HEUREKA 2/21

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HEUREKA #22021

FOTO: HELENA ERIBENNE

Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, WZ 02Z033405 W, Österreichische Post AG, Retouren an Postfach 555, 1008 Wien, laufende Nummer 2798/2021

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Afrika

Die Zukun˜ Europas? Forschend von Afrika lernen Forschung in Afrika bedeutet, die eigene eurozentrische Weltsicht kritisch zu hinterfragen Seite 12

Afrika auf der Überholspur Afrika erfährt momentan einen enormen digitalen Schub. Die EU hechelt hinterher Seite 14

Der Tanz um Afrika Russland und China engagieren sich am afrikanischen Kontinent massiv. Die EU will auch Seite 16


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IN TRO D U K TIO N   :   H EU R E KA  2/21   FALTER 17/21  3

CHRISTIAN ZILLNER

A U S D E M I N H A LT

:  E D I TO R I A L

Afrika machen

FOTOS: KARIN WASNER, STEFANIE OGIAMIEN, CHEIKH NIASS, BARKINADO BOCOUM

Wird die Wüste unsere Energiezentrale?   Seite 7 Vor dem Arabischen Frühling träumte man von gigantischen Solarkraft erken in der ­Sahara. Jetzt träumt man wieder, aber kleiner

Kopf im Bild   Seite 4 Alice Assinger vom Institut für Gefäßbiologie und Thrombose­ forschung der Medizinischen Universität Wien

Standardisierung und Menschenzentriertheit   Seite 8 China und die USA sind die Treiber des digitalen Wandels in Afrika. Die EU kann dabei ihre Werte einbringen, wenn sie es richtig machen will

Der Tanz um Afrika Seite 16

Russland und China engagieren sich am afrikanischen Kontinent massiv. Die EU will auch

Ein Kontinent auf der Überholspur   Seite 14 Afrika erfährt einen momentan enormen digitalen Schub. Die EU hechelt hinterher

Mit M-Pesa zahlt man bargeldlos   Seite 8 Ein Mobilfunkbetreiber in ­Kenia ermöglicht via SMS Überweisungen ohne Bankkonto. Das hat durchaus nicht nur Vorteile

In Afrika forschen, von Afrika lernen   Seite 12 Forschung in Afrika bedeutet, die eigene eurozentrische Weltsicht kritisch zu hinterfragen

Vergessene Welten, blinde Flecken   Seite 22

Medien vernachlässigen die Länder des Globalen Südens in der Berichterstattung

Der Tanz um Afrika Seite 16 Russland und China engagieren sich am afrikanischen Kontinent massiv. Die EU will auch

„Hamidou, komm, Afrika machen!“, versuchte ein österreichischer ­Polier in den 1980er Jahren seinen afrikanischen Hilfsarbeiter zum Befeuern eines Ofens mit Flämmteer zu bewegen. Der verstand nur Bahnhof, bis ihm der ­Deutschsprachige erklärte: „Afrika – heiß, Feuer – heiß, du Afrika machen.“ Hamidou fragte dann beim Mittagessen in die Runde, wer von den Österreichern wisse, was ein Dativ sei. Selbstverständlich kannte keiner diesen afrikanischen Ausdruck, woher auch, „mir san mir“ – wo ist da bitte ein Dativ? Ein Afrikaner war damals in Wien eine seltene Erscheinung, auch an der Universität, wo Hamidou tätig war. Mittlerweile gibt es erfreulich viele Afrikaner*innen hier, ein Gutteil davon echte Österreicher*innen; wie erfreulich das ist, sei dahingestellt. In den Wissenschaften spürt man davon noch eher wenig. Ihre großen Vorfahren wie John ­Locke oder Davis Hume fanden, dass sich Afrikaner vor allem als Sklaven (von *innen war noch nicht die Rede) eignen. Vermutlich hält sich etwas von dieser Weisheit bis heute in den akademischen Zirkeln Europas. Umgekehrt erforscht etwa der Anthropologe Flavien Ndonko aus Kamerun seit dreißig Jahren das Verhältnis der Deutschen zu ihren Hunden – eine großartige wissenschaftliche Leistung.

:  G A ST KO M M E N TA R

FWF: Bei der Förderung noch stärker auf Erfolgsfaktoren setzen

FOTO: FWF/STEFAN FÜRTBAUER

CHRISTOF GATTRINGER

In der Krise zeigt sich, worauf es ankommt. Wissenschaft und Forschung zählen dazu. Ohne dem Erkenntnisgewinn, den Tausende Forscherinnen und Forscher in aller Welt, auch in Österreich, vorantreiben, würde die Covid-Pandemie wohl noch dramatischere Ausmaße annehmen, als dies ohnedies der Fall ist. Der Wissenschaft kommt seit Monaten besonders viel Aufmerksamkeit, aber auch Verantwortung zu, wissenschaftliche Expertise ist gefragt. Besonders im Rampenlicht steht die Entwicklung von Impfstoffen im Rekordtempo. Die Verfügbarkeit von ersten Vakzinen nach weniger als einem Jahr und der signifikante Rückgang der Infektionen bei den bereits geimpften Menschen sind ein Triumph der Wissenschaft Ihr Erfolg beruht zu einem großen Teil auf jahrzehntelanger, ­öffentlic

finanzierter und frei verfügbarer Grundlagenforschung. Die aktuelle Forschung setzt hier an. „Wir haben das geschafft, weil wir seit vielen Jahren in einem Team von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus 60 Ländern an diesem Thema arbeiten. Sie waren darauf vorbereitet, mit ihren Forschungsleistungen und Expertisen genau in dieser Situation schnell zu reagieren“, beschreiben die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin die Erfolgsfaktoren hinter der Impf-

Christof ­Gattringer, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF

stoff- evolution. Beide kommen aus der universitären Forschung und sind nach wie vor an der Universität Mainz tätig. Thematisch offen, viel Freiraum in der Finanzierung, ein Fokus auf die Förderung von jungen Forschenden sowie der Ausbau internationaler Kooperation sind die Erfolgsfaktoren, auf die auch der Wissenschaft fonds FWF seit Jahrzehnten setzt und in Zukunft noch stärker setzen wird, um die Rahmenbedingungen für die österreichische Grundlagenforschung weiter zu verbessern. Mit excellent=austria, der Exzellenzinitiative für die Grundlagenforschung, schlägt der FWF 2021 ein neues Kapitel in der Forschungsförderung auf. Dotiert mit 150 Millionen Euro in den ersten drei Jahren, bietet die Förderoffensi e Forschenden Perspektiven und Freiraum, um

auf dem Niveau der weltweit besten in Österreich forschen zu können. Allerdings trübt das Auslaufen der Fördermittel der Nationalstiftun für Forschung, Technologie und Entwicklung den Ausblick. Allein beim FWF fallen Förderprogramme von 25 Millionen Euro jährlich weg. Besonders schmerzlich ist der Einschnitt bei den Nachwuchsprogrammen für Doktorand*innen und Postdocs in der Frühphase ihrer wissenschaftl chen Karriere. Wie viele Akteure in Wissenschaft und Forschung appelliere auch ich im Sinne der Forschenden an die Bundesregierung, schnell eine ausreichend dotierte Nachfolgefinanzierung zu beschließen. So könnte der FWF in diesem Bereich die angezogene Handbremse wieder lösen und dem kreativen Potenzial von morgen eine Karriereperspektive in der Grundlagenforschung eröffnen


4  FALTER 17/21   H EUR EKA  2/21  :  P ERSÖNLIC H K E ITE N

:  KO P F I M B I L D

Thrombose „Als vor über einem Jahr die Pandemie ausbrach, war unser erster Gedanke: Wie können wir als Grundlagenforschende Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, Betroffenen zu helfen?“, sagt Alice Assinger vom Institut für Gefäßbiologie und Thromboseforschung des Zentrums für Physiologie und Pharmakologie der Medizinischen Universität Wien. In einem Projekt im Rahmen der Sars-CoV-2-Akutförderung des Wissenschaftsfonds FWF möchte die Molekularbiologin der Ursache von vor allem thrombotischen Komplikationen durch das Virus auf die Spur kommen und verlässliche Biomarker für die individuelle Risiko­einschätzung finden. Ein von ihr geleitetes Team entwickelt ein auf bestimmten klinischen Parametern und personenbezogenen Faktoren basierendes Modell, das ­Krankheitsverläufe mit hoher Treffsicherheit vorhersagt. Bei günstigen Prognosen können Covid-Patienten früher entlassen und die Spitäler somit entlastet werden. „Es geht darum, parallel zu einer optimalen Patientenversorgung den Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern.“ TEXT: USCHI SORZ FOTO: KARIN WASNER

:  J U N G FO RS C H E R I N N E N   USCHI SORZ

Vincent-Paul Sanon, ­Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung „Eine nachhaltige Entwicklung der Fischerei, vor allem der Aquakultur, bietet Existenzgrundlage und Ernährungssicherheit für Millionen von Menschen“, sagt der Sozial- und Wirtschaftwi senschafter aus Burkina Faso. „Das gilt besonders für Länder mit niedrigem Einkommen.“ Hier gebe es Potenzial, aber auch Faktoren, die Nachhaltigkeit behindern. Für seine Doktorarbeit im Rahmen des APPEARProjekts „Nachhaltiges Management von Wasser- und Fischereiressourcen“ nimmt er die Dynamik der sich wandelnden Fischereipraktiken in seinem westafrikanischen Heimatland unter die Lupe. Dafür forscht er in einem Konsortium, an dem das für Fischerei zuständige Ministerium beiteiligt ist. „Als Brücke zwischen Wissenschaft und Entscheidungsfindung “

Sara Hellen Kaweesa, Institut für Entwicklungsforschung Die Lango-Region in Uganda könnte zur Kornkammer des Landes werden. ­Kaweesa erforscht Möglichkeiten konservierender Landwirtschaft in der Region. „Neben anderen Vorteilen verbessert diese Form nachhaltigen Landmanagements auch die Bodengesundheit.“ Eine gute Option für die Ernährungssicherheit der wachsenden Bevölkerung sei nachhaltige Intensivierung, denn die Landwirtschaft wird in Uganda von Kleinbauern getragen. 95 Prozent von ihnen besitzen weniger als zwei Hektar Land. „Sie ist ein Wachstumssektor und die Haupteinnahmequelle im Land.“ Kaweesa, Tochter von Kleinbauern, legt Wert auf den Praxisbezug ihrer theoretischen Forschung. Ihr Doktorat an der BOKU, wo sie auch ihren Master gemacht hat, hat sie vor Kurzem abgeschlossen.

Bienvenue Lassina Zoma, Institut für Nutztierwissenschaften Rinder tragen 36 bis 40 Prozent zur landwirtschaftliche Wertschöpfung in Burkina Faso bei. „Die Landwirtschaft gilt als Motor der Entwicklung, leistet den größten Beitrag zur Wirtschaft , sagt der Agrarwissenschafter mit Master in ländlicher Soziologie und Wirtschaft. Für seine Dissertation untersucht er die Rolle sozialer Faktoren bei der Haltung von Lobi-Taurin-Rindern in seinem Heimatland, wie etwa die traditionelle Einstellung zu Rinderhaltungspraktiken des Lobi-Volkes. „Diese Rinderrasse ist gleichbedeutend mit der Identität der Lobi und stellt einen wichtigen Puffer für die sozioökonomischen Herausforderungen dar, denen sich die Gemeinschafte gegenübersehen.“ Ziel der Arbeit ist es, zu nachhaltigen Züchtungsprogrammen und einer besseren Lebensgrundlage der Bauern beizutragen.

FOTOS: PRIVAT, VINCENT SANON, CHRISTINE CAVALLOTTI

Die APPEAR-Hochschulpartnerschaft führte diese Forschenden an die BOKU, um zum Aufbau des österreichisch-afrikanischen Forschungsnetzwerks Africa-UniNet beizutragen


KO M M E N TA R E   :   H EU R EKA  2/21   FALTER 17/21  5

EMILY WALTON

MARTIN HAIDINGER

FLORIAN FREISTETTER

Afrika ganz nah

Der erste Schuss

Narrative

Raus aus dem Eurokraten-Viertel, einen kleinen Hügel hinauf, und schon taucht man nur einige Meter Luftlinie vom Europäischen Parlament entfernt in eine andere Welt ein: Beginnend beim L‘Horloge du Sud („Uhr des Südens“), einem Café-Restaurant mit afrikanischer Küche und Kulturveranstaltungen, finden sich in der Chaussée de Wavre zahlreiche Geschäfte Frisiersalons und Restaurants, die Köstlichkeiten, Kleidung und anderes aus Afrika oder mit afrikanischer Prägung anbieten. Eine bunte, aufregende Ecke der Stadt, mit viel Lebenslust. So unbeschwert sich im Viertel zwischen Rue du Trône und Porte de Namur ein Einkaufsbummel oder ein Abend mit Freunden verbringen lässt, so schwer ist nach wie vor der Umgang mit einem dunklen Kapitel der belgischen Geschichte: Der Kolonialherrschaft im Kongo. Sechzig Jahre nach der Unabhängigkeit dieses Landes entwickelt sich allmählich eine ernsthafte öffentliche Debatte. Im Vorjahr gab es, angestoßen auch von der „Black Lives Matter“-Bewegung, etwas Bewegung. In einem historischen Schritt drückte König Philippe zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongos als erster belgischer König sein „tiefes Bedauern“ für die Gräueltaten vor und während der Kolonialzeit aus. „Unsere Geschichte besteht aus gemeinsamen Errungenschaften, aber sie hat auch schmerzhafte Episoden erlebt. Zur Zeit des unabhängigen Staates Kongo wurden Gewalttaten und Grausamkeiten begangen, die noch immer auf unserem kollektiven Gedächtnis lasten“, schrieb Philippe in einem Brief. Gewalt und Grausamkeit, mit der die Belgier ab Ende des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung und die Rohstoffe des Landes ausbeuteten, sind heute kaum vorstellbar: Rund zehn Millionen Menschen hat König Leopold II., der die Kolonie zunächst als seinen Privatbesitz behandelte, auf dem Gewissen. Nun werden Historikerkommissionen eingesetzt, die die Geschichte beleuchten und aufarbeiten sollen. Vielerorts will man für einen ersten Schritt nicht auf deren Ergebnisse warten: In einigen Städten und an einigen Universitäten werden bereits Denkmäler, Büsten und Gemälde mit dem Antlitz Leopolds II. entfernt. Andernorts sollen die Statuen bleiben, jedoch in historischen Kontext gesetzt werden. Mit der einst uneingeschränkten Verehrung des Herrschers ist es vorbei.

„Stellen Sie sich einmal einen 28-jährigen , jungen NATO-Soldaten vor“, sagt Asfa Wossen Asserate, Prinz von Äthiopien, Großneffe ­Haile ­Selassies, deutsch-äthiopischer Gentleman, mehrfacher Bestsellerautor und unermüdlicher Aktivist im Dienst des afrikanischen Kontinents. „Der Soldat sitzt da an einem italienischen oder griechischen Strand mit einem großen Maschinengewehr. Hinter ihm ein Offizi . Da kommen 20.000 unbewaffnete Afrikaner den Strand entlang. Der Offizier befiehlt: Schießen! Wird dieser junge Mann schießen? Und wenn er’s tut: Nach wie vielen Toten ist dieser Mann im Leben zu nichts mehr zu gebrauchen? Das ist eine Frage, die wir uns in einem Europa stellen müssen, in dem 80 Prozent der Bevölkerung keinen Krieg erlebt haben.“ Der erste Schuss. Ob (Gott möge abhüten!) irgendwann in Ceuta oder Sizilien gegen Flüchtlinge oder 1914 auf Franz Ferdinand in Sarajevo oder am 1. September 1939 vom deutschen Kriegsschiff „Schleswig Holstein“ auf die „Westerplatte“ bei Danzig: Wer immer ihn abgibt, öffnet damit die Pforten der Hölle. Das kann auch ein Schuss in die Luft sein. Am 12. Juli 1789 feuerte der Jurist und Chefredakteur eines Pariser Stadtblattes, Camille Desmoulins, im Palais Royal eine Pistole ab und

:  B R I E F AU S B RÜ SS E L

:  H O RT D E R W I SS E N S C H A F T

:  F R E I B R I E F

verschaffte sich mit diesem Schuss Gehör für seinen Aufruf zum Sturm auf die Bastille. Damit begann das segensreiche Wirken der Französischen Revolution, die nicht nur die Deklaration der Menschenrechte hervorbrachte, sondern auch die postulierte Freiheit in Strömen aus Blut ersaufen ließ. Den Großteil der Guillotinierten machten übrigens nicht Aristokraten, sondern Bauern aus, die die enorm hohen Kriegssteuern der Französischen Republik nicht entrichten konnten. Schließlich fraß die Revolution ihre eigenen Kinder, auch Chefredakteur Desmoulins bestieg letzten Ende zusammen mit seinen radikalen Freunden das Blutgerüst. Viel Öl hatte er ins Feuer gegossen, zuletzt auch gegen seine früheren Spießgesellen Robespierre und Saint Just. Er büßte genauso für seinen Schuss wie der Sarajevo-Attentäter Gavrilo Princip, der 1918 im Gefängnis in Theresienstadt unter elenden Haftb dingungen an TBC verstarb. Seine letzte Botschaft ritzte er in die Kerkerwand: „Unsere Geister schleichen durch Wien und raunen durch die Paläste und lassen die Herren erzittern.“ War das die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs wert gewesen? Wer beten kann, möge es dafür tun, dass die Welt mehr auf die Asserates hört und den Desmoulins und Princips die Waffe aus der Hand nimmt.

ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)

:  F I N K E N S C H L AG   HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT

Der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil hat ein Problem mit Geschichten. 2019, noch vor der Pandemie, beschwerte er sich in einem Interview: „Es wird immer gesagt, wir müssen (...) eine Erzählung haben, das Narrativ muss passen. Das ist doch verrückt! Ich brauche den Leuten keine Geschichte erzählen. Ich muss Glaubwürdigkeit rüberbringen.“ Im März 2021 hat er aber offensich lich doch eine Geschichte gefunden: „Das Narrativ ist ganz einfach: Wir laufen Gefahr, dass die Intensiv­kapazitäten zu Ende gehen.“ Es folgte ein Lockdown im Burgenland, der kurze Zeit später einer anderen Geschichte weichen musste: „Die Bevölkerung muss spüren, dass es weitergeht, nur so kann man sie mitnehmen.“ Doskozil hat hier ein paar sehr grundlegende Mechanismen des Geschichtenerzählens nicht verstanden. Erstens kann man Menschen durchaus „Geschichten erzählen“. Informationen, die uns in Form von narrativen Strukturen präsentiert werden, nehmen wir leichter und bereitwilliger auf als eine Präsentation von Fakten. Wenn es dabei aber, etwa in einer Pandemie, um die Vermittlung von wissenschaftlichen Maßnahmen geht, muss man aufpassen. Solche Geschichten müssen sich an der Realität orientieren, wenn sie keine Manipulation sein sollen. Außerdem muss eine Geschichte eine gewisse innere Logik haben. Man kann ein Narrativ nicht einfach ändern, nur weil es einem gerade passt. Wenn Doskozil zuerst die Geschichte „Wir müssen Opfer bringen, um Gefahren abzuwenden“ erzählt, kann er nicht einfach ohne Nichts auf „Wir wagen Öffnungen und trotzen mutig der Gefahr“ umschwenken. Vor allem dann nicht, wenn sich an der diesen Geschichten zugrunde liegenden Realität, nämlich die drohende Überlastung des Gesundheitssystems, nichts geändert hat. Mit so einem Narrativ kann man die Bevölkerung nicht „mitnehmen“. Man verwirrt sie und macht sie zornig. Auch in der (WissenschaftsKommunikation darf man die Macht von Geschichten nicht unterschätzen. Richtig eingesetzt sind narrative Strukturen ein Instrument, um Wissen effektiv vermitteln zu können. Für politische Winkelzüge eignen sie sich allerdings nicht. Menschen erkennen eine schlechte Geschichte, wenn sie sie hören. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX


6  FALTER 17/21   H EUR EKA  2/21  :  NAC H R I C H TE N

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

:  M E D I Z I N

Allergie oder doch chronisch? Neueste Forschungsergebnisse zur vollen Nase DIETER HÖNIG

Ständig ist die Nase voll? Auch im Sinn des Wortes trifft das auf Hunderttausende Österreicher*innen zu. Das häufige Gefühl, zu wenig Luft durch die Nase zu bekommen sowie Druckschmerzen im Gesicht und Riechstörungen können mehrere Ursachen haben. „Für eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung müssen zwei der folgenden Symptome für mindestens zwölf Wochen vorliegen: verstopfte Nase oder Sekretion, Druck und Schmerzen im Gesicht und eingeschränkter Geruchssinn“, erläutert Boban M. Erovic, Vorstand des Instituts für Kopf- und Halserkrankungen am Evangelischen Krankenhaus in Wien. „Anfallsartiges Niesen, Nasenjucken, oft ergänzt durch tränende, brennende und gerötete Augen weisen hingegen auf eine allergische Ursache hin“, ergänzt Christian A. Müller, Leiter der Ambulanz für Riech- und Schmeckstörungen an der HNO-Klinik der MedUni Wien. Bei Unklarheiten sollten jedenfalls eine Computertomografi der Nasennebenhöhlen sowie ein Allergietest durchgeführt werden. Liegt das Problem in der Nase selbst, etwa in Form eines Polypen oder einer verkrümmten Nasenscheidewand, muss vorrangig dieses behandelt werden. Bei Allergieverdacht wird zusätzlich zum Hauttest am Unterarm auch im Blut nach spezifischem IgE gesucht, das die Sensibilisierung auf bestimmte Allergene nachweist. Bei Verdacht auf multiple Allergien kann die Anwendung der neuesten Allergiechip-Technologie hilfreich sein, bei der mehr als hundert Allergene gleichzeitig untersucht werden können.

:  KO N F L I K T FO RS C H U N G

:  M AT H E M AT I K

EU-Milliarden für militärische Unterstützung in anderen Ländern

Die Punkte auf dem Gitter

Die EU will erstmals auch als Union Waffen in Krisenregionen und an Konfliktparteien liefern

Gabriel Lipnik untersucht Kombinationen und deren Struktur

WERNER STURMBERGER

USCHI SORZ

„Wir sehen immer wieder, dass europäische Waffen in Krisengebieten auftauche “, sagt der Politikwissenschafter Thomas Roithner. Die Pläne zur „European Peace Facility“ (EAP) sieht er darum kritisch. Mit rund fünf Milliarden Euro will man Partnerstaaten in Verteidigungsfragen unterstützen. Damit kann die Europäische Union erstmals Waffen in Krisenregionen und an Konfliktparteien liefern, was bisher nur den Mitgliedsstaaten möglich war. Vor allem die Länder der Sahelzone dürften davon profitie en. Die Kommission hält aber fest, dass sowohl Budget als auch Zielgebiete der EAP erweitert werden können. „Man muss diese Maßnahme im Gesamtkontext europäischer Außen- und Sicherheitspolitik sehen. Sie zeichnet sich zusehends durch die Schaffun militärischer Strukturen zur Wahrung geopolitischer und geoökonomischer Interessen aus.“

Ob militärische Hilfe in diversen Konflikt egionen zu einer Stabilisierung im Sinne der EU führen kann, ist für den Friedensforscher mit Hinblick auf die Konflikte in Mali und im Tschad fraglich: „Es könnte auch das Gegenteil eintreten und

Thomas Roithner, Universität Wien eine weitere Militarisierung erst recht neue Fluchtgründe schaffen “ Das Budget der EAP untersteht nicht der Aufsicht des EP, hebt Roithner hervor: „Es ist äußerst schwierig, Details über EU-Militäreinsätze in Erfahrung zu bringen. Eine Kontrolle der Peace-Facility durch das EP würde für mehr Transparenz sorgen.“

:  B I O LO G I E

Was machen die Embryos ohne eigenes Immunsystem? Wie die Makrophagen bei ausgewachsenen Menschen übernimmt die Außenhaut des Embryos das Vertilgen absterbender Zellen JOCHEN STADLER

Ein Embryo wächst rasch. „Die schnellen Zellteilungsvorgänge und zusätzlicher Umweltstress machen ihn anfällig für Zellfehler“, erklären die österreichischen Forscher*innen Verena Ruprecht und Stefan Wieser, die am Barcelona Institute of Science Verena Ruprecht, Barcelona Institute of Science and Technology and Technology in Spanien arbeiten. Diese Fehler sind wohl oft für Fehlgeburten verantwortlich und dafür, dass künstlich befruchtete Embryos sich manchmal nicht richtig entwickeln. Bei einem vollständig entwickelten Menschen oder einer Maus gibt es sogenannte Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems,

die fehlerhafte und abgestorbene Zellen beseitigen. Ein Embryo hat aber kein Immunsystem. Bei ihm übernehmen Außenhautzellen (Epithelzellen) diese Aufgabe, bevor er spezialisierte Fresszellen hat, fanden die Forscher*innen bei Mäusen und Zebrafi chen heraus. Wie später die Makrophagen erkennen sie sterbende Zellen daran, dass diese einen Fettstoff an der Außenseite herzeigen und ihn nicht an der Innenseite der Zellmembran verstecken, erklärt Ruprecht. Die Epithelzellen formen Fortsätze, die wie kleine Ärmchen aussehen, reichen die kaputten Zellen an ihresgleichen weiter und beschleunigen so die Beseitigung der sterbenden Zellen. Schließlich fressen sie diese auf. Man könnte für die menschliche Reproduktionsmedizin die Außenseite der Embryos nach solchen Fressvorgängen (Phagozytose) untersuchen, um Embryos mit vielen Fehlern zu erkennen, so Verena Ruprecht.

Wie viele Punkte kann man auf einem beliebig großen Gitter platzieren, ohne dass drei Punkte auf einer geraden Linie liegen? Und wozu möchte man das wissen? „Es geht darum, die Eigenschaften und Strukturen bestimmter Kombina­tionen zu

Gabriel Lipnik, TU Graz verstehen“, erklärt Gabriel Lipnik seine Forschung. Im Vorjahr hat der Kärntner für seine Masterarbeit an der Universität Klagenfurt zu q-rekursiven Zahlenfolgen einen Würdigungspreis des Bundesministeriums erhalten. Mittlerweile ist er Doktorand und Universitätsassistent am Institut für Analysis und Zahlentheorie der TU Graz. Die Punkteanordnung auf dem Gitter und die Mengen der maximal auf diese Weise unterzubringenden Punkte sind ein sogenanntes kombinatorisches Problem. Die Kombinatorik, ein Teilgebiet der Mathematik, beschäftigt sich mit dem Abzählen von endlichen Strukturen. „Man versucht herauszufinden welche und wie viele Möglichkeiten es gibt, ­Dinge miteinander zu kombinieren. Dabei untersucht man die Strukturen näher.“ Ein tieferes Verständnis davon sei für viele Anwendungen von Bedeutung, etwa für das Kodieren von Daten. „Solche Punktemengen spielen zum Beispiel eine Rolle, wenn man bei CD-Aufnahmen vermeiden möchte, dass kleine Fehler bei der Speicherung hörbar sind.“ Für manche Anwendungen ist es wichtig, in den Punktegittern gewisse mit der Addition und Streckung der Punkte zusammenhängende Strukturen – wie eingangs erwähnte Linie – zu vermeiden. Dies schließt aber auch an klassische offene Fragen der Kombinatorik an, die Lipnik als Grundlagenforscher vor allem interessieren. Nichtsdestotrotz gefällt es ihm, dass sein Fach etwas bewirkt. „Durch das Übersetzen komplexer Fragestellungen aus der realen Welt in die Sprache der Mathematik lässt sich der Kern eines Problems offe legen und die Basis für eine praxisrelevante Lösung schaffe “, ist Lipnik überzeugt. „Das begeistert mich jedes Mal aufs Neue.“

FOTOS: PRIVAT, BARCELONA INSTITUTE OF SCIENCE AND TECHNOLOGY, STEFAN GRAUF-SIXT

NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  2/21   FALTER 17/21  7

:  E N E RG I E T EC H N O LO G I E

Wird die Wüste unsere Energiezentrale? Vor dem Arabischen Frühling träumte man von gigantischen Solarkraftwerken in der Sahara. Jetzt träumt man wieder, aber kleiner JOHANNES SCHMIDL

Die Wüsten der Erde empfangen in wenigen Stunden jene Energiemenge, welche die Menschheit pro Jahr verbraucht. Es gibt dort kaum Flächenkonkurrenz, die Sonne strahlt ganzjährig mit hoher Intensität. 50 Prozent der für 2050 prognostizierten weltweiten Stromnachfrage könnten auf einer Fläche von 500 mal 500 Kilometern – ein Prozent der weltweiten Wüstenflächen – aus solarthermischen Kraftwerken produziert werden.

FOTOS: WIKIPEDIA, ÖAW/ÖAI/NIKI GAIL, PRIVAT

Die Wüste als Solarkollektor? Schon der Präsident der Deutschen Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Fritz Kohlrausch (1840–1910), sprach sich 1900 angesichts der kommenden Solartechnik für solaren Kolonialismus in sonnenreichen Wüsten aus. August Bebel (1840–1913), Gründer der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, für den gesellschaftlicher und technischer Fortschritt zusammenhingen, baute seine Idee des Sozialismus auf Sonnenenergie auf und nahm in seinem Hauptwerk

Die Frau und der Sozialismus die Ideen von Kohlrausch begeistert auf. Die Befürchtung, Europa sei zu klein für die eigenständige Versorgung aus erneuerbarer Energie, motivierte auch eines der imposantesten utopischen – oder besser: dystopischen – Energieprojekte, nämlich Hermann Sörgels Atlantropa-Idee. „Was technisch möglich ist, soll wirtschaftlic ausgenützt werden“, lautete seine Maxime. Sörgel schlug 1927 vor, die Straße von Gibraltar durch einen Staudamm zu schließen und so den Nettozuflu s von Wasser aus dem Atlantik ins Mittelmeer zu unterbinden. Dadurch würde der Wasserspiegel sinken, was es erlaube, ein Wasserkraftwerk bislang ungekannter Leistung zu betreiben. Durch die Senkung des Wasserspiegels würde Neuland von einer Fläche größer als jener Frankreichs gewonnen werden, Korsika und Sardinien würden zusammenwachsen, die Adria praktisch austrocknen. Von Süditalien über Sizilien könnte man über Land nach Tunesien gelangen.

Die Sahara Kraftwerk Europas? Bescheidener nimmt sich dagegen das als DESERTEC bekannte Projekt aus den Nullerjahren aus. Seine Grundidee sieht vor, in der Sahara aus solarthermischen Kraft erken, Photovoltaik und Windkraft erken einen Teil der elektrischen Energie zu erzeugen, die in Nordafrika und Europa benötigt wird. Durch die politische Entwicklung nach dem sogenannten Arabischen Frühling ist es darum ruhig geworden. Dennoch zeichnet sich aktuell ein Neustart von DESERTEC ab: Durch die rasante technologische Entwicklung der letzten zwanzig Jahre sind Photovoltaik und Windenergie inzwischen billiger als die fossilen Technologien auf Kohle- und Ölbasis. Die Energiedichte der erneuerbaren Energiesysteme, also die pro Flächeneinheit nutzbare Energie, ist zwar geringer als jene der fossilen Systeme, die direkten und indirekten solaren Energieströme aber überwältigend groß und fast überall zu finden und zu ernten. Damit entsteht ein Megatrend der

Energiewirtschaft, der sich an Solarkraft erken in der Wüste (und Windkraft erken in der Nordsee) zeigt: Flächen werden zu entscheidenden Ressourcen der erneuerbaren Energieversorgung. Das definiert die globale Verteilung energierelevanten Ressourcenreichtums entscheidend neu. Nordafrika kann sich damit als Produzent von erneuerbarer Energie wirtschaftlich stärken. DESERTEC startet in seiner zweiten Auflage als pragmatische Bottom-up-Version mit der Versorgung der lokalen Bevölkerung. Es entstehen Solarkraftwerke „visible from space“, wie man zu recht stolz feststellt. Mit der Energieversorgung ihrer eigenen Bevölkerung erwerben die Länder technische Fähigkeiten, mit denen sie in Zukunft Exporteure erneuerbarer Energie werden können. Der Essay „Energie und Utopie“ von Johannes Schmidl (Sonderzahl-Verlag) erscheint im Mai 2021 in zweiter, durchgesehener und aktualisierter Auflage

:  A RC H ÄO B OTA N I K

:  L I M N O LO G I E

Convenience Food auf Gemüsebasis für bronzezeitliche Bergleute

Wie können Lebewesen auf sich ändernde Umstände richtig reagieren?

Schinken und Getreidebrei: Archäobotanische Analysen zeigen, wie ­Arbeiter in bronzezeitlichen Kupferbergwerken versorgt wurden

Der Konkurrenzkampf und die Anpassung an neue Umweltbedingungen erweist sich für Lebewesen als teilweise unvereinbar

MARTINA NOTHNAGEL

JOCHEN STADLER

Bergleute, Schmelzer und Gießer waren keine simplen Nebenerwerbsbauern. Die Arbeit im Bergwerk und der Metallurgie war bereits in der Bronzezeit hochspezialisierte Arbeit. Das wiederum bedeutet: Die Arbeiter mussten von anderen Mitgliedern der Gemein-

Andreas G. Heiss, Österreichische Akademie der Wissenschaften schaft mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Eine Zulieferung von tierischer Nahrung ist für unterschiedliche Bergbaustätten seit Längerem gut belegt. Die Bergleute in Hallstatt beispielsweise wurden mit in Massen produziertem Schinken beliefert. Dem Archäobotaniker Andreas G. Heiss vom ­Österreichischen

Archäologischen Institut der ÖAW und seinem Team ist es nun gelungen, die Zulieferung auch von pflanzlichen Produkten in der spätbronzezeitlichen Kupfermine (11. bis 9. Jh. v. Ch.) von ­Prigglitz-Gasteil bei Gloggnitz in Niederösterreich zu belegen. „Was man in der Forschung schon länger vermutet hat, konnten wir mithilfe neuester Methoden und Technologien bestätigen“, erklärt der Wissenschafte . Eine RasterelektronenmikroskopAnalyse der in Prigglitz gefundenen Pflanzen- und Speisereste zeigt: Den Bergleuten wurde gereinigtes, küchenfertiges Getreide geliefert. Außerdem Mehl und vermutlich auch vorgekochter, essfertiger Brei aus Gerste und Hirse. „Convenience Food“, sagt Heiss. „Arbeitsteilung und Essensversorgung funktionierten im Prinzip genauso, wie wir es heute aus unserer hocharbeitsteiligen Gesellschaft kennen.“

Der Klimawandel erschwert vielen Pflanzen und Tieren das Leben. Noch dazu machen ihnen immer öfter von Menschen eingeschleppte Arten Lebensraum und Futter streitig. Sie müssen sich an neue Umstände anpassen und gleichzeitig gegen zu-

Romana Limberger, Universität Innsbruck sätzliche Konkurrenten behaupten. Das funktioniert nicht immer, fand die österreichische Biologin Romana Limberger heraus. Teils können sich Lebewesen nur ohne Konkurrenz gut anpassen, teils mindert eine gute Anpassung die Durchsetzungskraft gegenüber Konkurrenten, berichtet sie mit Kolleg*innen im Magazin

Proceedings B der Royal Society. Limberger ließ am Forschungsinstitut für Limnologie der Universität Innsbruck unterschiedliche Arten von winzigen Algen für etliche Generationen in immer höher werdenden Salzkonzentrationen wachsen. Zwei Arten gewöhnten sich daran und wuchsen trotz der Versalzung gut – zumindest, wenn sie allein lebten. Eine davon hatte Probleme, wenn auch andere Arten neben ihr waren. Der Konkurrenzkampf machte ihre Anpassung zunichte. Die Forschenden setzten in einem zweiten Experiment zwei Arten gemeinsam immer höheren Salzkonzentrationen aus. Die Anpassung funktionierte hier zwar trotz Konkurrenz, aber eine der beiden Mikroalgenarten verlor dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit bei guten Bedingungen, also bei normalen Salzmengen. Anpassungs- und Wettbewerbsfähigkeit kommen einander oft in die Quere, erklärt Limberger.


8  FALTER 17/21   H EUR EKA  2/21  :  NAC H R I C H TE N

:  I N FO R M AT I O N ST EC H N O LO G I E

Digitaler Wandel in Afrika: Menschenzentriertheit China und die USA sind die Treiber des digitalen Wandels in Afrika. Die EU kann dabei ihre Werte einbringen, wenn sie es richtig machen will

„Die Digitalisierung wird häufig als Lösung für verschiedenste Probleme präsentiert. Hier kann man befürchten, dass dies nur ein Feigenblatt ist, um zugrundeliegende strukturelle Probleme zu verdecken. So haben nur durchschnittlich 25 Prozent der afrikanischen Bevölkerung im ländlichen Raum in Sub-Sahara Zugang zu Elektrizität, gleichzeitig spricht man von der Schaffung einer E-society“, sagt Stefanie Kunkel, wissenschaftl che Mitarbeiterin für Digitalisierung und Nachhaltigkeit am IASS (Institute for Advanced Sustainability Studies) in Potsdam. Soll also die Digitalisierung dem afrikanischen Kontinent nützen, dürfe man nicht nur technologiezentriert denken, sondern vor allem menschenzentriert und nachhaltig. EU- und AU-Strategie für den digitalen Wandel in Afrika Die EU-Kommission hat vor einem Jahr eine neue Strategie für Afrika vorgeschlagen, bei der der digitale Wandel ein Schlüsselbereich ist. Diesen neuen Weg möchte die Digital Economy Taskforce von EU und AU (Afrikanische Union) einschlagen. Kunkel bewertet darin folgende Schwerpunkte positiv: Das Einbeziehen von Frauen und Kindern, denn diese spüren die digitale Kluft stärker; den Fokus auf Bildung, denn Menschen ­müssen mit dem Internet umgehen können; die

Erwähnung der Verbindung zwischen Klimaschutz und Digitalisierung, da eine CO2-Reduktion mitbedacht werden soll. An die Digitalisierung knüpfen die Länder Afrikas viele Hoffnungen: neue Dienstleistungen, Informationszugang für alle und mehr Produktivität. Auf der Negativseite stehen Arbeitsplatzverlust, Datenmissbrauch und Umweltprobleme. Die Elektronikindustrie sowie die USA und China profitie en vom Rohstoffabbau in Afrika, oft unter Missachtung von Arbeitsrecht und Umweltschutz. Außerdem häufen sich dort riesige Elektroschrotthalden. Die Forderung, die Wertschöpfung vor Ort zu fördern, sieht Kunkel als schwierig, denn aus Asien weiß man, dass der Wettbewerb in der Elektronikindustrie hart ist: „Besser wäre es, Prozesse, mit denen Afrika bereits vor Ort konfrontiert ist, anders zu gestalten, etwa mit Kreislaufmodellen zur Wiedergewinnung von Rohstoffe aus Elektroschrott. Hier könnte die EU im Rahmen von ökologischen Design-Richtlinien fordern, dass Teile wie Akkus oder Platinen austauschbar gestaltet und somit auch rückgewonnen werden können.“ So folgert auch die IASS-Studie „Digitalized economies in Africa“: Eine ausgebaute digitale Infrastruktur könne Bildung, Lebensstandard

und den Gesundheitssektor fördern wie auch die Entwicklung von nachhaltigen Produktionswegen, auch im IKT-Sektor. Datenschutzgrundverordnung als Standard für Afrika Die USA mit den dominierenden GAFAUnternehmen (Google, Amazon, Facebook, Apple) sowie China setzen ihren digitalen Fußabdruck in Afrika. Im Wettbewerb um die Gestaltung der globalen digitalen Ordnung muss die EU zeigen, was sie zu bieten hat. Ihre Vorzüge heißen für Benedikt Erforth, Politikwissenschafter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn, Standardisierung und Menschenzentriertheit. Einer der größten Effekte den die Digitalisierung hervorbringt, sind Skaleneffekte. Diese werden am besten erzielt, wenn einheitliche Standards verwendet werden. So ist die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ein Vorbild für Afrika. Kenia hat sich bereits daran orientiert. Den menschenzentrierten Ansatz erklärt Erforth anhand der Automa­ tefanie S ­Kunkel, ­Institute for Advanced ­Sustainability Studies

tisierung und deren Konsequenzen: „Wenn man Digitalisierung als Jobmotor proklamiert, geht es auch und vor allem um digital enabled jobs. Die müssen wir schaffen, etwa, indem Landwirtschaft wieder attraktiv wird, weil Ernte und Ertrag durch Unterstützung von digitalen Technologien steigen. Wenn Jobs durch Automatisierung verloren gehen, braucht es politische Antworten.“ Im Sinne ihrer Werte sollten EU und AU gemeinsam die wirtschaftliche und soziale Sicherheit sowie die Privatsphäre der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das ist auch Anspruch der EU-Plattform Digital4Development – nun gelte es, dies mit Leben zu erfüllen. Der Privatsektor sollte einbezogen werden, denn Staaten können nicht alles stemmen; hier stelle sich auch die Frage, inwieweit Digitalisierung als dezidiert entwicklungspolitische Maßnahme betrachtet werden kann. Auf jeden Fall haben Staaten die Aufgabe, menschzentrierte Regularien zu setzen, um individuelle Rechte zu schützen. Der Fokus auf Digitalisierung und grüne Transformation ist für Erforth ein Asset: „Das sind unsere zwei Transformationsfelder und wir können dafür sorgen, dass sie nicht an den EU-Außengrenzen Halt machen, sondern Wohlstand in Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern sichern.“

FOTO: IASS / L. OSTERMANN

MICHAELA ORTIS

:  I N T E R N E T W I RT S C H A F T

Mit M-Pesa zahlt man bargeldlos Ein Mobilfunkbetreiber in Kenia ermöglicht via SMS Überweisungen ohne Bankkonto. Das hat durchaus nicht nur Vorteile

„Pesa“ ist Swahili, bedeutet „Bargeld“ und steht für mobiles Geld, das man über das Handy bezieht. Mit dem 2007 einführten Telefonzeitguthabensystem kann man Rechnungen bezahlen, Waren und Dienstleistungen erwerben und weltweit Geld verschicken. M-Pesa ist bargeldloses Zahlungsmittel ebenso wie Sparform. Man benötigt dafür weder ein Bankkonto noch ein Smartphone. „Unser 4G-Netz deckt 77 Prozent und unser 3G-Netz 94 Prozent der kenianischen Bevölkerung ab. Unsere Plattformen und Partnerschaften umfassen das kenianische Leben von der Landwirtschaft bis zu Finanzdienstleistungen“, heißt es im Jahresbericht 2020 des Mobilfunkers Safaricom.

Studie zur Wirkung von M-Pensa William Jack und Tavneet Suri vom National Bureau of Economic Research in Cambridge/Massachusetts haben 2008 und 2009 Studien zu MPensa verfasst. Darin ziehen sie einen Vergleich: Während die Eisenbahn 120 Jahre brauchte, um 80 Prozent der Bevölkerung zu erreichen, das Telefon 100 und das Flugzeug 60, so schaffte Internet und Mobiltelefonie in rund zwei Jahrzehnten diese Reichweite. 2008 wurden für die Studie zur Nutzung 3.000 kenianische Haushalte ausgewählt. Eine Follow-up-Studie 2009, bei der zwei Drittel der ursprünglichen 3.000 Haushalte erreicht werden konnten, zeigte einen Zuwachs in der

Nutzung von 43 auf 70 Prozent. Was das Haushaltseinkommen betrifft, hatte die Gruppe der M-Pesa-Nutzer*innen höhere Jahresausgaben und Erspar-

Maxima von Amsberg, Königin der Niederlande nisse als andere. Allerdings habe sich die Zusammensetzung der Gruppen verändert: So hatte die Nutzer*innenGruppe in der zweiten Erhebung niedrigere Durchschnittsausgaben und

Ersparnisse als zum Zeitpunkt der ersten Erhebung. „Dies deutet darauf hin, dass die Verwendung von M-Pesa ursprünglich auf die wohlhabendsten Gruppen beschränkt war, nun aber langsam von einem breiteren Anteil der Bevölkerung verwendet wird“, erklären Jack und Suri die sozioökonomischen Auswirkungen von M-Pesa. Gemeint sind Landbevölkerung und Personen ohne Bankkonto. Die Befragten selbst nennen zu vierzig Prozent die „einfach zu handhabende Sparmöglichkeit“ sowie zu 26 Prozent die „Sicherheit“ als Hauptgründe für die Nutzung. Während M-Pesa sich auf die Verhandlungsstärke von Haushalten

FOTO: RVD / MARTIJN BEEKMAN

SABINE EDITH BRAUN


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  2/21   FALTER 17/21  9

:  W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

FOTO: THE NOKIA GUY / UNSPLASH

Barbara Frischmuth: Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen. Residenz Verlag 2021

Im Sinne ihrer Werte sollten EU und AU gemeinsam die ­wirtschaftliche und soziale Sicherheit sowie die Privatsphäre der Menschen in den ­Mittelpunkt stellen.

(negativ) auswirken bzw. den Anreiz von Personen dämpfen könnte, sich selbst um Arbeit oder Innovationen zu kümmern, könne es auf Frauen einen ermächtigenden Einflu s haben, so Jack und Suri. Wem nutzt der bargeldlose Verkehr? Unter dem Stichwort „Finanzielle Inklusion“ betrieben auch Konzerne wie Microsoft und deren chinesische Pendants einen „Krieg gegen das Bargeld“, wie der Wirtschaftswi senschafter Norbert Häring in seinem Buch Schönes Neues Geld (2018) schreibt. Sogar die UN ernannte 2009 eine Sonderbeauftragte für finanzielle Inklusion und Entwicklung: die Ökonomin

Máxima van Amsberg, mittlerweile Königin der Niederlande. Häring übt Kritik an digitalen Bezahldiensten wie M-Pesa, denn eigentlich werden Bargeldzahlungen unattraktiv gemacht, weil Finanzdienstleister an ihnen nichts verdienen. Transaktionen von M-Pesa- zu -Nicht-Nutzer*innen etwa kosten bis zu 44 Prozent. 90 Prozent aller Telefonie- und SMS-Einnahmen sowie 80 Prozent der 28 Millionen Kenianer*innen, die mobile Gelddienste nutzen, seien 2018 auf das Konto von Safaricom gegangen – und damit zum Teil nach Europa. Denn die Konzernmutter von Safaricom ist die britische Vodafone.

Monika ­Czernin: Der Kaiser reist inkognito. Joseph II. und das Europa der Aufklärung Penguin 2021

Die Schrift tellerin, lange mit Gärtnern befasst, bevor es Bobo-Mode wurde, versucht der Natur in Essayform beizukommen. Begriffe werden geklärt (Natur von „nascis“ – geboren werden), wo liegt der Ursprung der Sprache, wird gefragt. Warum miauen Katzen in Wildnis selten und im Kontakt mit Menschen ständig? Vom Bären-Kult arktischer Völker und deren Recycling-Kultur ist die Rede, von Biologie und Geologie. Der „Naturvertrag“ des ­Michel Serres kommt zu Wort und Bruno Latours „Gaia“, zuletzt eine alte Weisheit: Die Erde gehört uns nicht.

Für Josef II. war Reisen das Mittel, um das Ancien Regime zu reformieren. Anonym, als Graf von Falkenstein, legte er fünfzigtausend Kilometer zurück. Der Dreiundzwanzigjährigen begibt sich nach Frankfurt zu seiner Krönung zum römisch-deutschen Kaiser, es folgen acht weitere exemplarische Fahrten: um die Armut der Kolonisten im Banat in Augenschein zu nehmen, zum römischen Papst, in Paris trifft er die Aufklä er. Ein mephistophelischer Pakt mit der Zarin auf der Krim 1787 verpflichtet ihn zum Krieg mit den Osmanen, in dem er stirbt.

Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen. Barbara Frischmuth, Residenz Verlag 2021

Der Kaiser reist inkognito | Monika Czernin, Penguin 2021 (bic-media.com)

Konrad Paul Liessmann: Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen Zsolnay 2021

Franz Schuh: Lachen und Sterben Zsolnay 2021

Worin besteht eigentlich die Qualität von Nietzsches Also sprach Zarathustra im Vergleich zu Hegels Philosophie oder zu Hölderlins Dichtung?, fragte Karl Löwiths einst provokant. Liessmanns Mitternächtliche Versuchungen gibt eine ekstatisch positive Antwort. Jede Zeile des schillernden Mitternachtslieds („O Mensch! Gib acht!“) wird in jeweils einem Kapitel extensiv interpretiert; Nietzsches zentrale Ideen in Analysen von Sexualität, Wachen, Schlaf, Mitleid und Schmerz eingebunden. Auch Richard Strauß und GustavMahler kommen zu Wort.

Während eines Krankenhausaufenthaltes schreibt Franz Schuh ein Gedicht über seinen Wintermantel, den er immer zu groß kaufe, weil er ihm ohnedies bald immer zu klein sei. Den Mantel brauche er jetzt nicht – der Tod, der ihn immer schon interessierte, interessiert sich für ihn. Essays, Reden und Gedichte über den Ernst der Lage, Wiener Schäh, Misanthropie als Quelle der Kunst, Nestroy, Canetti und Kraus, Heinz Conrads, Qualtinger und Kierkegaard. Große Essays über Eitelkeit und Einsamkeit. „Todesengel. Ein Lesetheater“ endet mit dem Wort „Schluss“.

Alle Lust will Ewigkeit. Konrad Paul Liessmann, Zsolnay Verlag 2021

Lachen und Sterben. Franz Schuh, Zsolnay Verlag 2021


10  FALTER 17/21   H EUR EKA 2/21  :   T I T ELT H E M A

T I T E LT H E M A AFRIKA – ZUKUNFT E U R O P A S ? Seiten 10 bis 22 In dieser Ausgabe präsentieren fünf Kunstschaffende mit afrikanischen Wurzeln ihre Arbeit und Sicht auf die Welt: Helena Eribenne, Samson Ogiamien, Cheikh Niass und Barkinado Bocoum. Ihre künstlerischen Ausdrucksweisen sind vielfältig: Performances, Theater, Fotokunst, Installationen, Aktionismus, Malerei und Bildhauerei – jede und jeder von ihnen hat eine eigene künstlerische Identität geschaffen

:  AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN

17 Millionen

Internetuser*innen gab es auf dem afrikanischen Kontinent im Jahr 2005. Im Jahr 2018 waren es 330 Millionen, das ist beinahe das Zwanzigfache.

55 Mitgliedstaaten, unterschieden nach fünf geografische Regionen, hat die am 25. Mai 1963 als Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) gegründete Afrikanische Union (AU) mit Hauptsitz in Addis Abeba derzeit.

375 Millionen junge Menschen in Afrika werden in den nächsten 15 Jahren das Erwerbseintrittsalter erreichen. Allerdings befinden sich de zeit weniger als zehn Prozent der afrikanischen 18- bis 24-Jährigen in irgendeiner Form von tertiärer Ausbildung.

130 Länder wurde im Global Green Economy Index (GGEI) 2018 auf vier Indikatoren hin untersucht: Leadership & Klimawandel, Effizienzsektor, Märkte & Investment, Umwelt. Von den 35 untersuchten afrikanischen Ländern hatten Kenia (Platz 21), Sambia (Platz 23) und Äthiopien (Platz 40) die Nase vorn.

4 Technologien betreffen die von der EU unterstützten Projekte für erneuerbare Energien in Afrika: Wasserkraft (308 Mw), Solarkraft (1482 Mw), Windk aft (560 Mw) Geothermalkraft (10 Mw)

390 Millionen Menschen (von insgesamt 1,37 Milliarden) leben in Afrika unter der Armutsgrenze. Gleichzeitig waren sechs der zehn im Jahr 2018 weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschafte afrikanische.

Auf 222 Milliarden Euro belief sich die Zahl an Direktinvestitionen der EU-27 in Afrika im Jahr 2017. Die USA investierten 42 Milliarden, China 38 Milliarden Euro.

15 bis 20 Millionen junge Menschen treten in Afrika jedes Jahr ins Erwerbsleben ein. Der Ausbau der digitalen Versorgung um zehn Prozent würde nach Schätzungen ein BIPWachstum von mehr als einem Prozent zur Folge haben – in allen Sektoren.


FOTO: HELENA ERIBENNE

TITE LTH E M A   :   H EU R E KA  2/21   FALTER 17/21  11

Killing Time – Helena Eribenne In London geboren, studierte Helena Eribenne an der Universität für bildende Kunst Wien. Symbolismus, sakrale Geometrie und Architektur sind zentrale Themen ihrer Arbeit an der Schnittstelle zwischen Theater, Performance, Musik, Film und Fotografie. In „Killing Time – The Exhibition“ tritt Eribenne der Fiktion der linearen Zeit gegenüber und bezieht sich auf die Visionen des biblischen Propheten Ezechiel. earthzoneproductions.com


12  FALTER 17/21   H EUR EKA 2/21  :   T I T ELT H E M A

In Afrika forschen, von Afrika lernen Forschung in Afrika bedeutet, die eigene eurozentrische Weltsicht kritisch zu hinterfragen er Begriff „Afrika“ wird in der Alltagssprache, in Medien, Politik und Wissenschaft Europas tendenziell einseitig und undiffe enziert verwendet, meist mit negativen Zuschreibungen wie Armut, Krieg und Krankheiten. Diese Klischees haben nur wenig mit der Lebensrealität der 1,3 Milliarden Menschen zu tun, die auf dem afrikanischen Kontinent in seinen 55 Staaten leben. Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil wollen auch nicht alle Afrikaner nach Europa: Der Großteil aller Migranten und Flüchtlinge verbleibt in den afrikanischen Herkunfts egionen. Die Problematik der Forschung in Afrika Die Lebenswelten der Menschen in Afrika sind von rapiden Transformationsprozessen durch Modernisierung, Urbanisierung und Digitalisierung durchdrungen. Das Mobiltelefon hat die Kommunikation in Afrika revolutioniert. Vor allem für die jungen Generationen sind Internet und Social Media selbstverständlicher Bestandteil ihres Alltags. Dafür mangelt es an Bildungschancen und Arbeitsplätzen. In vielen Ländern gibt es zwar eine wachsende Mittelschicht, doch im Durchschnitt sind in Subsahara-Afrika vierzig Prozent der Bevölkerung von extremer Armut betroffen. Seit mehr als zwanzig Jahren lege ich den Fokus meiner wissenschaftlichen Arbeit in Ostafrika auf die Erforschung von vulnerablen und sozial ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen sowie auf die Handlungsnotwendigkeiten für Sozialpolitik und -arbeit. Bei meiner Forschung zu Kindersoldaten in Uganda, Straßenkindern und alten Menschen in Tansania sowie zu kulturspezifischen Formen der Problemlösung und Lebensbewältigung habe ich mich stets auf ambivalentem Terrain bewegt. Einerseits laufe ich Gefahr, Stereotype über Afrika zu verstärken, indem ich soziale Problemlagen beleuchte und auf die Schattenseiten der Gesellschaft fokussiere. Zum zweiten erlaubt mir die Perspektive des kulturell Außenstehenden, der sich nur vorübergehend in den jeweiligen Ländern aufhält, nur einen eingeschränkten Einblick in die komplexen afrikanischen Lebensrealitäten. Die Möglichkeit der Fehlinterpretation aufgrund der eigenen eurozentrischen Sichtweise muss daher ständig kritisch im Blick behalten werden. Eine Lösung für dieses Problem besteht in der partnerschaftlichen Forschung mit Kollegen und Kolleginnen vor Ort, beispielsweise durch Hochschulkooperationen. Nach meiner Erfahrung bedarf es für gelingende internationale Wissenschaftsp ojekte zwischen europäischen und afrikanischen Forschungsteams zumindest dreierlei Komponenten: wechselseitiges Vertrauen, kontinuierlichen Dialog und gleichberechtigte Entscheidungsfindung. Gerade Letzteres ist in der Praxis aber oft nur ein Lippen-

TEXT: HELMUT SPITZER

Könnten wir in Europa nicht ein Quäntchen des afrikanischen Ubuntu für ein harmonisches Zusammenleben brauchen?

Helmut Spitzer, FH Kärnten

bekenntnis. Tatsächlich bewegen sich die beteiligten Akteure vor dem Hintergrund ungleicher Machtverhältnisse, hierarchisierter Beziehungsstrukturen und paternalistischer Einmischungsfantasien. Das zeigt sich allein in dem versprachlichten Umstand, dass die europäischen Partner oft als „Geber“ bezeichnet werden – folglich sind die afrikanischen Gegenüber die „Nehmer“. Doch die historische Hintergrundfolie des Zusammenwirkens zwischen Europa und Afrika zeigt ein gegenteiliges Bild. Dem kann sich auch der wissenschaftlich Diskurs nicht verschließen. Maafa – die große Katastrophe Über Jahrhunderte hinweg ist der afrikanische Kontinent ausgebeutet, seine Bewohner versklavt, unterdrückt und entmenschlicht worden. Um das Elend von Sklaverei, Massendeportation, Kolonialismus und Rassismus aus einer postkolonialen Perspektive zu verdeutlichen, verwenden manche afrikanische und afrodiasporische Autoren und Autorinnen den Begriff Maafa. Dieser Terminus aus dem Swahili bedeutet in etwa „Katastrophe“ oder „große Tragödie“. Wie der hebräische Begriff der Shoah für die Erfahrung des Holocaust aus jüdischer Perspektive steht, so steht Maafa für die genuin afrikanische Sicht auf die historischen Verwerfungen der letzten fünfhu dert Jahre, inklusive der vielfältigen Formen des Widerstands gegenüber dem europäischen Sog von Ausbeutung und Zerstörung. Zu dieser Zerstörung gehörte auch die gezielte Vernichtung kultureller Identität und indigenen Wissens – mit Auswirkungen bis heute. Der Wissenschaftsb trieb und das Bildungssystem sind in vielen afrikanischen Staaten von der Entäußerung autochthoner Wissenssysteme und der Überformung mit importierten Theorien und Inhalten geprägt. Bei der Zusammenarbeit mit forschenden Individuen und Institutionen in Subsahara-Afrika geht es auch darum, welches Wissen eigentlich zählt und wer die Deutungshoheit darüber hat. Was ist der Vorteil von „entwickelt? Vor Jahren unternahm ich mit einer Gruppe von Sozialarbeitsstudierenden eine Forschungsreise nach Uganda und Tansania. Der Fokus unseres Erkenntnisinteresses lag auf der Situation alter Menschen. In der Stadt Arusha im Norden von Tansania führten wir mit einer Gruppe älterer Frauen und Männer eine Diskussion. Dabei überraschte mich ein älterer Herr mit der Frage: „What is the benefit of being developed?“ – Eine gute Frage. Im Zusammenhang mit Afrika wird viel von Entwicklung und Hilfe gesprochen, also Entwicklungshilfe. Aber kann man jemandem ernsthaft dabei helfen, sich zu entwickeln? Und wenn ja, in welche Richtung? Und welche Kriterien

definieren, dass ­beispielsweise ­Österreich als ein „entwickeltes“ Land gelten kann? Es ist schwierig, der Dichotomie dieses Diskurses zu entkommen: entwickelt vs. unterentwickelt, arm vs. reich, oben vs. unten. Ich versuche meine Studierenden dafür zu sensibilisieren, Afrika nicht als „da unten“ zu verorten. Wer weiß schon, wo oben und unten ist? Wer definiert, wer als arm oder reich gilt? Die sogenannte „Entwicklungszusammenarbeit“, eine euphemistische Nachbesserung der vormaligen „Entwicklungshilfe“, impliziert immer noch, dass sich zwei treff n, von denen nur einer „entwickelt“ ist. Fragt sich nur wer. Für den alten Mann hatte ich leider keine schlüssige Antwort. Ubuntu – afrikanischer Humanismus Im letzten Jahr ist Afrika in unterschiedlichem Ausmaß von der Corona-Pandemie heimgesucht worden. Vielen Menschen sind durch wirtschaftliche Einbrüche und drastische gesundheitspolitische Maßnahmen die Lebensgrundlagen entzogen worden. Ein sozialstaatliches Absicherungssystem ist in den meisten Ländern inexistent. Zentrale Ressourcen in der Alltagsbewältigung und im Überlebenskampf der Menschen sind Flexibilität, Gottvertrauen und die Community. Was hilft, sind gegenseitige Unterstützung und solidarisches Handeln. Neben religiösen Glaubenssystemen gibt es ein quasi panafrikanisches ethisches Regelwerk, welches das Zusammenleben der Menschen grundlegend bestimmt: Ubuntu. Diese auch als „afrikanischer Humanismus“ bezeichnete Lebensphilosophie beinhaltet zentrale Tugenden wie Respekt, wechselseitige Fürsorge, Solidarität, Gastfreundschaft und Vergebung. In dieser Tradition sind die Existenz und das Schicksal des Individuums untrennbar mit der sozialen Gemeinschaft verwoben. Wie die Erfahrung zeigt, sind in einigen afrikanischen Staaten Gewalt und Menschenrechtsverletzungen ebenso Teil der gesellschaftlichen Realität wie die Benachteiligung von Mädchen und Frauen oder die Diskriminierung von sexuellen Minderheiten. Dennoch bilden die Ubuntu-Prinzipien im Alltagsleben der Menschen einen verlässlichen Referenzrahmen für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben. Wie steht es in Europa mit dem gesellschaftlichen Wertekonsens? In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft bräuchten wir auch hier ein verlässliches Quantum an Solidarität als ethischen Maßstab für ein respektvolles Miteinander. In Ostafrika gibt es den Spruch: Wenn man auf Reisen ist, soll man Augen und Ohren aufmachen, aber den Mund halten. Das kann auch als Prinzip für die (wissenschaftliche) Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika gelten: Denn wenn man genau aufpasst, gibt es von den Menschen in Afrika viel zu lernen.

FOTOS: PRIVAT

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FOTO: STEFANIE OGIAMIEN

TITE LTH E M A   :   H EU R E KA  2/21   FALTER 17/21  13

Die Waffen der Frauen – Samson Ogiamien Samson Ogiamien wurde in Benin City in Nigeria geboren und lebt seit etlichen Jahren als freischaffender Künstler in Graz. Seine Skulpturen sind stark von der traditionellen Kultur des Königreichs Benin, Edo State in Westnigeria, beeinflu st. Ogiamien sieht seine Kunst als Brücke zwischen den Kulturen und als Chance, Menschen zusammenzuführen. www.ogiamien.at


14  FALTER 17/21   H EUR EKA 2/21  :   T I T ELT H E M A

Kontinent auf der Überholspur Afrika erfährt einen enormen digitalen Schub. Die EU hechelt hinterher in intelligenter Handschuh namens „Sing-IO“ übersetzt Gebärdensprache akustisch und ermöglicht fließende Kommunikation mit Gehörlosen. Der Router „Brck“ schafft stabile Internetverbindungen in technologisch unterversorgten Regionen und Institutionen. Die Firma „Open SI“ erarbeitet mit großem Erfolg vielfältige digitale Lösungen für Unternehmen. Das Start-up „Irawo“ bietet jungen Talenten eine Plattform, sich zu präsentieren. Gemeinsam ist diesen Projekten: Sie alle kommen aus Afrika. Mobile Kommunikation bringt Entwicklungsschub Ein digitaler Schub belebt den Kontinent. Angestoßen wurden er durch die mobile Kommunikation, die hier laut Daten der International Telecommunication Union (ITU) zwischen 2007 und 2016 dreimal so stark gewachsen ist wie im Rest der Welt. Ein Wachstumstreiber ist das mobile Zahlungssystem M-Pesa (siehe Seite 8). „Die Verbreitung der mobilen Kommunikation hat die Evolution der Telemedizin ermöglicht“, erklärt Johanna Rieß, Project Manager der DW (Deutsche Welle) Akademie: „Laut einer Studie der WHO wurden seit Beginn der Corona-Pandemie mehr als 120 Innovationen im Bereich der Gesundheitstechnologien entwickelt, von denen viele auf Apps basieren, zusätzlich zu verschiedenen Onlineplattformen, die Zugang zu medizinischen Tests und Konsultationen ermöglichen.“ Auch die Zahl der Innovationshubs wachse exponentiell: „Das Forschungsunternehmen Briter Bridges hat in Afrika mehr als 640 Hubs gezählt, insbesondere in Nigeria, Ägypten, Südafrika, Uganda und Kenia. Digitale Innovationen erleichtern auch den Zugang zu Bildung. In Kenia hat die Lernplattform Eneza bereits 2016 den Meilenstein von einer Million Nutzern überschritten. Laut der Forschungsgruppe Imarc wird der E-Learning-Markt auf dem afrikanischen Kontinent im Jahr 2022 einen Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar haben.“ Was Europa lernen könnte: ökologische Nutzung So sehr bestimmte Regionen im Wortsinn mobil machen, so unzureichend ist die Versorgung mit Internet, schnellen Verbindungen und digitalen Schnittstellen in vielen, insbesondere ländlichen Teilen des Kontinents. Auf solche Defizite wissen die Afrikaner*innen indes mit Geschick und Witz zu reagieren, wie die Pädagogin, Digitalisierungs- und Afrika-Expertin ­Martina Kainz bei einem Arbeitseinsatz in Benin feststellen konnte: „In manchen Dörfern, wo der Mobilfunkempfang nur an wenigen Stellen, etwa auf einem Hügel, funktioniert, fand sich meist rasch jemand, der an dieser Stelle eine kleine Hütte errichtete und für ein geringes Entgelt den

TEXT: BRUNO JASCHKE

„Viele Afrikaner *innen legen Kreativität an den Tag, um von der Digitalisierung zu profitieren“ MARTINA KAINZ, MK-MEDIENKOMPETENZ

Johanna Rieß, Deutsche Welle Akademie

Werner Raza, ­Österreichische Forschungsstiftung für ­Internationale Entwicklung

Platz an Menschen, die dort telefonieren wollten, quasi ,vermietete‘. Das bewegt sich rechtlich zwar in einer Grauzone, zeigt aber: Viele Afrikaner*innen legen Kreativität an den Tag, um von der Digitalisierung zu profitie en.“ Oft werden, erzählt Kainz, mehrere SIMKarten von verschiedenen Anbietern eingesetzt, je nachdem, wo deren Netz besser funktioniert. Zum Teil werden digitale Geräte geteilt und gemeinsam verwendet; ausrangierte Handys werden repariert und wiederverwendet. „Was wir wirklich von Afrika lernen könnten, ist die ökologische Komponente der Nutzung. Ich denke, die Revitalisierung und Reparatur von gebrauchten Mobiltelefonen und digitalen Endgeräten wie Laptops oder PCs müssten bei uns stärker forciert und finanziell gefördert werden“. Das verbreitete Afrikabild der europäischen Medien ist krank Da die junge afrikanische Bevölkerung, ihr Durchschnittsalter wird auf 18 Jahre geschätzt, neue Technologien begeistert annimmt, wartet ein gewaltiges Potenzial auf Investoren. Den Einstieg in diesen Zukunftsmarkt hat Europa allerdings völlig verschlafen. Primärer Grund dafür ist das negative Afrikabild, das Europäer*innen Investitionen in Afrika als nicht lohnenswert erscheinen lässt. „Es ist eines der Hauptprobleme, dass Afrika hierorts in den Medien überwiegend als „Kontinent der drei K“ – Krisen, Krankheiten, Katastrophen –, wie der Afrikanist Martin Sturmer es nennt, dargestellt und wahrgenommen wird. Viele Europäer*innen assoziieren mit Afrika Bilder von hungernden Kindern, von Kriegen oder Seuchen wie Ebola und natürlich von Flüchtlingsströmen, die nach Europa drängen. Diese problemfokussierte Perspektive auf Afrika ist jedoch eine sehr eingeschränkte. Uns fehlen nämlich die anderen Bilder, die es trotz aller Schwierigkeiten auch gibt: erfolgreiche Unternehmen, gut ausgebildete Fachkräfte oder Technologiezentren wie „Silicon ­Savannah“ in Kenia“, sagt Kainz. „Das Bild eines rückständigen Afrikas ist sehr alt. Es hat viele Facetten, die allesamt ideologischer und oft strategischer Natur waren und sind. Sie erweisen sich als analytisch gänzlich unbrauchbar“, ergänzt Carl-Philipp Bodenstein, wissenschaftl cher Mitarbeiter am Institut für Afrikawissenschaften. „Kurz gesagt, nicht eine wie auch immer definierte Rückständigkeit ist das Problem, sondern fehlende finanziell Mittel und Infrastrukturen.“ Anstelle Europas hat China die Gelegenheit ergriffen, um in Afrika nicht nur Verkehrswege, sondern eben auch die digitale Infrastruktur massiv auszubauen (siehe Seite 16). „Zwei Vorzeige-Unterwasserkabelprojekte unterstreichen Chinas stetige Bemühungen, den afrikanischen Kontinent mit neuen Datenkabeln zu versorgen“, erklärt Rieß.

„Das Pakistan & East Africa Connecting Europe (PEACE)-Kabel ist ein solches Projekt, das von Huawei Marine Networks entwickelt wurde. Das zweite Projekt ist 2Africa, das als eines der größten Unterwasserkabelprojekte der Welt bezeichnet wird. Afrikanische Länder kooperieren mit China aber nicht nur beim Bau von Unterseekabeln, sondern auch bei der Einführung von 5G, vor allem in Kenia und Südafrika.“ Die Chance der EU in der digitalen Entwicklung Afrikas Mit dem massiven Einflu s Chinas keimen Befürchtungen auf, dass auch dessen Überwachungsmodelle in Afrika Schule machen könnten. Etwa die von Huawei entwickelten, vorgeblich der Kriminalitätsbekämpfung dienenden Kameraüberwachungssysteme in Kenia, Botswana, Südafrika, Uganda, Sambia und Mauritius, die der ugandische Präsident Yoweri Museveni im jüngsten Wahlkampf nachweislich zur Bespitzelung der Opposition einsetzen ließ. Gerade im Hinblick auf humanitäre Aspekte um die Digitalisierung sollte die EU in Afrika aktiver werden, meint Bodenstein: „Das African Internet Governance Forum (eine Plattform unterschiedlicher Stakeholder mit dem Ziel, das Internet sicher und fair zugänglich zu machen, Anm.) hat einige Punkte als Prioritäten gesetzt, die sehr vernünftig scheinen. Diese umfassen kostengünstiges Internet, die Verringerung des ,gender digital divide‘, die Stärkung und Förderung von lokalem Content, Cybersecurity, Breitbandausbau und Internetrechte. Hierbei könnte sich die EU einbringen, da sie in diesen Bereichen, wie etwa Transparenz und Datenschutz, selbst gerade Standards setzt, die von China und den USA nicht vorangetrieben werden.“ Auch Werner Raza, Leiter Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung ÖFSE, sieht als Agenda der EU in Afrika, Probleme bei und mit der Digitalisierung abzufedern. „Mit der Unterstützung beim Ausbau digitaler Infrastruktur muss die EU gleichzeitig auch die Schattenseiten im Auge behalten“, fordert er. „Insbesondere die sozialen und ökologischen Effekte des Abbaus von für die Digitalisierung wesentlichen Rohstoffen “ Die wirtschaftlichen Effekte von Technologien seien immer ambivalent, gibt Raza zu bedenken. „Ob die positiven Effekte überwiegen, hängt von der gesellschaftlichen und politischen Ausgestaltung der Digitalisierung in Afrika ab. Aus unserer Sicht gilt es dabei vor allem, die technologischen und produktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Entwicklung und Herstellung von digitalen Produkten und Dienstleistungen zu verbessern und den Unternehmenssektor zu stärken. Afrika muss vom überwiegenden Konsument*innen von digitalen Produkten und Dienstleistungen zu einer Produzentin werden.“

FOTOS: ROSEMARIE WINKLER, DEUTSCHE WELLE, ÖFSE

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FOTO: CHEIKH NIASS

TITE LTH E M A   :   H EU R E KA  2/21   FALTER 17/21  15

Migration – Cheikh Niass Geboren im Senegal, lebt und arbeitet Cheikh Niass heute im niederösterreichischen Tulln. Seine bevorzugte Ausdrucksweise ist die Installation. Kombiniert mit Malerei schafft er farbenintensive Zyklen. „Migration“ ist eine Auseinandersetzung mit der Überlebenskunst und der Kooperationsbereitschaft zwischen Menschen sowie Teil einer Serie von Vogelinstallationen. Die bunten Vögel symbolisieren Träume und Freiheit. www.flickr.com/cheikhniass


16  FALTER 17/21   H EUR EKA 2/21  :   T I T ELT H E M A

Der Tanz um Afrika Russland und China engagieren sich am afrikanischen Kontinent massiv. Die EU will auch as ursprünglich für 2020 vorgesehene EU-Afrika-Gipfeltreffen ist eines von zahlreichen diplomatischen Großveranstaltungen globaler Akteure mit Afrika-Fokus. Andere Beispiele für hochrangige Zusammenkünfte von Staats- und Regierungschefs mit ihren afrikanischen Amtskolleg*innen sind der UK-Afrika Investment-Summit Anfang 2020, das China-Afrika-Gipfeltreffen zur Covid-19-Pandemie im Juni 2020 und das erste China-Afrika-Forum zu Verteidigung und Sicherheit 2018 in Peking. Das erste China-Afrika-Forum machte unter anderem damit Schlagzeilen, dass mehr afrikanische Staats- und Regierungschefs an dem Gipfeltreffen in Peking teilgenommen hatten als an der zeitgleich stattgefundenen UNO-Vollversammlung in New York. Tatsächlich beteiligen sich alle afrikanischen Staaten mit der Ausnahme von Eswatini (vormals Swasiland), das diplomatische Beziehungen mit Taiwan unterhält, am chinesisch-afrikanischen Kooperationsforum FOCAC. Aber nicht nur China bemüht sich um Beziehungen zu Afrika: Der russische Präsident Vladimir Putin empfing im Oktober 2019 vierzig afrikanische Staats- und Regierungschefs bei einem Russland-Afrika-Gipfel in Sotschi; für 2022 ist ein weiterer Gipfel mit einem angeschlossenen Wirtschaft forum zwischen Russland und afrikanischen Staaten geplant. Ein für 2020 geplanter Türkei-Afrika-Gipfel wurde ebenso wie der bereits erwähnte EU-Afrika-­Gipfel aufgrund der Covid-Pandemie verschoben. Ein neuer „Wettlauf um Afrika“ als falsches mediales Narrativ Aufgrund des erhöhten internationalen Interesses an Afrika ist – hauptsächlich befeuert durch Medien – das Narrativ eines „Neuen Wettlaufs um Afrika“ (engl. new scramble for Africa) entstanden: Seit etwa 2018 wird medial ein Sprachbild kolportiert, das direkt an den „Wettlauf “ der europäischen Kolonialmächte um politischen und wirtschaftlichen Einflu s in Afrika in der Hochphase des Imperialismus anschließt. Dieser Diskurs impliziert, dass der „Neue Wettlauf “, wenn auch mit neuen Mitspielern, vor allem von finanz tarken Industrienationen ausgeht und gesteuert wird. Laut Folashadé Soule-Kohndou, Senior Research Associate des Global Economic Governance Programme an der Universität Oxford, ist dieses Narrativ allerdings wenig zutreffend: Die Wissenschafterin argumentiert in einem Artikel aus dem Jahr 2020 für das Journal African Affairs, dass der Diskurs um den „Neuen Wettlauf “ einen wesentlichen Aspekt in der Beziehung zwischen afrikanischen Staaten und globalen Akteuren im 21. Jahrhundert übersieht: Im krassen Unterschied zur Kongo-Konferenz (1884–1885) sitzen afrikanische Staats- und Regierungschefs ­heute mit am Verhandlungstisch und treffen aktiv Entscheidungen.

TEXT: SOPHIE JAEGER

„China hat begonnen, in unterschiedlichen afrikanischen Ländern Parteien zu unterstützen“ ANNE FELMET

Folashadé Soule-Kohndou, Universität Oxford

Anne Felmet, Friedrich-EbertStifung

Laut Soule-Kohndou lässt sich die Entscheidungsmacht der afrikanischen Staatsoberhäupter schon an den Teilnahme­ statistiken der einzelnen Gipfel erkennen. So nahmen am bereits erwähnten UK-Afrika-Investment-Gipfel lediglich 21 Staatsoberhäupter teil, das ist weniger als die Hälfte der Teilnehmeranzahl am letzten China-Afrika-Forum. Der für Oktober 2020 geplante EUAfrika­-Gipfel wurde zunächst aufgrund der internationalen Gesundheitskrise verschoben, im Dezember 2020 sollte ein virtuelles Treffen stattfinden. Dieses wurde von der afrikanischen Seite kurzfristig abgesagt. Am Tag zuvor erklärte der südafrikanische Präsident und aktueller Vorsitzender der Afrikanischen Union (AU), ­Cyril ­Ramaphosa, dass der EU-Afrika-Gipfel aufgrund „geringer Beteiligung auf der Ebene der Staatschefs“ bis auf Weiteres verschoben würde. Ein Ersatztermin für das Treffen konnte bisher noch nicht gefunden werden. Dies ist insofern verblüffend, als dass für die zweite Hälfte dieses Jahres bereits das nächste China-Afrika-Forum geplant ist, das im Senegal stattfinden soll. Verliert Europa politischen Einfluss in Afrika? Bedeutet dies, dass die EU in Afrika kontinuierlich an Einflu s verliert? Hat sich Afrika anderen Partnern wie China zugewandt? Zunächst darf nicht vergessen werden, dass die EU trotz sinkender Importe aus Afrika in den vergangenen Jahren nach wie vor Afrikas wichtigster Handelspartner ist. 2018 belief sich der Warenhandel zwischen den 27 EU-Mitgliedstaaten und Staaten in Afrika auf einen Gesamtwert von 235 Milliarden Euro. Damit macht der Handel mit der EU 32 Prozent des gesamten afrikanischen Handels aus. Zum Vergleich: Der Handel Afrikas mit China belief sich im selben Jahr auf 125 Milliarden Euro (17 Prozent des afrikanischen Handels), der Handel mit den USA auf 46 Milliarden Euro (sechs Prozent). Allerdings sind die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Afrika nach wie vor extrem asymmetrisch. Auf die EU entfallen 31 Prozent der gesamten afrikanischen Exporte sowie 29 Prozent der Importe. Für die EU ist der afrikanische Markt jedoch wenig bedeutsam. 2019 machten die afrikanischen Importe aus der EU unter einem Prozent der gesamten Importe aus. Eine ähnliche Asymmetrie ergibt sich mit Afrikas zweitgrößtem Handelspartner, China. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die Zusammenarbeit auf dem afrikanischen Kontinent tatsächlich gestaltet. Wie interagieren die Ziele globaler Akteure wie der EU, Russlands und Chinas mit den Interessen afrikanischer Staaten? Afrika verfügt nicht nur über ­begehrte Bodenschätze und billige Arbeitskräfte, sondern bietet nicht zuletzt aufgrund des rapiden

Bevölkerungswachstums potenziell auch einen zukünftigen Absatzmarkt. Viele Staaten erkennen in Afrika daher vor allem wirtschaftlich s Potenzial. Langwierige Konflikte wie in Libyen oder im Sudan bieten internationalen Akteuren außerdem die Gelegenheit, durch Waffenlieferu gen oder direkte Interventionen geopolitischen Einflu s zu gewinnen. Russland macht sich mehr und mehr in Afrika stark Zu diesen Akteuren zählt auch Russland, das seit einigen Jahren daran arbeitet, seine Präsenz in Afrika zu vergrößern. Als Teil der Sowjetunion verfügte es während des Kalten Krieges über wesentlichen Einflu s auf dem afrikanischen Kontinent. Die Sowjetunion unterstützte nationale Befreiungsbewegungen in Angola und Mosambik und war in den Ogadenkrieg zwischen Äthiopien und Somalia (1977–1978) involviert. Für das post-sowjetische Russland war es durch die schwere wirtschaftliche Rezession im Zusammenhang mit der Umstellung zur Marktwirtschaft in den 1990er Jahren allerdings unmöglich, die Beziehungen in Afrika aufrechtzuerhalten, erklärt der Geopolitik-Experte Samuel Ramani, der derzeit an einer Monografie zur russischen AfrikaStrategie seit 1985 arbeitet. Im Gespräch erklärt Ramani, dass Russland in Afrika vor allem drei Ziele verfolgt: „Die Hauptmotivatoren für das russische Verhalten in Afrika sind wirtschaftliche , politischer und geopolitischer Natur.“ Die wirtschaftliche Motivation hat, laut Ramani, wiederum drei Dimensionen: Einerseits ist Russland nach den USA der zweitgrößte Waffenlieferant der Welt, wobei SubSahara­-Afrika sowie Algerien und Ägypten wichtige Abnehmer russischer Waffe sind. Auch hat Russland Interesse an Afrikas Edelmetallvorkommen und an der Extraktion von Bodenschätzen durch staatsnahe Unternehmen. Drittens sind russische Firmen auch in andere Investitionsprojekte involviert wie in der zivilen Atomenergie oder im Bereich der Öl- und Gasförderung. Die politische Motivation für Russlands Engagement erklärt Ramani folgendermaßen: „Russland ist sich ganz offensichtlic dessen bewusst, dass Afrika über ein Viertel der Stimmen in der UN-Generalversammlung verfügt und ist daher bestrebt, die Unterstützung afrikanischer Staaten für sein Verhalten auf der Weltbühne zu gewinnen. Wenn wir uns das Abstimmungsverhalten afrikanischer Staaten zur Ukraine-Krise ansehen, stellen wir fest, dass sich sechzig Prozent der afrikanischen Länder entweder enthalten oder für Russland stimmen, wenn es um die Krim und den Donbass geht. Dieses Verhalten lässt es so aussehen, als ob es sich bei U ­ N-Resolutionen gegen Russland eher um eine westliche Verurteilung Fortsetzung nächste Seite

FOTOS: PRIVAT, FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG

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BILD: BARKINADO BOCOUM

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Barkinado Bocoum Geboren in Kaolack im Senegal, lebt und arbeitet Barkinado Bocoum in Dakar. Seine meist großformatigen, fi urativen Gemälde bestehen aus kleinen ­Flecken, die mehrere Perspektiven schaffen. Entstanden aus der Not, sich keine großen Leinwände leisten zu können und mit A4-Papier zu arbeiten, wurde daraus sein unverwechselbarer Stil. Die Teile illustrieren die Idee, dass „Wahrheit“ aus vielen Perspektiven besteht. www.facebook.com/barkinado.bocoum


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China engagiert sich in Afrika vor allem wirtschaftlich Im Gegensatz zu Russlands vergleichsweise offenem Fokus auf geopolitischen Einflu s in Afrika wird Chinas Engagement trotz der Eröffnung eines Marinestützpunkts in Djibouti im Jahr 2015 vor allem als wirtschaftlich motiviert betrachtet. Die chinesischen Investitionen in die afrikanische Wirtschaft finden in der Literatur durchaus auch positive Bewertung. In dem Buch China’s Power in Africa (Palgrave Macmillan, 2020) argumentieren ­Olayiwola Abegunrin und Charity ­Manyeruke, dass China für Afrikas laufenden Industrialisierungsprozess der ideale Partner sei: „Viele afrikanische Länder befinden sich derzeit in einer Phase, die China erst kürzlich erlebt hat, daher gibt es reichlich Erfahrungen, die geteilt werden können. So arbeiten die meisten afrikanischen Länder derzeit unermüdlich an Industrialisierung und Modernisierung, während China nun eine strukturelle Wirtschaft anpassung für die Transformation und Aufwertung seiner Industrialisierung durchläuft “ Den Autor*innen zufolge ergibt sich daraus eine Komplementarität zwischen China und den afrikanischen Volkswirtschaften. Sowohl China als auch seine afrikanischen Partner könnten von dieser Komplementarität profitie en, vorausgesetzt, die bestehenden Handelsbeziehungen würden in Richtung industrieller Zusammenarbeit und Technologietransfer aufgewertet. Tatsächlich haben chinesische Unternehmen in den vergangenen Jahren vor allem in Infrastrukturprojekte wie Eisenbahnstrecken, Öl- und Gaspipelines sowie Häfen investiert. Zu bereits fertiggestellten Projekten zählen die Madaraka-Express-Eisenbahn zwischen Nairobi und Mombasa; die Mtwara-Daressalam-Gaspipeline, die Erdgas in Tansanias größte Stadt Daressalam bringt; und der Mehrzweckhafen Doraleh bei Djibouti, der über mehrere Terminals für den Umschlag von Öl, Schüttgut und Containern verfügt. Chinas Blaupause von ehemaligen Kolonialherren Der Abbau natürlicher Ressourcen spielt auch im chinesischen Fall eine große Rolle, erklärt Gerald Hainzl vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktfor chung (IFK) der Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheers. „Wenn man sich alte Karten aus der Kolonialzeit ansieht, erkennt man, dass die Eisenbahnstrecken auf dem afrikanischen Kontinent – damals von den Kolonialmächten geplant, heute von China finanziert – vor allem ein Ziel haben, nämlich natürliche Ressourcen aus dem Landesinneren in Richtung großer Häfen zu transportieren.“ Als Beispiel für ein afrikanisches Land, in das China massiv investiert, nennt Hainzl

Fortsetzung von Seite 16

„In der UkraineKrise enthalten sich bei UN Abstimmungen sechzig Prozent der afrikanischen Länder oder stimmen für Russland“ SAMUEL ­R AMANI, UNIVERSITÄT OXFORD

Gerald Hainzl, Institut für Friedenssicherung und Konfliktforschung

Angola, das zu den erdölreichsten Ländern Afrikas zählt und über Diamantvorkommen verfügt. Das chinesische Investment orientiert sich stark an der Blaupause der ehemaligen portugiesischen Kolonialherren. Im Jahr 2006 ermöglichte ein 300-Millionen-Dollar-Kredit des China International Fund den Wiederaufbau der BenguelaEisenbahnstrecke, die den Osten Angolas mit dem Hafen Lobito verbindet. Die Eisenbahnstrecke wurde 1905 von Portugal eröffnet und diente primär dazu, Rohstoff nach Europa zu transportieren. Nach dem Ende der Kolonialherrschaft und dem Beginn des angolanischen Bürgerkriegs 1975 wurde der Verkehr größtenteils eingestellt und die Strecke schwer beschädigt. Seit ihrem Wiederaufbau im Jahr 2014 kann die Benguelabahn laut dem chinesischen Nachrichtenportal Xinhua nun wieder jährlich bis zu zwanzig Millionen Tonnen Fracht aus dem Landesinneren an den Atlantik transportieren. Darüber hinaus ist China auch im Rahmen der „One Belt One Road“-Initiative (OBOR) an der Kooperation mit afrikanischen Staaten interessiert. Der Seeweg der „Neuen Seidenstraße“ erstreckt sich von Chinas südlichen Häfen über die Straße von Malakka in Südostasien, vorbei an Sri Lanka bis nach Ostafrika und erreicht über den Suezkanal schließlich das Mittelmeer und damit Europa. Allerdings interessiert sich China im Rahmen der OBORInitiative nicht ausschließlich für die strategisch wichtigen ostafrikanischen Länder. Die vierzig Länder Sub-Sahara-Afrikas, die mit China eine Absichtserklärung unterzeichnet haben, sind über den gesamten Subkontinent verteilt. Angola hat bereits 2018 eine solche Erklärung unterzeichnet. Viele fi anzschwache und von gewaltsamen Krisen gebeutelte afrikanische Länder erhoffen sich wirtschaftlichen Aufschwung durch die chinesischen Investitionen. Auch eine Studie der UN-­Wirtschaftskommi sion aus dem Jahr 2018 verweist auf das Potenzial der chinesischen Initiative für die afrikanische Seite. Laut den Studienautoren Rodgers Mukwaya und Andrew Mold könnten Ostafrikas Exporte jährlich um bis zu 192 Millionen Dollar steigen, wenn die neuen OBOR-Projekte gewinnbringend genutzt würden. Trotzdem erinnert Gerald Hainzl vom IFK vor allem an die Gefahr der Überschuldung und der Übernahme von Infrastruktur durch staatsnahe chinesische Firmen über Lease-Abkommen, wie es in Sri Lanka im Fall des Tiefseehafens Hambantota geschehen ist. China hat begonnen, politischen Einfluss in Afrika zu suchen Das stark verschuldete Angola hat seit dem Beginn der Corona-Pandemie und aufgrund der gesunkenen Ölpreise massive Probleme, seine Kredite zu bedienen. Der bei Weitem größte Kreditgeber des Landes ist China. Expert*innen gehen davon aus, dass Angola im Zuge einer Umschuldung eine höhere Kapitalbeteiligung an sechs Ölfeldern anbieten wird, auf denen angolanische und chinesische Ölfirmen unter dem Banner von Sonangol Sinopec International (SSI) zusammenarbeiten. Neben dem wachsenden Einflu s durch wirtschaftliche A­bhängigkeiten und Verschuldung sucht China in Afrika aber

v­ermehrt auch direkten politischen Einflu s, erklärt die Politikwissenschafteri Anne Felmet von der deutschen FriedrichEbert-Stiftung. „China hat in den vergangenen Jahren begonnen, in unterschiedlichen afrikanischen Ländern Parteien zu unterstützen. Im Rahmen solcher Programme werden afrikanische Parteikader auch für Ausbildungen nach China eingeladen“, so Felmet. Derzeit baue China eine Parteischule in Tansania auf. Solche Entwicklungen sieht die Afrikareferentin als Auswirkung eines Systemwettbewerbs auf dem afrikanischen Kontinent. Diesem Wettbewerb ist sich auch die Europäische Union in der jüngeren Vergangenheit stärker bewusst geworden: „Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ihre Kommission ganz explizit als ‚geopolitische Kommission‘ bezeichnet, weil die Europäische Union mittlerweile verstanden hat, dass man Präsenz zeigen und für seine Werte und sein System eintreten muss – und zwar sowohl EU-intern als auch auf dem afrikanischen Kontinent. Besonders deshalb aber, weil andere Akteure wie China und Russland, aber auch zum Beispiel Saudi-Arabien, immer aktiver mitspielen.“ EU-Afrikastrategie: Fokus auf der Vermittlung demokratischer Werte In dieser neuen Bestimmtheit im Kampf für demokratische Werte sieht Anne Felmet die derzeitige Priorität der gemeinsamen EUAfrikapolitik. Darüber hinaus spielen auch Migrationsfragen sowie wirtschaftliche Interessen eine große Rolle, nicht zuletzt aufgrund der geografi chen Nähe der beiden Kontinente. In der Anfang 2020 erschienenen EU-Afrika-Strategie liege der Fokus allerdings klar auf der Vermittlung demokratischer Werte im Rahmen einer gleichberechtigten Zusammenarbeit, so Felmet im Gespräch. „Dazu muss man sagen, dass viele der durchaus guten Ideen in dieser Strategie konträr zur Migrationspolitik der EU laufen, die ja sehr auf Abschottung ausgelegt ist, und ebenso zur Handelspolitik der EU, die zum Teil auf Dependenzen basiert.“ Die ursprünglich als kollaboratives Projekt angelegte EU-Afrika-Strategie ist, ähnlich wie der für das Jahr 2020 geplante EUAU-­Gipfel, durch die Corona-Pandemie in den Hintergrund gerückt. Nach der ersten Veröffentlichung der Strategie hätten mehrere Konsultationsverfahren stattfinden sollen, und zwar sowohl auf europäischer Ebene als auch in Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern. Bei dem geplanten EUAU-Gipfel sollte das Vorhaben schließlich verabschiedet werden. Durch die Herausforderungen der Pandemie sei der Dialog dazu allerdings versandet, bedauert Felmet. Die Absage des digitalen Treffens zwischen der AU und der EU Anfang Dezember 2020 durch die afrikanische Seite sieht Felmet weniger als Affront, sondern viel mehr als Zeichen dessen, dass die Verhandlungen zwischen den Partnern im Vorfeld nicht ausreichend fortgeschritten waren. „Jetzt ist es wichtig, sicherzustellen, dass rasch ein neuer Termin gefunden wird. Würde der Gipfel, wie ich vor Kurzem gehört habe, erst Anfang nächsten Jahres stattfinden, bestünde die Gefahr, dass das Moment zur Erneuerung der Beziehung zwischen den beiden Kontinenten verloren geht“, warnt Felmet.

FOTOS: PRIVAT, BMLV/HBF/CARINA KARLOVITS

des russischen Verhaltens handelt als um eine breitere internationale Verurteilung.“ Der dritte Grund für das russische Interesse an Afrika liegt in geopolitischen Überlegungen: „Auf dieser Ebene geht es wirklich darum, den Großmachtstatus und die Legitimität als Großmacht zurückzuerobern“, sagt Ramani. Er erklärt, dass Afrika einen wichtigen Pol in Russlands Vision einer multipolaren Weltordnung darstellt.


BILD: BARKINADO BOCOUM

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Barkinado Bocoum Als Künstler bezieht sich seine Arbeitsweise der vielen Teile auf seine Vorstellung von der Welt als etwas, das sich Schritt für Schritt entwickelt. Barkinado Bocoum nimmt sich die Zeit, die unterschiedlichen Teile und Perspektiven zu betrachten, um das große Ganze zu sehen und zu verstehen. Mit seiner künstlerischen Arbeit will er der senegalesischen und afrikanischen bildenden Kunst neues Leben einhauchen. www.facebook.com/barkinado.bocoum


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:  VO N A B I S Z

Afrika, Zukunft Europas? – Das Glossar JOCHEN STADLER

Afrika  Kontinent, auf dem der Homo ­sapiens erstmals auftrat und von dem aus er die gesamte Welt eroberte. Apartheid  Staatlich verordneter Rassismus Mitte des 20. Jahrhunderts in Südafrika und Südwestafrika, durch den die indigene Bevölkerung zugunsten der europäischen Zuwanderer per menschenrechtswidriger Gesetze massiv benachteiligt und teils vom öffentl chen Leben ausgeschlossen wurde. Endete 1994, als Nelson Mandela Präsident von Südafrika wurde. Asylbewerber  Menschen, die in ihrer Heimat aufgrund ihrer Religion, Gruppenzugehörigkeit oder politischen Einstellung verfolgt werden. Flüchten meist mit nicht viel mehr als ihrer Kleidung am Körper und einem Mobiltelefon, um in Industriestaaten um Schutz anzusuchen. Dort neiden ihnen viele Menschen teils sogar jenes Handy (hoffentlic nicht auch noch die Fetzen am Leib). Diamanten  Minerale Form von Kohlenstoff, die in vielen afrikanischen Ländern wie Botswana, der Demokratischen Republik DR Kongo, Angola, Südafrika, Simbabwe, Namibia, ­Sierra Leone, Lesotho, Tansania, Ghana, Guinea Guyana, Liberia, Kongo R., Elfenbeinküste, Kamerun, Togo und der Zentralafrikanischen Republik zu finden ist. Reich sind diese Länder trotzdem nicht. Erdöl  Gelb-schwarze Flüssigkeit, die auch in vielen Ländern Afrikas unter der Erdkruste vorkommt. Sie ist als Brennstoff für verschiedenste Motoren und Turbinen noch immer sehr begehrt, obwohl schon lange bekannt ist, dass ihre Verwendung den Klimawandel verursacht hat. Erdöl wurde und wird von verschiedenen Großkonzernen auch in Afrika gefördert. Um den Ölflu s sicherstellen zu können, wurden Landschaften Afrikas teils großflächig zerstört, Regierungen korrumpiert und Menschen wie der Menschenrechtler Ken SaroWiwa ermordet. Feldfrüchte  Von hoher Sonneneinstrahlung begünstigt, sind viele afrikanische Regionen ein guter Boden für Acker- und Gemüsebau. Hier wächst eine hohe Varietät an hiesigen Feldfrüchten. Großtiere  Sind in Afrika vertreten wie sonst nur in Zoos, wohin sie zur Belustigung der europäischen, amerikanischen und asiatischen Bevölkerung verschleppt wurden. Homo sapiens  Eigenbezeichnung des anatomisch modernen Menschen, der sich als „weiser Mensch“ brüstet, ­obwohl er seit zumindest Tausenden von Jahren beweist, dass er ein zumeist einfältiger, auf kurzfristige Vorteile ausgerichteter und von niedrigen Instinkten getriebener Geselle ist. Ken Saro-Wiwa  Nigerianischer Schriftsteller und Bürgerrechtler, der wegen seines Kampfes gegen die

Zerstörung der Umwelt und des Lebensraums seines Volkes durch einen Erdöl-Konzern im Jahr 1995 bei einem Schauprozess gehängt wurde. Kobalt  Bodenschatz, der für die Akkus von Mobiltelefonen und Elektroautos wichtig ist und in einigen Ländern Afrikas wie der Demokratischen Republik Kongo teils unter sehr fragwürdigen, auf jeden Fall menschenunwürdigen Bedingungen gefördert wird. Kolonialismus  Durch Gewalt bewerkstelligte Inbesitznahme auswärtiger Territorien durch Unterwerfung, Vertreibung und Ermordung der ansässigen Bevölkerung. Kontinent  Riesige Festlandmasse, die einst von einem noch größeren Superkontinent abgebrochen ist und auf dem oberen Erdmantel umherwandert. Migration  Auf dem afrikanischen Kontinent durch den Klimawandel, Armut und Konflikte ausgelöste Wanderungen von Menschen in Gebiete, in denen sie sich ein besseres Leben erhoffen Musik  ob Blues, Soul, Jazz, Beat, Rock ’n‘ Roll, Pop, Hardrock, Heavy Metal oder Hip-Hop: Sämtliche populäre Musikrichtungen der heutigen Zeit haben ihre Wurzeln in der traditionellen Musik Afrikas. Rassismus  Ideologie, die auf der Idee beruht, dass Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale, und zwar vor allem der Hautfarbe, kategorisiert werden können. In der Regel erachten Rassistinnen und Rassisten ihr recht bleiches Erscheinungsbild als Kennzeichen ihrer geistigen Überlegenheit. Diese Ansicht ist in etwa so plausibel wie die Behauptung, weiße Autos würden schneller fahren als schwarze. Reißbrettgrenzen  Zu Zeiten des Kolonialismus im 16. Jahrhundert teilten Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen, Niederländer und Deutsche Afrika in Territorien auf, die sie teils mittels Lineal auf den Landkarten einzeichneten. Dadurch wurden die Siedlungsgebiete willkürlich zerschnitten und auf verschiedene Länder aufgeteilt. Dies ist Ursache vieler Konflikte und Kriege auf dem Kontinent. Sklavenhandel  400 Jahre lang wurden elf bis zwölf Millionen Afrikaner gewaltsam aus dem Landesinneren verschleppt, an die Westküste in eigens errichtete Forts gebracht und von dort mit Schiffen in die USA, nach Mittelamerika und Brasilien verschleppt, wo sie der „weißen Herrenrasse“ dienen mussten. Sonnenenergie  Eine saubere, nachhaltige Energieform, die auf dem afrikanischen Kontinent en masse gewonnen werden könnte. Wirtschaftsflüchtling  Mensch, der sein Heimatgebiet verlassen muss, weil die wirtschaftliche Situation so schlecht ist, dass er keine Lebensgrundlage mehr hat.

:  F R E I H A N D B I B L I OT H E K BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON

Die Transformation, die der Kontinent Afrika in unserer Zeit durchlebt

Ein Kontinent in einer Phase geradezu wütender Selbstbehauptung

Die Anschauung von Afrika als ein von Konflikten und Korruption geprägter Kontinent, der losgelöst von der restlichen Weltwirtschaft zu betrachten sei, ist veraltet. „The Next Africa“ beleuchtet die Transformation, die der Kontinent durchlebt. Die Autoren stützen sich dabei auf ihre eigenen Erfahrungen in Afrika sowie auf Interviews mit unternehmenden Philanthrop*innen und Innovator*innen, um zu veranschaulichen, wie sich das Verhältnis von Afrika zur restlichen Welt verändern wird. Dabei heben sie aktuelle Trends zu Investitionen hervor.

Als Auslandskorrespondent des Time Magazine reiste Alex Perry fast ein Jahrzehnt durch Afrika und erlebte einen Kontinent, der sich in einer Phase geradezu wütender Selbstbehauptung befindet. Für dieses Buch sprach er mit Unternehmern, Warlords, Entwicklungshelfer*innen, Wissenschafter*innen, Drogenschmugglern und Präsidenten und Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein nuancierter Einblick in einen modernen und sich im Aufbruch befindende Kontinent. Mit vielen Details und sorgfältiger Recherche.

The Next Africa: An Emerging Continent (…). Von Jake Bright und Aubrey Hruby. Thomas Dunne Books. 304 S.

In Afrika:   Reise in die Zukunft Von Alex Perry. S. Fischer Verlag. 544 S.

Ein erster Eindruck vom Reichtum der afrikanischen Literaturszene

Wie werden Europa und Afrika Partner einer wechselseitig bereichernden Gemeinschaft?

Nichts bringt uns den Menschen so nahe wie ihre Erzählkunst: Aus diesem Grund haben Christa Morgenrath und Eva Wernecke, Leiterinnen der Veranstaltungsreihe „stimmen afrikas“, zeitgenössischen Autor*innen aus Afrika Gehör verschafft. Schreibende aus zehn Ländern des Kontinents schildern Visionen, Utopien und Dystopien. Die Themen sind so facettenreich wie die Erzählstimmen und reichen von Migration über Digitalisierung und Gender bis zum Klimawandel. Ein Band, der ansatzweise einen Eindruck vom Reichtum der afrikanischen Literatur vermittelt.

Während Europas Bevölkerung zunehmend überaltert und schrumpft, wächst Afrikas Population rasant. Über eine Milliarde Menschen leben auf dem Kontinent. Flüchtlingsströme waren herausfordernde Phänomene, nun kommt auch noch die Corona-Pandemie hinzu. Die beiden benachbarten Kontinente stehen vor neuen Herausforderungen. Rudolf Decker, deutscher Ex-Politiker, beschreibt anhand soziopolitischer und demografi cher Fakten Szenarien, wie Europa und Afrika eine werteorientierte, wechselseitig bereichernde Gemeinschaft werden kann.

Imagine Africa 2060: Geschichten zur Zukunft (…). Christa Morgenrath/Eva Werneck Peter Hammer Verlag. 192 S.

Europa und Afrika: Und jetzt auch noch Corona. Rudolf Decker. Herder Verlag. 192 S.


BILDER: MARA NIANG

TITE LTH E M A   :   H EU R E KA  2/21   FALTER 17/21  21

„Politique de l’Autriche, Politique de l’Autruche“ und „No Mohr“ – Mara Niang Mara Niang, im Senegal geboren, lebt und arbeitet in Wien. In „Autruche-Autriche“ prangert er die Vogel-Strauß-Politik an, mit der hier Ausländer*innen behandelt werden (Autruche = franz. Vogel Strauß; Autriche = franz. Österreich). „No Mohr“ kritisiert rassistische Stereotypisierung in Österreich. Aktuell betreibt er als „Art im Dienst“ eine Kunst-Ordination und steht Künstler*innen in Covid-Zeiten zur Seite. www.facebook.com/artimdienst


22  FALTER 17/21   H EUR EKA 2/21  :   M ED I ENW ISSE N SC H A F TE N

Vergessene Welten, blinde Flecken Medien vernachlässigen die Länder des Globalen Südens in der Berichterstattung ie realistisch bilden die Medien die Welt ab? ist eine der Kernfragen der Medienwissenschaften. Nicht selten weisen Medien einen blinden Fleck auf, wenn es sich um den Globalen Süden handelt, auch „Dritte Welt“ oder „Entwicklungs- und Schwellenländer“ genannt. Die Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ hat u.a. über 5.100 Sendungen der ARD-Tagesschau um 20 Uhr aus den Jahren 1996 und 2007–2019 untersucht sowie die TV-Sendungen ARD-Brennpunkt, Anne Will, Hart aber fair, Maischberger, Maybrit Illner, CBS Evening News, den Radiosender Deutschlandfunk und Zeitungsberichte in Leitmedien wie Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, The Washington Post, Time, The Guardian und Le Monde. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Beiträge überproportional intensiv auf den Westen und die Länder des Nahen Ostens bzw. der MENA (Middle East North Africa)-Region konzentrieren, und zwar zu Lasten insbesondere der Staaten des Globalen Südens. Nimmt man die Bevölkerungszahlen der Länder als Grundlage, wird deutlich, dass dessen größter Teil stark unterrepräsentiert ist. Der über hundert Millionen Einwohner zählende afrikanische Staat Äthiopien müsste dementsprechend in etwa 860 Prozent mehr Berichten erwähnt werden, Tansania und Madagaskar sogar in 2.300 bzw. 3.265 Prozent. Einige Staaten wie Sambia, Bhutan oder Lesotho wurden in über zehn Jahren kein einziges Mal erwähnt. Diese unausgewogene Berichterstattung kann dramatische Formen annehmen. Auf die Hungersnot in Ostafrika und der Tschadsee-Region, von der Ende des Jahres 2017 fast 37 Millionen Menschen betroffen waren und auf die der UN-Nothilfe­ koordinator Stephen O’Brien in einem Appell aufmerksam zu machen versuchte, entfielen in der Hauptausgabe der Tagesschau von den rund 3.160 Berichten (ohne Sport), die im selben Jahr ausgestrahlt wurden, elf Beiträge mit einer Gesamtdauer von etwa zwanzig Minuten bei einer Gesamtsendezeit von 5.475 Minuten. Mit der weltweit größten, jemals gemessenen Cholera-Epidemie, die sich im Jemen ausgebreitet hatte, beschäftigte sich die Tagesschau 2017 sogar in sechzehn Sendeminuten. Das „Wo“ bestimmt die Berichterstattung Staaten im Globalen Süden, insbesondere in Afrika, werden in den Nachrichten häufi nur dann berücksichtigt, wenn sie von massiven militärischen oder politischen Veränderungen oder außergewöhnlichen und plötzlich auft etenden Naturkatastrophen betroffen sind. Das unterschiedliche Interesse an geografi chen Regionen zeigt sich am Beispiel größerer Flutkatastrophen besonders deutlich, die sich, teilweise im Zuge von schweren Wirbelstürmen, von Juli bis Oktober 2017 ereignet haben.

TEXT: LADISLAUS LUDESCHER

Es drängt sich die Vermutung auf, dass Berichte von der kulturellen oder geografischen Nähe abhängen

Ladislaus Ludescher, Universität Heidelberg Die Studie auf Youtube: https://youtu.be/ 7r9-vfaBIEI

Jedes Jahr bedrohen tropische Stürme die Karibikregion sowie den Süden der Vereinigten Staaten. Zur atlantischen Hurrikansaison 2017 gehörten die tropischen Wirbelstürme „Harvey“, „Irma“ und „Maria“, die rund 310 Menschenleben forderten und Schäden in Milliardenhöhe hinterließen. Die Tagesschau-Hauptsendung widmete den drei Hurrikans an 19 Tagen insgesamt 37 Minuten und 40 Sekunden Berichtzeit. Etwa im selben Zeitraum starben von Juli bis September infolge schwerer Überschwemmungen in Südasien respektive Bangladesch, Nepal, Indien und Pakistan über 2.100 Personen. Schätzungsweise 45 Millionen Menschen, darunter 16 Millionen Kinder, waren von den heftigen Monsunregen betroffen. Diese Katastrophe wurde in drei Sendungen mit zwei Minuten und dreißig Sekunden Berichtzeit erwähnt. Ähnlich unverhältnismäßig fiel die Berichterstattung über Überschwemmungen und Erdrutsche in Sierra Leone Mitte August aus, bei denen über 300 Menschen starben. Die Tagesschau berichtete in zwei Beiträgen mit einer Gesamtlänge von 55 Sekunden. Die Überschwemmungen im Südosten Nigerias von Ende August bis Anfang September, in deren Folge über hundert Menschen starben und 100.000 Personen flüchten mussten, fanden keine Erwähnung. Unausgewogene Berichterstattung Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich die Berichterstattung nach der vermeintlichen kulturellen oder geografi chen Nähe richtet. In einigen Medien dürften Nachrichten, die einen bestimmten Sensationswert wie Terror oder Krieg besitzen, interessanter sein als solche über Hungersnöte. Eine Erklärung, allerdings nicht die Ursache für die überwiegende Konzentration der Berichte auf den Westen liegt darin, dass das Korrespondentennetz hier dichter ausgeprägt ist als in den Staaten des Globalen Südens. Während in Europa und Nordamerika Reporter meist direkt vor Ort berichten, musste bei einem Grubenunglück in Sierra Leone ein Korrespondent aus dem 5.500 Kilometer entfernten Nairobi in Kenia zugeschaltet werden, da kein anderer, näher am Geschehen verfügbarer Journalist verfügbar war. Mit einem umfangreicheren Korrespondentennetz ist eine höhere Nachrichtendichte vorprogrammiert. Bleibt die Frage, warum manche geografi chen Räume mit Reportern engmaschiger abgedeckt werden als andere. Sicherlich spielt auch der mediale Diskurszirkel eine wichtige Rolle: Ein Medium berichtet zum Beispiel über ein bestimmtes Thema oder Ereignis, weil Konkurrenzmedien darüber berichten, und trägt damit zur Diskursstabilisierung des jeweiligen Themas bei, was dazu führt, dass auch andere Medien auf den Nachrichtenzug aufspringen. Diesen Zirkel mit vergleichsweise unkonventionellen Themen abseits der

üblichen Diskursregionen zu durchbrechen ist schwierig. Da die journalistische Berichterstattung entscheidend zur öffentlichen Meinungsbildung beiträgt, ist die Frage nach dem Fokus des journalistischen Interesses bzw. nach der adäquaten Widergabe soziopolitischer Prozesse von Bedeutung. Medien bilden öffentliche Diskurse nicht nur ab, sondern generieren diese mit. Nachrichten können die Öffentlichkeit auf gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen aufmerksam machen und so auf direktem oder indirektem Weg politische Entscheidungsprozesse beeinflu sen. Umgekehrt kann das Ausbleiben einer Berichterstattung erhebliche Auswirkungen haben. Aufgrund des Einflu ses auf die politische Meinungsbildung fällt dem Journalismus eine wichtige Funktion zu, die nicht zuletzt mit einer gesellschaftlichen Verantwortung verbunden ist. Ein ausgestrahlter oder abgedruckter Bericht kann die Einstellung der Medienkonsumenten zu einem Thema positiv oder negativ beeinflu sen. Ein nicht gesendeter oder veröffentlic ter Beitrag hingegen kann die öffentliche Meinungsbildung verhindern, denn möglicherweise hätte erst ein Bericht das Bewusstsein für die Existenz eines Themas geschaffen. Relevant für die öffentliche Meinungsbildung ist daher nicht nur jeder ausgestrahlte Bericht, sondern auch das Fehlen von Nachrichtenbeiträgen. Medien sollten eigentlich einen Diskurszirkel vermeiden, der festgefahrenen Strukturen der Berichterstattung eine höhere Bedeutung zuschreibt als dem faktisch Bedeutsamen, weil erstere vermeintlich subjektiv-emotional Aufsehen erregen oder mutmaßlich kulturell oder geografi ch näher liegen. Dies schließt insbesondere die, wie die Untersuchung zeigt, höchst asymmetrische Berichterstattung über Katastrophen im Westen und im Globalen Süden ein. Wenn Katastrophen, die sich im Globalen Süden täglich ereignen, für alltäglich genommen werden und daher ihren Status als „berichtenswerte“ Nachrichten verlieren, bedeutet dies ein hohes Gefahrenpotenzial für die Ausgewogenheit der medialen Berichterstattung, die zu einer medialen Blindheit gegenüber den dort lebenden Menschen bzw. ihren Themen führen kann. Weitere Informationen zur Studie Die Studie oder eine Zusammenfassung können kostenlos auf folgender Internetseite heruntergeladen werden: www.ivr-heidelberg.de/studie Darüber hinaus gibt es eine auf der Studie beruhende Poster-Wanderausstellung, deren Ausstellungstafeln auf der genannten Internetseite eingesehen und heruntergeladen werden können, außerdem finde man eine Übersicht der Ausstellungsorte und -zeiten. www.ivr-heidelberg.de

FOTO: CHRISTIAN PICKERT

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Z U G U TE R L E T Z T   :   H EU R E KA  2/21   FALTER 17/21  23

:  G E D I C H T

ERICH KLEIN

A L F R E D G E SSW E I N – M A I K Ä F E R S C H Ä R F E N I H R E M E SS E R

Alfred Gesswein (1911–1983) war ein österreichischer Lyriker, Hörspielautor, Grafiker und ab 1971 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Podium. Im Zentrum seiner Naturlyrik standen fantastische Motive und aktuelle Umweltprobleme.

Gras wächst aus der Achselhöhle der Faune Die Maulwürfe steigen aus der Mansarde Der Fuchs

trocknet das grüne Fell des Jägers Der Angler schmort in der Pfanne der Fische Die Maikäfer schärfen ihre Messer

:  WA S A M E N D E B L E I BT

Der Gärtner schläft im Gartenhaus Post kommt aus Amsterdam und Honolulu Die Rosen öffne die Briefe

AUS: ALFRED GESSWEIN, FLÜGELHORNBLASEN GEGEN DEN WIND. GESAMMELTE GEDICHTE. HERAUSGEGEBEN VON CHRISTIAN TEISSL. LITERATUREDITION NIEDERÖSTERREICH, 2021

LÁSZLÓ LÁSZLÓ RÉVÉSZ (AUSSCHNITT) :  B I G P I C T U R E AU S B U DA P E ST

:  I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Redaktion: Christian Zillner, Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenle ung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenle ung/falter ständig abrufba .

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Hut im Schnee Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878–1956) fast ein Star. Er schrieb drei Romane und publizierte kleine Prosa in den renommiertesten Zeitschriften. Doch 1929 verstummte er als Autor und begab sich in psychiatrische Behandlung. Der Fabrikantensohn Carl Seelig besuchte ihn dort. Aus den Aufzeichnungen, die er im Zeitraum von einundzwanzig Jahren über gemeinsame Spaziergänge mit Walser machte, entstand eines der merkwürdigsten Bücher der deutschsprachigen Literatur: Spaziergänge mit Robert Walser. Walser erinnert sich an sein früheres Schrift tellerleben und spricht über Literatur. Nicht minder bemerkenswert sind die Kommentare zum damaligen aktuellen Zeitgeschehen. Heutige Leser mag deren politische Inkorrektheit schockieren, etwa, wenn es angesichts der Barbarei des Nationalsozialismus heißt: „Schriftsteller ohne Ethik verdienen durchgeprügelt zu werden. Sie haben sich gegen den Beruf versündigt. Die Strafe ist nun, daß der Hitler auf sie losgelassen wurde.“ Handelt es sich bloß um die Tirade eines Geisteskranken, oder provoziert Walser unser Urteil, wenn er die Gewaltherrschaft, die Europa überzieht, folgenermaßen erklärt: „Da die Diktatoren fast immer aus den unteren Volksschichten aufsteigen, wissen sie genau, was das Volk ersehnt.“ Doch das, so Walsers subtiler Nachsatz, dürfe man dem Volk nicht sagen. Die Dialektik der Aufklärun wird von ihm von ihrer Schattenseite her entwickelt, dasselbe gilt für seine Sicht der nach dem Zweiten Weltkrieg diskutierten Schuldfrage: „Übrigens kann es den Deutschen gar nichts schaden, wenn sie wieder einmal unter ein fremdes Joch kommen. Auch kultivierte Nationen müssen parieren lernen, um später herrschen zu können.“ Nicht zufällig bezeichnete Elias Canetti Walser als den „verdecktesten aller Dichter“. Allerdings fi det Walser immer seltener zu jener Euphorie zurück, die sein Schreiben einst ausgezeichnet hat: „Haben Sie die himmlische Farbe des Bodensees gesehen?“, ist eine seiner letzten Bemerkungen. Am 25. Dezember 1956 stirbt Robert Walser während eines Spaziergangs. Ein Foto zeigt einen Mann im Anzug, der rücklings im Schnee liegt. Sein Hut ist zur Seite gerollt. Carl Seelig, Spaziergänge mit Robert Walser, Suhrkamp, 2021


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