Dancer's Magazine Annual 22/23

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dancer’s culture & lifestyle magazine

2022/23 € 12,00 (A) / € 15,00 (EU) / CHF 15,00 (CH) P.b.b. Verlagspostamt 1010 Wien

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ANNUAL 22/23

ballet    contemporary    musical    medicine    education    ballroom    travel



editorialdancer’sANNUAL

Liebe Leserinnen und Leser. herzlich willkommen zur Premiere! Erstmals seit dem 23-jährigen Bestehen halten Sie das Magazin nun als JahrbuchAusgabe – das dancer’s ANNUAL 22/23 – in Händen! Und in bewährter Weise wird es auch als E-Paper auf der Website www.dancers-magazine.at präsentiert. Ebenfalls Premiere feiern die dancer’s Tanz-Leserreisen, die das Magazin ab sofort veranstalten wird: Ich darf Sie herzlich einladen, mich und zahlreiche Ballettfans zur Reise-Premiere im Jänner 2023 nach Mailand zu begleiten, um in exklusiven Backstage-Momenten des Jahrhunderttänzers Rudolf Nurejew zu gedenken und sein Ballett “Lo Schiaccianoci” im Teatro alla Scala zu genießen! Das dancer’s ANNUAL 22/23 setzt auf künstlerisches Crossover. Das zeigt sich bereits am Cover – Tanz und bildende Kunst – mit Andy Warhols “Satyric Festival Song 387, 1986” aus seinem genialen Martha Graham-Zyklus, den er zu Ehren der legendären amerkanischen Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin geschaffen hat. Und im Heft spreche ich mit prominenten Ballettdirektoren und Choreographen über das Crossover zwischen Oper und Ballett, Musikrichtungen und Tanzstilen. Viel Freude beim Lesen wünscht Ihre

FOTO © GÜNTHER RINGELHANN

Ingeborg Tichy-Luger

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FOR OUR DEBUT.

printalliance.at

PRINTED IN AUSTRIA


contentsdancer’sANNUAL

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Editorial Contents / Imprint ballet Wiener Staatsballett “Glanzlichter” Interview mit Martin Schläpfer Förderpreis 2020 an Keisuke Nejime Interview: Andrey Kaydanovskiys großer Schritt Igor Zapravdin – Maestro der Herzen A Tribute to Rudolf Nurejew (1938–1993) dancer’s travel Ballettreise nach Mailand 6.–8. Jänner 2023 Interview mit Maestro Kevin Rhodes Hamburg Ballett: Die Jubiläumsspielzeit “SEE YOU AT THE BAR” Interview mit Demis Volpi Ballett X Schwerin – mit Spitze an die Spitze Bayerisches Staatsballett “Neue Wege in München” Laurent Hilaire – Räume öffnen Staatstheater am Gärtnerplatz Karl Alfred Schreiner “Albrecht und Giselle” English National Ballet – Aaron Watkin Staatsballett Berlin – Spielzeit 2022/23 Tanzcompany Innsbruck Interview mit Enrique Gasa Valga Ballett der Oper Graz “Ein Plädoyer für das Leben” modern&contemporary Tanzquartier Wien 22/23 Festspielhaus St. Pölten “Hotspot des zeitgenössischen Tanzes” Interview mit Bettina Masuch dancer’s talk mit Bettina Masuch am 24. Februar 2023 Rose Breuss – Der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF fördert Künstlersiche Tanzforschung

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musical&show Neuinszenierung “West Side Story”

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dance medicine Harlequin Floors – “Let’s SWITCH”

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education 50 Jahre Prix de Lausanne Europaballett im Aufbruch 22/23

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books “Dance in Close-Up” / “Gelukskind” “50 Jahre Hamburg Ballett John Neumeier” / “Schwanenteich”

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dancer’s Ballettreise nach Mailand 6.–8. Jänner 2023 anlässlich des Rudolf Nurejew-Jubiläumsjahres 2023 mit Besuch seines “LO SCHIACCIANOCI” im Teatro alla Scala

ballroom Andy & Kelly “Wie geht’s nach Corona weiter?” “20 Jahre im österreichischen Tanzsport und nun Vize-Europameister”

imprint Cover: Andy Warhol, Satyric Festival Song 387, 1986 / © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Bildrecht 2022; Verlegerin und Herausgeberin / Chefredakteurin / Grafisches Konzept: © Ingeborg Tichy-Luger, Rockhgasse 4, A-1010 Wien, tichy-luger@dancers-magazine.at, www.dancers-magazine.at; Layout: © Josef Holzer, Bettina Lauda; Druck: Print Alliance HAV Produktions GmbH, A-2540 Bad Vöslau ANNUAL 22/23

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Glanzlichter Martin Schläpfer, Ballettdirektor und Chefchoreograph des Wiener Staatsballetts, im Gespräch mit Ingeborg Tichy-Luger

© FLORIAN MOSHAMMER

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ieber Martin Schläpfer, ausgezeichnet mit Würdigungen der Kritikerumfrage der Zeitschrift “tanz” für Sie als Choreograph, für Ihre Compagnie sowie deren Erste SolistInnen Hyo-Jung Kang, Davide Dato und Marcos Menha starten Sie in Ihre dritte Saison als Direktor und Chefchoreograph des Wiener Staatsballetts. Bravi tutti! Das ist ein schönes Zeichen, eine starke Motivation und hat mich enorm gefreut für das Ensemble und für mich. Nach welchem Konzept oder Motto haben Sie die Spielzeit 2022/23 geplant? Unter ein Motto würde ich eine Spielzeit nicht stellen, aber natürlich sind es Treppen, die ich baue. Wenn ich Nurejews “Schwanensee” in der ersten Spielzeit einstudiert habe und coronabedingt dann erst in meiner zweiten Saison ins Repertoire bringen konnte, ist es für mich folgerichtig, nun seinen “Don Quixote” auf den Spielplan zu setzen. Nach Werken von Paul Taylor, Mark Morris und Lucinda Childs habe ich Cunningham und eine Zeitgenossin wie De Keersmaeker programmiert. Aber ich werde vielleicht auch einmal umschwenken, denn das heißt nicht, dass diese Reihe sich endlos fortsetzen muss.

Ihr “Dornröschen” als Ballett-Eröffnungspremiere 2022/23 der ­Wiener Staatsoper. Das ist eine Entscheidung, die ich nicht erst vor kurzem gefällt habe. Nach meiner Arbeit an “Schwanensee” mit dem Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg war es für mich klar, dass ich mich früher oder später an ein nächstes großes Tschaikowski-Ballett heranwage – und es ist für mich als Ballettdirektor und Chefchoreograph folgerichtig, in meiner dritten Spielzeit solch eine Kreation anzudenken. Haben Sie die Umsetzung einer Tschaikowski-Trilogie im Hinterkopf? Es ist so, dass mich alle drei Ballette reizen. Den “Nussknacker” finde ich auch wunderbar – sowohl die Geschichte von E.T.A. Hoffmann als auch die Musik. Es kann also durchaus sein, sicherlich aber nicht dicht auf dicht nach meinem “Dornröschen”, denn solch eine Kreation ist eine große Herausforderung und selbstverständlich ist es nicht mein Ziel, ein bestehendes Original oder eine bestehende Fassung aus dem Repertoire des Wiener Staatsballetts zu verdrängen. Aber mein Wunsch, ein “Dornröschen” zu machen, war lange, lange zuvor bei mir da – lange vor meinem “Schwanensee”. Weil ich auch spüre, ohne mich bitte misszuverstehen, dass “Dornröschen” so viel

MARTIN SCHLÄPFER © ANDREAS JAKWERTH

abstrakten Anteil hat, einfach Tanz pur ist – und ich denke, dass das Abstrakte sehr zu mir passt! In Ihrem Saison-Pressegespräch haben Sie angekündigt, dass Sie sich bei Ihrem “Dornröschen” als Regisseur sehen und betont, dass Sie Veränderungen vornehmen werden. Als über­ raschende musikalische Veränderung entnehme ich der Spielzeit-­ Broschüre der Wiener Staatsoper, dass als Komponist nicht nur Peter I­ljitsch ­ Tschaikowski (1840–1893), sondern auch Giacinto Scelsi (1905–1988) genannt wird – mit seinem dreizehnminütigen Violin­ konzert “Anahit”, dargeboten auf einer höhergestimmten Geige. Scelsi s­ agte von sich selbst einmal, er sei kein Komponist, sondern entwickle eine Vorstellung von sphärischem Klang, die er mit mikro­tonalen Elementen in einer Art intuitiver Improvisation umsetze. Sie kennen mein Œuvre. Es ist nicht das erste Mal, dass ich musikalisch etwas einschiebe. Tschaikowski und Scelsi sind Gegenpole und “Anahit” wird nicht live, sondern in einer Einspielung des Wiener Klangforums erklingen. Ich setze dieses Violinkonzert in den zweiten Akt, wenn der Prinz auf die Szene kommt und das schöne Mädchen sucht, das seit 100 Jahren schläft – Scelsi ist eine andere Welt. Ihre “Dornröschen”-Vorstellungen sind von Oktober bis Ende Dezember 2022 in der Wiener Staatsoper angesetzt – ist Ihr MärchenBallett mit Musik von Giacinto Scelsi noch kindgerecht? Natürlich ist es kindgerecht! Kinder können offenere Zuhörer sein als Erwachsene. Scelsis Musik ist ja nicht dunkel oder hässlich, sondern sehr mystisch. Das muss im modernen Musiktheater Platz haben: 13 Minuten Scelsi umringt von zwei Stunden Tschaikowski. Ich finde das erstaunlich befreiend. Scelsis Poesie, Magie und Archaik passt meiner Meinung nach wunderbar zu Tschaikowski. Was mich interessiert, ist das Geheimnisvolle um diese Begegnung zwischen Aurora und dem Prinzen – und dieses Sich-Verlieben: das ist nicht einfach nur ein Kuss und ein Aufwachen! Wenn der Hofstaat erwacht, Vater und Mutter dem fremden Prinzen begegnen, geht es zurück zu ­Tschaikowskis Musik. Und ich stelle mir das wunderbar vor, wie diese nach der Scelsi-Einspielung dann mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Patrick Lange live zurückkommt. Mich überzeugt dieses musikalische Konzept dramaturgisch sehr, sonst würde ich es nicht machen! Dass wir dabei mit beiden Werken respektvoll um­ gehen, versteht sich von selbst. ANNUAL 22/23

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DIE KÖNIGIN

Sie werden Prolog und 1. bis 3. Akt zeigen – wie man die Geschichte auch kennt. Welche szenischen Änderungen erwarten uns? Ich möchte nahe am Märchen bleiben. Es ist mein Anliegen, dieses Märchen im Jahr 2022 zeitgemäß auf die Bühne zu bringen – mit den phantastischen Kostümen von Catherine Voeffray und dem Bühnenbild von Florian Etti. Wenn ich von Regie spreche, dann meine ich damit, dass mich Fragen interessieren, wie sich z.B. die Hofgesellschaft gegenüber König und Königin benimmt. Kann man beim Hochzeits-Pas de deux primär in Richtung Publikum tanzen, mit dem Rücken zum Königspaar auf dem Thron im Hintergrund? Bleiben sie dort sitzen oder müssen sie woanders platziert oder gar beweglich sein? Das ist für mich ein Beispiel für eine Regiefrage, da ich das Stück in den Figuren für mich anders durchdenke. Im Märchen von Charles Perrault und den Grimms ist Aurora ein sehnlichst erwartetes Wunschkind. König und Königin haben gebetet und gekurt bis dieses Mädchen kam. Und wenn dann dieses Drama des Spindelstichs passiert, glaube ich nicht, dass eine Mutter einfach passiv zusieht, sondern instinktiv beschützend für ihr Kind reagiert. Das sind Fragen, die mich interessieren. Mutter-Kind und Vater-Kind ist die tiefste Beziehung, die es gibt. Da muss etwas zwischen Carabosse und den Eltern passieren, auch wenn sie im Märchen nicht diese magische Macht wie Carabosse haben. Derartige Reibung gibt der Geschichte Tiefe, und trotzdem bleibt sie licht und märchenhaft.

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DER KÖNIG

Rosen-Adagio, Blauer Vogel und Hochzeits-Pas de deux sind die allseits bekannten Höhepunkte dieses Balletts. Wie werden Sie diese choreographisch umsetzen? Im Rosen-Adagio, diesem brillanten, genial gebauten Ballett-Juwel, werde ich Originalteile belassen und es nicht allein in meiner choreographischen Sprache inszenieren. Dramaturgisch gedacht kann zum Beispiel einer dieser vier Prinzen Auroras Favorit sein. Die Variation “Blauer Vogel” habe ich selbst x-mal getanzt und werde nur wenige Passagen leicht modifizieren. Ich bitte aber zu berücksichtigen: Nichts von dem, was ich heute sage, ist in Stein gemeißelt, solange ich diese Szenen nicht real geprobt, einstudiert, choreographiert habe … Das liegt in der Natur der Kreation! Wird die im Repertoire des Wiener Staatsballetts befindliche Fassung von Sir Peter Wright jetzt skartiert? Natürlich nicht! Sie ist Teil des Ballettrepertoires der Wiener Staatsoper und ich habe die Aufgabe, dieses zu bewahren und zu verteidigen, und das tue ich auch. Zugleich schließt dies aber nicht aus, dass ich nicht auch mein eigenes “Dornröschen” kreieren und präsentieren darf. Haben Sie die darauffolgende Ballettpremiere “Goldberg-Variationen” an der Wiener Staatsoper auch als Reverenz an Heinz Spoerli, Ihren ersten Ballettdirektor beim Ballett Basel, mit seinem Choreographie-Debüt an der Wiener Staatsoper programmiert?


CATALABUTTE

Heinz Spoerlis für diesen Ballettabend titelgebendes Stück “GoldbergVariationen” entstand 1993 für das Ballett der Deutschen Oper am Rhein. Es ist eines der schönsten neoklassischen Werke der neueren Zeit und passt sehr gut ins Repertoire und zum Ensemble des Wiener Staatsballetts. Das ist der Hauptgrund. Dazu konnten wir den koreanischen Pianisten William Young als Interpreten für Bachs geniales Klavierwerk gewinnen. Natürlich ist es auch schön, dass sich jetzt für mich als Direktor ein Kreis schließt, denn ich habe Heinz Spoerli viel zu verdanken! Er war mein Choreograph und ich war einer seiner wichtigsten Tänzer. Der Abend startet mit “Tabula rasa”, einem frühen, feinen Werk, das Ohad Naharin 1986 für das Pittsburgh Ballet Theater geschaffen hat. Es zeichnet sich durch eine meditative, warmtonige Menschlichkeit aus und spricht mich auch persönlich sehr an. Die Volksoper Wien präsentiert den Abendfüller “Jolanthe und der Nussknacker” als spartenübergreifendes Regie-/ChoreographieProjekt von Lotte de Beer und Andrey Kaydanovskiy, das die Oper und das Ballett vermischt – dargeboten vom Gesangsensemble der Volksoper Wien sowie jenen Tänzerinnen und Tänzern des Wiener Staatsballett, die in diesem Haus stationiert sind. Es ist eine tolle Idee, und ich glaube, dass Lotte de Beer und Andrey Kaydanovskiy ein spannendes Paar dafür sind. In meiner Planung war Tschaikowskis “Dornröschen” bereits seit langem gesetzt. Dass nun zwei Tschaikowski-Premieren zu Beginn dieser Spielzeit auf­

ALLE FIGURINEN “DORNRÖSCHEN” AUF DIESER SEITE © CATHERINE VOEFFRAY

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CARABOSSE

einandertreffen, macht es zusätzlich interessant. Auch hier geht es um das Heranwachsen eines jungen Menschen und ich bin gespannt auf die Umsetzung, da ich dramaturgisch und “probentechnisch” wegen der parallel laufenden “Dornröschen”-Proben nicht involviert sein kann. Tanzen werden die Künstlerinnen und Künstler des Wiener Staatsballetts, die in der Volksoper ihr Zuhause haben. Und ich finde es schön, dass dieser Teil der Compagnie ein Stück ganz für sich hat! Als zweite Volksopern-Premiere wird im Februar 2023 der Abend “Promethean Fire” gezeigt, quasi ein Nachholen der Produktion, die wegen der Pandemie ausgesetzt werden musste. Natürlich müssen und wollen wir diese Produktion zeigen. Es ist ein starkes Programm und die Einstudierung ist teilweise bereits gemacht, Bühne und Kostüme sind produziert. Das titelgebende Stück des großen Amerikaners Paul Taylor setzt einen starken Kontrast zum verspielten “Beaux” von Mark Morris. Ich zeige in der Mitte meine beiden Ligeti-Ballette “Lontano” und “Ramifications”, zwei klein besetzte Körperstudien, abstrakt gehaltene Befragungen des akademischen Vokabulars. Als Wiederaufnahme kommt “La Fille mal gardée” ins Repertoire. Ein großartig gebautes Stück mit sehr präzise choreographierten Rollenportraits, eine besondere Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler des Ensembles. Zudem ist es eines der wenigen Ballette ANNUAL 22/23

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HYO-JUNG KANG, MARCOS MENHA

CLAUDINE SCHOCH

dieses Genres, das heute noch glaubhaft Leichtigkeit und Humor mit Sozialkritik zu verbinden weiß. Außerdem kommt die Wiederaufnahme von Rudolf Nurejews “Don Quixote” zum Saisonschluss in der Wiener Staatsoper heraus. Dieses Ballett ist enorm anspruchsvoll und muss sehr intensiv vorbereitet werden. Florence Clerc ist für die Einstudierung bei uns zu Gast. Dispositionell ist eine andere Terminierung nicht möglich, da das Stück sehr viel Probenzeit im Saal und auf der Bühne erfordert. Es ist mir wichtig, solche abendfüllenden Werke, die länger nicht gezeigt

ALLE PROBENFOTOS “DORNRÖSCHEN” AUF DIESER SEITE © WIENER STAATSBALLETT/ASHLEY TAYLOR

FRANÇOIS-ELOY LAVIGNAC

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wurden, zurückzuholen. Jetzt, im Nurejew-Jubiläumsjahr 2023 finde ich es die angemessenste Würdigung, diesen Ausnahmekünstler mit der Aufführung seines Werkes zu feiern. Sind Gastspiele des Wiener Staatsballetts in der Spielzeit 2022/23 geplant? Gastspiele sind mir wichtig, um die Kunst des Wiener Staatsballetts über die Grenzen der Stadt Wien und Österreichs hinauszutragen! Zu Beginn meiner Wiener Direktionszeit haben Covid-19 und die dadurch erforderlichen Restriktionen die Planung von Gastspielen nicht zugelassen. Unter den zwischenzeitlich gelockerten Pande-

MARTIN SCHLÄPFER, LIUDMILA KONOVALOVA


wiener staatsballettdancer’sANNUAL

Plattform Choreographie: Review aus Ihrer Sicht. Es sind sechs sehr unterschiedliche Arbeiten entstanden, die für sich stehen. Daran wollen wir mit der nächsten Plattform anknüp-

fen und den Tänzerinnen und Tänzern den Spielraum geben, sich weiter­ zuentwickeln. Es ist wichtig, diese Förderung jenen Mitgliedern des Ensembles, die choreographieren wollen, in einem regelmäßig wiederkehrenden Format zukommen zu lassen, immer in Anbetracht der gegebenen Rahmenbedingungen eines RepertoireBetriebs. Preview: Eine Abendvorstellung der “Plattform Choreographie” findet am 16. Dezember 2022 (mit Folge-Matinée am 18. Dezember) in der Volksoper Wien statt. Wer sind die teilnehmenden ChoreographInnen?

ALLE PROBENFOTOS “JOLANTHE UND DER NUSSKNACKER” AUF DIESER SEITE © WIENER STAATSBALLETT/ASHLEY TAYLOR

miebedingungen hat es mich sehr gefreut, dass das Wiener Staatsballett Anfang Juli 2022 mit einigen Tänzerinnen und Tänzern “Four ­Schumann P ­ ieces” bei einer Gala zu Ehren von Hans van Manens 90. Geburtstag präsentieren durfte, und mein Ensemble im November zu einem Gastspiel im Pfalzbau in Ludwigshafen mit unserem erfolgreichen Abend “Kontrapunkte” (De Keersmaeker/Cunningham/ van Manen) eingeladen ist.

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dancer’sANNUALwiener staatsballett erschwerten Umständen neu strukturieren und organisieren mussten. Wir haben vieles verändert und dabei ist ein wunderbares Team zusammengewachsen. Zu diesem positiven Eindruck und Wohlgefühl tragen auch die weitreichenden Renovierungen, die im Gebäude der Ballettakademie durchgeführt wurden, bei.

LOTTE DE BEER, ANDREY KAYDANOVSKIY © ASHLEY TAYLOR

Die Eingaben für diese zweite Serie sind noch nicht evaluiert. Deshalb kann ich noch keine Namen nennen. Sie hatten angekündigt, einen Choreographen oder eine Choreographin – wie seinerzeit beim Ballett am Rhein – durch mehrfache Teilnahme besonders fördern zu wollen. Wer wird das sein? Ich meine, dass es Arbeiten gegeben hat, die ein hohes Potential haben. Wir müssen die Evaluation der laufenden zweiten Ausschreibung abwarten. Grundsätzlich ist es richtig, dass man jemandem nicht nur einmal die Chance gibt, sondern mehrere Male, damit er oder sie dann auch seinen Weg machen kann. Ballettakademie / Jugendkompanie: Wie sehen Sie die Ent­wicklung? Wir alle haben unter der Pandemie gelitten, vor allem aber die Kinder! Der Neuanfang und die beiden letzten Jahre waren eine extreme Herausforderung für die Ballettakademie, weil wir vieles unter extrem

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Bei der heurigen Nurejew-­Gala hat sich die Ballettakademie mit Hans van Manens “Unisono” hervorragend präsentiert. Wie sieht es mit der internationalen Präsentation aus: 2023 feiert der Prix de Lausanne sein 50-jähriges Bestehen. Wird die Ballettakademie teil­nehmen? Ob jemand teilnehmen wird, ist noch offen. Wir haben wunderbare Talente. Es ist jedoch wichtig, dass die Studierenden, die in e­inem Wettbewerb antreten, mental und körperlich dafür gut vorbereitet sind und begleitet werden. Christiana Stefanou ist da sehr engagiert und darauf bedacht! Ich selbst werde am Prix 2023 Juror sein. Es ist eine Ausnahme, dass ich in eine Jury gehe, weil mir fast immer die Zeit dazu fehlt. Ich war 1977 der Schweizer Preisträger des Prix de Lausanne und später auch mit Philippe Braunschweig, dem Gründer, befreundet. Es ist eine große Leistung, was beim Prix aufgebaut wurde und sich auch gehalten hat. Beeindruckend! Der Vertrag von Staatsopern-Intendant Bogdan Roščić wurde im Juni 2022 bis 2030 verlängert. Verlängern auch Sie bis 2030? Ich bin mitten in Gesprächen und kann darüber nichts Konkretes sagen. Mein größter Wunsch für diese Saison ist, dass wir nach den beiden von der Pandemie geprägten Spielzeiten einfach normal, ohne dieses “Stop and Go”, arbeiten können und gesund in Hochform kommen, um das Können meiner Compagnie zu zeigen! Vielen Dank für das Interview und toi, toi, toi für die Spielzeit 2022/23!

Das Interview wurde am 7. September 2022 geführt.


wiener staatsballettdancer’sANNUAL BALLETT-BONUS Ballettfreundinnen und Ballettfreunden bietet das Wiener Staatsballett um € 25,– pro Saison den Ballett-Bonus. Ihre Vorteile auf einen Blick:

• 15 % Ermäßigung auf Vollpreiskarten für alle Ballettvorstellungen in der •

Wiener Staatsoper und Volksoper mit Ausnahme von Premieren und Sonderveranstaltungen.

2 Karten pro Vorstellung (aus allen verfügbaren Kategorien). Mehr Informationen dazu erhalten Sie hier: U27 / U30 Es ist dem Wiener Staatsballett ein Anliegen, das Haus für alle zu öffnen – besonders auch für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Für das gesamte Programm des Wiener Staatsballetts gibt es daher ein Kontingent an Karten für das junge Publikum zu € 15,– bzw. € 20,– (je nach Produktion) in der Wiener Staatsoper und zu € 12,– in der Volksoper Wien. Diese können im Vorverkauf oder, je nach Verfügbarkeit, an der Abendkassa erworben werden. BALLETT-ZYKLEN Wollen Sie Spaß haben und großartige Unterhaltung mit der ganzen Familie in der Wiener Staatsoper oder Volksoper Wien erleben? Lieben Sie klassischen und modernen Tanz, der einzigartige Geschichten erzählt und Sie mit faszinierenden Stimmungsbildern verzaubert oder wollen Sie die Premierenatmosphäre genießen? Ballett ist vielfältig, so wie die Zyklen des Wiener Staatsballetts. Buchen Sie ab sofort drei bzw. vier Vorstellungen, die thematisch oder programmatisch zusammengefasst sind und sichern sich eine Ermäßigung von mindestens 10 % – beim “Familien-Zyklus” der Wiener Staatsoper für Erwachsene 25 % und Kinder sogar 75 % und beim “Familienzyklus 1” der Volksoper Wien für Senior*innen 25 % und für ­Kinder ebenfalls 75 %. Innerhalb eines Zyklus können Sie bis zu vier Plätze buchen. Weitere Infos zum Ballettbonus, den U27- und U30-Angeboten sowie den Ballettzyklen: wiener-staatsoper.at/wiener-staatsballett/service

FREUNDESKREIS WIENER STAATSBALLETT Das Wiener Staatsballett zählt zu den bedeutendsten Tanzcompagnien der Welt. Auf den Bühnen der Wiener Staatsoper und der Volksoper Wien, aber auch auf Tourneen im Ausland oder beim Wiener Neujahrskonzert, begeistert es österreichisches und internationales Publikum gleicher­maßen. Seit der Saison 2020/21 schlägt es unter der künstlerischen Leitung von Martin Schläpfer mit einem breiten Repertoire und zahlreichen Uraufführungen immer wieder gekonnt die Brücke zwischen klassischem und modernem Ballett. Freundinnen und Freunde des Wiener Staatsballetts helfen uns dabei, diesen Erfolg in die Zukunft zu tragen und unterstützen durch ideelle sowie finanzielle Förderung unter anderem Nachwuchstänzerinnen und -tänzer, junge Choreographinnen und Choreographen sowie Studierende der Ballettakademie.

© FLORIAN MOSHAMMER

Wir laden Sie herzlich ein, Teil dieses Freundeskreises – und damit auch des Wiener Staatsballetts – zu werden. In Zusammenarbeit mit der Ballett­ direktion bietet Ihnen der Freundeskreis exklusive Künstlergespräche, Trainings- und Probenbesuche, Reisen zu Gastspielen der Compagnie und andere Sonderveranstaltungen. Weitere Infos: wiener-staatsoper.at/foerdern/freundeskreis-wiener-staatsballett ANNUAL 22/23

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Förderpreis 2020 an Keisuke Nejime

V.L.N.R.: ADRIAN CUNCESCU, MARTIN SCHLÄPFER, VESNA ORLIĆ, GERALD STOCKER, KEISUKE NEJIME UND BEGLEITUNG, FELIPE VIEIRA, LUIS CASANOVA SOROLLA, SONJA WIMMER, INGEBORG TICHY-LUGER

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ereits Anfang 2020 hatte der Ballettclub Wiener Staatsoper & Volksoper beschlossen, Keisuke Nejime für seine hervorragenden tänzerischen Leistungen mit dem Förderpreis auszuzeichnen. Der Japaner begann sein Balletttraining in Matsuyama (Japan) und setzte seine Aus­ bildung an der Konservatorium Wien Privat­ universität sowie der Ballettakademie der Wiener Staatsoper fort, wo er u. a. bei Prof. Karl Musil, Prof. Evelyn Téri und Jolantha ­Seyfried studierte. 2011/12 war er Mitglied der Theater­ klasse der Ballettakademie, 2012/13 wurde er an das Wiener Staatsballett engagiert. Zu seinen bedeutendsten Rollen zählen die

KEISUKE NEJIME, INGEBORG TICHY-LUGER

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MARTIN SCHLÄPFER, KEISUKE NEJIME, MAG. SONJA WIMMER

Titel­ rolle in der Uraufführung von ­ Vesna ­Orlićs Ballett­produktion “Peter Pan”, die mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis 2020 ausgezeichnet wurde, Junger Mann in O ­rlićs “Carmina Burana”, A ­nastasia in Thierry M ­ alandains “Cendrillon”, Der Tod in ­Malandains “Don Juan”, Mercutio in Davide Bombanas “­Roméo et J­uliette”, Japanische Jury in M ­ aurice Béjarts “Le Concours” so­ wie Partien in “Max und ­Moritz” von Ferenc­ Barbay & Michael Kropf, Andrey ­Kaydanovskiys “Das hässliche Entlein” und Trevor Haydens ­“Double Date”. D ­ arüber ­hinaus tanzte er in zahlreichen Musicals, Opern und Operet­ ten an der Volksoper Wien sowie in Opern­ produktionen an der Wiener Staatsoper. Zu KEISUKE NEJIME, VESNA ORLIĆ

seinen Auszeichnungen zählen dritte Preise beim WienWeltWettbewerb 2014 und Vienna International Ballet Experience 2016 (VIBE). Im September 2020 wurde der Ballettclub mit Übernahme der neuen Opern- und Ballett­ direktion in der Wiener Staatsoper unter das Dach des Wiener Staatsballetts gebracht, wo er seit 2022 unter dem Namen Freundeskreis des Wiener Staatsballetts firmiert. Über län­ gere Zeit konnten Präsenzveranstaltungen wegen der Pandemie-Sicherheits­ bestim­ mungen nicht abgehalten werden. Deshalb hat die Förderpreis-Verleihung mit Verspätung – und als letzte Veranstaltung des Ballett­ club Wiener Staatsoper & Volksoper – am 23. Juni 2022 stattgefunden. Die Zeremonie fand erneut im vielfach prämierten Hotel The Harmonie V­ ienna statt. Der Förderpreis 2020 wurde an ­ Keisuke Nejime von der nunmehr ehemaligen Prä­ ­ sidentin des Ballettclubs und jetzigem Ehrenmitglied des Freundeskreis Wiener Staats­ballett, Ingeborg Tichy-Luger, und der Hausherrin des Hotels, Mag. Sonja ­Wimmer, in Anwesenheit von Martin S­chläpfer, dem Ballettdirektor und Chefchoreographen des Wiener Staatsballetts, Mag. Simone Wohinz, Vesna O ­ rlić u.a. überreicht. Ein Überraschungspräsent für ein Foto­ shooting mit Keisuke Nejime brachte der Künstler Luis Casanova Sorolla mit, der auch für die künstlerische Ausgestaltung des ­Hotels The Harmonie Vienna verantwortlich zeichnet. Ingeborg Tichy-Luger und das Magazin dancer’s wünschen Keisuke Nejime viel Erfolg für seine weitere Karriere! Mit Dank

KEISUKE NEJIME, INGEBORG TICHY-LUGER, LUIS CASANOVA SOROLLA, MAG. SONJA WIMMER


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Andrey Kaydanovskiys großer Schritt

ANDREY KAYDANOVSKIY PROBENFOTO “JOLANTHE & DER NUSSKNACKER” © WIENER STAATSBALLETT/ASHLEY TAYLOR

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ieber Andrey Kaydanovskiy, Sie haben mit Ende der Saison den großen und diesmal endgültigen Schritt vom Tänzer zum Choreographen gemacht. Ich mache diesen Schritt schon zum zweiten Mal, weil ich bereits seinerzeit mit Manuel Legris während seiner Direktionszeit darüber gesprochen habe. Der Spagat zwischen aktivem Tänzer im Ensemble und freischaffendem Choreographen war damals zu groß, sodass ich mich entschlossen hatte den Compagnie-Platz nicht zu halten, um mich 100-prozentig auf die Choreographie zu fokussieren.

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2020 kam mit dem Direktionswechsel zu Martin Schläpfer ein neuer Versuch, die richtige Balance zu finden. Jedoch ist in der C ­orona-Situation die Termin-Planung als T­änzer-Choreograph sehr schwierig geworden, weil sich alle Projekte verschoben haben, und es ist auch für Martin ­Schläpfer dieser Spagat zu groß geworden. Somit war für mich nun der endgültige Schritt vom Tänzer zum Choreographen logisch! Ich habe diesen Schritt ja seit 2009 vorbereitet, als ich meine Debüt-Choreographie “3 Unbekannte” bei “choreo.lab 09”, der Jungchoreographenschiene des Ballettclub Wie-

ner Staatsoper & Volksoper, gezeigt habe – im Endeffekt war es also ein sehr sanfter Übergang! Aber trotzdem: dieser Cut zum Schluss, auf der Bühne zu sein und zu verstehen: das ist jetzt meine letzte Vorstellung – oder kurz davor: an diesem Datum findet meine letzte Vorstellung mit dem Wiener Staatsballett statt, das ist so, wie zu wissen, wann man stirbt! Man glaubt zwar, dass man sich d ­ arauf vorbereiten kann, aber im Endeffekt ist es ein “Click” – und aus! Dieser endgültige Schritt ist für jeden Tänzer schwer. Vor allem, wenn man zwar zu tanzen aufhört, aber nicht deshalb, weil man nicht mehr tanzen kann,


sondern weil es sich zeitlich nicht ausgeht! Ich weiß zumindest nun, dass ich mich nicht kaputt gemacht habe in meiner Tanzkarriere – ich habe einfach nur getanzt! Was ich bei meinem Tänzerabschied verloren habe, ist mein künstlerisches Zu­ hause – die Bühne, die für mich das Zuhause ist, und wo ich mich vor der Realität verstecken kann! Ich fühle mich am meisten auf der Bühne frei, weil da kann ich G ­ efühle zeigen, da kann ich schreiben, sterben – einfach alles. Dort ist das okay und wird akzeptiert – in der Realität nicht mehr, da wird es nicht akzeptiert, wenn man schlecht drauf ist. Mein Zuhause war die Wiener Staatsoper, denn dort ist meine erste, letzte und einzige Ballettcompagnie. Das war mein Zuhause bereits von der Ballettschule an. Ich war in der Schule und wusste, wo ich tanzen will! Dann war ich in dieser Compagnie und auf dieser Bühne, und dort habe ich meine Tanzkarriere auch beendet. Ich habe einige Direktoren erlebt – die Zeit, in der ich künstlerisch gewachsen bin, war unter Manuel Legris. Auch wenn ich meine ChoreographieProjekte bereits an anderen Bühnen gemacht habe, habe ich immer gewusst: ich komme zurück in die Wiener Staatsoper, in mein Zuhause, und werde dort wieder auf der Bühne sein! Das Wiener Staatsballett ist sowohl an der Wiener Staatsoper als auch an der Volksoper Wien zuhause. Dort werden Sie die Uraufführung von “Jolanthe & der Nussknacker” gemeinsam mit der neuen ­ Direktorin der Volksoper, Lotte de Beer, kreieren. Kann man es als “Crossover-Projekt” von Piotr I. Tschaikowskis Oper “Jolanthe” und seinem Ballett “Der Nussknacker” bezeichnen? J-ein! Im Grunde ist es die Geschichte der blinden Prinzessin Jolanthe – also grundsätzlich die Oper “Jolanthe”. Und “Der N ­ usskacker” ist die Seite, die man in der Oper “Jolanthe” nicht zeigt – die Welt von Jolanthe, die nur sie sieht! Sie sieht zwar die Realität nicht, aber sie hat trotzdem ihre Welt, ihr inneres Auge – und die zeigen wir mit “­ Nussknacker”. Die Geschichten verschränken sich ganz logisch – wie im Leben: Man hat immer Momente, in denen man in sich geht und sich vor der Realität versteckt. Wie funktioniert das musikalische Verschränken der beiden Werke von Piotr I. Tschaikowkski?

IN “DON QUIXOTE”

MIT DAVIDE DATO IN “SKEW-WHIFF”

IN “LA FILLE MAL GARDÉE”

MIT JAKOB FEYFERLIK IN “PEER GYNT”

IN “LA SYLPHIDE”

MIT REBECCA HORNER IN “CACTI”

IN SEINEM “FEUERVOGEL”

ALLE FOTOS AUF DIESER SEITE © WIENER STAATSBALLETT/ASHLEY TAYLOR

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MIT NINA POLÁKOVÁ IN “CONTRA CLOCKWISE WITNESS”

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dancer’sANNUALballet Das Stück beginnt mit “Nussknacker” – mit Jolanthes Welt. Und dann springen wir in die Realität mit der Musik der Oper “Jolanthe”. Das Arrangement haben der neue Musik­direktor der Volksoper Wien, Omer Meir W ­ ellber, und Lotte de Beer gemeinsam vorbereitet. Mit dem musikalischen Arrangement ist auch das Libretto vorgegeben? Ja, Lotte de Beer wusste von Anfang an, wohin die Reise geht. Somit ist es fast so, dass sie für die “Jolanthe”-Teile und ich für jene aus dem “Nussknacker” dramaturgisch verantwortlich zeichnen. Es gibt aber auch Momente, in denen sich Traum und Realität mehr verknüpfen – einfach märchenhaft. Es ist Musiktheater für die ganze Familie, aber die Realität ist teilweise sehr hart und trocken. Sie kreieren die “Nussknacker”-Szenen in Ihrer choreographischen Sprache? Ja – aber Lotte de Beer und ich arbeiten gemeinsam mit dem Leading-Team an einem Gesamtwerk und nehmen Rücksicht auf ­einander und auf das Stück. Das macht Spaß! Wir wissen beide, wo wir künstlerisch hin­ gehen wollen. Es hilft mir die klare Aussage, die Lotte de Beer mit dem Stück macht, denn sie weiß genau, was wann und warum es so passiert. Im Endeffekt haben wir den festen Boden, auf dem wir alles bauen können. Sind die Gesangsrollen mit Tänzerinnen und Tänzern gedoubelt? Die Rolle der Jolanthe ist gedoubelt – sowie teilweise auch andere Szenen – und natürlich hat der Nussknacker eine Parallele mit Jolanthes Geliebtem.

Unmittelbar nach “Jolanthe & der Nuss­ knacker” an der Volksoper Wien beginnen Sie mit Ihren Proben für “Dornröschen” zu Piotr I. Tschaikowskis Musik am Linzer Landes­theater. Wie empfinden Sie den Unterschied, wenn Sie dort dann nach Ihrem eigenen Libretto in Ihrer choreographischen Sprache kreieren? Deswegen habe ich für mich das Stück “Der Fall Dornröschen” – in zweideutigem Sinn – genannt, denn in meinem Stück fällt Dornröschen aus der Familien-Bubble heraus. Ich nehme zwar auf jeden Fall das Märchen von Charles Perrault mit. Das Märchen ist altmodisch konstruiert, so wie ein klassisches Familienbild ja auch sehr konservativ ist, und das passt zusammen. Solange diese familiäre Bubble da ist, läuft das Märchen. Aber in der Pubertät, wenn Dornröschen beginnt aus der Familie herauszufallen, dann ist das Märchen auch nicht mehr passend für mich, denn mich interessiert das Thema “Frau” beziehungsweise das “Zur-Frau-Werden“, diesen Prozess finde ich spannender, als das ganze Märchen zu erzählen. Gibt es in Ihrem Libretto auch Carabosse und die Feen? Die Feen sind für mich die Werte, Tugenden – Menschen, mit denen man als Kind aufwächst und die einem sagen, was richtig und was falsch ist. Carabosse ist für mich ganz klar die Sexualität, die in Ihrem “Spell” verkündet, dass sie zu Dornröschens 16. Geburtstag mit ihrem symbolträchtigen Spindelstich da sein wird. Wenn man ein Mädchen nicht auf die Sexualität vorbereitet, dann fällt es mit Beginn der Geschlechtsreife plötzlich

aus seiner bisherigen Welt heraus. In meinem Ballett gibt es keinen 100-jährigen Schlaf, sondern den Schock-Zustand von Dornröschens Familie und Gesellschaft, als sie nach dem Erkennen ihrer Sexualität zur Frau wird, ihre Balance verliert und aus dem Fenster stürzt – sie fällt aus ­ihrer Bubble heraus und landet auf dem ­Boden der Tatsachen. Wie setzen Sie Tschaikowskis Musik um? Ich mache nur zwei Akte von Tschaikowskis Komposition mit dem Bruckner Orchester Linz und werde im zweiten Akt auch elektro­ nische Soundpassagen von Angel Vassilev verwenden, um die Ebene außerhalb zu verdeutlichen: die Selbstfindung von Dornröschen, wenn sie aus der Bubble fällt und damit das Familienbild verlässt. In welcher Zeit siedeln Sie Ihr “Dorn­ röschen” an? Schon im Original-Libretto gibt es ständig Party: Am Anfang wird Dornröschens Geburt gefeiert, 16 Jahre danach ihr Geburtstagsfest und schließlich die Hochzeit. In meinem Ballett sind wir am Anfang in einer Cocktail-Party der 60er-Jahre. Wenn Dornröschen aus ihrer Bubble fällt, wird es fast apokalyptisch. Den zweiten Akt muss man nahezu “riechen” können, da geht es um Sexualität, Körper, Hormone, Gerüche und da verlieren wir das Zeitgefühl. Bühne und Kostüme machen langjährige Weggefährtinnen von mir: ­Karoline Hogl und Melanie Jane Frost. Lieber Andrey Kaydanovskiy, ich danke für das Interview und wünsche Ihnen viel ­Erfolg!

Very nice memories: Andrey Kaydanovskiys drei Stücke, die er für die Jungchoreographenschiene des Ballettclub Wiener Staatsoper & Volksoper kreiert hat: 2009 sein Choreographie-Debüt “Drei Unbekannte”, 2012 “Dolce Vita” und 2014 “Love Song” – vielfach ausgezeichnet wurde diese Kreation auch vom Ballett am Rhein und dem Bolshoi Ballett getanzt.

2009 “DREI UNBEKANNTE” – RICHARD SZABO, ALEXIS FORABOSCO, ANDREY KAYDANOVSKIY © MAX MOSER

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2012 “DOLCE VITA” – ALICE FIRENZE, ALEXIS FORABOSCO UND ENSEMBLE © MAX MOSER

2014 “LOVE SONG” – ANDREY KAYDANOVSKIY, ANDRÁS LUKÁCS, MILA SCHMIDT © GERHARD MÜLLER


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Mit der Gala “Maestro & Stars des Balletts“ feierte Igor Zapravdin sein 30-jähriges Bühnenjubiläum an der Wiener Staatsoper

Igor Zapravdin – Maestro der Herzen

TEXT: INGEBORG TICHY-LUGER ALLE FOTOS: ASHLEY TAYLOR

Ausgebildet in den Fächern Komposition und Klavier am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau und der dortigen Musikalisch-­ Pädagogischen Akademie, vertiefte Igor Zapravdin seine bereits seit seiner Kindheit bestehende Liebe zum Ballett und besuchte zahlreiche Vorstellungen des Bolschoi-Balletts. Nach seinem Diplom war er ­ als Korrepetitor an verschiedenen Theatern und Ballette­nsembles in Russland, u. a. beim Moskauer Klassischen Ballett, dem Ballett des S­ tanislawskiund Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters sowie beim Russischen Staats­ballett tätig. 1992 reiste er nach Wien, um der damaligen Ballettchefin Elena Tschernischova vorzuspielen und erhielt einen Vertrag als Korrepetitor an der Wiener Staatsoper. Sein erster Auftritt in der Wiener Staatsoper war bei der Nurejew Gala 1992. Seither ist Igor Zapravdin regelmäßig auch als Solist in den Vorstellungen des Wiener Staatsballetts in der Wiener Staatsoper und der Volksoper Wien zu erleben. Mit Begeisterung erzählt Zapravdin von seiner Zusammenarbeit mit Mstislav Rostropowitsch, mit dem er 1996 ein Konzert für Klavier und ­Cello gespielt hat. Er hat auch berühmte Sänger wie Evgeny Nesterenko, Stella Grigorian oder ­Evgeny Dmitriev begleitet und war bei internationalen Ballett­wettbewerben als Pianist im Einsatz. Weit über die Grenzen bekannt bekannt ist Igor Zapravdin für seine exzellente Programmierung ­ und Organisation von Ballettgalas, u. a. in Wien, Moskau, Stuttgart, Luxemburg und Eisenstadt.

IGOR ZAPRAVDIN

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allett und Musik sind Igor Zapravdins Leben! Seit 1992 ist er als Ballettkorrepetitor an der Wiener Staatsoper tätig. Dieses 30-jährige Bühnenjubiläum hat er Anfang Juli 2022 mit einer großen Ballett-Gala im Theater Akzent zünftig gefeiert.

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Für die musikalischen Fassungen von Vladimir Malakhovs “Die Bajadere” in Wien und Berlin sowie für jene von Manuel Legris‘ “Le Corsaire” an der Wiener Staatsoper zeichnet Zapravdin verantwortlich. Auf CD spielte er Musik für Trainings und Ballette ein, zum Teil in enger Kooperation mit Schulen wie der Accademia Nazionale di Danza in Rom. Lieber Maestro Igor Zapravdin, herzliche Gratulation zum Bühnen­ jubiläum und toi, toi, toi für Ihr weiteres Schaffen!


“GISELLE” – NATASCHA KUSCH, DAVIDE DATO

“LE CORSAIRE” – FRANCESCO DANIELE COSTA

“ROMEO UND JULIA” – ALEKSANDRA LIASHENKO, MAXIM WOITUIL

“MERSY” – JAVIER GONZALEZ CABRERA

“DON QUIXOTE” – KETEVAN PAPAVA, ROBERT GABDULLIN

“LUMINOUS” – IOANNA AVRAAM, MASAYU KIMOTO

“FANNY ELSSLER PAS DE DEUX” – IANA SALENKO, DINU TAMAZLACARU

“OPUS 25” – MARIA YAKOVLEVA, ENO PECI

“ANKTH” SOLO – ENO PECI

“SCHWANENSEE” – ANNA CHIARA AMIRANTE, ALESSANDRO STAIANO

“VIOLETTA” – REBECCA HORNER

“LA ESMERALDA” – IRYNA TSYMBAL, EDWARD COOPER

“KALIFORNISCHER MOHN” – IRYNA TSYMBAL

“LA HALTE DE CAVALERIE” – IANA SALENKO, DINU TAMAZLACARU

“CACTI” – REBECCA HORNER, ANDREY KAYDANOVSKIY

“DER STERBENDE SCHWAN” – OLGA ESINA

“DER STERBENDE SCHWAN” – GEIGE: YURY REVICH

“GIANNI SCHICCHI” – ALISA TKACHENKO

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MODERATION INGEBORG TICHY-LUGER

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Gedanken zum Jubiläumsjahr 2023 von Ingeborg Tichy-Luger

A Tribute to Rudolf Nurejew (1938–1993)

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in Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einem Zug der Trans­sibirischen Eisenbahn geboren zu werden, ist ein außergewöhnlicher Einstieg ins Leben, und fortan wuchs Rudolf Chametowitsch Nurejew als viertes Kind tatarischer Eltern in der Sowjetunion auf.

Im Kindergarten in Ufa entdeckte Rudolf Nurejew den Volkstanz, entflammte sofort dafür und war von einem unerschöpflichen Lerneifer erfüllt. Als Mitglied der Kindervolkstanzgruppe begegnete er Anna Udelzowa, der ehemaligen Ballerina in Diaghilews Ballets Russes. Sie lehrte ihn die Grundlagen des klassischen Tanzes und erkannte als Erste das außergewöhnliche Talent des damals Zehnjährigen. Von Udelzowa lernte Nurejew über die Ära Diaghilew, über N ­ ijinsky, ­Pawlowa und Karsawina, über die Geschichte des Tanzes und die Ursprünge des Kirow-Balletts in Leningrad im legendären MariinskiTheater. Der junge Nurejew träumte davon, als Tänzer nach Leningrad zu gehen, und der Traum wurde zur Obsession – er musste aber bis zu seinem 17. Geburtstag warten, bevor sich sein Traum erfüllte: ­Nurejew absolvierte den neunjährigen Lehrplan am Choreographischen Institut Agrippina Waganowa in Leningrad – u. a. bei Alexander Puschkin – in nur drei Jahren und trat 1958 als Solist ins Kirow-Ballett ein. Während der folgenden drei Jahre tanzte er das gesamte klassische Repertoire und memorierte alle Rollen für zukünftige Inszenierungen.

RUDOLF NUREJEW, ACRYLIC ON CANVAS, 50 X 70 CM, 2018 © LEO STOPFER

Einer Einladung zum Internationalen Jugendtanzfestival folgend, war Wien die erste Hauptstadt des Westens, die Rudolf Nurejew 1959 zusammen mit einer Gruppe junger Solisten des Kirow-Balletts kennenlernte – er und Alla Sisowa gewannen die Goldmedaille mit der noch nie dagewesenen Höchstnote 10/10. Seit seinem ersten Auftritt mit dem Kirow-Ballett in Paris am 19. Mai 1961 als Solor in der Schattenszene von “La Bayadère”, der vom Publikum stürmisch umjubelt wurde, hatte Nurejew eine besondere Beziehung zur französischen Hauptstadt. Sein Wunsch nach künstlerischer und persönlicher Freiheit wuchs – und am 16. Juni 1961 machte er seinen legendären “Sprung in die Freiheit” am Flughafen Le Bourget nahe Paris und suchte um politisches Asyl an. In London war Dame Margot Fonteyn, Prima Ballerina Assoluta des Royal Ballet und Präsidentin der Royal Academy of Dancing, auf der Suche nach Künstlern für die alljährliche Wohltätigkeitsgala. Es fiel der Name des vor kurzem übergelaufenen Nurejew. In der Gala 1961 tanzte er nicht mir ihr, absolvierte aber einen sensationellen Auftritt und Dame Ninette de Valois, Gründerin und Direktorin des Royal Ballet, überredete Dame Margot, mit Rudolf Nurejew zu tanzen. Im Alter von 42 Jahren dachte Dame Margot nach einer kometenhaften Karriere be-

reits darüber nach die Bühne zu verlassen, entschloss sich dann aber doch diese Herausforderung anzunehmen. Ihre gemeinsamen Auftritte in “Giselle” markierten den Beginn einer 16 Jahre währenden legendären und in der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts einzigartigen Partnerschaft. Der Name Nurejew wurde weltweit zu einem Synonym für den Tanz. Rudolf Nurejew wurde der männliche Tänzer, der größte Tänzer des 20. Jahrhunderts. Sein Name steht für Ruhm, Freiheit, Erfolg, Wagemut, Skandale, Leidenschaft. Der Jahrhunderttänzer inspirierte Tänzerinnen und Tänzer, Choreographen, Fotografen, Designer, Schriftsteller, Maler, Bildhauer und Filmemacher. Seine Tanzkunst war Tausenden von Menschen Vorbild in ihrem Alltag für Zielstrebigkeit und Entschlossenheit. Rudolf Nurejews Leben war voller Kontraste, unglaublicher Chancen und tiefer Tragik – durchzogen von ständigen Kämpfen. Leidenschaft war der Antrieb für seinen Tanz und für sein Leben. Ständig wollte er sein Wissen über jede Form des Tanzes vermehren: Klassisch, Modern, Contemporary, Barock. Der Tanz war ihm alles: Kindheitstraum, Arbeit, Liebe und Schmerz. Einmal hat er gesagt: “Ich habe alles getanzt: all meine Freude, die Trauer, den Schmerz und das Glück.” Rudolf Nurejew war ein Missionar des Tanzes und blieb den Wurzeln seiner Ausbildung treu. Mehr als drei Jahrzehnte gab er sein Wissen an westliche Tänzer weiter. Dame Margot Fonteyn, seine kongeniale Tanzpartnerin, hat folgende Widmung in ein Buch über Anna Pawlowa geschrieben, das sie Nurejew geschenkt hat: “Du und sie, nur ihr habt das Ballett mehr als alles andere geliebt.” Und Michail Baryschnikow hat Nurejew gewürdigt: “Er besaß das Charisma und die Einfachheit eines irdischen Menschen und die unnahbare Arroganz der Götter.” Der Kreis von Nurejews Lebens hat sich in Paris geschlossen. Auf der Bühne der Pariser Oper absolvierte er am 8. Oktober 1992 seinen letzten öffentlichen Auftritt nach der Premiere seiner Inszenierung von “La Bayadère”. Drei Monate später, am 6. Jänner 1993, dem russisch-­ orthodoxen Weihnachtsabend, starb Rudolf Nurejew. Er liegt begraben am Friedhof Ste-Geneviève-des-Bois in der Nähe von Paris. Rudolf Nurejews Erbe ist epochal – er bleibt in der Ballettwelt unvergessen eingedenk seiner Worte: “Ich werde weiterleben, solange man meine Ballette tanzt.” ANNUAL 22/23

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Entdecken Sie die Aufführungen der Spielzeit 2022/2023 im Teatro alla Scala und besuchen Sie die besten Museen in Mailand.


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“LO SCHIACCIANOCI” – CHOR.: RUDOLF NUREJEW © ANDREA TAMONI/TEATRO ALLA SCALA

TEATRO ALLA SCALA – FOTO BRESCIA E AMOSANO © TEATRO ALLA SCALA

dancer’s Ballettreise nach Mailand 6.–8. Jänner 2023 anlässlich des Rudolf Nurejew-Jubiläumsjahres 2023 mit Besuch seines “LO SCHIACCIANOCI” im Teatro alla Scala

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us Anlass des Jubiläumsjahres von Rudolf Nurejew (30. Todestag 6. Jänner / 85. Geburtstag 17. März) veranstaltet das Magazin dancer’s eine Ballettreise nach ­Mailand mit Besuch von Nurejews “Lo Schiaccianoci” im Teatro alla S ­ cala, wo er jahrzehntelang beeindruckend gewirkt hat: Nach seinem D ­ ebüt am 9. Oktober 1965 in der Rolle des R ­ omeo in “Romeo e Giulietta” folgten zahlreiche tänzerische Auftritte, ­Choreographien und choreographische Einstudierungen. Unser Hotel: iH Hotels Milano Ambasciatori**** Das Hotel befindet sich im Zentrum – das Teatro alla Scala, der Dom und die Galleria Vittorio Emanuele II sind fußläufig erreichbar. Freitag, 6. Jänner 2023 Anreise (Linienflug Wien/Mailand mit Austrian Airlines – voraussichtliche Flugzeiten: ab Wien 8.05 Uhr/an Mailand Malpensa 9.30 Uhr). Am Flughafen Abholung zu einer Panoramarundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten Mailands – ca. 13.00 Uhr Ankunft im Hotel. Samstag, 7. Jänner 2023 Um 20.00 Uhr im Teatro alla Scala: Besuch der Ballettvorstellung “LO S­ CHIACCIANOCI”, Choreographie: Rudolf Nurejew, Musik: Piotr I. Tschaikowski, Dirigent: Valery Ovsyanikov Sonntag, 8. Jänner 2023 Um ca. 17.30 Uhr Transfer zum Flughafen, Abreise (Linienflug

­ ailand/Wien mit Austrian Airlines – voraussichtliche Flugzeiten M ab Mailand Malpensa 20.30 Uhr/an Wien 22.00 Uhr). Inkludierte Leistungen • Linienflüge Wien/Mailand/Wien in der Economy-Klasse inkl. Flugtaxen, Sicherheitsgebühren und ein Freigepäckstück (max. 23 kg) • Zwei Nächtigungen inkl. Buffetfrühstück, Service und City-Tax und Gepäckträgergebühren im Hotel bei An-/und Abreise • Flughafentransfer in Mailand zu den angegebenen Flugzeiten • Panoramarundfahrt in Mailand mit eigenem Bus und deutsch­ sprachigem Reiseleiter • Ballettkarte der besten Kategorie im Teatro alla Scala am 7. Jänner 2023 Preis auf Anfrage: tichy-luger@dancers-magazine.at Buchung unter: office@pamina-musikreisen.at Anmeldeschluss: 15. November 2022 Für das Reisekonzept und die Reiseleitung mit interessanten Backstage-Momenten zeichnet Ingeborg Tichy-Luger, Magazin ­dancer’s, verantwortlich. In Kooperation mit Pamina Musikreisen Reisebüro GmbH, 1010 Wien, Wipplingerstraße 34/Top 130b–132, E-Mail: office@pamina-musikreisen.at ANNUAL 22/23

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KEVIN RHODES © PETER TORO, TIMETHIEF PHOTOGRAPHY

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Maestro Kevin Rhodes Maestro Kevin Rhodes, der neue Chefdirigent des Slowakischen Nationaltheaters SND in Bratislava, im Gespräch mit Ingeborg Tichy-Luger ANNUAL 22/23


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ach Kevin Rhodes‘ Studium für Piano und Orchesterdiri­ gieren hat ihn seine Karriere von der Position des Musik­ direktors des Albuquerque Civic Light Opera als Gastdiri­ gent, Kapellmeister oder Musikdirektor in über 15 verschiedene Länder mit mehr als 50 verschiedenen Orchestern nach Amerika, Asien und Europa bis aktuell als neuer Chefdirigent nach Bratis­ lava an das Slowakische Nationaltheater SND geführt. Besonders beeindruckend sind seine Karriere-Stationen u. a. mit 25 Jahren an der Wiener Staatsoper und 11 Jahren an der Pariser Oper. Lang­ jährige Verpflichtungen haben Rhodes 20 Jahre als Musikdirektor an das Springfield Symphony Orchestra, Springfield, Massachusetts gebunden, und bis heute leitet er das Traverse Symphony Orchestra, Traverse City, Michigan. Maestro, lieber Kevin Rhodes, herzliche Gratulation zur Position des Chefdirigenten des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava mit Beginn der Spielzeit 2022/23! Worauf dürfen wir uns mit Ihnen im Graben in der kommenden Saison freuen? Ich bin in Bratislava in meine erste Saison als Chefdirigent mit der Wiederaufnahme von “Turandot” Anfang September gestartet. Danach habe ich ein schönes und berührendes Gala-Konzert als Hommage an die im Vorjahr verstorbene legendäre slowakische Starsopranistin Editha Gruberova geleitet, gefolgt von meiner ersten Opernpremiere am SND, Bizets “Carmen” in der Regie von Lubor Cukr. Das Slowakische Nationalballett hat mit einer Wiederaufnahme von “Giselle” in der Fassung von Rafael Avnikjan nach Corralli, ­Perrot und Petipa die neue Spielzeit begonnen. Im November folgt die Premiere von Sir Frederick Ashtons “La Fille mal gardée”, für die der Ballettmeister des Wiener Staatsballetts Jean-Christophe Lesage die Einstudierung leitet. Im Frühjahr 2023 sind unter meinem Dirigat Dvoráks “Rusalka”, die aktuelle Produktion von Petipa/Iwanows “Schwanensee” und zum Ende der Spielzeit Verdis “Aida” geplant. Was bedeutet dieser Karriereschritt für Sie – künstlerisch: im Di­ rigieren von Oper, Ballett und Symphonischen Konzerten, termin­ lich: durch die fixe Verpflichtung in Bratislava und privat: durch die ­Distanz zu Ihrer Heimat? Die große Distanz zu Michigan, wo mein fester Wohnsitz ist, ich mit meiner Frau und ihrer Mutter lebe und dort auch immer noch ein Orchester leite – diese große Distanz ist schon etwas, womit man lernen muss umzugehen. Für diese Spielzeit hatte ich schon einiges voraus geplant, bevor die Verpflichtung mit Bratislava zustande gekommen ist – und zwar Produktionen mit meinem ersten Wiener Ballettchef Renato Zanella. Wir machen gemeinsam einige Stücke in Ljubljana am Slowenischen Nationaltheater für Oper und Ballett – darunter einen sehr schönen Abend mit Schönbergs “Verklärte Nacht” und Mahlers “Lied von der Erde”. Mit Renato Zanellas Compagnie mache ich im Jänner 2023 “Giselle” in der Choreographie von José Martinez, mit dem ich in Paris, als er noch getanzt hat, so viel gemacht habe, dass ich gar nicht alle Produktionen aufzählen kann. In Rom kommt “Giselle” in der Choreographie von Carla Fracci und eine neue Produktion “La Bajadère” von Benjamin Pech. ­Benjamin und ich lernten einander an der Scala 2003/04 kennen. Er hat in “La Sylphide” getanzt, und kurz danach haben wir in Paris viel gemeinsam gemacht, als er dort Étoile war. Ich freue mich darauf, ihn in Rom wiederzusehen, ebenso wie Eleonora Abbagnato, die dortige Ballett­

direktorin, mit der ich auch etliches in Paris gemacht habe. Danach steht in meinem Kalender “Casse Noisette” in Oslo. Diese Verpflichtungen standen schon fest, bevor wir uns für diesen Riesenschritt hier in Bratislava entschieden haben. Einfach gesagt: ich bin für diese kommende Spielzeit ein Jongleur und freue mich, sehr, sehr, sehr darauf! Die Situation in Bratislava ist interessant, weil es einige Jahre keinen Chefdirigenten gegeben hat, und das Orchester sehr interessiert war, wieder einen Chef zu bekommen. Wir haben vor nicht einmal einem Jahr erstmals zusammengearbeitet bei der Wiederaufnahme von Boris Eifmans “Brüder Karamasow” zu Musik von Rachmaninov, Mussorgski und Wagner – und dabei haben das Orchester und ich entdeckt, dass wir eine sehr gute Chemie haben! Danach habe ich mehrere Leute am Haus kennengelernt und letztendlich ist die Idee mich zum Chefdirigenten zu ernennen im Lauf des Winters und Frühlings 2021 entwickelt worden. Was ist für Sie beim Dirigieren der Unterschied zwischen Oper, Bal­ lett und Symphonischen Werken? Bei Oper und Ballett geht es für die Mehrheit des Abends um Begleiten oder Mit-Musizieren, aber das “Mit-” ist immerhin dabei! Beim Symphonischen Konzert mache ich Musik mit dem Orchester, aber für den Großteil des Abends gehe ich in meine eigene Richtung. Dabei habe ich weniger “Sorgen” als bei Oper und Ballett, sagen wir einmal so, weil ich gehe einfach auf meinen eigenen Impuls in Kombination mit dem Orchester. Ein Solo-Konzert dauert meistens zirka eine halbe Stunde. Das ist mit einer Person, die direkt neben mir sitzt oder steht und spielt oder singt – höchstens zwei Meter entfernt. Das ist etwas anderes, als im Graben zu stehen und mit einem Künstler auf der Bühne zu arbeiten – sei es ein Sänger oder Tänzer. Und diese Symphonischen Abende sind auch viel kürzer. In der Oper produziert der Künstler, mit dem ich arbeite, auch Töne, mit denen ich mich koordiniere, ganz banal gesagt. Das ist auch etwas anderes, als wenn ich mit jemandem arbeite, dessen Kunst etwas Sichtliches, Bewegung, ist – das ist total unterschiedlich, als wenn ich mit einer Stimme arbeite. Als Musiker mit einem anderen Musiker zu arbeiten, oder mit einem Sänger, einer Sängerin, das ist näher zu dem, was man von der ersten Klavierstunde an macht, als Tanz zu verstehen und einen schönen Tanzabend zu dirigieren. Es ist etwas ganz anders zu ermöglichen, dass ein Sopran oder Tenor ihre Koloraturen oder schöne Phrasen singen können, als dass Tänzer Drehungen Heber oder Sprünge machen. Näher zur Oper kommt es in einem Handlungsballett, wenn man sogenannte Pantomimen-Szenen hat, wo es nicht um tanztechnische Fragen geht. Sie sind ein Spezialist für Ballett-Dirigate – wie sind Sie dazu ge­ kommen? Teils aus Zufall, würde ich sagen, obwohl meine Beziehung zu Tanz bis in meine Jugend zurückgeht. Da war es zwar nicht Ballett, aber ich habe in meinem damaligen Heimatort Evansville in Indiana begonnen für das Laientheater Klavier zu spielen. Ich war zu dieser Zeit schon ziemlich fortgeschritten und ein Großteil dieser Arbeit war, die Tanzproben zu spielen. Das war kein “Schwanensee”, sondern “The Music Man”, “Hello Dolly” oder “Sweet Charity”. Ich kann mich noch sehr gut er­ innern: Wochenlang habe ich drei bis vier Stunden am Nachmittag und Abend für die Tänzer gespielt. Dort hat es angefangen! Und es ist mir schon eine Hilfe gewesen, dass ich diese Welt von Jugend an kenne! Zum Ballett kam ich in meiner ersten Position am Basler Stadt­ theater – und ich habe meine erste Aufgabe gleich am zweiten ProbenANNUAL 22/23

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dancer’sANNUALballet tag bekommen: Der neue Ballettdirektor Youri Vámos kreierte ein Ballett mit einem Gastdirigenten, dem ich assistieren sollte und die Produktion übernehmen, wenn er weg ist nach den ersten fünf oder sechs Aufführungen. Dieser Dirigent war der – jetzt ehemalige – Musikdirektor des Stuttgarter Balletts James Tuggle. Wir verstanden uns sehr gut, ich habe ihm bei etlichen Produktionen assistiert und die Produktionen dann übernommen, bevor ich begonnen habe, meine eigenen Produktionen und die Einstudierungen mit dem Orchester zu machen. Eines Tages hieß es, Tuggle würde nach Wien gehen und mit Anne Woolliams arbeiten, die damals Ballettchefin war. Und er hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, mit ihm weiterhin in Wien zu arbeiten. Das fand ich eine sehr spannende Idee, weil Wien ist halt Wien, und natürlich wollte ich nach Wien gehen! Diese Idee hat sich dann weiterentwickelt. Es hieß, Tuggle würde zurück nach Stuttgart gehen, weil er dort schon in den 80er-Jahren tätig war, und Renato Zanella hat gesagt: Okay Kevin, “facciamo insieme”! So hat meine Arbeit in Wien begonnen – und es wurden dann 25 Jahre daraus mit den Ballett­ direktoren Renato Zanella, Gyula Harangozó und Manuel L­ egris. Mit Manuel Legris hatte ich schon in Paris gearbeitet – als ich dort unter Ballettchefin Brigitte Lefèvre begonnen habe. Er war noch Tänzer zu dieser Zeit, und wir kannten einander dann schon sehr gut, als er nach Wien gegangen ist. Nach Paris kam ich durch Gerard Mortier, der zu jener Zeit ein Festival in Bochum geleitet hat, als ich Erster Kapellmeister an der Deutschen Opern am Rhein gewesen bin, wo ich sowohl das Opern- als auch das Ballettrepertoire dirigiert habe. Mortier engagierte mich für die Wiederaufnahme von “Romeo und Julia” in Paris – und das war der Beginn einer zwölfjährigen Zusammenarbeit mit dem Ballett der Pariser Oper, wo ich meistens zwei bis drei Produktionen pro Spielzeit und enorm viele Nurejew-Stücke gemacht habe. Man könnte fast sagen, dass ich in Paris zum Nurejew-Spezialisten geworden bin, weil ich seine “Raymonda”, “Nussknacker”, “Schwanensee”, “Don Quixote”, “Romeo und Julia”, “Bajadere” etc. dort gemacht habe. Rudolf Nurejews “Dornröschen” habe ich an der Berliner Staatsoper gemacht, und das ist ein langes “Dornröschen” – dreieinhalb Stunden mit zwei Pausen. “Dornröschen” ist ein Ballett, bei dem man als Dirigent nach einer gewissen Zeit denkt, jetzt habe ich bereits alles dirigiert, was Tschaikowski dafür geschrieben hat. Als Dirigent bekommt man die Partitur für eine Produktion und lernt die Musik, die in dieser gewissen Produktion enthalten ist – denn es ist nicht wie bei einer Symphonie. Wenn man eine Tschaikowski-Symphonie macht, dann bekommt man die ganze Symphonie. Aber bei Nurejews “Dornröschen” habe ich entdeckt, dass es noch mehr Musik gibt. Es gibt eine Polonaise am Beginn des dritten Akts, die ich nirgendwo anders als in Berlin gemacht habe. Nach zehn Jahren mit Ballettdirektor Manuel Legris in Wien hat Sie sein Ruf nun wieder an die Mailänder Scala geführt. Manuel Legris‘ “Sylvia”-Produktion, die wir gemeinsam während seiner Direktionszeit in Wien gemacht haben, war von vornherein als Ko-Produktion mit der Mailänder Scala geplant – lange bevor Legris dort Ballettdirektor und Dominique Meyer zum Intendanten ernannt worden sind. Zuvor hatte ich fast ein Jahrzehnt lang an der Scala dirigiert, dann wieder eine Weile nicht – und “Sylvia” war ein super Stück für meinen Neuanfang an der Scala. Der Premierenabend in Milano war ein Riesenerfolg – so wie in Wien! Nina Poláková kennen Sie aus langjähriger Zusammenarbeit, als sie Erste Solotänzerin an der Wiener Staatsoper gewesen ist – nun ko­ operieren Sie mit ihr in ihrer Funktion als Ballettdirektorin des SND.

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Es ist eigentlich wegen Nina, dass ich überhaupt nun in Bratislava bin. Es war im Juni 2021, als sie mir erzählt hat, dass sie Ballettdirektorin in Bratislava geworden ist, und sie hat mir angeboten, mit ihrer Compagnie zu kooperieren und zu dirigieren. Als ich dann im August 2021 in Europa war – mit Renato Zanella in Ljubljana – habe ich gesagt: “Okay, ich komme nach Bratislava, um das Haus zu sehen und treffe den General Manager, Herrn Matej Drli čka.” Das habe ich gemacht, hatte einen super Eindruck und vorgeschlagen etwas zu finden, das ich bald dirigieren könne, um zu schauen, welche Chemie zwischen dem Orchester und mir existiert. Das war der Eifman-Abend, der dann genau auf dem Tag nur einen Monat später am 29. September 2021 stattgefunden hat. So hat alles begonnen. Dann hat das Management mehr über mich erfahren, nämlich, dass ich nicht “nur” Ballettdirigent bin, sondern auch einen riesigen symphonischen Hintergrund habe, sowie auch Opern seit meinen aller­ersten Engagements dirigiere, denn es waren eigentlich Opern, die mich zum Dirigieren gebracht haben. Ich habe die Kunstgattung Oper erst als Teenager entdeckt, weil in meinem kleinen Wohnort war gar nicht die Rede von Oper und auch nicht bei meinen Eltern zuhause. Ich fand diese Musik der Opern, wie Carmen, Il Trovatore, Aida, aber auch Wagner etc. so unglaublich schön! Ich wusste, ich werde kein Sänger, spiele auch keine Geige oder ein anderes Orchesterinstrument, also blieb mir als einzige Möglichkeit das Dirigieren – das sage ich jetzt witzig, aber ich war bereits vom Klavierspielen, Musicals etc. in Richtung Dirigieren eingestellt. So ist es mir nun in Bratislava eine riesig große Freude, wieder mit der Oper zu arbeiten, weil ich liebe Sänger und dieses gewisse Mit­ machen, das man als Dirigent mit Sängern hat. Wie sind Sie zur Musik gekommen – und erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt? Ich bin zur Musik bereits im Kindergarten gekommen. Jeden Nachmittag hatten wir eine Stunde, in der wir rund ums Klavier gesessen sind, die Lehrerin hat gespielt und wir haben Lieder gesungen. Ich fand das so bezaubernd, dass die Lehrerin auf diese weißen und schwarzen Tasten gedrückt hat, dass dabei Töne entstanden sind, und es wurde mir klar, dass ich das unbedingt machen will. Dann habe ich zuhause ein paar Jahre gejammert, und letztendlich hat eine Lehrerin zu meiner Mutter gesagt: “Er will immer nur zum Klavier gehen und versuchen etwas zu spielen. Wenn Sie das ermöglichen könnten, wäre das super!” Meine Mutter hat zugehört und darauf reagiert. Sie hat ein billiges altes Klavier und eine billige junge Klavierlehrerin gefunden, die aber sehr gut war! So begann ich mit der Musik. Was das heißen würde? Im Kindergarten hat es geheißen, ich würde Songs spielen. Als ich mit Klavierstunden anfing, kamen ein bisschen Bach und C ­ lementi-Sonatinen dazu. Als ich neun Jahre alt war kam der Film “Der Clou” (“The Sting” im Original) mit Paul Newman und Robert Redford heraus mit Scott Joplin Ragtime Music. Ich war also sehr jung, als ich den Film mit meiner Mutter und Großmutter gesehen habe und dachte, diese Musik müsse ich doch spielen können – auch wenn es vielleicht schwierig ist. Ich erinnere mich, dass ich dann von der Lehrerin Klaviernoten bekommen habe - allerdings ein Easy Piano Arrangement. Ich spielte das und war sehr unglücklich und sagte ihr, dass das nicht richtig klinge. Aber die Lehrerin sagte, dass das Original viel zu schwierig für mich sei. Ich hatte ein paar Dollars in der Tasche, bin selbst zum Musik­laden gegangen und habe mir die richtige Partitur gekauft. Dann habe ich das Original gelernt und der Lehrerin vorgespielt – da


balletdancer’sANNUAL war ich neun Jahre alt und hatte erst seit zwei bis drei Jahren Klavierunterricht. Was ich vorher gespielt habe, bis zu dieser Stunde, war wie der Unterschied zwischen einem Skateboard und einem Maserati – es war wirklich ein großer Unterschied! Und das hat mich in einer einzigen Woche auf ein ganz anderes Niveau gebracht, weil ich das wirklich wollte! Kurz danach, als ich dann zehn war, gab es eine Kiddy Talent Show – ich habe vorgespielt und bin dann mit dieser Truppe zu etwa 60 Aufführungen pro Jahr in der Gegend herumgereist – und ich war der junge, dicke Bub, der Scott Joplin Ragtime spielte. An den ersten Auftritt kann ich mich noch sehr gut erinnern! Meine Studien gingen dann weiter – und es gab ein oder zwei Jahre später einen ähnlichen Moment, an den ich mich noch sehr gut erinnern kann. Wöchentlich fand eine Reportagesendung statt – einmal mit V­ ladimir Horowitz in seiner Wohnung und mit seiner Frau Wanda ­Toscanini, T­oscaninis Tochter. Er spielte die As-Dur-Polonaise von Chopin – und ich dachte, das ist doch fantastisch! Zu dieser Zeit hatte ich noch nie so einen Pianisten gehört oder gesehen. Zuhause hatte ich ein Sammelbuch mit berühmten Chopin-­Stücken, von denen ich bis zu diesem Zeitpunkt ein paar einfache Préludes gespielt hatte. Und dann habe ich jenes Stück gefunden, das Horowitz gespielt hat und habe es gelernt. Das ist eine sehr lange Antwort, wie ich zur Musik gekommen bin. Und wie sind Sie zum Dirigieren gekommen? Was war Ihr erstes Dirigat? Als Kind habe ich gar nicht gewusst, dass es einen Dirigenten gibt. Außer in Trickfilmen, wenn Bugs Bunny einen Dirigenten gespielt hat. Ich habe aber schon gewusst, was ein Schul-­Musiklehrer ist. Ich spielte für den Schulchor und dachte, ich würde einmal ein SchulchorLeiter werden. In der Unterstufe machten wir Musicals – ich spielte für die und dachte, das sei auch ganz schön. Dann kam ich zu dem Laientheater in meiner Heimatstadt, wo ich zuerst beim Kinderchor in einer Produktion war. Eines Tages habe ich kurz nach der Probe angeboten, weil der Pianist nicht da war, dass ich am Abend spielen könnte. Ich las das Stück, spielte es, und seit damals machte ich das. Dann begann ich mit Laien-Musicals und Musicals an meiner Schule. Das war mit 13. Mit 14 habe ich begonnen Musicals zu korrepetieren, in kleinen Orchestern zu spielen und habe auch kleine Shows mit vier bis sechs Leuten selbst geleitet – in einer HotelLounge. Und war somit mit 14 eigentlich ein Profi! Die Veranstalter haben mich das machen lassen, weil ich mit 14 schon so groß war, wie ich jetzt bin und älter wirkte. Danach glaubte ich, dass Musicals zu dirigieren mein Ding wird. Mein erstes Dirigat war das Musical “Sweet Charity” in Evansville, Indiana, mit dem Laientheater. Und bis zu meinem 17. Lebensjahr hatte ich schon “Sweet Charity”, “The Boyfriend”, “Maine”, “Gipsy” und “West Side Story” dirigiert. Ich dachte mir, wenn ich Musicals mit klassischer Musik verbinde, dann habe ich Oper – und so habe ich dann mit Oper begonnen.

Wer sind Ihre Lieblingskomponisten? Das ist schwierig zu sagen – und die Antwort heißt immer: Der Komponist, den ich in diesem Moment spiele oder dirigiere, weil das muss dann mein Lieblingskomponist sein! Tschaikowski habe ich immer toll gefunden. Eine der ersten Schallplatten, die ich hatte, war seine 5. Symphonie, und bis heute ist das eines meiner Lieblingsstücke. Alle neun Beethoven-Symphonien und alle vier von Brahms habe ich sehr oft gemacht. Es ist schon kein Wunder, dass diese 13 Stücke sind, was sie sind. Jedesmal, wenn ich sie mache, liebe ich sie mehr. Ich habe aber auch immer geliebt Richard Strauss zu dirigieren: In Basel habe ich “Frau ohne Schatten” und in Düsseldorf “Salome” und “Rosenkavalier” dirigiert – das war immer ein Erlebnis! Aber auch Puccini und Verdi sind unglaublich schön, auch Wagners ­“ Tannhäuser” – und jetzt mache in ein Name ­Dropping, mit Linda Watson als ­Venus in Düsseldorf! Ich bin wahrscheinlich eher ein zurückblickender Musiker in ­einiger Hinsicht. Ich mag auch moderne Musik, aber ich freue mich sehr, wenn ich ein romantisches Stück mache. Einer meiner Lieblingskomponisten ist Rachmaninov, und sooft ich konnte habe ich seine Symphonien, Tondichtungen und Solokon­zerte programmiert, weil ich seine musikalische Sprache sehr liebe. Was sind Ihre künstlerischen Visionen und Wünsche für die kom­ menden Jahre? Ich spreche hier von Bratislava: Ich bin sehr begeistert und glaube, dass ich heutzutage eher eine Ausnahme bin, da ich die Oper und das Ballett betreuen werde, – und natürlich dirigiere ich nicht alle Aufführungen. Aber allein dadurch wird jemandem, der darauf achtet, ein Zeichen gegeben, dass die Musik für das Ballett genauso wichtig und gut gemacht werden muss wie für die Oper. Was vielleicht nicht immer der Fall ist, denn meistens fassen die Chefdirigenten das Ballettrepertoire gar nicht an – aber ich werde das in Bratislava machen! Vielen Dank, lieber Kevin Rhodes, für das Interview und toi, toi, toi für die erste Saison als Chefdirigent für Oper und Ballett am Slowa­ kischen Nationaltheater SND. Das Interview wurde im September 2022 in Bratislava geführt.

“LA BAYADERE” PROBE IN DER OPÉRA GARNIER, PARIS © ANN RAY

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50 Jahre Hamburg Ballett John Neumeier:

Die Jubiläumsspielzeit 2022/2023

OPEN-AIR-GALA

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ALLE FOTOS: KIRAN WEST

ie Ballettsaison 2022/2023 wird in vieler­ lei Hinsicht festlich. Das Hamburg Ballett feiert ein welt­ weit einzigartiges Jubiläum: das 50-jährige Dienstjubiläum John Neumeiers als Ballettdirektor und Chefchoreograph des ­Hamburg Ballett. Dieses Jubiläum markiert zugleich das Ende einer Ära, denn im Sommer 2023 wird John Neumeier von seinen Ämtern zurücktreten, seine Funktion als Intendant des Bundesjugendballett behält er bei. Zur Feier dieser Anlässe verspricht diese Spielzeit viele besondere Momente, denn John Neumeier wünscht sich vor allem eines: “In unserer Jubiläumssaison möchte ich den

VIER PROBENFOTOS_“DONA NOBIS PACEM”

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Tanz in die Stadt tragen und Räume der Begegnung schaffen.” Der Spielzeitauftakt fand daher mitten im Herzen Hamburgs, auf dem R ­athausmarkt, mit einer kostenfreien Open-Air-Gala statt. Der Hamburger Ballettintendant und seine Compagnie entführten die rund 5.000 Gäste auf eine Reise durch “The World of John Neumeier” mit Stationen aus seinem 50-jährigen choreographischen Schaffen. Auch im weiteren Verlauf hält die Jubiläums­ saison viele Highlights parat: Neben vier Wieder­aufnahmen (“Dritte Sinfonie von ­Gustav Mahler”, “Préludes CV”, “Illusionen –

wie Schwanensee”, “Romeo und Julia”) wird John Neumeier am 4. Dezember 2022 die letzte Uraufführung einer neuen Kreation als Ballettintendant feiern. Dafür hat er sich die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach ausgesucht, die er unter dem Titel “Dona ­Nobis Pacem” präsentieren wird. Er selbst sagt dazu: “Dona Nobis Pacem – gib uns Frieden. Dieser Titel ist mir wichtig, selbst auf die Gefahr hin, dass er auf manche naiv, pathetisch oder gar prätentiös wirken könnte. Angesichts der um sich greifenden Unversöhnlichkeit in unserer Welt bot dieser Gedanke eine wichtige Anregung, mich mit Johann Sebastian Bachs vielschichtiger Komposition zu befas-


balletdancer’sANNUAL

“DRITTE SINFONIE VON GUSTAV MAHLER”

sen. In meiner letzten Saison als Intendant sehe ich diese Kreation als große Chance.” Zusätzlich zeigt das Hamburg Ballett insgesamt 14 Ballette von John Neumeier, und im Lauf der Spielzeit sind wieder vier BallettWerkstätten geplant, in denen der Chefchoreograph kostbare Einblicke in seine Arbeit und die Entstehung seiner Ballette gibt. Zudem öffnet am 13. Mai 2023 das Ballett­ zentrum seine Pforten zum Tag der offenen Tür. Die Jubiläumsspielzeit 2022/2023 führt das Hamburg Ballett auf insgesamt vier Gast-

spiele ins In- und Ausland. Erste Station ist im Oktober das traditionelle Herbstgastspiel im Festspielhaus Baden-Baden. Bei der Festival­premiere von “The World of John ­Neumeier” ist die Compagnie mit zwei Produktionen und einer Ballett-Werkstatt vertreten, und das Bundesjugendballett zeigt John Neumeiers jüngste Produktion “Die Unsichtbaren”. Anfang des nächsten Jahres, im J­anuar 2023, ist das Hamburg Ballett in ­Venedig zu Gast und tanzt John Neumeiers “Die Kamelien­dame” in der Lagunenstadt. Die große Wintertournee führt die Ballettcom­ pagnie im Februar zunächst nach Chicago, wo sie bei der insgesamt 13. USA-Tournee mit

“Die Glasmenagerie” gastiert. Im Anschluss daran fliegt das Hamburg Ballett Anfang März weiter, einmal um den Globus nach Tokio und ist in mehreren Aufführungen von “The World of John Neumeier” und “Sylvia” zu erleben. Den Höhepunkt der Saison bilden wie immer die Hamburger Ballett-Tage, deren 48. Ausgabe, statt der üblichen zwei Wochen, zu einem vierwöchigen Festival ausgeweitet wird. John Neumeier präsentiert eine kuratierte Kombination aus wichtigen Schlüsselwerken seiner Ära. Dazu werden das Royal Danish Ballet und das Stuttgarter Ballett ein-

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dancer’sANNUALballet geladen, zwei Compagnien die eng mit dem Wirken John Neumeiers verbunden sind und Werke aus seinem Repertoire in Hamburg zeigen. Auch das Bundesjugendballett und die Ballettschule des Hamburg Ballett präsentieren ihr Können auf der großen Bühne der Hamburgischen Staatsoper. Zudem kehrt die “Matthäus-Passion” an den Ort ihrer Entstehung, in die St. Michaelis Kirche, zurück. Die vierwöchigen Festtage kulminieren in der starbesetzten Nijinsky-Gala XLVIII, die einen glanzvollen Abschluss der Jubiläumssaison verspricht.

Eine Heimat für die einzigartige Ballettsammlung und das Archiv zum Gesamtwerk von John Neumeier Die Stadt Hamburg kauft das Gebäude im Mittelweg 55, in dem die Stiftung John Neumeier ein Ballett-Institut einrichten wird.

“THE WORLD OF JOHN NEUMEIER”

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Hamburgs Ehrenbürger Prof. John Neumeier hat in 50 Jahren nicht nur eine ganze Ära des klassischen Tanzes geprägt, sondern besitzt auch eine einzigartige, wertvolle und bedeutende Ballettsammlung, bestehend aus Gemälden, Zeichnungen, Fotografie, Grafik, Skulptur, Figuren und Gebrauchsgegenständen. Neben einer Bibliothek zur Geschichte des Tanzes sind Dokumente, Manuskripte und Autografen archiviert. Der Hamburger Senat hat deshalb beschlossen, im Mittelweg 55 ein Gebäude zu erwerben, um die einzigartige Sammlung und das Werksverzeichnis zum Gesamtwerk seiner über 170 Ballette dauerhaft für Hamburg zu sichern und der Ballett-Welt zugänglich zu machen. John Neumeier: “Meine Ballettsammlung ist als stetige Inspiration meiner vielfältigen Werke mein Leben lang gewachsen. Insofern war mir schon lange klar, dass dieses umfassende Anschauungsmaterial nicht nur für die Recher­ che meiner eigenen Arbeit bestimmt ist: Die Sammlung müsste in der einen oder anderen Form die Öffentlichkeit

erreichen! Schon lange vor der Gründung meiner Stiftung im Jahr 2006 habe ich daher das Gespräch mit dem Senat gesucht, und nun freue ich mich ganz besonders, dass meine Sammlung und mein Lebenswerk ein dauerhaftes Zuhause in meiner Wahlheimat Hamburg gefunden haben.“ Mit dem neu entstehenden Institut John Neumeier am Mittelweg wird die inter­ national sehr geschätzte und einzigartige Sammlung dauerhaft gesichert und erstmals auch öffentlich zugänglich. Das Institut wird die 2006 gegründete Stiftung John Neumeier betreiben. Diese hat die Förderung von Kunst und Kultur zum Ziel und sieht als ihre wesentliche Aufgabe die Pflege, Vervollständigung und Weiterentwicklung der Sammlungsbestände, insbesondere auch des Werkverzeichnisses von John Neumeier und deren wissenschaftliche Aufbereitung und Nutzung. Auch die Werke von John N ­ eumeier können mit Neugründung des ­ Instituts weiter­hin in Hamburg betreut und weltweit aufgeführt werden.


Spielzeit 2022/23 Premieren 25. November 2022

DER NUSSKNACKER Edward Clug nach E. T. A. Hoffmann Ausstattung: Jürgen Rose 27. Mai 2023 Ballettabend

CREATIONS X – XII Drei Uraufführungen 13. Juli 2023 Ballettabend

Foto: Roman Novitzky / Tänzerin: Miriam Kacerova

REMEMBER ME John Cranko: Initialen R.B.M.E. Kenneth MacMillan: Requiem

Wiederaufnahmen Ab 11. Februar 2023

DIE KAMELIENDAME John Neumeier nach Alexander Dumas d. J. Ab 17. März 2023

ONE OF A KIND Jiří Kylián

Repertoire Ab 26. September 2022 Ballettabend

PURE BLISS Choreographien von Johan Inger Ab 01. Oktober 2022 Ballettabend

CREATIONS VII – IX Vittoria Girelli, Roman Novitzky, Shaked Heller & Louis Stiens Ab 13. Oktober 2022

ONEGIN John Cranko nach Alexander Puschkin Ab 06. Mai 2023

DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG John Cranko nach William Shakespeare

www.stuttgarter-ballett.de


dancer’sANNUALballet

Demis Volpi, Ballettdirektor und Chefchoreograph des Ballett am Rhein, im Gespräch mit Ingeborg Tichy-Luger

SEE YOU AT THE BAR

BALLETTPROBE_DEMIS VOLPI @ DANIEL SENZEK

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ach zwei über weite Strecken durch Corona beeinträchtigten Spielzeiten wirft der neue Ballettdirektor und Chefchoreograph des Ballett am Rhein, Demis Volpi, einen Blick zurück und gewährt einen ambitionierten Ausblick auf die Spielzeit 2022/23. Für das Libretto Ihrer ersten abendfüllenden Uraufführung für das Ballett am Rhein haben Sie ein Schauspiel eines Autors aus Ihrem Geburtsland Argentinien gewählt – Julio Cortázars “Geschlossene Spiele”.

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“Geschlossene Spiele” hatte sehr viel mit der Pandemie zu tun. Wir haben nach einem Stück gesucht, das auch mit tänzerischer Distanz funktionieren könnte. Mit einer kleinen Besetzung, ohne Pause, denn es gab viele vorgegebene Formalitäten durch diese Pandemie. Die Auswahl war zum Teil auch pragmatisch, kam aber schon aus dem Gedanken heraus etwas zu machen, das mit dem magischen Realismus zu tun hat – mit dieser Absurdität der lateinamerikanischen Literatur. Als Einstieg war es das richtige Stück und ich kann mir vorstellen, dass ich in den nächsten

Jahren vielleicht wieder diese Literatur untersuchen werde, um zu schauen, ob wir mit dem Tanz etwas dazugeben können. Ihre Arbeiten als Chefchoreograph des Ballett am Rhein erstrecken sich von narrativen modernen Balletten zu Klassikern, von Operninterpretationen bis hin zu abstrakten Stücken, wie “one and others”. Wo sehen Sie Ihren Schwerpunkt? Mein Schwerpunkt liegt da, wo die nächste Premiere ist. Ich habe freie Hand bei der Auswahl der Stücke und mich interessiert sehr


balletdancer’sANNUAL die Erzählung, denn die Entwicklung von Figuren ist etwas, das mich reizt. Zwischendrin habe ich aber auch andere Stücke gemacht, die sich mehr mit dem reinen Tanz auseinandersetzen, so wie im Abend “Vier neue Temperamente” bei “Sanguinisch”. Reine Tanzstücke sind viel abstrakter, weil man natürlich dabei auch ein Vokabular weiterentwickeln kann. Ich bin froh, dass ich für mich diese Mehrsprachigkeit entdeckt habe. Bei “one and others” war es eine ganz andere Freiheit, die nicht über Figuren funktioniert hat, sondern über die Menschen und das Tänzerdasein. Und das Stück erzählt trotzdem etwas, obwohl es eigentlich purer Tanz ist. Sie machen auch Opernregie und Opernchoreographie. Das ist eine ganz andere Aufgabe. Der Rhythmus einer Oper ist ja vorgegeben. Es ist interessant, dass man mit Sängern nicht total anders als mit Tänzern arbeiten muss. Die Virtuosität der Tänzer liegt in den Schritten und die der Sänger in ihrer Musik. Der große Unterschied ist, dass die Tänzer in den Ballettsaal kommen ohne zu wissen, wie die Schritte sein werden, und die Sänger kommen herein und kennen ihre Musik schon. Aber im Umgang und wie man dann Dinge untersucht, ist es nicht so anders. Lassen Sie Ihre Tänzer mitkreieren? Das ist unterschiedlich. Es gibt Stücke, bei denen ich ganz genau weiß, was die Form braucht – dann gebe ich das auch vor. Aber sobald die Form steht, fordere ich die Tänzer ständig auf, diese zu durchbrechen und etwas Eigenes darin zu finden. Bei anderen Stücken, wo es um Figurengestaltung geht, finde ich die Spontanität in der Probe auch sehr wichtig. Die ergibt sich manchmal auch bei abstrakten Stücken, wo man Schritte ausprobiert und dann funktioniert etwas anders als erwartet, und die Tänzer machen auch Vorschläge, was sich für sie besser oder sicherer anfühlt. Ich gehe in jeder Phase in einen Dialog – schon in der Konzeptentwicklung und dann in der Kreationsphase, denn ich kann nicht in einem Vakuum arbeiten. Ich denke immer laut – selbst, wenn ich für mich denke, bin ich immer im Dialog. In der Zusammenarbeit mit Dramaturginnen und Dramaturgen wird dann sehr vieles in diesem Dialog erst klar, weil man die Dinge formulieren muss, die da schlummern. Das findet alles statt, bevor ich im Saal arbeite. Und dann im Saal ist der Dialog unabdingbar für mich. Ich brauche das Feedback von den

Tänzerinnen und Tänzern, und mich interessiert ja auch, wie sie sich fühlen. Ich erzähle ihnen vorweg mein Konzept. Manchmal sage ich auch, dass ich einfach nur Schrittmaterial sammle, ich will die Musik ausprobieren noch ohne zu wissen, wo die Reise hingeht. Es ist erstaunlich, wie offen die Tänzer dann sind, wie viel mehr sie dann geben, weil sie das Gefühl haben, dass sie Partner sind. Sie können mich ganz anders unterstützen, und das ist eine Bereicherung für das Stück. Nach welchen Gesichtspunkten gestalten Sie Ihre Programmierung und die Auswahl der Choreograph*innen? Ich bin auch viel in Europa unterwegs und schau mir viele verschiedene Vorstellungen an. Das ist ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit, um zu verstehen, was machen andere KünstlerInnen, wo befinden sie sich gerade – aber auch um Kreative kennenzulernen, die ich noch nicht getroffen habe. Das ist wesentlich, weil anhand eines Videos kann ich die Arbeiten nicht wirklich kennenlernen, ich muss sie live sehen. Wenn ich dann eine interessante Person finde, muss ich warten, bis der richtige Abend kommt, um diese Arbeit zu platzieren. Auch muss ich den Künstler kennenlernen, um zu sehen, was er für eine Idee von Theatern und Abläufen hat. Nicht jeder will einen Dialog suchen, wie wir das hier machen. Sie müssen offen sein für die Zusammenarbeit mit unseren Dramaturgen und mit unserer Compagnie, sonst macht es gar keinen Sinn. Ich überlege auch, wie die Balance zwischen abendfüllenden Stücken und gemischten Abenden ist. Wie schafft man die Dramaturgie, geht es um die Form, geht es um die Musik, geht es um eine Erzählung? Das ist die Suche. Auch die Dramaturgen reisen, wenn ich es zeitlich nicht schaffe, und man berichtet dann einander. So entsteht ein Dialog über die Arbeit jener Künstler, die uns interessieren. Dann kann man die Stücke sinnvoll kombinieren und die Abende gestalten. Warum haben Sie sich entschlossen, in Ihren “Nussknacker” ein Jungchoreographen-Projekt zu verpacken, indem Sie TänzerInnen des Ballett am Rhein und Factory Artists des tanzhaus NRW zur eigenkreativen Mitwirkung bei den Divertissements eingeladen haben? Das war eine gewagte Bereicherung für das Stück! Die Factory Artists haben den “Krieg der Mäuse” choreographiert. Vor allem in Duisburg war “Der Nussknacker” ein sehr

DEMIS VOLPI “GESCHLOSSENE SPIELE“: NORMA MAGALHÃES (FRAU LOPEZ), NIKLAS JENDRICS (DER RICHTER), ENSEMBLE @ INGO SCHÄFER

DEMIS VOLPI “ONE AND OTHERS“: LARA DELFINO UND ENSEMBLE @ BETTINA STÖSS

SHARON EYAL “SALT WOMB“: ENSEMBLE @ BETTINA STÖSS

DEMIS VOLPI “SANGUINIC: CON BRIO“: PAULA ALVES, NIKLAS JENDRICS, ROSE NOUGUÉ-CAZENAVE @ BETTINA STÖSS

JOHN NEUMEIER “FROM TIME TO TIME“: JULIO MOREL, RASHAEN ARTS, SIMONE MESSMER, EVAN L‘HIRONDELLE, ORAZIO DI BELLA @ BETTINA STÖSS

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dancer’sANNUALballet schöner Erfolg und hat beim dortigen Publi­ kum das Eis gebrochen. Es war das einzige Stück, das nicht unter den Corona-Restriktionen gelitten hat, und man spürt die Kraft, dass es nun mit “I am a problem” und “one and others” anders weitergeht als unter Corona-Bedingungen. Weil wir nicht den Luxus einer Studio­ bühne haben, muss man einen Rahmen finden, in dem sich Choreographen ausprobieren können. Es kann nicht immer ein dreiteiliger Ballettabend sein – das ist dann manchmal zu groß. Deshalb haben wir nach Möglichkeiten gesucht: als Kooperation “step by step” mit dem tanzhaus NRW und einen Weg gefunden, dass diese Künstler auch einmal in der Dramaturgie arbeiten können, um den Apparat eines großen Hauses von anderer Seite kennenlernen zu können – was bei einem Jungchoreographen-Abend oft nicht möglich ist, weil es ganz andere Bedingungen sind. Sie haben zwar keine Probebühne, aber das luxuriöse Balletthaus mit einer Tribüne in einem Saal. Es besteht auch die Überlegung, diese Tribüne mehr zu nutzen! Wir laden alle Interessierten ein, das Balletthaus bei einem virtuellen 360-Grad-Rundgang zu erkunden: “Laufen” Sie dabei durch die Räume des Balletthauses mit fünf Ballettprobesälen, dem Spitzenschuhlager sowie den Trainings- und Ruheräumen. https:// my.matterport.com/show/?m=jWMPcyUg4s4 Wir haben die neue Abteilung “Tanz mit“ gegründet, die von Michael Foster geleitet wird – einem Compagnie-Tänzer, der gerade aufgehört hat zu tanzen und damit auch seine Transition macht! Er hat Tanzpädagogik in Dresden an der Palucca-Schule studiert und nun ein Format entwickelt, das “Einblicke” heißt, bei dem man am Samstag-Vormittag als Zuschauer einfach unbürokratisch vorbeikommen und Training schauen kann und dann wieder geht. Es gibt aber auch Veranstaltungen mit Erklärungen – dazu haben wir haben das Format “Nachgefragt” eingeführt, das meistens nach der vorletzten Vorstellung eines jeden Programms stattfindet. Da trifft man einander nach der Vorstellung wieder im Foyer und jeder, der in der Vorstellung war und bleiben will, kann bleiben. Dann spricht man mit Michael Foster und einer Künstlerin oder einem Künstler, die an dem Abend beteiligt waren – einem Choreographen, einer Kostümbildnerin oder einer Tänzerin – und

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die Zuschauer können Fragen stellen, die sie beschäftigen. Es ist hochinteressant zu hören, was die Menschen zu sagen haben und mit ihnen in den Dialog zu treten. Junge Ballettfreunde Das ist eine Initiative der Ballettfreunde, die sich entschieden haben, einen neuen Weg zu gehen, weil die jüngeren Zuschauer vielleicht auch mit Gleichaltrigen beisammen sein wollen. Deshalb haben sie die “Jungen Ballettfreunde” als Unterabteilung der Ballettfreunde gegründet – informell und unbürokratisch. Auch das Repertoire zieht junges Publikum an und man sieht eine Entwicklung, die hier passiert. Es geht nicht nur um Verjüngung, denn wir machen Tanz für Menschen aller Altersgruppen, aber ich freue mich, dass sich das gerade diversifiziert. Trotz aller Veränderungen darf man aber das bestehende Publikum nicht aus den Augen verlieren. Es ist eine sehr wichtige Aufgabe – trotz aller Veränderungen – dieses Publikum mitzunehmen und dessen Sehgewohnheiten langsam weiterzuentwickeln, damit man es nicht abschreckt. Projekt Tonhalle Virginia Segarra Vidal ist Tänzerin unserer Compagnie und eine Choreographin, die noch am Anfang steht. Ich habe dieses Projekt nicht als Teil einer Choreographen-Förderung gesehen, sondern ich fand, dass Virginia die richtige Künstlerin dafür war. Sie hat einen Weg gefunden auf dieser schwierigen Bühne der Tonhalle mit wenig Raum etwas zu erzählen, aufzubauen und choreographisches Material zu entwickeln. Es war toll zu sehen, wie die Tänzer eine Dreiviertelstunde lang ohne Pause Spannung erzeugt haben. Das war unsere erste Kooperation mit der Ton­ halle, und ich finde es wichtig, dass man dem Tanz auch immer wieder an anderen Orten eine Möglichkeit gibt sich zu entfalten. Wohin möchten Sie das Ballett am Rhein und wohin möchten Sie das Publikum führen? Nach dem schwierigen Herbst 2021 hatten wir eine halbe Spielzeit ohne Corona gehabt. Ich würde mich freuen, nun eine Kontinuität zu schaffen, weil für die Tänzer das “Stop and go” sehr anstrengend gewesen ist. In diesen ersten Spielzeiten müssen wir erst einmal ein Grundrepertoire für die Compagnie schaffen. Wir können hier nicht aus dem Fundus holen, und das ist natürlich eine große Chance, weil wir alles neu kreieren müssen. Es geht erstmal darum zu erkennen, welche Stücke

könnten langlebig sein und verdienen es, in unserem Spielplan zu bleiben – und dann daneben auch neue Kreationen zu schaffen. Ich glaube, dass das Spektrum geöffnet werden sollte, dass man das Neoklassische beibehält und trotzdem schaut, was gibt es links, rechts, oben und unten – das haben wir schon gemacht, und das müssen wir auch weiterhin tun. Ich würde auch gerne zukünftig bei den verschiedenen Abenden schauen, ob man doch immer wieder eine Erzählung findet oder einen Dialog unter den Stücken. Es gibt sicherlich Abende, wo es berechtigt ist, auch mal zu sagen: “Komm wir nehmen das Stück, weil es uns Freude macht”, aber eigentlich finde ich es interessant wie bei “I am a problem” oder bei “Ad absurdum”, dass wir Stücke haben, die etwas erzählen wollen, und wie diese im spannenden Dialog oder im Widerspruch zu einander stehen. Ich wünsche mir, dass sich die Sehgewohnheit des Publikums weiterentwickelt und wir uns vielleicht auch einmal gemeinsam die Frage stellen können: “Was bedeutet Ballett, was verstehen wir heute unter Ballett?” Ich glaube, das ist ein Begriff, der immer noch mit sehr vielen Vorurteilen verbunden ist. Man denkt, man wüsste, was gemeint ist, und dann gehen die Menschen zu “Salt Womb” von der israelischen Choreographin Sharon Eyal und sind überrascht: Das ist Ballett, die Form ist da, es ist eindeutig ein Ballettstück! Und ich denke, es wäre interessant zu wissen: Wie weit können wir gehen – und wann sind wir zu weit gegangen und müssen zurückrudern! Wohin gehen Sie mit Ihrem Programm-Konzept 22/23? Sie begeben sich zum Saisonstart im Theater Duisburg in “Zwischenwelten” mit Ihrem Stück “the little match girl passion” und Gil Harushs “don’t look at the jar”. Dieser Abend ist ein Versuch uns Themen anzunähern, die man nicht offensichtlich direkt mit Ballett in Verbindung bringen würde, sondern eher aus den Fragen und Themen unserer Zeit herauswachsen. Auf der einen Seite haben wir mit “the little match girl passion” nach Hans Christian Andersons Märchen “Das Mädchen mit den Schwefelhölzern” eine harte Wirklichkeit, in der uns die fehlende Empathie einer Gesellschaft gegenüber dem frierenden Kind gezeigt wird. Bei Gil Harushs “don’t look at the jar” ist die Compagnie an der Hand des Choreographen der Frage nach dem Ursprung der eigenen Gender-Identität nachgegangen.


BALLETT AM RHEIN

Foto: Sigrid Reinichs

SPIELZEIT 2022 / 23

Premieren Demis Volpi / Gil Harush Zwischenwelten

Mi 07.09.2022, Theater Duisburg

Demis Volpi Krabat

Do 10.11.2022, Opernhaus Düsseldorf

Hélène Blackburn Coppélia X Machina

Sa 21.01.2023, Opernhaus Düsseldorf

Hans van Manen / Bridget Breiner / Neshama Nashman / William Forsythe Shortcuts Fr 24.03.2023, Theater Duisburg

Jerome Robbins / Demis Volpi / Marcos Morau SACRE

Sa 29.04.2023, Opernhaus Düsseldorf

Demis Volpi Giselle

So 11.06.2023, Opernhaus Düsseldorf

ballettamrhein.de


dancer’sANNUALballet Im November präsentieren Sie – fast ein Jahrzehnt nach der erfolgreichen Uraufführung Ihres ersten abendfüllenden Balletts “Krabat” beim Stuttgarter Ballett – dieses nun ihrem Publikum im Opernhaus Düsseldorf. Und darauf freue ich mich besonders! Diesem Stück mit dem Ballett am Rhein ein neues Leben zu schenken, finde ich eine wunderbare Chance, um diese wichtige Geschichte am Leben zu erhalten und mit unserem ­Publikum zu teilen. Leider empfinde ich das Hinterfragen von Machtstrukturen und was diese für junge Menschen für eine unwiderstehliche Verführung sein können immer noch als dringende Notwendigkeit. Dass Otfried Preußler in seinem Jugend­roman, der mich damals als Vorlage inspiriert hat, die Macht der Liebe als einzigen Ausweg vorschlägt, ist eine wunderbare Botschaft an die Welt. Ebenfalls im Opernhaus Düsseldorf sondiert Hélène Blackburn im Jänner in Ihrem Stück “Coppélia X Machina” über die Grenze zwischen Mensch und Cyborg. Hélène Blackburn verfügt über eine sehr besondere Sprache, die in ihrer Schnelligkeit, Virtuosität und Präzision eine Erzählung ergibt, die über assoziative Bilder funktioniert.

ZWISCHENWELTEN PROBE © DANIEL SENZEK

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Dass sie sich offen gezeigt hat, der Frage nach unserem Umgang mit künstlicher In­ telligenz nachzugehen und das mit dem Ballett­ klassiker “Coppélia” als Inspirationsquelle zu verknüpfen, kann uns schon sehr neugierig werden lassen auf dieses neue Werk! “Shortcuts” im März im Theater Duisburg: Der Name ist (Kurz)-Programm für Klassiker von Hans van Manen, William Forsythe sowie einer Uraufführung von Bridget Breiner und bietet dem jungen Compagniemitglied Neshama Nashman die Möglichkeit, ihr choreographisches Talent unter Beweis zu stellen. Shortcuts ist ein Abend, in dem der pure Tanz zur Geltung kommen soll und in seiner Kurzweiligkeit uns hoffentlich packt und mitnimmt. Dass neben einem Meisterwerk der Moderne wie “artifact II” von William Forsythe eine junge Künstlerin einen Raum geboten bekommt um sich zu entfalten, ist eine bewusste Setzung, um auch neue Stimmen – in diesem Fall sogar aus dem eigenen En­ semble – zu fördern. Dass dieses Talent bei unserer Kooperation mit dem tanzhaus nrw entdeckt wurde, ist einer von mehreren Gründe, warum wir “step by step” auch in dieser Spielzeit weiterentwickeln wollen.

Zum Triple Bill “Sacre” Ende April steuern Sie neben Stücken von Jerome Robbins und Marcos Morau eine eigene Uraufführung im Opernhaus Düsseldorf bei und hinter­ fragen ebendort im Juni mit einer Neukreation von “Giselle” den zeitgemäßen Umgang mit Traditionen und Geschlechterbildern im Ballett. Zu “Giselle” will ich noch nicht allzuviel sagen, da ich noch selbst dabei bin, mich von der Aufführungspraxis und Geschichte dieses Stücks zu befreien. Dass Marcos Morau sich bei uns an Strawinskys Meisterwerk wagt, wird eine sehr spannende Herausforderung für unsere Compagnie und mit Sicherheit eine Bereicherung für unser Publikum. Marcos Morau ist für mich einer der aufregendsten Choreographen, die ich in den letzten Jahren für mich entdeckt habe, und ich freue mich besonders auf die Zusammenarbeit mit ihm im Rahmen dieses Ballettabends. Diese Spielzeit wird auf jeden Fall eine spannende Reise, die uns durch ganz unterschiedliche Welten mitnehmen wird. Ich würde mich freuen, diese Welten auch mit Ihnen teilen zu können! Lieber Demis Volpi, vielen Dank für das Interview und meine allerbesten Toi, toi, toi!


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Ballett X Schwerin – mit Spitze an die Spitze

“NACHT OHNE MORGEN” – CHOR.: XENIA WIEST © ADMILL KUYLER

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it einer klaren Vision, Leidenschaft, Disziplin und Teamwork will sie mit ihrer noch jungen Kompanie an die Spitze der Ballettwelt rücken: Xenia Wiest. Seit 2021 leitet sie ambitioniert das 14-köpfige Ensemble, das am Mecklenburgischen Staatstheater sein Zuhause hat und den Namen Ballett X ­ Schwerin trägt. Das “X” symbolisiert, dass Xenia Wiest sich mit den Menschen hinter der Bühne, auf der Bühne und im Zuschauer­ raum verbinden möchte. Zugänglichkeit ist ihr wichtig, um auch Menschen zu erreichen, die bislang keine Berührung mit Ballett hatten. Das “X” symbolisiert außerdem eine große Offenheit und Neugier: Das Ballett X soll unter ihrer Leitung nicht nur künstlerisches Neuland betreten, sondern insbesondere auch von einem neuen Führungsstil geprägt werden. Xenia Wiest will Tanz für das 21. Jahrhundert machen. Dazu gehört auch der Spitzenschuh. Spitzentanz sei vor allem eine Technik, Teil des Handwerks, sagt die gebürtige Russin, die in den 90er Jahren mit ihrer Familie aus Moskau nach Deutschland gekommen ist. Die Klassi-

sche Schule hat die Ballettdirektorin geprägt und geformt, aber die zierliche, strahlende Frau ist ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt. In ihren Choreographien verbindet sie Klassisches Ballett mit Zeitgenössischem Tanz: Spitze und Arabesque treffen auf Bodenarbeit und Kontaktimprovisation. Das ist aber nicht das Einzige, was die 38-Jährige künftig anders machen will. Als Tänzerin hatte sie oft den Eindruck, ein Körper ohne eigene Stimme zu sein. Sie möchte die oft als hierarchisch und veraltet wahrgenommene Ballettwelt verbessern und Erkenntnisse aus Wirtschaft und Wissenschaft nutzen. Ziel ist, eine Unternehmenskultur zu etablieren, zu der regelmäßige Feedback-Gespräche und Weiterbildungen gehören. “Es geht darum, gemeinsam zu wachsen und sich zu entwickeln. Die Tänzerinnen und Tänzer sind nicht allein das Medium von meinen Choreographien, sondern eigenständige KünstlerInnen, die in den Kreationsprozess eingebracht werden, mit eigenen Gedanken und kreativen Impulsen. Gleich­ zeitig bedeutet Tanz auch Höchstleistung. Die TänzerInnen sind nicht nur Kunstschaffende, sondern auch AthletInnen.” Dass Ballett ein Knochenjob ist, weiß die ehemalige Tänzerin,

die viele Jahre lang beim Staatsballett Berlin und zuletzt in Hannover bei Marco Goecke engagiert war, aus eigener Erfahrung. Deshalb liegt ihr die ganzheitliche Gesundheit ihrer Kompanie besonders am Herzen. Es ist ein absolutes Novum in der Ballettwelt, dass das Ballett X Schwerin mit einem eigenen, festangestellten Experten aus der Sport- und Physiowissenschaft zusammenarbeitet. Er begleitet die TänzerInnen bei Training und Proben und soll berufsbedingten Verletzungen vorbeugen. Dieses individuell erarbeitete Programm wird in den Stundenplan der Tän­ zerInnen fest etabliert. Damit ist das Ballett X Schwerin die erste und bis jetzt einzige Ballettkompanie mit einem solchen Arbeitsmodell. Xenia Wiests Wunsch ist, dass ein solches Modell irgendwann als normal wahrgenommen wird und zum TänzerInnenalltag zählt. Gerade für ein kleines Ensemble sind Verletzungen eine große Gefahr, sie können den Spielbetrieb und die Qualität der Vorstellungen gefährden. Diese besitzen für Xenia Wiest und ihren Ballettmeister J­onathan dos Santos absolute Priorität. Das Ergebnis der ersten Saison kann sich sehen lassen – keiner ist verletzungsbedingt ausgefallen und gerade mal ein Jahr nach der Gründung folgt das Ballett X Schwerin der Einladung von Thierry Malandain und präsentiert ­ Xenia Wiests erste Kreation für das Ballett X ­Schwerin “Nacht ohne Morgen” beim “Festival Le Temps d’Aimer La Danse” in Biarritz. Die Reise des Ballett X Schwerin soll weitergehen. Schwerin soll an die Spitze der Ballettwelt rücken. Nach einer ersten erfolgreichen Spielzeit, die Pandemie-bedingt auch mit großen Einschränkungen verbunden war, freut sich die Ballettdirektorin nun auf die neue Saison, in der sich das Ballett X Schwerin weiter mit Leidenschaft, voller Energie und Hingabe nach vorn tanzt. www.mecklenburgisches-staatstheater.de ANNUAL 22/23

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“SCHMETTERLING” © RAHI REZVANI

Bayerisches Staatsballett

Neue Wege in München U nter der neuen Leitung von Laurent Hilaire startet das Bayeri­ sche Staatsballett in die Spielzeit 2022/23. Neben einem Auftragswerk von Alexei Ratmansky im Dezember 2022 zu ­Tschaikowski-Ouvertüren, steht im Frühjahr 2023 erstmals ein Werk von Paul Lightfoot und Sol León auf dem Programm. Ein besonderes Weihnachtsgeschenk erwartet die Ballettfans am 23. Dezember 2022. Choreograph Alexei Ratmansky präsentiert (aktuell noch unter dem Arbeitstitel) Tschaikowski-Ouvertüren ein Auftragswerk für das Bayerische Staatsballett. Ratmansky ist bekannt für seine intensive Auseinandersetzung mit dem überlieferten Repertoire des klassischen Balletts und für seinen fantasievollen Umgang mit tradierten Formen. Nun nimmt er mehrere Ouvertüren von Pjotr I. Tschaikowski als Ausgangspunkt für seine choreographische Reflexion über den klassischen Tanz. Im Zentrum dieser Uraufführung steht für den Choreographen wie sich tradiertes Schrittmaterial und der Körperausdruck im Verlauf der Zeit wandeln und welches tänzerische Spiel sich daraus ableiten lässt. Zu

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den titelgebenden Ouvertüren. ­Tschaikowskis zählen unter anderem die Konzert-Ouvertüren zu Hamlet, Der Sturm und Romeo und Julia. Die Musikalische Leitung des Bayerischen Staatsorchesters hierbei wird ­Mikhail Agrest übernehmen. Gespannt darf man auf das Bühnenbild von Jean-Marc Puissant sein, der den ihm zur Verfügung stehenden Bühnenraum mit Schleiern und anderen raumtrennenden Elementen bearbeiten wird. Damit übersetzt er bildlich die Kernidee der “Ouvertüre”, das Eröffnen und Ankündigen, durch ein fortschreitendes Enthüllen und den Aufbau von Erwartungen. Das zweite Highlight der Münchner Ballettsaison steht für Ende März 2023 auf dem Programm: Der zweiteilige Ballettabend Schmetterling des international renommierten Choreographen-Duos Sol León und Paul Lightfoot eröffnet die Ballettfestwoche 2023. Schmetterling umfasst die Gruppenstücke ­Silent Screen und Schmetterling. Erstmals sind damit Werke von León und Lightfoot beim Bayerischen Staatsballett zu sehen. Das Publikum erwartet dabei ein emotional bewegender und berührender Tanzabend,

der sich – schmetterlingsgleich – um die menschliche Existenz zwischen Lebenslust und Todes­bewusstsein entwickelt und entfaltet. In Schmetterling tauchen aus hellen und dunklen Erinnerungen Bilder auf, die in tänzerische Figuren übersetzt werden und dem Publi­kum erlauben, eigene Zeiterfahrungen mit dem Geschehen auf der Bühne zu verbinden. In verschiedenen tänzerischen Konstellationen lassen Sol León und Paul ­Lightfoot eine ganze Reihe von Liebes­geschichten erscheinen. Die elektronische Musik dazu ist ein Mix aus den 69 Love Songs der IndieRock-Band The Magnetic Fields und Kompositionen von Max Richter. Für die zweite Choreographie dieses Ballettabends, Silent Screen, hat sich das Choreographen-Duo von Stummfilmen inspirieren lassen, in denen es, wie im Ballett, um zwischenmenschliche, nonverbale Verständigung geht. Die verschiedenen Szenen, umrahmt von Videoprojektionen, folgen quasi einer Traumlogik, werden von den Tänzerinnen und Tänzern zu einer Aufnahme von Philip Glass umgesetzt. Auf dem weiteren Spielplan für die Ballettfestwoche 2023 stehen zwischen dem


balletdancer’sANNUAL 31. März und dem 8. April 2023 im Nationaltheater München die Höhepunkte der laufenden Saison, wie die Handlungsballette Ein Sommernachtstraum von John ­Neumeier, ­Romeo und Julia von John Cranko und ­Cinderella von Christopher Wheeldon. Außerdem zeigt das Ensemble den mehrteiligen Abend Passagen mit drei Werken der aktuell vermutlich bedeutendsten Namen in der Choreographen-Landschaft: Dawson, Goecke, Ratmansky. David Dawsons Affairs of the Heart zum gleichnamigen Violinkonzert von Marian Mozetich und Marco Goeckes bewegend-tiefgründiges Sweet Bones’ Melody entstanden 2022 für das Bayerische Staatsballett. Alexei Ratmanskys Bilder einer Ausstellung zu Modest Mussorgskis Klavierkonzert ergänzt dieses Panorama des aktuellen Tanzgeschehens. Der Tänzernachwuchs der Ballettakademie München und der HeinzBosl-Stiftung präsentiert sich wie jedes Jahr im Rahmen der Heinz-Bosl-Matinee. Klassisch geht es im Mai mit einer Aufführungsserie von Coppélia weiter. Die charmant-witzige Geschichte eines Tüftlers, der eine Holzpuppe zum Leben erwecken will zeigt das Staatsballett in der detailreichen und mit Finessen gespickten Choreographie von Roland Petit. Darauf folgt die Wiederaufnahme von Patrice Barts opulent ausgestattetem Handlungsballett La Bayadère. Letzteres wird nach fünfjähriger Pause wieder in München zu erleben sein. Die Münchner Inszenierung zeichnet sich durch das von japanischer Ästhetik geprägte Bühnen- und Kostümbild des Designers Tomio Mohri aus. Dieses umgeht die klischeehaften Repräsentationen indischer Kultur, die zuletzt anhand verschiedener Inszenierungen im Rahmen postkolonialer Theorieansätze Diskussionen ausgelöst haben. Zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele im Juni präsentiert Hilaire die neue Serie Sphären.01 im Prinzregententheater. Etablier­ te Choreograph:innen treten hierbei in einen spannenden Dialog mit jungen Tanzschaffenden und stellen sich deren frischen, jungen Ideen.

“CINDERELLA” – MADISON YOUNG, JINHAO ZHANG © SERGHEI GHERCIU

“PASSAGEN – SWEET BONES’ MELODY” – RAÚL FERREIRA, MARTA NAVARRETE © C. QUEZADA

PREMIEREN DER SPIELZEIT 2022/23: 23. Dezember 2022 Tschaikowski-Ouvertüren 31. März 2023 Schmetterling 23. Juni 2023 Sphären.01 31. März bis 8. April Ballettfestwoche 2023 Information / Karten: www.staatsballett.de, Tel. +49 (0)89 2185 1920

“PASSAGEN – BILDER EINER AUSSTELLUNG” – PRISCA ZEISEL © C. QUEZADA

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Laurent Hilaire – der neue Direktor des Bayerischen Staatsballetts

Räume öffnen darzustellen, andererseits aber auch Demut an den Tag legen – klingt paradox, aber so ist es.” In seiner Zeit als Profitänzer übernahm Hilaire die Hauptrollen unter anderem in Balletten von Pierre Lacotte, George Balanchine, ­Jerome Robbins, Serge Lifar, Rudolf Nurejew, Michail Fokin, Kenneth ­MacMillan, Roland Petit, Maurice Béjart, Merce Cunningham, Jiří ­Kylián, William Forsythe und Angelin Preljocaj. Seine internationalen Gastauftritte führten ihn ans Royal Ballet in London, an die Mailänder Scala, das American Ballet Theatre, das Australian Ballet und das Staatsballett Berlin. Ab 2005 wechselte er die Seiten und arbeitete fortan als Ballettmeister an der Pariser Oper in enger Zusammenarbeit mit Brigitte Lefèvre, der damaligen künstlerischen Leiterin des Ballet de l’Opéra de Paris, und verantwortete den kompletten Produktionsprozess des Ensembles. 2017 verließ er Frankreich, um die Leitung des ­Stanislawski-Balletts in Moskau zu übernehmen. In seinem Programm zeigte er zum Teil in Russland noch unbekannte Werke von Alexander Ekman, Serge L­ ifar, William LAURENT HILAIRE © JULIAN BAUMANN Forsythe, George Balanchine, Paul Taylor, Jacques ­Garnier, Marco Goecke, Ohad Naharin, Johan Inger, Trisha Brown, Angelin er Franzose Laurent Hilaire übernahm im Mai 2022 die Direk­Preljocaj, Sharon Eyal, Andrey Kaydanovskiy, Max Sevagin und Hofesh tion der Münchner Com­pagnie von Igor Zelensky. Im Februar Shechter und erweitere dadurch das Repertoire der Compagnie be2022, mit Beginn der russischen Kriegshandlungen in der trächtlich. Ukraine, hatte Hilaire umgehend seinen Posten als künstlerischer Im Februar 2022 – vor dem Hintergrund der politischen UmstänDirektor des Moskauer Stanislawski-Balletts beendet und war nach de – dann das abrupte Ende seiner Zeit in Russland. Bereits im Mai Europa ausgereist. Ein Glücksfall für das Münchner E ­ nsemble! 2022 übernahm Laurent Hilaire die Leitung des Bayerischen Staatsballetts: in einer Zeit, die weiterhin von den Nachwirkungen der PanDass der junge Laurent Hilaire zum Ballett kam, war an sich erstmal demie, drängenden sozialen Fragen und den Kriegsereignissen in der ein Zufall. Weder stammte er aus einer Theaterfamilie noch gab es Ukraine geprägt ist. Hilaire sieht aber gerade hier die Kraft des Balletts, sonstige Berührungspunkte zum Ballett. Eigentlich wäre er als kleiner vor diesem Hintergrund eine positive Botschaft zu vermitteln. So gab Junge gerne Turner geworden. Aber mit dem Umzug der Familie fand es am Staatsballett zum Beispiel einen Kurs, in dem ukrainische Kinsich am neuen Wohnort kein Turnverein, sondern eine Ballettschule. der einmal pro Woche unter Anleitung der Ballettpädagogin in den Von da an ging es schnell, denn seine Lehrer schickten ihn direkt Probensaal kommen. Die Bewegungsabläufe vermitteln ihnen ein Geweiter an die Ballettschule der Pariser Oper. 1979 schloss er dort seine fühl der Sicherheit, eine konzentrierte Ruhe verbreitet sich, es geht Ausbildung ab und wurde ins Ensemble des Ballet de l’Opéra de Paris um Schönheit, um etwas Träumerisches, man darf man selbst sein engagiert. Im Jahr 1985 ernannte ihn Rudolf Nurejew nach einer Aufund seinen eigenen Rhythmus finden. Und ganz wichtig: Das Tanzen führung von Schwanensee zum “danseur étoile”. macht Freude. Man verbindet sich mit einer Gruppe, man bewegt sich Auf die Frage, was er von Nurejew gelernt habe, sagt Hilaire: “In durch einen Raum zur Musik, man ist in einem Spiel drin. Für Hilaire erster Linie, dass man immer mehr als 100 Prozent dabei sein muss. gibt es kaum etwas Schöneres. Ähnliches sieht er in den BallettaufUnd dass immer mehr geht, als man für möglich hält. Was nicht führungen der Compagnie: Die Tänzerinnen und Tänzer können nur heißt, dass man deshalb nicht mehr auf seinen Körper hört. Aber dann Höchstleistungen erbringen, wenn sie Unterstützung erfahren, man muss arbeiten. Nurejew hat immer gesagt, er möchte das Feuer wenn eine positive Stimmung im Raum mitschwingt. Die Reaktionen in unseren Augen sehen. Und dass es ein Privileg ist, auf der Bühne des Publikums sind für Hilaire das Zeichen, dass sich das Ballett keine zu stehen; ein Privileg, das Verantwortung mit sich bringt. Man steht Sorgen um die Zukunft zu machen braucht. Da es ohne Worte Inhalte vorne im Rampenlicht. Als Étoile oder Solist geht es um dich, um deine zu vermitteln vermag, die für die heutige Gesellschaft einen wichtigen Darstellung, deine Präsenz. Aber gleichzeitig musst du wissen, dass Stellenwert haben, ist es die universelle Sprache. Ballett öffnet Räume. du nicht alleine auf der Bühne stehst, weil alles ein Zusammenspiel “Und genau das brauchen wir heute”, so Hilaire. ist. Man muss sich also einerseits seines Egos bedienen, um etwas

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Albrecht und Giselle Karl Alfred Schreiner, Ballettdirektor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München Gedanken zu seiner Neukreation von “Giselle” se Landidylle ohne Pathos als eine Grund­ stimmung einzufangen. In diesem Zusammenhang freue ich mich auch sehr auf die Zusammenarbeit mit dem erfolgreichen Münchner Designer-Duo ­TALBOT RUNHOF, die mit ihren Kostümen den Figuren eine elegant-bayerische Ausstrah­ lung und Körperlichkeit verleihen werden. Im zweiten Akt steht der Rachegedanke der mysteriösen Willis an einem ganzen Ge­ schlecht im Vordergrund. Und der ungeheu­ erliche Versuch von Giselle, aus echter Liebe zu vergeben. Wie steht sie vor der Gruppe da, wenn sie jenseits moralischer Ansprü­ che aus Liebe handelt und versucht, dem­ jenigen zu vergeben, der letzten Endes ihren Schmerz verursacht hat? Gibt es die Chance, einer verfehlten Liebesbeziehung einen Neu­ anfang zu gewähren? Der choreographische Gegensatz zwischen der maskulinen Jagdge­ sellschaft und der ätherischen Welt der weib­ lichen Willis ist eine sehr reizvolle Aufgabe.”

AMELIE LAMBRICHTS © MARIE-LAURE BRIANE

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lbrecht und Giselle – eine Liebesgeschichte. Die Untiefen einer Amor fou. Liebe auf den ersten Blick. Eifersucht und Betrug. Täuschung und Hingabe. In eine abgeschiedene Dorfgesellschaft kommt ein Neuer dazu und begehrt das schönste Mädchen des Dorfes, die lebens­ lustige Giselle. Sie verliebt sich in diesen Draufgänger namens Albrecht, merkt aber leider zu spät, dass er mit ihr nur gespielt hat und zerbricht an dieser Liebe. Fortan muss Albrecht in dem Bewusstsein leben, dass er Giselle auf dem Gewissen hat. Wie rachsüch­ tige Furien verfolgen ihn seine Gedanken an das Opfer seines egoistischen Handelns. Kann er Vergebung finden, ehe er zu Tode gehetzt wird? “Letzten Endes ist es eine moralische Frage was in der Liebe erlaubt ist und was nicht. Diese Facetten des Begehrens und Verschwei­ gens lassen uns an dem Drama teilhaben.

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Dies mit und durch den Tanz zu erzählen, ist die spezielle Herausforderung: Ein Mädchen, das sich aus gebrochenem Herzen zu Tode tanzt, um in andere Sphären vorzudringen.

Unter dem Motto “Moral ist kein leerer Raum” präsentiert Karl Alfred Schreiner das romantische Tanzstück von Adolphe Adam als dramatischen Geschlechterkampf und Aus­ einandersetzung mit den eigenen Ab­ gründen, für die nicht zuletzt die Wildnis des Waldes steht.

Adolphe Adams Musik hat unglaublich sym­ phonische Momente, die mich zusammen mit dem Dirigenten Michael ­Nündel zu einer spannenden Neufassung inspiriert haben. Es ist immer eine spezielle At­ mosphäre, einen Klassiker neu zu interpretieren und die As­ pekte zu beleuchten, in denen Du mit Deinen Tänzer:innen eine persönliche und letzten Endes zeitlose Geschichte erzählen kannst. Mich reizt die Idee der Jagd und die Ab­ geschiedenheit der Bergwelt als archaischer und zu tiefst menschlicher Sehnsuchtsort. Kann man eine Landschaft ALEXANDER HILLE UND AMELIE LAMBRICHTS © MARIE-LAURE BRIANE vertanzen? Wir versuchen die­


S P I E L Z E I T 2022 / 2023

DER STURM

ab 11. Oktober 2022 Shakespeares »The Tempest« in Kontrast zur Konsumgesellschaft Choreografie Ina Christel Johannessen

GISELLE

ab 17. November 2022

Bajuwarische Interpretation von Adolphe Adams romantischem Ballett Choreografie Karl Alfred Schreiner

L A S T R A DA

ab 3. Februar 2023

Federico Fellinis und Nino Rotas Filmklassiker auf der Ballettbühne Choreografie Marco Goecke

H Ö H E N R AU S C H

ab 1. Juni 2023

Ein Alpenballett auf die Sinfonie Nr. 4 von Anton Bruckner Choreografie Georg Reischl

P E T E R PA N

ab 28. Juni 2023

Ballettmärchen von Han Otten nach J. M. Barrie Choreografie Emanuele Soavi Tel +49 (0)89 2185 1960 | www.gaertnerplatztheater.de | Gärtnerplatz 3 | 80469 München


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Der neue Künstlerische Leiter des English National Ballet

Aaron Watkin D

er 52-jährige Kanadier wird als neuer Künstlerischer Leiter beim English National Ballet im August 2023 die Nachfolge von Tamara Rojo antreten, die das ENB im November 2022 verlässt, um die Leitung des San Francisco Ballet zu übernehmen. “Die Vielfalt der Menschen und des Repertoires stehen im Mittelpunkt meiner Vision”, sagt Aaron Watkin, der in den vergangenen 16 Jahren die Position des Künstlerischen Leiters des Semperoper Ballett in ­Dresden innehatte und zuvor beim Ballett Frankfurt von William ­Forsythe, beim Niederländischen Nationalballett und beim National Ballet of Canada getanzt hat. Vor 30 Jahren war er zwei Spielzeiten lang im Ensemble des ENB - eine Erfahrung, die ihm in Erinnerung geblieben ist. “Ich liebe den Pioniergeist des ENB. Man wird wirklich zu einer Familie. Auch wenn ich nur kurz dort war, sind die Freundschaften, die ich geschlossen habe, lebenslang geblieben.” Die Compagnie, in die Watkin nach drei Jahrzehnten nun an deren Spitze zurückkehrt, hat sich stark verändert und sehr modernisiert, aber er habe nicht die Absicht, Rojos Arbeit radikal zu ändern oder rückgängig zu machen, sondern sie fortzusetzen. “Ich habe eine sehr ähnliche Vision wie Tamara”, sagt er. “Mir geht AARON WATKIN © IAN WHALEN es darum, sowohl die Tradition zu bewahren als auch Innovationen zu schaffen.” Mit anderen Worten: die klassische Vergangenheit des Balletts zu bewahren und gleichzeitig zeitgenössische Bewegungen zu erforschen. Aaron Watkin ist der festen Überzeugung, dass das klassische Ballett nach wie vor seine Gültigkeit hat und für die Entwicklung von Tänzern unerlässlich ist. Er beabsichtigt, mindestens eine große klassische Produktion pro Spielzeit auf die Bühne zu bringen, sieht sich selbst zwar nicht als Choreograph, hat aber große Ballette wie “Schwanensee”, “Dornröschen” und “Der Nussknacker” aufgefrischt. Weiters wird er sich darauf konzentrieren, Choreographen zu engagieren, die im Vereinigten Königreich nicht oft zu sehen sind, und neue kreative Talente innerhalb und außerhalb des Ensembles zu finden. Das Wichtigste für Watkin ist die Pflege der Unternehmenskultur: “Ein offenes, kreatives und kollaboratives Arbeitsumfeld, in dem die Menschen fühlen, dass sie eine Stimme haben”. Zu Beginn von Tamara Rojos Amtszeit gab es einige Unruhen unter den Tänzern, als die

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Compagnie Veränderungen durchlief, aber das English National Ballet hat seitdem hart daran gearbeitet sicherzustellen, dass die Tänzerinnen und Tänzer ihre Meinung sagen können und unterstützt werden. Watkin möchte, dass sie sich ermächtigt fühlen, Denker zu sein und nicht nur technische Könner. Ihm geht es um die Menschen hinter den Schritten. “Die meisten Menschen sind keine Ballett-Experten, und wenn man ins Theater geht, fühlt man sich von einer Persönlichkeit, von Musikalität oder von einer bestimmten Qualität angezogen.“ Er sei nicht an Uniformität interessiert und finde die Idee einer identischen, superschlanken Ästhetik “altmodisch”. “Ich möchte, dass jeder im Publikum in der Lage ist, sich mit dem, was auf der Bühne passiert, in irgendeiner Weise zu identifizieren. Es handelt sich also nicht um eine elitäre Kunstform für eine exklusive Bevölkerungsgruppe.“ Die Körperform sei ­eines der heißen Themen in der aktuellen Diskus­ sion über die Ballettkultur im Allgemeinen, neben Rasse, Geschlecht und Entkolonialisierung des Repertoires, meint Watkin. Ob es um die Diskussion über männliche oder nichtbinäre Tänzer gehe, die traditionell weibliche Rollen spielen, oder um den Umgang mit beleidigenden Stereotypen in Balletten aus dem 19. Jahrhundert – Watkin sieht, dass sich die Dinge schnell ändern. “Es fühlt sich an wie ein Generationswechsel alle zwei Jahre”, sagt er. “Ich habe 17- und 18-Jährige, die ins Ensemble kommen, und die Tänzer, die 25 sind, sagen: ‘Oh, diese junge Generation, die ist so anders!’ Man muss sensibel sein für alles, was um einen herum passiert, man muss sich weiterentwickeln und mithalten.” Aaron Watkin wird die Leitung des ENB offiziell erst im August 2023 übernehmen und freut sich auf die Rückkehr nach London. Er ist positiv gestimmt, was den Wechsel vom stark subventionierten deutschen Theatersektor in die prekärere Kulturlandschaft des Vereinigten Königreichs angeht und ist vom Arts Council England sehr beeindruckt. “Wenn ich mir deren 10-Jahres-Strategien durchlese, dann sind das alles Dinge, an die ich glaube.” Er weiß, dass Tamara Rojo “große Schuhe” hinterlässt, die er ausfüllen muss, “aber das gefällt mir, ich werde mich der Herausforderung stellen, um das English National ­Ballet in ein aufregendes neues Kapitel zu führen.”


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POLINA SEMIONOVA IN “DORNRÖSCHEN” © YAN REVAZOV

Staatsballett Berlin

Spielzeit 2022/23: Über-Gänge D rei Premieren und sieben Repertoire-Produktionen zeigen die ganze tänzerische Vielfalt des Staatsballett Berlin und nutzen große Partituren für Orchester und Chor. Als erste Premiere der Spielzeit präsentiert der Abend EK | EKMAN am 16. Februar 2023 in der Deutschen Oper Berlin einen Genera­ tionen-Mix zweier schwedischer Choreographen. Erstmals Eingang ins Berliner Repertoire findet die Arbeit von Mats Ek, einem der führenden Choreographen des 20. Jahrhunderts, der seit den 1980er Jahren den Bühnentanz beeinflusst. Christian Spuck, der ab der Saison 2023/24 die Intendanz des Staatsballetts übernimmt, inszeniert am 14. April 2023 seine Arbeit MESSA DA REQUIEM in der Deutschen Oper Berlin als Kunstwerk, das Tanzkunst mit Orchester, GesangssolistInnen und Chor in einer Koproduktion mit dem Rundfunkchor Berlin vereint. Der Abend STRAWINSKY am 10. Juni 2023 in der Staatsoper Unter den Linden präsentiert schließlich zwei Arbeiten, PETRUSCHKA von Marco Goecke und DAS FRÜHLINGSOPFER von Pina Bausch. Im Rahmen einer Koproduktion mit der Pina Bausch Foundation tanzt das Ensemble des Staatsballetts erstmals ein Werk der legendären Choreographin und Begründerin des Tanztheaters. Ins Repertoire kehren die Produktionen GISELLE und SCHWANEN­ SEE von Patrice Bart zurück, letzterer erstmals wieder an seinem Ursprungsort, der Staatsoper Unter den Linden. DORNRÖSCHEN in der Inszenierung von Marcia Haydée und ONEGIN von John ­Cranko versprechen große Ballettkunst. DAWSON, EKMAN | EYAL und ­LAB_ WORKS | EYAL beleuchten zeitgenössische Bewegungssprachen von namhaften und jungen ChoreographInnen. Als Gast tanzt DAS STUTT-

GARTER BALLETT im Tempodrom und Tanz ist KLASSE!, das Education-Programm des Staatsballetts, präsentiert seine Arbeit in e­ iner Vorstellung in der Deutschen Oper Berlin. Das Rahmenprogramm führt die erfolgreichen Formate TRAINING ZUM ZUSCHAUEN, EINFÜHRUNSMATINEEN und die Diskussionsreihe BALLET FOR FUTURE? WIR MÜSSEN REDEN! fort. Die anspruchsvollen Partituren werden von insgesamt neun musi­kalischen Leitungen umgesetzt: Ido Arad, Nicholas Carter, Paul ­Connelly, Alevtina Ioffe, Dominic Limburg, Alondra de la Parra, ­Jonathan ­Stockhammer und Krzysztof Urbański. Dr. Christiane Theobald, kommissarische Intendantin des Staatsballetts Berlin freut sich auf eine vielfältige Spielzeit: “Mein suchendes Augenmerk lag für die Saison 2022/2023 auf großen Partituren, die in ihrer tänzerischen Umsetzung der ChoreographInnen zu Meilensteinen der Ballettliteratur gerieten und das vielseitige Können des Ensembles zeigen und erweitern. Darüber hinaus treibt mich die Frage an: Was muss man tun, um diese Kunstform in die Zukunft zu führen? Das Staatsballett Berlin hat sich auf den Weg gemacht, und ich versuche, dies zu nutzen, denn Übergänge sind musikalisch und künstlerisch spannende Momente der Veränderung.” CHRISTIANE THEOBALD © YAN REVAZOV www.staatsballett-berlin.de ANNUAL 22/23

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Enrique Gasa Valga ENRIQUE GASA VALGA © ÖW FLORIAN EGGER

Director de Ballet & Coreógrafo de los corazones Der Direktor der Tanzcompany Innsbruck des Tiroler Landestheaters im Gespräch mit Ingeborg Tichy-Luger 48

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nttäuschte Fans haben Listen mit bisher mehreren tausend Unterschriften initiiert und die Entscheidung massiv kritisiert, dass die Neukonzeption des Tiroler Landestheaters auch das Aus für den langjährigen, erfolgreichen Ballettdirektor und Chefchoreographen der Tanzcompany, Enrique Gasa Valga, ab der Spielzeit 2023/24 bedeutet. Ich treffe den charismatischen Spanier, hinter dem seine Tänzerinnen und Tänzer mit Begeisterung und vollem Einsatz stehen und dem die Herzen des Publikums weit über Innsbrucks Grenzen hinaus zufliegen, zum kreativen Gespräch in einem Lokal nahe seiner Wirkungsstätte. In Barcelona geboren, begann Enrique Gasa Valga eine klassische Ballettausbildung in seinem Heimatland, erhielt danach ein Stipendium an die Escuela Nacional Cubana de Ballet und sein erstes Engagement als Tänzer beim Kubanischen Nationalballett in Havanna unter der Leitung der legendären Alicia Alonso. Wer hat Sie als Tänzer geprägt? Sicherlich Carlos Acosta – er war damals noch in der Compagnie, und er war mein Hero! Aber auch der Ballett-Unterricht von José Manuel Carreño, Principal Dancer beim American Ballet Theatre, hat mich begeistert! Für mich war er der perfekte klassische Balletttänzer – mit Charisma, Finesse, Eleganz – ein großartiger Partner und sehr sympathisch! Ich selbst bin allerdings mehr ein Charaktertänzer gewesen. Von Kuba führte Enrique Gasa Valgas Karriere zurück nach Barcelona, weiter zum Scottish Ballet und “danach bin ich in Mannheim gelandet, wo ich Martine Reyn, meine jetzige Ballettmeisterin, kennengelernt habe.” Gemeinsam ging es weiter nach Karlsruhe und seit der Spielzeit 2003/04 gehören beide der Tanzcompany des Tiroler Landes­ theaters an, zu deren Leiter Gasa Valga ab der Spielzeit 2009/10 berufen wurde. Was hat Sie zum Choreographieren gebracht, und wo haben Sie zu choreographieren begonnen? Mein Ballettdirektor in Mannheim, Marc McClaine, hat mich und Martine als Tänzer geschätzt und mich irgendwann nach einer 20-minütigen Choreographie von mir gefragt. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht kann. Martine hat mir dann geholfen, weil ich in Panik war – und so habe ich als sehr junger Mann meine erste Choreographie gemacht! Mit 27 habe ich dann das Festival Internacional de Dansa d’Esparreguera gegründet, um das dortige Theatre La Passió zu retten. Da das Festival-Budget sehr klein war, musste ich choreographieren, um ­etwas bauen zu können, aber bereits damals habe ich Kylián und ­Béjart gezeigt. Auch Martine und ihre Brüder haben mitgemacht sowie große Namen wie Marc McClaine, Sue Jin Kang oder Ivan ­Cavallari – und das Theater existiert heute noch.

Was inspiriert Sie als Erstes bei einer Choreographie? In erster Linie inspirieren mich die Tänzer und deren Talente. Dann arbeite ich mit der Musik und gehe in den Ballettsaal. So habe ich das zum Beispiel bei meinem Tanzstück “Romy Schneider” gemacht. Was hat Romy damals gehört? Was war ihre Musik? Wer von meinen Tänzerinnen und Tänzern kann das dem Publikum erzählen? Martine bringt dann alles zusammen. Ich muss nicht mehr reden, denn ­Martine weiß genau, was ich will. Auf meine Frage, ob er seine Tänzerinnen und Tänzer in seinen Stücken mitkreieren lässt, antwortet Gasa Valga, dass er streng sei und

genau wüßte, was er will. “Aber ich bin im Dialog mit meinen Tänzern und möchte, dass sie meine Choreographie genießen.” Wie bezeichnen Sie Ihre choreographische Sprache? Es sind viele Elemente. Meine Tänzer müssen über eine sehr gute klassische Technik verfügen, aber in der Bewegung bin ich modern. Wenn ich eine Choreographie für Spitzenschuhe kreiere, kann ich mein Wissen über die perfekte Technik von Alicia Alonso vom Kubanischen Nationalballett nutzen, wenn etwas ohne Spitzen­ schuhe getanzt wird, und die Musik sehr modern ist, dann baue ich auch sehr modern – ich richte mich mit der Bewegung nach der Musik. Wie dokumentieren Sie den Entstehungsprozess und das fertige Stück? Immer mit Video. Martine und ich nehmen die Probensequenzen mit dem Handy auf. Martine hat eine WhatsApp-Gruppe und schickt die Files an die Tänzer, damit wir darüber diskutieren können. Diese technische Entwicklung bringt einen Dialog, den wir zu unserer Zeit nicht gehabt haben. Die Tänzer dürfen auch eigene Ideen dazu einbringen. Wir sind zwar sehr streng, wissen, was wir wollen, geben aber die Möglichkeit zum Gesprächsaustausch. Das fertige Stück wird dann vom Theater ins Archiv übernommen. Sie machen Opernregie sowie Choreographien für Oper, Operette und Musical. Ich habe das sehr genossen und glaube, dass ein Choreograph viel Bewegung und Narratives in die Regie einfließen lässt. Es ist ein ganz anderes Arbeiten als mit Tänzern, denn ich muss mich in die Sänger hineinatmen. Ich habe durch diese Erfahrungen viel gelernt. Beim OperettenSommer Kufstein 2022 hat das Musical “Evita” in meiner Inszenierung und Choreographie einen großen Erfolg gefeiert, und ich freue mich schon sehr darauf, dort ebenfalls für die Produktion “Jesus Christ Superstar” 2023 verantwortlich zu zeichnen! Gefragt nach seiner Arbeit mit Stars, wie Sue Jin Kang oder Nina Proll, antwortet Enrique Gasa Valga: Es ist immer etwas Besonderes mit einem Star zu arbeiten – und es gibt einen Grund, warum diese Künstler Stars sind. Die Zusammenarbeit mit Nina Proll für “Cabaret” war sehr inspirierend, und die hochmusikalische Sue Jin Kang war in meinem Ballett “Madama Butterly” ein Erlebnis. Ich habe ihr Schritte gegeben, und sie hat mir noch drei weitere Möglichkeiten angeboten. Wie fördern Sie junge Choreographen und Tänzer*innen Ihrer Compagnie? Vor vielen Jahren habe ich ein Projekt mit Marie Stockhausen gemacht – sie war lange Zeit als Balletttänzerin in der Compagnie, sehr kreativ und begabt. Für Jungchoreographen-Projekte ist die 18-köpfige Compagnie zu klein. Wenn ich jedoch sehe, dass jemand Talent hat, ist es mir wichtig, ihm eine Produktion im Spielplan samt Budget zu geben – komplett mit allem, was eine Produktion eben braucht. Eine meiner Solistinnen, Lara Brandi, die seit 2014 in meiner Compagnie tanzt und sehr kreativ ist, möchte ich unterstützen. Die Italienerin wird in der Spielzeit 2022/23 mit “Maledetto Modigliani” ihre erste Choreographie auf der Bühne der Kammerspiele zeigen: eine Hommage an ihren Landsmann, den extravaganten bildenden ANNUAL 22/23

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ENRIQUE GASA VALGA © ÖW FLORIAN EGGER

Künstler Amedeo Clemente Modigliani, zu Musik von Ezio Bosso und französischen Chansons. Um die zukünftige Karriere meiner Tänzerinnen und Tänzer zu fördern war es mir auch wichtig, mit berühmten Choreographen wie Marco Goecke, Nacho Duato, Jiri Kylián zu arbeiten. Das hilft dem Prestige der Compagnie und der Tänzer, ist wichtig für deren Lebenslauf, um den Sprung in ein großes Haus zu schaffen. In meiner letzten Spielzeit am Tiroler Landestheater wird der ­Triple Bill “Rhythm!!” am 4. März 2023 Premiere feiern. Dem lustigen und energiegeladenen Signature Piece “Cacti” von Alexander Ekman und dem mystisch-rituellen, von der Natur inspirierten Werk “Gnawa” von Nacho Duato setze ich selbst eine Uraufführung entgegen – eine Hommage an meine Tänzerinnen und Tänzer, in der sie sich künstlerisch entfalten und die sie genießen können. Zwei große narrative Uraufführungen dominieren Ihre letzte Saison als Ballettdirektor und Chefchoreograph der Tanzcompany Innsbruck. Nach der Wiederaufnahme von “Lorca” zum Spielzeitbeginn bringe ich am 29. Oktober 2022 mein Tanzstück “Der große Gatsby” nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald im Großen Haus zur Uraufführung. Die schwierigen Pandemiezeiten haben in uns allen die Sehnsucht nach einer glamourösen, ausgelassenen Party und nach dem American Dream geweckt – mit Greta Marcolongo und Live-Musik auf der Bühne im Stil der “Roaring Twenties”.

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In der Kammerspielen wird am 29. April 2023 mein Tanzstück “Madame Bovary” uraufgeführt werden. Das Libretto ist inspiriert von Gustave Flauberts Roman über eine Frau der gehobenen Kreise, die mit ihren sexuellen und finanziellen Eskapaden sich selbst und ihre Familie in den Abgrund reißt. Diese letzte Choreographie für meine tänzerisch und darstellerisch exzellente Compagnie steht auch als meine Abschiedsvorstellung am 9. Juli 2023 am Spielplan. Wie gehen Sie emotionell mit der schwierigen aktuellen Situation der Neukonzeption des Landestheaters um. Wenn ich in den Ballettsaal komme, mit meinen Tänzern und meinem Team zusammen bin, geht es mir sehr gut. Wir genießen den Prozess und die Arbeit. Im Endeffekt habe ich noch nicht Zeit gehabt zu überlegen, was ich in Zukunft machen werde. Ich muss in dieser schwierigen Coronazeit garantieren, dass die neuen Produktionen stehen. Wir machen mit 18 Tänzern fast 100 Vorstellungen im Jahr, und das ist brutal in der Pandemie. Wenn jemand in unserer kleinen Compagnie gefehlt hat, sind Martine und ich selbst auf die Bühne gegangen. Zu merken, wie wichtig wir für das Publikum sind, ist das Beste, was uns passieren kann. Aber leider gibt es nun eine neue Vision, und das müssen wir akzeptieren. Es ist schön, dass in Innsbruck auf der Straße über Tanz gesprochen wird, dass die Gesellschaft darüber spricht. Für die Tiroler ist Tanz wichtig! Wir haben 13 Jahre lang dafür gearbeitet, das zu schaffen!


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ENRIQUE GASA VALGA WERKKATALOG BALLETT Abendfüllende Produktionen 2022 – Der Große Gatsby 2022 – Dancing Angels, Choreografie Mareas 2021 – Lorca 2021 – Romy Schneider 2020 – Terra baixa 2019 – The Tempest 2018 – A Midsummer Night’s Dream 2017 – Macbeth !NOW!

2016 – Mayerling 2016 – Gefährliche Liebschaften 2015 – Peer Gynt 2014 – Dante Inferno 2014 – Körper.Seelen 2013 – Madama Butterfly 2013 – Faust 2012 – Sweet Dreams 2012 – Carmen 2011 – Beethoven lautlos

2011 – Frida Kahlo Pasión por la vida 2010 – Das bin ich 2010 – Georg Trakl 2009 – Olé! Es lebe das Leben!

Kreationen 2015 – Le Sacre du Printemps 2015 – Strawinsky-Petruschka & Sacre 2012 – Das bin ich 2011 – Tango Calling …?

“MADAMA BUTTERFLY” SUE JIN KANG © RUPERT LARL

“FRIDA KAHLO” MARIE STOCKHAUSEN © RUPERT LARL

“OLÉ!” © RUPERT LARL

“ROMY SCHNEIDER” © BIRGIT GUFLER

“PEER GYNT” © RUPERT LARL

“DANCING ANGELS” MAREAS © BIRGIT GUFLER

“LORCA” © BIRGIT GUFLER

“CARMEN” © RUPERT LARL

“CABARET” NINA PROLL © RUPERT LARL

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“Carmen” und weitere Balletttode und -tödinnen!

Ein Plädoyer für das Leben

BEATE VOLLACK © PAULIO SÓVÁRI

TEXT: BEATE VOLLACK

Der anmutigste Tod wird im Ballett ­gestorben. Der längste in der Oper. Der lauteste im Orchester. Der lyrischste in der Literatur. Der effektvollste im Film. Aber überall wo gestorben wird, wird vorher auch geliebt! In der Kunst geschieht dies meistens leidenschaftlicher als im “normalen”, echten Leben.

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n dieser Saison wird im Ballett der Oper Graz erstaunlich viel gestorben. Aber genau das ist unser Plädoyer für das Leben und das Ballett: Denn das Ballett kann nicht sterben, es kann nur in ihm gestorben werden! Denn es wurde schon immer getanzt. Und es wird immer getanzt werden! Und wir treiben das Ganze auch noch auf die Spitze – im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich auf die Spitzentanzkunst.

“Zum Sterben zu schön”, “Carmen” und “Der Tod und das Mädchen”: Drei Titel, die alle durch den Tod durch Liebe, also dem Liebestod verbunden sind. Zum Auftakt dieser Reihe startet Jo Strømgren mit seinem Stück “Zum Sterben zu schön”. Er ergründet mit einem Augenzwinkern die Verbindung von Inspiration der Musen und dem Tod einiger Komponisten. Dafür hat er sich uns allen wohl bekannte Persönlichkeiten wie Schubert, Chopin, Smetana und Weber ausgesucht. Was ist mit der Musik dieser Genies geschehen, als sie aus dem Leben schieden? Richtig, ihr Schaffen und ihr Werk sind uns allen auch heute noch bekannt. Ihre Musik lebt weiter. Denn, wie der Titel es richtig beschreibt, ist diese und sehr viel weitere Musik einfach zu schön, um zu sterben. Denn alle Komponisten haben mit ihren Werken und ihrer Musik ein Stück Unsterblichkeit geschaffen. Mit “Carmen” fokussieren wir uns dann auf ein konkretes Beispiel: Eine Frau, die uns als erstes nicht wegen ihres Todes, sondern wegen der Liebe, die diesem voranging, bekannt ist. Auch unsere Carmen ist nicht irgendeine Frau, die zufällig diesen Namen trägt. Nein, unsere Heldin ist “die” Frau, deren Schicksal in unzähligen Interpretationen, Werken und Genres be- und verarbeitet wurde. Sie ist die starke Frau, die in gleichem Maße verführerisch wie auch unabhängig ist. Ihre Selbstbestimmung steht für sie über allem, dafür ist sie bereit zu sterben. Sie ist die Grenzgängerin, die die abgegriffenen Kategorien Gut und Böse hinter sich lässt und dafür Liebe und Hass etabliert. Die Liebe nährt sie. Die Liebe beflügelt sie. Die Liebe nährt aber auch den Hass. Und so kann am Ende José, dessen große Liebe zu Carmen in noch größere Eifersucht und letztlich unbändigen Hass umgeschlagen ist, nicht anders: Er wird, er muss sie töten. Einerseits aus Egoismus, denn was er nicht haben und besitzen kann, soll niemand haben, aber auch, um sich selbst zu retten. Carmen ist am Ende der Tod lieber, als sich Konventionen zu beugen. Am Ende muss sie unterliegen, denn wer sich den üblichen Konventionen nicht anpasst, der


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wird von ­ihnen eliminiert. Sie glaubt an die Freiheit ohne Einschränkungen. Sie kämpft, ohne sich zu ergeben. Sie stirbt, aber ihre Ideale leben weiter! Die Stärke des Hasses, der aus dieser tiefen Liebe der Gegensätzlichkeit gewachsen ist, übersteigt die Größe der Liebe. Das ist auch das Faszinosum dieser ungleichen Liebe, denn gegensätzlicher als Carmen und José könnten die beiden Protagonisten und einander Begehrenden nicht sein. In unserer Grazer Interpretation erklingen dazu nicht nur die allseits bekannten und unverwechselbaren Melodien von Georges Bizet, sondern wir stellen ihr, Carmen, einen “Stier” zur Seite, der gleich wie sie für das Wilde und Unzähmbare steht. Etwas, das alle bändigen, besiegen oder beherrschen wollen. Das woran am Ende alle kläglich scheitern werden. Beide, der Stier und Carmen, zehren von einer unsichtbaren Quelle, die sie mit fast übernatürlicher Kraft mutig und unabhängig jeglicher Konsequenzen handeln lässt. Der Stier tut dies aus seinem tierischen Instinkt heraus. Und Carmen? Fast scheint es, als ob auch sie eine Art animalische Triebfeder besitzt. Aber bei genauem Hinsehen merken wir, dass es bei ihr eine zutiefst menschliche Ursache, nämlich die Sehnsucht nach Freiheit ist.

Am Ende sind beide dem Tod geweiht. Und wir können nur zusehen, wie sie bis zum letzten Moment kämpfen und sich nicht ergeben. Unbesiegt sterben sie und werden so auf ihre ganz eigene Art ebenfalls unsterblich. Ist es nicht das, wonach wir alle streben? Ist es nicht das, was wir Menschen uns wünschen? Frei sein! Unabhängig von Konventionen! Leben und lieben – wen, wo und wie wir wollen. Carmen stirbt dafür in dieser Erzählung. Aber sie ist nicht allein, denn in der Geschichte der Menschheit sind schon viel größere Kriege, für viel weniger Elementares gefochten worden! Jo Strømgren hat sich zu Beginn der Saison unter anderem schon mit der Person Franz Schubert beschäftigt. Am Ende der Saison werden wir uns nun näher mit seiner Musik auseinandersetzen: Mit seinem wohl schönsten Streichquartett “Der Tod und das Mädchen” wird ein Stück unsterblich schöne Musik erklingen. Dieses meisterliche Werk birgt ebenso wie die Kunst des Balletts viel Leidenschaft, Grazie und Anmut in sich – daher werden wir beide miteinander verschmelzen. Obwohl Schubert beim Komponieren keine konkrete Geschichte erzählen wollte, tut

es die Musik, die er geschaffen hat. Sie tanzt! Und wir mit ihr. Um die gegenseitige Bedingung von Musik und Tanz noch zu unterstreichen, werden wir ein neues Stück Musik extra für unseren Tanz, unser Ballett, komponieren lassen. David Philip Hefti wird Schuberts Musik mit seiner eigenen Klangfarbe ergänzen. Er wird unter gleichem Titel ebenfalls ein Streichquartett komponieren, das wir dem Schubert‘schen voranstellen. So werden wir nicht nur sehen, sondern auch hören, wie der Tod von damals und die Tödin aus dem Heute sich langsam dem Mädchen annähern, um es dann schön, anmutig und mit Grazie und Eleganz in ihr Reich zu holen. Große Namen und tiefe Gefühle warten auf uns. Tänzerisch begeben wir uns auf eine sehr emotionale Reise, die musikalisch von den Meistern ihres Faches begleitet wird. Wir schaffen in dieser Saison also nicht nur unvergessliche Momente, sondern selbst auch ein Stück Unsterblichkeit. Und das Letzte, und unvergesslich Schönste, das dazu erklingen wird, ist Ihr Applaus… BALLETT IN DER SAISON 2022/23 Zum Sterben zu schön Ballett von Jo Strømgren zu Musik von Franz Schubert, Robert Schumann, Frédéric Chopin u. a. Premiere 13. Oktober 2022 Carmen Ballett von Beate Vollack zu Musik von Georges Bizet u. a. Premiere 11. Februar 2023 Der Tod und das Mädchen Ballett von Beate Vollack und Sascha Pieper zu Musik von David Philip Hefti und Franz Schubert Premiere, 24. Mai 2023 Short little greats Choreographien aus dem Ballett der Oper Graz Premiere 14. Juni 2023 ABC des Tanzes (Studiobühne) “Zum Sterben zu schön” – Eine Probe mit Jo Strømgren Freitag 23. September 2022

FOTOS: BALLETT OPER GRAZ

“Carmen” – Erste Einblicke in die neue Kreation Freitag 16. Dezember 2022 Der Pas de deux – Die Kunst des Zusammen-Tanzens Am Beispiel von “Der Tod und das Mädchen” Freitag 14. April 2023 Beginn jeweils 19.30 Uhr Mehr Informationen auf oper-graz.com Tickets: tickets@ticketzentrum.at / 0316 8000 ANNUAL 22/23

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Tanzquartier Wien 22/23 “W

ir freuen uns auf eine spannende neue Saison: Die kuratorische ­ Rolle der Künstler ist immer wichtiger geworden. ­Ästhetische oder poetische künstlerische Praktiken lassen sich nicht mehr von politischer Arbeit trennen. Choreographie und Performance sind wegweisende Methoden, um dystopische Szenarien zu bekämpfen und neue Visionen zu schaffen.” Bettina Kogler & Christa Spatt

Tashweesh Festival – 7. bis 15. Oktober / Tanzquartier Wien Tashweesh (arabisch für “Störgeräusch") ist ein interdisziplinäres Kunstfestival, das sich darauf konzentriert, feministische Bewegungen zusammenzubringen und eine Plattform für künstlerische Praktiken und Forschung im Zusammenhang mit intersektionalem Feminismus in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika zu schaffen. Nach Statio­ nen bei L'Art Rue in Tunis im September und bei Beursschouwbourg in Brüssel Anfang Oktober kommt Tashweesh vom 7. bis 15. Oktober ins Tanzquartier Wien. Das vielfältige Programm mit Performances, Vorträgen, Diskussionen, Workshops, Filmen, bildender Kunst und einer Party steht für den Wunsch, trotz kultureller Unterschiede Ge­ meinsamkeiten zu finden. Ziel ist es, Themen wie Geschlechterstereo­ typen, queere Utopien, öffentlicher Raum, aktivistische Strategien und feministische Revolutionen zu beleuchten. Eröffnet wird das Festival mit einem Vortrag der indischen Politik­ wissenschaftlerin Nikita Dhawan über Gender Studies und postkolo­ niale Theorie (7. Oktober). Zu den weiteren Höhepunkten gehört Rima Najdis Multimedia-Performance “I Grew an Alien Inside of Me”, die auf zwei lebensverändernden autobiografischen Ereignissen basiert – der Geburt eines Kindes und der Teilnahme an einer Revolution (7./8. Oktober). Und die in Wien lebende iranische Choreographin

“ISLANDS” CHOR.: JEFTA VAN DINTHER © CARL THORBORG

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­ lduz ­Ahmadzadeh verbindet in ihrer Performance “TARAB" die jahr­ U tausendealte vorislamische Tanz- und Musikkultur der persischen Hochebene mit zeitgenössischen Tanzelementen, um über koloniale Dynamiken und die Rolle der Frau zu reflektieren (13./14. Oktober).

Uraufführungen durch österreichische Künstler: Ophelias Erben und alternative Formen der Gemeinschaft Fluktuation, Reflexion, Reproduktion, Heilung und Gewalt: Mit einer multidisziplinären, generationsübergreifenden Besetzung ist ­ ­Florentina Holzingers “Ophelia's Got Talent" eine physische Studie über die Psychologie des Wassers im 21. Jahrhundert. Die Bühne: ein nasses Terrain. Ob im Schwimmbad, im Sumpf oder im Moor, ­Ophelias Erben müssen sich dem Unvermeidlichen stellen (21.–23. und 25./26. April). Das neue Gruppenstück “SOILED" des NESTROY-Preis­ trägers Michael Turinsky entmystifiziert den utopischen Traum unse­ rer Zivilisation vom perfekten, unendlich produktiven Körper und er­ forscht gleichzeitig alternative Formen der Gemeinschaft (3./4. März). Das tänzerische Erbe steht im Mittelpunkt des Quartetts “Hedera helix" von Elizabeth Ward, das Zeit und Ort überschreitet und die Prinzipien der barocken Landschaftsgestaltung und des postmodernen Tanzes aufgreift (25./26. November). Und die neueste künstlerische Arbeit von

“BEHIND YOUR EYEBALLS” CHOR.: SALMA SAID & MIRIAM CORETTA SCHULTE © ROLF ARNOLD © FLORIAN MOSHAMMER


modern&contemporarydancer’sANNUAL Alix Eynaudi, die in Zusammenarbeit mit dem Musiker Han-Gyeol Lie und dem TQW-eigenen Tanzensemble PARASOL entstand, ist eine spekulative Sammlung von Liedern und Tänzen, die auf der Idee einer Bibliothek basieren (16./17. Dezember). ” werden den Raum der TQW Philipp Gehmacher und Katalin Erdodi Halle G für ihr Projekt “TOGETHER THE PARTS" in einen Ort der Be­ gegnung verwandeln: eine Zusammenkunft künstlerischer, performa­ tiver und physischer Praktiken (11.–13. und 18.–20. November). Oleg Soulimenkos “Sleeping Duty" reflektiert über körperliche und sensible Erinnerungen sowie über die Nachwirkungen alltäglicher Bewegun­ gen. Seine vier Performer verwandeln funktionale Körperhaltungen in etwas völlig anderes (2./3. Dezember). Samuel Feldhandler er­ forscht die Beziehung zwischen Tanz und Musik in Form von Sonaten (10./11. Februar). Und Claudia Bosse bohrt in ihrem neuesten Werk in Gestein und Sedimenten, um den Steinen und Knochen und ihren Erinnerungen buchstäblich auf den Grund zu gehen (24./25. Februar).

Internationale Koproduktionen: Neue Lebensformen und unheimliche Doppelgänger Samira Elagoz' preisgekrönte Filmperformance erzählt die Geschichte einer dystopischen Liebesbeziehung zwischen zwei Trans­ männern am Ende der Welt. Gleichzeitig hebt sie herkömmliche Geschlechterstereotypen auf (28./29. Oktober). Die Schweizer Choreo­ graphin A ­ lexandra Bachzetsis ist international bekannt für ihre inter­ disziplinäre Praxis an der Schnittstelle von bildender und darstellender Kunst. In der kommenden Saison wird sie im TQW gleich zwei Gruppen­ stücke zu den Themen unheimliche Doppelgänger (“Chasing a Ghost”, 9./10. Dezember) und die Darstellung von Körpern als Objekte eines begehrenden Blicks (“2020: Obscene”, 20./21. Jänner) präsentie­

“OPHELIA’S GOT TALENT” CHOR.: FLORENTINA HOLZINGER © NICOLE MARIANNA WYTYCZAK

ren. Das neue Solo “A Plot / A Scandal" der dominikanisch-ameri­kanischen Choreographin Ligia Lewis erzählt auf emotionale Weise von Rassismus und Sklaverei, indem es historische, politische, persönliche und mythische Erzählungen miteinander verknüpft und so die Grenzen der Darstellung austestet (17./18. Februar). Und in ­“Islands", einer archaisch-futuristischen Choreografie für 13 Tänzer der renommierten schwedischen Tanzkompanie Cullberg, entführt uns Jefta van Dinther an einen Ort jenseits von Raum und Zeit, wo neue nicht-menschliche Lebensformen koexistieren können (23./25. März).

Arbeiten am Schnittpunkt verschiedener Kunstdisziplinen: Kooperationen mit MAK, Wien Modern und Musikverein Wien Kooperationen mit Ausstellungshäusern und anderen Kultureinrich­ tungen sind fester Bestandteil des Programms des TQW. Sie verdeut­ lichen, wie Künstlerinnen und Künstler heute an der Schnittstelle verschiedener Kunstsparten arbeiten. Zur Saisoneröffnung wird ­Doris Uhlich eine performative Installation in der Säulenhalle des Mu­ seums für Angewandte Kunst präsentieren. In diesem Galerieraum wird sie die existenzielle Substanz Schleim neu beleuchten und eine verwirrende Atmosphäre aus Ekel und Faszination schaffen (2. und 4. Okto­ ber). Auch ein Dialog zwischen Tanz und zeitgenössischer Musik wird im Rahmen von Wien Modern initiiert: Eine neue Kom­ position von Mark Barden wird Ligia Lewis' Solo begleiten, das von Whitney Houstons Musik inspiriert ist (4./5. November). In dieser Saison gibt es aber auch die erste Kooperation zwischen TQW und Musikverein Wien: Die Performance “All Around" der Choreographin und Tänzerin Mette Ingvartsen und des Schlagzeugers Will Guthrie besteht aus rotierenden und kreisenden Bewegungen, Rhythmen und Tempi, die eine ekstatische und tranceartige Intensität erzeugen (12./13. März).

“TARAB” CHOR.: ULDUZ AHMADZADEH © CLAUDE HOFER

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Festspielhaus St. Pölten

Hot Spot des zeitgenössischen Tanzes PREMIEREN SAISON 2022/2023: Akram Khan . English National Ballet Anne Teresa De Keersmaeker . Opera Ballet Vlaanderen Sidi Larbi Cherkaoui . Eastman Sharon Eyal . tanzmainz Jan Martens . Opera Ballet Vlaanderen Serge Aimé Coulibaly . Faso Danse Théâtre u. v. m.

TANZMAINZ . SHARON EYAL © ANDREAS ETTER

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AKRAM KHAN . ENGLISH NATIONAL BALLET: “GISELLE” © LAURENT LIOTARDO

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nter der neuen künstlerischen Leitung von Tanzexpertin Bettina ­ Masuch startet Österreichs großes Premierenhaus für den internationalen zeitgenössischen Tanz im Herbst in seine neue Spielzeit. Mit der Österreich-Premiere “ Vlaemsch (chez moi)” eröffnet Sidi Larbi Cherkaoui die neue Saison im Festspielhaus St. Pölten. In der mitreißenden Performance setzt sich der flämisch-marokkanische Tänzer und Choreograf mit dem kulturellen Erbe Flanderns auf persönlich-autobiografischer wie öffentlichgesellschaftlicher Ebene auseinander. Nur eine Woche später gastiert Sharon Eyal mit dem hypnotischen Tanzstück “Soul Chain”. Der unverkennbare Stil der gebürtigen Israelin fusioniert ausgefeilte verfremdete Balletttechnik mit eindringlichem Elektro und hinterlässt wahrhaft physische Eindrücke. Geschlechterrollen und soziale Ungleichheit sind in den Arbeiten von Oona Doherty stets präsent: Mit der Österreich-Premiere von “Navy Blue” zeigt die preisgekrönte nordirische Tänzerin und Choreografin eine gleichermaßen raue wie poetische Performance. Ein Klassiker der Avantgarde steht im ­Dezember auf dem Programm: Anne ­Teresa De Keersmaeker bringt “Mozart/Concert ­Arias” zurück auf die Bühne. Die belgische Ausnahmekünstlerin folgt dem theatralen Genie Mozarts und interpretiert tänzerisch

jede Arie divers. Dreißig Jahre nach der Uraufführung durch Rosas nimmt das Opera Ballet Vlaanderen den choreografischen Meilenstein neu in sein Repertoire auf und verwandelt die Festspielhaus-Bühne in ein verspieltes Rokoko-Parkett. English National Ballet & Opera Ballet Vlaanderen zu Gast im Festspielhaus Eines der größten romantischen Ballette aller Zeiten über Liebe, Verrat und Erlösung in einer bahnbrechenden Neuinterpretation ist im Februar 2023 erstmals in Österreich zu erleben: 2016 kreierte Akram Khan “Giselle” für das English National Ballet und hauchte damit einem Klassiker der frühen Romantik neues Leben ein. Spielerisch verwebt der britisch-bengalische Star-Choreograf klassisches Ballett mit indischem Kathak sowie Elementen aus industriellen Prozessen, höfischer Zeremonie und Volkstanz. Nachdem das Opera Ballet Vlaanderen bereits mit Anne Teresa De Keersmaekers “Mozart/Concert Arias” gastierte, kehren die Tänzer:innen der Compagnie mit “Futur Proche”, der neuen Kreation von Jan Martens, zurück ans Festspielhaus St. Pölten. Der junge belgische Choreograf ist mit seinen Stücken stets am Puls der Zeit, entzieht sich zugleich jedoch jeglicher Mode und lässt dadurch große Wahrhaftigkeit auf der Bühne entstehen.

PREMIEREN 2022/2023 Sidi Larbi Cherkaoui . Eastman “Vlaemsch (chez moi)” Fr. 7. Oktober 2022 tanzmainz . Sharon Eyal “Soul Chain” Sa. 15. Oktober 2022 Saïdo Lehlouh “Wild Cat” Sa. 29. Oktober 2022 Oona Doherty “Navy Blue” Fr. 11. November 2022 Groupe Acrobatique de Tanger “FIQ! (Wach auf!)” Sa. 19. & So. 20. November 2022 Opera Ballet Vlaanderen . Tonkünstler . Anne Teresa De Keersmaeker “Mozart/Concert Arias” Fr. 2. & Sa. 3. Dezember 2022 Serge Aimé Coulibaly . Faso Danse Théâtre “Wakatt” Sa. 21. Jänner 2023 Akram Khan . English National Ballet “Giselle” Fr. 24. & Sa. 25. Februar 2023 Jan Martens . Opera Ballet Vlaanderen “Futur Proche” Sa. 25. März 2023 Doris Uhlich “Sonne” Sa. 22. April 2023 fABULEUS . Tonkünstler “Electric Life” Sa. 6. Mai 2023 Rachid Ouramdane “Corps êxtremes” Fr. 16. Juni 2023 ANNUAL 22/23

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Bettina Masuch, die Künstlerische Leiterin des Festspielhaus St. Pölten ab der Spielzeit 2022/23 im Gespräch mit Ingeborg Tichy-Luger

Die Umarmung der Künste

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iebe Frau Masuch, herzliche Gratulation zur Übernahme der Künstlerischen Leitung des Festspielhaus St. Pölten als Präsentationsort für Tanz und international wichtiger Koproduktionspartner für die zeitgenössische Tanz- und Ballettszene. In Ihrem Begrüßungs-Statement sagten Sie, Sie sähen Ihre neue Aufgabe gleichermaßen als Herausforderung und Herzensangelegenheit, wollen Nähe zulassen und das Festspielhaus als realen Ort der Begegnung positionieren – sowohl im Leben als auch auf der Bühne. Passend dazu haben Sie die Umarmung als Motto und prägendes Motiv des neuen Corporate Design gewählt. Es gab für diese thematische konzeptuelle Entscheidung zwei sehr starke Einflüsse: Der eine war, dass mein erstes Programm in der Zeit der Pandemie entstanden ist. Ich bin in eine Stadt gekommen, die leer war, weil sie sich im Lockdown befunden hat, in ein Festspielhaus, in dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Home-Office gearbeitet und wir einander das erste Mal über Zoom kennengelernt haben. Während meiner Programmplanung konnte ich keine Vorstellungen oder Konzerte sehen oder hören – und es stellte sich mir eine Frage, die mich natürlich sehr bewegt hat: Wie kommen wir wieder zusammen, wenn wir aus dieser Pandemie herauskommen? Werden wir einfach den Schalter umlegen, auf einander zustürzen und diese letzten zweieinhalb Jahre vergessen – oder werden wir uns mit einer gewissen Distanz und Vorsicht auf einander zubewegen? Der zweite Einfluss war, dass das Festspielhaus sehr schön, aber natürlich auch eine Herausforderung ist, weil es ein großes, prächtiges Haus ist. Es strahlt den Wunsch nach Exzellenz aus, der viele Menschen einbezieht, sich aber vielleicht andere nicht gemeint fühlen. Ich glaube, die Herausforderung wird in der Zukunft sein, auch auf diese Menschen zuzugehen und sie zum Teil unseres Publikums zu machen. Sie sagten, sie verständen das Festspielhaus als Ort zwischen Tradition und Gegenwart, wollen die Kunst am Puls der Zeit mit der Pflege des Erbes verbinden und zu den Wurzeln schauen, sowie die Kunstformen Tanz und Musik künstlerisch miteinander verbinden. Ich glaube, dass es ein großes Alleinstellungsmerkmal des Hauses ist, dass durch die Residenz des Tonkünstler-Orchesters das klassische Erbe in der Musik sehr präsent ist. Im Tanz gibt es dieses Erbe auch – nicht nur im klassischen Tanz, wo es uns über die großen Märchenballette sehr präsent ist, sondern auch im zeitgenössischen Tanz gibt es mittlerweile eine Tradition, ein kulturelles Erbe, einen Kanon, auf den sich sehr viele Choreographinnen und Choreographen beziehen. Und ich finde es besonders in dieser sehr flüchtigen Kunstform, dem Tanz, interessant, immer wieder Bezüge herzustellen, weil ich glaube, dass es spannend ist, diese frühen Werke nochmals zu sehen. Das ist ja, als würde man Klassiker nochmals lesen und neu sehen. Es gibt bestimmte Werke, die man als

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Signature Pieces von Choreographinnen und Choreographen bezeichnet, die deren Weltruhm begründet haben, und ich finde, dass alle, die sich mit Tanz auseinandersetzen, diese einmal gesehen haben sollten. Da habe ich einen kleinen missionarischen Punkt in mir, weil ich diese Werke großartig finde und ab und zu zeigen muss. Es ist zwar schwer, das zu ermöglichen, weil es auch für Choreographinnen und Choreographen schwierig ist, diese Stücke im Repertoire zu halten, aber da können Häuser, wie das Festspielhaus, als positiver Verstärker fungieren. Sie haben eine große Leidenschaft für Tanz – und in Ihrer Jugend auch Ballettunterricht erhalten. Als ich Ballett gelernt habe, war ich noch sehr klein. Aber dann, mit 13, als ich Pina Bauschs Arbeit das erste Mal gesehen habe, war das ein Augenöffner für mich, aber auch ein Schock. Ich habe sie zuerst überhaupt nicht verstanden, weil ich bis dahin eher die narrativen Ballette gewohnt war – meine Eltern sind große Operettenfans, das war damals mein Horizont. Bauschs Stück ist mir als eine Art Auseinandersetzung mit Mann, Frau und Geschlechterkonflikten sehr in Erinnerung. Das war in einer Zeit, als sie noch nicht die Grande Dame des Deutschen Tanztheaters war, sondern eine junge Choreographin, die auch sehr angefeindet wurde. Ihr Stück hat mich wirklich verstört, aber ich bin am nächsten Tag nochmals hingegangen. Ich komme aus Solingen, das liegt neben Wuppertal, und ich habe in meiner Schulzeit alles von ihr gesehen. Das war meine Tür in die zeitgenössische Tanzkunst, um zu verstehen, dass diese wirklich etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben kann. Ich habe an der Auseinandersetzung mit Pina Bauschs Werk Tanz sehen gelernt. In der Programmvorschau 2022/2023 des Festspielhaus St. Pölten kündigen Sie ein markantes, kontroverses, originelles, spartenübergreifendes und gelegentlich gewagtes Programm mit internationalem Angebot und internationale Kooperationen an. Das hat natürlich auch mit der Zeit der Pandemie zu tun, dass ich oft in diesem leeren Haus und im leeren Zuschauerraum war und mich immer wieder gefragt habe: Wer ist denn eigentlich das Publikum, das hierherkommt? Wer sind die Menschen, was haben sie gesehen, was erwarten sie, was mögen sie, was hassen sie? Schon allein wegen der Größe dieses Hauses ist es klar, dass das Angebot, das wir machen, viele Menschen ansprechen muss. Ich glaube, dass es in unserer heutigen Zeit eine Herausforderung ist, dass man wieder eine gemeinsame Mitte findet, weil wir derzeit gewohnt sind, uns in unserer eigenen Nische aufzuhalten. Man hat keine Übung mehr, sich mit Andersdenkenden, -sprechenden, -fühlenden auseinanderzusetzen. Die Aufgabe ist es, ein Programm zu gestalten, bei dem vielleicht manchmal ein paar unserer Gäste denken: Aha, warum hat sie den jetzt eingeladen? – aber ich hoffe auch, dass sie darin etwas finden werden, womit es für sie wert ist sich auseinanderzusetzen und einen Abend zu verbringen.


modern&contemporarydancer’sANNUAL in ­Avignon Premiere haben wird. Als ich Martens kennengelernt habe, hat er Miniaturen für zwei Tänzer gemacht und mittlerweile eröffnet er das Festival in ­Avignon im Cour d’Honneur. Ich halte ihn für sehr begabt und hoffe, dass wir ihn weiter unterstützen können.

BETTINA MASUCH © FLORIAN SCHULTE

Was ist das gewagte Moment in der kommenden Saison? Ich hatte neulich ein interessantes Erlebnis, das mir gezeigt hat, dass man oft auch von falschen Annahmen ausgeht: Das Ballett am Rhein hatte im Frühjahr 2022 in einem mehrteiligen Abend das Stück “Salt Womb” von Sharon Eyal präsentiert. Ich habe mit meiner betagten Mutter die Vorstellung besucht – und dieses Stück hat ihr am besten gefallen, was ich sehr interessant fand. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass Saïdo Lelouh, wenn man noch nicht viel von urbanem Tanz gesehen hat, ebenso eine Herausforderung ist, wie Oona D ­ oherty, die aus dem irischen Arbeitermilieu kommt und Stücke macht, die explizit gesellschaftskritisch sind. Vielleicht unterschätze ich unser Publikum – aber das wären meiner Meinung nach Stücke, die eher ein jüngeres Publikum ansprechen. Kontinuität ist in Ihrem Programm ein wichtiges Thema. Während Ihrer achtjährigen Intendanz am tanzhaus nrw hatten Sie seit 2020 eine Kooperation mit dem Ballett am Rhein. In der Vergangenheit hat Ihre Vorgängerin am Festspielhaus St. Pölten, Brigitte Fürle, einige Male Werke von Martin Schläpfer mit dem Ballett am Rhein gezeigt. Werden Sie den jetzigen Ballettchef dieser C ­ ompagnie, Demis Volpi, ebenfalls einladen und auch mit anderen Choreographinnen, Choreographen und Compagnien die Zusammenarbeit fortsetzen? Ja, Demis Volpi und ich sind miteinander in Gesprächen. Ich schätze ihn sehr als Künstler und werde mich deshalb bemühen, dass es in einer der kommenden Spielzeiten gelingt, ihn mit seiner Compagnie einzuladen. Ich finde es als großes Privileg meiner Arbeit, dass ich bereits an sehr unterschiedlichen Orten arbeiten durfte. Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die mich schon sehr lange begleiten, die ich kennengelernt habe, als ich sehr jung war, als die sehr jung waren, und bei denen ich auch das Gefühl habe, dass man sich ein bisschen parallel entwickelt. Ich finde es spannend, immer wieder nochmal hinzuschauen und zu sehen, was sie machen. Aber es gibt auch ein paar jüngere Künstler, wie Jan Martens, der bei uns im Programm der Saison 2022/2023 ist. Er war Artist in Residence am tanzhaus nrw. Und ich habe ihn schon seinerzeit in Utrecht als ganz jungen Choreographen gezeigt. Er arbeitet jetzt mit dem Opera Ballet ­Vlaanderen. “Futur proche” heißt die Produktion, die wir von ihm zeigen, und die

Das Festspielhaus ist Teil des gesellschaftlichen Lebens der Stadt St. Pölten, die, trotzdem sie nicht Kulturhauptstadt wurde, auch ohne EU-Titel im Jahr 2024 mit einem großen Kunst- und Kulturschwerpunkt weiterhin den Anspruch als modellhafte Mittelstadt der Zukunft im europäischen Rampenlicht erheben wird. Synergien mit dem Kulturvermittlungs-Programm des Festspielhauses sind geplant in den Bereichen Community, Young Professionals und mit Workshop-Tagen. Es gibt mittlerweile bereits eine Arbeitsgruppe zwischen Christoph Gurk, dem künstlerischen Leider der Tangente – Festival für Gegenwartskunst, mit Marie Rötzer, der Künstlerischen Leiterin des Landestheaters, und mit mir, in der wir uns auf das Programm vorbereiten und besprechen, was auf jeden Fall passieren sollte. Es ist schön, dass wir jetzt so einen langen Vorlauf haben, um einander besser kennenzulernen und genau sehen zu können, welche Orte in der Stadt im Jahr 2024 bespielt werden sollen. Es wird ja auch baulich einiges passieren: Die Synagoge wird rekonstruiert und das KinderKunstLabor wird eröffnet. Wir haben auch mit den Musikschulen Kontakt, weil wir den Plan haben, gemeinsam mit den Musikschulen und dem Festspielhaus eine Jugendtanz­ compagnie zu gründen. Die Gespräche sind schon weit gediehen, und wir planen im Frühjahr 2023 den Startschuss zu geben. Es soll auch Residenzen im Haus geben – vor allem für lokale Choreographinnen und Choreographen. Es ist mir sehr wichtig, dass das Festspielhaus sich auch mit der österreichischen Szene vernetzt, und dass diese das Haus auch als Arbeitsort wahrnimmt. Es gibt bereits viele Communities am Haus, die Brigitte Fürle mit der Kulturvermittlung aufgebaut hat. Gerade zu ihrem Abschied konnte man sehen, dass “alle tanzen”. Diese sehr engagierte Gruppe und auch die Chöre im Haus wollen weitermachen. Es gibt zu meiner großen Freude sehr viel, auf dem ich aufbauen und mit dem ich weiterarbeiten kann! Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Masuch, und toi, toi, toi für Ihre Künstlerische Leitung!

dancer’s talk Tanz-Expertin Bettina Masuch im Dialog mit Ingeborg Tichy-Luger Am 24. Februar 2023 anlässlich der Premiere von Akram Khans “Giselle” mit dem English National Ballet im Festspielhaus St. Pölten. 17.00–17.45 Uhr: dancer’s talk mit Sektempfang 18.30–19.00 Uhr: Einführungsgespräch 19.30 Uhr: Österreich-Premiere “Giselle” Im Anschluss: Einladung zur Premierenfeier Anmeldung unter tichy-luger@dancers-magazine.at ANNUAL 22/23

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dancer’sANNUALmodern&contemporary

Der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF fördert Künstlerische Tanzforschung von ROSE BREUSS

D

as künstlerische PEEK Forschungsprojekt Atlas of Smooth Spaces – Notational Practices of audio-corpo­real arts wurde von 2021–2024 in einer Kollaboration zwischen Universität für Musik und Darstellender Kunst Wien, dem Tanzinstitut der Anton Bruckner Privatuniversität, dem Complexity Science Hub Wien und dem Humboldt-F­ orum Berlin bewilligt. Es geht um den Raum, den Tänzer- und Choreograph*Innen herstellen, um den ge­ nauen Blick auf deren räumliche Vollzüge und choreographische Raumkonzepte, -Modelle, und -Vorstellungen. Die Forschung erfolgt in der künstlerischen Praxis einer Gruppe von professionellen Tänzer-, Choreograph- und Mu-

siker*innen und einem Mathematiker. Tanz/ Choreographie: Rose Breuss, Dámian C ­ órtes Alberti, Constantin Georgescu, Marcela ­López Morales, Maria Shurkhal; Musik: Hanne Pilgrim, Johannes Hiemetsberger, Adrian ­ Artacho; Direct Cinematic Sound: William Franck; Mathematik: Leonhard Horstmeyer. Raumvorstellungen fundieren auf selbstverständliche Weise unsere Alltagsbewegungen. Wir bewegen uns zwischen und mit Objekten, die uns im Raum orientieren und Körperbewegungen koordinieren. Beispielweise gehen wir nach Hause zurück; oder wenden räumliche Metaphern in unserem Denken an und denken weit über die Grenze hinaus; oder finden, jemand ist engherzig.

Tänzer- und Choreograph*innen suspendieren die räumliche Gebundenheit an Objekte. Sie kreieren Räume. Neue virtuelle, visionäre, makro- und mikroskopische Räume entstehen. Im neu ins Leben gerufenen Rosenberg Dance Research Festival präsentiert die Forschungsgruppe ihre Studien und künstlerischen Performances. Das Festival findet von 24.–28. Oktober 2022 an der Anton Bruckner Privatuniversität statt und bietet eine Plattform für die forschende Praxis von Tänzerund Choreograph*innen. Eine internationale Tänzerschaft präsentiert und diskutiert – öffentlich zugänglich für ein Publi­kum – die jeweiligen Forschungsdisplays.

https://www.bruckneruni.at/de/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen/detail?tx_gtncachedevents_events%5Baction%5D= show&tx_gtncachedevents_events%5Bcontroller%5D=Event&tx_gtncachedevents_events%5Bevent%5D=3783749&cHash= bdb612b3e328f636cbb9939f3d7ff7da

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modern&contemporarydancer’sANNUAL

Weitere Aktivitäten finden in Kooperation mit der Tanzcompany Choreographia[Inter] Austriaca, Consort of Spectacle, Performance, Dance und mit dem Chorus Sine Nomine unter der Leitung von Johannes Hiemetsberger statt. Choreographia[Inter]Austriaca wurde als Kollektiv von Tänzer*innen und Choreograph*innen von Damián Córtes Alberti, Rose Breuss, Kai Chun Chuang, Marcela ­López Morales und Maria Shurkhal ins Leben gerufen. Das Ensemble erarbeitet Choreographien, die besonders vernachlässigtes, aber umso faszinierenderes, migratorisch-geprägtes Archivund Notationsmaterial in die choreographischen Prozesse der Bewegungs(er)findungen einbindet. Innovative und forschende Arbeitsmethodiken situieren das Ensemble jenseits konventioneller Produktionspraktiken von Tänzen und Choreographien. Am 1. November 2022 präsentiert das Ensemble eine Wie-

ner Uraufführung im brick-5 mit Choreographien, die im PEEK Forschungsprojekt Atlas of Smooth Spaces experimentell erarbeitet wurden. Weitere Aufführungen erfolgen u. a. im Rahmen des Festivals Imago Dei 2023, beim Brückenfestivals in Neulengbach 2023, in der Academy for Performing Arts Bratislava, im Theater Westflügel Leipzig und in der St. Nikolais Kirche Urfahr in Linz. Die Leser*Innen des Artikels sind herzlich zur Wiener Uraufführung von Choreographia[Inter]Austriaca, Consort of Spectacle, Performance, Dance eingeladen: brick-5, ehemalige Erbsen­ fabrik, Herklotzgasse 21, 1150 Wien am 1. November 2022, 19.00 Uhr. Ein Sektempfang zum Wiener Einstand des Tanzensembles um 18.00 Uhr wurde privat dazu gesponsert. https://www.brick-15.at

FOTOS: CONSTANTIN GEORGESCU

TANZ: ŽIGA JEREB

TANZ: MARIA SHURKHAL

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„NO. 1 GREATEST MUSICAL OF ALL TIME “ The Times

BB Promotion GmbH & Sundance Productions Inc. NY

WEST SIDE STORY Based on Conception of JEROME ROBBINS

Book by

ARTHUR LAURENTS

Music by

LEONARD BERNSTEIN

Lyrics by

STEPHEN SONDHEIM

Entire Original Production Directed and Choreographed by

JEROME ROBBINS

Originally Produced on Broadway by Robert E. Griffith and Harold S. Prince by Arrangement with Roger L. Stevens

31.01. - 05.02.23 WIENER STADTHALLE, HALLE F Tickets:

www.westsidestory.at

WEST SIDE STORY is presented through special arrangement with Music Theatre International (MTI). All authorized performance materials are also supplied by MTI. 423 West 55th Street, New York, NY 10019 USA · Phone: +1 212-541-4684 · www.MTIShows.com


musical&showdancer’sANNUAL

Die mitreißende Neuinszenierung der “West Side Story”

“Two Gangs. One Love.”

D

Idee und Choreographie: Jerome Robbins Musik: Leonard Bernstein Buch: Arthur Laurents Gesangstexte: Stephen Sondheim

er unerreichte Musical-Klassiker schlägt ein neues Kapitel seiner beeindruckenden Erfolgsgeschichte auf und geht ab Dezember 2022 auf große, mehrjährige Welttournee. Mit provokantem Fingerschnippen durchstreifen die Mitglieder der New Yorker Straßengang “Jets” ihr staubiges Revier, auf der Suche nach ihren Rivalen, den puerto-ricanischen “Sharks”. In der sommerlichen Hitze der Stadt lassen leidenschaftliche Latinas zu feurigen Mambo-Rhythmen die Röcke fliegen und träumen dabei von einem besseren Leben. Mittendrin: Die große Liebe, die Grenzen und Vorurteile überwindet, um am Ende doch daran zu scheitern – in der Upper West Side vibriert die Luft vor Spannung. Maria, Tonight, Somewhere, America – nur wenige Töne der weltbekannten Kompositionen reichen aus, um die packenden Bild- und Gefühlswelten der West Side Story wachzurufen, und sie nie mehr zu vergessen. Mit der Broadway-Premiere 1957 definierten Leonard Bernstein, Jerome Robbins, Arthur Laurents und Stephen Sondheim musikalisch wie tänzerisch ein ganzes Genre neu. Auch heute noch steht “West Side Story” als unangefochtene Nummer 1 des amerikanischen Musiktheaters für sich – mutig, realistisch und brisant. Wie einzigartig zeitlos diese moderne Version der “Romeo und Julia”-Geschichte ist, beweist einmal mehr die neue Kinoversion von Steven Spielberg, die 2022 für sieben Oscars nominiert war und eine der begehrten Trophäen gewann. Bereits seit 2003 begeisterte die weltweit tourende Produk­ tion, die als einzige die Original-choreographie von Jerome ANNUAL 22/23

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dancer’sANNUALmusical&show ­ obbins zeigt, über drei Millionen Zuschauer in 28 Ländern auf drei R Kontinenten, unter anderem am Sydney Opera House, an der Dubai Opera, am Pariser Théâtre du Châtelet, an der Semperoper Dresden sowie am Londoner Sadler’s Wells Theater. Jetzt schlägt das neue internationale Creative-Team rund um den renommierten Broadway-Regisseur und Schauspieler Lonny Price das nächste Kapitel in der Erfolgsgeschichte des Musical-Klassikers auf: Mitte Dezember 2022 startet die mitreißende Neuinszenierung der West Side Story ihre nächste mehrjährige Welttournee genau dort, wo sie am 15. Juni 1961 erstmals in Deutschland zu sehen war – am Deutschen Theater München! Es folgen bis zum Frühjahr 2023 Gastspiele in Essen, Zürich, Wien, Baden-Baden, Leipzig, Lausanne, Roubaix, Bremen, Düsseldorf und Frankfurt. Im Sommer wird die Tournee im Ausland fortgesetzt. Bühnenklassiker mit neuer Energie “Die West Side Story hat so viele Jahrzehnte überdauert, weil sie das Menschliche in jedem von uns anspricht – die Macht der Liebe.” Regisseur Lonny Price verband nicht nur eine enge persönliche Beziehung zu Leonard Bernstein und Stephen Sondheim, er ist der Magie des Meisterwerks selbst seit frühester Kindheit erlegen. Nun führt die New Yorker Broadway-Koryphäe, die die amerikanische Theater- und Filmwelt seit mehr als 40 Jahren als Schauspieler und Regisseur erfolgreich mitgestaltet (u. a. Regie “Sweeney Todd” mit Emma Thompson, “Sunset Boulevard” mit Glenn Close, sowie bei der TV-Serie “­Desperate Housewives”, Rolle “Neil Kellerman” im Kultfilm “Dirty ­Dancing”), den Bühnenklassiker mit frischem Blick in ein neues Zeitalter: “Ich wünsche mir, dass sich auch die nächste Generation von Theaterbesuchern in dieses Stück verliebt, sich mit den Charakteren auf der Bühne identifiziert, und dabei erkennt, dass uns auf unserer Suche nach Liebe und Verständnis viel mehr verbindet als trennt – trotz aller kulturellen Unterschiede.” Für diese Neuinszenierung, die Kenner der “West Side Story” genauso fesseln wird wie Erstbesucher, arbeitet Lonny Price eng mit einem Broadway- und West End-erfahrenen Kreativteam zusammen, das der internationalen Strahlkraft der Produktion gerecht wird. Choreograph Julio Monge bringt die unvergleichlichen Tanzszenen authen­tisch und mit neuer Energie auf die Bühne. Der einstige Schüler von Jerome Robbins ist einer von nur fünf Personen weltweit, die dessen Originalchoreographien neu einstudieren dürfen. Mit Anna Louizos steht Price eine der bekanntesten und kreativsten amerikanischen Set-Designerinnen zur Seite. Unter der musikalischen Leitung des Dirigenten und

Komponisten Grant Sturiale wird ein großes Orchester die in New York gecasteten jungen und frischen DarstellerInnen begleiten. Die wiederholte Verlängerung der Aufführungsrechte belege die dauerhaft enge und gute Beziehung zwischen den amerikanischen Lizenzgebern und der Mehr-BB Entertainment, betont CEO und Produzent Ralf Kokemüller: “Wir fühlen uns geehrt durch das erneute Vertrauen der Rechteinhaber und haben dies zum Anlass genommen, das Meisterwerk für unser Publikum in der ganzen Welt noch emotionaler, mitreißender und ansprechender zu gestalten.” Auch Alexander Bernstein, Sohn des Komponisten und Gründungsvorsitzender des Leonard Bernstein Center For Learning, kann den Tourneestart kaum erwarten: “Ich freue mich sehr, dass mein guter Freund, der grandiose Regisseur Lonny Price, erstmals mit dem Produzenten Mehr-BB zusammenarbeitet – unserem vertrauensvollen Partner seit mehr als zwei Jahrzehnten. Gemeinsam werden sie dem Publikum auf der ganzen Welt eine neue, berührende und kraftvolle Version der ‘West Side Story’ nahebringen. Lonny ist ein einzigartiger, kunstfertiger Visionär. Ihn prägen seine Menschlichkeit und seine besondere Leidenschaft für die ‘West Side Story’. Dieses Musical ist heute noch immer so relevant und frisch wie 1957, als es uraufgeführt wurde. Weil die ‘West Side Story’ damals das außergewöhnliche Ergebnis einer Zusammenarbeit von vier gleichermaßen talentierten und brillanten Meistern war – darunter mein Vater – ist es auch immer wieder eine Herausforderung, sie aufzuführen. Deswegen verlangt sie nach den Besten ihres Fachs – und ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie Lonny und sein internationales kreatives Team sich dieser Herausforderung stellen und das Publikum überall verzaubern werden.” Musik, Identität und die große Liebe zwischen den Fronten der Gangs In den heruntergekommenen Straßen, Hinterhöfen und Lagerhallen der New Yorker Upper West Side kämpfen die “Jets”, Söhne weißer Amerikaner, gegen die puerto-ricanischen Neuankömmlinge der “Sharks”. Dabei geht es nicht nur um die Vorherrschaft im Viertel, sondern auch um Identität und den Platz in der Gesellschaft. Die Atmosphäre ist aufgeladener denn je, als sich Maria, die Schwester des “Sharks”-Anführers Bernardo, und der “Jet” Tony unsterblich ineinander verlieben. Die verhärteten Fronten der Gangs dulden keine Annäherung, und so steuert die große Liebe unaufhaltsam der Katastrophe entgegen. Liebesgeschichte, Coming-of-Age-Drama, Action-Krimi und Gesellschaftsstudie: Die “West Side Story” bedient sich virtuos der gesamten Bandbreite des erzählerischen Repertoires und verbindet Buch, Musik, Tanz und Liedtexte in fließenden Übergängen zu einem herausragenden Gesamtkunstwerk. Die unendliche, aber unmögliche Liebe, die zunächst alle Grenzen überwindet, dann aber an einer gespaltenen Gesellschaft scheitert, machte bereits das Stück “Romeo und Julia” unsterblich und hat bis heute nichts an Faszination und Relevanz eingebüßt.

31. Jänner bis 5. Februar 2023 Wien, Stadthalle, Halle F

FOTOS: JEFF BUSBY

Tickethotline Österreich: oeticket.com: 0900 – 9496096 www.oeticket.com Info: www.westsidestory.de, www.bb-promotion.com

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WIEN AM SCHILLERPLATZ

WIEN AM MARGARETENPLATZ

WIEN DC TOWER

WIEN HAUPTBAHNHOF

1010 Wien | Nibelungeng. 5

1050 Wien | Strobachg. 7-9

1220 Wien | Donau-City-Str. 7

1100 Wien | Wiedner Gürtel 9

WIEN SOFIENSÄLE

WIEN UNIQA TOWER

WIEN EXECUTIVE CLUB

WIEN MEDICAL

1030 Wien | Marxerg. 17

1020 Wien | Untere Donaustr. 21

1010 Wien | Opernring 13-15

1010 Wien | Getreidemarkt 8

LINZ ATRIUM CITY CENTER

LINZ DONAUPARK

GRAZ THALIA AM OPERNRING

4020 Linz | Mozartstr. 7-11

4020 Linz | Untere Donaul. 21-25

8010 Graz | Girardig. 1c (4. Stock)

W W W. J O H N H A R R I S . AT


dancer’sANNUALdance medicine

BALLETTSAAL DER WIENER STAATSOPER

Let’s SWITCH H arlequin Floors stellt seinen neuen Multifunktionsboden LIBERTY SWITCH vor, der sich einfach per Knopfdruck vom festen Zustand in einen Schwingboden verwandeln lässt.

teppiche – Produkte, die Tanzschaffende weltweit durch innovatives Design, höchste Material­qualität und Funktionalität über­zeu­ gen und den weitreichenden Anforderungen der TänzerInnen im vollen Maße entsprechen.

Harlequin Floors gilt als global führender Hersteller von Spezialböden für Tanz und Entertainment. Das Familienunternehmen produziert und vertreibt seit nunmehr fast 50 Jahren Tanzschwingböden und Tanz­

Basierend auf Harlequins innovativem Schwingboden-System LIBERTY, das sich so­ wohl mobil als auch fest verlegt einsetzen lässt und den TänzerInnen somit im Ballett­ studio als auch auf der Bühne die gleichen

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Bodenbeschaffenheiten bietet, hat Harlequin das Schwingboden System LIBERTY SWITCH entwickelt. Bei diesem System ist es möglich, den Boden durch einfachen Knopfdruck von einem festen Zustand in einen Schwing­ ­ boden zu verwandeln. Die Entwicklung des LIBERTY SWITCH Sys­ tems ist das Resultat vieler Kundenanfragen nach einem Boden, der sowohl als fester Bo­ den wie auch als Schwingboden genutzt wer­


dance medicinedancer’sANNUAL

EINBAU DES HARLEQUIN LIBERTY SWITCH MULTIFUNKTIONSBODEN IM BALLETTSAAL DER WIENER STAATSOPER

Harlequin LIBERTY SWITCH besteht aus ei­ nem modularen Basis-System, auf dem der LIBERTY Schwingboden installiert wird. Durch das Verschieben von linearen Aktivatoren lassen sich die Anschlagblöcke des BasisSystems verschieben und geben dadurch die für die Schwingung des Bodens verantwort­ lichen elastomeren Pads frei oder blockieren diese, wodurch der Boden entweder schwingt oder umgekehrt in einen festen Zustand ver­ setzt wird. Die Betätigung dieses Mechanis­ mus ist denkbar einfach und erfolgt durch Drücken des entsprechenden Symbols auf dem wandinstallierten Nutzerdisplay. Als einer unsere ersten Kunden erhielt die Wiener Staatsoper das LIBERTY SWITCH Boden­ system. In der Staatsoper wurde ein Probenraum, der bisher ausschließlich für Sänger- und Musikproben genutzt wurde, durch den Einbau des LIBERTY SWITCH Bo­ dens zu einem dual nutzbaren Probenraum

für Sänger und Tänzer gleichermaßen umge­ wandelt, wodurch der Raum nun ein weitaus größeres Nutzungspotential bietet als bisher. Die Initiative zum Einbau des LIBERTY SWITCH Bodensystems ging aus von Martin Schläpfer, dem Ballettdirektor und Chefchoreographen des Wiener Staatsballetts, der nach Optio­ nen für zusätzlichen Probenraum für seine Compagnie suchte. Nach Fertigstellung des Bodeneinbaus zeigte sich Martin S­chläpfer hoch erfreut: “Ich bin begeistert, dass uns ­Harlequin LIBERTY SWITCH als erster Com­ pagnie und als erstem Opernhaus zur Ver­ fügung steht und wir es als Referenzobjekt anderen zeigen kön­ nen. Ich bin vollkom­ men überzeugt von der Herstellung, die gesamte Konstruktion ist einfach toll!” Auch bei den Tän­ zern stößt der neue Boden auf Zustim­ mung, wie uns der Erste Solo­ tänzer De­

nys Cherevychko berichtet: “Nachdem mir erklärt wurde, dass der Boden von einem festen Theaterboden in einen Schwingboden wechselt, war ich erstaunt! So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen! Es war eine schöne Überraschung, und es ist großartig und wichtig für die Gesund­ heit der Tänzer. Ich glaube, dass es in der heutigen Zeit keinen festen Boden im Tanz mehr geben sollte, das ist gefährlich. Mit dem neuen Boden können wir unsere Ar­ beit besser machen, und Harlequin ist sehr gut!”

ALLE FOTOS: © HARLEQUIN FLOORS

den kann, dabei aber einfach in der Hand­ habung ist. Harlequin Floors hat sich dieser Herausforderung gestellt und in relativer kur­ zer Zeit das LIBERTY SWITCH Bodensystem entwickelt, welches eben diesen Anforderun­ gen entspricht.

DIE WIENER STAATSOPER

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dancer’sANNUALeducation

50 Jahre Prix de Lausanne Internationaler Ballettwettbewerb 29. Jänner bis 5. Februar 2023 Wie es begonnen hat ...

I

m Frühjahr 1972 nahm alles Gestalt an, und zwar nicht am Ufer des Lac Léman, sondern in einem Schwimmbad in Cannes! ­Philippe Braunschweig, seine Frau Elvire und Rosella Hightower diskutierten aufgeregt über ihr neues Projekt, den ersten Wett­ bewerb für junge Tänzer, der 1973 stattfinden sollte. Wie sollte er durchgeführt werden? Wer sollte in der Jury sitzen? Welche Kriterien müssten eine junge Tänzerin oder ein junger Tänzer erfüllen um teilnehmen zu können? Die Begeisterung war groß, und es gab eine Fülle von kreativen Ideen. Maurice Béjart und Rosella Hightower hatten schon ihre Unterstützung zugesagt: Sie waren bereit, den Preisträgern des künftigen Wettbewerbs ein Stipendium für die Ausbildung an ihrer jeweiligen Schule zu gewähren, d. h. ein Jahr Unterricht an der Mudra Tanzschule in Brüssel oder am Centre International de Danse in Cannes. Um die Authentizität der Veranstaltung zu erhöhen, brauchten die Organisatoren jedoch eine dritte seriöse Referenz. So reiste Philippe Braunschweig im Sommer desselben Jahres nach London, um die ­Royal Ballet School um Unterstützung zu bitten. Seine Begegnung mit Michael Wood, dem Direktor der renommierten Institution, sollte sich als entscheidend erweisen. “Er ist der wichtigste Mann in meinem Leben”, sagte Philippe Braunschweig. “Ich bin mir nicht sicher, ob der Prix de Lausanne ohne ihn möglich gewesen wäre”. In dem Bestreben, Vertreter der kontinentalen Tanzwelt kennenzulernen, erklärte sich

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­ ichael Wood bereit, den Wettbewerb in seiner Entstehung zu beM gleiten, ein Stipendium zur Verfügung zu stellen und Barbara Fewster, Tanzdirektorin, als Jurymitglied zu delegieren. Philippe Brauschweigs Entschlossenheit, den Prix de Lausanne ins Leben zu rufen, war stark davon beeinflusst, dass er kürzlich die Einladung von Manuel Roth – damals Direktor des Théâtre municipal de Lausanne – angenommen hatte, Präsident der Fondation en faveur de l’Art Chorégraphique zu werden. Sein Hauptanliegen war es, nicht nur Ballettaufführungen im wichtigsten städtischen Zentrum des ­Kantons Waadt zu organisieren, sondern auch ein Ereignis zugunsten des Tanzes zu schaffen. Der erste Prix fand wie geplant von 19. bis 21. Jänner 1973 im Théâtre municipal de Lausanne statt. Die Veranstaltung war ausverkauft, und Rosella Hightower führte erfolgreich den Vorsitz der Jury. Es wurden zwei Stipendien und 5.000 Franken in bar vergeben. Im darauffolgenden Jahr lief es jedoch nicht mehr so gut: Der Veranstaltungsort erwies sich als zu klein, der Jury fehlten ausreichend klare Auswahlkriterien und die Zuschauer warteten ungeduldig auf die endgültigen Ergebnisse. “Damals hatte ich das Gefühl, dass wir es nie schaffen würden”, erinnert sich Philippe Braunschweig. 1975 hatte sich die Veranstaltung der Herausforderung gestellt: Der Prix begann, seinen Rhythmus zu finden, sich zu erweitern und seine Identität zu behaupten. In diesem Jahr fand der Wettbewerb auf Initiative von Marc-Antoine Muret im Théâtre de Beaulieu statt.


ELVIRE UND PHILIPPE BRAUNSCHWEIG © DR

educationdancer’sANNUAL

Es wurde ein effizientes Bewertungssystem für die Jury eingeführt, die von sieben auf elf Mitglieder vergrößert wurde, und es wurden zusätzliche Preise als Ergänzung zu den Stipendien eingeführt – ein Preis für den besten Schweizer Teilnehmer und ein Preis für die beste eigene Choreographie. In den folgenden Jahren begann sich der Prix de Lausanne in der Welt des Tanzes zu etablieren, vor allem dank der strengen künstlerischen Linie, die von der Jury vorgegeben und von Elvire Braunschweig gepflegt wurde, sowie dank der effizienten Organisation bei der Planung und Durchführung des Wettbewerbs.

Zwischen 1998 und 2001 legte das neue Team die Meilensteine für einen Entwicklungsweg fest, der immer stärker auf die Ausbildung und die Bedürfnisse der zukünftigen Tanzprofis zugeschnitten sein sollte. Zunächst wurde der Wille bekräftigt, die Vielseitigkeit der Tänzerinnen und Tänzer zu fördern: Um ihren Platz im Beruf zu finden, müssen sie sowohl klassische als auch zeitgenössische Ausdrucksformen beherrschen. Ab 1998 wurden junge Choreographen damit beauftragt, die obligatorischen zeitgenössischen Variationen zu kreieren. Sie sind während der Wettbewerbswoche in Lausanne anwesend und begleiten die Kandidaten, die sich – oft zum ersten Mal – mit den Bewegungs- und Körpermerkmalen dieser Disziplin auseinandersetzen. Indem sich die jungen Tänzerinnen und Tänzer an die persönliche Sprache des jeweiligen Choreographen anpassen, lernen sie, sich von den Zwängen des klassischen Balletts zu befreien, indem sie insbesondere auf ihren Atemzyklus, die Verteilung ihres Gewichts auf den Körper und ihre Beziehung zum Boden achten, wenn sie sich einer neuen Bewegung nähern. Dank dieser zeitgenössischen Variationen, die speziell auf ihr Alter abgestimmt sind, werden die jungen Künstler mit neuen Empfindungen konfrontiert, die ihnen helfen, ihre Fähigkeit zu entwickeln, mit Phantasie und Sensibilität auf Musik zu reagieren und ihre Persönlichkeit durch den Ausdruck ihrer Gefühle zu offenbaren. Im Jahr 2000 wurde ein Preis für zeitgenössischen Tanz ins Leben gerufen, mit dem ein Finalist belohnt wird, der bei der Aufführung seiner Variation während der Endrunde ein außergewöhnliches Potenzial in dieser Disziplin gezeigt hat. Der Preis besteht aus einem Kurs für zeitgenössischen Tanz an einer großen Schule und beinhaltet Reise und Unterkunft.

... und des pädagogischen Ansatzes Im selben Jahr hat das Organisationsteam in Verfolgung seines Ziels, jeden Kandidaten durch einen personalisierten pädagogischen Ansatz zu unterstützen, ein individuelles Coaching für die Vorbereitung der klassischen Variationen eingeführt: Die Kandidaten werden von einem Étoile-Tänzer beraten, dessen Aufgabe es ist, sie bei ihrer künst-

lerischen Entfaltung zu begleiten, während die Lehrer der Kandidaten bis dahin eher die technischen Aspekte in den Vordergrund gestellt hatten. Ziel ist es, dass die jungen Tänzerinnen und Tänzer die möglichen Schwierigkeiten bei der Ausführung überwinden und dem Publikum eine künstlerische Projektion ihrer eigenen Persönlichkeit bieten, indem sie eine Rolle aus dem klassischen Repertoire tanzen. Der Trainer hilft dem Teilnehmer, die Bedeutung der Variation zu verstehen, indem er die Absicht hinter den Bewegungen studiert, sowie die Schritte und die Musikalität analysiert. Um allen Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, ihre Lernerfahrungen während des gesamten Wettbewerbs fortzusetzen, haben die nicht ausgewählten Kandidaten die Möglichkeit, Unterricht zu nehmen und sich mit den Jurymitgliedern zu treffen, um ihre Eignung als professionelle Tänzer zu besprechen. Dies ist eine wunderbare Gelegenheit für sie alle, das Beste aus der Fülle von Kompetenzen zu machen, die während der Wettbewerbswoche in ANNUAL 22/23

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ALLE FOTOS © PRIX DE LAUSANNE

Einführung des zeitgenössischen ...


dancer’sANNUALeducation Lausanne gesammelt wurden. Die besten Kandidatinnen und Kan­ didaten, die nach Meinung der Jury am Ende ihrer Ausbildung angelangt sind, können mit einem Ausbildungsstipendium ausgezeichnet werden, das ihnen ein Berufspraktikum in einer der internationalen Ballettcompagnien ermöglicht, die Partner des Prix de Lausanne sind. Da eine Tanzkarriere sehr kurzlebig ist, ist es wichtig, dass die Tänzerinnen und Tänzer über eine Ausbildung verfügen, die es ­ihnen ermöglicht, den zweiten Teil ihres Berufslebens mit Zuversicht anzu­gehen. In diesem Sinne beschloss das neue Team, dass an der Schwelle zum 21. Jahrhundert nur Institutionen, die den ausgewählten jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit bieten, ihre Grundausbildung fortzusetzen und abzuschließen, Teil des vom Prix de Lausanne geschaffenen Schulnetzes sein können.

Neu beim Prix de Lausanne 2023 Vorauswahlrunde in Japan Zum ersten Mal organisiert der Prix de Lausanne eine Vorauswahlrunde in Japan, um einigen japanischen Tänzerinnen und Tänzern die Chance zu geben, für den Wettbewerb 2023 ausgewählt zu werden. Die 50 jungen japanischen Tänzerinnen und Tänzer, die sich für diese Vorauswahl angemeldet haben, werden in Hyogo (Japan) von einer Jury bewertet und benotet, die aus den folgenden renommierten Fachleuten besteht:

Unser Auftrag Der 1973 ins Leben gerufene Prix de Lausanne ist ein internationaler Ballett­ wettbewerb für junge Tänzerinnen und Tänzer im Alter von 15–18 Jahren. Sein Ziel ist es, die besten Talente der Welt zu entdecken, zu fördern und zu unterstützen. Seine Aufgabe ist: – Das Potenzial außergewöhnlich talentierter junger Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt zu entdecken, indem sie vor einer Jury aus weltbekannten Tanzpersönlichkeiten auftreten; – ihnen die Türen zu den besten Schulen und Compagnien der Welt zu öffnen, indem sie Stipendien an den renommiertesten internationalen Schulen und Compagnien erhalten; – Förderung ihrer schulischen Ausbildung (die Karriere eines Tänzers ist kurzlebig: etwa vom 18. bis zum 38. Lebensjahr), indem wir dafür sorgen, dass sie einen High-School-Abschluss erwerben, der ihnen den Übergang ins Berufsleben erleichtert; – Erhaltung ihrer Gesundheit durch eine strenge Gesundheitspolitik: Ernährungs­gewohnheiten und Body-Mass-Index werden vor dem Wettbewerb überprüft.

Ein einzigartiger Wettbewerb Weil wir Pioniere auf dem Gebiet der Ausbildung von Tänzern sind... Unsere Partnerschulen befürworten unsere Politik in Bezug auf Gesundheit und schulische Ausbildung. Sie teilen unsere Überzeugung, dass es notwendig ist, die allseitigen Fähigkeiten der Tänzer zu entwickeln. Aufgrund unseres ethischen Rufs... Das Bewertungssystem der Kandidaten ist streng. Alle Tanzschaffenden nehmen ehrenamtlich am Wettbewerb teil (Jury, Trainer usw.). Wir berücksichtigen die Bedürfnisse der Kandidaten als Menschen und nicht nur als Tanztechniker. Aufgrund unserer Langlebigkeit und unseres hohen Niveaus... Unser Wettbewerb verfügt über eine langjährige Erfahrung und unsere Kandidaten weisen das höchste Qualitätsniveau auf. Wir genießen die größte internationale Aufmerksamkeit. Alle jungen Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt träumen davon, am Prix de Lausanne teilzunehmen.

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– Kathryn Bradney Künstlerische Direktorin und Geschäftsführerin des Prix de ­Lausanne, ehemalige Solotänzerin und Ballettmeisterin des Béjart Ballet Lausanne – Shoko Nakamura Preisträgerin des Prix de Lausanne 1996 / Honorary Principal ­Dancer, K Ballet Company (Tokio, Japan) – Toru Shimazaki Freischaffender Choreograph & Regie-Professor des Tanzprogramms in der Musikabteilung des Kobe JogakuinCollege (Japan) – Dominique Genevois Ehemaliger Solist von Maurice Béjarts Ballet du XX siècle in ­Brüssel & Professor für klassischen Tanz am Conservatoire National ­Supérieur de Lyon – Etienne Frey Internationaler Choreograph & freiberuflicher Tanzpädagoge / Goldmedaillen-Gewinner und Alicia-Alonso-Preis (1997) / Nijinsky-Preis (2001) “Es ist mir eine Freude, die erste Vorauswahl des Prix de Lausanne in Japan zu organisieren. Ich freue mich auf diese neue Zusammenarbeit in einem Land, das ich sehr bewundere, und darauf, die Kunst des Tanzes gegenüber engagierten und talentierten jungen Tänzerinnen und Tänzern in Japan zu fördern.” Kathryn Bradney, künstlerische und geschäftsführende Direktorin des Prix de Lausanne

Plus Der Prix de Lausanne belohnt das Potenzial und nicht die Resultate. Die Wettbewerbswoche ist ein jährlicher Treffpunkt auf höchstem Niveau für die internationale Tanzwelt. Heute ist der Prix de Lausanne nicht nur ein weltweit bekannter Wett­ bewerb, sondern auch ein Treffpunkt für Persönlichkeiten aus der Tanzwelt geworden.

Wie funktioniert der Wettbewerb? Die Jury Die Jury setzt sich aus neun international bekannten Tanzpersönlichkeiten zusammen, die verschiedene Länder und eine breite Palette von Ballettstilen vertreten. Der Wettbewerb Junge Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt schicken ein Video nach Lausanne. Das künstlerische Komitee wählt maximal 75 Kandidaten aus, die am Wettbewerb teilnehmen. Während der Woche in Lausanne werden die Kandidatinnen und Kandidaten sowohl in einer Tanzklasse als auch einzeln auf der Bühne beurteilt. Die Preisträgerinnen und Preisträger Zwanzig Kandidatinnen und Kandidaten erreichen das Finale, und ­zwischen sechs und acht davon erhalten ein Stipendium. Der Prix de ­Lausanne organisiert den Transfer der Gewinner in eine seiner Partnerschulen oder -compagnien und begleitet ihre Entwicklung während des Stipendienjahres (Eingewöhnung, Gesundheit, Ausbildung, Berufsaus­ sichten usw.). Das Karrieresprungbrett Jene KandidatInnen, die nicht für die Endrunde ausgewählt werden, nehmen an einer Casting-Klasse teil, die von den Direktoren der Schulen und Unternehmen besucht wird. Alle Teilnehmer haben so die Möglichkeit, von wichtigen Persönlichkeiten der Tanzwelt gesehen zu werden und mit ihnen in Kontakt zu kommen.

www.prixdelausanne.org


Zeitgenössische Tanzpädagogik & Zeitgenössischer und Klassischer Tanz → 4-jährige Studien mit Bachelorabschluss auf internationalem Niveau → einzige universitäre Tanzausbildungsstätte in Wien → breites Tanzverständnis im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation Zulassungsprüfung Vorbereitungslehrgang Tanz (10 – 15-Jährige) Mo, 23. Jänner — Mi, 25. Jänner 2023 Anmeldeschluss: So, 15. Jänner 2023

Detaillierte Informationen zu Zulassung und Anmeldeschluss Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien Studienreferat

Zulassungsprüfungen Zeitgenössische Tanzpädagogik Mi, 15. Februar – Fr, 17. Februar 2023 Anmeldeschluss: So, 5. Februar 2023

Johannesgasse 4a 1010 Wien Österreich

Zulassungsprüfungen Zeitgenössischer und Klassischer Tanz Do, 27. April — Sa, 29. April 2023 Anmeldeschluss: So, 16. April 2023

+43 1 512 77 47-200

All information available in English on www.muk.ac.at/dance!

studieninfo@muk.ac.at www.muk.ac.at Foto: Arnold Mike


dancer’sANNUALeducation

30 Jahre Europaballett St. Pölten

EUROPABALLETT im Aufbruch 22/23

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ein 30-jähriges Jubiläum feiert der Kunst- und Kultur-Imageträger der Stadt St. Pölten und des Landes Niederösterreich, das Europaballett St. Pölten. Die Compagnie unter der Leitung von Michael Fichtenbaum gilt als internationale Talenteschmiede. Das Konzept des Europaballetts umfasst Choreographien in unterschiedlichsten Stilrichtungen von international namhaften Choreographen. Auch in der Saison 22/23 wird an 26 Abenden im Theater des Balletts den Gästen ein abwechslungsreiches Programm geboten. Viele internationale Auftritte stehen in dieser Saison am Programm. Vor allem die Kooperation mit dem Sopron Ballet aber auch mit dem Croatia Nationaltheater in Osijek werden mit 13 “Nussknacker”-­ Vorstellungen im Dezember 2022 sowie Auftritten im Felsen­theater

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F­edörakos/Sopron sind Fixpunkte. Gastspiele mit Peter Breuers “Mythos Coco Chanel”, “Madame Butterfly” im deutschen Raum ­ (Amberg, Iserlohn, Immling, Cofeld) stehen ebenfalls auf dem Programm. Auch zwei Gastspiele in Genf sowie ein Wiener Walzer-Abend zur Choreographie von Michael Fichtenbaum in Thesaloniki aber auch Neujahrskonzerte in den USA und Kanada sind fix geplant. Das neue Projekt “SOMMERTHEATER im PARK” – Open Air neben dem Theater des Balletts in St. Pölten fand bereits 2022 zum zweiten Mal statt. Für 2023 ist “Romeo & Julia” mit dem bekannten Janoska Ensemble geplant, das Prokofievs grandiose Musik arrangieren wird. Für Regie und Inszenierung zeichnet Michael Fichtenbaum verantwortlich, für die Choreographie Florient Cador.


educationdancer’sANNUAL Theater des Balletts: Herbstgala 30 Jahre Europaballett in Memoriam Willi Gruber Samstag, 15. Oktober 2022 um 19:00 Uhr Sonntag, 16. Oktober 2022 um 10:30 Uhr Ballett & Oper Barock und Don Giovanni Sonntag, 13. November 2022 um 19:00 Uhr Operette aus Ungarn Éljen a Magyar! Samstag, 26. November 2022 um 19:00 Uhr Der Nussknacker Tschaikowskys berühmter Ballett-Klassiker Donnerstag, 15. Dezember 2022 um 18:00 Uhr Freitag, 16. Dezember 2022 um 18:00 Uhr Samstag, 17. Dezember 2022 um 17:00 Uhr Mittwoch, 21. Dezember 2022 um 18:00 Uhr Donnerstag, 22. Dezember 2022 um 18:00 Uhr Freitag, 23. Dezember 2022 um 18:00 Uhr Neujahrskonzert Wolfgang Gratschmaier und das Europaballett begrüßen Sie im Jahr 2023 Samstag, 7. Dezember 2023 um 19:00 Uhr Wintergala Ein bunt gemischter Ballettabend Donnerstag, 2. Februar 2023 um 19:00 Uhr Freitag, 3. Februar 2023 um 19:00 Uhr Mythos Coco Eine Reise in das Paris des frühen 20. Jahrhunderts Samstag, 18. März 2023 um 19:00 Uhr

Frühlingsgala In den Farben des Frühlings begrüßt sie das Europaballett Samstag, 25. März 2023 um 19:00 Uhr Sonntag, 26. März 2023 um 16:30 Uhr Junge Choreografen Vom Labor auf die Bühne Samstag, 29. April 2023 um 19:00 Uhr GOLD & SILBER Neues Programm zum Muttertag Sonntag, 14. Mai 2023 um 16:30 Uhr DORNRÖSCHEN Der Klassiker für die ganze Familie Freitag, 2. Juni 2023 um 18:00 Uhr Samstag, 3. Juni 2023 um 17:00 Uhr SommerTheaterPark Romeo & Julia Freitag, 7. Juli 2023 um 20:00 Uhr Samstag, 8. Juli 2023 um 20:00 Uhr Freitag, 14. Juli 2023 um 20:00 Uhr Samstag, 15. Juli 2023 um 20:00 Uhr Infos und Karten unter: info@europaballett.at, www.europaballett.at www.sommertheaterpark.at Telefon: 02742/230 000 Adresse: Europaballett St. Pölten 3100 St. Pölten, Oriongasse 4

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dancer’sANNUALbooks

Zwei Buchtipps zu Ehren von Hans van Manen

“Dance in Close-Up”

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xklusives Kunstprojekt des Fotografen Erwin Olaf und des Choreographen Hans van Manen, das einen einzigartigen Blick auf Tanz und Fotografie bietet. "Ballett inspiriert mich. Menschen haben die Fähigkeit, sich durch viele Kunstformen auszudrücken, aber wenn es um Tanz geht – und besonders um klassisches modernes Ballett – bin ich immer wieder erstaunt über diese unglaublich erhabene Form des Ausdrucks. Es ist so präzise und so unglaublich gekonnt; das bewundere ich sehr." Fotograf und Filmemacher Erwin Olaf "Die Tatsache, dass der Fotograf durch die Kameralinse schaut, bedeutet, dass er eine andere Perspektive hat, als wenn er direkt auf die Figur schaut. Das ist voyeuristisch. Die Kamera kann etwas tun, was der Zuschauer nicht kann: für eine Nahaufnahme heranzoomen." Choreograph Hans van Manen

Der Großmeister des niederländischen Tanzes, Hans van Manen, hat im Jahr 2022 seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Geburtstag. Dies ist auch Anlass gewesen für die exklusive Publikation “Dance in ­Close-Up”. Von den 1970er bis zu den 1990er Jahren war Hans van Manen nicht nur einer der weltweit führenden Choreographen, sondern auch ein international anerkannter Fotograf. In dieser Zeit lernte der damals sehr junge Fotograf Erwin Olaf den berühmten Künstler kennen, der ihn sofort unter seine Fittiche nahm und ihn in die Welt der bildenden Kunst und der Studiofotografie einführte. Dieses Buch feiert die vierzigjährige Freundschaft der beiden mit einer Fotoserie, in der Van Manen Momente aus seiner choreographischen Karriere inszeniert, die von Erwin Olaf mit äußerster Präzision festgehalten wurden. Mit Textbeiträgen der Autoren Nina Siegal und Michael James Gardner. 32 x 31 cm 120 Seiten Leinen Hardcover Englische Ausgabe ISBN 978 94 6436 627 3 www.hannibalbooks.de

“Gelukskind”

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ans van Manen ist der wichtigste Choreograph, den die Nieder­lande je hervorgebracht haben. Seine Tanzaufführungen werden auf allen Kontinenten von den bekanntesten Compagnien aufgeführt. In “Gelukskind” beschreibt Sjeng Scheijen sein Leben. Er erzählt, wie Hans van Manen verarmt und völlig ausgehungert aus dem Krieg kam. Wie er als Sohn einer alleinerziehenden deutschen Mutter, ohne seine Grundschulausbildung abgeschlossen zu haben, mit zwölf Jahren zu arbeiten begann, um dann zehn Jahre später seine erste Choreographie zu produzieren. Seitdem hat er immer wieder Schönheit kreiert und seine große Begabung immer wieder neu entdeckt. Ein glückliches Kind.

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Das Buch beschreibt Hans van Manen als einen Künstler, der ebenso schwer fassbar wie vollständig ist, eine multidisziplinäre Inspiration, die es schaffte, die eng zusammenarbeitenden Kreativteams, die er leitete, zu großen Erfolgen zu führen. Es ist aber auch eine Geschichte der einzigartigen sozialen und kreativen Experimente, die die 1960er und 1970er Jahre hervorbrachten, eine Geschichte, in der Hans van Manen eine entscheidende Rolle spielte. Sjeng Scheijen hatte exklusiven Zugang zum Archiv von Hans van Manen und sprach ausführlich mit ihm selbst, seinen Künstlerkollegen und seinen Freunden. Sjeng Scheijen (geb. 1972) schrieb zuvor die Biografie des Tanzund Kunstpioniers Sergej Diaghilew, die heute weltweit als Standardwerk gilt, sowie The Avant-gardists, für die er den Bookspot-Literaturpreis 2019, den führenden Sachbuchpreis, erhielt.

352 Seiten Gebunden Niederländische Ausgabe ISBN: 9789044648454 Erscheinungsdatum: Dezember 2022 https://uitgeverijprometheus.nl/boeken/gelukskind-gebonden/


“50 Jahre Hamburg Ballett John Neumeier. Bilder einer Ära” John Neumeier: Ein einmaliger Künstler

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ein Name ist untrennbar mit der Kulturgeschichte Deutschlands verbunden. John Neumeiers künstlerisches Schaffen hat mehrere Tänzergenerationen geprägt und den Blickwinkel auf Kunst, Tanz und Theater in Deutschland für immer erweitert. Mithilfe hunderter, zum Teil noch nie publizierter Fotografien ­blicken wir auf ein halbes Jahrhundert unnachgiebiges, von künstlerischen Visionen getriebenes, einmaliges Schaffen dieses Tänzers, Ballettintendanten und Ausnahmechoreographen. Diese Bildbiografie würdigt John Neumeier, seine Kreativität und seine unvergesslichen, großartigen Ballette. Die enthaltenen Fotografien beleuchten die unterschiedlichen kreativen Phasen des Choreografen und seiner Compagnie. – Tänzer, Choreograf, Intendant, Designer und Visionär – über 500 eindrucksvolle Fotografien aus 5 Jahrzehnten – mit persönlichen Statements von Neumeier und seinen Tänzer:innen – 1972–2022: die Hamburger Schaffensphasen John Neumeiers mit allen Highlights, z. B. Die Kameliendame, Matthäuspassion, West Side Story, Ghost Light – Deutsch-englische Ausgabe mit umfangreichem Register (Uraufführungen, Gastspiele, Tourneen, Compagniemitglieder) Ballettgeschichte in starken Bildern Maßgeblich von den starken Fotografien getragen, gibt John N ­ eumeier zu jedem Jahrzehnt seines Schaffens Einschätzungen und sehr persönliche Statements. So werden die LeserInnen und BetrachterInnen durch Bilder und Begleittexte auf eine Reise durch ein halbes Jahrhundert europäischer Tanz- und Kulturgeschichte mitgenommen, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Uraufführungen und ­Tourneen liegt. Opulentes Zeugnis der Ära Neumeier In dieser hochwertigen Buchpublikation mit einer lebhaften Bildsprache wird die 50-jährige künstlerische Leitung des Hamburg Balletts durch John Neumeier dokumentiert. Die Texte sind in Deutsch und Englisch verfasst. Ein umfassendes Register zu Uraufführungen, Tourneen, Mitgliedern der Compagnie etc. ist enthalten. “50 Jahre Hamburg Ballett John Neumeier. Bilder einer Ära” erscheint am 28. Oktober 2022 im Henschel Verlag. www.seemann-henschel.de

Michi Fleischmann

Schwanenteich Gebundene Ausgabe, 80 Seiten, mit zahlreichen farbigen Illustrationen EUR 29,90 (A) EUR 29,10 (D)

Der kleine Krötenjunge Konstantin lebt am Schwanenteich und wünscht sich nichts sehnlicher, als ein berühmter Balletttänzer zu werden. Doch ist das für eine Kröte überhaupt möglich? Allen Hindernissen zum Trotz gibt er nicht auf, um seinem Traum ein Stückchen näher zu rücken. Ein Buch für alle Ballettbegeisterten ab 8 Jahren.

Erhältlich ab November 2022 exklusiv auf www.cromagnon.at


dancer’sANNUALballroom

y l l e K & y d n A

Andy und Kelly Kainz, die vierfachen Dancing Stars Sieger, mehrfachen österreichischen Staatsmeister und Britischen Meister schreiben für unsere Leser regelmäßig eine Kolumne.

Wie geht’s nach Corona weiter?

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ein letzter Artikel handelte kurz vor Ausbruch der Pandemie von der dringend notwendigen Digitalisierung, den viele Tanzschulbetreiber noch vor sich hatten. Als ob wir es gewusst hätten brach ein paar Monate später Corona aus und stellte alles auf den Kopf. Niemand konnte sich vorher vorstellen nicht einfach u ­ nterrichten zu dürfen. Generell waren Tanzschulen bei den verschiedenen Lockdowns in der schwierigen Position als erste zusperren zu müssen und als letzte bei Lockerungen wieder öffnen zu dürfen – und noch dazu meistens kurz vor dem Sommer, wo viele bei Normalbetrieb in eine Pause gehen. Während es aufgrund des Infektionsgeschehens im Herbst “Geschlossen” hieß, wo das Geschäft für gewöhnlich blendend läuft. Wir selbst waren in der glücklichen Situation unsere online Plattform unserer School of Dance vor Pandemiebeginn zumindest rechtzeitig eingerichtet zu haben und ein paar fertige Produkte parat zu haben. Dann ging alles sehr, sehr schnell. Zoom, das vorher wahrscheinlich den wenigsten ein Begriff war, dominierte fast jedes Geschäftsmeeting und man muss sagen, um positiv zu bleiben, dass die Lockdowns viele Tanzpaare auch viel schneller, als es je sonst mög-

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lich gewesen wäre, dazu gepusht haben die digitalisierten Lehrinhalte auch zu nutzen. Den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 konnten wir ideal dazu nutzen unsere neue online Plattform mit qualitativ hochwertigen Inhalten zu füllen und diese Inhalte perfekt zu ordnen. Im zweiten, wesentlich längeren Lockdown, begannen wir Zoom für den Unterricht zu nutzen und die Paare, obwohl es den Präsenzunterricht nicht ersetzt, haben es geliebt zumindest einmal pro Woche gute Instruktionen zu bekommen. Außerdem konnte man so, wenn auch nur digital, viele seiner Tanzfreunde ab und zu mal sehen. Klar gab es Paare, die sich dieser Digitalisierung nicht öffneten und auf dem Standpunkt verharrten, dass das nichts für sie sei. Aber denen sei gesagt: Erstens haben wir die Erfahrung gemacht, dass im Vergleich viele dieser Paare körperlich relativ schnell abgebaut haben, sodass der Einsteig nach den Verkehrsbeschränkungen schwerer war bzw. teilweise erst viel später erfolgen konnte. Und zweitens können wir bestätigen, dass viele Tanzpaare, die wir in unseren Z ­ oom-Sessions betreuten, diverse Kombinationen und Techniken zu Hause viel besser umsetzen konnten, als im herkömmlichen Kurs. Wir vermuten, dass


FOTOS: MARTA GILLNER PHOTOGRAPHY

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das mit geringer Ablenkung und besserer Konzentration in den eigenen vier Wänden zu tun hat. Mittlerweile hat sich die Situation wieder halbwegs normalisiert und schön langsam raffen sich die letzten dazu auf endlich wieder ihrem Hobby, Tanzen, nach zu gehen. Positiv fällt auch auf, dass vor allem im Anfängerbereich viele eine gemeinsame Aktivität suchen und diese mit dem Paartanz auch finden und prozentuell mehr Paare dabei bleiben. Hat uns die Pandemie doch gezeigt wie wichtig unsere eigene Gesundheit, das seelische Wohlbefinden und Zeit miteinander zu verbringen ist.

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der Gesellschaftstanz an Stellenwert weiterhin gewinnen wird. Die soziale Komponente ist dabei sehr wichtig, aber beim Lernen wird sich sehr wahrscheinlich eine Mischform aus Präsenz- und Digitalunterricht durchsetzen. Niemand mag Veränderungen. Aber wer sich in Zeiten, wo man gewohnt ist, dass vieles auf Abruf bereit ist, man zeit- und ortsunab­ hängig Zugang zur Information hat, dem technologischen Fortschritt ganz verschließt, wird zum einen langsamer lernen und zum anderen weiterhin auf die lokale Qualität des Präsenzunterrichts angewiesen sein

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Andy & Kelly Kainz – Online Dance Academy

Es stehen nicht nur viele verschiedene Online Kurse und Tanzabos zur Auswahl, sondern auch LIVE-Kurse und Privatunterricht via ZOOM.

Tanz-Urlaube & Wochenend-Workshops: Österreich & Ausland

Werzer’s Hotel am Wörthersee, Pörtschach, Kärnten Vulkanlandhotel Legenstein, Bad Gleichenberg, Steiermark Brunnerhof, St.Veit/Glan, Kärnten Sporthotel Royer, Schladming, Steiermark NEU: Romantik Seehotel Jägerwirt, Turracher Höhe, Kärnten Hotel Metzgerwirt, Sankt Veit im Pongau, Salzburg NEU: Das KATSCHBERG, Rennweg, Kärnten Dolomitengolf Hotel & Spa, Lavant, Osttirol NEU: Quellenhotel Heiltherme Bad Waltersdorf, Steiermark Hotel Miramar, Opatija, Kroatien Termine siehe Website

Kurse & Spezial-Wochenend-Workshops: Kärnten Termine siehe Website

Mehr Infos und zusätzliche brandaktuelle Neuigkeiten findest du auf unserer Website: www.andyandkelly.com Wir beraten dich gerne persönlich unter 0676/9054007. Folg uns auf Facebook, Instagram und YouTube: andyandkellykainz

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Donaupokal 2 2 P O D #

19-ter

Bundesliga Formationen Standard: 1. Bundesliga Latein: Hobbyliga, All-Girls, 2. Bundesliga, 1. Bundesliga BG/BRG Herrengasse 4 3002 Purkersdorf

Vorrunde: ca. 14:30 Finale: ca. 19:30

26.11.2022 Infos und Karten unter: www.donaupokal.at

Foto © Andreas Ganahl

Sporthalle Purkersdorf


ballroomdancer’sANNUAL

20 Jahre im österreichischen Tanzsport und nun Vize-Europameister TEXT: PETER KIELHAUSER

A-TEAM WM IN CHINA © HSV ZWÖLFAXING TANZSPORT

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berblickt man die vergangenen 20 Jahre seit der Gründung der beiden Tanzsportclubs HSV Wien und HSV Zwölfaxing im Heeressport, welche Entwicklungen es im österreichischen Tanzsport gegeben hat, so gilt dasselbe wie für den internationalen Tanzsport.

heute in meinen Augen damit, dass die vielen bestehenden Stilrichtungen nebeneinander, eng verknüpft mit der Musik, den Weg der Künste durch die Zeit beschreiben, während ein Sport eben Regeln zur Vergleichbarkeit benötigt und damit die künstlerische Seite begrenzt. Die Ästethik sollte aber darunter nicht leiden müssen.

Das sportliche Niveau ist in dieser Zeit extrem gestiegen. Was früher eher Ausnahmetalenten vorbehalten war, ist heute auf eine wesentlich breitere Basis gestellt. Die Leistungskurve beginnt damit auch schon in jüngeren Jahren als früher und umfasst auch immer mehr Länder weltweit, was damit zu einer immer breiteren Spitze geführt hat. Aber auch die Stilentwicklung und die Ausdrucksformen gehen langsam, aber stetig weiter. So kommt es auch, dass es eine erste Tanzsportdisziplin – Breaking – zum olympischen Sport geschafft hat, wenn auch der Status einer olympischen Akkreditierung für den Turniertanzsport schon länger besteht. Die Problematik der Wertungskriterien, die sich einer elektronischen Messung entziehen, steht da klarerweise im Wege. Doch das macht diesen Sport auch so reizvoll, so emotional und steht damit dem Ballett auch näher.

In den vergangenen 20 Jahren hat es im Tanzsport neben dem Trend jünger, schneller, besser auch zum Entstehen von immer höher steigenden Altersklassen – ganz entsprechend der steigenden Lebenserwartung – geführt. Weltweit gibt es derzeit etwa 6.000 registrierte Seniorenpaare, allein davon in SEN IV (über 60/65) etwa 1.000. Die SEN V-Paare sind noch nicht weltweit registriert.

Die beschriebene Entwicklung hat im Ballett schon wesentlich früher eingesetzt (Beginnalter, Leistungsbreite, Internationalität) und punktet

Und hier sei noch der Konnex Tanzsport zum Heeressport dargestellt. Es war der im ehemaligen k u k Marinehafen Kotor geborene und spätere österreichische Offizier Karl von Mirkowitsch, der als Vater des Turnier-Wiener Walzers mit der Entwicklung seiner Grundbewegung, die Rechtsdrehung (den “Drahrer”) mit einer Vorwärtsbewegung zu kombinieren, bezeichnet wird. Auch andere österreichische Offiziere waren nach dem 1. und auch 2. Weltkrieg im Tanzsport sehr aktiv. Dass es eine zumindest in früheren Jahren geübte Offizierstugend war, tanzen zu können, darf hier noch zusätzlich angemerkt sein. So wurden vom ANNUAL 22/23

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A-TEAM CHOREOBEGINN EM © STEFAN STRASSENBURG

HSV Wien Tanzsport dann auch für die Militärattachees in Österreich über mehrere Jahre Tanzsportseminare vor der Ballsaison organisiert. Doch nun zu den Tanzsportaktivitäten der beiden Heeressport Tanzsportsektionen in Wien und Niederösterreich, beheimatet in Zwölfaxing. Beide Sektionen konnten mit ihren Mitgliedern in die Welt­ spitze des Tanzsports vorstoßen. Dem HSV Wien Tanzsport, gegründet mit fünf Seniorenpaaren, war es gelungen, von Anfang an eine Top-Trainerin, Natalia ­TschemodourovaLudwig, in seinen Reihen zu haben. Innerhalb von drei Jahren war ­dieser schnell wachsende Club in den Lateintänzen die Nummer 1 in Österreich in der Hauptklasse, der Allgemeinen Klasse. Zusätzlich wurde eine Jugendmannschaft aufgebaut (Schüler, Junioren I und II, Jugend), die hervorragend mit vielen österreichischen Meistertiteln aufblühte. Besonders für diese Paare wurden jährlich Turniere veranstaltet und zudem mehrere Wiener Landesmeisterschaften. Dem Spitzenpaar des Clubs, der Tochter der Trainerin, Anna ­Tchemodourova-Ludwig, dann eingebürgerte Ludwig und ihren Tanzpartnern, gelang es nicht nur serienhaft den Österreichischen Staatsmeistertitel zu erringen, sondern sich schrittweise in die Weltspitze vorzuarbeiten. Mit ihrem letzten Partner Zufar Zaripov, errang das Paar in den Lateintänzen vorderste Plätze bei Welt- und Europameisterschaften und Grand SlamTurnieren und einen Spitzenplatz bei den World Games in Kali bei weltweit etwa 4.000 registrierten Paaren in dieser Disziplin. Heute sind diese beiden glückliche Eltern von zwei Kindern und gehen ihren Lebensweg als Trainer und Wertungsrichter im Tanzsport weiter. Auch

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die regierende österreichische Staatsmeisterin in den Lateintänzen, Jaroslava Huber, kommt ursprünglich aus diesem Klub. Sie kam fast täglich im Zug von Ansfelden nach Wien, lernte im Zug und trainierte dann intensiv in einer der Kasernensäle und fuhr wieder zurück. Ein weiteres Paar, Conny Kreuter und Stefan Herzog, tanzte sich sehr rasch und erfolgreich in der Hauptklasse nach oben bis in die Sonderklasse. Von ihnen und weiteren Top-Tänzern des HSV Wien Tanzsport wird noch später zu lesen sein. Aus den anfänglichen fünf Seniorenpaaren waren es auch viele mehr im HSV Wien Tanzsport geworden. Dazu muss erklärt werden, dass sich die “Seniorenklassen”, also alle über der Hauptklasse oder Allgemeinen Klasse in etwa 10-Jahres-Schritte gliedern – somit Altersklasse über 30, ü 45, ü 55 und über 65 und nun auch über 70 (international SEN I, SEN II usw.). In diesen Klassen bestehen wie in allen anderen Altersklasssen in sich wieder Unterklassen für entsprechende Niveaus. Auch bei den Senioren konnte der HSV Wien Tanzsport bestens punkten und erbrachte mehrere österreichische Meister in den diversen Unterklassen und auch mehrere österreichische Vizemeister in den (obersten) Sonderklassen, zu denen sich auch der Autor zählen darf. Ein besonderes Highlight im künstlerischen und sportlichen Sinn ­waren die gemeinsam mit dem Ballettclub der Wiener Staatsoper und Volksoper veranstalteten Symposien zu Gemeinsamkeiten von Ballett und Tanzsport. Das erste war abwechselnd vorgestellten Ausschnitten mit Choreographien zu PasoDoble-Musik, Walzer, Tango und Rumba gewidmet. Das zweite hatte den Wiener Walzer in seinen verschie-


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densten Formen zum Kern, wobei Karl Musil nicht nur den Ehren­ schutz übernommen hatte, sondern auch noch persönlich auftrat. (Siehe dazu ein eigener Artikel in einem früheren DANCERS.) Aufkommende Schwierigkeiten mit den Trainingsmöglichkeiten, die vornehmlich in Kasernen waren, erbrachten eine ruhigere Phase mit weniger Mitgliedspaaren. Seit 2022 ist der HSV Wien Tanzsport wieder vorne dabei als Mitorganisator des Vienna Dance Concourse, einem der schönsten Turniere weltweit, da er im Festsaal des Wiener Rathauses stattfindet. Der HSV Zwölfaxing Tanzsport, unmittelbar nach dem HSV Wien Tanzsport gegründet, war zu Beginn nur Latein Formationen vorbehalten. Diese entstanden in anfänglicher Kooperation mit dem Formationstanzsportclub Perchtoldsdorf. Das A-Team des HSV Zwölfaxing konnte sich nach wenigen Jahren an die Spitze der österreichischen Latein Tanzsportformationen setzen und hält derzeit bei 16 österreichischen Staatsmeistertiteln. Bei internationalen Turnieren wie Weltund Europameisterschaften konnten ebenfalls sehr viele Finalplätze erreicht werden. Die World Games der Latein Formationen 2013 in Taiwan brachten sogar eine Silbermedaille. Schon im Dezember 2003 wurde das erste internationale Donau­ pokalturnier in Bad Vöslau durchgeführt. Dabei gelang der erstmalige Livestream des gesamten Turniers, gesponsert und realisiert von der damaligen Telecom Austria, der dann ein ganzes Jahr im Internet abrufbar stehen blieb. Der folgend jährlich durchgeführte Donaupokal

hat sich zur größten internationalen Formationsturnierserie unter dem geschützten Namen “Donaupokal” bzw. “Danube Cup” entwickelt. Die ursprüngliche Idee war für die wenigen Formationen in den jeweiligen “Donauländern”, außer Deutschland, eine leistungssteigernde sportliche Konkurrenzmöglichkeit zu etablieren, was bestens gelang. Die teilnehmenden Formationen kamen aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Serbien, Rumänien und Bulgarien und der Ukraine und dazu gesellten sich dann auch Teams aus Belgien, England, Polen, Weißrussland und von Beginn an Deutschland. Es war dabei immer ein Anliegen, die Turniere möglichst vielseitig durch Ergänzung mit anderen Tanzsport-Disziplinen oder sonstigen Beiträgen wie z. B. Tänzer mit besonderen Bedürfnissen oder auch Ballett zu bereichern. Heuer, am 26. November, wird in Purkersdorf das 19. Donaupokalturnier durchgeführt (siehe unter www.donaupokal.at). Gemäß dieser Grundidee gibt es jetzt ähnliche weitere Turniere in Ungarn und Polen und in Österreich anstatt der damaligen drei bis vier Formationsteams nunmehr bis zu 15 Teams in den Disziplinen Latein und Standard und in drei Liganiveaus, eine erfreuliche sportliche Erfolgsgeschichte. Ganz dieser Entwicklung entsprechend konnten in HSV Zwölfaxing Tanzsport bis jetzt fünf Lateinformationen aufgebaut werden, die in der 1., der 2. und der Hobbyliga starten und diese Ligen seit ihrem Bestehen in den Lateintänzen auch meistens gewinnen konnten. So wurde die Leistungsdichte 2019 dadurch unterstrichen, dass zur WM neben dem A-Team auch das B-Team mit den Trainerinnen Daniela Heinlein und Isabella Udovc als 2. Team für Österreich entsandt wurde. ANNUAL 22/23

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dancer’sANNUALballroom Ein großer Beitrag zu den Erfolgen kommt im zusammenwirkenden Dreieck aus dem Cheftrainer, den Sportlern und den Funktionären besonders Ersterem zu. Seit 2011 ist Stefan Herzog in dieser Funktion. So beinahe nebenbei hat er zusammen mit Tanzpartnerin Conny Kreuter 2015 die Österreichische Kürmeisterschaft gewonnen. Cheftrainer Stefan Herzog ist auch die Erfolgsserie der Einzelpaare des Clubs in den Lateintänzen zuzuschreiben, was auch zur Steigerung der Leistungen in den Formationsteams beiträgt, da die meisten Tänzer der Einzelpaare auch in den Formationsteams tanzen. Dies bedeutet für diese aber eine noch höhere wöchentliche Stundenanzahl für Training, was neben den Stunden für Schule, Studium oder Beruf nicht hoch genug bewertet werden kann. Das Resultat ist eine oder die Spitzenposition seit einigen Jahren unter den österreichischen Tanzsportclubs in der Erfolgspunkteliste der Turniere für Lateinpaare, welche aber nicht getrennt von den Standardtänzen geführt wird. Bei den Formationen besteht eine solche Punkteliste nur über Erfolge in Bundesligaturnieren in Österreich. Andere als turniermäßige Auftritte in der Öffentlichkeit erfolgten durch die Top-Teams z. B. auf der Seebühne in Mörbisch zu Klängen

der Gardemusik, in der Hofburg schon bei vielen Offiziersbällen und bei anderen Garnisonsbällen, im Heersgeschichtlichen Museum vor den EU-Generalstabschefs im Rahmen der EU-Vorsitzes Österreichs und erst jüngst in der Sendung Dancing Stars. Hier sei angemerkt, dass in den letzten Dancing Stars Staffeln sechs der “Profis” in der einen oder anderen Form den Reihen der beiden HSV Tanzsportclubs entstammen (Stefan Herzog, Conny Kreuter, Danilo Campisi, Julia Burghardt, Florian Vana, Helene Exel). Um im Weltkonzert der Spitzenklubs seinen Beitrag zu leisten, wurden vom HSV Zwölfaxing Tanzsport erstmals 2008 in Wiener Neustadt eine Weltmeisterschaft in den Latein Formationen ausgerichtet. 2012 folgte die Organisation einer EM in Schwechat, 2015 wiederum eine WM in Wr. Neustadt und nunmehr eine EM wieder in Schwechat. Über die dabei auftretenden Schwierigkeiten und Probleme ließen sich Bücher schreiben. Doch besonders die vergangene Europameisterschaft in Schwechat war durch die Corona-Pandemie stark überschattet, da sie ursprünglich für Ende Mai 2020 vorgesehen, durchgeplant und organisatorisch weit fortgeschritten war. Die pandemiebedingt erforderliche Absage Mitte März 2020, nur 2 1/2 Monate vorher, bei einem Planungsvorlauf von etwa einem Jahr war extrem schwierig und leider von einigen wenigen Seiten mit Unverständnis begegnet worden. Dann erfolgten mehrere Versuche einer terminlichen Verschiebung bis schlussendlich der Termin mit 28. Mai 2022 im Multiversum in Schwechat fixiert und auch realisiert werden konnte. Der Krieg in der Ukraine vergrößerte nochmals anstehende Probleme der Teilnahme der Latein Formationen aus den in Frage kommenden europäischen Ländern. Doch mit dieser Europameisterschaft konnte im österreichischen Tanzsport Geschichte geschrieben werden. Das A-Team des HSV Zwölfaxing Tanzsport errang den 2. Platz, den Vize-Europameistertitel mit klarem Vorsprung vor dem 2. deutschen Team. Den 4. Platz erreichte das 2. österreichische Team, das A-Team des UFTSC Perchtoldsdorf. Den Sieg errang das vielfache Europa- und Weltmeisterteam des TSC Grün-Gold-Bremen aus Deutschland. Das gesamte Organisationsteam, ausschließlich unbezahlte Idealisten, das zusammen mit den club-internen und club-nahen Helfern aus über 100 Personen bestand, konnte sich zusammen mit den Trainern und Tanzsportlern damit nicht nur über einen überaus gelungenen Event, sondern besonders über das beste Ergebnis für österreichische Formationen freuen, das jemals erreicht werden konnte.

ANNA UND ZUFAR @ HSV WIEN TANZSPORT

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Auf dieser Basis sind weitere 20 Jahre erfolgreichen Tanzsports bestens vorstellbar und der Autor ist sich sicher, wenn er nun seine Leitungsfunktion nach diesen schönen 20 Jahren zurücklegt, dass es nicht an neuen engagierten Funktionären, Trainern und Tanzsportlern fehlt, welche die bisherige Entwicklung erfolgreich in die Zukunft tragen werden.


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