FALTER
Nr. 12a/25
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Nr. 12a/25
68 Bücher auf 40 Seiten

ILLUSTRATION:
Belletristik: Chaim Nachman Bialik erstmals auf Deutsch +++ Neuer Roman von Chimamanda Ngozi Adichie +++ Kracht, Krechel, Kopetzky & Co. +++ Wieder entdeckt: Be y Paoli +++ Kinderbücher: Traurigsein, Wut, sich verlieben +++ Sachbuch: Laura Wiesböcks „Digitale Diagnosen“ +++ Patriarchat: Auf die Couch! +++ Psyche im Ausnahmezustand +++ Warum ziehen Demagogen? +++ „Hase und ich“ +++ Armin Thurnhers Kochbuchauslese
OPENJEUNESSEHOUSE
20. März –31. März 2025

Klaus Nüchtern ist für die schöne Literatur zuständig
Das Italien der Renaissance und Nazi-Deutschland, ein Dorf im historischen Wolhynien und die Ukraine der Gegenwart, Lyrik des 19., Science-Fiction des 20., Dystopien des 21. Jahrhunderts – wer sich im saisonalen Spektrum der Belletristik nichts findet, bleibt wohl wirklich besser auf TikTok.
Die Erzählungen aus Wolhynien von Chaim Nachman Bialik wurden erstmals ins Deutsche übersetzt 4–5
TOUR DE FRANCE
Laurent Binet lässt in „Perspektiven“ Maler morden 6 Yasmina Reza betrachtet „Die Rückseite des Lebens“ 6 Kurzweilig: „Sekunden“ von Nicolas Mathieu 7 Langatmig: Eine Philip-K.-Dick-Bio von Emmanuel Carrère 7
Liz Moore und ihr Mystery-Thriller „Der Go des Waldes“ 8 „Dream Count“ – nach zehn Jahren wieder ein neuer Roman von Chimamanda Ngozi Adichie 9
Rebecca Godfrey mit Leslie Jameson „Peggy“ 10 „Die Insel Kolbeinsøy“ von Bergsveinn Birgisson 10 Ismael Kadare über Dichter und Diktator: „Der Anruf“ 11 Geschichten aus Charkiw von Serhij Zhadan 11 Geschichten aus Róznowice von Urszula Honek 12
DEUTSCHLAND / SCHWEIZ
Gesa Olkusz „Die Sprache meines Bruders“ 12 Spionage im Zweiten Weltkrieg: „Atom“ von Steffen Kopetzky 13
Ursula Krechel „Sehr geehrte Frau Minister“ 14 Endlich mit Inneneinrichter: „Air“ von Christian Kracht 15 Wassersport mit Marion Poschmann 16 Kampfsport in „Striker“ von Helene Hegemann 16 Antje Ravik Strubel „Der Einfluss der Fasane“ 17
ÖSTERREICH
Dystopisch: „Schweben“ von Amira Ben Saoud 18 Ökonomisch: Mario Wurmitzer mit „Tiny House“ 18 Martin Prinz „Die letzten Tage“ 19
Robert Neumann „An den Wassern von Babylon 19 Wieder entdeckt: Be y Paoli (1814–1894) 20

Gerlinde Pölsler betreut das Sachbuch und das Kinderbuch
W ie geht es uns mental im Neoliberalismus? Ist Scheitern erlaubt? Und wie l(i)ebt es sich nach einem Missbrauch? Psyche und Gesellscha stehen diesmal im Zentrum, auch das Patriarchat muss auf die Couch. Dann aber raus in die Natur: Zum Beispiel, um sich mit einem Wildtier zu befreunden.
Bilderbücher
Diesmal geht es um starke Gefühle 22 Kinderbücher
Freunde, Brüder, schwierige Beziehungen 24 Jugendbücher
Krankheit, Liebe und Verbrechen 25
GESELLSCHAFT UND PSYCHOLOGIE
Laura Wiesböck über „ Digitale Diagnosen“ 26 Das Patriarchat braucht eine Therapie 27 Missbrauch und Begehren: „Das Lieben danach“ 28 Die Schlagkra des Scheiterns 29 Rachel Avivs Geschichten von der Psyche in Ausnahmezuständen 29 Versuch, den Aufstieg der Demagogen zu begreifen 30
POLITIK UND GESCHICHTE
Roberto Saviano über die Frauen in der Mafia 31 Ihn nahm Wladimir Putin zum Vorwand für seinen Überfall auf die Ukraine: Stepan Bandera 31 Wie Opium die Weltgeschichte prägt(e) 32 Das Jahr der Extreme: Österreich 1945 32 Bosnien und Herzegowina: Die Suche nach den vermissten Toten 33
KULTUR UND NATUR
Ewige Wiederkehrer: die Themen William Shakespeares 34 Süßes Frankreich! Eine Kulturgeschichte 34 Auf Sinnsuche mit Physik 35 „Hase und ich“: Eine Mensch-Wildtier-Begegnung 35 Wie sehr ist Architektur eine Klimasünderin? 36 Die Klimakrise braucht Zuversicht, sagt Roger Hackstock 36 Harry Rowohlt und sein „Freies Leben“ 37 Wenn Mode auf Philosophie trifft 37 Dem Rätsel des Ich auf der Spur 37 Armin Thurnher stellt die neuen Kochbücher vor 38

Schorsch Feierfeil ist Illustrator, Grafiker und Animationsfilmemacher. Seit vielen Jahren zeichnet er regelmäßig für den Falter. Zudem gestaltet er Albumcovers und animiert Musikvideos. Einen Überblick seines künstlerischen Schaffens und die Möglichkeit einen Kunstdruck zu erwerben, bietet seine Homepage: www.schorschfeierfeil.com
Falter 12a/25 Herausgebe r: Armin Thurnher Medieninhaber : Falter Zeitschri en Gesellscha m.b.H., 1011 Wien, Marc-Aurel-Str. 9, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at Redaktion: Klaus Nüchtern, Gerlinde Pölsler Herstellung: Falter Verlagsgesellscha m.b.H.; Layout: Barbara Blaha; Korrektur: Helmut Gutbrunner, Rainer Sigl; Geschä sführung: Siegmar Schlager; Leitung Sales: Ramona Metzler (kar.), Sheila Martel, Christian Fabi Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 MG ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abru ar Bücher-Frühling ist eine entgeltliche Einschaltung aufgrund einer Subvention durch das Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport.

Irene Diwiak Günter Eichberger
Martin Puntigam
Mithu Sanyal
Teresa Reichl
Sabine Scholl
Adrian Goiginger
Kurt Kotrschal
Bettina Balàka
Daniel Glattauer
Reinhard KaiserMühlecker
Monika Helfer Grundbücher
Neues von der Plattform
Gerhard Melzer
Clemens J. Setz August Schmölzer
Wolf Haas
PoetrySlam: StädteGrazBattle vs. Stuttgart Raoul Schrott
Franzobel
Verena Stau er
Andreas Unterweger
Junges Literaturhaus
Caroline Peters Martin Prinz
Johannes Silberschneider
Literarische Soiree Ein Abend fürBodoHell
Florian Freistetter
Kathrin Röggla Gilbert Prilasnig
100Jahre Science Busters Podcast
Nicole StreitlerKastberger
Andrea Winkler
Susanne Gregor
Erste LesebühneGrazer
Michael Köhlmeier
Elisabeth Reichart
Konrad Paul Liessmann
Amira Ben Saoud
Birgit Birnbacher Josef Winkler
Helga KrompKolb
Erika Pluhar
Martin Schenk Ilija Trojanow
Heidi Kastner
Anna Baar
Milica Vučković
Marlene Streeruwitz
Unruhe bewahren
Antje Rávik Strubel
Carlos Watzka
Reinhard P. Gruber
Internationale Germanistentagung
JugendSoirée Grazer zurVorlesungen Kunst Schreibensdes
Dinçer Güçyeter
Barbi Marković
FranzNablPreis
Raphaela Edelbauer Olga Flor
Science meets Poetry
Nava Ebrahimi
Erstes Halbjahr 2025

Der Band „Wildwuchs“ des israelischen Nationaldichters Chaim Nachman Bialik (1873–1934) ist eine literarische Sensation
Am 7. Oktober 2023, jenem Tag, an dem die Terrororganisation Hamas mit unüberbietbar zynischer Grausamkeit ein Massaker an israelischen Zivilisten verübt hat, zitiert Premier Benjamin Netanjahu in seinem Statement eine Verszeile aus einem 120 Jahre alten Gedicht. „In der Stadt des Tötens“, so dessen Titel, hat ein Pogrom zum Gegenstand, das im Jahr 1903 an der jüdischen Bevölkerung von Kischinjov begangen worden war. Die schreckliche Bilanz: 50 Ermordete, an die 500 Verletzte und 700 zerstörte Häuser.
Chișinău, heute Hauptstadt der Republik Moldau, war damals Teil des russischen Zarenreichs und das Zentrum des jüdischen Lebens. Ausgelöst hatten das Massenmorden die Leichen eines christlichen Mädchens und Buben, die in einer 40 Kilometer von Kischinjov entfernten Kleinstadt gefunden und sofort mit einem der notorisch antisemitischen Ritualmordmythen erklärt worden waren. Der zu dieser Zeit 30-jährige Chaim Nachman Bialik war von seinem damaligen Wohnort Odessa nach Kischinjov gesandt und beau ragt worden, die Folgen und Umstände des Verbrechens zu recherchieren. Wochenlang hatte er mit Vergewaltigungsopfern und Überlebenden gesprochen und schließlich besagtes Poem verfasst, neben dem sich Celans „Todesfuge“ wie Erbauungslyrik ausnimmt.
„In der Stadt des Tötens“ ist ein wütender, in seiner Drastik fast obszön anmutender Aufschrei, der seiner Leserscha nichts ersparen will. Der Dichter nimmt diese an der Hand, um sie mit verstörender, nachgerade forensisch anmutender Beflissenheit durch die Topografie des Terrors zu geleiten:
WÜRDIGUNG:
KLAUS NÜCHTERN

Chaim Nachman Bialik: Wildwuchs. Erzählungen aus Wolhynien. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Mit einem Nachwort von Ayelet Gundar Goshen. C.H. Beck, 299 S., € 26,80
„Frage nur die webenden Spinnen“, heißt es zu Beginn des knapp zehnseitigen Gedichts, „Sie sind Zeugen, haben alles mitangesehen und lassen dich wissen, / Wie man Frauenleiber aufriss und mit Federn füllte, / Wütete mit Hammer und Rad, Gesichter beschlug mit Nägeln, / Wie man Menschen schlachtete, an Balken au nüp e / Den Säugling schlafend fand an der kalten Brust der erstochenen Mutter.“ Hader gegen einen Gott, der dies zuließ, findet man hier ebenso wie Verachtung für jene, die sich wie Mäuse verkrochen, anstatt sich zu wehren, und ihr Opferdasein gar zu kapitalisieren suchen: „Siehst du in Massen gebrochene Menschen stöhnend und ächzend / Vor der Reichen Fenstern lauern, die Türen belagern, / Prahlend die Wunden zeigend, als seien es Krämerwaren […]: ,Mein Vater war ein Märtyrer –mögt ihr’s uns entlohnen.‘“
Das lese sich, so merkt die israelische Schristellerin Ayelet Gundar-Goshen in ihrem Nachwort an, gerade so, als wären die gescholtenen jüdischen Männer „einem antisemitischen Artikel in einem deutschen Nazi-Blatt entstiegen“. Tatsächlich aber handle es sich um eine Rhetorik, die die Adressierten zur Wehrha igkeit und dazu ermuntern will, nicht in der Position des Opfers zu verharren.
„In der Stadt des Tötens“ lag bereits in einer deutschen Übersetzung aus dem Hebräischen vor. Alle anderen Texte Bialiks aber, die der vor kurzem erschienene Band „Wildwuchs. Erzählungen aus Wolhynien“ versammelt, sind erst jetzt ins Deutsche übertragen worden. Es handelt sich dabei um eine literarische Entdeckung, die in
dem Reigen saisonaler Veröffentlichungen ihresgleichen sucht. Diese Pioniertat muss man dem C.H. Beck Verlag hoch anrechnen, ebenso wie dessen Entscheidung, die Publikation mit gleich drei Nachworten, einem Glossar und einer Karte zu den ethnopolitischen Gegebenheiten um 1900 auszustatten und zu kontextualisieren.
In Israel genießt Bialik den Status eines Nationalhelden. Als Vertreter eines KulturZionismus habe er, wie es Gundar-Goshen formuliert, dem Hebräischen einen krä igen Klaps auf den Hintern gegeben und dieses für die säkulare Literatur dienstbar gemacht. Als Bialik 1934 mit 61 Jahren an den unerwarteten Folgen einer Routineoperation in Wien verstarb, wurde sein Leichnam nach Tel Aviv überstellt und mit großem zeremoniellen Aufwand bestattet: „Israel ist verwaist: Chaim Nachman Bialik ist von uns gegangen“, konnte man auf der Titelseite von Davar, dem führenden Blatt des jüdischen Palästina, lesen. 1873 in einem Dorf namens Radiwka im wolhynischen Teil des russischen Reichs (heute: Ukraine) geboren, wuchs Bialik nach dem frühen Tod seines Vaters in der Obhut des Großvaters, eines strenggläubigen Holzhändlers, auf, weil sich die Mutter außerstande sah, weiterhin für ihn und seine beiden Geschwister zu sorgen. Über Nacht de facto zum Vollwaisen geworden und darüber hinaus aus seinem Geburtsort nach Schytomyr verbracht, hat Bialik diesen Bruch sein Leben lang als Verstoßung aus dem Paradies empfunden. Seiner frühen Kindheit erinnert er sich in der hundertseitigen, unverstellt autobiografischen Erzählung „Wildwuchs“, an

ILLUSTRATION: GEORG FEIERFEIL
der er über ein Vierteljahrhundert lang gearbeitet hat, als eines einzigen ekstatischen Sommers, auf den Enttäuschung und Ernüchterung folgen – inklusive eines Watschenhagels, den der „Meisterohrfeiger“ von Vater über seinen Buben niedergehen lässt, den er ob dessen verträumten und wenig weltgewandten Wesens verachtet: „Ich will, dass du an dieser Scheibe Brot erstickst, die du mir stiehlst, du abtrünniger Bastard“, brüllt er ihn an, „dass du ein Jude wirst, wie ich. Ein Mensch wie alle anderen.“ Zuneigung und Zärtlichkeit seitens der Eltern und Großeltern erlebt Bialik kaum. Die, wie er selbst einräumt, möglicherweise nur imaginierten Erinnerungen an goldene Kindheitstage in einem „vergessenen Winkel Wolhyniens mit verschwiegenem Schilf und Sumpfland und endlosen Wäldern“ aber scheinen eine unversiegbare Quelle einer geradezu ozeanischen Verbundenheit mit der Schöpfung zu sein.
Grei arer noch als die von Lichtmetaphorik durchzuckte und mit Schauern von „Wie“Vergleichen garnierte Erzählung „Wildwuchs“ evoziert „Hinter dem Zaun“ Kindheit und Jugend Bialiks. Es ist eine Art Version von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, die eher desillusionierend als tragisch endet und den antiken Mythos von Pyramus und Thisbe nach Wolhynien transferiert: Nicht ein Spalt in der Mauer, sondern ein Astloch im Zaun ist es, durch welches das zunächst noch kindliche, später im Sa der Spätpubertät siedende Liebespaar kommuniziert: Er, der resolute und raufselige Noah aus der Siedlung der jüdischen Mehrheit; sie, das Findelkind Marinka, das im Hof einer verbiesterten alten Goj namens
Schakoripinschchika wie ein Tier gehalten und misshandelt wird.
Das Leben in der Kleinstadt, wie es Bialik beschreibt, stellt so etwas wie den Gegenentwurf zu den idyllisch-poetischen Szenen orthodoxen Lebens dar, wie sie dessen um einiges jüngerer Zeitgenosse, der Maler Marc Chagall, für das heute belarussische Witebsk ausgepinselt hat. Zwischen den aneinandergrenzenden Häusern der beiden juvenilen Protagonisten bekämpfen die äußerst fragwürdig agierenden Erziehungsberechtigten einander im Stile brutalsten Slapsticks: „Durch die Lu , von Dach zu Dach, fliegen – zum Entsetzen der Vögel droben und zum Jubel der Kutscher drunten – Hacken und Rechen, Krüge und Kanister, Nudelhölzer und Holzscheite. Schakoripinschchikas Hof füllt sich mit Hundejaulen und Kläffen und Hahnenkrähen. […] Die Jungkutscher auf der Straße rufen ,Hurra!‘ – und das ganze jüdische Viertel lebt noch tagelang in Angst und Schrecken …“
Bialik ist ein Meister der Mise en Scène, der seine Geschichten ganz in der konkreten Örtlichkeit zu verankern und aufs Üppigste auszustatten weiß; wobei Idylle und Entsetzen, Geborgenheit und Entfremdung o Tür an Tür wohnen. „Die beschämte Trompete“, mit knapp 50 Seiten das kürzeste Stück des Bandes, ist eine aus der Distanz von drei Jahrzehnten referierte Rahmenerzählung über eine jüdische Familie, die sich leider genau einen Tag nachdem ein Ansiedlungsverbot für Juden verhängt wurde, in einem Dorf nahe einer Kleinstadt niederlässt – und sich den Schutzgeldforderungen der örtlichen Polizisten sowie den Unver-

Chaim Nachman
Bialik wurde 1873 in einem Dorf in der heutigen Ukraine geboren. Als Lyriker, Erzähler und Kinderliedtexter, der das Hebräische für die säkulare Literatur erschloss, erwarb er sich den Ruf eines israelischen Nationaldichters. Er wanderte 1924 nach Palästina aus und verstarb zehn Jahre später in Wien
schämtheiten der nicht-jüdischen Bevölkerung ausgesetzt sieht.
Wie der Vater des jugendlichen Protagonisten in die Fänge der Behörden gerät und versucht, über zwielichtige Mittelsmänner selbige günstig zu stimmen, erinnert an Ka as „Prozess“, der legendenha e Gestus indes eher an Joseph Roth. Es ist ein Ton, der dem Entsetzen ein wenig die Kanten abschlei , ohne deswegen an Eindringlichkeit einzubüßen. Und so kommt es, dass am Ende selbst die Trompete des großen Bruders, die dem Pessach-Fest zusätzliche Strahlkra hätte verleihen sollen, im Futteral verbleibt und beschämt schweigt.
Apropos Sound. Bialiks Prosa ist erstaunlich disparat – o innerhalb einer einzigen Erzählung. „Hinterm Zaun“ etwa scheut bei aller Komik auch nicht das expressionistische und – wenn das Blut aus dem Fleisch schreit und unsichtbare Glocken schwer und rötlich hallen – einigermaßen übersteuerte Pathos nicht.
Gelegentliche Stilbrüche dür en freilich auch aufs Konto der Übersetzung von Ruth Achlama gehen. Ein flapsiges „Bist du irre?“ kontrastiert mit einem gestelzten „Hohl ihn mir aus der Sicht!“; ein gejubeltes „Hach!“ passt in Erika Fuchs’ Entenhausen, aber nicht in ein wolhynisches Dorf des Fin de Siècle. Und was ein Satz wie der folgende überhaupt besagen will, bleibt unklar: „Zuerst zieht es mich auch zu einer dieser Gruppen und ihren Aktivitäten, aber fixgeschwind, ehe ich noch weiß, wie mir geschieht, bin ich außen vor …“. Dergleichen Irritationen ändern freilich nichts daran, dass „Wildwuchs“ eine, wenn nicht die literarische Entdeckung der Saison ist.
„Perspektiven“ von Laurent Binet ist ein virtuoses Spiel mit Fakten und Fiktionen im Florenz der Renaissance
Am 1. Jänner 1557 wurde Jacopo da Pontormo tot aufgefunden. Der Maler lag erstochen unter dem Freskenzyklus im Chor der Basilika von San Lorenzo in Florenz. Der von Kunsthistorikern als der „gespreizteste der Manieristen“ Bezeichnete arbeitete seit elf Jahren an diesem Werk, wollte es hier mit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ aufnehmen. Das erfährt der Leser aus dem ersten von 176 Briefen, erstanden von einem Reisenden als antiquarisches Konvolut in Arezzo, der Mordfall in der Künstlerszene wird in ihnen aufgerollt werden.
Laurent Binet, Jahrgang 1972, bedient sich also der klassischen Herausgeberfiktion – der belehrende Ton des „Übersetzers“ im Vorwort lässt unschwer Stendhal und dessen „Italienische Chroniken“ als Vorbild erkennen.
In seinem historischen Kriminal- und Briefroman „Perspektiven“ bleibt Binet bei seinem angestammten Thema; die Spannung zwischen Wirklichkeit und literarischer Erfindung beschä igt ihn seit dem ersten literarischen Erfolg „HHhH“ (für: „Himmlers Hirn heißt Heydrich“). Dort behandelte er noch vorsichtig reflektierend das Recht des Autors, fiktional einzugreifen – wohl auch, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, mit Nazigräueln Effekte zu produzieren.
Im Linguistenroman „Die siebente Sprachfunktion“ wurde er schon schneidiger und ließ den poststrukturalistischen Intellektuellen Roland Barthes brutal meucheln, und in „Eroberung“ schließlich, Vorgänger des aktuellen Buchs, seine Fantasie frei schweifen: Kolumbus kommt nicht bis Amerika, dafür erobern die Inkas das Reich Karls V., Atahualpa setzt den Kaiser gefangen.
Auch in „Perspektiven“ bildet die Geopolitik des 16. Jahrhunderts den Rahmen: Frankreichs und Habsburgs Kampf um Italien machen urbane Zentren wie Florenz zum Spielball der Großmächte, der neue toskanische Herrscher Cosimo versucht mitzumischen, getrieben vom ehrgeizigen Ziel, selbst eine Königskrone zu erlangen. Der alte Hegemonialstreit zwischen Kaiser und Kirche schwelt weiter, und Paul IV. ist als Papst ein besonders liebenswertes Exempel: Kunstfeind, Antisemit und Initiator des Index verbotener Bücher.
Doch nicht nur pontifikaler Absolutismus bedroht die profane Kultur, im Untergrund, vor allem in den Klöstern, wirkt das fanatische Erbe des Dominikaners und Kirchenreformators Girolamo Savonarolas fort. Dies alles kommt im ausgebreiteten Briefverkehr detailreich und leben-
dig zum Ausdruck, an dem Angehörige aller Gesellscha sschichten beteiligt sind.
Das reicht vom zun losen, klassenkämpferischen Farbenmischer (dessen pseudomarxistischer Jargon allerdings doch zu anachronistisch scheint) bis zu den Spitzen der Gesellscha , also Cosimo selbst und seiner verfeindeten Cousine Catherine de Médicis, Königin von Frankreich. Ein amouröser Nebenstrang wird im Stil von Choderlos de Laclos’ „Gefährlichen Liebscha en“ abgehandelt.
Binet beleuchtet die Konkurrenz und Intrigen unter Künstlern: Der Herzog beau ragt Giorgio Vasari mit der Aufklärung des Mordes, dem ein Gegenspieler in der Person Benvenuto Cellinis erwächst. Für unterschiedliche Perspektiven ist also gesorgt. Zwar gilt der eine als Begründer der Kunstgeschichtsschreibung, ist aber wegen seiner einseitigen Wertungen umstritten. Cellini hingegen war ein großer Bildhauer, Kupferschmied und Literat, als Mensch aber wohl ein dubioser Zeitgenosse.
Ein zur Tatzeit in Florenz Anwesender muss es gewesen sein: einer der Manieristen! Die Vertreter dieser Stilrichtung, die der Trinität Leonardo/Raffael/Michelangelo nachfolgten, litten unter dem übermächtigen Erbe. Nur ein Bruch versprach Befreiung und Weiterentwicklung. Man versuchte es also mit artistischer Willkür und rätselha en Sujets in der Darstellung. Wie schon der austrobritische Kunsthistoriker Ernst Gombrich zieht auch Laurent Binet Parallelen zur Moderne. Sein Roman lässt aber auch die manieristische Wende nicht außer Acht, die Michelangelo selbst in seinem Spätwerk vollzogen hat, weswegen der greise Künstler im Romangeschehen auch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
Der Autor treibt ein elegantes Spiel auf vielerlei Ebenen. Er liefert eine geraffte Geschichte der Renaissance, die der Leser mit Gewinn als Führer durchs historische Florenz zur Hand nehmen kann. Einen zusätzlichen Reiz erfährt der Krimiplot durch den Umstand, dass es sich bei den Verfassern der Briefe, in denen er enthüllt wird, um mehr oder weniger unverlässliche Erzähler handelt.
THOMAS LEITNER

Laurent Binet: Perspektiven. Roman. Aus dem Französischen von Kristian Wachinger. Rowohlt, 304 S., € 26,80
In Dutzenden literarischen Vigne en swipt sich Yasmina Reza durch die „Rückseiten des Lebens“
Gibt es eine literarische Entsprechung zu dem, was Millionen von Menschen tun, anstatt Bücher zu lesen: das Swipen? Das schnelle Wischen von Szene zu Szene am Bildschirm kann süchtig machen, wenn man ins Leben von Unbekannten blickt, als Miniatur gefasst in nur wenige Sekunden Filmszenen. Mit ihrem aktuellen Buch „Die Rückseite des Lebens“ hat Yasmina Reza – gewollt oder nicht – eine Art literarisches Swipe-Werk verfasst. Die Autorin, weltberühmt durch Theaterstücke wie „Kunst“, „Drei Mal Leben“ oder „Der Gott des Gemetzels“, begleitete 2008 den damaligen französischen Präsidentscha skandidaten Nicolas Sarkozy ein Jahr lang im Wahlkampf und lieferte mit „Frühmorgens, abends oder nachts“ eine Art dokumentarischer Collage aus dem absurden Reich der Politik. Zuletzt hatte sie den eindrücklichen
»Mit feiner Ironie verwebt Reza Komisches und Schreckliches in Beobachtungen, die lebensweise anmuten, ohne je platt zu werden
jüdischen Familienroman „Serge“ (2022) vorgelegt.
In „Die Rückseite des Lebens“ nun verwebt die heute 65-jährige Schristellerin mit feiner Ironie Drama und Dramolette, Komisches und Schreckliches in Beobachtungen, die lebensweise anmuten, ohne in Plattitüden zu verfallen. Über fünfzig Texte finden sich in dem Band, manche nicht einmal zwei Seiten, andere deutlich länger. Thematisch zusammengehalten werden sie dadurch, dass sie Menschen an einem Kipppunkt zeigen. So swipt man sich durch diese Schicksale, ein Kaleidoskop des Allzumenschlichen.
Seit Jahren beobachtet Reza Gerichtsverhandlungen, die großen, glamourösen ebenso wie die kleinen, unspektakulären. Ihre Reportagen von diesen Prozessen bilden den roten Faden des Buches. Dazwischen erzählt sie von Begegnungen aus ihrem eigenem Leben, wobei Venedig, die Stadt, in der sie eine Wohnung hat, eine tragende Rolle spielt. Sie erinnert sich an Menschen kurz vor deren Ableben, etwa an den Regisseur Luc Bondy oder den Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und dessen Frau Magda.
Wir erleben die Autorin als Großmutter, die ihre Enkelin bändigt und sich an die Karawanen von Spieltieren erinnert, die ihre Kinder an allen möglichen und unmöglichen Orten der Wohnung aufstellten und die wegzuräumen sie nicht übers Herz brachte.
Das sind die rührenden Rückseiten des Lebens. Die schrecklichen spielen in den Gerichtssälen. Sie handeln von einer Mutter, die ihr Baby eiskalt ins Meer wir und auf Besessenheit plädiert, oder von einem Mann, der eine Vorzeigeehe führt, aber eines Tages seine Frau beim Joggen ermordet. „Sie verschanzen sich“, so der Kommentar der Autorin, „einvernehmlich hinter dem Bild, das sie abgeben wollen. Wie viele Paare verschwinden auf diese Weise in der Ehehölle?“
Des Weiteren treten auf: ein Erbschleicher, der hochbetage Frauen mit Atropin zu vergi en versucht, oder ein Mann, der sich im Netz um 30 Jahre jünger macht und die Frauen, die er in seine Wohnung lockt, vergewaltigt, und die weinen ihm dennoch nach – oder besser: dem eigenen Traum vom perfekten Prinzen.
Auch Nicolas Sarkozy begegnen wir hier wieder. Der ehemalige Präsident soll über seinen langjährigen Anwalt Thierry Herzog versucht haben, von dem Juristen Gilbert Azibert geheime Informationen aus Ermittlungen in einer anderen Affäre zu erhalten. Im Gegenzug wurde Azibert Unterstützung bei der Bewerbung um einen Posten in Monaco angeboten.
Yasmina Reza fasst es so zusammen: „Was mich betrifft, […] fällt es mir schwer, in den Herren Azibert, Herzog und Sarkozy während dieses achttägigen Berufungsprozesses etwas anderes zu sehen als einen Pfau, einen Dampfplauderer und einen massiv Angstgestörten. Der Erste bläst sich auf, der Zweite umschmeichelt den Dritten und lullt ihn ein, und dieser wiederum will keinen anderen Sound hören als den guter Nachrichten. Drei Figuren einer kleinen Fabel, in der jeder Wind um seine Wichtigkeit macht, dann auf sich selbst zurückgestutzt wird und am Ende genauso schlau ist wie zuvor.“
Poetischer und leichtfüßiger kann man über die Abgründe politischer Korruption nicht schreiben.
BARBARA TÓTH

200 S., € 25,50
Auf knapp 100 Seiten tobt Nicolas Mathieu wider die Ödnis des Alltags und die Impotenz der Literatur
Schaut man sich an, was sowohl Kritik als auch Leserscha von Nicolas Mathieus Büchern halten, stößt man schnell auf das Wort „intensiv“. Intensität wurde dem Roman „Wie später ihre Kinder“ bescheinigt, mit dem sich der Autor, Jahrgang 1978, in die oberste Literaturliga hinaufgeschrieben und 2018 den Prix Goncourt gewonnen hat. Und intensiv, gar „rückhaltlos intensiv“ (so der Verlag) gebärdet sich auch „Jede Sekunde“, Mathieus jüngstes Opus. Es hebt an mit einer wütenden Beschimpfung der Literatur, die „nichts ausrichten kann“, bloß ein „jahrhundertealter Wahn“ sei. Weder gewähre sie – désolé, Marcel! – „die wiedergefundene Zeit, diese fixe Idee aus Literaturseminaren noch die Wiederauferstehung. Alle Bücher sind Totenstädte.“
Der Zorn des Ich-Erzählers, der sich, wie wir später erfahren, kaum vom Autor selbst unterscheidet, entzündet sich daran, dass die Literatur versagt und versagen muss, will sie das Unwiederbringliche festhalten. Dieses Unwiederbringliche aber ist die Liebe, bei der sich die Franzosen gut auskennen, auch in deren exaltierteren Varianten: „Jede Liebe ist ein indigenes Volk mit seinen Riten, seiner Grammatik, seinen Feinden, seinen Opfern und der Aussaat, die einen neuen Frühling beschert.“
„Jede Sekunde“ entstand aus einer unglücklich verlaufenen Amour fou, die Mathieu vier Jahre lang mit kurzen Texten auf Facebook und Instagram begleitet hat. Im Bewusstsein des Autors entfalten sich Sekunden-
epiphanien der Geliebten – „Ich habe alles behalten, deine Hände, deinen Bauch, deinen Mund, das eine weiße Haar und das Schmollen nach dem Aufstehen“ –, ein paradiesischer Gegenwurf zur Ödnis des Alltags und des Lebens überhaupt; „Häuser, Kinderbücher, verregnete Sonntage, diese Millionen Stunden voll Zwänge“. Aussicht auf Erlösung verweigert der Autor: „Es gibt keinen Grund, glücklich zu sein, und es ist mir egal.“
Als Inspirationsquelle nennt Mathieu
Annie Ernaux und Louis-Ferdinand Céline. An den politischen Realismus von Ernaux erinnert die mäandernde Gedankenflut, die den Erzähler in seine proletarische Jugend zurückführt; an Céline das Rastlose der Syntax. Der Spagat zwischen dem Dithyrambischen und dem Deprimierenden gelingt dank einer Sprache, die unverbraucht, aber nie zwangha originell ist – dazu ist dieses bemerkenswerte Prosagedicht zu fest in der Lebenswirklichkeit verankert. Impotenz der Bücher hin oder her: Solange es Schreiber wie Nicolas Mathieu gibt, braucht man sich um die Zukun der Literatur keine Sorgen zu machen.
CHRISTOPH WINDER

Nicolas Mathieu: Jede Sekunde. Aus dem Französischen von André Hansen und Lena Müller. Hanser Berlin, 96 S., € 21,50

Die 32 Jahre alte Philip-K.-Dick-Biografie von Emmanuel Carrère ist nun auf Deutsch erschienen. Bloß warum?
Wenige Monate nachdem der bis dahin nur Science-FictionFans bekannte Philip K. Dick im Alter von 53 Jahren stirbt, kommt „Blade Runner“, die Verfilmung eines seiner insgesamt 43 Romane, ins Kino und sorgt für posthumen Ruhm, der seitdem durch Adaptionen für Kino und Fernsehen – „Total Recall“, „Minority Report“, „A Scanner Darkly“ et al. – prolongiert wurde.
Emmanuel Carrère, Jahrgang 1957, hält bereits als Teenager Dick für den „Dostojewski unserer Zeit“ – wie er in seinem bereits 1993 auf Französisch und nun in deutscher Übersetzung erschienenen Buch erzählt. Laut Verlag handelt es sich bei „Ich lebe und ihr seid tot“ um eine Biografie in Form eines „leichtfüßigen, hypnotischen Romans“, wie man ihn von dem schillernden Romancier, der zuletzt die Reportage „V 13“ über den Prozess zum IS-Anschlag aufs Bataclan vorgelegt hat, erwarten darf.
Möchte man meinen. Ist aber leider nicht der Fall. Der Autor verrät zwar, wie er vorgegangen wäre, wäre sein Buch tatsächlich ein Roman; warum er es aber überhaupt – nur vier Jahre nachdem Lawrence Sutins DickBiografie „Divine Invasions“ erschienen war – geschrieben hat, erschließt sich nicht. Es mangelt dieser Lebenserzählung nämlich schlicht an Perspektive. Anstatt eine These zu wagen und klar zu machen, was genau ihn an diesem Autor interessiert und fasziniert, breitet Carrère Dicks Traumata, Passionen und Visionen bis in nebensächliche Details aus und gleicht sie mit dessen Werk ab. Dar-

»Ein bitterkomischer Roman.«
Katharina Teutsch, Die Zeit
»Traurig, böse und vor allem menschlich.«
Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten »Aufwühlend, entlarvend, abenteuerlich.«
Bernd Melichar, Kleine Zeitung
in lassen sich eine dominante Mutter und fünf immer jünger werdende, tunlichst schwarzhaarige und biegsame Ehefrauen als stereotype Frauenfiguren ebenso wiederfinden wie die Spuren der todlangweiligen theologischen Spekulationen, die den zum Katholizismus konvertierten, von einem gnostischen Weltbild geprägten Dick zeitlebens umtreiben.
Alles andere als leichtfüßig kommen auch die seitenlangen Inhaltsangaben daher, die auch noch mit ausgiebigen Zitaten garniert sind, allerdings keinen wörtlichen, sondern „freien“, wie es in einer Fußnote heißt. Carrère hat Dick, den er (nicht zu Unrecht) für einen „armseligen Stilisten“ hält, nach Gutdünken nachgedichtet, und die Übersetzerin ist ihm darin gefolgt. Sie wurde übrigens, wie sie versichert, von keiner KI unterstützt. Was vielleicht keine schlechte Idee gewesen wäre, so ungelenk und nicht immer Deutsch, wie sie ausgefallen ist. Ob die Verschwurbeltheit der Prosa, durch die schon mal ein „vom eigenen Deckmantel verzehrter Polizist“ geistert, auf den Autor oder dessen Übersetzerin zurückgehen, bleibt unklar. KLAUS NÜCHTERN

Emmanuel Carrère: Ich lebe und ihr seid tot. Die Parallelwelten des Philip K. Dick. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Ma hes & Seitz, 364 S., € 24,70


In ihrem Mystery-Thriller „Der Go des Waldes“ betreibt Bestsellerautorin Liz Moore ein Spiel mit Perspektiven und Zeitebenen
Dass das Wort „Panik“ von Pan kommt, dem Gott des Waldes, lernen die Kinder im Camp Emerson, Upstate New York, an Tag eins. Pan habe es geliebt, die Menschen zu täuschen und zu verwirren, sodass diese die Orientierung verloren. „Wer in Panik gerät“, erklärt die Leiterin des Sommerlagers, „macht sich den Wald zum Feind. Wer ruhig bleibt, ist sein Freund.“ Ganz
»,Der Gott des Waldes‘ ist ein Pageturner, der Barack Obama letzten Sommer garantiert ein paar schlaflose Nächte bereitet hat
wichtig: Wer feststellt, sich verlaufen zu haben, solle sich auf den Boden setzen und laut rufen.
Diese kleine Einführung erfolgt im Juni 1975, einer von sechs Zeitebenen, zwischen denen die einzelnen Kapitel von Liz Moores neuem Roman „Der Gott des Waldes“ wechseln. Zurück bis in die 1950er reicht die Vorgeschichte, danach folgt das schicksalha e Jahr 1961, in dem der achtjährige Sohn der einflussreichen CampbetreiberFamilie Van Laar, genannt Bear, spurlos verschwand.
Weitere Kapitel spielen im Winter 1973, im Juni, Juli und schließlich im August 1975, der – zur leichteren Orientierung im Präsens geschilderten – Gegenwart des Romans, in der sich die Geschichte zu wiederholen scheint: Barbara, Bears erst nach dessen Verschwinden gezeugte Schwester, nimmt nun selbst am Lager teil – und liegt eines Morgens nicht in ihrem Stockbett.
Was ist passiert? Was hat das mit dem Fall vor 14 Jahren zu tun, der nie zur Zufriedenheit aller gelöst wurde? Und was hat ein allem Anschein nach konventionell erzählter Mystery-Thriller in der Falter-Buchbeilage verloren? Nun, die 1983 geborene US-Amerikanerin Liz Moore genießt in der Literatur einen Sonderstatus. Ursprünglich Musikerin, wandte sie sich vor knapp 20 Jahren dem Schreiben zu: Ihr Debüt „The Words of Every Song“ verknüp e lose 14 Episoden über Menschen aus der Musikbranche.
Erst im Laufe ihrer literarischen Karriere näherten sich Moores Bücher über das Motiv weit zurückreichender Familiengeheimnisse dem Spannungsgenre an. Erst dieser Tage ist die TV-Serie „Long Bright River“ mit Amanda Seyfried angelaufen, die auf Moores gleichnamigem Bestseller basiert. Verbrechen und geheimnisvolle Abgänge spielen darin ebenso eine Rolle wie in „Gott des Waldes“, der wohl auch demnächst verfilmt werden wird. Den entscheidenden Boost für den Roman lieferte allerdings Barack Obama, der den im Original im Juli 2024 erschienenen Titel auf seine kultisch erwartete Sommerleseliste setzte.
Bei einem Thriller verbietet es sich, diesen durch exzessive Inhaltsangaben zu spoilern. Ein wenig darf dennoch verraten werden, zumal der Roman auch abseits des Mystery-Plots durchaus Interessantes zu bieten hat, etwa Frauen in sehr unterschiedlichen Stadien der Emanzipation. Da ist einmal die Ermittlerin Judyta „Judy“ Luptack, die im August 1975 die Suche nach Barbara Van Laar aufnimmt. Schon 26 Jahre alt, wohnt sie noch bei ihren Eltern, die sich weigern zu akzeptieren, dass Judy nicht jeden Tag nach der Arbeit zu ihnen ins zwei Stunden entfernte Schenectady fährt, sondern ein Motelzimmer in Campnähe nimmt. Als einzige Frau im Team mit den typischen Vorurteilen konfrontiert, überzeugt sie mit Kompetenz, entscheidet sich aber gegen „männlich“ brachiales Karrierestreben.

Liz Moore: Der Go des Waldes. Roman. Deutsch von Cornelius Hartz. C. H. Beck, 590 S., € 26,80
Auf der anderen Seite steht Alice, die Mutter von Barbara und Bear. Sie hat jung und ahnungslos in die elitäre Familie Van Laar eingeheiratet. Dass man sie dort für dumm hält, hat sie stets hingenommen. Seit dem Verschwinden ihres innig geliebten Sohnes ist sie auf ein Medikament eingestellt, das äußerst lebha e Visionen verursacht. Louise wiederum arbeitet als Betreuerin im Camp. Ihr gewalttätiger Verlobter hat ihr lange verschwiegen, dass sein Vater Anwalt der Van Laars und Gast auf deren Anwesen unweit des Ferienlagers ist. Und schließlich gibt es auch noch die freundliche, aber wenig selbstbewusste Tracy, die sich mit Barbara angefreundet hat und diese nun auf eigene Faust zu suchen beginnt – dabei aber feststellen muss, dass das mit dem Hinsetzen und Rufen leider gar nichts bringt.
Der Roman ist sorgfältig so konstruiert, dass die einzelnen Figuren ihre Geheimnisse möglichst lange für sich behalten. Damit das funktioniert, wechselt Moore Zeitebenen und Erzählperspektiven. Ohne in die Ich-Form zu kippen, bleibt die Narration sehr nah an der jeweiligen der rund zehn Figuren, die in der Kapitelüberschri genannt wird: Auf „Louise“ im „August 1975“ folgt dann etwa „Alice“ im „Juni 1975“. Eine solche Anlage des Spannungsaufbaus findet man in jüngeren Thrillern etwa der Bestsellerautorin Lucy Foley immer wieder, und auch Moore weiß diese souverän und effektvoll einzusetzen. Keine Frage, „Der Gott des Waldes“ ist ein Pageturner, der Barack Obama letzten Sommer garantiert ein paar schlaflose Nächte bereitet hat. Betrachtet man den Roman von einem literarischen Standpunkt aus, könnte man freilich bemängeln, dass er sein Ziel mit einer geringeren Vielfalt an Perspektiven und komplizierten Verbandelungen sowie falschen Fährten genauso gut und noch etwas eleganter erreichen hätte können. Anders gesagt: Der Gott Pan hat hier erkennbar seine Finger im Spiel.
MARTIN PESL




30 Forscheri en aus a en Regionen und Zeiten
Expedition in die Welt der MINT-Fächer
Mit Fantasiereisen: Kinder ermutigen, selbst zu forschen und zu erfinden



Nach über zehn Jahren legt die gefeierte Fashionista-Feministin Chimamanda Ngozi Adichie wieder einen Roman vor
Es ist mehr als zehn Jahre her, dass der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, Jahrgang 1977, mit ihrem Weltbestseller „Americanah“ der Durchbruch gelang. In einer unterhaltsamen Mischung aus bissiger Sozialsatire und Thesenroman untersuchte sie alle gängigen Aspekte des Schwarzseins in Amerika, indem sie den kolonialen Blick einfach umkehrte. Sie verspottete vor allem die verkorksten Heucheleien liberaler Amerikaner im Umgang mit Persons of Color und machte die Weißen zu befremdlichen Exoten.
In den Jahren seither befasste sich Adichie mit mancherlei – nur nicht mit dem Romanschreiben. Sie bekam drei Kinder, führte personalgestützte Haushalte in den USA und einer Gated Community im nigerianischen Lagos, posierte in DesignerCouture und mit extravaganten Frisuren für Hochglanzmagazine und widmete sich als meinungsstarke Staraktivistin mit divenha en Allüren ihrer internationalen Medienpräsenz.
Adichie hielt Vorträge allüberall, mischte sich mit kontroversen Ansichten, etwa über Transfrauen, in aktuelle Debatten ein und tummelte sich auf Podien mit Michelle Obama oder Angela Merkel. Mit einem Manifest („Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden“) und einem Essay („We Should All Be Feminists“) brachte sie es zur Ikone des Pop-Feminismus: Der Satz wurde von Beyoncé gesampelt und von Dior auf T-Shirts gedruckt. Zugleich als Fashionista und Feministin aufzutreten, ist offenbar kein Widerspruch.
Jetzt aber hat sich Adichie wieder an einen Roman gewagt, der zeitgleich im Original und in Dutzenden Übersetzungen weltweit erscheint. „Dream Count“ erzählt temperamentvoll die miteinander verwobenen Karrieregeschichten der vier Schwarzen Protagonistinnen, drei christlichen Igbo-Frauen aus Nigeria und einer muslimischen Dorffrau aus Guinea, allesamt Singles und ungefähr im Alter der Autorin. Der Erzählton
Der luxuriöse Lebensstil der Protagonistinnen wird durch den Corona-Lockdown etwas beeinträchtigt, aber nicht infrage gestellt, sondern ohne jede kritische Distanz beschrieben
ist ganz auf Tempo und forcierte Unterhaltsamkeit getrimmt, wie es der „International Style“, die global anschlussfähige Mainstream-Literatur, heute vorgibt.
Die Frauen im Roman sind einander durch ihr feministisches Selbstverständnis sowie durch Verwandtscha , Freundscha oder ein Dienstverhältnis verbunden. Wobei die drei Nigerianerinnen als Angehörige der wohlhabenden Bildungselite ihres Landes von Haus aus privilegiert sind, gewöhnt an den Service von Hauspersonal, Köchen und Fahrern. Sie gehen anspruchsvollen Berufen nach und pendeln nach Belieben zwischen ihrem Herkun sland und den USA.
Chiamaka ist Reiseschri stellerin und schreibt aus ihrem Haus in Maryland flotte Plaudertexte über schicke Destinationen auf der ganzen Welt. Der Roman wird nicht müde, auf ihre außergewöhnliche Schönheit hinzuweisen, und nachdem sie darüber hinaus noch viele biografische Eckdaten mit der Autorin teilt, wird sie unschwer als deren (selbstironisches?) Alter Ego erkennbar.

Chimamanda
Ngozi Adichie: Dream Count. Roman. Aus dem Amerikanischen von Asal Dardan und Jan Schönherr. S. Fischer, 528 S., € 28,80
Chiamakas beste Freundin Zikora lebt als Anwältin in Washington, und ihre Cousine Omelogor ist Bankerin in Nigeria und wird durch krumme Geldgeschä e steinreich, ehe sie den Job angeekelt hinwir und ein Master-Studium an einer US-Universität beginnt. Auch Kadiatou, die arme Frau aus Guinea, hat den Sprung nach Amerika geschafft. Sie arbeitet als Chiamakas Haushälterin und als Zimmermädchen in einem Hotel. Alle drei Igbo-Damen nehmen sie in schwesterlicher Solidarität unter ihre Fittiche. Das Herablassende daran fällt dem Roman nicht auf.
Der luxuriöse Lebensstil des Trios wird allenfalls durch die lästigen Beschränkungen während des Corona-Lockdowns etwas beeinträchtigt und weiters nicht infrage gestellt, sondern ohne jede kritische Distanz beschrieben. Nur im Falle der Erfahrungen Omelogors blitzt Adichies berühmter Sarkasmus auf. Die schamlose Selbstberei-
cherung ihrer korrupten Bankerkollegen in Nigeria und der woke linke Dogmatismus ihrer amerikanischen Uni-Kommilitonen bieten Stoff für wohlfeile Sozialsatire. Erst wenn man den Blick auf die Männer in diesem Roman richtet, erkennt man, worum es der Autorin hier eigentlich geht. „Dream Count“ liest sich wie eine vernichtende Generalabrechnung mit der Spezies Mann als solcher. Adichie präsentiert eine Musterkollektion fiesen, feigen und ruchlosen männlichen Verhaltens. Alle vier Protagonistinnen machen ausnahmslos schlechte Erfahrungen mit Männern: Sie werden von diesen belogen, betrogen, hintergangen, seelisch und körperlich misshandelt; im Fall von Zikora geschwängert, wortlos verabschiedet und schnöde im Stich gelassen; im Fall von Kadiatou von einem Hotelgast brutal vergewaltigt. Dass Adichie hier den realen Me-Too-Skandal um den notorischen Vergewaltiger Dominique Strauss-Kahn bis ins kleinste Detail in den Roman hineinmontiert, wirkt unnötig spekulativ. Einerseits. Andererseits führt die Hauptheldin Chiamaka den titelgebenden „Dream Count“. Sie listet darin pedantisch alle Begegnungen mit Männern in ihrem Leben auf, die realen und die erträumten, fantasierten, ersehnten. Die wirklichen Affären enden allesamt enttäuschend. Den Frust darüber bekämp Chiamaka, indem sie jede noch so zufällige Männerbegegnung, jeden begehrlichen Blickwechsel mit Unbekannten auf der Straße, im Flugzeug oder sonst wo penibel protokolliert. Der eine hat „Zimthaut“, der andere „die Ausstrahlung eines Löwen – seine Glatze glänzte im Kronleuchterlicht des Ballsaals“. Das genügt, um über ein alternatives Leben an seiner Seite zu fantasieren. Es liest sich wie die erotischen Tagebuch-Wunschträume pubertierender Schulmädchen. Wenn Pop-Feminismus so ausschaut, dann ist er das Gegenteil von weiblicher Selbstbestimmung.
SIGRID LÖFFLER
Die Romanbiografie „Peggy“ schildert lebha , was die New Yorker Kunstsammlerin Peggy Guggenheim umtrieb
Zehn Jahre lang arbeitete die kanadische Autorin Rebecca Godfrey an ihrer Romanbiografie über die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim (1898–1979). Von eigensinnigen Frauenfiguren hatten schon ihre erfolgreichen Romane „The Torn Skirt“ (2001) und „Under the Bridge“ (2005) erzählt, aber „Peggy“ geriet zur Tour de Force.
2018 erkrankte Godfrey an Lungenkrebs. Während der vier Jahre bis zu ihrem Tod schrieb sie über Guggenheims von Gefühlskälte bestimmte Jugend und über die Gewalterfahrung in ihrer ersten Ehe. „Gib ihr diesen dritten Teil, etwas Glück und Triumph“, bat die 54-Jährige im Krankenhaus ihre Freundin, die Schristellerin Leslie Jamison.
In einem Essay für den New Yorker schreibt Jamison, dass sie auf die Frage, ob sie das Buch vollenden würde, sofort zusagte. Die US-Schri stellerin wurde 2016 mit dem Essayband „Die Empathie-Tests“ bekannt, und auch ihr im Vorjahr erschienenes Memoir „Splitter“ über Mutterscha und Trennung erntete viel Lob.
Nun herrscht wahrlich kein Mangel an Schmökern über die New Yorker Millionenerbin und Museumsgründerin. Seit ihrer amüsanten Autobiografie „Confessions of an Art Addict“ von 1946 sind locker ein Dutzend Sachbücher und Romane über die Kunstbesessene erschienen – jüngst sogar Schmonzetten mit Untertiteln wie „Der Traum vom Glück“ oder „Sie lebte die Liebe und veränderte die Welt der Kunst“.
„Ich bin die Tochter zweier Dynastien; ich gelte als reicher als der Rest der Stadt, übertroffen nur von unserem Nachbarn, Rockefeller.“ In erster Person und flottem Tonfall schildert Peggy im Prolog, wie ihre Großväter als arme Burschen aus deutschen Landen nach Amerika kamen und sich von „Teilachern“ (Jiddisch für „Hausierer“) zu Industriemagnaten und Bankiers hocharbeiteten.
Trotz ihrer gigantischen Vermögen müssen die jüdischen Aufsteigerfamilien weiter um ihre Anerkennung kämpfen. Eine Bar Mitzwa fehlt im Buch, alles dreht sich um den Debütantinnenball. Nach dem Willen der resoluten Mutter sollen die Töchter Benita, Peggy und Hazel nichts ande-
res als eine gute Partie machen. Die Stärke des Romans liegt darin, dass er weniger die Psyche seiner Heldin als die familiären und gesellscha lichen Umstände ausleuchtet. Gelungene Szenen belegen Peggys Exzentrik, etwa deren Vorliebe, auf einem Raubtierfell liegend zu lesen. „Lass vom Tiger ab und steh vom Boden auf!“, befiehlt Frau Mama stets. Die Weisung wird später zum inneren Mantra der Tochter, wenn es gilt, sich von dem Brutalo Laurence Vail zu lösen.
Dass der Vater ein Lo erleben in Paris führt, dort seine Millionen durchbringt und schließlich mit der Titanic untergeht, wir einen Schatten auf das Leben seiner Töchter, von denen zwei tragisch enden. Beim Tod ihres Daddy ist Peggy erst 14; ihr Leben lang wird sie ihn zum schöngeistigen Visionär verklären – ein schlechtes Fundament für die Partnerwahl, das dem Beuteschema „genialer Schristeller mit Schreibblockade“ folgt.
Dennoch findet die Protagonistin im letzten Teil des Romans auftragsgemäß etwas Happiness. Witzig: „Sam“ Beckett kugelt lieber mit Peggy im Bett herum, als für James Joyce den Gehilfen zu machen oder sich hinter die Schreibmaschine zu klemmen. Allerdings scheint auch die angehende Galeristin Guggenheim, die extravagante Ausstellungen plant, weniger an Kunst als an Liebesnächten interessiert.
Dass er von vier Händen stammt, merkt man dem 400-Seiter nicht an.
Die Bio endet 1938 mit Peggys glanzvoller Eröffnung der Londoner Galerie Guggenheim Jeune und führt im Epilog nach Venedig, wo die Millionärin 1958 im Palazzo Venier residiert, der heute ihr Museum beherbergt. So kurzweilig, wie diese Lebensgeschichte Komik und Tragik austariert, folgt man ihr gerne bis zum Schluss.
NICOLE SCHEYERER

Bergsveinn Birgisson hetzt seine Protagonisten in einer wüsten Verfolgungsjagd auf „Die Insel Kolbeinsey“
Es ist keine Schande, noch nie von der Insel Kolbeinsey gehört zu haben. Durch einen Vulkanausbruch entstanden, liegt sie 105 Kilometer vor der Nordküste Islands – noch. Weil sie immer weiter erodiert, wird sie bald in den Wellen verschwinden. Zuletzt ragten noch 290 Quadratmeter über die Wasseroberfläche: kein einfacher literarischer Schauplatz. Und so erreicht der Erzähler von Bergsveinn Birgissons neuem Roman das trostlose Eiland auch erst ganz am Ende seiner Geschichte. Die beginnt in Reykjavik, wo er an der Universität Literatur unterrichtet, geplagt von Zweifeln, was Dichtung für ihn und diese Zeit eigentlich noch bedeuten soll, und liiert mit einer Frau, gegenüber der er sich schuldig fühlt, weil er ihr das Leben so schwer macht.
Aber es gibt da einen Menschen, dem es noch schlechter geht, er nennt ihn immer nur „meinen depressiven Freund“. Der wurde von seiner Mutter aus Angst, er könnte sich das Leben nehmen, in die Psychiatrie gesteckt, wo er ihn nun regelmäßig besuchen will – aus echter Sorge, aber auch der willkommenen Gelegenheit wegen, sich für eine Zeit von der Universität zu verabschieden. Der Freund aber ist seelisch und körperlich am Ende, und das gut gemeinte Angebot des Erzählers erreicht ihn nicht mehr. Eine gefühlte Ewigkeit quälen sich die beiden gegenseitig mit schier endlosen Monologen, und je länger der Erzähler redet, desto stärker gerät auch sein eigenes, ohnehin labiles seelisches Gleichgewicht ins Wanken.
sion – verstärkt noch durch die Illustrationen von Kjartan Hallur – folgt nun eine haarsträubende Verfolgungsjagd quer über die Insel. Zu Fuß, mit Auto und Motorschlitten führt sie in immer einsamere Gegenden, umrahmt von dramatischen Kulissen –pure Action mit Karambolagen und einem Helden, der für Momente in einer Gletscherspalte verschwindet. Das letzte Stück Weges führt mit dem Boot über das Meer – zur Insel Kolbeinsey.
Rebecca Godfrey mit Leslie Jamison: Peggy. Roman. Deutsch von Bri Somann-Jung. S. Fischer, 400 S., € 25,50 (Erscheint am 26.3.)
Bis die Krankenschwester den Raum betritt. Der Freund möge bitte gehen, seine Besuche seien für den Patienten eine schwere Belastung. Doch der Freund will nicht, erst recht, als sich die Schwester als Sadistin erweist, die ihre Macht über die Patienten auskostet. Vielleicht ist auch Begehren im Spiel? Die gemeinsame Feindin jedenfalls sti et zwischen den beiden Freunden wieder eine Gemeinsamkeit, und in einer atemberaubenden Aktion gelingt es dem Erzähler, den Freund aus der Klinik zu entführen. Worauf sich die Krankenschwester an deren Fersen he et.
An dieser Stelle wechselt der Roman unvermittelt seine Tonalität. Auf die Düsternis einer schweren Depres-
Man kann sich diese Szenen wunderbar im Kino vorstellen, der Saal würde toben – allerdings nur die Oberfläche der Romanhandlung präsentiert bekommen. Denn nun stülpen sich die seelischen Landscha en der beiden Männer nach außen, korrespondieren mit der einmaligen Natur Islands. Dort residieren auch die Helden der Saga-Dichtung, Balder, Gullveig, Odin und wie sie alle heißen. Übersetzerin Eleonore Gudmundsson erläutert in einem Anhang Anspielungen, die eine Leserscha außerhalb Islands nicht verstehen kann. Bergsveinn Birgisson ist ein ausgewiesener Mittelalterexperte, weswegen man in seinem Erzähler wohl ein Selbstporträt vermuten darf. Seinen Roman hat er in der Gegenwart angesiedelt, aber in der ältesten überlieferten isländischen Literatur verankert. Drei Hauptfiguren genügen ihm, aber die bespielen die Insel von Westen nach Osten und vom Süden bis in den äußersten Norden. Man braucht eine Weile, bis man in diese Welt hineingefunden hat, aber dann erkennt man das kleine Wunder, das hier gelungen ist: den Raum und die Zeit, die Menschen und die Landscha zu einem totalen Island-Roman zu verbinden – der anders auch in einer anderen Ecke dieser Welt spielen könnte.
TOBIAS HEYL

Bergsveinn Birgisson: Die Insel Kolbeinsey. Roman. Aus dem Isländischen von Eleonore Gudmundsson. Residenz, 222 S., € 26,–
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Der ukrainische Underground-Star Serhij Zhadan macht Charkiw zur eigentlichen Heldin seiner Geschichten aus dem Krieg
Als der ukrainische Autor Serhij Zhadan im Winter 2022 an einem Gedichtzyklus über seine damals schon von den Russen besetzte Heimat arbeitete, begann der große Krieg. Der Star des postsowjetischen Undergrounds brauchte einige Zeit, bis er seine Sprache wiederfand. In den zehn Geschichten von „Keiner wird um etwas bitten“ erreicht er eine bislang unerreichte erzählerische Perfektion.
Seine meist durchgeknallten Protagonisten sind dieselben wie eh und je. „Am zweiten März, dem siebten Kriegstag, rief Kolja an und bat, eine Leiche wegzubringen. Artem war nicht überrascht, fragte aber nach – wessen Leiche genau?“ Die anarchistischen Rabauken sind durch den Krieg nicht auf einmal zu guten Menschen geworden, aber sie tun einfach, was jetzt zu tun ist, holen Kinder aus der Gefahrenzone, versorgen Alte mit Medikamenten oder Lebensmitteln. Die meisten Jungen sind ohnedies weg – entweder ins Ausland geflohen oder tot.
Zhadan beschreibt nicht den Krieg an der Front, sondern die Stadt in ihrer scheinbaren Normalität. Passanten zwischen Trümmerhaufen, leere Straßen, forgotten places: „Wir stehen unter dem weiten Himmel der Vorstadt, schweigen, lauschen der Stille. Es ist still wie in einem Haus, aus dem eine große, ewig streitende Familie ausgezogen ist.“
Der Erzähler unterbricht das unwirsche Einstellungsgespräch in einem Büroturm und lässt den Firmenchef aus dem Fenster schauen. Am Ende eines lyrischen Intermezzos stellt sich heraus, dass der neue Mitarbeiter ein Problem hat: „,Was ist ihm denn passiert?‘ ,Landmine. […] Bei Charkiw. Auf dem Rückweg vom Einsatz, sind falsch abgebogen. Alle zerfetzt, die ganze Gruppe. Nur unser Serhij Stanislawowytsch überlebte. Bloß, dass er jetzt nichts mehr sieht.‘“
Da sind zwei, die sich zufällig an einer Tankstelle kennenlernen und für eine Nacht im Hotel verabreden. Er bekommt unter Mühen Urlaub von der Front; sie, früher Anwältin, ist gerade auf dem Weg dorthin. Außer linkischer Nervosität passiert nicht viel: „Lass uns schlafen, da wir schon ein Bett haben.“ Auch der Liebesversuch zweier ehemaliger Schulfreunde – er kommt ebenfalls gerade von der Front, sie hat Blumen mitgebracht – endet ergebnislos.
Von geradezu biblischer Wucht hingegen ist die Erzählung vom Begräbnis eines Kommandeurs: Der Pfarrer weiß nicht, was er über den Gefallenen sagen soll, die noch immer untergebenen Soldaten wissen nicht, wie man sich in der Kirche verhält; Frauen weinen, und am Sarg stehen Ehefrau Dina sowie Anna, die Geliebte des Toten. Dina trägt jetzt zwei Eheringe: „Der Tod verbin-

det, der Tod ist wie eine Straßenbahn – es ist nicht wichtig, wie du hierher geraten bist, wichtig ist, wo du aussteigen musst.“
Zhadans Protagonisten tun so, als hätten sie keine Angst, als wären sie nicht einsam, während alle Welt längst verschwunden ist. Zurück bleiben nur Charkiw, die zweite, östliche Hauptstadt der Ukraine, und ihr Chronist. In aller Verlassenheit und trotz jahrelanger Belagerung wirkt die Millionenstadt merkwürdig aufgeräumt. Sie ist die eigentliche Heldin des Buches. Gelegentlich taucht eine Rauchschwade in der Ferne auf, sonst ist es die Sonne, der sich die Gesichter der Überlebenden sehnsüchtig entgegenrecken. Und schließlich ist da der wortkarge Pensionist, der auf ein zerbombtes Schulgebäude aufpasst: „,Ich hasse sie‘, sagte Pal Iwanytsch. ,Wen?‘, fragte der Dicke. ,Die, die das alles angefangen haben.‘“ Seine Zeit verbringt Pal damit, aus seinem alten Nokia-Handy Namen zu löschen. „,Wen denn?‘ ,Die, die inzwischen gestorben sind. Bin schon beim Buchstaben D.‘“ Serhij Zhadans Erzählungen erreichen in ihrer Einfachheit geradezu shakespearesche Monumentalität, ersetzen einen Großteil dessen, was über den Krieg in der Ukraine geschrieben wurde. Und sie sind der Beweis, dass Kunst auch in Zeiten des Krieges möglich, ja nötig ist.
ERICH KLEIN
165 S., € 24,70
In seinem letzten Buch „Der Anruf“ denkt der albanische Autor Ismael Kadare über das Verhältnis von DiktaturundDichtung nach
I n den 2010er-Jahren kehrte der albanische Autor Ismail Kadare (1936–2024) noch einmal an das Gorki-Institut im Zentrum Moskaus zurück, den Ort, an dem er rund ein halbes Jahrhundert zuvor den Sozialistischen Realismus erlernen sollte. Sein letztes, eingangs fast nostalgisch anmutendes Buch „Der Anruf“ entwickelt sich dank Überblendung mehrerer Zeitebenen zu einer spannungsgeladenen erzählerischen „Untersuchung“ über Glanz und Elend der Literatur.
Kadare erinnert sich darin etwa an die Diskussionen in der Moskauer Kaderschmiede, wo die Studenten zu „Ingenieuren der Seele“ im Dienste des Kommunismus ausgebildet werden sollten, die Rede von der Entstalinisierung während Chruschtschows Tauwetter aber allzu wörtlich nahmen. Zu guten Sozialistischen Realisten werden sie nicht mehr, zu Alkoholikern schon.
Zugleich schreibt Kadare über sich selbst. Als Verfasser von gut 30 Büchern lavierte er sich durch die bleierne Zeit unter Albaniens Langzeitdiktator Enver Hoxha – mal von oben protegiert, mal unter Druck gesetzt, mal verfolgt. „Es hört nie auf, dieses Getöse, egal ob in Moskau oder in Tirana“, merkt der Autor traumverloren sinnierend an, ehe er unvermittelt zum eigentlichen Gegenstand der „Untersuchung“ gelangt.
Es geht um das berühmte Telefongespräch zwischen Stalin und Boris Pasternak im Jahr 1934. Der Diktator höchstpersönlich ru den Dichter an und will dessen Meinung über den verha eten Dichterkollegen Ossip Mandelstam hören. Der hatte erst kürzlich ein berühmtes Spottgedicht über den „Bergbewohner im Kreml“ verfasst, in dem es abschließend heißt: „Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten / Und breit schwillt die Brust des Osseten.“
Kadare untersucht die in dreizehn kaum voneinander abweichenden Versionen überlieferte Episode minutiös, verliert sein Thema mitunter aus den Augen, um danach wieder zu diesem zurückzukehren. Das nur wenige Minuten dauernde Telefonat zwischen Dichter und Diktator gilt bis heute als der Beleg für die Ohnmacht der Intelligenzija gegenüber der Staatsmacht. Pasternak bringt nichts als Gestammel hervor, worauf Stalin kurzerhand den Hörer auflegt.
Pasternak wiederum ergeht sich in Selbstzweifeln und Rechtfertigungen, schließlich hatte er es nicht gewagt, an Stalin die entscheidenden Fragen „über Leben und Tod“ zu richten. Worin diese bestanden hätten, ist nicht überliefert. Umso mehr weiß Kadare über die Rolle der Ehefrauen und sonstiger Schri stellergefährtinnen zu berichten, vor allem über das Treffen von Anna Achmatowa mit dem englischen Phi-

Der Anruf. Untersuchungen. Aus dem Albanischen von
S. Fischer, 176 S., € 19,99
losophen und Diplomaten Isaiah Berlin, die einiges zur Verbreitung des verunglückten Telefonates beitrugen.
Die vom Hundertsten ins Tausendste abschweifenden „Untersuchungen“ Kadares gleichen ein wenig den berühmten russischen Puppen und erlauben es dem Autor, die eigene Biografie schreibend derjenigen Pasternaks anzunähern. Als junger Dichter hatte er selbst einen Anruf Enver Hoxhas erhalten, der ihm zu einem Poem gratuliert: „Ich sagte ,danke‘, mehr brachte ich nicht heraus.“ Anders als der schreckensstarre Pasternak war Kadare von dem Telefonat verdutzt, und die Biografien des Russen und des Albaners verliefen in der Folge sehr unterschiedlich: Kadare wurde für den Literaturnobelpreis wiederholt vorgeschlagen, Pasternak wurde er 1958 tatsächlich zugesprochen, der Dichter allerdings gezwungen, ihn abzulehnen. Kadares Beschreibung des Raumes, in dem sich der Schri steller in einer Diktatur bewegt, gerät zuletzt kryptisch: „Kompliziert wird die ganze Sache, als sie in eine andere Dimension übergeht, die man als ‚Zone des Todes‘ bezeichnen könnte. Erst jetzt wird das Geschehen unverständlich, hüllt sich in den Nebel, in dem es jahrzehntelang verbleiben wird.“ Sagen wir so: „Der Anruf“ ist ein Buch voll schimmernder Düsternis.
ERICH KLEIN
Mit ihrem poetischen Beskiden-Roman „Die weißen Nächte“ ist Urszula Honek für den International Booker Prize nominiert
Bei der letzten Volkszählung hatte Róznowice 1434 Einwohner. Der Ort liegt sehr abgelegen am Fuß der Niederen Beskiden, einer der „wildesten Ecken Polens“, wie die Webseite Poland Soul Travel wissen will. Wild in jeder Hinsicht ist auch das Leben der Figuren in Urszula Honeks wunderbarem kleinen Beskidenroman „Die weißen Nächte“, und die Autorin weiß, wovon sie spricht. Schließlich stammt sie aus Racławice, das kaum einen Katzensprung entfernt ist von Róznowice.
Dass die (süd-)polnische Peripherie, das o so genannte „Polen B“, auf der literarischen Weltkarte erschienen ist, hat viel mit dem Schri steller Andrzej Stasiuk und seiner Frau Monika Sznajderman zu tun. In ihrem gemeinsamen Verlag Czarne ist auch Honeks Roman erschienen, und ein Zitat Stasiuks findet sich auf der Rückseite des Covers: „In dieser grausamen Welt vermag die Literatur das Schöne zu entdecken. Urszula Honek macht das meisterha .“ Das sehen auch andere so, weshalb die „Weißen Nächte“ auch für den diesjährigen International Booker Prize nominiert sind.
Honek macht dabei aber vieles anders als der ihr ansonsten geistesverwandte Stasiuk. Das Wilde und Grausame, das bei diesem stets ins drastisch Maskuline dri et, behält bei ihr selbst dann seinen poetischen Zauber, wenn von Selbstmorden und Brand-
katastrophen, vom Schweineschlachten, von tristem Sex und billigem Schnaps die Rede ist.
Die Autorin hat drei in Polen vielbeachtete Gedichtbände vorgelegt, ehe sie manche Motive und Figuren ihrer Lyrik zu einem eigentümlichen Prosagebilde weiterentwickelte. Ihr „Roman in dreizehn Geschichten“ erzählt – stets am Ort ha end, aber durch die Zeit springend – von Menschen und Verhältnissen in Róznowice. Nichts läu auf einen Plot oder irgendeine forcierte Handlung hinaus, das Leben der Leute driftet fast von allein dem Unglück entgegen.
Man fragt sich gelegentlich, wann diese Geschichten spielen? Sicher nicht in einer fernen Vergangenheit, aber soll das wirklich die Gegenwart in Róznowice sein, wo es außer Holzfällen, Frisieren und Schlachten keine Jobs, außer Saufen, Ficken und Beten keine Freizeitbeschä igungen gibt? Auch die Busverbindungen in den Niederen Beskiden sind hier miserabel. Wer aber schon einmal in der Gegend war, weiß, dass dort dank EU-Fördergeldern selbst in entlegensten Winkeln ein futuristisches Wartehäuschen stehen kann.
Dergleichen aber kommt im Roman nicht vor, würde die Reduktion des dörflichen Lebens aufs Elementare auch nur stören. Wer sich also von Honek durch die Niederen Beskiden geleiten lässt, wird Din-

Urszula Honek: Die weißen Nächte. Roman in dreizehn Geschichten. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp, 164 S., € 23,70
ge sehen, die man ansonsten nicht wahrnähme, wird aber auch Dinge nicht sehen, die einem ansonsten ins Auge sprängen. So aber funktioniert der Roman: Man lässt sich vom verzauberten gelblichen Licht der weißen Nächte in andere Zustände versetzen, die mit der Wirklichkeit bei Tage nicht viel zu tun haben müssen.
Bei allem Zauber zeichnet sich diese Prosa durch große Handfestigkeit aus. Honek liebt Hunde, jedenfalls kommt auf fast jeder Seite einer vor. Und diese Hundebetrachtungen, wie auch die anderen Tierbetrachtungen, vor allem jene von Schweinen kurz vor der Schlachtung, sind mitfühlend und präzise.
Wie in vielen polnischen Romanen wird viel und gerne Wurst verzehrt, lässt sich einiges übers Wurstmachen und -essen lernen. Unüberbietbar poetisch und mit christologischer Anspielung etwa werden jene beschrieben, die diese Würste fabrizieren: „Die Körper der Hausfrauen sind schwer, aufgedunsen, und sie schmerzen. Sie sehen aus wie Ballons, die nicht abheben können. Würde man sie anstechen, so flöße zuerst die ein Leben lang unter dem Herzen gestaute Galle und dann salziges Wasser ab.“ Urszula Honeks „Die weißen Nächte“ ist ein herrliches Buch. Man sollte es lesen, am besten wohl gleich in Róznowice. CHRISTOPH BARTMANN
Gesa Olkusz hat ein eigenbrötlerisches polnisches Brüderpaar zu den Helden ihres berückenden zweiten Romans gemacht
W äre es Parker gewesen, der gepfiffen hat, wäre alles anders, die Karten wären neu gemischt, einfach so, als wäre Veränderung plötzlich möglich geworden, als könne man von einem Tag auf den anderen alles anders machen.“ In diesem Haus pfei nämlich niemand.
Worin besteht eigentlich das „Osteuropäische“ der osteuropäischen Literatur? Vielleicht ist es diese Mischung aus großen Gefühlen und gallbitterem Witz, aus herzzerreißender Intensität und Tristesse. Gesa Olkusz mag in Berlin leben, doch ihre beiden traurigen Helden stammen aus Polen (was freilich nur der Klappentext verrät) und haben eine ordentliche Portion osteuropäisches Lebensgefühl in ihre neue Heimat exportiert – und in diesen Roman, den zweiten der Autorin, ihr Debüt „Legenden“ erschien 2015.
Parker und sein jüngerer Bruder Kasimir (der Name immerhin klingt polnisch) kamen als Kinder mit ihrer Mutter in die USA. Jetzt sind sie in ihren Dreißigern, die Mutter ist längst tot, und sie leben immer noch in Seattle in ihrem nach Baukastenart zusammengeleimten Haus mit dem verödeten Garten. Parker arbeitet als Limousinenchauffeur, Kasimir hat sich zuhause eingeigelt.
Wie sich später herausstellt, dür e es tatsächlich der ältere Bruder gewesen sein,
der eines Morgens beim Verlassen des Hauses gepfiffen hat. Oder war es Parkers unstete Freundin Luzia, die den Keim des Au ruchs säte, als sie zu Kasis Missfallen bei den beiden einzog? Sie ist zu Beginn der Geschichte schon wieder weg, zurückgelassen hat sie nur den zerfledderten Roman über einen jungen Österreicher, der eines Tages in der Karibik verschwindet. Kasimir wiederum will seinem Bruder vom Fortgang Luzias berichten, doch der ist selber plötzlich verschwunden oder jedenfalls untergetaucht. Dass es mit der Kommunikation zwischen den beiden Eigenbrötlern nicht zum Besten steht, wird bald klar: „Die Sprache des Bruders“ ist für den jeweils anderen ein Rätsel. Parker schweigt oder macht höhnische Bemerkungen; Kasi versucht ihn davon zu überzeugen, dass sie das Haus aufgeben und in eine City-Wohnung ziehen sollten. Im Kopf probt er den rhetorischen Aufstand – was er dann sagt oder brüllt, bleibt wirkungslos.
Die Depression der Mutter, die nach der Großtat des Auswanderns gleichsam den Dienst quittiert hat, scheint den Brüdern ebenso in den Knochen zu stecken wie die Verlorenheit des Vaters, der sich zuhause eines Tages in die Krone eines Apfelbaums verabschiedet und es nie in die USA geschafft hat. Kasi, für den das Verlassen der Heimat ein niemals wieder gut zu machender Fehler bleibt, fragt sich, wie die Gegen-

Gesa Olkusz: Die Sprache meines Bruders. Roman. Residenz, 173 S., € 25,–
wart so unerträglich sein kann. Antwort: Ist sie gar nicht, „denn man kann immer, immer! den Augenblick ertragen, 2,7 Sekunden, mehr ist sie nicht einmal in der Einbildung, die arme, kleine Gegenwart.“
Es ist also nur konsequent, dass Gesa Olkusz von den Variationen des Verschwindens im Präsens erzählt, in einer Sprache von leuchtender Schlichtheit – zudringlich, genau, bildha , berückend. Davon, was passiert ist, wie die Akteure es missverstehen und was weiter geschieht, erfahren wir nach und nach, novellenha verdichtet, aus den wechselnden Perspektiven von Kasi, Parker und Luzia. Und da gibt es durchaus auch Gegenbilder zum umfassenden Weltverdruss, nächtliche Stadtfahrten, Bergwälder, „eine Art Zustand gehobener Apathie“ als das höchste der Gefühle für Menschen, die an den falschen Ort gebannt sind. Zwei der drei Entwurzelten folgen der Fährte von Luzias karibischem Roman und landen in Panama, aber die Kombination von tropischer Hitze und Haltlosigkeit ist bekanntlich gefährlich; wenn man nicht weiß, was man will, befördert sie das Einverständnis mit dem eigenen Untergang. Angesichts dieses grandiosen Nachtstücks müsste man es sehr bedauern, würde uns die Autorin wieder zehn Jahre auf ihren nächsten Roman warten lassen.
DANIELA STRIGL

In „Atom“ setzt Steffen Kopetzky einen fiktiven britischen Physiker auf die Nazis an und lässt viele reale Zelebritäten au reten
Die Rahmenhandlung von Steffen Kopetzkys Roman „Atom“ ist schnell erzählt. Der britische Physiker Simon Batley studiert im Berlin der 1920er-Jahre und beginnt dort, dem Geheimdienst seines Heimatlandes zuzuarbeiten. Während des Zweiten Weltkriegs wird er von den Briten reaktiviert und der Abteilung „Scientific Intelligence“ zugeteilt. Im Fokus seiner Tätigkeit steht die Informationsbeschaffung über die nationalsozialistische Raketenentwicklung und Atomforschung.
In Bletchley Park überzeugt er sich von den Erfolgen einer beeindruckenden Abhörmaschinerie. Nicht zuletzt mit ihrer Hilfe gelingt es, den Machenscha en der Nazis auf die Spur zu kommen, Produktionsstätten auszukundscha en, aber auch Hinweise auf die zentralen Figuren rund um die deutschen Geheimwaffen zu erhalten.
Bis Batley an den organisatorischen Kopf der in einem unterirdischen Tunnelsystem vorangetriebenen und auf Zwangsarbeit Tausender basierenden „Wunderwaffenherstellung“ herankommt, begleiten ihn Leserin und Leser entlang vieler Episoden, deren Stimmungslagen aus Spionageromanen und -filmen älteren wie jüngeren Datums bekannt sein dür en: einsame Momente in düsteren Wohnungen; tiefschürfende Gespräche mit Kollegen über den Sinn des eigenen Tuns inmitten einer in Blut versinkenden Welt; Mutmaßungen über den Aussagewert abgefangener Nachrichten; Verfolgungsjagden und schließlich schmerzliche Reminiszenzen an eine jäh beendete Liebe.
Die angebetete „Hedi“ ist eine deutsche Mathematikerin – ihr voller Name lautet Hedwig von Treyden – und gehört zu jenen Wissenscha lern und Wissenscha lerinnen, die das bedrängte „Dritte Reich“ vor der Niederlage bewahren sollen – was bekanntlich misslingt. Parallel dazu ist das Wissen über die NS-Technologie weiterhin begehrt. Als sich der Krieg seinem Ende nähert, gilt das Interesse der Amerikaner nicht nur den
Des Autors permanente Berufung auf historisch verbürgte Ereignisse und Personen wir die Frage auf, ob die Lektüre eines Sachbuchs nicht vorzuziehen wäre
involvierten NS-Wissenscha lern, sondern auch dem Hauptorganisator des gesamten Unternehmens, Hans Kammler, General der Waffen-SS.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Steffen Kopetzky historischer Vorlagen bedient. 2023 war es die schillernde Kommunistin Larissa Reissner, deren Biografie im Roman „Damenopfer“ zwischen „Affären und Weltrevolution“ au ereitet wurde. Schon damals musste eine enorme Anzahl an Figuren und Nebenhandlungen im Auge behalten werden, „Atom“ nun stellt seine Leserscha vor ähnliche Herausforderungen. Weitverzweigte Spionagenetzwerke warten naturgemäß mit einer Vielzahl an Namen und Pseudonymen auf. Neben diesem „Fußvolk“ tritt eine Reihe prominenter Figuren auf – von Albert Einstein, Winston Churchill und Rudolf Heß bis zum James-BondErfinder Ian Fleming.
kenntnisgewinn bei ebenfalls vorhandenem Unterhaltungswert liefern, der auch einer akademisch betriebenen Intelligence History im Regelfall niemals ganz abhandenkommt.
In seinem Nachwort gibt der Autor zu bedenken, dass weite Teile der deutschen Geheimforschung der NS-Zeit von dichtem Nebel umgeben seien. So etwa sind auch das Wirken und die Bedeutung Hans Kammlers, der als Koordinator geheimer Waffenprogramme in der letzten Phase des NS-Regimes eine Schlüsselposition innehatte, tatsächlich weitgehend unerforscht geblieben.

Steffen Kopetzky: Atom. Roman. Rowohlt Berlin. 416 S., € 26,80
Sprachlich souverän packt Kopetzky seinen Agentenroman in geschmeidige Dialoge. Die nachdenklichen Betrachtungen, die vor allem seine Hauptfigur, Simon Batley, anstellt, vermitteln ein plausibles Bild vom Wesen des integren Agenten. Die komplexe Psychologie, die sich hinter der Spionage und den Geheimen Diensten au ut, hat allerdings Michael Ondaatje in seinem Roman „Kriegslicht“ sprachlich subtiler und kompositorisch raffinierter sichtbar machen können. Wer überdies John le Carrés desillusionierten Alec Leamas aus „Der Spion, der aus der Kälte kam“ kennengelernt hat, wird das innere Ringen von Simon Batley auf einem anderen, vielleicht ein wenig brav konstruierten Reflexionsniveau verorten.
Darüber hinaus ist der Bezug auf einen authentischen Hintergrund doch etwas penetrant geraten. Die permanente Berufung auf Ereignisse und Personen, die der Geschichte entnommen sind, wir schließlich sogar die Frage auf, ob nicht die Lektüre eines Sachbuchs vorzuziehen wäre. Ein solches würde einen gesicherten Er-
Dafür verantwortlich war allerdings nicht zuletzt eine bewusste Desinformation von amerikanischer Seite. Die Geschichte um Kammlers fingierten Selbstmord, den er im Mai 1945 begangen haben soll, enthält all jene nachrichtendienstlichen Klischees, die fiktionale Annäherungen an den „Krieg im Dunkeln“ mühelos in den Schatten stellen. So weist etwa eine 2019 ausgestrahlte ZDF-Doku über „Hitlers Geheimwaffenchef“ auf den mysteriösen Umstand hin, dass der zu Kriegsende umgekommene Chauffeur Kammlers in Gmunden unter seinem tatsächlichen Namen gleich zweimal bestattet wurde und dass dessen Identität möglicherweise dazu diente, die Spuren des SS-Chefs zu verwischen. Erst Jahrzehnte später meldete sich einer der Söhne des für Kammlers „Verschwinden“ verantwortlichen amerikanischen Agenten zu Wort und präsentierte erhellende Details über den damaligen Au rag seines Vaters. Eine gründliche wissenscha liche Aufarbeitung von „Hitlers Raketen“ und des bis heute andauernden Streits um den tatsächlichen Stand der deutschen Atombombenforschung steht nach wie vor aus. Die Lektüre von Kopetzkys „Atom“ lässt einmal mehr hoffen, dass dieses Projekt endlich vorangetrieben wird. Neugierig macht der Roman allemal. VERENA MORITZ
Ursula Krechel bemüht in „Sehr geehrte Frau Ministerin“ trivialfeministische Klischees und verze elt sich in Nebenhandlungen
Die Sprache ist so etwas wie ein Eisenbahngelände. Die Satzteile verhalten sich wie Waggons, die aneinandergekoppelt, aber auch wieder getrennt werden können. So jedenfalls sieht es die Erzählerin in Ursula Krechels neuem Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“, eine Lateinlehrerin, deren Sprachempfinden offenbar vor allem durch die mechanistische Grammatik des Lateinischen geprägt worden ist. So verfährt aber auch Ursula Krechel selbst, deren jüngstes Werk wie ein Rangierbahnhof funktioniert, auf dem sie ihr Personal und ihre Themen hin und her schiebt. Im ersten des in drei Teile gegliederten Romans geht es um eine eher durchschnittliche Frau namens Eva Patarak. Sie betreibt einen Kräuterladen in Essen, besucht mit anderen Frauen ein Fortbildungsseminar, verliert allerdings ihren Job, als das Geschä an eine größere Kette verkau wird. Das ist – inklusive der Exkurse über diverse Cremes, Kräuter und Diäten – ausgesucht langweilig.
Spannender könnte ein anderes Thema sein, das aber leider unausgeführt bleibt. Die Protagonistin lebt mit ihrem leicht übergewichtigen Sohn zusammen, der ihr ganz und gar fremd bleibt. Das Studium hat er geschmissen, um sein Leben ausschließlich in seinem Zimmer vor dem PC zu verbringen, das er allenfalls verlässt, um zum Kühlschrank zu gehen.

Computergestützte Lethargie, Erfahrungsmangel und physische Unbehaustheit in der digital überformten Wirklichkeit ist ein Massenphänomen gerade unter Jugendlichen, dem nachzugehen lohnend wäre. Doch Krechel interessiert sich für den monströsen Sohn nur im Zusammenhang mit dessen Mutter, weil sie ausschließlich auf Frauen und Formen weiblicher Abhängigkeit fokussiert.
Das begründet auch den Einschub langer Passagen über Kaiser Nero und seine Mutter Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht ebnete, dann aber, selbst zu mächtig geworden, von diesem ermordet wurde.
„Die Frau ist lästig in der Geschichte, in jeder Geschichte, sie muss verschwinden“, lautet Krechels trivialfeministischer Lehrsatz, der für die römische Antike ebenso Geltung beansprucht wie für die Gesellscha der Gegenwart.
Erzählt wird diese doppelte MutterSohn-Konstellation von der erwähnten Lateinlehrerin Silke Aschauer, die nebenbei auch schri stellerische Ambitionen verfolgt und – man weiß nicht so recht, warum – über die Frau im Kräuterladen schreiben möchte.
Dort tritt sie als „Frau mit der roten Mütze“ auf, unter der sie ihr infolge einer Chemotherapie kahl gewordenes Haupt verbirgt. Erst im zweiten Romanteil outet
»Das Verhältnis zwischen der Protagonistin und ihrem lethargischen Sohn wäre ein lohnendes Thema gewesen. Leider hat sich die Autorin nicht dafür interessiert
sie sich als Erzählerin und geht von der dritten Person zur Ich-Form über, durchaus elegant begründet mit Verweis auf die menschliche Entwicklung: Auch kleine Kinder sprächen zunächst von sich selbst in der dritten Person, und es dauert eine Weile, bis das tyrannische Ich die Herrscha übernimmt.
Die Kräuterladenfrau entpuppt sich nun als Erfindung der Lateinlehrerin, als Fiktion in der Fiktion, spielt von da an aber nur noch eine Nebenrolle, weil es Silke Aschauer vor allem um sie selbst geht. Sie leidet unter he igen Menstruationsbeschwerden, die schließlich eine Gebärmutterentfernung unumgänglich machen.
In diesen Passagen badet der Roman geradezu in Blut, mutiert zum Krankenreport und zur weiblichen Passionsgeschichte. Sind es bei Eva Patarak die gesellschalichen Bedingungen, der Kapitalismus und die familiäre Schieflage, unter denen sie leidet, so rebelliert bei Silke Aschauer der eigene Leib.
Doch damit noch nicht genug. Im dritten Teil rückt eine namenlos bleibende Justizministerin in den Mittelpunkt der sparsamen Ereignisse. Die Kräuterfrau hat sich brieflich an die Titelheldin gewandt, weil sie nicht möchte, dass über sie geschrieben wird.





































ERIKA PLUHAR SPÄT ABER DOCH

Hardcover, 156 Seiten
ISBN 978 3 7017 1802 3

„Für die Liebe gibt es kein Alter, wenn man wieder in eine Sehnsucht gerät! Was für ein zarter, sowohl schüchterner als auch mutiger Roman.“

Elke Heidenreich, Schriftstellerin und Literaturkritikerin
THOMAS ARZT

DAS UNBEHAGEN
Hardcover, 256 Seiten
ISBN 978 3 7017 1798 9

„[...] Thomas Arzt ist ein gut zu lesender und wunderbar ironischer Gesellschaftsroman geglückt.“
Barbara Beer, KURIER

CASPAR-MARIA RUSSO PRINZIP UNGEFÄHR

Hardcover, 240 Seiten
ISBN 978 3 7017 1803 0

„Ich habe beim Lesen immer einen Film vor mir. Und bei diesem Buch ist das ein ziemlich intensiver Film. Eine Liebesgeschichte. Vielleicht könnte Prinzip Ungefähr ein neues Before Sunrise sein.“

Petra Hartlieb, Buchpodcast FALTER

Mit anderen Worten: Die Romanfigur beschwert sich hier über die (fiktive) Autorin. Das könnte eigentlich witzig sein, wirkt hier aber bloß ausgedacht – wie alles an diesem Romankonstrukt. Und früh ist zu ahnen, welches Schicksal die Autorin der Ministerin zugedacht hat – allzu offensichtlich ist ihre Absicht. Ursula Krechel sorgt sich um den Fortbestand des Rechtsstaates. Mit der zunehmend aggressiven Stimmung gegen Politiker grei sie ein aktuelles Thema auf und verschiebt es in den Kontext von Gewalt gegen Frauen. Auch die arme Ministerin steht in der Tradition der Agrippina.
Es gibt einige schöne Exkurse in diesem an Nebengleisen reichen Roman. So betrachtet Silke Aschauer im Wartezimmer der Gynäkologin das berühmte Gemälde eines anonymen Malers mit dem Titel „Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern“. Auf diesem sind zwei porzellanblasse Frauen zu sehen, die nackt in einer Wanne sitzen, und die linke grei der rechten mit spitzen Fingern an die Brustwarze. Es könnte sich dabei um die Anspielung auf eine Schwangerscha handeln; Gabrielle d’Estrées war die Geliebte Heinrichs IV.

Ursula Krechel: Sehr geehrte Frau Ministerin. Roman. Kle -Co a, 364 S.,€ 26,80
Aschauers Überlegungen zu dem Bild sind anregend, doch kleine essayistische Perlen wie diese vermögen den Gesamteindruck nicht zu ändern: Während Teil eins und zwei noch einigermaßen stringent erzählt sind, zerfällt der dritte Teil in eine Überfülle von belanglosen Nebensächlichkeiten. Was haben etwa die kranichbeobachtenden Rentnern oder eine Gruppe von Anglern und Tauchern hier zu suchen, die in einem See einen versunkenen PKW entdecken? Das Ausgangsthema Mütter und Söhne ist dabei längst verlorengegangen, die These, dass Frauen aus der Geschichte verschwinden müssen, bis zum Überdruss durchdekliniert.
JÖRG MAGENAU
V
or 30 Jahren debütierte der Schweizer Christian Kracht, damals 28, mit dem Roman „Faserland“. Er schickte seinen jungen Helden auf eine Deutschlandreise und brachte einen neuen Ton in die deutschsprachige Literatur. Der klang weniger cool als vielmehr teilnahmslos und ennuiert. Hier war er, der gnadenlos oberflächliche Bret Easton Ellis unserer Breiten, der über Hedonismus und Verfall nachdachte.
Während sich sein US-amerikanischer Bruder im Geiste treu blieb und bis heute Aufgüsse seiner frühen Romane produziert, ist Kracht ein anderer geworden. Schon mit seinem zweiten Roman „1999“ brach er aus der Popliteraturschublade, schrieb sich frei. Mit faszinierend-verstörenden und schwer deutbaren Romanen wie „Imperium“ gelang es ihm in der Folge, ein Geheimnis zu kultivieren.
Es existieren viele Meinungen über Kracht. Manche halten ihn für einen der letzten Ästheten, dem Stil alles, der Inhalt jedoch wenig bedeute; andere sehen in ihm einen Zyniker oder gar einen Rechten auf den Spuren Ernst Jüngers. Ihn selbst scheint all das wenig zu kümmern, er lässt sich nicht in die Karten blicken und liefert keine Erklär-Interviews.
Zuletzt schloss Kracht mit „Eurotrash“ doch noch einmal an seinen Debütroman „Faserland“ an und versuchte sich an einer Familienaufstellung. Der Roman führte in ein Spiegelkabinett der Identitäten und trieb mit Fakten und Fiktion ein lustvollperfides Spiel.
Sein jüngstes Werk „Air“ beginnt mit der arg gespreizten Beschreibung eines Zimmers: „Die spitz zitternden Schatten eines Bündels Schilfgräser, das drüben auf der Fensterbank aus einem Krug ragte, huschten unmerklich über die Gummistiefel, dann über ein weiteres paar Schuhe.“
Uff! Zum Glück geht es in dieser Tonart nicht weiter. Was auch immer Kracht bei der Eröffnungssequenz, in der wir den an der schottischen Küste lebenden Schwei-

zer Paul kennenlernen, geritten haben mag, er schwingt sich schnell auf einen eleganten, aber auch wohltuend klaren Ton ein. Die Welt, die er in seinem jüngsten Roman entwir , ist verrückt genug.
Paul verdient sein Geld als Dekorateur. Er richtet Wohnungen ein – allerdings nur für die Maklerfotos, danach wird das Zeugs wieder verräumt. Freilich gefallen seine Ideen den meisten Käufern so gut, dass sie die Möbel auf den Fotos gern haben würden. Zuletzt hat Paul sich als Wandfarbenguru einen Namen gemacht.
Auf Einladung eines norwegischen Designmagazins reist er nach Stavanger. Paul soll im Au rag einer von ihm sehr geschätzten Zeitschri das perfekte Weiß finden. Bei einem ersten Treffen entpuppt sich der Herausgeber namens Cohen jedoch weniger als feingeistiger Ästhet denn als Verfechter radikaler Ideen.
Sein jüngstes Steckenpferd ist das slawische Neuheidentum. „Er schiebe die Zeitschri und deren dubiosen Ästhetizismus nur vor“, gesteht Cohen seinem Gegenüber, „um seine wirklichen Interessen hinter Tontöpfen, pittoreskem Strandgut und alten Fahrrädern auf den Shetlands zu verbergen. Und natürlich hinter den lieben Mütterchen, die auf entlegenen irischen Inseln abends die letzten authentischen Schafwollpullover zusammenstricken, die mit den großen weichen Krägen aus dem Film mit Colin Farrell neulich.“
Abgesehen von dieser Spitze gegen Bobo-Lifestyle sowie ein, zwei Bemerkungen über eine „Welt aus beschämender Distanzlosigkeit“ hält sich Kracht nicht lange mit der Realität auf und etabliert stattdessen zusehends eine Fantasiewelt, die einer Traumlogik zu folgen scheint.
Ein zweiter Handlungsstrang ist irgendwo in einer fernen Vergangenheit angesiedelt. Ein in einer Waldhütte wohnendes Waisenmädchen verwechselt bei der Jagd einen Mann mit einem Wildtier und verwundet ihn schwer. Nachdem sie ihn halb-




wegs gesund gepflegt hat, müssen die beiden vor einem bösen Herzog fliehen. Ihr Weg führt sie in Richtung Eismeer.
Im Wechsel zwischen den beiden Zeitenebenen nähert Kracht die beiden Stränge einander an. Offenbar handelt es sich bei dem Mann aus grauer Vorzeit um eine frühere Version von Paul. Ein bisschen Gegenwart hat er aber auch im Gepäck: Die Soldaten des Herzogs beschießt er mit einer Pistole aus dem 3D-Drucker.
Auch Cohen taucht in dieser Welt ein und dringt immer weiter ins Eis vor: „Die Kälte des Eises, das stetig anwuchs und bald den gesamten Planeten bedecken würde, ängstigte ihn nicht so sehr wie die grausame weiße Einsamkeit, die bleiche Leere, die ihn aus allen Himmelsrichtungen umringte. Genauso gut hätte er in die entgegengesetzte Richtung rennen können, es machte nichts, es war alles gleich furchterregend und kristallin und hoffnungslos. […] Er atmete durch die Nase ein, und wenn er den Mund aufmachte, um Lu zu holen, war es, als lägen ihm offene Rasierklingen im Gaumen.“
Kracht gelingen eindringliche Bilder einer Parallelwelt, die sich nicht einfach als Dystopie verstehen lässt. Sie ist zwiespältig: voller grausamer Taten, aber auch immer erhellt von der Güte Einzelner; karg und nur unter größten Anstrengungen bewohnbar, was die Menschen jedoch zu erfüllen scheint und zufrieden wirken lässt.
„Air“ entpuppt sich als wilde Mischung aus Abenteuerroman, Fantasy und Abgesang auf eine immer unübersichtlichere, aber zugleich flache Welt und erinnert ein wenig an die Filme von David Lynch. Der Roman widersetzt sich gängiger Logik, er ist voller merkwürdiger Geschehnisse, Schrecken und Traumfantasien, Spiegelungen, abgewandelter Motive und Echos. Man kann ihn als literarisches Rätsel verstehen, oder man genießt einfach den Ritt.
SEBASTIAN FASTHUBER








Mit ihrem gesellscha skritisch gemeinten Roman „Striker“ hat sich Helene Hegemann viel vorgenommen und wenig geschafft
F
rauen im Kampfsport sind gerade en vogue. Man denke an Florentina Holzingers rezente Box-Performance im Film „Mond“ oder an das Bodybuilder-Epos „Love Lies Bleeding“ von Rose Glass. Auch die Literatur bietet eine Reihe von Protagonistinnen, die sich im Ring selbst ermächtigen. Oder abreagieren.
Jüngstes Beispiel ist Helene Hegemanns „Striker“. Die Protagonistin namens N. unterrichtet an einer privaten Schule für Selbstverteidigung. Sie trainiert Banker, Oligarchenwitwen und anorektische, wohlstandverwahrloste Mädchen. Mit einer ihrer Schülerinnen, einer wesentlich älteren, hochrangigen Politikerin, hat N. ab und zu Sex. Das Affären-Dasein gefällt ihr nur so halb.
Überhaupt zählt die Euphorie nicht zu N.s Stimmungsrepertoire. Die Welt in diesem Roman ist düster, deprimierend und hart. Oder in den Worten der Erzählerin: „Es wirkt, als hätte jemand seinen Aschenbecher in der Fassadenfarbe ausgeleert, eine trübe Fläche, die nicht zu durchdringen ist.“ N.s gleichförmiges Leben gerät aus den Fugen, als sie Graffitizeichen an ihrer Hausmauer entdeckt. Überall in Berlin nimmt sie plötzlich die Symbole des titelgebenden Striker wahr, eines Influencer-Sprayers. Auf Youtube und Instagram filmt er seine illegalen Stunts, bei denen er sich von Dä-
chern abseilt, um in den obersten Stockwerken seine Tags zu verewigen. Obsessiv beschä igt sich N. mit Striker, „die ganze fucking Zeit“.
Dann tauchen Koffer und Matratze vor ihrer Türe auf. Ivy, so wie N. Ende zwanzig, campiert im Stiegenhaus und erklärt, eine Wohnung zu beziehen. Ihre Behauptung, sie sei Strikers Freundin, erweist sich schnell als zweifelha . Ivy ist verwahrlost, distanzlos und unheimlich. Sie möchte zu N. in die Wohnung und jagt ihr, allen Kampfsportreflexen zum Trotz, einen Schauer über den Rücken. Ivy wird zur zweiten Protagonistin dieses Buchs.
Weil sie sich auch äußerlich ähneln, erkennt N. in Ivy ihre Doppelgängerin –ein negatives, verrücktes Abziehbild ihrer selbst. Später offenbart sie sich tatsächlich als obdachlose Schizophrene mit einer Vorliebe für N.s Wohnhaus. N. fühlt sich existenziell bedroht. Als könnte Ivy sie aushöhlen, überschreiben und ersetzen. Man müsse, so betet sich N. in Kampfsportmanier vor, seinen „Doppelgänger töten, um nicht selbst getötet zu werden“.
Mit N. hat die 33-jährige Helene Hegemann ein Gegenbild zum Klischee ihrer eigenen, hypersensiblen Generation entworfen. Jedes Mal, wenn N. boxt, vor Schmerz ohnmächtig wird oder sich ein Stück Zunge abbeißt, denkt sie mantraartig: „Du bist

nicht so wichtig.“ Oder: „You are worthless.“ Hart sind auch die Umstände, unter denen N. ihr Dasein fristet. Obwohl sie es sich nicht leisten kann, shoppt sie unnötiges Zeug im Internet und wir es anschließend weg. Wohnungen sind unleistbar, ein Krieg scheint unausweichlich. N.s Boxkampf steht zugleich für ihren Überlebenskampf.
Die durchaus interessanten Motive, die der Roman liefert, werden allerdings nur angerissen. Und den titelgebenden Striker könnte man gar aus der Geschichte tilgen, ohne dass es auffiele. Dasselbe gilt auch für andere Figuren, wie N.s Nachbarn oder einen Kampfsport-Schüler, ja auch die Protagonistin selbst bleibt farblos, ihre Biografie – bis auf ein kindliches Schönheitstrauma – schemenha . Erratische Formulierungen wie „Schuld daran sind die Phantome, die man auf eine Spiegeloberfläche wir “ helfen auch nicht weiter.
So wirken die bloß 186 Seiten überfrachtet und inhaltsleer zugleich. Die Erzählerin springt von einer Szene zur nächsten, noch bevor etwas passieren kann.
Man spürt, dass die Autorin mit ihrem Roman einiges an Gesellscha skritik –über Kapitalismus, Social Media und Wohnungsnot – vermitteln wollte. Darüber tatsächlich nachzudenken, regt „Striker“ allerdings wirklich nicht an.
LINA PAULITSCH
„Die Winterschwimmerin“ von Marion Poschmann ist ein überzeugender Beitrag zum boomenden Genre des Langgedichts
Die deutsche Schri stellerin Marion Poschmann pflegt ein affirmatives Verhältnis zur Hochkultur. Ihren neuen, bereits fün en Gedichtband „Die Winterschwimmerin“ weist sie im Untertitel als „Verslegende“ aus. Und der Klappentext informiert darüber, dass es sich dabei auch um eine moderne Adaption des Leichs handle, „des mittelalterlichen, virtuos gereimten Meistergedichts“.
Von derart viel zur Schau gestellter Bildung braucht man sich allerdings nicht abschrecken lassen; auch nicht, wenn man schon das erste Wort im Wörterbuch nachschlagen muss: Lanzettblätter. Diese sind länger als breit und stammen hier von den Uferweiden eines Berliner Sees, in den die Protagonistin Thekla bei novemberlichem Schneeregen einsteigt. Nicht in einem Neoprenanzug, sondern ohne Schutzschicht. Ihr Ziel: „sich von allem freizumachen“. Die Wirkung: „restlos begeistert“.
Thekla fühlt sich, als ob sie ein Tabu durchbräche, obwohl, wie man einwenden möchte, Eisschwimmen mittlerweile doch voll im Trend liegt. Das konzediert auch der Schluss der Verslegende, der sich über die dank ubiquitärer Selfies in Mode gekommene „Sache“ mokiert.
Poschmann lässt ihrer Protagonistin nicht nur einen Adrenalinschub, sondern ein regelrechtes Erleuchtungserlebnis zu-
kommen. Während eines Urlaubsaufenthalts an der Nordsee mutiert Thekla (altgriechisch „die von Gott Gerufene“) zur „Maid des Meeres“, die sich im „Sonnenglast“ aufgereiht sieht „in einer Linie mit den ganz Großen, / in einer Linie mit den Heiligen“, „ein Scheit“, das aus sich heraus lodert. Das hat mit einer „unerhörten Begebenheit“ zu tun: ihrer Begegnung mit einem aus dem Zoo ausgebüchsten Tiger.
Hat die Verslegende im Parlandoton begonnen, geht sie ab Seite 30 in – nicht immer ganz reine – Reime über, den erwähnten „Leich“: „Ein Schema aus gereimten Streifen, / wie Tigerrücken, die sich gleichen / in ihren parallelen Zeichen“. Bei der Zeile „Sie liegt beim Tiger und die Welt steht still“ werden manche an Maria Lassnigs berühmtes Gemälde „Mit einem Tiger schlafen“ denken. Tatsächlich aber zitiert die Autorin hier Fenggan, den chinesischen Dichter, der auf einem Tiger reiste. Poschmann besitzt die Kra , die Begegnung mit der Natur, deren Stille und Gefahren auf eine höhere Ebene zu heben und gleichzeitig auf dem Boden zu bleiben. Sie stellt sich selbstbewusst in eine große Tradition und macht diese für die zeitgenössische Literatur fruchtbar. Ein Coup, der gelingt und beispielsweise so klingt: „Sie lachte lauthals in das nasse Maul / der Wogen, das zurückzulächeln schien / mit je-

der neuen Welle. Sie schwamm Kraul / und Brust und Rücken, unergründlich clean / wurde sie nur durch kaltes Wasser.“
In der Mi e des Buchs sehen Tier und Mensch einander in die Augen: „Thekla kniet still, / seltsam beschwert / von dieser Leere. / Als wäre / auch sie nur ein Gefäß für dieses Nichts, / das manchmal etwas wird, aufgrund eines Gewichts / von leeren Pranken, / die letztlich nicht viel mehr sind als Gedanken.“
Thekla begleitet den Tiger zurück in den Zoo, ihre Heimreise wird flankiert von einer Abhandlung über den Mut beziehungsweise dessen Wortfeld, wobei sie in 23 Komposita von der Lang- und San mut über den Unund Großmut bis zur Bang- und Freimut gelangt. Den Abschluss macht eine Elegie, ein Klagegedicht.
Die „Winterschwimmerin“ ist nur das jüngste Beispiel für einen erstaunlichen Trend. Auch hierzulande erleben Langgedichte derzeit eine Konjunktur. Letztes Jahr gewannen Elke Laznia mit „Fischgrättage“ und Frida Paris mit „Nachwasser“ Preise, und 2023 hat Sophia Lunra Schnack mit „feuchtes holz!“ sogar einen viel beachteten Debütroman in Versen vorgelegt. Es bleibt also abzuwarten, was das zu Unrecht abgeschriebene Genre der Lyrik in Zukun noch an Überraschungen zu bieten hat. KIRSTIN BREITENFELLNER

Mit „Der Einfluss der Fasane“ ist Antje Rávik Strubel ein kluger Roman über Journalismus in der Ära von Social Media geglückt
Hella Renata Karl ist Feuilletonchefin einer Berliner Tageszeitung. Sie wohnt im beschaulichen Potsdamer Stadtteil Klein-Glienicke, in „kinderloser, haustierloser Zweisamkeit“ mit ihrem Mann, der nur T. genannt wird. Als sie eines Morgens die Zeitung, für die sie arbeitet, aus dem Postkasten nimmt, liest sie, dass sich der schillernde Theaterintendant der Hauptstadt, Kai Hochwerth, das Leben genommen hat. In Australien, vor der Oper in Sydney. Dorthin hatte er seine Frau, eine Sopranistin, begleitet. Warum wurde sie nicht früher davon informiert?
Weil er unter dem Verdacht stand, seine Macht als Direktor missbraucht zu haben, hatte Hochwerth seinen Job verloren. Der Artikel, der dafür den Ausschlag gab, stammte von Hella Karl und trug die Überschri : „Intendant zwingt Schauspielerin zur Abtreibung“. In der Öffentlichkeit, der analogen wie der digitalen, ist das Urteil schnell gefällt : Mit dieser reißerischen Schlagzeile habe die Journalistin den Kulturmanager in den Tod geschrieben. Was es mit dem Suizid Hochwerths tatsächlich auf sich hat, ist in diesem hochreflektierten Roman über Macht und Medien nur eine Frage von vielen. Während die Protagonistin versucht, mit den Anschuldigungen umzugehen, werden in den geschickt eingeflochtenen Rückblenden immer noch weitere Themen angeschnitten. Analytisch und elegant beschreibt die deutsche Schristellerin und Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel die Mechanismen gesellschalicher Krä everhältnisse.
Wie sieht Qualitätsjournalismus in Zeiten von Social Media aus, und wie bewahrt man sich seine Unabhängigkeit? Wie berichten Zeitungen darüber, dass erfolgreiche Kunstschaffende ihre Position missbrauchen, und wie reagiert man, wenn einem selbst ein Shitstorm entgegenschlägt?
Hella Karl findet, dass sie einen „seltsamen Beruf“ gewählt hat; einen, „in dem man immer zu spät kam. Man war nie zur
Wie berichten Zeitungen darüber, dass erfolgreiche Kunstschaffende ihre Position missbrauchen, und wie reagiert man, wenn einem selbst ein Shitstorm entgegenschlägt?
rechten Zeit zur Stelle. Und diese Verspätung war uneinholbar, auch wenn sich einige aus der Branche darin überboten, so früh wie möglich zu spät zu kommen“ – ganz im Gegensatz zu Menschen, die gestalten, wie Friseure oder Piloten. Journalisten können „nichts ausrichten, sie richteten nach“.
Rávik Strubel beschreibt, wie dieser Umstand für die Branche selbst immer mehr zum Problem wird. Obwohl genau das „Nachrichten“ seriösen Journalismus ausmacht, der auf genauer Beobachtung, Distanz und Reflexion beruht – alles Dinge, denen sich Hella Karl verpflichtet fühlt. Die Geschä sführung aber schielt auf höhere Verkaufszahlen, will „mehr Gefühle, weniger Analyse“.
Karl versucht, einen Weg zu finden, beides in Einklang zu bringen – eine Art „hemdsärmeligen Qualitätsjournalismus“, wie sie sich rechtfertigt und die entsprechende Schlagzeile formuliert: „Intendant zwang Schauspielerin zur Abtreibung.“ Die Aussage der Betroffenen hat sie auf Band, der Intendant aber verweigert jede Stellungnahme. Die Recherche ist noch nicht abgeschlossen, aber die Schlagzeile steht fest.

Antje Rávik Strubel: Der Einfluss der Fasane. S. Fischer, 240 S., € 24,70
Subtil und äußerst differenziert beschreibt die Autorin, warum es Hella Karl schwerfällt, Distanz zu Hochwerth zu halten. Die Lebenswege der Protagonisten ähneln einander nämlich. Beide sind in finanziell und sozial prekären Verhältnissen aufgewachsen und auf der gesellscha lichen Leiter Sprosse für Sprosse nach oben geklettert. Nur, Hochwerth ist sich seiner neuen Position bewusst. Karl kämp . Die erste Begegnung empfindet sie als Demütigung. Während eines Premierenempfangs stellt ihr Hochwerth in Anwesenheit anderer eine Frage und wendet sich, noch während sie antwortet, gelangweilt ab; widmet sich der Frau neben ihr, die es allerdings bei weitem schlimmer trifft: „Sie sehen aus, als wären Sie mit einer schönen Fotze gesegnet“, meint er zu ihr. Sie lächelt, die anderen schweigen.
Im Laufe der Jahre entwickelt sich zwischen den beiden ein Verhältnis, das Karl mit den Worten „ich konnte gut mit ihm“ beschreibt. Außerdem übt er als jemand, der sich vor nichts und niemandem zu fürchten scheint, eine erotische Anziehungskra auf sie aus, denn: „Einen Mann, der sich fürchtete, wollte sie nicht im Bett.“
Karl gleicht jenen Frauen, die für #MeToo-Debatten nur bedingt Verständnis haben. Auch für die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb zeigt sie vorerst kein Interesse – bis sie im Zuge ihre Recherchen zum Fall Hochwerth zur Kenntnis nehmen muss, dass sexuelle Belästigung im Theaterbetrieb offenbar auf der Tagesordnung steht: „Hella war der Sache schnell überdrüssig geworden. Das Theater war […] eine museale Angelegenheit, schillernd, aber tot, und seine Gepflogenheiten wichen schon wegen der ständigen psychologischen Extreme und sexuellen Spannungen vom Normalen ab.“
Nach dem Tod des Intendanten sucht sie das Gespräch mit einem Schauspieler aus dessen Ensemble, der ihr über Social Media ausrichten hat lassen, mit einer Eisenstange bei ihr in der Redaktion vorbeischauen zu wollen. Es bleibt bei wüsten Beschimpfungen. Hella reagiert, indem sie Hochwerth zitiert. „Schon gut. Aus Grausamkeit entsteht die größte Kunst.“ Dann fragt sie: „Sollte das Theater nicht der Verbesserung der Verhältnisse dienen?“ Die Antwort des Schauspielers: „Mit dem Theater dient man nur sich selbst. Fick, fick, fick.“
An der Figur Hella Karl wird sichtbar, wo die Probleme des Kulturjournalismus aktuell liegen. Einerseits steigt das Bewusstsein dafür, dass Machtmissbrauch in Kulturbetrieben o vorkommt und darüber berichtet werden muss. Aber hat man schon alles überprü ? Andererseits will man sich vom genialen Künstler, der sich mehr erlauben darf als andere, nicht verabschieden. Dazwischen steht fundierte Recherche und eine seriös formulierte Nachricht.
STEFANIE PANZENBÖCK
In ihrem packenden Debütroman „Schweben“ entwir Amira Ben Saoud die düstere Dystopie einer Gemeinscha am Abgrund
Es gibt nicht viel zu tun in der vollkommen abgeschotteten Siedlung. Die Häuser sehen alle gleich aus, das Schwimmbad hat geschlossen, auch das Museum soll einem Wohnblock weichen. Jede Erinnerung ans Davor muss zerstört werden, so will es „das System“. Nur die Jugendlichen tun, was streng verboten ist: Sie verprügeln einander bis zur Bewusstlosigkeit. Es ist eine brutale und dennoch reizvolle Welt, die Amira Ben Saoud in „Schweben“ entwir . Der Roman spielt mehrere Jahrhunderte nach dem Klimawandel: Die Temperaturen sind wieder kühler und die Menschen desillusioniert. „Man hatte entschieden, dass die ‚permanente Verbundenheit‘, die früher auf der Welt geherrscht haben musste, nur ins Chaos führte. Dass es besser war, in kleinen Einheiten organisiert zu sein und nicht zu wachsen“, erzählt die Protagonistin, deren Gedächtnis nur mehr bruchstückha funktioniert. Ihren eigenen Namen hat sie längst vergessen.
Die junge Frau hat sich auf eine spezielle Dienstleistung, sogenannte Begegnungen, spezialisiert. Sie schlüp in die Identität fremder Menschen und hil so den Angehörigen über deren Verlust hinweg. Meistens buchen sie Männer, die sich eine Art Reenactment ihrer Exfreundin wünschen. Ganz analog, ohne KI, imitiert sie Kleidungsstil, Mimik und Gestik.
In lakonischem Ton und fast kindlicher Sprache erzählt die Autorin aus der Perspektive einer Frau, die vor sich selbst auf der Flucht ist. Denn ihr Leben als Verwandlungskünstlerin begann nicht freiwillig. Ihr einstiger Vorgesetzter, ein Tischler, umgarnte die 17-Jährige, lud sie zum Essen ein und integrierte sie ins Familienleben. Nach einiger Zeit verstand sie, was er von ihr wollte: seine Tochter Iris ersetzen, die mit ihrem Freund die Eltern verlassen hat. Als der Sohn sie sexuell missbraucht, flieht sie die Familie, die sie ihrer Würde und der eigenen Identität beraubt hat.
Eines Tages erreicht die Protagonistin, mittlerweile 31 Jahre alt, eine Anfrage von einem gewissen Gil. Der Mann sucht ein Double seiner aufsässigen Frau Emma, die sich ihm widersetzt, ihn gereizt und verführt hat. „Ich verlängerte die Qual einer kaputten Beziehung und ließ mich dafür bezahlen; Hilfe im eigentlichen Sinne war das keine.“
Die latent depressive und schnippische Emma hatte es in der monotonen Gated Community der Siedlung nicht mehr ausgehalten und diese verlassen, was einem schweren Tabubruch gleichkommt. Niemand weiß, ob sie noch am Leben ist. Angeblich, so erzählt es das System, sterben jene, die ins Exil gehen.
Die Protagonistin übernimmt den Namen der abgängigen Ehefrau, pumpt sich

mit Proteinpulver auf, um sich dieser auch äußerlich anzugleichen. Das eigene Privatleben bleibt dabei auf der Strecke, ihren jüngeren Liebhaber sieht sie nur mehr sporadisch. Obsessiv beschä igt sie sich mit Emmas Verbleib, deren Zweifel sich auf sie übertragen. Die Grenze zwischen der, die sie werden soll, und jener, die sie ist, weicht sich immer mehr auf. Vielleicht, beginnt sie zu ahnen, gibt es ja doch ein Leben da draußen.
„Schweben“, das sich liest wie eine bedrückend-dystopische Truman Show, ist das literarische Debüt von Amira Ben Saoud, die davor als Kulturjournalistin für The Gap und den Standard tätig war. Die eher brave Sprache und die vielen Konjunktive irritieren zunächst, ehe sie sich als Stilmittel einer wandelbaren Erzählerin erweisen. Nüchterne Beschreibungen passen zu einer jungen Frau, die zu sich selbst auf Distanz geht, um eine andere werden zu können. Und sie verleihen dieser Geschichte eine ganze eigene, weder übernatürlich noch technoid anmutende Mystik.
Gegen Ende des Romans entwickeln die Menschen die titelgebende Fähigkeit zu schweben. Was das bedeutet, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Als Leserin möchte man es unbedingt wissen. Und bleibt gefesselt bis zum Schluss.
LINA PAULITSCH
In „Tiny House“ nimmt Mario Wurmitzer die New Economy satirisch aufs Korn, ohne sich dabei zu überanstrengen
Den ersten und besten Teil seines jüngsten Romans hat der 1992 in Mistelbach geborene Autor Mario Wurmitzer vor zwei Jahren beim Bachmannpreis gelesen. Er handelt von einem jungen Mann, der einen Job in einer Musterhaussiedlung angenommen hat. Die Aufgabe von Emil Rinderknecht besteht darin, vor den Augen möglicher Interessenten und von Kameras aufgezeichnet ein Tiny House zu bewohnen. Damit soll diese Form des Wohnens erlebbar gemacht und Leute zum Kauf einer dieser unbequemen Hütten animiert werden. Tiny Houses sind ein Phänomen der New Economy. Elon Musk selbst ist in der Sache investiert und plant gemeinsam mit dem großen amerikanischen Anbieter Boxabl einen eigenen Tesla-Schuppen. Wenn er nicht gerade in seiner 17-Millionen-Dollar-Villa in Los Angeles residiert, soll der Techno-Oberguru selbst in einem 50-Quadratmeter-Container leben – eine Form des Wohnens, die mit Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung assoziiert wird.
Rinderknecht befindet sich am anderen Ende der Wertschöpfungskette. Für ihn bietet der Job eine ideale Gelegenheit, weiter an seinem Buch über Rainald Goetz zu schreiben. Neben diesem, der seine Präsenz wohl seiner spektakulären Selbstverletzung beim Wörtherseewettlesen von 1983 verdankt, werden auch noch andere literarische Re-
ferenzen genannt: Friederike Mayröcker, Sibylle Berg, Mira Lobe und Christine Nöstlinger. Das meiste davon wird in Form von eBooks konsumiert. Der Stil, dessen sich Wurmitzer bedient, hat mit all diesen Namen nichts zu tun. Sein Roman entspricht einer Schwundstufe von Literatur, geprägt von großer Reserviertheit. Emil Rinderknecht erscheint darin stets nur als ein kleines Rädchen in einer großen Maschinerie. Nur wenn sich diese bewegt, dreht sich der Protagonist auch artig mit.
Ein Weltmeister des unauffälligen Wohnens, kann sich Rinderknecht im Rahmen seiner ureigenen Truman Show nur nach und nach zu Handlungen durchringen, die etwas wie Individualität vermuten lassen. Er legt draußen vor dem Haus ein Gemüsebeet an, gerät wenig später gar in den Verdacht, ein Serienbrandsti er zu sein.
Der zweite Teil des Romans liest sich wie eine literarische Paraphrase auf die österreichischen Pleitiers Jan Marsalek und René Benko. Martin Krämer, ein alter Bekannter und Mitbegründer eines dubiosen Zahlungsdienstleisters namens PayNice, lockt Rinderknecht mit einem lukrativen Job als Social-Media-Manager. Die Firma steht im Verdacht, ihre Bilanzen zu manipulieren, die Chefs aber führen noch immer ein luxuriöses Leben.

Dass sie daran den Rookie ansatzlos teilhaben lassen, wirkt zwar nicht ganz glaubwürdig, eröffnet den Lesern aber Einblick in diese Welt. Erweist sich Krämer als ein wahres „Mentalitätsmonster“, als welches der Fußballer Marcel Sabitzer sich selbst beschrieben hat, so verkörpert Emil Rinderknecht auch im neuen Umfeld das genaue Gegenteil. Mit großer Gelassenheit nimmt er beispielsweise die Existenz eines riesigen Bunkers zur Kenntnis, den Krämer ihm vorführt und der mit 460 Quadratmetern sogar größer ist als jener von Mark Zuckerberg. Dem Tiny House auf der Erde entspricht ein riesiger Überlebensraum darunter. Stellt sich bloß die Frage, was man dort eigentlich überlebt? Womöglich auch nur sich selbst.
Es kommt, wie es kommen muss. Nach dem Konkurs versucht Rinderknecht sich eine Zeit lang als freier Schri steller und lernt dabei auch, wie man im Kulturbetrieb täglich zu einer Gratismahlzeit kommt. Schließlich landet der Protagonist, eine Art Schwejk auf Sedativa, im Schuldienst. Die gemeinsame Lektüre von Marlen Haushofers „Die Wand“ löst in der Klasse eine Depression aus. Von „Tiny House“ wird man solches nicht sagen können. Es ist ein Roman, der mitschwimmt, ohne selbst große Wellen zu machen.
KLAUS KASTBERGER
Martin Prinz rekonstruiert die Gräuel, die in den letzten Kriegstagen in Niederösterreich begangen wurden
Es gibt viele gute Gründe, Martin Prinz’ aufwühlenden Tatsachenroman „Die letzten Tage“ zu lesen. Der wichtigste: Er erinnert an die blutigen Vorgänge in Reichenau am Ende des Zweiten Weltkriegs: 17 Menschen wurden damals von örtlichen NaziFührern in den Tod geschickt. Und trotzdem wurde dieses ungeheuerliche Geschehen in der alten Sommerfrische vor der idyllischen Kulisse von Rax und Schneeberg lange und bereitwillig verschwiegen.
April, Mai 1945. Das große Eisenbahnviadukt bildet die Grenze: Hier in Payerbach ist die Rote Armee stationiert, die einige Wochen nicht weiter in den inneralpinen Bereich vorrückt und sich auf die bevorstehende Schlacht um Wien konzentriert; dort in Reichenau und den kleinen Ortscha en im Umland agieren die örtlichen Naziführer, die 15-Jährige für den „Volkssturm“ und das letzte Gefecht rekrutieren und die Zeit für das ultimative Strafgericht gekommen sehen. Besonderer Hass gilt den „Unverlässlichen“, die man lieber noch schnell hinrichtet, bevor sie von den Russen befreit werden.
Nur vom Zufall hängt es ab, wer mit dem Leben davonkommt. Ein schnell installiertes Standgericht tagt beim Lager in Schwarzau, vier Männer werden im Schnellverfahren zum
zusammentrug, fand lange nicht den Weg an die Öffentlichkeit: Ursprünglich sollte seine Dokumentation publiziert werden, aber die Gemeinde Reichenau entschied sich doch dagegen. Mit dem Tod von Kermer 2006 wurde es wieder still um die Sache. Einer, der Kermers Arbeit schätzte, der Standesamtsleiter Hermann Scherzer, gab dessen Dokumentation 2016 als „Erinnerungen aus dem Schwarzatal in schwerster Zeit“ im Kral-Verlag heraus, in denen auch die Morde der russischen Besatzungsmacht nach dem Mai 1945 festgehalten wurden.
Der im niederösterreichischen Lilienfeld aufgewachsene Martin Prinz wurde bereits vor mehr als zehn Jahren auf Kermers Funde aufmerksam, fühlte sich damals allerdings überfordert, dem Schrecken weiter ins Detail zu folgen und ihn literarisch zu verarbeiten. Die Wucht des Geschehens arbeitete freilich weiter in ihm und befeuerte seinen Rechercheeifer.
Der Exilroman „An den Wassern von Babylon“ von Robert Neumann (1897–1975) wurde neu aufgelegt
Aus staubgrauer Entfernung nähert sich ein Autobus. Die britischen Grenzsoldaten beobachten, wie das Gefährt sich die steile, abschüssige Schotterstraße den Halbmondberg hinaufmüht. Telegrafisch wird in Erfahrung gebracht, um wen es sich bei den Passagieren dieser nicht angemeldeten Sonderfahrt handelt: um „Juden. Von überall“, die illegal über die Grenze nach Palästina einreisen wollen. Der Schlagbaum wird gesenkt und ein Maschinengewehr in Stellung gebracht, um den Bus an der Weiterfahrt zu hindern, sobald er nach einer Straßenschleife hinter der Bergkuppe wieder zum Vorschein kommt. Oder vielmehr kommen müsste.
Mit diesem offenen Höhepunkt endet das kurze erste Kapitel des Buchs. Es ist rasant geschrieben, erinnert an Actionfilme: mit einem Cliffhanger, der erst im tragischen Finale, nach 350 Seiten, aufgelöst wird.
vor dem letzten Kriege“. In vier großen Abschnitten mit insgesamt zehn Kapiteln fächert Neumann ebenso viele Schicksale auf, die pars pro toto für den jüdischen Leidensweg seit vielen Generationen stehen.
Die Personen stammen unter anderem aus Wien (Genossin Lewy), aus der Bronx (Simon Silverman, ein Preisboxer), aus Frankreich (Advokat Glückstein) oder München (Marcus, ein unpolitischer Schri steller, dessen Bücher, wie jene Neumanns, 1933 verbrannt werden).
In Reichenau agieren die örtlichen Naziführer, die 15-Jährige für den ,Volkssturm‘ und das letzte Gefecht rekrutieren
Tod verurteilt und zur Abschreckung gehenkt. Ein Schild baumelt um den Hals der Hingerichteten: „Ich bin ein fahnenflüchtiges Schwein.“ Noch dreister die Willkür im Keller des Alten Posthauses in Prein, wo sieben Frauen liquidiert und ihre sterblichen Überreste am Dorffriedhof verscharrt werden. Ein Leichnam wurde bis heute nicht gefunden, die Familie musste nach 1945 die Nachforschungen aufgeben.
Alois Kermer, ein pensionierter Jurist, war der Erste, der in den 1990erJahren an der verhängnisvollen Vergangenheit rührte. Aber auch das, was er über die furchtbaren Ereignisse durch die Sammlung von Akten, Protokollen, Lebensdaten, Interviews mit Überlebenden oder Nachkommen
Der Autor tauchte ein in die Welt der Archive und stieß dabei auf die Prozessunterlagen der Volksgerichte, die nach dem Krieg den Fall untersuchten und 1948 Todesurteile aussprachen, die auch vollzogen wurden. Die Protokolle und die Aussagen der Angeklagten erregten sein Interesse: Wie der Schrecken in ein bürokratisches Deutsch eingeebnet wurde; wie die Täter die Verantwortung weg- und anderen zuschoben; wie sich viele der Einheimischen, unter ihnen auch die örtliche Gendarmerie, in jenen Tagen mit Opportunismus durchschummelten.
Prinz’ Roman nun grei die Sprache der Dokumente auf, um sie nachzubilden, und führt uns chronikalisch immer weiter in den Irrsinn. Die „Letzten Tage“ halten die historischen Wunden Reichenaus offen. So faktenorientiert das Ungeheuerliche festgehalten wird und so stark und sogartig diese Dokumentation auch wirkt, bleiben nach der Lektüre doch viele Fragen offen. Wer sind sie, die Täter? Welche Biografien haben die Opfer, die in die Todesmühlen gerieten? Und: Was machte dieses furchtbare Gemetzel mit einem Ort und mit dem Leben der Nachfahren?
ALFRED PFOSER

„An den Wassern von Babylon“ ist Robert Neumanns erster deklarierter Exilroman. Der aus Wien gebürtige Autor, der vor allem für seine literarischen Satiren („Mit fremden Federn“, 1927) und seinen Roman über das Nachkriegselend „Die Kinder von Wien“ (im Original: „Children of Vienna“, 1946) bekannt ist, hat ihn 1938 vollendet. Bereits im Jahr darauf erschien er in englischer Übersetzung; die erste deutsche Ausgabe kam 1945 in der East and West Library, Oxford, heraus.
Neumann floh im Februar 1934 vor dem klerikal-faschistischen Ständestaat ins Exil nach London: „keines englischen Wortes mächtig, freudlos, stimmlos“, schreibt er später in seiner Autobiografie mit dem bitter ironischen Titel „Ein leichtes Leben“ – „der Nazi hatte mir meine Stimme geraubt“. Dass er ein passionierter Kinogeher war, bezeugt nicht nur die „filmische Dramaturgie“ seines Romans, sondern auch der Umstand, dass er sogleich in der britischen Filmindustrie Fuß zu fassen versuchte.
Mit einer seiner Kurzgeschichten lieferte Neumann die Idee zu „Abdul the Damned“ (1935, mit Fritz Kortner in der Titelrolle), einer bemerkenswert deutlichen Allegorie auf den Nazismus; eigene Drehbücher, etwa eine gemeinsam mit Stefan Zweig verfasste Bearbeitung von „Manon Lescaut“, folgten. Für den Kurzfilm „These Are the Men“ (1943) versah er Szenen aus Riefenstahls notorischem Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ mit neuem, polemischem Text.
Die Handlung des Romans „An den Wassern von Babylon“, so klärt eine knappe Vorbemerkung, greife weit zurück, „und auch der Vorfall an der Grenze ereignete sich vor kaum mehr vorstellbar langer Zeit – noch
Die zwei Protagonisten des ersten und des letzten Kapitels verkörpern ins Extrem gesteigerte Gegensätze: Mojsche Wasservogel, genannt „der Blasse“, ist ein vergeistigter Gelehrter aus der ungarischen Provinz, Präsident Schlessing ein skrupelloser Entrepreneur aus Wien. Einzig das Ziel ihrer Reise ist allen gemein: Palästina zu erreichen – „das jüdische Sehnsuchtsland“, das „Heimkehr und Heilung zugleich“ verspricht, wie der Germanist Herbert Wiesner im Nachwort zur aktuellen Neuausgabe bemerkt. „Und genau diese Hoffnung erfüllt sich nicht.“
Ein besonders spannendes Kapitel ist das dritte, „Melville – oder Das Lächeln der Schlafenden“, in dem Neumann schonungslos den Antisemitismus der britischen Upperclass aufzeigt. Besonders den kün igen Eliten stellt der Autor – am Beispiel von Henry, dem Neffen und Erben des sterbenden jüdischen Bankiers Lord Melville, und seiner Kommilitonen aus Eton – ein vernichtendes Zeugnis aus. Einer von ihnen verteilt arglos das antisemitische Pamphlet „The Elders of Zion“, ein anderer verhöhnt die Arbeiter aus dem Londoner East End, die gegen den Faschistenführer Mosley demonstrieren, mit dem deutschen Gruß.
In diesen Passagen nimmt „An den Wassern von Babylon“ unmittelbar Bezug auf die Gegenwart. In seiner sprachlichen Gestaltung weist das mit englischen Wörtern und Floskeln gespickte Kapitel zudem auf Robert Neumanns kommende Werke voraus. Er zählte zu jener handverlesenen Schar österreichischer Autoren, die im Exil die Sprache wechselten und mit Erfolg weiter publizierten. MICHAEL OMASTA

Eine Biografie und eine Werkauswahl entreißen die Lyrikerin und Journalistin Be y Paoli (1814–1894) endlich dem Vergessen
Es gibt da ein Foto aus dem Jahr 1891. In leicht sepiagetöntem Schwarzweiß zeigt es einen überladenen Wiener Salon. Um einen Tisch sitzen drei alte Frauen mit Häubchen und hochgeschlossenen Kleidern beim konzentrierten Kartenspiel. Die Szenerie verströmt eine wunderliche Mischung aus Wohlgesittetheit, Selbstbewusstsein und Spielernst und hat etwas von einer gender-inversen Kartenrunde in einem Offiziersclub. Auf schwer grei are Weise unterläu sie Sehgewohnheiten und fasziniert einen umso stärker, je länger man sie betrachtet.
Es handelt sich um die Schri stellerinnen Betty Paoli und Marie von EbnerEschenbach sowie um Paolis Freundin Ida Fleischl, in deren Familienverband sie fast 40 Jahre lang lebte. „Taröckchen“ – wie sie es untereinander nannten – spielten die drei über Jahrzehnte in eingeschworener Runde.
Be y Paoli? Nie gehört? Das Verblüffende an der Geschichte ist, dass die um knapp 16 Jahre jüngere Marie von Ebner-Eschenbach bis heute eine fixe Größe des österreichischen Literaturkanons ist, während die zu Lebzeiten legendäre Dichterin, Journalistin, Übersetzerin, Rezensentin und Feuilletonistin Betty Paoli (1814–1894) weitgehend in der Vergessenheit versunken ist.
Umso interessanter ist die 500 Seiten umfassende Biografie „Betty Paoli. Dichterin und Journalistin“, für die sich die auf
Nenad Veličković Nachtgäste

Nenad Veličkovićs gefeierter Roman nimmt dem Krieg jede Heroik und setzt seiner Heimatstadt Sarajevo zugleich ein Denkmal. Es ist ansteckend komisch und tief berührend zu sehen, wie sich aus der vermeintlich naiven, offenherzigen Perspektive seiner Hauptfigur der Horror des Krieges in etwas verwandelt, das uns Mut machen kann.
Literatur des 19. Jahrhunderts spezialisierte Literaturwissenscha lerin Karin S. Wozonig der Aufgabe unterzogen hat, aus unzähligen, weit verstreuten Quellen eine umfassende Darstellung von Leben und Werk dieser faszinierenden Frau zu verfassen, deren Wesen bereits Zeitgenossinnen noch „mehr geeignet schien, Romane zu erleben, als sie zu schreiben“.
Parallel zur Biografie hat Wozonig auch eine Werkauswahl unter dem Titel „Betty Paoli. Ich bin nicht von der Zeitlichkeit!“ herausgegeben, sodass man sich nun erstmals umfassend in Leben und Werk Paolis einlesen kann.
Und was für ein Leben das war! Gleichermaßen geprägt von den erstickenden Beschränkungen, die das 19. Jahrhundert weiblicher Lebensführung aufzwang, wie vom Ehrgeiz, diese zu durchbrechen – auch im Literarischen. Sicher ist, dass ein Vers Paolis, den Wozonig ihrer Biografie als Motto voranstellt, Gültigkeit für sie hatte: „Was ich bedur e, mußt’ ich selbst erringen.“
Geboren in Wien als Tochter eines früh verstorbenen Militärarztes (vielleicht auch als leibliche Tochter eines Fürsten Esterházy) und einer wenig stabilen Mutter, sorgte Betty schon als 16-Jährige als Gouvernante fürs Familieneinkommen. Extrem wissbegierig, widmete sie einen Großteil der ihr verbleibenden Zeit dem Fremdsprachenerwerb, der Lektüre und Korrespondenz – so-
»Paoli stand in Kontakt mit Größen wie Lenau, Sti er oder Grillparzer und wurde selbst zum umworbenen Zentrum literarisch-künstlerischer Salons
wie dem Verfassen von Gedichten, wobei sie sich auch Metrik und Rhetorik im Selbststudium aneignete.
Mit Mitte 20 war Paoli, die früh in Almanachen und Literaturzeitschri en zu veröffentlichen begann, bereits eine gerühmte Lyrikerin, deren Verse auch vielfach vertont wurden. Sie war, wie ihre Biografin schreibt, die erste österreichische Dichterin, die eine weibliche Perspektive in die Literatur der Zeit einbrachte und in ihren Gedichten das lyrische Ich aus dem Kreis herausführte, „in dem sich eine Frau idealiter zu bewegen hat“. Das war neu und fiel ebenso auf wie die dichterische Hochbegabung Paolis, deren Lyrik ein Zeitgenosse als „geistreich und trostlos“ bezeichnete.
Martin Prinz Die letzten Tage

Martin Prinz erzählt in seinem erschütternden Tatsachenroman über einen einzigartigen Fall österreichischer Zeitgeschichte: von einem privaten Mordregime in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945, dem Prozess, in dem alles penibel aufgearbeitet wurde und zwei Menschen, die um ein Haar in das Geschehen verwickelt worden wären, der eine als Täter, der andere als Opfer.

S.
Be y Paoli. Dichterin und Journalistin. Eine Biographie. Residenz, 512 S., € 38,–

Be y Paoli: „Ich bin nicht von der Zeitlichkeit!“ Ausgewählte Werke. Hg. u. mit einem Nachwort von Karin S. Wozonig. Residenz, 254 S., € 26,–
Bald schon steht Betty Paoli in Kontakt und Austausch mit den Großen ihrer Zeit – von Nikolaus Lenau über Adalbert Sti er bis zu Franz Grillparzer. Sie lebt als Gesellscha erin in jüdisch-großbürgerlichen und aristokratischen Häusern, mal mit mehr, mal mit weniger Glück, durch ihre Anstellungen und Dienstherrinnen an die unterschiedlichsten Wohnorte und Reisedestinationen gespült. Zugleich steht sie bald auch als glänzende und vielumworbene Person im Zentrum literarisch-künstlerischer Salons. Im Revolutionsjahr 1848, das die Pressefreiheit bringt und dessen herbeigesehnte Umwälzungen Paoli bald skeptisch beurteilen sollte, gelingt es ihr, als Frau im Journalismus Fuß zu fassen. Und auch auf diesem Gebiet zählt sie zu den Pionierinnen, und ihre Reisefeuilletons, ihre Rezensionen und Kritiken, in denen sie mitunter „ihr Beil sausend und vernichtend“ herabfallen lässt, sind Tagesgespräch in der Kunst- und Kulturszene. Sie beschä igt sich mit männlichen und weiblichen Rollenbildern. Mädchen- und Frauenbildung ist ihr zeitlebens ein wesentliches Anliegen.
Mit ihrer turbulenten Lebensführung, zu der auch ein früh verstorbenes uneheliches Kind gehörte, ihrem Arbeits- und Lerneifer und ihren regen geschä lichen Aktivitäten passte die unverheiratete Paoli so wenig zum herrschenden Frauenbild ihrer Zeit wie mit ihren selbstbewussten Gedichten.
Wie sehr das die Gerüchteküche zum Brodeln brachte, ist ebenfalls Thema in Wozonigs Biografie. Eine Fürstin wie die aufgeschlossene Maria Anna Schwarzenberg, deren Gesellscha erin Betty Paoli fünf Jahre lang war, konnte es sich allerdings erlauben, „eine freimütige Lyrikerin an ihrer Seite zu haben, deren Herkun rätselha und deren Vorleben mysteriös war“. Und die beim Schreiben einer ebenso he igen und laut Selbstauskun „unglücklichen Rauchpassion“ für Zigarren frönte. Erst deutlich später, im Wiener Haushalt des Ehepaares Fleischl-Marxow, in dem Paoli ab 1855 lebte, kam sie zu etwas Ruhe und wurde unter anderem zur Förderin der jüngeren Marie von Ebner-Eschenbach – und zur Partnerin bei den eingangs erwähnten Tarockpartien. Ebner-Eschenbach notierte einmal in ihrem Tagebuch über Paoli: „Eine Minerva, eine Olympierin. Imposant gescheit und hinreißend, wenn sie sich herablässt liebenswürdig zu sein.“
JULIA KOSPACH






















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Neue Bilderbücher über das Phänomen „Stille Post“ und die Veränderlichkeit von Botscha en, die Kunst des Weinens und die Bewältigung von Katastrophen, die Selbstvergessenheit von Kindern, die Ängstlichkeit von Erwachsenen – und die Möglichkeit von Wundern
REZENSIONEN:
KIRSTIN BREITENFELLNER
M oritz geht in die 1a. Im Klassenraum steht ein Aquarium, in das die Lehrerin eine Flunder kippt. Die Kinder drücken sich die Nasen platt, nur Moritz bleibt sitzen. Er hat seinen eigenen Kopf und malt sich ohne Arme, denn die halten hinter dem Rücken einen schönen Stein fest. Statt im Hof Fußball zu spielen, klettert er lieber auf den Baum. Und auf dem Heimweg von der Schule sammelt er kleine Schätze: drei Steine und zwei Kronkorken. Wenn es dann auch noch Pfannekuchen gibt, ist die Welt in Ordnung. Moritz isst gleich vier davon.
Die einnehmenden Bilder in Aquarell-, Buntsti - und Collagetechnik kreieren in Daniela Leidigs drittem Bilderbuch eine magisch-verträumte Realität. Der melancholische Erstklässler Moritz erinnert an beinahe schon legendäre Protagonisten der „Garman“-Bilderbuch-Serie des Norwegers Stian Hole. Ebenso feinsinnig, neugierig und eigenwillig wie Garman erkundet Moritz seine Welt und findet in Lana sogar eine Freundin.
Zum Schluss passiert tatsächlich das titelgebende Wunder: Die Flunder lässt für Moritz ihr zweites Auge auf die andere Körperseite wandern, um der Lehrerin zu beweisen, dass Moritz nicht mehr malt wie ein Kindergartenkind.
Daniela Leidig: Das Wunder der Flunder. kunstansti er, 40 S., € 22,70 (ab 5)
E ine originelle Umsetzung des Kinderspiels „Stille Post“, bei dem Nachrichten reihum weitergeflüstert werden und sich von Empfänger zu Empfänger verändern, bis sie teilweise unkenntlich werden, stellt dieser kleinformatige Leporello dar. Obwohl die Ausgangsbotscha hier gebrüllt wird und nicht geflüstert, versteht jeder etwas anderes.
Das kann natürlich auch daran liegen, dass der Fluch des Mannes mit den wirren Haaren und dem karierten Hemd, der einen Einkaufswagen durch die Menge schiebt, ein bisschen abstrus klingt: „Ihr könnt euch mal gehackt legen!“ Die Polizisten hören, dass er sich nackt ins Gras legen will, die Oma, dass er ihren Mann pflegen möchte usw. Zum Schluss landet der Satz wieder beim Sender und verändert sich ein weiteres Mal.



Nele Palmtag, Rike Drust: Hört mal!
Stille Brülle-Post-Leporello. Kunstansti er, 16 S., € 20,60 (ab 3)
Die Lehrerin hat eine Flunder ins Aquarium gekippt, der Beginn einer wunderbaren Geschichte
S treiten und Sichversöhnen gehören zu den ewig gültigen Themen von Bilderbüchern. Andrea Tuschka und Rebekka Stelbrink legen eine überzeugende Version davon vor, die nicht nur mit Großformat, Cover-Prägedruck, aufwendigen Scherenschnitten und zwei liebenswerten Protagonisten überzeugt, sondern auch mit der Erzählidee.
Der Bär und die Maus, seit langem beste Freunde, geraten über eine Kleinigkeit in einen Streit. Zornentbrannt will die Maus dem Bären eine Nachricht zukommen lassen, wie sie unversöhnlicher und anklagender kaum sein könnte. Zu diesem Zweck rekrutiert sie die Waldtiere. Aber von Überbringer zu Überbringer ändert sich die Botscha . Und führt zum Schluss zu einer ungewollten, aber umso beglückenderen Reunion.

Andrea Tuschka, Rebekka Stelbrink: Stille Post. Bohem, 3 6 S., € 20,60 (ab 4)

Mixtvision, 32 S., € 17,50 (ab 3)
T omkes Familienmitglieder wollen ständig wissen, was er mit dem Loch vorhat, das er im Garten gräbt. Tomke selbst gibt dazu aber niemandem Auskun . Nicht mal, als er mit den Worten „Was sagst du dazu, Tomke?“ dazu aufgefordert wird. Denn er hat schon einen anderen Plan. Er fängt an zu sammeln. Muss immer alles einen Zweck haben? Gerade Kinder können sich in Tätigkeiten um der Tätigkeit willen versenken. „Tomke gräbt“ gießt diesen Gedanken in eine wunderschöne Hommage an die Interesselosigkeit und Selbstvergessenheit von Kindern.

Noemi Vola:
Wenn du weinst wie ein Wasserfall. Leykam, 44 S., € 18,50 (ab 4)
Das Motto dieses tränenreichen Buchs lautet: „Für alle, die weinen wollen“. Das sind in politisch turbulenten Zeiten ja nicht nur Kinder. Liegt hier also ein Buch für alle vor? Ja! Der Protagonist ist ein rosa Regenwurm, der aufgefordert wird, nicht so ein trauriges Gesicht zu machen. Aber wie es so mit Dingen ist, die man nicht machen soll: Sie passieren erst recht.
Auch die Warnung „Wenn du nicht zu weinen au örst, wirst du ertrinken!“ geht ins Leere. Dann weint der Regenwurm doch lieber wie ein Wasserfall. In Folge werden allerlei ernst gemeinte und ironische Dinge aufgezählt, für die Tränen nützlich sind. Ein sympathisches und witziges Plädoyer wider den Zwang zu Fröhlichkeit, das zeigt, dass alle weinen, vom Polizisten bis zum Stein!

Rasmus Engler, Deniz Jaspersen: So geht schlafen, kleiner Wombat. mairisch, 32 S., € 18,– (ab 3)
W ombats sind nachtaktive Beutelsäuger, die morgens schlafen gehen. In diesem entzückenden Buch beherrscht der kleine Wombat wie Menschenkinder die Kunst, diesen Augenblick hinauszuzögern. Er zeigt dem großen Wombat lieber, wie man rennt, springt, rollt, sich dreht und fliegt. Als er ihm schlussendlich alles gezeigt hat, was er kann, fällt ihm nur noch schlafen ein. Schlafen kann jeder! Man muss sich nur auf die Seite legen, ganz still sein, die Augen zumachen. Und dabei schlä der kleine Wombat dann endlich selbst ein. Eine paradoxe Intervention zum Nachmachen.

Hannah Brückner:
Kolossale Katastrophe. NordSüd, 40 S., €18,50 (ab 4)
Eine der größten Katastrophen war das Aussterben der Dinosaurier. Das weiß jedes Kind. Aber eine Katastrophe kann auch heute passieren, an einem gewöhnlichen Donnerstagnachmittag im Dinomuseum. Auf dieser originellen Idee baut eine Geschichte über einen schüchternen Jungen auf, der sich unverhofft im Zentrum der Wahrnehmung befindet, als er vor einem Wellensittich erschrickt und dabei ein Dinosaurierskelett zum Einsturz bringt. Zuerst denkt Juri, es werde nie mehr wieder gut, dann bauen alle zusammen das Skelett wieder auf. Am Ende erfährt man, dass Vögel gut in ein Dinomuseum passen, weil sie die einzigen Überlebenden des Massenaussterbens vor 66 Millionen Jahren waren. Zumindest Juri hil dieses Wissen – und zwar gegen seine Angst vor Vögeln!

Jens Rassmus: Rosa und Bleisti unterwegs im Land der Bilder. Nilpferd, 40 S., € 18,– (ab 4)
Während Irma, vom Zeichnen müde, in einen unruhigen Schlaf fällt, machen sich ihre Utensilien auf die Reise. Der Bleisti und der rosafarbene Buntsti steigen in das blaue Auto und fahren es zu Schrott. Für die Reparatur engagieren sie Irma und helfen ihr im Gegenzug, ihre Ängste vor dem unheimlichen „Etwas“ zu besiegen. Welche Rolle dabei der Radiergummi und Irmas Zeichenkunst spielen, soll hier nicht verraten werden! Bereits 2011 unter dem Titel „Rosa und Bleisti “ erschienen, hat dieses tolle Buch es wahrlich verdient, wiederaufgelegt zu werden.


Sybille Hein: Große sind Schisser. Hanser, 48 S., € 16,50 (ab 4)
Kinder sind o von Ängsten geplagt. Aber auch Erwachsene können „ganz große Schisser“ sein. Davon erzählt Sybille Hein anhand von drei Mädchen, die im Hof in einer Badewanne fläzen. In jeder ihrer Familien gibt es solche Schisser. Als eine harmlose kleine Maus im Hof au aucht, rasten die Großen kollektiv aus. Da beschließen die Kids, eine miesepetrige Nachbarin von ihrem „Bärte-Bammel“ zu befreien. Die Aktion gelingt tatsächlich. Durch die frechen Illus wird der pädagogische Impetus dieser Au lärungsgeschichte sympathisch abgemildert.






















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Lisa ist sehr schüchtern, alle lachen über sie. Aber wartet!
Lisa wird auch an diesem Tag nicht von einem Auto angefahren. Dass es aber auch so schwierig sein muss.“
In der Schule spricht Lisa kein Wort. Es geht einfach nicht, ihre Stimme ist weg. „Stummer Diener“ nennen die anderen sie. Sogar ihre Zwillingsschwester will nichts mehr mit ihr zu tun haben, weil sie „nicht normal“ ist, wie Lisa selbst denkt. Sie übersteht die Tage nur dank ihrem Kaninchen – und Zahlenreihen, denn die ergeben immer einen Sinn. Als aber jedes Kind einen Vortrag halten soll, weiß Lisa nicht mehr weiter. Wenn ein Auto sie anführe und sie ins Spital müsste …?
Dann finden auch noch ein paar Mädchen im He von Jonas, auf den alle stehen, ein Herz, in dem „Lisa“ steht. Jetzt lachen sie auch ihn aus. Das tut Lisa leid, sie mag Jonas. Aber das Herz muss ein Irrtum sein. Vielleicht ist es ein verkehrter Hintern? Wieder ist sie schuld, alle zieht sie in den Abgrund. Oder sollte Jonas das mit dem Herz wirklich so meinen?
Kjersti Annesdatter Skomsvold, die Belletristik und Kinderbücher schreibt, ist eine der wichtigsten
Autorinnen Norwegens, dem heurigen Gastland der Leipziger Buchmesse. Das Buch über Lisa ist große Kinderliteratur. Die Autorin beschönigt nichts, und doch macht sie Mut: Lisa findet aus ihrer Not. Nicht geradlinig, das würde dem Niveau des Buchs nicht gerecht. Aber nach und nach. Nicht nur verliebt sie sich – sie kriegt auch eine Wut, die ihr hil , ihre Stimme zu finden. GERLINDE PÖLSLER

Kjersti Annesda er Skomsvold: Lisa mit einem Herz drum rum. Thienemann, 128 S., € 14,– (ab 9)
Neu im Land, holpriges Deutsch: Jetzt müssen Muckis her!
Deine Arme sind so dünn“, sagt die Lehrerin zu Jascha. Aber was sie ihm dafür empfiehlt? Er hat es nicht verstanden. So gut Deutsch kann Jaša, wie er sich eigentlich schreibt, noch nicht, er ist erst vor kurzem aus Bosnien-Herzegowina hergezogen. Egal: Er will dieses Ding – ein „Liekesch“? – finden. Und wenigstens in Sport gut werden, wo man kein Deutsch braucht. Dann, hofft er, wird er auch Freunde finden. Was also tun? Ihm fällt das kleine Sportgeschä ein, an dem er auf dem Weg zur Schule immer vorbeikommt. Beim ersten Mal traut er sich noch nicht rein, doch bald redet er schon mit Frank, dem Besitzer des Ladens. Solche Muskeln wie der möchte er auch einmal haben! Frank kennt sogar die Rocky-Filme, die Jascha in seiner Heimat mit der Familie alle geschaut hat. Nur das „Liekesch“, das kennt er auch nicht. Abgesehen davon fragt die Mutter, wovon sie denn das nun wieder bezahlen sollen. Und Jaschas Idee zum Geldverdienen geht so gar nicht auf …
„Ein Liekesch für Jascha“ ist eine Gemeinscha sproduktion der Deut-
schen Frauke Angel und Mehrnousch Zaeri-Esfahani, die im Iran geboren wurde und in Heidelberg aufgewachsen ist. Sie weiß wohl, wovon sie spricht, wenn sie über die erste Zeit eines Kindes in einem neuen Land erzählt. Die fröhlichen Bilder hat Illustratorin Barbara Jung beigesteuert. Herausgekommen ist die Geschichte einer Freundscha . Und dass es okay ist, so zu sein, wie man ist – auch ohne Muckis. GP

Mehrnousch Zaeri-Esfahani, Frauke Angel: Ein Liekesch für Jascha. Gerstenberg, 72 S., € 15,50 (ab 8)
Er ist nicht süß, aber so doof auch wieder nicht

MIT HÄNDEN UND FÜSSEN
Laura Feller
Welche Einflüsse haben Konsum, Mobilität und Ernährung auf die Umwelt? Für Kinder ab 8 Jahren. 64 Seiten, € 22,90
Wenn das Brüderchen sich als picklige Nervensäge entpuppt
Kennen Sie Teenager, die, mit dem Ansinnen konfrontiert, sie sollten ein Buch lesen, dreinschauen wie der Kerl auf dem Cover nebenan? Vielleicht geht dann aber eine Graphic Novel. Große Bilder, wenige Buchstaben. Vor allem, wenn sie so witzig daherkommt wie „Der süßeste Bruder der Welt …“. Dani lebt allein mit ihrer Mama. Entstanden ist sie durch eine Samenspende, aber seit sie denken kann, wünscht sie sich ein süßes Geschwisterchen. Ihre Mutter will nichts davon wissen. Zeigt Dani ihr niedliche Babyvideos, ru sie: „Die armen Eltern!“ Dass sie plötzlich „Okay“ sagt, hätte gleich stutzig machen müssen. Mama hat nämlich jemanden kennengelernt: Björn. Und der hat einen Sohn. Doch der ist kein brabbelndes Baby. Joschi spricht weniger als seine T-Shirts, die immerhin Erhellendes wie „Welcome to the DARK SIDE“ sagen. Er trägt stets Schwarz und Schlafzimmerblick. Dass Dani mit Mama auch noch zu Björn und ihm ziehen muss, ist ein starkes Stück. Allerdings hält die neue Schule eine Überraschung bereit: Elton. „Er er-
innerte mich an jemanden … Aber an wen? … OMG! Ich war es, dem er ähnlich sah!“ Hat Dani am Ende ihren echten Bruder gefunden, einen vom selben Samenspender?
So spannend diese Passagen sind, so wahrha ig erzählt das ganze Buch vom Dasein als Prä- oder Mittendrin-Teenager. Mütter, die reden wollen. Treulose Freundinnen. Und Erfreuliches, das die ganze Zeit schon vor der Nase war. GP

Elin Lindell: Der süßeste Bruder der Welt … und andere Irrtümer. Kle Kinderbuch, 136 S., € 16,50 (ab 10)
Neue Verwandte, ein sterbender Opa und ein altes Verbrechen
W ovon dieser ungewöhnliche Jugendroman handelt, darüber ist auf dem Klappentext nicht viel herauszubekommen. Fünf Jugendliche ziehen mit ihren Müttern in das unheimliche Haus des alten Großvaters in dem „verschwiegenen Örtchen Kamp-Cornell“. Wer Kornellkirschen assoziiert, hierzulande auch Dirndl genannt, liegt richtig. Dass an einem solchen Ort ein jahrzehntealtes Verbrechen ans Licht gebracht werden kann, überrascht kaum. Rätsel begleiten einen jedoch über weite Strecken der Lektüre. Diese wird vor allem vorangetrieben von der ungewöhnlichen Sprache der Autorin. Susan Kreller war bereits vier Mal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und hat ihn 2015 (für „Schneeriese“) auch erhalten. Sie versteht es, so atmosphärisch zu schreiben, dass es beinahe schon egal ist, wovon das Buch handelt.
Das klingt dann etwa so: „Ganz unten, im Erdgeschoss dieses rätselha en Abends, wühlten Igel in den Halmen. Alle paar Minuten rauschte ein Autor vorbei, und zart roch es nach Erde und nach kalten Zwiebeln, die in Bratpfannen vergessen worden waren.“
Edin Melitzky, der Protagonist eines Buchs voller bedeutender Nebenfiguren, erfährt durch die Ankun eines Briefes davon, dass er massenweise Verwandtscha besitzt. Mit dieser befindet er sich bald an einem ungemütlichen Ort. „Kamp-Cornell war das blanke Grauen“, heißt es lapidar. Und das, obwohl es gerade „vom leuchtenden Gelb der Kornellkirsche überblüht“ wird.
Eine Bande à la „Fünf Freunde“ entsteht aus den Jugendlichen, die 13 bzw. 14 Jahre alt sind, nicht. Dafür sind sie zu verschieden. Lu, mit Lederjacke, gibt die Coole. Gabriela und Penelope, die Zwillinge, lassen zwischen sich Platz für die verstorbene Drillingsschwester und unterscheiden sich vor allem in der Haarfarbe (Schwarz vs. Türkis), Johnny pflegt seine Ticks (Weißes anfassen und abzählen). Trotzdem bilden sich zwischen ihnen Allianzen.
Gekommen sind sie, weil der Großvater im Sterben liegt. Aber stimmt das überhaupt? Oder wird er vergi et? Was bedeutet die Buchstabenkombination CG, die sich 39 Mal im Haus findet? Und was hat das mit den Dor ewohnern zu tun, die am ersten Abend mit 18 verschiedenen Aufläufen erschienen sind, um die Neulinge zu begrüßen? Wobei ja nur die junge Generation neu ist in Camp-Kornell. Ihre Mütter, Ann, Kalinka und Rosalie, haben hier gelebt bis zu dem Ereignis, das sich Edin vorgenommen hat aufzuklären.
Schützenhilfe bekommen die Jugendlichen von der Inhaberin von In-
ge’s Nagelstudio. Der Gärtner, der Klempner, die Apothekerin – alle scheinen in die Geschichte verwickelt zu sein, die sich vor zwanzig Jahren zutrug, als die Großmutter starb. Natürlich darf hier nicht allzu viel verraten werden, nur so viel, dass es um eine Sekte geht, deren „Guru“ mittlerweile in einem anderen Ort lebt. Welchen Leserinnen und Lesern man dieses Buch empfehlen würde? Ein Faible für das Unheimliche müsste vorhanden sein. Eine Lust daran, Rätsel zu lösen. Freude an ungewöhnlichen Sprachbildern. Und
Ein kranker Vater, ein Filmprojekt und die erste Liebe
Leo kommt von der Schule nachhause, aber sein Vater ist in der kleinen Wohnung nicht aufzufinden. Das lässt bei dem 15-Jährigen die Alarmglocken schrillen, denn sein Vater benimmt sich bereits seit einiger Zeit merkwürdig, er spricht davon, Geld geerbt zu haben, vergisst Namen und lässt überall in der Wohnung angebissene Bananen liegen. Das Verhalten hat einen Namen –Demenz – und eine Erklärung: Leos Vater war früher Boxer und hat fest eins auf die Rübe bekommen.
Niemand ist allwissend. Restlos niemand
SAGT DER GROSSVATER ZU SEINEN ENKELN
Resilienz, sprich: damit klarzukommen, dass am Ende nicht alles glatt aufgeht. „Zum Glück: Dunkelheit“, heißt es an der Stelle, an der Inge auspackt. „Wie gut, dass es hier so viel davon gab. Denn manche Dinge ließen sich nun einmal nur im Dunkeln sagen.“
Zum Schluss gibt das Haus sein Geheimnis preis. Aber die „Auflösung“ macht nichts besser, und manche Fragen bleiben ganz offen. „Niemand ist allwissend. Restlos niemand“, knurrt der Großvater, der immer noch lebt. Und der letzte Satz des Buchs lautet: „Man kann ja nicht alles wissen.“ Eine versteckte Botscha hat dieses aber dennoch: „Wenn ein Guru im Spiel ist, ist was faul. Wenn sich so ein Guru eine Gruppe heranzüchtet oder ein Vereinsdings oder meinetwegen sogar eine Partei“, sagt Inge.
KIRSTIN BREITENFELLNER

Jetzt hat Wolfgang, so heißt Leos Vater, also begonnen abzuhauen. Glücklicherweise erfährt Leo bald, wo er sich befindet. Wolfgang ist unangekündigt bei seiner Schwester, Tante Lisa, aufgetaucht. Einigermaßen verstört verlässt Leo die Wohnung ebenfalls, um seinen Freund Henri zu besuchen. Etwas Besseres fällt ihm nicht ein. Henri wurde in Bonn geboren und lebt mit seiner Familie in einer Villa am Stadtrand. „Alter bosnischer Adel, reich geerbt.“ Henris Vater hat eine Zeitlang für den Internationalen Strafgerichtshof gearbeitet und fragt Leo nach guter bosnischer Sitte nach dem Befinden aller Verwandten.
Die ungleichen Freunde Leo und Henri verbringen in Folge eine turbulente Woche, denn Wolfgang haut auch von Tante Lisa einfach ab und ist dann erst einmal verschwunden. Um Leo abzulenken, überredet Henri diesen, in der verwaisten Wohnung eine Party zu schmeißen und zuvor einen Film zu drehen, der dort dann Premiere haben soll. Henri ist nämlich Film-Nerd und möchte Regisseur werden. Er schwärmt für Quentin Tarantino und David Lynch. Auch Leos Faible für Filme und Schauspieler ist unübersehbar. Er telefoniert mit der imaginierten Nora Tschirner, und zu den meisten Personen, die ihm begegnen, fallen ihm Schauspieler ein, die diesen ähnlich sehen.
Gespiegelt wird diese Filmbegeisterung in Kapitelüberschri en wie „Sigourney Weaver“ (von dieser ist Wolfgang Fan), „Ryan Gosling“ (Henris Lieblingsschauspieler) oder „Blair Witch Project“ – so heißt einer der erfolgreichsten Horrorfilme von 1999, realisiert von drei Studenten mit Found Footage als PseudoDocumentary. So etwas Ähnliches hat sich Henri auch vorgenommen – ohne Rücksicht darauf, welche Bedürfnisse Leo gerade hat.
„Er war es gewohnt, sich zu nehmen, was er wollte. Ich war es gewohnt, nicht zu wissen, was ich wollte“, beschreibt Leo die unterschiedlichen Charaktere von Henri und sich selbst. Henri übernimmt dazu passend die Rolle des Regisseurs, Leo gibt den Hauptdarsteller.
Text bekommt er keinen und einen Namen auch nicht. Gedreht wird in einem abgelegenen Landgasthof von Henris Onkel – „The Shining“ von Stanley Kubrick lässt grüßen! Wenn die Lage mit Wolfgang nicht so ernst und der Film nicht so gruselig wäre, könnte man von einem retardierenden Moment des Romans sprechen. Tatsächlich folgt nach der Rückkehr von Leo ins echte Leben ein Quasi-Krimi: mit einem Schließfach, in dem sich Geld befinden soll, und einem Hinterhalt, bei dem Leo gefangen genommen wird. Für noch mehr Aufregung sorgt Wolfgang, als er bei einer weiteren Flucht einen Unfall hat. Leo, dessen Mutter an Krebs verstarb, als er ein Jahr alt war, besucht seinen Vater im Krankenhaus. Sie sprechen sich aus. Aber wird jetzt alles gut?
Mit seinem Jugendbuchdebüt legt Tobias Wagner einen vielschichtigen Roman vor, der aufgrund seiner Themen, aber auch seiner cineastischen Anspielungen vielleicht erst ab 16 empfohlen werden sollte. Dafür aber mit Nachdruck. Er ist spannend und klug erzählt, packt schwere Themen an und zeigt gleichzeitig die Absurdität des Lebens auf.
„Das Leben ist eine Reihe von Katastrophen mit nur kleinen Breaks der Glückseligkeit“, erklärt Henri, der selbst schon einen Aufenthalt in der Psychiatrie hinter sich hat. „Das sagt meine Großmutter und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu trauen. Es ist also völlig unnötig, dass du so regelmäßig down bist. Die Welt ist schräg, guck dir Hitler an oder Fukushima. Im Grunde haben wir keinen Schimmer, was wir hier sollen. Das ist unser Hauptproblem. Wenn du mich fragst, musst du herausfinden, worauf du wirklich Bock hast.“ Die Party findet am Schluss auf jeden Fall statt, und auch wenn Leo bei seiner Flamme Maya nicht so landen kann, wie er sich das gewünscht hat, endet das Buch mit einem optimistischen Ausblick.
KIRSTIN BREITENFELLNER

Beltz & Gelberg, 207 S., € 14,40 (ab 14)
„Es geht darum, funktionsfähig zu bleiben“
Die Soziologin Laura Wiesböck über das öffentliche Outen psychischer Leiden, Selbstverantwortung – und was das Neoliberale am Meditieren ist

Laura Wiesböck hat in den vergangenen Wochen viele Zuschri en erhalten – von Leserinnen und Lesern, die sich in ihrem Ende Jänner erschienenen Buch wiederfinden. „Digitale Diagnosen“ stößt im gesamten deutschen Sprachraum auf viel Interesse. Im Interview berichtet die Wienerin, dass es für Betroffene psychischer Leiden entlastend sein kann, wenn auch andere sich öffentlich dazu bekennen; sie schreibt aber auch über „Depressionsromantik“ und Menschen, die sich dadurch noch einsamer fühlen. Und sie erklärt, was psychische Gesundheit mit Neoliberalismus zu tun hat.
Falter: Frau Wiesböck, Sie steigen ein mit der Idee der amerikanischen Psychiatrievereinigung, die Trauer um einen Menschen schon nach zwei Wochen als depressive Episode zu klassifizieren. Was sagt uns das?
Laura Wiesböck: Dass Leistungsfähigkeit im Zentrum des modernen gesunden Menschseins steht. Diese gilt es aufrechtzuerhalten und wiederherzustellen. Aber Trauer, Traurigkeit und unangenehme Gefühle gehören schlicht auch zum menschlichen Dasein. Stellen wir uns vor, dass die eigene Mutter stirbt oder ein anderer Mensch, zu dem man eine sehr enge Bindung hatte: Das zu verarbeiten dauert einfach seine Zeit.
Wobei derzeit Social-Media-Plattformen voll sind mit Inhalten, die gerade nicht volle Leistungsfähigkeit thematisieren: User und Influencerinnen bekennen sich öffentlich zu psychischen Erkrankungen, die Wahrnehmung seelischer Leiden ist stark gestiegen. Ist das nicht erfreulich?
Wiesböck: Doch, daran gibt es viele positive Aspekte, etwa dass belastete Menschen sich verstanden fühlen und sich vielleicht selbst auch eher Hilfe suchen. Gleichzeitig werden Bilder von psychiatrischen Erkrankungen auf Social Media überwiegend durch begehrenswerte Körper popularisiert. Man sieht zum Beispiel junge, attraktive Frauen, die in stylischen Wohnungen vor der Kamera weinen oder tanzen und dabei erklären, wie gut Ritalin für ihr Leben ist. Für klinisch Betroffene kann das zusätzlichen Druck ausüben, wenn ihre Erkrankung sich anders darstellt als derartige Bilder.
Sie sprechen von „Depressionsromantik“.
Wiesböck: Genau. Es gibt Menschen, die an Depressionen oder Angsterkrankungen leiden und für die es die schlimmste Vorstellung wäre, sich damit öffentlich zu exponieren. Sie haben vielleicht keine Kra , ihren Hygienebedürfnissen nachzugehen, verlieren durch ihre Erkrankung Freundscha en, das geht bis hin zu suizidalen Gedanken. Ein solcher Leidenszustand ist existenziell und stellt sich ganz anders dar als vorherrschende Bilder auf digitalen Plattformen.
Ein Grundproblem, das Sie am Trend des Sich-öffentlich-Outens auch sehen, ist, dass es o fließend in Kommerz übergeht. Was kann man denn damit verkaufen?
Wiesböck: Unzählige Produkte. Von ADHSGummibären über Pullover mit dem Schrizug „My Anxiety has Anxieties“ bis hin zu Ketten und Ohrringen, auf denen Diagnosen stehen. Damit findet auch eine Bagatellisierung von klinischen Belastungslagen statt. Im Buch erwähne ich das Beispiel einer Person, die unter einer Angststörung leidet und sich die meiste Zeit schwertut, überhaupt das Haus zu verlassen. Sie empfindet es als Hohn, wenn andere Menschen ein T-Shirt tragen, auf dem „Anxiety“ steht. Weil es für sie kein ironisierbares Label ist und sie sich nichts sehnlicher wünschen, als diese Diagnose nicht zu haben.
Gerade bei jungen Menschen kann das Darstellen psychischer Probleme auch Dramatisches auslösen, wie Sie am Fall der Britin Molly Rose zeigen.
Wiesböck: Ja, die Jugendliche ist in einen Sog depressiver Inhalte gekommen und hat schließlich Suizid begangen. Durch Whistleblower etwa des Meta-Konzerns wissen wir: Laut internen Forschungsergebnissen kann die Art, wie die Algorithmen gestaltet sind, zu schädlichen psychischen Effekten führen, besonders bei jungen Frauen. Das nehmen diese Unternehmen bewusst in Kauf. Es ist paradox, dass Diskussionen über psychische Gesundheit besonders auf jenen Plattformen stattfinden, die sich erwiesenermaßen nachträglich auf das Wohlbefinden auswirken, besonders bei Jugendlichen und bei hohem Konsum.
Was müsste da geschehen?
Wiesböck: Eine einfache Lösung gibt es hier nicht. Die Plattformen sind jedenfalls dar-

Laura Wiesböck, 37, ist promovierte Soziologin und leitet die Gruppe „Digitalisierung und soziale Transformation“ am Institut für Höhere Studien Wien. 2018 erschien ihr Buch „In besserer Gesellscha . Der selbstgerechte Blick auf die Anderen“. Für ihre Arbeit erhielt sie schon mehrere Preise
auf ausgelegt, dass Personen so viel Zeit wie möglich darauf verbringen und ein Suchtverhalten entwickeln. Daher finde ich es überlegenswert, Social-Media-Plattformen als Suchtmittel zu kategorisieren und auch so zu behandeln, von Kennzeichnungen bis hin zu Risikoklassifizierungen.

Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen. Zsolnay, 176 S., € 22,70
Sie kritisieren auch die Tendenz, dass jede und jeder als allein verantwortlich für den eigenen psychischen Zustand gilt. Man soll „Selfcare“ betreiben und „seine Themen bearbeiten“. Über alledem hätten die Leute kaum noch Zeit und Energie, sich politisch zu engagieren oder für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen – also dort anzusetzen, wo vielleicht die Ursache für manches psychische Leiden liegt. Wiesböck: Der Imperativ, „Selbstfürsorge“ zu betreiben, zielt auch darauf ab, gesellscha liche Mangelzustände in den individuellen Bereich zu verschieben: ob jemand aufgrund einer prekären Arbeitssitution überlastet ist oder ein Kind in einer lärmbesetzten Wohnumgebung lebt, die sich negativ auf das Konzentrationsvermögen auswirkt, eine ADHS-Symptomatik bestärkt und Medikamente nahelegt. All das wird zur individuellen Privatsache gemacht, mit dem Ziel, dass man ein funktionsfähiges Subjekt bleibt und andere nicht belastet. Insbesondere Frauen werden damit adressiert. Und das kann sehr zynisch sein, zum Beispiel für eine alleinerziehende Mutter, für die es kein ausreichendes Kinderbetreuungsangebot gibt, die ihren Job mit der Mutterscha kaum vereinbaren kann und letztlich selbst für die Überlastung verantwortlich gemacht wird: weil sie sich nicht genug um sich selbst gekümmert habe. Wobei es ja nicht prinzipiell schlecht ist, wenn Frauen ermuntert werden, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Wiesböck: Die Frage ist aber, warum Männer nicht im selben Ausmaß dazu ermutigt werden. Eine Antwort darauf lautet: weil sie diese Zeit bereits haben. Daher wäre es zielführender, Strukturen zu schaffen, in denen Frauen sich nicht erst individuell Zeit erkämpfen müssen. Viele können das auch gar nicht, das ist ein Wohlstandsphänomen. Ich habe eine Studie über Haushaltsreinigungskrä e auf dem Wiener Schwarzmarkt gemacht: Sie haben weder Zeit und

Geld für einen Yogakurs noch einen Raum in der Wohnung, wo sie sich zurückziehen könnten.
Meditationen und Achtsamkeitstrainings sind für Sie „neoliberale Spiritualität“. Was ist denn neoliberal daran, wenn jemand sich am Abend mit ein paar Kerzen hinsetzt und meditiert? Vielen Leuten hil das ja.
Wiesböck: Es ist neoliberal, weil es auch hier darum geht, Spiritualität konsumierbar und mit dem neoliberalen System kompatibel zu machen, funktionsfähig zu bleiben und mit den schädigenden Auswirkungen von kapitalistischen Gesellscha en individuell umzugehen. Nicht die Welt muss sich ändern, sondern man selbst.
Sie berichten vom Achtsamkeitsprogramm von Amazon, genannt „AmaZen“.
Wiesböck: Ein besonders plakatives Beispiel, ja. Arbeiterinnen und Arbeiter können in Kabinen für ein paar Minuten Platz nehmen und Achtsamkeitsübungen ansehen, um danach wieder motiviert unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, Überwachung und Druck weiterarbeiten zu können.
A propos „weiterarbeiten können“: Sie schreiben, der ständige Leistungsdruck bringe Menschen auch dazu, in psychische Leiden zu flüchten.
Wiesböck: Ja, ein Krankheitsstatus führt dazu, dass Leistungserwartungen verringert werden. Man ist dann auch nicht mehr selbst daran schuld, es nicht geschafft zu haben, sich glücklich zu machen, sondern man ist Patientin oder Patient. Das kann entlastend wirken.
Was sagt das über unsere Gesellscha aus, wenn man erst krank werden muss, um endlich einmal entspannen zu können?
Wiesböck: Sehr viel, und insofern stellt sich die Frage: Sollten wir gesellscha lich nicht anerkennen, dass Verletzlichkeit, persönliche Krisen, ganz banales Traurigsein oder Phasen der Orientierungslosigkeit Teil des Lebens sind – und es dafür auch legitime Räume außerhalb von medizinischen Klassifikationen braucht? Während es diese in religiösen Gesellscha en gibt, lassen moderne Zwänge das Ausleben dieser Zustände kaum zu.
INTERVIEW: GERLINDE PÖLSLER

Katharina Linnepe: Wenn das Patriarchat in Therapie geht. Beltz, 256 S., € 20,60
Therapiesitzungen mit einem Narzissten: Ist das Patriarchat noch zu retten?
„Ein Gender-Pay-Gap von 18 Prozent lässt sich nun einmal nicht mit Achtsamkeitsübungen wegatmen“, stellt Katharina Linnepe im Vorwort ihres ersten Buches klar. Die deutsche Autorin hat Soziologie, Politikwissenscha und Philosophie studiert und eine Coachingausbildung absolviert. Nun lädt sie zur „feministischen Bastelstunde“, in der wir das Patriarchat zerlegen und ein neues Gesellscha ssystem modellieren dürfen.
Linnepe will inspirieren, nicht nur als Autorin, sondern auch als Moderatorin, Podcasterin und auf der Showbühne. Was die Frau für viele Fälle nicht ist: Psychotherapeutin. Ursprünglich therapierte sie das Patriarchat als Comedienne mit Rollkragenpulli, Hornbrille und Bernsteinkette auf Instagram. Die Kurzvideos brachten ihr neben Likes auch den Vertrag für ihr Buchdebüt. Es darf also gelacht werden, obwohl einem das Lachen beim Lesen immer wieder im Hals stecken bleibt. Psychologisches Halbwissen ist laut Autorin ausdrücklich willkommen. Ihre „professionelle Empathie“ hat Grenzen, denn das Patriarchat ist ein schwieriger Klient. In 10.000 Jahren kommt schließlich einiges zusammen.
Unser krankes und krank machendes Gesellscha ssystem zur Therapie zu schicken erweist sich aus mehreren Gründen als eine gute Idee: Es sei eine Lüge des laut Linnepe manipulativen, an Machiavelli geschulten Patriarchats, dass wir allein unseres Glückes Schmiedin sind und jeder Misserfolg auf persönlichem Versagen gründet. „Die Probleme des Patriarchats sind nicht unsere Privatprobleme.“
Zumal viele Frauen ohnehin ständig an sich arbeiten – Stichwort Selbstoptimierung. Die eine Erfindung des Patriarchats und seiner Kinder Kapitalismus und Neoliberalismus sei, wie die Autorin anmerkt. Die Frage, wer hier „den Knacks hat“, ist schnell gelöst. Das Patriarchat selbst muss auf die Couch! Die Therapiesitzungen mit ihm bieten reichlich Stoff für Witze. Und diese wissen Linnepe-Fans zu schätzen.
Rund 20.000 Follower hat die Wahlberlinerin auf Instagram.
Nicht zuletzt der „achtsame Wimpernaufschlag“ der Comedy-Therapeutin machte Linnepes fiktive Therapiesitzungen zu einem Social-Media-Hit. Raffiniert lässt sie in den Videos nur durch ihre eigenen Reaktionen das Bild ihres „problematischsten Patienten“ im Kopf des Publikums entstehen. In knackigen 30 bis 60 Sekunden beschwört sie so einen narzisstischen Macho als Gegenüber herauf.
Die Komik des speziellen Settings funktioniert in gedruckter Form nicht ganz so gut. Die Autorin nutzt das Medium Buch aber, um Fachbegriffe aus unterschiedlichen Disziplinen verständlich zu erklären (unter anderem „Co-Abhängigkeit“), und macht Entwicklungen deutlich (etwa wie Rollenstereotype unser Selbstbewusstsein durchlöchern, bis wir zu co-abhängigen Patriarchatskomplizinnen und -komplizen werden). Dass Linnepe Satire und Wissen, Bonmots und Informationen gemeinsam serviert, macht ihre kritische Analyse bekömmlich und gehaltvoll zugleich. Als sich das alte Gesellscha ssystem nach mehreren Sitzungen und einer Familienaufstellung als therapieresistent erweist, beschwört Katharina Linnepe im letzten Kapitel Kreativität statt Resignation. Sie fordert Verbindendes, wo das Patriarchat spaltet, und ru dazu auf, Goethes Erlkönig zu verlernen: Schluss mit „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“! Mit Hannah Arendt schlägt sie vor, Macht stattdessen als das Gegenteil von Gewalt zu verstehen. Denn Macht im Sinne von Ermächtigung durch andere sei nur in einer Gruppe möglich, nur miteinander, niemals gegeneinander. Den Lesenden verschreibt sie Medizin: Fantasie, für die Vision einer Zeit nach dem Patriarchat. „Wir-Ermächtigung“ für gesunde Seelen, die nicht mehr von Rollenerwartungen und Konkurrenzdruck klein und müde gemacht werden. Und Empathie als „Währung der Zukun “. FELICE GALLÉ
Helene Bracht hat ein irrwitzig grandioses Buch über kindliche Missbrauchserfahrung, Sexualität und Liebe geschrieben
Im „wunderwilden Garten“ namens Sexualität, wo ebenso empfindliche wie vitale Pflänzchen der zwischenmenschlichen Interaktion kultiviert werden – darunter Rausch, Gier, Scham, Lust, Hingabe, Macht oder Ekel –, ähnelt „eine frühe Missbrauchserfahrung dem Giersch mit seinen Rhizomen“: Sie ist „ein sich unterirdisch ausbreitendes, praktisch unverwüstliches Wurzelgeflecht“, das die Neigung hat, an den unerwartetsten Stellen aufs Neue auszutreiben.
Diese botanische Missbrauchsmetapher, die Helene Bracht in ihrem Buch „Vom Lieben danach“ verwendet, ist so ungewöhnlich, wie sie treffend ist. Um im Bild zu bleiben, ließe sich weiter sagen: Den Giersch, dieses verhasste Unkraut, hält man nicht durch Ausgraben am besten in Schach, sondern indem man ihn abpflückt. Das schwächt ihn mit der Zeit. So muss man es mit ihm machen: Pflücken, Aufessen und schließlich, ja: Inkorporieren und Verdauen.
So ähnlich muss es Helene Bracht über viele Jahre mit ihrer eigenen Missbrauchserfahrung gemacht haben, dass daraus nun ihr glasklares, radikales und irrwitzig fesselndes Buch über weibliches Begehren, über Liebesversuche, Täter und Opfer, über Sexualität und Schuldumkehr, Machtmissbrauch und Selbstermächtigung, Manipulation, Unterwerfung und Verstellung entstehen konnte.
Es fällt tatsächlich schwer zu glauben, dass es sich dabei um die erste literarisch-biografische Veröffentlichung der 70-jährigen Berliner Psychologin und langjährigen Theaterregisseurin handelt. Und um Literatur handelt es sich: So sehr ist Helene Bracht Herrin ihres Stoffs. So elegant, souverän und vollkommen eigenständig ist ihr Stil; so sehr gelingt es ihr, etwas Hybrides, Vages, Vielschichtiges, Uneindeutiges wie Missbrauch und dessen Folgen in Worte zu fassen. Vielleicht kommt das auch daher, dass sie – wie es einmal im Buch heißt – beizeiten gelernt hat, sich die Welt durch Sprache „vom Leibe zu halten“?
Fest steht: Um so etwas schreiben zu können, muss man über sehr lange Zeit unverwandt in die abgründigsten Ecken seiner eigenen Erfahrungen und Erinnerungen geblickt haben.
Die Geschichte, die am Anfang all dessen steht, „erschien mir viele Jahre lang gänzlich unerheblich“, schreibt Helene Bracht. Es ist die Geschichte mit „Strecker“, dem hochgebildeten, nikotinfingrigen mittelalterlichen Untermieter der Eltern und „lupenreinen Pädophilen“, der die kleine Leni zwischen ihrem fün en und achten Lebensjahr regelmäßig missbraucht, ihr mit süßer Stimme bewundernd ins Ohr säuselt, ihr Abbildungen kopulierender Paare zeigt und Gedichte vorträgt, bevor er sie beim Nachhilfeunterricht im Kinderzimmer oder – in
»Die ewige innere Spannung, als Frau gesehen und doch nicht belästigt werden zu wollen, hat sich gelöst
den Sommerferien – auf Jagdhochsitzen von hinten packt, anschnauzt, im Schraubstockgriff hält und mit seinen Fingern schmerzha penetriert.
Der wiederholte Schock dieser Stimmungswechsel lehrt das kindliche Opfer die „brutale Anstrengung der Selbstverleugnung“. In der Nachkriegsgefühlskälte der eigenen Familie schwankt sie zwischen der Sehnsucht nach Streckers Zugewandtheit und tiefem Kummer.
Wie alle Missbrauchsopfer wird sie zur „Vertragspartnerin eines Lügenpakts“, bis ihre Mutter eines Tages Blutflecken in ihrem Höschen entdeckt (eine Defloration der grausigen Art) und die Tochter zur Rede stellt. Strecker verschwindet. An seine Stelle treten hermetisches Schweigen und ohnmächtiger Zorn aufseiten der Eltern und grenzenlose Scham auf der der Tochter. In verwandelter Form kontaminieren diese Kindheitserfahrungen später das Beziehungsleben der erwachsenen Frau und lassen sie in Sexualitäts- und Liebesdingen ein beeindruckendes Repertoire an Vermeidungs-, Ausweich-, Verstellungs-, Autosuggestions- und verqueren Überlebensstrategien entwickeln. Dazu gehört auch eine Phase eigener machistischer Brutalität gegenüber weiblichen Geschlechtspartnerinnen.
Kurzum: Liebesbeziehungen mit Männern und Frauen wollen zeitlebens nicht recht funktionieren. Sie, die große Meisterin im So-tun-als-ob, geht schließlich auch noch einem Love Scammer auf den Leim. In diesem „Spiegelkabinett aus Lügen“ existiert kein Maß, kein Orientierungssystem, kein Gefühl für Grenzen – weder die eigenen noch die von anderen. Bis sich irgendwann, in späten mittleren Jahren, ohne eigenes Zutun, etwas Neues einstellt: „Völlig geräuschlos öffnete sich die Tür zu einem zuvor unbekannten Möglichkeitsraum innerer Freiheit.“ Zu diesem Aggregatzustand gehört die Erkenntnis, „wie harmonisch und unauffällig sich eine Missbrauchs-Prägung in ein ausbeuterisches System von Geschlechterrollen einzupassen vermag“.
Ein paar Stichworte gefällig? „Die Gefügigkeit, die hohe Sensibilität für die Wünsche anderer, die Duldsamkeit, die Abhängigkeit von Komplimenten und Anerkennung, die selbstverständliche Dienstleistungsorientierung.“

PRAK TISCHER
JO URNA LISMUS
Brod nig Klenk Waldner olf Hg.)
Ei n Lehrbuch für den erufseinstieg und alle, die wissen wollen, wie Medien arbeiten.
264 Seiten, € 29,90

Well, nevermore! Die Person, die uns zum Einstieg und zum Ausstieg von „Das Lieben danach“ entgegentritt, ist eine ältere, alleinstehende Frau, die – so wie Katja Kullmann in ihrem Buch „Die Singuläre Frau“ – aus freien Stücken am Spielfeldrand des Paarbeziehungssports steht und von dort aus klare, ruhige und durchaus zufriedene Blicke auf das Geschehen wir . Und ein Buch wie dieses schreibt.
„Eine kapitale Last der vergangenen Lebensjahrzehnte ist mir unversehens vom Gemüt gepurzelt … Die ewige innere Spannung, als Frau gesehen und doch nicht belästigt werden zu wollen, hat sich gelöst. Alte Frauen sieht man nicht … Ich zähle einfach nicht. Welch unglaublich süße Freiheit.“
JULIA KOSPACH
In ihrem knappen und konzisen Buch über das „Versagen“ analysiert Nora Weinelt den blinden Fleck des Fortschri sglaubens
Offenkundig irre Typen wie Donald Trump und Elon Musk werden vielleicht nicht die Weltherrscha übernehmen, den Willen, dies zu tun, kann ihnen aber niemand absprechen. Und selbst wenn sie scheitern, könnten sie das als Erfolg verbuchen. Denn wie meinte Musk bereits vor zehn Jahren: “If things are not failing, you are not innovating enough.”
Die Literaturwissenscha lerin Nora Weinelt, Jahrgang 1986, beginnt ihre Untersuchung über das Phänomen und den Begriff des Versagens, indem sie das im Laufe der 1990er-Jahre hegemonial gewordene Narrativ des schönen Scheiterns analysiert. Als wirkmächtiges Ideologem des Neoliberalismus wird Scheitern nämlich als wertvolle Erfahrung verbucht, die geradezu die Voraussetzung für den finalen Erfolg darstellt.
Das von Start-up-Unternehmern, Life-Coaches und anderen Esoterikern öffentlich stolz thematisierte eigene Scheitern enthält notwendig einen „kritischen Wendepunkt“, an dem man es noch hätte abwenden können, dies aber verabsäumt hat.
Auf diese Weise wird eine Selbstermächtigungserzählung etabliert: Nicht höhere Mächte, Pech oder ein dummer Zufall, sondern man selbst war schuld – ein Umstand, der sich letztendlich in eine autobiografische Erfolgsgeschichte integrieren lässt:
Man hat daraus gelernt und es in der Folge besser gemacht.
So gesehen sind Scheitern und Erfolg zwei Seiten derselben Medaille. Was dabei vorsätzlich ausgeblendet wird, ist die „durch und durch negative, das Subjekt in seinen Grundfesten erschütternde Form des Nichterreichens“, das Versagen nämlich. Historisch betrachtet ist es ein erstaunlich junges Konzept. Im deutschsprachigen Raum taucht es erst Ende des 19. Jahrhunderts auf, und die Figur des „Versagers“ findet dort überhaupt erst in den 1950er-Jahren Eingang in die Wörterbücher.
Höchst spannend liest sich der kurze Abriss, den Weinelt der Geschichte des Versagensdiskurses widmet. Der Begriff selbst wird zunächst vor allem im Kontext der Waffentechnologie – Stichwort: Rohrkrepierer – verwendet, ehe er um die Jahrhundertwende Eingang in die Humanwissenschaften findet; was wiederum als Symptom einer technizistisch verstandenen Anthropologie gewertet werden darf. Die Vorstellung des Leibeswesens Mensch als Maschine hat sich bis heute in Begriffen wie dem des „Organversagens“ erhalten.
Im Zeitalter der Automatisierung stellt das Versagen das Skandalon einer technischen Unbeherrschbarkeit dar, die es gar nicht geben dür e; einen Vorgang, der sich unvorhergesehen im Inneren der Maschi-

ne ereignet und der Handlungsmacht des Individuums entzogen bleibt.
Der Mensch als „Versager“ ist nicht zuletzt eine Erfindung der Pädagogik. Allgemeine Schulpflicht, Regelschulwesen, Jahrgangsklassen und numerische Benotungssysteme etablieren jene Norm, von der die sogenannten „Schulversager“ abweichen. Wobei Versagen in diesem Kontext eben nicht als „abnormal“ im Sinne einer körperlichen oder geistigen Behinderung definiert wird, sondern als die Nichterbringung einer Leistung, die von den Individuen erbracht werden könnte
Darin steckt, wie die Autorin im finalen Kapitel betont, auch ein Moment des Widerstands und der Renitenz, das von den Diskursen des Versagens geleugnet wird und in jenen des schönen Scheiterns gar nicht vorgesehen ist. Diese beruhen nämlich auf einem Imperativ permanenter Selbstüberbietung. Kritisch-analytisch auf den Punkt gebracht wird das Phänomen, so Weinelt, in den Romanen des französischen Skandalautors Michel Houellebecq. Dessen Anti-Helden ist es nicht mehr gegeben, in Schönheit zu scheitern. Ihr Versagen wird aber nicht mehr als individuelles begriffen, vielmehr indizieren sie eine Verschiebung der Denkfigur: „vom Versagen in einem zum Versagen des Systems“.
KLAUS NÜCHTERN
Wie psychiatrische Deutungen auf die Identität zurückwirken, das erkundet die Essayistin Rachel Aviv in sechs Fallgeschichten
D
ie Entdeckung der ersten (modernen) Psychopharmaka in den 1950er-Jahren erneuerte die Hoffnung, psychiatrische Erkrankungen könnten allein auf der Basis objektiver, neurobiologischer Befunde diagnostiziert und behandelt werden. Milliardenmärkte für Psychopharmaka entstanden, die langfristigen Folgen blieben unerforscht. Damit einher ging eine Umdeutung von Formen des Leidens wie Einsamkeit, Erschöpfung, Bindungskonflikten, Zwängen, Konzentrationsmangel oder Impulsivität in Krankheitszustände, zu deren Behebung es spezialisierter Therapeuten und Medikamente bedarf. Diese Umdeutung ist heute Teil des Selbstverständnisses der meisten Bürger geworden – gipfelnd im Outing als „Betroffene“ von ADHS, Burnout, Depression, Bipolarität oder Borderline.
Diese massenmediale Kultur hat die literarisch ambitionierte psychiatrische Fallgeschichte des 20. Jahrhunderts eines Alexander Romanowitsch Lurija oder Oliver Sacks verdrängt. Sacks verstand die (gestörten) Weisen, das Ich und die Welt zu erleben, als Ausdruck einer individuellen (beschädigten) Persönlichkeit. Heute versteht man Ich-Identität eher als Produkt von kollektiven Zuschreibungen des Geschlechts, der Krankheit, des sozialen Status. Rachel Aviv, Redakteurin des erlesenen kulturkritischen Journals The New Yorker, wagt eine
Erneuerung der literarisch-psychiatrischen Fallstudie, indem sie die neuen Paradigmen der sozialen Konstruktion und Momente des Outings integriert. Sie tut es brillant.
Die Autorin selbst war gerade einmal sechs Jahre alt, als sie in eine Psychiatrie eingewiesen wurde: Sie ahmte ihre beste Freundin nach, die Nahrung (meist) verweigerte. In der Klinik lernte sie, ältere Mädchen zu bewundern, die die Kontrolle über Nahrung und Körpergewicht mit Ehrgeiz betrieben und das zu einem Teil der eigenen, prekären „Identität“ machten. Darunter Hava, jüdisch wie Rachel, attraktiv, lebendig, auffallend scharfsinnig in der unablässigen Suche nach Selbsteinsicht. Sie fand trotz oder wegen jahrzehntelanger Medikationen und Therapien wie viele Psychiatriepatienten nie mehr aus dieser artifiziellen Art von „Identität“ heraus und starb früh. Ein Schicksal, vor dem Rachel Aviv vielleicht nur der Zufall bewahrte.
Naomi, Black American Woman aus den Sozialghettos, in denen seit Generationen frühe Schwangerscha en und brüchige Beziehungen, geringe Bildungschancen, Alltagsrassismus und Kriminalität das Leben prägen, versucht, heroisch ihre Würde auch während einer langen Ha strafe nach einem Suizidversuch (mit Kindern) zu verteidigen, der für sie weniger eine Folge von Psychosen denn der nackten Verzweif-

lung war. Bapu wiederum, in den 1940ern in eine traditionell lebende Brahmanenkaste geboren, behauptet eigensinnig ihr Selbst, indem sie sich weigert, ihren mit Halluzinationen einhergehenden Drang nach spiritueller Hingabe und Askese als Zeichen von Schizophrenie deuten und behandeln zu lassen.
Ray dagegen wird im besten Alter durch seelische Störungen aus einem Leben als erfolgreicher Arzt gerissen. Diese zu verstehen, dazu reicht die zweite Häl e des Lebens, herumirrend zwischen Medikationen und wechselnden Moden der Therapie, nicht aus. Das hätte auch Laura Delano passieren können, die im Jugendalter in die Fänge psychiatrischer Diagnosen und Medikationen geriet, dann jedoch zur Aktivistin wurde, die andere Betroffene bei der Befreiung von Psychopharmaka begleitet. Avivs Buch zeigt: Nirgendwo existiert eine scharfe Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit, nirgendwo eine einzige Ursache des Leidens, nirgendwo ein wahres Ich „hinter“ den wechselnden Deutungsmustern. Und die Autorin beweist, dass keine Blogkultur dieser Komplexität gerecht werden kann – sondern nur aufwendig recherchierte, diverse Zugänge integrierende dokumentarische Erzählungen, die auf einfache Erklärungen und Rezepte verzichten. SEBASTIAN KIEFER
Der deutsche Filmemacher Stephan Lamby reiste um die Welt, um den Aufstieg der Demagogen zu begreifen
Zuschauern und Lesern Einblicke in Situationen und Gedankenwelten zu vermitteln, die ihnen sonst verschlossen sind“, das ist Stephan Lambys Job. Doch plötzlich versteht der vielfach preisgekrönte deutsche Dokumentarfilmer die Welt nicht mehr: Bei einer Familienfeier erfährt er, dass sein in den USA lebender Cousin Martin Teil des Mobs war, der im Jänner 2021 das Kapitol gestürmt hat. Dabei ist Martin ein hilfsbereiter, charmanter, humorvoller und dialogfähiger Mensch – und bis heute überzeugt davon, damals die Demokratie verteidigt zu haben. Wie konnte er auf einen solchen Irrweg geraten? Und wie konnte dieser Mob überhaupt entstehen? Der routinierte Erklärer ist ratlos. „Seit beinahe 40 Jahren beobachte ich politische Prozesse. Noch nie habe ich die Wut auf das herrschende System, die Sehnsucht nach Umsturz und ja, nach Zerstörung als so tiefgreifend und bedrohlich empfunden wie in den letzten Monaten“, so Lamby. „Was ist los in unserem Land? Was ist los in anderen Ländern?“
Der Autor beschließt, seinen Fragen auf einer langen Reise nachzugehen. In den USA, Argentinien, Ostdeutschland und Norditalien macht er sich auf die Suche nach den Gründen für die zunehmende Bereitscha zur Zerstörung der Demokratie und den Aufstieg zweifelha er Figuren, die als vorgebliche Außenseiter im politischen Betrieb reüssieren. Die Rede ist von Donald Trump, Javier Milei, Björn Höcke und den italienischen Post- und Neofaschisten.
Im Süden der USA glitzert das Erbe der von Trump inbrünstig beschworenen Nachkriegszeit, in der Amerika allmächtig schien, nur noch aus der Distanz verführerisch. In Memphis, Tennessee, spürt Lamby der Erinnerung an Elvis Presley nach – ein Idol Donald Trumps, der mit dem „King“ sowohl die Vorliebe für Waffen, Autos und goldene Wasserhähne als auch den Narzissmus gemeinsam hat. Der Autor spricht im tiefsten Süden der USA mit evangelikalen Predigern und schwarzen Immobilienunternehmern, die ihm von Trumps nostalgischer Vision eines von Weißen dominierten Westens erzählen. Diese wirkt angesichts der sich verändernden ethnischen Zusammensetzung der US-Bevölkerung zwar realitätsfern, erklärt Trumps schrille Rhetorik in Sachen Abtreibung und Migration aber doch ein Stück weit. Mit vielen weiteren Fragen im Gepäck reist Lamby nach Argentinien weiter, das Land Javier Mileis. Zu den ersten Maßnahmen des deklarierten Staatsfeindes, den sich das von korrupten Politikern ruinierte Land zum Präsidenten gewählt hat, zählen die Schließung der staatlichen argentinischen Nachrichtenagentur und die Zerschlagung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Von einem der letzten kritischen Journalisten Argentiniens erfährt Lamby Befremdliches über das Privatleben Mileis, der die Gesellscha von Hunden derjenigen von Menschen vorzieht. In einem Interview behauptete er allen Ernstes, sein mittlerweile geklonter Hund und er seien sich in einem früheren Leben schon einmal als Gladiator und Löwe im römischen Kolosseum begegnet. Für Argentinier klinge das laut Lamby nicht so verrückt wie für uns, da es in diesem Land ein traditionell starkes Bedürfnis nach Überfiguren

gebe – man denke an Diego Maradona, Evita oder Lionel Messi. „Insofern empfinden es viele Menschen auch nicht als befremdlich oder gar anstößig, dass ein Außenseiter behauptet, gemeinsam mit seinem Hund von Gott gesandt worden zu sein, um sein Volk aus der Misere zu führen. Viele Argentinier wollen in ihm tatsächlich den Auserwählten sehen.“
Wie diskutiert man mit Menschen, die derartige Ansichten vertreten? Immer wieder zitiert Lamby aus den Gesprächen, die er etwa mit argentinischen Journalisten, Wirtscha swissenscha lern oder Bankern führt, mit italienischen Mussolini-Nostalgikern oder mit dem Anwalt des AfD-Politikers Björn Höcke. Zuhören zu können heißt dabei natürlich nicht, auf Widerspruch zu verzichten. Was Stephan Lambys Kunst der Gesprächsführung ausmacht, ist vielmehr ein ständiges Hinterfragen eigener Gewissheiten („Bin ich zu skeptisch?“), regelmäßiges Innehalten für Nachdenkpausen sowie das ernstha e Bemühen, auch auf abenteuerliche Gegenargumente einzugehen. Dadurch bringt er seine Gesprächspartner dazu, mehr zu liefern als bloße Floskeln, die Debatten in das sonst o übliche Hickhack und das Austauschen von Stehsätzen abgleiten lassen. Freilich kommt auch Lamby gelegentlich an den Punkt, an dem sich Gegensätze nicht mehr überbrücken lassen. „Unser Gespräch stößt an eine Grenze, ich stoße an eine Grenze“, heißt es da.
Durch das beharrliche Ausloten dieser Grenzen nimmt Lamby von seiner Reise durch die Welt der Demagogen Erkenntnisse mit nachhause, aus denen er einen eindringlichen Befund der globalen Demokratiekrise ableitet. Die in Wut umschlagende diffuse Angst vor dem Bedeutungsverlust, die in schrumpfenden Gesellscha en o herrscht, hat er genauso erlebt wie die tiefe Vertrauenskrise in die Politik, die verantwortungslose Politiker ausgelöst haben. Demagogen verstehen diese Krise für sich zu nutzen. Sie vermitteln mit der Politik unzufriedenen Menschen wie Lambys Cousin Martin ein Gefühl von Zugehörigkeit und Anerkennung, das ihre Anhänger dazu bringt, ihre schleichende Radikalisierung mitzumachen. Lamby gibt sich dennoch nicht hoffnungslos. Gesellscha sei kein Zustand, sondern ein Prozess, auf den man Einfluss nehmen könne. Wie auf die Großfamilie, die ihn auf die Idee zur Reportage gebracht hat: „Man muss nicht bei allen Themen übereinstimmen, aber man kann lernen, die Verwandten auszuhalten, möglicherweise sogar zu verstehen. Daher ist es wichtig, Familientreffen zu organisieren, bei denen man sich austauscht. Das Gleiche gilt für demokratische Gesellscha en.“
GEORG RENÖCKL

Stephan Lamby: Dennoch sprechen wir miteinander. Wie ein Familientreffen zu einer Reise durch die Welt der Demagogen wurde.
C.H. Beck, 248 S., € 25,70
Trophäe, Spielball und manchmal Henkerin: Roberto Saviano erzählt wahre Geschichten von Frauen der Mafia
Lou hat eine Schwäche: das Glücksspiel. Und an diesem Tag wird hoch gepokert. Endlich bekommt er ein gutes Blatt. „Lou ist schnell, und er zeigt auch Leidenscha , wenn er dabei ist, ins Verderben zu stürzen“, schreibt Roberto Saviano. Lou kramt in seiner Tasche – kein Geld mehr. Also legt er ein Foto seiner Frau auf den Tisch, sie ist nun der Einsatz. Doch seine Gegner haben bessere Karten, Lou hat „jetzt ein großes Problem. Und seine Frau zwei.“
Mafia-Experte Saviano stellt diese Episode seinem neuen Buch „Treue“ voran, um die Werteskala der Mafia auszuloten. „Treue“ handelt von Schicksalen realer Frauen innerhalb der Clans. Schnell wird klar: Sie sind meist nicht Protagonistinnen, o Opfer, Trophäen oder Gebärmaschinen, idealerweise für männliche Nachkommen, manchmal auch Henkerinnen. Durch die Heirat gehen sie o nur in das Eigentum eines anderen Mannes über. Und alle sind sie gefangen in der „verwerflichen kriminellen Logik der Mafia“.
Lou macht nur Gelegenheitsjobs für die Mafia. Aber der Bruder seiner Frau ist Polizist und befreundet mit einem hohen Tier der italo-amerikanischen Mafia. Dieses hohe Tier lässt Lou nun töten. Doch um die Frau geht es dabei nicht, Lou ist ein Risiko geworden: „Ist es so weit gekommen, dass man seine Frau verkau , kann man jeden verkaufen, auch seine Kumpane, den Boss, die ganze Familie, die Bankgeheimnisse.“
Ein Kapitel widmet Saviano Maria Concetta, sie stammt aus einer Mafia-Familie. Als ihr Mann im Gefängnis sitzt, beginnt sie eine Beziehung mit einem anderen Mann. Ihr Vater und ihr Bruder verprügeln sie darau in derart, dass eine Rippe bricht. Da geht Maria zur Polizei und packt aus. Sie kommt ins Zeugenschutzpro-
gramm. Doch ihre Mutter erpresst sie mit den Kindern, sie müsse zurückkommen. „Entweder mit uns oder mit denen.“ Maria kehrt zurück, widerru ihre Aussagen, findet aber keine Vergebung.
Der Autor ist Experte auf dem Gebiet der Mafia: Seit seinem 2006 erschienen Buch „Gomorrha“ lebt er unter Polizeischutz. Als einer ihrer schärfsten Kritiker geriet er auch in das Visier der rechten italienischen Regierung, die ihn etwa nicht als Vertreter auf der Frankfurter Buchmesse sehen wollte. Seine Informationen für das neue Buch bezieht Saviano unter anderem aus Gerichtsakten, Interviews und Berichten von Aussteigern, die mit der Justiz kooperieren.
Saviano erzählt etwa auch die Geschichte der TikTok-Königin Sabrina Durán Montero. Sie stammt aus einer Gegend in Chile, in der die Leute so arm sind, dass sie „basuco“ nehmen – den Abfall, der bei der Herstellung von Kokain übrigbleibt. Sabrina schafft es, sich ein kleines Dealer-Netzwerk aufzubauen und setzt sich auf TikTok in Szene. Bald hat sie eine halbe Million Follower. Doch auch ihre Geschichte endet tragisch: Sie wird schließlich auf offener Straße hingerichtet.
Die Mafia kennt kein Erbarmen, das zeigt Saviano in „Treue“ einmal mehr. Sein Buch ist fesselnd wie ein Kriminalroman – leider handelt es sich um True Crime.
DONJA NOORMOFIDI

Roberto Saviano: Treue. Liebe, Begehren und Verrat – die Frauen in der Mafia. Hanser, 272 S., € 25,50
Nationalheld oder Nazi: In der Ukraine spielt Stepan Bandera bis heute eine gewichtige Rolle
Unser Vater ist Bandera, unsere Mutter ist die Ukraine“, singt das Land am Dnipro bis heute. Nationalheld für die einen, Faschist und Antisemit für die anderen, ist der 1909 geborene Stepan Bandera bis in die Gegenwart Gegenstand wilder Dispute. Der Kult um ihn diente Wladimir Putin gar als „Legitimation“ seines Angriffskriegs auf die Ukraine. Der deutsch-polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe hält Letzteres für billige Kriegspropaganda und dekonstruiert den hausgemachten ukrainischen Bandera-Kult. Schon früh begeistert sich Bandera für die Idee eines ukrainischen Staates und schließt sich im mittlerweile zu Polen gehörigen Lemberg der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an, deren Propagandaapparat er bald leitet. Der 23-Jährige wird im Kampf gegen die Polonisierung OstGaliziens 1932 erstmals verha et, für das Organisieren der Ermordung des polnischen Innenministers verbringt er Jahre im Gefängnis.
Die Westukraine, im Zuge des HitlerStalin-Pakts 1939 von den Sowjets besetzt, hofft auf einen eigenen Staat von Gnaden Hitlers. Banderas Anhänger beteiligen sich zwar auf Seiten der Wehrmacht am Kampf gegen den sogenannten „jüdischen Bolschewismus“, Bandera selbst wird aber von den Nazis verha et und landet als relativ privilegierter „Ehrenhä ling“ im KZ Sachsenhausen.
Rossoliński-Liebe beschreibt minutiös die Weltanschauung Banderas, der „revolutionären Terror“ predigt, und stellt die ideologische Entwicklung des ukrainischen Freiheitskampfes in den Kontext der europäischen Faschismen der Zeit. Große Aufmerksamkeit widmet er dem im Schatten des Zweiten Weltkriegs sich entfaltenden polnisch-ukrainischen Konflikt, der im Westen kaum bekannt
ist: Die OUN und ihr militärischer Flügel, die Ukrainische Aufständischen-Armee, veranstalten unter Juden und Polen regelrechte Gemetzel. Rossoliński-Liebe weist jedoch explizit darauf hin, dass die „Haupttäter des Holocaust in der Westukraine“ nicht ukrainische Nationalisten, sondern die deutschen Besatzer waren.
1944 wird Bandera entlassen und in Berlin unter Hausarrest gestellt. Angesichts der drohenden Niederlage des Nationalsozialismus propagiert er den „Abwehrkampf gegen die anstürmenden bolschewistischen Horden für die Freiheit Europas“. Im Sommer 1945 nimmt Bandera Kontakt mit westlichen Geheimdiensten auf; nun lautet das Motto „Rollback des Kommunismus“. Nur ein großer Krieg könne die Unabhängigkeit der Ukraine ermöglichen, Stalins Drohung mit der Atombombe sei nur Bluff. 1959 wird Bandera in München von einem KGB-Agenten ermordet, es beginnt ein bis heute praktizierter Kult mit unzähligen Denkmälern, Museen und (mit wenigen Ausnahmen) Geschichtsklitterungen durch ukrainische Historiker. RossolińskiLiebes Resümee: Die Verherrlichung des Nazikollaborateurs habe „die Demokratie in der Ukraine insgesamt geschwächt und kein gutes Licht auf den Umgang des Landes mit Holocaust, Zweitem Weltkrieg, Antisemitismus und Faschismus geworfen“.
ERICH KLEIN

Grzegorz
Rossoliński-Liebe: Stepan Bandera. Leben und Kult. Wallstein, 574 S., € 47,30

KARL SEITZ Alex ander pritzendorfer wirft ei nen neuen Blick auf die eschicht e des oten Wien 27 2 Seiten, € 29,90
Der indische Autor Amitav Ghosh gilt als eine wichtige Stimme der Gegenwart: Er zeigt auf, wie eng die Geschichte von Kolonialismus, Umweltzerstörung und Klimawandel verflochten sind – eindrücklich etwa in seinem vorletzten Buch „Der Fluch der Muskatnuss“. In seinem neuesten Werk kehrt er als Historiker zu einem Thema zurück, das er als Schri steller in seiner Ibis-Trilogie meisterha abgehandelt hat: den Opiumhandel zwischen Indien und China, der zum Ersten Opiumkrieg (1839–1842) führte. Wer glaubt, dass es sich dabei um eine längst vergangene Episode vom anderen Ende der Welt handelt, den belehrt Ghosh eines Besseren. Der ostasiatische Opiumhandel des 19. Jahrhunderts hat den Weltenlauf nachhaltig beeinflusst und ist in seinen Ausläufern bis heute grei ar.
„Rauch und Asche“ ist eine Abrechnung mit Kolonialismus und der Ideologie des Freihandels. Das Britische Empire war, kein Witz, im 19. Jahrhundert ein Narco-State. Einen wesentlichen Teil seiner Einnahmen bezog das Empire aus dem in Britisch-Indien angebauten Opium, das nach Ghangzhou (die Europäer sagten: Canton) geliefert wurde und Millionen von Chinesen in die Sucht trieb. „Die erschütternde Realität ist, dass viele Städte, die heute Säulen der modernen globalisierten Wirtscha sind –Mumbai (früher: Bombay), Singapur, Hong-
kong und Shanghai –, sich ursprünglich vom Opium speisten.“
Als das Reich der Mitte das Vernichtungswerk der Opiumsucht zu unterbinden suchte, zwangen die Briten es mit den Kanonen ihrer überlegenen Seemacht, den Hafen von Ghangzhou wieder zu öffnen, und annektierten Hongkong. Das Empire berief sich dabei auf die Ideologie des Freihandels. Konkurrenz und die „unsichtbare Hand“ nach Adam Smith waren angeblich der Königsweg zum Wohlstand aller.
Der Opiumhandel hatte jedoch rein gar nichts mit dem „freien Markt“ zu tun. Die Produktion einer Substanz, die unfrei machte, beruhte auf ausbeuterischer Zwangsarbeit indischer Bauern, dominiert von wenigen privilegierten Akteuren. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war es dann vorbei mit dem florierenden Opiumhandel Großbritanniens mit China. Statt Staaten übernahmen allmählich internationale Verbrecherkartelle den lukrativen Handel. Neben britischen und indischen Händlern verdienten auch amerikanische Investoren ein Vermögen mit der Sucht. Für viele der mächtigen Familien der US-Ostküste diente der Reibach aus dem Opiumgeschä als seed money, also als Startkapital etwa zur Konstruktion der Eisenbahn und zur Erschließung des amerikanischen Westens im späteren 19. Jahrhundert.

DFür China ist der „heldenha e“, wenngleich erfolglose Kampf im Ersten Opiumkrieg zum Grundstein des Nationalismus sowie des nach wie vor verbreiteten Narrativs geworden, der Westen sei heuchlerisch. Ghosh verweist auch auf die Parallelen zur Opiodkrise, die seit der Jahrtausendwende die USA heimsucht und Hunderttausende von Toten forderte. Gier (eine rücksichtslose Pharmaindustrie im Verein mit korrupten Ärzten und Anwälten) und Schuldumkehr (verantwortlich für ihre Sucht seien die Opiumkonsumenten, nicht die Anbieter) sind auch hier am Werk. Schon die britischen Kolonialherren verachteten die Chinesen als schwächlich, da sie dem Rauschmittel verfielen. Das Loblied von Kapitalismus und Eigenverantwortung klang selten hohler.
Der Schlafmohn bestimmt also unser Geschick als Menschen seit der Antike mit. Opium lindert Schmerz, macht aber auch abhängig und tötet. Es korrumpiert Menschen, Behörden und ganze Staaten. Opium macht reich und arm, beflügelt Volkswirtscha en, schlägt Schneisen durch Landscha en und führt zu Krieg. Ghosh plädiert eindringlich dafür, die unscheinbare Pflanze als wirkmächtigen historischen Akteur zu begreifen – und zu handeln: Niemals wurde global so viel Opium produziert wie heute. OLIVER HOCHADEL
Österreich 1945: Kurt Bauer erzählt dieses Jahr der Extreme über Zeitzeugen – Frauen und Männer, Nazis und KZ-Hä linge
Sucht, Reichtum, Krieg: In „Rauch und Asche“ zeigt Amitav Ghosh, wie Opium die Weltgeschichte prägte und immer noch prägt kann.“ Der Zufall regierte und entschied, ob man überlebte oder umkam. Im Frühjahr trieb die Furcht vor den Russen viele aus Wien und Umgebung nach Westösterreich, auf den Straßen herrschte Chaos pur mit Kolonnen von Flüchtenden.
ie dunklen Jahre“ heißt das Buch, das der in Wien lebende Zeithistoriker Kurt Bauer 2017 publizierte. Er legte damit eine umfassende, sehr gut lesbare Darstellung von Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich von 1938 bis 1945 vor, die den Stand der Forschung einarbeitete und zugleich als Resultat seiner eigenen langjährigen Beschä igung mit dem Thema punkten konnte.
Sein neues Buch „Niemandsland zwischen Krieg und Frieden“ über das Österreich im Jahr 1945 schließt daran an. Diesmal gibt es ausschließlich Alltagsgeschichten mit Zeitzeugen, die zum Teil schon in der früheren Publikation kurz vorgestellt wie zitiert wurden und nun mit ihren Schicksalen entlang einer chronologischen Ordnung wieder vorkommen.
Der Kreis der Auskun spersonen erweitert sich auf insgesamt 26 Frauen und Männer, Junge und Alte, Soldaten und KZ-Hä linge, Nazis und Oppositionelle, die (in den Worten des Autors) von ihren Erfahrungen und Stimmungen in jenem Jahr der Extreme erzählen. Da und dort wird ein Zitat aus Tagebüchern, Autobiografien und Briefwechseln eingeflochten. Prominente finden sich nur wenige ein. Ausnahmen: Ingeborg Bachmann und der Schri steller Georg Stefan Troller; vielleicht auch noch Marko Feingold, der mit 106
Jahren der zuletzt älteste Holocaust-Überlebende Österreichs war, und der 2015 verstorbene ÖVP-Politiker Karl Pisa. Aber wer kennt noch den Finanzminister der Jahre 1949 bis 1952 Eugen Margarétha? Bauer widmet vor allem den No-Names eine Bühne für ihre Flucht- und Leidensgeschichten.
Nach seiner Darstellung haben nur wenige das Jahr 1945 als eines der Befreiung erlebt: die Überlebenden der Konzentrationslager natürlich und auch die in Wien als Krankenschwester arbeitende Mignon Langnas, die wie ein Wunder trotz ihrer jüdischen Herkun überlebte. Eindrucksvoll das Schicksal des italienischen Malers Aldo Carpi, dem sein Porträtzeichnen half, die Todesmühlen von Mauthausen und Gusen zu überstehen. Der in Wien geborene, 1938 nach Palästina ausgewanderte Jack Hamesh kam in der Uniform eines britischen Offiziers nach Österreich zurück.
Für die Mehrheit von Kurt Bauers Zeitzeugen aber war 1945 ein Jahr des Schreckens: entsetzlich lange sich hinziehende Wochen des Mordens, der Vertreibung und Bedrohung, des Hungers und der Plünderungen, der Kriegsgefangenscha , des Schwarzhandels, der Hamstertouren, der Vergewaltigungen und der ständigen Angst vor dem nächsten Tag. Als der Krieg mit aller Brutalität auch in Österreich wütete, galt nur mehr eines: „Rette sich, wer

Für die Österreicher gab es nach den so großartig scheinenden Zukun sversprechungen der Nazis 1945 ein böses Erwachen. Noch zu Ostern dieses Jahres hofften manche auf eine „Wunderwaffe“, obwohl die sowjetische Armee schon nach Österreich vorgestoßen war. Die 18-jährige Bauerntochter Maria Archer aus Kärnten, die im Herbst 1945 die Lehrerausbildung beginnen sollte, trauerte im Sommer ihrer Zeit als Führerin des Jungmädelbundes nach und beschwerte sich: „Nun beginnt die Hetzjagd gegen den Nationalsozialismus.“
Kein Zweifel: Kurt Bauers „Niemandsland zwischen Krieg und Frieden“ zeichnet mit Hilfe seiner Figuren ein lebendiges Zeitbild, aber dieses hat auch seine Tücken. Die Verfasser von Tagebüchern und Briefen sind in ihren Schicksalen gefangen, o geht ihnen die Fähigkeit ab, jenseits des eigenen Schicksals die historischen Hintergründe und Einordnungen mitzudenken. So fehlt im „Niemandsland“ in vielerlei Hinsicht der Kontext, deshalb empfiehlt es sich, auch die „Dunklen Jahre“ mitzulesen. ALFRED PFOSER
Die Journalistin Taina Tervonen begleitet zwei Frauen in Bosnien und Herzegowina auf der Suche nach den vermissten Toten
Drei Generationen liegen in übereinander gestapelten Särgen: die Großeltern, der Vater, der Onkel, der Bruder und zwei Cousins. Für Mirsad, einen Mann, der die ethnischen Säuberungen in seiner Heimat Bosnien und Herzegowina überlebte, hat das Warten nun ein Ende. 22 Jahre nach ihrem Tod kann er sieben seiner Angehörigen endlich bestatten.
Der Krieg in Bosnien und Herzegowina dauerte von 1992 bis 1995. Den „ethnischen Säuberungen“ im Land fielen vor allem Nichtserben zum Opfer, allein in der ostbosnischen Stadt Srebrenica 8000 bosniakische Buben und Männer. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden vertrieben, 100.000 getötet. 30.000 von ihnen galten nach Kriegsende als vermisst, heute sind es noch 7500.
Die freie Journalistin Taina Tervonen beschä igt sich im Buch „Die Reparatur der Lebenden“ mit den vermissten Toten dieses Krieges. Von 2010 bis 2020 begleitete sie zwei Frauen, deren Beruf es ist, diese Menschen zu finden: Senem, eine forensische Anthropologin, und Darija, eine Ermittlerin. Wird ein Massengrab gefunden, exhumiert Senem die Leichen und setzt die Skelette zusammen. Die DNA der Toten wird mit jener der Lebenden abgeglichen. Darija fährt dafür von Dorf zu Dorf, spricht mit Hinterbliebenen und nimmt Blutproben. Gibt es in der Datenbank ein Match, werden die betroffenen Familien informiert.
„Mit jedem geborgenen Knochen, jedem gesammelten Blutstropfen stellen Senem und Darija in geduldiger Kleinarbeit das Band wieder her, das immer dann reißt, wenn die Toten ihrer Würde beraubt werden und den Lebenden der Abschied verwehrt bleibt, ohne den sie kaum weitermachen können“, schreibt Tervonen.
Dem Land, dem Krieg und den Massengräbern nähert sie sich mit großer Vorsicht. Sie beobachtet, stellt Fragen, versucht zu verstehen – und erleichtert es den Leserinnen und Lesern so, ihr in dieses Grauen zu folgen.
Senem und Darija arbeiten beide für die International Commission of Missing People (ICMP), die der damalige US-Präsident Bill Clinton 1996 nach Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina gegründet hat. Im Buch geht es in erster Linie um das Massengrab, das im August 2013 in Tomašica in der Nähe von Prijedor im Nordwesten des Landes gefunden worden war. Möglich war das erst durch das Geständnis eines Mannes, der die Leichen im Jahr 1992 dorthin gebracht hatte.
Ein Mitarbeiter erklärt, was sich damals wahrscheinlich zugetragen hat: „Die Toten, die mit Lastwagen transportiert wurden, hat man wohl in ihren Dörfern erschossen. Danach hat man sie in den Gärten, Höfen und Häusern zurückgelassen. Später beschwerten sich die anderen Dor ewohner über den Gestank. Erst dann wurde veranlasst, dass die Leichen mit den Lastwagen abgeholt und hierhergebracht wurden, nach Tomašica.“
Es waren 900 Tote, vor allem Bosniaken. Aber nicht mehr alle Leichen lagen im Grab, als man es 2013 öffnete. Aufgrund der Beschaffenheit der Erde konnte festgestellt werden, dass im Jahr 1993 etwa 300
Tote 30 Kilometer entfernt erneut vergraben worden waren, um Spuren zu verwischen.
Taina Tervonen erzählt davon, wie wichtig die Würde der Toten für die Würde der Lebenden ist
STEFANIE PANZENBÖCK
Diese sogenannten Sekundärgräber machen es Senem und ihren Kollegen noch schwerer, die Skelette zu vervollständigen. O finden sie nur wenige Knochen einer Person. Die Angehörigen können selbst entscheiden, ob sie noch warten oder eine Bestattung durchführen wollen. Werden noch weitere Knochen gefunden, muss „der bereits bestattete Leichnam exhumiert und ergänzt werden“, erklärt Senem. „Wie o kann man wohl einen nahen Angehörigen beerdigen?“, fragt sich Tervonen.
Während Senem und ihr Team graben, kommen Menschen zu ihnen, die noch immer hoffen, dass ihre Familienmitglieder dieses Mal gefunden werden. Oder verzweifeln, wie jene junge Mutter, die einen Freund begleitet, der seine Frau und seine Tochter sucht. „Man bringt doch kein Kind auf die Welt, um es an einem solchen Ort suchen zu müssen“, sagt sie unter Tränen. Und Tervonen wundert sich, wie o das Wort „Glück“ fällt. Er habe Glück gehabt, seinen Vater, der 1992 verschwunden ist, schon 2005 zu finden, erzählt ein Mann. „Denen, die kein Glück hatten, bleibt nur die Hoffnung“, schreibt die Autorin.
Im Sommer werden die Leichname für die große Zeremonie vorbereitet, die jedes Jahr am 20. Juli stattfindet. Die Angehörigen kommen und ehren gemeinsam die
Toten. Senem geht dort nicht mehr hin, erzählt sie Tervonen. Politiker würden große Reden schwingen, „sich aber stets verleugnen lassen, wenn es um den Kauf von Kühlbehältern geht“. Denn Senem kann die Leichname nicht kühlen, weil es kein Geld für die dafür notwendige Anlage gibt. Um die Funde besser erhalten zu können, bedeckt sie sie mit Mull und Salz.
Darija gräbt auf andere Weise. Mit ihrem Auto ist sie in ganz Bosnien und Herzegowina unterwegs und besucht die Hinterbliebenen. Anhand eines Fragebogens versucht sie, mehr Details über die Getöteten herauszufinden. Wie groß war die Mutter? Welche Haarfarbe hatte der Sohn? Hatte die Tochter Zahnoperationen? Wann wurde der Vater zum letzten Mal gesehen?
Danach nimmt Darija Blut ab und erfährt, was der Krieg auch lange nach seinem Ende anrichtet. Ein Mann, der mit seinen vier Kindern allein lebt, erzählt, dass seine Frau die Familie verlassen hat. „Wie soll eine Ehe auch halten, nach allem, was hier passiert ist?“, sagt er.
Tervonen gelingt es mit ihrem Buch, ein vergessenes Kapitel dieses Kriegs aufzuschlagen. Sie porträtiert Menschen, die sich in mühevoller Detailarbeit darum bemühen, dass eine Gesellscha wieder zusammenwachsen kann, und erzählt davon, wie wichtig die Würde der Toten für die Würde der Lebenden ist. STEFANIE PANZENBÖCK


DER A TRIA RC HA TSINDEX Ar t ir ek tori n, llustratorin und Juristin L enka Reschenbach eigt auf , wo sterreich i n Punk t o leichstellung wi rk lich steht. 208 Seiten, € 22,90
Elisabeth Bronfen seziert die immer aufs Neue wiederkehrenden Themen, Konflikte und Kniffe bei William Shakespeare
Die Zeit ist aus den Fugen“, sagt Hamlet, der Dänenprinz. In diesen Tagen braucht man über die Aktualität der Diagnose keine großen Worte verlieren. Die Ordnung erodiert, an fähigen Anführern fehlt es. Christian Kern, der frühere SPÖKanzler, meinte seinerzeit, was man in der Politik brauche, könne man alles in Shakespeares Königsdramen nachlesen. Zudem wisse man, wie es ausgeht: die Bühne voller Blut, alle Protagonisten tot.
Aufstände werden damit gerechtfertigt, schreibt die Literaturwissenscha lerin Elisabeth Bronfen, dass „nur mit dem Sturz des Königs, der sein Amt missbraucht hat“, Legitimität wiederhergestellt werden kann. Konflikte brechen durch das „Nachwirken vergangener Vertrauensbrüche“ immer wieder auf. Amtsträger verwandeln sich nach der Machtübernahme zum Bösen, vergi et vom Misstrauen. Geheimnisse werden gehegt und benützt, Intrigen gesponnen. In allen Stücken Shakespeares steckt unendlich viel Aktualität, die nur unter der Patina freigelegt werden muss. Nun ist das die allgemeine Eigenscha der „Brand New Classics“ (ein Schwerpunkt der kommenden Wiener Festwochen läu unter diesem Slogan), aber was Bronfens Buch so speziell macht, ist ihre Lesart. „Shakespeare und seine seriellen Motive“ lautet der Titel. Sie sortiert also die Probleme auseinan-
der, die Muster und dramaturgischen Kniffe, und zeigt, wie sie sich in Shakespeares Stücken wiederholen. Wie aufs Neue angewandt wird, was schon einmal funktioniert hat, wie der Dramatiker die Thematiken immer wieder unter neuen Gesichtspunkten durchkaut. Bronfen spricht sogar von einer „Reifung“.
Was immer wieder au aucht: Traumbilder, Prophezeiungen und Gespenstergeschichten, toxische Geheimnisse, Unglück, das durch falsche Annahmen ausgelöst wird, Intrige und Leidenscha . Die Serialität steckt nicht nur in der Wiederkehr der Thematiken, sondern auch in den Cli angern, die Shakespeare einbaut. Das Shakespeareha e ist für Netflix und Co perfekt. Man sehe sich nur „Succession“ an, das Drama um einen US-Medienmogul, dessen Kinder vergeblich um sein Vertrauen und die Nachfolge kämpfen.
Die Macht mag seit Shakespeares Zeiten ihre Verkörperungen verändert haben. Nicht mehr Könige, Feldherren, Träger personaler Macht sind heute zentral; sie wabert eher in den Kapillaren der Gesellscha , hat sich aufgelöst in Strukturen (Michel Foucaults berühmte „Maschen der Macht“). Dennoch sind Shakespeares Fragen so aktuell, als hätte er sie vorgestern begrübelt. Ohnmacht, die mit der Macht einhergeht; unbeabsichtigte Nebenfolgen von Handlungen;

die Frage, ob man denn überhaupt handeln kann, sobald man die Nebenfolgen bedenkt. Wer überstürzt handelt, richtet Unheil an, wer besonnen ist, erst recht. König Lear, der jähzornige Alte, regelt seine Nachfolge und setzt das Unheil in Gang, Zauderer Hamlet weiß, dass man gar nicht handeln kann, und wird aktionsunfähig. Der Kompromiss führt zu keinen Lösungen, die Kompromisslosen waten durch ein Meer von Blut.
Unfähige Könige sitzen am Thron, korrupte Hofschranzen und bosha e Berater umschwänzeln sie. Wer würde da nicht sofort an Donald Trump und den Mafiafaschismus um ihn herum denken, an Elon Musk oder J. D. Vance. Ein einmal errungener Frieden kann die Konflikte nur überdecken, alte Verletzungen kochen immer wieder aufs Neue hoch. Kennt man aus der SPÖ.
Die Leidenscha zieht eine Blutspur, das Fehlen von Leidenscha mitunter auch, Ehrgeiz, Rach- und Gefallsucht sowieso. All diese Fragen bilden den Korpus von Shakespeares Werk, doch, so Bronfen, „ohne dass für die Konflikte, die die Handlung durchgespielt hat, eine nachhaltige Lösung gefunden worden wäre“. So lebt Shakespeare fort, wird von uns heute „in einem Dialog mit unseren gegenwärtigen kulturellen Anliegen“ gelesen, die Zeit ist aus den Fugen und die Toten liegen auf der Bühne dieser Welt in ihrem Blut.
ROBERT MISIK
Volker Reinhardts Kulturgeschichte reicht von Asterix bis Mi errand, von der Sorbonne zur Tour de France
Kaum jemand scheint so berufen, eine Kulturgeschichte Frankreichs zu schreiben, wie Volker Reinhardt, emeritierter Professor der Geschichte der Neuzeit in Fribourg, hat er doch zahlreiche Monografien über Geistesgrößen wie Leonardo da Vinci, Montaigne, Voltaire und „den schrecklichen Marquis“ de Sade verfasst. Auch seine anderen Spezialgebiete stehen in dynamischer Interaktion mit dem neuen Band: Viele Anknüpfungspunkte finden sich zu „Pontifex“, der Geschichte der Päpste, und vor allem zur Kulturgeschichte Italiens („Die Macht der Schönheit“).
Die kulturelle Vielfalt Italiens mit den zahlreichen lokalen Zentren lädt zu stereotyper Einebnung erst gar nicht ein – die etwas homogenere Entwicklung Frankreichs jedoch förderte die Tendenz, ein Idealbild von sich selbst zu entwickeln. Von außen antwortete man darauf mit (negativen) Stereotypisierungen wie der von der „Grande Nation“ für die angebliche Überheblichkeit. Das mit feiner methodischer Klinge argumentierende Vorwort stellt klar, dass Reinhardt allen Klischees entgehen will und sich jeder Vorstellung von „Volksgeist“ und „Nationalcharakter“ verweigert. Eine bloße Aneinanderreihung von künstlerischen Großtaten und intellektuellen Leistungen würde dem theoretischen Anspruch des Autors (und der Erwar-
tung seiner Leser) ebenso wenig genügen. So sieht er seine Aufgabe in der „Herausarbeitung von Leitmotiven“, um „einen Prozess der kreativen Erfindung“ zu beschreiben, „in der Intellektuelle und Künstler […] ihre Ideen und Werke als Beitrag zu einer gemeinsamen Kultur […] konstruieren“.
In 68 Miniaturen versteht es Reinhardt, Momente und Orte der Erinnerung des französischen Kollektivgedächtnisses lebendig darzustellen. Den Ausgangspunkt nimmt er mit den Klagen der Ritter des Rolandslieds (um das Jahr 1100), die mit „dulce France“ ihrer Sehnsucht nach der „süßen Heimat“ Ausdruck verleihen. Er spannt einen weiten Bogen bis in die unmittelbare Vergangenheit und trifft im letzten Kapitel auf François Mitterrand, Präsident zwischen 1981 und 1995, der mit monumentalen Projekten – etwa der Glaspyramide vor dem Louvre und dem gigantischen Triumphbogen Grande Arche („Großer Bogen“) – versucht, die nationale Glorie aufzupolieren. (Reinhardts Rede von der „Grande Nation“ als ironischem Kommentar zum präsidentiellen Ehrgeiz ist ein Widerspruch zu seiner sonstigen Distanz zum Klischee.)
Seine thematischen Verbindungslinien sind mutig und originell. Da wird vom akademischen Selbstbewusstsein der Pariser Sorbonne des Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert eine Kontinuität hin zur stu-

dentischen Revolte von 1968 gedacht. An anderer Stelle erscheint die Häretikerbewegung der Katharer mit ihren pazifistischen und antiautoritären Zügen als Ausgangspunkt einer Traditionspflege, die als „etwas Bodenständiges und Aufmüpfiges zugleich“ bis zu den Bauernprotesten reicht. In seinem weiten Kulturbegriff behandelt Reinhardt auch Populäres wie das Chanson oder Comics. Zu „Asterix bei den Olympischen Spielen“ fällt ihm eine besonders raffinierte Assoziation auf: Er verbindet die Ankündigung des Stadionsprechers, die Athleten der griechischen Insel Kythera seien am Festland angekommen, mit dem enigmatischen Titel des Bildes von Antoine Watteau: „Die Ausschiffung von Kythera“. Darauf kommt nur ein intimer Kenner.
Reichlich Lesevergnügen also. Freilich hätte „Esprit und Leidenscha “ noch umfangreicher ausfallen können. Neben den abgehandelten Hochleistungen des Strukturalismus würde ein Kapitel zur Philosophie mit Michel Foucault und Gilles Deleuze Paris in den 1970ern als intellektuelle Welthauptstadt zeigen. Neben der Tour de France wünschte man sich auch den Esprit des französischen Fußballs erwähnt, ebenso hätte sich die Statue der „Marianne“ mit wechselnden Gesichtern französischer Stars einen Platz verdient. In einer erweiterten Neuauflage vielleicht? THOMAS LEITNER
Sie suchen die Antwort nach dem Sinn des Lebens in Religion oder Philosophie? Firlefanz, meint Tim Vollert
Jede Saison erscheinen Sachbücher, in denen Unidozentinnen oder Fachjournalisten aktuelle Forschungen der Physik und Kosmologie au ereiten. Tim Vollert weicht von diesem Schema ab. Der deutsche Autor, der in Göttingen Physik und Biologie studiert, ist ein gefragter Influencer. Er besitzt eine eigene „Produktionsfirma für Bildungscontent“ und erklärt auf TikTok, YouTube und in seinem Podcast „Raum & Zeit“ den Kosmos.
In seinem Buch „Mit Physik auf der Suche nach dem Sinn des Lebens“ vermittelt er gut nachvollziehbar Grundwissen über den Anfang des Universums, die Relativität der Zeit, Elementarteilchen und diverse Krä e; er erzählt, welche physikalischen Theorien sich damit befassen und was wir heute über die Geschichte der Erde und des Lebens wissen. Wobei der Kosmos schon ziemlich lange existiert, die moderne Menschheit dagegen erst recht kurz. Was kann da der Sinn des Lebens sein?
Abgehandelt hat dieses Thema bereits die Komikergruppe Monty Python in ihrem legendären Film aus dem Jahr 1983, was kaum noch zu toppen ist. Vollert aber geht es ohnehin ganz anders an. Da erklärt uns die Physik die gesamte Realität; geht es aber um den Sinn des Lebens, vertrauten wir plötzlich auf Kirche und Philosophie: Das versteht er nicht. Auch hier habe die Phy-

sik die Antworten – keine, die man glauben muss, sondern wissen kann. Etwa: Der Mensch sei nicht seines Glückes Schmied, sondern nur ein Funken auf dem Amboss, auf dem unsere Spezies geformt wird.
Vollert unterscheidet drei Arten eines „Lebenssinns“. Der „simple Sinn“ ergibt sich aus der Tatsache, dass physikalische Naturgesetze unsere Erde regieren. Der „komplexe Sinn“ lässt sich davon ableiten, dass unser Universum Teil eines Multiversums ist. Mit „schönem Sinn“ meint er, dass es in einem abstrakten Universum ohne Leben niemanden gäbe, der Raum und Zeit überhaupt wahrnehmen könnte. Klingt reichlich abstrakt. Den Tod, meint Vollert schließlich, könne man als bloße Änderung chemischer Zustände betrachten, bei der die Summe der involvierten atomaren Teilchen gleich bleibt. Immerhin ein gewisser Trost. ANDRÉ BEHR

Tim Vollert: Mit Physik auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. dtv, 320 S., € 13,40
Chloe Daltons famoses Buch „Hase und ich“ erzählt von einer lebensverändernden Mensch-Wildtier-Begegnung
Es kommt nicht o vor, dass Menschen sich durch die Begegnung mit einem Tier, erst recht einem Wildtier, nachhaltig verwandeln lassen. Ebenso selten kommt es auch vor, dass die Umstände dafür so günstig sind wie während der Corona-Lockdowns, als Menschen wie die urbane, globetrottende britische Politikberaterin Chloe Dalton statt in London in ihren entlegenen Wochenendhäusern in der windgepeitschten englischen Provinz von 100 auf Null heruntergebremst wurden.
Um eine solche rare Versuchsanordnung geht es in Daltons Buchdebüt „Hase und ich“. Der titelgebende Feldhase wird die ganze Geschichte hindurch keinen Namen bekommen, denn er soll trotz seines Aufwachsens in und um Daltons Haus und Garten ein Wildtier bleiben und in die Wildnis der umgebenden Felder und Wälder zurückkehren. Das tut er auch und doch wächst Hase zu einem ungezähmten Wanderer zwischen den Welten heran – und ermöglicht es Dalton so, ihn in seinem Wildtier-Sein aus nächster Nähe zu beobachten. Wer stark mit der uralten Menschheitssehnsucht infiziert ist, die Grenzen zwischen den Spezies auch nur für ein paar Augenblicke zu überwinden, kommt bei diesem famosen Buch enorm auf seine Kosten! Man wünscht sich, selbst einen Feldhasen zuhause zu haben, der rein- und rausspringt: würdevoll, dis-
tanziert und so andersartig, dass einen jeder Blick darauf aus dem, was man selber ist, herauszureißen vermag. Was sich hier eröffnet, sind rare Einblicke in Naturell und Verhalten einer äußerst scheuen Wildtierspezies, die aufs Ducken und Flüchten spezialisiert ist, weil ihr als Beutetier vieler Prädatoren – unter denen der jagende und landwirtscha ende Mensch der blutrünstigste ist – nicht viel anderes übrigbleibt. In Gefangenscha leben Feldhasen, anders als Kaninchen, so gut wie gar nicht. Dalton: „Bei meiner Lektüre stieß ich auf unzählige Ausführungen darüber, wie man Hasen jagt, tötet oder zubereitet, doch ich fand nicht ein Wort darüber, wie man sie aufzieht.“
Auch Tierärzte und Wildhüter wussten kläglich wenig dazu zu sagen, wie sie den anfangs erst ein, zwei Tage alten, handtellerwinzigen und wohl durch einen Jagdhund von seiner Mutter getrennten Feldhasen, den ihr der Zufall bei einem Jänner-Spaziergang vor die Füße setzt, am Leben erhalten soll. Feldhasen könne man nicht domestizieren, heißt es. Mit der Zuversicht der Unerfahrenen macht Dalton sich dennoch an Hases Aufzucht. Am meisten lehren sie dabei noch historische Jagdbreviere und mittelalterliche Gedichte. Dem Impuls, Hase zu streicheln oder mit ihm zu spielen, widersteht

sie sogar, wenn sie ihm sein Fläschchen mit laktosefreier Milch gibt: „Mir missfiel der Gedanke, ihn gegen seine Natur zu halten“, formuliert sie schlicht. Stattdessen verlegt sie sich auf neugierige Rücksicht und lernt nach und nach, was Hase braucht, um zu gedeihen: keine abrupten Bewegungen und fremden Geräusche, die Möglichkeit, nach Gutdünken ein und aus rennen zu können (Hasenklappe!) und: Haferflocken.
Aus einer Welt der Konferenzräume kommend, in der auf Tiere nur selten Rücksicht genommen wird, nimmt Dalton an sich selbst Veränderungen wahr: Ihr Buch erzählt nicht nur von einer erstaunlich gelungenen Wildtier-Mensch-Beziehung und den vielen Mythen, die Volks- und Aberglaube, Märchen und Legende so über Hasen verzapfen, sondern zunehmend auch davon, wie die Erscheinungen der Natur einem naturfernen Menschen plötzlich etwas zu sagen haben. In diesem Sinn ist „Hase und ich“ ein Lehrbeispiel dafür, dass Naturschutz beginnt, wo Naturbeziehung entsteht. In Chloe Daltons Fall ist eine Häsin die Lehrmeisterin. Spott angesichts dieses magischen Vorgangs erlebt sie natürlich auch jede Menge: Wichtigtuer, die Naturfaszination als einfältigen Kinderkram abtun, finden sich ja immer. Doch auch ihnen sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt. JULIA KOSPACH
Friedrich von Borries blickt auf die Architektur als Klimasünderin und findet dabei kein Ende
D
er Welt geht es nicht gut. Die Klimakatastrophe ist in vollem Gange, und das lässt uns gleichzeitig nach Lösungen und nach Schuldigen suchen. Christian Stöcker tat das zutreffend in seinem Bestseller „Männer, die die Welt verbrennen“, aber auch die Architektur gerät ins Blickfeld. Rund 40 Prozent der CO2-Emissionen sind schließlich auf die Bauwirtscha zurückzuführen.
Nicht wenige Forscher haben festgestellt, dass dies auch zu einer Neu-
utopisch-programmatische Wunschvorstellungen in ein fiktives Übermorgen zu projizieren, müssen sie sich mit Katastrophenszenarien auseinandersetzen.“
Und schon geht es dahin durch die Architekturgeschichte, von Le Corbusiers Liebe zum Beton bis zu den Glaskuppeln von Buckminster Fuller, vom japanischen Metabolismus bis zum rekonstruierten Berliner Stadtschloss. Weiters kommen vor: Verkehr und Handel, Landwirtscha und Kolonialismus, Shoppingmalls und Serverfarmen, Nazis auf dem Mond und Elon auf dem Mars, der US-mexikanische Grenzzaun und die immer gerne genommenen „seelenlosen Großwohnsiedlungen“.
Der Wiener Energieexperte Roger Hackstock empfiehlt mehr Humor zur Bewältigung globaler Krisen
RWeiters kommen vor: Nazis auf dem Mond und Elon auf dem Mars
bewertung der Architekturgeschichte führt. Etwa der Niederländer Hans Ibelings mit „Modern Architecture: A Planetary Warming History“ (2023) und der Brite Barnabas Calder, der in „Architecture: From Prehistory to Climate Emergency“ (2021) das Mantra der Moderne, „form follows function“, durch „form follows fuel“ ersetzte. Denn die Architektur des 20. Jahrhunderts ist ohne industrielle Revolution und fossile Ausbeutung nicht denkbar.
In diese Kerbe schlägt auch der deutsche Architekturpublizist Friedrich von Borries mit „Architektur im Anthropozän“. Darin fragt er, was die Spuren menschlicher Bauten kün igen Archäologen über unsere Zeit und die Gründe für das Ruinieren des planetaren Habitats erzählen. Als narrative Hilfeleistung dient ihm die fiktive Figur Aia, die als Besucherin aus der Zukun auf Spurensuche geht.
Der Grundgedanke ist überzeugend, denn der Optimismus der Architekten, eine bessere Welt zu schaffen, hat he igen Ego-Schaden erlitten: „Durch die Erkenntnis, dass Architektur Zerstörung mit sich bringt, wird sich ihr Verhältnis zur Zukun grundlegend ändern. Statt
Daran ist nichts grundlegend falsch oder uninteressant. Leider aber liest sich das weniger wie die große Erzählung einer Epoche der Menschheitsgeschichte, sondern mehr wie eine Erstsemester-Vorlesungsreihe zur Geschichte der modernen Architektur, in der alles abgehakt wird –mit dem Begriff des Anthropozäns, der derzeit en vogue ist, als Rahmen.
Die im Untertitel angekündigte „spekulative Archäologie“ fehlt dabei weitgehend, auch weil die Figur der Aia, der der Blick aus der Zukun übertragen wird, eher nebenbei und lustlos durchgeschleppt und nur ab und zu in einem Nebensatz erwähnt wird. Wenn von Borries gegen Ende die Architekten auf die fiktive Anklagebank der Klimasünder setzt, fällt geflissentlich unter den Tisch, dass nur ein winziger Prozentsatz der globalen Baumasse von Architekten geplant wird und das meiste ein Produkt wirtscha licher und politischer Interessen ist. So bleibt fraglich, ob kün ige Generationen von den Highlights der Architekturgeschichte wirklich so viel über die Zerstörung lernen können.
MAIK NOVOTNY

Friedrich von Borries: Architektur im Anthropozän. Eine spekulative Archäologie. Suhrkamp, 464 S., € 32,90
oger Hackstock hat nicht nur viel Zeit in seinem Berufsleben in verschiedenen Institutionen des Klima- und Umweltschutzes verbracht, sondern offenbar auch sehr viel Freizeit im Kabarett. Und so beginnt auch das Buch mit humorvollen Szenen. Er zitiert dabei unter anderem aus dem Programm „Das jüngste Gesicht“, in dem Christoph Fritz die Frage stellt, ob das Publikum wisse, dass es inmitten der Klimakrise immer noch Tiere gibt, die jeden Winter mehrere tausend Kilometer in Richtung Süden fliegen. Dieser gibt sich dann selbst in seiner typischen schüchtern-trockenen Art die Antwort: „Die machen das, um Urlaub zu machen. Da frage ich mich schon, können die nicht Bahn fahren? Die heißen doch sogar Zugvögel.“
In seinem Buch mit dem programmatischen Titel „Wie wir die Welt retten, ohne uns Sorgen zu machen“ will er laut Untertitel „Der Klimakrise mit Zuversicht begegnen“. Nach zwei Jahrzehnten der sich verdichtenden apokalyptischen Narrative erscheint dies wie ein rettender Zweig, an dem wir uns aus dem Sumpf der Hoffnungslosigkeit ziehen können.
Hackstock ist Technologie- und Klimaexperte und Geschä sführer des Verbands Austria Solar, der durch –oder gerade wegen – seiner Berufserfahrungen zur Ansicht gekommen ist, dass man mit Humor Blockaden lösen kann und dies besser als jede Moralpredigt wirkt. Gute Stimmung hil seiner Erfahrung nach, uns für Alternativen zu öffnen, die es anzupacken gilt, um die Klimakrise zu überwinden. In der Geschichte der Menschheit wären während der ärgsten Katastrophen immer dann Witze gerissen worden, wenn man nicht mehr weiterwusste. Ganz im Sinn eines Alfred Polgar zugeschriebenen Zitats: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Davon erzählt er dann auch im Weiteren und zeigt dies anhand vieler popkultureller Beispiele. Was am Anfang des Buchs noch bewitzelt wurde, wird dabei durchaus ernstha und auch ernst aufgezeigt. Hackstock reflektiert die gesellscha lichen Widerstände gegenüber transformativen Prozessen und entlarvt dabei die Widersprüchlichkeiten und Beharrungs-
krä e, die eine adäquate Reaktion auf die Klimakrise erschweren. Seine Analyse geht über eine bloße Problemdiagnose hinaus und zeichnet sich durch eine feinsinnige Verbindung aus psychologischen, soziologischen und ökonomischen Aspekten aus.
Im Kapitel „Wirtscha neu denken“ setzt er sich kritisch mit der vorherrschenden Vorstellung auseinander, technologischer Fortschritt allein könne als Heilsversprechen fungieren, und zeigt Möglichkeiten postkapitalistischer Wirtscha smodelle auf. Das klingt zwar weniger lustig, aber sein lockerer, in Ich-Form gehaltener Erzählstil ist frei von jeder Lehrbuchha igkeit. Statt der von ihm angeprangerten gängigen Lähmung durch Fatalismus und Resignation propagiert er ein Utopietraining, das nicht belehrt, sondern neugierig macht und einlädt, sich die Welt, in der man lebt, einmal anders vorzustellen.
Zwar können Satire und Ironie als Mittel der Bewusstseinsbildung durchaus wirksam sein – aber vielleicht ist im 21. Jahrhundert nicht mehr Religion das Opium des Volks, wie Karl Marx meinte, sondern Humor, der durch Auflösung des Problemstaus die Tendenz zur Verharmlosung fördern könnte. In diesem Buch besteht diese Gefahr jedoch sicher nicht. Hackstocks belesener Überblick zur Geschichte der nachhaltigen Entwicklung, sein interdisziplinärer Ansatz und seine analytische Schärfe machen das Werk zu einer inspirierenden Lektüre für all jene, die sich nicht mit Resignation abfinden wollen. Wer nach konstruktiven, aber zugleich kritischen Perspektiven auf die Klimakrise sucht, wird in diesem Buch nicht nur wertvolle Denkanstöße finden, sondern auch Hoffnung darauf, dass wir unsere Zukun erfolgreich gestalten können.
PETER IWANIEWICZ

Roger Hackstock: Wie wir die Welt re en, ohne uns dauernd Sorgen zu machen. Kremayr & Scheriau, 248 S., € 25,–
1.5 Mio. Bücher, DVDs & CDs mit gutem Gewissen bestellen.
Ein launiges Buch erzählt die nicht nur lustige Vita des genialen Übersetzers Harry Rowohlt
Wie aus dem Erben des RowohltVerlags, der nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte, ein eigensinniger Übersetzer und Mann mit Rauschebart und schließlich sogar ein Star des Literaturbetriebs wurde –diese erstaunliche Geschichte erzählt der Journalist Alexander Solloch in „Harry Rowohlt. Ein freies Leben“. Der Biograf sprach dafür mit der Witwe Ulla Rowohlt und zahlreichen Weggefährten. Als wichtigste Quellen aber erwiesen sich die Briefwechsel des 1945 in Hamburg geborenen und 70 Jahre später ebendort verstorbenen Harry Rowohlt. Er war ein großer Briefschreiber und hat alles au ewahrt.
Noch die nebensächlichste Kommunikation mit einem Amt konnte ihm stilistische und humoristische Höchstleistungen entlocken. Man darf annehmen, dass sich Rowohlt am Schreibtisch in erster Linie gern selbst gut unterhalten hat. Das beinhaltete zum Glück, auch andere nicht zu langweilen.
Der Banalität des Alltags konterte er, indem er gerne Unfug redete, die Kunst der Abschweifung praktizierte und flunkerte, was das Zeug hielt: „Man sollte eine gut erzählte
Geschichte nicht durch die Wahrheit verderben.“
Harry Rowohlt hat von den frühen 1970ern an etwa 180 Bücher übersetzt und gerne auch ein bisschen verbessert, darunter A. A. Milnes „Pu der Bär“, zu dessen deutscher Brummbärenstimme er wurde, Werke des genial-irren Iren Flann O’Brien oder des US-Amerikaners Kurt Vonnegut.
Später wurde er auch als Vorleser in Buchhandlungen und Gemeindesälen legendär, weil er selten kürzer als vier Stunden vortrug, o sogar noch länger, und währenddessen eine Flasche Whiskey vertilgte. „Schausaufen mit Betonung“, so nannte er das.
Immer neue Karrieren eröffneten sich ihm. In späteren Jahren wurde er ob seiner charakteristischen Baritonstimme auch noch zum HörbuchStar. Außerdem hatte er als Harry, der Penner, viele Jahre eine Nebenrolle in der TV-Serie „Lindenstraße“.
Bis er sich so frei entfalten konnte, musste er sich allerdings von seinem Erbe befreien. Die Geschichte der Familie Rowohlt ist der weit weniger launige Teil dieser Biografie.
Als Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper schien sein Weg vorgezeichnet. Zusammen mit seinem
älteren Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sollte er einmal den Verlag führen. Als Kind wurde er vom Vater auf Funktionieren und Gehorchen gedrillt.
Er entwickelte einen Groll auf die Eltern. Die Art des Grolls verriet schon, was für ein außergewöhnlicher Mensch aus ihm werden sollte. Mit zwölf sagte er zu einem Freund: „Ich will jetzt zum Judentum übertreten. Und wenn mein Vater mich wieder schlägt, lasse ich in die Zeitung setzen: ,Deutscher schlägt Juden!‘“ Wohlgemerkt war Rowohlt damals ein nicht nur unglaublich erfolgreicher, sondern auch fortschrittlicher Verlag. Harry Rowohlt musste dennoch ausscheren, um den deutschen Mief ganz hinter sich zu lassen und seinen eigenen Weg zu beginnen.
SEBASTIAN FASTHUBER

Alexander Solloch: Harry Rowohlt. Ein freies Leben. Kein & Aber, 320 S., € 26,80
Stardesigner meets Meisterdenker – und erklärt, was Mode mit Philosophie zu tun hat
Schon vor einer seiner letzten Modeschauen für Gucci vor drei Jahren sagte Alessandro Michele: „Heute ein Modedesigner zu sein bedeutet nicht, ein Couturier zu sein.“ Sein Job sei „nicht, einer reichen Frau ein Kleid für eine Gala zu kreieren. Meine Aufgabe ist es, die Tür zu unterschiedlichen Sichtweisen zu öffnen und mit dem Augenblick ins Gespräch zu kommen.“
Für den früheren Kreativdirektor bei Gucci, der heute diese Position bei Valentino innehat, spielt die Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Konzepten eine zentrale Rolle bei Bekleidung.
In „Das Leben der Formen“ schlüp Michele in die Rolle des Autors – gemeinsam mit dem italienischen Starphilosophen Emanuele Coccia, der an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris lehrt. Vorangegangen sind dem Buch lange Telefongespräche und Nachrichten zwischen Rom und Paris. Ihre Beiträge sind im Werk unterschiedlich gekennzeichnet, Coccias Stimme ist kursiv gesetzt. Die beiden Freunde hinterfragen traditionelle Vorstellungen und parlieren über den Sinn von Mode und Philosophie im Leben.
Im Kapitel „Hollywood“ erzählt Michele über ein für die Modewelt so ungewohntes Defilee. Für die Outfits mit Perlen und Spitzen wählte der Römer als Örtlichkeit das Castel del Monte in Apulien: eine mittelalterliche Festung, deren Architektur kulturelle Elemente aus Nordeuropa, der islamischen Welt und der klassischen Antike verbindet. Für den esoterisch angehauchten Modeschöpfer ein „Sternentor zwischen Himmel und Erde“. Gegen Ende der Schau wurde auf die Festung ein Zelt voller Gestirne projiziert.
Mode ist für Michele durch und durch eine magische Sache – und alles andere als bloß ein Konsumgut. Sie will in seinen Augen als radikale Kunstform wahrgenommen werden, findet sie doch jeden Tag auf der Straße statt und stellt sich damit ständig Debatten.
Die Arbeit des Kreativdirektors dreht sich schon lange um das Spiel mit Geschlechterbildern und die Fluidität der Identität. In „Das Leben der Formen“ erzählt er etwa, wie ihn antike Statuen mit kleinen Penissen und mehrdeutigen Körpern inspirieren. Für den Philosophen Coccia ist Kleidung eine Möglichkeit, Bereiche der
Lambert Wiesing ist dem Rätsel des Ich auf der Spur. „Wie erlebe ich mich als das Individuum, das ich bin?“, lautet dabei seine Kernfrage. Der Professor für Bildtheorie und Phänomenologie am Institut für Philosophie an der Universität Jena sucht dabei nicht die Antwort darauf, warum es ein Bewusstsein der Wahrnehmung oder ein Selbstbewusstsein gibt, sondern darauf, wie es sich anfühlt, ein solches zu haben.
Nach seinen Büchern „Das Mich der Wahrnehmung. Eine Autopsie“ (2009) und „Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins“ (2020) führt er seine Spurensuche nun mit „Assoziationen. Das Erlebnis der Individualität“ fort. Man muss die beiden Vorgänger aber nicht gelesen haben, um dieses zu verstehen.
Ein Individuum zu sein bedeute nicht nur, „in der Welt ein spezifisches, konkretes, unersetzbares Subjekt zu sein“, definiert Wiesing zu Beginn des Buchs, sondern auch, von diesem Subjektsein eine Erfahrung zu haben bzw. es zu erleben. Und er postuliert: „Dass ich mich als Individuum erlebe, ist eine Folge der Wirklichkeit meiner Assoziationen!“
Existenz zu erkunden, „die wir bisher noch nicht erlebt haben“. Spannend ist auch, wenn Michele über seine Faszination für das Doppelte schreibt. Diese Begeisterung brachte er in seiner letzten Modenschau bei Gucci im September 2022 in Mailand zum Ausdruck. 68 eineiige Zwillinge in passenden gleichen Outfits, die über den Laufsteg schritten, waren wie eine Naturgewalt. Er wollte damit zeigen, dass Mode zwar von der seriellen Vervielfältigung lebt, den verschiedensten Individualitäten aber trotzdem nicht im Wege steht.
Das Buch liefert Einblicke in Coccias Denken und Micheles Schaffen. So fesselnd wie dessen Kollektionen ist es aber leider nicht geworden – dafür fehlt ihm die erzählerische Wucht. NATHALIE GROSSSCHÄDL

Emanuele Coccia, Alessandro
Michele: Das Leben der Formen. Eine Philosophie der Wiederverzauberung. Hanser, 256 S., € 28,80
Assoziationen sind Gedankenverknüpfungen und Erinnerungen, die sich ohne unser Zutun einstellen. Und wegen ihrer Unfreiwilligkeit eine Zumutung. Wiesing bringt dafür simple Beispiele wie: Wenn ich einen Gartenzwerg sehe, erinnere ich mich an Onkel Rudi. „Das passiert ständig. Durch das Denken an etwas wird ungewollt das Denken an etwas anderes erweckt.“
Da die Verknüpfung des Gartenzwergs mit Onkel Rudi aus der persönlichen Geschichte und Erfahrung des Denkenden stammt, macht sie das Ich für sich selbst individuell. So wie zahlreiche andere „verrückte, unheimliche, unerklärliche Gedankengänge“ namens Assoziationen. In der Folge wird diese These zu beweisen versucht. Dabei geht es höchst theoretisch zu, mit Begriffsdefinitionen von Aristoteles über Locke und Hume bis Husserl und Sartre.
Wem so etwas zu mühsam ist, der nehme diese Rezension zumindest zum Anlass, über die Selbstbeobachtung seiner eigenen Assoziationen „Bekanntscha mit sich selbst“ zu machen.
KIRSTIN BREITENFELLNER

Lambert Wiesing: Assoziationen. Das Erlebnis der Individualität. suhrkamp taschenbuch wissenscha , 190 S., € 22,70
Die Ernte dieses Kochbuchfrühlings führt uns um die Welt, wird manchmal etwas koke , bleibt aber insgesamt am Boden
Solide ist möglicherweise das Wort, das die Erscheinungen dieses Frühjahrs am besten zusammenfasst. Es gibt keine extravaganten Ausreißer, alles folgt den Anforderungen solider Küche, die zu ihren regionalen Produzenten steht, aber den Hummer oder die Bergamotte nicht verleugnet, selbst wenn diese ein paar Flugkilometer überwinden müssen.
Was gut ist, wird durch Fortsetzung nicht schlechter, halt nur weniger originell. Das fabelha e Splendido von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall erscheint bereits in der dritten Version. Diesmal widmet es sich den Jahreszeiten Frühjahr und Sommer, Primavera und Estate.
Das erfolgreiche Prinzip: klassische regionale Produkte aus Italien werden präsentiert, die Autoren folgen „fundamentalen Aspekten der besten Produktqualität, der detailverliebten Warenkunde und der Ermunterung zum Kochen nach Neugier […] statt nach peniblen grammgenauen Mengenangaben“. Und jedes Foto, ob urbane Szene, Landscha , Produkt oder Gericht, zieht einen hin nach dem Land, wo die Zitronen blüh’n. Mönchsbart und Mimosentorte, Artischocke, grüne Bohnen und Brennnesseln, Feiertage und gut erfundene Legenden – diese Leute wissen, wie man liebevoll und genau Produkte beschreibt. Und wie man Sehnsucht weckt.
Noch so ein Sehnsuchtsbuch ist das IrlandBackbuch des Fotografen Andrew Montgomery und der Köchin Cherie Denham. Die teils schwarz-weiß gehaltenen Landscha sfotos sind atemberaubend schön und führen uns zu backenden Bäuerinnen, zu einer Farm, zu einer Imkerei, zu einer Fischräucherei, zu einer traditionellen Mühle und zu einem Produzenten von Meeresalgen. Algen sind seit dem 15. Jahrhundert wichtiger Bestandteil der irischen Ernährung, lernen wir. Irlands hochwertige Milchprodukte sind berühmt und werden bis nach China verkau . Die bekannte KerrygoldButter wurde zuerst auf den Kontinent exportiert und war erst elf Jahre später in Irland erhältlich.
Man lernt viel in diesem Buch, bekommt Anregungen galore und lernt (zumindest ich) neue Backwaren kennen, zum Beispiel Blaas (eine Art Krapfen) oder Barmbrack (Früchtebrot). Viele Brotsorten, Kuchenvarianten, Scones, Pies (auch pikante) und Quiches machen dieses Kochbuch zu einer echten Bereicherung jedes Kochbuchregals. Da gehen dem Ösi selbst Pfannkuchen und Plätzchen runter wie Sahne.

Sascha Stemberg: Stemberg. Dorling Kindersley, 240 S., € 31,50

Juri Go schall, Mercedes Lauenstein: Splendido. Primavera/Estate. DuMont, 208 S., € 32,90


Anne-Katrin Weber: De ig Vegan Asien. Becker Joest Volk, 192 S., € 32,90
In Nordrhein-Westfalen hat sich Sascha Stemberg einen Michelin-Stern erkocht. Sein Konzept eines Landgasthauses befriedigt internationale Kundscha und Ortsansässige gleichermaßen. Dass sich Vater und Sohn Stemberg zusammenraufen mussten, wird nicht verborgen, sondern als Reiz ausgespielt. Den Zander mit Blutwurst auf gerahmtem Rieslingkraut möchte man sich einrahmen. Kommen auch die Entrées (Krabbensalat auf Landbrot) etwas derb daher, wird die Anmutung immer solider und sympathischer. Stemberg versucht gar nicht erst, den Eindruck zu erwecken, er kaufe täglich alles selbst auf dem Markt. Er macht uns lieber mit seinen Lieferanten bekannt. Die Blutwurst, ein unterschätztes Gericht, kommt bei ihm nicht zu kurz (etwa mit Linsen, Nektarinen und Eierschwammerln aka Pfifferlingen). Da sieht man ihm das eine oder andere Thaicurry nach und auch, dass er für die Panier des Wiener Schnitzels Sahne verwendet. Da wäre nicht einmal Obers angebracht. Die Kalbszunge mit Kaperncreme und Zitrone entschädigt einen wieder. In Summe: erstklassige Hausmannskost, zeitgemäß präsentiert.
Einen Schnelleinblick in chinesische, japanische, koreanische, thailändische und vietnamesische Küche gibt De ig Vegan Asien. Was nicht heißt, dass es sich unbedingt um Schnellküche handelt. Manches aber ist verblüffend einfach, wie der Fried Rice mit Kimchi oder die Udon-Nudeln mit Spargel und Shiitake. Man muss, wie die Autorin uns erklärt, Asia-Shops nicht nur mögen; dieses praktische Buch kommt ohne sie nicht aus.
Gewürzliebe – das ist moderne, international und garantiert aromatische Küche, verspricht uns der Verlag, und die beiden englischen Food-Autorinnen Esther Clark und Rachel Walker lösen dieses Versprechen ein. Sie geben Tipps zur Lagerung, zum vernün igen Einkauf und zum Gebrauch und liefern ein umfassendes Gewürzlexikon, von Amchur (Mangopulver) bis Zaatar (nahöstliche Mischung aus Ysop, Sesamsamen und Sumach), mit dem wir dann auch einen feinen Hühnersalat-Sandwich bauen. (Im Original heißt er Hähnchensalat, mit uns kann man’s ja machen.) Ich mag Kochbücher, die gründlich sind und mir Neues vermitteln, etwa Khichdi mit Spinat, ein südasiatisches Gericht mit Reis und Linsen. Empfehlung. Strand- und Stadtfotos mit ansehnlichen Menschen, vor allem mit der Autorin Rebekah Peppler, bei Bedarf auch im Badeanzug, schmücken dieses Buch: Sie ist eine ameri-

Esther Clark, Rachel Walker: Gewürzliebe. Ars vivendi, 224 S., € 28,90


Rosa Cienfuegos: Mexico City –Das Kochbuch. Prestel, 256 S., € 38,50
kanische Expat, die sich gern in Südfrankreich au ält und dort Long Covid überwand, erfahren wir in Le Sud. Rezepte und Geschichten aus Südfrankreich. Auch dass Mme. Peppler auf den Spuren der berühmten Köchin Julia Childs wandelt, welche die französische Küche in den USA popularisierte. Ihre meist schnörkellosen Rezepte fangen das Flair des Ortes ein, sei es mit Pastis-Hühnerschenkeln, mit dem Steak in Sardellensauce oder mit der Pasta mit Bröseln, marinierten Zitronen und Muscheln, und vor allem mit der omnipräsenten Aïoli. Wenn Karl Kraus sagte, der essende Koch mache sich verdächtig, so zerstreut die posierende Köchin einen analogen Verdacht nicht ohne Eleganz.
Mexiko City – das Kochbuch von Rosa Cienfuegos ist scharf mit „Motiv-Farbschnitten“ illustriert, wie um uns vor einer Küche ein wenig zu warnen, die uns die Autorin doch liebevoll und realistisch nahebringt. Sie berichtet etwa, wie sie den ganzen weiten Rückweg von einem berühmten TacoStand mit ihrem Mangosa in der Hand weinte, weil die Salsa so scharf war. Unser Vorteil: Wir können entdecken und selbst dosieren. Oder uns wundern: etwa über den Apfelsalat mit 395 g gesüßter Kondensmilch, 2 ½ EL Crème double und 227 g in Sirup eingelegten Ananasstücken – was, wenn wir 228 g erwischen? Da können uns wohl nur die Teufelsgarnelen trösten. Für Aficionados.
Ganze zehn Großmütter bietet die als Kind von Gastarbeitern in Deutschland geborene Elissavet Patrikiou für ihr Buch Meine griechische Dor üche auf. Mein Misstrauen gegen die Kochkünste der Hellenen bezeichnen Kennerinnen als unbegründet, und hier werden sie weitgehend zerstreut. Der gebackene Blumenkohl mit Joghurt oder die Makkaroni mit Käse und Joghurt, der Petersiliensalat mit Bulgur und Zwiebeln und ein ordentliches Pastizio – das mag man schon einmal nachkochen! Maria Groß betreibt im ostdeutschen Thüringen ein Gasthaus namens Bachstelze, von dem sie sagt, die „Schwingung“, die hier herrsche, sei familiärer als in einem Fine-Dining-Restaurant. Diese Schwingung kommt leider in Natürlich Maria ein wenig dick aufgetragen daher. „Nur glückliche Menschen haben die Kra , die Welt zu gestalten“, behauptet Maria, ignoriert damit den Großteil von Kunst und Wissenscha und spart auch sonst nicht mit frohen Weisheiten.
ARMIN THURNHER

Elissavet Patrikiou: Meine griechische Dor üche. Südwest, 240 S., € 26,80

Groß:
Wien
1. Innere Stadt
Aichinger Bernhard | Weihburgasse 16
ChickLit | Kleeblattgasse 7
Facultas im NIG | Universitätsstraße 7
FAKTory |Rathausstraße 21
Freytag & Berndt | Wallnerstraße 9
Frick | Graben 27
Herder | Wollzeile 33
Thalia Kuppitsch | Schottengasse 4
Leo & Co. | Lichtensteg 1
Leporello | Singerstraße 7
Morawa | Wollzeile 11
ÖBV | Schwarzenbergstraße 5
Schaden | Sonnenfelsgasse 4
Tyrolia | Stephansplatz 5
2. Leopoldstadt
facultas.mbs an der WU | Welthandelsplatz 1/D2/1 Im Stuwerviertel | Stuwerstraße 42 Lhotzkys Literaturbuffet | Taborstraße 28 tiempo nuevo | Taborstraße 17a
3. Landstraße
Laaber | Landstraßer Hauptstraße 33 Thalia | Landstraßer Hauptstraße 2a/2b
4. Wieden
Jeller | Margaretenstraße 35
INTU.books | Wiedner Hauptstraße 13
5. Margareten
Buchinsel | Margaretenstraße 76
6. Mariahilf
Analog | Otto-Bauer-Gasse 6/1 Thalia | Mariahilfer Straße 99
7. Neubau
Posch | Lerchenfelder Straße 91 Walther König | Museumsplatz 2
8. Josefstadt
Bernhard Riedl | Alser Straße 39 Eckart | Josefstädter Straße 34 Lerchenfeld | Lerchenfelder Straße 50
9. Alsergrund
Buch-Aktuell | Spitalgasse 31 Facultas am Campus | Altes AKH | Alser Straße 4
List | Porzellangsse 36 Löwenherz | Berggasse 8 Oechsli | Berggasse 27 Orlando | Liechtensteinstraße 17 Yellow | Garnisongasse 7
10. Favoriten
Facultas Dombuchhandlung | Favoritenstraße 115
12. Meidling
Frick | Schönbrunner Straße 261
13. Hietzing
Kral | Hietzinger Hauptstraße 22
14. Penzing
Morawa Auhof Center | Albert Schweitzer Gasse 6
15. Rudolfsheim-Fün aus Buchcafé Melange | Reindorfgasse 42 Buchkontor | Kriemhildplatz 1 Thalia Bahnhof CityWien West | Europaplatz 1
16. O akring Margaritella | Ottakringer Straße 109
17. Hernals
Book Point 17 | Kalvarienberggasse 30
18. Währing
Hartliebs Bücher | Währinger Str. 122
19. Döbling
Baumann | Gymnasiumstraße 58 Stöger-Leporello | Obkirchergasse 43 Thalia Q19 | Kreilplatz 1
20. Brigi enau Hartleben | Othmargasse 25 Wittmann | Heinzelmanngasse 4
21. Floridsdorf
Bücher Am Spitz | Am Spitz 1
Kongregation der Schulbrüder | Anton-Böck-Gasse 20
22. Donaustadt
Freudensprung | Wagramer Straße 126
Seeseiten | Janis-Joplin-Promenade 6
Thalia | Donauzentrum | Wagramer Straße 94
23. Liesing
Lesezeit – Liesing | Breitenfurter
Straße 358
In Mauer | Gesslgasse 8A
Frick EKZ Riverside | Breitenfurter Straße 372
Niederösterreich
Korneuburg | Hauptplatz 20, 2100 Korneuburg
Am Hauptplatz | Hauptplatz 15, 2320
Schwechat
Morawa | SCS, Galerie 27, 2334 Vösendorf
Kral | Elisabethstraße 7, 2340 Mödling
Valthe | Wiener Gasse 3, 2380
Perchtoldsdorf
Riegler | Kirchengasse 26, 2460 Bruck an der Leitha
Bücher-Schütze | Pfarrgasse 8, 2500 Baden
Papeterie Rehor | Theodor-KörnerPlatz 6, 2630 Ternitz
Hikade | Herzog-Leopold-Straße 23, 2700 Wiener Neustadt
Thalia | Hauptplatz 6, 2700 Wr. Neustadt
Mitterbauer | Wiener Straße 10, 3002 Purkersdorf
Sydy’s | Wiener Straße 19, 3100 St. Pölten
Thalia | Kremser Gasse 12, 3100 St. Pölten
Fragner | Hauptplatz 12, 3250 Wieselburg
Schmidl | Obere Landstraße 5, 3500 Krems/Donau
Murth | Wiener Straße 1, 3550 Langenlois
Rosenkranz | Els 127, 3613 Els
Kargl | Hauptplatz 13–15, 3830 Waidhofen/Thaya
Grohmann | Landstr. 27, 3910 Zwettl
Spazierer | Budweiser Straße 3a, 3940 Schrems
Stark Buch | Bahnhofstr. 5, 3950 Gmünd
Oberösterreich
Fürstelberger | Landstraße 49, 4013 Linz
Alex | Hauptplatz 17, 4020 Linz
Buch plus | Südtiroler Str. 18, 4020 Linz
Bücher & Mehr | Klosterstraße 12, 4020 Linz
In der Freien Waldorfschule | Waltherstraße 17, 4020 Linz
Neugebauer | Landstraße 1, 4020 Linz
Thalia | Landstraße 41, 4020 Linz
Buchhandlung Auhof | Altenbergerstraße 40, 4045 Linz-Auhof
Wolfsgruber | Pfarrgasse 18, 4240 Freistadt
Wurzinger | Hauptplatz 7, 4240 Freistadt
Obereder | Markt 23, 4273 Unterweißenbach
Ennsthaler | Stadtplatz 26, 4400 Steyr
Hartlauer | Stadtplatz 6, 4400 Steyr
Michael Lenk | Vogelweiderplatz 8, 4600 Wels
SKRIBO GmbH | Stadtplatz 34, 4600 Wels
Thalia | Schmidtgasse 27, 4600 Wels
Schachinger | Untere Stadtplatz 20, 4780 Schärding
Kochlibri | Theaterg. 16, 4810 Gmunden
Thalia | Pfarrgasse 11, 4820 Bad Ischl
Michael Neudorfer | Hinterstadt 21, 4840 Vöcklabruck
Schachtner | Stadtplatz 28, 4840 Vöcklabruck
Bücherwurm | Bahnhofstr. 20, 4910 Ried
Thalia | Wohlmeyrgasse 4, 4910 Ried/Innkreis
Der Buchladen | Stadtplatz 15-17, 5230 Mattighofen
Salzburg
Bücher-Stierle | Kaig. 1, 5010 Salzburg
Motzko | Elisabethstr. 24, 5020 Salzburg
Facultas NAWI-Shop | Hellbrunner Straße 34, 5020 Salzburg
Morawa Höllrigl | Sigmund-Haffnergasse 10, 5020 Salzburg
Morawa SCA | Alpenstraße 107, 5020 Salzburg
Rupertusbuchhandlung | Dreifaltigkeitsgasse 12, 5020 Salzburg
Thalia | Europastraße 1, 5020 Salzburg
Morawa Shoppingcity Seiersberg | Top 2/2/12, 8055 Salzburg
Tirol
Haymon | Sparkassenplatz 4, 6020 Innsbruck
Studia | Innrain 52f, 6020 Innsbruck
Wagner’sche | Museumstraße 4, 6020 Innsbruck
Tyrolia | Maria-Theresien-Straße 15, 6020 Innsbruck
Tyrolia | DEZ Einkaufszentrum, 6020 Innsbruck
Riepenhausen | Langer Graben 1, 6060 Hall in Tirol
Riepenhausen | Andreas-Hofer-Straße 10, 6130 Schwaz
Steinbauer, EKZ Cyta | Cytastraße 1, 6167 Völs
Zangerl | Salzburger Straße 12, 6300 Wörgl
Lippott | Unterer Stadtplatz 25, 6330 Kufstein
Tyrolia | Rathausstraße 1, 6460 Imst
Tyrolia | Malserstraße 16, 6500 Landeck
Tyrolia | Rosengasse 3-5, 9900 Lienz
Vorarlberg
Ananas | Marktplatz 10, 6850 Dornbirn Brunner | Marktstraße 33, 6850 Dornbirn Rapunzel | Bahnhofstraße 12, 6850 Dornbirn
Brunner | Rathausstraße 2, 6900 Bregenz Ländlebuch | Strabonstraße 2a, 6900 Bregenz
Brunner | Konsumstraße 36, 6973 Höchst Tyrolia | Josef-Wolf-Platz, 6700 Bludenz
Burgenland
s’Lesekistl | Obere Hauptstraße 2, 7122 Gols
Pokorny | Schulgasse 9, 7400 Oberwart
Wagner | Grazer Str. 22, 7551 Stegersbach
Steiermark
Bücherstube | Prokopigasse 16, 8010 Graz
ÖH Unibuchladen | Zinzendorfgasse 25, 8010 Graz
Morawa Moser | Am Eisernen Tor 1, 8010 Graz
büchersegler | Lendkai 31, 8020 Graz
Morawa | Lazarettgürtel 55, 8025 Graz
Morawa | Shopping Center Seiersberg, Top 2/2/12, 8055 Seiersberg
Plautz | Sparkassenplatz 2, 8200 Gleisdorf
Morawa | Wiener Straße 2, 8230 Hartberg
Buchner | Hauptstraße 13, 8280 Fürstenfeld
Morawa | Hauptplatz 8, 8330 Feldbach
Morawa | Hauptplatz 6, 8530 Deutschlandsberg
Morawa | Mittergasse 18, 8600 Bruck/ Muhr
Mayr | Kurort 50, 8623 Aflenz
Kerbiser | Wiener Straße 17, 8680 Mürzzuschlag
Morawa | Hauptplatz 14, 8700 Leoben
Morawa | Burggasse 10, 8750 Judenburg
Hinterschweiger | Anna Neumannstraße 43, 8850 Murau
Buch + Boot | Altausse 11, 8992 Altaussee
Kärnten
Heyn Johannes | Kramergasse 2, 9020 Klagenfurt
Morawa Kärntner Buchhandlung | Wiesbadener Straße 5, 9020 Klagenfurt
Besold | Hauptpl. 14, 9300 St. Veit/Glan
Morawa Kärntner Buchhandlung | Bahnhofsplatz 3, 9400 Wolfsberg
Morawa Kärntner Buchhandlung | 8.-Mai-Platz 3, 9500 Villach
Morawa Spittaler Stadtbuchhandlung | Tiroler Straße 12, 9800 Spittal am Millstätter See






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