmt und den dreien langsam auf die Spur kommt. Während Jerry versucht, seinen Plan noch zu retten, eskaliert die Situation zusehends. (vr) «Dabei ist Fargo natürlich alles andere als ein schlicht gestrickter Krimi mit herkömmlicher Täter-Opfer-Fahnder-Logik. Weit mehr reiht der ausgeklügelte Plot mit seinen überraschenden Wendungen in erster Linie dumme Zufälle aneinander, die jedoch zugleich eine eigentümliche Zwanghaftigkeit zu haben scheinen. Dabei gerät den Coens vor allem die Figur des Autoverkäufers Jerry zur eindrucksvollen Charakterstudie. Wie der stets korrekt gescheitelte Biedermann hier

unermüdlich zu retten versucht, was längst nicht mehr zu retten ist, und sich dabei immer tiefer in den Schlamassel verstrickt, ist bestes Psychokino (…). Das Faszinierendste an Fargo ist jedoch die Art und Weise, wie hier souverän inszeniert wurde, was eigentlich als unmöglich gilt: ein spannender Thriller, bei dem zwischendurch auch immer wieder herzhaft gelacht werden darf (…). Kurzum, ein filmisches Juwel, das alles zu bieten hat, was man von einem Kinobesuch erwarten darf und doch so selten serviert bekommt.» (Reinhard Lüke, film-dienst, 23/1996) 98 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Joel Coen, Ethan Coen (ungenannt) // DREHBUCH Joel & Ethan Coen // KAMERA Roger Deakins // MUSIK Carter Burwell // SCHNITT Roderick Jaynes (=Joel & Ethan Coen) // MIT William H. Macy (Jerry Lundegaard), Frances McDormand (Marge Gunderson),

Steve Buscemi (Carl Showalter), Peter Stormare

(Gaear Grimsrud), Harve Presnell (Wade Gustafson), Tony Denman (Scotty Lundegaard), Kristin Rudrüd (Jean Lunde­ gaard), John Carroll Lynch (Norm Gunderson), Larry Brandenburg (Stan Grossman), Bruce Bohne (Officer Lou).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1996.

RIDICULE Frankreich 1996 Die Handlung um den verarmten Landadeligen Ponceludon de Malavoy findet ihre Kulisse im pompösen Versailles des späten 18. Jahrhunderts. Ponceludon taucht in die höfische Welt des Scheins ein, um die königliche Bewilligung und Finanzierung für die Trockenlegung seiner versumpften Ländereien zu erhalten. Er wird Teil eines ständig währenden Spiels, das dem Gewinner Ansehen und dem Verlierer Lächerlichkeit einbringt. Dabei «macht Ponceludon die Entdeckung, dass er über eine Gabe verfügt, die in der Hofgesellschaft die höchste Währung darstellt: ‹bel esprit›, die Fähigkeit, im richtigen Moment das richtige Bonmot auf den Lippen zu haben und seine Konkurrenten aus dem Stegreif durch geistreiche Beleidigungen zu entwaffnen. Ponceludon sieht seine Chance, die Aufmerksamkeit des Königs zu erlangen. Wenn es ihm nur gelingt, in der Liebe zwischen der einflussreichen Madame de Blayac und Mathilde, der bezaubernden und willensstarken Tochter Bellegardes, zu wählen. Und wenn er es verhindern kann, in den Wortduellen zu Hofe die unterlegene Partei zu sein und sich dem gesellschaftlichen Todesurteil auszusetzen: der Lächerlichkeit, dem ‹ridicule›. (…)

Der schönste, hinterhältigste und intelligenteste Kostümfilm seit Stephen Frears’ Dangerous Liaisons.» (Thomas Willmann, artechock.de) «‹Seien Sie witzig, scharfzüngig und maliziös›, rät ihm der Marquis, ‹und lachen Sie nie über Ihre eigenen Scherze.› Der Baron wird unversehens erfolgreich; seine Ehrlichkeit wirkt wie Grobheit, und er lacht nicht, weil er sich seiner Scherze nicht bewusst ist. Er wird in den Kreis am Hofe aufgenommen, wo er lernt, dass im Liebeswerben wie auch in der Politik das Wort mächtiger ist als das Schwert. (…) Das Faszinierende an Ridicule ist, dass so viel von der Sprache abhängt und so wenig tatsächlich gesagt wird.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 6.12.1996) 102 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Patrice Leconte // DREHBUCH Rémi Waterhouse, Michel Fessler, Eric Vicaut // KAMERA Thierry Arbogast // MUSIK Antoine Duhamel // SCHNITT Joëlle Hache // MIT Charles Berling (Marquis Ponceludon de Malavoy), Jean Rochefort (Marquis de Bellegarde), Fanny Ardant (Mme de Blayac), Judith Godrèche (Mathilde de Bellegarde), Bernard Giraudeau (Abbé de Vilecourt), Bernard Dhéran (Monsieur de Montalieri), Carlo Brandt (Chevalier de Milletail), Jacques Mathou (Abbé de l’Epée), Urbain Cancelier (Louis XVI), Albert Delpy (Baron de Guéret), Marie Pillet (Charlotte), Bruno Zanardi (Paul).

Das erste Jahrhundert des Films: 1996.

THE ENGLISH PATIENT USA/GB 1996 «Italien in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs: Während ihre Kolleginnen die Zelte in der toskanischen Provinz abbrechen, erklärt die frankokanadische Krankenschwester Hana sich bereit, in einem verlassenen Kloster einen letzten, transportunfähigen Patienten zu pflegen: Der Mann ist nach einem Flugzeugabsturz am ganzen Leib schwer verbrannt und hat nur noch kurze Zeit zu leben. Da er das Gedächtnis verloren hat und nichts über seine Identität bekannt ist, nennt man ihn nur den ‹englischen Patienten›. (…) Während sich zwischen dem indischen Leutnant Kip und Hana eine zarte Liebe entwickelt, kehrt im Angesicht des Todes ganz allmählich die Erinnerung des Patienten zurück. Er vertraut sich Hana an, und in langen Rückblenden werden die romantischen und dramatischen Ereignisse geschildert, die schliesslich zu seinem Flugzeugabsturz führten.» (3sat.de, 2012) «Anthony Minghella hat in einem ebenso gross­artigen wie waghalsigen Wurf aus Michael Ondaatjes Buch einen eigenständigen Film gemacht, der die Poesie der Vorlage nicht zu kurz kommen lässt, aber gleichzeitig dem Kino ein aufwendig schillerndes, melodramatisches Epos

übergibt, wie es seit David Leans Zeiten nicht mehr vorgekommen ist.» (Franz Everschor, filmdienst, 4/1997) «In Zusammenarbeit mit dem Editor Walter Murch, den meisten als der Schnitt- und Tonmeister vieler Filme von Francis Ford Coppola (…) bekannt, entwickelte Anthony Minghella ein komplexes Montagenetz, das den Zuschauer Stück für Stück die zurückkehrenden Momente aus dem Leben des Patienten miterleben lässt. Jedes dieser memoriellen Puzzlestücke hat dabei eine Bedeutung für die Gegenwart. Das filmische Präsens und das Imperfekt der Erinnerungen wechseln sich in einem wohltemperierten Rhythmus ab und verdeutlichen ein weiteres Mal, dass Film selbst nicht nur ein Medium der Erinnerung und des Erinnerns ist.» (Frederik König, schnitt.de) 162 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Anthony Minghella // DREHBUCH Anthony Minghella, nach dem Roman von ­Michael Ondaatje // KAMERA John Seale // MUSIK Gabriel Yared // SCHNITT Walter Murch // MIT Ralph Fiennes (Graf Laszlo Almásy), Juliette Binoche (Hana), Kristin Scott ­Thomas (Katharine Clifton), Naveen Andrews (Kip), Willem Dafoe (David Caravaggio), Colin Firth (Geoffrey Clifton), ­Julian Wadham (Madox), Jürgen Prochnow (Major Müller), Kevin Whately (Sergeant Hardy), Clive Merrison (FenelonBarnes), Nino Castelnuovo (D’Agostino), Hichem Rostom (Fouad Bey).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1996.

Das kraftvolle Regiedebüt von Mirjana Karanovic´, die bei uns bekannt geworden ist durch ihre Hauptrollen in DAS FRÄULEIN und GRBAVICA sowie in Filmen von Emir Kusturica. Mirjana Karanovic´spielt auch die Hauptrolle in ihrem preisgekrönten Erstling und hat am Drehbuch mitgearbeitet.

a film by Mirjana KaranoviĆ

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05.10.16 13:46

TRAINSPOTTING GB 1996

NIONI O T N A O NGEL MICHELA

NOVEMBE R 2016

«Wir erfahren zunächst, wie ekelhaft unsere mittelständischen, konsumorientierten Verhaltensweisen sind. Erst dann beginnt der Film, seine Geschichte um fünf Kids aus Edinburgh zu erzählen. Mark hat sich gegen das Leben entschieden: ‹Meine Gründe? Es gibt keine Gründe. Wer braucht Gründe, wenn es Heroin gibt?› Sein wenig heller Freund Spud setzt sich ebenso gern einen Schuss, wenn er einen bekommen kann, während der niedliche, blonde Sick Boy am liebsten über die Qualitäten der verschiedenen Bond-Filme philosophiert. Bleiben noch die heroin­abstinenten Tommy und Begbie, der eine etwas verträumtverliebt auf dem Naturtrip, den anderen macht es nur high, Leute zu verdreschen. Ein explosives Quintett.» (Veronika Rall, epd Film, August 1996) «Die zahlreichen emotional aufwühlenden Szenen bilden den eigentlichen Kern, um die die Story nur lose geschlungen ist – eine Erzählweise, die deutlich mehr an menschlichen Befindlichkeiten und seelischen Zuständen als am Plot interessiert ist. Boyles Gespür für die szenische Potenz der Einstellungen (…), der psychedelische Einsatz von Licht- und Raumeffekten sowie

das luzide Spiel mit Brit-Pop von ‹Blur› bis ‹Pulp› vereinen sich zu einem kraftvollen Duktus, der vom ersten Augenblick an für sich einnimmt.» (Josef Lederle, film-dienst, 16/1996) «230 Szenen in 94 Minuten, eine äusserst bewegliche Kamera, die expressionistisch bunten Dekors von Kave Quinn, die von John Hodge kaum verdünnten, teils Tarantino-würdigen Dialoge aus Welshs Roman und starke Darsteller, die unter Danny Boyles Regie zur Geltung kommen, machen Trainspotting zu einem der intensivsten britischen Spielfilme aller Zeiten. Jenseits des ‹kitchen sink realism› hebt der Film streckenweise ab in surrealistische Sphären und findet zu einem psychischen Realismus, der ein zeitgenössisches Lebensgefühl authentisch wiedergibt.» (Michel Bodmer, Zoom, 8/1996) 94 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Danny Boyle // DREHBUCH John Hodge, nach dem Roman von Irvine Welsh // KAMERA Brian Tufano // SCHNITT Masahiro Hirakubo // MIT Ewan McGregor (Mark Renton, «Rent Boy»), Ewen Bremner (Daniel Murphy, «Spud»), Jonny Lee Miller (Simon Williamson, «Sick Boy»), Robert Carlyle (Francis Begbie), Kevin McKidd (Tommy MacKenzie), Kelly Macdonald (Diane Coulston), Peter Mullan (Swanney, «Mother Superior»), Eileen Nicholas (Mrs. Renton), James Cosmo (Mr. Renton), Shirley Henderson (Gail Houston), Irvine Welsh (Mikey Forrester).

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Remake

Night and the City (1950)

Night and the City (1992)

Der Roman «Night and the City» (1938) des britischen Autors Gerald Kersh wurde 1950 von Jules Dassin verfilmt; 1992 verlegte Irwin Winkler in seinem Remake das Geschehen vom London der Vorlage nach New York. Der mit allen Wassern gewaschene Antiheld Harry Fabian, der sich um jeden Preis Geltung verschaffen will, bot Richard Widmark und Robert De Niro Paraderollen.

Irwin Winklers Remake von Night and the City beruht auf einem Drehbuch des Schriftstellers Richard Price («Clockers»), der sich mehr an Dassins freier Verfilmung als an Kershs Romanvorlage orientiert. Harry Fabian ist nun ein windiger kleiner Anwalt in New York, der einen Einblick in die Mechanismen des grossen und korrupten Boxgeschäfts bekommt und sich in den Kopf setzt, das Boxen wieder zu den Leuten zu bringen und damit Geld zu scheffeln. Zunächst macht er sich aber den skrupellosen Box-Promoter «Boom Boom» Grossman zum Feind, und der Barbesitzer Phil, dessen Frau Helen ihn mit Harry betrügt, nimmt den Anwalt ebenfalls aufs Korn. «De Niro vermittelt grossartig die Getriebenheit, die Naivität und die aufkeimende Verzweiflung, die Harry unablässig auf Trab halten, sowie den Enthusiasmus, der notwendig ist, um die Leute breitzuschlagen, wider ihr besseres Wissen zu handeln. (...) Drehbuchautor Richard Price kennt sich in diesem Milieu aus und tischt jede Menge Sprüche aus dem Strassendschungel auf, die bestens in die Bars, Boxklubs und Gassen passen, in denen der Film spielt. Obschon viel weniger von diesem Film nachts spielt als im Original, lassen Regisseur Winkler und Kameramann Tak Fujimoto ihre Kamera ständig lauernd umherstreifen, mit einem scharfen Blick für schmuddelige, vielsagende Details. Das Ergebnis ist ein lebhaftes, raues und bedrohliches Bild des Lebens im heutigen New York.» (Variety, Todd McCarthy, 12.10.1992)

Im London der Nachkriegsjahre versucht der Amerikaner Harry Fabian mit allerlei dubiosen Geschäften und kleinen Betrügereien über die Runden zu kommen. Als er mit zwielichtigen Veranstaltern von Ringkämpfen zu tun bekommt, wittert er in diesem Sport eine Chance auf das grosse Glück. Doch um sich selbst in der Szene zu etablieren, muss Harry Geld auftreiben, und dafür ist ihm jedes Mittel recht. «In Harry Fabian, dem schnorrenden Vermarkter schäbiger Ringkämpfe in Jules Dassins tollem Film noir Night and the City von 1950, hat Richard Widmark seine beste Rolle gefunden; sie zeigt, wie geschmeidig und emotional wandelbar er als Schauspieler wirklich war. Hier schaukelt Widmark jenen hoffnungslosesten aller Noir-Topoi, die ‹sichere Sache›, durch eine Londoner Unterwelt, die sich zur Mausefalle verengt, und schlittert dabei mit voller Wucht von der Euphorie in die Verzweiflung. Seine Darbietung ist der reinste Jazz: Er trommelt mit den Händen, übt seine Schummeltricks und improvisiert flehende Schmeicheleien gegenüber Gimpeln und Gläubigern. Eine andere Figur beschreibt Harry grausam, aber gerecht als ‹Künstler ohne eine Kunst› – eine Beobachtung, die niemals für den Mann gelten könnte, der ihn verkörpert.» (Jim Ridley, The Village Voice, 19.8.2008)

NIGHT AND THE CITY / GB/USA 1950

NIGHT AND THE CITY / USA 1992

Reedition mit neuer digitaler Kopie

105 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Irwin Winkler //

95 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Jules Dassin // DREHBUCH Jo Eisinger, Austin Dempster, nach dem Roman von Gerald Kersh // KAMERA Max Greene // MUSIK Franz Waxman, Benjamin Frankel // SCHNITT Nick De Maggio, Sidney Stone // MIT Richard Widmark (Harry Fabian), Gene Tierney (Mary Bristol), Googie Withers (Helen Nosseross), Hugh Marlowe (Adam Dunn), Herbert Lom (Kristo), Francis L. Sullivan (Phil Nosseross), Stanislaus Zbyszko (Gregorius), Mike Mazurki (der Würger), Charles Farrell (Mickey Beer), Ken Richmond (Nikolas), Ada Reeve (Molly).

DREHBUCH Richard Price, nach dem Roman von Gerald Kersh // KAMERA Tak Fujimoto // MUSIK James Newton ­Howard // SCHNITT David Brenner // MIT Robert De Niro (Harry Fabian), Jessica Lange (Helen Nasseros), Cliff Gorman (Phil Nasseros), Alan King (Ira «Boom Boom» Grossman), Jack Warden (Al Grossman), Eli Wallach (Peck), Barry Primus (Tommy Tessler), Gene Kirkwood (Resnick).


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Filmpodium für Kinder

Torneranno i prati

Das pferd auf dem balkon

In Torneranno i prati schildert Regie-Altmeister Olmi in klaren Bildern die Erlebnisse eines Trupps Soldaten in der trügerischen Idylle einer winterlichen Front und gestaltet daraus eine Parabel über den Krieg.

Was geht da vor in Mikas Kopf? Ist Dana wirklich eine indische Prinzessin? Was wollen die Ganoven vom neuen Nachbarn Sascha? Warum ist die Zahl 6 unzuverlässig? Und wie ist das Pferd auf den Balkon gekommen?

TORNERANNO I PRATI / Italien 2014 76 Min / Farbe / DCP / I/d // DREHBUCH UND REGIE Ermanno Olmi // KAMERA Fabio Olmi // MUSIK Paolo Fresu // SCHNITT Paolo Cottignola // MIT Claudio Santamaria (der Major), Alessandro Sperduti (der junge Leutnant), Francesco Formichetti (der Hauptmann), Andrea Di Maria (der Maultierführer), Camillo Grassi (der Offiziersbursche), Niccolò Senni (der Vergessene).

«Am Anfang sind nur Stille und Schnee und das Licht des Mondes auf einer Hochebene. Der friedliche Anblick erweist sich jedoch als trügerisch, wir befinden uns an der Frontlinie in den italienischen Alpen während des Ersten Weltkriegs. Gerade herrscht Waffenruhe, ein Soldat singt für die eigene Einheit, für die Feinde und für sich selbst. (…) Die Schwarzweiss-Aufnahmen zeigen die Schönheit der Natur als verlorene Idylle und vermitteln einen Eindruck von der Verlorenheit der Soldaten. Ermanno Olmi erzählt von der Sinnlosigkeit des Krieges und berührt mit einem universellen Humanismus, der weder auf Religion noch auf Ideologien zurückgreift.» (Berlinale Journal 2015) Olmi, dessen Vater selber im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, «beschwört in seinem kurzen, aber effektvollen Torneranno i prati den Schrecken der Kriegshandlungen herauf und erweist sich damit unter den italienischen Regisseuren einmal mehr als Meister und Humanist. (...) Dieses aufwühlende Drama beschreitet den Pfad des Minimalismus mit niederschmetternder Wirkung. Szene für Szene wächst spürbar die Spannung. Es gibt hier nichts Neues, keine grossen Erkenntnisse über das Leiden der Soldaten an der Front, wie man es anderswo noch nie gezeigt hätte, doch die Intensität der zentralen Szenen ist fesselnd, nahezu schockierend. (...) Die abschliessende Sentenz, ‹Der Krieg ist eine hässliche Bestie, die durch die Welt zieht und nie stehenbleibt›, bringt den Geist des Ganzen auf den Punkt.» (Deborah Young, Hollywood Reporter, 11.2.2015)

Manchmal fühlt sich Mika, als wäre er von einem anderen Stern. Der Zehnjährige, der allein mit seiner Mutter lebt, hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus. Deshalb muss alles in seinem Leben pingelig genau durchstrukturiert sein. Wenn nicht, bekommt Mika einen Wutanfall. Darum hat er kaum Freunde. Nur Dana stört das alles nicht, sie ist schliesslich selbst nicht normal, sondern eigentlich eine indische Prinzessin. Eines Nachts steht auf einem Balkon von Mikas Wohnblock ein Pferd. Rasch freundet sich Mika mit dem Rennpferd Bucephalus und dessen Besitzer Sascha an. Dieser hat das Pferd bei einer Tombola gewonnen. Aber er hat auch Spielschulden, weshalb ihm gefährliche Gauner im Nacken sitzen. Um zu Geld zu kommen, will Sascha Bucephalus an den Schlachter verkaufen. Das können Mika und Dana keinesfalls zulassen. (pm)

DAS PFERD AUF DEM BALKON / Österreich 2012 89 Min / Farbe / DCP / D / ab 6 Jahren // REGIE Hüseyin Tabak // DREHBUCH Milan Dor, nach dem Kinderbuch von Milo Dor // ­KAMERA Peter von Haller // MUSIK Judit Varga // SCHNITT Fabian Rüdisser // MIT Nora Tschirner (Lara), Enzo Gaier (Mika), Nataša Paunović (Dana), Andreas Kiendl (Sascha), Bibiana Zeller (Hedi), Alexander Fennon (Toni), Margarethe Tiesel (Wirtin). Filmpodium für Kinder jeweils am Samstag um 15.30 Uhr. Im Anschluss an die Vorstellungen vom 26.11. und 10.12. wird ein Film-Workshop für Kinder angeboten. Die Teilnahme ist gratis, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich. Dauer bis ca. 18 Uhr. Weitere Infos: filmpodium.ch/kinderkino


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43 IOIC-SOIREEN

DIE UNTERWELT IM STUMMFILM

DO, 24. NOVEMBER | 20.45 UHR MI, 28. DEZEMBER | 17.00 UHR

THE PENALTY / USA 1920 87 Min / tinted / Digital HD / Stumm, engl. Zw’titel // REGIE

DR. MABUSE, DER SPIELER Deutschland 1922

Wallace Worsley // DREHBUCH Charles Kenyon, Philip

270 Min / sw / Digital HD / Stumm, dt. Zw’titel // REGIE Fritz

Lonergan [ungenannt], nach dem Roman von Gouverneur

Lang // DREHBUCH Fritz Lang, Thea von Harbou, nach dem

Morris // KAMERA Don Short // SCHNITT J.G. Hawks (unge-

Roman von Norbert Jacques // KAMERA Carl Hoffmann // MIT Rudolf Klein-Rogge (Dr. Mabuse), Alfred Abel (Graf Told),

Die Unterwelt, die Gangster und die Gross-

weils beschriebene soziale Gefüge, von

nannt), Frank E. Hull [ungenannt] // MIT Lon Chaney (Bliz-

stadt stehen im Zentrum der aktuellen

dem sich weitergehende Deutungen ablei-

zard), Charles Clary (Dr. Ferris), Doris Pawn (Barbara Nell),

Bernhard Goetzke (Staatsanwalt von Welk), Aud Egede Nissen

Jim Mason (Frisco Pete), Milton Ross (Lichtenstein), Ethel

(Cara Carozza, die Tänzerin), Gertrude Welcker (Gräfin Dusy

­Saison unseres langjährigen Stummfilm-

ten lassen. Sie werden zum Zeitbild, zu ei-

Grey Terry (Rose), Kenneth Harlan (Dr. Wilmot Allen), Claire

Told), Paul Richter (Edgar Hull), Robert Forster-Larrinaga

Partners IOIC, des Instituts für Incohären­te

ner Reflexion über Gesetzlosigkeit, Nacht-

Adams (Barbara Ferris).

(Spoerri), Hans Adalbert Schlettow (Georg, der Chaffeur),

Cinematographie, mit seinen ausserge-

lokale, Spielhöllen, Orgien, Anarchie und

wöhnlichen zeitgenössischen Live-Ver­

die Prostitution jener Zeit.

tonungen.

Fast immer gehen Gangsterfilme der Frage nach, warum ein Mensch zum Ver-

Wenn die frühesten Gangsterfilme wie The

brecher wird. Neben wirtschaftlichem Ab-

Great Train Robbery (USA 1903) noch im Wil-

stieg zählen zu den wichtigsten Ansätzen

­Georg John (Pesch), Anita Berber (Tänzerin im Frack). «When Satan fell from Heaven he looked for power in Hell.» (Zwischentitel aus dem Film)

Ein Bild der Zeit

Ein unerfahrener junger Arzt amputiert beide Beine eines

Dr. Mabuse ist ein Meister der Maske und Hypnose. Mit sei-

verunfallten Teenagers. Als dieser erfährt, dass die Opera-

nen mysteriösen Kräften manipuliert er die Börsen, um die

tion die Folge einer Fehldiagnose war, fällt er aus allen Wol-

Geschäfte und das Leben derjenigen zu zerstören, die in sei-

ken und schwört Rache. Jahre später ist er zum Verbrecher-

nen Augen der deutschen Wirtschaft zusetzen. Der dämoni-

könig Blizzard aufgestiegen, vor dem ganz San Francisco

sche Doktor und machtgierige Verbrecher kontrolliert das

zittert. Doch alle Machtgelüste haben nur ein Ziel, nämlich

Bewusstsein der reichen Müssiggänger, die ihr Geld in illegalen Spielcasinos verprassen, während draussen auf der

den Westen spielten, fokussierte sich das

etwa falsche Moral, Einflüsse in der Kind-

seine teuflischen Rachepläne ins Werk zu setzen …

Geschehen schon bald auf die moderne, in-

heitsentwicklung, ausländische Herkunft

Vertont wird der Film von Lina Allemanos TITANIUM RIOT.

Strasse Millionen Deutsche in Armut Hunger leiden.

Die kanadische Jazz-Trompeterin bespielt seit Jahren die

Nach dem grossen Erfolg der epischen Nibelungen-Ver­

dustrialisierte Grossstadt. Ein Ort also,

der Gangster oder einfach unglücklicher

internationalen Bühnen und macht nun auf ihrer Europatour

tonung im Dezember 2015 findet das Quartett um Iokoi, Bit-

dessen Anonymität die beste Vorausset-

Zufall. Allen gemeinsam ist eine Abwei-

Halt im Filmpodium. Das Quartett mit der eher unüblichen

Tuner, Dadaglobal und Steve Buchanan ein zweites Mal zu-

zung für das Treiben verbrecherischer Ban-

chung von der sozialen Norm, und somit

Instrumentierung Trompete, Synthesizer, Bass und Schlag-

sammen. Mit einer Unzahl von elektronischen Geräten

zeug versteht es, alle Register der Improvisation zu ziehen.

bewaffnet, schafft es das Quartett mühelos, wie ein ganzes

den bot. Diese Gangsterfilme waren ein Ab-

fordert der Gangsterfilm indirekt eine Ein-

bild der Zeit, zu der sie gedreht wurden; ein

haltung dieser Norm, damit man selber

zentraler Aspekt dieser Filme ist das je-

nicht zum Verbrecher werde.

Orchester zu klingen. Und um der Tradition treu zu bleiben, Vertonung: Lina Allemanos TITANIUM RIOT (Kanada)

gibt es auch dieses Jahr in der Pause ein leckeres Spanfer-

Lina Allemano (Trompete), Ryan Driver (Synthesizer), Rob

kel vom Grill und Baked Potatoes.

Clutton (E-Bass) & Nick Fraser (Schlagzeug) http://www.linaallemano.com

Vertonung: Iokoi, Bit-Tuner, Dadaglobal & Steve Buchanan Iokoi (Stimme, Elektronik), Bit-Tuner (Elektronik), Dada­

Die Europatour von TITANUM RIOT wird unterstützt von

global (Elektronik, Piano) & Steve Buchanan (Altsaxophon,

­Canada Council of the Arts und Ontario Arts Council.

E-Gitarre, Elektronik) http://iokoi.net/ http://bit-tuner.net/ https://soundcloud.com/dadaglobal http://stevebuchanan.net/

Do, 24. November, 20.45 Uhr

> The Penalty.

> Dr. Mabuse, Der Spieler.

Mi, 28. Dezember, 17.00 Uhr


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45 IMPRESSUM

SÉLECTION LUMIÈRE

THE GHOST WRITER In seinem Thriller The Ghost Writer rechnet

gleich verführerisch wirkt. Der Mann, der

Roman Polanski mit der Ära Tony Blair ab

für Klassiker wie Chinatown und Rosemary’s

und reflektiert über seine eigene Isolation.

Baby verantwortlich zeichnet (sowie na­

Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia

türlich für allerlei Nachrichten über sein

Williams und Kim Cattrall warten zwar

­Privatleben), verwandelt Robert Harris’ Po-

nicht auf Katelbach, aber in einem Cul-de-

litreisser über einen Ghostwriter, einen ehe-

sac sitzen sie allemal.

maligen britischen Premierminister und ein abgelegenes Haus auf einer Insel in ein

Ein junger Autor soll für viel Geld in Rekord-

schwelendes Quasi-Meisterwerk.» (Keith

zeit die umfangreichen, aber unlesbaren

Uhlich, Time Out New York, Februar 2010)

Memoiren eines britischen Ex-Premiers

«Polanski ist ein Zauberer, sein Film eine

umschreiben. Als er den Staatsmann, der

Synthese aus Harris’ solider Erzählung, ei-

mit seiner Entourage – einschliesslich sei-

nem Mamet-würdigen Sinn für die Schatten,

ner Mätresse und einer feindseligen Gattin –

die zwischen Worten lauern, und einer Drol-

abgeschieden auf einer Insel bei Boston lebt,

ligkeit, wie sie die meisten Regisseure nie-

besucht, findet sich der Ghostwriter bald in

mals in einen Thriller einbringen würden.»

Teufels Küche. Muss er um sein Leben ban-

(John Anderson, The Wall Street Journal,

gen wie sein glückloser Vorgänger?

19.2.2010)

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde PRAKTIKUM Valentina Romero // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Ascot Elite Entertainment Group, Zürich; Avalanche Productions, Paris; Beaver and Beaver, Beirut; Boubaker Boukhari, Abu Dhabi; The Bureau Sales, Paris; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin; Mohanad Diab, Gizeh; Dogwoof Global, London; The Festival Agency, Paris; Frenetic Films, Zürich; Gaumont, Neuilly sur Seine; Hollywood Classics, London; Human Film, Leeds; Image Nation, Abu Dhabi; Incognito Films, Paris; Institut Français, Paris; Kilogrambox, Barcelona; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Rami Kodeih, Beirut; Tarek Lakhdar-Hamina, Alger; MAD Solutions, Kairo; mec film (middle eastern cinemas), Berlin; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Raad Mu­shatat, Bagdad; National Film Organization, Damaskus; Park Circus, Glasgow; Pathé Films, Zürich; Red Star Films, Kairo; Roissy Films, Paris; Scottish Documentary Institute, Edinburgh; Mahmoud Shaker, Bagdad; Sola Media GmbH, Stuttgart; Stray Dogs, Paris; Studiocanal, Berlin; Tamasa Distribution, Paris; Thank You & Good Night Productions, Ixelles; The Imaginarium Films, Amman; trigon-film, Ennetbaden; Wide Management, Paris. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Däuber // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

«Wir haben uns so an überspitzte Schocker gewöhnt, dass der beherrschte Stil ei-

★ am Dienstag, 13. Dezember, 18.15 Uhr:

nes Filmemachers wie Roman Polanski so-

Einführung von Julia Marx

VORSCHAU 14. Stummfilmfestival

China Independent 2017

Das Stummfilmfestival erreicht die Jahre

Parallel zur gleichzeitig stattfindenden Aus-

1917 und 1927. Stars wie Charles Chaplin,

stellung «Hinter jedem Berg steht noch ein

Mary Pickford und Laurel & Hardy kommen

Berg» im Helmhaus nehmen wir das Kon-

mit und ohne Slapstickkomik und Torten-

zept unserer Reihe «China Independent»

schlachten zur Geltung. 1927 tauchen so

aus dem Jahr 2013 wieder auf. Für chinesi-

grosse Regienamen auf wie Frank Borzage,

sche Filmschaffende, die unabhängig von

René Clair und Boris Barnet. Als Special

staatlichen Zwängen ihre Heimat und die

Events mit Live-Begleitung stehen u.  a.

aktuelle Situation ihrer Landsleute reflek-

die Douglas-Fairbanks-Komödie When the

tieren wollen, bleibt es schwierig. In China

Clouds Roll By und Shooting Stars von An-

selbst sind sie unsichtbar, während sie im

thony Asquith auf dem Programm. 1927

Westen auf allen wichtigen Festivals prä-

128 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Roman Polanski // DREHBUCH Robert Harris, Roman Polanski, nach dem Roman

bringt auch den ersten Tonfilm der Filmge-

sent sind. Mal mit einfachsten Mitteln ge-

«The Ghost» von Robert Harris // KAMERA Pawel Edelman // MUSIK Alexandre Desplat // SCHNITT Hervé de Luze // MIT

schichte, Alan Croslands The Jazz Singer;

machtes, rohes und freches Filmschaffen,

dazu zeigen wir moderne «Stummfilme»

mal mit hohem künstlerischen Anspruch

aus den letzten Jahren.

realisiertes «Kino von unten».

THE GHOST WRITER / Frankreich/Deutschland/GB 2010 Ewan McGregor (der Ghostwriter), Pierce Brosnan (Adam Lang), Olivia Williams (Ruth Lang), Kim Cattrall (Amelia Bly), Tom Wilkinson (Paul Emmett), Robert Pugh (Richard Rycart), Jon Bernthal (Rick Ricardelli), Timothy Hutton (Sidney Kroll), James Belushi (John Maddox).


#NocturnalAnimals

DECEMBER 22