Page 1

Der Wolf kehrt zurück GÜNTHER BLOCH ELLI H. RADINGER

MENSCH UND WOLF I N KO E X I S T E N Z ?

 Mit

Tipps für

— Hundehalter,  Spaziergänger  und Reiter

K


• Inhalt 4 6

Zum Geleit Zu diesem Buch

8

WILLKOMMEN WOLF – AUF LEISEN PFOTEN

9

Die Rückkehr über die Neiße

10 Wolfsmanagement 11 Umstrittene Rückkehr 14

Auf der Suche nach dem Wolf

16 18

Faktor Mensch Pro oder Kontra Wolf

20

DIE ROLLE DER MEDIEN – UND DER SPRACHE

21

Fakt oder Fiktion?

24

SOKO WOLF – IM DIENST DER WISSENSCHAFT

58

WOLF UND JÄGER – EIN AMBIVALENTES VERHÄLTNIS

59

Die Einstellung zum Wolf

60 61 62 65 66

Wem gehört der Wald? Gehört der Wolf ins Jagdrecht? Was fressen Wölfe? Explodiert die Wolfspopulation? Brauchen Wölfe Wildnis?

68

ANGST VORM WOLF? – WIE GEFÄHRLICH IST ER WIRKLICH?

69

Wölfe in direkter Nähe des Menschen

70 Aufklärung in Wolfsgebieten 73 Wolfsangriffe 76 Verletzte Wölfe 78 Krankheiten

25

80

Wer war’s?

25 Wolfsähnliche Hunde 26 Forschungsinstitut Senckenberg 27 Leibnitz-Institut 29 Wolfszentrum Görlitz 30

HERDENSCHUTZ – ÜBERGRIFFE AUF NUTZTIERE

31

Zeit, Kosten und Arbeit

33 Schutzmaßnahmen

BEGEGNUNG WOLF UND MENSCH

81

Die richtige Einschätzung von Wölfen

82

Welches Verhalten ist „normal“?

84

Fragen zum Alltag mit Wölfen

84 Fußgänger, Jogger, Radfahrer 88 Autofahrer 89 Hundehalter 93 Reiter 96 Dorfbewohner 98 Nutztierhalter

33 Erhalt der natürlichen Beute 34 Elektronetz und -zaun 35 Pferde, Kühe und Gatterwild 39 Herdenschutztiere

100 KONFLIKTPOTENZIAL „PROBLEMWOLF“

54

102 Habituierung versus Adaption

2

Entschädigung und Förderung

101 Tötung im Auftrag der Behörde


104 Maßnahmen gegen „auffällige“ Wölfe 108 Exkurs „Problemwölfe“ 112 WOLFSTOURISMUS 113 Wirtschaftliche Vorteile

115 Ökotourismus 116 WOLFSPOLITIK – WEGE ZUM ZUSAMMENLEBEN 117 Pro Wolf

117 Wolfsmanagement 118 Öffentlichkeitsarbeit 119 Freilandbeobachtungen 120 Zusammenarbeit mit Nachbarländern 122 Politische Forderungen 123 Menschen für Wölfe

124 Petition für eine Wölfin 125 Im Einsatz für den Wolf 129 Schutz von Wölfen in Deutschland

129 Rechtsgrundlage 130 Tötung eines Wolfes 132 Etablierung frei lebender Wolfsfamilien

134 SERVICE – WISSENSWERTES FÜR WOLFSFREUNDE

135 Quellenverzeichnis 138 Empfohlene Webseiten / Literatur 141 Autoren 142 Register 144 Impressum

3


ZUM GELEIT Man erlaube mir ein wenig Lokalpatriotismus zu Beginn. Der letzte schleswig-holsteinische Wolf wurde um 1810 herum im Raum Neumünster erschossen und der erste Wolf, der im nördlichsten Bundesland wieder gesichtet wurde, kam auf der vielbefahrenen Bundes­ straße 76 in Süsel/Ostholstein zu Tode. Das geschah im April 2007, also fast 200 Jahre später. Der Wolf aus Süsel, ein ca. einjähriger Rüde mit parasitär gebeuteltem Fell, kam im Zoologischen Institut der Christian-AlbrechtsUniversität zu Kiel auf den Sektionstisch und ich habe ihn obduziert. Die genetischen Unter­ suchungen ergaben, dass er aus demselben Genpool stammte wie die Wölfe, die Sachsen besiedelt haben. Er war gen Nordwesten abgewandert, legte mindestens 400 km Luftlinie zurück und scheiterte am Straßenverkehr. Aus dem Freistaat Sachsen wurde ich in der Folgezeit mehrmals von einem Jäger und ­Bürgermeister besucht, der mich inständig bat, ihm doch nur ein Papierstück zu unterzeichnen, auf dem vermerkt war, dass ich die Wölfe in der Lausitz für „künstlich eingebracht“ aus Polen hielte. Und es solle mein Schaden nicht sein. Ich muss eigentlich nicht erwähnen, dass ich dieser Bitte nicht Folge leistete und tue dieses nur der Ordnung ­halber. So begann die Rückkehr des Wolfes auch für mich nicht immer harmonisch. Viele in unserem Lande waren und sind schlicht überfordert durch die zurückkehrenden Wölfe. Was man nicht kennt, will man nicht. Ängste und Vorurteile breiten sich aus. Hier setzt das vorliegende Buch an, das uns genau die Wölfe, mit denen wir nun schon eine Weile leben, näher bringt, damit sich ­diffuse Ängste wie spezielle Befürchtungen verlieren. Es geht ja nie um DEN Wolf, denn den gibt es nicht. So lernen wir zunächst die Wölfe und ihr Verhalten in ihrem/unserem Umfeld, einem speziellen Ökosystem, kennen. Zu berücksichtigen ist weiter das jeweilige soziale Gefüge, geht es doch stets um bestimmte 4

Wolfsfamilien in diesem Lebensraum, die hinsichtlich individueller Charakteristika ­ihrer Mitglieder unterschiedlich zusammengesetzt sind. An dieser Individualität schei­ tern Aussagen nach dem „normalen“ oder „unnormalen“ Wolfsverhalten a priori. ­Verallgemeinern gilt nicht.

Ganz allgemein indes gilt, dass möglichst ­viele Informationen über spezielle Wölfe zu sammeln sind, um ihr Verhalten korrekter einordnen zu können. Auch der wölfische ­Lebensraum wurde ja gern mystifiziert. So ­haben wir in den letzten Jahrzehnten anschaulich gelernt, dass auch Wölfe nicht die vermeintlich unberührte Wildnis brauchen, vielmehr lediglich Orte, in denen sie in der Nähe des Menschen einigermaßen ungestört leben können. Und wir werden weiter lernen müssen. Im Süden und Osten Europas, in Ländern also, in denen der Wolf nicht ausgestorben war, kommen Menschen heute leichter mit Wölfen zurecht, weil man schon lange mit ihnen lebt und diesbezüglich erfahren ist. Wir hingegen haben Nachholbedarf durch unsere wolfslose Zeit. Die Wölfe kommen uns dabei entgegen, denn sie sind bestens angepasste Kulturfolger, die sich zurückhalten und niemanden stören. So Günther Bloch. Und was ist konkret mit der Angst vor dem Wolf? Informationen sind wichtig, die Auto-

ren verweisen auf „besonnene Vorsicht“ statt Angst und klären klug und angemessen auf. Sie erteilen mit Recht den Fütterern ein striktes Verbot. Futterkonditionierte Wölfe können nachweisbar zur Gefahr werden. Und „normales“, „aggressives“, „gefähr­ liches“ Verhalten? Es ist alles vermeintlich so, die Wertung erfolgt subjektiv, sie gibt die Meinung bestimmter Menschen mit bestimmten (oder auch keinen) Erfahrungen wieder. Normales Wolfsverhalten hat viele Ausprägungsformen. Günther Bloch und Elli Radinger gehen zur Definition dieser Begrifflichkeiten über und füllen sie mit Verhaltensbeschreibungen. Tatsächlich gefährlich meint dann, dass protokolliert wurde, wie ein be-


stimmter Wolf Menschen gegenüber etwa in „fixierender Anpirschhaltung zielorientiert Distanzen verringert, von menschlichen Abwehrreaktionen unbeeindruckt“. Das ist eindeutig. Dieses Buch besticht durch Fakten und den immensen Kenntnisreichtum seiner Auto­ ren, denen ein überaus praktikables Hand­ buch zum Leben mit Wölfen in Deutschland ­gelungen ist.

Auf Probleme der Nutztierhalter wie Hobbyzüchter wird kundig eingegangen. Mir gefällt auch in diesem Kontext der deut­liche Hinweis darauf, dass es immer nur eine Anpassung der Schutzmöglichkeiten einer Herde an die individuelle Situation, Haltungsform und Landschaft gibt. Cave Verallgemeinerungen! Diesbezüglich werden Vorschläge unterbreitet. Und noch einmal: Pauschalierungen sind doch im Grunde immer nur ein Ausdruck dafür, dass sich jemand mit einer Problematik nicht richtig auseinandergesetzt hat. Typisch für Günther Bloch und Elli Radinger ist weiter, dass sie immer um praktikable Lösungen bemüht sind – im Gegensatz zur Reduktion bestehender „Wolfsprobleme“. Herdenschutztiere werden kundig diskutiert. Wichtig erscheinen hier Hinweise der Autoren aus eigener Sozialisierungsarbeit und Verhaltensprotokollierung in der Slowakei – so etwa die Problematik mit Schafen, die keine Hunde mögen und sie bei der Sozialisierung durch den Pferch scheuchen. Unerwünschtes Verhalten von Herdenschutzhunden wird aufgeführt wie Fragen der Finanzierung der Hunde und Tierschutzbedenken. Gut gefällt mir, dass die Messlatte der Autoren immer wieder ganz objektiv die Biologie der Arten ist. Das Wild muss keineswegs vor dem Wolf geschützt werden, der Wolf ist ja einer der Regulatoren der Wildbestände. Und Wölfe werden keine Wildtierbestände ausrotten, BeutegreiferBeute-Systeme sind komplex und sensibel und abhängig von vielen Faktoren – unser Schalenwild ist in langen Zeitläufen an den Wolf adaptiert und umgekehrt, auch wenn dieser eine

Zeit lang fehlte. Schließlich wird Wolfstourismus mit klaren Verhaltensregeln für Besucher in Wolfsge­bieten, der Menschen vorbereitet und informiert, beispielhaft als „sensibler Ökotourismus“ vorgestellt. Seit Beginn der 1990ger Jahre haben sich Günther Bloch und Elli Radinger der Wolfsbeobachtung verschrieben, überwiegend in Kanada und in den USA, bestens vertraut auch mit den Verhältnissen in Europa, speziell in Deutschland. Sie gründeten die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, Elli Radinger wurde Herausgeberin des Wolfs-Magazins, beide waren an Wolfsforschungen beteiligt und Günther Bloch leitete mehrere Forschungsprojekte über Wölfe in Polen und Kanada, beobachtete von 1998 bis 2014 die BowtalWolfsfamilie aus kurzer Distanz vom Geländewagen aus, um nur einiges zu nennen. Der lange Atem der Autoren hat sich gelohnt. Was die beiden machten, folgte ihrem ureigenen Interesse – sie waren wissensdurstig und individuell. Sie folgten keinem Trend der Zeit, sie verfolgten ihr Ziel. Sie redeten nicht, sie taten etwas. Und sie ließen sich nicht mit Floskeln abspeisen. Das hat beeindruckt und Hoffnungen auf selbstbestimmte Lebensführungen gemacht. Wohl auch deshalb bewirkten beide so viel. Wölfe haben uns schon immer fasziniert, weisen sie doch Ähnlichkeiten in ihrer sozialen Struktur mit uns auf, die eine soziale Passung kennzeichnen: sie leben in Familien wie wir, verfügen gleichfalls über eine fein graduierte Kommunikation, kooperieren beim Beutefang und in so vielen sozialen Belangen und zeigen altruistisches Verhalten. Der Prozess der Domestikation des Wolfes zum Haushund wird seit Coppinger (2006) als Co-Evolution begriffen, ausgehend von der Hypothese, dass auch der Mensch sich veränderte in den fast 40 000 Jahren des Zusammenlebens mit dem Hund. Diese besonders enge Beziehung zwischen Mensch und Hund unterstreicht im Rückschluss wiederum die wölfische Nähe zum Menschen. 5


Eine Wolf-Mensch- Koexistenz sollte also auch bei uns möglich sein. „Das Manage-

ment von Wölfen ist weniger ein Problem von Wildbiologie, Ökologie oder angeblich notwendiger Bestandskontrolle, sondern vielmehr eines von kulturellen Wahrnehmungen. Darum geht es im Wolfsmanagement weniger um Biologie als um Menschen“, so die Autoren. Ich glaube an die Veränderung, die in den Köpfen vieler Menschen schon begonnen hat, wie von Günther Bloch und Elli Radinger angenommen, und danke den beiden für ihre so überaus wertvollen Beiträge dazu. Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen

ZU DIESEM BUCH Der Wolf ist zurück in Deutschland, und er ist hier, um zu bleiben, ob uns das gefällt oder nicht. Streng geschützt breitet er sich aus, sucht neue Reviere in Bundesländern, die bisher „wolfsfrei“ waren, gründet Familien und zieht seinen Nachwuchs auf. Theoretisch kann heute fast überall ein Wolf auftauchen. Die Unsicherheit, wie wir mit ihm umgehen sollen, ist groß, ebenso wie die Angst, die manche Interessengruppen bewusst schüren. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. V ­ ermutlich liegt es in unserer Natur, etwas Unheilvolles in dem anzunehmen, was wir nicht ver­stehen und nicht kontrollieren können. Dennoch wundern wir uns, dass sich angeblich so viele Menschen vor einem Tier fürchten, dessen Sozialverhalten und Familien­leben dem unseren so ähnlich ist und das wir uns in seiner domestizierten Form als „besten Freund“ ins Haus geholt ­haben. Viele von uns kennen sie nur aus Naturfilmen oder aus dem Zoo. Aber die Realität ist kein Film, und Zoowölfe verhalten sich in vielen Belangen nicht wie wilde Wölfe. Außerdem mussten wir über die Jahre hinweg ein ums andere Mal selbstkritisch feststellen, Lichtjahre davon entfernt zu sein, Wölfe lückenlos zu 6

­verstehen. Dafür sind diese viel zu clever. „Experte“ zu sein, heißt sicher nicht, „alles“ zu wissen. Was wir aber vorweg mit Gewissheit sagen können ist, dass der Wolf keine blutrünstige Bestie ist. Nein, er ist ein treu sorgender Familienvater, eine liebevolle ­Mutter, ein durchgeknallter Teenager, eine entspannte Tante. Selbstverständlich verhalten sie sich, wenn notwendig, knallhart territorial gegenüber benachbarten Wolfsfamilien. Das gehört genauso zu einer realistischen Darstellung des Wolfes wie die Tatsache, dass er ein selektiver und opportunistischer Jäger ist, der andere Tiere tötet. Er frisst aber auch Aas und manchmal auch ein wenig Obst oder Kräuter. Summa summarum handelt es sich um ein revierbezogenes Familientier, das im Grunde genommen nur ungestört seine Kinder großziehen will. Was macht uns daran Angst? Ja, Wölfe können uns gelegentlich e­ rschrecken, wenn sie plötzlich vor uns auf dem Waldweg stehen, unseren Hunden folgen oder nachts diskret durch ein Dorf laufen. Sie machen uns – zu Recht – wütend, wenn sie unsere Schafe oder geliebte Haustiere ­töten. Und Jäger fürchten – zu Unrecht – die Konkurrenz. Woran liegt es, dass der Wolf so viele Emotionen in uns hervorruft? WÖLFE VERSTEHEN LERNEN Um die Angst zu verlieren, müssen wir wissen, wo wer was wann und warum tut. Wölfe zu verstehen, bedeutet nicht nur, ihr natürliches Verhalten in der Freiheit zu kennen, sondern sie auch in ihrem Umfeld zu erleben, dem Ökosystem, von dem sie ein wichtiger Teil sind. Es gibt nicht den Wolf per se, der sich so ver­ hält. Jeder Wolf ist, wie wir Menschen auch, ein Individuum, das geprägt wird von seiner Familie, Alter und Persönlichkeit, vielfältigen Erfahrungen und dem Lebensraum, in dem es lebt. Darum kann man auch von einem

Wolf, der sich innerhalb deutscher Kulturlandschaften beispielsweise hier und dort einmal Menschen nähert, nicht behaupten, er ver­ halte sich „nicht normal“.


Zwei Welpen vom Daubaner Rudel (vorne ein Männchen, hinten ein Weibchen).

Dieses Buch basiert auf unseren vielfältigen Erlebnissen aus über zwanzigtausend Begegnungen mit wilden Wölfen. Ja, wir haben sie persönlich getroffen: im Auto, beim Radfahren oder Schneeschuhwandern, auf Reitausflügen und in Langlaufloipen, zu Fuß, unterwegs auf zugefrorenen Seen und Flüssen, in Wald, Feld und Flur, mit Hund und ohne. Wir haben einen sehr großen Teil unseres Lebens damit verbracht, Wölfe in freier Wildbahn über längere Zeiträume hinweg zu beobachten; auch in Europa. In Polen, der Slowakei, in Italien oder Spanien haben wir ihr Verhalten detailliert erforscht und zahlreiche verblüffende Begegnungen erlebt. Manchmal waren wir draußen in der Natur sogar ganz allein unterwegs, oft auch mit unseren Hunden. Dann haben sich Mensch, Wolf und Hund eine Zeit lang aus der Distanz gegenseitig gemustert. Mehr war nicht – kein einziges Mal.

diskutiert, die durch Wolfsrisse herbe Ver­ luste erleiden mussten, bevor sie lernten, ihre Tiere so zu schützen, dass diesen möglichst nichts geschieht. Dabei haben wir gegenüber jedem einzelnen Gesprächspartner stets ehrlich zugegeben, dasss wir bei manchem beobachteten Wolfsverhalten nicht die geringste Idee hatten, warum sich die Tiere in diesem Fall so verhielten, wie sie es taten. Nichtsdestotrotz möchten wir in diesem Buch Ihnen – auch als Hundehalter – unsere unmittelbar erlebten Erfahrungen mit Wölfen weitergeben. Und live erlebt haben wir in all den Jahren draußen, an der Wolfsfront, so einiges. Insofern können wir Ihnen vielleicht dabei helfen, nicht nur zu lernen, wie Sie sich bei einer möglichen Wolfsbegegnung ganz konkret verhalten sollen, sondern auch, welch ein Geschenk die Wölfe für uns und unser Land sein können. Kurz und bündig: Wer sich ernsthaft mit diesen erfolgreichen

LEBEN IM WOLFSGEBIET Außerdem haben wir ausführlich mit Einzelpersonen oder Familien gesprochen, die in Wolfsgebieten leben. Wir haben eigene Umfragen organisiert und mit Nutztierhaltern

­Beutegreifern beschäftigt, wird erkennen, dass es sich einfach um eine faszinierende Tierart handelt!

Günther Bloch & Elli H. Radinger 7


WILLKOMMEN WOLF — Auf leisen Pfoten


DIE RÜCKKEHR ÜBER DIE NEISSE Ende des letzten Jahrtausends machte sich im deutsch-polnischen Grenzgebiet ein junger Wolf bereit, die Neiße zu durchschwimmen und ­damit, ohne es zu ahnen, Naturgeschichte zu schreiben. Der Wolf blickte sich vorsichtig um. Er war müde. Schon seit Herbst war er aus ­Polen unterwegs, immer nach Westen, einem Instinkt folgend. Seine Familie war zu groß ­geworden, die Fähen alle mit ihm verwandt. So musste er sein Heimatrevier verlassen. Auf seiner Wanderung ernährte er sich von Hasen, Rehen und gelegentlich auch von einem fetten Biber, der zu beschäftigt damit war, einen Baum anzunagen, statt über seine Schulter zu schauen. Er hatte von seinen Eltern gelernt, wie man sich anschleicht und wie man am besten ein Beutetier schlägt, aber ihm fehlte noch viel Erfahrung. Meist blieb er hungrig. Manchmal war er auf die Spuren fremder Wölfe gestoßen oder hatte ihr Heulen gehört. Dann war er schnell weitergelaufen. Er musste ein eigenes Revier finden und in Besitz nehmen. Spätestens in der Paarungszeit im Winter wollte er eine Familie gründen. Der Wolf stand an der Neiße, die nach vielen Regenfällen stark angeschwollen war. Vorsichtig hatte er mehrmals zur anderen Seite des Ufers hin geheult und keine Antwort erhalten. Dort war er sicher. Langsam glitt er in das ­kalte Wasser. Sofort ergriff ihn die Strömung und trug ihn fort. Verzweifelt paddelte er und tauchte unter. Dann spürte er festen Boden unter den Pfoten und zog sich auf das mit dichtem Buschwerk bewachsene Ufer. Er schüttelte sich, dass die Tropfen aus dem Fell flogen. Mit einem

letzten Blick zurück zum Fluss trabte er los und verschwand im Wald. Wenige Wochen später, im Januar, wurde eine polnische Wölfin vom sehnsüchtigen Heulen des Wolfes angelockt und folgte ihm. Im April hatten die beiden Nachwuchs. Sie ließen sich auf einem Truppenübungsplatz in der Oberlausitz nieder, wo sie ungestört ihre Welpen großziehen konnten. Hundert Jahre nach ihrer Ausrottung waren die Wölfe in die alte Heimat zurück­ gekehrt. So oder so ähnlich könnte es sich abgespielt haben, als der Wolf nach Deutschland kam. Wir wissen nicht, an welcher Stelle er zum Einwanderer wurde. Was wir wissen, ist, dass er sehr lange unterwegs war und dass viele ­seiner Vorfahren, bei dem Versuch, in den Westen zu wandern, erschossen oder über­ fahren wurden. Zwischen 1945 und 1990 waren es mindestens 23 Wölfe. Lange Zeit blieb die Einwanderung des „polnischen“ Wolfes ein gut gehütetes Geheimnis der Einheimischen. Er hatte sich mit dem Truppenübungsplatz ein ideales Revier erkoren. Es gab ausreichend Nahrung in Form von Reh-, Rot- und Schwarzwild, und der gelegentliche Militärlärm machte ihm und seiner Familie nichts aus. Doch das Wichtigste: Menschen war der Zugang zum Gelände ­verboten. Als die ersten Jungwölfe aus seiner sozialen Gruppe abwanderten, ließ es sich nicht mehr länger verbergen. Im Sommer 2001 kündigte das sächsische Umweltministerium offiziell die Rückkehr der Wölfe an. 9

Leseprobe: Der Wolf kehrt zurück  

Der Wolf kehrt zurück Mensch und Wolf in Koexistenz? > Anleitung für ein friedliches Miteinander von Mensch und Wolf > Mit Verhaltensreg...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you