HEUREKA 2/19

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HEUREKA #22019

ILLUSTRATION: MONIKA ERNST

Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Brave Mädchen, dumme Buben? Ein Blick auf Österreichs Bildungsbetrieb

Mädchen und Mathematik Das größte Missverständnis, seit es die Schule gibt: Mädchen seien für Mathematik unbegabt. Seite 12

Bildungsverlierer führen Wie es Burschen von Bildungsverlierern zu Führungskräften in der Gesellschaft bringen. Seite 16

Ein Wunder von Schule Wie der kleine Ort Hard in Vorarlberg mit viel Engagement zu einer Musterschule kam. Seite 18


KAPITAL IN DER KRITIK D IE GE FAH R VON MÄRK T E N O HNE STA ATL I C HE R EG U L I ERU NG .

NEU

Brigitte Aulenbacher | Markus Marterbauer Andreas Novy | Armin Thurnher (Hg.)

Karl Polanyi

Wiederentdeckung eines Ökonomen Karl Polanyi (1886–1964) gilt als Mitbegründer der Wirtschaftssoziologie und einer der großen Denker der Sozialwissenschaft und Ökonomie. Er kritisierte schon im 19. Jahrhundert, dass Arbeit, Boden und Kapital den Marktgesetzen unterworfen werden, obwohl sie eigentlich nur fiktive Waren sind und forderte, der Markt müsse in die Gesellschaft eingebettet sein und nicht umgekehrt. Denn entfernt sich der Markt zu weit von der Gesellschaft, entwickeln sich extreme Gegen­ bewegungen, wie Faschismus oder Kommunismus. 216 Seiten, € 19,90

W: faltershop.at T: 01/536 60-928 E: service@falter.at L: In Ihrer Buchhandlung

FA LT E R V E R L A G DIE BESTEN SEITEN ÖSTERREICHS


IN TRO D U K TIO N : H EU R E KA 2/19

: E D I TO R I A L

Was wollen wir? Lesen … ich? Nein, danke! Seite 14

FOTOS: MARIO DEBORTOLI, HILAL AVCI, KILIAN SCHOENENBERGER, CHRISTOPHER MAVRIC

Burschen sind im Lesen schwächer als Mädchen. Weil ihnen die Vorbilder fehlen, sagen Experten

Vom Bildungsverlierer zur Führungskraft Seite 16

Kaan Boztug, Experte für angeborene, seltene Erkrankungen der Blutbildung und des Immunsystems

Mädchen haben Burschen bezüglich des Erfolgs in der Schul- und Bildungslaufbahn seit den 1990er-Jahren deutlich überholt. Burschen gelten als Bildungsverlierer, doch Frauen sind die Karriereverlierer. Warum?

Sind unsere Mädchen zu dumm für Mathe? Seite 12 Wir haben den EU-weit größten Unterschied zwischen Burschen und Mädchen in Mathe

Glossar und Bücher zum Thema Seite 20

Feministische Schulen: Ein Plädoyer der Aktivistin und Filmemacherin Sally Nuamah

Fairtrade bei Plastikrecycling Seite 22

Wenn man Musik im Käse hört Seite 8 Beat Wampfler beschallt Emmentaler mit Musik. Fortsetzung eines künstlerisch-kulinarischen Versuchs der Hochschule der Künste Bern

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CHRISTIAN ZILLNER

A U S D E M I N H A LT

Kopf im Bild Seite 4

FALTER 21/19

Die Johannes Kepler Universität in Linz unterstützt das Plastikwiederverwertungsprojekt „Mr. Green Africa“ in Kenia

Gedicht und Was am Ende bleibt Seite 23

„Les Contemplations“ von Victor Hugo und das Vermächtnis der österreichischen Tänzerin Hanna Berger

Ein Wunder von Schule am Land Seite 18 Der kleine Ort Hard in Vorarlberg hat mit großem Engagement vieler Beteiligter eine Musterschule entwickelt

In der Schule ist die Welt noch in Ordnung, vorausgesetzt, man hat ein Weltbild, das sich seit Maria Theresia, der Königin von Ungarn, wenig geändert hat. Man lernt Stillsitzen und Gehorsam, erfährt von Dingen, die einem Verwaltungsbeamten oder Ingenieur später einmal behilflich sein können und weiß das eigene Land von dem anderer Menschen zu unterscheiden, was die Mir-san-mir-Mentalität von Offizieren fördert. Kurz, wir lernen für eine Gesellschaft, die – wollen wir die wirklich? Schulreformen gehören bei uns zum Bildungssystem wie der Einser zum Streber, aber richtig glücklich machen sie niemanden. Das liegt vielleicht daran, dass erst einmal überlegt werden müsste, wer da nach der Schulpflicht oder der Matura herauskommen soll: Mädchen, denen es an Mut und Selbstvertrauen für technische oder naturwissenschaftliche Berufe sowie Führungsaufgaben fehlt? Burschen, die kaum lesen und schreiben können, dafür aber deviantes Verhalten in staatlichen Strukturen gelernt haben, um dann als Erwachsene so weiterzumachen und die eigene Borniertheit für den Welthorizont anzusehen? So schaut die österreichische Wirklichkeit aus. Die Schule kann alles, wie uns das Ergebnis unserer Gesellschaft zeigt. Wenn wir selbstbewusste, kluge, zufriedene und humorvolle Menschen haben wollen, müssen wir das den Schulexperten vorschreiben. Die bringen es dann den Jungen schon bei.

: G A ST KO M M E N TA R

Zur Freiheit der Wissenschaft

FOTOS: BARBARA MAIR

CLAUDIA RAPP

Freiheit der Wissenschaft und Autonomie der Universitäten: Grundbegriffe unserer Bildungslandschaft, über die nur dann nachgedacht wird, wenn neue Interpretationen den Status quo infrage stellen. Derzeit besteht in dieser Hinsicht durchaus Diskussionsbedarf. Thema ist die Gestaltung der Curricula, die bislang in erprobter Weise durch Institute, Fakultäten und Senat vorgenommen wurde. Anlass ist das Regierungsprogramm 2017– 2022, in dem es heißt: „Der staatliche Einfluss auf Forschung und Lehre ist … analog zur freien Wirtschaft auf die Gestaltung von Rahmenbedingungen und die Festlegung von Mindestanforderungen zu beschränken. Im Sinne der Wissenschafts-

freiheit ist der Staat nicht berechtigt, Forschung und Lehre an ideologischen Zielen auszurichten.“ So weit, so gut. Kurz darauf ist aber die Rede von einer angestrebten „Stärkung der inneruniversitären Governance hinsichtlich Curriculagestaltung und Studienorganisation (z.B. ,Richtlinienkompetenz‘ des Rektorats hinsichtlich curricularer GesamtarchiClaudia Rapp ist Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien und FWFWittgensteinpreisträgerin

tektur)“. Dem Rektorat wird hier eine entscheidende Rolle in der Gestaltung des Lehrprogramms in Aussicht gestellt, die nichts mehr mit der Kompetenz der Fachwissenschaftler zu tun hat, die Lehrinhalte und Studiengänge im Dialog mit den Studierenden zu definieren. Mehr noch: Die hier angestrebte Form der Governance öffnet die Tür für externe Agenden, auch nichtwissenschaftliche. Denn bei der Bestellung des Rektorats spielt neben dem Senat als gewählte Vertretung der Lehrenden und Studierenden der Universitätsrat eine wesentliche Rolle, der zur Hälfte durch die Politik bestellt wird. Extremfälle politischer Einflussnahme auf den universitären Betrieb

gibt es in jüngster Vergangenheit: Im Herbst letzten Jahres hat die ungarische Regierung den Master-Studiengang ,Gender Studies‘ an allen ungarischen Universitäten abgeschafft. Begründung: Es handle sich um eine Ideologie, nicht um Wissenschaft. Dieser vehemente Eingriff hat umgehend internationale Proteste ausgelöst. Wenn jedoch im Regierungsprogramm, das demnächst den Weg in die Gesetzgebung nimmt, an kleinen Schrauben gedreht wird, ohne sofortigen Effekt, aber mit Weichenstellungen für die Zukunft, dann lässt oftmals ein aus Trägheit geborener Optimismus (,Es wird schon nicht so schlimm werden‘) eine Reaktion ausbleiben.


4 FALTER  21/19  H EUR EKA  2/19 :  P ERSÖNLIC H K E ITE N

:  KO P F I M B I L D

Für Kinder Es ist meist ein konkreter Fall, der Kaan Boztug auf die Fährte einer seltenen oder noch unbekannten Krankheit führt. „Unsere Erkenntnisse über deren genetische und molekulare Ursachen sind enorm wichtig für die Betroffenen, häufig Kinder“, sagt der Experte für angeborene, seltene Erkrankungen der Blutbildung und des Immunsystems. „Sie tragen aber auch zum besseren Verständnis öfter vorkommender Krankheiten und zu anderen Wissenschaftsfeldern bei.“ Boztug, Professor an der MedUni Wien, leitet das Ludwig Boltzmann Institute for Rare and Undiagnosed Diseases, forscht am CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW und ist seit März wissenschaftlicher Direktor der St. Anna Kinderkrebsforschung. Nach einem ERC ­Consolidator Grant im Vorjahr erhielt der vielfach Ausgezeichnete jüngst den Mannagetta-Preis der ÖAW. „Förderungen sind essenziell für die internationale Spitzenforschung. Als Arzt liegt mir besonders daran, dass unsere Forschungsergebnisse als Therapien umgesetzt werden können.“

TEXT: USCHI SORZ FOTO: CHRISTOPHER MAVRIČ

:   J U N G FO RS C H E R I N N E N   USCHI SORZ

Katalin Fazekas, 31 „Software- und Hardwaresysteme müssen korrekt funktionieren“, sagt die Ungarin, die an der Universität Linz ihren Master in Software Engineering gemacht hat. Ans Wiener LogiCS-Doktoratskolleg kam sie, weil sie „die theoretischen Probleme hinter praktischen Anwendungen kreativ lösen möchte. Nicht nur, weil Menschen erwarten, dass Handys und Computer ihren Zweck erfüllen, auch ein Marsrover beispielsweise muss sicher landen können.“ Eine aus mehreren Million­en Codezeilen aufgebaute Software lasse sich aber schwer daraufhin überprüfen, ob sie den Spezifikationen entspricht. Hier ist ­Fazekas’ Fachgebiet, die formale Verifikation, gefragt. „Logische Methoden sind ein hervorragendes Mittel, um Fehler zu finden, die sonst nicht bemerkt würden.“ Ihr Fokus ist es, diese weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Tobias Kaminski, 32 Er hat einen Bachelor in Kognitionswissenschaften, einen Master in Logik und Berechnung und sein Ziel ist „eine wissenschaftliche Karriere auf dem Gebiet der Logik sowie ihrer Anwendungen in der Informatik“. Der Doktorand aus Deutschland integriert Algorithmen in Logikprogramme, die für Anwendungen der Logikprogrammierung nützlich sind, etwa in der Logistik oder Robotik. Der Vorteil bei riesigen Datenmengen: Man kann gezielt auf Datenquellen zugreifen, ohne sie komplett verarbeiten zu müssen. „Normalerweise gibt man einem Computer eine Sequenz von Anweisungen, eine Art Rezept, das er abarbeitet“, erklärt er. „Logikprogrammierung ist ein anderer Ansatz, da wird ein zu lösendes Berechnungsproblem durch eine Menge logischer Formeln beschrieben. Darauf basierend, sucht der Computer automatisch eine Lösung.“

Sanja Pavlovic, 26 Als Kind hat sich die Serbin „in die Mathematik verliebt“, später kam die Leidenschaft für die Logik dazu. „Ich liebe Rätsel“, sagt sie. „In der Forschung muss man ständig Probleme lösen, um Fortschritte zu erzielen.“ Im Studium hat sie sich auf angewandte Informatik und deren Wurzeln auf dem Gebiet der mathematischen Logik fokussiert. Für ihre Dissertation forscht sie zu künstlicher Intelligenz und intelligenten autonomen Systemen. „Ich arbeite an Techniken, die Logik verwenden, um Wissen auf präzise und maschinenverständliche Weise zu kodieren, damit der Computer daraus eigenständig neue Informationen ableiten kann.“ Für die meisten Menschen sei es selbstverständlich, das, was sie wissen, zu kombinieren und Schlussfolgerungen zu ziehen. „Doch dies dem Computer zu ermöglichen, ist eine Herausforderung.“

FOTOS: PRIVAT, TU VIENNA / SARA MEISTER, NADJA MEISTER

Logik für das digitale Zeitalter: Das FWF-geförderte Doktoratskolleg LogiCS an der TU Wien zieht Studierende aus aller Welt an. Auch diese drei forschen hier für ihre Dissertation


KO M M E N TA R E  :   H EU R E KA 2/19   FALTER 21/19  5

EMILY WALTON

MARTIN HAIDINGER

FLORIAN FREISTETTER

Frauenanteil

Im Balkonstaat

Black Hope

Wie man Frauen und Männern gerecht wird und für (eine Annäherung an) Geschlechtergerechtigkeit sorgt, ist in Brüssel ein Dauerthema, nicht zuletzt bei der Besetzung und Struktur der EU-Institutionen selbst. So gibt es etwa seit nunmehr 15 Jahren eine sogenannte „Hochrangige Gruppe für die Gleichstellung der Geschlechter und Vielfalt im EU-Parlament“. Ihr Ziel: „Förderung und Umsetzung des Gender-Mainstreamings“ im Parlament „sowie Förderung der Werte Gleichstellung und Diskriminierungsverbot“ in der Parlamentsverwaltung. Beim Frauenanteil unter den Abgeordneten ist ein deutlicher Trend zu immer mehr Frauen erkennbar, wenngleich es gemächlich dahingeht: Seit 2014 liegt man knapp über 35 Prozent. Manfred Weber, Kandidat der Europäischen Volkspartei für das Amt des Kommissions­präsidenten, setzt da gleich etwas höher an: Sollte er es schaffen, nach der Wahl Nachfolger von Jean-Claude Juncker als Chef der Brüsseler Behörde zu werden, wolle er seine Kommission zur Hälfte mit Frauen besetzen. Bei der Bildung der neuen Kommission sei es an der Zeit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau „endlich durchzusetzen“, sagt Weber. Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, dass es womöglich nicht ganz einfach werden könnte, dieses lobenswerte Vorhaben in die Tat umzusetzen: Schon Junckers Kommission hätte nach der letzten Europawahl im Jahr 2014 mit einem Frauenanteil von zumindest vierzig Prozent gebildet werden sollen. In der ersten Nominierungswelle schlugen die EUStaaten jedoch nur zwei Frauen für die – neben Juncker – 27 verbleibenden Kommissarposten vor. Nach einigem Hin und Her pendelte man sich schließlich bei einem Anteil von insgesamt knapp einem Drittel mit neun Kommissarinnen ein. Immerhin tut sich in der Kommission etwas hinter den Kulissen: Auf der Ebene der stellvertretenden Generaldirektoren ist die Frauenquote seit 2014 von acht auf 43 Prozent in die Höhe geschnellt; bei den Abteilungsleitern ist sie von 31 auf 41 Prozent gestiegen. Eine Frau ganz oben an der Spitze wäre aber auch nach dieser Wahl eine Überraschung: Mit Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager haben die Liberalen zwar eine prominente und qualifizierte Kandidatin. Es wäre aber eine Überraschung, sollte sie die erste Kommissionschefin werden – und nicht Weber der dreizehnte Mann in dieser Position.

„Der Staatsvertrag ist dann Gott sei Dank unterzeichnet worden, und zu dem Anlass war halt bei uns, weil wir den ersten Fernseher gehabt haben, die ganze Umgebung und so haben wir miterleben können, wie der Figl vom Balkon heruntergeschrien hat: Österreich ist frei!“ Die Erinnerung einer steirischen Frau an den 15. Mai 1955 ist so rührend wie falsch: Außenminister Leopold Figl hat im Marmorsaal die Worte „Österreich ist frei!“ gesprochen, am Balkon des Belvederes allerdings nichts gesagt. Im Fernsehen konnte man nichts sehen, denn das TV-Versuchsprogramm begann erst im August 1955. Trotzdem wurden solche Irrtümer zu immer wieder erzählten Bestandteilen der Reminiszenz an jenen Tag des Staatsvertrags. Der Historiker Peter Teibenbacher hat mich vor einigen Jahren auf dieses Gustostückerl austriakischer Erinnerungskultur aufmerksam gemacht. Solche Memoiren samt doppelbödigen Irrtümern sammelt Teibenbacher mit seinem Team am Oral-History-Archiv der Universität Graz und wertet sie aus. Er stellt die Frage nach dem „Balkonstaat Österreich“, dessen Bewohner immer wieder von Brüstungen herab Bedeutendes mitgeteilt bekamen. Es sei kein Wunder, dass Menschen einfach erwarten, dass bei solchen Anlässen auch inhaltsschwangere Worte fallen.

:  B R I E F AU S B RÜ SS E L

:  H O RT D E R W I SS E N S C H A F T

: FREIBRIEF

Nun könnte man der Ansicht sein, es sei für den Lauf der Geschichte unerheblich, wann und wo Figls Worte gefallen sind. Es kann einen allerdings darüber nachdenken lassen, was wir zu erleben vermeinen – vor allem auch in der Masse. Wie geht es uns mit weiterführenden Interpretationen und Einschätzungen des angeblich Erlebten? Nicht zuletzt hilft uns die Erinnerung, wie diffus oder präzise sie auch sein mag, bei der Selbstfindung. Und die wird gerade ganz großgeschrieben: Der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama (sein bekanntestes Buch aus 1992 heißt „Das Ende der Geschichte“) teilt uns in seinem aktuellen Werk „Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ allerhand darüber mit, dass nationale wie individuelle Identität vor allem eine Frage des Gefühls sei. Um das im Falle Österreichs zu erfassen, brauche ich, mit Verlaub, keinen Politologen. Teibenbachers Forschungen sind viel aussagekräftiger. Sie führen uns in die Untiefen der Erinnerung und in die Feinheiten historischer Demographie, um die er sich in seinem Wissenschaftlerleben besondere Verdienste erworben hat. Dieser Tage feiert Peter Teibenbacher seinen 65. Geburtstag – Teibenbacher ist frei! Doch möge sein Rückzug in die Pension nur ein formaler sein!

ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)

:   F I N K E N S C H L AG   HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT

Am 10. April 2019 wurde das erste Bild eines Black Hole, eines schwarzen Lochs, veröffentlicht. Das Ereignis wurde weltweit gefeiert und wird die Astronomie maßgeblich beeinflussen. Zum ersten Mal konnte man beobachten, was bislang nur mathematisch aus der Theorie abgeleitet und untersucht werden konnte. Aber selbst wenn man von der reinen Wissenschaft absieht, hält das schwarze Loch wichtige Lektionen für uns bereit. Zuerst einmal eine offensichtliche: Man erreicht mehr, wenn man kooperiert! Das Bild konnte nur gemacht werden, weil Forschende auf der ganzen Welt zusammengearbeitet haben. Radioteleskope rund um die Erde wurden zu einem Verbund zusammengeschaltet, um ein virtuelles Teleskop von mehreren tausenden Kilometern Größe zu simulieren. Nur damit war die Abbildung des schwarzen Lochs möglich. Mit Nationalismus und Abschottung kommt man nie weit, auch in der Wissenschaft nicht. Darüber hinaus zeigt uns das Bild des schwarzen Lochs aber auch, wie wichtig der Zugang von möglichst vielen Menschen zur Wissenschaft ist. Wir sind derzeit nicht in der Lage, schwarze Löcher vollständig zu beschreiben. Die vorhandenen Theorien wie Relativitätstheorie und Quantenmechanik funktionieren hier nicht. Für sich allein genommen liefert jede Theorie unsinnige Ergebnisse. Es braucht eine Kombination, eine „Quantentheorie der Gravitation“, aber die gibt es nicht. Trotz jahrzehntelanger Suche hat man noch nichts gefunden, das in der Praxis funktioniert. Es fehlt der entscheidende Geistesblitz, die geniale Idee, die völlig andere Sichtweise auf das Problem. Und je mehr Menschen darüber nachdenken können, desto eher wird das passieren. Wir müssen daher aufhören, jungen Mädchen einzureden, Naturwissenschaft wäre nichts für sie. Wir müssen sie genauso motivieren und fördern wie die Burschen. Wir müssen Umstände schaffen, die es Frauen erlauben, eine Universitätskarriere genauso problemlos einzuschlagen wie Männer. Wir müssen darüber hinaus sozial Schwachen den Zugang zu den Universitäten ermöglichen. Je mehr Menschen die Chance haben, ihre Begabung auszuleben, desto besser und schneller werden wir die Welt verstehen. Und uns auch. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX


6 FALTER  21/19  H EUR EKA  2/19 :  NAC H R I C H TE N

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

: MEDIZIN

Hitzefreies Augenlasern Ein sanftes Laserverfahren, das sich leider nur für wenige eignet DIETER HÖNIG

Einen echten Meilenstein hat ein innovatives Laserverfahren gesetzt, das als einzige Technik minimal invasiv und ohne Hitze abläuft: Mehrere Multicenterstudien unter Beteiligung deutscher und österreichischer Augenexperten bestätigen die so genannte „Relex Smile“ (Small Incision Lenticle Extraction) Laseranwendung auch in der Langzeitbeobachtung als effektive, verlässliche und praktisch nebenwirkungsfreie Behandlung. In Großbritannien und in Deutschland ist „Relex Smile“ bereits weit verbreitet, um Kurzsichtigkeit zu korrigieren. „Im Gegensatz zu anderen Augenlaser-Behandlungen wird dabei das Hornhautgewebe nicht mehr mit Hitze verdampft, sondern mit Luftbläschen vorsichtig gelöst. Danach entfernt man die sensible Struktur durch einen winzigen, hochpräzisen Schnitt mit einem speziellen FemtoSekundenlaser“, schildert ­Siegfried Priglinger vom Smile-Eyes-Augenlaserzentrum Linz, der „Relex Smile“ als erster in Österreich einsetzte. Priglinger, auch Direktor der Augenklinik der Ludwig-MaximiliansUniversität in München, war selbst maßgeblich an einigen neueren Studien beteiligt: „Wir können mit dieser Methode die natürliche Struktur der Hornhaut, des schmerzempfindlichsten Körperteils, besser erhalten und postoperative Komplikationen wie Schmerzen oder Empfindungsstörungen minimieren.“ Die Methode bedarf allerdings sehr gründlicher Voruntersuchungen, denn sie eignet sich nur für vier von fünf Patienten im passenden Alter von zwanzig bis fünfundfünzig Jahren.

: VETERINÄRMEDIZIN

:   M AT H E M AT I K

Fadenwürmer-Weibchen verwenden Männchen nur als Spermaproduzenten

Punkt, Punkt, Strich, Strich

Um allein ihre eigenen Gene weitergeben zu können, pflanzen sich ­Fadenwürmer-Weibchen ungeschlechtlich fort. Und die Männchen?

Elisabeth Gaar sucht kreative ­Lösungen für Stabilitätsprobleme

JASMIN GERSTMAYR

USCHI SORZ

Fadenwürmer-Weibchen wissen, was sie wollen, und zwar keine männliche Erbsubstanz: Sie pflanzen sich ungeschlechtlich fort und geben nur ihre eigenen Gene weiter. Sie unterhalten also eine rein weibliche Linie. Warum sich die Existenz der Männchen evolutionär gesehen dennoch auszahlt, fanden Forscher an der Universität Lyon heraus. Ihre Daten wurden im Wissenschaftsmagazin Science publiziert. Auch die Bioinformatikerin Claire Burny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien war an der Studie beteiligt. Das Team untersuchte dabei Fadenwürmer der Gruppe Mesorhabditis belari, die sie aus dem Boden und von verrottenden Pflanzen gewinnen konnten. Vor rund neunzig Jahren wurde diese Art Fadenwürmer verwendet, um das Phänomen der Parthenogenese („Jungferngeburt“ – ein Organismus pflanzt sich asexuell fort) zu untersuchen.

Ganz ohne Männchen geht’s aber dann auch bei den Fadenwürmern nicht: Ihr Sperma wird zur Aktivierung der Eizellen verwendet, allerdings ohne dass die männliche DNS mitmischen darf. Nur bei neun Prozent der befruchteten Eizellen tritt

Claire Burny, VetMed Universität Wien die männliche DNS in den Genpool ein. Aus ihnen entstehen die wenigen Fadenwürmer-Männchen, die zur Aktivierung der Eizellen benötigt werden. Sie sind allein als Spermaproduzenten wichtig. Aus den restlichen 91 Prozent der befruchteten Eizellen werden Weibchen, deren Gene unter sich bleiben.

:   M O N D FO RS C H U N G

Der Mond verliert auf seiner Oberfläche jedes Jahr rund 200 Tonnen Wasser Wasser auf dem Mond: Die großen Wirtschaftnationen wollen es a­ usbeuten. Noch aber geht viel davon ans All verloren WERNER STURMBERGER

Mondgestein, das die Apollo-Missionen zur Erde brachten, galt lange Zeit als Beweis für einen staubtrockenen Mond. In den letzten Jahren fanden aber mehrere Raumfahrzeuge Spuren von Wasser auf der gesamten Mondoberfläche. Wie die Daten

Benni Mehda,

NASA

des „Lunar Atmosphere and Dust Environment Explorer“ (LADEE) der NASA nun zeigten, schlagen kollidierende Meteoriten Wasser aus dem Erdtrabanten. Auf die Spur der Wasservorräte brachte die Wissenschaftler um ­Mehdi Benna von LADEE aufgezeichnete hohe Wasserkonzentrationen in der dünnen

Mondatmosphäre. Zeitlich fielen diese mit der Begegnung des Erdtrabanten mit 29 bekannten Meteoritenströmen zusammen. Für vier weitere Abweichungen machen die Forscher bisher unbekannte Meteoriten verantwortlich. Laut Berechnungen verliert der Mond pro Jahr 200 Tonnen Wasser. Die Mengen lassen sich nicht durch eine externe Einbringung, etwa durch Meteoriten oder Sonnenstürme, erklären. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich unter der ausgetrockneten Schicht eine relativ gleichmäßig verteilte Wassermenge befindet. Der Wassergehalt des Mondbodens soll sich unter acht Zentimeter Tiefe auf 0,05 Prozent belaufen. Die genaue Lage der Wasservorräte soll nun in weiteren Forschungsprojekten bestimmt werden. Für zukünftige Raumfahrtprojekte oder gar Mondbesiedelungen wären diese von großem Nutzen.

Ein Graph besteht aus Punkten und Strichen. Die Punkte symbolisieren die Bestandteile einer Menge, sagen wir Menschen. Zieht man zwischen zwei Punkten Striche, veranschaulicht das die Beziehung zwischen ihnen. Etwa, dass sich diese beiden

Elisabeth Gaar, Universität Klagenfurt kennen. „Dann kann man fragen, wie groß die größte Menge an miteinander bekannten Menschen ist“, sagt Elisabeth Gaar. „Um das zu errechnen, muss man ein so genanntes Stabilitätsproblem lösen.“ Die 28-Jährige ist Postdoc am Institut für Mathematik der AlpenAdria-Universität Klagenfurt. Sie hat dem Thema ihre Doktorarbeit gewidmet und dafür im November den Dissertationspreis der Österreichischen Gesellschaft für Operations Research erhalten. „Ein Stabilitätsproblem zu lösen, ist unglaublich schwierig“, erklärt sie. „Man sucht daher obere Schranken, etwa dass in der optimalen Menge maximal so und so viele Punkte sind.“ Ziel ist die bestmögliche obere Grenze. Gaar hat eine bestehende obere Schranke durch geschicktes Hinzufügen von Bedingungen weiter verbessert und untersucht, wie man diese Bedingungen auswählt und formuliert. „Spannend ist, dass es keine schnelle Lösung für alle Graphen gibt. Man muss also kreativ sein, um praxistaugliche Lösungsansätze zu entwickeln.“ Anwendungspotenzial gibt es u. a. in der Molekularbiologie. „Hier möchte man die Ähnlichkeit von Proteinen kennen. In einem Medikament wirken ähnliche Proteine ähnlich.“ Mathematik ist toll, findet die Grazerin. „Ohne sie hätten wir weder Wettervorhersage noch OnlineRoutenplaner.“ Sie liebt die Logik und Absolutheit ihres Fachs. „Es gibt nur richtig und falsch.“ Derzeit arbeitet sie an einem FWF-geförderten slowenisch-österreichischen Projekt mit und unterstützt Schüler in Mathematik-Olympiade-Kursen. „Durch den Känguru-Wettbewerb und die Mathematik-Olympiade in der Schule habe ich selbst zur Mathematik gefunden.“

FOTOS: GODDARD SPACE FLIGHT CENTER NASA, CHRISTINA SUPANZ, JULIA HOSP / VETMED UNI WIEN

NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  2/19   FALTER 21/19  7

:   PA L ÄO N TO LO G I E

Eine geologische Sensation: Jurassic Park reloaded? Der lange Zeit geheim gehaltene Fund eines US-Paläontologen zwingt uns, unser Bild von den Dinosauriern zu revidieren SABINE EDITH BRAUN

FOTOS: ROBERT DEPALMA UNIVERSITY OF KANSAS, UNIVERSITÄT WIEN, CHRISTINE KNOLL

Vom mexikanischen Yukatán bis in den heutigen US-Bundesstaat NordDakota in wenigen Minuten: Diesen Weg legte vor 66 Millionen Jahren die Flutwelle eines durch einen Meteoriteneinschlag ausgelösten Mega­ tsunamis zurück. Sie überzog den Erdball mit einer Schicht aus Sedimentgestein: „Tonstein“. Und sie markiert den Übergang vom Erdmittelalter (Kreidezeit) zur Erdneuzeit (Paläogen). Als Kreide-Paläogen-Grenze, oder kurz: KPg bezeichnet die Wissenschaft diese bis zu neun Meter dicke Schicht von Meeresablagerungen entlang der mexikanischen Golfküste und in der Karibik. Der Einschlag des Meteoriten mit zehn Kilometern Durchmesser hatte ein Massenaussterben zur Folge. Die prominentesten Opfer waren die Dinosaurier. Es verschwanden aber ebenso Wirbeltiere wie Fische, Amphibien, Reptilien oder Vögel wie auch ganze Gruppen von wirbellosen Tieren, etwa Würmer, Quallen, Schwämme und Gliederfüßer.

Obwohl der Meteoritenkrater 1991 im mexikanischen Chicxulub Puerto gefunden wurde, blieben die genauen Umstände des Massenaussterbens ungewiss. Für stichhaltige Beweise fehlte es an durch den Impact selbst entstandenen Ablagerungen. Das könnte nun anders werden: Ein Paläontologie-Doktorand der Universität Kansas hat erstmals auf dem Festland KPg-Ablagerungen gefunden, und zwar in der „Hell-CreekFormation“ in Nord-Dakota. In dieser KPg-Schicht schlummert ein „Schnappschuss“: kleinste Glaskügelchen in den Kiemen von in Bernstein eingeschlossenen Fischen, in Eiern, in Zähnen von Wirbeltieren, Skeletten und Fossilien von Festland- ebenso wie Meeresreptilien, etwa Mosasauriern. An einigen Fischfossilien befanden sich sogar Gewebereste. Teile von Bäumen sind ebenso erhalten. Die neue „Konservat-Lagerstätte“ – wie die US-Forscher den Fundort auf Deutsch bezeichnen – entstand durch einen Glasregen unmittelbar

nach dem Impact, aber noch vor dem Anschwemmen der Tonsteinschicht. Dies kann helfen, die Effekte unmittelbar nach dem Impact zu verstehen, etwa, wie es genau zu dem Massensterben kam. Der Doktorand heißt Robert ­DePalma (und ist mit dem Regisseur ­Brian De Palma (sic!) verwandt).

Robert ­DePalma, ­Universität Kansas Er hat 2015 am Fundort große Mengen an Saurierknochen, vor allem aber auch an Federn entdeckt. Trugen Raptoren Federn? Einer der wenigen, die DePalma über seinen gefiederten „Dakotaraptor“ informierte, war der Bestsellerautor Douglas Preston, der zur Impact-These und über Dinosaurier Bücher geschrieben hatte.

Dummerweise war ­DePalma, wie der New Yorker in einer großen Geschichte schildert, damals ein Fehler unterlaufen: Bei der Dakotaraptor-Rekonstrution war ihm ein Schildkrötenknochen hineingerutscht, wofür es Schelte und Häme aus der Scientific Community gab. Ist das der Grund, warum der Feder-Dino in dem KPg-Paper von 2019, das im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen ist, keine Erwähnung findet? Auf eine Interviewanfrage reagierte ­DePalma nicht. Die Community verhält sich noch vorsichtig. „Ich hoffe, es passt alles“, wird etwa der Geologe Thomas Tobin von der University of Alabama in einem Artikel von Colin Barras auf der Website des Magazins Science zitiert. Das PNAS-Paper ist voll mit Details aus Paläontologie, Sedimentforschung, Geochemie und anderem. „Niemand ist auf all diesen Gebieten ein Experte“, sagt Tobin. „Es wird ein paar Monate dauern, bis das alles überprüft ist.“

:   G E S E L L S C H A F T S FO RS C H U N G

:   B I O LO G I E

Identitätsstiftung: Ritual und göttliche Moral halten Gesellschaften zusammen

Die Evolution verändert uns Menschen heutzutage rascher als je zuvor

Eine internationale Studie kommt zum Schluss, dass standardisierte ­Rituale den religiösen Überzeugungen vorausgegangen sind

Moderne medizinische Techniken verringern oder verschieben den ­ elektionsdruck und ändern die evolutionäre Entwicklung von Menschen S

JOCHEN STADLER

JOCHEN STADLER

Ohne die Moral der Götter würden große Reiche schnell zerfallen, berichtet ein internationales Forscherteam mit österreichischer Beteiligung. Sämtliche Multikulti-Gesellschaften auf der ganzen Welt haben sich sittengestrenge Götter oder Instanzen

Peter Turchin, Complexity Science Hub Vienna wie das Karma der Buddhisten konstruiert, um zu verhindern, dass sie wieder in ihre kleinen ethischen Gruppen zerfallen, erklären die Wissenschaftler in einer Studie im Wissenschaftsmagazin Nature. Peter Turchin vom „Complexity Science Hub“ in Wien analysierte in einem Team um Patrick ­Savage

von der Oxford University in England Daten zu 414 Gesellschaften aus dreißig Regionen weltweit, die in den vergangenen 10.000 Jahren entstanden sind. Wenn Reiche mehr als eine Million Menschen zählten, tauchten stets mächtige, moralisierende Götter oder übernatürliche, prosoziale Lenkmechanismen wie das Karma auf, berichtet er. Der Glaube an solche metaphysischen Phänomene ist demnach nicht Voraussetzung, dass die Menschen kooperieren und sich in komplexen Gesellschaften vereinen. Aber er dient quasi als Kitt, der sie ab einer gewissen Größe zusammenhält und gewährleistet, dass diverse Gruppierungen in einem multiethnischen Reich gemeinsame Sache machen. Viel früher als der Glaube an strafende Götter entstanden jeweils standardisierte Rituale. „Das legt nahe, dass eine gemeinsame Identität für die Kooperation wichtiger ist als eine religiöse Überzeugung“, so Turchin.

„Die moderne Technik und Medizin haben die Evolution der Menschen nicht gestoppt, sondern beschleunigt“, erklärt Philipp Mitteröcker vom Department für Theoretische Biologie der Universität Wien. Mit Heilmitteln und Behandlungen setzt man ein

Philipp Mitteröcker, Universität Wien teils über Jahrmillionen entstandenes Gleichgewicht außer Kraft, in dem der Selektionsdruck der Entwicklung Grenzen setzte und Kompromisse erzwang, schreibt er im Fachmagazin „Nature Ecology and Evolution“. So machte etwa der aufrechte Gang die Geburt eines Menschen zu einem Balanceakt, erläutert ­Mitteröcker. Ein

breites weibliches Becken lässt bei der Geburt das Baby besser durch, ein schmales aber trägt die inneren Organe leichter. Ein großes Baby hat höhere Überlebenschancen, riskiert jedoch, nicht durch den Geburtskanal zu passen. „Die nahezu gefahrlose Durchführung von Kaiserschnitten hat die Geburtshilfe ab den 1950er-Jahren revolutioniert und dieses evolutionäre Gleichgewicht aufgelöst“, sagt der Forscher: „Seitdem können auch Frauen mit schmalen Becken problemlos große Kinder gebären. So verschwand der Selektionsdruck für einen weiten Geburtskanal und kleine Neugeborene fast völlig.“ Evolutionär bevorzugt sind heute Frauen mit schlanker Hüfte und Riesenbabys. Wenn ein Selektionsdruck durch medizinische Fortschritte reduziert wird, verändern verbleibende Gegenspieler in wenigen Jahrzehnten die Körper der Menschen.


8 FALTER  21/19  H EUR EKA  2/19 :  NAC H R I C H TE N

:  M U S I K W I SS E N S C H A F T E N / B I O LO G I E

Rock the Cheese – Wenn man Musik im Käse hört Beat Wampfler beschallt Emmentaler mit Musik. Fortsetzung eines künstlerisch-kulinarischen Versuchs der Hochschule der Künste Bern DOROTHEE NEURURER

Auf speckig ausgetretenen Steinstufen geht es hinunter in den Käsekeller von Beat Wampfler. Mit festem Handschlag und sonorem „Grüessech“ führt er ins dunkle Gewölbe. Schon vor 166 Jahren reiften hier Emmentaler Käse und wurden in die ganze Welt verkauft. Aus dem Lautsprecher tönt „Ja, i bin e Ämmitaler“, das Truebebub-Lied, inoffizielle Hymne des Emmentals und fast so alt wie der Keller. Die Musik dient nicht nur dem folkloristischen Ambiente. Beat Wampfler beschallt damit einen hundert Kilo schweren Emmentalerlaib. Was nach Spinnerei klingt, ist die Fortsetzung einer künstlerisch-kulinarischen Versuchsanordnung der Hochschule der Künste Bern (HKB). Die Fragestellung lautete: Beeinflussen Schallwellen den Stoffwechselprozess von Käse derart, dass die sonochemischen Auswirkungen aromastofflich nachweisbar und kulinarisch spürbar sind? Kurz: Schmeckt man die Musik im Käse? Beat Wampfler erklärt, dass in seinem Keller neun Emmentaler Käselaibe je sechs Kilogramm während des sieben Monate dauernden Reifeprozesses rund um die Uhr Musik zu hören bekommen haben – von Mozarts „Zauberflöte“ über Led Zeppelins „Stairways to Heaven“ bis hin zu HipHop. Die Herausforderung lag darin, die Anforderungen drei völlig

unterschiedliche Bereiche – Kunst, Handwerk und Naturwissenschaft – so aufeinander abzustimmen, dass das Projekt sinnvoll lanciert werden konnte. Für den Musikwissenschaftler Michael Harenberg und seine Studierenden an der HKB stellte sich die Frage,

Beat Wampfler, Käseproduzent

Tilo Hühn, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Zürich wie man die Energie einer Schallwelle in den Käse hineinbekommt. Man wollte die Resonanzen und Vibrationen direkt auf die Käsemasse übertragen. Dies gelang mithilfe eines Transducers, der am Käsebrett angebracht war und den darauf reifenden Käse in Schwingungen versetzte. Eine Holzkiste um diese Käse-LautsprecherEinheit herum diente als Isolation, „damit der Mozartkäse bei der Reifung

nicht durch die HipHop-Musik des Nachbarkäses gestört wird“, sagt Beat Wampfler. Bei der Auswahl der Beschallung interessierte die Musikwissenschaftler ein Benchmarking, wie sich der Käse bei hohen, mittleren und tiefen Sinustönen, verschiedenen Rhythmen und Frequenzspektren entwickeln würde. Die Schallarten sollten verschiedenen Musikgenres zugeordnet werden: HipHop für tiefe Resonanzen und gleichbleibende Rhythmen, Mozart für ein sehr abwechslungsreiches Klang-Rhythmus-Spektrum und reine Sinuswellen. Bei der Überprüfung der Ergebnisse kam die dritte Disziplin auf den Plan. Voraussetzung dafür, dass sich der Biologe und Önologe Tilo Hühn, Leiter des Zentrums für Lebensmittelkomposition und -prozessdesign an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ­engagierte, war eine standardisierte Versuchsanordnung. Er ließ den Käse von speziell trainierten Lebensmittelsensorikern in einer Blindstudie testen. Und dann das Ergebnis, das die Tester doch überraschte: Der HipHop-Käse schmeckte würziger als die anderen. In der Sprache der Lebensmittelsensoriker heißt das, die Aromakomponente beim Käse, der mit tieferen Frequenzen beschallt wurde,

waren nachweislich ausgeprägter als bei jenen, die mit höheren Frequenzen beschallt wurden. Eine zweite Test-Jury aus Laien kam zum selben Ergebnis. „Daraus kann man noch nicht schließen, dass der Schall einen direkten Einfluss hat“, erklärt Tilo Hühn. Aber die Hinweise sind ausreichend, um das Experiment in größerem Maßstab fortzusetzen. Den Lebensmittelexperten interessiert aus dem Blickwinkel der Sonochemie, ob und wie die Beschallung den Stoffwechsel der Mikroorganismen im Reifungsprozess verändern. Gerade bei Rohmilchkäse möchte man verstehen, ob bestimmte Schallprofile das Wachstum bestimmter Bakterien fördern oder hemmen. Die österreichische Foodtrendforscherin Hanni Rützler sieht im Experiment der Käsebeschallung einen spannenden Ansatz. Vor allem dann, wenn das Experiment die Herstellung von hochwertigen Käsen fördert. Der Klangkäse könnte gerade holistische Menschen, die der zuweilen fundamentalistisch geführten FoodDebatte überdrüssig sind, interessieren. Nur wäre es schön, wenn das Experiment nicht erst im Käsekeller, sondern schon bei der Kuh auf der Weide anfinge. Beat Wampfler ist übrigens auch Tierarzt. Dem entschlossenen Berner ist also durchaus zuzutrauen, dass er auch den Kühen Musik vorspielt.

:   B I L D U N G SW I SS E N S C H A F T

Statt der Unterrichtsanstalt eine Schule für alle Eine ideale Schule ist eine Schule für alle – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Fähigkeit, erklärt der Bildungswissenschaftler Tobias Buchner. Und WERNER STURMBERGER

Tobias Buchner lehrt Bildungswissenschaft an den Universitäten Wien und Halle in Deutschland. Herr Buchner, Sie beschäftigen sich mit intersektionaler Theorie und dis_ability Studies. Davon ausgehend, was würde das für die Organisation von Schule bedeuten? Tobias Buchner: Es bräuchte eine völlig andere Form von Schule: Kein Jahrgangsprinzip-Terror, in dem von der Homogenität einer Jahrgangsklasse ausgegangen wird, sondern individuelle Förderung, die Interessen weckt und auf selbstmotiviertes Lernen setzt. Dazu braucht man kleinere Lerngruppen. Man müsste auch beginnen,

Tobias Buchner, Universität Wien Unterschiede egalitär anzuerkennen und als Ressource zu verstehen, um voneinander zu lernen; Kinder zu ermächtigen und ihnen nicht durch die Wiederholung von Vorurteilen einen Platz in einer sozialen Hierarchie zuweisen. Die Schule, wie wir sie kennen, ist in ihrer Grammatik seit Maria Theresia weitgehend unverändert. Damals ging es neben der

­ ierarchisierung von Schülern um die H möglichst effiziente Vermittlung von Kulturtechniken, das Einüben von Gehorsam und Vaterlandsliebe. Heute sind diese Mechanismen lediglich besser verschleiert. Aber es gibt Schulen wie die Labor-Schule in Bielefeld oder die Lernwerkstatt Brigittenau in Wien, die zeigen, wie das gehen könnte. Wenn wir das Menschenrecht auf Bildung und soziale Teilhabe ernst meinen, dann führt an einer wirklich inklusiven Schule und damit der sukzessiven Transformation der Sonderschulen in inklusive Lernräume kein Weg vorbei. Schulen bilden Menschen für eine Gesellschaft aus. Fragen zum Schulsystem berühren daher auch die Frage,

welche Gesellschaft wir haben wollen: Ein solidarisches Miteinander, wo alle die Chance haben, sich zu entfalten? Dem im Weg steht ein negatives Bild von Behinderung, Migrationshintergrund – wenn es der ‚falsche‘ ist – und Schichtzugehörigkeit. Im Moment setzt die Bildungspolitik aber eher auf Selektion. Buchner: Lerntheorien, die homogene Lernklassen als effektiver erachten, überzeugen mich nicht. Heterogenität kann für Lernprozesse aber ertragreich sein. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung halte ich für rückwärtsgewandt: Wiedereinführung von Noten, Schulreifekatalogen, Deutschklassen, Stärkung


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  2/19   FALTER 21/19  9

:  W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

FOTOS: KILIAN SCHOENENBERGER (2), HANS-JÜRGEN HEYER

„Ich fürchte niemanden.“ Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht

Im Käsekeller von Beat Wampfler reifen Laibe bei Musik

des Sonderschulwesens und jetzt neu Timeout-Klassen. Gleichzeitig scheint die Erwartungshaltung zu bestehen, dass inklusive Bildung zum Nulltarif umgesetzt werden kann – dies wird so aber nicht funktionieren. Bei heterogenen Gruppen braucht es Lehrpersonen mit einer hohen Differenz-Sensibilität und der Fähigkeit, individuell auf Kinder eingehen zu können. Das käme Kindern mit Lernschwierigkeiten, aber auch den Hochbegabten zugute. Dazu muss man aber die eigenen Vorurteile viel bewusster als bisher reflektieren und ein gutes didaktisches Know-how haben. Und dass es in einem Bildungssystem, das „weiß“ und „österreichisch“ als Norm setzen will,

angesichts der Bevölkerungsstruktur unserer Gesellschaft zwangsläufig zu Problemen kommt, ist nicht überraschend. Die Art, wie Teile der Öffentlichkeit diese Spannungen gedeutet haben, ist lediglich eine Reproduktion von antimuslimischen Klischees. Es gibt bei vielen jungen Menschen aus den verschiedensten Gründen Probleme – ich kenne genug Lehrpersonen an den Neuen Mittelschulen, die an den individuellen Problemlagen konkret arbeiten, statt sich rassistischer Stereotypen als Erklärungsmuster zu bedienen. Eine inklusive Schule ist kein Allheilmittel, sie bietet aber Möglichkeiten, solche Konflikte zu lösen.

FOTO: WILKE

fordert, die eigenen Vorurteile bewusster zu reflektieren

Otto Ender 1875–1960. Landeshauptmann, Bundeskanzler, Minister. Untersuchungen zum Innenleben eines Politikers

In „Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin von ihr selbst erzählt“ schildert Adelheid Popp (1869–1939) die katastrophalen Bedingungen von Fabrikarbeit ab dem zehnten Lebensjahr aus eigener Erfahrung. Mit siebzehn hält die Sozialistin aus Inzersdorf ihre erste Rede über die Lage der Arbeiterinnen. Als Redakteurin der „Wiener Arbeiterinnen-Zeitung“ wird sie 1895 wegen „Herabwürdigung der Ehe und Familie“ zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Die Biografie zeichnet Adelheid Popps Leben und Wirken als Frauenrechtlerin bis zu ihrem Einzug ins Parlament 1919 nach.

Die erste Niederlage des Otto Ender (1875-1960) als Vorarlberger Landeshauptmann war der von der Schweiz abgelehnte Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz (81 Prozent der Bevölkerung hatten 1919 dafür gestimmt). Der Rechtsanwalt wurde als Mitglied des Bundesrates zum begeisterten Föderalisten. Ender – in den Jahren 1930/31 Bundeskanzler und 1933/34 Sozialminister im Kabinett Dollfuß – galt in der christlich-sozialen Partei als Demokrat, war aber maßgeblich an der Zerstörung der Demokratie beteiligt. Der Grund: Ender war überzeugt, dass „das Volk“ dafür noch nicht reif sei.

Gernot Trausmuth: „Ich fürchte niemanden“, Mandelbaum Verlag 2019, 304 S.

Peter Melichar: Otto Ender 1875–1960, Boehlau 2018, 369 S.

Austrian ­Environmental History Contemporary Austrian Studies, Vol. 27

In Schnee und Eis. Die Himalaja-­ Expedition der Brüder Schlagintweit

Es beginnt mit einem Überblicksessay über Österreichs Umweltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dann kommen Fallstudien zu Tirols Bergen aus der Sicht von Volkskunde bis historische Demografie; wie der Wintertourismus Vorarlberg veränderte, oder welche Auswirkungen der MarshallPlan auf die Holz- und Papierindustrie hatte. Spektakulärste Entdeckung über das Land am Strome: Eine materialreiche und komplexe Darstellung des ­Donauafens Wien als militärische Infrastrukturplanung von den Habsburgern über die Nazis bis in den Kalten Krieg.

Zunächst waren die drei Söhne eines Münchner Augenarztes, Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit, gute Bergsteiger. Ihre wissenschaftlichen Publikationen über die ­Ostalpen erregten 1850 das Interesse des Alexander von Humboldt. Auf seine Vermittlung und im Auftrag der East India ­Company reisten die Schlaginweits drei Jahre nach Indien und überquerten als erste Europäer die Gebirgskette des Karakorum. 14.777 Exponate in fünfhundertzehn Holzkisten sind die Ausbeute der „achtenswerten Pioniere“. Dokumentarisch genau und spannend erzählt.

Marc Landry, Patrick Kupper (Hg.): Austrian Environmental History, innsbruck university press 2018, 366 S.

Rudi Palla: In Schnee und Eis. Die Himalaja-Expedition der Brüder Schlagintweit, Galiani 2019, 192 S.


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T I T E LT H E M A B R AVE MÄDC H E N , DUMME BUBEN?

Seiten 10 bis 21 Warum sind in Österreich Mädchen und junge Frauen in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik so viel schlechter als Burschen? Wieso können Burschen generell schlechter lesen als Mädchen? Und warum werden aus Bildungsverlieren Führungskräfte? Fragen wie diese hat sich die Klasse für Grafik Design der Universität für Angewandte Kunst gestellt und die Illustrationsstrecke für diese Ausgabe von Falter Heureka gestaltet.

: AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN

100.000.000 € kostet die Schulbuchaktion jährlich. Pro Schuljahr gehen 8,2 Millionen Bücher an rund 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler an 6.000 Schulen. Rund 8.000 Titel stehen zur Auswahl.

1777

war das Lehrbuch „Kern des Methodenbuches“, die Kompilation eines Lehrbuches aus 1775, das wichtigste Utensil für Lehrer. Maria Theresia selbst ordnete an, dass mehr Lehrbücher zu drucken seien – bis 1780 erschienen hundert Titel. Rund ein Viertel der Schulbücher wurde an Kinder aus armen Familien kostenlos vergeben.

1.300.000

2012 bis 2016 stieg laut Rechnungshof die Zahl jener, die sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) haben, um zwei Prozent auf 30.690 (Kärnten liegt mit einem Plus von 4,3 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, Tirol mit einem Plus von 0,2 Prozent darunter). Buben brauchen öfter SPFUnterricht als Mädchen (37 Prozent).

1774

Jugendlichen von elf bis 17 Jahren gaben in einer Umfrage an, von digitalen Geräten zunehmend gestresst zu sein. Dennoch schauen zwei Drittel von ihnen schon fünf Minuten nach dem Aufwachen das erste Mal aufs Handy. In 62 Prozent der Familien gibt es Regeln zur Nutzung digitaler Geräte.

50.000

führte die Habsburgermonarchie die Unterrichtspflicht für alle Kinder ab sechs Jahren ein. 1783 erließ man den Mädchen das Schulgeld für den Elementarunterricht. 1784 erschwerte die Einführung von Studiengeld für Gymnasien und Universitäten den Zugang für ärmere Studenten. 0,17 Prozent der Bevölkerung besuchte zu dieser Zeit ein Gymnasium. Für Mädchen blieb höhere Bildung auf Ordensschulen beschränkt.

Menschen haben im Jahr 2016 in der EU ein Informations- und Kommunikationstechnologiestudium betrieben. Frauen sind mit einem Anteil von 17 Prozent stark unterrepräsentiert. Den niedrigsten Frauenanteil verzeichnen Holland (6 Prozent), Belgien (8 Prozent) und Luxemburg (10 Prozent). Den höchsten haben Bulgarien (33 Prozent), Rumänien (31 Prozent), Griechenland und Schweden (je 29 Prozent). Österreich liegt mit einem Frauenanteil von 14 Prozent im hinteren Mittelfeld.

400

neue Technik-Jobs sollen laut Industriellenvereinigung in den nächsten Jahren in Österreich entstehen. Schon jetzt kann jeder sechste Job im MINTBereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht besetzt werden. In den letzten zwei Jahren wurden 216 MINTKindergärten und -Schulen mit dem MINT-Gütesiegel ausgezeichnet.

2008 bis 2018 brachte eine Erhöhung des Anteils der Chemieverfahrenstechnikerinnen um 117 Prozent auf 15,5 Prozent. Jener der Metalltechnikerinnen erfuhr eine Steigerung um 95 Prozent. Mit der Metalltechnikerin hat es heuer erstmals ein Technikberuf in die Top Ten der Mädchen geschafft.


ILLUSTRATION: JULIA WINKLER

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Julia Winkler, Schlaue Mädchen

www.klassekartak.com/student/julia_winkler


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Sind Mädchen zu dumm für Mathe? Der EU-weit größte Unterschied zwischen Burschen und Mädchen in Mathe besteht in Österreich s ist zu hoffen, dass heute niemand mehr so denkt wie der Neurologe und Psychiater Paul Julius Möbius in seinem 1900 veröffentlichten Buch „Über die Anlage zur Mathematik“: „Gewöhnlich sind die Weiber nicht nur unfähig, mathematische Beziehungen aufzufassen, sondern sie empfinden auch eine Art Abscheu gegen alles Zahlenmäßige.“ Geschlechterunterschied beginnt schon in der Volksschule Tatsache ist, dass in Österreich bei den mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen der EU-weit größte Unterschied zwischen Burschen und Mädchen besteht, und das mit wachsender Tendenz. „Wenn wir uns die PISA-Ergebnisse für Österreich ansehen, sehen wir, dass in kaum einem anderen Land die Leistung der Burschen und Mädchen in Mathematik und Naturwissenschaften so stark auseinandergeht, und zwar im Sinne bessere Leistungen für Burschen. Der Geschlechtsunterschied wurde im Laufe der Zeit, also über die unterschiedlichen PISAZyklen hinweg, immer größer“, sagt Silke Luttenberger, Professorin für Pädagogische Psychologie in der Primarstufe an der Pädagogischen Hochschule Steiermark. Warum das so ist, wird derzeit erforscht. Untersuchungen des „Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens“ (BIFIE) haben ergeben, dass schon in der Volksschule ein bedeutsamer Geschlechterunterschied in Mathematik existiert. Er gebe vor allem deshalb Anlass zur Sorge, weil er in den letzten Jahren noch gewachsen sei. Karl-Heinz Graß, Professor für Grundschuldidaktik der Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Steiermark, schaut sich das gerade näher an: „In unserer Studie begleiten wir rund 450 Grundschulkinder von der ersten bis zur vierten Klasse und erheben dabei jährlich ihre mathematischen Fähigkeiten.“ Die erste Untersuchungsphase habe ergeben, dass es zum Zeitpunkt des Schuleintritts noch keine signifikanten Geschlechtsunterschiede in den mathematischen Fähigkeiten gebe. „Im Gegenteil, wenn man die einzelnen Vorläuferfähigkeitsbereiche betrachtet, gibt es sogar Disziplinen, in denen die Mädchen besser abschneiden als die Jungen.“ Schulanfänger trauen sich mehr zu als ihre Mitschülerinnen So zeigten Mädchen bei arithmetischen Aufgaben bessere Leistungen als Burschen, während diese eine geringfügig bessere Raumvorstellung hätten. Auffällig sei jedoch, dass sich Burschen bereits in der Schuleingangsphase besser einschätzen als Mädchen, während es in Deutsch umgekehrt sei. „Für Mathematik heißt das, dass sich schon männliche Schulanfänger mehr zutrauen als ihre Mitschülerinnen, obwohl sie eigentlich gleich performen.“

CHRISTINA RADEMACHER

„Bildung wird in Österreich vererbt“ ELLI SCAMBOR, INSTITUT FÜR MÄNNER- UND GESCHLECHTERFORSCHUNG GRAZ

Karl-Heinz Graß, Pädagogische Hochschule Steiermark

Silke Luttenberger, Pädagogische Hochschule Steiermark

Erste Auswertungen aus der zweiten Klasse hätten ergeben, dass sich das mathematische Selbstkonzept der Burschen noch verstärkt habe, während das der Mädchen noch niedriger ausgefallen sei als am Beginn der ersten Klasse. „Diese Ergebnisse suggerieren, dass sich ab dem Zeitpunkt der Beschulung eine Kluft zwischen den Geschlechtern in Mathematik auftut“, sagt Karl-Heinz Graß. Eine wichtige Rolle scheinen dabei Geschlechtsstereotypen zu spielen, denen Kinder bereits weit vor der Einschulung ausgesetzt seien und die sie rasch erlernen würden. So nehmen Erwachsene häufig an, dass Mädchen an mathematiknahen Spielen wie Würfel- und Brettspielen nicht so interessiert seien wie Burschen. Ein vollkommen falscher Ansatz, meint Karl-Heinz Graß: „Mädchen muss frühzeitig mehr Mathematik zugetraut werden, damit sie sich selbst besser einschätzen und mehr Mut haben, Mathematik zu betreiben.“ Die eingangs zitierte Annahme von Paul Julius Möbius sei jedenfalls definitiv unzutreffend: „Die mathematischen Ausgangsvoraussetzungen sind bei beiden Geschlechtern ident.“ Ab der zehnten Schulstufe „geschlechtertypische Schulformen“ Die offenbar stark von Stereotypen beeinflusste Kluft zwischen den Geschlechtern, die sich bereits in der Volksschule auftut, bleibt nicht ohne Folgen. Nach wissenschaftlichen Erhebungen des BIFIE besucht mehr als die Hälfte aller Schüler und Schülerinnen der zehnten Schulstufe „geschlechtertypische Schulformen“. Speziell im Hinblick auf die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik falle auf, dass Schulen mit technischer Ausrichtung fast ausschließlich von Burschen besucht werden. Nach der Schule setzt sich diese Trennung fort. Silke Luttenberger begleitet mit einem Forschungsprojekt Jugendliche von der Polytechnischen Schule bis in die Lehre. „Gerade bei Lehrberufen werden stereotype Berufsentscheidungen getroffen: Über achtzig Prozent der Burschen gehen in einen geschlechtstypischen Lehrberuf im handwerklich-technischen Bereich, bei den Mädchen wählen rund fünfzig Prozent einen Lehrberuf als Friseurin, Einzelhandelskauffrau oder Bürokauffrau.“ Bei ihrer Berufsentscheidung würden sich die Jugendlichen stark an den Eltern orientieren: „Es werden häufig Berufe gewählt, die man aus dem Umfeld kennt.“ Bezüglich der Bedeutung von Stereotypen für das Selbstkonzept kann die Professorin die Ergebnisse ihres Kollegen KarlHeinz Graß nur bestätigen: „Traut das soziale Umfeld einem Mädchen kein technisches oder mathematisches Talent zu, zweifeln sie auch eher an den eigenen Fähigkeiten.“ Diese Einflussnahme beginne bereits im Kleinkindalter, weshalb die

­ ildungs- und Berufsorientierung auch viel B früher beginnen solle als bisher, fordert Luttenberger: „Derzeit ist sie ab der 7. Schulstufe im Lehrplan der Neuen Mittelschule oder der AHS-Unterstufe verankert. Vor dem Hintergrund der Stereotype setzt das viel zu spät an. Kinder sollten bereits in der Volksschule zu einer realistischen Einschätzung ihrer eigenen Interessen, Fähigkeiten und Begabungen hingeführt werden.“ Wer unterstützt wird, hält weniger von sich selbst Wovon Berufs- und Studienentscheidungen abhängen, hat Silke Luttenberger außerdem am Beispiel von MINT-Studentinnen untersucht – mit einem interessanten Ergebnis: „Wer von den Eltern in Mathematik und generell bei der Berufsentscheidung unterstützt wird, beurteilt die eigenen Fähigkeiten schlechter.“ Die Wissenschafterin nimmt an, dass durch diese „spezielle Unterstützung“ der Eindruck entsteht, dass man sich sehr anstrengen und besonders hart arbeiten müsse, um im MINT-Bereich erfolgreich zu sein. Förderlich seien dagegen indirekte Unterstützung wie das Treffen von Rollenmodellen und positive Lernerfahrungen im schulischen Kontext. Interessant in puncto Selbsteinschätzung: „Obwohl die Studentinnen gute Noten in den MINT-Fächern hatten, führten sie diese Leistungen eher auf Fleiß anstatt auf Talent zurück.“ Auch wenn Mädchen in der Schule gut in Mathematik seien, gingen viele von ihnen an typische und oft wesentlich schlechter bezahlte Frauenberufe „verloren“, weil sie Hindernisse in der Familie oder im Umfeld erlebten und deshalb von den ursprünglich geäußerten Wünschen abweichen. Das passiert vor allem in Ländern mit höherer Gleichberechtigung, während etwa die arabischen Länder, Algerien, Georgien und Albanien einen hohen Frauenanteil im MINTBereich haben. Die Soziologin und Pädagogin Elli Scambor, Geschäftsleiterin des Instituts für Männer- und Geschlechterforschung in Graz, gibt bei der Diskussion um den „Gender-Gap“ und seine Folgen allerdings eines zu bedenken: „Die PISA-Ergebnisse weisen zwar Geschlechterunterschiede auf, im Vergleich mit dem Einfluss der Variablen Migrationshintergrund und Bildungsstatus der Eltern sind diese jedoch gering.“ Die Lernergebnisse von Mädchen wie von Burschen würden vor allem von der sozialen Herkunft und dem Migrationshintergrund beeinflusst: „Bildung wird in Österreich vererbt.“ Ein Effekt, der sich im Bildungsverlauf noch verstärke: Frühe Differenzierungen hätten starke Leistungsunterschiede zur Folge, die in der Regel nicht mehr aufzuholen seien. „Das Bildungssystem in Österreich ist nicht in der Lage, ungleiche Startbedingungen auszugleichen.“

FOTOS: PRIVAT, PHST / GRÖSSLER (2)

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ILLUSTRATION: HILAL AVCI

TITE LTH E M A : H EU R E K A 2/19

Hilal Avci, Gleichung des Lebens

www.hilalavci.de


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Lesen … ich? Nein, danke! I

n keinem anderen OECD- und in keinem anderen EU-Land sind männliche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften den weiblichen so überlegen wie in Österreich. Das besagt die aktuelle Studie des „Programme for International Student Assessment“ (PISA) von 2015. Beim Lesen dagegen ist das sprichwörtlich sogenannte „starke Geschlecht“ schwach. Dieses Phänomen ist nicht nur auf Österreich beschränkt, es ist ein globales. Die relevanten Studien zur Leistung von Schülern Neben PISA ist die „Progress in Internatio­ nal Reading Literacy Study“ (PIRLS) federführend in der Erhebung der Lesekompetenz von Schülern. Von der „International Association for the Evaluation of Educational Achievement“ (IEA) initiiert, erforscht PIRLS alle fünf Jahre die Leistungen von Schülern am Ende der Grundschule, während die von der OECD beauftragte PISAStudie im Turnus von drei Jahren Schüler am Ende der Pflichtschulzeit ins Visier nimmt. Die bislang letzte PIRLS-Studie stammt aus dem Jahr 2016. Sie bescheinigt den zehnjährigen österreichischen Schülerinnen und Schülern eine passable Lesekompetenz: Mit 541 Punkten liegen sie signifikant über dem Schnitt aller 61 teilnehmenden Länder (521) und ziemlich genau im EU-Schnitt (540). Im EU-Ranking liegt Österreich unter 24 partizipierenden Ländern auf Rang 16. Der Vorsprung der Mädchen auf die Buben beträgt nur sechs Punkte. 16 Prozent der österreichischen Schüler sind bei PIRLS als extrem leseschwach ausgewiesen. Das ist unter dem EU-Schnitt (18 Prozent) und weit unter dem internationalen Mittel (26 Prozent). Die PISA-Studie dagegen sieht die 15-jährigen österreichischen Schüler mit einem Schnitt von 485 Punkten signifikant unterhalb des OECDMittels von 493. Unter 38 OECD-Ländern bedeutet das Platz 25. Über dem OECDSchnitt von zwanzig Prozent liegt in Österreich dagegen der Anteil der Risikogruppe, nämlich bei dreiundzwanzig Prozent. Darin sind jene Schüler erfasst, die nicht sinnerfassend lesen können. In der PISA-Studie übertreffen die österreichischen Mädchen die Burschen an Lesekompetenz um zwanzig Punkte, was in etwa dem durchschnittlichen europäischen Kräfteverhältnis entspricht, in unserem Land aber eine bemerkenswerte Annäherung abbildet. Denn früher war der Abstand fast doppelt so groß. Seine Verringerung führen die Autoren des „Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung“, das die PISA-Tests in Österreich realisiert, teilweise auch darauf zurück, dass 2015 die Erhebungen erstmals computerbasiert stattfanden: Beim Lesen elektronischer Texte schneiden Mädchen weniger gut ab als bei gedruckten Texten.

TEXT: BRUNO JASCHKE

„Beim Lesen literarischer Texte lernt man den Umgang mit Komplexität“ GÜNTHER STOCKER, UNIVERSITÄT WIEN

Christina Sulzer aka Crissy Catella, HTL St. Pölten

Ist Lesen heute nur noch nutzloser Zeitvertreib? Zum Teil lassen sich die Diskrepanzen zwischen PIRLS und PISA durch die Messmethoden erklären: Der OECD-Schnitt der PISA-Studie ist ein wesentlich härterer Gradmesser als der Schnitt aller Teilnehmerländer (inklusive mehrerer leseschwacher Länder), der in der PIRLS-Studie angewandt wird. Unleugbar belegt das Gefälle allerdings auch, dass bei österreichischen Kindern im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren mit der beginnenden Pubertät viel an Lesekompetenz versiegt. Dieses Phänomen ist bei Buben viel stärker ausgeprägt als bei Mädchen. Dafür gibt es mehrere Deutungen. Susanne Blumesberger, Obfrau der „Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung“, Lehrbeauftragte der Universität Wien für Kinder- und Jugendliteratur und Leiterin Repositorienmanagement PHAIDRA-Services, verweist auf den geringen Stellenwert, den Lesen als „nutzloser Zeitvertreib“ gegenüber der Arbeit früher hatte. In Folge dieser Geringschätzung habe sich Lesen als „häuslich“ und „weiblich“ etabliert. Zur Fortschreibung dieser Konnotation trage möglicherweise auch bei, „dass viel mehr Frauen als Männer für Kinder schreiben“. Christine Garbe, emeritierte Literaturwissenschaftlerin an der Universität Köln und renommierte Leseforscherin, ergänzt, dass auch die sonstigen Instanzen des Schriftspracherwerbs weiblich dominiert sind: Lehrerinnen. Kritikerinnen, Lektorinnen, Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen. Demgegenüber fehlen männliche Vorbilder. Das führe zu einer Reihe direkter und indirekter Probleme für die literarische Sozialisation von Burschen: Direkt, so Garbe in ihrem Essay „Echte Kerle lesen nicht!?“ aus dem „Handbuch Jungen-Pädagogik“, „indem Jungen lernen, Literalität mit ‚Weiblichkeit‘ zu verknüpfen, was im Sinne ihres Aufbaus einer männlichen Geschlechtsidentität spätestens in der Pubertät Probleme bereitet.“ Indirekt durch weibliche Themenführerschaft bei Auswahl und Inhalten der Bücher, die in Schulen gelesen werden. „Es müsste“, meint Blumesberger, „Vorbilder geben, mehr Bücher, die sich nicht gezielt an Mädchen richten, sondern auch von Buben gelesen werden können, ohne dass sie sich zum Gespött ihrer Freunde machen.“ Liebesgeschichten versus Schlachten und mythische Wesen Christina Sulzer versucht genau dieses Defizit zu beheben. Die 35jährige Wirtschaftslehrerin an der HTL St. Pölten, die unter ihrem Mädchennamen Frommhund einige Geldratgeber bei Ueberreuter verfasst hat, wollte das Desinteresse der Schüler am Lesen nicht länger hinnehmen: „Wie ich von meinen Burschen gehört habe, Lesen sei fad

und eine unnötige Zeitverschwendung, bin ich auf die Idee gekommen, in Zusammenarbeit mit anderen Lehrkräften und Buchhandlungen Umfragen zu machen: Warum wird Lesen als fad begriffen? Erste Wortmeldungen waren: Da schläft man auf der ersten Seite ein. Wenn man nachbohrt: die Inhalte.“ Mädchen forcierten eher Liebesgeschichten, während Buben Schlachten und mythologische Lebewesen wollten. Auf diesen Grundlagen schrieb Sulzer die an Motive aus der griechischen Mythologie angelehnte, mit Kampfgetöse, amourösen Dramen und Ränkespielen angereicherte AbenteuerFantasy „Das Vermächtnis der Arassis“, die sie unter dem Namen Crissy Catella beim Leipziger familia Verlag veröffentlichte. Dem ersten „Arassis“-Band sind mittlerweile ein Sequel sowie ein Spin-off mit dem Titel „Argos von Arassis“ gefolgt, mit dem Sulzer einem ausdrücklichen Wunsch ihrer Leser nachkam, dem sprechenden Hund gleichen Namens eine eigene Saga zu geben. Ergänzt werden die Bücher durch Unterrichtsmaterialen, Fan-Artikel und – ein Faktor, dem Sulzer großes Gewicht einräumt –, umfassende Aktivitäten in sozialen Medien, mit denen Kinder mit der Autorin kommunizieren und Wünsche und Ideen für Bücher äußern können. Ihre mittlerweile stark nachgefragten Gastspiele in Schulen gestaltet Sulzer zielgruppenspezifisch und interaktiv. „Die besten Erfahrungen habe ich mit Wettbewerben gemacht.“ Kinder, so hat Sulzer beobachtet, „lesen heute nicht weniger, sie lesen anders“. Ob aber die Verlagerung der Leseaktivitäten ins digitale Allerlei der Lesekompetenz gut bekommt, ist unter Experten recht umstritten. Susanne Blumesberger lässt leichte Skepsis anklingen: „Ich glaube, das Medium ist egal, es macht allerdings einen Unterschied, ob man Beiträge auf Twitter, fehlerstrotzende Blogs oder anspruchsvolle Literatur liest.“ Günther Stocker, der als Literaturwissenschaftler an der Universität Wien literarisches Lesen fokussiert, ist überzeugt, dass das Medium an sich mit der Leseerfahrung in Wechselwirkung steht. Darüber wird er ab Juni mit Hajo Boomgarden vom Wiener Publizistik-Institut ein dreijähriges Forschungsprojekt beginnen. Dem Stakkato vieler Textvermittlungsformen im Internet kann Stocker wenig abgewinnen: „Grundsätzlich ist festzuhalten, dass der Großteil der gesellschaftlichen Zusammenhänge, Probleme, Fragen komplexer sind, als sich in der Kürze einer Twittermeldung oder auf Snapchat aufschreiben lässt – auch wenn uns der US-Präsident das Gegenteil glauben machen möchte. Was bei der Lektüre literarischer Texte, vor allem bei längeren Texten, erlernt wird, ist nicht nur der vielbeschworene ,lange Leseatem’, sondern vor allem der Umgang mit Differenziertheit und Komplexität.“

FOTOS: INSTITUT FUERGERMANISTIK UNIVERSITÄTWIEN, FAMILIA VERLAG

Burschen sind im Lesen schwach. Weil ihnen Vorbilder fehlen, sagen Experten


FOTO: FRANCES STUSCHE

TITE LTH E M A   :   H EU R E KA  2/19   FALTER 21/19  15

Frances Stusche, You have to

www.francesstusche.com


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Vom Bildungsverlierer zur Führungskraft Burschen gelten als Bildungsverlierer, doch Frauen sind die Karriereverlierer. Warum? ie statistischen Daten sind eindeutig“, sagt Johann Bacher. Er ist Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Johannes Kepler Universität Linz. Bildung ist nicht länger Männersache. Mädchen bleiben seltener sitzen und haben bessere Noten. Sie maturieren häufiger und sind erfolgreicher im Studium als Burschen. „In der Summe haben Mädchen die Burschen bezüglich des Erfolgs in der Schul- und Bildungslaufbahn seit den 1990er Jahren deutlich überholt“, resümiert Bacher, der intensiv zu geschlechtsspezifischen Bildungsungleichheiten in Österreich geforscht hat. Frauen liegen auch an der Universität schon vorne Im Zuge von Bildungsexpansion und Bildungsreformen wurden bis dahin bestehende Benachteiligungen von Mädchen sukzessive abgebaut. Auch Schülerinnen wurden dazu ermutigt, höhere Schulen zu besuchen. Heute liegen die Mädchen in Führung: Im Schuljahr 2017/2018 betrug der Mädchenanteil in der AHS-Oberstufe 57,8 Prozent. 2017 waren 57,5 Prozent der Maturanten weiblich. 55,8 Prozent der Studienabschlüsse an Österreichs Universitäten gingen im Studienjahr 2016/17 auf das Konto von Frauen. Mädchen schneiden in der Schule nach wie vor besser beim Lesen ab, Burschen sind in Mathematik erfolgreicher. Aber selbst das ändert nichts daran: Unterm Strich bleiben Mädchen die besseren Schüler. „Es wird dafür wohl nie die eine Erklärung geben. Oder den einen Ansatz, der das alles erschöpfend erklärt“, meint Marlene Kollmayer. Die Psychologin ist im Arbeitsbereich Bildungspsychologie und Evaluation am Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien tätig. Die Pubertät ist an allen Unterschieden schuld „Die Geschlechterunterschiede beginnen in der Unterstufe, also mit dem Eintritt der Pubertät, zu wachsen. Davor sind sie gering. Daher sind ihre Ursachen auch in der Pubertät und im Beginn der Jugendphase zu suchen“, erklärt Soziologe Bacher. Kollmayer bestätigt das: „Wir starten eigentlich alle mit ganz ähnlichen Voraussetzungen. Je jünger die Kinder sind, desto weniger unterscheiden sich Mädchen und Buben. Je älter Personen werden, desto größer werden auch die Unterschiede.“ Das wiederum lässt darauf schließen, dass Sozialisationsprozesse in der Entstehung derartiger Differenzen eine wesentliche Rolle spielen. „Meiner Ansicht nach sind Geschlechterstereotype dabei etwas ganz Zentrales“, betont Kollmayer. „Wir gehen oft davon aus, dass wir ja alle schon viel weiter sind. Die psychologische Forschung zeigt aber, dass Geschlechterstereotype immer noch ungemein mächtig und präsent

TEXT: MARTINA NOTHNAGEL

„In der Schule haben die Mädchen die Burschen längst überholt“ JOHANN BACHER, UNIVERSITÄT LINZ

Marlene ­Kollmayer, Universität Wien

sind.“ Von Männern und Burschen wird nach wie vor Durchsetzungsfähigkeit, Stärke und Unabhängigkeit erwartet. Frauen und Mädchen hingegen gelten als expressiv, fürsorglich und sozial. In der Schule werden genau diese Verhaltensweisen gefordert und gefördert. „Es geht darum, dass man ruhig sitzen kann, zuhört, brav und fleißig ist. All das sind Eigenschaften, die mit dem weiblichen Stereotyp sehr viel besser zusammenpassen als mit dem männlichen“, erklärt Kollmayer. Jugendkulturelles Muster bei Männern: deviantes Verhalten Auch Soziologe Bacher betont die Bedeutung, die sozio-kulturellen Einflüssen in der Entstehung geschlechterspezifischer Leistungsunterschiede zukommt. „Es ist ein Zusammentreffen von zumindest zwei Faktoren“, meint er. „Einerseits die Pubertät als entwicklungsbiologischer Punkt. Und andererseits sozio-kulturelle Muster, wobei traditionell die männlichen jugendkulturellen Muster eher in Richtung abweichendes, deviantes Verhalten gehen.“ Das zentrale Thema der Pubertät ist die Suche nach Identität. Es gilt ein kohärentes Selbstbild zu entwickeln, das auch zu den vorherrschenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit passt. Strebsam und fleißig zu sein, lässt sich prima mit weiblichen Geschlechterrollen vereinbaren. Bei der Männlichkeit spießt es sich mitunter. „Studien zeigen, dass fleißig sein und sich in der Schule anstrengen für Burschen oft negative Folgen hat“, sagt die Psychologin. „Während Mädchen nicht weniger beliebt werden, wenn sie in der Schule gut sind, ist das bei Burschen anders. Je mehr man sich anstrengt, desto weniger zählt man als richtiger Bursche.“ Eine Aussicht, die nicht dazu motiviert, sich besonders anzustrengen. Vor allem nicht in der Pubertät, in der (gleichgeschlechtliche) Gleichaltrige immer mehr Einfluss und Bedeutung gewinnen. „Wenn Burschen Forderungen nachkommen, die eine Schule an sie stellt, kann das für sie zum Problem werden“, meint Kollmayer. „Weil man dann kein cooler Typ mehr ist.“ Der Phönix aus der Schulasche: Auf zur Führungsposition! Bachers Studien zeigen außerdem, dass auch die Kriterien der Leistungsbeurteilungen den Burschen nicht in die Hände spielen. Für den Erfolg in der Schule ist Lesen wichtiger als Mathematik. „Es ist durchaus gerechtfertigt, dem Lesen als elementarer Technik große Bedeutung zuzuschreiben“, meint Bacher. Doch „wenn das Lesen sehr stark gewichtet wird und da Burschen eben traditionell schlechtere Leistungen erzielen, nimmt dadurch natürlich die Benachteiligung der Burschen noch stärker zu.“ In Schule und Ausbildung mögen Burschen benachteiligt sein, spätestens als

­ rwachsene sind sie es nicht mehr. Männer E verdienen durchschnittlich mehr, haben häufiger Führungspositionen inne, machen steilere Karrieren. Aus Bildungsverlierern werden Karrieregewinner. Auch das lässt sich mit persistenten Geschlechterstereotypen und Geschlechterrollen erklären. Die als fürsorglich und sozial geltenden Frauen können sich selten voll aufs Berufsleben konzentrieren. Sie sind für Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen zuständig. Sie nehmen Karenzzeiten und Teilzeitbeschäftigungen in Kauf, während die Männer sich ums Geldverdienen kümmern und ihre Karrieren vorantreiben. Die emsige, brave Schülerin passt nicht so recht zum Anforderungsprofil der durchsetzungsfähigen Führungspersönlichkeit. Dafür sind stereotyp männliche Eigenschaften gefragt. „Das wiederum führt dazu, dass Frauen es sich gar nicht zutrauen, Führungspositionen anzustreben“, erklärt Kollmayer. „Sie haben in Bewerbungsgesprächen schlechtere Chancen. Weil sie der Erwartung, wie eine gute Führungskraft ausschauen soll, nicht entsprechen.“ Unterschiedliche Karriereerfolge von Männern und Frauen sind auch mit der Studien- und Berufswahl zu erklären. Frauen wählen nach wie vor vermehrt weiblich konnotierte Berufe, sie arbeiten im Bildungs-, Gesundheits- oder Sozialbereich. „Die Mädchen entscheiden sich für Schulformen und später für Studienrichtungen, die mit geringeren beruflichen Aufstiegsund Verdienstchancen verbunden sind“, konstatiert Bacher. „Allerdings – und das erscheint mir wichtig – stellt sich die Frage, warum zum Beispiel Tätigkeiten im Sozial- oder Gesundheitsbereich geringer bezahlt werden.“ Nicht das Geschlecht entscheidet, sondern der Status Müssen wir uns um die Burschen in der Schule Sorgen machen? „Geschlecht ist nicht das vorrangige Problem des österreichischen Schulsystems“, sagt Bacher. „Es hat andere Probleme. Der Hauptungleichheitsfaktor ist der sozio-ökonomische Status der Eltern. Das heißt, Unterschiede nach Bildung, Beruf und Einkommen der Eltern sind deutlich größer als die Unterschiede zwischen dem Geschlecht.“ Er fordert daher mehr Ressourcen für Schulen in sozial benachteiligen Gegenden. Kollmayer wiederum geht es um ein Aufweichen von Geschlechterstereotypen. „Bildungsinstitutionen sind eine gute Möglichkeit, um da einzugreifen“, sagt sie. „Wo denn sonst? Schule ist einer der wenigen Punkte, an dem wirklich alle Kinder erreicht werden können. Und zwar, bevor sie stereotype Geschlechterrollen zu sehr verinnerlicht haben.“ Kollmayer ist optimistisch: „Bei der ganz jungen Generation werden die Geschlechterstereotype weniger. Ich bin daher hoffnungsvoll.“

FOTOS: CARINA ALTREITER, PRIVAT

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ILLUSTRATION: ALIYA NURGALIYEVA

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Aliya Nurgaliyeva, At the Top

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Ein Wunder von Schule am Land U

nd überall ist alles voller Wunder“, sagt der neunjährige Jannik zu europäischen Regierungsbeamten, als er sie durch „seine“ Schule am See in Hard am Bodensee führt. Neun kleine, jahrgangsgemischte Schulen in drei Häusern unter einem Dach mit 680 Kindern vieler Nationen, achtzig Lehrern, einem Schulleitungsteam, vielen engagierten Menschen aus der Schülerbetreuung, dem Gebäudewarteteam, der Küchencrew und ehrenamtlich tätigen Personen. Jannik kommt morgens mit dem Scooter. In der „Ackerdemie“ kontrolliert er die Saat in seiner Kiste. Fünfzig Bäume wurden schon gepflanzt, hundert sollen es noch werden – ein wilder Garten Eden. Drei Innenhöfe verkörpern Stein, Holz und Wasser. Über den Wasserhof, durch den Bäche fließen werden, in denen Kinder Schiffchen fahren lassen, geht er in die Garderobe seines Schulhauses, trifft Ronja (13), hilft einem Erstklässler beim Schuhausziehen und studiert auf den von zwei autistischen Schülern programmierten Bildschirmen, was es zu essen gibt: Gemüseleibchen mit Salat oder Putenpicatta mit Tomatenspaghetti. Das Restaurant wird von der Lebenshilfe geführt. Jedes Kind arbeitet eine Woche lang in der Küche mit. Kinder und Erwachsene essen gemeinsam. „Wir arbeiten viel im Freien“, sagt Jannik und führt über die Terrassen entlang der Klassenzimmer. Die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen. Jannik zählt auf, was es noch alles gibt: eine Dreifachsporthalle, Profisportler, Yogalehrer, Theater- und Spielpädagogen, einen Raum für „Original Play“, in dem die Kinder nach festen Regeln rangeln, einen Veranstaltungssaal mit Bühne, Flügel und Technik, Schulbands und Musikschullehrer. „Wir dürfen den Unterricht für eine halbe Stunde verlassen, um ein Instrument zu lernen.“ Karin Dorner leitet die Volksschule Hard. Gemeinsam mit Christian Grabher, der die NMS führt, setzt sie ein Konzept um, bei dem sie sich vor allem an Maria Montessori, aber auch an Jesper Juul und Helle Jensen, einer dänischen Psychologin orientiert. Ihr Werk „Schule braucht Beziehung“ bildet den Leitfaden für Dorner, die in regem Austausch mit Jensen steht. „Wir sind ein Schulhaus von der ersten bis zur achten Schulstufe. Bei uns arbeiten Volks-, Mittel-, AHS- und Sonderschullehrer sowie Fachleute für viele Begabungen. Jedes der drei Schulhäuser hat einen Sprecher. Es gibt wöchentliche Sitzungen und einen monatlichen Schülerrat. Die neun kleinen Schulen in einem Gebäude sollen Geborgenheit vermitteln. Wir haben Schoolguides wie Jannik, auf die ich mich verlassen kann.“ Das größte Infrastrukturprojekt in der Geschichte Hards Harald Köhlmeier, der Bürgermeister von Hard, sagt zur Schule: „Wir haben ein Direktorenteam, das für innovative Schul­

TEXT: IRMGARD KRAMER

Harald Köhlmeier, Bürgermeister von Hard

Karin Dorner, Volksschuldirektorin

Carlo Baumschlager, Architekt

Ralf Bernhardt, Projektleiter

formen glüht und unser vollstes Vertrauen genießt. Schule im 21. Jahrhundert ist über die Wissensvermittlung hinaus ein komplexes soziales Gefüge, in das zahlreiche Lebensbereiche hineinspielen. Dem muss auch die Architektur von ,Baumschlager Hutter Partner‘ Rechnung tragen. Ich war sofort begeistert von der Idee einer inklusiven Schule mit einem jahrgangsgemischten Unterricht in gemeinsamen Lernräumen. So sind die besten Voraussetzungen gegeben, um Kinder individuell zu fördern und zu fordern. Jüngere haben die Möglichkeit, von Älteren zu lernen und umgekehrt. Die Schule ist mit einem Investitionsvolumen von rund 42,5 Millionen Euro das größte Infrastrukturprojekt in der Geschichte unserer Gemeinde.“ Sämtliche Beschlüsse zur Schule wurden im Gemeinderat einstimmig angenommen – in Hard gab es das noch nie. „Wer zu wenig Zeit in die Phase vor der Gebäudeplanung steckt, wird Probleme bekommen“, sagt Michael Pölzer, der als Bauherrenvertreter das Projekt bis zur Fertigstellung begleitete. „Daher haben wir einen großen Aufwand bei der Vorbereitung für den internationalen Architekturwettbewerb betrieben. Der Verfahrensorganisator Gerhard Gruber hat die richtigen Fragen für diesen Wettbewerb formuliert und es geschafft, die Sprache der Pädagogen in die Sprache der Architekten umzusetzen.“ Weg vom betonierten Unterrichtsprogramm „Das Projekt von ,Baumschlager Hutter Partners‘ zeichnete sich dadurch aus, dass es die vielschichtige Aufgabenstellung herausragend erfüllt“, so Bürgermeister Köhlmeier. Es ist eine Clusterschule. Ihr Prinzip wurde in Dänemark entwickelt. Architekt Carlo Baumschlager, der Schuhkartonklassen, wie wir sie kennen, für einen großen Fehler hält, erklärt dazu: „Kinder lernen von drei Faktoren: Lehrern, Mitschülern und vom Schulgebäude selbst. Das Potenzial des Einzelnen steht im Vordergrund. Heute ist nicht vorhersehbar, was in dreißig Jahren sein wird. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit, in völlig freien, also auch chaotischen, Strukturen agieren zu können. Dafür müssten sich die Menschen Wege und Räume selbst organisieren. Unsere herkömmlichen Schulen hingegen sind betoniertes Unterrichtsprogramm. Die Räume in Hard spielen alles, aber Lehrpersonal wie Kinder müssen mit ihnen umgehen lernen. Es war der erste Schulentwurf, bei dem wir die Freiheit hatten, einen eigenen Typ zu entwickeln. Das Gebäude ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Nachhaltigkeit.“ Kinder erklären Erwachsenen ihre Schule Ralf Bernhardt war auf Architektenseite der Projektleiter und ständiger Ansprechpartner für die beiden Direktoren. „Wir haben uns

hingesetzt und gefragt: Was macht ein Kind, wenn es morgens zur Schule kommt? Was macht ein Lehrer? Wie ist der Ablauf über den Tag hinweg? Die Direktoren konnten dazu sehr konkrete Angaben machen – und haben uns trotzdem viel Spielraum gelassen. Wir haben uns den Unterricht angesehen und waren begeistert. Vor allem davon, wie dort soziale Kompetenz gefördert wird.“ Jedes Detail wurde hinterfragt. „Was braucht’s wirklich? Uns reichten zwei Tischhöhen, die wir über höhenverstellbare Stühle ausgleichen. Bei jeder Entscheidung haben wir uns an der Pädagogik orientiert. Zum eigenverantwortlichen Handeln gehört auch, dass Kinder mit der Haustechnik vertraut sind. Die Kinder sollen technische Zusammenhänge verstehen und eingreifen können. So muss in den Klassenbereichen die Minimallüftung durch eigenes Handeln ergänzt werden, die Kinder öffnen Lüftungsklappen oder gehen auf den Balkon. Geheizt wird mit Fernwärme. Wir sind beim Bau oft von gängigen Normen abgewichen und konnten ausreichende Begründungen liefern – und die Behörden gingen mit. Das Budget wurde nicht überschritten.“ Zur Eröffnung kamen fünftausend Menschen. Alle sind stolz auf ihre Schule. „Wenn Kinder den Erwachsenen erklären, wie die Schule funktioniert, kriegt man Gänsehaut“, sagt Bernhardt. „Erst dann wird klar, was hier geschaffen wurde. Ich habe das Gefühl, dass diese Schule mit ihrem Konzept über die Grenzen hinaus berühmt werden wird. Für mich war diese Arbeit einmalig. Ich fürchte, dass ich das nie wieder erleben darf.“ Kinder mit Kompetenzraster statt Schulnoten Karin Dorner sitzt nachdenklich an ihrem Schreibtisch und schaut in ein Wasserglas, in dem 680 Glücksmurmeln schwimmen, eine für jedes Kind. „Wir haben alles in die Wege geleitet und müssen es nur noch verfeinern. Aber was wollen wir gegen die neuen Gesetze ausrichten? Hoffentlich finden wir Lösungen, um mit den vom Bildungsministerium geforderten Veränderungen kreativ umzugehen. Die Schulaufsicht und das Land Vorarlberg stehen hinter uns. Ein Separieren der Kinder geht gegen meine Überzeugung. Bis zur sechsten Schulstufe gibt es bei uns keine Noten. Jedes Kind orientiert sich an einem Kompetenzraster und bekommt jährlich einen Lernentwicklungsbericht. Lehrende sind Tutoren, die mit den Kindern planen, in welcher Zeit sie was lernen. Das alles aufgeben? Das schaffe ich nicht. Aber ich werde nicht das Handtuch werfen, in so einer Schule, mit so einem wunderbaren Team!“ Jannik kommt herein und gibt sein Schoolguides-T-Shirt ab. Die Besucher stehen jetzt auf der Terrasse, beobachten, wie die Sonne im See untergeht und selbst der größte Skeptiker unter ihnen findet nur noch ein Wort: „Magisch.“

FOTOS: MARIO DEBORTOLI, IRMGARD KRAMER, MEDIART | ANDREAS UHER, DARKO TODOROVIC

Der kleine Ort Hard am Bodensee hat mit viel Engagement eine Musterschule entwickelt


ILLUSTRATION: SARAH BORINATO

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Sarah Borinato, Yin and Yang? - Do we complete each other?

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:  VO N A B I S Z

Schülerinnen und Schüler: Das Glossar JOCHEN STADLER

Analphabeten  In Österreich gibt es in der Altersklasse von 16 bis 65 Jahren trotz jahrhundertelanger Unterrichtspflicht 970.000 Menschen, die nur unzureichend lesen und schreiben können. Aufnahmeprüfungen  Sollen die unterfinanzierten Universitäten vor zu vielen Studierenden bewahren, führen aber auch dazu, dass die Matura abgewertet wird. Aufzeigen  Unbedingte Voraussetzung dafür, dass der Schüler vom Lehrer die Chance bekommt, ungefragt, aber nicht unaufgefordert den Mund aufzumachen. Ausbildung  Erwerb von Fertigkeiten und Wissen für einzelne Berufe. Auswendiglernen  Schreibt Lerninhalte für die Prüfung abrufbereit ins Gehirn, wo es anschließend rasch wieder Platz für Neues macht. Betragensnote  Zeigt an, wie gut jemand zur Systemkonformität erzogen wurde. Bildung  Formung eines Menschen zu einer Persönlichkeit mit möglichst hochstehenden geistigen, physischen, sozialen und kulturellen Fähigkeiten. Burschen  Bekommen in der Schule vermittelt, dass sie Mathe-, Physik-, und Technikasse sein müssen, die sprachlich und sozial dem weiblichen Geschlecht unterlegen sind. Ethikunterricht  Soll in Österreich eingeführt werden, damit ReligionsAbmelder nicht durch Freistunden bevorzugt sind. Frontalunterricht  Meistpraktizierte Form der Wissensvermittlung in Österreich. Hauptfach  Durch Schularbeiten geadeltes Unterrichtsfach, bei dem Schüler sitzenbleiben können, ohne dass sich der Lehrer dafür rechtfertigen muss. Interesse  Junge Menschen haben ein natürliches Verlangen, neue Dinge zu erfahren und dazuzulernen. Bis es ihnen durch Zwang verleidet wird. Klassenprimus  Hat den anderen gegenüber von Anbeginn aus irgendwelchen Gründen einen kleinen Startvorteil, der durch das System immer weiter ausgebaut wird. Klingelton  Verwandelt eine Horde wilder Kinder in systemkonforme Sesselkleber und wieder zurück. Lehrer  Versucht stundenweise die Aufmerksamkeit einer Schar Kinder oder Teenager an sich zu binden und ihnen nebenbei Wissen über etwa die deutsche oder englische Sprache, Mathematik, Physik und Kunst zu vermitteln. Lehrplan  Verhindert effizient, dass Lehrer den Unterricht den eigenen Vorlieben und Veranlagungen entsprechend auslegen und an die Fähigkeiten und Eigenarten der Schüler anpassen können. Lernschwäche  Bedeutet oft nur, dass diese und jene Art bei manchen Schülern nicht zielführend ist, ihnen Wissen

und Fähigkeiten effizient zu vermitteln. Mädchen  Bekommen in der Schule subtil vermittelt, dass sie in Mathematik, Physik und Chemie den Burschen unebenbürtig sind, dafür in Handarbeiten, Kochen, Sprechen und Lesen genetische Vorteile besitzen. Matura  Finales Prüfungszeremoniell, mit dem die Lehrer ihre Schüler noch einmal so richtig nervös machen können. MINT-Fächer  Die Unterrichtsbereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, in denen die sich selbst erfüllende Prophezeiung aufgeht, dass Burschen in diesen Fächern besser als Mädchen sind. Nebenfach  Schultechnisch als Nebensächlichkeit deklariertes Unterrichtsfach wie Chemie, Biologie, Physik, die eigentlich für unser Leben weit mehr Bedeutung haben als abstrakte Mathematik oder die tote Sprache Latein. Note  Gibt Aufschluss darüber, wie gut ein Lehrer einem Schüler Wissen vermitteln konnte. Pause  Der bei den Schülern beliebteste Abschnitt der Schulzeit. Prüfung  Formaler Test, ob Schüler für ein paar Minuten oder Stunden abrufbereit im Kopf haben, was man ihnen über Monate bis Jahre hinweg erzählt hat. Ruhig sitzen  Das Erste, was Burschen und Mädel in der ersten Schulstunde lernen, ist nahezu unbewegt dazusitzen und den Mund zu halten. Schule  Institution, in denen Lehrer den Kindern und Jugendlichen Wissen und Können vermitteln sollen. Nebenbei auch soziale Werte – wie das gehen könnte, wurde ihnen in der Ausbildung aber kaum bis gar nicht mitgegeben. Schüler  Person, die in der Schule sitzt und dem Lehrer zuhört, oder auch nicht. Schulpflicht  Existiert in Österreich nicht. Hierzulande muss man nicht zur Schule gehen, sondern kann sie durch häuslichen Unterricht ersetzen. Sitzenbleiben  Verdammt Schüler dazu, haargenau denselben Stoff in sämtlichen Fächern ein ganzes Jahr lang noch einmal wiederzukäuen, weil sie in einzelnen Fächern Nachholbedarf oder Lernschwierigkeiten hatten. Streber  Schüler, der gut mit dem System zurechtkommt und fleißig durch inneren oder äußeren Druck angetrieben lernt. Unterricht  Vorgang, bei dem Wissende Unwissenden Wissen vermitteln. Unterrichtspflicht  Wurde von Maria Theresia 1774 nicht gar deswegen eingeführt, die Leute zu schlauen, mündigen Staatsbürgern heranzubilden, sondern um die Zöglinge auf Untertänigkeit gegenüber Gott und den Herrschern zu trimmen. Zeugnis  Beurteilt den Leistungsstand eines Schülers aus der Sicht der Lehrer.

:   F R E I H A N D B I B L I OT H E K BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON

Feministische Schulen, um Mädchen mehr Mut zu geben

Gender im Klassenzimmer: Warum man das wirklich braucht

Wenn eine Gesellschaft wünscht, dass (mehr) Frauen Erfolg haben, müssen die Schulen entsprechend angepasst werden: Hiervon geht die Aktivistin und Filmemacherin Sally Nuamah aus. In ihrem Buch spricht sie sich für Bildungseinrichtungen aus, die sie „Feministische Schulen“ nennt – Schulen also, die junge Mädchen unter anderem in den Bereichen Selbstbewusstsein, Mut und Moral fördern. Nuamah meint, dass derzeit in vielen Schulen, so modern sie scheinen mögen, noch immer verankert ist, dass sie für Burschen geschaffen wurden.

Angehende Lehrer erhalten eine umfangreiche pädagogische Ausbildung. Allzu oft aber wird die Komponente „Gender im Klassenzimmer“ vernachlässigt. Wie unterscheiden sich Fähigkeiten und Lernverhalten bei Burschen und Mädchen? Welche didaktischen Möglichkeiten gibt es, die jeweiligen Geschlechter gezielt zu fördern? Wie verändert sich die Dynamik innerhalb einer Klasse, wenn man auf den Faktor Geschlecht eingeht? Antworten auf diese Fragen suchen die Professoren David Sadker und Ellen S. Silber. Dabei bieten sie praktische Lösungsansätze.

How Girls Achieve. Sally A. Nuamah. Harvard University Press, 216 S.

Gender in the Classroom. David Sadker und Ellen S. Silber. Routledge, 318 S.

Als plötzlich Frauen zum Studium zugelassen wurden (weil man sie brauchte)

Wie Buben und Mädchen lernen und wann geschlechtergetrennte Klassen sinnvoll sind

Die 1960er-Jahre brachten große Veränderungen im Bildungswesen: In den USA und Großbritannien beschlossen am Ende der turbulenten Dekade Universitäten wie Princeton, Harvard und Yale bzw. Colleges in Oxford und Cambridge, Frauen zum Studium zuzulassen. Nancy Weiss Malkiel hat tief in den Archiven gegraben, um diesen Umbruch, der in relativ kurzer Zeit vollzogen wurde, und den Widerstand dagegen zu beschreiben. Überraschend: Nicht Lobbying von Frauenseite gab den Ausschlag, sondern Kalkulationen männlicher Entscheidungsträger.

Burschen und Mädchen lernen unterschiedlich, auch weil sich ihre Gehirne unterschiedlich entwickeln. ­Michael ­Gurian zeigt in seiner „Anleitung für Eltern und Lehrer“ Wege, wie man mit diesen Differenzen umgehen und beiden Geschlechtern gerecht werden kann. Seine Methode berücksichtigt u.a. Hirnforschung, neurologische Entwicklung und hormonelle Ungleichheiten. Sie hat sich im Rahmen einer zweijährigen Studie in sechs Schulbezirken Missouris als effektiv erwiesen. Gurian erklärt, wann es sinnvoll ist, gegeschlechtergetrennte Klassen zu führen

Keep the Damned Women Out: The Struggle for Coeducation. Nancy Weiss Malkiel. Princeton Univ. Press, 646 S.

Boys and Girls Learn Differently! Michael Gurian und Kathy Stevens. Jossey-Bass, 400 S.


ILLUSTRATION: MONIKA ERNST

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Monika Ernst, Auf Kosten der Weisheit

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„Mr. Green Africa“ kann bereits mit europäischen Produktstandards mithalten

Fairtrade bei Plastikrecycling Die Johannes Kepler Universität in Linz unterstützt das Plastik­wiederverwertungsprojekt „Mr. Green Africa“ in Kenia

W

ährend Europa seinen „Plastikmüll“ beklagt, sind Plastikflaschen in Teilen Afrikas, etwa in Kenia, notwendig. Denn sie garantieren der Bevölkerung zumindest sauberes Trinkwasser. Auch stellt ihre Wiederverwertung einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung dar. „Das EU-Parlament schießt mit Kanonen auf Spatzen. Ein durchschnittlicher Österreicher belastet die Umwelt mit seinen Plastiksackerln im Jahr etwa so sehr, als würde er fünfzehn Kilometer Autofahren“, sagt Reinhold Lang, Vorstand der Chemie und Kunststofftechnik an der Johannes Kepler Universität Linz. Sein Institut ging 2017 eine Kooperation mit dem „RecyclingPionier“ Keiran Smith ein, besser bekannt als „Mr. Green Africa“. Ein WG-Problem fördert eine Geschäftsidee Es begann 2014 in einer Studenten-WG in Zürich. Weil sich dort keiner der jungen Männer für die Entsorgung von Plastikmüll zuständig fühlte, reifte in den beiden ehemaligen Wirtschaftsstudenten Keiran Smith und Karim Debabe die Idee heran, ein ForProfit Start-up namens „Mr. Green Africa Ltd.“ zu gründen. Es sollte sich, so die Visi-

TEXT: DIETER HÖNIG

on, der professionellen Entsorgung und Wiederverwertung von Kunststoffmüll widmen und Menschen regelmäßig Arbeit bringen. Begonnen wurde in Kenia, dem Land mit der stärksten Wirtschaft Ostafrikas, wo jedoch immer noch vierzig Prozent der Menschen in Armut leben. Anfang Oktober 2014 wurde Kenia zu einem Land mittleren Einkommens aufgewertet. Wirtschaftsanalysten wie Jason Braganza meinen, dass diese Entscheidung vor allem unter dem Eindruck der Zahlen aus produktiven Sektoren wie Landwirtschaft, Telekommunikation, Immobilien und Fertigung zustande gekommen sei. Mit Erfolgen bei der Armutsbekämpfung habe sie nichts zu tun. Den Betreibern des Projekts „Mr. Green Africa“ ist es enorm wichtig, den sozio-ökonomischen Gegebenheiten in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommensniveau Rechnung zu tragen. Denn diese sozio-ökonomischen Gegebenheiten sind der Hauptgrund für Fehlentwicklungen bei der Plastikmüllentsorgung. Die Situation der Abfallwirtschaft in Kenia In Kenia bzw. in dessen Hauptstadt Nairobi funktioniert die Abfallwirtschaft jedoch nur

Best Practise für Fairtrade-Recycling Mittlerweile hat „Mr. Green Africa“ MGA den Hauptsitz in Nairobi und entwickelt sich mehr und mehr zum Best-PractiseModell. Keiran Smith und seinem Partner Karim Debabe gelingt es, ihr Geschäft von der ausbeuterischen und undurchsichtigen Wertschöpfung des informellen Recyclingsektors fernzuhalten, einem Netzwerk von Mittelsmännern, Maklern und Zwischenhändlern. Ihr Geschäftsmodell sieht eine Fairtrade-Beziehung zwischen den Müllsammlern und dem Recycling-Unternehmen vor. Letzteres agiert auch als Clearingstelle zur offiziellen Wirtschaft. Mr. Green Africa errichtete in ganz Nairobi Eigenhandelsstützpunkte, an denen Sammler den von ihnen zusammengetragenen Plastikmüll an Beauftragte der MGA verkaufen können. Von diesen Stützpunkten wird der gesammelte Haushaltsmüll in die MGA-Zentrale gebracht, wo er nach Farbe sortiert, zu Flocken geschreddert und industriemäßig heiß gewaschen wird. Der Handelspreis pro Kilo Plastikmüll ist fixiert und unterliegt keinen Marktschwankungen. Er wird offen kommuniziert und gilt im Vergleich mit anderen ortsansässigen Schrotthändlern als wettbewerbsfähig. Jeder Müllsammler erhält ein eigenes Lieferantenprofil auf einer mobilen FirmenApp, das seine Produktivität und Verlässlichkeit aufzeichnet und analysiert. Müllsammler, die mit MGA regelmäßig zusammenarbeiten, haben Anspruch auf einen Treuebonus, konkret einen noch besseren Preis für ihr Sammelgut. Wer die monatlichen Sammelziele erfüllt, erlangt darüber hinaus Anspruch auf Sozialleistungen wie etwa eine Schutzausrüstung für die Arbeit. Durch die Umgehung des Netzwerks an Mittelsmännern ist es auch möglich, den „Waste Pickers“ mehr zu bezahlen und stabile Abnahmepreise zu bieten. Mit mittlerweile 2.000 registrierten Müllsammlern bestehen langfristige Abnehmerverträge. Das Tagessalär für jeden Einzelnen beträgt je nach Lieferung zwischen einem und vier US-Dollar. „Wir von MGA sehen die Müllsammler als

FOTO: MR. GREEN AFRICA

in eingeschränktem Ausmaß. In den reichen Vierteln wird der Müll gesammelt und unkontrolliert auf Mülldeponien gelagert. Im übrigen Land deponieren die Menschen ihren Haushaltsmist einfach irgendwo auf der Straße, von wo er in unregelmäßigen Abständen von privaten Müllsammlern („Waste Pickers“) eingesammelt und irgendwie zu Geld gemacht wird. Wie in Entwicklungsländern üblich, lebt auch in Kenia eine Vielzahl an Menschen in Armut und bestreitet ihre Existenz unter anderem damit, aus dem herumliegenden Müll Dinge herauszusuchen, die wiederverwertbar sind. „Waste Pickers“ haben weder ein Angestelltenverhältnis, noch sind sie versichert. Der Müll wird zu Mittelsmännern gebracht, die je nach Marktlage zahlen, was kein verlässliches Einkommen ermöglicht. In diesem sogenannten „informellen Sektor“ der Abfallwirtschaft sind die Müllsammler das schwächste Glied in der Kette. Sie können nicht verhandeln und sind von einem undurchsichtigen Netzwerk an Agenten abhängig.


FOTOS: MR. GREEN, INSTITUTE OF POLYMERIC MATERIALS AND TESTING, HERMANN WAKOLBINGER

Z U G U TE R L E T Z T   :   H EU R E KA  2/19   FALTER 21 /19  23

unsichtbare Helden der informellen Recyclingwirtschaft“, erklärt Keiran Smith. „Sie leisten einen beträchtlichen Beitrag für die lokale Umwelt ebenso wie für die Wirtschaft. Aus unserer Sicht stellen Müllsammler die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft dar. Daher muss das Ende ihrer Ausbeutung ebenso Thema sein wie die notorische Unfähigkeit des informellen Recyclingsektors, hochqualitative, wiederverwertbare Rohmaterialien zu liefern.“ „Mr. Green Africa“ setzt auf die Linzer Universität Anfänglich war die Qualität des wiederverwertbaren Materials auch für MGA ein Problem. Es stellte sich heraus, dass es einem einzelnen Unternehmen kaum möglich ist, die Wertschöpfungskette vom Rohstoffabbau bis zum technisch professionellen Recycling allein zu organisieren. Also ging man daran, das MGA-Projekt durch wissenschaftliche Erkenntnisse aus Werkstoffkunde und Materialwirtschaft zu verbessern. Keiran Smith und Karim Debabe knüpften an ihre früheren Kontakte zur Johannes Kepler Universität an und fanden in Reinhold Lang vom „Institut für Polymer Materialien und Testung“ IPMT und in Eric Hansen vom „Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung“ IQD die richtigen Partner, um auch bei Materialqualität und letztlich Absatzfähigkeit der Recyclingprodukte zu punkten. Das IPMT verfügt über Expertise im Bereich der Kunststofftechnik, im Speziellen in der Materialcharakterisierung und bei Materialtests. Das Hauptaugenmerk der Zusammenarbeit liegt in der Analyse der

: GEDICHT

von MGA produzierten Recycling-Endprodukte. Sie werden vom IPMT thermoanalytisch, spektroskopisch und mechanisch getestet, um ihre Qualität und Eignung für die Kreislaufwirtschaft laufend zu verbessern. Die bislang größte Verbesserung bringt die Errichtung eines Heißwasch- und Sortierungsfließbands nach industriellen Maßstäben am MGA-Firmensitz in Nairobi. Zuvor hatten Materialtests ergeben, dass die Endprodukte kontaminiert und unzureichend verarbeitet waren, nicht kommerzialisierbare Farben aufwiesen und mechanischen Belastungen nicht standhielten. Hauptziel der Zusammenarbeit mit dem IQD ist die Analyse des MGA-Geschäftsmodells und der Voraussetzungen, um den informellen Recyclingsektor in eine sozial verträglichere Plastik-Kreislaufwirtschaft zu integrieren. „Die Kunststoffe, die für Mister Green von den Müllsammlern in Nairobi gesammelt werden, sind stark durchmischt und verunreinigt. Wir haben es mit hochgradig verschmutztem Abfall zu tun. Er muss teils in Handarbeit, aber auch in industriellen Wasch- und Sortierprozessen aufbereitet werden. Nur so erhält man Material von hoher Qualität, das auch wieder im Verpackungsbereich eingesetzt werden kann“, erklärt Melanie Wiener vom IQD. Die Recyclingprodukte von MGA können sich mittlerweile in Zusammensetzung und Eignung für die Weiterverarbeitung mit jenen in Europa messen. „Unsere Erkenntnisse zeigen, dass der informelle Recyclingsektor durchaus mit sozialen und sozio-ökonomischen Verbesserungen für die arbeitenden Menschen einhergehen kann“, sagt Wiener.

ERICH KLEIN

:  WA S A M E N D E B L E I BT

Weitertanzen Keiran Smith, Mr. Green Africa

Reinhold Lang, Universität Linz

Melanie Wiener, Universität Linz

AU S : L E S C O N T E M P L AT I O N S

Victor Hugo „Les Contemplations“. Victor Hugos (1802–1885) einhundertsechsundfünfzig Gedichte umfassender Versuch einer Autobiographie in Versen wurde 1856 veröffentlicht.

Ich liebe die Spinne, ich liebe die Brennnessel, weil man sie hasst; ihren düsteren Wunsch, dass keine Gnade, alles Züchtigung ist;

Passanten, gewährt der obskuren Pflanze und dem miserablen Tier Gnade. Bedauert die Hässlichkeit, bedauert die Stiche. Ach! Bedauert das Böse!

weil sie verdammte, erbärmliche, schwarz kriechende Wesen, weil sie traurige Gefangene ihres Hinterhalts sind;

Nichts ist, das nicht voller Schwermut ist; alles will einen Kuss. Voll wildem Entsetzen, da einer verschmäht, sie zu vernichten,

weil sie verstrickt sind in ihr Werk; – ach, welches Geschick! Fatale Knoten! – weil die Brennnessel eine Natter und die Spinne eine Bettlerin ist;

da ein Blick von geringerem Hochmut sie trifft, ganz unten, fern vom Tage murmeln sie – das widerliche Tier und das Unkraut: Liebe!

weil sie den Schatten des Abgrunds tragen, weil man sie flieht, weil beide Opfer der dunkelsten Nacht sind …

(Übersetzung: Erich Klein)

:   I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit

Bei der Eröffnung des Mahnmals der Stadt Wien für die Opfer des Faschismus am Wiener Zentralfriedhof kam es 1948 zum Skandal: Kardinal Innitzer wollte die Blöße des nackten Jünglings am hinteren Rand des Ensembles bedeckt sehen. Der Bildhauer Fritz Cremer reagierte unwirsch: „Ich habe für die Grausamkeit der Tyrannei kein Feigenblatt.“ Die zweite Figur, eine trauernde Frauengestalt, blieb hingegen „namenlos“. Dafür hatte die Lebensgefährtin des Bildhauers, die Tänzerin Hanna Berger, Modell gestanden. 1910 als Tochter einer Arbeiterin aus Meidling in beengten Verhältnissen aufgewachsen, entwickelte sie früh Interesse an Musik und Tanz. In Berlin und Dresden ausgebildet, tourte sie bis in die frühen 1930er Jahre durch Europa und Amerika. Auf den Nationalsozialismus reagierte sie mit dem Eintritt in die Kommunistische Partei. „Damit begann meine Bildung als Mensch, mein Künstlersein, meine Verantwortung gegenüber dem politischen Geschehen.“ 1942 wird sie von einem Berliner Gericht wegen „Ermöglichung staatsfeindlicher kommunistischer Zusammenkünfte in ihrer Wohnung“ zu einer mehrjährigen Kerkerhaft verurteilt. „Neun Monate Gefängnis Berlin. Lange Zeit krank. Freigelassen.“ Auf einem Foto aus dem Juni 1945 ist Berger bei ihrem ersten Wiener Auftritt mit dem Stück „Kampfruf “ zu sehen: Eine schwarzgekleidete Frau schwenkt eine rote Fahne. Trotz Tätigkeiten als Lehrerin, Journalistin und Kulturpolitikerin kann die linke Tänzerin im Wien des Kalten Kriegs nicht Fuß fassen. Ein kleines Wunder rührt dennoch aus diesen Tagen: Vor ihrem frühen Tod 1962 gibt Hanna Berger ihr noch in Kriegszeiten choreographiertes Stück „Die Unbekannte aus der Seine“ an eine jüngere Tänzerin weiter. Eine Frau irrt an der Seine entlang und entscheidet sich für den Freitod: „Die Angst vor dem Weiterleben-Müssen – stärker als die vor dem Tod“, hatte Berger dazu 1942 notiert. Radikaler und düsterer war kaum jemand künstlerisch gegen die Nazis vorgegangen. Und die Weitergabe des Stückes von Tänzerin zu Tänzerin ist bis heute nicht abgerissen. Eva-Maria Schaller, die aktuelle Performerin dazu: „Kunst ist kein Artefakt im Museum. Ich muss in das Stück hineingehen. Das Tanzen ist dann selbst Politik.“ Zu sehen am 29. 5. bei „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“. www.theatermuseum.at


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Der FALTER Think-Tank versammelt Meinungen, Kontroversen und Analysen zu den großen Themen der Zeit. Geschrieben von FALTER-Autorinnen und -Autoren und Österreichs jungen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern.

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