Page 1

Gewalt

Beobachter

Warum Jugendliche einfach so zuschlagen Seite 62

Lebensmittel

Das Gift lauert in der Verpackung Seite 20

Beobachter 12. Juni 2009 Nr. 12 Fr. 4.–

www.beobachter.ch

GlĂźck Wie wir es finden

Seite 30


Krebs-Risiko

Beobachter

Schadstoffe in Spielwaren gefährden Kinder Seite 12

Überwachung

Wo Kameras erlaubt sind – und wo nicht Seite 44

Beobachter www.beobachter.ch

19. Februar 2010 Nr. 4 Fr. 4.80

Ich will sterben Herr Kipf ging mit Exit in den Tod

Seite 18


4 | 2010

 Beobachter  19

«Ich bin immer unabhängig gewesen – soll ich mich bald wie ein Baby rumtragen ­lassen?»: Turo Kipf wenige Wochen vor seinem Tod


Schwanger mit 14

Beobachter

Wie Teenager mit der Mutterrolle umgehen

Seite 36

Hirndoping

So putschen Studenten ihre grauen Zellen auf Seite 20

Beobachter www.beobachter.ch

Bekehrte Banker? Krise, Gier und Moral: Was die Zukunft bringt Seite 28

3. April 2009 Nr. 7 Fr. 4.–

ft he um au er z a sb nd lles em au So A Th H


Foto:

6 | 2009

 Beobachter  29

Gewinn auf Teufel komm raus: Hat der geldgierige Banker ausgedient – oder macht er nur Pause?


Psychiatrie

Beobachter

Wenn nur noch Zwang hilft: Ă„rzte im Dilemma Seite 35

Spuk

Auf Geisterjagd in einem Engadiner Hotel Seite 40

Beobachter 5. Februar 2010 Nr. 3 Fr. 4.80

www.beobachter.ch

Leistungsabbau, verärgerte Kunden: Wie weiter mit der Post? Seite 28


Steuern

Beobachter

So prellen Reiche ganz einfach den Staat Seite 14

Singles

Online-Partnerbรถrsen im Vergleich: Wo Vorsicht geboten ist Seite 45

Beobachter 29. April 2011 Nr. 9 Fr. 4.80

www.beobachter.ch

Die Bio-Illusion Was uns biologisches Essen wirklich bringt Seite 18


18 TITELthema

Die Bio-Illusion Biologisch produzierte Lebensmittel sind gesünder und besser für die Umwelt, glauben die Konsumenten. Leider ist das nur zum Teil wahr. Text: Martin Müller und Susanne Loacker; Fotos: Stefan Kubli

D

ie Rüebli, die Bruno Wermuth aus dem Holzharass fischt, sind genau so, wie sie sein müssen: knackig und fest. Dabei lagern sie schon seit ­ sechs Monaten ungekühlt auf dem Hof des Biobauern in Vielbringen bei Bern. «Durch den biologischen Anbau bleiben Karotten wie auch Kartoffeln länger lagerfähig und dabei trotzdem frisch», sagt Wermuth. Dafür musste er im letzten Jahr mehrmals ­jäten, das Unkraut abflammen und dafür jedes Mal eine schützende Vlies-Schicht abdecken und wieder anbringen. Viel Aufwand für ein simples Rüebli, das beim Grossverteiler für 40 Rappen zu haben ist. Es geht auch einfacher. Ein Bauer, der nach konventioneller Methode anbaut, muss ein- bis zweimal ein Herbizid spritzen. Sein Rüebli kostet fünf Rappen weniger.

«Unsere Lebensmittel sind ohne chemische Hilfsstoffe produziert. Das ist ein bedeutender gesundheitlicher ­Mehrwert.» Regina Fuhrer, Biobäuerin und Präsidentin der Vereinigung Bio Suisse

Nur die Dänen geben mehr für Bio aus Wohl auch wegen des relativ geringen Preis­ unterschieds gehen Biorüebli weg wie warme Weggli, bei Migros sind sie auf Platz drei der Bio-Umsatzliste. Überhaupt lieben Schweizer Bio: Jede und jeder kauft für rund 200 Franken pro Jahr biologisch hergestellte Waren ein, nur die Dänen füllen ihren Bio-Einkaufskorb noch üppiger. Mehr als 1,6 Milliarden Franken setzte die Lebensmittelbranche im letzten Jahr mit Bioprodukten um, sechs Prozent mehr als im Vorjahr, und das bei gesamthaft stagnierendem Markt. Einzig im Biosegment liegt noch Wachstum drin, sagen Fachleute. Die Kunden lassen sich Bio etwas kosten. Fast zwei Drittel der Konsumenten in der Schweiz sind bereit, für umweltfreundliche Lebensmittel mehr zu zahlen, zeigt eine r­epräsentative Befragung der Uni­ versität St. Gallen, deutlich mehr als in Deutschland (38 Prozent) oder in den USA (20 Prozent). Dafür wollen sie eine Gegenleistung, wie andere Untersuchungen belegen. Vier von fünf Befragten verbinden mit dem Begriff Bio vor allem eins: gesunde

­ rnährung. Biolebensmittel, so die ErwarE tung, sind gesünder als solche aus konventionellem Anbau. Sind sie das tatsächlich? Seit Jahrzehn­ ten versuchen sich Wissenschaftler an Beweisen. Die britische Lebensmittelbehörde Food Standards Agency (FSA) liess sämtliche wissenschaftlichen Untersuchun­gen zu diesem Thema analysieren, die weltweit zwischen 1958 und 2008 publiziert worden waren. Ernüchterndes Fazit: ­Zwischen konschen Lebens­ ventionellen und biologi­ mitteln «bestehen keine relevanten Unterschiede in der Nährstoffzusammensetzung». Demzufolge habe auch der Konsum von biologischen Lebensmitteln «keinen Einfluss» auf die Gesundheit des Menschen. «Die wichtigste Botschaft dieser Studie ist nicht, dass die Menschen biologische Lebensmittel meiden sollten», präzisiert ­ FSA-Chef Tim Smith. «Vielmehr sollten sie sich ausgewogen ernähren – ob sie das mit biologisch oder herkömmlich produzierten Lebensmitteln tun, spielt keine Rolle.»

«Das lässt sich nicht beweisen»

 Beobachter  direkt Kaufen Sie Bioprodukte? Wenn ja: warum? Diskutieren Sie im Internet mit unter: www.beobachter.ch/direkt

Dennoch kritisiert das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) im aargauischen Frick die FSA-Studie. 20 Unter­ suchun­­gen, die zu gegenteiligen Schlüssen kamen, seien von den Briten willkürlich ausgeschlossen worden. So etwa Forschungsergebnisse aus der Schweiz, wonach biologische Golden-Delicious-Äpfel mehr Flavonoide enthalten als konven­ tionelle. Flavonoide sollen Herz-KreislaufErkrankungen vorbeugen. ­ reilandversuch Ein streng kontrollierter F der Universität Kopenhagen kam zu einem anderen Schluss: Die Forscher pflanz­ten Zwiebeln, Kartoffeln und Karotten unter identischen Bedingungen, auf der einen Seite mit Pestiziden und Dünger gepäppelt, auf der anderen Seite biologisch. Anders als erwartet wies das Biogemüse keinen höheren Gehalt an Flavonoiden und Phenolsäuren auf. «Wer glaubt, dass ökologisch


Beobachter  19

9 | 2011

Rüebli 88,5%

4.50

konventionell

4.00 3.50 3.00 2.50 2.00 1.50 1.00 0.50 Jan . Feb r. Mä rz Apr il Ma i Jun i Jul i Au g . Se p t. O kt . Nov . D ez .

0

11,5% bio

Verhältnis verkaufter Biorüebli zu Rüebli aus konventionellem Anbau, Jahr 2010

Cu

Preis: Bio ist fast immer teurer

+40pro Are Durchschnittlicher Rüebli-Ertrag in Kilogramm %

Ladenpreise für Rüebli,+10% in Franken/Kilo, Jahr 2010 Biorüebli konventionelle Rüebli

488 Kilo konventioneller Anbau 3

1

422 Kilo

4.00

+40%

2Bioanbau

4.50

3.50

+10%

3.00

Bei Biorüebli sind chemische Dünger und Insektizide verboten. Die Kulturen werden zum Beispiel durch den Einsatz von Nützlingen vor schädlichen Insekten geschützt.

2.50

+40

?

%

2.00

+40

%

1.50 1.00 0.50

? 3

1

0

2

+40%

Jan . Feb r. Mä rz Apr il Ma i Jun i Jul i Au g . Se p t. O kt . Nov . D ez .

29

Ertrag: Bio bringt fast gleich viel

Mit Biogemüse ­wurde im Jahr 2010 ein ­Umsatz von 162,7 Millionen Franken ­erwirtschaftet, knapp zehn Prozent mehr als 2009. +10%

+10% +40

1 Are

1 Are

%

QUELLEn: szg, blw, bio suisse; infoGRAFIK: beobachter/DR/MB

3

1

2

+40%

Biogemüse ist im Schnitt 40 Prozent teurer als konventionell +10% +40 angebautes. Im Jahr 2004 waren es erst rund 25 Prozent. %


Beo-Rot

24 TITELThEma BIo

Äpfel

Beo-Grau

95,5%

Helles Rot

konventionell

Beo-Grün

4,5% bio

Beo-Grün 2

29

Cu

Beo-Grün 3

Verhältnis verkaufter Bioäpfel zu Äpfeln aus konventionellem Anbau, Jahr 2010

? 1 Hektare

1 Hektare

Erträge: Bio bringt nur halb so viel

Preis: Bio ist 50 Prozent teurer

Durchschnittlicher Ertrag von Apfelbäumen, in tonnen pro hektare

Ladenpreise für Äpfel, in Franken/Kilo, Jahr 2010 Bioäpfel konventionelle Äpfel

38,1 Tonnen konventioneller Anbau

?

6.– 5.–

29

Die beliebtesten Apfelsorten sind 1 2 3 Gala, Braeburn und Golden Delicious – alle weiteren folgen erst mit riesigem Abstand.

Cu

4.–

?

3.–

20,5 Tonnen Bioanbau

2.– 1.–

Jan . Feb r. Mär z Apr il Mai Jun i

Jul i Aug . Sep t. Okt . Nov . Dez .

0

29

1 Hektare

1 Hektare

QUELLEn: BLw, ARBoKost, Bio sUissE; inFogRAFiK: BEoBAchtER/DR/MB

Cu

Schwankungen beim Ertrag gibt es bei Bioäpfeln vor allem, weil natürlicherweise ? auf ein ertragreiches Jahr ein schwaches folgt.

Im Bio-Obstbau ist – wie im Gemüse- und im Weinanbau – der Einsatz von Kupfer erlaubt. Bis zu vier Kilo pro Hektare und Jahr dürfen gegen Pilzkrankheiten verwendet werden.

3

1


Beobachter

9 | 2011

25

schweinefleisch 99,5% konventionell

0,5% bio

Verhältnis in der schweiz geschlachteter Bioschweine zu konventionell gehaltenen schweinen, Jahr 2010

Schweinefleisch: Leichter Rückgang

Bioschweine haben mehr Platz

in der schweiz geschlachtete Bioschweine

Vom gesetz vorgeschriebene Fläche pro tier

15 000

15 000

13 886

13 886

12 000

bio: 1,65 m2 (zusätzlich: ständiger Auslauf)

12 000 9000

9000

6000

6000

3000

0

3000

0

2006

2007

2006

2007

2008

2008

2009

2009

2010

konventionell: 0,9 m2 (kein Auslauf vorgeschrieben)

2010

Bei der Haltung von Bioschweinen ist permanenter Auslauf vorgeschrieben. Bei Tieren aus konventioneller Haltung nicht. QUELLE: Bio sUissE; inFogRAFiK: BEoBAchtER/DR/MB

Bei Bioschweinen gibt es keine vorbeugenden Behandlungen wie etwa Impfungen. Natürliche Medikamente und komplementäre Methoden haben Vorrang. Bei konventionell gehaltenen Tieren ist dagegen Impfen erlaubt. Ein Biokotelett kostet im Laden rund 30 Prozent mehr als ein Kotelett aus herkömmlicher Produktion.


26 TITELTHEMA STICHWORT

Die Datenhändler jagen auch Sie

Big Brother war gestern – heute sind wir weiter. Google, Facebook und Co. filtern aus digitalen Details umfassende Persönlichkeitsprofile und verdienen damit Milliarden. Leichtsinnige Internetnutzer helfen dabei kräftig mit – freiwillig. Text: Otto Hostettler und Thomas Angeli; Fotos: Jojakim Cortis/Adrian Sonderegger und Stephan Rappo

Beo_20_026_Titelstory_Nackt-im-Netz 24.09.11 18:02 - 26 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)


Beobachter

20 | 2011

Die Kombination machts aus: Findige Datenjäger erstellen erstaunlich präzise Gesamtbilder.

A

usgerechnet am wichtigsten Tag! Philipp Würmlis Rasierer tut kei­ nen Wank, als er sich am Sams­ tag, 16. Juli, schönmachen will. Schliesslich kommt man nicht unrasiert zur eigenen kirchlichen Trauung. Was tun? Würmli schreibt unter seinem Pseudonym «pippolino» eine Meldung im Kurznachrichtendienst Twitter: «Trauzeuge daher!» Irgendwie muss der Trauzeuge für glatte Wangen des Bräutigams gesorgt haben, jedenfalls nimmt der Tag eine gute Wendung. Abends nach der Hochzeit schreibt «pippo­ lino» über Twitter: «Gute Nacht :­) :­) :­)». Wer das alles erfahren will, kann es – auch ohne dass Würmli davon erfährt. Es reicht, sein Twitter­Pseudonym zu kennen. Jede Woche werden auf Twitter eine Milliarde Meldungen verschickt. Krethi und Plethi äussern mit 140 Zeichen mehr oder weniger aufregende persönliche Befindlich­ keiten, Politiker buhlen um Aufmerksamkeit, Firmen vermelden Aktionen. Tag für Tag wer­ den weltweit 460 000 Twitter­Konti eröffnet. In der Schweiz sind inzwischen gegen 220 000 Personen angemeldet.

Das Experiment: Drei Personen, drei Profile

Philipp Würmli nutzt jedoch nicht nur Twitter. Auch bei LinkedIn, Xing und Google+ ist er dabei. Und selbstverständlich bei Facebook. Dort findet man auch Christian Schenkel, Lei­ ter der Online­Redaktion der Post. Er sagt von sich, dass er versuche, «Privates tatsächlich privat zu halten». «Madame C» geht einen Schritt weiter. Die Schweizer Bloggerin der ersten Stunde nutzt neben Facebook auch Twitter – allerdings beides konsequent nur unter einem Pseudonym. Würmli, Schenkel und «Madame C», zufäl­ lig aus dem Internet gefischt, haben sich für ein Experiment zur Verfügung gestellt: Mit ih­ rem Einverständnis hat der Beobachter unter­ sucht, welche Spuren sie im Netz hinterlassen. Zum Einsatz kamen nur legale Methoden und Internetwerkzeuge, die für alle verfügbar sind, meist gratis: Suchmaschinen, Datenbanken, Tools zur Analyse von Fotos, Webseiten, auf denen sich soziale Netzwerke von Nutzern darstellen lassen, Geo­Lokalisierungsdienste, Google Street View und vieles mehr. Pass­ wörter wurden keine gehackt, Zugänge zu Nutzerkonten nicht erschlichen. Die Resultate wurden den IT­Experten der Swiss Privacy Foundation vorgelegt, die bestätigen, dass jeder Laie zu diesen Infos kommen kann. ▶

Beobachter

direkt

Was verraten Sie im Internet über sich? Reden

Sie online mit unter: www.beobachter.ch/direkt

Beo_20_027_Titelstory_Nackt-im-Netz 24.09.11 18:02 - 27 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

27


TESTPERSON 1: DER KONSUMENT

Was Philipp Würmli alles besitzt Selbsteinschätzung: «Angaben zu Adresse, Geburtstag, Hobbys, Beruflichem und zu Reisen findet man über mich. Was in der Familie geschieht, ist jedoch Privatsache.» Die Konsumdaten: Philipp Würmli, der gläserne Konsument: Ob er eine Anschaffung plant, ein Produkt empfehlen will oder sich über eine Firma ärgert – Philipp Würmli teilt alles mit. Als Quellen dienten dabei die Einträge auf: eigene Website von Philipp Würmli Twitter Facebook mx3.ch

Viel Gezwitscher am Abend Alle Twitter-Meldungen von Philipp Würmli von Juli 2008 bis 9. September 2011

120 100 80 60 40 20

16 U

r 20 U h

hr

hr

8 Uh

12 U

r

r 4 Uh

24 U h

r

0

...hat einen Hochzeitsanzug gekauft

Philipp Würmli... 2. August 2010: «Grrr... Die Katzen haben doch tatsächlich meinen Anzug für den 12. August ruiniert...»

...ist Ikea-Kunde ...nutzt Skype ...ist Kunde bei Visana

3. August 2010: «So, Anzug ersetzt. Somit ist die Bekleidung für den 12. August (fast, Krawatte fehlt noch) gesichert...» ...

...isst Fleisch

...hat Katzen

...hat einen Mac

...hat rote Socken von blacksocks.com

26. Nov. 2010: «So, Ende Januar muss ich den Tele-2Vertrag künden und bis dann ein besseres Angebot finden.» ...

...hat ein Mountainbike

...spricht mehrere Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch)

...besitzt eine Logitech-WirelessDesktop-MK300Tastatur ...besitzt ein HTC-Handy

...hat das Kartenspiel «Grass» aus dem Spielladen Franz Carl Weber

...mag die Rockband Hazel Crash

...ist Kunde bei microspot.ch ...hat einen DysonStaubsauger ...isst Sandwiches bei Subway 5. April 2011: «Aus purem Frust ein iPad gekauft. Damit kann man während des stetigen Rebootens besser spielen.» ...

22. Oktober 2010: «Ai, Phase 1 des Ikea-Einkaufs ist abgeschlossen, morgen kommt Phase 2 dran: ‹Wir basteln einen Kasten› :-)» ...

...isst Süssigkeiten

...fährt Zug

16. Juni 2011: «Hm, langsam wird das Zugfahren in der Schweiz zu teuer und immer mühsamer. Doch wieder ein Auto kaufen?» ...

...hat ein iPad

Beo_20_028_Titelstory_Nackt-im-Netz 24.09.11 18:03 - 28 -

INFOGRAFIK: BEOBACHTER/MB/DR

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)


Beobachter

20 | 2011

Die Fülle der Resultate übertraf selbst die eigentlich realistischen Befürchtungen der Testpersonen – im Fall von «Madame C» so sehr, dass sie darauf bestand, dass ihr normalerweise verwendetes Pseudonym für diesen Artikel geändert wird. Den deutschen Datenschutzbeauftragten Peter Schaar (siehe Interview, Seite 36) erstaunt die Menge an hinterlassenen Datenspuren im Netz nicht: «Internetnutzer vergessen oft, was sie vergessen haben», sagt er.

Gutes Geschäft mit persönlichen Daten

«Ich kann immer noch selber entscheiden, ob ich etwas kaufen will oder nicht.» Philipp Würmli, Projektleiter

P

hilipp Würmli zwitschert. Durchschnittlich viermal täglich schreibt der 39-Jährige unter dem Nicknamen «pippolino» Meldungen über den Kurznachrichtendienst Twitter (Gezwitscher). «Ich habe nichts zu verbergen», sagt er. «Je mehr ich selber von mir preisgebe, desto mehr Informationen, die über mich im Netz kursieren, habe ich unter Kontrolle. Meine privaten Daten habe ich im Griff. Über mich erfährt man im Netz nicht sehr viel Persönliches.» Tatsächlich halten sich die Informationen über Privates trotz einem Lebenslauf auf der eigenen Website in Grenzen: in Italien aufgewachsen, verheiratet mit Anita Bättig, Absolvent der HWV St. Gallen, angestellt an der ZHAW Winterthur, mehrsprachig, verschiedene Reisen auf andere Kontinente – viel mehr ist über den Privatmann Philipp Würmli im Netz nicht zu finden. Fotos? Ausser ein paar wenig aussagekräftigen Bildern Fehlanzeige: «Private Fotos sind mir zu persönlich, um sie ins Netz zu stellen. Höchstens Landschaftsfotos oder belanglose Bilder sind zu finden.» Umso mehr erfährt man über den Konsumenten Würmli. Ob er «auf der Suche nach einem kleinen Wellnesshotel in einem Winterwandergebiet»

Beo_20_029_Titelstory_Nackt-im-Netz 24.09.11 18:03 - 29 -

ist oder ein neues Mountainbike braucht, spielt dabei keine Rolle: Der Projektleiter teilt seine Gedanken und Bedürfnisse mit jedem, der es wissen will. Er tut dies ganz bewusst öffentlich: «Mich interessiert einfach, welche Firma am besten auf meine Fragen reagiert», erklärt er. Was andere vermeiden – dass Firmen über ihre Bedürfnisse im Bild sind –, sucht «pippolino» geradezu: «Im Athleticum MTB-Schuh gesucht und fündig geworden. Leider nicht in der richtigen Grösse», schrieb er vor ein paar Monaten, als er einen neuen Veloschuh brauchte. Die angesprochene Firma reagierte prompt: «Im Online-Shop findest du den gesuchten Schuh. Falls die Grösse ebenfalls fehlt, bitte melden.» Auch einen Helm fand er auf diese Art: «Ich kaufte ihn bei der Firma, die am schnellsten reagierte.» Philipp Würmli, der gläserne Musterkonsument? «Ich bin mir schon bewusst, dass über uns Internetnutzer immer mehr Daten gesammelt werden», sagt er. «Aber Google zeigt mir Angebote an, die gemäss den über mich vorhandenen Informationen für mich interessant sind. Tatsache ist aber, dass ich immer noch selber entscheiden kann, ob ich etwas kaufen will oder nicht.»

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

«Madame C», Online-Profi Schenkel und Projektleiter Würmli machen nur, was Millionen Schweizerinnen und Schweizer auch tun: Sie suchen Informationen, tauschen sich mit Freundinnen aus und teilen ihre Gedanken mit Kollegen. Auf der Gegenseite aber sitzen Konzerne wie Google, Facebook und Co., die darauf warten, dass Benutzer Spuren hinterlassen. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, möglichst viel über ihre Nutzer zu erfahren. Sie wollen ihren Werbekunden massgeschneiderte Werbeplätze verkaufen und sagen können, was potentielle Kunden als Nächstes kaufen. Je präziser die Vorhersagen, desto lukrativer ihr Geschäft. Jörg-Uwe Kietz, Dozent am Informatikinstitut der Universität Zürich und Spezialist im Bereich Data-Mining, sagt: «Überall dort, wo Daten anfallen, werden sie künftig auch genutzt werden.» Das heisst: «Firmen werden ihre Kundendaten zweifellos gezielter auswerten.» Ihr Ziel: die Kunden mit noch präziserer Werbung eindecken. Das Business ist schon heute äusserst einträglich. Der Suchmaschinen-Gigant Google erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von 29 Milliarden Dollar. 96 Prozent der Einnahmen kamen aus dem Verkauf von Werbung. Das Geschäft funktioniert bestechend einfach: Wer in der Suchmaske einen Begriff eingibt, erhält auf der rechten Bildschirmseite Inserate zu genau dieser Thematik. Selbst E-Mails, die über den Google-Dienst Gmail verschickt werden, werden automatisch nach werberelevanten Begriffen abgesucht: Wer in einer Mail etwa «Griechenland» oder «Stieg Larsson» verwendet, erhält umgehend Werbung für Hotels auf dem Peloponnes und für Krimis angezeigt. Ob der Suchende sich tatsächlich dafür interessiert oder doch eher für die Schuldenkrise oder den Erbschaftsstreit um den schwedischen Erfolgsautor, weiss Google aber nicht. Noch nicht. Bereits einen Schritt weiter ist Facebook – über 700 Millionen Mitglieder weltweit, vier Milliarden Dollar Werbeeinnahmen 2010. Facebook weiss, was uns wirklich interessiert. Das Netzwerk, das von drei Millionen Schwei-

29


TESTPERSON 2: DER INTERNET-PROFI

Wo Christian Schenkel überall war Reges Twittern auch während der Arbeit Beruflich und privat: alle Twitter-Meldungen von Christian Schenkel von Januar 2009 bis 9. September 2011

Selbsteinschätzung: «Von mir gibt es im Internet Informationen über meinen beruflichen Werdegang, die heutige berufliche und nebenberufliche Tätigkeit, meine politische Einstellung und über allgemeine Interessen (Bücher, Musik, Film, TV-Sendungen). Ersichtlich ist auch mein berufliches und privates Netzwerk, keine Informationen sollten über mein intimes Privatleben und meine Lebenspartnerin zu finden sein.» Das Bewegungsprofil: Die Grafik zeigt eine Auswahl von Christian Schenkels Aufenthaltsorten von 2009 bis Anfang September 2011 (genauer Zeitpunkt ist jeweils bekannt). Als Quellen dienten dabei die Einträge auf: Twitter Facebook Foursquare

30 20 10

r 20 U h

hr 16 U

hr 12 U

r 8 Uh

4 Uh

r

r

0 24 U h

Cannobio (I) Stresa (I)

50 40

Anzahl Meldungen 1 2 3 6+

24. April 2011: «...wieder einmal auf dem Weg nach Kreta» ...

Chester (GB)

60

Kreta (GR) Bülach Pruntrut

25. Sept. 2009: «Freue mich auf ein Wochenende in Yvoire...» ...

Courgenay

14. Dezember 2010: «Gruss von der Academia Engiadina» ...

Zürich Bierhübeli

Mont Soleil

Rosengarten Café Fédéral

Tramhaltestelle Weltpostverein

Bern (Wohnort)

Creux du Van

Thun

Fähribeizli, Elfenau

Aarebad Muri

Aeschiried Lavaux Yvoire (F) Genf

INFOGRAFIK: BEOBACHTER/DR

Gstaad Arnensee

11. Oktober 2010: «...unter der blauen Himmelskuppe von Gstaad an den Lauenensee und zurück – was für ein Herbsttag» ...

Beo_20_030_Titelstory_Nackt-im-Netz 24.09.11 18:03 - 30 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

Lej da Staz St. Moritz Silvaplana

Adelboden Laveygrat Hahnenmoospass Lauenensee

Lunghinpass

27. Juli 2010: «Heute Abend @Thuner Seespiele» ... Zermatt

1. Oktober 2009: «Für drei Wochen in St. Moritz am Schreiben und Wandern» ...

Samedan Chamanna Segantini Pontresina Berninapass Alp Grüm Diavolezza Bovalhütte SAC Rosegtal

7. September 2011: «Krass, da sitzen zwei Arbeiter ganz oben auf der fahrenden Gondel @Diavolezza 3000 Meter über Meer.» ...


Beobachter

20 | 2011

«Ich hätte dieses Konto löschen sollen.» Christian Schenkel, 42, Leiter der Online-Redaktion der Schweizerischen Post

T

rotz Zurückhaltung punkto Privatleben gibt Christian Schenkel mehr preis, als ihm lieb sein kann. Aus seinen Aktivitäten auf den diversen Plattformen wie Facebook und Twitter lässt sich ein eigentliches Bewegungsprofil erstellen, das Raum für Interpretationen bietet. Wer noch Telefonbuch und Handelsregister konsultiert, erhält ein recht klares Bild. Schenkel wohnt mit seiner Partnerin* seit bald drei Jahren im zweiten Stock eines neueren Mehrfamilienhauses im Berner Elfenau-Quartier. Auf dem Balkon stehen fünf Blumentöpfe, nichts deutet auf Kinder hin. Von der Wohnung aus hat man eine schöne Sicht in die Nachbargärten. Vier frühere Wohnadressen können rekonstruiert werden, weil er jeweils gewissenhaft bei der Post seine neue Adresse hinterlegte und dort sogar das Einverständnis gab, diese weiterzugeben. Seine Einträge in den sozialen Netzwerken zeigen, dass er die NZZ und den Berner «Bund» sowie zahlreiche Blogs liest. Er verschickt Meldungen über Twitter – auch während der Arbeitszeit, berufsbedingt. Oft aber an seinem freien Montag oder spätabends, einmal twitterte er um drei Uhr früh. Etwa 80 Prozent dieser Meldungen tauscht er mit einem Kollegen* aus.

Aus den Fotos könnte man schliessen, Schenkel habe ein stattliches Einkommen. Im Zug fährt er erster Klasse, für Ferien fliegt er seit Jahren nach Ierapetra auf Kreta. In der Schweiz weilt er gern in Pontresina, diesen Sommer gar drei Wochen lang. Dabei wandert er auf dem Berninapass oder schlendert in St. Moritz beim «Badrutt’s Palace Hotel» vorbei. Seine persönlichen Bookmarks speicherte er vor ein paar Jahren beim Internetdienst Delicious ab, wo sie bis heute für jedermann sichtbar sind – und von ihm vergessen wurden. Damals arbeitete er Teilzeit, trainierte im Fitnessklub Gym Fit, schrieb über sein privates Bluewin-Konto E-Mails, überprüfte auch die Besucherzahlen seines Blogs und arbeitete an seiner Lizentiatsarbeit zum Thema «Moralisches Umdenken in der Politik». Trotzdem sagt Schenkel heute: «Ich hätte dieses Konto längst löschen sollen.» Seit ein paar Monaten nutzt er den Lokalisierungsdienst Foursquare. Die Auswertung – für alle frei zugänglich – kann Basis für Fehlinterpretationen oder Gerüchte sein: Sechsmal besuchte er diesen Sommer das Aarebad Muri, war er allein dort? Und mit wem war er am 10. August im lauschigen Berner Rosengarten?

*Namen der Redaktion bekannt

Beo_20_031_Titelstory_Nackt-im-Netz 24.09.11 18:03 - 31 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

zerinnen und Schweizern genutzt wird, lebt davon, dass seine Nutzer ihrem vermeintlich privaten Umfeld mitteilen, was ihnen gefällt. So entsteht für die Werbewirtschaft eine schier unendliche Sammlung persönlicher Informationen von traumhafter Ehrlichkeit. Millionen Facebook-Mitglieder geben freiwillig bekannt, welches ihre Lieblingsfilme, ihre Lieblingsmusik, ihre Lieblings-Fussballteams sind, in welchen Vereinen sie mitmachen, welchen Stars sie nacheifern, womit sie sich grad beschäftigen und mit wem sie Kontakt pflegen. Und o Wunder: Die Inserate auf Facebook decken sich mit erstaunlicher Genauigkeit mit den persönlichen Vorlieben und Interessen der jeweiligen Nutzer. Dank den offenherzig gemachten Angaben können Werbekunden bei Facebook heute schon gezielt auswählen. Ein Veranstalter eines Rockkonzerts in Aarau etwa kann seine Werbebotschaft ganz gezielt an junge Menschen aus der Region richten, die auf Facebook ein Interesse an Rockmusik offenbart haben. Die Nutzer werden zu Benutzten. Eine geradezu geniale Erfindung der Facebook-Betreiber ist dabei die «Gefällt mir»Funktion. Nutzer können damit ihre Sympathie für einen Beitrag von «Freunden» ausdrücken – und Facebook ergänzt vollautomatisch seine Datensammlung über den Nutzer um ein weiteres Puzzlestück.

Wie Facebook anderen Eintritt gewährt

Facebook deckt mit der Datensammelei jedoch nicht nur eigene Bedürfnisse ab. Auch Drittfirmen erhalten gegen Bezahlung grosszügig Zugriff auf alle möglichen Daten – auch solche, die sie für ihr Angebot gar nicht benötigen (siehe «So steigern Sie die Sicherheit», Seite 34). Wer sich etwa bei scribd.com, einer Art Publikationsplattform für selbstverfasste Texte, via Facebook einloggen will, muss sich einverstanden erklären, dass scribd.com alle im Facebook-Profil gespeicherten Daten jederzeit abrufen darf, einem Mails senden und an die Pinnwand schreiben darf. Noch wesentlich bunter treibt es der Dienst path.com, eine Art Fotonetzwerk. Wer sich via Facebook einloggen will, muss den Machern von path.com Zugang zu sämtlichen persönlichen Informationen inklusive Freundesliste, Beziehungsstatus, Fotos, Videos und Aufenthaltsort liefern. Mit einem Klick akzeptiert man so auch gleich die allgemeinen Geschäftsbedingungen und stimmt zu, dass sämtliche Facebook-Freunde davon erfahren, dass man nun bei path.com ein Konto hat. Klicken diese wiederum auf die Meldung, wiederholt sich bei ihnen dieses Szenario. Der Trick ist gelungen, der digitale Kettenbrief nimmt seinen Weg. ▶

31


Senioren

B­­­eobachter

Politik und Recht lassen die Alten links liegen Seite 23

Schlafen

Die richtige Matratze muss nicht teuer sein Seite 57

B­­­eobachter www.beobachter.ch

30. September 2011 Nr. 20 Fr. 4.80

Das Internet sieht alles Wie Google und Co. uns ausspionieren

Seite 26


Selbsttest

Haben Sie das Rüstzeug zum eigenen Chef? Seite 8

Work-Life-Balance Schluss mit dem Stress – so wirds gemacht Seite 14

www.beobachter.ch 15. Mai 2009

Arbeit

In Zusammenarbeit mit

Sicher selbständig

Beobachter

Was Firmengründer wissen müssen

Extraheft

So kommen Sie zu Ihrer eigenen Firma

Haustiere

Spezialteil: Hund, Katze – und Kind ab Seite 72

Beobachter 15. Mai 2009 Nr. 10 Fr. 4.–

www.beobachter.ch

Waffen weg! Warum wir zu Hause abrüsten müssen

Seite 28


30 TITELThEma WaffEn

«Der Zusammenhang von Selbstmorden und häuslicher Gewalt mit der Verfügbarkeit von Schusswaffen ist eindeutig.» An der Sammlerbörse in Luzern haben zent geschehen mit Messern und 34 Pro- zwar eine relativ tiefe allgemeine Mordrate Händler keine Freude an den neuen Regeln. zent mit Feuerwaffen. «Die Schusswaffe ist auf, aber im Familienkreis ist sie sehr hoch «Es ist nicht mehr lustig», sagt Buchhalter zwar nicht das häufigste, aber das effektivs- – nahezu gleich hoch wie in den USA. Laut Roger Simonet von der W. Glaser Waffen te Tatmittel», hält das Bundesamt für Statis- BFS wurden 2000 bis 2004 im häuslichen AG in Zürich, seit gut 30 Jahren im Geschäft. tik (BFS) fest: Während Opfer von Messer- Bereich von 476 Opfern 139 erschossen. «Man muss bald für jede Waffe eine Sekre- attacken meist überleben, enden 45 Prozent tärin anstellen.» Das Waffenrecht vermiese der Schussverletzungen tödlich. Zählt man Suizide und Morde im persönlichen Umfeld seriösen Händlern das Geschäft und nütze nur vollendete Morde, ist die Schusswaffe Bei solchen Affekthandlungen wie der Tötung der Skirennfahrerin Corinne Reynichts gegen Missbräuche. «Oder glauben mit 43 Prozent das häufigste Tatmittel. Sie, alle Ganoven melden sich nun?» Schulamokläufe wie in den deutschen Bellet 2006 zeige sich deutlich, wie gefährAn den Messeständen läuft der Verkauf Städten Winnenden (März 2009), Emsdet- lich die Verfügbarkeit einer Feuerwaffe sei, jedoch routiniert ab. Viele Kunden kämen ten (2006), Coburg (2003) und Erfurt (2002) sagt Killias. Sie erleichtere die Tötung mehrerer Menschen sehr, versetze bereits mit dem Schein, sagt zuvor nicht gewalttätige MänBüchsenmacher Kurt Renggli ner in die Lage, zu töten, und von der Winterthurer Natur Akermögliche es ohne weiteres, tiv AG. Falls nicht, wird das Gedass sich der Täter selber schäft dennoch gemacht. Der umbringe. «Neun von zehn Kunde zahlt gegen Quittung, Familiendramen mit Suizid und sobald er den Erwerbsdes Täters werden mit Schussschein nachreicht, erhält er die waffen verübt.» Waffe per Post, erklärt der ZürÄhnlich bei Selbsttötungen. cher Waffenhändler Robert In der Schweiz begehen im Bürchler. «Und die Luzerner Schnitt 1400 Menschen im Jahr können sich den Schein gleich Suizid, europaweit ein hoher hier im temporären Büro der Wert. Laut BFS erhängen sich Kantonspolizei besorgen.» Es im langjährigen Vergleich 26 seien mehr Scheine ausgestellt Prozent und erschiessen sich worden als in den Vorjahren, 24 Prozent, jährlich also knapp weiss Messeveranstalter BiWaffenimitate und nachgestellte Gefechte: Die Softair-Waffen und ihre 340 Schusswaffensuizide. Neuland. «Sonst haben wir keine Spielformen boomen in der Schweiz. erdings steht Erschiessen mit Auswirkungen festgestellt.» gut 27 Prozent an erster Stelle. Viele Waffen – viele Tote Killias wertet derzeit aus, «Es gibt Leute, die haben ganze Zeughäu- oder wie an der Columbine High School in welche Tötungen mit welchen Schusswafser zu Hause», sagt der Kriminologe Martin den USA vor fast genau zehn Jahren hat die fen begangen werden. Nach Daten aus vorKillias, der seit Jahren die Verbreitung von Schweiz noch nicht erlebt. Der Amoklauf erst sechs Kantonen geschehen 68 Prozent Waffen und den Missbrauch erforscht. Aber im Zuger Parlament (2001) war bisher die der Suizide und 36 Prozent der Familiendas sei nicht das eigentliche Problem. Auch einzige Massentötung und der Mord an der morde mit Ordonnanzwaffen. Hochgerechnicht, ob es nun zwei oder drei Millionen Bushaltestelle von Zürich-Höngg (2007) net auf die ganze Schweiz, sterben laut KilWaffen seien. «Um zu töten, braucht man eine der wenigen Amoktaten eines Durch- lias 280 Menschen jährlich durch Ordonschliesslich nur eine.» Die Gefährdung gedrehten. Aber für Fachleute ist es nur nanzwaffen. «Der Zusammenhang von Selbstmorhänge vielmehr davon ab, wie viele Leute eine Frage der Zeit, bis Ähnliches in der den und häuslicher Gewalt mit der VerfügZugang zu einer Waffe hätten. Im Jahr 2000 Schweiz passiert. war dies in knapp 36 Prozent der Haushalte Üblicherweise wird ausser Haus das barkeit von Schusswaffen ist so eindeutig, der Fall, jetzt noch in gut 27 Prozent (840 000 Messer gezückt, während Schusswaffen dass er kaum mehr bestritten werden Haushalte) – europaweit der Spitzenwert. hierzulande vor allem gegen Familienan- kann», sagt Killias. Bestritten wird er allerDies spiegelt sich in den Kriminal- und gehörige und für Selbsttötungen eingesetzt dings stark von der Waffenlobby und den Todesfallstatistiken. Im Schnitt werden pro werden. «Waffen sind dort gefährlich, wo Schützen: Nicht die Waffe töte, sondern der Jahr 213 Menschen Opfer von versuchten sie sind», hält Killias fest. «Und das ist eben Mensch dahinter. Und wer sich oder andere und vollendeten Tötungsdelikten. 36 Pro- im häuslichen Bereich.» Die Schweiz weist töten wolle, finde andere Wege. Gegen Das neue Waffengesetz seit 12. Dezember 2008 Meldepflichtige Waffen Erwerb mittels schriftlichen Vertrags

Kaninchentöter (einschüssig)

Softair-Waffen

Alarm-, Schreckschussund Imitationswaffen

Paintball-Waffen

Nachbildungen von einschüssigen Vorderladern

Druckluft- und CO2-Waffen

Foto: uniVerSitÄt Zürich

Martin Killias, Kriminologe, Universität Zürich


Beobachter

10 | 2009

1

31

Zivile Feuerwaffen pro 100 Personen: Die Schweiz steht auf Rang 3

4

10 1

3

Schweiz: 45,7

3

5

100

1

6 4

USA: 88,8

Finnland: 45,3

8

7

Saudi-Arabien: 35

8

Irak: 34,2

9

Uruguay: 31,8

10

Schweden: 31,6

100

7 2

100

100 100

2

5

Serbien: 37,8

6

Zypern: 36,4

100

Jemen: 54,8

100

9 100

100

100

= Anzahl Feuerwaffen pro 100 Personen

2

Schätzung, Stand 2007

Armeewaffen in Schweizer Haushalten: Die Gesamtzahl kennt niemand

QUELLE: SMALL ARMS SURVEY, GENF (2007)

Waffen militärischer Herkunft in Schweizer Haushalten, Stand Januar 2009 QUELLE: VBS

3

Feuerwaffen und Suizid: Je mehr Waffen, desto mehr Tote

mehr als 500 000

35,7%

56,8%

24%

32%

18,6%

27,4% 19,9%

Karabiner und Langgewehre Mod. 1911, Karabiner Mod. 1931, ältere Ordonnanzgewehre, Pistolen und Revolver. Vor 2001 wurde nicht statistisch erfasst, wie viele Militärwaffen in Privatbesitz übertragen wurden. Unbekannt ist auch, wie viele davon noch vorhanden sind.

19%

195 356

Pistolen Mod. 49/75, in Privatbesitz übertragen seit 2001

USA

Schweiz

19,1%

16,9%

19% 12,2%

Finnland

185 908

Frankreich

Sturmgewehre Mod. 57/90, in Privatbesitz übertragen seit 2001

13,8%

12,4% 11,8%

7,6%

3,3% 1,9%

16 800

2,8% 3,4%

Leihwaffen 1 für Jungschützen: Sturmgewehre Mod. 90

34 316

Schweden

Dänemark

Portugal

Nieder- England/ lande Wales

Anteil der Suizide pro Jahr mit einer Schusswaffe, in Prozent Anteil der Haushalte, die eine Schusswaffe besitzen, in Prozent

Persönliche Leihwaffen: Sturmgewehre Mod. 57/90, Pistolen Mod. 75

202 866

Sturmgewehre Mod. 57/90, Pistolen Mod. 49/75 aktiver Armeeangehöriger

Ausgewählte Länder, Stand 2000 QUELLE: VLADETA AJDACIC-GROSS

1

Handrepetierer (Sportgewehre)

einschüssige und mehrläufige Jagdgewehre

Handrepetierer für die Jagd

11 000 bis 13 000 bei Jungschützen zu Hause

Ordonnanzrepetiergewehre

inFoGraFiK: BeoBachter/Dr

Kanada


32 TITELthema Waffen ­ iese Ansicht wendet sich Killias entschied den. Natürlich sei die Täterper­sön­lich­­keit eine wesentliche Ursache. Aber kausal ebenso wichtig sei die bereitliegende ­Waffe. So stellte eine Arbeitsgruppe des Bundes zu den Ordonnanzwaffen Ende 2008 fest: «In Ländern, die in den letzten zwei Jahrzehn­ ten die Verfügbarkeit von Schusswaffen erfolgreich einschränkten – wie Kanada, Australien, Schottland, England und Wales –, ging nicht nur die Zahl der Suizide durch Schusswaffen zurück, sondern die Suizidrate insgesamt. Die Tatmittel sind erwiesenermassen nicht einfach austauschbar.» Ähnlich bei den Mehrfach­ tötun­ gen im häuslichen Bereich. Solche wä­ren mit Messern oder Äxten technisch wie psychisch kaum zu vollbringen, so Killias. «Keine ­andere Waffe ausser Sprengstoff kann so ­effizient töten wie eine Schusswaffe.» Gewaltneigung habe viele Ursachen und könne nicht einfach auf den Waffenbesitz zurückgeführt werden, betont der Zürcher Kriminologe. Es wäre somit falsch, generell alle Waffenbesitzer zu verdächtigen. Wenn jemand jage oder sportlich schiesse, gebe es wenig Grund zur Beunruhigung. Vor al­lem weil diese Waffen wie auch die militärischen in einen sozialen Zusammenhang eingebettet seien, der hemmend wirke. Durch die private Übernahme der Armeewaffe oder durch Waffenbesitz ausserhalb von Schützenvereinen falle jedoch das soziale Regelwerk weg. «Am gefährlichsten sind jene Leute, die sagen, sie bräuchten die Waffe zum Selbstschutz», weiss Killias. Zudem gebe es eine kleine Minderheit sehr gewalttätiger und oft psychisch angeschlagener Menschen, die sich von Waffen angezogen fühlten. «Bei ihnen spricht vieles für die Annahme, dass der Besitz ihre Gewaltneigung zusätzlich anheizt.» Ähnliches beobachtet Josef Sachs, Facharzt für Psychiatrie in Brugg AG, der gerade das Buch «Umgang mit Drohungen. Von Telefonterror bis Amoklauf» veröffentlicht hat. Bei schweren Straftaten seien Leute mit einer Affinität zu Waffen übervertreten. Bei ihnen sei der Gedanke, die Waffe einzusetzen, präsenter.

Kriegsspiele als Hobby Das Show-Highlight in Luzern ist der Soft­ air-Parcours. Dort können die Besucher mit gasbetriebenen Imitationswaffen Plastikkugeln verschiessen. Journalisten und Foto­

Bewilligungspflichtige Waffen Erwerb mittels Waffenerwerbsschein

Pistolen

Schusswaffen: Fast täglich ein Zwischenfall Seit dem 12. Dezember 2008 gilt das verschärfte Waffenrecht. Dennoch kommt es fast jeden Tag zu Straftaten mit Schusswaffen. Allein in den letzten fünf Monaten wurden mindestens 50 bewaffnete Raubüberfälle verübt. Hinzu kommen viele weitere Vergehen und Verbrechen, wie diese unvollständige Liste zeigt.

+++ 12. 12., Zürich: Ein 16-Jähriger überfällt mit einer Softair-Pistole eine CoopF ­ i­liale. +++ 13. 12., Goldach SG: Ein 16-Jähriger bedroht in einem Streit einen Mann mit einer Softair-Waffe. +++ 17. 12., Buchs AG: Bei einem 50-jährigen Schweizer findet die Polizei Schusswaffen, Sprengstoff und eine «Todesliste» mit zwölf Personen. Er schoss im November wild um sich, als die Polizei anrückte. +++ 18. 12., St. Gallen: Eine KV-Schule wird evakuiert. Ein Vater vermisst seine psychisch labile Tochter und einen Revolver. +++ 22. 12., Henau SG: Ein Mann überfällt mit einer Softair-Pistole eine Metzgerei. +++ 24. 12., St. Gallen: Die Polizei überwältigt einen Betrunkenen mit einer Luftpistole. +++ 26. 12., Rümlang ZH: Bei einer Schlägerei vor einer Bar wird ein Mann angeschossen. +++ 31. 12., Altnau TG: Eine Schweizerin erschiesst im Streit einen Deutschen. +++ 3. 1., Ebnat-Kappel SG: Jemand schiesst ins Wohnzimmer eines Hauses. +++ 9. 1., Münchenbuchsee BE: Jemand schiesst mehrfach in einem Industriege­bäude. +++ 14. 1., Müllheim TG: Unbekannte schiessen mit einem Luftgewehr auf ein Restaurant. +++ 15. 1., Genf: Unbekannte schiessen einen SBB-Sicherheitsbeamten an. +++ 17. 1., Sisseln AG: Ein 64-jähriger Mann erschiesst seine 58-jährige Frau und sich selbst. +++ 22. 1., Tramelan BE: In einem Haus findet die Polizei eine erschossene Frau und einen verletzten Mann, der wenig später ­ebenfalls stirbt. +++ 22. 1., Zürich: Bei einem Schweizer Paar werden Drogen, sechs ­Pistolen und eine ­Maschinenpistole sichergestellt. +++ 25. 1., Wolfhalden AR: Zwei Teenager schiessen mit einer Softair-Pistole aus einem Auto auf eine Bar. +++ 6. 2., Bern: Die Polizei fi­ ndet einen erschossenen Mann und seine verletzte Frau. +++ 18. 2., ­Zürich: Ein italienisches Ehepaar bedroht die 18-jährige Tochter und i­hren Begleiter. +++ 20. 2., Wollerau SZ: Mehrmals wird in ein Schulhaus g ­ eschossen. +++ 24. 2., Kriens LU: Bei einem Massenstreit werden zwei Brüder ­angeschossen, einer stirbt. +++ 27. 2., Zürich: Bei einer Schiesserei in einer Bar wird ein Mann verletzt. +++ 6. 3., Genf: Zwei Jugendliche und ihre Eltern werden ­erschossen in e ­ iner Wohnung gefunden. +++ 7. 3., Volketswil ZH: Ein 21-jähriger ­Kosovare erschiesst seine 16-jährige Freundin. +++ 8. 3., Mettmenstetten ZH: Aus einem Auto werden Passanten mit einer Paintball-Waffe beschossen. Auch in Zug erleiden zwei Passanten Verletzungen im Gesicht. +++ 9. 3., Brunnen SZ: Ein 18-Jähriger bedroht mit einer Softair-Pistole drei Mädchen. +++ 11. 3., Sitten VS: Ein Mann überfällt mit einer Imitationspistole einen Kiosk. +++ 15. 3., Wohlen AG: In einem Klub schiesst ein Besucher mehrmals in die Wand. +++ 23. 3., Biel: In einer Wohnung bedroht ein Mann zwei Familienangehörige. +++ 29. 3., Niederhasli ZH: Zwei Männer schiessen mit Paintball-Waffen auf Passanten und verletzen einen 14-Jährigen am Auge. +++ 29. 3., Basel: Fünf Männer spielen mit SoftairMaschinenpistolen Krieg und lösen ­eine Polizeiaktion aus. +++ 1. 4., Zürich: Bei einem Streit vor e ­ iner Beiz schiesst ein Mann mehrmals mit einer Pistole. +++ 5. 4., Winterthur: Ein Mann verletzt beim H ­ antieren an einer Pistole seine Freundin. +++ 9. 4., Riniken AG: Eine Frau wird von ihrem Ehemann aus einem Auto erschossen. +++ 12. 4., Basel: Passanten a ­ larmieren wegen einer Schiesserei die ­Polizei. Sechs Männer h ­ atten die Szene mit einer Softair-Waffe gestellt und gefilmt. +++ 16. 4., Basel: Ein 45-jähriger IV-Rentner wird verurteilt und psychiatrisch ­versorgt. Er hatte einen ­«erweiterten Selbstmord» angekündigt und sich mit Schuss­ waffen eingedeckt. +++ 18. 4., Zürich: Zwei ­Jugendliche schiessen mit einer SoftairPistole aus einer Wohnung auf ein ­Auto. +++ 18. 4., Egg ZH: Ein 30-Jähriger streitet auf einem Parkplatz mit einer Bekannten und deren Bruder, holt sein Sturmgewehr und schiesst in die Luft. +++

Revolver

Selbstladebüchsen

Unterhebelrepetierer (Lever-Action)


10 | 2009

 Beobachter  33

Schiessen als gesellschaftlicher Anlass: Nostalgiker am Rütli-Pistolenschiessen (links) und Sportschützen am Eidgenössischen Feldschiessen

Fotos: Gaetan bally/Keystone, nicolas righetti/rezo, fabian biasio, urs flüeler/keystone

Waffen zu Hause: Sturmgewehre darf man nach der Dienstpflicht behalten, an Sammeltagen (rechts: Aargau) kann man Waffen loswerden.

grafen werden weggeschickt. Die SoftairFans haben schlechte Erfahrungen gemacht, werden sie doch oft als Kriegs­ gurgeln dargestellt. Von ungefähr kommt das nicht. Es ist inzwischen eine Szene von Klubs entstanden, die in Uniform Gefechte im Gelände veranstalten und sich gegenseitig abknallen. Die einen betonen, es ­gehe um Sport, Team und Taktik, andere betreiben sogenanntes Re-Enactment, bei dem sie in authentischer Montur etwa Vietnam-Einsätze nachspielen. Auf den Websites wird zwar betont, man sei weder paramilitärisch noch waffennärrisch. Aber immer geht es darum, in mög­lichst echter Gefechtssimulation den Gegner auszu­­schal­ ten. In einschlägigen Zeit­­schriften wird ge-

Vorderschaftrepetierer (Pump-Action)

«Ich kann nicht goutieren, was die Softair-Szene macht. Das geht Richtung Rambo.» Walter Häfliger, Luzerner Kantonalschützenverband

ausländische Ordonnanzrepetiergewehre

Selbstladeflinten

schwärmt von toll kopierten Kalaschnikows («Eine wirk­­lich gute Waffe»), Maschinen­ gewehren («Aussen ein Monster, innen ein Biest»), Granatwerfern («Fühlt sich einfach nur fies an») und Pistolen («Knackiger Rückstoss»). Zudem gibt es eine Subkultur von Teen­agern, die mit Imitationswaffen herumballern und immer wieder Polizeiaktionen auslösen. Deshalb wurden Soft­ air-Waffen ebenfalls dem Waffengesetz unterstellt – Leute erschrecken und Tankstellen überfallen kann man auch mit ihnen. Sportschützen sehen den Softair-Trend nicht gern. «Man zielt nicht auf Menschen, das ist bei uns ein eherner Grundsatz», sagt Walter Häfliger vom Luzerner Kantonalschützenverband, der an der Messe gleich

Schweizer Sturmgewehre 90 und 57


28 TITELthema Zahnmedizin

Der Mann mit den Plastikpatienten: Michael Studer vom Trainingszentrum Zimmer Institute in Winterthur


Beobachter  31

3 | 2009

Viele Zahnärzte üben komplexe Eingriffe zu wenig: künstliche Schädeldecken und Zungen


32 TITELthema Zahnmedizin

Realitätsnahe Materialien: Das künstliche Zahnfleisch schneidet sich wie echtes.


Bankgeheimnis

Beobachter

Die Antworten auf die brennendsten Fragen Seite 14

Atommüll

Endlager: Die Dimensionen eines Riesenprojekts Seite 17

Beobachter www.beobachter.ch

6. März 2009 Nr. 5 Fr. 4.–

An die Arbeit, Baby! Förderkurse schon für die Kleinsten Seite 56


56 TITELthema

Das dressierte Kind Englisch für Babys, Musikstunden für Säuglinge: Wer heute etwas auf sich hält, schleppt seinen Goldschatz von einem Förderkurs zum nächsten. Leider bringt das alles nichts. Text: Sven Broder; Illustration: Golden Section Graphics

Foto: prisma bildagentur


Beobachter

5 | 2009

schauplatz i: englisch für Kleinkinder Mozart hatte mit vier Jahren erstmals Musikunterricht, Roger Federer begann mit drei Tennis zu spielen – Giulio, Gian und Noah gehen mit knapp zwei Jahren in den Englischkurs. Carpe diem, lautet die Devise. «Wir wollen diese für die Entwicklung unseres Kindes wichtige Zeit nutzen», sagen Giulios Eltern. In diesem Alter lerne er die Fremdsprache noch «auf spielende Art». Das sieht so aus: Giulio stolpert durchs «Spielhuus Tröpfli» in Steinhausen ZG, stets auf seinen Fersen entweder Mami oder Caroline Albert, die Lehrerin. Denn Kinder, die gerade mal laufen können, haben naturgemäss kein Sitzfleisch. «Oh, Giulio!», ruft dann Caroline Albert etwa und hebt an zum Singsang. «Look! What’s in the bag?» Giulio kommt, wirft einen Blick in die Tüte. «Oh, look, a cat!», ruft die Lehrerin – doch das kriegt Giulio schon nicht mehr mit. Diesmal hats ihm die Schreibmaschine angetan. Doch jetzt wird nicht geklimpert. Giulio wird wieder eingefangen. Man nimmts mit Humor. Immerhin. Englisch für Kinder, die in ihrer Muttersprache noch kaum mehr als «Mami» hervorbringen, ist vielleicht das ambitionierteste, nicht aber das einzige Angebot zur Frühförderung. In den letzten Jahren hat sich in der Schweiz ein privater Bildungsmarkt nach amerikanischem Vorbild etabliert, der genau da anfängt, wo die Weichen für eine glückliche und erfolgreiche Zukunft angeblich gestellt werden: im Säuglingsalter. Babyschwimmen war gestern, heute stehen musikalische Früherziehung, Babyzeichensprache, Kunst-

kurs oder Kinder-Yoga auf dem Programm. Implizit oder explizit ist das Ziel stets das gleiche: «Bringt Ihrem Kind einen Vorsprung fürs ganze Leben», wie Caroline Albert auf ihrer Internetseite wirbt. In der Schweiz gibt es über 50 «unabhängige Helen-Doron-Early-English-Lehrkräfte» wie Caroline Albert. Und kein Zweifel, sie hat die Lektion ihrer «geistigen Mutter» gut gelernt. Helen Doron, Sprachwissenschaftlerin aus England, steht nicht nur hinter der Unterrichtsmethode. Ihr Name steht auch auf den Lehrmaterialien, auf den Lern-CDs und auf der Umhängetasche, die ausgehändigt

57

Die spielerische Methode, sprich: der «Einbezug aller Sinne», habe sie überzeugt, erklärt ein Elternpaar. Giulios Vater meint: «Vielleicht ersparen wir uns ja einen teuren Auslandsprachaufenthalt.» Oder den teuren Nachhilfeunterricht? Denn wie meint Caroline Albert: «Wenn die Kinder bei Schuleintritt Englisch können, bleibt ihnen mehr Zeit für Fächer, die ihnen mehr Mühe bereiten.»

Kurse gegen das schlechte Gewissen

Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, steht solchen Kursen kritisch gegenüber. Er spricht von «Förderwahn» und mahnt: «Eine frühe Förderung ist gut und wichtig, aber nur wenn «Wer nur wenige Kinder sie die spontane Eigenaktivität des Kindes hat, setzt alles daran, nicht verdrängt.» Viel zu oft jedoch müssten schon die Jüngsten Normen und Wünsche dass diese bestmöglich der Erwachsenen erfüllen. «Man nimmt ihherauskommen.» nen das Recht und die Zeit, selbst zu entscheiOskar Jenni, Leiter der Abteilung den, wann und was sie lernen oder spielen Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich wollen.» Jenni erklärt den Trend zur Frühförderung in erster Linie mit dem Rückgang der werden. Hunderttausende Kinder besuchen Geburtenrate: «Wer nur wenige Kinder hat, inzwischen Dorons Franchiseprogramme in setzt alles daran, dass diese bestmöglich mehr als 20 Ländern – die jüngsten sind ge- herauskommen; klug, glücklich, erfolgreich.» rade mal zwölf Wochen alt. Im Kinderwagen Zugleich sind heute oft beide Elternteile bewerden sie zum wöchentlichen Englischkurs rufstätig und haben wenig Zeit für ihre Kingefahren, wo sie dann lächelnd oder auch der. Indem sie ihre Liebsten in Förderkurse mal schlafend in den Armen stecken, versuchen sie, dieihrer Eltern liegen, während ses Defizit zu kompensieren die mit ihnen englische Lieoder zumindest ihr schlechBeobachter der singen oder Bildkärtchen tes Gewissen zu beruhigen. anschauen. Nach 12 bis 15 Die langjährige MütterÜbertreiben Eltern die Monaten soll das Kind 550 beraterin Anna Urben hat Frühförderung ihrer Kinder? englische Wörter und 24 Liezudem festgestellt, dass viele Diskutieren Sie mit auf der verstehen. Frauen – und es seien vor www.beobachter.ch/direkt.

direkt

Die kindliche Entwicklung in den ersten vier Lebensjahren

2. Monat n erste laut-

äusserungen («plaudern»). n schreit anders bei Hunger oder schmerz. n beruhigt sich auf gutes Zureden.

Legende = sprachentwicklung = bewegungsentwicklung = soziale entwicklung

3. Monat n reagiert lächelnd oder plaudernd auf ein freundliches gesicht. n Verfolgt gesichter kurz mit seinen augen.

6. Monat n nimmt wahr, dass es aufgenommen werden soll, und streckt arme entgegen. n unterscheidet nettes/unfreundliches gesicht und reagiert darauf. 5. Monat n unterscheidet freundlichen

oder ärgerlichen tonfall. n plaudert melodiöser und differenzierter. n erste silbenketten («pa-pa-pa»). 4. Monat 1. Monat n Kann den Kopf aus der rückenlage kurz anheben.

n Hebt den Kopf aus der rückenlage an. n stützt sich in der bauchlage auf die unterarme. n in gestützter sitzposition gute Kopfkontrolle.


26 TITELthema Stichwort

Trommelfellschnitt Dieser Eingriff soll ab 2012 in jedem Fall 7292 Franken kosten – egal, wie aufwendig die Behandlung effektiv ist.

Zu den «Preisetiketten» in diesem Artikel: Jeder Diagnose ist ein «Kostengewicht» zugeordnet (Trommelfellschnitt: 0,859). Dieses wird multipliziert mit dem Basispreis von 8489 Franken. Laut Santé­suisse, dem Branchenverband der Krankenversicherer, ist das der aktuelle Richtwert, an dem sich Regionalspitäler orientieren.


32 TITELthema Stichwort

Akute schwere AugenentzĂźndung

Sterilisation des Mannes

Kniegelenkspiegelung

Lungenembolie


HAAR/MAKE-UP: SERAINA LÜCHINGER UND CORNELIA DEISLER; MODELS: SABRINA PESENTI, LEVENT KÜNZI (OPTION MODELS), ANITA SCHEIDER (FINDAFACE.CH), EGZON CEKAJ, JACKIE LÜTHI; BALLONJUPE, GOLDENER GÜRTEL, PAILLETTENJACKE VON H&M, SILBERTOP VON MANOR, GRAUE LEDERSCHUHE, HEMD, KRAWATTE VON H&M, HOSE VON MANOR, GOLDKETTEN, PUMPS, PAILLETTENKLEID (KOOKAI) VON MANOR, TIGERSHIRT VON H&M, KATZENMASKE, GOLDKETTE UND PAILLETTENGILET VON MANOR, KLEID VON H&M

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben

DAS 1. GEBOT


HAAR/MAKE-UP/MODEL: RAMONA STÃœSSI

DAS 2. GEBOT

Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen


MODELS: JÜRG KEIM, THOM KÜNG; SPAZIERSTOCK VON LE PARAPLUIE, KRAWATTENSCHAL VON BÖHNY, HUT VON MEINE GARDEROBE ZÜRICH, SCHAL (TOMMY HILFIGER) VON JELMOLI

DAS 9. GEBOT

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus


HAAR/MAKE-UP: LÉA STALDER; MODELS: WERNER PETER (FINDAFACE.CH), MARINA TYULKINA; KRAWATTE (HACKETT LONDON) VON BLASER MARKET, HEMD (RALPH LAUREN) VON BLASER MARKET, PELZMANTEL (FASHION LINE) VON BERNIE’S, KLEID (PHILIPP PLEIN) VON BERNIE’S, TASCHE VON MANOR

DAS 10. GEBOT

Du sollst nicht begehren * deines Nächsten Weib

«Weib» bedeutet hier unter anderem auch Besitz. Im zweiten Buch Mose wird die Frau unter den Gütern aufgeführt, die zum Haus des Mannes gehören. Das 10. Gebot ist nebst einer Bekräftigung des 6. Gebots ein Geheiss, nicht neidisch zu sein.

*


Frage: Welche Werte und Bereiche im Leben sind Ihnen wichtig?

Beobachter

Aus Sicht der Frauen haben gesellschaftliche Werte mehr an Bedeutung verloren als in der Wahrnehmung der Männer. Diese sehen dagegen im privaten Bereich die Werte deutlicher schwinden.

Die repräsentative Umfrage zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung vor allem gesellschaftliche Werte (gelb) bedroht sieht. Verglichen mit privaten Werten (rot), sind sie fast doppelt so oft als gefährdet taxiert worden. Eine detaillierte Auswertung macht deutlich, dass jüngere Paare ohne Kinder gesellschaftliche Werte als am stärksten bedroht sehen. Familien und ältere Singles machen sich dagegen mehr Sorgen um die privaten Werte.

Der Beobachter hat eine repräsentative Umfrage dazu erstellen lassen, welche Werte in der Schweiz heute wichtig sind, welche an Bedeutung verloren und welche gewonnen haben. Die 1000 Befragten konnten die Werte ohne Vorgaben nennen, was zu einem besonders authentischen Meinungsbild führt. Aus den Nennungen sind die in der Grafik dargestellten Kategorien für private und gesellschaftliche Werte gebildet worden. Freunde sind im Gegensatz zur Familie ein gesellschaftlicher Wert, da es um Freunde im Sinne eines sozialen Netzwerks geht. Die Kategorie Respekt umfasst auch Toleranz und Wertschätzung.

«Gesundheit» als persönlich wichtigen Wert oder Lebensbereich an. Die Mehrheit meinte zudem, dass dieser Wert in der letzten Zeit an Bedeutung gewonnen hat (Pfeil nach oben).

Lesebeispiel: 16,4 Prozent der Befragten gaben

1

1|2010

7,3%* u

16,4% u

9,8% u

u …hat an Bedeutung gewonnen — …ist unverändert geblieben t …ist bedroht

Ich finde, dieser Wert/Bereich...

gesellschaftliche Werte/Lebensbereiche persönliche Werte/Lebensbereiche

Respekt Umwelt Frieden Tradition

Sicherheit Familie Gesundheit Freunde

Deutschschweiz

französische Schweiz

71%

56%

50% 50%

58%

9%

3%

5%

14% 13%

14 Prozent der Befragten glauben, der Wert «Respekt» sei bedroht.

6 Auswahl bedrohter Werte: «Respekt» an der Spitze

6%

8% 7%

9 Prozent der Befragten glauben, der Wert «Sicherheit» habe an Bedeutung gewonnen.

5 Ausgewählte Werte, die an Bedeutung gewonnen haben: «Sicherheit» an der Spitze

42%

58 Prozent der Befragten der französischen Schweiz meinen, gesellschaftliche Werte (gelb) hätten an Bedeutung gewonnen, 42 Prozent denken dies von den privaten Werten (rot). In der Deutschschweiz sind es je 50 Prozent.

4 Erstarkte Werte: Unterscheidung nach Sprachregionen

44%

56 Prozent der Befragten denken, die gesellschaftlichen Werte (gelb) hätten an Bedeutung gewonnen. 44 Prozent glauben, dies treffe auf persönliche Werte zu (rot).

3 Haben gesellschaftliche oder persönliche Werte an Bedeutung gewonnen?

29%

71 Prozent der Befragten glauben, gesellschaftliche Werte seien bedroht, 29 Prozent denken das über persönliche Werte

2 Sind gesellschaftliche oder persönliche Werte bedroht?

WERTEWANDEL 8


QUELLE: KONSO; INFOGRAFIK: BEOBACHTER/DR

* Unter den Begriff «Sicherheit» fallen sowohl die finanzielle als auch die persönliche Sicherheit. Nicht berücksichtigt wurden «andere persönliche/gesellschaftliche Werte».

6,3% u

6,5% t

7,3% t

3,6% t

4,2% t 2,9% —

2,8% t

3,2% t

2,1% —

1,3% u

1,9% u

1,1% u

gesellschaftliche Werte

0,7% u

persönliche Werte

0,6% u

0,6% t

0,8% —

0,8% t

1% —

2,1% u 1,7% u

4,6% u

6% u


32 TITELTHEMA MIGRATION

1

Einwanderung und Auswanderung: Wer zu uns kommt – und wer die Schweiz verlässt

Anzahl eingewanderte und ausgewanderte Personen nach Staatsangehörigkeit (Jahr 2009, die zwölf grössten Einwanderungsgruppen)

Deutschland: 35 100

Portugal: 14 700

Zuwanderung 2009 Türkei: 2700

Frankreich: 11 500

Polen: 2200

Italien: 9500

Grossbritannien: 5000

Brasilien: 2800

Kosovo: 2000

2

Österreich: 2900

Serbien: 3400

3

Einwanderung: Zunahme seit 2007

9 Mio.

Russland: 2000 74 600

8 Mio. 75 500

9,53 Mio.

(Prognose gemäss hohem Szenario)

Ständige Wohnbevölkerung in der Schweiz

98 200

Zuwanderung in die Schweiz abzüglich Rückwanderung (Wanderungssaldo)

Bevölkerungsentwicklung: Bald 10 Millionen Einwohner?

7 Mio.

8,74 Mio.

(Prognose gemäss mittlerem Szenario)

ständige Wohnbevölkerung ausländische Wohnbevölkerung schweizerische Wohnbevölkerung

7,89 Mio.

(Prognose gemäss tiefem Szenario)

39 400

40 500

36 200

48 900

43 000

5 Mio.

QUELLEN: BUNDESAMT FÜR MIGRATION (1, 4), BUNDESAMT FÜR STATISTIK (2, 3); INFOGRAFIK: BEOBACHTER/DR

4 Mio. 3 Mio. 2 Mio.

20 200

41 800

6 Mio.

1 Mio.

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 volle Personenfreizügigkeit

0 1950

1960

1970

1980

1990

2000 2010

2020

2030


Beobachter

19|2010

Deutschland: 15 700

Die Nettozuwanderung 2009 Die Nettozuwanderung ist die Differenz zwischen der Ein- und der Auswanderung. Zwei Drittel der neu dazugekommenen ausländischen Wohnbevölkerung setzen sich aus den folgenden Staatsangehörigkeiten zusammen: Deutschland Portugal Frankreich Italien Grossbritannien Kosovo Brasilien Polen Türkei Russland Serbien Österreich

19 400 8800 5400 3500 2300 1900 1600 1300 1300 1200 1200 1200

Die Nettozuwanderung nach Weltregionen

Portugal: 5900

Frankreich: 6100

Auswanderung 2009 Italien: 6000

Grossbritannien: 2700

8,2% Asien 6,9% Afrika

78,1% Europa

33

Serbien: 2200

6,5% Amerika

Österreich: 1700

0,3% übrige

Polen: 900 Russland: 800

Türkei: 1400

4

Brasilien: 1200

Kosovo: 100

Warum man in die Schweiz einwandert: Die meisten kommen aus der EU und wollen hier arbeiten

Einreisen nach Einwanderungsgrund, Mai 2009 bis April 2010 (total 130 523 Personen)*

EU 38,3%

Personen aus der EU, die in der Schweiz arbeiten wollen

32,8%

Personen, die aufgrund des Familiennachzugs einwandern

Chancen: Die erwerbsorientierte Einwanderung ermöglicht Wirtschaftswachstum.

Chancen: Steigert die Attraktivität der Schweiz für erwerbsorientierte Einwanderer.

Risiken: Die Politik hat wenig Steuerungsmöglichkeiten. Die Wohnpreise ziehen an, Infrastruktur (etwa die Verkehrssysteme) kommt an Grenzen.

Risiken: Einwanderer aus Nicht-EU-Staaten haben oft mehr Integrationsschwierigkeiten. Die Verwandtschaftsbeziehung ist nicht immer erwiesen.

Trends: Zieht die Konjunktur an, kann sich die Einwanderung verstärken.

Trends: Der Familiennachzug bleibt ein relevanter Zuwanderungsgrund.

12,1%

Personen, die eine Aus- oder Weiterbildung machen wollen

5%

Anerkannte Flüchtlinge und Härtefälle

Chancen: Junge, bildungsnahe Menschen kommen. An den Bildungsstätten herrscht eine internationale Atmosphäre.

Chancen: Fortführung der humanitären Tradition der Schweiz als sicherer Hort für gefährdete Menschen.

Risiken: Grosser Zulauf von ausländischen Studenten. Ausbau der Infrastruktur kann nicht Schritt halten. Qualitätsverluste drohen.

Risiken: Die Erwerbsquote bei anerkannten Flüchtlingen liegt unter 20 Prozent.

Trends: Rektoren drängen auf Zugangsbeschränkungen.

Trends: Das Bundesamt für Migration will die Quote heben.

5,9%

Nicht-EU-Bürger, die in der Schweiz arbeiten wollen

4,3%

Personen ohne Erwerbstätigkeit *Die fehlenden Werte bis 100 Prozent fallen unter «übrige Einwanderer».


32 Spezial jugend

David über

Erfolg «Es wäre wohl etwas übertrieben zu be­ haupten, das Leben sei ein Spiel. Aber ich bin eben ganz der Sportler. Ich brauche ­etwas, was ich erreichen kann. Das ist beim Golfen und beim Handball so und war im Gymnasium ebenso. Es gab Fächer wie Wirtschaft und Englisch, die waren mir sehr wichtig, die fand ich spannend, also habe ich viel dafür gelernt. Physik hat mich nie interessiert – also reichte eine Vier. ­Erfolg hat meist etwas mit Aufwand und Ertrag zu tun. Da denke ich sehr wirtschaft­ lich. Du bekommst, was du verdienst.

David Maurer, 20, Maturand, Biel-Benken Hobbys: Handball, Golf

Manchmal hast du Glück, manchmal Pech. Aber im Grossen und Ganzen stimmt es schon. So war das auch bei der Schwei­ zer Meisterschaft im Debattieren, wo ich im Herbst mit 70 anderen Jugendlichen mitgemacht habe. Kaum war ich da, wollte ich gewinnen – und tat es dann auch. Ab dem Sommer studiere ich Interna­ tionale Beziehungen an der Uni St. Gallen. Eigentlich bin ich ja nicht so der theoreti­ sche Typ, aber ich habe das Gefühl, dass es ohne Studium schwierig ist, an die Spitze zu kommen. Doch genau dorthin will ich.

Ich will einmal etwas erreichen, etwas verändern. Viele fragen mich, ob ich einmal in die Politik will. Tatsächlich interessiert mich das. Zu Hause war es immer ein ­Thema, also hab ich früh begonnen mitzu­ reden. Momentan sehe ich mich aber eher als Vermittler in internationalen Konflikten oder bei einer grossen Sportvereinigung. Genau weiss ich es noch nicht. Ich finde es wichtig, gewisse Bereiche zu definieren, zugleich aber offen zu bleiben für das, was das Leben zu bieten hat.»  Aufgezeichnet von Nicole Krättli

foto: gabi vogt


1 | 2012

«Du bekommst, was du verdienst»: David Maurer

 Beobachter  33


8 spezial jugend

Mathew über die

Zukunft «Manchmal bin ich schon etwas neidisch auf meine Freunde. Die können arbeiten, eine Ausbildung machen, planen – ich nicht. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als eine Lehre zu machen, als Mechaniker oder Elektriker, und dann eine Familie zu gründen. Ganz einfach. Aber ich kann nicht. Seit drei Jahren bin ich in der Schweiz. Ich stamme aus Nigeria. Meine Familie ist christlich, die Konflikte zwischen Moslems und Christen nahmen ständig zu. Eines Tages, inmitten von Tumulten und Totschlägen, musste ich fliehen. Meine Kirche half mir dabei. Meine Eltern habe ich seither weder gesprochen noch gesehen. Ich weiss nicht, ob sie noch leben. Hier habe ich eine Art neue Familie ­gefunden, meinen Fussballklub KnonauMettmenstetten. Der Trainer ist wie ein Vater für mich. Ich bin Stürmer, spiele in der 1. Mannschaft. Auch andere, bessere Teams haben sich schon für mich inte­ ressiert, sogar jemand vom Schweizer Fussballverband. Aber weil ich keinen gültigen Ausweis habe, kann ich den Kanton nicht verlassen und auch nicht für die Schweiz spielen. Mein Asylgesuch wurde abgelehnt, ich warte auf meine Ausschaffung. Daran denke ich nicht gern – ich hoffe immer noch auf ein Wunder. Ich habe viel getan, um hier ‹anzukommen›: schnell Deutsch gelernt zum Beispiel. Einen Tag pro Woche arbeite ich in einer Schreinerei, und ich ­organisiere Freizeitaktivitäten für andere junge Flüchtlinge. Nächsten Frühling haben wir ein Fussball-Trainingslager in ­Spanien – hoffentlich habe ich bis dann ­einen Ausweis, sonst kann ich nicht mit. Das macht mich traurig.»  Aufgezeichnet von Birthe Homann

Mathew Awolola, 18, Flüchtling, Embrach-Rorbas ZH Hobby: Fussball

foto: gabi vogt


1 | 2012

«Ich hoffe immer noch auf ein Wunder»: Mathew Awolola

 Beobachter  9


12 spezial visionen

Mit dieser Prothese soll man alles tun können – auch ­Ungesundes: ­ Entwickler ­Konstantinos Dermitzakis führt einen Prototyp vor.


1 | 2011

«Gelage mit viel Fleisch sind primitiv»: In Rolf Hiltls Restaurant wird seit 112 Jahren vegetarisch gekocht.

 Beobachter  19


40 AKTUELL

Werbung für den Auftritt am Abend: Das Traktorkestar fährt durch die Strassen von Niš.

Beo_20_040_Traktorkestar_Repo 23.09.11 16:48 - 40 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)


Beobachter

20 | 2011

Mit «Vreneli» durch Serbien

Musikalisch lässt sich die Balkan-Brassband Traktorkestar in keine Schublade stecken – dafür passt sie prima in einen Tourbus oder auf einen Traktoranhänger: unterwegs mit Schweizern, die «Vreneli ab em Guggisbärg» dort zum Besten geben, wo man von Tuten und Blasen eine Ahnung hat. Text: Balz Ruchti; Fotos: Tomas Wüthrich

Beo_20_041_Traktorkestar_Repo 23.09.11 16:48 - 41 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

41


42 AKTUELL

Orchesterprobe im Fünfbettzimmer: «Das ist Mostar, wir können hier nicht irgendwelche Fehler machen!»

Beo_20_042_Traktorkestar_Repo 23.09.11 16:48 - 42 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)


Beobachter

20 | 2011

Beo_20_043_Traktorkestar_Repo 23.09.11 16:48 - 43 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

43


44 AKTUELL

Beo_20_044_Traktorkestar_Repo 23.09.11 16:48 - 44 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)


Beobachter

20 | 2011

Bijeljina, Auftritt im Hotel Drina: Die Tänzerin und Dolmetscherin Maja Diemers begeistert Einheimische.

Beo_20_045_Traktorkestar_Repo 23.09.11 16:48 - 45 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

45


20 AKTUELL

Neugebaute Tristesse nahe der Atomfabrik: die Siedlung Novomusljumovo

Leben in der


24 | 2010

Todeszone Schweizer Atomkraftwerke produzieren sauberen Strom – sagen ihre Betreiber. Ein Augenschein im Südural, wo das dafür notwendige Uran herstammt, zeigt ein anderes Bild. Text: Thomas Angeli; Fotos: Tomas Wüthrich

 Beobachter  21


22 AKTUELL

W

ir werden nichts anfassen, senschaft Majak» ent­halten. Für das Image auf Kredit», sagt er. Milya Kabirova leidet was wir nicht unbedingt der Schweizer Atomindustrie ist das Gift: unter der Strahlenkrankheit. Kinder kann anfassen müssen. Sollten Was im riesigen, hermetisch abgeriegelten sie keine bekommen. wir irgendwo eingeladen Atomkomplex mit seinen 14 000 Angestell­ werden, werden wir Essen ten in den vergangenen Jahrzehnten ge­ Zwei weitere Katastrophen werden publik und Getränke höflich ablehnen, frische schehen ist und vermutlich immer noch Die Gräber von Mylias Eltern stehen ganz Milch wird sowieso niemand trinken. Und geschieht, passt so gar nicht ins Bild der am Rand eines der fünf Friedhöfe in Mu­ sobald die Tagesdosis von 0,1 Millisievert angeblich sauberen Atomenergie. Hier im sljumovo in einem Birkenwald. Milyas Va­ er­reicht ist, verschwinden wir. Notfalls oh­ Südural, wo das Uran für die Schweizer ter Murmuchamet Schagiachmetow wur­de ne unsere Schuhe. Die würden wir vor unse­ Atomkraftwerke aufbereitet wird, zeigt sich bloss 44 Jahre alt. Er hatte 1961 eine Stelle als Aufseher an der Tetscha angetreten und rem Bus stehenlassen und wegfahren. die schmutzige Seite. Wir sind da, wo wir hinwollten, obschon Die Katastrophe, an deren Folgen Mu­ musste Kinder und Vieh vom Ufer des ver­ uns allen beim Gedanken ein wenig mul­ sljumovo mit seinen knapp 2000 Einwoh­ seuchten Flusses fernhalten. Kein Jahr spä­ mig war. Wir stehen auf der schweren, nern bis heute leidet, begann mit einer Ge­ ter starb er. Sein Blut sei gelb gewesen, er­ schlam­ migen Erde von Musljumovo, 55 heimoperation. Auf Geheiss Stalins wurde zählt Gosman. Heute weiss das Paar, dass Grad 36 Minuten Nord, 61 Grad 38 Minu­ 1948 in Majak innert 18 Monaten ein Pluto­ Schagiachmetow vermutlich an einer aku­ ten Ost, zweieinhalb Flugstunden von Mos­ niumreaktor aus dem Boden gestampft, ten Leukämie starb, obschon auf dem kau entfernt. Weil wir erfahren wollen, was um die sowjetische Atombombe zu bauen. ­Totenschein eine unverfängliche Krankheit Schweizer Atomkraftwerke mit einer ökolo­ Im beginnenden Kalten Krieg drängte die angegeben war. Krebs als Todesursache zu nennen war verboten. gischen und sozialen W ­ üs­te Was in Majak vor sich ging, im Südural zu tun haben. ­durfte niemand wissen. «Wir», das sind zwei Erst 1989, als sich Russ­ nalistinnen und drei Jour­ land gegenüber dem Wes­ Jour­nalisten, drei Fotogra­ ten zu öffnen begann, er­ fen, drei Atom-Campaigner fuhr die Welt von zwei wei­ von Greenpeace, ein Reise­ teren Atomkatastrophen, leiter, ein Übersetzer. Und die sich in der Anlage er­ Heinz Smital, Strahlen­ eignet hatten. 1957 war ein schutzexperte von Green­ Tank mit 250 000 Litern peace, der leicht erstaunt ­einer plutoniumhaltigen auf den Monitor seines De­ Flüssigkeit explodiert und tektors schaut. Am Morgen hatte eine Fläche von rund im Hotel in Tscheljabinsk, 10 000 Quadratkilometern 60 Kilometer entfernt, hatte im Nordosten der Anlage der Zeiger bei unbedenkli­ verseucht. Zehn Jahre spä­ chen 15 Einheiten gestan­ ter, im heissen Sommer den. Jetzt schwankt er zwi­ 1967, trocknete der Kara­ schen den Zahlen 5 und 10, tschai-See aus, den die nicht mehr als in jedem be­ liebigen Ort in der Schweiz. Das Haus ist nicht fertig: Venera Gaynetdinova soll bei Winterbeginn hier einziehen. ­Majak-Verantwortlichen ab 1951 als atomare Müllkippe «Hier ist nichts», sagt Smi­ tal, «nur Hintergrundstrahlung.» Wir a­ tmen Zeit derart, dass man während der ersten verwendet hatten. Die radioakti­ven Subs­ auf und sind zugleich überrascht. Nur na­ zwei Jahre die flüssigen hochradioaktiven tanzen, die sich am Seegrund abgelagert türliche Strahlung an einem der angeblich Ab­fälle ungefiltert in die Tetscha ableitete. hatten, wurden vom Wind aufgewirbelt am stärksten radioaktiv verseuchten Orte Am Fluss aber, der durch Musljumovo und und verstreut. Beide Gebiete, zusammen der Welt, das hatten wir nicht erwartet. viele andere kleine Dörfer floss, weideten halb so gross wie die Schweiz, gelten heute Noch ahnen wir nicht, dass sich der ato­ Kühe, es wurde gefischt, und Kinder bade­ als «Naturschutzgebiet», mit Sta­chel­draht­ mare Schrecken nicht bloss an der Skala ten ­darin. Die Tetscha war die Lebensader zaun und Bewachern. in einer kargen Steppenlandschaft. In Musljumovo hingegen leben weiter­ eines Geigerzählers manifestiert. Während man die umliegenden Dörfer hin Men­schen. Venera Gaynetdinova ist Bewohner waren Stalins Versuchskaninchen entlang der Tetscha evakuierte, liess man eine von ihnen. Noch wohnt sie mit ihren Wir sind hierhergekommen, weil wir nicht Mus­ ljumovo, 70 Kilometer flussabwärts zwei Söhnen und der Schwiegertochter in in den abgeriegelten Atomkomplex von von Majak, stehen. «Man brauchte uns als ihrem alten Haus im ursprünglichen Ort Majak können, um den es auf der Medien­ Versuchskaninchen, um die langfristigen nahe am Fluss. Bald soll die Familie in eins reise eigentlich geht, die Greenpeace orga­ Fol­gen der Strahlenbelastung zu untersu­ der neuen Häuser in Novomusljumovo nisiert hat. Die Umweltorganisation hat in chen», sagt Gosman Kabirov. Er und seine einziehen, bloss zwei Kilometer entfernt. den vergangenen Monaten mit hartnä­cki­ Frau Milya sind in Musljumovo aufgewach­ 60 Jahre nachdem die radio­aktiven Abwäs­ gen Recherchen nachgewiesen, dass in sen, heute wohnen sie in Tscheljabinsk. Im ser den Fluss verseucht haben, lässt die Re­ Schweizer AKWs Brennelemen­ te im Körper des Taxifahrers steckt die dreifache gierung das Dorf an der Tetscha räumen. ­Einsatz sind, die Uran aus dem «Födera­ Maximaldosis an radioaktiver Strahlung, Venera Gaynetdinovas neues Daheim tiven ­ Einheitsbetrieb Produktionsgenos­ die ein Mensch aufnehmen kann. «Ich lebe steht am Ende einer Strasse aus zäher,


24 | 2010

Musljumovo wird bald Geschichte sein: Die Häuser werden allesamt abgerissen, die Bewohner nach Novomusljumovo umgesiedelt.

Atomare Kloake: Die radioaktiven Abfälle in der Tetscha werden noch Jahrzehnte den Fluss verseuchen.

 Beobachter  23


36 Aktuell

Runterspringen oder ausreisen? Nach drei ­Monaten im Flüeli freut sich Pascal Ebizie ­darauf, nach Nigeria heimzukehren.


36 aktuell Schön wie fliegen: Sprungkraft und Gleich­gewichtssinn sind für die Traceure Voraussetzung.


38 Aktuell

Die Nacht vergeht im Flug

Nicht alles ist erlaubt: Dieser junge Berner strapaziert gerade das geltende Prinzip der Selbstbestimmung.


Beobachter  39

24 | 2009

Sport in der Halle statt Hängen und Saufen: Das Konzept ist so einfach wie erfolgreich – obwohl Bewegung für die Kids nur Nebensache ist. Auf Stippvisite bei Midnight Sports in der Stadt und auf dem Land. Text: Daniel Benz und Balz Ruchti Fotos: Fabian Unternährer (Bern) und Dominic Büttner (Hünenberg)

D

ie Nacht ist kalt und hässlich, November halt. Kein Quartier sieht gut aus an so einem nassen Abend – und besonders nicht Bern-West. Es gibt keinen Grund, bei diesem Wetter draussen zu sein, es sei denn, man pubertiert. Auf dem Areal des Schulhauses Schwabgut ist es dunkel. Das einzige Hell fällt aus der Glastür der Turnhalle, davor tummeln sich Jugendliche. Wie Nachtfalter kreisen sie ins Dunkel weg und klatschen von neuem gegen die Tür: «Ey, mach uf, Mann! Isch 59!» Es ist 20.59 Uhr. Hinter der Glastür bleibt «Mann» gelassen. Midnight Sports beginnt um 21 Uhr. Und hier haben nicht die Quartierkönige das Sagen, sondern die neun J­ uniorcoachs. Die 14-jährige Aisha legt das Gästebuch bereit, in das sich jeder eintragen muss. ­Alles ready. Aishas Bruder Aji öffnet die Tür. «Mann, ändlech, ey!» Die Nachtfalter drängen ins Warme. Eines ist schnell klar: Dieses Völkchen kommt nicht, um Sport zu treiben – zu hoch sind die Absätze, zu eng die Hemden, zu gestylt die Frisuren. Szenen wie diese spielen sich zeitgleich in rund 70 anderen Deutschschweizer Turnhallen ab. Midnight Sports ist überall. Angezettelt hat das Ganze der 46-jährige Zürcher Bobbi Schmuki. 1999 wurde er als Stadtplaner von der Stadt Zürich mit einer Quartieraufwertung beauftragt. Als Hauptproblem in urbanen Landschaften erkannte er die fehlenden Freiräume für Jugend­ liche. Gleichzeitig gibt es in Turnhallen brachliegenden Raum – er muss nur zugänglich gemacht werden.

«Die gleiche Klientel wie ein Botellón» Das Prinzip der offenen Turnhallen kannte Schmuki aus Hamburg: ein konsumarmer Anlass, organisiert von Jugendlichen für ihresgleichen. Das niederschwellige An­ ­ gebot richtet sich vor allem an Kids, die sich Klubs nicht leisten können und sich von Vereinen nicht begeistern lassen. Mit


24 Aktuell

«Ein Viertel gehört mir» Der Berliner Fernsehturm steht eigentlich auf schweizerischem Boden. Jahrzehntelang kämpfte Gret Lüscher um das millionenteure Grundstück – mit den Nazis, den Sowjets, der DDR und dem wiedervereinten Deutschland. Am Ende wurde sie mit knapp 2000 Euro abgespeist. Text: Helmut Stalder; Foto: Andreas Eggenberger

Gret Lüscher zu Hause in Thalwil: «Ach, dieser Turm – was bilden sich die Berliner darauf ein.» Heute kann sie die Enteignung des Grundstücks mit Humor nehmen.

foto: Gettyimages


Beobachter   Familie

65  19 | 2010

1965

foto: helga lade gmbh

«Ich bin halt nur Hausfrau» Frauen in der Schweiz sind selbstbewusst und emanzipiert. Warum um Himmels willen beginnen dann so viele Gespräche auf der Beobachter-Hotline mit «Mein Mann hat gesagt…»? Text: Yvonne Staat; Foto Seite 67: Désirée Good


19 | 2010

 Beobachter  67

2010


32 AKTUELL

«Jeden Tag haben wir hier neue Schmetterlinge»: Chantal Derungs, Biologin im Papiliorama, Kerzers FR

Papiliorama, Kerzers «Manchmal stehe ich in einer Wolke aus Schmetterlingen», erzählt Chantal Derungs, als sie den Schlupfkasten öffnet. Hier hängen Puppen in allen Grössen, Farben, Formen. Derungs, die schon als Gymnasiastin im Papiliorama jobbte und sich hier ihr Biologiestudium verdient hat, kennt jede einzelne.

150 Schmetterlingsarten leben im Papiliorama. Und jede Woche werden 400 bis 600 Puppen aus nach-

haltigen Zuchten in den tropischen Regionen der Welt angeliefert.

Jeden Morgen geht Derungs zum Schlupfkasten und öffnet die Tür. «Das ist der schönste Moment. Jeden Tag haben wir hier neue Schmetterlinge», sagt sie. Wenn ein Falter noch feuchte Flügel hat, wird er sachte an einen Baumstamm gesetzt. Manchmal landet das Tier trotzdem auf dem Boden. Dann bringt es Derungs in Sicherheit.

Die Verlockung bei den Besuchern ist gross, noch nicht ganz flugtüchtige Schmetterlinge auf die Hand zu nehmen. Auch alte und geschwächte Tiere, die hier im Garten länger leben als in freier Natur, werden oft angefasst. «Ich kann das gut verstehen», sagt

Chantal Derungs, «aber es kann den Tieren schaden. Vor allem bei Hochbetrieb müssen wir daher den Garten gut beaufsichtigen.»

Papiliorama Moosmatte 1, 3210 Kerzers contact@papiliorama.ch Öffnungszeiten: Winter: täglich 10 bis 17 Uhr; Sommer: täglich 9 bis 18 Uhr Eintrittspreise: Kinder bis 3 Jahre: gratis; zwischen 4 und 15: 8 Franken; Erwachsene: 17 Franken


Beobachter

8 | 2011

«Niemand kauft mehr Torf»: René Biollay, Schau-Torfstecher im St. Galler Rheintal

Schollenmühle, Altstätten SG «Ich bin der Einzige, der hier noch Torf sticht», sagt René Biollay. Der pensionierte Kaminfeger tut das aber nicht zum Broterwerb. Er zeigt Besuchern, wie man früher mit der Holzschaufel Ziegel aus dem feuchten Boden stach.

Goldammern, Störche und Hasen leben hier im Naturschutzgebiet Bannriet, wo die Schollenmühle liegt. Bis 1998 war die Torfmühle in Betrieb, vor einem Jahr wurde sie schliesslich für

das Publikum geöffnet. Alle ehemaligen Fabrikgebäude stehen schief, denn der Torfboden senkt sich ständig.

Als Kaminfeger hatte René Biollay immer wieder mit Leuten zu tun, die mit Torf heizten, ohne die damit verbundenen Tücken zu kennen. Denn die Ziegel speichern viel Feuchtigkeit, das Innere des Kamins wird deshalb von einer schwarzen, honigzähen Schicht überzogen. Biollay erklärte zuerst, wie man richtig

heizt – «wenn das nichts nützte, habe ich heimlich Ecken aus den Kaminschiebern geschnitten, damit der Dampf abziehen konnte», sagt er schmunzelnd. Seit letztem Jahr macht er nur noch Vorführungen im Wassergraben – «niemand kauft mehr Torf».

«Schon länger versuche ich, einen Nachfolger zu finden», sagt Biollay – ohne Erfolg. Also macht der 66-Jährige weiter. Und wenn sich einmal keine Besucher für seine Führungen anmelden, spaziert er durchs Riet und denkt an Zeiten, die noch gar nicht so lange vorbei sind.

Schollenmühle im Bannriet zwischen Altstätten und Kriessern www.pro-riet.ch

35


40 aktuell

Wilde Kreaturen Von Affe bis Zweizehenfaultier: Die Pflegerinnen und Pfleger im Basler und im Zürcher Zoo sind täglich in Kontakt mit allen möglichen Tieren. Die Beziehungen sind unterschiedlich – mal verschmust, mal bissig. Aufgezeichnet von Andrea Haefely; Fotos: Dominic Büttner

Thomas Ruby, 46, und Elefantendame Ruaha, 57 «Ruaha ist nicht nur uralt, sondern auch sehr zickig. Wir wissen nicht einmal, wie schwer sie ist – weil sie sich nicht wiegen lässt. Aber so um die 4,3 Tonnen wird sie schon haben.»


7 | 2009  

Carole Ruby, 43, und die Javaneraffen «Ich kenne alle beim Namen. Nur einmal, da hatte ich 132 Stück, kam ich an meine Grenzen. Da war ich mir dann bei den Kleinen nicht immer sicher.»

 Beobachter  41


16 aktuell

Was wir so alles essen In Lebensmitteln steckt nicht ­immer das, was der Konsument ­erwartet. Unser Glossar für Esser zeigt, was die Inhaltsangaben auf der Verpackung verraten. Text: Andrea Haefely; Foto: Stefan Jäggi

Edellinien, die: wie Coop Fine Food und Migros Sélection. Tests ergaben, dass sie qualitativ nicht unbedingt besser als güns­ tigere Produkte sind, sicher aber teurer. fettfrei: täuscht als Argument bei ­ Süssem oft darüber hinweg, dass es dank enorm viel Zucker trotzdem dick machen kann.

Analogkäse, der [auch Kunstkäse, Käse­ ersatz oder Käse-Imitat]: Beim Analogkäse wird das Milchfett durch billigeres Pflanzen­ fett oder Rindertalg ersetzt. Ist ernäh­rungs­ physio­logisch weniger wertvoll, da die Spu­ ren­­elemente und Mineralstoffe der Voll­ milch fehlen. Macht wegen des höhe­ren Fettgehalts dicker als echter Käse. Lässt sich gut ­ tarnen und existiert in ver­schiedenen Geschmacksrichtungen wie Mozzarella oder Cheddar, das Aroma stammt aus dem Reagenzglas. Er kostet in der Herstellung halb so viel wie herkömmlicher Käse.

Geschmack, der: kann mit dem jeweiligen Lebensmittel nichts oder nur wenig zu tun haben [→ Vanille; → naturidentisch].

Butter, die: Im ehemaligen Ostblock gab es Butter mit unterschiedlichem Buttergehalt. Je mehr Butter, desto teurer, je mehr Was­ ser, desto billiger. Hier ist es umgekehrt: Die gepanschte Halbfettbutter für Linien­ bewusste mit 42 Prozent Buttergehalt kos­ tet zum Beispiel bei Coop im 200-GrammMödeli 70 Rappen mehr als die Vollbutter.

Konsument, der: tut gut daran, sich die Deklarationen von Lebensmitteln, insbe­ sondere von Convenience-Food, genau und mit einer Portion skeptischer Spitz­ findigkeit anzuschauen [→ Pesto].

Convenience-Food, das [engl. «conve­ nience»: Bequem­lichkeit, Komfort]: Fertig­ pizzas, Tortelloni aus dem Beutel und Rösti aus der Büchse: Was als quasi fertiges Ge­ richt im Regal steht, bietet den Herstellern die beste Möglichkeit, an den Zutaten zu schrauben. Solche Lebensmittel enthalten mehr gehärtete Fette und Zucker sowie Hilfs­stoffe wie Emulgatoren und Stabilisa­ toren als Selbstgekochtes. Deklaration, die: Was in den Lebensmit­ teln drin ist, muss deklariert werden. Ge­ setz ist etwa, dass die Bestandteile gemäss ihrem Anteil am Ganzen in absteigender Folge aufgeführt werden. Ein Blick auf die Inhaltsliste lohnt sich: So kommt die Zutat Broccoli bei einer Broccolisuppe aus dem Beutel mit 3,6 Prozent erst an siebter Stelle, Pflanzenfette und Kartoffelmehl stehen ­dafür auf Platz eins und zwei. Salz rangiert übrigens bereits an fünfter Stelle und damit noch vor dem Broccoli, was bedeutet, dass auf jeden Fall mehr als 3,6 Prozent des ­Inhalts auf Salz entfallen.

Gesetzgeber, der: hinkt Entwicklungen in der Industrie oft hinterher. So ist etwa der Einsatz von Käseersatz [→ Analog­käse] bis­ lang in der Schweiz nicht geregelt. Grossmutterart, die: wird gerne als Argu­ ment für Authentizität von Rezeptur und Zutaten bemüht. Kann aber auch nur ein Marketingslogan sein.

Lebensmittelindustrie, die: lässt sich im­ mer wieder neue Tricks einfallen, bis der → Gesetzgeber ihr einen Riegel schiebt. So wurden jahrzehntelang Poulet-Nuggets und ähnliche Produkte verkauft [→ PouletCordon-bleu], ohne dass auf der Ver­ packung vermerkt war, dass es sich um zer­ kleinertes und neugeformtes Hühnerfleisch handelt. leicht: Steht auf der Packung das Wort «leicht» als Prädikat, bezieht sich das mög­ licherweise nicht etwa auf den Kalorien­ gehalt, sondern allein auf das Gewicht des Nahrungsmittels. Ein beliebter Trick, um das schlechte Gewissen des Konsumenten auszuschalten, etwa bei Knabberwaren. mit: ist ein praktisches Wort, wenn ver­ schleiert werden soll, dass ein Bestandteil nur in kleinen Mengen vorkommt, etwa «Süssgetränk mit Fruchtsaft». naturidentisch: bedeutet, dass die che­ mische Zusammen­setzung eines Aromas, etwa dem von Erdbeeren, gleich ist wie die­ jenige des echten Lebensmittels. Stammt aber zu 100 Prozent aus dem Labor.

Pesto, das: Im Zeichen der Italianità ist ­es Allgemeinwissen, dass Pesto aus Basilikum, Knoblauch, Pinienkernen, Parmesan und Olivenöl hergestellt wird. Oft kommt aber billiges Sonnenblumenöl zum Einsatz. Und Hersteller ersetzen die teuren Pinienkerne nur allzu gerne durch Cashewnüsse. Pflanzenfett, das: Bei Pflanzenfett handelt es sich meist um das Öl der Ölpalme. Dieses ist massiv billiger und ernährungsphysiolo­ gisch deutlich weniger wertvoll als etwa Butter, weil es mehr gesättigte Fettsäuren enthält. Nicht nur in Kunstkäse [→ Ana­log­­ käse], sondern in vielen Backwaren zu fin­ den. Selbst «Petit Beurre», die die Butter sogar im Namen tragen, enthalten mitunter gerade mal drei Prozent Butter, der viel grössere Rest ist Pflanzenfett. Poulet-Cordon-bleu, das: Wer denkt, dass sie wie weiland beim Grosi aus Pouletbrust­ schnitzeln gemacht werden, irrt: Geschred­ dertes Hühnerfleisch, in Form gepresst, tuts auch, finden die Hersteller. Steht mitt­ lerweile immerhin auf den Packungen. Roastbeef, das: Selbst bei aufgeschnitte­ nem und abgepacktem Roastbeef lohnt sich ein Blick auf die Deklaration. Statt ­Aufschnitt aus dem teuren Entrecôte-Stück vom Rind kann «Rinder-Wurstware» im Kühlregal liegen. Erkennbar durch den Auf­ druck «Hergestellt aus Rindfleisch». Schinkenersatz, der: Auch hier mehr Schein als Sein; minderwertiger Schinken wird mit Wasser und Stärke aufgekocht und neu in Form gebracht [→ Schweine­fleisch­ erzeugnis, gekocht]. Schweinefleischerzeugnis, gekocht, das: Wurst- und Fleischwaren, die irgendwie mit Schweinefleisch zu tun haben. Kann aussehen wie «gewachsenes» Fleisch, muss es aber nicht sein [→ Schinkenersatz; → Roastbeef; → Poulet-Cordon-bleu]. Vanille, die: Schote einer Orchidee [Vanil­ la planifolia] mit schwarzen, winzigen Sa­ menkörnern, die die Hauptgeschmacks­ träger sind. Nicht jedes Produkt mit Vanille­ geschmack und schwarzen Pünktchen ent­ hält aber die wertvollen Samen, sondern möglicherweise nur die leere, geschred­ derte Schote – vor allem, wenn der Begriff «Vanillesamen» in der Inhaltsliste fehlt.  n


15 | 2009

Nicht zum Reinbeissen: Diese ­Lebensmittel sind aus Plastik – also immerhin echt falsch.

Beobachter  17


84 Familie

‌Vater sein dagegen sehr Scheidung, Sorgerecht, Kuckuckskinder und DNA-Tests: was der moderne Vater ßber seine Rechte wissen muss. Text: Tinka Lazarevic

Foto: Kentauros/Amanaimages/Corbis/rdb


22 | 2009

J

unge Väter, ältere Väter, solche, die es noch werden wollen oder ihre Pflichten wieder loswerden möchten: Das Beobachter-Beratungszentrum wird immer wieder mit Fragen rund um die Vaterschaft konfrontiert. Eine Auswahl von Fragen und Antworten.

Meine Freundin bekommt ein Kind von mir. Was müssen wir tun, damit ich die gleichen Rechte wie sie erhalte? Bekommt eine unverheiratete Frau ein Kind, entsteht das rechtliche Kindsverhältnis zu ihr automatisch. Damit Sie als Vater im Zivilstandsregister eingetragen werden, müssen Sie das Kind anerkennen. Die Anerkennung kann bei jedem Zivilstandsamt erfolgen, auch schon vor der Geburt. Zusätzlich müssen Sie gemeinsam mit Ihrer Freundin bei der Vormundschaftsbehörde einen Antrag auf das Sorgerecht stellen. Dazu gehört auch eine Vereinbarung, in der die Kinderbetreuung und die Aufteilung der Unterhaltskosten geregelt werden müssen. Bei unverheirateten Eltern muss ferner ein Unterhaltsvertrag abgeschlossen werden, der die Kinderalimente festlegt. Solange die Eltern zusammenleben, wird man sich aber kaum auf den Vertrag stützen und die laufenden Kosten für die Familie aus der gemeinsamen Haushaltskasse bezahlen.

Meine Exfreundin behauptet, sie sei von mir schwanger. Ich will das Kind nicht anerkennen. Kann sie mich zwingen? Erfolgt bei einem unehelichen Kind keine Anerkennung durch den Kindsvater, können sowohl die Mutter wie auch das Kind gegen den mutmasslichen Vater mit einer Vaterschaftsklage vor Gericht gehen. Die Mutter kann nur innert eines Jahres seit der Geburt in ihrem eigenen Namen klagen. Das Kind muss bis spätestens zum 19. Geburtstag klagen. Zuständig ist das Gericht am Wohnsitz des Kindes oder des Vaters zum Zeitpunkt der Geburt oder der Klage. Erfolgt etwa innert eines Monats seit der Geburt keine Anerkennung, wird die Vormundschaftsbehörde für ein nichteheliches Kind einen Beistand ernennen. Er soll herausfinden, wer der Vater des Kindes ist – und dafür sorgen, dass dieser es anerkennt oder dass ein entsprechendes Vaterschaftsurteil ergeht. Erweist es sich vor Ge-

 Beobachter  85

richt, dass Sie tatsächlich der Vater sind, wird der Richter auch Alimente festlegen, die Sie für das Kind bezahlen müssen.

Ich habe jedes zweite Wochenende das Besuchsrecht für meine zwei Kinder. Meine Exfrau verlangt, dass ich sie abhole und wieder bringe. Ich finde, sie sollte doch einen Weg übernehmen. Zudem schreibt sie mir immer wieder vor, was ich mit den Kindern unternehmen müsse. Wie sieht die Rechtslage aus? Als Besuchsberechtigter sind Sie verpflichtet, die Kinder an ihrem Wohnort abzu­ holen und wieder zurückzubringen. Wenn die Kinder alt genug sind, können sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Ihnen kommen. Die Kosten dafür müssen Sie übernehmen. Während des Besuchsrechts ist es Ihnen überlassen, was Sie mit den Kindern unternehmen.

Ich befürchte, meine Frau hat mir ein Kuckuckskind untergejubelt. Kann ich heimlich einen DNA-Test machen lassen? Nein, heimliche DNA-Tests sind verboten und werden mit Gefängnis oder Busse bestraft. Eine Strafe droht nicht nur jener Person, die einen heimlichen Test bestellt, sondern auch dem Labor, das ihn durchführt. Solange das Kind nicht urteilsfähig ist, braucht es die Einwilligung beider Elternteile. Wenn das Kind urteilsfähig ist (ab etwa 14 Jahren), kann es dem Test selber zustimmen.

Meine Ehefrau verweigert die Zustimmung zu einem DNA-Test. Kann ich dennoch herausfinden, ob ich der biologische Vater bin? Als Ehemann werden Sie automatisch als rechtlicher Kindsvater im Zivilstandsregister eingetragen, unabhängig davon, ob das den biologischen Fakten entspricht oder nicht. Dieses Verwandtschaftsverhältnis kann nur durch eine Vaterschaftsaberkennungsklage geändert werden. Diese Klage muss innert eines Jahres seit Kenntnis der Nichtvaterschaft respektive spätestens fünf Jahre nach Geburt des Kindes eingeleitet werden. Nachher können Sie grundsätzlich nicht mehr klagen. Ausnahmen gibt es nur bei wichtigen Gründen, etwa wenn der Ehemann wegen Krankheit vorher nicht

dazu fähig war. Der Richter wird dann ein DNA-Gutachten an einem Institut für Rechtsmedizin anordnen. Die Betroffenen sind in diesem Fall zur Mitwirkung verpflichtet. Stellt sich heraus, dass Sie nicht der biologische Vater sind, werden Sie als rechtlicher Vater aus dem Register gelöscht. Nur das Gericht kann diese Löschung anordnen. Deshalb muss das Gericht auch dann eingeschaltet werden, wenn sich bei einem freiwilligen Test zeigt, dass der Ehemann nicht der Vater des Kindes ist.

Im Scheidungsurteil steht, ich müsse bis zur Volljährigkeit meiner Tochter Kinderalimente bezahlen. Also bis 18? Grundsätzlich dauert die Unterhaltspflicht der Eltern bis zur Mündigkeit, die heute mit 18 Jahren eintritt. Hat das Kind dann noch keine angemessene Ausbildung, müs­ sen die Eltern gemäss Gesetz weiter für das Kind aufkommen, bis es eine Ausbildung ordentlicherweise abgeschlossen hat – ­etwa durch Lehrabschluss, Berufsmatura mit Fachhochschule oder Uni-Studium. Es gibt hier keine feste Altersgrenze. Da das Scheidungsurteil in der Regel die Kinder­ alimente nur bis zur Mündigkeit festlegt, müssen Sie und Ihre dann volljährige Tochter den Unterhaltsbeitrag neu vereinbaren. Eine Budgetberatungsstelle kann Ihnen beim Berechnen helfen.

Die Scheidung steht bevor. Falls meine Noch-Ehefrau das alleinige Sorgerecht erhält, kann ich dann trotzdem bei den Kinderbelangen mitreden, wenn ich schon Alimente bezahlen muss? Erhält die Mutter das alleinige Sorgerecht, kann sie eigenständig Entscheidungen (etwa betreffend schulische und berufliche Ausbildung oder medizinische Eingriffe) treffen, das Kind gegen aussen vertreten, seine Finanzen verwalten und seinen Wohn­ sitz bestimmen. Bei wichtigen Ereignissen im Leben des Kindes sollen Sie als Kindsvater informiert und vor Entscheidungen, die für die Entwicklung des Kindes wichtig sind, angehört werden. Sie dürfen ihre Meinung sagen und Vorschläge machen. Das letzte Wort behält aber die Mutter. Bei Drittpersonen wie Lehrkräften und Ärzten dürfen Sie gemäss Gesetz Auskünfte über den Zustand und die Entwicklung des n Kindes einholen.


52 RATGEBER

USB-/Firewire-Schnittstellen Zur Verbindung mit anderen Geräten

Es gibt Einbausätze, um die Rück- oder Vorderseite des PC-Gehäuses um weitere USB-Schnittstellen zu ergänzen. Den Rahmen mit den neuen Schnittstellen einsetzen und die PCI-Platine in einen Erweiterungssteckplatz auf der Hauptplatine stecken. Ein Satz, der neben USB eine Firewire-Schnittstelle hat, ist nicht viel teurer. Kosten: ab 30 Franken. Auch extern erweiterbar mit einem USB-Hub.

Prozessor

Grafikkarte

RAM

Steuert die Darstellung auf dem Monitor Ein Austausch lohnt sich nicht. Nur grafikintensive Anwendungen wie Videoschnitt oder aufwendige PC-Spiele brauchen eine neue Grafikkarte. Wegen neuer Schnittstellen passt aber nicht jede. Und die Geschwindigkeit des PCs reicht oft nicht für eine leistungsfähigere Grafikkarte aus.

USB/ Firewire

Grafikkarte

So verjüngen Sie Ihren PC

WLANKarte

TV-Karte

Es braucht oftmals wenige Handgriffe und nicht viel Geld, und schon lässt sich ein älterer PC noch für weitere Jahre gut nutzbar machen. Text: Andreas Grote; Foto: Gerry Nitsch

WLAN

und schon lässt sich und ist deutlich langder Rechner ein bis samer als der elektroZur kabellosen Internetverbindung zwei Jahre länger nutnische RAM-Speicher. Eine PCI-Steckkarte sorgt dafür. Wer zen. Der Austausch Das RAM arbeitet verhäufig Internetvideos anschaut: den braucht nicht speziell schleissfrei, also kann neuen Standard 802.11n kaufen. viel Geschick. Wichtig der zusätzliche SpeiKosten: ab 30 Franken. jedoch: vor dem Öffnen cher auch günstig geExtern möglich via WLANdes PCs immer erst den braucht gekauft werden. Stick oder Router. Stecker ziehen! Kleinere ältere Festplatten Deutlich an Geschwindigkeit stossen bei Musik, Bildern und gewinnt der PC, wenn der Arbeitsspeicher Videos schnell an ihre Grenzen. Bei der (RAM) aufgestockt wird. Bei zu wenig Ar- Grösse einer neuen oder zusätzlichen Festbeitsspeicher lagert Windows Daten auf die platte sollte nicht gespart werden, denn nie Festplatte aus. Diese arbeitet mechanisch war Speicherplatz so günstig wie heute.

INFOGRAFIK: BEOBACHTER/DR

E

s muss nicht immer gleich ein neuer Computer sein, wenn der alte etwas in die Jahre gekommen ist und das Arbeiten immer langsamer geht. Zwar ist ein neuer PC leistungsfähiger und besser ausgestattet, kostet aber auch schnell 1000 Franken und mehr. Desktops und Notebooks, die nicht viel älter sind als drei Jahre und vor allem für Büroarbeit, Bildbearbeitung, zum Musikhören, Videogucken und fürs Internet genutzt werden, lassen sich schon mit ein paar hundert Franken modernisieren. Ausgetauscht werden muss oft nur die leistungsschwächste Komponente,


Beobachter

18|2009

Arbeitsspeicher (RAM) Steigert die Geschwindigkeit

Welches Modul passt, steht im Handbuch zur PC-Hauptplatine. Andernfalls hilft der Händler. Altes RAM-Modul herausziehen und vorsichtig ersetzen oder das neue zusätzlich einsetzen.

Kosten: ab 30 Franken pro Gigabyte.

DVDBrenner

Chipkartenleser

Diese Bauteile lassen sich einfach und platzsparend in das DesktopGehäuse einbauen – oder extern über USB anschliessen:

DVD-Brenner (ab 40 Franken), Chipkartenlesegerät (ab 20 Franken), TV-Empfänger (ab 80 Franken)

Prozessor

Für die Rechengeschwindigkeit Der Austausch des Prozessors ist nur in wenigen Fällen möglich und sinnvoll. Besser ist es, ein der Hardware entsprechendes Betriebssystem zu installieren. Da Windows Vista unnötig hohe Ansprüche an die Hardware stellt, ist das ältere System XP um einiges flinker.

Harddisk

Das ist bei Notebooks machbar Arbeitsspeicher: Notebooks lassen sich selten

mit günstigen RAMs erweitern. Einige Modelle haben auf der Unterseite eine Klappe, hinter der man ein neues Modul hineinstecken kann (pro Gigabyte zirka 60 Franken). Ansonsten muss man das Notebook zerlegen, was Laien besser dem Händler überlassen.

Festplatte (Harddisk)

Festplatte: Das Austauschen ist aufwendig.

Die meisten Gehäuse bieten Platz für eine zweite Festplatte. Damit der PC damit umgehen kann, muss über kleine Clips am Festplattengehäuse eingestellt werden, welches das erste (Master) und welches das zweite Laufwerk (Slave) sein soll. Wird die alte Harddisk ersetzt, müssen wichtige Daten extern gesichert und später zusammen mit dem Betriebssystem wieder aufgespielt werden. Da die Festplattenmechanik mit der Zeit verschleisst, sollte man immer eine neue oder neuwertige Festplatte kaufen.

WLAN: Je nach Notebook braucht es dafür

Mehr Speicherplatz für Dateien

Kosten: ab 150 Franken pro Terabyte. Externe HDs möglich via USB/Firewire.

INFOGRAFIK: BEOBACHTER/DR

Weitere Bauteile

Wichtige Zusatzfunktionen haben neue PCs heute oftmals gleich an Bord. Aber auch an älteren PCs lassen sich die meisten Extras nachrüsten und können auch gebraucht erworben werden: so etwa WLAN (für kabellose Internetverbindung) oder Bluetooth. Letzteres funktioniert am unproblematischsten mit einem kleinen Bluetooth-Modul, das einfach an einen USB-Port gesteckt wird (ab 15 Franken). Es dient dem kabellosen Anschluss einer Tastatur oder Maus oder dem Synchronisieren von Adressen und Terminen zwischen Handy und PC.

Die meisten Geräte wie Drucker, Digitalkamera und Handy werden mittlerweile über USB-Schnittstellen mit dem PC verbunden. Ältere PCs haben meist nur zwei davon oder solche vom langsamen USB1.1-Standard. Deutlich schneller ist USB 2.0 oder noch besser Firewire.

Die Umwelt freut sich mit

Den alten PC länger zu nutzen tut auch der Umwelt gut. Denn die Produktion eines PCs mit Monitor verbraucht rund 2790 Kilowattstunden Energie, 1500 Liter Wasser und 23 Kilo verschiedener Chemikalien.

Eine externe Harddisk ist hier praktischer.

ein WLAN-Modul als ExpressCard-Einschub oder mit USB-Anschluss.

USB-Schnittstellen: Für Notebooks gibt es

zusätzliche USB- und Firewire-Schnittstellen entweder für den ExpressCard-Einschub oder extern über einen USB-Hub. Um auch MP3Player oder Handy darüber aufzuladen, muss der Hub ein eigenes Netzteil haben.

Weitere Bauteile: DVD-Brenner et cetera sind meist nur extern anschliessbar.

Das hat das Berliner Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit errechnet. Ist der PC an vielen Stellen veraltet, ist eine Neuanschaffung oft unumgänglich. Auch dann kann man sparen und die Umwelt schonen. Wer sich auskennt oder seinem Händler vertraut, kann sich einen jungen gebrauchten PC kaufen. Solls ein Neugerät sein, gilt zu bedenken: Nur SpieleFreaks oder Multimedia-PCs brauchen heute noch aufwendige Ausstattung. Für viele reicht ein Mini- oder All-in-one-PC. Sie sind oft nicht nur günstiger, sondern brauchen auch deutlich weniger Strom. n

53


62 RATGEBER

Die Zeit heilt a

…aber man kann auch etwas nachhelfen: Wie Sie kleinere Verletzungen

v

Verbren nu

Schürfwunden Durch Reibung entstandene Verletzung der obersten Hautschicht mit punktförmigen Blutungen

1. Grades Gerötete Haut, Schwellung

2. Gr ades Blasen bild

Erste Hilfe – Selbstversorgung

E

1. Hände waschen, Handschuhe anziehen (kein Latex)

2. Wunde unter fliessendem Trinkwasser reinigen

1. Löschen: am Boden wälzen, mit Wolldecke zudecken

3. Kleine, lose Fremdkörper

4. Tiefsteckende Fremdkörper in der Wunde belassen

3. Betroffene vor Unterkühlung schützen (zudecken)

6. Sterile Kompresse auf die Wunde legen und fixieren

5. Keine Desinfektions- oder Hausmittel auftragen, Blasen nicht aufstechen

entfernen

zum Arzt

5. Desinfizieren

Heilung

igentlich wissen wir ja Bescheid. Schliesslich haben die meisten von uns schon einmal einen Erste-Hilfe-Kurs besucht. Dumm nur, wenn der Jahrzehnte zurückliegt und man in den Erinnerungen kramen muss, was denn jetzt genau zu tun wäre. Die Wunde auswaschen? Aber nicht doch – niemals Wasser in die Wunde, hat einmal einer gesagt, oder? Die Blutung stoppen, das muss sein – also fest draufdrücken, da wo es blutet. Und Brandblasen: immer aufstechen und dann mit Mehl bestreuen – das kühlt bestimmt. Oder wars Olivenöl? Ach nein – Eiswürfel natürlich! Mythen, bruchstückhafte Erinnerungen, Fehlinterpretationen – dazu der Stress, wenn man sich plötzlich um einen Verletzten kümmern muss, und die Angst, etwas falsch zu machen: Gründe genug, in Panik zu geraten. Dabei ist es gar nicht so schwer, einem leicht verletzten Menschen zu helfen. Wichtig dabei ist: einen kühlen Kopf bewahren und auf Sauberkeit achten. Helfen kann Ihnen unsere Grafik: was man selbst tun kann und was man vermeiden sollte, wann man den Notarzt alarmieren muss und in welchem Fall ein Besuch bei der Hausärztin ratsam ist – alles auf einen Blick. n

n n n n

n n

für das Entfernen von feststeckenden Fremdkörpern bei Schwellung oder Eiterbildung bei starken Schmerzen oder Fieber falls die letzte Starrkrampfimpfung mehr als fünf Jahre zurückliegt Verband regelmässig wechseln: auf der Wunde klebende Kompressen mit Hilfe von Desinfektionsmittel einweichen Heilungsverlauf beobachten

n n n

mit Säuglingen und Kleinkin der bei Verbrennungen an Hände n, G bei grossflächigem Sonnenb ran

Notarzt 144

Bei kleinen Verbrennungen: n Intakte Haut mit wundheilen dem n Heilungsverlauf beobachten


Beobachter

21|2009

alle Wunden… versorgen, sehen Sie auf dieser Übersicht.

Text: Vera Sohmer; Illustrationen: Bruno Muff

en nungen

Schnittwunden 3. Grades Tiefgehende Zerstörung der Haut und der Unterhaut

klein Wundränder berühren sich

gross klaffend; Muskeln, Sehnen, Gefässe können verletzt sein

schwach blutend

stark blutend

1. Hände waschen, Handschuhe anziehen (kein Latex)

1. Hände waschen, Handschuhe anziehen (kein Latex)

1. Hände waschen, Handschuhe anziehen (kein Latex)

-

4. Nie auf der Brandwunde klebende Kleider entfernen!

2. Wunde reinigen (fliessendes Trinkwasser) und desinfizieren

2. Wunde abdecken und verbinden (nie mit Watte direkt auf die Wunde!)

2. Wenn Blut spritzt: Körperteil hochhalten

r n

6. Wunde mit nicht klebender Auflage abdecken

3. Pflasterverband (nie mit

3. Druck je nach Stärke der Blutung; Körperteil ruhig stellen

3. Druckverband anlegen (niemals abbinden!), Körperteil hochlagern

n n n

bei grossen, tiefen Wunden immer bei Schwellung oder Eiterbildung, starken Schmerzen oder Fieber falls die letzte Starrkrampfimpfung mehr als fünf Jahre zurückliegt bei sehr starker Blutung/hohem Blutverlust:

Notarzt 144 n n n

Regelmässig Verband wechseln Wunde beobachten, auf Infektion kontrollieren (geschwollen, rot gefärbt) Heilungsverlauf beobachten

Heilung

: ilen dem Produkt behandeln ten

n

zum Arzt

kin dern immer nde n, Gelenken, Gesicht, Genitalien enb rand/Verbrennungen:

Watte direkt auf die Wunde!)

Erste Hilfe – Selbstversorgung

2. Verbrannte Stellen sofort mit Leitungswasser kühlen (10 bis 20 Minuten)

QUELLE: SANARENA RETTUNGSSCHULE

2. Gr ades sen bildung

n,

63


Vielleicht lieber einen Teddy kaufen?

nein

Meersäuli

ein paar Minuten etwa eine Stunde

morgens und abends

etwa eine Stunde

ein paar Minuten

...Tierhaare

...Ekliges wie Rohfleisch, Tierkot, Erbrochenes usw.

Ich bin an Tieren interessiert.

Ich dachte: Warum nicht?

Sie wollen für sich oder die Familie ein Tier kaufen? Welches das richtige ist, erfahren Sie, wenn Sie die Fragen beantworten. Text: Iwon Blum; Illustrationen: Andreas Klammt

Welches Tier passt zu mir?

nein

tagsüber

Darum will ich ja ein Tier.

zwei oder mehr

nein

etwa eine Stunde

...Gerüche und Geräusche

Ja, aber nur wenn es mag.

mehr als eine Stunde

...nichts

nur eines

Darum will ich ja ein Tier.

ein paar Minuten

bei den Erwachsenen

Ich möchte einen Spielgefährten für meine Kinder.

bei den Kindern

ja

...Ekliges wie Rohfleisch, Tierkot, Erbrochenes usw.

Katzen

bis zehn Jahre

weniger als eine Stunde

morgens und abends

Darum will ich ja ein Tier.

Es kann im Kinderzimmer leben.

...nichts

bis zehn Jahre

zwei bis drei Jahre

unbeschränkt lange

unbeschränkt lange

mehr als eine Stunde

tagsüber

Ja, aber nur wenn es mag.

möglichst artgerecht

unbeschränkt lange

Hund


nur eines

Infografik: Beobachter/Daniel Röttele

Darum will ich ja ein Tier.

Ja, aber nur wenn es mag.

Wellensittiche

Goldhamster

Darum will ich ja ein Tier.

zwei oder mehr

nein

morgens und abends

tagsüber

nein

bis zehn Jahre

nur eines

Darum will ich ja ein Tier.

unbeschränkt lange

zwei oder mehr

nein

nur eines

unbeschränkt lange

bis zehn Jahre

nur eines

Kaninchen

unbeschränkt lange

zwei oder mehr

Ratten

zwei oder mehr

bis zehn Jahre

Weitere Infos und eine kurze Übersicht zu den Tieren finden Sie auf der nächsten Seite.

Ja, aber nur wenn es mag.

zwei oder mehr

zwei oder mehr

Darum will ich ja ein Tier.

Zierfische, etwa Goldfische

nur eines

zwei oder mehr

nein

Ja, aber nur wenn es mag.

nur eines

nur eines

                                 


Illustration: frank hรถhne


68 RATGEBER nisse mitteilen, Lösungen vor­ schlagen. Also nicht: «Du schiebst seit Wochen eine ru­ hige Kugel, und wir anderen müssen das ausbaden. Bring dich gefälligst besser ein!» Sondern: «Die letzten drei Mal hast du dich für Zusatzarbeiten nicht gemeldet. Das finde ich unfair, schliesslich haben wir abgemacht, die Arbeit im Team gerecht zu verteilen. Ich schla­ ge vor, dass wir darüber ab jetzt Protokoll führen.» Die Faust­ regel: Suchen Sie das Gespräch höchstens dreimal; wenn es dann nicht fruchtet, wenden Sie sich an die nächsthöhere Instanz.

TYPOLOGIE

Nervende Kollegen: Wie wir sie knacken, was w

Was man selber tun kann

Fachmann Martin Wehrle ver­ tritt beim Umgang mit nerv­ tötenden Kollegen diesen Grundsatz: Wie man den ande­ ren wahrnimmt, wird immer auch von der eigenen Sicht der Dinge beeinflusst. Bevor man sich auf den lamentierenden Kollegen oder die erbsenzäh­ lende Kollegin einschiesst, sollte man sich also fragen, welchen Anteil man selbst da­ ran hat. Es gebe eine Wechsel­ wirkung zwischen den eigenen Erwartungen und dem Verhal­ ten des Gegenübers – wer den anderen als Feind betrachtet, braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser sich eines Tages auch so verhält. Wehrles Gegenstrategie, die zugegebenermassen Überwin­ dung kostet: Liebe deinen schlimmsten Kollegenfeind wie einen Freund! Bring ihm Ach­ tung und Respekt entgegen. Ei­ ne Garantie für den Erfolg gibt es nicht, aber es ist gut möglich, dass sich der Gehasste mit der Zeit kooperativer verhält. Im Übrigen hilft nach Mar­ tin Wehrles Ansicht auch, sich eines klarzumachen: Rolle und Position eines Kollegen sind etwas anderes als dessen Per­ sönlichkeit. «Wenn der andere also einen Standpunkt vertritt, den man für idiotisch hält, muss er deshalb noch lange kein Idiot sein.» n

Beo_23_068_RG_Streit_im_Job 04.11.11 14:20 - 68 -

1. Die Solistin

2. Der Besserwisser

3. Die Arbeitsscheue

Eigentlich fände sie ihre Arbeit toll – wenn bloss die Leute um sie herum nicht wären. Des­ halb arbeitet die Solistin (oder der Solist) still und leise vor sich hin, als wäre sie allein auf der Welt. Informationen spei­ chert sie im Kopf, denkt aber nicht daran, sie weiterzugeben: Sonderwünsche von Kunden etwa, verschobene Termine. Zudem hortet sie Wissen, über das nur sie verfügt; einen Stell­ vertreter aufbauen, Kollegen einweihen – wozu die Mühe? Das Gegenrezept laut Berater Martin Wehrle: der Teamver­ weigerin gezielte Fragen stellen und auf einer Antwort behar­ ren. Übrigens kann man von ihr auch lernen. Der Kölner Coach Volker Kitz sagt: «Die glorifizierte Teamarbeit bringt oft unsägliche Reibungsver­ luste mit sich.» Manchmal sei es für alle besser, wenn jeder einfach seinen Job macht.

Er weiss alles besser, kann alles besser, und das Eklige dabei ist: In den allermeisten Fällen hat er auch recht. Aber nicht nur seine Überlegenheit macht ihn unbeliebt, sondern die Art und Weise, wie er es rüberbringt. Denn der Besserwisser kann das Belehren und Dozieren nicht lassen. Da hilft nur eines: «Es braucht jemanden, der den Besserwis­ ser zu nehmen weiss», rät Ar­ beitspsychologe Urs Tschanz. So könne man ihn ins Team integrieren und von diesem schlauen Kopf profitieren. Klappt das nicht, besteht die Gefahr, dass gute Ideen versan­ den und der Besserwisser zum Eigenbrötler wird, der sich als verkanntes Genie fühlt. Eines, das mit ansehen muss, wie Vor­ schläge umgesetzt werden, die er bereits vor einem halben Jahr gemacht hat – aber auf ihn hat ja mal wieder keiner gehört.

Volker Kitz sieht die Arbeits­ scheue als eigentlich voraus­ schauenden Menschen – sie betreibt schon früh Altersvor­ sorge: «Damit sie als Rentnerin nicht in ein tiefes Loch fällt, fängt sie bereits ab 30 an, ihre Arbeitsleistung kontinuierlich herunterzufahren.» Beliebter Trick: den Blick senken, wenn der Chef Aufträge verteilt. Gegenmittel für Kollegen: dem Chef fest in die Augen schauen und dann den Blick auf die Arbeitsscheue heften – der Vor­ gesetzte wird seinen Auftrag instinktiv dort abladen. Was wir laut Kitz vom Arbeitsscheuen lernen können: den «künstli­ chen Stress und Theaternebel» kritisch zu hinterfragen. Vieles lasse sich ruhiger und mit weniger Wirbel genauso gut erledigen. «Gut gearbeitet hat, wer am Ende die besten Ergeb­ nisse liefert, und nicht, wer den grössten Aufwand betreibt.»

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)


Beobachter

23 | 2011

s wir von ihnen lernen

4. Der Schleimer

5. Die Intrigantin

6. Der Choleriker

7. Die Mimose

Neben ihm wirkt jeder, der über den Chef ein kritisches Wort verliert, wie ein Königs­ mörder, sagt Martin Wehrle. Und das ist Gift für ein kons­ truktives Klima. Kommt dazu, dass der Schleimer jeden noch so schlechten Vorschlag des Chefs garantiert lobt. Doch man kann kontern: Zwingen Sie den Schleimer, inhaltlich Position zu beziehen – statt nur unkritisch zu jubeln. Und sa­ gen Sie in dessen Anwesenheit nichts, was der Chef nicht wissen darf. Volker Kitz siehts pragmatisch: Der Schleimer findet alles «megahypergran­ dios», was der Chef sagt und tut. Das möge auf die Kollegen unsympathisch wirken, lehre aber Folgendes: Es ist einfa­ cher, mit dem Chef zu arbeiten als gegen ihn. Wer alles ver­ fluche, was von oben komme, mache sich das Leben schwer – und sicher niemals Karriere.

Sie arbeitet oft am zielstrebigs­ ten und effektivsten, wie Volker Kitz beobachtet hat. Allerdings hat sie nicht die Unterneh­ mensziele vor Augen, sondern ihre privaten: nämlich andere schachmatt und sich selbst at­ traktiv in Szene zu setzen. Kitz: «Das meint sie meist nicht ein­ mal böse; für sie ist der Arbeits­ platz ein Abenteuerspielplatz, wo der ganze Spass darin be­ steht, die anderen von der Rutschbahn zu stossen.» Doch Vorsicht: Bei der Intrigantin, die sich oft leutselig gibt und zu begeistern weiss, sollte man wachsam sein und sich stets fragen, was sie in Tat und Wahrheit gerade im Schilde führen könnte. Die Gegenstrategie: der Intrigan­ tin niemals glauben, was an­ dere gesagt haben sollen. Und sie bei Fehlauskünften gemein­ sam blossstellen, schlägt Mar­ tin Wehrle vor.

Vorsicht, Explosionsgefahr: «Der Choleriker poltert los, wenn Sie eine Minute zu spät zu einem Termin kommen oder eine Minute zu früh – oder pünktlich, aber nicht gesehen haben, dass er noch telefo­ niert», sagt Volker Kitz. Und der Unberechenbare mache andere gern vor Publikum zur Schnecke – das ist inakzeptabel. So geht man mit ihm um: Reagie­ ren Sie nicht sofort. Sprechen Sie den Choleriker lieber tags darauf unter vier Augen an, rät Kitz. Sagen Sie ihm ruhig, aber deutlich, dass Sie sein Verhal­ ten nicht tolerieren. Doch sogar vom Choleriker kann man ler­ nen, wie Urs Tschanz sagt: «Ein Choleriker zeigt seine Gefühle.» Das mache ihn fassbarer und wirkungsvoller als jemand, der nur rational argumentiert. Sein Verhalten sei aber nur dann unschädlich, wenn er lerne, seine Emotionen zu steuern.

Wie der Choleriker reagiert auch die Mimose emotional. Was sie bekümmert, ist hin­ gegen nicht offensichtlich. Sie frisst vieles in sich hinein und kann auch tagelang beleidigt sein. In solchen Fällen will sie gefragt werden: «Was hast du denn?» Die Mimose bezieht laut Volker Kitz alles auf sich. So gesehen ist es eigentlich egal, was die Kollegen tun oder unterlassen. Der Experte weiss trotzdem Rat: Es empfiehlt sich gemäss Vol­ ker Kitz, das gekränkte Verhal­ ten der Mimose nicht persön­ lich zu nehmen. Was wir von ihr lernen können: im Arbeits­ leben höflicher und respektvol­ ler miteinander umzugehen. Und wer klug ist, nutzt das Potential dieser feinfühligen Menschen: Meist besitzen sie die Gabe, sich in andere hineinzuversetzen und deren Perspektive einzunehmen.

Beo_23_069_RG_Streit_im_Job 04.11.11 14:20 - 69 -

(Cyan) (Magenta) (Yellow) (BlacK)

69


54 ratgeber Lukas Gysin, Marketinglei­ ter bei Sherpa Outdoor, vermu­ tet, dass der Zuwachs beim Ver­ kauf von Campingprodukten – in seinem Fachgeschäft wurden in den letzten zwei Jahren 80 Prozent mehr Zelte, Schlafsä­ cke und Zubehör verkauft – we­ niger mit der Wirtschaftskrise als mit einem Wertewandel zu tun hat. «Nach dem passiven Wellnesstrend sind die Men­ schen heute an aktiven, gesel­ ligen Erlebnissen interessiert», sagt Gysin. Auch beim TCS, Schweizer Marktführer bei Campingferien­ angeboten, nimmt man einen Zuwachs an Interesse wahr. Gleichzeitig ist eine grundsätz­ liche Umschichtung des Publi­ kums feststellbar – vorbei die Zeiten, als man mit dem sim­ plen Zelt unterwegs war: «Etwa 30 Prozent unserer Kundschaft machen heute Campingferien in Motorhomes, die 70 000 bis 100 000 Franken kosten», sagt André Ginzery, Leiter des ­Ressorts Camping. «Wer unter der Wirtschaftskrise leidet, gibt sicher nicht so viel Geld aus.»

«Eine Wiese reicht nicht mehr» Der TCS-Fachmann beobachtet aber auch bei den klassischen Campern einen eindeutigen Trend zum «Outdoor-Hotel», also Qualität wie zu Hause, aber eben draussen in der Natur. «Wir haben die Anzahl der Campingplätze in unserem An­ gebot von 45 auf rund 30 redu­ ziert, sind aber dabei, diese zu modernisieren und den gestie­ genen Bedürfnissen der Kund­ schaft anzupassen», so Ginzery. «Ein Stück Wiese reicht heute nicht mehr; die Leute möchten Animation, ein Velo mieten, Vorschläge für Wanderrouten, Wi-Fi auf dem Zeltplatz.» Natürlich haben auch die Zeltkonstrukteure nicht geschla­ fen. Die Tage der Heringe sind zwar noch nicht ganz vorbei, aber heute reisen viele Leute mit modernstem Material an, etwa mit einem Wurfzelt, das sich sozusagen selber aufstellt – zumindest in der Theorie.

Platzbedarf: Den Angaben der Hersteller misstrauen. Wer vier Leute in ein Viererzelt pferchen will, riskiert Lagerkoller ab der ersten Nacht. Erst am Ende der Ferien in den Dünen campieren: Sand hält sich sehr lange, vor allem in Schuhen, Ohren und Schlafsäcken.

Windschutz: Die Windrichtung prüfen und das Zelt so aufbauen, dass der ­Eingang vom Wind abgewandt ist. Spannseile im­mer spannen, sonst muss man bei Sturm in der Nacht raus. Nicht unter Bäumen zelten: Nach Regen tropft es stundenlang weiter. Zudem: Harz kann das Zelt kaputtmachen.


Beobachter  55

11 | 2010

Erst testen, dann Geld ausgeben: Statt gleich eine teure Ausrüstung zu kaufen, leiht man sich besser zuerst Zelt und Schlafsack, mietet einen Wohnwagen und findet heraus, ob die OutdoorFerien den Vorstellungen entsprechen.

Wer nicht mit dem teuren Wohnmobil reist, sondern das Zelt aufschlägt oder neuerdings eben «aufwirft», kann nach ­allen Grundanschaffungen mit 50 bis 70 Franken pro Nacht und Familie über die Runden kommen. Laut Josef Willi vom SCCV zieht es in der Schweiz die meisten Camper nach wie vor ins Tessin. Das bestätigt Florian Balmer, Präsident des Verbands Swisscamps, der selber seit 41 Jahren einen Campingplatz in Matten bei Interlaken führt: «Die Schweizer Campingplätze hatten über die vergangenen drei Jahre stetig mehr Zulauf. Dabei hat uns insbeson­dere die Euro 08 immens viele Gäste aus dem Ausland gebracht.» Über­ durchschnittlich viele Schwei­ zer trifft Balmer auf seinem Zeltplatz bloss dann an, wenn in der Nähe ein grosser Event stattfindet.

Nicht am falschen Ort sparen: Auf eine Isomatte niemals ­verzichten, denn über den Boden geht unter Umständen mehr Wärme verloren als über den Schlafsack. Bequem: selbstauf­ blasende Isomatten. Reissverschluss stets schön schliessen: Städter vergessen gern, dass es auch in der Schweiz Stech­ mücken gibt. Eine ein­zige im Zelt kann ziemlich nerven. Zu­ dem: Zeckenimpfung in Betracht ziehen.

Sorgen Sie für Aussicht: In einer düsteren Schlucht macht Campieren nicht viel Spass. Es wird schneller dunkel, und der erste Sonnen­ strahl kommt oft erst am Mittag. Es ist zudem auch kälter und feuchter. Perfekt ist Halbhöhen­ lage mit Wasseranschluss (Bergbach, See).

Das Zelt vor dem Verstauen trocken­ legen: Wird es feucht oder nass eingepackt, droht Schimmel.

Die Tipps wurden mit Unterstützung von Lukas Gysin (Marketingleiter bei Sherpa Outdoor) und René Franke (Zeltverantwortlicher bei Transa) zusammengestellt.

Den Boden unter­ suchen: Schlafen auf spitzen Steinen erzeugt Löcher im Zelt­boden – und mal­ trätiert den Körper.

Der Trend: Zurück zur Natur Die Outdoor-Touristen kommen aus allen möglichen Schichten. «Ob mit Krawatte oder Nagel­ schu­hen, Wohnmobil oder Zelt: Camping ist für jedermann», versichert Josef Willi. Vielleicht werden die Schwei­ zer wirklich zu einem Volk von Campern. Aber vermutlich nicht deshalb, weil uns die Kri­ se ins Zelt treibt, sondern weil wir, dem Lohas-Trend (Lifestyle of Health and Sustainability, zu Deutsch: Lebensstil für Ge­ sundheit und Nachhaltigkeit) folgend, zurück zur Natur ­wollen: ökologisch korrekt, in einem biologisch abbaubaren Zelt, trotzdem sauber geduscht n und mit Internetzugang.  Campingführer 2010 des TCS: zu bestellen unter www.tcs.ch (Reisen & Freizeit → Camping); für TCS-Mitglieder Fr. 24.90, für Nichtmitglieder 27 Franken Verzeichnis des Schweizerischen Camping- und CaravanningVerbands (SCCV): zu bestellen per E-Mail unter info@sccv.ch (17 Franken plus Versandkosten); weitere Infos unter www.sccv.ch Suchplattform für die Schweiz mit vielen Zusatzinfos: www.camping.ch


Beobachter8 familie

Mami, warum bist du so? Kinder von psychisch kranken Eltern werden oft vergessen. Für ihr Wohl fühlt sich niemand verantwortlich – das kann fatale Folgen haben. Nun macht ein Pionierprojekt Hoffnung. Text: Tanja Polli; Illustrationen: Richard Wilkinson

Allein gelassen: Betroffene Kinder können mit niemandem über ihre Sorgen sprechen.

81

22 | 2011


Beobachter   ratgeber

Wer will Krach? Am Lärm scheiden sich die Geister: Nicht jeder hat gleich viel Musikgehör, und des einen Spass ist des andern Ärgernis. Die Einhaltung einiger Regeln hilft jedoch, Zwiste zu vermeiden. Text: Jürg Keim; Illustrationen: Andrew Archer/Début Art

W

ie gemütlich kann ein Sonntagnachmittag zu Hause sein: ein Buch in der Hand, auf dem Sofa ausgestreckt, weit entfernt von jeglicher Alltagshektik. Doch wehe, wenn Trompetengetröte die Stille durchbricht oder Nachbars Zwillinge aus dem Mittagsschläfchen erwachen und schrei­­en, als wäre ihnen soeben der Ernst des Lebens bewusst geworden. Dann ist es schnell vorbei mit dem Faulenzen – und der Konflikt mit den Nachbarn schon fast Programm. Die Erfahrungen im Beobachter-Beratungszentrum zeigen: Streit unter Nachbarn fängt oft im Kleinen an, doch der Zwist kann zu unüberbrückbaren Differenzen führen, wenn er nicht früh genug angegangen wird. Je öfter sich ein Nachbar gestört fühlt, desto sensibler reagiert er auf das kleinste Geräusch und umso mehr sinkt seine Toleranzgrenze. Doch wer versucht, mit rechtlichen Schritten gegen Ruhestörer vorzugehen, findet oft keine befriedigende Lösung. Das zeigt beispielhaft der Fall von Bernadette Melcher aus Kappel. An ihrem früheren Wohnort wurde die Luzernerin während Monaten durch frühmorgendliches Herumrücken von Möbeln in der darüberliegenden Wohnung aus dem Schlaf gerissen. Die Verwaltung stellte bei einem Besuch nichts Besonderes fest und forderte von der 50-jährigen Postangestellten mehr Toleranz. Die Schwelle war aber längst überschritten, und so klagte Bernadette Mel­ cher vor der Schlichtungsbehörde. Ihr Anwalt holte dort 900 Franken Mietzins­ reduktion heraus. Die Mieter obendran lärmt­en aber unbeeindruckt weiter – das

45  20 | 2010


46 ratgeber eigentliche Problem blieb damit ungelöst. Melcher hatte keine andere Wahl, als eine neue Wohnung zu suchen. Lärm wird nicht von allen gleich wahrge­ nommen: Was für die einen Musikgenuss ist, bedeutet für andere unerträgliches Gedröhne. Was Lärm ist und was nicht, ist nicht leicht auszumachen, denn Lärmmessungen, wie sie bei Gewerbelärm üblich sind, sind im Privatbereich kein Thema. Dennoch mangelt es nicht an ent­spre­­chen­ den Vorschriften: So finden sich im Miet-

recht, in Reglemen­ten von Stockwerkeigentümergemeinschaften, aber auch im Zi­ vilgesetzbuch oder in den Polizei- oder Gemeindereglementen viele Lärmbestimmungen. Doch meist sind sie schwammig formuliert und bringen keine Klarheit.

Wo beginnt die Rücksichtslosigkeit? Das Zivilgesetzbuch etwa bestimmt in Artikel 684, dass jedermann verpflichtet ist, sich aller übermässigen Einwirkungen auf die Nachbarn zu enthalten. Darunter fallen auch Lärmimmissionen. Um zu beurteilen, was gerechtfertigt und duldbar ist, muss der Richter in jedem Einzelfall die konkre­ ten Umstände betrachten, wobei ihm dabei ein gewisses Ermessen zukommt. Insbe­­son­ dere muss er prüfen, ob die fragliche Lärm­ immission so geartet ist, dass sie das Wohlbefinden eines repräsentativen Anteils der Bevölkerung beeinträchtigen würde. Im Mietrecht, das im Obligationenrecht geregelt ist, steht in Artikel 257f Abs. 2, dass Mieter auf ihre Hausbewohner und Nachbarn Rücksicht nehmen müssen. Auf Lärm bezogen bedeutet dies, dass die Mieter das Ruhebedürfnis und die Privatsphäre ihrer Nachbarn respektieren müssen. Ganz allgemein darf ein korrektes und anständiges Verhalten erwartet werden. Wo aber die Grenze zur Rücksichtslosigkeit be­ginnt, sagt das Gesetz nicht. Etwas konkreter sind die zahl­ reichen kommunalen Polizeiund Gemeindeverordnungen, die Ruhezeiten festlegen. In Hinwil ZH etwa steht in der Polizeiverordnung, dass lärmige Arbeiten

Lärm in der Wohnung: Das ist nicht erlaubt Fahrradfahren oder ähnliche Spiele Kindergeschrei während der Ruhezeit* und an Sonn- und Feiertagen n Andauerndes Herumspringen von Kindern, auch ausserhalb der Ruhezeiten Haushaltsarbeiten während der Nachtruhe, an Sonn- oder Feiertagen n Schlagzeug oder laute Blasinstrumente spielen, egal zu welcher Tageszeit n Dauerndes lautes Musikhören; mehr als Zimmerlautstärke zu Ruhezeiten n Dauernde Handwerksarbeiten an Sonnund Feiertagen oder während Ruhezeiten n Rasenmähen an Sonn- und Feiertagen sowie während der Ruhezeiten n Baden in der Nacht n Lautes Feiern bis in alle Nacht hinein n Streitgespräche während der Nachtruhe n Tragen von Schuhwerk mit hohem Absatz während der Nachtruhe n Andauerndes Zuschlagen von Türen n n

*Ruhezeiten: In den vielen Gemeinde- und Polizeiverordnungen ist folgende Regelung verbreitet: werktags von 12 bis 13 Uhr und ab 20 Uhr, an öffentlichen Ruhetagen ganztags. Nachtruhe: 22 bis 6 Uhr; während der Sommerzeit vor Wochenend- und öffentlichen Ruhetagen 23 bis 6 Uhr.

im Bereich Haus und Garten von Montag bis Freitag von 7 bis 12 Uhr und von 13 bis 20 Uhr sowie an Samstagen von 8 bis 18 Uhr erlaubt sind. Generell untersagt sind lärmige Arbeiten an Sonn- und allgemeinen Feiertagen. Doch längst nicht alle Verordnungen lassen einen klaren Schluss zu, wo unzumutbarer Lärm beginnt. Da die Gesetze nur bedingt weiterhelfen, muss nach anderen Möglichkeiten gesucht werden. Das heisst vorerst einmal, dass jedermann das höchste Gebot des Nebeneinanderwohnens beachten sollte: Toleranz üben und das Gespräch suchen – also gegenseitige Rücksichtnahme. Natürlich muss nicht jeder Lärm einfach hingenommen werden. Bevor man aber mitten in der Nacht zum Besen greift und vor Ärger ein Loch in die Decke rammt, weil der Nachbar schon wieder vor dem dröhnenden Fernseher eingeschlafen ist, sollte der erboste Leidende besser ein sachliches und offenes n Gespräch mit dem Nachbarn führen. Buchtipp: Mathias Birrer: «Im Clinch mit den Nachbarn. Das Handbuch für Eigentümer und Mieter»; 2007, 240 Seiten, 38 Franken. Beobachter-Buchverlag, Telefon 043 444 53 07, www.beobachter.ch/buchshop


20 | 2010

 Beobachter  47

Respekt vor den Nachbarn: So vermeiden Sie Konflikte Musik hören: Als besonders störend nehmen Menschen Basstöne wahr. Lautsprecher sollten darum immer auf einer Unterlage stehen, zumindest aber auf einem Stück Stoff. Dies vermindert das Übertragen der Schallwellen durch Mauern und Wände. Wollen Sie es mal richtig krachen lassen, verwenden Sie besser gute Kopfhörer.

Musikinstrumente: Besonders laute Instrumente wie Schlagzeug oder Trompete dürfen in keiner Wohnung gespielt werden. Aber selbst normal laute Instrumente sind in der Nachbarswohnung meist gut hörbar. Sie sollten deshalb die anderen Haus­ bewohner persönlich angehen und deren Einverständnis einholen. Gerade hier gilt: «C’est le ton qui fait la musique.» Darüber hinaus hat jeder Musizierende die geltenden Ruhezeiten zu respektieren. Partys: Informieren Sie Ihren Nachbarn frühzeitig über das bevorstehende Fest. Am besten laden Sie ihn oder sie gleich ein – damit gelingt es Ihnen in der Regel, die Akzeptanz für solche Ausnahmesituationen zu erhöhen.

Haushaltsgeräte: Geschirrspüler, Waschmaschinen und Tumbler sind leiser, wenn Sie dämpfende Elemente zwischen Maschine, Boden und Wand anbringen lassen – das ist einfach und wirksam. Beim Kauf eines Staubsaugers sollten Sie auch auf die Dezibelwerte achten. Diese können Sie der Energieetikette entnehmen. Hunde: Die kantonalen Gesetze schreiben vor, dass ein Hunde­halter alle Vorkehrungen treffen muss, damit sein Tier nicht durch Bellen oder Heulen die Ruhe stört. Hunde können und müs­sen so erzogen werden. Die seit 2008 obligatorischen Hundekurse beim Neuerwerb eines Hundes dürften diese Problematik entschärfen. Kinder: Kinder brauchen Bewegung. Anhaltendes Herumspringen, Rollschuh- oder Fahrradfahren, aber auch Ballspiele sollten deshalb draussen stattfinden. Im Garten besteht in der Mit­tagsruhe Konfliktpotential. Ebenso ist ein Ort zu wählen, wo genug Spiel­ raum besteht. Der Nachbar und Hobby­ gärtner mag es nicht, wenn der Ball immer wieder in seinem Beet landet.

Türen: Automatisch schliessende, laut zuschlagende Türen können mit einem Dämpfsystem versehen werden, das die Schliessbewegung verlangsamt. Sodann verhindern Türstopper Aufprallgeräusche. Quietschende Türscharniere können mit Universalöl zum Verstummen ­gebracht werden. Möbel: Tisch- und Stuhlfüsse können Sie mit Kleb- oder Nagel-Filzstücken versehen: eine einfache und billige Massnahme, die nicht nur die Ohren Ihres Nachbarn, sondern auch Ihren Fussboden schont.

Schritte: Auf Parkettboden vermindert ein Spannteppich Schrittgeräu­sche und Trittschall. Wer keinen Teppich will, sollte zu Hause auf harte Schuhsohlen verzichten.

Böden: Die Böden von Altbauwohnun­ gen knarren oft stark. Manchmal reicht bereits ein wenig Talkumpuder aus, um das Knarren zu vermindern. Der Puder muss in die Parkettzwischenräume eingebracht werden.


56 ratgeber

«Äh – hat Ihr Lad Wie rede ich mit dem Chef über seinen offenen Hosenlatz? Worüber spricht man im Fahrstuhl? Was tun, wenn man den Namen des Kollegen nicht mehr weiss? Nützliche Tipps zu Peinlichkeiten im Arbeitsalltag. Text: Peter Johannes Meier; Illustration: Luis Grañena

Die beklemmende Liftfahrt

D

as Elend beginnt für viele im Lift. Eine peinliche Stil­ le begleitet sie vom Erdgeschoss in den Sechsten. Da greifen manche zum Wettersatz: «Ist ja doch noch schön geworden.» Oder: «Könnte auch mal aufhö­ ren.» Andere signalisieren, dass es am Vorabend wieder spät ge­ worden ist. Alle bleiben sie als nicht besonders geistreich in Erinnerung. Der perfide Kol­ lege betritt den Lift und sagt: «Sooooo?!» Oder: «Da wären wir wieder!» Nullsätze, die mei­ nen: «Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Sagen Sie doch was.» Dafür wird man ihn hassen. Der Kabarettist Joachim Ritt­ meyer hat solche Bemerkungen als «Primsätze» identifiziert. Sätze, die wie Primzahlen nur durch sich selber teilbar sind: Es bleibt kein Rest und nichts zu entgegnen – ausser noch einem Primsatz. Wer aber nichts zu sagen hat, schweigt besser. Ein «Gu­ ten Morgen» genügt – um dann auf dem Handy etwas zu tip­

pen. Eine anerkannte Beschäf­ tigung. Das Handy sollte dabei eingeschaltet sein. Vielfahrern rät Rittmeyer, ein Kind oder einen Hund mit in den Lift zu nehmen. Beide verfügen über ein besonders hohes Ansprechbarkeitspoten­ tial. Das Gespräch darf dann dümmlich sein: «Was für ein Schnüggel! Wie heissen wir denn?» Das geht aber wirklich nur mit Kindern und Kleintie­ ren. Weder beim Chef noch bei der Sekretärin aus dem Dritten kommen Sie damit an. Jede Zeit hat ihre Waffe. ­Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider rät aktuell zu ­ei­nem nicht enden wollenden Hus­tenanfall: «Dabei muss vor­ schriftsmässig in die Armbeuge gehustet werden.» Das Signal ist klar: Schweinegrippe im An­ zug! Wer so auf den Lift wartet, kann mit einer Einzelfahrt rech­ nen. Zumin­dest unterbindet er so peinliche Gespräche, denn allfällige Mitfahrer werden die Luft anhalten.

Fettnapf: Nicht lifttaugliche Gesprächsthemen wie detaillierte ­ edizinische Schilderungen oder Lästern über andere. Dafür sollte m man sich mehr Zeit nehmen. Tipp: Für die kurzzeitige Schicksalsgemeinschaft im Lift gilt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Der offene Hosenschlitz

D

er Klassiker unter den Peinlichkeiten ist der Chef mit offenem Hosenladen. Bri­ sant wird die Situation, wenn er dabei, begleitet von wichtigen Kunden, durch die Gänge eilt.

Als loyaler Mitarbeiter amüsiert man sich selbstverständlich nicht, sondern hilft dem Chef aus der Patsche. Das scheitert allerdings oft. Insbesondere Frauen fragen sich, was er wohl


Beobachter  57

24 | 2009

en immer offen?» denkt, weshalb sie ausgerech­ net dorthin geschaut haben. Für Benimm-Expertin und Prominenten-Trainerin Nan­ dine Meyden steht aber ausser Frage: Ein solches Malheur muss umgehend angesprochen werden. Bloss wie? Psychoana­ lytiker Schneider rät zum Ein­

satz von Technologie. «Man schickt dem Chef eine E-Mail oder eine SMS auf das Black­ berry.» Wobei die Mail den Nachteil – oder auch den Vor­ teil – hat, dass sie auch von der Chefsekretärin gelesen werden kann. Zudem birgt sie ein Risi­ ko: die Funk­tion «Mail an alle».

Fettnapf: Mit dem Finger auf die pikante Stelle zeigen. Per SMS ­Kollegen zum Schauspiel aufbieten. Tipp: Den Chef kurz beiseitenehmen und ihm mit einem Lächeln die Peinlichkeit ins Ohr flüstern.

Die neuerworbene Identität

W

enn der aufgeregte Chef den wichtigen Mitarbeiter gegenüber Gästen mit falschem Namen vorstellte: Soll man den Boss öffentlich korrigieren, oder ist es besser, die neue Identität unwidersprochen zu akzeptie­ ren? Die Antwort ist hart, aber eindeutig: Ein flexi­bler Umgang mit der eigenen Iden­tität muss das Outing eines Chefs verhin­

dern, der seine eigenen Mitar­ beiter nicht kennt. Meist ist das kein Problem, weil sich die Gäs­ te auch keine Namen merken nem späteren können. Bei ei­ Kontakt kann man also getrost wieder auf den richtigen Na­ scheidend men wechseln. Ent­ ist nur, dass die Buchhaltung weiss, wer man wirklich ist – wegen der Lohnüberweisung.

Fettnapf: Einen Gast mit falschem Namen ansprechen, um ihm dann zu erklären, dass man vom Chef eben falsch vorgestellt worden ist. Tipp: Unter falschem Namen den Chef retten. Die Gelegenheit kommt, bei der man sich korrekt vorstellen kann.

Der nicht vorstellbare Bekannte

N

eben den falsch Benannten gibts die Namenlosen: Auf jedem Bummel mit Be­gleitung trifft man auf jeman­den, dessen Namen man vergessen hat. Die Bes­tie Anstand verlangt, dass man diesen der Begleitung vor­ stellt. Was tun? Zuerst die Theorie: Laut Be­ nimm-Expertin Nandine Mey­ den hat im Geschäftsleben im­

mer der Ranghöhere das Recht, zuerst zu erfahren, wer der an­ dere ist. Im Privatleben genies­ sen Frauen einen etwas höhe­ ren Rang. Ihnen wird darum zu­ erst das Gegen­über vorgestellt. Das löst das Problem mit dem Namen nicht. Zur Flucht nach vorn rät Peter Schneider: «Man sagt: ‹Mein Name ist Alzheimer. Wie war Ihrer noch mal?›»

Fettnapf: Sich auf ein langes Gespräch mit dem unbenannten ­ ekannten einlassen, während die Begleitung zum Schweigen verB dammt ist. Das zieht Beziehungsarbeit nach sich. Erst recht, wenn man auch nach dem Gespräch nicht sagen kann, wer das eben war. Tipp: Stellen Sie Ihre Begleitung dem Namenlosen vor und legen Sie eine kleine Pause ein. Die Begleiterin wird dem Gegenüber die Hand reichen. In aller Regel stellt sich dieses dann gleich selber vor. n


52 ratgeber ordnungsbussen

Hätten Sies gewusst? Nichtbenützen des Trottoirs kostet zehn Franken, «Loslassen» der Pedale beim Velofahren bringt die Staatskasse ebenfalls zum Klingeln. Alltägliche Vergehen, die den Sündern oft nicht bewusst sind. Illustration: Demian5 Die gesamte Liste finden Sie auf www.admin.ch/ch/d/sr/741_031/app1.html


23 | 2009

 Beobachter  53


48 RATGEBER

Gut versichert durchs Leben Junge Singles brauchen nicht die gleichen Versicherungen wie ihre Eltern, und für Hausbesitzer sieht es nochmals anders aus. Für jede Lebenslage benötigt man den passenden Versicherungsschutz. Text: Martin Müller und Nathalie Garny Illustrationen: Rahel Nicole Eisenring

Zeichenerklärung:

+ wichtig eventuell sinnvoll – überflüssig

+ Privathaftpflicht + Autohaftpflicht,

Velovignette

Hausrat Auto: Teilkasko (Vollkasko nur bei neuen Fahrzeugen)

Ohne Privathaftpflichtversicherung kann es teuer werden, wenn man einen Unfall verschuldet. Ist die verletzte Person lebenslänglich auf den Rollstuhl angewiesen, muss man nicht nur für deren künftigen Lohnausfall aufkommen, sondern auch die Kosten der Haushaltshilfe und das Schmerzensgeld tragen. Das kann Millionen kosten. Vorsicht: Junge Erwachsene sind nicht automatisch in der elterlichen Police eingeschlossen. Unter Umständen entfällt die Deckung, sobald sie 20 werden, eine Lehre anfangen oder nicht mehr im Haushalt der Eltern leben. Es lohnt sich, zu fragen, ob man gegen eine geringe Mehrprämie in der Familienpolice integriert bleiben kann. Sonst muss man eine eigene Privathaftpflichtversicherung abschliessen. Für die Haftpflichtrisiken als Velofahrer ist man damit aber noch nicht abgesichert. Deshalb benötigt man unbedingt eine Velovignette. Bei der Autohaftpflichtversicherung ändert sich die Lage, sobald Sohn oder Tochter häufig den Wagen der Eltern lenken. Dann sollte die Familienpolice den Vermerk enthalten, dass die Kinder ebenfalls regelmässige Fahrer sind. Fehlt dieser Zusatz und verursachen sie einen Unfall, zahlen die Versicherungen unter Umständen nicht oder kürzen die Leistungen.

– Erwerbsunfähigkeit – Insassenversicherung

Eine Teilkaskoversicherung empfiehlt sich gegen Schäden am eigenen Fahrzeug. Der Schutz gilt nur für nicht selbst verschuldete Schäden (etwa bei Feuer, Diebstahl, Steinschlag, Sturm- und Marderschäden). Vollkaskoversicherungen kommen dagegen auch für Schäden auf, die der Lenker selbst verursacht hat. Sie lohnen sich aber nur bei neuen Fahrzeugen (die ersten drei Jahre; bei teuren Autos bis fünf Jahre) sowie für Junglenker. Wichtig: Kaskoversicherungen ersetzen nur den Zeitwert. Um die Differenz zum Neuwert abzusichern, benötigt man einen Zeitwertzusatz. Insassen sind in der Regel gegen Unfall selber versichert. Eine Hausratversicherung drängt sich erst auf, wenn man teure Gegenstände wie TopStereoanlage oder -Fotoausrüstung besitzt. Zieht man nur mit Bett, Schreibtisch und Laptop in eine WG, ist sie nicht nötig, da man den Totalverlust selbst tragen könnte. Über die Krankenkasse ist man auf Europareisen bei Krankheit genügend abgesichert. Für Länder, in denen ärztliche Behandlung massiv teurer ist als in der Schweiz (etwa USA, Australien, Kanada) oder man lieber in ein Privatspital nach Schweizer Standard geht (in Afrika oder Lateinamerika), benötigt man eine Zusatzversicherung. Sie lässt sich bei der Krankenkasse abschliessen.

BEO_17_025_ILLUS

FOTO:

D

ieses Vorurteil stimmt: Die Schweiz ist ein Versicherungsland. Mehr als 50 Milliarden Franken geben wir jedes Jahr für nicht obligatorische Versicherungen aus, 6588 Franken pro Kopf. Ist das gut investiertes Geld? «Nur zum Teil», sagt Ruedi Ursenbacher, Versicherungsfachmann und Autor des Beobachter-Ratgebers «Richtig versichert» (Bezug: www.beobachter.ch/buchshop). Die Antwort hänge von drei Faktoren ab: von der persönlichen Lebenssituation, vom Sicherheitsbedürfnis und vom Budget. «Ein junger Single ohne Unterhaltspflichten kann sich – überspitzt formuliert – sagen: ‹Nach mir die Sintflut›», so Ursenbacher. Wird er invalid, kommen die obligatorischen Sozialversicherungen fürs Nötigste auf, dazu gibts Ergänzungsleistungen. Wirklich nötig sind nur Versicherungen gegen Risiken, die existenzbedrohend sind oder das Budget aus dem Gleichgewicht bringen. Was man hingegen selber tragen kann, muss nicht versichert werden.

1 Aus dem Elternhaus ausziehen


17 | 2009

Beobachter

2 Zusammenziehen + Hausrat (zusammenlegen) + Haftpflicht (zusammenlegen)

Auto: den Partner als Lenker melden Reiseversicherung

Nur eine Police für Hausrat und Haftpflicht zu haben ist günstiger für ein Paar, das zusammenzieht. Eine der beiden Versicherungen kann man kündigen. Man hat zwar kein Recht auf eine vorzeitige Auflösung der Police, die meisten Gesellschaften zeigen sich aber kulant. Von der (nun gemeinsamen) Versicherung muss man eine Bestätigung verlangen, dass der Partner mitversichert ist. Der Autoversicherung sollte man den Partner als häufigen Lenker melden, falls er oft mit dem Auto des anderen fährt. So lässt sich verhindern, dass die Versicherung bei einem Unfall die Leistungen verweigern oder kürzen kann.

FOTO:

Eine Jahres-Reiseversicherung kann sinvoll sein, wenn man oft und weit verreist. Allerdings sollte man vorgängig abklären, ob gewisse Deckungen nicht doppelt bestehen (etwa das Reisegepäck in der Hausratversicherung) und wie die gewählte Versicherung die Kosten in folgenden Fällen regelt: Arzt und Spital ausserhalb Europas, Rückführung in die Schweiz, Annullierung der Reise, Rückreise beider Partner bei Erkrankung einer Person, Pannenhilfe im Ausland sowie verlorenes oder gestohlenes Reisegepäck.

49


50 RATGEBER

4 Wohneigentum kaufen + Gebäudeversicherung + Gebäudewasserversicherung + bei Haftpflicht nach Rabatt fragen

Hausrat erhöhen Glasbruchversicherung Gebäudehaftpflichtversicherung

+ Todesfallversicherung + Krankenkasse fürs Baby + Zahnstellungszusatz fürs Kind

Die Krankenkasse ist für ein Neugeborenes obligatorisch – es muss aber nicht jene der Eltern sein. Achten Sie bei der Auswahl darauf, welche Kasse die besten Zusatzleistungen für Zahnstellungskorrekturen anbietet. Diese Zusatzversicherung sollte man spätestens abschliessen, bevor das Kind zum ersten Mal zum Zahnarzt geht oder bevor es vier wird. Die Versicherung der Kinder gegen Tod und Invalidität nach Unfall ist hoch im Kurs bei auf Sicherheit bedachten Eltern, denen der obligatorische Schutz der Sozialversicherungen nicht reicht. Die Kosten halten sich mit wenigen Franken pro Monat im Rahmen, allerdings ist auch der Nutzen begrenzt. Der Tod eines Kindes ist sicher schmerzvoll, aber da man keine finanzielle Einbusse erleidet, muss man ihn auch nicht absichern. Sinnvoll kann der Invaliditätsschutz des Kindes sein. Allerdings ist Invalidität meist die Folge einer Krankheit. Achten Sie beim Abschluss darauf, dass Invalidität nicht nur infolge von Unfällen, sondern auch nach Krankheiten versichert ist. Eine Taggeldversicherung lohnt sich nur für Väter und Mütter, die selbständig oder gar

Taggeld Invaliditätsversicherung fürs Kind – Tod oder Invalidität durch Unfall (UTI)

nicht erwerbstätig sind. Sie übernimmt nach einem Unfall oder bei Krankheit des versicherten Elternteils einen Teil der Kosten für die Kinderbetreuung. Am wichtigsten ist die Todesfallversicherung: Stösst dem Ernährer der Familie etwas zu, sollte für Witwe und Kinder gesorgt sein. «Viele Familien unterschätzen die Gefahr, wenn sie die Risikovorsorge vernachlässigen, vor allem gegen Tod und Invalidität nach einer Krankheit», sagt Versicherungsexperte Ruedi Ursenbacher. Witwen- und Kinderrenten reichen dazu nicht in allen Fällen. Clevere achten darauf, nur den reinen Risikoschutz zu versichern. Sparen und Versichern sollte man grundsätzlich trennen. Das ist günstiger. Billiger wirds auch bei Policen mit abnehmender Versicherungssumme. Hier verringert sich jährlich die Summe, die im Todesfall ausbezahlt wird. Wichtig ist zudem, dass man die Police rasch (auf jedes Jahresende) kündigen kann – beispielsweise wenn ein zweites Kind da ist (weil es dann doppelte Halbwaisen- und Kinderrenten gäbe), aber auch wenn dank Lohnerhöhungen der Risikoschutz in der Pensionskasse besser wurde.

Die Gebäudeversicherung springt ein, wenn eine Überschwemmung am Haus Schaden anrichtet oder das Eigenheim durch Feuer, Hagel, Sturm, Lawine oder Erdrutsch in Mitleidenschaft gezogen wird. Sie ist in allen Kantonen ausser Genf, Tessin und Wallis obligatorisch. Sie zahlt aber nicht, wenn eine Wasserleitung undicht ist oder die Badewanne überläuft. Für diese Schadenfälle, die schnell sehr teuer werden können, benötigt man eine Gebäudewasserversicherung. Bei der Privathaftpflichtversicherung sollte man fragen, ob die Gesellschaft die Prämie reduziert, denn typische Mieterschäden fallen beim Wohneigentümer weg, da er selbst der Geschädigte ist. Solange man das Haus selbst bewohnt, sind Schäden über die Police der Haftpflichtversicherung gedeckt. Eine Gebäudehaftpflichtversicherung ist nur bei Stockwerkeigentümern sinnvoll oder wenn man das Haus vermietet. Eine Glasbruchversicherung ist empfehlenswert. Sie deckt kaputte Fensterscheiben, Schäden am Glaskeramikherd, am Lavabo, an der WC-Schüssel, an den Glasvitrinen und sogar am Glastisch. Dieser Zusatz lässt sich über die Hausrat- oder die Gebäudeversicherung abschliessen. In der Regel ist das bei der Hausratversicherung günstiger. Wer teure Möbel kauft, sollte die Versicherungssumme für den Hausrat erhöhen.

FOTO:

3 Eine Familie gründen


Beobachter

17 | 2009

5 In Pension gehen Hausratversicherung, bei Bedarf anpassen – Lebensversicherung – Hausratversicherung, falls Hausstand klein

Ein Blick in den Versicherungsordner lohnt sich. Denn vielleicht sind bestimmte Versicherungen überflüssig geworden. So etwa die Kaskoversicherung, wenn man ein 15jähriges Auto fährt, oder die Erwerbsausfallversicherung, weil man nicht mehr arbeitet. Man kann auch bestehende Versicherungen den aktuellen Verhältnissen anpassen, so etwa die Versicherungssumme in der Hausratversicherung, wenn man in eine kleinere Alterswohnung zieht. Bei den verbleibenden Versicherungen

lohnt es sich in jedem Fall, nachzufragen, ob es einen Sondertarif für Rentner gibt. Der Abschluss von Lebensversicherungen oder Anlagepläne, die mit einem Versicherungsschutz kombiniert sind, sind im Rentenalter nicht empfehlenswert. Meistens handelt es sich dabei um Kostenfallen, da das Todesfallrisiko viel teurer ist als bei jungen Leuten. Und der überlebende Partner ist in der Regel genügend über die Pensionskassenrente und die AHV abgesichert.

TIPPS

So kommen Sie zur richtigen Versicherung «Für Hausrat-, Haftpflicht- und Autoversicherungen ist das Internet der beste Kanal», sagt Experte Ruedi Ursenbacher. Die Leistungen sind ähnlich oder zumindest vergleichbar, und man erhält rasch einen Überblick über die Prämien.

Anders verhält es sich bei komplizierteren Verträgen wie einer Lebensversicherung,

FOTO:

wo viele Details von den persönlichen Umständen abhängen. Hier lohnt sich der Gang zu einer unabhängigen Beratungsfirma, die man für ihre Hilfe bei der Auswahl bezahlt. Nicht empfehlenswert ist es, einen Versicherungsvertreter nach Hause einzuladen. Die Beratung ist zwar gratis, aber die Verlockung für ihn ist gross, einem unnötige Versicherungen aufzuschwatzen.

n

Bevor Sie eine Versicherung schliessen:

Überprüfen Sie, ob Sie gegen dieses Risiko nicht schon versichert sind, etwa über den Arbeitgeber oder einen Berufsverband. n Prüfen Sie, ob Sie den betreffenden Versicherungsschutz tatsächlich benötigen. Stellen Sie sich den grösstmöglichen Schaden vor. Könnten Sie ihn nicht selbst bezahlen, ist die Versicherung sinnvoll. n Überprüfen Sie bestehende Policen regelmässig darauf, ob sie noch Ihren aktuellen Verhältnissen angepasst sind. n Holen Sie mehrere Offerten ein. Vergleichen Sie Preise und Leistungen. n

Schliessen Sie nur kurzfristige Verträge

oder solche, bei denen Sie mindestens ein jährliches Kündigungsrecht haben.

51


Beobachter   Familie

63  13 | 2010

foto: Privat

Unerhört glücklich

Eine fast normale Familie: die gehörgeschädigten Elsa und Anton Bühlmann mit ihren Söhnen Charly (links) und Markus im ­Sommer 1973

Profile for dorisoberneder

Best of Beobachter, No. 1 (Zusammenstellung von Stories)  

Der Beobachter ist ein zweiwöchentlich erscheinendes Ratgeber- und Konsumentenmagazin. Als Leiterin der Layout-, Bild- und Infografikabteilu...

Best of Beobachter, No. 1 (Zusammenstellung von Stories)  

Der Beobachter ist ein zweiwöchentlich erscheinendes Ratgeber- und Konsumentenmagazin. Als Leiterin der Layout-, Bild- und Infografikabteilu...

Advertisement