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Elli H. Radinger (Hrsg.) DER WINTERWOLF


Elli H. Radinger (Hrsg.)

DER WINTERWOLF Weihnachtsanthologie

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Coverfotos: Gunther Kopp; www.koppfoto.de Umschlaggestaltung: Manu Wirtz www.manuwirtz.de Satz/Layout: Tanja Stoll, Butzbach Lektorat: Andrea Weil: www.weil-texte.de ISBN: 9783738626896 © Elli H. Radinger, Wetzlar, 2015 www.elli-radinger.de www.wolfmagazin.de Jede Veröffentlichung, auch auszugsweise, ist strengstens untersagt. Dies gilt auch für Übersetzungen, Vervielfältigungen, Verfilmung, elektronische Verarbeitung, die Verwendung in Seminaren, Vorträgen etc. Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt


  Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Das Sonnenwendgeschenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Andrea Weil Winterheulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Utz Anhalt Kajas Wolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

Claudia Hornung Begegnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

Cornelia Briesenick Bruder Wolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Birgit Schmidt Der Mondpfad . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

Henrike Staudte Canis lupus kafkaesk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

Silvana E. Schneider


Wolfsweisheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60

Kirsten Brox Eifelwolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

Manu Wirtz Familienbande . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

Hans-J체rgen M체lln Wanderer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82

Claudia Overbeck Der Weihnachtswolf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92

Tanya Carpenter Wolfsm채dchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

Anton Vogel Der Winterwolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130

Andrea C. Sch채fer Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137


  Vorwort Es ist Tage her, seit ich eine menschliche Stimme gehört habe. Kein Klang erreicht mein Trommelfell, kein Wind, kein Vogel, kein Jet – nur Stille. Selbst in einem einsamen Nationalpark wie Yellowstone erlebe ich eine derart intensive Stille nur sehr selten und wenn, dann nur im Winter. An einem Tag im Dezember fahre ich mit dem Allrad zum Footbridge Parkplatz im Lamar Valley, schnalle mir die Schneeschuhe an und laufe vier Meilen den Lamar River Trail entlang, bis ich einen meiner Lieblingsaussichtsplätze erreiche. Ich steige den Hügel hinauf, setze mich auf einen Felsen und blicke über das Tal zu den Klippen des Barronette Peak und einem gefrorenen Wasserfall, der auf das Frühjahr wartet, wenn er endlich befreit ins Tal stürzen kann. Ich lausche auf den Klang des Winters. Stille! Nur Stille. Dann dringt ein Geräusch an meine Ohren. Gedämpfte Schläge in regelmäßigen Abständen. Als ob Wattebäuschen auf einen Dielenboden plumpsen. Und doch, wenn ich angestrengt hinhöre, ist es plötzlich weg. Meine Augen versuchen den Ursprung der Laute zu erkennen. Es sind Schneeflocken – große, weiße, flauschige Schneeflocken, so groß wie Streuseln auf einem Kuchen. Bemerkenswert, welches Geräusch Schneeflocken machen können, jede ihrer Art ein anderes: Graupel – gefrorene Bälle aus Wassertropfen – klingt scharf, hart und voneinander abgesetzt. Flache Platten klingen dumpf, wie ein Kissen, das herunterfällt. Kreative, sechseckige Kristalle klirren in den Ohren. Der Winter in der Wildnis ist oft von einer so immensen Stille, dass sie den Lauscher, der nach einem Klang sucht, taub machen kann. Winter hat einen speziellen Ton von ganz besonderer Bedeutung. Reine Winterklänge können nur auftreten unter dem perfekten Zusammenspiel von Kälte, Schnee und Eis. 7


Ich ziehe mein Fernglas aus dem Rucksack und scanne die Landschaft. In der Ferne sehe ich Hunderte Wapitihirsche das Flussufer entlang laufen. Ich denke daran, wie viel Energie diese Hirsche und andere Tiere brauchen, nur um den Winter zu überleben. Ich stehe auf, um einen besseren Überblick zu haben. Meine Füße – jetzt ohne Schneeschuhe – brechen durch die Eiskruste und ich sinke bis zu den Knien ein. Ich habe die Stille gestört. Dann sehe ich sie. Zwei Wölfe stehen eng nebeneinander, in eine Richtung gewandt. Das dunkle Fell des größeren glitzert unter einer zarten Schneedecke. Er hat den Kopf auf den Rücken der kleineren Wölfin gelegt, deren Fell tief schwarz schimmert. Als weitere Wölfe hinzukommen, lösen sich die beiden aus ihrer Erstarrung, fangen an zu spielen und herumzutollen. Dabei entfernen sie sich von mir und verschwinden hinter einem Hügel. Etwas abseits entdecke ich einen grauen Wolf. Er beteiligt sich nicht an den Spielen, sondern schaut nur, wohin die anderen verschwunden sind. Dann hebt er seine Schnauze in die Luft, legt die Ohren an und öffnet leicht den Mund. Es dauert einige Zeit, bis ich das Heulen höre. Es ist tief, lang, voll und – einsam. Harmonie trotz der Distanz von Klang und Zeit. Den Wolf heulen zu sehen und das Geräusch erst mehrere Sekunden später zu hören, erinnert mich an einen Satz des Ökologen und Autors Aldo Leopold: »Nur der Berg hat lang genug gelebt, um das Heulen der Wölfe sachlich deuten zu können.« Die Magie der Wölfe und des Winters. Viele haben sie erlebt, wenn nicht in der Realität, dann in der Fantasie. Unsere Autorinnen und Autoren haben ihrer Fantasie in dieser Anthologie freien Lauf gelassen und wunderschöne Geschichten erschaffen. Lassen Sie sich von ihnen verzaubern. Für Wölfe Elli H. Radinger Herausgeberin

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  Das Sonnenwendgeschenk Andrea Weil Die Rentiere hatten die Wölfe gewittert. Sie drängten sich zusammen und schnaubten. Ihr Atem hing über ihren Geweihen wie Nebel, gefror rund um die Nüstern zu einer feinen Reifschicht und malte ihnen weiße Bärte. Das Rudel zog den Kreis enger. Zwei Jungwölfe winselten, die Rückenhaare gesträubt, tief geduckt, dass ihre Bäuche fast auf dem Boden schleiften. Der dichte Winterpelz schlackerte an ihren knochigen Körpern. Als eines der Rentiere aufstampfte und das Geweih senkte, sprangen sie zur Seite, obwohl sie noch mehrere Schritte von der Gefahr entfernt waren. Die älteren Wölfe hielten die Formation und ließen ihre Beute nicht aus den Augen. Sie suchten nach jedem noch so kleinen Zeichen von Schwäche. Doch im Gegensatz zu den Raubtieren waren die neun Rentiere gut genährt. Ihre Muskeln spannten sich unter dem braungrauen Fell, als sie sich in die Brust warfen und mit den gespaltenen Hufen Furchen in den gefrorenen Tundraboden gruben. Sie standen im Kreis, Hintern an Hintern, ein Wall aus Geweihschaufeln. Freki richtete sich auf, schüttelte sich und trottete den Hügel hinunter. »Endlich!«, hörte er seinen Bruder schnaufen. Geri schoss an ihm vorbei. Von einem Moment zum anderen explodierte die Herde. Ein Rudel klappriger Gestalten hatte sie wenig beeindrucken können, doch zwei Wölfe, die groß genug waren, um ihnen in die Augen sehen zu können, das war selbst für diese Rentiere zu viel. Sie spritzten in alle Richtungen auseinander, rannten blindlings ein Weibchen nieder, das nicht rechtzeitig hatte ausweichen können. 9


Freki knurrte und sprang los. Geris Ungeduld würde noch alles verderben! Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, auszutesten, welches der neun als Erstes die Nerven verlieren und vielleicht allein lospreschen würde. Eines der Rentiere rannte fast genau auf Freki zu, die Augen nach hinten gerollt, dorthin, wo sein Bruder wild um sich schnappte. Freki duckte sich und spannte die Muskeln an, bereit, den Hirsch von unten am Hals zu packen. Doch der bemerkte seinen Irrtum im letzten Augenblick, warf sich herum und trat nach hinten aus. Ein Schmerz durchzuckte Frekis Schulter, er geriet kurz ins Straucheln, war seinem Opfer aber gleich wieder dicht auf den Hufen. Das Rentier machte einen Satz, nicht nach vorn, sondern nach oben, katapultierte sich in den sternenübersäten Himmel hinein. Mit jedem Sprung gewann es an Höhe, als liefe es eine unsichtbare Brücke hinauf. Nun, so sollte es denn sein. Ihre kleinen Schwestern und Brüder waren ohnehin keine Hilfe im Kampf gegen diese Beute. Freki setzte ihm nach. Der Wind schnitt ihm in die Pfotenballen, ein eisiger Freund, der ihn federleicht emportrug. Als das Rentier seinen Atem hörte, verlor es den Tritt, strauchelte turmhoch über dem Boden. Freki nutzte den Überraschungsmoment und sprang seinem Opfer auf den Rücken, schlug die Zähne in den Nacken und riss es von den Beinen. Plötzlich war Geri da, der offenbar seinen gesunden Jagdinstinkt wiedergefunden hatte. Er fuhr dem Hirsch an die Kehle. In einem Knäuel aus Zähnen und Geweihschaufeln, Krallen und Hufen stürzten die drei Tiere wie ein Komet der Erde zu. Der Aufprall war so heftig, dass er Frekis Knochen klappern ließ. Doch er lockerte seinen Griff nicht, bis das Todeszittern durch den Körper lief. Das Blut verwandelte den Boden rund um den Kadaver in eine rotbraune Schlammsuhle. Freki öffnete den schmerzenden Kiefer, warf den Kopf zurück und stieß ein Siegesheulen aus. Geri stimmte ein und ihr Ruf verfolgte die kleiner gewordene Herde auf der Flucht über den Himmel. Die Rentiere warfen keinen Blick zurück, sondern jagten in langen Sätzen ihrem Anführer hinterher. Das rote Schimmern seiner Nase verlor sich zwischen den Sternenbildern. 10

Leseprobe "Der Winterwolf"  

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