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Kurden, © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Volk in Vorderasien mit iranischer Sprache. Die Kurden leben als Ackerbauern und Halbnomaden im Grenzbereich (etwa 200 000 km2) Türkei/Irak/Iran sowie in Nordostsyrien und Südwestarmenien. Durch Migration und Umsiedlung gelangten Kurden auch nach Jordanien, Libanon, Zentralanatolien, Ostiran, Georgien und Mittelasien, als Arbeitskräfte auch in die Westtürkei (Istanbul, Adana u. a.) und nach Europa (v. a. Deutschland). Schätzungen über die Zahl der Kurden schwanken zwischen 12 und 30 Mio., wobei die Zahl von 22,5 Mio. wahrscheinlich ist. Trotz gemeinsamer Sprache, Geschichte und Kultur konnten die Kurden keinen eigenen Nationalstaat errichten; sie bilden Minderheiten in der Türkei (12 Mio.), in Iran (5,5 Mio.), Irak (3,7 Mio.), Syrien (0,5 Mio.), in transkaukasischen GUS-Staaten (0,15 Mio.) und im westlichen Europa (0,62 Mio.). 75 80 % sind Sunniten, die Übrigen Schiiten meist extremer Richtungen. Die Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Jesiden betrachten sich, trotz kurdischer Muttersprache, selbst nicht als Kurden. Geschichte: Erstmals 2150 v. Chr. in Sumer als »Land der Karda« erwähnt, im 3./4. Jahrhundert n. Chr. fand die ethnische Konsolidierung ihren Abschluss. Zwischen 637 und 643 nahm die Mehrheit der Kurden den Islam an. Die Zugehörigkeit des Siedlungsgebietes der Kurden, Kurdistan, zum Seldschukenreich (11./12. Jahrhundert), später zum Persischen und Osmanischen Reich war selten mehr als nominell, vielmehr bildeten sich einheimische lokale Feudalherrschaften heraus. 1514 erstmals zwischen Persern und Osmanen aufgeteilt, kam Kurdistan 1639 fast ganz unter osmanische Herrschaft, die im Zuge der Zentralisierung bis zum 19. Jahrhundert die kurdischen Emire durch türkische Gouverneure ersetzte. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderten Kurden (Jesiden) nach Armenien und Georgien aus. Entgegen dem Frieden von Sèvres (10. 8. 1920), der den Kurden erstmals die Eigenstaatlichkeit zusprach und die Entstehung einer kurdischen Nationalbewegung förderte, wurde der ehemals osmanische Teil Kurdistans Irak, Syrien und der Türkei eingegliedert (2. Teilung Kurdistans; vorbereitet im britisch-französischen Sykes-Picot-Abkommen von 1916). Der Frieden von Lausanne (24. 1. 1923) gestand den Kurden keinen Minderheitenschutz in der Türkei zu; zwischen 1925 und 1937 schlug die türkische Armee mehrere größere Aufstände nieder (Türkei, Geschichte). Mit unterschiedlicher Intensität betrieben die türkischen Regierungen seitdem gegenüber den »Bergtürken« genannten Kurden eine Politik der Türkisierung. In Nordwestiran erstarkte unter sowjetischer Besatzung (1941 46) die kurdische Nationalbewegung. Unter Ghasi Mohammed bestand dort 1946 die »Kurdische Republik Mahabad«. In Irak kam es nach Konflikten mit der Regierung (1931/32 und 1944/45) unter Führung von Mulla Mustafa Barsani 1961 70 zu einem allgemeinen Kurdenaufstand. Unzufrieden mit der Umsetzung der nach der neuen irakischen Verfassung (1970) gewährten Autonomie, erhoben sich die Kurden 1974 unter Barsani erneut (bis Frühjahr 1975). Nach dem 1. und 2. Golfkrieg kam es abermals zu Aufständen der irakischen Kurden in Nordirak. Nach dem 1. Golfkrieg setzte Irak 1988 Giftgas gegen die irakischen Kurden ein; 500 000 Kurden flüchteten in die Türkei und nach Iran. Nach der blutigen Niederschlagung eines weiteren Kurdenaufstandes in Nordirak (März 1991; Zentrum: Kirkuk) im Anschluss an


den 2. Golfkrieg flohen etwa 1,5 2 Mio. Kurden nach Iran sowie ins Grenzgebiet zur Türkei. Um die kurdischen Flüchtlinge vor irakischer Verfolgung zu schützen, richteten amerikanische, britische und französische Truppen im April 1991 in Nordirak (nördlich des 36. Breitengrads) eine Sicherheitszone ein. In deren Schutz entstand ohne Zustimmung Iraks ein faktisch autonomes Gebiet, in dem am 19. 5. 1992 Parlaments- und Präsidentschaftswahlen durchgeführt wurden; dabei erhielten die Demokratische Partei Kurdistans (Abkürzung DPK) und die Patriotische Union Kurdistans (Abkürzung PUK) von 105 Sitzen je 50. Am 5. 10. 1992 beschloss das kurdische Parlament in Erbil die Bildung eines kurdischen Teilstaates innerhalb Iraks. 1994 97 kam es immer wieder zu schweren Kämpfen zwischen DPK und PUK um die Führung der kurdischen Autonomiebewegung. In der Türkei begann die PKK in Südostanatolien ab 1984 den bewaffneten Guerillakampf für einen eigenen kurdischen Staat (seit 1993/94 offiziell für Autonomie innerhalb der Türkei); viele kurdische Exilorganisationen orientierten sich fortan an der PKK. Seit 1991 gesteht die türkische Regierung den Kurden auf ihrem Staatsgebiet größere Rechte zu (v. a. den offiziellen Gebrauch ihrer Sprache; Anerkennung als ethnische Minderheit). Gleichzeitig verschärften sich, besonders ab 1992/93, die Auseinandersetzungen zwischen PKK-Kämpfern und der türkischen Armee (u. a. Großoffensive in der Südosttürkei, Juli 1993, Angriffe in die PKK-Rückzugsgebiete v. a. in Nordirak); zahlreiche kurdische Dörfer in Südostanatolien (dort seit 1987 Ausnahmezustand) wurden zerstört, massenhaft flohen Kurden. Mit blutiger Härte geführt von Generalsekretär A. Öcalan, richtete sich der PKK-Terror (neben Armee und touristischen Zentren in der Türkei; etwa 37 000 Todesopfer) zunehmend auch gegen türkische Einrichtungen in europäischen Städten, darunter in Deutschland, wo zwischen 350 000 und 550 000 Kurden leben. 1995 konstituierte sich in Den Haag ein kurdisches Exilparlament. Mehrmals, zuletzt 1998, bot Öcalan der türkischen Regierung ein Ende des bewaffneten Kampfes an, wenn die PKK als legale Partei zugelassen würde. Mit der Verständigung zwischen den rivalisierenden kurdischen Parteien in Nordirak (unter amerikanischer Vermittlung, September 1998) verlor die inzwischen militärisch erheblich geschwächte PKK ihre dortigen Rückzugsgebiete; die türkische Regierung befürchtete mit dem Abkommen allerdings eine Stärkung der De-facto-Autonomie des kurdischen Nordirak, die auf Türkisch-Kurdistan ausstrahlen könnte. Erst Hochverratsprozess und Todesurteil gegen Öcalan (1999; Vollstreckung aufgeschoben, um die Entscheidung über einen Einspruch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abzuwarten, der die Verhandlung am 21. 11. 2000 begann und die Klage am 15. 12. 2000 annahm) bewirkten eine Wende friedliche Lösung in Sicht im türkisch-kurdischen Konflikt: Erklärung der Aufgabe des bewaffneten Kampfes und Rückzug eines Großteils der PKK-Kämpfer aus der Türkei nach Nordirak ab Ende August/Anfang September 1999; Umbildung zur politischen Partei, die sich legal für mehr Rechte für die Kurden in der Türkei einsetzt. Der Wunsch der Kurden nach einem eigenen Nationalstaat ist ungebrochen. Mit der Hoffnung auf internationale Unterstützung werden weiterhin Autonomierechte im gesamten Siedlungsgebiet angestrebt. Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen: Kurdistan (persisch Kordestan), das von Kurden geschlossen oder überwiegend bewohnte Gebiet in Vorderasien. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG


Türkei: Zwischen Kemalismus und Tradition http://www.gfbv.de/voelker/nahost/kurden.htm © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Türken (früher Osmanen), Turkvolk (etwa 60 Mio.) in Kleinasien (Türkei etwa 49 Mio.), auf dem Balkan in Bulgarien (815 000), Griechenland (130 000), Makedonien (81 000), Rumänien (150 000), Jugoslawien und dessen Nachfolgestaaten sowie auf Zypern (135 000). Weitere Türken leben in Irak (200 000 300 000), Syrien (100 000) u. a. asiatischen Ländern, in denen sie teilweise als Turkmenen bezeichnet werden. Über 3 Mio. Türken leben in Westeuropa, davon 2,1 Mio. in Deutschland, sowie in vielen anderen Staaten der Erde; vorwiegend sunnitische Muslime. Die Türken (Name seit dem 6. Jahrhundert bekannt) sind die Nachkommen der seit dem 11. Jahrhundert in Anatolien eingedrungenen Turkvölker (Türkei, Geschichte), die sich allmählich mit den Bewohnern des Landes (Griechen im Westen, Armenier und Kurden im Osten, Lasen und Georgier im Nordosten) vermischten. In der heutigen Türkei wird neben Türken als Staatsangehörigen zwischen Auslandstürken und »ethnischen Türken« (als regionale Minderheit) unterschieden. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Türkei: Zwischen Kemalismus und Tradition Ein Rückblick auf 75 Jahre Republik Türkei zeigt, dass sich das Land allen Schwierigkeiten zum Trotz nicht nur als lebensfähig erwiesen hat, sondern auch im Vergleich zu seinen nahöstlichen und südosteuropäischen Nachbarn als besonders stabil. Mustafa Kemal Atatürks Leistung liegt nicht nur in der Schaffung eines souveränen Staats, sondern auch in der Herausbildung einer (ersten) staatstragenden Generation, der »Generation von 1908«, die ab 1938 von einer zweiten abgelöst wurde, die sich seinem Werk verpflichtet fühlte. Die Türkei unter Ismet Inönü (1938 50) Nach Atatürks Tod zweifelte niemand, dass Ismet Pascha, einer seiner engsten politischen Weggefährten, »zweiter Mann« im Staat, seine Nachfolge an der Spitze der türkischen Republik antreten werde. Mit einer kurzen Unterbrechung (1924/25) leitete Ismet Pascha, seit 1935 Ismet Inönü, von 1923 bis 1937 als Ministerpräsident die Regierung. Am 11. November 1938 wählte ihn die Nationalversammlung mit 348 von 387 gültigen Stimmen zum zweiten Präsidenten der Republik. Mit dieser Wahl waren ihm die Beinamen »Ständiger Vorsitzender der Partei« und »Nationales Oberhaupt« angetragen worden. Durch die Annahme dieser Titulatur schloss Inönü an die Vollmachten Atatürks an. Wenig später übernahm er auf Lebenszeit den Vorsitz der Republikanischen Volkspartei. Nachdem 1939 und 1943 die Wahlen zur Nationalversammlung auf der Basis eines aus jungtürkischer Zeit stammenden zweistufigen Wahlmodus indirekt erfolgt waren, durfte die türkische Bevölkerung am 21. Juli 1946 zum ersten Mal ihre Stimme in direkter Wahl abgeben. Die Republikanische Volkspartei (CHP) Inönüs gewann 390 von 465 Sitzen. Die kurz zuvor von Abtrünnigen der Volkspartei gegründete Demokratische Partei (DP) musste sich mit 65 Abgeordneten begnügen. Obwohl sich die Volkspartei mit ihrem Programm nach 1946 zunehmend der DP genähert hatte, gelang dieser im Mai 1950 der Durchbruch. Aufgrund des Mehrheitswahlsystems genügten 53,3 Prozent der Stimmen, um 408 Parlamentsmandate zu erringen. Zum ersten Mal in der Geschichte der türkischen Republik war ein demokratischer Regierungswechsel erfolgt. Neben der Überleitung des Landes vom semiautoritären Kurs zum Mehrparteiensystem war es das historische Verdienst Inönüs, die Türkei aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten und die atatürkschen Kulturreformen energisch weitergeführt zu haben.


Bewaffnete Neutralität Nach dem italienischen Einmarsch in Albanien (April 1939) veröffentlichten Großbritannien und die Türkei eine Deklaration, der sich Frankreich anschloss. Mit der Abtretung des Sandschak, so wurde die zum französischen Mandatsgebiet Syrien gehörende Provinz Iskenderun (Alexandrette) bezeichnet, im September 1939 an die Türkei hatte die französische Regierung Ankara für sich gewonnen. Die nun nach einem fiktiven hethitischen Wort »Hatay« genannte Provinz blieb der einzige Gebietszuwachs der Türkei nach dem Friedensschluss von Lausanne (1923). Der Beistandspakt mit Frankreich und Großbritannien vom 19. Oktober 1939 sowie der Nichtangriffspakt vom 18. Juni 1940 mit Deutschland sicherte die Türkei nach außen ab. Ein Unsicherheitsfaktor blieb die Sowjetunion, die besonders in dem Vertrag mit Frankreich und Großbritannien einen unfreundlichen Akt sah. Der deutsche Einmarsch in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde in der Türkei begrüßt, weil er den Druck verminderte, den Moskau und Berlin auf das Land ausübten. Die türkische Diplomatie war nun in der Lage, von einer Position der bewaffneten Neutralität aus die Krieg führenden Parteien gegeneinander auszuspielen. In den Jahren 1941 bis 1943 bezog das Land zeitweise, im Austausch gegen Chrom und Agrarprodukte, Rüstungsgüter von beiden Seiten. Trotz starker Sympathien großtürkisch gesinnter Kreise für das Deutsche Reich hielt sich das offizielle Ankara zurück. Aber auch nach der deutschen Niederlage von Stalingrad gab die Türkei ihre Neutralität nicht auf. Erst als es keine Zweifel mehr an der deutschen Niederlage gab, brach Ankara die Beziehungen zu Berlin am 2. August 1944 ab. Am 23. Februar 1945 beschloss das türkische Parlament einstimmig, Deutschland und Japan den Krieg zu erklären. Der britische Botschafter hatte der Türkei zuvor deutlich gemacht, dass eine Teilnahme an der konstituierenden Versammlung der Vereinten Nationen, die am 25. April 1945 in San Francisco zusammentreten sollte, von diesem Schritt abhinge. Obwohl im Zweiten Weltkrieg eine Mobilmachung nie förmlich erklärt worden war, standen auf dem Höhepunkt des Kriegs bis zu anderthalb Millionen Türken unter Waffen, eine Größenordnung, die den Staatshaushalt stark belastete. In dieser Zeit litt die Bevölkerung unter dem Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel. 1942 erließ die Regierung eine kurzfristig fällige Sondersteuer auf Vermögen, die besonders die nichtmuslimischen Kaufleute und Industriellen in Istanbul traf. Die uneingestandene Absicht der Regierung war es, das muslimisch-türkische Kapital durch die Ausschaltung christlicher und jüdischer Konkurrenten zu privilegieren. Die Fortsetzung der Kulturreformen Unter dem Erziehungsminister Hasan Âli Yücel trieb der türkische Staat Kulturreformen auf allen Ebenen voran. Bis 1950 war die Zahl der bereits seit 1932 eingerichteten Volkshäuser auf nahezu 500 angewachsen. Sie organisierten Kurse in Sprache, Literatur, Geschichte, Kunst, Theater, Sport und Wohlfahrtswesen, außerdem entfalteten sie eine beachtliche Museums- und Ausstellungstätigkeit. Eine besondere Errungenschaft waren die Dorfinstitute zur Ausbildung von Landschullehrern. In diesen 1940 bis 1946 bestehenden Schulen wurden Bauernkinder nach dem Besuch der fünfklassigen Grundschule auf den Lehrerberuf vorbereitet. Das höhere Bildungswesen in Istanbul und Ankara wurde durch die Berufung zahlreicher Ausländer, besonders von Emigranten aus Deutschland, und großzügige Bauten weiter gefördert. Ein Universitätsgesetz gewährte 1946 den türkischen Hochschulen ein hohes Maß an Autonomie. Architektur, Malerei und Skulptur erlebten nach der Rückkehr junger Künstler aus Frankreich und Deutschland eine bemerkenswerte Blüte. Die Unterstützung westlicher Musik- und Theaterkultur erreichte einen Höhepunkt mit der Berufung von Carl Anton Ebert an das 1940 gegründete Staatskonservatorium in Ankara. Erstaunlich effizient war das von Yücel ins Leben gerufene Übersetzungsbüro, in dessen Rahmen eine Handvoll von Literaten und Wissenschaftlern zwischen 1940


und 1946 nahezu 500 Klassiker der Weltliteratur ins Türkische übertrug. Die bewusste Vernachlässigung traditioneller Kunstformen fassten die konservativen Intellektuellen als Provokation auf. Eine neue Kraft Das Menderesjahrzehnt Nach dem Wahlsieg der Demokratischen Partei im Mai 1950 wählte die Nationalversammlung Celal Bayar zum Staatspräsidenten, Adnan Menderes zum Ministerpräsidenten (1954 und 1957 in ihren Ämtern bestätigt). In den ersten Jahren unter der Ministerpräsidentschaft Menderes erlebte die Türkei ein beispielloses Wirtschaftswachstum, an dem sowohl Landwirtschaft als auch Industrie und Bauwesen beteiligt waren (11,3 Prozent im »Korea-Boom«). Ende der Fünfzigerjahre sank das jährliche Wachstum jedoch auf unter drei Prozent, das Verhältnis von Ein- und Ausfuhr verschlechterte sich und die Inflation nahm zu. Eine zwischen 1943 und 1945 erhobene Sondersteuer auf Agrarprodukte wurde nach Kriegsende aufgehoben. Der Druck agrarischer Kreise verhinderte ein Gesetz im Rahmen der Steuerreform des Jahres 1950. Erst 1963 wurden nach 40 Jahren wieder Steuern auf Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft erhoben. Die ländliche Besitzstruktur es gab überwiegend kleine und mittlere Betriebe wurde durch eine halbherzig durchgeführte Landreform zwischen 1947 und 1962 kaum verändert. Sie führte lediglich zur Verteilung von 1,8 Millionen Hektar Land an 360000 Familien. Die großen Grundbesitzer des Südostens und der Çukurova blieben insgesamt verschont. Die sprunghafte Mechanisierung der Landwirtschaft ab 1948, diese Traktorenrevolution, hatte dagegen weit reichende Folgen: Einerseits wuchs die landwirtschaftliche Nutzfläche bis 1959 auf fast das Doppelte, und Weizen konnte wieder wie vor der Weltwirtschaftskrise exportiert werden, andererseits nahm die Abhängigkeit kleiner Bauern von reichen Grundbesitzern zu, von denen sie Maschinen im Tausch gegen Produkte liehen. Eine große verdeckte Arbeitslosigkeit und die Abwanderung in die Städte sind nachhaltige Folgen dieses Prozesses. 1961 setzte die Arbeitsmigration nach Deutschland und in andere europäische Staaten ein. Beim Wechsel der Alleinherrschaft der Volkspartei zur parlamentarischen Demokratie waren Zeichen religiösen Erwachens unübersehbar. Zwischen 1945 und 1950 bildeten sich mehrere politische Parteien mit eindeutig islamistischer Zielsetzung. Das Inönüregime kam diesen Entwicklungen teilweise entgegen, offensichtlich um bei den bevorstehenden Parlamentswahlen 1950 besser vor der ländlichen Wählerschaft zu bestehen: So befürwortete es die Eröffnung von Schulen für Vorbeter und Prediger die letzten Einrichtungen dieser Art waren 1929 geschlossen worden , die Gründung einer »aufgeklärten« theologischen Fakultät an der Universität Ankara 1949 und die Öffnung von Mausoleen osmanischer Herrscher. Die Wähler honorierten diese deutlichen Gesten jedoch nicht. Auch die nach den Wahlen von 1950 regierende DP musste sich mit extremen islamistischen Ansprüchen auseinander setzen. Aus den Provinzgliederungen der Partei kamen Forderungen, die Polygamie wieder zuzulassen und zur arabischen Schrift zurückzukehren. Während sich die Menderesregierung in dieser Hinsicht als unnachgiebig erwies, versetzte sie mit der Schließung der Volkshäuser und Dorfinstitute den kemalistischen Errungenschaften einen schweren Schlag. Die erste auffällige Konzession, die die Demokratische Partei den konservativen Muslimen gewährte, war im Juni 1950 die Rückkehr zum arabischen Gebetsruf. Ein weiterer Schritt war die Zulassung von Rezitationen aus dem Koran im staatlichen Rundfunk. Im Schulbereich erfolgten die wichtigsten Weichenstellungen mit der Wiedereinführung des Religionsunterrichts an den Grundschulen 1950 und an den Mittelschulen 1956. In Istanbul wurde 1959 ein Hohes Islaminstitut eröffnet. Die Bindungen der Türkei an den Westen Mit dem Beitritt zur NATO reagierte die Türkei weniger auf sowjetische Forderungen nach Mitsprache bei der Meerengenverwaltung und auf von Georgien und Armenien 1945 höchst vage formulierte Gebietsansprüche. Vielmehr suchte die türkische Regierung den Anschluss an die USA, von denen man


sich eine Hilfe bei der Beseitigung wirtschaftlicher Engpässe, bei der Modernisierung der Armee und beim Durchbrechen der politischen Isolation versprach. Die Aufforderung des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman an den Kongress, »nicht viel mehr als ein Zehntel von einem Prozent der Ausgaben im letzten Krieg für Griechenland und die Türkei zur Verfügung zu stellen« (12. März 1947), markiert den Beginn des amerikanischen Engagements in der Türkei. Bereits im Juli 1948 wurde das Land in den Marshallplan aufgenommen. Am 25. Juli 1950 gab die Regierung einen unmittelbar zuvor im engsten Führungskreis gefassten Beschluss bekannt, der in der Geschichte der Republik ohne Vorbild war: einer fremden Macht Truppen zur Verfügung zu stellen. Die Entsendung einer türkischen Brigade (etwa 4500 Mann) im Rahmen einer UNO-Streitmacht nach Korea erleichterte die Aufnahme der Türkei (und Griechenlands) in den Atlantikpakt. Als wertvoller Trumpf erwies sich die Möglichkeit, der amerikanischen Luftwaffe in der Türkei Stützpunkte zur Verfügung zu stellen. Am 21. September 1951 beschloss die NATO, die Türkei zum 18. Februar 1952 als Mitglied aufzunehmen. Der Beitritt zu anderen Sicherheitssystemen (Bagdadpakt 1955 und seinem Nachfolger, der Central Treaty Organisation, CENTO, bis 1979) war von vorübergehender Bedeutung. 1959 beantragte die Türkei die Assoziation mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Nach dem Ankaraner Abkommen zwischen der Türkei und den sechs Mitgliedsstaaten der EWG und dem Zusatzprotokoll von 1973 begann eine Übergangsphase, die 1999 rechtlich noch andauert. Der Antrag der Türkei auf Vollmitgliedschaft in der EG wurde am 5. Februar 1990 vom EG-Ministerrat abschlägig beschieden. Innenpolitik 1960 bis 1980 Die wirtschaftliche Unzufriedenheit weiter Bevölkerungskreise, die Frustration von Angehörigen der Streitkräfte über ausbleibende Modernisierung und Beförderung, aber auch die Besorgnis vieler Gruppen über die Revision der kemalistischen Reformen führten zum Staatsstreich vom 27. Mai 1960. Der an der Vorbereitung des Putsches nicht unmittelbar beteiligte Kommandeur der Landstreitkräfte Cemal Gürsel wurde zum vierten Staatspräsidenten (1961 66) bestimmt. Ein Sondergericht verurteilte 15 Politiker der Demokratischen Partei zum Tode; drei dieser Todesurteile, unter anderem gegen Menderes, bestätigte das Komitee für Nationale Einheit. Celal Bayar wurde aus Altersgründen verschont. Die jungen Offiziere des Komitees beeilten sich mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die die stark auf Atatürk zugeschnittene Grundordnung von 1924 ersetzen sollte. Gleichzeitig wurden rechts- und wohlfahrtsstaatliche Akzente gesetzt. Die Verfassung von 1961 bestätigte die seit 1947 erlaubte Bildung von Gewerkschaften und anerkannte das Streikrecht. 1971 überschritt die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter die Millionengrenze. Gleichzeitig wurde den Arbeitgebern das Recht auf Aussperrung zugestanden. In den Sechzigerjahren entstand die Solidargemeinschaft der Armee, eine Art Zwangssparkasse, die sich zu einem bedeutenden militärisch-industriellen Komplex entwickelte: Rund 10 Prozent des Solds der Berufsoffiziere werden in Wirtschaftsunternehmen angelegt. Aus den Erträgen erhalten die Pensionäre eine zweite Altersrente. Die Gerechtigkeitspartei, die Nachfolgeorganisation der 1960 verbotenen Demokratischen Partei, repräsentierte den traditionell wirtschaftsliberalen Teil der Wählerschaft, während Inönüs Republikanische Volkspartei eher die Industriearbeiterschaft und die staatsnahen bürokratischen Eliten vertrat. Aus den allgemeinen Wahlen von 1965 ging die Gerechtigkeitspartei als Siegerin hervor; ihr Vorsitzender Süleyman Demirel übernahm nun als Ministerpräsident die Führung der Regierung. Mit der Arbeiterpartei der Türkei beteiligte sich an dieser Wahl auch eine Partei, die 1961 von linken Gewerkschaftern gegründet worden war. Mit der Wahl Bülent Ecevits zum Generalsekretär (1966), später zum Vorsitzenden (1972) der Republikanischen Volkspartei vollzog sich in der Republikanischen Volkspartei ein bemerkenswerter Linksruck. Ab 1967 nahmen die Spannungen zwischen linken und rechten Kräften zu. Wie in zahlreichen anderen Staaten der westlichen Welt bestimmten Studentenproteste das Jahr 1968. Die revoltierenden Studenten thematisierten zunächst Missstände an den Hochschulen, entwickelten aber rasch allgemeine Zielsetzungen, die von einer besonders gegen die


USA gerichteten »antiimperialistischen« Grundhaltung geprägt waren. Als Gegner der »kommunistischen« Studenten formierten sich »Kommandos«, die dem turanisch-rassistischen Lager entsprangen. Am 12. März 1971 forderte der Generalstabschef in einem Memorandum die Regierung Demirel auf, die »Anarchie« im Lande alsbald zu beseitigen, andernfalls seien die Streitkräfte bereit, die Macht zu übernehmen. Nach dem Rücktritt Demirels bemühten sich nachfolgende Regierungen, dem Willen der Militärs zu entsprechen. Wesentliche Artikel der Verfassung von 1961 wurden jetzt und erneut 1973 abgeändert. In Fragen der nationalen Sicherheit konnte nun der Nationale Sicherheitsrat dem Ministerrat »Empfehlungen« erteilen. Besonders wurde die Autonomie der Universitäten, des Rundfunks und des Fernsehens beschnitten. Gegen linke Strömungen und kurdische Separatisten wurde in zahlreichen Provinzen das Kriegsrecht ausgerufen. Zwischen 1973 und 1975 urteilten Staatssicherheitsgerichte mehrere Tausend Menschen ab. Nach den Wahlen von 1973, aus denen die Republikanische Volkspartei mit 185 Abgeordneten als stärkste Partei hervorging, gefolgt von der Gerechtigkeitspartei (149) und der religiös orientierten Nationalen Heilspartei (48), bildeten die Republikanische Volkspartei und die Nationale Heilspartei eine Koalitionsregierung, die jedoch bald zerbrach. Die 2. Hälfte der Siebzigerjahre ging in die türkische Geschichte ein als die Zeit der Regierungen der »Nationalen Front« und des verschärften Terrors von rechts und links. Mordanschläge auf herausragende Politiker und Intellektuelle beherrschten die Schlagzeilen. Türkei seit 1980 Unter dem Eindruck zahlloser politisch motivierter Morde (etwa 1500) sowie mehr als 115 Wahlgängen bei der Neuwahl des Staatspräsidenten ergriff die militärische Führung am 12. September 1980 wieder die Macht. Nachfolger des von 1973 bis 1980 amtierenden Staatspräsidenten Fahri Korutürk und Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats wurde nunmehr General Kenan Evren. In einer neuen, vom Militär maßgeblich beeinflussten Verfassung wurde die Rolle des Nationalen Sicherheitsrats stark ausgebaut. Die kommenden zwei Jahrzehnte sollten jedoch zeigen, dass zahlreiche Bestimmungen dieser Verfassung sowie von Einzelgesetzen, zum Beispiel die Zehnprozenthürde im neuen Wahlgesetz, keine Gewähr für die Stabilität des politischen Systems boten. Allerdings verbesserte sich die innere Sicherheit und die wirtschaftliche Lage, wenn auch nur vorübergehend. Auf wirtschaftlichem Gebiet hatte Turgut Özal, 1979 bis 1980 Chef der Staatlichen Planungsorganisation, im Januar 1980 Wirtschaftsmaßnahmen durchgesetzt, die von Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds für eine liberale Öffnung der Wirtschaft nicht allzu weit entfernt waren. In der neuen Regierung Özal war von 1983 bis 1989 selbst Ministerpräsident setzte er diese Wirtschaftspolitik fort, mit der er hauptsächlich vier Ziele verfolgte: Flexibilisierung der Preise, Aufhebung der Kontrolle von Warenmengen, Rücknahme der staatlichen Beteiligung an der Wirtschaft, Kampf gegen Haushaltsdefizite, Inflation und wachsende Auslandsverschuldung. Der Abbau bürokratischer Hindernisse für ausländische Investoren und der Beginn der Privatisierung staatlicher Unternehmen lösten ein beachtliches Wirtschaftswachstum bis 1987 aus. Nach einem von der militärischen Führung vorgegebenen Muster entstanden nach dem Militärputsch im September 1980 neue Parteien, die sich jedoch nicht dauerhaft etablieren konnten, mit Ausnahme der Mutterlandspartei (ANAP), deren Vorsitzender Özal war, und die aus den Wahlen von 1983 als stärkste Partei hervorging. Bei den allgemeinen Wahlen von 1987 konnte sie ihren Erfolg wiederholen, obwohl inzwischen die vom Militär vorübergehend aus dem Verkehr gezogenen alten Parteiführer, allen voran Demirel und Ecevit, als Konkurrenten auftraten. 1989 ließ sich Özal als Nachfol- ger General Evrens zum achten Präsidenten der Republik wählen. Nach dem Tode Özals 1993 wurde Demirel in das höchste Staatsamt gewählt. Die Parlamentswahlen von 1995 gewann die islamistisch eingestellte, von Necmettin Erbakan geführte Wohlfahrtspartei; sie ging eine Koalition mit der Partei des Rechten Weges (DYP) ein, der Nachfolgeorganisation der Gerechtigkeitspartei, deren Vorsitzende Tansu Çiller war. Erbakan, seit


1996 Ministerpräsident dieser Koalition, trat 1997 unter dem Druck des Militärs zurück, das die republikanisch-laizistischen Traditionen in der Türkei von der Wohlfahrtspartei bedroht sah. Im Januar 1998 verbot das Verfassungsgericht die Wohlfahrtspartei wegen republikfeindlicher Aktivitäten. Als Ministerpräsidenten folgten: Mesut Yolmaz (Mutterlandspartei), ab Januar 1999 Bülent Ecevit (Volkspartei). Die Türkei und der Nahe und Mittlere Osten Der Ölschock des Jahres 1973 veranlasste die Türkei, sich stärker den arabischen Staaten anzunähern. Bis 1977 hatten sich die Ölkosten für die Türkei verdreifacht, während die türkischen Exporte im selben Zeitraum konstant blieben. Erst nach 1980 stiegen die türkischen Exporte in den Mittleren Osten an. Die Abtretung des Sandschak belastete die Beziehungen zu Syrien von Anfang an. In den Jahren des Kalten Kriegs markierte die türkisch-syrische Grenze die Interessensphären der Blöcke. Das gigantische Südostanatolien-Projekt (GAP), ein Bewässerungs- und Energiegewinnungsprogramm, wurde von Irak und vor allem Syrien als Bedrohung empfunden, obwohl die Türkei eine Mindestwassermenge garantierte. Damaskus benutzte Abdullah Öcalan, den dort im Exil lebenden Führer der kurdischen Aufständischen in der Türkei, als Faustpfand gegen türkische Ansprüche; Ende 1998 beantwortete Syrien die ultimative Forderung der Türkei nach dessen Auslieferung, indem es den Führer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) auswies. Im Gegensatz zu Syrien hat Irak an die Türkei nie territoriale Ansprüche gestellt. Im Gegenteil, die Verwundbarkeit seiner Ölexporte hat das Land ebenso wie das gemeinsame Kurdenproblem zu einer engeren Kooperation gezwungen. Die türkische Seite hat Sicherheits- und Wirtschaftsfragen stets höher bewertet als ein Patronat über die turkmenische Bevölkerung Iraks, die unter zunehmendem Assimilationsdruck steht. Iran hatte der Krieg mit Irak (1980 88) zu einer pragmatischen Politik gegenüber der laizistischen Türkei gezwungen. Nach dessen Ende nahm die Einflussnahme Teherans im Sinne islamischer Kräfte in den Jahren 1988 und 1989 zu. Kernstück des Südostanatolischen Projekts ist der am 25. Juli 1992 eingeweihte Atatürk-Staudamm am Euphrat, der acht Milliarden Kilowattstunden jährlich liefern soll; die mit jeweils 26,7 km Länge größten Bewässerungstunnel der Erde sollen die Fruchtbarkeit der rückständigen Region heben. Bis 2005 sind 22 Dämme und 19 Kraftwerke geplant. Der Kurdenkonflikt Nach dem Militärputsch von 1980 verschärfte der türkische Staat die Repressionen gegen die kurdische Bevölkerung: So verbot ein Sprachgesetz vom 22. Oktober 1983, das erst 1991 wieder aufgehoben wurde, die öffentliche Meinungsäußerung in kurdischer Sprache. Die bereits 1978 unter Führung Abdullah Öcalans gegründete PKK begann 1984 den bewaffneten Kampf für einen eigenen Staat. 1987 verhängte die türkische Regierung in zahlreichen Provinzen Südostanatoliens den Ausnahmezustand: Dem Terror der PKK stand der Terror türkischer Sicherheitskräfte gegenüber. Während Präsident Turgut Özal sich ab 1991 bereit zeigte, den Kurdenkonflikt als ein Problem anzuerkennen, das einer politischen Lösung zugeführt werden müsse, konnte nach dessen Tod 1993 das Militär die Oberhand gewinnen. Kurdische Parteien wurden verboten, kurdische Parlamentarier wegen des Vorwurfs der Unterstützung der PKK zu hohen Haftstrafen verurteilt, Dörfer in den von Kurden besiedelten Gebieten entvölkert und umgesiedelt; bis zum Herbst 1996 kostete der Krieg etwa 25000 Menschen das Leben. Nach der weitgehenden Zerstörung der zivilen Infrastruktur durch militärische Maßnahmen gab Öcalan ab 1995 pankurdische Ansprüche auf und erklärte, auch andere kurdische Vertreter anzuerkennen. Gegenwärtig ist die PKK, in der ein militärischer und ein politischer Flügel gegensätzliche Ziele vertreten, militärisch wie politisch geschwächt: So verlor sie zum Beispiel im Zuge einer Verständigung zwischen den rivalisierenden kurdischen Parteien in Nordirak im September 1998 ihre dortigen Rückzugsgebiete und PKK-Chef Öcalan ist nach mehrmonatiger Flucht durch europäische und afrikanische Länder im Februar


1999 von türkischen Sicherheitskräften festgenommen worden. Eine Lösung des Kurdenkonflikts ist nicht in Sicht. Prof. Dr. Klaus Kreiser, Bamberg

Grundlegende Informationen finden Sie unter: Türkei: Kemal Atatürk Literatur: Adanir, Fikret: Geschichte der Republik Türkei. Mannheim u. a. 1995. Ahmad, Feroz: The making of modern Turkey. Neudruck London u. a. 1996. Kreiser, Klaus: Kleines Türkei-Lexikon. Wissenswertes über Land und Leute. München 1992. Rethinking modernity and national identity in Turkey, herausgegeben von Sibel Bozdo?an und Re?at Kasaba. Seattle, Wash., 1997. Rumpf, Christian: Das türkische Verfassungssystem. Einführung. Mit vollständigem Verfassungstext. Wiesbaden 1996. Turkey. Political, social and economic challenges in the 1990s, herausgegeben von Çi?dem Balim u. a. Leiden u. a. 1995. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Türkenkriege, die Kriege europäisch christlicher Staaten gegen das in Südosteuropa eingedrungene und nach Westen ausgreifende islamische Osmanische Reich. Neben Österreich, das sich im 1526 ererbten Königreich Ungarn behaupten musste, führten Venedig, Polen und v. a. Russland, das seit dem 18. Jahrhundert den Zugang zum Schwarzen Meer und später die Kontrolle über die Meerengen anstrebte, Kriege gegen die Hohe Pforte. Die Türkenkriege trugen anfänglich den Charakter von Kreuzzügen, dann traten politische Motive in den Vordergrund. Erschwert wurde der Kampf der europäischen Staaten gegen die Türken durch deren Bündnisse mit Frankreich, das seine expansive Politik durch die militärische Bindung Österreichs im Osten stützen wollte. Anfänge: Nachdem die Osmanen 1354 mit einem Stützpunkt auf der Halbinsel Gallipoli (heute Gelibolu) erstmals Europa bedrohten, konnte die osmanische Expansion auf dem Balkan nicht mehr aufgehalten werden, trotz Abwehrversuchen der Serben und ihrer Verbündeten an der Maritza (1371) und auf dem Amselfeld (»Vidovdan«, 28. 6. 1389). Ein Kreuzfahrerheer wurde bei Nikopol besiegt (25. 9. 1396), ein weiteres bei Warna (10. 11. 1444), gefolgt von der Niederlage des ungarischen Reichsverwesers J. Hunyadi auf dem Amselfeld (19. 10. 1448). Die Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. (29. 5. 1453) gab dem Osmanischen Reich ein neues Zentrum. Türkisch-venezianische Kriege: Das Interesse der Seemacht Venedig galt v. a. der Wahrung seiner Handelsprivilegien im Osmanischen Reich. In einer Vielzahl von Kriegen (1423 30, 1463 79, 1499 1503, 1537 40, 1570/71, 1645 69,


1683 99, 1714 18) konnten auch die Venezianer die weitere osmanische Expansion nicht verhindern. Lediglich Zypern brachten sie 1489 1570/71 unter ihre Herrschaft; im Frieden von Karlowitz (26. 1. 1699) gewannen sie früher Verlorenes zurück. Der Sieg von Lepanto (7. 10. 1571) blieb u. a. wegen des Separatfriedens Venedigs mit der Hohen Pforte 1573 ungenutzt. Nach dem Verlust ihrer letzten Stützpunkte auf Kreta und der Peloponnes im Frieden von Passarowitz (21. 7. 1718) spielte Venedig in den Türkenkriegen keine Rolle mehr. Türkenkriege der Habsburger: Unter Sultan Süleiman II. drangen die Türken erfolgreich nach Südosteuropa vor (u. a. Eroberung Belgrads 1521, Schlacht bei Mohács am 29. 8. 1526, 1. Belagerung Wiens 1529, Eroberung von Ofen 1541; Siebenbürgen wurde osmanischer Vasall); die Habsburger richteten zur Abwehr die Militärgrenze ein. Mit osmanischer Hilfe befreiten sich die Ungarn unter I. Thököly von der habsburgischen Herrschaft (1678 80/82). Mit dem Großen Türkenkrieg (1683 99) der von Papst Innozenz XI. initiierten Heiligen Liga von 1684 (Österreich/Heiliges Römisches Reich, Polen, Venedig, Papst) begann die Vertreibung der Osmanen aus Europa: Großwesir Kara Mustafa belagerte ab dem 14. 7. 1683 Wien, bis das Entsatzheer unter Herzog Karl V. Leopold von Lothringen und dem polnischen König Johann III. Sobieski am 12. 9. 1683 die Schlacht am Kahlenberg gewann und Wien befreite. Prinz Eugen von Savoyen siegte am 11. 9. 1697 bei Zenta (Senta) über Sultan Mustafa II. Im Frieden von Karlowitz (26. 1. 1699) musste die Türkei an Österreich ganz Ungarn (außer dem Banat von Temesvar) und Siebenbürgen, an Venedig das 1685 87 von diesem eroberte Morea (Peloponnes), an Polen Podolien abtreten. Erneut siegte Prinz Eugen bei Petrovaradin (5. 8. 1716) und Belgrad (16. 8. 1717). Die Türkei trat im Frieden von Passarowitz (21. 7. 1718) das Banat, die nördlichen Teile Bosniens und Serbiens (mit Belgrad) und die Kleine Walachei an Österreich ab; Venedig erhielt anstelle der Peloponnesdalmatinische und albanische Küstenplätze. Kaiser Karl VI. verlor im Frieden von Belgrad (18. 9. 1739) alle Erwerbungen von 1718 außer dem Banat; bis auf die Abtretung der Bukowina (1775) blieb die Grenze zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich bis 1878 (Berliner Kongress) stabil. Türkenkriege Russlands: Der Russisch-Türkische Krieg 1710/11 führte zur Einschließung Peters I., des Großen, am Pruth; im Frieden am Pruth (12. 7. 1711) konnte er sich u. a. durch die Rückgabe Asows (am 28. 7. 1696 eingenommen, 1702 erworben) freikaufen. Durch die beiden siegreichen Türkenkriege der Kaiserin Katharina II. (1768 74, beendet durch den Frieden von Küçük Kaynarci 21. 7. 1774; 1787 92, Friedensschluss von Jassy am 9. 1. 1792) kam das gesamte Nordufer des Schwarzen Meers in russischen Besitz; Russland hatte am 5. 7. 1770 bei Çesme die türkische Flotte vernichtet, und A. W. Suworow erfocht 1789/90 mehrere Siege an der Moldau. Der Russisch-Türkische Krieg 1806 12 endete mit der Abtretung Bessarabiens und der östlichen Moldau an Russland (28. 5. 1812). Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1828/29 erhielt Russland die Ostküste des Schwarzen Meers, ferner die Inseln an der Donaumündung, die Schutzherrschaft über die Donaufürstentümer Moldau und Walachei sowie freie Durchfahrt durch die Dardanellen (Frieden von Adrianopel, 14. 8. 1829). Griechenland wurde unabhängig. Nach dem Krimkrieg 1853 56 musste Russland die Schutzherrschaft über die Donaufürstentümer aufgeben (Pariser Frieden, 30. 3. 1856). Der Russisch-Türkische Krieg 1877/78 endete mit dem Berliner Kongress. Der letzte russisch-türkische Krieg war ein Teil des Ersten Weltkriegs. (Balkankriege) Türkenkriege Das Osmanische Reich beherrschte im 17. Jahrhundert mit der Balkanhalbinsel und dem größten Teil Ungarns ganz Südosteuropa. Da ein weiteres Vordringen der islamischen Türken einen schweren Rückschlag für das Christentum bedeutet hätte, war ihre Zurückdrängung Aufgabe aller christlichen Herrscher Europas. Beim Kampf gegen die Türken fielen für den Kaiser die Interessen seines eigenen


Landes, des dem Osmanischen Reich benachbarten Österreich, mit seinen kaiserlichen Pflichten als Schirmherr der Christenheit zusammen. Die französischen Könige hingegen unterhielten seit langem gute Beziehungen zu den Türken, da sie die Frankreich umschließende habsburgische Macht als ihren Hauptfeind betrachteten. Kaiser Leopold I. hatte 1664 einen zwanzigjährigen Waffenstillstand mit dem Sultan geschlossen. Doch als im österreichischen Teil Ungarns ein Aufstand der Kuruzzen (»Kreuzfahrer«) gegen die habsburgische Herrschaft ausbrach, marschierte 1683 ein 200 000 Mann starkes türkisches Heer unter dem Großwesir Kara Mustafa fast unbehelligt bis vor Wien und belagerte die österreichische Hauptstadt, aus der der kaiserliche Hof geflohen war. Die Eingeschlossenen vermochten unter dem Stadtkommandanten Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg der Belagerung zwei Monate lang standzuhalten, bis ein Entsatzheer heranrückte. Die akute Gefahr führte die große Mehrheit der Reichsfürsten und darüber hinaus, vor allem unter dem Einfluss des Papstes, den mit Frankreich verbündeten polnischen König Johann Sobieski an die Seite des Kaisers. Während der Kurfürst von Brandenburg vertraglich an Frankreich gebunden war, nahmen die Kurfürsten von Bayern und Sachsen persönlich am Türkenkrieg teil. Besondere Verdienste erwarb sich neben ihnen und dem mit dem Oberbefehl beauftragten König von Polen der kaiserliche Feldherr Herzog Karl V. von Lothringen. Das den Türken zahlenmäßig unterlegene Entsatzheer befreite Wien am 12. September 1683 mit dem Sieg am Kahlenberge. Dieser Sieg führte den Wendepunkt des Krieges herbei, in dem die kaiserlichen Truppen nun ihrerseits zum Angriff übergingen und in den folgenden Jahren, trotz der gleichzeitigen Belastung durch den Pfälzischen Krieg, unter Kurfürst Max Emanuel von Bayern, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden und Prinz Eugen von Savoyen bedeutende Siege erfochten. Im Frieden von Karlowitz mussten die Türken 1699 Siebenbürgen sowie den größten Teil des von ihnen beherrschten Ungarn an Österreich abtreten. Die Befreiung der Balkanchristen von der türkischen Herrschaft wurde fortan eines der Hauptziele der österreichischen Politik. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Türkenkriege bis zum Vorabend des Krimkriegs: Zusammenprall von Abendland und Morgenland Die erfolgreichen Eroberungszüge der Osmanen auf der Balkanhalbinsel während des 14. und 15. Jahrhunderts hatten einen Großteil der christlichen Balkanvölker unter die Botmäßigkeit eines islamischen Oberherrn gezwungen. Der Fall Konstantinopels am 29. Mai 1453 löschte eine tausendjährige christliche Kaiserherrschaft am Bosporus aus und beendete die bisherige wirtschaftliche Vorrangstellung der italienischen Seestädte, allen voran der Markusrepublik Venedig, im östlichen Mittelmeerraum. Der Zugang zum Schwarzen Meer blieb seit dem Ende des 15. Jahrhunderts über drei Jahrhunderte für christliche Handelsschiffe gesperrt. Die Türkengefahr wurde zeitweise zu einer ernsthaften Bedrohung der christlich-abendländischen Staatengemeinschaft. 1529 erschienen die Türken erstmals vor Wien und bedrohten die kaiserliche Residenz. Der unselige Kampf um die Nachfolge in Ungarn lähmte die Verteidigungsanstrengungen. Erzherzog Ferdinand, dem Bruder Karls V., gelang es als Landfremdem nicht, den Erbvertrag des Jahres 1515 mit der litauisch-polnischen Dynastie der Jagiellonen einzulösen. Der widerspenstige ungarische Kleinadel bevorzugte den Woiwoden von Siebenbürgen Johann Zápolya. Als König Johann I. behauptete er sich mit türkischer Waffenhilfe bis zu seinem Tode 1540 in der Osthälfte Ungarns. 1541 rückte eine türkische Besatzung in die königliche Residenz Buda ein. Ganz Siebenbürgen wurde zu einem osmanischen Vasallenstaat, und der Habsburger Ferdinand musste sich als gewählter ungarischer König mit einem schmalen Gebietsstreifen im Norden und Nordwesten begnügen. Neue Hauptstadt dieses »Königlichen Ungarn« blieb bis zum Jahre 1848 Preßburg. Während es in den folgenden Jahrzehnten bedeutende Herrscherpersönlichkeiten wie István Báthory (1571 76), der spätere polnische König


Stephan IV., oder Gabriel Bethlen von Iktár (1613 29) und Georg I. Rákóczi (1630 48) verstanden, als Woiwoden von Siebenbürgen mit einer geschickten Schaukelpolitik zwischen den Mächten eine gewisse Eigenständigkeit zu behaupten, sahen sich die Habsburger in einen ständigen Kleinkrieg an der Demarkationslinie zum osmanischen Machtbereich verwickelt. Türkenfurcht und Grenzverteidigung Die Bewohner der innerösterreichischen Lande hatten sich schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts immer wieder überraschender Vorstöße türkischer Reitertrupps zu erwehren. Diese gefürchteten »Renner und Brenner« auch »Sackmannen« genannt gingen mit unerhörter Grausamkeit vor. Mit schmählichen Tributzahlungen musste ein labiler Waffenstillstand erkauft werden. Die habsburgischen Kaiser taten sich aus reichsrechtlichen Gründen schwer, für die Verteidigung ihrer Hausmachtinteressen eine dauerhafte Türkenhilfe im Reich zu mobilisieren. Die mangelhafte Grenzsicherung sorgte für erhebliche Unruhe unter den Bauern in Kärnten, der Krain und in der Steiermark, sodass die Stände bereit waren, das Landesdefensionswesen (die Landesverteidigung), das in der Verfügungsgewalt des Herrschers lag, zu stärken. Während der Kaiser unter dem Druck der türkischen Bedrohung gezwungen war, im Reich einer schrittweisen rechtlichen Gleichstellung der protestantischen Stände zuzustimmen gemäß dem zeitgenössischen Spruch: »Der Türke ist der Lutherischen Glück«, gewann er als Kriegsherr an der Türkenfront an Macht. Die Errichtung eines zweiten Hofkriegsrates in Graz 1578, nur wenige Jahre nach der Schaffung des Hofkriegsrates 1556 in Wien, war eine von den Landständen initiierte administrative Neuerung, die Teil eines umfassenderen Reformwerkes, des »Brucker Libell«, war. Die neu errichtete zentrale Militärverwaltungsbehörde in Graz erleichterte eine bessere Koordinierung der Verteidigungsanstrengungen. Am Aufbau einer »Militärgrenze« in Kroatien und Slawonien waren Balkanflüchtlinge meist orthodoxer Konfession beteiligt. Sie wurden in grenznahen wehrdorfartigen Siedlungen seit den 30er- Jahren des 16. Jahrhunderts angesiedelt und als Wehrbauern mit der Grenzsicherung betraut. Auch die während des »Langen Türkenkrieges« (1593 1606) über die Grenze gewechselten zahlreichen Walachenfamilien wurden zu Grenz- und Wachdiensten eingesetzt. Die Habsburger waren allerdings erst Anfang des 17. Jahrhunderts in der Lage, eine aktivere Rolle an der Türkenfront zu übernehmen. Koalitionsabsprachen unter den europäischen Mächten ebneten den Weg zu einer Einheitsfront, in die sich immer mehr christliche Staaten einreihten. Zur Unterstützung der Venezianer, die 1570 ihren Vorposten im östlichen Mittelmeer auf Zypern räumen mussten, hatten sich Spanien und der Papst an der Ausrüstung eines Flottenunternehmens beteiligt. Dieser Heiligen Liga gelang am 7. Oktober 1571 unter der Führung von Don Juan d'Austria bei Lepanto ein erster großer Seesieg über die Türken, an den das 1572 eingeführte Rosenkranzfest in der katholischen Kirche noch erinnert. Eine nachhaltigere Erschütterung der osmanischen Militärmacht brachte jedoch erst der »Lange Türkenkrieg«. Eingeleitet hatte ihn Kaiser Rudolf II. 1593 mit dem Entsatz von Sissek (Sisak) und der Vernichtung des türkischen Belagerungsheeres unter Hasan Pascha von Bosnien. Dem Rachefeldzug des Sultans stellte sich eine christliche Verteidigungsallianz entgegen, an der sich die Reichsstände, der Papst, Spanien und Polen beteiligten und der sich auch Siebenbürgen und die Hospodare (Fürsten) der Walachei und der Moldau anschlossen. Im Gegensatz zu den verbündeten siebenbürgisch-walachischen Truppen, die nach erfolgreichen Abwehrschlachten das walachische Territorium freikämpften, erlitten die Kaiserlichen am 26. Oktober 1597 bei Mezokeresztes eine vernichtende Niederlage. Es begann ein langjähriger Kleinkrieg, der für beide Seiten unerwartete zusätzliche Gefahren heraufbeschwor. Die Osmanen hatten sich im Osten der Angriffe des neupersischen Reiches der Safawiden zu erwehren, die Habsburger mussten nach dem Frontwechsel Siebenbürgens seit 1604 gegen die Aufstandsbewegung des István Bocskay ankämpfen, mit dem jedoch im Wiener Frieden vom 23. Juni 1606 eine Einigung erzielt werden konnte. Nur wenige Monate später, am 15. November 1606, erreichte der Kaiser erstmals im


Friedensschluss an der Zsitvamündung (daher auch Friede von Zsitvatorok genannt), vom Sultan als gleichberechtigter Vertragspartner akzeptiert zu werden. Der Expansionsdrang der Osmanen war damit keineswegs gebrochen. Ein Restaurationsversuch unter den Großwesiren albanischen Ursprungs aus der Familie der Köprülü in der Mitte des 17. Jahrhunderts schuf die Voraussetzungen für eine letzte erfolgreiche Kraftanstrengung des Osmanischen Reiches. Es gelang den türkischen Truppen, in einem 25-jährigen erbitterten Ringen (1645 69) den Venezianern Kreta zu entreißen und bei einem erneuten Einfall in Ungarn 1663 die Festung Neuhäusel an der Neutra zu erobern. Zwar konnte das eilends herangeführte Reichsheer unter Raimund Graf von Montecuccoli in der Schlacht beim Kloster Sankt Gotthard an der Raab (Mogersdorf) am 1. August 1664 den Übergang der türkischen Truppen über die Raab verhindern, im Frieden von Vasvár (Eisenburg) am 10. August 1664 musste sich aber der Kaiser mit einem 20-jährigen Waffenstillstand begnügen und dem Sultan die eroberten Grenzfestungen und die Oberherrschaft über Siebenbürgen belassen. Einen letzten großen Territorialgewinn brachte dem Osmanischen Reich der Polenfeldzug des Jahres 1672 ein. Nach dem Fall der heiß umkämpften Grenzfestung Kamenez-Podolskij musste der polnische König im Vorfrieden von Buczacz am 18. Oktober 1672 in die Abtretung Podoliens einwilligen und die türkische Oberhoheit über das ukrainische Territorium anerkennen. Die Rückeroberung Ungarns und die »Geburtsstunde der Donaumonarchie« Die Unzufriedenheit über die nachgiebige Türkenpolitik Kaiser Leopolds I. entlud sich in Ungarn ab 1666 in der Magnatenverschwörung, in die höchste Adelskreise verwickelt waren. Die »Wesselényische Verschwörung« nahm 1671 mit der Hinrichtung der Anführer in Wiener Neustadt ein blutiges Ende. Das harte kaiserliche Regiment in Ungarn provozierte 1679 einen erneuten Aufstandsversuch in Ostungarn unter Graf Imre Tököly, der sich mit dem Fürsten von Siebenbürgen verbündet hatte und mit französischer und türkischer Unterstützung rechnen durfte. Großwesir Kara Mustafa Pascha ließ im Verlaufe dieses »Kuruzenkrieges« türkische Truppen gegen Wien aufmarschieren. Diese zweite Türkenbelagerung Wiens endete für die Angreifer aber in einem Fiasko: Am 12. September 1683 kämpfte ein von dem Polenkönig Johann III. Sobieski und Herzog Karl V. Leopold von Lothringen herangeführtes Entsatzheer in der Schlacht am Kahlenberg die kaiserliche Residenzstadt frei. Es folgte die Stunde der Abrechnung. In Oberungarn befahl der kaiserliche Kommandant Antonio Carafa ein hartes Gerichtsverfahren gegen die Anhänger Tökölys (Blutgericht von Eperies 1687). Die Gunst der Stunde nutzend, erreichte der Kaiser vom ungarischen Reichstag in Preßburg die Anerkennung der habsburgischen Erbansprüche auf die Stephanskrone. Das Verhandlungsergebnis von 1687 ist als die »Geburtsurkunde der Donaumonarchie« bezeichnet worden. Zur Fortsetzung des Türkenkrieges fanden sich 1684 der Kaiser, Polen und Venedig unter dem Protektor Papst Innozenz XI. zu einer »Heiligen Liga« zusammen. Ihr trat erstmals 1686 auch Moskau bei, das nach dem großen Kosakenaufstand (1648 54) mit den ostukrainischen Gebietserwerbungen zum Anrainerstaat des osmanischen Machtbereiches geworden war. Während die russischen Truppen unter dem Fürsten Wassilij Wassiljewitsch Golizyn wenig erfolgreich in Südrussland gegen die Krimtataren operierten, drängten kaiserliche Feldherren wie Karl V. Leopold von Lothringen, der 1687 bei Harsány nahe Mohács die Türken besiegte, Markgraf Ludwig Wilhelm I. von Baden-Baden, der berühmte »Türkenlouis«, der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel, der 1688 Belgrad erstürmte, und Prinz Eugen von Savoyen-Carignan die Türken ganz aus Ungarn hinaus. In die Peloponnes (Morea) rückten die Venezianer mit den verbündeten toskanischen und päpstlichen Truppen ein und eroberten Koron, Patras, Korinth und Athen. Im Zuge dieser Kriegsereignisse wurde 1687 der Parthenon auf der Akropolis zerstört. Als der Großwesir Fasil Mustafa Pascha 1690 eine überraschende Gegenoffensive in Serbien einleitete und Nis, Smederevo und Belgrad zurückeroberte, wichen die kaiserlichen Truppen über die Save zurück. In ihrem Gefolge flüchteten Tausende Serben unter ihrem Patriarchen von Pecauf südungarisches


Territorium. Vor einem erneuten Einbruch der Türken in Ungarn bewahrte den Kaiser die siegreiche Abwehrschlacht des Prinzen Eugen bei Zenta 1697. Im Frieden von Karlowitz (Sremski Karlovci) am 26. Januar 1699 behauptete der Kaiser seine Eroberungen in Ungarn und Siebenbürgen. Er musste aber auf das Temescher Banat und Belgrad verzichten. Polen gewann die südöstliche Provinz Podolien zurück, Venedig wurden die Eroberungen in Dalmatien und auf der Peloponnes zugesprochen. Als 1715 Sultan Ahmed III. vorzeitig den Waffenstillstand aufkündigte, eilte Kaiser Karl VI. den Venezianern zu Hilfe. Im Frieden von Passarowitz vom 21. Juli 1718 gewann Prinz Eugen zwar Belgrad, Nordserbien, das Banat und die Kleine Walachei hinzu, aber Venedig musste die Peloponnes räumen. Nach einem erneuten Waffengang 1735 bis 1739 verzichtete der Kaiser im Frieden von Belgrad am 18. September 1739 wieder auf die weit in den Balkanraum vorgeschobenen Positionen und behielt nur das Temescher Banat. Die Rückeroberung Ungarns hatte an der Türkenfront endgültig die Trendwende eingeleitet. Das Schwergewicht des Habsburgerreiches verlagerte sich in den mittleren Donauraum. Aus der Türkengefahr, die über drei Jahrhunderte das christliche Europa in Atem gehalten hatte, wurde die »Orientalische Frage«. Ihre Lösung sollte sich bis in das 20. Jahrhundert hinziehen. Der »kranke Mann am Bosporus« Im Streit um das Erbe des »kranken Mannes am Bosporus« wurden unter den christlichen Potentaten Europas erhebliche Interessengegensätze offenkundig. Am nachhaltigsten betroffen war von den Waffenerfolgen der kaiserlichen Truppen Frankreich, das sich nach dem Fall Konstantinopels am frühesten aus der christlichen Solidargemeinschaft verabschiedet und schon im 16. Jahrhundert den Kontakt zum Sultanshof gesucht hatte. Handelsprivilegien im gesamten Osmanischen Reich gaben den beiderseitigen Beziehungen eine feste Grundlage. Die türkische Karte ist seither wiederholt von der französischen Diplomatie ausgespielt worden, um den Kaiser während des Dauerkonflikts des Hauses Bourbon mit den Habsburgern unter Druck zu setzen. Erst die sich abzeichnende weltweite Konfrontation mit Großbritannien in Übersee bereitete den Aufsehen erregenden »Umsturz der Allianzen« im Jahre 1756 vor, der Wien und Paris in der Europapolitik enger zusammenführte. Die unmittelbaren Opfer dieser veränderten Interessenlage waren die bisherigen Verbündeten Frankreichs im Osten, Polen und das Osmanische Reich. 1798 beendete Napoleons Angriff auf Ägypten endgültig das Zusammenspiel mit der Hohen Pforte. Frankreich wurde im Zeitalter der Revolution zum Anwalt der kleinen Völker und unterstützte die zentrifugalen Kräfte im Osmanischen Reich. Die russische Orientpolitik Zu einer ernsthaften Gefahr für den territorialen Bestand des Osmanischen Reiches sollte im 18. Jahrhundert Russlands Eintritt in das europäische Mächtesystem werden. Die deutschstämmige Usurpatorin des russischen Zarenthrones Katharina II. hat den ihr aufgezwungenen Türkenkrieg von 1768 bis 1774 dazu genutzt, Russland den Zugang zum Schwarzen Meer zu verschaffen. Als die russische Armee im Juni 1774 den Übergang über die Donau erzwang, war der Sultan zum Frieden bereit. Im Friedensvertrag, der am 21. Juli 1774 in Kütschük Kainardschi, dem heutigen bulgarischen Dorf Kajnardscha, unterzeichnet wurde, diktierte Katharina II. die Bedingungen. Sie ließ sich die freie Durchfahrt durch die Meerengen für Handelsschiffe garantieren. Mit der Unabhängigkeit des KrimKhanats und dem Zugewinn des Küstenstreifens zwischen Bug und Dnjepr sowie der Großen und Kleinen Kabardei im Nordkaukasus schuf sie sich eine günstige Ausgangsposition für künftige Auseinandersetzungen mit dem Sultan. Die Annexion der Krim 1783 und die Erfolge im erneuten Waffengang von 1787 bis 1792 brachten sie dem Ziel ihrer 1782 skizzierten Orientpläne, dem griechischen Projekt, näher. Im Frieden von Jassy dehnte sie 1792 den russischen Anteil an der nördlichen Schwarzmeerküste bis zur Dnjestrmündung aus. Im Frieden von Bukarest, der den russisch-


türkischen Krieg von 1806 bis 1812 beendete, setzte ihr Enkel Alexander I. die Abtretung der östlichen Moldau bis zur Pruthgrenze (das ist Bessarabien) durch. Russland beanspruchte seither Protektoratsrechte über die Donaufürstentümer Moldau und Walachei. Deren Territorium diente bei allen künftigen Balkanhändeln als Aufmarschbasis. Das selbstbewusste Auftreten der Diplomaten des Zaren am Sultanshof musste bei den aufstandswilligen Balkanvölkern den Eindruck erwecken, dass russische Interventionstruppen notfalls Gewehr bei Fuß standen. Dieser Sachverhalt brachte im Verlauf des 19. Jahrhunderts die russische Orientpolitik zunehmend ins Zwielicht. Die Diplomaten am Zarenhof luden so nicht selten die Mitschuld an den periodischen Orientkrisen auf sich, die zu verhindern sie nach den Wirren der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege im Rahmen der europäischen Pentarchie angetreten waren. Die Frage nach dem Fortbestand des Osmanischen Reiches Eine von den national-revolutionären Bewegungen der kleinen Völker ausgehende Gefährdung des europäischen Gleichgewichts zu vermeiden und drohenden russischen Alleingängen auf dem Balkan durch einvernehmliche Regelungen vorzubeugen, wurde eine Maxime der österreichischen Außenpolitik. Nach den napoleonischen Wirren sah der Staatsmann Klemens Wenzel Fürst von Metternich nicht in hehren Deklarationen wie der »Heiligen Allianz«, auf die sich 1815 die Herrscher der konservativen Ostmächte Russland, Preußen und Österreich eingeschworen hatten, sondern in gemeinsamen Militäraktionen ein geeignetes Instrument, das angeschlagene monarchische System gegen alle subversiven Kräfte zu verteidigen. Er scheiterte an dem grundsätzlichen Dilemma, eine verträgliche Lösung zwischen den Erfordernissen des Gleichgewichts in Europa und den Wünschen der betroffenen Balkanvölker erreichen zu wollen, die auf eine rasche Zerschlagung des Osmanischen Reiches drängten. Gegen die Überzeugungskraft des nationalen Gedankens hatte das metternichsche System keine Überlebenschance mehr. Der österreichische Staatsmann musste in letzter Konsequenz auch das Osmanische Reich als europäischen Ordnungsfaktor anerkennen und den Freiheitswillen der christlichen Balkanvölker ignorieren. Angesichts der unabsehbaren innen- und außenpolitischen Verwicklungen, die bei einer überstürzten Auflösung des Osmanischen Reiches zu erwarten waren, setzten Wien und London verstärkt auf eine Reformfähigkeit des Sultansregimes. Auch die russischen Herrscher des 19. Jahrhunderts gaben der Fortexistenz eines schwachen und von ihrem Wohlwollen abhängigen türkischen Nachbarn vor den immer unkalkulierbareren Risiken weiterer Teilungserfolge den Vorzug. Mit Rücksicht auf seine übergeordneten europäischen Interessen war Alexander I. daher nur zu einer bedingten Zusammenarbeit mit dem Führer des serbischen Aufstandes von 1804 bis 1813 bereit und begnügte sich im Frieden von Bukarest 1812 mit eher vagen Zusagen zugunsten des ehemaligen Verbündeten. Alexander I. ist aus prinzipiellen Erwägungen die Einmischung in den griechischen Freiheitskampf (1821 29) nicht leicht gefallen. Seinen Nachfolger Nikolaus I. haben vornehmlich humanitäre Gründe bewogen, die russische Militärmacht aktiv an der Konfliktlösung zu beteiligen. Eine weltweite philhellenische Bewegung, der sich selbst gekrönte Häupter wie der Griechenfreund auf dem bayerischen Königsthron Ludwig I. aus innerer Überzeugung anschlossen, nahm sich der griechischen Sache an. Die russische Humanitätsintervention Angesichts der überzogenen Vergeltungsaktionen des Sultans vereinbarte Nikolaus I. im Sankt Petersburger Protokoll vom Frühjahr 1826 eine engere Kooperation mit Großbritannien in der Orientfrage. Sie sah als Fernziel einen freien Hellenenstaat vor und schuf die Voraussetzung für ein gemeinsames Flottenunternehmen in den türkischen Gewässern. Noch vor der offiziellen Kriegserklärung vernichtete ein britisch-russisch-französisches Geschwader am 20. Oktober 1827 in der Bucht von Navarino die türkisch-ägyptische Flotte. Im nachfolgenden russisch-türkischen Krieg drangen


die Truppen des Zaren bis in das Vorfeld von Istanbul vor. Auf dem kaukasischen Kriegsschauplatz fiel die wichtige Festung Kars in russische Hand. Im Friedensvertrag von Adrianopel vom 14. September 1829 ließ sich Russland die früher zugesagten Handelsprivilegien für russische Untertanen und die Autonomie Serbiens und der Donaufürstentümer bestätigen, verzichtete aber auf weiter gehende Territorialforderungen. In den Londoner Protokollen von 1829 und 1830 einigte sich der Zar mit Großbritannien auf die künftige Organisation eines freien Griechenland unter der Präsidentschaft des ehemaligen stellvertretenden russischen Außenministers Graf Ioannes Antonios Kapodistrias. Vorrangiges Ziel der russischen Orientpolitik blieb der Schutz der südrussischen Grenzgebiete und die Sicherung der freien Durchfahrt durch die Meerengen. 1833 eilte Zar Nikolaus I. dem von seinem ägyptischen Vasallen Mehmed Ali bedrängten Sultan mit einer russischen Flottendemonstration im Bosporus und der Entsendung eines Truppenkontingents zu Hilfe, was er sich mit Zugeständnissen in der Meerengenfrage wie der Sperrung für fremde Kriegsschiffe honorieren ließ. Die Vermutungen über mögliche weitere Nebenabsprachen nährten in den westlichen Hauptstädten das Misstrauen vor einem russischen Alleingang im Orient. Die britische Presse überschlug sich während der 30er-Jahre in einer russlandfeindlichen Berichterstattung. Nikolaus I. sah sich im September 1833 auf seinem Treffen mit Kaiser Franz II., dem Kronprinzen Wilhelm von Preußen und Metternich im böhmischen Münchengrätz zu einer Kurskorrektur und zum Schulterschluss mit seinen europäischen Verbündeten veranlasst. 1833 verpflichtete sich Russland, bei künftigen Veränderungen des Status quo nach gemeinsamer Absprache mit dem Wiener Hof zu handeln. So konnte wenige Jahre später einvernehmlich die erneute Orientkrise beigelegt werden. Sie wurde wiederum von Mehmed Ali ausgelöst, der die Unterstützung Frankreichs genoss und die Anerkennung seiner Unabhängigkeitserklärung 1838 erzwingen wollte. Am 24. Juni 1838 zerschlug sein Sohn Ibrahim Pascha die osmanische Armee bei Nisib, die ihm den weiteren Vormarsch auf die Sultansresidenz Istanbul verwehren sollte und forderte ein Einschreiten der Großmächte heraus. Ohne Mitwirkung Frankreichs einigten sich im Londoner Juliusvertrag vom 15. Juli 1840 Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland auf den Fortbestand des Osmanischen Reiches und stellten dem jugendlichen neuen Sultan Abd ül-Medjid I. eine aktive Hilfe zur Abwehr der ägyptischen Bedrohung in Aussicht. Britische Truppenlandungen zwangen Ibrahim Pascha zum Rückzug aus Syrien. Im Vertrag von Alexandria vom 27. Oktober 1840 gab sich Mehmed Ali mit der Anerkennung seiner erblichen Herrscherrechte in Ägypten zufrieden. Der Weg war frei für eine kollektive Garantieerklärung der europäischen Pentarchie unter Einschluss Frankreichs, die in der zweiten Londoner Konvention vom 13. Juli 1841 niedergelegt war. Sie verbot nichttürkischen Kriegsschiffen die Durchfahrt durch die Meerengen. Die Tansimatperiode Der britische Außenminister Lord Henry Palmerston hatte sein erklärtes Ziel erreicht, die einseitige Begünstigung Russlands vom Jahre 1833 zu korrigieren und die europäischen Mächte auf eine Stützung des Sultanregimes zu verpflichten. Den christlichen Balkanvölkern war diese Umkehrung der bisherigen Türkenpolitik allerdings nur zuzumuten, wenn sie auf eine Gleichstellung mit den islamischen Untertanen des Sultans rechnen durften. Man drängte daher den erst 16-jährigen neuen Sultan, grundlegende Veränderungen in Staat und Gesellschaft anzukündigen. Jedem Untertan wurde die Sicherheit von Leben, Ehre und Eigentum, der Schutz vor Amtsmissbrauch und die Gleichstellung vor Gericht versprochen. Dieses Reformedikt von Gülhane vom 3. November 1839 eröffnete die Tansimatperiode in der osmanischen Geschichte. Gegen den erbitterten Widerstand der Geistlichkeit und der hohen Bürokratie ließen sich die Reformideen allerdings nur sehr schleppend umsetzen. Besonderen Anstoß erregen musste in einer dem islamischen Recht verpflichteten Gesellschaft die Absicht, Christen zum regulären Waffendienst einzuberufen und das Zeugnis Ungläubiger gegen Muslime vor Gericht zuzulassen. Der Widerstand


zwang die Reformer zu Kompromissen, die niemanden zufrieden stellten. Der europäischen Diplomatie bot die ungelöste Orientfrage eine bequeme Handhabe, Interessengegensätze in das östliche Mittelmeer zu verlagern und Hegemonialkämpfe Europas auf fernen Kriegsschauplätzen »weit hinten in der Türkei« (Johann Wolfgang von Goethe) auszufechten. Prof. Dr. Edgar Hösch, München Türkenkriege des 16. Jahrhunderts Das türkische Reich unter der muslimischen Dynastie der Osmanen hatte 1354 erstmals auf europäischem Boden Fuß gefasst und 1453 in Konstantinopel, der Hauptstadt des vernichteten Byzantinischen Reiches, ein neues Zentrum erhalten. Der Abwehrkampf gegen das sich auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer ausdehnende Osmanische Reich wurde zunächst vor allem von den Kreuzfahrern, dann von den Venezianern getragen. Der Sieg Sultan Sulaimans des Prächtigen über den Ungarnkönig Ludwig II. bei Mohács 1526 brachte sein Reich in unmittelbaren Kontakt zum habsburgischen Länderkomplex, da der spätere Kaiser Ferdinand I. die Nachfolge seines Schwagers Ludwig antrat. Schon bald kam mit dem Bündnis zwischen Sulaiman und Ferdinands Gegenkönig Johann Zápolya von Siebenbürgen die den Habsburgern später noch oft gefährliche Verbindung von innerer Opposition und äußeren Gegnern im Südosten zustande. Hinzu kam, dass der Sultan sich mit dem Gegner der Habsburger im Westen, dem französischen König, verbündete. Dieser außenpolitische Druck trug entscheidend zu der relativ ungehinderten Ausbreitung der Reformation in Deutschland bei. Ein erster türkischer Vorstoß bis Wien (1529) scheiterte. In einem neuen Krieg besetzte der Sultan 1541 den größten Teil Ungarns und machte Siebenbürgen zum Vasallenstaat. Auch errang seine Flotte im Mittelmeer große Erfolge gegen die im Dienst des Kaisers unter Andrea Doria kämpfenden Genuesen. 1571 jedoch vernichtete Don Juan d'Austria, der Halbbruder Philipps II. von Spanien, die Flotte des Sultans bei Lepanto am Golf von Korinth. Wenngleich dieser Sieg politisch nicht genutzt wurde, leitete er den Niedergang der osmanischen Vormacht im Mittelmeer ein. Auf dem Balkan versuchten die Habsburger vergeblich, die Osmanen im »langen Türkenkrieg« 1593 1606 zurückzudrängen. Wie schon früher wirkte sich in diesem Krieg die Opposition der mehrheitlich protestantischen Stände Ungarns und Böhmens gegen die habsburgische Politik der Gegenreformation aus. Durch ein Bündnis mit dem Sultan erzwangen die ungarischen Aufständischen 1606 die Anerkennung ihrer ständischen und religiösen Freiheiten durch Matthias, den Bruder und 1612 19 Nachfolger Kaiser Rudolfs II. In dem Machtkampf zwischen den Brüdern, in dem der menschenscheue und politisch untätige Kaiser auf die Herrschaft in den Erblanden verzichten musste, ließen sich auch die böhmischen Stände 1609 im »Majestätsbrief« ihre Rechte garantieren. Der Versuch Ferdinands II., diese Zugeständnisse rückgängig zu machen, führte zum Prager Fenstersturz, der in den Dreißigjährigen Krieg mündete. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Türkei: Kemal Atatürk Mit dem Waffenstillstand von Mondros (Mudros) im Oktober 1918 war das Osmanische Reich aus dem Ersten Weltkrieg als Verlierer hervorgegangen; es musste einer Besetzung des Landes zustimmen, die Flotte ausliefern und die Armee demobilisieren. Im November erschien eine Kriegsflotte der Entente vor Istanbul und leitete die Besetzung der Hauptstadt ein. Von dem letzten osmanischen Sultan Mehmed VI. (1918-22) wurde General Mustafa Kemal Pascha (1881-1938) als Armeeinspekteur für die Demobilisierung der türkischen Truppen nach Anatolien entsandt. Weitere Küstenstädte und -regionen wurden von der Entente besetzt, während Griechenland versuchte, sich wegen der dort wohnenden Griechen Izmir (Smyrna) und das Hinterland zu sichern. Die osmanische Regierung wurde durch den Friedensvertrag von Sèvres härtesten Bedingungen unterworfen. Alle arabischen Gebiete mussten abgetreten werden, Izmir und ein Teil Westanatoliens wurden griechisch und das übrige Land fast völlig in fremde Einfluss- und Besatzungszonen aufgeteilt.


Währenddessen formierte sich im Innern Anatoliens unter der Führung Mustafa Kemals und anderer hoher Offiziere und Beamter der militärische und politische Widerstand gegen die Besatzungen und die Parteigänger des alten Regimes. In erfolgreichen Kämpfen konnte das Land gegen die Franzosen im Süden und die Armenische Republik im Osten verteidigt werden. Ein Abkommen vom 16. März 1921 mit der Sowjetunion beließ Kars und Ardahan bei der Türkei. Die Italiener räumten freiwillig den Südwesten und leisteten Verzicht auf die Dodekanes (Südliche Sporaden). Die Kämpfe mit Griechenland waren am längsten und erbittertsten (griechisch-türkischer Krieg). Izmir wurde besetzt; am 11. Oktober endeten durch den Waffenstillstand von Mudanya die Kämpfe. Durch Gesetz vom 1. November 1922 wurde das Sultanat abgeschafft, Sultan Mehmed VI. verließ auf einem britischen Kriegsschiff das Land. Am 13. Oktober 1923 wurde Ankara zur Hauptstadt des neuen Staates proklamiert, der durch Beschluss der Nationalversammlung am 29. Oktober zur Republik erklärt wurde. Zum größten außenpolitischen Erfolg wurde der Friedensvertrag von Lausanne, der nach monatelangen zähen Verhandlungen mit den einstigen Kriegsgegnern am 24. Juli 1923 unterzeichnet werden konnte. Im Oktober 1923 verließ der letzte Soldat der Entente türkischen Boden; die Grenzen der Türkei wurden im heutigen Umfang garantiert, wobei die Türken 1926 noch auf das Gebiet von Mosul im Nordirak verzichten mussten. Ansässige Griechen wurden mit Ausnahme der Bewohner von Istanbul nach Griechenland umgesiedelt. In den folgenden Jahren konnte die kemalistische Republik an den innenpolitischen und wirtschaftlichen Neuaufbau des Landes gehen. Als Staatspartei war die Republikanische Volkspartei 1923 gegründet worden; ihr Programm von 1931 bestand aus den »sechs Säulen« des Republikanertums, Nationalismus, der Volksverbundenheit (Populismus), der staatlichen Kontrolle über die Hauptindustrien (Etatismus), der Trennung von Staat und Religion (Laizismus) und revolutionärer Gesinnung. 1926 wurden das italienische Strafgesetzbuch und das Schweizer Zivilgesetzbuch eingeführt und so die islamische Gesetzgebung außer Kraft gesetzt. Schon 1925 hatte man die Derwischklöster und -orden aufgehoben und den Fes als männliche Kopfbedeckung verboten. Anstelle des arabischen wurde ein lateinisches Alphabet eingeführt; der Islam verlor seinen Status als Staatsreligion. 1934 mussten allgemein Familiennamen angenommen werden; Mustafa Kemal erhielt von der Nationalversammlung den Familiennamen Atatürk (»Vater der Türken«); im selben Jahr bekamen die Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Als Atatürk 1938 starb, hinterließ er seinem Nachfolger Ismet Inönü ein wirtschaftlich geordnetes Land, die sozialen und innenpolitischen Fragen waren jedoch noch ungelöst. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Türkei: Kemal Atatürk Der Sieg Atatürks Nach seinem Amtsantritt im Juli 1918 trennte sich der neue Sultan Mehmed VI. Wahideddin von seinem Großwesir Tevfik Pascha und berief Damad Ferid Pascha, einen Repräsentanten der liberalen und dezentralistischen Kräfte, an die Spitze des Kabinetts. Dessen Politik richtete sich an der Erhaltung der Vorrechte des Hauses Osman aus und nahm dafür einen Ausgleich mit britischen Vormachtsinteressen in Kauf. Da die neue Regierung bei anhaltenden Unruhen eine direkte Intervention der Entente befürchtete, erteilte sie dem politisch ehrgeizigen, aber regierungskritisch eingestellten General Mustafa Kemal Pascha den Auftrag, im Schwarzmeerraum griechische und türkische »Banden« aufzulösen. In der Zwischenzeit hatten griechische Truppen infolge eines Beschlusses der Pariser Friedenskonferenz die Stadt Izmir und ihr Hinterland besetzt. Das von der britischen Regierung unter Premierminister David Lloyd George gedeckte griechische Vorgehen entfachte den türkischen Widerstand in Anatolien. Die griechische Besatzungsarmee begnügte sich dort nicht mit der Entwaffnung der türkischen Bevölkerung, sondern verteilte darüber hinaus Waffen an die anatolischen Griechen, die sich nach einem


Aufruf ihres Patriarchen aus der osmanischen Staatsbürgerschaft »entlassen« sahen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung versammelten sich am 23. Mai 1919 zahlreiche Türken auf dem Sultan-Ahmed-Platz in Istanbul zu einer Protestkundgebung. In Nordanatolien angekommen, nahm Mustafa Kemal Pascha Verbindung mit hohen Befehlshabern und Verwaltungsbeamten auf. Von Amasya aus sandte er erste Erklärungen ins Land: Die Regierung in Istanbul sei unfähig, die territoriale Einheit und Unabhängigkeit des Landes zu wahren. In einem geheim gehaltenen Artikel seines Rundschreibens untersagte er die Auflösung von Heeresformationen und entzog sie damit der Befehlsgewalt Istanbuls. Aus Istanbuler Depots wurden Waffen und Munition nach Anatolien geschmuggelt. Auf den beiden Kongressen in Erzurum und Sivas (Juli und September 1919) bemühte sich die kleine Gruppe militärischer Führer in Anatolien um eine breitere Legitimierung ihres Handelns. Der Kongress in Sivas konstituierte sich als »Nationale Versammlung«, auch wenn nur etwa 30 Delegierte an ihm teilnahmen. Dem politischen Geschick Kemal Paschas gelang es in dieser Zeit, Militärs die im Osten den Ton angaben , lokale Notabeln im ägäischen Raum dominierend und religiöse Amtsträger Ulema und Derwischscheiche zusammenzufassen und den Widerstand gegen äußere (Entente, Griechen) und innere Feinde (Sultansregierung) zu koordinieren. Der Kongress von Sivas schuf die »Nationalen Streitkräfte« und damit ein machtpolitisches Gegengewicht zu Istanbul. Nach Wahlen gegen Ende 1919 trat am 12. Januar 1920 in Istanbul ein neues osmanisches Parlament zusammen, das von der Einheit der osmanischen Länder in ihrem Vorkriegsbestand ausgehend am 20. Januar 1920 einen »Nationalpakt« verabschiedete, die Gleichberechtigung der Muslime in den Nachbarländern mit den Minderheiten auf türkischem Boden forderte und sich bereit erklärte, die osmanischen Staatsschulden anteilig zu zahlen. Unter verstärktem Druck auf die Sultansregierung gingen die Ententemächte am 16. März 1920 von der symbolischen zur tatsächlichen Besetzung Istanbuls über. Unter dem Eindruck dieser Vorgänge in Istanbul versammelte sich am 23. April 1920 in Ankara unter der Präsidentschaft Kemal Paschas eine »Große Türkische Nationalversammlung«. Bei deren Konstituierung wurde zum ersten Mal der Ländername »Türkei« verwendet. Kurz zuvor hatte die Sultansregierung unter dem Großwesir Ferid Pascha ein Gutachten, ein Fetwa, des Scheichülislam Dürris ade Abdullah Efendi veranlasst, das die Nationalbewegung unter Kemal Pascha als Aufstand gegen das Kalifat wertete und alle Beteiligten zu Ungläubigen erklärte. Der Mufti von Ankara veröffentlichte ein Gegen-Fetwa zugunsten der Nationalisten. Der Nationalstaat Im gewaltsamen Vorgriff auf das ihm zugestandene Gebiet im westlichen Anatolien schritt Griechenland am 22. Juni 1920 zum Angriff auf dieses Gebiet. In den zwei Schlachten von Inönü bei Eskisehir konnte Oberst Ismet, später Ismet Inönü, die griechische Invasionsarmee aufhalten. Die Signalwirkung dieses Sieges war erheblich. Italien und Frankreich zogen sich aus einem Teil ihrer »Einflussgebiete« zurück. Im östlichen Vorfeld Anatoliens zwang General Kasim Karabekir im Abkommen von Gümrü/Alexandropol die junge armenische Republik, auf die ihr im Vertrag von Sèvres zugesagte Unabhängigkeit zu verzichten (2./3. Dezember 1920). Die Regierung in Ankara gewann zunehmend außenpolitische Bewegungsfreiheit. Der Vertrag von Moskau mit der Sowjetunion (16. März 1921) war das erste von Ankara abgeschlossene internationale Abkommen. Unter dem Oberbefehl Mustafa Kemals konnten die nationaltürkischen Truppen in der entscheidenden Schlacht am Sakarya (10. Juli 1921) den griechischen Vormarsch nach Ankara stoppen. Nach einjährigem Stellungskrieg in Westanatolien konnten sie die Griechen in der Schlacht von Dumluponar bei Afyon am 30. August 1922 endgültig schlagen und sie bis Izmir verfolgen. Im Oktober 1922 wurde in Mudanya ein Waffenstillstand geschlossen. Großbritannien musste sich mit dem Ergebnis abfinden, weil Frankreich jetzt eigene Wege beschritt. Nach langen und zähen Verhandlungen kam am 24. Juli 1923 das umfangreiche Vertragswerk von Lausanne zustande. Die Türkei erreichte wieder ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. In einem


Nebenvertrag wurde der Austausch der muslimischen Bevölkerung Griechenlands mit den griechischen Bewohnern der Türkei beschlossen. Die Muslime West-Thrakiens und die griechischen Bewohner Istanbuls durften bleiben. Nicht verschont wurden die türkischsprachigen Orthodoxen und die griechischsprachigen Muslime der jeweiligen Staaten. Der Austausch betraf etwa 1,25 Millionen Griechen und 0,4 Millionen Türken. Wiederaufbau und Reform Am 1. November beschloss die »Große Türkische Nationalversammlung«, das Amt des Kalifats vom Sultanat zu trennen. Mehmed VI. Wahideddin, der 36. osmanische Sultan, verließ daraufhin am 17. November mit seiner Familie auf einem britischen Kriegsschiff Istanbul. Abd ül-Medjid, der Kronprinz, wurde als Kalif von Ankaras Gnaden eingesetzt, jedoch wenig später abgesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Schicksal der Türkei in den Händen einer provisorischen, von der Nationalversammlung »bevollmächtigten« Regierung unter Mustafa Kemal gelegen. Mit der Flucht des Sultans war der Weg frei zur Gründung der Republik, nachdem schon am 13. Oktober 1923 Ankara zur Hauptstadt erklärt worden war. Ein entscheidender Schachzug Mustafa Kemals war die Unterdrückung der Opposition in der Nationalversammlung. Nach »Neuwahlen« im Sommer 1923 bestand das Parlament überwiegend aus seinen Gefolgsleuten. Mit der Umwandlung der »Vereinigung für die Verteidigung der Nationalen Rechte in Anatolien und Rumelien« in eine »Republikanische Volkspartei« erreichte er eine solide Machtbasis. In den vorausgegangenen Kriegen war die anatolische Bevölkerung um 28 Prozent gesunken, insgesamt hatten 2,5 Millionen anatolische Muslime ihr Leben verloren. Die Opfer unter den Armeniern werden auf mindestens 0,6 0,8 Millionen Menschen beziffert, die der Griechen auf 0,3 Millionen. Der Westen Anatoliens war im Zuge des griechischen Vormarsches und Rückzuges stark zerstört worden. Städte wie Bilecik, Yenisehir, Inegöl, Afyon, Sögüt und Adapazaro waren vollständig abgebrannt. Zu den wichtigsten politischen Maßnahmen der Regierung gehörte die Aufhebung des Zehnten, der Naturalsteuer, die der bäuerlichen Bevölkerung jahrhundertelang auferlegt worden war und fast 30 Prozent der Staatseinnahmen ausmachte (1925). Die junge Republik leitete eine begrenzt erfolgreiche Autarkiepolitik ein. Der Verfall der Agrarpreise in der Weltwirtschaftskrise (1928/29) bedeutete einen erheblichen Einbruch. Erst um 1930 wurde das Lebensniveau der Vorkriegszeit wieder erreicht. Ein erster Fünfjahrplan (1934 38) trug die Handschrift sowjetischer Berater. Für Mustafa Kemal war eine ganz offensichtlich gegen islamische Institutionen gerichtete Kulturrevolution der Kern seines Programms. Die Wirksamkeit dieser Politik wird sichtbar, wenn man bedenkt, dass die atatürkschen Reformen als unveränderliche Bestandteile in alle jüngeren türkischen Verfassungen (zuletzt 1982) aufgenommen wurden. Mit der Aufhebung des Kalifats (3. März 1924) hatte das Haus Osman den letzten Rückhalt auf türkischem Boden verloren und wurde ausgewiesen. Gleichzeitig wurden alle türkischen Schulen dem Ministerium für Nationale Erziehung unterstellt. Das bedeutete die Auflösung zahlreicher höherer Lehranstalten für die Ausbildung von islamischen Gelehrten (Medresen). Das Ministerium für Angelegenheiten des islamischen Rechts (Scharia) wurde durch eine Generaldirektion für religiöse Fragen ersetzt, analog verfuhr man mit dem Ministerium für fromme Stiftungen. Mustafa Kemal war selbst an der Türkisierung des Gebetsrufs beteiligt, der zuerst am 30. Januar 1932 in seiner arabischen und dann türkischen Form verkündet wurde. Die islamischen Bruderschaften wurden energisch bekämpft. Besonders sichtbar waren die Folgen des »Gesetzes über das Tragen von Hüten«, mit dem der Fes und der Turban aus dem öffentlichen Leben verbannt wurden. Für den Gesichtsschleier der Frauen wurden keine gesetzlichen Regelungen getroffen, doch verschwand er zunehmend aus dem Bild der Städte. In einer 36-Stunden-Rede im Oktober 1927 rechtfertigte Mustafa Kemal, seit 1934 Atatürk (»Vater der Türken«) genannt, seine Reformen. Diese nutuk wurde zur »Bibel« des kemalistischen Geschichtsbilds. Die entscheidende Reform in Richtung auf eine Trennung von Religion und Staat war die fast wörtliche


Übernahme des Zivilgesetzbuches der Schweiz (1926). Die in den islamischen Rechtsnormen festgeschriebene Minderwertigkeit der Frau wurde damit beseitigt. Bis 1934 erhielten Frauen auf allen städtischen und staatlichen Ebenen das passive und aktive Wahlrecht. 1935 nahmen 17 weibliche Abgeordnete in einer Nationalversammlung von 386 Mitgliedern Platz. Am 10. April 1928 verschwand der Satz der türkischen Verfassung, der den Islam als Religion der Republik Türkei bezeichnet hatte. Gegen alle Voraussagen erfolgreich war die Umstellung auf die lateinische Schrift innerhalb weniger Monate. Die neue Schrift wurde in Alphabetisierungskampagnen, den Nationalschulen, ins ganze Land getragen. Ein staatlich verordnetes Geschichtsbild behauptete eine frühe Einwanderung von Türken in den Vorderen Orient, um den türkischen Nationalismus mit der anatolischen Vergangenheit zu versöhnen. Gleichzeitig wurde die in jungtürkischer Zeit betriebene Purifizierung des Türkischen vorangetrieben: Tausende von Wörtern arabischer oder persischer Herkunft wurden zum Teil mit nachhaltigem Erfolg durch Kunstbildungen ersetzt. Am 3. Februar 1926 wurde der Religionsgelehrte Iskilipli Atof Hodscha zusammen mit zwei anderen Angeklagten vor dem Revolutionsgericht in Ankara zum Tode durch den Strang verurteilt. Man hatte ihm seine gesamte »reaktionäre« Biographie zum Vorwurf gemacht, unter anderem die Verteilung einer Broschüre über »Die Nachäffung der Europäer und den Hut« aus dem Jahr 1924. Der Hodscha habe auch nach Verkündigung des Hutgesetzes seine Propaganda im Untergrund fortgesetzt. Der Kampf Atatürks gegen seine Widersacher Im Februar 1925 brach im Herzland der Zaza-Kurden ein Aufstand aus, der sowohl die Merkmale einer religiös motivierten Rebellion als auch einer kurdisch-nationalistischen Erhebung trug. Die Aufständischen konnten sich jedoch nur kurze Zeit behaupten. Scheich Sait, die treibende Kraft des Aufstandes, wurde gefasst und gehängt; zahlreiche Kurden wurden in westliche Landesteile deportiert. In anderen Landesteilen gab es weitere Guerilla-Aktivitäten, von denen nur der Dersim-Aufstand (1937/38) größere militärische Gegenmaßnahmen erforderte. Mustafa Kemal benutzte die Lage, um sich ein Gesetz zur »Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung« genehmigen zu lassen. Es erlaubte der Regierung nicht nur einen harten Zugriff auf Kurden und religiöse Amtsträger, sondern auch eine verschärfte Zensur der unliebsamen Istanbuler Presse. Ein Attentatsversuch in Izmir (15. Juni 1926) auf Mustafa Kemal lieferte den Vorwand, mit prominenten Gegnern abzurechnen. Der Übergang zum Einparteiensystem erfolgte nach einem riskanten Experiment mit einer zugelassenen Oppositionspartei im Wahljahr 1931. Weder im Parlament noch vor den Wahlen konnte von einer freien, demokratischen Aussprache die Rede sei. 1931 wurde auch das Netzwerk der Türken-Heime, einer kulturpolitischen Organisation, aufgelöst und nach und nach durch die »Volkshäuser« ersetzt. Eine Anzahl von Organisationen wie die nationale Frauenvereinigung löste sich selbst auf mit der Begründung, ihre Ziele seien mit der Revolution erreicht. Die fortschreitende Deckungsgleichheit von Staat und Republikanischer Volkspartei fand ihren Ausdruck in der Übernahme der kemalistischen Prinzipien von 1931 in den Verfassungstext. In den Dreißigerjahren beteiligte sich Ankara nach Abschluss eines Freundschaftsvertrages mit Griechenland erfolgreich an der Bildung regionaler Bündnissysteme mit seinen westlichen (Balkanpakt 1934) und östlichen Nachbarn (Pakt von Sadabad 1937). In Montreux wurde 1936 das bis heute gültige Abkommen über die türkische Kontrolle der Meerengen gegen den Widerstand der Sowjetunion unterzeichnet. Noch in Atatürks Todesjahr leiteten Wahlen in dem umstrittenen »Sandschak von Alexandrette« (Iskenderun) die Rückkehr der Provinz aus dem syrischen Mandatsgebiet Frankreichs in die Türkei ein. Kemal Atatürks Sondergesetzen fielen etwa 600 Menschen durch Exekution und weitere 7500 durch Verhaftungen zum Opfer. Das Fehlen einer bemerkenswerten Opposition erlaubt aber den Schluss auf einen breiten Konsens, zumindest der Elite, mit seinen Maßnahmen zur Austrocknung islamischer Einrichtungen und zum Aufbau eines westlichen Schul- und Hochschulsystems. Prof. Dr. Klaus Kreiser, Bamberg


Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter: Türkei: Zwischen Kemalismus und Tradition Grundlegende Informationen finden Sie unter: Osmanisches Reich: Aufteilung als Höhepunkt des Kolonialismus Literatur: Adanir, Fikret: Geschichte der Republik Türkei. Mannheim u. a. 1995. Ahmad, Feroz: The making of modern Turkey. Neudruck London u. a. 1996. Der gebrochene Blick nach Westen. Positionen und Perspektiven türkischer Kultur, herausgegeben von Zafer Cenocak. Berlin 1994. Hourani, Albert Habib: Die Geschichte der arabischen Völker. Aus dem Englischen. Sonderausgabe Frankfurt am Main 1997. Kreiser, Klaus: Kleines Türkei-Lexikon. Wissenswertes über Land und Leute. München 1992. The transformation of Turkish culture. The Atatürk legacy, herausgegeben von Günsel Renda und C. Max Kortepeter. Princeton, N. J., 1986. Zürcher, Erik J.: Turkey. A modern history. London u. a. 21997. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG islamische Literatur: Das Schrifttum der Araber, Perser und Türken Der Übergang vom Heidentum zum Islam bedeutete für die Araber zugleich die Begründung einer Schriftkultur, in deren Zentrum das Heilige Buch, der Koran, stand. Der Koran selbst - für die Muslime nicht das Werk des Propheten Mohammed, sondern das durch diesen geoffenbarte Wort Gottes - gilt als ein Sprachwunder; seine »Unnachahmlichkeit« ist in der Theologie festgeschrieben. Der Koran ist ein Text von vielfältiger Gestalt; er enthält Gebote, Mahnungen, Predigten, Hymnen und Erzählungen. Oft spielt der Korantext nur auf eine Geschichte an, deren Einzelheiten dann der Kommentarliteratur zu entnehmen sind. Zahlreiche Erzählungen hat der Koran mit der Bibel und der jüdischen Kommentartradition gemeinsam, so etwa die Berichte über Adam, Noah, Abraham und auch Jesus Christus. Der Koran und seine Auslegung bilden das eine Standbein der arabischen Literatur, das andere besteht aus der Überlieferung der altarabischen Dichtung. Diese lässt sich ungefähr bis zum Beginn des 6. Jahrhunderts n. Chr. zurückverfolgen; zur Zeit Mohammeds hatte sie, etwa in den Kassiden von Imra alKais und Labid ibn Rabia, ihre klassische Form erreicht. Die altarabische Dichtung drückte das Selbstverständnis und die Ideale der beduinischen Nomadengesellschaft aus.Die Standardform der Kasside beginnt mit einer Erinnerung des Dichters an eine vergangene Liebe, ausgelöst durch den Anblick verlassener Lagerstätten. Sie geht dann zur Beschreibung eines Ritts durch die Wüste und des Reittiers, Pferd oder Kamel, über, um schließlich beim Lob des Stammes oder des Patrons des Dichters anzulangen. In islamischer Zeit wurde die Kasside zu einer Gedichtform, die mit dem Hofzeremoniell und der herrscherlichen Machtdemonstration aufs engste verknüpft war. Die Funktion der Kasside war hierbei die einer rituellen Gabe des Untertanen an den Herrscher, die dem Herrscher Gelegenheit bietet, durch eine großartige Gegengabe seinen Rang zu bestätigen. Als bedeutendster Kassidendichter der


islamischen Ära gilt Mutanabbi, der im 10. Jahrhundert lebte. Seine Preisgedichte gelten als Musterbeispiele arabischer Lobesdichtung. Aus der mehrthemigen Kasside verselbstständigten sich im Lauf der Zeit kleinere Gedichtformen wie das Ghasel, das Liebesgedicht, sowie Natur-, Wein- und Jagdgedichte. Im muslimischen Spanien erfreute sich neben der Liebesdichtung, etwa der Ibn Saiduns aus dem 11. Jahrhundert, die Naturdichtung, zum Beispiel dieIbn Chafadjas einer besonderen Beliebtheit. Vom 8. Jahrhundert an pflegten die arabischen Dichter einen »neuen« Stil, der die Sprache stark formalisierte und verfremdete. Die ästhetischen Normen dieses Stils, niedergelegt in Handbüchern der Rhetorik wie zum BeispielDjurdjanis »Geheimnisse der Wortkunst«, wurden auch für die ab dem 9. Jahrhundert entstehende persische Dichtung maßgebend. Die arabische Prosaliteratur besteht zu einem großen Teil aus gelehrtem Schrifttum. Das Bedürfnis, den Koran besser zu verstehen, brachte zahllose Korankommentare hervor und löste eine intensive Beschäftigung mit der arabischen Sprache, ihrer Grammatik und ihrem Wortschatz aus. Von den arabischen Philologen wurde die gesamte vor- und frühislamische Überlieferung gesammelt, in Grammatiken und Lexika aufgearbeitet und durch Kommentare erschlossen. Die erste systematische arabische Grammatik verfasste Sibawaih im 8. Jahrhundert. Unter der Schirmherrschaft der Abbasidenkalifen wurden vom 8. Jahrhundert an Werke der griechischen Philosophie und Naturwissenschaft ins Arabische übersetzt. Aus ihrer Rezeption entstand eine arabischislamische Wissenschaftstradition, die das Erbe der Antike auf vielen Gebieten weiterentwickelte. Zu den namhaftesten, auch im mittelalterlichen Europa gelesenen muslimischen Philosophen gehören Avicenna, der um die Jahrtausendwende lebte, und Averroes (12. Jahrhundert). Unter den Historikern nimmt Ibn Chaldun (* 1332, 1406) mit der in der Einleitung zu seiner Universalgeschichte niedergelegten Theorie der Staatenbildung einen herausragenden Platz ein. Die arabische Geschichtsschreibung kennt umfassende Weltgeschichten, etwa die von Tabari, wie auch Lokalgeschichten und biographische Lexika, wie zum Beispiel das Werk von Ibn Challikan aus dem 13. Jahrhundert. Sie wurde nach 1200 durch die persische und osmanisch-türkische Geschichtsschreibung ergänzt und teilweise von ihr abgelöst. Während Werke der Mathematik, Astronomie und Medizin kaum zur Literatur im eigentlichen Sinne zu rechnen sind, bieten Reiseberichte, wie sie etwa im 10. Jahrhundert von Ibn Fadlan und von Ibn Battuta im 14. Jahrhundert verfasst wurden, nicht nur faktische Informationen, sondern auch Erzählungen und Erlebnisberichte. Nicht selten wird die Grenze zwischen wissenschaftlicher und unterhaltender Literatur verwischt, dann nämlich, wenn das zu vermittelnde Wissen Bestandteil des »Adab«, der feinen Bildung, ist. Einer der bedeutendsten »Adab«-Schriftsteller war Djahis; in seinem Werk aus dem 9. Jahrhundert findet sich unter einer Vielzahl von Themen auch ein Buch zur Tierkunde. Dem »Adab« lassen sich auch die Abhandlungen zur Liebestheorie zurechnen, die oft von Theologen verfasst wurden. Die Prosa blieb der Poesie stets nachgeordnet und wurde von ihr beeinflusst. Ein besonderes Kennzeichen arabischer Kunstprosa ist außer zahlreichen Verszitaten der Binnenreim, der sich schon im Koran findet; ein weiteres Merkmal ist der immense Wortschatz. Die erzählende Prosa kennt kaum große, durchkomponierte Formen, vorherrschend und charakteristisch ist die Anekdote, die ernst oder witzig, profan oder religös erbaulich sein kann. Die arabische »Adab«-Literatur wurde zu einer reichen Quelle auch für die europäische Kurzprosa. Fiktive Erzählungen kennt die klassische arabische Literatur nur in Form der Makame, einer Art Schelmenroman. Die wichtigsten Vertreter der Makamendichtung sind Hamadhani im 10. Jahrhundert und Hariri (* 1054, 1122). Die von abendländischen Lesern seit dem 17. Jahrhundert so geschätzten Märchen aus Tausendundeiner Nacht sind nicht in klassischer arabischer Sprache abgefasst und galten bei den Arabern nie als Teil ihres literarischen Erbes. Sie tradieren volkstümliches Erzählgut aus dem arabischen, aus dem indischen und persischen Raum. Ihre Erzählweise ist komplex: Es gibt eine Rahmenhandlung, in die mehrere Ebenen von untergeordneten Geschichten eingebettet sind. Diese Konstruktion lässt sich auf indische Vorbilder


zurückführen, wie zum Beispiel das «Pancatantra», das im 8. Jahrhundert von Ibn Mukaffa mit dem Titel «Kalila und Dimna» übersetzt wurde. Analoge Erzählweisen sind auch in der persischen Epik verbreitet, etwa in den «Sieben Bildnissen» des Nisami. An der östlichen Peripherie des abbasidischen Kalifats, in den Landschaften Sistan und Khorasan, regierten im späten 9. Jahrhundert Provinzfürsten, die nicht nur politisch de facto unabhängig vom Kalifen in Bagdad waren, sondern auch kulturell ihre eigenen Wege gingen. An den Höfen der Saffariden und Samaniden wurde neben dem Arabischen erstmals auch das Neupersische als Literatursprache verwendet. Die arabische Dichtung wurde aber weiter gepflegt und blieb maßgebliches Vorbild. Die neu entstehende persische Poesie orientierte sich im Versbau, in der Reimtechnik, in der Rhetorik und Thematik stark an dem arabischen Vorbild, und unzählige Wörter und Wendungen wurden aus der arabischen Sprache entlehnt. Vorherrschende Themen der höfischen Dichtung waren das Fürstenlob, die Liebe und die Beschreibung der in Gartenlandschaften gezähmten Natur; Wüstenbeschreibungen gibt es nur da, wo absichtlich an die altarabische Beduinendichtung erinnert werden soll. Die panegyrische Kasside vereint die höfischen Themen, indem sie dem Fürstenlob eine Einleitung vorausschickt, die von Gärten, Festen und von der Beziehung des Dichters zu einer idealisierten und stilisierten Person handelt. Das Geschlecht dieser Person ist oft nur vage angedeutet, meist ist aber klar, dass es sich um einen Jüngling handelt. Ihre klassische Epoche erlebte die höfische Dichtung im 11. Jahrhundert unter den Ghasnawiden mit Dichtern wie Farrochi, Onsori oder Manutschihri. Der erste von mehreren eigenständigen Beiträgen der persischen Literaturen zur Dichtung des islamischen Kulturraums ist der Vierzeiler, der Rubai, der aus älteren einheimischen Vorstufen unter Anpassung an den arabischen Versbau entwickelt wurde.Thematisch ist er offen, das heißt es kann nahezu jedes Thema, von der Zote bis zum Gotteslob, behandelt werden. Im Abendland gilt Omar-e Chajjam (* um 1021, wohl 1122) dank der Nachdichtungen Edward FitzGeralds als der bedeutendste persische Vierzeilerdichter, doch ist die Echtheit der meisten der ihm zugeschriebenen Gedichte bestenfalls umstritten. Omars Vierzeiler sind hauptsächlich von religiösem Skeptizismus und einer radikalen Diesseitigkeit bestimmt. Die Vierzeiler Djalal od-Din Rumis (* 1207, 1273) sind dagegen mystisch, jene seines Zeitgenossen Kamal od-Din Ismails panegyrisch und die Mahsatis erotisch geprägt (12. Jahrhundert). Mit dem «Schah-Name» (Buch der Könige) des Firdausi wurde um die Jahrtausendwende nicht nur ein reicher Schatz an Mythen, Erzählstoffen und geschichtlichen Nachrichten aus der vorislamischen Vergangenheit des Irans in die islamische Ära hinübergerettet, sondern es wurde auch die neupersische Epik begründet, für die es - wie für den Vierzeiler - kein arabisches Vorbild gab. Ihre klassische Ausformung erfuhr diese im 12. Jahrhundert durch den im Kaukasus lebenden Dichter Nisami. Als Folge der mongolischen Eroberungszüge in der Zeit nach 1220 wurde die islamische Welt in eine westliche und eine östliche Hälfte geteilt. Im Westen behielt das klassische Arabisch seine Vorrangstellung bei, im Osten wurde es vom Persischen abgelöst. Die persischen Dichter bekannten sich zwar nach wie vor zur Tradition der älteren arabischen Literatur, doch sie fühlten sich nicht mehr an deren ästhetische Normen gebunden. Das persische Ghasel, das bis dahin hinter der höfischen Kasside zurückstand, wurde zur prestigereichsten Form, und die großen Dichter der nachmongolischen Zeit, Saadi im 13. Jahrhundert, Rumi, Hafis im 14. und Djami im 15. Jahrhundert waren alle Meister des Ghasels. Saadi gilt als derjenige unter ihnen, der dem Ghasel seine Standardform gegeben hat, während Hafis seine Sprache zu unübertroffener Eleganz verfeinerte. Im letzten, seltener im vorletzten, Vers des Ghasels nennt der Dichter seinen Dichternamen. Im Mittelpunkt der Thematik stehen Liebe und Wein. Das Ghasel, ursprünglich ein Liebesgedicht, wurde zur bevorzugten Form mystischer Dichtung, und die Sprache der Mystik wirkte zurück auch auf die weltliche Ghaselendichtung, sodass eine klare Trennung zwischen religiöser und profaner Lyrik nicht möglich ist und auch nicht beabsichtigt war. Rumi ist der bedeutendste mystische Dichter persischer Sprache; sein Werk umfasst über 3000 Ghaselen, über 2000


Vierzeiler sowie ein langes mystisches Lehrgedicht, das Mathnawi. Unmittelbarer Vorläufer Rumis in der lehrhaften Dichtung war Farid od-Din Mohammed Attar (* um 1150, um 1230). Die persische Prosa begann mit einem einfachen, leicht lesbaren Stil, etwa in der Chronik des Beihaki aus dem 11. Jahrhundert, wurde später aber zunehmend nach rhetorischen Regeln gestaltet und verlor ihre Anschaulichkeit. Ihre eleganteste Form erreichte sie im »Rosengarten« (»Gulestan«) von Saadi. Inhaltlich knüpft der »Rosengarten« an eine lange Tradition persischer Weisheitsliteratur an, die sich auch in Fürstenspiegeln wie dem »Kabus-Nameh« aus dem 11. Jahrhundert niederschlägt. Um den Beginn des 16. Jahrhunderts formierte sich im safawidischen Iran und im Indien der Moguln eine literarische Bewegung, die einen »neuen Stil« propagierte, der von der Nachwelt mit dem Etikett »indischer Stil« versehen wurde. In den Texten dieses neuen Stils, vornehmlich in Ghaselen, erreicht die dichterische Sprache eine Komplexität und Manieriertheit, die sie für Außenstehende so gut wie unverständlich werden lässt und weit von der Eleganz und Harmonie der klassischen literarischen Ästhetik wegführt; extremster Vertreter dieser Stilrichtung ist Bidel (* 1644, 1721). Bei vielen Dichtern des »indischen Stils« herrscht eine düstere Grundstimmung vor. Als Reaktion auf den »indischen Stil« wurde im 18. Jahrhundert in Iran die Losung einer »literarischen Rückwendung« zu den großen Meistern der Ghasnawidenzeit ausgegeben. Außerhalb Irans hat sich der »indische Stil« jedoch bis zum Übergang zur europäisch beeinflussten Moderne gehalten. Es wäre verfehlt, von einer einzigen türkischen Literatur zu sprechen, vielmehr haben wir es mit mehreren türkischen Literaturen zu tun, von denen die bedeutendste die osmanisch-türkische ist. Sie erhielt ihren Namen von der Dynastie, die im 14. Jahrhundert in Kleinasien ein Fürstentum gründete und sich bis zum 17. Jahrhundert zu einem Reich entwickelte, das außer Anatolien den größten Teil der arabischen Länder und Südosteuropa einschloss. Unter den türkischen Seldschuken, die bis ins 12. Jahrhundert Persien und durch einen Seitenzweig bis ins 14. Jahrhundert Kleinasien regierten, war Persisch neben Arabisch die Hof- und Verwaltungssprache. Nach dem Zerfall ihres Reiches führten einige Kleinfürstentümer in Anatolien das Türkische als Verwaltungssprache ein. Unter dem Osmanen Mehmed II.begann sich das Türkische im 15. Jahrhundert auch als Literatursprache durchzusetzen. Zur gleichen Zeit wurde in Mittelasien unter den turkomongolischen Timuriden das dschagataiische Türkisch als Literatursprache, nicht aber als Verwaltungssprache verwendet. Der dschagataiischen Literatur war nur eine kurze Blütezeit vergönnt; ihre wichtigsten Vertreter sind Ali Schir Newai und Prinz Babur, der Begründer der Mogul-Dynastie in Indien. Alle islamischen türkischen Literaturen sind stark von der persischen geprägt, deren Werke, zum Beispiel den «Rosengarten» Saadis, sie durch Übersetzung oder freie Adaption rezipierten. Vom 16. Jahrhundert an emanzipierte sich die osmanische Literatur jedoch von der persischen und trat mit den Dichtern Zati, Hayali Bei und Baki in ihre klassische Epoche ein. Im 17. Jahrhundert fand einerseits der komplizierte »indische« Stil der persischen Dichtung Anhänger auch im Osmanenreich, etwa bei Naili oder Scheich Ghalib, doch andererseits begann man sich für eine einfachere, lebensfreudigere Sprache und Dichtung zu begeistern. Mit Ahmed Nedim erreichte diese Bewegung ihren Höhepunkt. Neben der höfischen Dichtung der Osmanen existierte auch eine volkstümliche Literatur mit einem reichen Schatz an Bardendichtung und Erzählungen: Heldenepen wie das Buch von «Dede Korkut», Liebesgeschichten und Märchen. Vor allem die Mystiker verwendeten die volkstümliche Sprache; unter ihnen ragen Junus Emre (* um 1250, um 1320) und Pir Sultan Abdal im im 16. Jahrhundert hervor. Etwa vom 17. Jahrhundert an wurden volkstümliche Gedicht- und Liedformen auch in die höfische Literatur aufgenommen. Während im religiösen Bereich - ausgenommen in der Mystik - das Arabische auch im Osmanischen Reich die Gelehrtensprache blieb, setzte sich in den weltlichen Wissenschaften das Türkische durch. Hervorragende Leistungen erbrachten die osmanischen Schriftsteller im 17. Jahrhundert auf dem Gebiet


der Historiographie, etwa mit der Chronik Naimas, und im Bereich der Reiseberichte, zum Beispiel mit dem «Siyahat-Name» des Evlija Tschelebi. Dr. Michael Glünz Literatur: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, herausgegeben von Klaus von See, Bd. 5: Orientalisches Mittelalter. Wiesbaden 1990. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Türkis [von altfranzösisch turquois »türkisch«] der (Kallait), wachsglänzendes und undurchsichtiges, blaugrünes, schleifbares triklines Mineral der chemischen Zusammensetzung CuAl6[(OH)2|(PO4)4] · 4 H2O; geschätzter Schmuckstein. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Grundlegende Informationen finden Sie unter: Osmanisches Reich (bis 1683): Geburt und Aufstieg einer Weltmacht osmanische Herrschaft in Südosteuropa: Halbmond über Europa Osmanisches Reich (1683 bis 1856): Vom Niedergang einer Großmacht Literatur: Anderson, Matthew S.: The Eastern question. 1774-1923. A study in international relations. Neudruck London u. a. 1987. Baumgart, Winfried: Der Friede von Paris 1856. Studien zum Verhältnis von Kriegführung, Politik und Friedensbewahrung. München u. a. 1972. Beer, Adolf: Die orientalische Politik Österreichs seit 1774. Prag u. a. 1883. Der Berliner Kongreß von 1878. Die Politik der Großmächte und die Probleme der Modernisierung in Südosteuropa in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, herausgegeben von Ralph Melville u. a. Wiesbaden 1982. Djordjevi?, Dimitrije: Revolutions nationales des peuples balkaniques 1804-1914, übersetzt von Margita Risti?. Belgrad 1965. Eickhoff, Ekkehard: Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645-1700. Neuausgabe Stuttgart 21992. Hösch, Edgar: Geschichte der Balkanländer von der Frühzeit bis zur Gegenwart. München 31995. Jelavich, Charles / Jelavich, Barbara: The establishment of the Balkan national states 1804-1920. Seattle, Wash., 21993. Ludwig I., König von Bayern: Gedichte, Teil 1. München 1829.


Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 31994. Nachdruck Darmstadt 1996. Schulze, Winfried: Reich und Türkengefahr im späten 16. Jahrhundert. München 1978. Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen, herausgegeben von Hans Georg Majer. München 1989. Sugar, Peter F.: Southeastern Europe under Ottoman rule, 1354-1804. Neudruck Seattle, Wash., u. a. 1993. Zinkeisen, Johann Wilhelm: Geschichte des osmanischen Reiches in Europa, 7 Bände und Registerband Hamburg u. a. 1840-63. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen: osmanische Herrschaft in Südosteuropa: Halbmond über Europa Heiliges Römisches Reich deutscher Nation (1495 bis 1618): Ohnmächtiger Riese Russlands Aufstieg (seit 1682): Großmacht im Osten Türkenkriege bis zum Vorabend des Krimkriegs: Zusammenprall von Abendland und Morgenland Osmanisches Reich (1683 bis 1856): Vom Niedergang einer Großmacht Nationalitätenfrage: Pulverfass Balkan - Nationalitätenkonflikte im 19. Jahrhundert

Literatur: Eickhoff, E.: Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645 1700. Stuttgart 21992. Niederkorn, J. P.: Die europäischen Mächte und der »Lange Türkenkrieg« Kaiser Rudolfs II. (1593 1606). Wien 1993. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG


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