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FALTER

Nr. 28a/15

ImPulsTanz 15

Miguel Gutierrez in „FUCKMEGUNTERBRUSBRUSGUNTERMEFUCK“ / Foto: Miguel Gutierrez

Vienna International Dance Festival

Tanz den Aktionismus ImPulsTanz geht ins Museum Macht uns die Duncan Junge Choreographen bearbeiten die Tanz-Geschichte Service Workshop-Tipps, Performance-Lexikon Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2507/2015

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2479/2014


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F o t o s : M a u r i c e K o r b e l , M a x B i s k u p , T a n z t h e a t e r W i e n , G e r h a r d F L u d w i g , C h r i s t o p h L e p k a , U r s u l a K a u fm a n n

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Vorwort

Inhalt

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Welt tanzt und Wien tanzt mit Ein Sommer wie noch nie: Wie das Festival ImPulsTanz die Stadt verändert   



christopher wur mdobler

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20 Spätestens wenn vor den Theatern der Stadt (und heuer auch vor drei Museen) die Fahrradabstellplätze knapp werden und schöne, hipp gekleidete Menschen zwischen angesagten Hotspots pendeln, wird klar: ImPulsTanz ist da. Das Festival, das Tanzen und Tanzenlassen auf unnachahmliche Art miteinander verbindet. Fixer Bestandteil des Vienna International Dance Festival ist, dass der Falter ein Special zu ImPulsTanz herausbringt; ein Sonderheft mit der Aufgabe einerseits, die Künstlerinnen und Künstler zu würdigen, die beim Festival auftreten, deren Arbeiten zu erklären. Und andererseits auch Lust zu machen auf den Ausnahmezustand, der den Sommer in der besten Stadt der Welt noch ein bisschen besser macht. In dieser Ausgabe erklärt uns zum Beispiel der Tanzkritiker Helmut Ploebst, warum und wie auffällig viele Tanzschaffende sich der Tanzgeschichte annehmen – allen voran das großartige Wiener Tanzwunder Florentina Holzinger und ihr Bühnenpartner Vincent Riebeek (Seite 6). Veronika Krenn hat sehr viele Texte für dieses Heft geliefert, unter anderem den Bericht ihres Selbstversuches im Workshopzentrum Arsenal im vergangenen Jahr. Sie beschreibt, wie der Tanz sich aktuellen Themen wie Krieg, Gewalt und Flucht widmet (Seite 10). 2015 findet ImPulsTanz auch in drei Wiener Museen statt: dem Weltmuseum, dem 21er Haus und dem Mumok. Dort traf Nicole Scheyerer die Kuratorinnen Eva Badura-Triska und Christine Standfest und sprach mit den beiden über die spannende Programm-Serie „Redefining Action(ism)“ (Seite 22). Etwas beigetragen zu dieser Ausgabe haben auch Doris Uhlich, Philipp Gehmacher, Christine Gaigg, Philippe Riera und Frans Poelstra. Im neuen Format „Tanzmenschen porträtieren Tanzmenschen“ – illusriert von PM Hoffmann – schreiben diese fünf Choreografinnen und Tanzmacher über ihre Lieblingskollegen (ab Seite 9). Ja, sie können auch schreiben!

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4 Der „Schönheitsabend“ von Holzinger/Riebeek und Co. Macht uns die Duncan: Über die neue Lust, die Tanzgeschichte zu plündern    6 Zurück in die Blackbox Wie Ian Kaler den theatralen Raum ausreizt. Plus: Volmir Cordeiro als Wannabe-Star   

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Tänzer einer Ausstellung Anne Juren und Philipp Gehmacher im 21er Haus. Plus: Doris Uhlich über Jonathan Burrows   

9 Geschichten der Gewalt Krieg, Gewalt, Flucht: Wie der Tanz sich an den brennenden Themen unserer Zeit abarbeitet    10 Das Tanztheater Wien ist wieder da Esther Balfe bearbeitet die legendäre Produktion „Schwanensee Remixed“ – ein Gespräch    13 Wer den Blues hat, braucht den Soul Ligia Lewis leistet Widerstand gegen die Spaßgesellschaft. Plus: Philipp Gehmacher über Barbara Kraus    Das Arsenal ist das Workshopzentrum von ImPulsTanz 250 Workshops, tausende Tanzbegeisterte und wir mittendrin. Plus: Interview mit Janet Panetta    Zitronismus ist der neue Aktionismus Die Performerin Akemi Takeya im Mumok. Plus: Christine Gaigg über Florentina Holzinger    Triff den Schamanen Viele ImPulsTanz-Produktionen setzen sich heuer mit dem Ritual auseinander   

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„Redefining Action(ism)“ im Mumok Performer von heute und Aktionen von gestern. Plus: Philippe/SUPERAMAS über Elisabeth B. Tambwe    Tanz geht ins Weltmuseum Wien Seit Wochen bereitet man sich dort aufs Festival vor. Plus: Interview mit Choy Ka Fai   

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Erstmals bei ImPulsTanz: das Serapions Ensemble Serapions’ „Anagó“ im Odeon. Plus: Die finnische Choreografin, Tänzerin und Musikerin Elena Pirinen   

27 Lexikon ImPulsTanz von A bis Z: alle Performances, alle Daten, alle Partys. Plus: Frans Poelstra über Akemi Takeya    28 Zugabe: Needcompany-Mann Maarten Seghers mit einem Musik-Solo Die Show „What do you mean what do you mean and other pleasantries“. Plus: der Prix Jardin d’Europe    30

Impressum Falter 28a/15 Herausgeber: Armin Thurnher. Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlags­gesellschaft m.b.H; Redaktion: Christopher Wurmdobler; Gestaltung und Produktion: Marion Großschädl, Raphael Moser; Lektorat: Helmut Gutbrunner, Patrick Sabbagh; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau. DVR: 0476986. Im Auftrag von ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.


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Tanzen

tanzen lassen und

Wien tanzt – und die Welt macht mit: Wie das Festival ImPulsTanz den Sommer in der Stadt verändert VORSCHAU: CHRISTOPHER WURMDOBLER

Die Tanzmaschine: Doris Uhlich & Dancers eröffnen das Festival im MQ mit „Hit The Boom“

Fotos: Daniel Got tschling, Impulstanz (2), G. Soulek, J. Lut z

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er freut sich schon auf die ImPuls-Tanz-Eröffnung mit der Tanzmaschine Doris Uhlich im Museums­quartier? Alle! Doris Uhlich zählt zu den wichtigsten und erfolgreichsten Tanzarbeitern interna­ tional. „Hit The Boom“ heißt der Abend, den sich die Choreografin für die Festivaleröffnung ausgedacht hat. Gemeinsam mit ihrer 20-köpfigen Truppe wird Uhlich, die auch als DJ hinter den Turntables aktiv ist, am 14. Juli den Haupthof im Museumsquartier zum Epizentrum energetischer Körper und treibender Beats machen: Schüttel, was du hast, denn du bist kein Brett. Sommer ist. Und mehr: ImPulsTanz steht an. Das bedeutet, dass wieder eine Menge exzentrischer Gestalten auf pinken Tanzrädchen unterwegs sein werden. Dass viele gutgelaunte Menschen in lauen Nächten vor und in Theatern – und heuer auch Museen – stehen oder sitzen, von Performance zu Performance eilen. Dass man im Zuschauerraum vielleicht neben der Person Platz nimmt, die man gerade gestern noch


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1  21er Haus

2  Akademietheater

3  Arsenal & Probebühne Burgtheater

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4  Burgtheater Vestibül

5 10

5  Grelle Forelle

6  Kasino am Schwarzenbergplatz

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4 12 7, 8 2 11 6 1

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8 Museumsquartier

7   Mumok

F o t o s : , K . M i e r n i k ( 3 ) , W u r m d o b l e r ( 2 ) , W e l t m u s e u m , s c h a u s p i e l h a u s , P. B e r g e r

9 Odeon

10  Schauspielhaus

auf der Bühne bewundert hat. ImPulsTanz bedeutet aber vor allem, dass Kunst, Party, Exzess und Spaß, im Idealfall sogar alles zusammen, passiert und Wien wieder für fünf Wochen die Schaltzentrale der internationalen Tanzwelt ist. Das Gute daran: Man muss überhaupt kein exzentrischer Tanzmensch mit pinkem Tanzrädchen sein, um sich für dieses Festival zu begeistern. Die Welt tanzt – und Wien macht einfach mit. Ein Programmschwerpunkt des Performance-

Festivals liegt diesmal auf österreichischer Choreografie, was wohl auch finanzielle Gründe hat. Dass bis auf ein paar Ausnahmen die großen Namen fehlen („sie lassen schön grüßen“, richtete Festival-Direktor Karl Regensburger bei der ImPulsTanzPressekonferenz vor einigen Wochen fröhlich aus), ist auch eine Chance, Neues zu entdecken. Das Angebot ist riesig wie immer: 45 Compagnien und Künstler werden heuer in fast 120 Einzelveranstaltungen 55 Produktionen zeigen; davon sind allein 30 Positi-

So viele Schauplätze wie nie: Ganz Wien ist ImPulsTanz

Festival-Eröffnung mit Uhlich & Dancers 14.7., 21.30 Uhr, Museumsquartier Haupthof (Eintritt frei) Universal Dancer 25.7. u. 8.8., 23.59 Uhr, Grelle Forelle Mezzanin 27.7., 20.30 Uhr, 1.8., 22 Uhr u. 3.8., 20 Uhr, Odeon Werkstätten

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onen Uraufführungen. Wie jedes Jahr wird das Arsenal wieder zum Selbsttanzzentrum; von 260 Workshops richten sich 100 an Einsteiger jedes Alters. Auch hier kann man tanzen und tanzen lassen: Neugierige können auch einfach nur zuschauen und sich von der Begeisterung anstecken lassen, die im Arsenal herrscht. Aber diesen Sommer bringt ImPulsTanz Performance und Tanz auch an Orte, wo sonst nicht so wahnsinnig viel getanzt wird. Okay, die Grelle Forelle am Donaukanal zählt zu den beliebtesten Clubs Europas (weshalb Doris Uhlichs Ravemaschine „Universal Dancer“ in der Club-Version dort auch hervorragend hinpasst). Aber Tanz im Museum? Gleich drei große Institutionen – Mumok, 21er Haus und das eigentlich bis 2018 wegen Renovierung geschlossene Weltmuseum Wien – sind wichtige Schauplätze des Festivals. Nicht nur wegen der eindrucksvollen Räumlichkeiten: Viele Künstlerinnen und Künstler erarbeiten vor Ort und mit dem Ort ihre Performances. Sie holen sich wie im Falle des Weltmuseums mit Unterstützung von Ku-

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ratorinnen Artefakte aus den Depots. Oder sie gehen in der Programm-Serie „Redefining Action(ism)“ im Mumok konkret auf die laufende Aktionisten-Ausstellung „Mein Körper ist das Ereignis“ ein. Man kann gespannt sein. ImPulsTanz zeigt heuer auch Tanz im Wuk und macht die Probebühne des Burgtheaters im Arsenal zum Schauplatz wilder Dance-Battles. Und man lässt den Backstagebereich des großartigen Odeon-Theaters bespielen: Lisa Hinterreithner und Jack Hauser werden mit ihrem Projekt „Mezzanin“ das Publikum in den Raum unter der Bühne, die Werkstätten, das Lager und den Fundus im Mezzanin des ­Odeon führen. So viele Orte schaffen Bewegung, die Tanz-Pendlerinnen und Pendler durchkämmen die Stadt. Und, ach!, natürlich findet Theater auch im Theater statt: Akademie, Kasino, Schauspielhaus sind bewährte Spielstätten von ImPulsTanz. Das Burgtheater ebenfalls. Im Vestibül ist wieder die Festivallounge installiert, wo das muntere Tanzvolk das tut, was es am besten kann: durchtanzen. F


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Isadora Duncan hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts den modernen Tanz mitbegründet und wird gerade von einer neuen Generation entdeckt

s e x y So

ist die

Tanzgeschichte K

eine Zweifel an der Sexiness von Tanzgeschichte hegen die jungen Choreografierenden Florentina Holzinger & Vincent Riebeek, Rani Nair und João dos Santos Martins. Und sie sind damit nicht allein. Woher kommt dieser Wandel vom Aschenbrödel zur begehrten Braut? Ein Blick in die Geschichte der jüngeren zeitgenössischen Choreografie hilft weiter. Die Tanzgeschichte hat ein Problem: Ihre wertvollsten Objekte, die Stücke selbst, existieren nur im Moment ihrer Aufführung und werden gnadenlos von der Zeit verweht. Außerdem wurde der Tanz bei uns lange Zeit selektiv und eurozentristisch historiografiert. Heute ist alles im Umbruch: Der westliche Tanz hat sich seit den 1960erJahren radikal erweitert. Das beschert ihm eine diskursive Mobilität, die auch ein neues künstlerisches Feld erschließt: die Materialien der Tanzgeschichte. Aus diesem Neuland stammen definitiv Holzingers & Riebeeks „Schönheitsabend“ mit Wiedererweckungen von einigen der berühmtesten Tanzpaare des frühen 20. Jahrhunderts, Rani Nairs Solo „Future Memory“, die Geschichte eines geschenkten Tanzes, und Martins’ „Continued Project“, in dem unter anderem eine Tänzerin aus den Nebeln des Vergessens hervortritt, die 1925 ein „Schönheitsballett“ gegründet hat. In diesen drei Arbeiten, alle beim Festival ImPulsTanz zu sehen, geht es um etwas anderes als originalgetreues Re-Enactment vergangener Live-Kunst. Traditionell wird historischen Tanzstücken durch diverse Rekonstruktionsverfahren neue Präsenz eingehaucht. Das Ballett zum Beispiel hat sein klassisches Repertoire. So perpetuiert sich seine Wiedervergegenwärtigung mit dem Ziel, ein „Original“, zum Beispiel „Schwanensee“, so wiederherzustellen, dass es sich ästhetisch auch in die jeweilige Aufführungsgegenwart integriert.

Historische Investigation: Helmut Ploebst

Future Memory: 4.8., 20.30 Uhr und 6.8., 19 Uhr, Weltmuseum Continued Project: 5.8., 18 Uhr und 7.8., 21.30 Uhr, Odeon Schönheitsabend: 11.–13.8., 21 Uhr, Kasino

In „Future Memory“ bezieht sich Rani Nair auf ein Original aus den 1930er-Jahren

Die Tanzmoderne dagegen musste auf Rekonstruktionsverfahren und Repertoirebetrieb weitgehend verzichten, vor allem, weil das Geld dafür fehlte. Trotzdem gab es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seriöse Versuche, die manchmal gelangen, oft aber an ihren allzu museal auf bloße Wiederherstellung gedachten Methoden litten. eine neue Lust entwickelt, mit künstlerischen Objekten der Tanzgeschichte zu arbeiten: erstens in Form von originalnahen Wiederaufnahmen durch die Künstlerinnen und Künstler selbst wie zum Beispiel in den legendären Auftritten von Steve Paxton und Trisha Brown respektive Lisa Nelson mit Stücken aus den 1970ern bei ImPulsTanz 1994 und 1995. Oder, wenig später, im Zuge einer damals dringlich gewordenen Aufarbeitung der US-Tanz-Postmoderne durch die europäische konzeptuelle Choreografie. Dabei ging es entweder um das Einbeziehen des Kontexts einer Rekonstruktion in die Aufführung derselben (etwa bei der Pariser Gruppe Le Quatuor Albrecht Knust, die eine grandiose dokumentarische Wiedererarbeitung von Nijinskys „L’Après-midi d’un faune“ produzierte) oder um Kooperationen zwischen jungen und „historischen“ Künstlerinnen und Künstlern im Versuch, ein Werk gegenwartsrelevant zu übersetzen. So ist beispielsweise in den 1990er-Jahren Yvonne Rainers choreografisches Werk von Le Quatuor Albrecht Knust und Xavier Le Roy wiederentdeckt worden.

Zündstoff. Methodisch wurde mit Rekontextualisierung, Übersetzung, Zitat, Ableitung oder Appropriation, der Aneignung, gearbeitet. Und in der künstlerischen Wieder- oder Neuerarbeitung historischer Stücke spielten genau jene Unschärfen, Lücken und Unbekannten eine treibende Rolle, die originalgetreu sein sollende Rekonstruktionsversuche stören. Zu den wesentlichen Figuren auf den Testfeldern dieser neuen TanzgeschichtsChoreografie in Europa zählen neben Le Quatuor und Le Roy unter vielen anderen Boris Charmatz, Jérôme Bel, Eszter Salamon, Tino Sehgal, Anne Juren oder Doris Uhlich. Erwähnenswert sind aber auch etwa Georg Blaschkes Untersuchung an Andrei Jerschiks „Mensch im Wahn“ von 1929, die „Danses Libres“ nach François Malkovsky von François Chaignaud & Cecilia Bengolea oder der vielbejubelte „Mary Wigman Dance Evening“ (2009) des Ecuadorianers Fabián Barba. Auch Institutionen reagierten auf diese Tendenz. Im Jahr 2006 war die gemeinsame Kuratierung „wieder und wider: performance appropriated“ von Tanzquartier Wien und Mumok der neuen Selbstvergewisserung gewidmet. Mit dabei: Yvonne Rainer höchstpersönlich. Und die deutsche Kulturstiftung des Bundes initiierte 2011 gar einen mehrjährig laufenden „Tanzfonds Erbe“ zur besonderen Förderung von Arbeiten auf tanzhistorischer Basis. Dem zeitgenössischen Tanz geht es hier ganz klar um das Experiment mit bestehendem künstlerischem Material unter veränderten soziopolitischen Bedingungen.

Mit dem frischen Zugriff auf die Avantgarde

Eine neue Generation von Choreografieren-

Im Lauf der vergangenen 20 Jahre hat sich nun

der Sixties und Seventies wurde auch die Sexiness von Tanzgeschichte entdeckt. Bloße Rekonstruktion oder genialisch sein wollende Neuinterpretation verloren ihre Reize, aber die direkte Konfrontation des Gewesenen mit dem Gegenwärtigen sorgte für

den versucht sich auch auf diesem Gebiet. Unter diesen stößt sich der 1989 geborene Portugiese João dos Santos Martins direkt vom Auslöser der performativen Tanzgeschichte ab. Er bezieht sich auf die Wiederentdeckung von Yvonne Rainers choreogra-

F o tos: c at h e r in e G a ll a n t, I m r e Z si b r ik

Macht uns die Duncan (oder die Jane Fonda): Über die neue Lust, die Tanzgeschichte zu plündern


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fischem Werk in den 1990er-Jahren. In der bereits erwähnten Kooperation zwischen der Gruppe Le Quatuor Albrecht Knust und Xavier Le Roy wurde Rainers legendäres „Continuous Project-Altered Daily“ (1970) neu ins Leben gerufen und an mehreren Orten – auch in Wien – gezeigt. João dos Santos Martins kam nicht zufällig auf dieses Thema. Er tanzte vor vier Jahren bei einer Wiederaufnahme der Arbeit von Le Quatuor und Le Roy, und sein „Continued Project“ ist nicht weniger als eine Wiedervergegenwärtigung von Yvonne Rainers Klassiker. Das aber verbunden mit anderen historischen Materialien: von Isadora Duncan, der Mitbegründerin der amerikanischen Tanz-Moderne, über die erste deutsche Nackttänzerin Lola Bach bis hin zur amerikanischen Fitness-Actress Jane Fonda. Gearbeitet wird hier mit einem Füllhorn voller Zitate. Das Stück selbst zielt auf Fragen nach aktuellen Möglichkeiten kollektiven Handelns.

Foto: maurice korbel

Die Geschichte der wiederholten Übertragung

eines Tanzstücks verbirgt sich hinter dem Solo „Future Memory“ der Schwedin Rani Nair. Der 1932 durch sein Stück über den Krieg „Der grüne Tisch“ in die Geschichte eingegangene deutsche Choreograf Kurt Jooss (1901–1979) hatte 1975 nach langer choreografischer Abstinenz noch einmal ein Stück geschaffen. Es war ein Solo für die aus Indien stammende schwedische Tänzerin Lilavati Häger mit dem Titel „Dixit Dominus“. Dieses letzte Werk von Jooss übergab Häger, bevor sie starb, an Rani Nair. Das heißt, Nair hat den Tanz, wie Häger ihn in ihrem Körpergedächtnis gespeichert hatte, gelernt, und für „Future Memory“ ist sie von dieser Übertragung des Originals aus- und weggegangen. Rani Nair hat ­„Dixit Dominus“ vollständig zerlegt und zu einer ­Annäherung an die Migrantin Lilavati ­Häger umformuliert. Damit ist es ihr gelungen, die bisher marginalisierte Tänzerin vor die tanzhistorische Größe Jooss zu stellen. Kommen wir jetzt – um passenderweise Monty Python zu zitieren – zu etwas ganz anderem. Wenn wie zuvor von der Nackttänzerin Lola Bach (1900–1930) die Rede ist, dann liegt der Gedanke an die Berliner Bohèmienne Anita Berber (1899– 1928) nahe. Berber ist wie ihre Kollegin früh verblichen, hat sich aber, mit ihrem Partner Sebastian Droste, noch mehr gar manchen „Tänzen des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ gewidmet. Und damit auch im Wien der 20er-Jahre für großen Skandal gesorgt. Nun sind die Österreicherin Florentina Holzinger und der Niederländer Vincent Riebeek in ihrem „Schönheitsabend“ Partner des Lasters, des Grauens und der Ekstase, aber als Vaslav Nijinsky und Bronislava Nijinska in dem Ballett „Schehera­ zade“ auch exotische Ballettwesen. Dieser „Schönheitsabend“ nimmt den Exotismus vor allem des frühen 20. Jahrhunderts aufs Korn. Zu erwarten ist bei dieser Uraufführung ein „Flying Circus“ der Tanzgeschichte und ein Bad in einer Wolke aus Zitaten und Anspielungen. F

Tänze des Lasters im Jahr 2015: In „Schönheitsabend“ verweisen Florentina Holzinger & Vincent Riebeek auf die 1920er-Jahre

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Im pulstanz 15

Vom Star-sein-Wollen und Künstlerwerden Bettler, Bauer, Hure: Für sein neuestes Solo schlüpft Volmir Cordeiro nun in die Rolle eines Wannabe-Reality-Stars aufzufallen bis zur Lächerlichkeit, wo es keine Limits mehr gibt, die eigenen Gefühle und Wünsche Fremden mitzuteilen. „Inês“ ist also ein Stück über die Diktatur der Sichtbarkeit. Cordeiro problematisiert damit gleichzeitig auch die Figur des Künstlers, eines Künstler, wie er selbst gerade einer wird.

BERICHT: VERONIKA KRENN

is auf ein buntes Tuch um die Hüften nackt bewegt sich Volmir Cordeiro über B die leere Bühne. Um ihn herum scheint Par-

tystimmung zu herrschen, man hört Freudenschüsse, Tanzrhythmen und das Knallen von Feuerwerkskörpern. Die Geräusche dringen zu ihm vor, aber von der Freude um ihn herum scheint er ausgeschlossen. Der Brasilianer Cordeiro, der in Frankreich lebt, stellt in seinen Arbeiten mit expressiver Körperlichkeit bizarre Figuren dar und schlüpft dabei selbst in alle Rollen. Sein Hauptaugenmerk richtet der Tänzer auf die Marginalisierten der Gesellschaft: Die Figuren seines ersten Solos „Céu“ (2012) waren ein Bettler, ein Bauer, eine Prostituierte und ein Flüchtling. In „Inês“, seinem zweiten Solo, das ImPulsTanz als österreichische Erstaufführung zeigt, beschäftigt er sich nun mit einer Frau, die in einer Favela lebt. Eine Frau, die um jeden Preis Sichtbarkeit erlangen will, ein Star werden.

Der 1987 geborene Tänzer und Choreograf

Auffallen, aber um jeden Preis: Volmir Cordeiro in „Inês“

„Inês ist eine reale Frau“, erklärt Cordeiro die

Geschichte dieser Figur. „Ich habe sie im Internet gefunden, wo sie ihre Videos hineingestellt hat, in der Hoffnung, an einer Reality-Show teilzunehmen. Sie versucht es seit acht Jahren! Jedes Jahr verändert sich

Inês 26.7., 20.30 Uhr, 28.7., 19.30 Uhr, Schauspielhaus

ihr Körper: mehr Tattoos und schönheitschirurgische Eingriffe. Sie verändert auch die Ästhetik ihrer Videos.“ Die Beschäftigung mit dieser fast 60jährigen zweifachen Mutter, löste eine Bestürzung in Cordeiro aus, da er Gemeinsamkeiten zwischen sich, seiner Arbeit als Künstler und dieser Frau erkannte. „Meine Performance ‚Inês‘ ist kein Stück über diese Frau, sondern über die Gedanken, die in mir durch sie aufgekommen sind“, sagt er. „Es geht um Exposition und die Gefahr des Exponiertseins in einer hektischen Welt der Bilder.“ Cordeiro interessiert die Ambivalenz des Wunsches, sichtbar zu sein,

kommt aus einem kleinen Ort im Süden Brasiliens. Er studierte Schauspiel an der Universität in Rio de Janeiro und in Angers am Centre national de danse contemporaine und arbeitete unter anderem mit Lia Rodrigues, einer zentralen Figur des zeitgenössischen Tanzes in Brasilien. Sie hat das Probenzentrum ihrer Compagnie in eine Favela in Rio de Janeiro verlegt und damit politisch und sozial Position bezogen. Auch war Volmir Cordeiro an Xavier Le Roys Projekt „Retrospective“ beteiligt. Als Kind wurde er wegen seiner Art, sich zu bewegen, verspottet. Heute sieht er das aus einer anderen Perspektive: „Jetzt weiß ich, wie mächtig die Performativität ­meines Körpers damals schon war, und das hat mir geholfen, aus diesem Ort herauszukommen, in anderen Städten zu leben und zu ­studieren. Diese Form der Diskriminierung war prägend für mein Leben als Künstler.“ F

Soviel ist sicher: Nichts ist sicher Von der Galerie zurück in die Blackbox: Der intellektuelle Choreograf Ian Kaler reizt den theatralen Raum aus VERONIKA KRENN

it seinem Erstling „Save a Horse Ride M a Cowboy“ begann Ian Kaler 2010 seine steile choreografische Karriere, damals

– noch als Frau – unter dem Namen An ­Kaler. Seine Arbeiten loten die verschiedensten Raumverhältnisse und Körperzustände aus und können immer auch als Neuorientierung des Geschlechterverständnisses gelesen werden. Ian Kaler, der in Wien transmediale Kunst und am Berliner Tanz-Zentrum HZT zeitgenössischen Tanz, Kontext und Choreografie studiert hat, legt seine Arbeiten gerne als künstlerische Serien an.

„o.T. | (gateways to movement)“ heißt Ian Kalers neuestes Werk

Bei ImPulsTanz waren bisher „Insignificant

Others (learning to look sideways)“ und „Contingencies“ zu sehen. Der erste Teil seiner neuen Reihe „o.T. | (the emotionality of the jaw)“ fand seine Uraufführung im Februar. Unter smoothen Klängen der Musikerin Jam Rostron (Planningtorock) und der Perkussionistin Houeida Hedfi driftete der queere Künstler durch den Raum und gab seinen Körper ganz Übergangs- und Dämmerzuständen hin. Mit Rostron arbeitete Kaler damals zum ersten Mal, offenbar eine echt wichtige Begegnung. „Ihre Musik hat definitiv

o.T. | (gateways to movement) 24.7., 23 Uhr, 26.7., 22 Uhr, Wuk

auch meine Bewegungspraxis verändert“, erzählt er. Mit Rostron verbindet ihn auch „das queer-feministische politische Anliegen, das nach alternativen Verkörperungen sucht“. Kaler fand einen charakteristischen, urban-hippen Stil, der von einer kühlen Geschlechterambiguität gezeichnet ist und durch die ausgeklügelten Klang-, Raumund Lichtinstallationen verstärkt wird. Die neueste Arbeit, „o.T. | (gateways to movement)“, installiert Kaler gemeinsam mit Jam Rostron und dem Tanzkollegen Philipp Gehmacher im Wuk und möchte damit sein „energetisches Prinzip, eine Art von innerer Bewegtheit, die über die Physis entsteht“ weiterentwickeln. In der aktuellen Projektreihe knöpft sich Ian Kaler als Arbeitsraum die theatrale Blackbox vor. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn davor experimentierte er oft außerhalb klassischer Theaterräume, etwa im Leopold-Museum oder im TBA21-Augarten. Wenn die Platzierung des Publikums variabel gestaltbar war, konnte Kaler mit raffinierten Verschiebungen der Sichtachsen arbeiten: „Einmal gab es keine frontale Tribüne, sondern eine Art Treppe in der Ecke des Raumes. Wir konnten immer auf zwei Fronten spielen, mit der architektonischen, die sich durch die Wände ergab, und dann der, die sich durch die Ausrichtung der Zuschauertribüne ergab.“ Einmal

kreierte er eine Zuschauer-Ausrichtung, bei der das Publikum aus einer erhöhten Sicht quasi „in den Raum kippte“. Dabei überlässt Ian Kaler nichts dem Zufall: Am Beginn der aktuellen ­Performance-Reihe stand also die große Frage, was es denn nun heiße, mit einer zentralen Zuschauertribüne umzugehen. Das fordert alle Beteiligten. Bühnenbildnerin ­Stephanie Rauch und Lichtkünstler Jan Maertens müssen intensiv zusammenarbeiten, „weil sich die Dinge gegenseitig bedingen“. In einem Research Project „On Practising –

mixed abilities“ teilt Ian Kaler gemeinsam mit Heike Albrecht heuer auch seine künstlerische Recherche mit Workshop-Teilnehmern, ein Hauptaugenmerk soll dabei auf seinem Spezialgebiet – Präsenz und Orientierung im Raum – liegen. „Mein Nachdenken über Theater war, dass ich Theatralität über eine Physikalität finden will“, sagt Kaler. Wichtig ist ihm, Schwellenbereiche als Zugänge zu Bewegungen auszureizen. Aber gleichzeitig auch Raum zu geben, damit Unvorhergesehenes passieren kann: „Das ist teilweise riskant, wenn man sich darauf einlässt, dass man nicht weiß, was als Nächstes passiert“, sagt er. Es ist so eine Mischung aus Bewegtsein und Bewegen. Man kriegt mit, dass es nicht safe ist.“ F

Fotos: Fernanda Tafner, Eva Würdinger

BERICHT:


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Im 21er Haus liegen die Matratzen schon bereit C HRIS T O P H E R W U RM D OB L E R

anz das Museum: Das (inoffiziT elle) Leitmotiv von ImPulsTanz 2015 passt insofern ganz gut zur ak-

tuellen Arbeit von Philipp Gehmacher als der Wiener Künstler ohnehin gerne die Grenzen zwischen Performance und Kunstgalerie auslotet. Bislang war „my shapes, your words, their grey“ in frontalen Situationen zu erleben. Für ImPulsTanz im 21er Haus lädt Gehmacher nun das Publikum ein, sich während seiner knapp einstündigen Performance im Raum und zwischen den von ihm dort aufgestellten Objekten frei zu bewegen – was diese neue Variante zur Uraufführung macht. „Matratzen liegen bereit“, kündigt Anne Jurens „The Point“ an, das am selben Ort stattfinden wird. Diesen Satz könnte man als Publikum auch als Warnung verstehen: Mitmachtheater, Hilfe! Es klingt tatsächlich ein bisschen gefährlich, was die französische Choreografin im 21er Haus als Uraufführung plant. In „The Point“ sollen die Performer mittels Sprache und Bewegung die Choreografie „ins Körperinnere der Betrachter_innen verlagern“. Versprochen wird ein choreografischer Trip zwischen öffentlich und privat in der musealen Umgebung. Eine Art Ateliersituation liefert Phi­lipp

F o t o : E v a W ü r d i n g e r ; I l l u s t r a t i o n : P . M . H o ffm a n n

Gehmacher mit „my shapes, your words, their grey“, basierend auf seiner gleichnamigen Ausstellung. Wir sehen eine Plakatwand auf Pfosten; allerdings nur von hinten. An die lehnt

der Künstler im Lauf der Performance Pappen in unterschiedlichen (Groß-) Formaten und Grautönen. Manche tragen Textaufschriften, anderen zeigen Fotos von Raumsituationen. Zu Beginn stellt Gehmacher die Frage „Was ist das graue Leben?“. Er spricht und hält den Text auch weiß auf grau in die Höhe. „I am done with apologizing“, er mag sich nicht mehr entschuldigen, sagt der Performer später zu Gesten der Ratlosigkeit, während ein Musiker am Bühnenrand sanft tröpfelnde Pianoklänge fabriziert. Oder: „You support the subject and it supports you“, während er sich am Boden liegend mit einem flachbildfernsehergroßen Stück Graupappe zudeckt. Gehmacher beendet dieses meditativ-intellektuelle Stück Diskurs mit einem doppelten Postskriptum. Zuerst erzählt er die kurze Geschichte eines älteren Arztes, der sich auf sein junges Selbst besinnt, als er ein Niemand war, aber verbunden mit der Welt. Heute würden man sagen: Der Mann steigt in seine eigenen Ressourcen, dorthin wo alles zugleich sehr simpel und sehr kompliziert wird. Ist das jetzt „graues Leben“? Eine Antwort liefert Gehmacher womöglich im zweiten Postskriptum, einem Audiofile eines Orchesters, das – angeleitet vom Dirigenten – mit viel Druck eine C-Dur-Tonleiter spielt. „Enjoy“, sagt Gehmacher. Genau. F The Point 28.7., 21.30 Uhr, 30.7., 23 Uhr u. 2.8., 21 Uhr, 21er Haus my shapes, your words, their grey 4.8., 22 Uhr, 6.8., 23 Uhr u. 8.8., 20.30 Uhr, 21er Haus

„Was ist das graue Leben?“, fragt Philipp Gehmacher in einer Ateliersituation

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Tanzmenschen portr ätieren Tanzmenschen

Doris Uhlich über

Jonathan Burrows

Anne Juren und Philipp Gehmacher probieren sehr unterschiedliche Ansätze aus, das Publikum einzubinden vorbericht:

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ommer 2006, ImPulsTanz. Ich erinnere mich an den Moment, als ich zum ersten Mal Jonathan Burrows traf. Ich erzählte ihm, wer ich bin und was mich gerade künstlerisch beschäftigt. Ich habe ihm von meinen Proben mit den älteren Menschen erzählt, habe ihm Probenvideos gezeigt, in denen Frederic, ein 88-jähriger Mann, langsam zu Boden geht, sich einmal um die eigene Achse rollt und wieder aufsteht. Ich damals: „Jonathan, ich frage mich immer wieder, ob das, an dem ich gerade arbeite, das, was mich gerade beschäftigt, ausreichend ist, genug ist für ein Stück, für eine Produktion. Es fühlt sich so simpel an.“ Jonathan: „Wenn dich das Material bewegt, bewegt es auch andere. Wenn es für dich ausreichend ist, ist es das auch für andere.“ Diese Sätze begleiteten mich seit dem Treffen und bringen immer wieder eine Leichtigkeit in meine Prozesse. Sommer 2015. Ich lese im ImPulsTanz-Folder über den Workshop „Conny, Elisabeth and Jonathan explore the incredibly slow speediness of wonderfully different bodies“. Spannende Beschreibung. In einem Mail schreibt mir Jonathan: „Wir entwickeln einen Workshop, in dem wir Erkenntnisse, Erfahrungen und die Wahrnehmung von Zeit unter unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen betrachten. Dieses Interesse scheint eine Menge Möglichkeiten zu eröffnen, Komposition und Performance im Verhältnis zu anderen möglichen Empfindungen von Zeit und Zeitdauer zu reflektieren und auch über Emotionen nachzudenken, die durch verschiedene Empfindungen von Zeit entstehen.“ Er schreibt mir über seine ersten Erfahrungen mit Menschen mit sogenannter Behinderung: „Vor einiger Zeit machte ich eine Stunde lang Kontaktimprovisation mit einem Buben mit Down-Syndrom, eine wichti-

ge Erfahrung für mich. Weil ich von ihm viel gelernt habe über die Sensibilität von Berührung, und solange man sich voll und ganz auf den Moment der Bewegung einlässt, verschwindet der Gedanke, welche neue Bewegung entstehen könnte und auch die Unruhe, möglichst spannende Bewegungen zu produzieren. Es ist eine Winwin-Situation, und scheinbar merken das die Leute langsam. Nicht, dass es nicht weiterhin Vorurteile und Barrieren gäbe, die wir beseitigen müssen. Aber es wird besser. Zumindest so lange rechte Politiker nicht die Förderungen für Menschen mit Behinderung streichen mit dem Resultat, dass die Betroffenen in ihren Wohnungen eingesperrt bleiben müssen. So etwas zeichnet sich unter der skrupellosen konservative Regierung hier in Großbritannien ab.“ Auf die Frage, ob sich sein Körper in den letzten Jahren verändert hat, antwortet er mir, dass er mit 40 Arthritis bekommen hat. Die Krankheit hat einiges verändert, sein Ballettkörper sei verschwunden, neue Bewegungsrecherchen seien entstanden. Gespannt sei er, wohin diese Veränderung ihn führt. Nach unserer E-Mail-Konversation schließe ich den Computer und schau meinen Körper an. Wohin er sich noch verändern wird, frag ich mich, wie sich Zerbrechlichkeit anfühlt, wenn man älter wird, wie sich Bewegungsgrenzen anfühlen. Auf manche Fragen gibt es keine Antworten, in manche Antworten muss man erst hineinleben. Eines weiß ich aber sicher – ich freue mich riesig auf Jonathan bei ImPulsTanz. Und die Vorstellung, ihn zu treffen, fühlt sich supergut an. F Jonathan Burrows bietet im Rahmen von ImPulsTanz folgende Workshops an: „Writing Dance“, „Talk and Talk“ sowie „Conny, Elisabeth and Jonathan explore the incredibly slow speediness of wonderfully different bodies“


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Im pulstanz 15

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as tun mit den Bildern vom Krieg, die via Smartphone auf uns einstürmen? Diese Frage stellt sich Christine Gaigg mit ihrer Arbeit „untitled (look, look, come closer)“, die derzeit für ImPuls­Tanz zu aufwühlenden Sounds im 21er Haus entsteht. Mit „Songs of the Water“ im Weltmuseum eröffnen Mani Obeya und Magdalena Chowaniec eine Bühne für junge Männer mit Flucht- und Kriegserfahrungen: Über Tänze und Lieder erzählen sie von ihrer gefahrvollen Odyssee. Und Superamas’ „History of Violence“ tritt – ebenfalls im Weltmuseum – mit historischen Kriegsgeräten in Beziehung und arbeitet sich durch eine Geschichte von Krieg, Verfolgung, Vertreibung und Jagd. Die heimische Tanzszene beackert Themen der Zeit. Christine Gaiggs Stück „untitled (look, look, come closer)“ beleuchtet äußerst paradoxe Kontraste: „Das vergleichsweise klei-

Krieg, Gewalt, Flucht: Der Tanz arbeitet sich ab an den brennenden Themen unserer Zeit spurensuche: V ER O N I K A K RENN

ne Medium – ein Smartphone findet in einer Hosentasche Platz – suggeriert Nähe zu Ereignissen, die weit entfernt stattfinden“, sagt die Choreografin und setzt das „kleine Medium“ in Kontrast zu den bombastischen Sounds von Klaus Schedl. Die Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten wurde über „netzzeit – Festival für Neues Musiktheater“ angeregt und für Gaigg dient die Musik als „räumlicher und emotionaler Teppich, der den Raum durchdringt“. „Keiner kann Kriegssituationen erklären“, sagt Gaigg, „ich stelle keine Behauptungen auf, sondern beleuchte verschiedene Aspekte.“ Die Choreografin erarbeitet mit drei Performern (Robert Steijn, Frans Poelstra, Alexander Deutinger) und zwei Performerinnen (Marta Navaridas, Juliane Werner) eine Spielanleitung, in der kleinere Publikumskreise einzeln bespielt werden. Das Publikum ist also „mittendrin“ statt außen vor.

Die Künstlerin greift regelmäßig gesellschaftspolitische Fragen auf, 2013 etwa mit „De Sacre! Pussy Riot meets Vaslav Nijinsky“, das in der Josephskapelle der Wiener Hofburg aufgeführt wurde. Bei den ersten Arbeiten mit ihrem Label „2nd nature“, das sie Mitte der 1990er-Jahre gründete, setzte Gaigg ihre Wahrnehmungen in abstrakte Bewegungs- und Klangstrukturen um. Die Stücke handelten von pluralen Gesellschaften, später wurde Gaiggs Zugang struktureller. Sie entwickelte – in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Max Nagl, Bernhard Lang und Bernhard Gander – eine charakteristische Loop-Technik, in der Musik und Bewegung sich wechselseitig beeinflussen. Wie viele Choreografen hat sich Gaigg in letzter Zeit verstärkt auch der Sprache geöffnet. „Ohne Texte und Sprache kann ich nicht mehr alles verwirklichen“, sagt sie. Ihre Arbeiten sieht Gaigg als „Bühnenessays“, sie bringt Visuelles und Text zusam-

Foto: Max Biskup

Nach der Odyssee


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Das Lied von der Flucht: Junge Asylwerber arbeiteten für „Songs of the Water“ mit Magdalena Chowaniec und Sofa Surfer Mani Obeya

„Keiner kann Kriegssituationen erklären“, sagt Christine Gaigg über ihr Projekt „untitled (look, look, come closer)“

men, oft mit einem dokumentarischen Ansatz, der als Re-Enactment umgesetzt wird. Wichtig dabei: „Die Freiheit zu experimentieren und auch Riskantes zu probieren.“

Foto: Esel.at

In „Songs of the Water/Tales of the Sea“ erzäh-

len sechs junge Männer aus Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinkünste mittels Liedern und in der universalen Sprache des Tanzes von den Gefahren ihrer Flucht. Initiiert von der choreografischen Plattform D.ID erarbeiteten Mani Obeya und Magdalena Chowaniec, angelehnt an Homers „Odyssee“, ein Stück, in dem das Element Wasser eine wichtige Rolle spielt. Am Beginn der Arbeit mit den Flüchtlingen aus dem Diakonie Jugendhaus Rechnitz stand vorerst ein intensives Körpertraining mit Shadow-Yoga, erzählt der Tänzer, Choreograf und Sofa-Surfers-Sänger Mani Obeya. Diese Yogatechnik diene einer grundlegenden Kräftigung und helfe, die für Singen und Tanz wichtige Atem-

History of Violence: 29. und 31.7., 2.8., 19 Uhr, Weltmuseum untitled (look, look, come closer): 12.8., 23 Uhr, 14.8., 21 Uhr, 15.8., 20.30 Uhr, 21er Haus Songs of the Water: 14.8., 21 Uhr, u. 16.8., 18 Uhr, Weltmuseum

technik zu entwickeln. „Die jungen Männer mussten erst wieder mit ihrem Körper in Verbindung kommen und sich mit einer Idee von Bewegung vertraut machen“, sagt Obeya. Die Fluchterfahrungen – teilweise waren die Männer stundenlang unbeweglich in Kisten eingezwängt – hätten ihre Spuren hinterlassen. Viel unbefangener als an die Körperarbeit, die aus Improvisationen, Einzel- und Gruppenchoreografien bestand, seien die jungen Männer an die Arbeit mit Liedern herangegangen, erzählt Obeya: „Wir haben an ihren Lieblingsliedern gearbeitet und an Liedern, die sie seit ihrer Kindheit begleitet haben. Auch darüber, was die Texte dieser Lieder bedeuten.“ Beinahe alle Lieder handelten von Liebe, einige auch von der verlassenen Heimat. Am Ende der Probenzeit wurden dann drei Lieder ausgewählt, die aufgeführt werden. In abstrahierter Form fließen in die Performance auch Erlebnisse der langen Flucht ein, die die jungen Menschen bis nach Österreich gebracht hat. Am Ende einer achtwöchigen Probenzeit hat Magdalena Cho­waniec dann die zuvor erarbeiteten Einzelteile zusammengebracht und zu einer zeitgenössischen Version von Homers „Odyssee“ verarbeitet. Bei Magdalena Chowaniecs Performance „Attan bleibt bei uns“, die 2014 bei ImPulsTanz gezeigt wurde, stand ein traditio­neller afghanischer Kriegstanz im Mittelpunkt. Zusammen mit acht Asylwerbern rekonstruierte sie mit dieser Arbeit ein deren Erinnerung entschwindendes Afghanistan. „Songs of the Water/Tales of the Sea“, das nun in Zusammenarbeit mit dem aus Nigeria stammenden, in Österreich und Großbritannien lebenden Mani Obeya entstanden ist, greift ebenfalls Erinnerungen jugendlicher Asylwerber aus Rechnitz auf. Im Anschluss an ein durch Superamas konzi-

piertes Research-Project entsteht die Performance „History of Violence“ – mit zehn ausgewählten Performern im Weltmuseum. Philippe Riera irritierte der „­Gegensatz ­zwischen den ausgestellten historischen Gegenständen, Waffen und Schildern, die für Kriegsführung oder Jagd benutzt wurden, und dem allzu sicheren, sauberen ­Ambiente des Museums“.

Die Gegenstände hätten ihr ursprüngliches „Leben“ hinter sich gelassen, obwohl sie es noch repräsentieren würden. In ihrer Geschichte der Gewalt verwendet die Gruppe Superamas einen partizipativen Ansatz und keine Frontalbespielung. „Wir haben erreicht, dass wir die Ausstellungsstücke auch tatsächlich einbinden können“, freut sich Riera. „Wir werden diese aus der Glasbox holen. Das Publikum soll erleben können, was diese Dinge aus dem 19. Jahrhundert eigentlich sind. Durch die Performance kontaktieren wir die Vergangenheit.“ Nur so viel wird verraten: Es hat etwas mit Jagen und Gejagtwerden zu tun. Die Performance soll eine Rückführung zu den Ursprüngen des Bekannten sein. Im Museum kann es durchaus passieren, dass man auf seltsame Charaktere trifft, die man aus anderen Zusammenhängen kennt: etwa auf Pocahontas und Tarzan. Lachen ist erlaubt, auch wenn Superamas Themen verhandelt, die anderes vermuten lassen – etwa Kolonisierung und Vertreibung indigener Völker, etwas, das gerne unter dem Deckmantel von „Zivilisierung“ vorangetrieben wurde. In dem der Performance vorangehenden Research-Project arbeitet Riera mit Teilnehmern an Repräsentationsformen von Gewalt. Superamas’ Arbeiten sind oft im Bereich Popkultur angesiedelt. „Wir wollten einen relaxteren Zugang zum Publikum kreieren, Theater zu einer sozialen Realität herunterbringen, aber anspruchsvoll bleiben“, sagt Riera. Bei Superamas gibt es immer eine doppelte Reflexion: einen starken Inhalt ebenso wie eine Auseinandersetzung mit dem Format. Klare Botschaften zu übermitteln interessiert Superamas wenig, viel lieber arbeitet man mit Ambiguität, denn komplexe Inhalte blieben oft uneindeutig. Die Gruppe stellt die Frage nach dem Theater und der Theatralität: Was ist Theater heute, was kann es sein? „Für mich ist CNN viel mehr Theater als ein Stück von Bertolt Brecht“, sagt Riera, „weil man da die Manipulation der öffentlichen Meinung sieht. Das ist wirkliches Theater.“ Für Philippe Riera ist das Erzeugen von Empathie für eine Figur auf der Bühne vergleichbar mit politischer Propaganda als Strategie: „Wir schauen auf die Tools, mit denen man spielen kann, und machen sie auf der Bühne sichtbar.“  F


Foto: Mike Ranz

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tria; Aus nz s o sin lsTa /Ca /ImPu d n a g orst atun er, V he Ber h c s c r Ho leris tma , Künst e i D o ag. el Iv of. M ; Isma r P y R bilit z; K Tan ixedA s l u M ImP tin/ ant/ Dozen d n e l, nt er, I era Reb urg V b s gen

r ü f n n i ! t f w e scha G Ein esell G e di l Re Kar

e ohn h d n it u auc n m ihe ist anz e h sc lsT t pre Men rksho s ImPu , dami t e o e g d d n n W i a u f ll n verb namige ahme anstalt em Zu y t i er td bil ich mR edA ie gle unkt i diese V ng nich x i mp s. M nz. D t zt eru n.Lo im Ta rogram nterstü Behind e z g n P Gre nderun htiger ustria u en mit i h c i h Be ein w sinos A Mensc a 5 201 ivals. C on von i t Fes ntegrat ird. w I die lassen r übe

Gut für Österreich.


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Auf Spurensuche Esther Balfe bearbeitet das legendäre „Schwanensee Remixed“ und tanzt selbst in „Back to the Future“ be g e g n u n g : A n drea A m o r t

wöhnliche Produktion, die Übersetzung in die Gegenwart hat auch den Tanz-Absolventinnen und -absolventen der Kons-Uni ein neues Universum erschlossen. In einem munteren dreiteiligen Programm findet sich die aktualisierte Schwäne-Dekonstruktion eingebettet in eine von Shelley Senter und Virginie Roy betreute Einstudierung des Trisha Brown-Juwels „Set and Reset“ (1983) und das Auftragswerk „Energetic Bodies“ von Doris Uhlich. Dass auch ältere Körper energetisch bleiben,

Fotos: Orio Molló, tanz theater wien

E

sther Balfe ist fix in Wien gelandet. Als charismatische Mitgestalterin etlicher Werke von William Forsythe ist die Tänzerin mit dem tiefgründigen Blick noch gut in Erinnerung. In dessen Produktion „Yes we can’t!“ war sie 2014 in Wien zu sehen. „Sollte Bill mich holen wollen für eine Installation oder Ähnliches, würde ich das machen“, sagt Balfe. Die Truppe wird unter neuer Leitung ab Herbst vollständig neu aufgestellt. „Da bin ich nicht mehr dabei.“ Bereits geraume Zeit vor dem offiziellen Schluss der Forsythe Company hatte sich die Kons-Uni Wien um die vielerorts pä­ dagogisch nachgefragte Balfe bemüht und konnte sie letztlich mit einer vollen Lehrverpflichtung für Wien zurückgewinnen. Seit 2012 am zeitgenössisch ausgerichteten Bühnentanz-Department beschäftigt, hat Esther Balfe dort unter anderem Themen aus dem Forsythe-Repertoire behandelt. Zuletzt zollte sie aber auch mit der Einstudierung eines variantenreichen Motivs aus der Produktion „Schwanensee Remixed“ (1999, Tanztheater Wien & Ballett der Volksoper Wien) einer langjährigen künstlerischen Verbündeten Tribut: Liz King, die als Leiterin des Tanztheater Wien – von 1982 mit Unterbrechungen und in unterschiedlichen Formationen bis 2003, seit 2005 unter dem Namen D.ID – die Höhen und Tiefen des österreichischen Subventionsbetriebs und der Kulturpolitik miterlebte. Wie kaum einem anderen Ensemble in der wechselvollen Geschichte der freien Wiener Tanzszene gelang es King und ihrem Team nicht nur mit den unterschiedlichsten Choreografien einen Fixplatz im

Veranstaltungskalender einzunehmen; sie schafften auch den Sprung zu großen Festivals und als Ensemble an städtische Häuser: In Heidelberg folgte King auf Tanztheater-Mann Hans Kresnik, an der Volksoper auf Musical-Frau Kim Duddy. Dort kooperierte ihre neu ausgerichtete Gruppe, der auch Balfe angehörte, mit dem bestehenden Ballett der Volksoper.

„Schwanensee Remixed“ von Liz King, einstudiert von Esther Balfe mit Absolventinnen der Kons-Uni Wien

Was die beiden Seiten verband, war das klassi-

sche Ballettvokabular als Grundstimmung. Denn bei all der Moderne, die King zeitfühlig pflegt, ist sie ursprünglich klassischakademisch geprägt. Balfe war nach Engagements in Saarbrücken und Mannheim in Heidelberg auf King gestoßen. „Bei ihr fühlte ich, dass ich mich kreativ einbringen konnte“, sagt sie. 1999 war sie Tänzerin der neuartigen Tschaikowski-Bearbeitung, die nicht zuletzt wegen der elektronischen Musik von Patrick Pulsinger und Erdem Tunakan ihre Fans fand. 2015 geht es Balfe im Einverständnis mit King um ein Transformieren des „Schwanensee“-Stoffs in ein Heute: „Ich will nur weitergeben, was ich wirklich kenne, sozusagen als Firsthand-Experience. Im Fall von ‚Schwanensee Remixed‘ war ich selbst am Entstehungsprozess beteiligt. Ich verwende ein choreografisch originales Trio, das ich mit Systemen transformiere, die mir in den letzten Jahren vertraut geworden sind; natürlich haben auch die Studierenden ihren Beitrag dazu geleistet.“ „Schwanensee Remixed“ in der Choreografie von Liz King und Catherine Guerin war aus heutiger Sicht wegen ihres ungewöhnlichen Konzepts und ungewohnter Mittel damals tatsächlich eine außerge-

„Wir haben uns ja alle verändert“, sagt die ForsytheTänzerin Esther Balfe, die an der Kons-Uni lehrt

Back to the Future: 30.7. und 1.8., 21 Uhr, Akademietheater Brown, King & Uhlich: 6.8., 21 Uhr Akademietheater

ist keine Neuentdeckung. Aber dass immer öfter auch ältere Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne zu sehen sind oder dorthin zurückkehren, ist eine erfreuliche Bewegung. So werden reiche Erfahrungen sichtbar. Die 1947 geborene Liz King ist immer wieder aufgetreten, darunter auch in Georg Blaschkes erfolgreichem Solo „Your dancer“ (2010), einem somatischen Porträt. 2015 hat sich King, deren Tanzproduktionen stets durch besondere Körperlichkeit ausgezeichneter Tänzerinnen und Tänzer auffielen, einer besonderen Wiederbegegnung gewidmet. Zwei Tanzgenerationen treffen in der Produktion „Back to the ­Future“ aufeinander: Esther Linley und Harmen Tromp, Katalin Lörinc, Esther ­Balfe und Mani Obeya, Daphne Strothmann und Michael Dolan. „Wir haben uns mit sehr viel Material des frühen und des späteren Tanztheater Wien auseinandergesetzt, darunter etwa aus der ‚Winterreise‘, die beim Festival steirischer herbst lief, aber auch aus ‚Concrete Runners‘, das in der Staatsoper gezeigt wurde“, erzählt Esther Balfe. Man war sich sehr bald einig, dass der Weg keineswegs zurück, sondern nach vorne gehen sollte. Eine Spurensuche zwar, die aber auf jeden Fall gegenwärtig sein sollte. Typisch für das Tanztheater Wien, war auch dieses Mal der Wille zum Fortschritt ungebrochen. Also keine Rekonstruktionen, sondern aus heutigem Verständnis Material nutzen. „Wir haben uns ja alle verändert“, sagt Balfe. „Der Prozess lief letztlich über die gegenseitige Akzeptanz. Harmen, der leider in Wien nicht dabei sein kann, an seiner Stelle tanzt Benito, war sehr an uns Jüngeren und unseren Anschauungen interessiert. Esther wollte mehr die Geschichte des Tanztheaters einbringen. Mit Daphne wiederum habe ich immer noch eine so intensive Verbindung, die auch ohne Worte nach all den Jahren immer noch funktioniert.“ Liz King fixierte die Struktur, die von den Tänzerinnen und Tänzern sehr organisch vorangetrieben worden war. Für die Uraufführung im Rahmen von ImPulsTanz wird eine längere Version vorbereitet. „Wir haben uns vorgenommen, an Soli zu arbeiten, die jeweils an einem spezifischen Satz festgemacht werden“, sagt Balfe. Ob die Gruppe gemeinsam weitertanzen wird? „Vielleicht.“  F


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Im pulstanz 15 T a n z me n sc h e n p o rtr ä tiere n T a n z me n sc h e n

S

ie ist eine Leidenschaftliche, sie ist eine Reflektierte. Sie steht den Dingen furchtlos gegenüber. Nein, sie hat oft große Angst, doch treibt sie diese, denn sie weiß, sie kann und will es. Sie möchte ihre Ansichten und Anliegen teilen, Gemeinschaft le­ ben und spüren, Anteil nehmen und Anteil haben. Und so lässt sie ihr Pu­ blikum – und sie hat vor allem eines – am oft fragilen und existenziellen Er­ eignis Performance teilhaben.

Philipp Gehmacher über

Teil so vieler Gemeinschaften ist, eine die so sozial und doch Einzelkämpfe­ rin ist. Sie kann das Leben genießen wie kaum eine, die ich kenne. Und trotzdem will sie mehr, mehr für die­ se Gesellschaft, deren Konsumorien­ tiertheit und Ohnmacht sie verab­ scheut. Sie ist letztendlich eine Gehe­ rin, eine Wanderin und hat im Allein­ gang eine fünfmonatige Alpenquerung hinter sich.

Barbara Kraus

Und nie hat man und frau einen glück­

Der direkte Kontakt, im Sinne der viel

licheren Menschen gesehen wie da­ mals. Sie ist eine Künstlerin und na­ türlich die Lebenskünstlerin schlecht­ hin. Sie kämpft für dieses Leben und sie kämpft für ihr Kunstschaffen. Ein halbes Leben lang schon Kunst ge­ macht und an so manchen (finanzi­ ellen) Abgründen gestanden. Wir sind gespannt auf diesen Som­ mer. Die Dinge müssen geteilt wer­ den. Und ihre Ansichten und Anlie­ gen werden verteilt werden, mal ganz poetisch und dann wieder fast akti­ onistisch, voller Zutrauen der Unge­ wissheit ins Auge schauend, bewegend und bewegt vom Leben. F

diskutierten Partizipation, ist zwar – und für manche glücklicherweise – in den Hintergrund getreten, ihre Kunst­ figuren, die uns damals zum Mittei­ len ermutigt haben, sie sind autono­ mer geworden, und doch: Johnny, Alo­ isia und Sethi sind Retter in der Not, wenn eine Gesellschaft unterhalten werden muss. Die familiäre Herkunft, das Geschlecht, die Zugehörigkeit, das wahre Leben, hier in der Stadt oder doch in der Landschaft, und immer wieder die Suche nach Gerechtigkeit ergeben einen nicht zu erreichenden thematischen Horizont, der die künst­ lerische Arbeit von Barbara Kraus so berührend, manchmal irritierend, je­ doch immer einzigartig macht. Barbara Kraus kann schüchtern sein, doch kenne ich kaum eine, die

ImPulsTanz zeigt von Barbara Kraus „Close my eyes and see“ als Uraufführung. 18.7., 21.00 u. 20.7., 23.00, Schauspielhaus

„Ich spucke auf eure Happiness“ Schluss mit lustig: Ligia Lewis und Brian Getnick leisten Widerstand gegen die Spaßgesellschaft SARA SCHAUSBERGER

D

er Blues, das ist das Stimmungs­ tief, die Niedergeschlagenheit. „Feeling blue“ bedeutet traurig zu sein und deprimiert. Das deutsche „blau sein“ hat damit wenig zu tun. Ligia Le­ wis’ Stück „Sorrow Swag“ beginnt im Blau­ en. Die Bühne ist in Theaternebel gehüllt. Sphärische Sounds unterlegen die in blau­ es Licht getauchte Szenerie, aus der lang­ sam ein Mann hervortritt. Seine Basket­ baller-Montur wird sichtbar, die knielan­ gen Shorts, die knöchelhohen Sportschu­ he, der nackte Oberkörper. Zu Beginn ist der junge Mann wortwört­ lich am Boden: auf allen vieren. Dann rich­ tet er sich langsam auf. Die getragene Elek­ tronikmusik von Ligia Lewis Zwillingsbru­ der George Jr., den man vor allem unter sei­ nem Bühnennamen Twin Shadow kennt, verstärkt den Effekt der Melancholie. Pop­ kultur und Traurigkeit gehen in dieser Per­ formance Hand in Hand. „I spit on your happiness“, wird schon zu Be­

ginn der Show Jean Anouilhs „Antigone“ zitiert. Die Choreografin Lewis, die in der Dominikanischen Republik geboren wurde und in den USA aufgewachsen ist, und der kalifornische Performer ­Brian Getnick wi­

dersetzen sich in ihrem Stück dem Diktat des Glücklichseins. Indem sie sich Traurig­ keit verordnet haben, leisten sie Widerstand gegen die Spaßgesellschaft. Lewis hat dafür eine eigene Choreogra­ fiemethode entwickelt, eine Mischung aus Stanislawskis „Method Acting“ und „Au­ thentic Movement“. Während sich Schau­ spieler beim „Method Acting“ in einen selbst erlebten Gefühlszustand zurückver­ setzen sollen, um das Gespielte glaubhaft zu vermitteln, kommt beim „Authentic Mo­ vement“ die Bewegung direkt aus dem In­

Sorrow Swag 6.8., 21 Uhr, 8.8., 22 Uhr, Schauspielhaus „Sorrow Swag“ zur Musik von Twin Shadow: Performer Brian Getnick

neren. Beides zusammen soll, laut Lewis, dazu führen, dass der Tänzer in einen Zu­ stand der absoluten Einfühlung gelangt. Akribisch bearbeiteten Lewis, die das Stück übrigens erst selbst performen woll­ te, und Getnick eine hybride Figur voller Unruhe: Ein junger Mann, alleine auf der Bühne auf der Suche. Er macht schnelle Schritte und lässige Videoclip-Moves, un­ terbricht sich dabei aber immer wieder, als würde er sich nur darin ausprobieren. Nein, dieser Junge ist nicht hart, dieser Junge ist auf der Suche. Das Ende ist überraschend. Stockdunkel ist es

im Saal, nur Getnicks Mund wird beleuch­ tet: Seine Zähne sind allesamt golden. Le­ wis bezieht sich hier auf Samuel Becketts Monolog „Not I“, in dem nur der Mund der Protagonistin gezeigt werden soll, während sie Rückschau auf ihr Leben hält. Ihr Le­ ben ist nicht gut gewesen. „Sorrow Swag“ erzählt Ähnliches, ver­ sucht dabei aber mit weniger Worten aus­ zukommen. „I keep making the same mis­ takes. Can you forgive me?“, heißt es am Ende. Getnicks Mund ist schmerzverzo­ gen. Er stöhnt, er schreit. Dazu ist Twin Shadows souliger Song zu hören. Kein Blues, sondern Soul. Aber auch das ist pas­ send, ist es doch die Seele, die hier bewegt wurde.  F

F o t o s : D i e t e r H a r t w i g ; I l l u s t r a t i o n : P . M . H o ffm a n n

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Im pulstanz 15

So muss der ImPulsTanzSommer: 260 Workshops, tausende Tanzbegeisterte aus 90 Ländern. Unsere Autorin war dabei beim großen Selbertanzen im Arsenal

Es gibt Schweiß, B a b y ! REPORTAGE: VERONIKA KRENN

Selber tanzen? Von 20. Juli bis 14. August 2015 bietet ImPulsTanz 260 Workshops und Research-Projekte an: Golden-Age-Workshops, Sex-Ability-Labs, Bollywood Dance, Ratatouille, Dance for the Soul’s Sake, Parkour, „Contact Improvisation Based on Tantra“ und vieles mehr. Auch Bruno Caverna, Kira Kirsch, Sadé Alleyne & Kristina Alleyne, Susanne Bentley und Russell Adamson bieten heuer wieder Workshops – für Anfänger, Fortgeschrittene oder Ein kühles Lüftchen zieht durch den Raum, Profis – an. Unter dem seitlich sind große Schiebetüren offen, welch Titel „Tanz – eine ein Segen! Fast 30 Frauen und Männer fin- Sommeraffäre“ den das Fließen, die Wellen, die Spiralbe- gibt es 100 Workshops wegungen. Und ebenso viele – es gibt er- eigens für Anfänger staunlich wenige „Unfälle“ – kommen in jeden Alters

einen gemeinsamen Rhythmus. Es wird zuweilen fast ein wenig esoterisch: dem Ein- und Ausatmen nachspüren, die Bewegungen durch den Fluss des Atems lenken und die Schwerkraft nutzen. WorkshopTeilnehmer tanzen kleine Duette miteinander, manchmal wird’s auch ein Dreier, und wenn alle warm miteinander geworden sind, dreht man sich unbefangen vom einen zum Nächsten. Es gibt kurze Kontaktaufnahmen mit Menschen aus aller Welt und beinahe al-

Lieber zuschauen? An Freitagen (24. u. 31.7., 7. u. 14.8.) sind im Arsenal Open Jams angesagt, und am ImPulsTanz-Abschlusswochenende (15.8.) findet ein Showing der Kursteilnehmer statt

len Altersgruppen; auch eine 60-Jährige findet sich in der Gruppe. Es werden Basics erarbeitet, wie sie etwa für Kontaktimprovisationen wichtig sind: das Finden eines „gemeinsamen Atems“ mit einem Gegenüber, das Kontaktaufnehmen und abwechselnde Die-Führung-Übernehmen. Lauter hilfreiche Sachen für den Alltag, merke ich, eine Schule der Wahrnehmung, nach innen und außen. Langsam komme ich in meinem Körper an. Da es bis zu meinem nächsten Workshop noch

ein wenig dauert, überbrücke ich die Zeit in der lauschigen Freiluftlounge. Hier treffe ich eine Workshop-Teilnehmerin von vorhin, eine Düsseldorferin, die jedes Jahr zum Festival nach Wien pilgert. Sie ist Friseurin mit Musicalausbildung und wird – ich spitze gleich die Ohren – später noch an Susanne Bentleys „Pole Show Girl“-Workshop teilnehmen. Sie erzählt, es werde in sexy Outfit und mit High Heels an den Pole-­ Dance-Stangen getanzt. Das ist mir zwar zu heiß zum Selbermachen, aber es spricht nichts dagegen, da auch später vorbei- und zuzuschauen. Bei den meisten Workshops sind nämlich Zaungäste erlaubt, und ich erhasche einen Blick auf die sehr professionell anmutenden Frauen – und auch ein paar Männer sind beim sexy Stangentanz zu bestaunen. Jetzt ist Kira Kirschs Workshop „The Spinal Engine – Axis Syllabus“ an der Reihe. Am Sonntag, bevor die ImPulsTanzWorkshops beginnen, gibt es im Arsenal traditionellerweise die „Impressions“, ein kleine Darbietungen, mit denen sich die Workshopleiterinnen und Dozenten präsen-

tieren. Kira Kirsch hat eine Nachbildung einer Wirbelsäule als Demonstrationsobjekt mitgebracht. Die Anmut ihrer Bewegungen ist faszinierend: Sie tanzt ganz mit der ihrem Körper innenwohnenden Ökonomie. Im Workshop lernt man, den natürlichen Bewegungsspielraum der Wirbelsäule zu nutzen. Mit wellenförmigen Bewegungen robben die Tänzer durch den Raum, drehen und schrauben sich mittels Gewichtsverlagerungen energieschonend quer über den Boden und kreisförmig in die Höhe. Die Kraft schießt ein, und das Dehnen und Spüren nimmt kein Ende. Von Müdigkeit kann danach keine Rede sein. Beim Schnuppern in anderen Workshops, in

der Pause bis zu meinem nächsten Kurs, gerate ich in „Afro-Fusion“ der Schwestern Sadé Alleyne & Kristina Alleyne. Schon bei den „Impressions“ sind die beiden aufgefallen: Mit ihren Bewegungen setzen sie – so sieht es zumindest aus – die Schwerkraft außer Kraft. Ihre Arme und Beine zerschneiden förmlich die Luft, und sie scheinen den Boden kaum mehr zu berühren, so schnell sind sie. Die Tänzerinnen der dynamischen Akram Khan Company strahlen eine überbordende Freude aus, die so ansteckend ist, dass es einen kaum auf dem Zuschauerplatz hält. Weiter geht’s nun zum abendlichen Ausklang bei Russell Adamsons „Urban ­Styles“: Hier gibt es Jazz-, Reggae-, House- und Hip-Hop-Moves, coole Bein- und Kniearbeit, funkigen, schnellen Rhythmus. Normalerweise stehe ich bei so was immer etwas außerhalb der Spur, ein Blick in den Spiegel beruhigt – es geht auch anderen so. Danach­ ist Chill-out in der Lounge angesagt. F

Foto: Karolina Miernik

B

iegt man im ImPulsTanz-Workshopzentrum Arsenal ein, ist man sofort mitten im Geschehen: in der Chillout-Lounge, die auf dem Platz zwischen den Art-for-Art-Werkstätten heimelig eingerichtet wurde. Es gibt Liegen, eine Cafeteria, zwei kleine Pools zum Abkühlen heiß getanzter Füße, und in einer offenen Garage sorgt ein DJ für den passenden Sound. Die lange Schlange vor dem WorkshopBüro lässt einen erst einmal staunen: Woher kommen bloß all die Tanzbegeisterten? Nach dem Festival werden sie wieder verschwunden sein. Mein erster Workshop ist Bruno Cavernas „Liquid Body – Dancing like Water“. Im Programmheft ist von einer „Architektur des menschlichen Körpers“ die Rede, die „ein Erbe aus evolutionären Prozessen ist – dem ozeanischen Ursprung“. Jeder trage das innere Meer in sich oder so.


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Das Workshop-Programm von ImPulsTanz spricht nicht nur die Profis an. Allein 100 von 260 Kursen im Workshopzentrum Arsenal sind für Anfängerinnen und Anfänger jeden Alters – vom Kind bis zu den „Golden Agers“

Ballett-Workshops für Zeitgenossen? Klar, findet Janet Panetta und „­ Investigating Ballet“ heißen die Kurse, die Janet Panetta im Workshop-Programm von ImPulsTanz anbietet. Balletttraining und zeitgenössischer Tanz? Man mag glauben, dass diese beiden Tanz-Universen eher wenig gemeinsame Schnittstellen aufweisen. Tänzerin Panetta hat den Sprung aus dem eng geschnürten Korsett des klassischen Balletts zu den Freiheiten des zeitgenössischen Tanzes gewagt. Mit einem Timbre wie Janis Joplin unterrichtet die mondäne Dame Ballett für zeitgenössisch Tanzende. Seit nunmehr 18 Jahren auch bei ImPulsTanz. Angeblich, so geht die Mär, hat sie ein Jérôme-Bel-Stück choreografiert, bevor es ihn gab, und kennt Pole-Dance-Stangen der Tanzwelt! Der Falter hat nachgefragt. Foto: K arolina Miernik (2), Elisabeth Stöckl, privat

::  „Ballet for Contemporary Dancers“

Falter: Madame Panetta, was hat Sie vom klassischen Ballett zum zeitgenössischen Tanz verschlagen? Janet Panetta: Ich habe vor fast 40 Jahren angefangen, Ballett für zeitgenössisch Tanzende zu unterrichten. Damals hieß es natürlich nicht „zeitgenössisch“, sondern „modern“. Ich bin klassisch ausgebildete Tänzerin, mit einer kurzen Karriere am American Ballet Theater. Zu der Zeit gab es einen interessanten Wechsel im Downtown-Sektor der Tanzwelt. Viele der Leute, die darin involviert waren, besuchten die gleichen Ballettstunden wie ich: berühmte CunninghamTänzer wie Carolyn Brown, Viola Farber, Betty Jones, Paul Taylor und Jüngere wie Lar Lubovitch und Jennifer Muller. Als ich das American Ballet Theater verließ, wollte

Janet Panetta ist klassisch ausgebildete Tänzerin und hat in vielen wichtigen Compagnien getanzt. Vor 40 Jahren begann sie, Ballett für zeitgenössisch Tanzende zu unterrichten

ich investigativer arbeiten. Ich wollte mehr ich selbst sein können, die Freiheiten verlockten mich. Als ich anfing zu unterrichten, wollte ich sicherstellen, dass ich etwas lehren würde, das vermittelbar ist. Etwas, das Dauer hat. Ich wusste, ich habe die Fähigkeit, Ballett zu entmystifizieren – indem ich nur die physische Funktionalität, nicht aber die ästhetische Position pflegen würde. Ich wusste, ich könnte talentierten Tänzern helfen, sich mithilfe technischer Grundlagen zu verbessern, ohne dominierende Bilder zu strapazieren, wie Balletttänzer auszusehen haben. Das war und ist das Prinzip meines Unterrichts bis heute. Welche Verbindung hatten Sie zu Jérôme Bel? Und Sie waren auch bei einigen der wichtigsten zeitgenössischen Tanz-Compagnien tätig …

Grande Dame mit Hündchen: Janet Panetta unterrichtet seit 18 Jahren bei ImPulsTanz

Panetta: 1983 sollte ich die französischen

Nachwuchstänzer und -choreografen in Angers unterrichten. Zu der Zeit war dort auch Jérôme Bel Student. Einige Jahre habe ich auch mit Pina Bauschs Compagnie gearbeitet. Auch für Rosas war ich tätig, jetzt unterrichte ich in der Schule, aus der viele Tänzer der Compagnie gekommen sind. Über die Jahre hatte ich auch Verbindungen zu zahlreichen Compagnien wie Ballet Preljocaj, Cullberg Ballet, Mathilde Monnier, Cunningham und Trisha Brown. Bekommen Sie Feedback in Ihren Ballettklassen? Panetta: Einmal gab es eine Diskussion über die Relevanz von Balletttraining für zeitgenössisch Tanzende. Eine Studentin meinte, Ballett sei eine elitäre Disziplin, und ­Ballettlehrer seien Faschisten. Der Choreograf Hooman Sharifi verteidigte mich, er sei noch nie in einer Klasse gewesen, die demokratischer gewesen sei, denn das Ziel sei die Funktionalität der Bewegung, nicht ein bestimmter Körpertyp. Jeder könne in meiner Stunde an dieser Funktionalität arbeiten. Was war für Sie das Wichtigste in Ihrem persönlichen Tanztraining? Panetta: Es ist schwer zu sagen, was das Wichtigste war. Es gab so viele Aspekte. Aber ich würde sagen: Ganz bei der Sache zu bleiben und sich nicht von inneren oder äußeren Stimmen beeinflussen zu lassen. INTERVIE W: VERONIK A K RENN


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impulstanz Vienna International Dance Festival Maarten Seghers & The Horrible Facts WHaT DO YOU MEaN WHaT DO YOU MEaN aND OTHER PLEaSaNTRIES 16. Juli + 13. August + Zusatzvorstellung: 14. August Schauspielhaus Österreichische Erstaufführung

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Tanzmenschen portr ätieren Tanzmenschen

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as bei ImPulsTanz heuer Schwerpunktthema ist, die Auseinandersetzung mit dem Aktionismus und der Perfor­ mancekunst der 60er- und 70er-Jahre, zeigten Florentina Holzinger und Vin­ cent Riebeek bereits 2011 mit „Kein Applaus für Scheiße“. Auf unnach­ ahmliche Weise, denn wie sie darin ak­ tionistische Ikonen von Schneemann, Abramovic, Mühl mit Beyoncé- und Rihanna-Songs, mit TV-Soap-Dialo­ gen und halbgar tantrisch anmuten­ den Tanzduetten verschneiden und damit eine durchdringende Wirkung beim Publikum erzielen, macht ihnen so schnell keiner nach. Wahrscheinlich wird es einmal Untersuchungen geben, mit welchen Schattierungen von Abwehrlachen das Publikum in den verschiedenen Städ­ ten auf die dramaturgisch wohlgesetz­ te Blaue-Farbe-Speib-Szene reagiert. Was auch immer die kulturellen Ver­ satzstücke sind, mit denen Florenti­ na auf der Bühne agiert, die Wirkung ist immer katalysatorisch. Das hat da­ mit zu tun, dass sie nicht zitiert in dem Sinn, dass eine performative Ak­ tion unter Anführungszeichen gesetzt würde, sondern Florentina ist – me­ diensoziologisch und esoterisch aus­ gedrückt – ein performatives Medium. Wie sie mit den Antriebsfedern Mut

Christine Gaigg über

Florentina Holzinger

und Angst umgeht, wie sie unpräten­ tiös aus der Tanzgeschichte genau­ so wie aus ihrem Leben schöpft, das schwappt auf das Publikum über. Bereits ein paar Wochen nach ih­ rem schweren Bühnenunfall 2013 hat sie schon wieder performt. Für das darauffolgende Stück „Agon“ ließ sie sich zur Kriegerin ausbilden, um ei­ nen Boxkampf in die Performance ein­ zubauen. Da lachte das Tanzpublikum nicht, sondern verharrte erst in ängstli­ cher Anspannung; ein Sportpublikum hätte das gleich anders kanalisiert. Darin ist Florentina Meisterin, mit Imagination und intensiver Körper­ lichkeit Welten zu erzeugen, die je­ des Publikum transformieren. Dass sie ihre intuitive Arbeitsmethode un­ gestört entwickeln konnte, hat zwar nicht ursächlich mit ihrer Ausbildung zu tun, Talent und Dedication hat sie schon mitgebracht – aber dort wurde beides zumindest nicht zerstört. Das rechne ich der School for New Dance Development in Amsterdam, an der ich zwei Jahrzehnte davor auch war, hoch an; es versöhnt mich etwas mit der Welt des Kunstbetriebs. F Schönheitsabend mit Florentina Holzinger & Vincent Riebeek 11.–13.8., 21 Uhr, Kasino. Workshop mit Florentina Holzinger: „Inside the Octagon“, 20.–24.7., Arsenal

Zitronismus ist der neue Aktionismus Die japanisch-wienerische Performerin Akemi Takeya kauft 72 Zitronen und erfindet 32 neue Bedeutungen für „SOS“ S A R A S CH A U S B E R G E R

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er Morsecode „SOS“ kann alles Mögliche heißen, jedenfalls bei Ake­ mi Takeya. Die Arbeit an ihrem Pro­ jekt „Little Stories About S.O.S.“ startete sie kurz nach dem großen Erdbeben 2011 in Japan. Die aus Japan stammende Wiener Choreografin war zum Zeitpunkt der Katas­ trophe gerade in Tokio und wusste erstmals nicht, wie weiter arbeiten. Dann begann sie damit, aus den Buchstaben SOS 32 ver­ schiedene Wortkombinationen zu erfinden, die eng mit dem Zustand des menschlichen Notfalls verbunden sind.

kann“, sagt Takeya, die ihre SOS-Samm­ lung schon einmal vergangenes Jahr bei Im­ PulsTanz als Solo-Performance präsentier­ te. Heuer wurde das Stück zur Gruppen­ version „Signs Of Solidarity“erweitert, die im Rahmen des Festivals zur Uraufführung kommt. Vor jeder Szene ist ein kurzer Ani­ mationsfilm zu sehen. Eine „PerformanceAusstellung“ nennt Takeya ihr mehrteili­

ges Projekt, zu dem auch ein „Rezeptbuch für Performances“ gehört.

Akemi Takeya performt in „Lemonism x Actionism“ mit Zitronen

Es sind Kreationen wie „Shock or Surprise“,

„State of Security“, „Suspension of Sex“ oder „Scan our Shape“. Ironisch und hu­ morvoll sind die Geschichten, die hinter den Formeln stehen und in kurzen Szenen auf die Bühne gebracht werden, auch wenn sie sich durchaus mit ernsten Themen befas­ sen: „Smash our Sentimentality“ zum Bei­ spiel bezieht sich auf die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki. „Die Szene besteht einerseits aus einem lauten Explosionsgeräusch, um an die Ver­ gangenheit zu erinnern, andererseits geht es darum, dieses Gefühl von Sentimenta­ lität einzustellen, damit Neues entstehen

Lemonism x Actionism 21. u. 25.7., 19.30 Uhr, Mumok Little Stories About S.O.S. 5.8., 21 Uhr, 7.8., 22 Uhr, 8.8. 21 Uhr, Kasino

Für ihr Stück, das Teil der Performancerei­ he „Redefining Action(ism)“ im Mumok ist, hat Takeya den Kampf zwischen Ak­ tionismus und „Zitronismus“ ausgerufen. „Lemonism x Actionism“ denkt die Kunst­ bewegung neu und nimmt mithilfe einer Zi­ trone den Körper als materielles Ich in den Blick. Die Zitrone, in die das Messer hin­ einschneidet und aus der der Saft tropft, wird zur Metapher, wenn Takeya den Wie­ ner Aktionismus adaptiert, konfrontiert und wiederholt. Vorbild für den „Zitronismus“ sei das Mandala, sagt die Künstlerin. „Ich adaptie­ re die Form des buddhistischen und hindu­ istischen Symbols und lege 72 Zitronen im Kreis auf dem Boden aus. Jede Zitrone ist mit einem Begriff, einer Anweisung verbun­ den. Der Reihe nach arbeite ich die Anwei­ sungen ab und suche so nach neuen We­ gen, den Körper zu präsentieren“, erzählt Takeya, die seit 1991 in Wien lebt und in ihren Arbeiten westliche und östliche Kul­ tur verbindet. In Japan seien Zitronen un­ erschwinglich teuer. Für Takeya ist es ein Glück, dass man in Österreich so viele Zi­ tronen für so wenig Geld bekommt. Immer­ hin braucht sie davon viele, wenn sie den „Zitronismus“ lebt. F

I l l u s t r a t i o n : P . M . H o f f m a n n ; F o t o : E RA

BEGEGNUNG:


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Im pulstanz 15

Wie Götter, die von Tänzern in Ekstase Besitz ergreifen: Rita Vilhenas „Emergency Plan“

Zeugen des Rituals Triff den Schamanen: Viele Produktionen bei ImPulsTanz setzen sich mit dem Ritual auseinander Überblick: Ulli Moschen

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als Mittel zur Veränderung von Bewusstseinszuständen. Und wirft die Frage auf, wie der Körper im Tun Wirkung und damit Wirklichkeit erzeugt, wie diese wahrgenommen, gedeutet und verändert werden kann. Für ihr Stück „Emergency Plan“ hat sich die

Mit „Meet the Shaman“ bringt Oleg Soulimenko (o.) sibirischen Schamanismus, Simon Mayer (u.) alpenländisches Brauchtum

portugiesische Tänzerin Rita Vilhena vom brasilianischen Candomblé-Ritus inspirieren lassen, in dem Götter von den Tänzern in Ekstase Besitz ergreifen. Im Candomblé haben sich die Riten der verschleppten und versklavten Afrikaner erhalten und stellten ein Refugium zur Bewahrung ihrer verbotenen Kultur und ihrer afro-brasilianischen Identität dar. In Vilhenas Version eines Notfallplans ziehen die Performer das Publikum in ihr rätselhaftes diskursiv-sinnliches Universum mit hinein. Sie kreieren mit Kultobjekten und unter vollem Körpereinsatz archaische Zeichen wie Sonnen und Spiralen, gehen in der Gruppe auf oder verlieren sich in angedeuteten sexuellen Handlungen und repetitiven, autistischen Zwangsritualen. Das in Wien arbeitende Kollektiv nada­ productions hat sich der Erforschung kultureller Diversität und ihrer überlieferten Tanzkulturen verschrieben, die sie in den zeitgenössischen Tanz einbringen wollen. Bei ImPulsTanz sind nadaproductions als Choreografen und Buchautoren vertreten.

F o t o s : P e p i j n L u t g e r i n k , A n d r e a s H i r s c h , G e r ha r d F . L u d w i g

eltmusik, folkloristische Stoffe, die von bengalischen Kindern zu Kleidern für Modekonzerne verarbeitet werden, Tattoos und Badeshorts in Lederhosenoptik auf der einen Seite, Inte­grationsprobleme, explosive Konflikte in der Dritten Welt und Ratlosigkeit angesichts des Flüchtlingsstroms auf der anderen: Unsere multikulturelle Welt hat sich längst zu einer Hybridkultur entwickelt, die dem Individuum die Qual der Wahl und eine damit verbundene Orientierungslosigkeit aufbürdet. Als „einen unerklärten und brutalen Weltkrieg“ bezeichnen die Südamerikanerin Amanda Piña und der Schweizer Daniel Zimmermann von nadaproductions die fortschreitende kulturelle Homogenisierung unseres Planeten seit der Kolonialzeit. Sie und zahlreiche andere Künstler bei ImPulsTanz fragen nach dem potenziellen Widerstand des Körpers und legen den Finger in die Wunde des Verlusts einer eindeutigen Identität und Zugehörigkeit. Sie nehmen Anleihen bei traditionellen Kulturen, die es in ihrer Reinform gar nicht mehr gibt und untersuchen das Phänomen des Rituals, das nicht von ungefähr eine starke Affinität zum Tanz hat. Als symbolhaft aufgeladene formelle Handlungen und festgelegte Kommunikationsabläufe geben Rituale Halt und Orientierung und wirken einheitsstiftend. Tanz dient dabei häufig


I m p u l s t a n z 1 5    Im Rahmen ihres Projekts „Endangered Human Movements Vol.1“ bringt das kongeniale Team in „Four remarks on the history of dance“ überlieferte Tanzformen auf die Bühne, die sich dem Boden unter unseren Füßen, der Ernte und dem Fischen widmen, und stellt unter demselben Titel ihre erste Publikation zum Thema vor. Einen reichen Fundus an traditioneller Folklore, an Bräuchen und Riten bietet zum Beispiel auch Oberösterreich, die Heimat von Simon Mayer. Er wuchs auf einem Biobauernhof auf und wurde nach seiner Ausbildung im klassischen Ballett in Anne Teresa De Kaersmaekers Kaderschmiede P.A.R.T.S. und ihrer Compagnie Rosas künstlerisch geprägt. Sunbeng heißt im Dialekt die Bank vor dem Haus, auf der man nach getaner Arbeit in der Sonne sitzt, und Mayer schneidet sie in seinem Stück „SunBengSitting“ splitterfasernackt mit der Motorsäge aus einem Holzstrunk. Er verwebt tänzerische Elemente, Gstanzln, Jodeln, Geigengefidel, Kuhglocken, Schuhplatteln und Aperschnalzen – traditionell soll der laute Knall der Peitsche den Winter vertreiben, die Frühlings- und Fruchtbarkeitsgeister wecken – zu einem humorvollen, reflektierten Stück aus einem Guss. Mayer spielt mit Männlichkeitsbildern und wirft gesellschaftliche Fragen auf, thematisiert rechtslastige Anteile alpenländischer Volkskultur ebenso wie ihre archaischen Inhalte. Wenn ein formsicherer und feinsinniger Performer wie Simon Mayer Heimatkun-

de betreibt, stellen Stadt und Land, Heimat und Fremde, Unterdrückung und künstlerische Freiheit Widersprüche dar, die hinterfragt gehören. Der russische Performancekünstler Oleg Soulimenko hat sich nicht nur in seiner Wahlheimat Wien den Ruf als Provokateur und Grenzüberschreiter erworben. Mit seinem Stück „Meet The Shaman“ verarbeitet er die Eindrücke seiner Forschungsreise zu den Schamanen in der russisch-sibirischen Teilrepublik Burjatien und geht der Frage nach, wie ein archaisches Ritual auf Menschen von heute wirkt. Nachdem er seine schamanischen Utensilien vorbereitet hat, verwandelt er mit Unterstützung der Videokünstlerin Anna Jermolaewa und mit dem Performer Robert Steijn als Special Guest sich selbst und den Raum in einen anderen, magischen. In einem stetigen Rhythmus passiert das und unter Zuhilfenahme roter Rüben, einer Maske, diverser Beschwörungsformeln und Kleidern und einem Sack Erdäpfel, die es vom Bühnenhimmel regnet. Währenddessen vollzieht ein Musikschamane mit dem Künstlernamen dieb13 seine eigenen akustischen Rituale. Ein Museum, eine Kirche und eine Galerie dien-

ten der Portugiesin Ana Rita Teodoro bereits als Aufführungsorte für ihre Produktion „Shade“. In Wien bekommen wir die Bühnenversion der auf einen kleinen Raum begrenzten, gerahmten Tableaux vivants im Rahmen von [8:tension] zu sehen. Mit ih-

Emergency Plan 9.8., 19.30 Uhr und 11.8., 18.30 Uhr, Mumok/Hofstallungen Four remarks on the history of dance 29.7., 21.30 Uhr und 31.7., 20.30 Uhr, Kasino SunBengSitting 9.8., 21 Uhr und 11.8., 23 Uhr, Odeon Meet The Shaman 23.7., 19.30 Uhr, 25.7., 22.30 Uhr und 26.7., 19 Uhr, Weltmuseum Shade (Fantôme Méchant) 31.7., 23 Uhr und 2.8., 21 Uhr, Schauspielhaus

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rer eigenen Stimme und eindringlichen Bildern haucht sie traditionellen portugiesischen Liedern über Frauen Leben ein. Liedern, die pervertierte traditionelle Rollenbilder heraufbeschwören, wie eine Frau als gute Ehefrau, Tochter und Mutter zu sein hatte. „The shadow of a country does not leave her body“, sagt Ana Rita Teodoro und begreift den Schatten dieser Vergangenheit als Teil einer subjektiven und gleichzeitig kulturellen Identität, die Beschäftigung damit als Identitätskrise. Indem sie dem Schatten, der die Frau und die Frauen heute heimsucht, eine Stimme gibt und ihn in eindringliche Bilder gießt, wird er greifbar und lässt sich transformieren. Insofern ist „Shade“ ein hypnotischer, performativer, aber auch ein emanzipatorischer Akt. „Was kann die Funktion eines zeitgenössischen Rituals in Form einer Performance sein?“ ist eine der Fragen, denen Rita Vilhena in ihrem „Emergency Plan“ nachgegangen ist. Die Lust am Selbstverlust wie im Candomblé, die Emanzipierung von traditionellen Frauenbildern, eine ironische Dis­tanz zu oberösterreichischen Männlichkeits- und Frohsinnsbezeugungen, der Sog schamanischer Praktiken oder Readymades traditioneller Tanzformen, mit dem Anspruch, sie dem Vergessen zu entreißen – die Antworten darauf sind vielseitig. Die wohltuende Eigenart von Performance und Tanz ist es, seinem Publikum die Entscheidungsfreiheit zu lassen, ob es Zuschauer bleibt oder Zeuge wird – und damit Teil des Rituals. F

Der Butoh-Tanz hat mit Ko Murobushi am 18. Juni 2015 einen seiner bekanntesten und wichtigsten Künstler verloren, unser Festival einen guten Freund und Wegbegleiter der ersten Stunde. Ko Murobushi brachte den Butoh 1976 nach Europa. Den Boden für seine künstlerische Arbeit in Wien bereiteten recht bald Erwin Piplits und Ulrike Kaufmann, die intensive Spielserien seiner Arbeiten präsentierten. Bei ImPulsTanz gastierte Ko Murobushi erstmals 1987 – der Anfang einer künstlerischen wie persönlichen Freundschaft, die knapp 30 Jahre währte und mehr als 50 gemeinsame Projekte – Solo- und Gruppenproduktionen ebenso wie zahlreiche Research-Projekte – umfasste. Bon voyage, Ko, wir werden Dich vermissen! Karl Regensburger & Ismael Ivo und das ImPulsTanz-Team Erwin Piplits & das Serapions Ensemble

„Ich denke, ich möchte ein Alien werden, ein Fremder.“ Ko Murobushi, 1947–2015


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F A L T E R   

Im pulstanz 15

Der

K ö r p er ist das

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as Video zeigt einen jungen Mann in seinem Atelier. Er setzt Fuß um Fuß auf die weißen Linien eines am Boden aufgeklebten Quadrats und wiegt dabei die Hüften sonderbar abgehakt hin und her. Übt der Kerl für einen Auftritt am Laufsteg? Dafür sind seine Schritte zu langsam, auch geht er plötzlich rückwärts. Ab 1966 stellte Bruce Nauman regelmäßig die Kamera auf und filmte sich selbst. Mit Videos wie „Walking in an Exaggerated Manner Around the Perimeter of a Square“ machte der studierte Bildhauer erste Anläufe, Körperakte als Kunstwerke zu fassen. „Zwei der von uns gezeigten NaumanPerformances sind ganz klar von Tanzschritten beeinflusst. In Amerika gibt es seit jeher einen erkennbaren Zusammenhang zwischen Performancekunst und Modern Dance“, sagt die Kunsthistorikerin Eva Badura-Triska, die das Video für ihre Ausstellung „Mein Körper ist das Ereignis“ im Museum moderner Kunst (Mumok) ausgewählt hat. Die Schau stellt die radikalen Aktionen hiesiger Künstler der 1960er- und 1970er-Jahre der Performancekunst internationaler Proponenten gegenüber. Dort trifft

Ereig nis

etwa Hermann Nitschs „Orgien-MysterienTheater“ auf die kubanischen Opferrituale von Ana Mendieta und Günter Brus’ blutige Aktion „Zerreißprobe“ auf die Anti-Vietnam-Performance „Shoot“, bei der sich USKünstler Chris Burden in den Arm schießen ließ. „Die Wiener Aktionisten waren denkbar gro-

ße Grenzüberschreiter zu Musik, Film und Fotografie, aber Tanz gab es für sie nicht, denn das war hierzulande damals nur ‚Schwanensee‘“, erklärt Mumok-Kuratorin Badura-Triska. Wien hinkte der Entwicklung des modernen Tanzes lange hinterher, aber die Aktionen jener Epoche vermögen auch zeitgenössische Künstler noch zu inspirieren, wie das Festival ImPulsTanz nun beweist. Die Festival-Kuratorin Christine Standfest hat 14 Choreografen und Performer eingeladen, in der Reihe „Redefining Action(ism)“ auf die historischen Arbeiten zu reagieren. „Das Museum soll nicht nur als spannender Spielort funktionieren, sondern eine tatsächliche Beschäftigung mit den Fragestellungen der Kunst bieten“, betont Stand-

ImPulsTanz im Mumok: In der Festival-Serie Redefining Action(ism) antworten Performer von heute auf Aktionen von gestern MUSEUMSBESUCH: NICOLE SCHEYERER

fest zu ihrem Programm. Dafür haben die Teilnehmer von ImPulsTanz und Mumok Carte blanche: Alles ist offen, die meisten Stücke werden erst vor Ort entstehen. „Es ist ein Experiment, das es in dieser aktiven Form der Auseinandersetzung zwischen Kunst und Tanz kaum je in einer Ausstellung gegeben hat“, sagt Standfest. An einem Performer, der sich kurz etwas ausdenkt, im Museum „herumhoppelt“ und dann wieder abhaut, habe sie kein Interesse. Nun ist es freilich keine Neuigkeit, dass sich Tänzerinnen und Tänzer in Galerien und Museen bewegen, wie schon der Auftritt von Merce Cunningham 1964 im Wiener 20er Haus bewies. Die Pioniere des Modern Dance zogen Ausstellungsräume sogar oft vor, weil dort andere Konventionen des Betrachtens als im Theater herrschten. Das gelungene Ausstellungsdisplay im Mumok lädt zu einem „Tänzchen“ regelrecht ein: Dort werden die Videos nicht in Black Boxes gezeigt, sondern auf von der Decke hängenden Planen sowie auf einem raumfüllenden Sockelbau. Die Aktionen von Yoko Ono, Valie Export oder Marina Abramovic gehen heute

Foto: Simon Jourdan

Ana Rita Teodoru setzt sich in „Ana“ mit Aktionismus-Mitstreiterin Anna Brus auseinander. In „Gut’s Dream“ (Foto) geht es um innere Organe


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F o t o s : A n t o n y R i z z i , M i g u e l G u t i e rr e z , I v o D i m c h e v , M u m o k ; I l l u s t ra t i o n : P . M . H o ffma n n

noch unter die Haut und stellen für zeitgenössische Performerinnen Ikonen dar. In ihrem international erfolgreichen Stück „Magical“ verarbeiten Anne Juren und Annie Dorsen Klassiker der feministischen Performance Art in einer Art Zaubershow. Sie greifen dabei auch die im Mumok gezeigte Aktion „Interior Scroll“ von Carolee Schneemann von 1975 auf, die damals eine Papierrolle mit Text aus ihrer Vagina zog. Aber wie verhält sich die in Gendertheorie bewanderte Performancekunst der Gegenwart zu Machos wie den Wiener Aktionisten? Kuratorin Badura-Triska widerspricht diesem Vorurteil. „Man muss die Werke ansehen und nicht die Biografien. In Wahrheit agierten sie ungeheuer fortschrittlich.“ Brus hat bei seiner „Zerreißprobe“ Strapse angehabt und thematisierte in einer anderen Aktion Gebären und Mutterschaft. Auch bei den Modellen ihrer Aktionen, die sie mit Blut und Farbe überschütteten, hätten Nitsch, Muehl und Schwarzkogler keinen Unterschied zwischen dem „Material“ männlicher oder weiblicher Körper gemacht. Für den New Yorker Tanz- und Musikkünstler Miguel Gutierrez, Jahrgang 1971, ist Brus der „queerste“ aller Aktionisten. In seiner Soloperformance „FuckMeGunterBrusBrusGunterMeFuck“ wird der ausgebildete Opernsänger seinem Schwarm auch ein Liebeslied darbringen. Die 1982 geborene Tänzerin Ana Rita Teodoro hat für ihre Performance „Ana“, die während der regulären Museums­öffnungszeiten stattfindet, zur Aktionisten-Mitstreiterin Anna Brus recherchiert. „Gut’s Dream (Rêve d’Intestin)“ titelt ihre Sammlung von Tanzstücken an zwei Abenden im Mumok, die sich den inneren Bewegungen der Körperorgane widmen. „Das Thema der Gemeinschaft gewinnt im Tanz wieder an Bedeutung“, nennt TanzKuratorin Standfest ein weiteres heißes Thema. Der Begriff der „sozialen Skulptur“ wäre heute wieder en vogue. Diese Fragen betreffen sowohl das Miteinander des Ensembles als auch eine kritische Haltung zur Gesellschaft. So nimmt etwa der Aktivist und Choreograf Keith Hennessy in seiner Kunst eine dezidiert antikapitalistische Stellung ein. Das kommende Stück „ActionJism“ geht den Folgen von bürgerlichem Gehorsam nach – von der Nazizeit bis heute. Der in Sofia lebende Ivo Dimchev, der auch mit dem Wiener Künstler Franz West zusammengearbeitet hat, wird im Mumok die Verhältnisse von Akteur und Betrachter umdrehen. In dem interaktiven Live-Experiment „Facebook Theatre“ soll das Publikum dem Performer via soziales Netzwerk Text und Regieanweisungen posten. Welche Rolle der Körper bei dieser virtuellen Form des Kontakts noch spielt, wird sich zeigen. „Wie können wir anders begehren?“, lautet für Standfest eine Frage, die die Künstler um 1968 mit den Zeitgenossen verbindet. Badura-Triska interessiert besonders, wie bildhaft die Künstler ihre Arbeiten gestalten werden. Die Kuratorin ist auf die Performance von Akemi Takeya gespannt, die einen Wettstreit zwischen Aktionismus und dem selbst erfundenen „Lemonismus“ inszeniert. Das Foto einer blutenden Zitrone, das die seit 1991 in Wien lebende Tänzerin dafür geschossen hat, deutet auf tiefe ­Schnitte hin. F

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Tanzmenschen

Philippe/SUPERAMAS über

„The Artist Is Here“, heißt die Performance von Antony Rizzi im Mumok. Er bezieht sich auf Marina Abramovic

Elisabeth B. Tambwe

lisabeth B. Tambwe arbeitet so, wie sie E spricht. Und das Gute dabei ist: Ihr stehen mehrere Sprachen zur Verfügung. Und „FuckMeGunterBrusBrusGunterMeFuck“: der New Yorker Miguel Gutierrez entdeckt die queeren Seiten des Aktionismus

Ivo Dimchev dreht für seine Arbeit im Mumok die Verhältnisse zwischen Akteur und Publikum um

„Mein Körper ist das Ereignis“, heißt die aktuelle Schau im Mumok, für die auch „Gruppeninterventionen“ geplant sind

damit meine ich nicht nur die gesprochenen Sprachen, weil auch ihr Körper und ihre Biografie voll sind mit guten Geschichten. Elisabeth beschäftigt sich mit geradlinig konfrontativen Themen wie Verführung und Missbrauch. In ihrer Arbeit gibt es kein Vergessen, aber die heutige Reife hilft ihr offensichtlich dabei, süße Rache zu üben. So sehe ich das zumindest, und ich bin mir nicht sicher, ob Elisabeth das genau so sieht. Wie auch immer, ich wurde gebeten, ein Porträt über sie zu schreiben, und ich habe zugesagt, und hier stehe ich nun, nackt, aber willig! Gestern Abend sind wir gemeinsam in die Oper gegangen. So etwas machen wir nicht regelmäßig, weil die Oper immer noch ein sehr exklusiver Ort ist. Elisabeth trug an diesem Abend diese Art MinnieMaus-High-Heels und eine Frisur, die sie „Banana’s“ nennt. Eine klare Referenz an ihre Banana-Philosophie, die in jeder ihrer Shows und Installationen vorkommt. Was soll das? Für mich ist es eine Kampfausrüstung, um das zu ertragen, was sie wirklich ist. Ein Kampfwerkzeug, das es ihr erlaubt, das zu sein, was sie ist oder werden wird: eine schwarze Frau in einer weißen Welt, eine Frau in einer Männerwelt, eine Gegenwartskünstlerin mit einer schweren historischen Last auf ihren Schultern in einer Welt, die immer mehr auf Unterschiede hinunterblickt. Es mag schmeichelhaft klingen, aber ich halte Elisabeth für extrem mutig, wenn sie die Reaktionen der Leute auf ihre Person mit einem manchmal vielleicht etwas zu lauten Lachen abtut. Ihr lautes Lachen resultiert aus langen Jahren in Österreich. In Elisabeths Arbeit kann man eine ausgestreckte Hand erwarten, die sich in einen Showdown verwandelt, um schließlich als gründliche Untersuchung des Anderen zu enden: meiner, deiner und letztlich natürlich ihrer selbst. F In der Performance-Serie Redefining Action(ism) ist Elisabeth B. Tambwe mit „Fit In“ vertreten. 4.8. 19.15 Uhr, Mumok


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Im pulstanz 15

Nachts Muse im

N

adja Haumberger streift sich einen blauen Handschuh über. Dann dreht sie einen Schild um, der auf dem Tisch vor ihr liegt. Die Artefakte hier im Depot des Weltmuseums dürfen nicht mit bloßen Händen angefasst werden. Zu leicht könnte etwas kaputtgehen. Aber der Handschuh dient auch dem Schutz vor giftigen Chemikalien, mit denen früher die antiken Stücke konserviert wurden. Unglaubliche Saalfluchten, deckenhohe, leere Vitrinen, Klimaanlagen, die nicht mehr den Standards entsprechen, es riecht nach abgestandener Luft: Das Weltmuseum Wien ist derzeit zu, das riesige ehemalige Völkerkundemuseum in der Hofburg am RingstraßenRand wird umgebaut. Man kann jedoch nicht behaupten, dass das Museum nicht existiert. Unterm Dach herrscht emsiges Treiben, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beackern in Büros ihre Fachgebiete, unten im Tiefspeicherdepot warten 300.000 Objekte aus aller Welt darauf, eines Tages wieder gezeigt zu werden. Seit 15 Jahren ist die Dauerausstellung nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich, die Wiedereröffnung des Museums ist für 2018 geplant. Leben kommt allerdings schon diesen Sommer in die Räumlichkeiten. ImPulsTanz nutzt das etagenweise leer stehende Gebäude auf vielfältige Weise. Es soll dabei nicht nur Spielort sein, sagt Michael Stolhofer von ImPulsTanz – die Performances und Installationen, die im Weltmuseum zu sehen sind, werden vor Ort und für den Ort entwickelt. Seit Wochen arbeiten hier Künstler und Wissenschaftler zusammen, eignen sich die Themen des Museums an, spielen mit Objekten aus der Sammlung. Und das wird eine Sensation!

Das derzeit geschlossene Weltmuseum ist heuer zentraler Schauplatz von ImPulsTanz. Seit Wochen bereitet man sich dort aufs Festival vor REPORTAGE: CHRISTOPHER WURMDOBLER F otos : H eribert C or n

Das Museumsdepot im Tiefgeschoß. Überra-

schend warm ist es hier, die Luft ist trocken, die Fenster zum gesicherten Lichtschacht lassen nur erahnen, dass draußen im Burggarten Sommer ist. Hier unten im Museum ist die Welt in Ordnung; sie ist thematisch gegliedert, wie die Ethnologin Nadja Haumberger erklärt: Waffen, Töpfe, Körbe, Masken und so weiter. Im 19. Jahrhundert wurde so ein bestimmtes Weltbild ersammelt. Haumberger hat die Stahltüre zur Sammlung „Afrika südlich der Sahara“ offen gelassen und zeigt Caroline Madl von der Gruppe Superamas eine Auswahl beeindruckender afrikanischer Schilde aus Tierhaut. Das Kollektiv beschäftigt sich in ihrer Arbeit „History of Violence“ mit dem Thema Krieg. Manche der Objekte dürfen die Performer – mit dem entsprechenden Schutz – tatsächlich auch handhaben. Empfindlichere Teile wie das hölzerne Schild mit den schaurigen Fransen aus

schwarzem Menschenhaar, können nur unter Sicherheitsglas gezeigt werden. „Das Museum, das Depot ist zum Safe für Objekte geworden, die einmal das pure Leben waren“, sagt Madl. Die Theatermacherin schwärmt von der Aura der Objekte, die das Gegenteil von Theaterrequisiten seien. Kurz zuvor hat sie noch Kostüme aus dem Burgtheater-Fundus ins Museum gebracht, die in „History of Violence“ zum Einsatz kommen sollen. Der trashige Federschmuck, die geschneiderten Indianertextilien aus der Requisite wirken neben dem Echten hier wie billiger Fummel. Genau diese Diskrepanz will man in der Performance aber auch nutzen. Museumsmitarbeiterin Haumberger deckt die Auswahl an Schilden, die sie mit Theatermacherin Madl nach einigen Besuchen im Depot getroffen hat, wieder sorgfältig mit Seidenpapier ab, schaltet die Neonbeleuchtung aus und versperrt die Stahltür. Auf dem Weg hinauf ins Museum zeigt sie noch schnell das Speerdepot, einen aufgrund seiner Höhe für die Lagerung der historischen Waffen idealen, quadratischen Raum. In acht Ständern lagern Krieg und Auseinandersetzung: hunderte Wurfwaffen aus verschiedenen Erdteilen, Kulturen und Epochen, beeindruckend. Bianca Figl koordiniert das Festival-Gastspiel seitens des Museums. Die junge Frau vermittelt zwischen den Institutionen, die zudem sehr gut miteinander können. Dem Besucher zeigt sie düstere Räume, die von ImPulsTanz bespielt werden, Räume, wo Choy Ka Fai seine „SoftMachine“ installieren wird (siehe Kasten). Und dort kommt ein Kaffeehaus hin! Mit dem Lift geht’s nach oben in leergeräumte Ausstellungssäle, durch einen als „Vitrinenfriedhof “ genutzten Raum, und plötzlich steht man im kreativen Chaos von Claudia Bosse. Schon Wochen vor dem Festivalstart hat die Künstlerin eine Art Residency im Weltmuseum inne. Intensiv bereitet sie vor Ort ihre bespielbare Installation „a second step to Ideal Paradise“ vor. In fünf Räumen auf fast 700 Quadratmetern, auf dem Parkettboden, in Schaukästen an Wänden oder von der Decke hängend, kontrastiert sie eigene Arbeiten mit ausgewählten Exponaten aus der Museumssammlung, die ihr die Südamerika-Kuratorin Claudia Augustat zugänglich gemacht hat. Im Büro unterm Dach hat Bosse die Daten-

„a second step to Ideal Paradise“: Claudia Bosse (im Hintergrund: ImPulsTanz-Mann Michael Stolhofer) arbeitet direkt im Museum

bank des Museums, das auch über hunderttausend historische Fotografien besitzt, gesichtet und eine Auswahl getroffen. „40.000 Bilder habe ich angeschaut, aber ich will sie noch alle sehen“, sagt Bosse. In ihrer Installation versucht sie Antworten zu Fragen des Territoriums, der Ideologie, Erotik oder ero-


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tischer Rassismen, des Fetischs oder des Übergangs zu geben. Sie präsentiert Kopftrophäen aus Südamerika, Bestrafungskultur aus Asien oder erotische Neujahrspostkarten aus dem Samoa der Kolonialzeit. Sie stellt Kopfschmuck aus Pferdehaar oder Ketten aus Zähnen Votivgaben gegenüber, die wie Organe aussehen. Interessant auch das Gerät, mit dem bei Säuglingen Schädeldeformationen hervorgerufen wurden, um den Kindern besondere Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben. Oder Grabbeigaben aus Peru, die sexuelle Szenen darstellen und von Ethnologen einst – womöglich aus Scham – unter „Fruchbarkeitssymbole“ klassifiziert wurden. Ist das von hier oder von ihr? In der Gegenüberstellung mit Bosses Arbeiten macht sich schon in der Aufbauphase der Installation oft Unsicherheit breit. Manche ihrer Skulpturen – Puppenköpfe auf Stangen mit drapierten, Schaumstoff oder Kunsthaar – wirken bereits wie Objekte aus der ethnologischen Sammlung. Beim dienstäglichen Jour fixe der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums, hat Bosse ihr Projekt vorgestellt. Die Ethnologin Augustat ist sich sicher, dass die Exponate, die sie gemeinsam mit der Künstlerin ausgesucht hat, eine würdige Präsentation bekommen und die Sammlung nicht als gruseliger Gemischtwarenladen betrachtet wurde. Auch jene heiklen Objekte aus dem Depot für menschliche Überreste wie der Schrumpfkopf. Die Leute von ImPulsTanz sind übrigens nicht die einzigen Gäste im geschlossenen Museum. Regelmäßig kommen Abordnungen indigener Völker her, erzählt Augustat. Kürzlich sei wieder Besuch aus Südamerika dagewesen und habe das Depot besichtigt. Einer der Herren wollte für die „vielen schönen Dinge“ ein Lied singen. Also fassten die Wissenschaftlerinnen zwischen den Sammlungsteilen einander an den Händen und der Mann sang. Auch eine Performance. F

ImPulsTanz im Weltmuseum Performances Meet the Shaman 23.7., 19 Uhr u. 25.7., 22.30, 26.7. 19 Uhr History of Violence 29. u. 31.7., 2.8., 19 Uhr Wall Dancing 30.7. u 1.8., 18 Uhr, 2.8., 15 Uhr Future Memory 4.8., 20.30 Uhr u. 6.8., 19 Uhr Yuya Tsukahara 7.8., 19 Uhr u. 9.8., 17 Uhr untitled movements with a drummer comming a little later 7.8., 20.30 Uhr u. 9.8., 18.30 Uhr Rianto 8.8., 18 Uhr u. 11.8., 20 Uhr Surjit Nongmeikapam 10.8., 21 Uhr u. 12.8., 19 Uhr a third step to Ideal Paradise 13.8., 19 Uhr, 15.8., 20.30 Uhr u. 16.8., 19 Uhr Songs of Water/ Tales of the Sea 14.8., 21 Uhr u. 16.8., 18 Uhr Installationen Softmachine (Choy Ka Fai) a second step to Ideal Paradise (Claudia Bosse) Score (Superamas) 26.7. bis 16.8., geöffnet jeweils zwei Stunden im Anschluss an die Performances im Weltmuseum. Eintritt frei. Darüber hinaus wird es im Weltmuseum auch ein Café geben

Im WeltmuseumDepot: Caroline Madl (Superamas) lässt sich für „History of Violence“ von Ethnologin Nadja Haumberger (r.) Waffen zeigen

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Erstmals zeigt ChoyKa Fai im Weltmuseum seine „Soft­M a­chine“ komplett

Foto: Joachim Kapuy

um

FALTER 

Im Weltmuseum: Choy Ka Fais unmögliches Lexikon des Tanzes Die MultimediaInstallation „SoftMachine“ des aus Singapur stammenden Performancekünstlers Choy Ka Fai wird bei ImPulsTanz zum ersten Mal ganz zu sehen sein. Ort ist das Weltmuseums, wo die Tänze in vier Räumen mit den Objekten des Museums in einen Dialog treten. ::  Hundert Tänze aus Asien:

Falter: Für Ihr Video-Archiv „SoftMachine“ haben Sie 100 verschiedene Tänzerinnen und Tänzer aus Asien porträtiert. Sind Sie Kurator, Ethnologe oder Dokumentarist? Choy Ka Fai: Von allem etwas. Ich würde mich aber in erster Linie als Ideenforscher bezeichnen. Vor allem meine Neugier auf alles, was im zeitgenössischen asiatischen Tanz derzeit passiert, hat mich geleitet. Dabei hat das Thema die Methode vorgegeben. In jeder Stadt, die ich besuchte, habe ich zunächst mit den lokalen Fachleuten Kontakt aufgenommen und meine Ideen mit ihnen diskutiert. Durch die Gespräche mit den Künstlern, die ein Teil des Projekts sind, ergaben sich dann neue Fährten und Netzwerke. Mein kuratorischer Prozess war also sehr intuitiv. Was das Dokumentarische angeht: Weil es kein Archiv des asiatischen Tanzes gibt, wurde ziemlich schnell klar, dass der dokumentarische Anteil meines Projektes einen großen Stellenwert haben würde. Es gibt 48 Länder in Asien und nur in fünf davon habe ich geforscht. „SoftMachine“ ist von daher auch eine Art unmögliches Lexikon dessen, was im asiatischen zeitgenössischen Tanz derzeit passiert.

Der Titel „SoftMachine“ ist einem Romantitel William S. Burroughs’ entlehnt. Er steht für den menschlichen Körper, auch für die Manipulation des Körpers. Methodisch benutzt der Autor ein Cut-up-Prinzip, er rekombiniert Teile anderer Texte. Auf welche Ebene des Buchs beziehen Sie sich? Choy Ka Fai: Es geht mir um das Prinzip der Rekomposition, darum, zu beobachten, wie sich verschiedene Strömungen, Geschichten und Techniken des Tanzes zueinander verhalten. Ihre Unterschiede erscheinen dabei in einer Art organischer Logik, indem ich die Einflüsse und Traditionen der Porträtierten erforsche. Ich kann das, was ich mit ihnen erlebe, zwar beeinflussen, aber nicht bestimmen, was dabei herauskommt. Daher ist für mich die individuelle Geschichte wichtiger als die Versuchung, das Ganze in einen bestimmten Rahmen zu setzen.

„SoftMachine“ ist der zweite Teil einer Trilogie. Im ersten Teil „Prospectus for a Future Body“ haben Sie Methoden der technischen Reproduzierbarkeit von Bewegung angewendet. Nun zeigen Sie Tanz, der nicht nur mit bestimmten Körpertechniken, sondern teils auch mit spirituellen Techniken arbeitet. Wo führt diese Arbeit hin? Choy Ka Fai: Den Rahmen meiner Arbeit bildet ein imaginäres Institut für die ­Forschung an nonverbaler Kommunikation. Die geplante Trilogie untersucht verschiedenste choreografische Prozesse – von den Möglichkeiten der technischen ­Konditionierung des Körpers zu kulturellen und sozialen ­Aspekten von Tanz und Choreografie. Für „Prospectus for a Future Body“ (2009–2011) habe ich an einem digitalen Gedächtnis von Muskelabläufen gearbeitet. „SoftMachine“ (2012–2015) versucht choreografisches Denken und die Komplexität von körperlicher Bewegung zu dokumentieren. Der dritte Teil „The Choreography of Things“ (2014–2016) entdeckt mit einer Sensortechnik die neurologischen Zusammenhänge des sich bewegenden Körpers. Wie gehen Sie mit Ihrem eigenen Körper um? Arbeiten Sie oft mit technischen, synthetischen oder auch medizinischen Hilfsmitteln, um seine Möglichkeiten zu erweitern? Choy Ka Fai: Die Technik bietet vielfältige Möglichkeiten, den Körper zu verbessern, aber sie kann ihn auch schnell überwältigen. Ich bin sehr vorsichtig, was die Manipulation der natürlichen Möglichkeiten meines Körpers angeht. Meine ersten Erfahrungen in dieser Richtung habe ich schon mit „Prospectus for a Future Body“ gesammelt. Zurzeit interessiere ich mich für die transkranielle Stimulation, ein neues Experiment zur elektronischen Gehirnstimulation. Dadurch wird das elektromagnetische Feld unseres Gehirns verändert und Bewegungsmuster in die motorische Hirnrinde eingespeist. Inwiefern glauben Sie an den posthumanen Körper? Choy Ka Fai: Ich glaube, dass der menschliche Körper die älteste und komplexeste Technologie ist, und es immer noch eine riesige Herausforderung darstellt, sein Potenzial sowohl vollständig zu verstehen als auch vollständig zu realisieren.  I nt e rvi e w : A strid K aminski


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Die Finnin Elena Pirinen bürstet ihren Schostakowitsch gegen den Strich

Aufbruchstimmung: Unaufhörlich dreht sich die Bühne in „Anagó“

BERICHT: ULLI MOSCHEN

mitri Schostakowitsch ist einer der bedeutendsten russischen D Komponisten. Sein Werk wurde als

Ein Hinausgehen aus der Welt „Anagó“: Das Serapions Ensemble ehrt die verstorbene Theatergründerin Ulrike Kaufmann THEATERBESUCH: SARA SCHAUSBERGER

A

Fotos: odeon/Har ald A. Jahn, Timo Wright

uch wenn das Serapions Ensemble sich Theater nennt und die Darsteller auf der Bühne nicht ausschließlich Tänzer, sondern auch Schauspieler sind, war es an der Zeit, dass die Wiener Avantgarde-Theater-Gruppe, die Erwin Piplits und Ulrike Kaufmann 1973 gegründet haben, im Rahmen von ImPulsTanz auftritt. Seit vielen Jahren mietet sich das Festival im fantastischen Odeon Theater ein, der Spielstätte des Serapions Ensembles. Der Prunksaal des Odeon ist mit seinen Steinsäulen einer der schönsten Aufführungsorte Wiens. Pip­lits und Kaufmann adaptierten die ehemalige Produktebörse seit Ende der 1980er-Jahre mit großem finanziellem Aufwand und mussten immer wieder hart darum kämpfen, den Raum auch behalten zu dürfen.

Mit ihren Arbeiten haben Piplits und Kaufmann die Wiener Theaterlandschaft nachhaltig geprägt. Sie waren maßgeblich an der Entwicklung der freien Performance-Szene in Wien beteiligt. Vergangenen Dezember ist ­Ulrike Kaufmann, Lebens- und Arbeitspartnerin von Pip­ lits, mit 61 Jahren gestorben. Das Serapions ­Ensemble hat mit „Anagó“, das schon vor ihrem Tod in Planung gewesen war, eine Hommage an die Mit­begründerin des Ensem­ bles geschaffen. Vorlage für die Inszenierung ist eine Erzählung von Adalbert Chamisso. Näher kommt man dem Stück aber über seinen Titel: Das Wort „Anagó“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „aufbrechen“ oder „hinausgehen“. Wie ein Abschied und

ein Aufbruch fühlt sich auch die Inszenierung an, wie ein Hinausgehen in die Welt oder ein Hinausgehen aus der Welt. Wer Arbeiten des Serapions Ensembles

kennt, dem wird auch dieses Werk vertraut vorkommen. Die Inszenierungen, stets eine Melange aus Dichtung, bildender Kunst, Tanz und Musik, haben immer etwas Magisch-Poetisches an sich, das oft nahe am Kitsch vorbeischrammt. Das ist auch bei „Anagó“ nicht anders. Das Bühnenbild ist überdimensional groß. Projektionen von Malereien schaffen wunderschöne Landschaften. Die Bilder sind von Max Kaufmann, dem gemeinsamen Sohn der beiden Theatermacher, der auch schon davor die Bühnenbilder maßgeblich mitgestaltet hat und jetzt nach Kaufmanns Tod die Leitung des Theaters übernommen hat. Im ständigen Wechsel erscheinen Landkarten, grafische Muster, abstrakte Landschaften, Wälder und bunte Farbflächen, die blau wie das Meer, gelb wie ein Kornfeld oder rot wie Flammen sind. Animationen mischen sich unter die Malereien, Vögel fliegen über den gemalten Himmel. Die Kostüme stammen aus dem Fundus. Die Performer tragen die langen Kleider und Gewänder, die geplusterten Hosen, die Kaufmann als Kostümbildnerin des Ensembles entworfen hat. Zu Beginn des Stücks haben sie Masken vor dem Gesicht, was an die Anfänge des Serapions Theaters erinnert, als es noch „Pupodrom“ hieß und auf der Bühne viel mit Puppen gearbeitet wurde. Zur Musik von Antonio Vivaldi, Niccolò Paganini, Henry Górecki und

Erik Satie bewegen sich die Darsteller auf einer Drehbühne, die sich unaufhörlich weiterdreht. Jeder tanzt für sich, singt ein paar Zeilen zwischendurch, verliert sich in einer Bewegung und geht dann doch auf die anderen zu. Mit Maßstöcken vermessen die Performer in einer großartigen Szene eine industrialisierte Welt. Gemeinsame Choreografien entstehen, gemeinsame Lieder: Allein ist vielleicht doch nicht immer gut. Schostakowitschs „Walzer Nr. 2“ bildet

den Rahmen. Die Musik, die wie Klezmer fröhlich und traurig zugleich ist, zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Inszenierung, in die sich immer wieder Worte verirren. Es wird erstaunlich viel gesprochen an diesem Abend, Ausschnitte aus Texten von Friedrich Hölderlin, Johann Wolfgang von Goethe, Ossip Mandelstam und Maximilian Woloschin tauchen als Gedankenfetzen auf. Irgendwann heißt es: „Du kommst nicht zurück.“ Es folgt ein lauter, schmerzerfüllter Schrei. Die größte Hommage an Ulrike Kaufmann ist aber vielleicht, dass nach 24 Jahren Erwin Piplits erstmals wieder auf der Bühne steht. Er wandelt durch die Szenen, einen Stock in der Hand, einen langen Mantel am Körper. Er ist ein Alter, der die Szenen seines Lebens zu durchschreiten scheint. Er liegt am Boden wie ein Käfer auf dem Rücken, der nicht mehr aufstehen kann. Zum Schluss aber wird er mit einem russisch sprechenden Engel tanzen. Die Welt dreht sich weiter. Immer noch.  F Anagó 21.–23. u. 28.7., 21 Uhr, Odeon

„apokalyptischer Soundtrack zum 20. Jahrhundert“ bezeichnet, die 7. Sinfonie, Leningrad und dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet, unzählige Male analysiert. Elena Pirinen scheut mit „Personal Symphonic Moments“, ihrer Interpretation des Monumentalwerks, die Herausforderung nicht. Die finnische Choreografin, Tänzerin und Musikerin lässt sich Zeit bei der Entwicklung ihrer symphonischen Momente, die sie zusammen mit zwei Tänzerinnen aus widersprüchlichen Elementen generiert. Mattes Licht, Nebel, rasante elaborierte klassische Schrittfolgen mit ironischem Impetus und hingebungsvolle Bewegungssequenzen wechseln sich ab mit Bildern des Verfalls und der Vernichtung, klebrigem Chaos, Obszönitäten, Unverschämtheiten und Momenten berückender Ästhetik. Die Performerinnen sind gleichzeitig introvertiert und exzessiv, angreifbar und obszön, banal und intellektuell, melancholisch und bissig. „Ich tue Dinge, um Emotionen zu provozieren“, sagt Pirinen. Das gesprochene Wort ist dabei ein wichtiges Element­. „Im Tanz empfinde ich etwas Verborgenes, das ich als Sexualität oder Erotik bezeichne. Ich meine damit nicht Verführung oder die Vibes, die entstehen, wenn man mit einem Partner tanzt. Es ist etwas Tieferes, Bedeutsameres, und es manifestiert sich in der Art, wie du auf der Bühne bist, dein Körper, wie du tanzt, wie du sprichst.“ Ihre persönlichen symphonischen Momente sind kein Akt der Hingabe, sondern eine Auflehnung gegen die Struktur des monolithischen Werks, gleichzeitig wird sie diesem gerade mit ihrer anarchischen Annäherung mehr als gerecht.  F Personal Symphonic Moments 17.7. u. 20.7., 21 Uhr, Odeon

Persönlich: Elena Pirinens verruchte Schostakowitsch-Interpretation


F A L T E R    T anzmenschen

Frans Poelstra über

Akemi Takeya

allo Akemi! Ich wurde gefragt, H ob ich einen kurzen Text über dich schreiben mag, und ich sagte zu,

ohne wirklich darüber nachzudenken. Es ist nämlich nicht so einfach, weil ich deine Arbeit tatsächlich gar nicht so gut kenne, aber natürlich etwas ganz „Spezielles“ schreiben will. Wir Künstler wollen immer irgendwie ganz „speziell“ sein, oder? Wir mögen es, Sachen zu machen, die die Leute dann für „unglaublich“, „clever“ oder „cool“ halten. Oder wir wollen Fragen aufwerfen. Oder die Herzen der Menschen berühren. Oder eben ganz „speziell“ sein. Oder aber wir machen etwas „überhaupt nicht Spezielles“; aber es muss dann „wirklich“ überhaupt nicht speziell sein – sonst würde es nicht gelten. Aber weißt du, was ich so speziell an dir finde? Dass ich, wann immer wir zusammenarbeiten, nie infrage stelle, was du tust. Dass es keine Zensur gibt, wenn wir zusammenarbeiten. Das Gefühl von „es muss speziell sein“ existiert einfach nicht. Es ist vielmehr so: Du machst, was du machst, und ich mache, was ich mache, und zusammen ist es mehr als nur zwei einzelne Teile. (Vielleicht muss man den Lesern hier erklären, dass Akemi und ich manchmal in ihrem Studio gemeinsam Musik machen. Akemi ist auch Sängerin und spielt Klavier, ich bin eher Möchtegernmusiker.) Also Akemi, wann haben wir endlich einmal dieses gemeinsame Konzert? Zeit wär’s! F Big kiss, Frans. Akemi Takeya ist mit folgenden Arbeiten beim Festival vertreten: „Lemonism x Actionism“ 21.7. u. 25.7., 19.30 Uhr, Mumok „Little Storys about S.O.S.: Signs of Solidarity / Group Version“ 5.8. 21 Uhr, 7.8. 22 Uhr u. 8.8. 21 Uhr, Kasino

Im pulstanz 15

Lexikon Impulstanz Anagó Serapions Theater (AT) Das Serapions Ensemble führt in seiner neuesten Produktion durch Szenen des Aufbruchs. „Anagó“ ist dem Andenken der im Dezember verstorbenen Theaterleiterin Ulrike Kaufmann gewidmet. Mit Texten von Goethe, Hölderlin, Mandelstam u.a. Odeon, Di 21.7., 21.00, Mi 22.7., 21.00, Do 23.7., 21.00, Di 28.7., 21.00 a second step to IDEAL PARADISE Claudia Bosse (AT/DE) Die Fortsetzung der installativ-performativen Auseinandersetzung mit Themen unserer Wirklichkeit wie Terrorismus, Ideologie, Extremismus und Aneignung. Mit eigenen Objekten und Originalen aus dem Weltmuseum schafft die Regisseurin narrative Denkund Erfahrungsräume, die neue Perspektiven auf die Krisen unserer Zeit entfalten. Weltmuseum Wien, Mo 27.7., 19.00, Mi 29.7., 20.00, Do 30.7., 21.00, Fr 31.7., 20.00, Sa 1.8., 21.00, So 2.8., 20.00, Di 4.8., 21.30, Do 6.8., 20.00, Fr 7.8., 21.00, Sa 8.8., 19.00, So 9.8., 19.00, Mo 10.8., 22.00, Di 11.8., 21.00, Mi 12.8., 20.00, Do 13.8., 20.00, Fr 14.8., 21.30, Sa 15.8., 21.30, So 16.8., 18.30 Assemblage humain Saskia Hölbling / Dans.Kias (AT) Eine Frau und eine überlebensgroße Puppe treffen aufeinander. Über ein erstes Duett stülpt sich ein zweites. Die Tänzerin und namenlose Gestalten dringen in zwei Phasen in elementare menschliche Handlungen ein, bis zum Exzess. Schauspielhaus, Mi 22.7., 21.00, Fr 24.7., 21.00 a third step to IDEAL PARADISE Claudia Bosse (AT/ DE), theatercombinat (AT) Ganz neue Perspektiven auf die Krisen unserer Zeit eröffnen sich in diesem dritten Schritt zum idealen Paradies, wenn die Performer die fünf Räume von Bosses Installation im Weltmuseum einnehmen. In ihrer Choreographie greifen sie auf Objekte und Materialien zu und nehmen Erzählstränge auf. Weltmuseum Wien, Do 13.8., 19.00, Sa 15.8., 20.30, So 16.8., 19.00 Back to the Future Tanztheater Wien (AT) Das Ensemble leitete Anfang der 80er-Jahre eine neue Ära für den Tanz in Wien ein. Jetzt gibt es ein Revival mit Ausschnitten von Werken der vor rund zehn Jahren aufgelösten Gruppe. Akademietheater, Do 30.7., 21.00, Sa 1.8., 21.00 Brown, King & Uhlich Konservatorium Wien Privatuniversität (AT) Die Tanz-Studenten des Konservatoriums in Choreografien von Trisha Brown („Set and Reset“), Liz King („Schwanensee Remixed“) und Doris Uhlich („Energetic Bodies“). Akademietheater, Do 6.8., 21.00 Close my eyes and see Barbara Kraus (AT) In der Dunkelheit einer diffusen Zwischenwelt eröffnet die Wiener Performancekünstlerin ein „field of focus“, wo sie Dingen und Menschen ihre uneingeschränkte, anarchistische Aufmerksamkeit schenkt. Sie wird zum seismografischen, peformativen Medium. Schauspielhaus, Sa 18.7., 21.00, Mo 20.7., 23.00 Four remarks on the history of dance: Endangered Human Movements Vol. 1 Amanda Piña & Daniel Zimmermann / nadaproductions (AT/CL/CH) Das Projekt nimmt sich der „bedrohten Bewegungen“ auf diesem Planeten an. Die Untersuchung gilt der Auslöschung der kulturellen Diversität und ihrer überlieferten Tanzkulturen. Gemeinschaftsbildung ohne Kitsch und Folklore. Burgtheater-Kasino, Mi 29.7., 21.30, Fr 31.7., 20.30 Future Memory Rani Nair (SE/IN) Der deutsche Choreograf der Tanzmoderne Kurt Joos entwickelte 1975 für die schwedisch-indische Tänzerin Liavati Häger seine letzte Arbeit. Die Choreografin Rani Nair erzählt die außergewöhnliche Geschichte dieses Tanzstücks und seiner Weitergabe in einer heutigen Interpretation. Weltmuseum Wien, Di 4.8., 20.30, Do 6.8., 19.00 History of Violence Superamas (AT/BE/FR) Ein Museum ist ein sicherer Ort, obwohl dort Bilder gezeigt werden, die von der ständig herrschenden Gewalt in der Menschheitsgeschichte zeugen. Die PerformanceGruppe thematisiert gemeinsam mit anderen Künstlern diese gewalttätige Beziehung mit den Mitteln der Performance im Museum. Weltmuseum Wien, Mi 29.7., 19.00, Fr 31.7., 19.00, So 2.8., 19.00 Hit The Boom (... ’cause it’s more than summer!) Doris Uhlich (AT) Die Tänzerin und Choreografin, die in ihren letzten Arbeiten den nackten Körper und das Fett zelebrierte, wird bei der Eröffnung von

Alle Termine von A bis Z

ImPulsTanz mit einer Masse an jungen Tänzern den Haupthof des Museumsquartiers fluten. „Hit The Boom (… ’cause it’s more than summer!)“ lautet die Devise, wenn auch die Zuschauer entdecken können, welche Energie in ihren Muskeln und in ihrem Fleisch steckt. Museumsquartier (Haupthof), Di 14.7., 21.30 Little Stories About S.O.S.: Signs Of Solidarity / Group Version Akemi Takeya (AT/JP) Der Titel bezieht sich auf das international bekannte Notsignal. Die in Wien lebende Japanerin Takeya hat dem Kürzel 32 weitere Bedeutungen hinzugefügt. Dahinter stehen kleine Geschichten. 2014 präsentierte sie diese Sammlung bei ImPulsTanz als Solo, jetzt kommt die Gruppenversion zur Uraufführung. Burgtheater-Kasino, Mi 5.8., 21.00, Fr 7.8., 22.00 u. Sa 8.8., 21.00 Maybe the way you made love twenty years ago is the answer? Christine Gaigg/2nd nature (AT). Ch/T: Gaigg B: Harnoncourt D: Cubides, Gaigg, Ochvat, Prokopová Früher war alles besser, vor allem der Sex. In ihrem Performance-Essay stellt die Choreografin Christine Gaigg die These auf, dass Political Correctness das Begehren bedroht. Während ihre Compagnie einen „Dreier“ tanzt, kontextualisiert Gaigg ihre Beobachtungen verbal mit sexualkundlichen Episoden aus ihrer Biografie. Odeon, Mo 3.8., 21.00 Meet the Shaman Oleg Soulimenko. Was bedeuten uns Rituale heute? Ausgehend von einer Forschungsreise zu den sibirischen Schamanen in Burjatien, bringt Soulimenko Schamanismus und Ritual ins Theater. Weltmuseum Wien, Do 23.7., 19.30, Sa 25.7., 22.30, So 26.7., 19.00 Mezzanin Hinterreithner & Hauser (AT) Was geschieht, wenn Menschen und Dinge sich auf eine künstlerische, performative Komplizenschaft einlassen? Lisa Hinterreithner und Jack Hausner begeben sich in die verborgenen Räume des Odeon Theaters. Odeon, Mo 27.7., 20.30, Sa 1.8., 22.00, Mo 3.8., 20.00 my shapes, your words, their grey Philipp Gehmacher (AT) Pathos trifft auf eine Ästhetik des Minimalismus in Bewegung und Installation: Aus Gehmachers Wunsch heraus, die Aspekte der bildenden und darstellenden Kunst gleichrangig zu behandeln und parallel zu schalten, bewegen sich die Zuschauer in der Museumsvariante im 21er Haus zwischen den Polen „shapes“ und „words“. 21er Haus, Di 4.8., 22.00, Do 6.8., 23.00, Sa 8.8., 20.30 o.T. | (gateways to movement) Ian Kaler (DE/AT) In einem von Stephanie Rauch gestalteten Raum untersucht Ian Kaler mit Philipp Gehmacher und Jam Rostron im zweiten Teil der Serie „o.T.“ Verbindungen, Gemeinsamkeiten und Schwellenbereiche als Zugänge zu Bewegung und Bewegtheit. Ein Prozess der gegenseitigen Befragung und Herausforderung. Wuk (Saal), Fr 24.7., 23.00, So 26.7., 22.00 Rianto (Indonesien) SoftMachine Choy Ka Fai (DE/ SG) Rianto, eine faszinierend androgyne Erscheinung, tanzt traditionellen erotischen indonesischen Tanz als Frau und als Mann. Dabei zeigt Choy Ka Fai seine Verwandlung vom heterosexuellen Landjungen in Indonesien zum bisexuellen Stadtmenschen in Tokio. Weltmuseum Wien, Sa 8.8., 18.00, Di 11.8., 20.00 Schönheitsabend Florentina Holzinger & Vincent Riebeek (AT/NL) Die beiden Ausnahmeperformer geben sich nach ihren Stücken „Kein Applaus für Scheiße“, „Spirit“ und „Wellness“ ganz der Ästhetik hin. Vor allem den Exotismen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Einige der schillerndsten, historischen Tanzpaare erwachen erneut zum Leben. Burgtheater-Kasino, Di 11.8., 21.00, Mi 12.8., 21.00, Do 13.8., 21.00

SoftMachine: Exhibition Choy Ka Fai (DE/SG) Asien, was ist das? Der Künstler aus Singapur hat genug von Verallgemeinerungen und Stereotypen: „Immerhin gibt es mehr als 48 Länder in Asien.“ Stellvertretend für jedes Land interviewte und porträtierte er dort je 20 Künstler aus dem Bereich Tanz. Daraus entstanden ist eine Video-Ausstellung und eine Reihe von Performances von Tanzschaffenden aus diesen Ländern. Weltmuseum Wien, So 26.7., 18.00, Mi 29.7., 20.00, Do 30.7., 21.00, Fr 31.7., 20.00, Sa 1.8., 21.00, So 2.8., 20.00, Di 4.8., 21.30, Do 6.8., 20.00, Fr 7.8., 21.00, Sa 8.8., 19.00, So 9.8., 19.00, Mo 10.8., 22.00, Di 11.8., 21.00, Mi 12.8., 20.00, Do 13.8., 20.00, Fr 14.8., 21.30, Sa 15.8., 21.30, So 16.8., 18.30 Songs of the Water / Tales of the Sea Magdalena Chowaniec (AT/PL) & Mani Obeya (AT/UK) Sechs junge Männer aus Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinküste kommen nach ihrer Flucht übers Meer ins Burgenland. Ein Stück über ihre Odyssee. Weltmuseum Wien, Fr 14.8., 21.00, So 16.8., 18.00 Surjit Nongmeikapam (Indien) SoftMachine Choy Ka Fai (DE/SG) Mit performativen und filmischen Mitteln porträtiert Choy Ka Fai den jungen indischen Tänzer Surjit Nongmeikapam, der seine Wurzeln im klassischen indischen Tanz und in Kampfsportarten hat. Eine humorvolle Annäherung an den heutigen Tanz und den rasanten kulturellen Wandel in Indien. Weltmuseum Wien, Mo 10.8., 21.00, Mi 12.8., 19.00 The Point Anne Juren (AT/FR) In ihrer letzten Arbeit ging es um das Verhältnis zwischen dem pornografischen Blick und den Repräsentationsmechanismen des Theaters. Im aktuellen Stück verlagern die Performer die Choreografie ins Innere der Betrachter. 21er Haus, Di 28.7., 21.30, Do 30.7., 23.00, So 2.8., 21.00 Universal Dancer Club Version Doris Uhlich (AT) Die Wiener Tänzerin/Choreografin Doris Uhlich will die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Und sie ist davon überzeugt, dass man dafür beim eigenen Körper beginnen muss. In diesem Solo lässt sie ihr Fleisch von einer eigens konstruierten Rüttelmaschine in Bewegung bringen. Dazu dröhnt Techno-Sound. Verbal bringt Uhlich ihre Message auf den Punkt: „A body is a brain boom tschak.“ Anschließend DJ-Line! Grelle Forelle, Sa 25.7., 23.59, Sa 8.8., 23.59 untitled (look, look, come closer) Christine Gaigg / 2nd nature & netzzeit (AT) & Klaus Schedl (DE) Wir tragen Kriege und ihre global verbreiteten Bilder via Smartphone und Social Media als ständige Begleiter praktisch in unserer Hosentasche. Christine Gaigg setzt sich in ihrer Performance mit medialen Inszenierungen von Gewalt auseinander. Musikalisch begleitet von Klaus Schedls assoziativen Sounds. 21er Haus, Mi 12.8., 23.00, Fr 14.8., 21.00, Sa 15.8., 20.30 untitled movements with a drummer coming a little later contact Gonzo (JP) Ihre impulsive, reaktive Bewegungsart erinnert an getanzten Kampfsport, an lässige Improvisationen oder choreografierte Raufereien. Die japanische Improvisations-PerformanceGruppe ist ein Kollektiv „untrainierter“ Tänzer, die mit ihrem Gonzo-Style schon zu Youtube-Stars geworden sind und u.a. im New Yorker MoMA aufgetreten sind. Weltmuseum Wien, Fr 7.8., 20.30, So 9.8., 18.30 Wall Dancing Padmini Chettur (IN) Fünf aus Indien stammende Tänzerinnen entfalten an den Wänden und um das Publikum eine dynamische Formensprache, die ästhetische Bilder in ständig wechselnden Variationen entstehen lässt. Die Zuschauer bewegen sich frei im Raum und entscheiden in der mehrstündigen Performance ihren jeweiligen Blickwinkel selber. Weltmuseum Wien, Do 30.7., 18.00, Sa 1.8., 18.00, So 2.8., 15.00

„ActionJism“: Keith Hennessy plant eine Intervention im Mumok

„continued project“: Wandeln auf den Spuren der Tanzgeschichte

I l l u s t r a t i o n : P. M . H o f f m a n n ; f o t o s : R o b b i e S w e e n e y , J o s é L u i s S a n t o

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fotos: Dániel Dömölk y, K arolina Mier nik , Sar a

I m p u l s t a n z 1 5    the white horn Tanz Company Gervasi (AT). Ch: Elio Gervasi Sechs Tänzerinnen changieren zwischen Nähe und Distanz. Verlieren sich und finden sich wieder. Im Gewebe ihrer Begegnungen und Vereinzelungen bildet diese heterogene Gruppe von Frauen eine Poesie, die das Stück strukturiert. Arsenal (Malersaal), So 19.7., 19.00 Yuya Tsukahara (Japan) SoftMachine Choy Ka Fai (DE/SG) In dieser Performance schließt sich Choy Ka Fai den Mitgliedern der japanischen Gruppe contacto Gonzo an, die eine einzigartige Bewegungsform entwickelt haben: Sie schlagen sich, während sie sich den Bewegungen des Mitspielers anpassen. Ein Experimentieren mit Konfliktgefühlen. Weltmuseum Wien, Fr 7.8., 19.00, So 9.8., 17.00

shasa geborene Tänzerin/Choreografin Elisabeth B. Tambwe lebt und arbeitet seit 2007 in Wien. In ihrer neuen Performance untersucht sie mittels Bewegung, Klang, Video und Textpassagen die Beziehung zwischen Ethnozentrismus und Ausgrenzung, soziokulturellen Zugehörigkeiten und Geschichtsschreibung, die immer ideologischen Verzerrungen unterliegt. Odeon, Sa 25.7., 20.30, Mo 27.7., 21.30 What Do You Mean What Do You Mean And Other Pleasantries Maarten Seghers & The Horrible Facts (BE) Eine Mischung aus Popkonzert, skulpturalem Tanz und Stand-up-Comedy. Der Needcompany-Performer zelebriert den Kampf gegen die kleineren und größeren Miseren des Daseins mit Humor. Schauspielhaus, Do 16.7., 21.00, Do 13.8.,23.00, Fr 14.8., 21.00

[8:tension]

Redefining Action(ism)

continued project João dos Santos Martins (PT) Tänzerisch wandeln sechs Performer und ihr Live-Pianist auf den Spuren unterschiedlicher Protagonistinnen der Tanzgeschichte wie Isadora Duncan, Lola Bach oder Jane Fonda. Odeon, Mi 5.8., 18.00, Fr 7.8., 21.30 Emergency Plan Rita Vilhena (NL/PT) Welche Techniken, welche Inhalte, welche Hingabe braucht es, damit tänzerische oder theatrale Handlungen zu Ritualen werden? Gemeinsam führen die Performer das Publikum in einen offenen Raum, der neben Tanz auch rätselhafte Maskierungen, Düfte und Geschichten beherbergt. Mumok (Hofstallung), So 9.8., 19.30, Di 11.8., 18.30 Explicit Content Sergiu Matis (DE/RO) Der Tanz ist eine Maschine. Zusammen mit den Tänzern Maria Walser und Luis Rodriges verwandelt sich der Balletttänzer Sergiu Matis in Cyborgs, denen keine Befehlsmatrix mehr signalisiert, was sie zu tun haben. Schauspielhaus, Mo 10.8., 23.00, Mi 12.8., 21.00 Hinoki Máté Mészáros (HU) Sterblichkeit, Zerstörung und Wiederaufbau sind die Themen in diesem existenziellen Triptychon des Choreografen, Tänzers und langjährigen Ultima-Vez-Mitglieds. Eine explosive Mischung von Contemporary über Martial Arts bis hin zu Volkstanz. Odeon, Do 30.7., 21.00, Fr 31.7., 21.00, Sa 1.8., 23.00 Inês Volmir Cordeiro (FR/BR) Die Heldin im Solo des brasilianischen Tänzers und Komödianten ist Inês. Sie ist 57 Jahre alt, hat zwei Kinder und lebt in einer Favela. Sie will nichts so sehr, als Star einer Reality-TVShow zu werden. Schauspielhaus, So 26.7., 20.30, Di 28.7., 19.30 Personal Symphonic Moment Elina Pirinen (FI) Zu Schostakowitschs Symphonie Nr. 7 zeichnet die finnische Choreografin ein fast expressionistisches Porträt der Gegenwart. „Diskont-Disco oder ein Feuerwerk an Pathos zur Ehre von Schostakowitsch“, schreibt das Finish Music Quarterly. Odeon, Fr 17.7., 21.00, Mo 20.7., 21.00 SHADE (Fantôme Méchant) Ana Rita Teodoro (FR/ PT) Ein berückend-intimes Solo, in dem eine Reihe von Tableaux vivants entworfen wird, in denen Ana Rita Teodoro traditionelle portugiesische Lieder von Frauen zum Leben erweckt. Schauspielhaus, Fr 31.7., 23.00, So 2.8., 21.00 Sorrow Swag Ligia Lewis (DE/DO) Eine Absage an die verordnete „Happiness“ der Gesellschaft. Der kalifornische Performer Brian Getnick ist der unruhige junge Mann in einem getriebenen Körper zwischen den Exzessen der griechischen Tragödie und der heutigen Popkultur. Mit Musik von Twin Shadow. Schauspielhaus, Do 6.8., 21.00, Sa 8.8., 22.00 SunBengSitting Simon Mayer (AT) Das ehemalige Mitglied des Wiener Staatsballetts, ist performender Bauernbursche und einer der künstlerischen Leiter des Festivals Spiel am Biobauernhof Schlossergütl in Oberösterreich. „SunBengSitting“ ist eine virtuose, humorvolle Performance zwischen Jodeln, Volkstanz und zeitgenössischem Tanz. Mit Kettensäge. Odeon, So 9.8., 21.00, Di 11.8., 23.00 Symposium Elisabeth B. Tambwe (AT/FR/CD). Ch: Tambwe D: Tambwe, Cubides, Hewelt Die 1971 in Kin-

ActionJism Keith Hennessy (US/CA) Keith Hennessy ist Performer, Choreograf, Dozent und Aktivist. Seine interdisziplinäre Forschung greift auf Improvisation, Ritual und öffentliche Maßnahmen als Werkzeuge zur Untersuchung von politischen Realitäten zurück. In dieser Performance fragt er sich: Was ist der Unterschied zwischen Interventionen gegen Nazi-Bürger-Gehorsam im Wien der 1960er-Jahre und Interventionen gegen Fascho-Bürger-Gehorsam im Wien von 2015? Mumok, So 2.8., 19.30, Sa 8.8., 19.15 Ana Ana Rita Teodoro (FR/PT) „Mein Körper ist das Ereignis“ heißt die Ausstellung, die den Rahmen bildet für diese Performance, die Günter Brus’ Frau Anna Brus in den Mittelpunkt der Recherche stellt. Die Vorstellung findet während der Ausstellungszeit statt. Mumok, So 9.8., 16.00 The Artist Is Here Antony Rizzi (DE/US) Spätestens seit seinem Auftritt als Marina Abramović in einer Inszenierung von Robert Wilson, verbindet die beiden etwas wie Nähe. Dieser geht Tony Rizzi, seit Jahren gern gesehener Gast und Performer bei ImPulsTanz, zwischen ihren bewegten Bildern in der Ausstellung „Mein Körper ist das Ereignis“ nach. Mumok, Mi 12.8., 19.30, Fr 14.8., 19.30 Charged Documents Christine Gaigg (AT) & Group Eine Gruppenintervention, entwickelt vor Ort aus dem gleichnamigen ImPulsTanz-Research-Projekt. Die Performer stellen sich die Frage: „Alles, was man nicht durfte, hat man getan. Wo wäre heute das rebellische Moment?“ Mumok, Fr 24.7., 18.00 Facebook Theatre Ivo Dimchev (BG) Auf der Facebook-Seite des bulgarischen Performers wird eine Nachricht erscheinen, die das Publikum dazu einlädt, über seine Smartphones dramaturgische Anweisungen zu posten. Was der Performer live in der Ausstellung daraus macht, wird sich zeigen. Mumok, Fr 7.8., 19.30, Mo 10.8., 19.30 Fit In Elisabeth B. Tambwe (AT/FR/CD) Das überzüchtete europäische Huhn als Sinnbild für die Monstrosität aber auch den Abstieg des Westens. Eine performative, Abrechnung. Mumok, Di 4.8., 19.15 FUCKMEGUNTERBRUSBRUSGUNTERMEFUCK Miguel Gutierrez (USA) Schon lange ist Miguel Gutierrez verknallt in Günter Brus, dem, wie er meint, wahrscheinlich queersten der Aktionisten. In seiner – nicht geprobten – Performance, die auch Liebeslied ist, verspricht der Amerikaner nichts und gibt alles. Mumok, Fr 31.7., 19.30, Do 6.8., 21.30 Gut’s Dream (Rêve d’Intestin) Ana Rita Teodoro (FR/ PT) Teil einer Sammlung von Tanzstücken, die den Körperöffnungen gewidmet ist. Geheimnisse werden enthüllt, die sonst in unserem Körper verborgen sind. Mumok, Mi 22.7., 19.30, Mo 27.7., 19.30 Lemonism x Actionism Akemi Takeya (AT/JP) Ein Wettstreit zwischen Aktionismus und Zitronismus. Der sogenannte Lemonismus von Akemi Takeya (siehe auch linke Spalte) nimmt den Körper als materielles Ich in den Blick und wird zur Metapher für die

verschiedenen Sichtweisen auf ihn. Mumok, Di 21.7. u. Sa 25.7. 19.30 Magical: The Kitchen Anne Juren (AT/FR) Die höchst erfolgreiche Kollaboration von Anne Juren und Annie Dorsen verbindet feministische Performance Art mit den Ritualen einer Zaubershow. Hier zaubert Juren zu Martha Roslers „The semiotics of the kitchen“. Mumok, Mo 3.8., 19.15 Monique Alix Eynaudi (FR/BE). D: Eynaudi, Lorimer Das Duett ist von Bondage inspiriert. Aus dieser Fesselpraxis entwickelt Alix Eynaudi choreografische Instruktionen, die sie nicht nur auf den Tanz, sondern auch auf das Licht, die Musik und die Kostüme überträgt. Mumok, Fr 17.7., 19.30, So 19.7., 21.00 Mumok Troll Zak Ray (AT) Eine durchgeführte Unterwanderung. „Trolling“ entsteht, wenn zwei Parteien eine stark konträre Meinung haben, zum Beispiel in Internetforen, die sich auch nicht ändern wird. Mumok, Do 23.7., 17.30, Di 11.8., 16.30 The Planet, first location Mårten Spångberg (SE) „The Planet“ ist ein fortlaufendes Projekt jenseits von Perspektive, Mensch, Nation, Glaube und Überzeugung. Just dance. Mumok, Sa 1.8., 19.30, Mi 5.8., 20.00 What’s your problem and what action to take or: Your body is the event in a long long string of events that is difficult to grasp and what to do about it Jennifer Lacey (FR/US) Die Zuschauer sollen ein Problem haben, mit dem sie in die Performance kommen, und auch bereit sein, dieses vor dem Publikum zu diskutieren. Mumok , Di 28.7., 18.00, Sa 1.8., 19.30 Zock Claudia Bosse (AT/DE), Alexandra Sommerfeld (AT) / theatercombinat (AT) Eine Ansprache. Eine Aktion im Freien. Treffpunkt Mumok. Mumok, Fr 31.7., 21.00

Specials Award Ceremony Casinos Austria Prix Jardin d’Europe & FM4 Fan Award Moderation: Rapperin Nina Fiva Sonnenberg & Entertainer Dirk Stermann Eine glamouröse Galanacht am letzten Festivaltag, die den elf Choreografen der [8:tension]-Reihe gewidmet ist. Vergeben wird der mit 10.000 Euro dotierte Casinos Austria Prix Jardin d’Europe. Traditionell ein großer Spaß. Kasino, So 16.8., 21.00 expressions 15 – Final Workshop Showing Zum Abschluss des ImPulsTanz-Workshop-Festivals zeigen Studentinnen und Studenten, was sie erarbeitet haben. Arsenal, Burgtheater-Probebühnen, Sa 15.8., 16.00 Four remarks on the history of dance: Endangered Human Movements Vol. 1 Buchpräsentation Amanda Piña & Daniel Zimmermann / nadaproductions (AT/CL/CH) Begleitend zur gleichnamigen Performance wird die erste Publikation des Projekts „Endangered Human Movements“ mit dem Titel „Four remarks on the history of dance“ vorgestellt. Kasino, Fr 31.7., 21.30 Impressions ’15 – Workshop Opening Lecture Dozentinnen und Dozenten der ImPulsTanz-Workshops zeigen, was sie in den nächsten Kurswochen vermitteln wollen. Hier können Interessierte einmal in das Workshop-Angebot „hineinschnuppern“ und sich erst dann entscheiden. Arsenal, BurgtheaterProbebühnen, So 19.7., 16.00 Performing with a Museum – Diskussion Eine Diskussion zu Fragen der Partnerschaft Weltmuseum und Performance. Erfahrungen, Beobachtungen und Beurteilungen besprechen Steven Engelsman, Jani Kuhnt-Saptodewo, Lisl Ponger, Claudia Bosse, Helmut Ploebst, Choy Ka Fai und Michael Stolhofer Weltmuseum Wien, Mi 12.8., 17.00

Adressen 21er Haus Schweizergarten, 3., Arsenalstraße 1 Akademietheater 3., Lisztstraße 1 Arsenal & Arsenal Malersaal 3., Arsenal, Objekt 19 Burgtheater-Vestibül 1., Universitätsring 2 Grelle Forelle 9., Spittelauer Lände 12 Kasino 3., Schwarzenbergplatz 1 Mumok MQ, 7., Museumsplatz 1 Museumsquartier 7., Museumsplatz 1 Odeon & Odeon Werkstätten 2., Taborstraße 10 Schauspielhaus 9., Porzellangasse 19 Weltmuseum Neue Burg, 1., Heldenplatz Wuk 9., Währinger Straße 59

„Hinoki“: Ultima-Vez-Tänzer Máté Mészáros’ Gruppenstück mit Live-Sound

„Wall Dancing“: Indische Tänzerinnen performen mehrstündig im Weltmuseum

Tageskassen ImPulsTanz Office Museumsquartier Mo–Fr 11.00–19.00, Sa u. So 14.00–19.00 Workshopzentrum Arsenal Mo 8.30–18.30, Di–So 11.00– 18.30 (15.8.: 15.00 –18.45)

FALTER 

29

Party bis zum Morgengrauen: die Festival-Lounge partyservice : C hristopher wurmdobler

ImPulsTanz ist ein sehr kommunikatives Festival. Das bedeutet auch: Partys!

das hört man regelmäIval.mPulsTanz, ßig, ist ein kommunikatives FestiDie Stadt tanzt und alle tanzen

mit. Kommunikation bedeutet schließlich nicht nur, miteinander zu reden. Oder ins Theater zu gehen und sich auf der Bühne eine Show anzusehen. Kommunikation bedeutet auch: Party machen. Im Falle von ImPulsTanz (fast) ohne Ende. Zumindest täglich. Die Programmschiene Soçial ist demnach auch heuer wieder wichtiges Element des Festivals. Haupttreffpunkt der ImPulsTanzGemeinschaft ist die Festival-Lounge im – eigens dafür adaptierten – Vestibül des Burgtheaters. Was insofern ganz praktisch ist, weil sich direkt davor eine ebenfalls sehr loungige Wiese mit Liegestühlen befinden; und das mitten in der Stadt! Während des Fes­tivals ist die Lounge täglich ab 22 Uhr geöffnet. Der DJ-Pool setzt sich aus Profis und auflegefreudigen Festival-Künstlern und -Mitarbeitern zusammen. Aber man muss den Tänzerinnen und Tänzern ohnehin nicht sagen, dass sie jetzt auf den Dancefloor dürfen – sie machen es einfach. An zwei Abenden legt die Festival-Lounge allerdings eine Pause ein. Doch bevor jetzt alle „Ooooch“ schreien: Die Party wird ja nur ins Kasino am Schwarzenbergplatz verlegt. Die Kasino-Veranstaltungen haben inzwischen Kultstatus. Am 24. Juli spielen LYLIT live; der DJ-Support kommt aus dem FM4-Stall mit Kristian Davidek und Chester Rush. Und am 14. August steigt im Kasino die danceWEB-Party mit Sweet Heat special feat. Knwohwo & A++ und B.Visible (Cosmonostro). DJ ist FM4- und FMQueer-Mann Martin Pieper. Okay, es ist Sommer, es ist heiß und die Nacht ist nicht zum Schlafen da. Sie wollen doch nur tanzen. Bis zum Morgengrauen. F 

Festival-Lounge: 14.7.–16.8., tägl. ab 22 Uhr ImPulsTanz-Party: Fr 24.7., 22 Uhr, Kasino danceWEB-Party: Fr 14.8., 22 Uhr, Kasino Der Eintritt zur Festival-Lounge im Vestibül ist gratis; die Partys im Kasino kosten € 10,–/12,–


30 

F A L T E R   

Im pulstanz 15

Teil einer Groteskbewegung sein Needcompany-Performer Maarten Seghers bringt sein wunderbares Musik-Solo nach Wien

VORFREUDE: CHRISTOPHER WURMDOBLER

W

er sich schon länger für Tanz und Performance-Theater interessiert, kennt Maarten Seghers womöglich bereits, als der noch ein Knabe war. Früh stand er gemeinsam mit Theatergrößen wie Viviane De Muynck und Jan Lauwers auf der Bühne, seit 2001 spielt er bei der belgischen Needcompany, komponiert für die Stücke fast immer die Musik und war in „Isabella’s Room“ (2004) Enkel und Lover der Titelfigur. Fans, die das Welterfolgsstück der aufregendsten Theatertruppe Europas womöglich sogar mehrmals gesehen haben, konnten erleben, wie der schlaksige Knabe zum

„Horrible Facts“ heißt die Begleitband von Maarten Seghers – hölzerne Soundboxen

What do you mean... 16.7., 21 Uhr, 13.8., 23 Uhr u. 14.8. 21 Uhr Schauspielhaus

schlaksigen jungen Mann wurde und auch als Persönlichkeit wuchs. Selbst wenn Seghers inzwischen viele eigene Projekte – auch unter dem Label Maarten Seghers & The Horrible Facts – realisiert, und vor einigen Jahren die Needcompany-Untergruppe Ohno Cooperation gründete, ist er der Needcompany bis heute treu geblieben und tritt mit den Kollegen weiterhin als Performer und Musiker auf. Bei ImPulsTanz gibt er sich 2015 allerdings solo die Ehre mit seiner sehr musikalischen Grotesk-Performance „What do you mean what do you mean and other pleasantries“, die im Rahmen von [8:tension] zu sehen ist. Das Stück ist gleichzeitig Konzert, ein nie enden wollender Popsong, Stand-upComedy-Show und Slapstick. Ein bisschen

so wie man Seghers auch in den leichteren, humorvolleren, von Grace Ellen Barkey inszenierten Needcompany-Stücken („This door is too small [for a bear])“ oder „Mush Room“, 2013 bei ImPulsTanz zu sehen) kennt. Begleitet wird der schlaksige junge Mann in „What do you mean...“ von sechs übergroßen, hölzernen Soundboxen, eben den „Horrible Facts“. Die brummeln basslastig vor sich hin oder geben kreischige ­Feedback-Geräusche von sich. An den Kisten arbeitet sich Seghers ab und erforscht so, was so ein quälend langer Popsong wirklich ist: „Voll Bedeutung und voller Bull­ shit.“ Klingt anstrengend (für den Künstler), ist aber mit Sicherheit irre komisch (fürs Publikum). F

„Man muss neugierig bleiben“ Sigrid Gareis ist Teil der Jury für den Casinos Austria Prix Jardin d’Europe – und freut sich auf Wien und aufs Festival TELEFONAT: CHRISTOPHER WURMDOBLER

ast vier Wochen. So lang war Sigrid F Gareis schon seit Jahren nicht mehr in der Stadt. „Dieser Sommer wird für mich

richtig klasse“, sagt die ehemalige (Gründungs-)Direktorin des Tanzquartiers Wien und nunmehrige Kuratorin und Kulturproduzentin mit Schwerpunkt zeitgenössischer Tanz mit Homebase in Berlin. Frau Gareis ist Teil der Dreier-Jury für den Casinos Austria Prix Jardin d’Europe, der im Rahmen von ImPulsTanz vergeben wird, und lässt am Telefon ausrichten, dass sie sich ausgesprochen freut. Auf Wien, aufs Festival und auf spannende Abende im Theater. Neben Gareis bilden heuer noch Ivo Dimchev und Faustin Linyekula die Jury. So eine Jury, erklärt die Fachfrau, müsse sich eine Menge Produktionen ansehen und dabei den nötigen Grundrespekt für die Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeiten aufbringen.

„Rausgehen sollte man nicht“: Sigrid Gareis ist in der Prix-Jardin-Jury

Noch ein Preis: Der ImPulsTanzPublikumspreis „Fan Award“ wird erstmals in Kooperation mit FM4 vergeben – per Onlinevoting kann man ab 4. Juli seine Stimme abgeben: www.impulstanz.com

Der mit 10.000 Euro dotierte Casinos Austria Prix Jardin d’Europe ist eine Initiative des europäischen Projekts Life Long Burning. Er wird für Positionen im Rahmen der Nachwuchsreihe [8:tension] vergeben, richtet sich also an junge Choreografen. Dass die Jurys dabei sehr gewissenhaft vorgehen, konnte man bereits in den letzten Festivaljahren beobachten. Selten besuchten die Mitglieder gemeinsam Vorstellungen, die erste Reihe war tabu. Die Urteilsverkündung bei der Preisverleihungszeremonie wurde nachvollziehbar begründet. Traditionell grandios und echtes Highlight ist die Award-Show (vergangenes Jahr zog das Moderatorenduo blank). Sigrid Gareis hat im Laufe ihrer Karriere schon eine Menge Tanz gesehen, bekommt regelmäßig Projekte und Anträge vorgelegt, ist also Profi. Ob man da nicht ein bisschen abgebrüht wird oder zynisch? „Gar nicht“, verneint die Expertin vehement, „man muss jedes Stück ganz neu und mit frischem Blick betrachten, gerade wenn man

so viele Produktionen innerhalb kurzer Zeit sieht.“ Aber: „Das ist eine große Herausforderung. Man muss sich frisch halten und neugierig bleiben.“ Ihre beiden Jury-Kollegen findet Gareis übrigens auch „ganz speziell“; ebenfalls ein Grund zur Freude. Generell empfindet sie die Form des Tanzfestivals als tolle Sache. „Das ist fast wie ein Rausch“, sagt sie, „man kann die verschiedenen Stücke ad hoc vergleichen.“ Hinzu käme, dass ImPulsTanz auch noch ein sehr kommunikatives Festival sei: „Es geht hier auch sehr viel um Begegnungen, Diskussionen. Man trifft viele Leute, hat viel zu bereden und trifft alte Bekannte wieder.“ Ihre Hauptaufgabe ist aber, sich gewissenhaft die Arbeiten des Tanz-Nachwuchses anzusehen. „Rausgehen sollte man nicht“, sagt Gareis. Wien freut sich auf sie. F Award Ceremony hostet by Nina Fiva Sonnenberg & Dirk Stermann, 16.8., 21 Uhr, Kasino am Schwarzenbergplatz (Eintritt frei)


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ImPulsTanz 15

28.7./1.8. 28., 30. 7. u. 2.8. 29., 31. 7. u. 2.8. 29./31. 7.

31.7.

Odeon Grelle Forelle Schauspielhaus

Lisa Hinterreithner & Jack Hauser Mezzanin

7./10.8. 7./9.8. 8./11.8. 9. 8.

19.30/19.15 19.30/20.00 23.00/21.00 19.15 21.00 19.15 21.00/22.00 18.00/21.30 s. Lexikon 20.30/19.00 21.00 19.00/17.00 21.00/22.00 19.30

7./9.8.

Philipp Gehmacher my shapes, your words, their grey

21er Haus

João dos Santos Martins continued project

Odeon

Akemi Takeya Little Stories About S.O.S.: Signs Of Solidarity / Group Version

Kasino

Konservatorium Wien Privatuniversität Brown, King & Uhlich

Schauspielhaus

Yuya Tsukahara (Japan) SoftMachine by Choy Ka Fai

Weltmuseum Wien

Ivo Dimchev Facebook Theatre

Mumok

contact Gonzo untitled movements with a drummer coming a little later

Weltmuseum Wien

Rianto (Indonesien) SoftMachine by Choy Ka Fai

Weltmuseum Wien

Ana Rita Teodoro Ana

Mumok

12./14.8.

Antony Rizzi The Artist Is Here

Odeon

12., 14. u. 15.8.

Mumok

13., 15. u. 16.8.

Kasino

Padmini Chettur Wall Dancing

Weltmuseum Wien

Tanztheater Wien Back to the Future

Akademietheater

Máté Mészáros Hinoki

Claudia Bosse / Alexandra Sommerfeld / theatercombinat Zock

Buchpräsentation (Amanda Piña & Daniel Zimmermann / nadaproductions) Four remarks on the history of dance. Endangered Human Movements Vol. 1 Kasino

Mumok

Installation 26., 29.7.–2.8., 4.8., 6.–16.8. Choy Ka Fai SoftMachine: Exhibition, Weltmuseum Wien

9./11.8. 9./11.8. 10./12.8. 10./12.8. 11.—13.8. 12.8.

14./16.8. 16.8.

Akademietheater

Ligia Lewis Sorrow Swag

Performing with a Museum – Diskussion

Weltmuseum Wien

Amanda Piña & Daniel Zimmermann / nadaproductions Four remarks on the history of dance. Endangered Human Movements Vol. 1

Installation 23.7., 25.7., 29.7.–2.8., 4.8., 6.–16.8. Oleg Soulimenko Meet the Shaman Installation, Weltmuseum Wien

6./8.8.

Weltmuseum Wien

Florentina Holzinger & Vincent Riebeek Schönheitsabend

21er Haus

Miguel Gutierrez FUCKMEGUNTERBRUSBRUSGUNTERMEFUCK

6.8.

Rani Nair Future Memory

Sergiu Matis Explicit Content

Jennifer Lacey What’s your problem and what action to take or: Your body is the event in a long long string of events that is difficult to grasp and what to do about it Mumok

Superamas History of Violence

5., 7. u. 8.8.

Odeon Mumok

Rita Vilhena Emergency Plan

Odeon Werkstätten

Anne Juren The Point

5./7.8.

Elisabeth B. Tambwe Fit In

18.00/20.00 20.30/18.30

Elisabeth B. Tambwe Symposium

4., 6. u. 8.8.

Christine Gaigg / 2nd nature Maybe the way you made love twenty years ago is the answer?

16.00

21.00 21.00/23.00 19.00 21.00

31.7.

Wuk

21.00

30., 31.7. u. 1.8.

Mumok

21.30

30.7./1.8.

31.7./6.8.

Christine Gaigg & Group Charged Documents

Volmir Cordeiro Inês

19.30/21.30 21.00/23.00

30.7., 1. u. 2.8.

Weltmuseum Wien

4./6.8.

Mumok

Anne Juren Magical: The Kitchen

21.00/19.00 21.00/23.00 19.30/18.30

27.7., 1. u. 3.8.

Mumok

4.8.

Mumok

23.00/21.00

26./28.7.

Schauspielhaus

Oleg Soulimenko Meet the Shaman

Doris Uhlich Universal Dancer Club Version

Odeon Mumok

Zak Ray Mumok Troll

Ian Kaler o.T. | (gateways to movement)

Mumok

3.8.

Mumok

Keith Hennessy ActionJism

21.00

25.7./8.8.

Arsenal, Malersaal

3.8.

Schauspielhaus

Mårten Spångberg The Planet, first location

17.00

25./27.7.

Schauspielhaus

2./8.8.

Ana Rita Teodoro SHADE (Fantôme Méchant)

19.30

24./26. 7.

Odeon

1./5.8.

Spielstätte

21.00/18.00 19.00/20.30 s. Lexikon

24.7.

Saskia Hölbling / Dans.Kias Assemblage humain

Mumok

31.7./2.8.

21.00

23., 25. u. 26. 7.

19.30

21.30

23.7./11.8.

21.00

22./24.7.

Ana Rita Teodoro Gut’s Dream (Rêve d’Intestin)

s. Lexikon 17.30/16.30

22./27.7.

Serapions Ensemble Anagó

18.00

21.—23. u. 28. 7.

Akemi Takeya Lemonism x Actionism

20.30/21.30 23.00/22.00

21./25. 7.

Tanz Company Gervasi the white horn

23.59

19.7.

Barbara Kraus Close my eyes and see

s. Lexikon 18.00/19.30 s. Lexikon 20.30/19.30

18./20. 7.

Schauspielhaus

Alix Eynaudi Monique Elina Pirinen Personal Symphonic Moment

19.00

17./20. 7.

18.00/15.00 21.30/20.30

17./19. 7.

Maarten Seghers & The Horrible Facts What Do You Mean What Do You Mean And Other Pleasantries

19.30

16.7., 13. u. 14.8.

Museumsquartier Haupthof

www.impulstanz.com

Compagnie/Choreograf_in Stücktitel

Spielstätte

Doris Uhlich & Dancers Hit the Boom (... ’cause it’s more than summer!)

21.00

14.7.

19.30/21.00 21.00/23.00

Compagnie/Choreograf_in Stücktitel

14. Juli bis 16. August

Mumok Hofstallungen

Simon Mayer SunBengSitting

Odeon

Surjit Nongmeikapam (Indien) SoftMachine by Choy Ka Fai

Weltmuseum Wien Schauspielhaus Kasino Weltmuseum Wien Mumok

Christine Gaigg / 2nd nature & netzzeit & Klaus Schedl untitled (look, look, come closer)

21er Haus

Claudia Bosse / theatercombinat a third step to IDEAL PARADISE

Weltmuseum Wien

Magdalena Chowaniec & Mani Obeya Songs of the Water / Tales of the Sea

Weltmuseum Wien

Award Ceremony Casinos Austria Prix Jardin d’Europe & FM4 Fan Award hosted by Nina Fiva Sonnenberg & Dirk Sterman

Installation 27., 29.7–2.8., 4.8., 6.–16.8. Claudia Bosse a second step to IDEAL PARADISE, Weltmuseum Wien

Kasino

Installation 29.7.–2.8., 4.8., 6.–16.8. Superamas Score, Weltmuseum Wien

(Alle Installationen geöffnet 2 Std. im Anschluss an die Vorstellungen, Eintritt frei)

kartenvorverkauf: (01) 712 54 00-111  ImPulsTanz-Tageskassa: ImPulsTanz Office im Museumsquartier (7., Museumspl. 1/ quartier21Mezzanin), Tel. (01) 526 52 57-53 Mo–Fr 10–19, Sa, So 14–19 Uhr

(tägl. 8–20 Uhr) info: (01) 523 55 58 

ARSENAL/BURGTHEATER-PROBEBÜHNEN (3., Arsenal/Objekt 19), Tel. (01) 514 44-5416, Mo 8.30–18.30, Di–So 11–18.30 Uhr (19.7.–15.8.)

 bendkassa A ab einer Stunde vor Vorstellungsbeginn am jeweiligen Spielort

Workshops & Research 19.7. bis 15.8. Info: www.impulstanz.com, Tel. (01) 523 55 58. «impressions ’15»: 19.7., 16.00, Arsenal. «expressions ’15»: 15.8., 16.00, Arsenal

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FALTER Impulstanz 15  

Die Beilage zum Vienna International Dance Festival.

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Die Beilage zum Vienna International Dance Festival.

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