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Der Philosoph kommt auf dem Rennrad Philosophie: Die Zeit, sie eilt im Sauseschritt, Liessmann denkt â wir denken mit
Foto: heribert corn; illustr ation: Andreas dĂŒrer
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as haben die Abseitsregel und Goethes âFaustâ, eine Radtour durch die ungarische Puszta und die nominalistische Geldtheorie Aristotelesâ miteinander zu tun? Ganz genau: Ăber all das und noch viel mehr hat Konrad Paul Liessmann nachgedacht, und was dabei herausgekommen ist, ist in dem nun vorliegenden Band versammelt. Das Buch ist eine Mogelpackung: Der Titel âDas Universum der Dinge. Zur Ăsthetik des AlltĂ€glichenâ und der Umschlag, der ein aufgeschlagenes Moleskine-Notizbuch so wie ein klassisches Brillengestell (Modell Clark Kent) zeigt, suggerieren so etwas wie eine EnzyklopĂ€die von AlltagsgegenstĂ€nden: Liessmann ĂŒber das Jugendlichkeitsversprechen von UmhĂ€ngtaschen, die Retronobilitierung von Hausfrauenkleidchen, das Design von MĂŒsliriegeln und die PhĂ€nomenologie der Freisprechanlage â so was in der Art. Stattdessen findet sich hier eine Reihe von Vorund BeitrĂ€gen, die der Autor in den letzten Jahren zu verschiedenen Gelegenheiten gehalten und verfasst hat. Gewiss, ein grundlegendes Interesse an Ă€sthetischer Wahrnehmung und Rede in Kunst, Theorie und Alltag verbindet die meisten der insgesamt zwölf, mit maximal 20 Seiten relativ kurzen DenkstĂŒcke, aber echte Systematik ist keine auszumachen. Dass nicht alles, was irgendwann einmal publiziert oder vorgetragen wurde, zwischen zwei Buchdeckel geklemmt werden muss, ist eine viel zu wenig beachtete Einsicht. Im diesem Falle greift sie freilich nicht, denn Liessmann, der vermutlich am hĂ€ufigsten (auĂerhalb des unmittelbaren universitĂ€ren Kontextes) nachgefragte Philosoph des Landes, vermag es wie kaum ein anderer Gelehrter, eine gröĂere Ăffentlichkeit fĂŒr eminente Fragen seines Faches zu interessieren, ohne befĂŒrchten zu mĂŒssen, von seinen akademischen Kollegen als Populist verachtet zu werden (dass das mit Gewiss-
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heit dennoch geschieht, hat nichts zu sagen â jedenfalls nichts ĂŒber Liessmann). Es ist keineswegs herablassend gemeint, wenn die vorliegenden AufsĂ€tze und VortrĂ€ge als ausgesprochen âbekömmlichâ charakterisiert werden, sind sie doch auch das Produkt eines gewieften und taktvollen Didaktikers, der, erstens, von der Möglichkeit und Notwendigkeit des Lernens und Lehrens noch ĂŒberzeugt ist, und dies, zweitens, selbst auch nachweislich beherrscht, sein Publikum also dazu bringt, etwas zu lernen, ohne dass es dieses merkt.
Zur Person
Konrad Paul Liessmann, geb. 1953 in Villach, ist auĂerordentlicher Professor am Institut Liessmanns Texte funkeln nicht â âbrillantâ ist fĂŒr Philosophie in Wien nicht das erste Adjektiv, das einem zu ihnen und der bekannteste einfĂ€llt. Sie stellen Fragen (von denen sie ei- Philosoph des Landes. nige beantworten), aber sie zielen nicht auf Er hat zahlreiche BĂŒcher Pointen ab; vom kess Provokativen halten veröffentlicht, zuletzt sie ebenso weit Abstand wie vom kultur- u.a. âSchönheit. Von pessimistischen Suderantentum, obgleich der Antike bis zur Gegeneine grundlegende Fortschrittsskepsis zu wartâ (2009), âZukunft konstatieren ist, die indes nie mit dem Ges- kommt!â, âTheorie der tus selbstherrlicher Entlarvung auftritt. So Unbildung. Die IrrtĂŒmer stellt Liessmann etwa gleich im einleiten- der Wissensgesellschaftâ den TitelstĂŒck die Frage, was denn bei al- (2006)
lem unleugbaren produktionstechnischen Fortschritt eigentlich aus âdem uralten Traum, sich vom Fluch der körperlichen Arbeit zu befreienâ geworden ist. Eine Frage, die â und darin liegt auch schon die ernĂŒchternde Antwort â nicht gestellt werden darf, rĂŒhrt sie doch âan eines der wirklichen Tabus der rezenten Gesellschaftsordnung: Rationalisierungs- und Automatisierungsgewinne sind unantastbar. Die MenschenwĂŒrde ist es nicht.â Umgekehrt lauert das Rettende just dort, wo man es nicht erwartet hat. Denn âinmitten der Eventkulturâ gelangt Liessmann bei aller Kritik zu der hoffnungsfrohen Einsicht, es sei vielleicht gar nicht so schlecht, dass man die Kunst âerst wieder suchen und aufsuchen muss, um dann hinter all dem Getue, Geschiebe und Getriebe etwas Einzigartiges zu entdecken, das einem im Wortsinn den Atem raubtâ.
Konrad Paul Liessmann. Das Universum der Dinge. Zur Ăsthetik des AlltĂ€glichen. Zsolnay, 192 S., ⏠18,40
Dass zwei Texte, die im doppelten Sinne herausragen, ausgerechnet vom FuĂball und Radfahren handeln, hat zum einen damit zu tun, dass Liessmann ĂŒber das prekĂ€re VerhĂ€ltnis von Philosophie und Sport sehr genau Bescheid weiĂ, und zum anderen, dass er hier die Position diskreter Distanz fĂŒr einmal aufgibt. âDas runde Lederâ ĂŒberzeugt nicht zuletzt durch die Auswahl der Zitate (von Huizinga ĂŒber Handke bis zu dem heute weitgehend vergessenen christlich-konservativen Schriftsteller Manfred Hausmann), âDie letzte Kehreâ aber verleiht der Textsammlung ein fast rĂŒhrendes Moment persönlicher EntĂ€uĂerung. Man spĂŒrt, dass Liessmann sich fĂŒr Musik
interessiert und dass es dann wohl eher Schubert und Schönberg als Wham! und A-ha sind. Man ahnt, dass ihn die FĂŒhrung des Villacher SV in der KĂ€rntner Liga nicht kalt lĂ€sst. Aber daran, dass er ein Rennradfanatiker ist, kann schon allein deswegen kein Zweifel aufkommen, weil der Philosoph, sitzt er erst im Sattel, vor lauter Enthusiasmus der sattelfesten Stilistik verlustig geht, ĂŒber die er ansonsten verlĂ€sslich verfĂŒgt. Von prĂ€ziöser Produktanpreisungsprosa (âHinter dem Unscheinbaren verbirgt sich edelstes Material: Stahl, Aluminium, Carbonâ) ist er hier ebenso wenig gefeit wie vor Erhabenheitskitsch (âTiefer als der Rausch der Geschwindigkeit, tiefer als die Abfahrt berĂŒhrt nur eines: der Bergâ). Dergleichen verminderte Bodenhaftung wird aber durch eine Ă€uĂerst triftige, zwischen Ironie und Melancholie oszillierende Reflexion ĂŒbers Fitnessstudio und die vielleicht erstaunlichste Einsicht des ganzen Buchs wettgemacht; diejenige nĂ€mlich, dass die âLust an der Autonomie des Ăsthetischenâ heute nur mehr dem Körper offen steht, wohingegen sich der Geist âlĂ€ngst vollstĂ€ndig den Anforderungen der Ăkonomie beugen (muss)â. KLAUS NĂCHTERN
27.09.2010 12:33:38 Uhr