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MM05, 1.2.2016 | www.migrosmagazin.ch

Sonderausgabe Familie

50 Dinge aus 50 Jahren, die das Familienleben schรถner machen


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Editorial

Spielplätze Obwohl sie für Kinder gebaut waren, liessen

Spielplätze in puncto Sicherheit früher sehr zu wünschen übrig. Die Zeiten haben sich gottlob geändert.

Mehr Zeit und Freiheit! Der Samstag war jeweils ganz schlimm. Ich bin als Kind nie wirklich gerne zur Schule gegangen (was man während dieser Zeit alles verpasste im Leben!), aber der Samstag war das schlimmste. Sich am Morgen früh aus den Federn quälen und sich noch für einige unnö­ tige Stunden in die Schule schleppen. Zuhören, wenn draussen das Leben tobte – eine Folter.

Wer könnte sich heute noch vorstellen, die Kinder am Samstagmorgen in die Schule zu schicken? Undenkbar. Wie so viele Entwick­ lungen der letzten 50 Jahre hat der schulfreie Samstag das Familienleben dramatisch ver­ ändert und vor allem erleichtert.

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Tourismus

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Billig-Airlines, Feriendörfer, Kinderhotels, Wohnmobile: In Sachen Reisen hat sich ein Markt mit massgeschneiderten Familienangeboten etabliert.

Hier ist sie also: Die Liste der 50 Errungenschaften der ver­ gangenen 50 Jahre, die unser Familienleben dramatisch er­ leichtert haben. Und sollten wir Ihrer Meinung nach Wichtiges vergessen haben, schreiben Sie uns! Wir werden die Liste gerne mit Ihren Tipps ergänzen. Hans Schneeberger, Chefredaktor hans.schneeberger@migrosmedien.ch

M-Infoline: Tel. 0800 84 0848 oder Fax 0041 44 277 20 09 (Ausland). www.migros.ch/kundendienst; www.migros.ch Cumulus: Tel. 0848 85 0848* oder +41 44 444 88 44 (Ausland). cumulus@migros.ch; www.migros.ch/cumulus Redaktion Migros-Magazin: Limmatstrasse 152, Postfach 1766, 8031 Zürich, Tel. 058 577 12 12, Fax 058 577 12 08. redaktion@migrosmagazin.ch; www.migrosmagazin.ch * Normaltarif

85 Regenbogenfamilien Die Zahl gleichgeschlechtlicher Paare mit Kindern nimmt zu – wie gehen Hetero-Familien mit dem neuen Phänomen um?

Bilder: Photopress-Archiv/Keystone, Beat Schweizer, Michael Egloff, Marco Zanoni, René Ruis, iStockphoto; Illustrationen: VectorStock

Migros-Maga In dieser Sonderausgabe des Migros-Magazins zum Thema Familie haben wir versucht, zusammen alle diese Entwicklungen einmal zusammen­ zutragen. All die kleinen (und grossen) Sachen, an die wir uns zum Teil schon lange gewöhnt haben und die uns den Familienalltag doch so viel einfacher, effizienter, entspannter oder glücklicher machen. Darunter fallen wichtige gesellschaftspolitische Weichen, die gestellt wurden, wie die gesetzliche Gleichstellung von Patchworkfamilien oder der Vaterschaftsurlaub, aber auch scheinbar Unscheinbares wie zum Beispiel die Erfindung des Baby Baby­ phons oder des Kindersitzes. Und die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, hat nicht nur das Familienleben, sondern auch den Schweizer Arbeitsmarkt völlig verändert.


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Teilzeitpapis

Immer mehr Männer wollen sich mehr in der Familie einbringen und würden dafür ihr Jobpensum reduzieren.

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50 Errungenschaften

Die Familie im Zeichen des Fortschritts 48 Flexible Arbeitszeit

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, kann vor allem dann gelingen, wenn der Arbeitgeber mitspielt. Die Migros geht mit gutem Beispiel voran.

15 Leihgrosi Für Kinder ohne Oma und Opa sind Patengrosseltern willkommene Gefährten.

36 Neue Wohnformen Die klassische 3-Zimmer-

wohnung als Familienhort hat ausgedient.


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Teilzeitarbeit

Illustration: VectorStock

Mann will heute auch Vater sein: Neun

von zehn Männern würden gern mehr Zeit mit der Familie verbringen. Doch nur einer von zehn setzt seinen Wunsch dann tatsächlich um. Damit sich die Zahlen ändern, braucht es mehr Teilzeitstellen. Was erfreulich ist: Der Druck auf die Unternehmen steigt, sich nicht nur auf dem Papier familienfreundlich zu geben – unter anderem weil sich auch Männerorganisationen für Teilzeitarbeit einsetzen.


1995

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Teilzeitarbeit

Erwerbsmodelle bei Paaren, deren jüngstes Kind sechs Jahre oder jünger ist. 29,5 %

seinen Buben. Für die meisten Männer bleibt bereits eine Pensenreduktion im Brotjob ein frommer Wunsch: Es mangelt nach wie vor an Teilzeitstellen. Text: Andrea Freiermuth

2014

95 19

26,7 %

Lukas Bütikofer hat sich einen Traum erfüllt: Er widmet sich voll und ganz

2014

2,9 % 1% 2,2 % 7,4 %

20,7 %

T 0 20

7

9,6 %

heoretisch sind Mann und Frau in der Schweiz seit 1981 per Verfassung gleichberechtigt. Praktisch ist die Gleichstellung eine Knacknuss, vor allem in Sachen Familien- und Erwerbsarbeit. Nach wie vor arbeiten 88 Prozent der Männer mit Kindern unter sieben Jahren Vollzeit, während 60 Prozent der Frauen mit Kindern im selben Alter im Beruf zurückstecken und 27 Prozent die Erwebstätigkeit sogar ganz aufgeben. Dass sich etwas tut, merkt man erst, wenn man 20 Jahre zurückschaut: 1995 arbeiteten gerade mal 2,5 Prozent der Paare mit kleinen Kindern Teilzeit, heute sind es bereits mehr als 7 Prozent; bei rund 2 Prozent der Paare arbeitet die Frau Vollzeit, während der Vater vorwiegend zu Hause bleibt. Ein solches Modell leben auch Franziska und Lukas Bütikofer aus Schliern BE. Lange hatte der 29-Jährige nur seine Karriere im Auge. Mit der Geburt des ersten Sohns veränderte sich sein Leben radikal: Heute ist Lukas Bütikofer Vollzeitpapa, während seine Frau für den Lebensunterhalt sorgt. Hausmänner haben Signalwirkung. Gemäss einer Umfrage von Pro Familia möchten 9 von 10 Männern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber es fehlen Vorbilder und Teilzeitjobs. Männer, die ihren Kindern nicht nur gute Nacht sagen wollen, müssen konsequent bleiben – auch wenn der Arbeitgeber bockt und die Karriere den Bach runtergeht.

30,5 %

2007

14

20

1995

1,3 % 1,6 %

2007

2,4 %

2014

34,9 %

4,1 %

16,9 % 8,3 %

31,8 %

54,9 %

1995

1,6 %

8,1 % 2,5 % 0,8 % 0,4 %

n  Partner Vollzeit / Partnerin nicht erwerbstätig n  Partner Vollzeit / Partnerin Teilzeit 1–49% n  Partner Vollzeit / Partnerin Teilzeit 50–89% n  Beide Vollzeit n  Beide Teilzeit n  Partner nicht oder Teilzeit (1–89%) erwerbstätig / Partnerin Vollzeit n  Beide nicht erwerbstätig n  Andere Modelle Quelle: BFS - SAKE

Bilder: Beat Schweizer

Noch ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele Unternehmen ein Feigenblatt. Doch der Druck steigt, sich nicht nur auf dem Papier familienfreundlich zu geben: Heute gibt es auch Männer, die sich einen anderen Job suchen, wenn der Arbeitgeber nicht einlenkt. Es findet ein Umdenken statt

Fündig werden sie etwa auf dem Jobportal Teilzeitkarriere.ch. Dort gibt es auch eine Auflistung der Firmen, die 2015 am meisten Teilzeitstellen ausgeschrieben haben. Auf diesem Ranking haben Manor, der Kanton Bern und Aldi Suisse die Nase vorn, die Migros belegt Platz 12. Insgesamt dominieren der Detailhandel, das Gesundheitswesen und die Verwaltung die Top 100. Aber auch in anderen Branchen findet ein Umdenken statt. Ein Beispiel vom Bau ist

die Berner Varium Bau AG. Die Firma beschäftigt 20 Mitarbeiter, 15 davon arbeiten mit einem reduzierten Pensum. Unter den Teilzeitern ist auch Betriebsleiter Simon Schumacher (33). Er arbeitet zu 60 Prozent, jeweils von Mittwoch bis Freitag. In der ersten Wochenhälfte betreut der gelernte Maurer seine drei Kinder und den Hof, auf dem er mit seiner Familie lebt. Männer, die sich an der Familienarbeit beteiligen wollen, sind längst keine Einzelkämpfer mehr. Männerorganisationen setzen sich auf nationaler Ebene für ihre Anliegen ein. So etwa Männer.ch mit der Kampagne «Der Teilzeitmann» sowie einer geplanten Initiative für einen 20-tägigen Vaterschaftsurlaub, die noch in diesem Jahr lanciert werden soll. MM Weitere Infos: Teilzeitkarriere.ch

Klassische Rollenbilder weichen sich langsam auf Durchschnittlicher Aufwand für Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit 1997 bis 2013 (Stunden pro Woche). Frauen  n Haus- und Familienarbeit n Erwerbsarbeit

60 50 40

Männer  n Haus- und Familienarbeit n Erwerbsarbeit

30 20 10 0 1997

2000

2004

2007

2010

2013

Quelle: BFS - SAKE

Es bewegt sich etwas bei den Männern

2007

Arbeitsmodelle

Mehr als nur ein Teilzeitvater


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Lukas Bütikofer (29)

«Ich wollte mehr Papizeit» Eigentlich wollte ich so richtig Karriere

machen. Ich bin eidgenössisch diplomierter Geschäftsführer. Dass der Mann Geld verdient und die Frau die Familie versorgt, war für mich ein Naturgesetz. 2011 stand ich kurz davor, die Geschäftsleitung eines KMU zu übernehmen. Aber dann kam Emil auf die Welt – und meine Ideologie begann zu bröckeln. Vor anderthalb Jahren tauschten meine

«Die ersten Lebens­ jahre sind prägend»: Lukas Bütikofer ist froh, Remo (2) und Emil (4) beim Heran­ wachsen begleiten zu können.

Frau und ich die Rollen: Sie übernahm eine Vollzeitstelle, ich reduzierte mein Pensum bei einer NGO auf 30 Prozent. Als Lehrerin verdient Franziska (28) mehr als ich. Das Geld war aber nicht der einzige Grund für den Rollentausch: Ich wollte mehr Papizeit. Der Einstieg als Hausmann war holprig.

Ich kam nicht aus dem Ferienmodus heraus. Ständig war ich mit den Jungs auf Achse: im Tierpark, am Flughafen, immer Action. Irgendwann waren die Kleiderschränke leer und die Wäscheberge riesig. Inzwischen habe ich die Hausarbeit im Griff. Bis heute hatte ich nie das Gefühl, kein

echter Kerl zu sein, weil ich vor allem Hausmann bin: Ich investiere mit einem sehr grossen Return in meine beiden Jungs. Die ersten Lebensjahre sind prägend. Diese Zeit so intensiv miterleben und mitgestalten zu können, erfüllt mich voll und ganz.


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Zahnspange Als ich in meiner Kindheit erstmals eine

Zahnspange sah, war mein Entsetzen grenzenlos: Aus dem Maul des bemitleidenswerten Kindes guckten zwei metallene Bügel, die in kühnem Schwung zum Hinterkopf führten, wo sie straff zusammengehalten wurden. Ich dachte an einen schlimmen Unfall. Als bei mir eine Zahnkorrektur fällig war, bekam ich glücklicherweise ein Modell, das kaum auffiel, solange ich den Mund hielt. Ich sprach und lachte in der Zeit eher wenig. Heute noch erkennt man Zahnspangen tragende Kinder gern am leichten Lispeln, viele meiden faserige Lebensmittel, einige halten sich beim Lachen die Hand vor den Mund. Doch zu schämen braucht sich keines mehr, denn Spangen sind salonfähig geworden,

Computerspiele

«Spiele als solche machen nicht süchtig» und wer «Brackets» auf die Zähne geklebt bekommt, kann wenigstens die Farbe des Befestigungsgummis wählen. In Asien soll die bunte Mundverkabelung sogar so trendy geworden sein, dass sich Modebe­ wusste mit gefälschten Zahnspangen dem Infektions­, Erstickungs­ und Vergiftungsrisiko aussetzen. Hierzulande muss man nicht auf den Fake zurück­ greifen, die Chancen auf reale Zahnspangen sind intakt. Denn geordnete Beisserchen sind eine Visitenkarte und sollen die Jobchancen verbessern. Deshalb lassen sich auch Erwachsene die Zähne richten. Tom Cruise, Gwen Stefani und Cristiano Ronaldo haben es vorgemacht. Dank ihnen können Eltern auf Augenhöhe mit den Kin­ dern über Zahnkorrekturen reden. Yvette Hettinger

Like-a-bike

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Unsexy Stützräder? Das war einmal

Bilder: Fotolia, PD, René Ruis

Velo fahren bedeutet Freiheit. Kinder, die es beherrschen, vergrössern ihren Radius schlagartig: Zuvor eroberten sie

das Laufgitter, jetzt das Quartier. Einst bedeutete das Erlernen des Velofahrens Schmach und Schmerz: unsexy Stützräder, böse Stürze. Der Spott der anderen war im besten Fall Antrieb, einfach weiterzupedalen: eine Schürfwun­ de mehr für die Emanzipation. Man selber übte als Heranwach­ sender noch auf einem viel zu gros­ sen Rahmen, das Zweirad sollte ja auch noch im nächsten Sommer brauchbar sein … Grossvater schob hinten an, die Schwester winkte vorne aufmunternd zu. Und irgend­ wo dazwischen ging das Gleichge­ wicht verloren. Aber irgendwann zwischen 5 und 6 gelang es auch mir.

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Marc Bodmer (52), Jurist und Game­Experte der Kulturstiftung Pro Hel­ vetia. Marcbodmer.com

Heute gewöhnen sich Kinder viel früher ans Gefühl im Sattel, bereits ab 2 Jahren nämlich. Dank einer Erfindung eines gewissen Karl Drais im Jahr 1817: der Draisine. Wegen Futtermangels und Pferde­ sterben erfand der Deutsche eine Laufmaschine, die Urform des Velos: zwei Räder, ein Sattel und zwei Beine, die das Gefährt an­ treiben. Bestechend einfach, eine Revolution! Das Laufrad setzte sich aber erst nach einem Redesign aus Holz Mitte der 90er­Jahre durch. Seither sind Stütz­ räder nicht mehr nötig, es braucht nur einen Helm, etwas Mut und viel elterli­ ches Vertrauen. Und schon macht die Tochter oder der Sohn auf dem Like­a­bike die

ersten Fahrten in die Unabhängig­ keit. Der Ablösungsprozess, so schmerzlich das für die Eltern sein mag, beginnt schon vor dem Kindergarten. Peter Aeschlimann

Karl Drais sei Dank! Mit dem Like-a-bike erfahren die Kleinen früh ein wenig Freiheit.

Marc Bodmer, wie haben Computerspiele das Freizeitverhalten verändert? Videospiele prägen nicht nur die Freizeit von Kindern und Jugendlichen, sondern auch einer wachsenden Zahl Er­ wachsener – zu Hause, unter­ wegs, irgendwo. So sehr sie Spass machen, so viel Zeit nehmen sie in Anspruch, denn im Vergleich zu Musik und Film verlangen Video­ spiele die ungeteilte Auf­ merksamkeit. Wie hält man das Gamen in einem vernünftigen Mass? Spielen ist wie Sport sehr von der Tagesform abhängig. An manchen Tagen reichen zehn Minuten, und der Spieler ist genervt. Tags darauf kann die Situation völlig anders sein. Bei jüngeren Kindern bietet es sich an, einen Zeitrahmen zu setzen. Entscheidend aber ist, dass der Alltag ausgewo­ gen ist. Wenn vor lauter Ga­ men der Sport oder die Haus­ aufgaben unter die Räder kommen, ist das nicht gut. Wie gross ist das Risiko, spielsüchtig zu werden? Zum Glück sehr klein. Spiele als solche machen nicht süch­ tig. Sie können aber als Krü­ cke eingesetzt werden, wenn das Selbstwertgefühl ange­ schlagen ist oder viel Stress auftritt. Dann kann es vor­ kommen, dass Games genutzt werden, um dem Alltag zu entfliehen. Ralf Kaminski


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Patengrosseltern

Grossmutter in Eigenregie In Zeiten von Globalisierung, immer grösserer Mobilität und später Elternschaft wachsen viele Kinder ohne Grosseltern auf. Abhilfe schaffen «Patengrosseltern»-Projekte wie das der Caritas Bern. Ein Augenschein. Text: Almut Berger

Bild: Marco Zanoni

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u, Annette, wo isch dr Pipo?» Rin­ schen (7) zieht sich flink Jacke und Stiefel aus, bevor sie in Richtung Stube verschwindet. «Pipo?», will auch Sonam (4) wissen, die hinter ihrer Schwester in die Wohnung von Annette Casali (66) in Gümligen BE stolpert. Diese schmunzelt: «Der Kater ist für die Meitschi die Attraktion!» Eigentlich steht heute Grittibänzbacken auf dem Plan, jetzt ist aber erst einmal Katerstreicheln angesagt. Und die Begrüssung von Pema (35) und Kunchok Shana (41), den Eltern der beiden Mädchen, die unterdessen ebenfalls eingetroffen sind. Vor anderthalb Jahren hat sich Annette Casali sozusagen selber zur Grossmutter gemacht. Nach ihrer Pensionierung und dem fast zeitgleichen plötzlichen Tod ihres Mannes habe sie nach neuen Aufgaben und einem neuen Lebenssinn gesucht, erzählt die ehemalige Berufsschullehrerin, während sie Backzutaten auf dem Esszimmertisch bereitstellt. «Meine Tochter hat mich in der damals bodenlos erscheinenden Zeit auf die vielseitigen Freiwilligenangebote von Benevol Bern hingewiesen – darunter das Projekt ‹Patengrosseltern› der Caritas Bern.» Kinder ohne Grosseltern ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten, die Idee habe sie sofort angesprochen. Schliesslich habe sie selber auch eine tolle Grossmutter gehabt: «Die Beziehung zu einem Grosi, zu einem Grossvati ist für Kinder bereichernd und Gold wert.»

Geben und Nehmen: Patengrossmutter Annette Casali, Sonam (l.) und Rinschen.

Ein Brückenschlag zwischen Generationen und Kulturen

Der Wunsch nach einer älteren Bezugs­ person mit Schweizer Wurzeln war auch der Grund, warum sich die tibetstämmige Familie Shana bei der Caritas Bern meldete. «Unsere Eltern leben in Nordindien respek­ tive sind bereits verstorben», erklärt Kun­ chok Shana. Bei einem ersten unverbind­ lichen «Beschnuppern» im Büro der Caritas seien sich alle sofort sympathisch gewesen. «Es hat einfach gepasst», ergänzt Annette Casali. Seither trifft man sich ein­ bis zweimal im Monat. «Durch Annette lernen Rinschen und Sonam Schweizer Bräuche kennen: Ostereiersuchen, 1. August und Grittibänzbacken», freut sich Pema Shana. Annette Casali wiederum schätzt die stets lebhaften Begegnungen mit ihren «Enkelin­ nen» und das gemeinsame Interesse mit de­ ren Eltern am Buddhismus. «Als der Dalai

Lama letztes Jahr in Basel war, durfte Rin­ schen ihm mit dem tibetischen Kinderchor vorsingen.» Und sie – ganz stolze Grossmut­ ter – sass natürlich im Publikum. «Rinschen, was magst du am liebsten an Annette?» Die Erstklässlerin legt die Stirn in

Falten: «Den Pipo», sagt sie, «und dass sie mit uns Spiele macht». «Spielen?», fragt Sonam hoffnungsvoll. Annette Casali streicht der Kleinen über den Kopf: «Sobald die Grittibänzen im Ofen sind!». MM Informationen: www.caritas-bern.ch


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Allan Guggenbühl (63) ist Jugendpsychologe und Leiter des Instituts für Konfliktmanagement Zürich. Moderne Erziehung

«Kinder brauchen Freiheit, um Fehler machen zu können»

Allan Guggenbühl, wie hat sich die Erziehung in den letzten 50 Jahren verändert ? Früher gaben sich die Väter oft erst richtig mit ihren Kin­ dern ab, wenn diese bereits im Teenageralter waren. Heute sind Männer in der Erziehung präsenter. Das hat den Vorteil, dass die Kinder eine Bezugs­ person mehr haben. Zudem lernen sie so sowohl die weib­ liche wie auch die männliche Rolle kennen. Und ganz wich­ tig: Vor 50 Jahren war es noch gang und gäbe, Kinder körper­ lich zu züchtigen.

Bilder: Keystone (2)

Wie beurteilt man heute Kinder aus pädagogischer Sicht? Man glaubt heute viel mehr an die Formbarkeit des Kindes. Der Vorteil dieses An­ satzes ist, dass man Kinder mit Problemen unterstützt, etwa bei Traumata oder Lern­ schwierigkeiten. Aber es gibt auch ein Zuviel: Wenn Kinder überbehütet, ständig geführt und kontrolliert werden, be­ hindert das ihre Entwicklung. Sie brauchen Freiheit, um Fehler und eigene Erfahrun­ gen machen zu können. Welche neuen Erkenntnisse gibt es in der Pädagogik? Der Intelligenzbegriff hat sich verändert. Wer einst in der Or­ thographie nicht gut war, galt als dumm. Eine Tragödie für Legastheniker. Heute unter­ scheidet man zwischen akade­ mischer und praktischer In­ telligenz. Andrea Freiermuth

Kinder-Gastronomie

Wo die Kleinen Könige sind

Vom ersten Mövenpick-Restaurant 1948 bis zum Erlebnisbauernhof mit Strohhüpfburg: Das Auswärtsessen mit Kindern hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Farm in Seegräben ZH und Jona SG: Die Kleinen toben auf der Strohhüpfburg oder spielen mit den Geissen, die Grossen tummeln sich im Hofladen oder Restaurant. Mövenpick Die Mövenpick-

Restaurants gehörten zu den ersten Lokalen in der Schweiz, die sich mit Sirup, Kindermenüs und gluschtigen Desserts an die jüngsten Gäste richteten. Heute vereinfacht das Internet die Suche mit Gastrotipps und Adressen für Familien: Food4family.ch oder Familienleben.ch.

McDonald’s Die Fast-Food-Kette mit dem gelben M führte mit dem «Happy Meal» ein «Kindermenü à la carte» ein: drei Hauptspeisen stehen zur Auswahl, die mit zwei Beilagen kombiniert werden können. Mit dem Junior Club sollen Mädchen und Buben ab drei Jahren unterhalten werden.

Migros-Restaurants Die Migros-

Restaurants haben das Auswärtsessen mit Kindern vereinfacht. Inzwischen gibt es das Lilibiggs-Kindermenü mit Essen und Getränk nach Wahl, Geschenk oder Glace für 6.50 Franken. Ein besonderer Tipp: Der Sonntagsbrunch kostet beispielsweise im Migros-Restaurant in Uster ZH für Erwachsene 29 Franken, für Kinder bis 6 ist das Essen gratis.

1 Grass Roots Mit «Live For Today» (1967) war

schon der Liedtitel eine klare Ansage. 2 Janis Joplin Pünktlich

zum Sommer der Liebe sang sie «Summertime» (1969) auf Woodstock.

3 The Fifth Dimension «Hair» wurde zum Relikt der 1960er-Jahre. Und die Hymne «Aquarius» («Let The Sunshine In», 1969) ist unvergessen. 4 Elvis Presley 1968 performte Elvis Presley «A Little Less Conversation» für den Film «Live a Little, Love a Little». Seine Show? Sex pur. 5 The Doors Jim Morrisons Zeile «Let it roll, baby» in «Light My Fire» (1967) war der Soundtrack für kurze Nächte.

7 Joan Baez «Love Is Just A Four-Letter Word» (1968) – der Herzschmerz einer Generation. Italiener Der Italiener um die

Kinder unerwünscht In einer Umfrage

neuesten Trend sorgen die Erlebnisbauernhöfe der Jucker

Kommune statt Familie – der Soundtrack der freien Liebe

6 The Lovin Spoonful «Do You Believe In Magic?» fragten The Lovin Spoonful 1965.

Ecke war schon immer kinderfreundlich, weil Bambini für die oft familiengeführten Lokale eine Selbstverständlichkeit sind.

Erlebnisbauernhöfe Für den

Sexuelle Revolution

von «20 Minuten» wünschten sich 44 Prozent der Befragten kinderfreie Restaurants. Vermehrt werben Lokale damit, dass Kinder nicht überall geduldet sind. Das «Weisse Kreuz» in Luzern etwa hat auf einer Etage eine kinderfreie Zone eingerichtet. Reto E. Wild

8 The Who Frontmann

Roger Daltrey sang «My Generation» (1965) – und das Zeitalter der Groupies brach an.

9 Sweetwater war eine der ersten ethnisch gemischten Bands. Ihr grösster Hit: «Motherless Child» (1969). 10 Jefferson Airplane

«Somebody to Love» (1967), das bekannteste Stück der Band. Anne-Sophie Keller


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Neue Familienmodelle

Illustration: VectorStock

Stieffamilien heissen heute Patchworkfamilien. Früher gab es sie vor allem, weil

die Mütter bei der Geburt starben. Nur nach dem Tod eines Elternteils war es gesell­ schaftlich legitim, wieder zu heiraten. In­ zwischen sind es vor allem die zahlreichen Scheidungen, die zu Patchworkfamilien führen. 6 Prozent der Familienhaushalte mit Kindern unter 25 Jahren sind Patchwork­ familien, und die Tendenz ist klar steigend.


Wir suchen die besten Stiefmamis und -papis.

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Migmag.ch/patch

«Zwischen Peter und mir stimmte es» Patchworkfamilien

Ria und Peter lernten sich über ein Inserat kennen. Beide hatten Kinder. Die Familien zogen nach wenigen Monaten zusammen. Eine Patchworkfamilie erzählt. Text: Erika Burri Bild: Stephan Rappo

Ria Eugster (57) ist Lehrerin und Familiencoach, sie berät Patchworkfamilien. Sie hat zwei Töchter: Lea Müller (26), Journalistin, und Nina Müller (24). Peter Eugster (65) ist pensionierter Physiker. Er brachte drei Töchter in die Beziehung: Alexandra Largiadèr-Eugster (39), Oberstufenlehrerin mit vier Kindern, Sibille AeberhardtEugster (30), Personalfachfrau mit zwei Kindern, und Lucie Eugster (34). Am Gespräch nicht teilgenommen haben Nina Müller und Lucie Eugster.

Ria, Sie suchten vor 20 Jahren gezielt nach einem Mann mit Kindern. Peter, auch Sie wollten eine Partnerin mit Kindern. Warum? Ria: Ich wollte einen Partner, der weiss, was es bedeutet, eigene Kinder zu haben. Peter: Mit meiner vorherigen, kinderlosen Freundin hatte ich das Problem, dass sie ausserhalb der Schulferien verreisen wollte. Es war ein Stress, gleichzeitig ein unabhän­ giger Partner und Vater sein zu wollen. Wie haben die Kinder reagiert, als Sie bereits nach wenigen Wochen ankündigten zusammenzuziehen? Alexandra: Als ich Ria kennenlernte, hiess es bereits, sie ziehe ein. Das kam für mich nicht infrage. Ich war schon 20 und hatte

keine Lust, mich jemandem unterzuordnen, den ich nicht kannte. Ich entschied mich auszuziehen. Sibille: Alexandra hat uns jüngere Schwes­ tern beeinflusst. Auch ich wollte Ria und ihre Kinder Lea und Nina nicht hier haben. Peter: Wir hatten eine spezielle Situation hier im Haus. Alexandra war der weibliche Chef. Sie lebte am längsten bei mir. Als mir das Obergericht das Sorgerecht zusprach, waren auch die jüngeren beiden wieder ins Haus gezogen, wo wir schon als Familie gelebt haben. Ich habe voll gearbeitet. Meine beiden Jüngeren haben unter der Woche allein zu Mittag gegessen. Das war nicht ideal. Ria: Zum Glück habe ich die Abneigung, die mir Peters Töchter zeigten, nicht persönlich genommen. Die kannten mich ja kaum. Zwischen Peter und mir stimmte es, und wir wussten, dass das Leben für beide einfacher wird, wenn wir zusammenwohnen. Lea: Ich merkte nicht, dass mich die anderen nicht mochten. Ich war sieben Jahre alt und habe generell wenige Erinnerungen an diese Zeit. Haben Sie diese verdrängt? Lea: Keine Ahnung, was ein Psychologe in

mich hineininterpretieren würde. Ich weiss nur, dass ich später schwierig war. Wie haben Sie sich dennoch mit Ria und den Kindern angefreundet? Peter: Ria hat das geschickt angestellt. Sibille: Als ich sie das erste Mal sah, fragte ich Ria, ob sie mit mir ein Wettrennen mache. Ich war damals elf. Und ich gewann. Peter: Von da an war Ria bei Sibille akzep­ tiert. Später hatte auch Lucie, meine mitt­ lere Tochter, nichts mehr gegen Ria. Wie ist Ihnen das gelungen, Ria? Ria: Wir redeten ganz viel. Lucie hatte viele Fragen. Peter: Mit Alexandra ging Ria schliesslich eine Wohnung besichtigen, weil ich vorgab, nicht zu können. Alexandra: Während der Besichtigung redete ich mit Ria kein einziges Wort. Ria: Ich fragte Alexandra, ob wir nicht noch einen Kaffee trinken gehen wollten. Wir fuhren also nach Stäfa, und zum ersten Mal sprachen wir richtig miteinander. Alexandra: Das half, Ängste abzubauen. Ich war nach meinem Auszug sehr oft zu Besuch hier. Wir haben heute ein enges


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Blicken auf herausfordernde Zeiten zurück: Lea Müller, Peter Eugster, Alexandra LagiadèrEugster (stehend, v. l.) und Sibille Aeberhardt- Eugster und Ria Eugster (sitzend, v. l.)

Patchwork

Nicht so ganz nach Plan 1995 sucht Ria Eugster über ein Chiffreinserat einen

Partner mit Kindern, mit dem sie «durch die Natur streifen und die kleinen und grossen Freuden und Sorgen teilen» kann. Zwölf Männer schreiben. Nur für Peter interes­ siert sich Ria. Nach wenigen Wochen ist klar, dass Ria

nach Hombrechtikon ZH ins Haus von Peter zieht. Beide sind geschieden. Ria bleibt daheim, Peter geht ar­ beiten. Ein Jahr später heiraten sie. Patch­ workfamilie, sagen beide, sei nichts, was man im Leben anstrebt, sondern die Folge von gescheiter­ ten Beziehungen.

Für beide war allein­ erziehend zu sein keine Option. Die Herausfor­ derung an Patchwork: Es sind viele Menschen involviert. Doppelt so viel Verwandtschaft und Ex­Partner, die einem unter Umstän­ den das Leben schwer machen. Patchworkfamilien haben im Vergleich zu Kernfamilien eine

höhere Wahrschein­ lichkeit, wieder aus­ einander zu gehen. Ria und Peter haben die Kinder nicht in ihre Entscheidung invol­ viert, sondern sie mit der vollendeten Tatsache konfrontiert. «Mann muss sich als Eltern ganz sicher sein, dass man das will», sagt Ria Eugster, die auch Patchwork­ familien berät. Vom «Ausprobieren und Schauen, ob es funk­ tioniert», rät sie ab.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 25

Verhältnis. Meine Kinder nennen Ria «Oma». Peter: Vor allem für meine Tochter Sibille und Rias Tochter Lea war der Zusammenzug einschneidend. Lea musste die Schule wech­ seln und war von nun an nicht mehr die Älteste von zwei Schwestern. Und Sibille war nicht mehr die Jüngste von dreien. Sibille: Vorher war ich viel mit Lucie allein, nun war ich mit Menschen zusammen, die nicht zu meiner Familie gehörten. Papi, glaube ich, hat sich gedacht: Jetzt ist Ria da, die kümmert sich um mich. Ria war zwar hier, aber emotional nicht so involviert. Ria: Ich wollte deiner Mutter nicht Konkurrenz machen. Sibille: Später, in der Pubertät, als auch Lucie ausgezogen war, hatte ich das Gefühl, dass ich Rias Familienidylle störe, zu der mein Vater gehörte, ich aber nicht. Ich zog mit 18 im Krach aus. Wie ist Ihr heutiges Verhältnis zu Ria? Sibille: Eng. Meine Kinder tragen dazu bei, dass vieles in unserer Patchworkfamilie selbstverständlicher geworden ist. Sie schweissen zusammen. Lea soll nach dem Zusammenzug schwierig gewesen sein, sagt sie selbst. Wie schwierig? Ria: Bei Festen wie Weihnachten versuchte Lea, die gute Stimmung kaputt zu machen. Ich wusste nicht, weshalb, und schickte sie zum Schulpsychologen. Er meinte, Lea brächte durch ihr Verhalten Solidarität

mit ihrem Vater zum Ausdruck. Sie könne nicht zulassen, dass wir es schön hätten und ihr Vater nicht dazugehörte. Wie lange hat es gedauert, bis Peter für Sie kein Fremder mehr war, Lea? Lea: Wir hatten lange keine Beziehung. Sibille: Papi hat am Abend so gut wie nie mit uns gespielt. War er daheim, hiess es bald: rauf in die Zimmer. Bevor wir mit Ria, Lea und Nina zusammenzogen, war er präsenter. Peter, wollten Sie am Abend Ihre Ruhe haben? Peter: Ein leidiges Thema. Lea: Er hat uns die Mutter weggenommen, umgekehrt ja auch. Ist Peter für Sie so etwas wie ein Vater, Lea? Was empfinden Sie für ihn? Lea: Ich habe ja einen Vater, zu dem ich ein gutes Verhältnis habe. Aber Peter war immer da, wenn wir ihn brauchten. Ria: Ich finde, dass du mit Peter viel lockerer umgehst, seit du nicht mehr hier wohnst. Peter: Wir haben auch schon darüber diskutiert, was unsere Stiefkinder für uns empfinden. Bei Lea hatte ich stark das Gefühl, dass sie genau beobachtet, wie ich mit Ria umgehe. Wenn es Ria gut geht mit mir, dann bin auch ich gut. Sonst eben nicht. Wird auch Ria auf diese Weise beurteilt? Alexandra: Ich wollte ja auch, dass es meinem Vater gut geht. Das will ich heute noch. Ich hätte mit Ria weiter engen

Kontakt, falls die beiden sich trennen würden, was ich allerdings schlimm fände. Ria ist für mich auch ein Vorbild, weil sie und ihr Ex­Mann es geschafft haben, nach der Scheidung bis heute ein freundschaft­ liches Verhältnis zu pflegen. Sibille: Mich machte es immer ein wenig traurig, dass das meine Eltern nicht so gut konnten wie Ria und ihr Ex­Mann. Ich habe mir lange gewünscht, dass meine Eltern wieder zusammenkommen. Wie ist das Verhältnis unter den Schwestern? Alexandra: Gut. Ich mache in der Öffent­ lichkeit keinen Unterschied mehr zwischen Schwestern und Stiefschwestern. Lea ist sogar die Patin eines meiner Kinder. Aber die leiblichen Schwestern werden mir immer näher sein. Sibille: Blut verbindet. Lea: Ich kann, ohne mich rechtfertigen zu müssen, behaupten, dass ich eine Lieblings­ schwester habe. Das ist meine leibliche. Sibille: Was mich im Nachhinein irritiert, ist, dass Ria und Papi zwar wollten, dass wir uns wie Geschwister verhalten, uns aber nicht streiten liessen wie Geschwister. Immer ging gleich jemand dazwischen. Ria: Ich kann mich nicht daran erinnern. Lea: Das empfand ich ähnlich. Ich ver­ krampfe mich heute noch, wenn es Konflikte gibt. Wir haben nicht gelernt zu streiten. Ria: Unsere Töchter sind zwar Scheidungs­ kinder. Dennoch sind alle fünf in lang­ jährigen Beziehungen, was mich freut. MM

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26 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

Kindermedizin

Den Kleinsten geht es immer besser

11

In der Schweiz nimmt die Säuglingssterblichkeit seit Jahrzehnten ab. Mit ein Grund dafür sind bessere Behandlungsmöglichkeiten und neue Erkenntnisse bei der Betreuung von Neugeborenen.

16

Text: Peter Aeschlimann

14 12 10 8 6

Säuglingssterblichkeit Rate pro 1000 Lebendgeburten

4 2 0 1969

1975

1980

1985

1990

1995

2000

2005

2010

2014

Quelle: BFS – Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung (BEVNAT)

S

eit den 1970ern hat die Säuglingssterblichkeit in der Schweiz um rund 75 Prozent abgenom­ men. Starben 1969 knapp 16 von 1000 Neugeborenen im ersten Lebensjahr, waren es 2014 noch 4. In den letzten 20 Jahren hat sich die Reduktion der Ster­ berate allerdings verlangsamt. Mehr als die Hälfte der Todesfälle hat direkt mit Schwangerschaft oder Geburt zu tun: vorzeitiger Blasensprung, Entzündung der Gebärmutter, Frühgeburt oder Atemnot. 1990 starben noch 17 Prozent der Säuglinge am plötzlichen

Kindstod. Gemäss Bundesamt für Statistik sind es heute noch 3 Prozent. Dies, seit die Säug­ linge nicht mehr auf dem Bauch schlafen. Das höchste Risiko, als Kind zu sterben, besteht in der ersten Lebenswoche, mehr als die Hälfte der Todesfälle im ersten Lebensjahr ereignet sich innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt. «Das Sterberisiko ist ganz eindeutig mit sozio-ökonomischen Bedingungen verknüpft», sagt Rolf Temperli vom Verband der Schweizer Kinderärzte. Armut als Krankheitsrisiko sei für eine höhere Sterblichkeit

mitverantwortlich. Eine bessere Gesundheit und Ausbildung der Mütter verbessere die Lebens­ chancen des Kindes. Bessere Impfstoffe

Neben den gesellschaftlichen Aspekten spielen aber auch die medizinischen Errungenschaf­ ten eine gewichtige Rolle. Etwa die verbesserten Vorsorgeunter­ suchungen (z. B. Ultraschall), das Neugeborenen­Screening, bei dem angeborene Erkrankun­ gen erkannt werden, und ver­ besserte Möglichkeiten, diese zu behandeln. Dank verbesserter Impfstoffe können heute infek­

tiöse Krankheiten verhindert werden. So sind die noch vor kurzer Zeit sehr gefürchteten und nicht selten tödlich enden­ den Kehlkopfdeckel­Entzün­ dungen verschwunden. Viele vormals meist tödlich verlau­ fende bösartige Krebserkran­ kungen können heute erfolg­ reich behandelt werden. Ebenfalls zur positiven Ent­ wicklung beigetragen haben Optimierungen bei der Ernäh­ rung, das Fördern des Stillens und regelmässige Kontrollen. Auch sind Ärzte und Spitäler heute besser erreichbar als in früheren Zeiten.  MM


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 29

14 Modenamen

Redaktor Peter Aeschlimann (38)

über ein schulisches Wunder Schulfreier Samstag

12

Wie nasses Stroh Früher, liebe Schüler, war es ja so: Da schrillte der fiese Wecker auch am Samstagmorgen – und flog darauf nicht selten in hohem Bogen durchs Kinderzimmer. Es half nichts. Man musste auf, raus aus dem Bett, ab in die Schule. Gerade im Winter war das ziemlich hart. Schlaf­ trunken tastete man sich durchs noch stockfins­ tere Haus zum Badezimmer vor. Unter der Dusche ein Fluch auf die 6­Tage­Woche: «Ja sind wir denn Sklaven! Wann, zum Teufel, schaltet sich die Vormundschaftsbehörde ein?» Der Samstag­ vormittag gehöre den Eltern, hiess es immer. In Ruhe gemeinsam einkaufen gehen könnten sie dann, etwas für sich unternehmen oder einfach mal ausschlafen – eine kleine Pause im Erziehungs­ alltag halt. Doch was war mit den Lehrern? Hatten die keine Partner, kein Schlafmanko, keine Einkäufe zu erledigen? Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, fand man, und zottelte trotzdem los. Woche für Woche, fast bis zur Matura. Selbstredend war das nicht nur für uns Schüler eine Qual – gelitten haben auch die Lehrer. Be­ sonders dann, wenn am Freitagabend, und das war nicht selten der Fall, irgendwo in einer Wald­ hütte oder einem Pfadiheim ein rauschendes Fest gefeiert wurde. Vor einer Stunde hatten wir zum zweiten Mal den Dancefloor feucht aufgenommen und die letzten Bierflaschen entsorgt, jetzt läutete

bereits die Glocke. «Mit einer Fahne in die Schule? Skandal!», fand einer unserer Väter. Doch das war uns egal. Nicht so dem Deutschlehrer, der sich beim Rezitieren des «Urfausts» in der ersten Lek­ tion am Samstagmorgen einmal angewidert von der Partyfraktion im Klassenzimmer abwendete: «Ihr seyd ia heut wie nasses Stroh!» Schlimmer wars nur, das belegten die Noten zwei Wochen später stets ganz deutlich, wenn eine Physik­ prüfung angesetzt war. Etwas besser vielleicht, wenn Singen oder Zeichnen auf dem Stundenplan stand: An Samstagen waren wir definitiv kreativer. Natürlich war das auf Dauer kein Zustand. Auch wenn die Eierbrötli und der Eistee in der Kantine nach einer feuchtfröhlichen Feier jeweils am bes­ ten schmeckten. Und siehe da, irgendwann Ende der Neunziger, geschah das Wunder: Der Samstagmorgen wurde endlich schulfrei. Wir ver­ buchten es als Sieg unseres pubertären Ungehor­ sams. In Wahrheit war die Zeit einfach reif: Die Primarschulen stellten auf den 5­Tage­Rhythmus um, deshalb zog man an den Gymnasien nach.

Und während für die Arbeiterbewegung die flächendeckende Einführung der 5-Tage-Woche in den 60er­Jahren eine sozialpolitische Errungen­ schaft war, hatten wir Oberprimaner rund 40 Jah­ re später nun einfach einen Grund mehr, freitags noch härter zu feiern. MM

Smartphones, Tablets & Co.

Mehr Ferien für die Eltern, iPad sei Dank!

Illustration: Grafilu

13

«Und Wi-Fi gibts auch, ja?» Bleischwer hing die Frage im Raum. Und je mehr Zeit verstrich, desto mehr verdüsterte sich Marcs (12) Gesicht. Martina (9) starrte zu Boden; ein paar Sekunden noch, und das Loch im Parkett hätte gigantische Ausmasse angenommen. An alles hatten wir gedacht. Um dem Planungsfiasko des vergange­ nen Jahres vorzubeugen, buchten wir das Häuschen bereits sechs Monate

vorher online. An nichts sollte es der Patchworkfamilie und den zwei mit­ reisenden Schulfreunden mangeln. Die niedliche Finca in den Pyrenäen bot alles, was das Herz begehrt: einen Grillplatz, Umschwung ohne Ende, einen kleinen Pool. Und gleich um die Ecke: zerfallende Burgen, einen See, ein Museum, in dem dank High­End­ Szenografie Erdbeben simuliert wer­ den können. Aber Wi­Fi? Daran hat­ ten wir nicht gedacht – obwohl iPads

und Smartphones längst zum Fami­ lienalltag gehören. Natürlich gamen die Kinder oft. Aber nicht nur. Marc macht mit dem iPad auch Hausauf­ gaben. Martina liebt YouTube und ist geradezu vernarrt in Dokufilme. Ein Blick in die Onlinebuchung zeigte: Glück gehabt! Es gab Wi-Fi. Ein paar Monate später hatten alle viel Spass an der frischen Luft – und die Eltern, iPad sei Dank!, auch mal ein paar Stunden ganz für sich. Remo Leupin

Die Auswahl ist bunter geworden

Deutschschweiz 2014 Buben Mädchen 1. Noah Mia

2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

Leon Luca Levin David Elias Julian Tim Leandro Ben

Lara Emma Laura Anna Sara Lea Leonie Elena Lina

Deutschschweiz 1987 Buben Mädchen 1. Michael Sandra 2. Daniel Nicole 3. Stefan Sabrina 4. Simon Andrea 5. Thomas Stefanie 6. Marco Melanie 7. Andreas Martina 8. Pascal Sarah 9. Christian Daniela 10. Patrick Fabienne Quelle: BfS

Vorsicht bei der Namenswahl

Im Zweifelsfall sollten sich Eltern lieber für Klassiker wie Peter oder Maria entscheiden, als sich mit einem ausge­ fallenen Kindernamen ein Denkmal zu setzen: Menschen mit häufigen Namen wird eher ge­ holfen als anderen. Das funktioniert aber nicht immer. Dank Kevin Costner und «Kevin – Allein zu Haus» führte der Name Kevin 1991 mit 1044 Neugeborenen die Schweizer Top Ten an – leider: Gemäss einer Studie von 2009 asso­ ziieren deutsche Lehrer den Namen mit Leis­ tungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit. Denn Modenamen, so nimmt man an, werden mit Vorliebe in sozial tie­ fen Schichten vergeben. Hierzulande gab es dazu keine Untersuchung, aber 2014 nur noch 61 Kevins. Yvette Hettinger


15 FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 31

KESB

«Wir konnten vielen Menschen helfen» Keine Behörde lieferte in den letzten Jahren so viele negative Schlagzeilen wie die KESB. Dabei kommt die Arbeit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde allen zugute, die in Not sind, sagt Michael Allgäuer.

Bild: Dominique Meienberg

Text: Anne-Sophie Keller

Michael Allgäuer, wie haben Sie das letzte Jahr erlebt? Unsere KESB, die für die ganze Stadt Zürich zuständig ist, hat rund 1100 Massnahmen für Kinder und Erwachsene angeordnet. Wir konnten vielen Menschen helfen und sie in schwierigen Situationen unterstützen. Das freut mich sehr.

mit Finanzen und Administration überfordert sind, oder psychisch kranke Personen schätzen die Unterstützung, die wir ihnen mit Beistandschaften gewähren können. Durch die aktuellen, kritischen öffentlichen Diskus­ sionen ist die Bevölkerung allerdings teilweise verunsichert.

Wie gestaltet sich die Arbeit mit unterstützungsbedürftigen Menschen? Bei den betroffenen Personen und ihren Angehörigen haben wir im Allgemeinen eine hohe Akzeptanz. Zum Beispiel ältere Menschen, die

Wie gehen Sie mit der Kritik an der KESB um? Nur ein kleiner Teil unserer Arbeit wird in der Öffentlichkeit wahr­ genommen und diskutiert. Diese Diskussionen sind wichtig, können unsere Arbeit aber belasten.

Inwiefern? Weil wir teilweise das Misstrauen unserer Behörde gegenüber spüren. Dies macht es in einigen Fällen schwieriger, zusammen mit den Betroffenen und ihren Ange­ hörigen die richtige Unterstützung zu bestimmen.

Welches sind die grössten Herausforderungen der Zukunft? Akzeptanz, Verständnis und Kooperation sind zentral für eine erfolgreiche Arbeit mit den Betrof­ fenen. Daher müssen wir auf eine allgemeine Stärkung des Vertrau­ ens in die KESB hinarbeiten. MM

Michael Allgäuer (49), Präsident der KESB Zürich.

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Was war Ihre liebste Samstagabendkiste?

FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 33

Migmag.ch/ umfrage

Ritalin: chemische Keule gegen Hyperaktivität

Ritalin

17

Eine Pille für den Frieden

16

In den 60er-Jahren brauchte es nicht viel Überredungskunst, um die Kinder in die Stube zu locken. Familienfernsehen

Modernes Lagerfeuer Einst traf sich die ganze Familie vor der Flimmerkiste. Youtube, Netflix und Co. haben dem gemeinsamen TV-Abend den Garaus gemacht.

Bilder: Kurt Roehrig/Keystone, Science Photo Library/Keystone

Text: Andrea Freiermuth

A

ls das Fernsehen vor rund fünfzig Jahren in die Schweizer Stuben einzog, funktionierte es noch wie ein neuzeitliches Lagerfeuer: Es brachte Jung und Alt in trauter Verbundenheit zusammen – etwa zu «Was bin ich?», jenem heiteren Beruferaten mit Robert Lembke. Klar gab es manchmal Streit um das Programm. Aber die Auswahl war nicht gross, und um den Kanal zu wechseln, musste man noch aufstehen. Und überhaupt: Artete die Diskussion aus, sprach der Vater einfach ein Machtwort. In den 80er-Jahren kamen die Privat-TVSender auf, und manche Haushalte besassen mehr als ein Fernsehgerät. Doch mit grossen Samstagabendkisten gelang es dem Fernsehen nach wie vor, die Generationen auf dem Sofa zu vereinen. Legendär war etwa

Als Leandro Panizzon 1944 gegen seine Frau Rita beim Tennisspiel plötzlich unter die Räder kam, wusste der Ciba-Angestellte: Es wirkt! Das Amphetaminderivat Methylphenidat (MPH), das er als Erster synthetisiert hatte, war leistungssteigernd: die Geburtsstunde des Ritalins. Heute wird MPH als Aufputschmittel, Droge und Medikament verwendet. Studenten kaufen die Pille, die sie durch die Prüfungen bringen soll, auf dem Schwarzmarkt ihrer Uni. Eltern lassen sich das Mittel für ihre hyperaktiven Sprösslinge vom Arzt verschreiben. Und das nicht zu knapp: zwischen 1999 und 2013 stieg der Konsum von Ritalin um sagenhafte 800 Prozent. Für viele Eltern und Kinder bedeutet das Medikament ein paar Stunden Frieden. Kritiker zweifeln, ob es sich bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung überhaupt um eine Krankheit handelt. Sie bemängeln, dass die Diagnose gerade bei Kleinkindern zu oft und zu früh gestellt werde. 2013 machte der Arbeitgeber des inzwischen verstorbenen Leandro Panizzon, der heute Novartis heisst, weltweit knapp 600 Millionen Franken Umsatz mit seinem Ritalin. Peter Aeschlimann

«Wetten, dass ..?». Wir Kinder fanden das Gelaber von Thomas Gottschalk zwar ziemlich langweilig, und auch die Prominenten interessierten uns nicht sonderlich. Dafür fieberten wir bei den Wetten umso mehr mit. Erst recht bei der Kinderwette, die ab 2001 das Format der Sendung komplettierte. Der Dinosaurier unter den Quizshows wurde im vergangenen Jahr eingestellt. Überlebt haben günstigere Formate wie «Deutschland sucht den Superstar» oder «Wer wird Millionär?». Die Hochzeit des Familienfernsehens ist aber definitiv vorbei: Kinder und Jugendliche nutzen lieber Youtube, Netflix oder Zattoo. Immer und überall. Aber egal: Ein Ausflug in den Wald und ein echtes Lagerfeuer ist pädagogisch sowieso viel wertvoller – und kann die Kids auch heute noch begeistern. MM


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 35

18

Neue Wohnformen

Illustration: VectorStock

Die Zeiten sind schnelllebig, die Möglichkeiten unbegrenzt. Das hat auch konkrete

Auswirkungen darauf, wie wir wohnen wollen. Heute Wohngemeinschaft, morgen Patchwork-Haushalt. Innovative Architekten arbeiten an der Stadtwohnung der Zukunft. Diese muss flexibel sein und sich ohne viel Aufwand den wechselnden Bedürfnissen seiner Bewohner anpassen können. Das Problem: Der Platz in den Innenstädten wird knapper, erst recht seit das urbane Leben wieder in Mode gekommen ist.


36 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

Architektur

Wandelbare Wohnungen

Klassische Familienwohnungen werden den Lebenskonzepten der heutigen Generation nicht mehr gerecht. Der Platz in den Innenstädten wird knapper. Im Trend sind Cluster-Wohnungen mit flexiblen Grundrissen, die sich an den sich ständig ändernden Bedürfnissen ihrer Bewohner orientieren. Text: Peter Aeschlimann

kurze Phase im Leben. Die Kunst sei es, einen Grundriss zu finden, der auch dann noch Sinn ergebe, wenn die Kinder älter werden und schliesslich ausziehen. Flexibilität ist das Stichwort. Gesucht ist also eine Wohnung, die man als Single bezieht, für den Paarhaushalt taugt, dem Kinderwunsch nicht im Weg steht und im Alter genügt. Eine WG für Individualisten

Eine Möglichkeit, verschiedene Lebensentwürfe oder -umstände in vier und ein paar Wänden mehr unterzubringen, ist die sogenannte Cluster-Wohnung, quasi eine WG für Individualisten: Jeder Bewohner hat ein Zimmer als persönliches Rückzugsrevier, ausgestattet mit einer kleinen Nasszelle und einer Kochnische. Daneben gibt es ein grosszügig bemessenes Wohnzimmer und eine Küche, die von allen gemeinsam genutzt werden. Cluster, da sind sich Architekten und Soziologen einig, sind die Zukunft der modernen Städte. Sie ermöglichen verdichtetes Bauen ohne Einbussen bei der Wohnqualität. «Dafür braucht es allerdings die Bereitschaft, sich begegnen zu wollen», sagt Vera Gloor, die an der Zürcher Langstrasse mehrere Cluster-Wohnungen realisiert hat.

Besonders geeignet als Basis für Cluster-Projekte ist ausgerechnet eine Gebäudeform, die vor rund hundert Jahren in Verruf geraten ist: der Blockrand. In der Gründerzeit waren diese vier- bis sechsstöckigen Häuser, die direkt an die Strassen grenzten, die Antwort auf die akute Wohnungsnot in den rasant wachsenden Städten. Die Kleinteiligkeit der Wohnungen und die bis auf Bad und Küche undefinierten Räume bieten ambitionierten Architekten wie Vera Gloor praktisch unlimitierte Umbaumöglichkeiten. Aus der klassischen 3-Zimmer-Kleinfamilienwohnung mit Baujahr 1900 wird eine zeitgemässe Loftwohnung, aus zwei oder drei zusammengeschalteten Wohnungen ein Cluster für alleinerziehende Mütter, eine Studentenoder Alters-WG. Wer es sich in den 20er- und 30er-Jahren leisten konnte, kehrte dem Lärm und Dreck in der Stadt den Rücken. Viele träumten von einem Häuschen auf dem Land. Architekten wie Le Corbusier entwarfen freistehende «Wohnmaschinen» mit viel grünem Umschwung an den Stadträndern. So entstanden bis weit in die 90er-Jahre Grundrisse, die heutigen Ansprüchen an das

Moderner Blockrand: Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich zeigt, wie attraktiv Verdichtung sein kann. In die Höhe bauen, mit viel grünem Umschwung: Le Corbusiers «Unité d’Habitation» in Marseille, realisiert im Jahr 1947. Bilder: Michael Egloff, Samuel Zuder/Laif/Keystone

M

armor, Stein und Eisen bricht», sang Drafi Deutscher Mitte der 60er-Jahre, allein die Liebe habe Bestand. Heute wissen wir: Der Mann hatte sich geirrt. In der Schweiz wird fast jede zweite Ehe geschieden. Die Realität ist das Gegenteil von Drafi Deutschers Evergreen. Die Liebe macht sich aus dem Staub, zurück bleibt nicht selten ein halb leeres Haus: Marmor, Stein und Eisen. Eine liberale Gesellschaft, die niemanden mehr ächtet, dessen Vermählung schon vor dem Tod ein Ende findet, ist eine gute Sache, keine Frage. Aber sie macht das Leben auch komplizierter. Nicht zuletzt für Architekten, die seit jeher Antworten finden müssen auf gesellschaftliche Veränderungen. Gefordert sind etwa Wohnungen, die sich mit geringem Aufwand an die flexiblen Bedürfnisse ihrer Nutzer anpassen lassen – getreu dem Motto «Nachhaltigkeit statt Abrissbirne». Eine, die sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt, ist die Zürcher Architektin Vera Gloor. Sie sagt: «Die typische Familienwohnung ist überholt.» Die Zeit, in der einem der Nachwuchs am Rockzipfel hänge, sei eine verhältnismässig


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 37

Make-up Tutorial

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Ein Tag, zwei Looks – das neue Superduo von COVERGIRL Das neue COVERGIRL Superduo bietet jeder Frau die perfekten Utensilien, um im Handumdrehen den Make-up Trend von 2016 umzusetzen – unwiderstehlich glänzende Lippen und ein voluminöser Augenaufschlag. Und so funktioniert‘s: •

Schritt 1: Tauchen Sie die Blast-Bürste in die Mascara ein. Bewegen Sie die Bürste nicht auf und ab, denn so entstehen Luftblasen, die Ihre Mascara austrocknen können. Tragen Sie zwei Schichten Mascara in Zick-Zack-Bewegungen auf den oberen Wimpernkranz auf und achten Sie dabei besonders, dass die Wimpernenden gut getuscht sind. • Schritt 2: Tragen Sie dann den neuen Jumbo Gloss Balm Sheers grosszügig von innen nach aussen auf die ganzen Lippen auf. Und so wird der dezente Tageslook zum ausdrucksstarken Abendlook: • Schritt 3: Ziehen Sie Ihr Lid mit den Fingern glatt nach oben. Zeichnen Sie mit dem Perfect Point Plus Eyeliner vom inneren Augenwinkel dem Wimpernansatz entlang kleine, miteinander verbundene Striche. Bleiben Sie dabei ganz nahe beim Wimpernansatz. Tragen Sie noch eine Schicht Mascara, auch auf Ihren unteren Wimpernkranz, auf und betonen Sie Ihre Lippen mit dem neuen Jumbo Gloss Balm Creams in einer starken Statement-Farbe. Fertig ist der Look! Gewinnen und selber ausprobieren! Gewinnen Sie ein Superduo bestehend aus der LashBlast Volume Mascara und dem neuen Jumbo Gloss Balm Creams oder Sheers auf www.migrosmagazin.ch.

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FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 39

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Das Glück ist eine 3-Zimmer-Wohnung: typische Kleinfamilie in den 60er-Jahren.

Wohnen nicht mehr genügen: zu kleine Räume, zu tiefe Decken, zu starre Nutzungsmöglichkeiten. «Das Kleinfamilienbild aus den 60ern ist beengend», sagt Gloor. «Dieses Ideal hat den Bau von Wohnungen gefördert, mit denen man heute nichts mehr anfangen kann.» Dass der Blockrand im 21. Jahrhundert eine Renaissance erlebt – zu beobachten etwa bei der neuen Siedlung Kalkbreite in Zürich –, ist auch auf die wiedererwachte Popularität der Städte zurückzuführen. Die Menschen wollen heute am selben Ort wohnen, arbeiten und ausgehen. Um aber mehr Menschen aufnehmen zu können, braucht es in den Zentren Verdichtung. Digitalisierung und Sharing Economy beschleunigen diesen Trend. Für viele befindet sich das Büro heute dort, wo der Laptop und das Smartphone stehen. Ein Auto ist dank gut ausgebauter ÖV-Angebote und Dienstleistungen wie Mobility kein Muss mehr für den Städter. Weniger Büro- und Strassenflächen bedeuten mehr Platz fürs Wohnen. Ein Wohnen, das heute mehr denn je von Schnelllebigkeit und sich verändernden Lebensumständen geprägt ist. Marmor, Stein und Eisen sind 2016 beständiger als Familienstrukturen. Diesem Umstand muss die moderne Architektur gerecht werden. MM

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40 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

19 Volontärin Anne-Sophie Keller (26) über ihr Jahr bei einer Westschweizer Familie und die Entdeckung des Verantwortungsgefühls

Au-pair-Einsatz

Zähmung einer Widerspenstigen Im Sommer 2005 überquerte ich als 15-Jährige voller Vorfreude auf die neue Freiheit den Röstigraben, um im schicken Genfer Ort Cologny als «jeune fille au pair» zu arbeiten. Die Kinder der Gastfamilie waren damals fünf, sieben, zehn und zwölf Jahre alt und unglaublich gut erzogen. Und vom internationalen Genf war ich als Thuner Meitschi von Anfang an begeistert: Ich hatte den Lottosechser gezogen! Mittags ass ich zusammen mit den Kindern, ihren Freunden und der Gast­ mutter Marie­Laure, die teilweise von zu Hause aus arbeitete. Meine Arbeit begann meistens am Nachmittag. Ich brachte die

Kinder zur Schule und sorgte mit den Eltern dafür, dass der Freizeitplan, beste­ hend aus Fussball, Ballett, Musikunterricht und Solfège, der Tonlehre, eingehalten wurde. Danach erledigte ich kleinere Haus­ haltsaufgaben und bereitete das Abend­ essen zu – teilweise regelrechte Fest­ schmäuse aus der «Elle Cuisine». Meine Aufgaben empfand ich nie wirklich als Ar­ beit. Ich war keine Angestellte, sondern ein Teil der Familie und ihres Alltags. Diese Regelmässigkeit tat mir, dem damals rotzigen Teenager, wahnsinnig gut. An vier Tagen pro Woche besuchte ich morgens die Didac-Schule, um mein Fran­ zösisch auf Vordermann zu bringen, weitere Schulfächer zu repetieren und meine Au­pair­Freundinnen zu treffen. Die Aus­ gehzeit begrenzten meine Mutter und die Gastfamilie auf 23 Uhr. Fernab von der müt­ terlichen Autorität konnte ich endlich frei sein. Meine Gasteltern waren jedoch streng genug, um mich meine Freiheiten nicht zu sehr ausreizen zu lassen – der Widerspens­ tigen Zähmung war in vollem Gang.

Ich lernte, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für vier Kinder und tägliche Mahlzeiten, sondern auch für mich selbst. In die Romandie zurück­ gezogen hat es mich immer wieder: als Journalistin nach Lausanne oder öfter als Besucherin nach Genf. Die Seepromenade und das internationale Flair begeistern mich jedes Mal. Der Kontakt zur Familie hingegen ist wie bei den meisten Au­pairs irgendwann abgeflacht. Im vergangenen Jahr, zehn Jahre später, war ich zufälligerweise in der Gegend und entschloss mich zu einem spontanen Besuch. Als der Zweitälteste die Tür öffnete, erkannte er mich erst nicht. Doch bei Ludmilla, dem einzigen Mädchen in der Familie, war der Fall klar: «Maman, c’est la jeune fille!», rief sie. Drinnen sah noch alles gleich aus: Ich kannte jede Ecke des Hauses und jede Narbe der Kinder. Doch nicht nur die Familie steht mir immer noch nahe: Mit zwei meiner Au­pair­Freundin­ nen von damals plane ich derzeit meine nächsten Sommerferien. MM

Illustration: Grafilu

Man kann nicht sagen, dass ich ein einfacher Teenager war. Also beschlossen ich und meine Mutter nach der obligato­ rischen Schulzeit einstimmig, dass uns beiden etwas Distanz wohl guttun würde. Zudem hatte ich es mit der Berufswahl und dem Erwachsenwerden nicht gerade eilig. Schliesslich entschied ich mich, ein Au­pair­Jahr in Genf zu verbringen.


21

FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 41

Pro Juventute Wer hat als

Kind nicht auch Briefmarken von Pro Juventute verkauft und so beim Klingeln von Haustür zu Haustür die Nachbarschaft kennengelernt? Noch immer kommt der Erlös Kindern und Jugendlichen in der Schweiz zugute.

Circus Knie Der vor bald einmal

100 Jahren gegründete Schweizer National-Circus hat die Freizeit von mehreren Familiengenerationen geprägt. Inzwischen sind die berühmten Elefantennummern des Familienbetriebs Geschichte.

20

22

Super-8 Irgendwann im Frühling 1965 – ein

paar Wochen, bevor das fünfte Album der Beatles («Help») erscheint – kommt BeweBewe gung ins Familienalbum. Mit der einfach zu bedienenden Super-8-Kamera können stolze Papis und Mamis endlich die ersten Schritte des Sprösslings festhalten, das GeburtstagsGeburtstags fest, die Ferien am Meer. Das Aufkommen der Camcorder in den 80ern bedeutet das vorläufige Ende der Kultkamera. Die RetroÄsthetik hat aber immer noch viele Anhänger. Im Herbst dieses Jahres will Hersteller Kodak das Format Super-8 mit einer neuen Kamera wiederbeleben.

Bilder: Walter Bieri/Keystone, iStockphoto, PD

23

Frauenhäuser 1977 wurde in Zürich einge die erste Notunterkunft eingerichtet. 2012 suchten 2067 Frauen und Kinder Zuflucht in einem Plät Frauenhaus. 2014 sollen 4000 Plätze gefehlt haben. 20 Prozent aller Frauen sind in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen. 164 Millionen Franken pro Jahr sind die Folgekosten.


42 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

Gerechte Frauenlöhne

24 Wie viel verdienen Sie?

Soziologin und alt SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot (74)

findet es sehr stossend, dass trotz Gesetz Frauen noch immer weniger verdienen als Männer.

Lohndiskriminierung entsteht laut Stu­ dien nicht erst im Verlauf des Erwerbs­ lebens, sondern bereits bei Beginn. Die Jungs steigen lohnmässig höher ein, auch bei gleicher Schulkarriere und Ausbildung. Das ist ganz klare Diskriminierung. Sagen wir es noch deutlicher: Die Frauen werden von ihren Arbeitgebern(­innen) bestohlen, und es gibt kein einziges, weder wirtschaft­ liches noch soziales Argument, um diese Diskriminierung zu rechtfertigen. Lohn­ diskriminierungen sind längst einklagbar. Als Politikerin habe ich die Lohnklage der Kindergärtnerinnen im Kanton Bern begleitet, es war ein jahrelanger, energie­ raubender Prozess, der mehrmals unse­ ren Glauben an einen gerechten Staat erschütterte. Die Klage wurde teilweise anerkannt – ein kleiner Schritt vorwärts!

Schlimm ist, dass wir als Gesellschaft mutwillig unsere eigenen Gesetze verlet­ zen. Zwar führen die Forderungen nach Lohngleichheit oft zu politischen Aktionen und Streiks. Es gibt auch bereits Instrumen­ te, mit denen Lohndiskriminierungen nach­ gewiesen und korrigiert werden können. Mit parlamentarischen Vorstössen sollen Lohndiskriminierungen noch effektiver be­ kämpft werden können. Im November des letzten Jahres wurde die Vernehmlassung zur Revision des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann eröffnet, die Lohndifferenzen sind dabei eine zentra­ le Frage. Gefordert werden noch griffigere Kontrollinstrumente, mit denen Unterneh­ men, ihre Lohnsysteme auf Diskriminie­ rung überprüfen können. Einige leugnen zwar ungerechte Lohndifferenzen weiter­ hin. Andere bemühen sich aber, diese aus­ zuräumen, manche aus sozialer Verantwor­ tung und weil öffentlich wohl niemand mehr

ungerechte Lohndifferenzen zwischen Frauen und Männern gutheissen kann.

Diskriminierung existiert in allen Gesell­ schaften. Wenn wir diese aber wirklich beseitigen wollen, müssen wir noch andere gesellschaftliche Hausaufgaben lösen. Noch immer stecken wir in der Schweiz in einem patriarchalen Strukturgefängnis. Unsere Arbeitswelt ist trotz langsamer Veränderun­ gen noch immer geprägt von typischen Frauen­ und Männerberufen und damit zusammenhängenden ungerechtfertigten Lohnunterschieden. Auch wenn dies ein al­ ter Hut ist: Arbeitszeiten, Karrieremöglich­ keiten im Berufsleben, Zuteilung der Kin­ der­ oder Angehörigenbetreuung und selbstverständlich die Wertschätzung über die beruflichen Tätigkeiten sind noch im­ mer männlich geprägt. Auch wenn sich die Strukturen und damit die Verhaltensweisen langsam verändern, auch wenn es Haus­ männer, Kindergärtner und entschieden mehr männliche Pflegende gibt – die Welt orientiert sich noch immer am Mann – und das ist für uns Frauen ziemlich anstrengend.

Diskriminierungen verletzen den Arti­ kel 2 der Menschenrechtskonvention. Im Aktionsplan zur «Gleichstellung von Frau und Mann», der 1995 von einer interdepar­ tementalen Arbeitsgruppe im Rahmen eines Menschenrechtsdiskurses erstellt wurde, heisst es, dass «… namentlich die Lohngleichheit und die Vereinbarkeit von familialen, sozialen und beruflichen Tätig­ keiten» für die Frauen verbessert werden müssen. Davon sind wir noch weit entfernt. Lohndiskriminierungen sind auch wirt­ schaftliche Fallen. Den Frauen fehlen die vorenthaltenen Lohnsummen. Viele sehen sich gezwungen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, denn es ist nicht egal, ob Ende Jahr 3000 Franken weniger auf dem Lohn­ konto liegen. Ausserdem – wohin fliessen die Millionen, die den Frauen entzogen werden? Zu den Aktionären, in Gewinne, in nutzlose Investitionen? Der berühmte «Zahn der Zeit» nagt an den Lohndiskriminierungen – sicher. Aber wer eine redliche, gerechte Gesell­ schaft will, muss nachhelfen, hinstehen, laut werden. Und vergessen Sie nicht, morgen mit Ihren Kollegen(­innen) über ihre Löhne zu diskutieren, Zahlen einzu­ fordern. Das ist unbeliebt, aber dringend notwendig! MM

Illustration: Grafilu

Der noble Grundsatz, dass «Frauen und Männer den gleichen Lohn für gleichwer­ tige Arbeit» erhalten sollen, ist seit Jahr­ zehnten in der Verfassung und im Gleich­ stellungsgesetz verankert. Die Realität ist anders: Noch immer verdienen Frauen durchschnittlich zwischen 6 und 30 Pro­ zent weniger als ihre männlichen Arbeits­ kollegen. Ein Teil der Lohndifferenz kann mit Faktoren wie Ausbildung oder beruf­ liche Position erklärt werden. Rund 40 Prozent der Lohnunterschiede sind jedoch nicht erklärbar und somit diskriminierend. Er ergibt bei einem durchschnittlichen Lohn eine Verlustsumme von rund 280 Franken pro Monat zulasten der Frauen.


Babyhygiene

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FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 43

In Winde(l)seile gewickelt Dank des Pioniergeists einer Amerikanerin haben Eltern weniger Wäsche und Babys keinen wunden Popo mehr: Mit der Erfindung der Einwegwindel in den 1950erJahren ist der Familienalltag ein gutes Stück bequemer und trockener geworden. Text: Reto E. Wild

Illustration: Matthias Schütte

Die amerikanische Architektin Marion Donovan wollte sich und allen Müttern die Arbeit des Wickelns erleichtern und für mehr Hygiene sorgen. Bereits 1946 nähte sie aus Duschvorhängen Überhosen, die sie dem Kind über die Stoffwindeln zog. Später machte sie sich daran, eine Wegwerfwindel zu entwickeln, die gut sitzt und dicht sein sollte.

Donovan erfand eine Einwegwindel aus Papier, die keinen Ausschlag verursachte. Dafür bekam sie 1951 ein Patent. Ihre Erfindung bot sie mehreren Firmen an – die aber kein Interesse zeigten. Das grosse Geld machte ein Industrieriese, der Donovans Idee zehn Jahre später aufgriff. Die heutige Variante wiegt rund 50 Gramm und kann das 30- bis 40-Fache ihres Gewichts aufsaugen.

Mit Wegwerfwindeln produzieren Eltern einen Abfallberg von rund einer Tonne pro Kind. Bis die Windeln verrotten, dauert es mindestens 200 Jahre. Die Stoffvariante hingegen verursacht – selbst in einer sparsamen Waschmaschine – einen Wasserverbrauch von über 20 000 Litern pro Kind. Das zeigt eine Studie des britischen Umweltamts.

Ein Kleinkind wird während seiner Windelphase durchschnittlich 4500-mal gewickelt. Die Windelkosten sind laut Stiftung Warentest mit rund 3000 Franken zu veranschlagen. Zumindest in unseren Breitengraden: In China beispielsweise trägt der gesamte Nachwuchs meist Schlitzhose statt Windeln.


Thomas Friemel Thomas Friemel, weshalb ist WhatsApp bei der Jugend so beliebt? Einerseits wegen der einfachen Registrierung und Vernetzung mit bestehenden Kontakten. Andererseits wegen der grossen Verbreitung. Die App ist zu einem Standard geworden – wer sie nicht nutzt, schneidet sich quasi selbst vom Kommunikationsfluss ab. War das mit SMS nicht mal genauso?

Aber im Unterricht dürfte WhatsApp stets den Reiz erhöhen, zum Smartphone zu greifen, statt aufzupassen, nicht? Der Reiz, sich ablenken zu lassen, ist sicher da. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigte, dass Messenger­Dienste wie WhatsApp von 94 Prozent der Schweizer Jugendlichen täglich oder mehrmals pro Woche genutzt werden. Fragt man nach der beliebtesten App, kommt WhatsApp auf doppelt so viele Nennungen wie Facebook oder Instagram. Und wie sollten Lehrer damit umgehen, wenn ihr Unterricht dadurch gestört wird?

SMS hatte auch mal eine marktbeherrschende Stellung, war aber in vielen Aspekten eingeschränkt. Es diente primär dem Austausch von kurzen Textnachrichten zwischen zwei Personen. WhatsApp bietet mehr Möglichkeiten: Man kann die Nachrichten an eine ganze Gruppe schicken und Bilder, Ton und Filme hinzufügen. Und ganz wichtig: alles zum Nulltarif.

Wie hat WhatsApp den Familienalltag verändert? WhatsApp wird zwar auch für den Austausch in Familien genutzt, dennoch hat das nicht zu fundamentalen Veränderungen der Kommuni­ kation und des Zusammenlebens geführt. Es ist nicht so, dass am Tisch nicht mehr geredet und nur noch geschrieben wird. Es gibt keine nennenswert neuen Probleme? Die wenigsten Kommunikationsmittel führen zu ganz neuen Problemen. Häufig bekommen altbekannte Probleme einfach ein neues Gesicht oder werden sichtbarer. Inwiefern ist das bei WhatsApp passiert? Vor Kurzem stellten Kollegen von der Uni Mannheim fest, dass jeder fünfte Jugendliche unter Kommunikationsstress leidet. Zentral sei dabei die Angst, vom Kommunikationsfluss der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Aber das ist eigentlich nichts Neues: Niemand wird gern von einer Gruppe ausgeschlossen. Neu ist, dass diese Angst mit einem Gerät oder einzelnen Diensten wie WhatsApp in Verbindung gebracht wird. Das macht das Problem sichtbarer.

Lehrer und Schulen haben bereits vor WhatsApp Wege finden müssen, mit der Handynutzung umzugehen. Das Spektrum reicht dabei von «soll den Unterricht nicht stören» bis hin zum Handyverbot auf dem gesamten Schulgelände. Müssen Eltern sich Sorgen machen, deren Kinder pausenlos am Handy hängen und texten? Alles kann irgendwann problematisch werden. Das gilt auch für die Handynutzung und ist keineswegs auf Kinder und Jugendliche beschränkt. Meist läuft sie in Phasen, und wenn eine intensive Nutzung besonders lange dauert, ernsthafte Konsequenzen mit sich bringt und nicht von selbst ein «natürliches» Korrektiv einsetzt, kann es durch­ aus angebracht sein, aktiv darauf Einfluss zu nehmen. Wie am besten? Bevor die Eltern etwas tun, sollten sie selbst gut informiert sein. Angebote findet man im Internet unter dem Stichwort Medienkompetenz zuhauf, bei klassischen Anlaufstellen wie der Pro Juventute, aber auch bei Unternehmen wie Swisscom. Zusätzlich ist wichtig, dass sich die Eltern untereinander austauschen. Da es sich oft um Gruppenphänomene handelt, ist man als Einzelner vielfach machtlos. MM

Hat es den Schulalltag verändert? WhatsApp dürfte auf den Schulalltag einen grösseren Einfluss haben als auf Familien. Die Kettentelefonlisten von früher braucht es nun nicht mehr, um den Ausfall von Stunden zu kommunizieren. Dies und vieles andere wird heute häufig über WhatsApp kommuniziert.

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Ein WhatsApp­Dialog zwischen Ralf Kaminski und Thomas Friemel (38), Profes­ sor für Kommunikations­ und Medienwissenschaft an der Universität Bremen und Leiter des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung (IaKom) in Zürich.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 47

27 Sackgeld In den 60er-Jah 60er-Jah--

ren freute man sich als Knirps über einTaschengeld von wöchentlich 50 Rappen und kaufte Cola-Fröschli, Kau Kau-gummizigaretten oder Tiki-Brausetabletten. Die WHO hat 2010 empfohlen, Kaugummizigaretten zu verbieten.

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Bilder: SBB, Fotolia, iStockphoto, zVg

Monopoly Spätestens, wenn der

Sohn zum zweiten Mal in Mutters Hotel in Zürich Paradeplatz einchecken muss, hängt der Haussegen schief. Kein Brettspiel hat mehr Konfliktpotenzial als das teuflische Monopoly aus den Dreissigern.

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SBB-Familienkarte Rigi, Verkehrshaus, Swiss Miniature: Der Sonntagsausflug gehört zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Bereits 1931 führten die SBB Taxvergünstigungen für Familien ein, Kultstatus erlangte aber erst die Familienkarte in den 80ern – dank der witzigen Werbung mit der sonntäglich herausgeputzten, zwölfköpfigen Grossfamilie. Seither reisen Schüler bis 16 in Begleitung eines Erwachsenen für 30 Franken ein Jahr lang im ÖV. Für Kinder bis 6 Jahre ist es seit jeher gratis.

30 Hobbys Eine Work-Life-

Balance gab es früher nicht, weil man schlicht kaum Freizeit hatte. Und wenn, dann arbeitete man im Garten oder polierte das Auto auf Hochglanz. Familien Familienaktivitäten bestanden aus Wandern, Velo Velotouren oder Gesell Gesellschaftsspielen. Heute können Kinder auch mal eigene Wege gehen.


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Flexible Arbeitszeitmodelle

Hans-Rudolf Castell, Leiter der Direktion Human Resources Management der Migros-Gruppe Hans-Rudolf Castell

«Familie und Beruf vereinbaren können» Hans-Rudolf Castell, das traditionelle Familienbild hat sich stark verändert, hält die Migros damit Schritt? In den letzten Jahrzehnten hat sich viel getan, vor allem was die Rolle der Frau anbelangt. Heute ist es für viele selbst­ verständlich, dass die Frau zum Familien­ verdienst beiträgt, und das verlangt nach Teilzeitstellen. So bemühen wir uns, flexible Modelle anzubieten, damit Fami­ lie und Beruf vereinbart werden können. Zudem unterstützen wir Lebensformen wie das Konkubinat oder Patchwork­ familien sowie eingetragene, gleich­ geschlechtliche Partnerschaften. Weshalb bietet die Migros attraktive Bedingungen für Eltern? Unser übergeordnetes Ziel ist eine hohe Arbeits­ und Lebenszufriedenheit unserer Mitarbeitenden. Die Familienphase ist eine Herausforderung, und deshalb ist es umso wichtiger, auf die spezifischen Be­ dürfnisse der Mitarbeitenden einzugehen. Gerade der Trend zur Teilzeitarbeit ist allgegenwärtig, nicht nur bei Mitarbeiten­ den mit Betreuungsaufgaben. Unsere Bemühungen sind honoriert worden: Die Rating Agentur Oecom hat die Migros 2015 unter anderem wegen der fort­ schrittlichen Arbeitsbedingungen zur nachhaltigsten Detailhändlerin ernannt. Wo liegen die Herausforderungen in der Familienpolitik der Migros? Wir haben über 50 verschiedene Berufs­ profile, vom Fleischfachmann über die Lastwagenführerin, vom Detailhandels­ fachmann zur Polydesignerin 3D. Für alle Mitarbeitenden gleichermassen attraktive Bedingungen zu schaffen, ist keine leichte Aufgabe. Doch konnten wir im aktuellen Gesamtarbeitsvertrag der Migros gerade die Themen der Familienpolitik noch vorbildlicher ausbauen (siehe rechts). Zudem können unsere Genossenschaften und die angeschlossenen Unternehmen ihren Mitarbeitenden weitergehende Massnahmen anbieten wie zusätzliche Familienzulagen, Beiträge an Betreuungs­ kosten, die Bereitstellung betriebseigener Krippenplätze oder Ähnliches.

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Mehr Zeit für die Liebsten

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist oft schwierig. Wenn aber Unternehmen wie die Migros dafür beispielhafte Bedingungen schaffen, gelingt es. Text: Anna-Katharina Ris

Bilder: Christian Schnur

Die Migros ist die grösste private Arbeitgeberin der Schweiz. Dies bedeutet eine besondere Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden. Gerade in der Familienphase sind die Bedürfnisse speziell, um Berufs- und Familienarbeit im Gleichgewicht zu halten. Mit fortschrittlichen Arbeitsbedingungen versucht die Migros, ihren Mitarbeitenden diese Balance zu ermöglichen. Zwei Beispiele aus verschiedenen Landesregionen und Berufen geben einen Einblick in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wo diese besonders gut geklappt hat.

Daniel Färber (37) Berufsbildungsfachmann, Gossau SG (80%) Fast

wäre der gelernte Koch Daniel Färber Filialleiter in der Migros geworden. Aber die Geburt seines ersten Sohnes 2010 hat für ihn alles verändert, und er fasste den Entschluss: «Ich will meine Kinder auch im Alltag erleben.» Da er schon viele Lehrlinge ausgebildet hatte, lag ein Wechsel in die Berufsbildung der Migros nahe. Nach der Einarbeitungszeit konnte er sein Pensum auf 80 Prozent reduzieren. Nach der Geburt seines zweiten Sohnes 2013, hat er nach dem bezahlten Vaterschaftsurlaub von drei Wochen noch zwei unbezahlte drangehängt: «Das gab uns die Möglichkeit, entspannt in die neue Familienphase zu starten. Heute teilen wir uns die Erwerbs- und Familienarbeit. Das schätze ich sehr.»

Sabine Furter (38) Fachleiterin

Migros-Restaurant Zofingen (40%)

«Manchmal vergesse ich beim Arbeiten, dass ich Mama bin. Doch sobald ich ein Kind im Restaurant sehe, muss ich lächeln.» Sabine Furter ist voll konzentriert während der zwei Tage, die sie als Fachleiterin im Migros-Restaurant in Zofingen AG arbeitet. «Ich komme jeweils schnell wieder in die Details rein.» Seit rund fünf Monaten arbeitet sie Teilzeit: ihr Sohn ist ein Jahr alt. Nach den 18 Wochen Mutterschaftsurlaub wurden ihr zusätzlich einige Wochen unbezahlten Urlaubs gewährt. «Das hat mir den Start in die Familienphase enorm erleichtert. Unser Kleiner kam sechs Wochen zu früh zur Welt und brauchte anfangs viel Pflege und Zuwendung», erzählt die Fachleiterin. Mit sieben Monaten hat sie ihren Sohn guten Gewissens ihrer Mutter und Schwiegermutter anvertrauen können und geniesst jetzt den jeweiligen Perspektivenwechsel. Bei den Furters ist im Übrigen auch die Migros Familiensache: Sabine Furters Mutter arbeitet im selben MigrosRestaurant ebenfalls Teilzeit.


1

FAMILIE| MM05, 1.2.2016 | 49

Migros-GAV

Das bietet die Migros ihren Angestellten: 18 Wochen Mutter-

schaftsurlaub bei 100 Prozent Lohn 3 Wochen Vater-

schaftsurlaub und 2 zusätzliche, unbezahlte Wochen möglich

Flexible Lösungen im Rahmen der Möglichkeiten, was beispielsweise Pensumreduktion oder Änderungen der Arbeitszeiten anbelangt

Nach Möglichkeit Wiederanstellung nach einem Austritt nach dem Mutterschaftsurlaub innerhalb eines Jahres. 3 Wochen Adoptionsurlaub und 2 zusätz-

liche, unbezahlte Wochen möglich

Gleichstellung neuer Familienformen: Stief-

und Pflegeeltern werden leiblichen Eltern gleichgestellt, eingetragene, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Konkubinatspaare haben den gleichen Status wie Ehepartner

Diese Bestimmungen sind aus dem landesweit gültigen Gesamtarbeitsvertrag der Migros entnommen. Er gilt für rund 50 000 Mitarbeitende in 40 Unternehmen. Dazu gehören neben den Genossenschaften zum Beispiel auch die Industriebetriebe Jowa oder Micarna.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 85

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Anerkennung von homosexuellen Paaren Regenbogen familien, also gleich­ geschlechtliche Paare mit Kindern,

sind ein relativ neues Phänomen. Was bis vor Kurzem noch undenkbar war, wird nun aber nach und nach Alltag und begegnet auch Heterofamilien – auf dem Spielplatz im Quartier, am Elternabend in der Schule, in den Fragen der eigenen Kinder. Das Migros-Magazin hat mit betroffenen Familien über ihre Erfahrungen gesprochen.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 89

Voll und ganz integriert: Marcel Hodel (l.) und Craig Duncan mit Sohn Tristan (M.) in der Kinderkrippe.

Regenbogenfamilien

Daddy und Papa machen es vor Der kleine Tristan fühlt sich in der Kinderkrippe pudelwohl. Und seinen beiden Vätern geht es genauso – die anderen Eltern haben die Regenbogenfamilie sofort akzeptiert.

I

n Neuseeland sind sie fast so etwas wie Berühmtheiten: Craig Duncan (39) und Marcel Hodel (45) waren das erste Schwulenpaar, das dort ein Kind adop­ tierte, kurz nach der Legalisierung von Ehen und Adoptionen für Homosexuelle 2013. Und weil sie Tristan (2) im Ausland ganz offiziell adoptiert haben, ist ihre Vaterschaft auch hier in der Schweiz behördlich aner­ kannt – obwohl Schwulen und Lesben in eingetragener Partnerschaft die Adoption eigentlich noch immer verwehrt wird. Genauso problemlos war es, für Tristan eine Kinderkrippe zu finden. «Wir erhielten eine kleine Führung und hatten sofort ein gutes Gefühl», sagt Marcel Hodel. Keine Spur von Vorbehalten gegenüber schwulen Vätern. Die gab es auch nicht, wie Colette Jourdan (43), die Leiterin der Kinderkrippe Güxi in Richterswil ZH, versichert. Und dies, obwohl sie zuvor noch nie eine Regenbogen­ familie in der Kinderkrippe hatte. «Ich finde diese Offenheit wichtig und bin auch so aufgewachsen», sagt Colette Jourdan. Dass

die Eltern der anderen Krippenkinder irritiert sein könnten, habe ihren Entscheid nicht beeinflusst. Zu Recht. «Beim ersten Elterntreffen wa­ ren wir schon etwas nervös», sagt der gebür­ tige Neuseeländer Craig Duncan in exzellen­ tem Hochdeutsch. «Als wir uns vorstellten, erwarteten wir betretenes Schweigen. Aber das war überhaupt nicht so – wir sind sehr freundlich aufgenommen worden.» Keine einzige negative Reaktion

Auch Colette Jourdan hat nie irgendwelche kritischen Reaktionen seitens der knapp 50 Elternpaare vernommen. «Ich habe mich extra noch bei meinen Mitarbeiterinnen umgehört, aber auch ihnen ist nie etwas Negatives zu Ohren gekommen. Und das freut mich wirklich sehr. Ich hoffe, dass unsere positiven Erfahrungen für andere als Vorbild dienen.» Die Kinder selbst sind ohnehin noch zu klein, um merkwürdig zu finden, dass ihr Gschpänli Tristan «Daddy und Papa» sagt

und nicht «Mami und Papi». Einzig ein älteres Mädchen habe einmal gefragt, wie das denn gehe – sich dann aber damit zufriedengegeben, dass es das eben auch gebe, erzählt Jourdan. Produktmanager Marcel Hodel und Anwalt Craig Duncan haben schon früh in ihrer Beziehung über Kinder gesprochen. «Aber lange schien das völlig unmöglich», sagt Duncan. Als die Chance sich dann ergab, ergriffen sie sie. Tristans Mutter ist eine Neuseeländerin, die mit ihrem Mann bereits drei Kinder hatte und das vierte zur Adop­ tion freigab, um damit einem Schwulenpaar die Vaterschaft zu ermöglichen. Die beiden Familien sind heute eng befreundet. Duncan und Hodel denken aber schon weiter: «Eigentlich hätten wir gern noch ein zweites Kind, etwa gleich alt wie Tristan. aber rechtlich bleibt es halt relativ kom­ pliziert.» Trotzdem sind sie optimistisch, dass sie auch diesmal einen Weg finden werden. Eine passende Kinderkrippe hätten sie ja bereits. MM


90 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

Familienforscher François Höpflinger (67) rät zur Förderung familienexterner Betreuung – nur so bleibe der Staat für junge Leute attraktiv.

33 Familienergänzende Kinderbetreuung

Kinderkrippen, Horte, Kitas (Kinder­ tagesstätten) gehören auch in der Schweiz häufiger zum Familienalltag, wenn auch gegenwärtig nicht flächendeckend. Zeitund teilweise politisch sehr umstritten, wird bei genauer Betrachtung immer klarer: Formen einer familienergänzenden Kinderbetreuung untergraben das Familienleben nicht, sondern unterstützen Familien in vielen Fällen wesentlich. Die Behauptung, der Familienalltag habe sich aufgrund familienexterner Angebote verschlechtert, findet keine Unterstützung. Die Vorstellung, dass es früher – als sich Mütter vollamtlich um Familie, Kinder (und Ehemann) kümmerten – mit der Familie besser stand, erweist sich als Mythos. Das gemeinsame Essen am Mittagstisch von früher war nicht immer idyllisch. Alle neueren Studien zeigen, dass Familienbeziehungen gerade auch durch den Ausbau familienergänzender Angebote besser und nicht schlechter wurden. Selbst heutige Teenager sind im Gegensatz zu früher mit ihren Eltern grossmehrheitlich zufrieden. Ob Säuglinge und Kleinkinder von Krip­ pen und Horten profitieren oder nicht, wurde immer wieder untersucht. Die internationalen Forschungsergebnisse zeigen kaum klare negative Auswirkungen. Entscheidend ist allerdings die Qualität der familienexternen Betreuung. Nicht zu grosse Gruppen, betreut von motivierten

Personen, sind vorteilhaft. Wichtig ist zudem eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Betreuungspersonen; ein Punkt, der auch für Schulfragen gilt.

stressig. Es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren die Zahl der von einer Scheidung der Eltern betroffenen minderjährigen Kinder gesunken ist.

Vor allem Einzelkinder profitieren von sozialen Kontakten mit anderen Kindern. Das Risiko, als isoliertes oder altkluges Einzelkind aufzuwachsen, fällt weg. Kinder aus Migrationsfamilien werden durch eine vorschulische Betreuung besser in unsere Gepflogenheiten und Sprache integriert, was indirekt auch die soziale Integration der Eltern stärkt. Der einzige negative Aspekt von Krippen und Horten bei Kleinkindern ist, dass nicht nur soziale Kompetenzen, sondern auch Krankheitskeime ausgetauscht werden können.

Gleichzeitig hat ein Ausbau von Horten, Krippen oder Kitas dazu beigetragen, dass Kinderlosigkeit – zeitweise bei beruflich gut ausgebildeten Frauen sehr häufig – seltener geworden ist. Städte mit familienfreundlichen Angeboten erleben sogar einen kleinen Babyboom. Europäische Vergleiche illustrieren, dass die Regionen mit familienfreundlichen Angeboten ein höheres Geburtenniveau aufweisen als Regionen, die Kinderbetreuung und -erziehung als rein private Aufgabe der Eltern definieren.

Krippen, Horte und Tagesschulen erlau­ ben es mehr jungen Frauen, Ausbildung, Beruf und Kinder besser zu vereinbaren. Dies hat zur Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit beigetragen. Beruflich-familiale Unvereinbarkeiten wurden verringert, was sich positiv auf die psychische Gesundheit erwerbstätiger Mütter auswirkt. Wenn dank familienergänzender Kinderbetreuung mehr gut ausgebildete Mütter erwerbstätig verbleiben, erhöht dies nicht allein den volkswirtschaftlichen Reichtum, sondern oft auch die Ehe- und Familienqualität: Familien, in denen beide Eltern erwerbstätig sind, können wirtschaftliche Krisen besser bewältigen, und dank Krippen oder Horten ist der Alltag weniger

In komplexen und individualistisch ori­ entierten Leistungsgesellschaften gilt zunehmend ein zentrales Prinzip: Familien und namentlich Familien mit Kleinkindern können ihre Stärken nur ausspielen, wenn sie durch sozialpolitische Strukturen und professionelle Angebote unterstützt werden, etwa durch Kleinkinderbetreuung oder professionelle Angebote bei Erkrankungen. Gemeinden, Städte oder Unternehmen, die familienexterne Kinderbetreuung unterstützen oder anbieten, werden in einer Zeit eines sich anbahnenden Fachkräftemangels einen Wettbewerbsvorteil aufweisen. Gemeinden oder Unternehmen, die nichts anbieten, werden für moderne junge Frauen und Männer immer unattraktiver. MM

Illustration: Grafilu

Weniger Stress im Familienalltag


34 FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 93

Rollenbilder

Mann leistete sich eine Hausfrau

Sie solle sich hübsch machen, einen Mann finden und eine tüchtige Hausfrau sein: Das rieten Frauenzeitschriften jungen Frauen in den Nachkriegsjahren. Das hat sich zum Glück geändert. Text: Yvette Hettinger

Z

ugegeben: In Frauen­ magazinen gehts noch heute ums Aussehen, um Kerle und um die Frage: «Was koche ich heute?» Immerhin macht sich die Frau des 21. Jahrhunderts nicht nur für einen Mann hübsch. Für den Haushalt ist sie nicht allein zu­ ständig, und gehts um das «Ver­ wöhnen», denkt sie eher ans Schlafzimmer als an die Küche. Vor allem aber sind inzwi­ schen ein paar wichtige The­ men hinzugekommen, bedingt durch das relativ neue weibli­ che Betätigungsfeld Beruf. Dass frau heute auch über Kinder­ krippen, Lohngleichheit oder Karrierechancen diskutiert, ist eine beachtliche Entwick­ lung: Vor exakt 40 Jahren brauchte eine verheiratete Schweizerin noch die Erlaubnis ihres Mannes, um ausser Haus und gegen Entgelt zu arbeiten. Geburtshelferin der berufs­ freien Frau war das Wirt­ schaftswunder der 50er­Jahre: Da genügte plötzlich ein Ein­ kommen, um die Familie zu er­ nähren. Mann leistete sich eine Hausfrau. Sie durfte putzen, ko­ chen, zu den Kindern schauen. Und ihrem Gatten zuhören. MM

Gutes Aussehen, die richtige Partie und der perfekte Haushalt seien Lebensaufgaben der Frau: Das suggerierten Magazine und Werbung vor 50 Jahren. Hie und da widmeten sie sich auch dem Problem Junggesellin.

Zweifelhaftes Sittenbild

Wenn der Feierabend ihm gehört 1955 soll die britische Zeitschrift

«Housekeeping Monthly» ihren Leserinnen die nebenstehenden Tipps für den Feierabend des Gatten gegeben haben. Der modernen Frau mag beim Lesen das Lachen im Hals stecken bleiben. Zu ihrer Beruhigung sei gesagt: Man weiss nicht, ob dieser Artikel wirklich jemals erschienen ist. Allerdings: Genauso könnte es gewesen sein.

Halten Sie das Abendessen bereit. Machen Sie sich schick. Gönnen Sie sich 15 Minuten Pause, sodass Sie erfrischt sind, wenn er ankommt. Seien Sie fröhlich, machen Sie sich interessant für ihn! Räumen Sie auf. Machen Sie einen letzten Rundgang durch das Haus, kurz bevor Ihr Mann kommt.

Während der kälteren Monate sollten Sie für ihn ein Kaminfeuer zum Entspannen vorbereiten. Machen Sie die Kinder schick. Die Kinder sind ihre «kleinen Schätze», und so möchte er sie auch erleben. Vermeiden Sie jeden Lärm. Seien Sie glücklich, ihn zu sehen. Begrüssen Sie ihn mit einem warmen Lächeln und zeigen Sie ihm,

wie aufrichtig Sie sich wünschen, ihm eine Freude zu bereiten. Hören Sie ihm zu. Sie mögen ein Dutzend wichtiger Dinge auf dem Herzen haben, aber wenn er heimkommt, ist nicht der geeignete Augenblick, darüber zu sprechen. Seine Gesprächsthemen sind wichtiger als Ihre. Lesen Sie die vollständige Liste auf Migmag.ch/sittenbilder


FAMILIEN | MM05, 1.2.2016 | 95

Familienplanung

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Der Pillenboom Die Antibabypille gilt als eine der gesellschaftlich prägendsten Erfin­ dungen des letzten Jahrhunderts. Zugelassen wurde sie 1960 in den USA; weitere Verhütungsmittel wie die Spirale folgten alsbald. Heute ver­ hüten 65 Prozent der Frauen in der Schweiz mit der Pille. Ganz sicher ist nach wie vor aber nur die Sterilisation des Mannes, wie diese Grafik zeigt. Der sogenannte Pearl­Index gibt an, wie viele von hundert sexuell aktiven Frauen trotz der Anwendung einer Verhütungsmethode innerhalb eines Jahres schwanger werden.

Sterilisation der Frau 2,8

Antibabypille 0,5

Dreimonatsspritze 0,5

0,0

Sterilisation des Mannes

Zeitwahl mit Basaltemperaturmessung 3,0

Diaphragma mit Spermizid 4,0 Kondom 4,0

Spirale 2,0

Zeitwahl nach Knaus-Ogino 20,0

Coitus interruptus 20,0


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 97

Trips für Alleinerziehende

Schweizer Reiseveranstal­ ter bieten vermehrt auch Arrangements für Allein­ erziehende mit Kindern an. Die Familienmarke Hotel­ plan offeriert derzeit 538 Hotels und Reiseziele von Ägypten bis Zypern. Die Angebote locken etwa mit Direktflügen ohne beschwerliches Umsteigen oder Kinderprogrammen, die den Elternteil entlasten.

Billigflüge Vor gut zwei Jahr­

zehnten startete Ryanair, später folgten Easyjet und Air Berlin: Die Billigflug­ gesellschaften locken mit Tiefstpreisen und machen das Fliegen erschwinglich, auch für Familien mit schmalem Budget. Mittler­ weile haben etablierte Airlines wie Air France, Swiss und British Airways das Geschäftsmodell teilweise kopiert.

Kinderhotels Mit der Fusion

österreichischer Familien­ hotels wurde 1988 die Basis für eine Reihe von Kinder­ hotels gelegt. Heute stehen 48 Betriebe in Österreich, Deutschland oder Südtirol zur Auswahl, Betreuung in­ klusive. Auch in der Schweiz gibt es Kids Hotels, zum Beispiel das «Swiss Holiday Park» in Morschach SZ oder das Märchenhotel in Braun­ wald GL.

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Wohnwagen Erste «touris­

tische Reisewagen» gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Gross­ britannien. So richtig popu­ lär wurden die Fahrzeug­ anhänger aber in den 1950er­Jahren: Damals reisten Familien in Massen in Richtung Süden, wo sie mit ihren Vehikeln ganze Areale bevölkerten: die Campingplätze. Eine neue Ferienart war geboren.

Familientourismus

Auszeit mit Anhang Ob Billig-Airlines, Feriendörfer oder Kinderhotels: In Sachen Reisen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Markt etabliert, der Familien mit massgeschneiderten Angeboten «abholt». Acht Beispiele. Text: Reto E. Wild

Das World Wide Web hat die Ferienplanung revolutioniert: Im digitalen Reisebüro sind Buchungen rund um die Uhr möglich; Vergleichsportale wie Tripadvisor bieten nützliche (wenn auch manipulier­ bare!) Entscheidungshilfen. Ein Familientool, das insbe­ sondere auch die jüngste Generation der Digital Natives in die virtuelle Ent­ deckungsreise einbezieht.

Illustrationen: illumueller.ch

Internet

Wohnmobil Der kompakte

Wohnraum auf vier Rädern beschert ein völlig neues Reisegefühl, mehr Unab­ hängigkeit und finanziellen Spielraum – ohne dass man auf einen gewissen Komfort verzichten müsste. Angesichts der zurzeit tiefen Erdölpreise dürfte der Benzinverbrauch der mehrere Tonnen schweren Kolosse eher in den Hin­ tergrund treten.

Feriendörfer Geht es um

Familienferien, ist die Schweizer Reisekasse (Reka) nach eigenen Angaben die Schweizer Nummer 1 – mit mehr als 3000 Ferienunterkünften, Kinderbetreuung teilweise inbegriffen. Zum festen Angebot gehört rund ein Dutzend Familiendörfer in der Schweiz und in der Toskana. Das neueste steht in Blatten VS.

Klubferien Seit den 1950er­

Jahren bietet das Konzept Club Med All­inclusive­ Ferien für gehobene Ansprüche: mit Animation, Sportangebot, Abend­ shows, Kinderbetreuung und Buffets mehrmals täglich. Die Veranstalter Aldiana und Robinson Club haben das Konzept adap­ tiert – allerdings mit gerin­ gerem Erfolg in der Schweiz als etwa in Deutschland.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 99

Dating-Apps

Eine Wischbewegung mit Folgen Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie verzweifelt suchst du einen Partner? Bei 11 oder noch mehr darfst du ohne schlechtes Gewissen die Dating-App Tinder auf dein Smartphone laden ... Mit dieser landläufigen Antwort bin ich nicht einverstanden! In meinem Fall genügte nämlich eine glatte 3.

37 Reto Vogt (31), Ressortleiter Online,

verrät, wie sich Apps auf seinen Familien­ stand ausgewirkt haben.

Das Prinzip ist bestechend gut. Die Partnersuche via Tinder funktioniert wie in einer Bar – nur dass man gemütlich im Bett oder in der Badewanne liegen kann und sich nicht betrinken muss. Theoretisch. Praktisch ist das natürlich möglich, und aus eigener Erfahrung machts auch mehr Spass, wenn man leicht einen sitzen hat. So weit, so gut. Wer am Eingang der Tinder-Bar sein Facebook-Passwort deponiert, kann von Hocker zu Hocker spazieren und jeder Frau ( je nach Orientierung gerne auch jedem Mann) über die Wange streicheln. Nach links heisst: Du gefällst mir nicht. Eine Wischbewegung nach rechts bedeutet das Gegenteil. Reagiert das Gegenüber mit der gleichen Geste, ist das Gespräch eröffnet.

Illustration: Grafilu

Das sei oberflächlich, sagen Sie? Mag sein. Aber über den virtuellen Köpfen schweben immerhin gemeinsame Interessen und die Distanz zwischen den Wohnorten. Diese Infos – Tinder bezieht sie von Facebook – gaben bei mir letztlich den Ausschlag, nach rechts zu wischen. Meine heutige Ehefrau Claudia wohnte zu diesem Zeitpunkt schliesslich nur zwei Kilometer von mir entfernt und interessierte sich ebenfalls für Fussball und gerstenhaltige Kaltgetränke. Mein virtuelles Gegenüber sah das offenbar ähnlich und wischte ebenfalls nach rechts: ein sogenannter Match. Die rote Klammer am Wandkalender umrandete den 15. Februar 2014. Samstag – aber kein gewöhnlicher: ein Bundesliga-Samstag! Tage wie diese verbrachte ich normalerweise nicht zu Hause, sondern im Stadion (oder auf dem Weg

dahin). An jenem Tag verzichtete ich aber ausnahmsweise auf den obligaten Kurztrip nach München, weil ich dringend Wäsche waschen musste. Das hatte ich gefühlte zehn Wochen lang nicht getan. Während die Trommel also ihre Runden drehte, unterhielt ich mich mit FCWinterthur- und Irish-Pub-Fan Claudia. Worüber wir im Detail schrieben, weiss ich nicht mehr. Aber wir verabredeten uns zum Besuch des Spiels gegen den FC Biel auf der Schützenwiese am nächsten Tag. Und obwohl sich im Nachhinein herausstellte, dass sie sich zunächst über ihre übereilte Zusage geärgert hatte, hielten wir beide Wort. Als ich nach einem nebensächlichen 2:2 nach Hause kam, löschte ich Tinder – was sollte ich nach einem solchen Abend noch damit? Einmal abgesehen davon, dass wir im April zusammengezogen sind, nutzen wir die Wochenenden zum Reisen. Im Herbst führte uns ein Ausflug nach Paris. Ein originelleres Geschenk ist mir zu ihrem 30. Geburtstag leider nicht eingefallen. Und zu allem Elend verplapperte ich mich eine Woche vor Abreise auch noch! Claudia kannte also im Voraus sowohl die Destination als auch meine Absicht, dort um ihre Hand anzuhalten. Immerhin ersparte uns das in unserer Nervosität dann übelstes Romantikgedöns, und wir konnten die Sache mit einem «Jää, weimer itz das mache?», einem «He, dänk!» und einer Stange Kronenbourg beschliessen. Zwei, drei Biere und eine Weinflasche später einigten wir uns ausserdem darauf, künftig auf die Verhütung zu verzichten. «Bis es einschlägt, vergehen sowieso Monate», sagte ich, um die Idee zu rechtfertigen. Ich. Lag. So. Falsch: Ein Jahr später waren die Zwillinge Bastian und Felix da. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie froh bist du, dass es Tinder gibt? Obwohl die App am doppelten Glück (vermutlich) unschuldig ist: 11. Mindestens. MM


100 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

Internet

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Die vernetzte Revolution Das Internet stellt den Familienalltag seit einigen Jahren auf den Kopf. Wie viel Digitalität im Familienalltag ist gut? Sieben Fragen, sieben Antworten. Text: Reto Vogt Illustrationen: illumüller.ch

3. Wer braucht schon ab der 1. Klasse ein Smartphone?

1. Mein Kind hustet ständig – ist das normal? Gegenfrage: Möchten Sie nicht lieber einen Arzt konsultieren? Eine Google-Suche nach Symptomen ist zwar schnell gestartet, aber die Resultate beruhigen selten. Im Gegenteil! Wer lange genug forscht, findet immer etwas Besorgniserregendes. Besser geeignet sind Foren wie Swissmom.ch, wo sich Mütter gegenseitig helfen und Ratschläge erteilen. Aber wenn Ihr Kind blau anläuft, nützt auch das Internet nichts mehr. Dann hilft nur noch ein Mediziner – wie früher halt.

«Mami, Mami, Mami! Meine Klassengschpänli haben alle ein Handy! Ich will auch eins!» Kinder lügen manchmal. Der Verein Zischtig.ch, der sich für Medienbildung und Prävention für Kinder und Jugendliche einsetzt, hat erhoben, dass in der 5. Klasse erst knapp die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler ein eigenes Handy hat. Wenn Ihr Kind dazugehören soll, braucht es eine «Fahrprüfung». Sie setzen es ja auch nicht einfach auf ein Töffli und lassen es losfahren. Einigen Sie sich deshalb auf die Verkehrsregeln und zeigen Sie mögliche Gefahren. Und übrigens: Ein PrepaidVertrag reicht bis Ende der 9. Klasse locker.

Sprachen oder Tastaturschreiben installieren.» Aber wichtig sei, dass der Einbezug des Internets immer begleitend geschehe und Eltern ihr Kind damit nicht alleinlassen.

6. Ist man gegen Pädophile im Internet machtlos? Egal, ob Ihr Kind auf der Strasse oder im Internet einem Pädophilen begegnet: Sie müssen es vor ihm schützen. Das Nimmkeine-Süssigkeiten-von-Fremden ist zu einem Nicht-jeder-ist-wofür-er-sich-ausgibt geworden. Aber abgesehen davon, hat sich mit dem Internet nichts verändert. Gegen die Gefahren hilft nur ein aufklärendes Gespräch. Verbote sind nicht zielführend.

7. Was würde mein Baby zu Fotos von sich auf Facebook sagen? 4. Was macht Sohnemann so lange am PC?

2. Wann legt Papi endlich sein Handy weg? Nicht nur Kinder sind häufige Handynutzer, sondern auch Eltern. Das kann problematisch sein, wenn sie dadurch ihre Betreuungs- oder Aufsichtspflichten vernachlässigen. «Besonders gefährlich ist das Benützen des Telefons, etwa während der Aufsicht von badenden Kindern», sagt Eveline Männel Fretz, Elternberaterin bei Pro Juventute. Sie empfiehlt, «dass für alle Familienmitglieder medienfreie Zeiten abgemacht werden; Eltern sollten dabei vorangehen und sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein».

Fragen Sie ihn! Nur wer sich ernsthaft dafür interessiert, was der Nachwuchs am Computer – und am Handy – macht, erhält eine ehrliche Auskunft. Es ist übrigens keine Schande, etwas nicht zu verstehen. Lassen Sie es sich erklären. Und denken Sie ja nicht daran, Überwachungssoftware einzusetzen, nur weil es sie jetzt gibt. Vertrauen ist auch heute noch besser als Kontrolle.

5. Kann ich meine Tochter beim Lernen unterstützen? Philippe Wampfler ist Lehrer und Experte für Neue Medien. Er findet es super, wenn Sie Ihrer Tochter helfen. «Dabei kann das Internet eine grosse Hilfe sein – etwa wenn Eltern mit ihren Kindern Dokumentarfilme auf Youtube ansehen oder Lernapps für

Nehmen Sie Ihr Babyalbum aus dem Regal. Gehen Sie damit in eine Bibliothek und lassen Sie es von einer Angestellten katalogisieren. Können Sie mit dem Wissen, dass es nun jeder herausnehmen, kopieren, herumzeigen kann, ruhigen Gewissens nach Hause gehen? Wenn das nicht deutlich genug war: Fragen Sie Ihr Kind. Wenn es nicht einverstanden ist oder nicht antworten kann, posten Sie kein Bild. MM


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Babyphone Ständige Kontrollen am

Kinderbett sind längst Vergangenheit: Seit über drei Jahrzehnten gehört das Babyphone Baby phone zur Grundausstattung von Familien mit Babys und Kleinkindern. Die neusten Modelle funktionieren wie Smartphone ein Smart phone – mit Kamera und Vibrationsalarm. Vibrations

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Frühförderung H Heute eute versucht man, bereits Babys optimal zu fördern. Bemerkenswert: Laut einer Studie des Departements für ErziehungswisErziehungswis senschaften der Universität Freiburg aus dem Jahr 2013 erzielen nicht etwa die professionellen Fördermassnahmen die grösste Wirkung, sondern vielmehr ältere Geschwister und ein hohes Bildungsniveau der Mutter.

Babybrei Rüebli rüsten, Kartoffeln schälen,

Bilder: , iStockphoto (3), zVg (2)

kochen, pürieren – das frisst Zeit. Das Baby hat aber jetzt Hunger. Und da es mit seinen sechs Monaten nicht anders kann, schreit es sein Bedürfnis in die Welt hinaus. «Ein Hoch auf den Fertigbrei», denkt sich Papi in solchen Momenten und greift – mit nur ganz wenig schlechtem Gewissen – zum Gläschen aus dem Kühlschrank.

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Kindersitz für das Velo ist eine geniale

Erfindung: Ruckzuck ist der Zwerg auf dem Gepäckträger platziert – und ab geht die Post! Keine Quengelei im Fond, keine lästige Parkplatzsuche in der Innenstadt, kein schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt. Dafür viel frische Luft für den Nachwuchs und etwas Fitness für die Eltern.

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Pixi-Bücher gibt es schon seit 1954. Seither regen die lustigen Texte und Zeichnungen die Fantasie an – in kürzester Form, einem (kinder)handlichen Format (10 × 10 cm) und einer ungeahnten Vielfalt.


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Buggy

In die Welt hinaus

Illustration: Grafilu

Emil hantiert umständlich an einem Kinderwagen – einem mit grossen Speichenrädern und schwarzem Sonnenverdeck. Wer kennt den Sketch nicht? Er ist noch immer umwerfend lustig, wir besuchten letzthin eine Vorstellung. Schon als Zwölfjähriger hatte ich ihn im KnieZelt gesehen, der Mann ist Teil meiner Biografie. Und ich weiss: So geht es vielen. Emil ist so überlebensgross, dass man sich fast die Augen reibt, ihn vor sich zu haben. Grandios, wie er die alten Nummern bringt: die «Buureregle», das Kirchlein von Wassen, den Vereinsvorstand, dessen Mitglieder er alle mimt. Beste Komik, zeitlos gut.

Was freilich auffällt: wie rasant sich die Welt verändert hat. Es gibt keine Telegramme mehr – «O wie Oktern» –, und Emils monströser Kinderwagen ist heillos veraltet. Heute hat man ja den Buggy. Kaum kann ein Kind halbwegs sitzen, wird es in den Buggy bugsiert. Und wie der uns zupasskam, als die Kinder klein waren! Riesige Warteschlangen konnten wir an der Expo.02 umgehen, weil unser Zweijähriger im Buggy sass und wir stets an allen Wartenden vorbeigewinkt wurden.

Genauso in Paris, wo sich die Menschenschlaufe vor dem Museum «Jeu de Paume» über den Platz kringelte, das Warten hätte Stunden gedauert. Uns aber geleitete ein freundlicher Bediensteter an der Schar vorbei zu einem Spezialeingang. Im Buggy, fällt auf, sieht das Kind in die Welt hinaus, weg von den Eltern. Vor fünfzig Jahren hat ihn der Engländer Owen Maclaren erfunden. Bald ging er in Serie und wurde hundertfach kopiert: faltbar, leicht und dank beweglicher Vorderräder wendig, frühes Symbol einer Zeit, in der sich Eltern von kleinen Kindern in keiner Weise einschränken lassen wollten. Der Buggy erlaubt, im Zug unterwegs zu sein, im Flugzeug gar. Maclaren, sein Erfinder, war schliesslich Flugzeugkonstrukteur. Wie machten unsere Eltern das bloss, vor dem Buggy? Vermutlich so wie Emil: umständlich.

Als wir neulich en famille in einer Schlange standen, meinte meine Frau: «Hätten wir doch einen Buggy dabei!» Ich weiss allerdings nicht, ob unser Fünfzehnjähriger darin noch Platz fände. MM

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PUNKTE

Migros-Magazin-Kolumnist Bänz Friedli (50) sass

nie in einem Buggy.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 105

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Neue Perspektiven im Alter Heutige Senioren sind besser integriert als frühere Generationen: Fühlte sich 1979 jeder vierte über 80-Jährige einsam und isoliert, stellte die Einsamkeit 2011 bei dieser Altersgruppe nur noch für jeden Fünften ein Problem dar. Zu verdanken ist dies alternativen Wohnmodellen, dem guten Gesundheitssystem und den modernen Kommunikationsmitteln.


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Autonomie im Alter

Senioren nutzen neue Freiheiten

Das Älterwerden ist vielfältiger geworden. Davon profitiert auch die 83-jährige Nelly Wolf. Wie die Mehrheit der Senioren möchte sie so lange wie möglich zu Hause wohnen. Dabei helfen ihr auch moderne Kommunikationsmittel. Text: Andrea Freiermuth

Alter in Zahlen

90%

der über 65-Jährigen leben zu Hause.

447 000 Senioren leben mit Unterstützung in ihrer Wohnung.

137 000 Betagte leben in Altersund Pflegeheimen.

7,2

Milliarden Franken wurden 2012 für die Betreuung und Pflege aufgewendet.

8700

Franken durchschnittlich kostet der Aufenthalt pro Monat in einem Altersheim. Quellen: BfS, Pro Senectute

Bilder: Jorma Müller

E

inen geruhsamen Lebensabend auf der Bank vor dem Haus geniessen. Der Sohn oder die Tochter wohnt mit der Familie gleich nebenan. Das Grosi hilft da und dort, fühlt sich nützlich und hat Freude an den Enkeln … So sah frü­ her das Alter aus. Oder zumindest die Ideal­ vorstellung davon. Denn in der Realität gab es in Grossfamilien oft Probleme. Heute haben Senioren die Wahl zwischen zahlreichen Wohnmodellen. Es gibt Senio­ renresidenzen, Alterswohnungen, Wohn­ gemeinschaften, Betagtenheime oder einfach die lieb gewonnene Singlewohnung.

Heute wird man anders alt als früher

Beim Stichwort Single machen Kulturpessi­ misten gern auf die Einsamkeit im Alter aufmerksam. Sie hat aber in den vergange­ nen Jahren nicht zu­, sondern eher abgenommen: Fühlte sich 1979 jeder vierte über 80­Jährige einsam und isoliert, stellte die Einsamkeit 2011 bei dieser Altersgruppe nur noch für jeden Fünften ein Problem dar. Altersforscher François Höpflinger (67) hat eine Erklärung für diese Entwicklung: «Heutige Senioren pflegen mehr Freund­ schaften ausserhalb der Familie. Sie nutzen moderne Kommunikationsmittel und profitieren von einem gut ausgebauten ÖV­Netz.» Zudem seien sie tendenziell fitter und wohlhabender als noch die Generation davor, wodurch sich ihnen mehr Möglichkeiten böten. Auch wenn es heute viele verschiedene Wohnmodelle für Senioren gibt, möchte die Mehrheit so lange wie möglich in einer ganz

normalen Wohnung oder in ihrem Haus bleiben: 90 Prozent der über 65­Jährigen lebt in traditionellen Paar­ und Single­ haushalten. Selbst im Alter von 85 plus leben noch zwei Drittel im angestammten Heim. Möglich ist dies unter anderem dank des Einsatzes von Familienangehörigen oder Spitex­Organisationen: Rund eine halbe Million Senioren ist gemäss einer Studie der Universität St. Gallen zu Hause auf Hilfe angewiesen, knapp die Hälfte davon wird von der Spitex betreut. Gemeinschaftliche Wohnprojekte im Alter wie etwa Wohn­ oder Hausgemein­ schaften finden viel mediale Beachtung und stossen bei Fachleuten auf Sympathie. Die für den «Age Report 2013» befragten Per­ sonen beurteilen wohngemeinschaftliches Altern jedoch mehrheitlich negativ: Nur 17 Prozent bejahen eine solches Wohnmodell, immerhin 6 Prozent mehr als noch vor einer Dekade. In die Realität umgesetzt wird diese Wohnform jedoch nach wie vor von einer kleinen Minderheit – wahrschein­ lich auch, weil derzeit nur wenig Wohnraum vorhanden ist, der sich für gemeinschaftli­ ches Wohnen im Alter eignet. Fest steht: Das Altwerden ist in den vergangenen Jahren flexibler geworden. Und diese Tendenz wird sich dank des technologischen Fortschritts weiter verstärken. In Zukunft werden Hochbetagte vielleicht einen Avatar zur Party schicken und sich via elektronisches Alter Ego mit den Gästen unterhalten. Und wer ins Pfle­ geheim muss, nimmt über einen Bildschirm weiterhin am Leben der Liebsten teil. MM

Dank Tablet mit der Familie verbunden: Nelly Wolf unterhält sich regelmässig via Bildschirm mit ihrer Tochter.


FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 107

Nelly Wolf (83)

«Ich nutze Facetime, um mit den Enkeln zu plaudern» «Das Altersheim ist für mich erst eine

Option, wenn es nicht mehr anders geht. Noch bin ich selbständig. Auch habe ich grosse Freude an meinem Gemüsegarten und meinen Hühnern. Die Arbeiten im und ums Haus halten mich fit. Langweilig ist mir nie: Es gibt immer etwas zu tun. Als mein Mann im vergangenen Jahr starb, machten sich

meine Kinder Sorgen. Sie wollten eine Kamera in meinem Haus installieren, um via Internet überprüfen zu können, ob alles in Ordnung sei. Sie meinten, eine alte Frau wie ich könnte stürzen und dann einfach liegen bleiben. Aber ich möchte nicht überwacht werden. Auch wollten sie mir so ein Armband unterjubeln, mit dem man ein SOS auslösen kann. Aber da hätte ich Angst, dass ich aus Versehen Alarm schlagen würde.

Meine älteste Enkelin hatte dann die Idee mit dem iPad.

Eine wunderbare Erfindung. Inzwischen habe ich das Gerät gut im Griff. Ich nutze Facetime, um mit meinen Kindern und Enkeln zu plaudern – vor allem meine Tochter in Zürich und meinen Sohn in Australien sehe ich so viel öfter. Inzwischen kann ich auch E-Mails schreiben, und die «Tagesschau» schaue ich auch nur noch auf dem Tablet.


108 | MM05, 1.2.2016 | FAMILIE

Budgetberatung

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Alle Kosten im Griff? Migros-Magazin-Kolumnistin Bettina Leinenbach (39) steht mit

dem Spannbetttuch auf Kriegsfuss. Verflixtes Fixleintuch

Der Haken am Laken

46 «Fester!», rufe ich Herrn Leinenbach zu, «nur noch einen Zentimeter!». Er beisst die Zähne zusammen, sein Kopf ist ganz rot. Ich will schon die Faust in den Himmel reissen, doch dann lässt er los. Die Matratze schnappt wie ein Katapult zurück und landet donnernd auf dem Lattenrost. Und das Fixleintuch, dieses verdammte Ding, fliegt in hohem Bogen durch die Luft, schnurrt wieder auf Handtuchgrösse zusammen und bleibt auf der Bettmitte liegen. Es grinst uns an, das hinterhältige Etwas, ich schwöre es. 1977 erfand ein Portugiese namens Màrio Marques das Spannbetttuch und wurde sehr reich damit. Warum, ist mir schleier­ haft. Grundsätzlich ist die Idee gut, ein Laken mit einem Gummizug auszustatten. Einfach über die Matratze stülpen und das lästige Einschlagen, das unsere Mütter und Grossmütter so perfekt beherrschten, fällt weg. Das klappt bei Kinderbetten und meinetwegen auch noch bei Matratzen im Format 90 mal 200. Sobald aber die Liege­ fläche grösser wird, fangen die Probleme an.

Dieser Strategiewechsel macht das Bezie­ hen nicht einfacher. Seit wir aber diese dickere Matratze angeschafft haben, geht es nur noch zu zweit. Wenn die Matratze endlich eingepackt ist, sind alle Beteiligten fix und fertig. Deswegen heisst es übrigens Fixleintuch. Genau deswegen. MM

1) wohnsitzabhängig 2) Grundversicherung; Kinder mit Unfall; individuelle Prämienverbilligung nicht berücksichtigt, ein allfälliger Anspruch entlastet das Budget. 3) Nahrungsmittel und Getränke für Jugendliche ab 12 Jahren um 50 bis 100 Franken erhöhen. Nicht inbegriffen sind Kosten für Gäste, Tabakwaren und alkoholische Getränke. Nebenkosten = Körperpflege, Medikamente, Wasch- und Putzmittel, Entsorgungskosten, Porti, tägliche Kleinigkeiten, Coiffeur Kinder

W

ie kann das Einkommen so eingeteilt werden, dass kein Engpass entsteht und kein Mitglied der Familie zu kurz kommt? Die Frage beschäftigt jeden privaten Haushalt heute wie früher. Konkrete Lösungsvorschläge bietet der Verein Budget­ beratung Schweiz.

Das Angebot besteht seit 1963 und basiert auf einer Initiative von Sozialarbeitern aus verschiedenen Kanto­ nen. Während die Budget­ richtlinien und ­beispiele bis 2008 noch per Post be­ stellt und bezahlt werden mussten, stehen diese heute auf der Webseite des Ver­ eins gratis zur Verfügung. Zum Service gehören unter

anderem auch ein Online­ Rechner sowie eine App. Gegenwärtig sind unter dem Dach der Budgetbera­ tung Schweiz insgesamt 34 Beratungsstellen aktiv. Die Trägerschaft teilen sich Frauenorganisationen sowie diverse kirchliche, staatliche und private Non­Profit­ Organisationen. Budgetberatung.ch

Illustration: Grafilu

Ich weiss, dass der Hausmann hier jahre­ lang geklagt hat, er könne Fixleintücher nicht schön zusammenfalten. Geschenkt, Bänz, geschenkt! Viel problematischer ist, dass die Mistdinger ab 140 mal 200 nicht mehr passen. Kauft man die Überzieher nämlich mit dem Mass der Matratze, bilden sich bereits nach zwei Stunden Schlaf Dünenlandschaften. Daher greife ich schon seit Jahren konsequent zur nächstkleineren Grösse, damit später alles stramm sitzt.


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FAMILIE | MM05, 1.2.2016 | 109

Convenience Food Die Jungen

lieben Burger, Pizza und Kebab. Laut Gastrosuisse nutzen die 15- bis 29-Jährigen die Take-Away-Gastronomie mit Abstand am stärksten. Eine Herausforderung für die gesunde Ernährung am heimischen Familientisch!

49 Vaterschaftsurlaub In den letzten

50 Jahren hat sich nichts geändert: Die Geburt eines Kindes ist im Jahr 2016 immer noch gleichbedeutend mit einem Wohnungswechsel und wird mit nur einem Tag Urlaub abgegolten. Einzelne Betriebe sind freiwillig etwas grosszügiger.

Bilder: © Mattel Inc. All Rights Reserved, Gallery Stock

Barbie Die berühmteste

Puppe der Welt ist seit Jahrzehnten in Kinderzimmern rund um den Globus zu Hause. Seit ihrer Geburt im Jahr 1959 hat die Kultfigur einige gesellschaftliche und modische Trends durchgemacht. Dabei sorgte die Blondine nicht selten für handfeste Skandale. Mehr dazu finden Sie online unter Migrosmagazin.ch.

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Migros-Magazin, Sonderausgabe Familie  

Sonderausgabe Familie: 50 Dinge aus 50 Jahren, die das Leben schöner machen Das Migros-Magazin, eine Gratiszeitung des Schweizer Detailhändl...

Migros-Magazin, Sonderausgabe Familie  

Sonderausgabe Familie: 50 Dinge aus 50 Jahren, die das Leben schöner machen Das Migros-Magazin, eine Gratiszeitung des Schweizer Detailhändl...

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