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EUROPA SIND WIR DIR EGAL?
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Issue No. 2 / FEBRUAR/MÄRZ 2021 / 5,9 5 € www. my gay-ma gaz i n e . c o m
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EUROPA UND DIE EU
LGBTQ-SCHUTZMACHT EUROPÄISCHES PARLAMENT?
INTERVIEW THIERRY BRUET
DIE FRATZE DER HOMOPHOBIE
SCHWUL UNTER RAPPERN
LIEBE IN CORONA-ZEITEN?
DIE PLEITEWELLE IN DER LGBTQ-COMMUNITY
WER BRAUCHT SCHON NOCH DIE LGBTQ-KULTUR?
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DIE MODE TRENDS 2021
M YGAY # 2 / P O L I T I K / EURO PA UND DI E EU
in Gefahr ist, dann sind nicht die Islamisten, nicht die Rechten, die Linken oder „die da oben“ dafür verantwortlich, sondern wir alle (...). Die Krise der Demokratie ist in erster Linie eine Krise der Mitte, die immer unmündiger, unpolitischer, angstgesteuerter und somit erpressbarer wird. Sie wird zum Getriebenen äußerer und innerer Entwicklungen, gibt das Heft des Handelns aus der Hand. Ihr Glaube an die Freiheit schwindet und somit auch ihr Glaube an sich selbst.“
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Verlieren wir wirklich den Glauben an uns selbst und sind einfach still, brav, unmündig? Nehmen wir allzu leichtfertig gerade auch als Menschen der LGBTQCommunity hin, dass unsere Rechte immer und immer wieder beschnitten und an den Rand gedrängt werden? Verschiebt sich hier unsere Wahrnehmung jener Grenze, die wir nie wieder überschreiten wollten – weil Gewöhnungseffekte und Fake News
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uns ermüden. Eine aktuelle IfD-Umfrage von 2020 zeigt auf, dass der Großteil der Deutschen davon überzeugt ist, dass sich unsere Gesellschaft aktuell rapide verändert. Rund Dreiviertel der Befragten bemerkt, dass die Aggressivität zunimmt und die Menschen immer ängstlicher werden. Etwa jeder Zweite ist zudem der festen Überzeugung, dass die Menschen intoleranter werden und der Egoismus zunimmt. Daran mag Corona Mitschuld haben, doch mit Sicherheit ist der Virus nicht allein der Superspreader dieser gesellschaftlichen Veränderung. Die Politikwissenschaftlerin und Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung Ulrike Guérot meint, dass wir Europa von Grund auf erneuern müssen. Dem gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Währung muss endlich eine gemeinsame europäische Demokratie folgen. Nur so könne das weltoffene Europa erhalten werden, das die Mehrheit der Europäer auch will.
Hoffnung, der freiheitliche Funke würde irgendwann auch auf jene Länder überspringen. Diese angebliche Toleranz verrät den Kern der Wertegemeinschaft. Der Philosoph Karl Popper erklärte das sogenannte Toleranz-Paradoxon einmal so: „Wir sollten im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“ Liebes Europa, liebe EU, hast du Lust, dich mit uns gemeinsam neu in unsere Werte und unsere fundamentalen Menschenrechte zu verlieben? Frei von Kompromissen? Wir wären dabei!
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Im Dezember letzten Jahres wurde die Europaflagge 65 Jahre alt. Laut EU-Rat symbolisiert die blaue Flagge mit den gelben Sternen nicht nur die Europäische Union, sondern gerade auch die europäische Identität. Die Flagge stehe für Einheit, Solidarität und Harmonie der europäischen Völker. Es klingt wunderbar, doch ein wenig bleibt der Eindruck, die EU entwickelt sich immer mehr zu einer Art Themenpark, ein Disneyland, in dem jeder herumspielen darf, wie er will. Am Ende bekommen alle Popcorn, Hauptsache, man streitet sich nicht allzu sehr. Ist es nicht an der Zeit, unsere Werte neu zu entdecken, uns neu in unsere Menschenrechte zu verlieben? Diese fundamentalen Grundrechte, die endlich auch LGBTQ-Menschen gleichwertig machen würden? Mit diesem Wegsehen, diesem blinden Fleck, diesem bewussten Hinnehmen von Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Polen oder Ungarn beweist die EU keine Toleranz, in der
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einen Not-Haushalt erstellen zu müssen. Und so hätten viele Programme nicht finanziert werden können. Programme, die aber für die NGOs aufgestellt sind, sodass auch direkt Programme für die LGBTQ-Community betroffen gewesen wären. Man muss leider solche Kompromisse eingehen. Ich hätte mir viel mehr gewünscht. Ich hätte mir auch einen stärkeren Einsatz der deutschen EURatspräsidentschaft erwartet. Angela Merkel hat im Europäischen Parlament die Wichtigkeit der Rechtsstaatlichkeit hervorgehoben, aber am Ende war davon nicht mehr viel zu sehen. Sie wollte am Ende ihrer Ratspräsidentschaft diesen Haushalt irgendwie hinbekommen und nur durch den Einsatz des Europäischen Parlaments konnten wir ein wenig von dieser Rechtsstaatlichkeit retten. Wir müssen noch mehr kämpfen, da wir sehen, dass die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn und Polen für LGBTQs nicht gegeben ist.
Der Schutz der sexuellen Identität ist in der Europäischen Charta verankert. Muss die EU ihre Mitgliedsstaaten aktiv dazu anhalten, diesen Schutz in ihren nationalen Verfassungen zu ergänzen?
Wie kann schützen?
Das Thema Menschenrechte muss in der Außenpolitik der EU eine starke Rolle spielen. Wenn man Außenpolitik betreibt, muss man auch wirtschaftliche Interessen mit im Blick haben, aber die Menschenrechte dürfen nicht hintenangestellt werden. Innerhalb der EU sprechen wir da leider noch nicht mit einer Stimme, wie es sein sollte. Wir brauchen eine stärkere EU-Außenpolitik, sodass wir mit einer Stimme von vielen Millionen Menschen reden und dann können wir auch mehr durchsetzen, was Menschenrechte angeht. Gerade an China sieht man, dass sie gerade eine sehr aggressive Außenpolitik betreiben und in China spielen Menschenrechte gar keine Rolle. Das ist eine große Gefahr und daher können wir außenpolitisch und handelspolitisch nur als starke EU auftreten, um ein Gegengewicht zu bilden. Ich setze große Hoffnung auf die neue US-Administration unter Joe Biden. Wir müssen uns als EU stärker einsetzen und nur als starker Player können wir LGBTQ-Rechte auf der ganzen Welt stärken und schützen.
die
EU
die
LGBTQ-Community
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Wir müssen drei Sachen machen. Da, wo ganz klar europäisches Recht verletzt wird, muss dies konsequent von der Kommission an den Europäischen Gerichtshof gebracht werden. Zurzeit neigt die Kommission dazu, nicht konsequent zu sein. Des Weiteren müssen wir EU-Gelder zurückziehen. Das hat die Kommissarin Dalli in Polen bereits gezeigt, als sie den Städten, die LGBTQfreie Zonen ausgerufen hatten, die Förderungen für Städtepartnerschaften in Europa entzogen hat. Dritter Punkt: Wir müssen die Gesellschaft verändern. Wir müssen mehr die Community vor Ort unterstützen. So müssen wir auch schauen, ob wir gerade die Prides in Osteuropa stärker unterstützen können. Die Diskussion in Europa muss weiterhin stark sein, damit wir zeigen, dass Europa solche Sachen wie Polen und Ungarn nicht einfach geschehen lässt.
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Das wäre ein richtiger Schritt. Die EU-Charta ist für alle Bürger in der EU verpflichtend, damit auch für die Mitgliedsstaaten. Es wundert mich leider immer wieder, dass wir an einen Punkt sind, wo wir über solche Sachen diskutieren, die eigentlich selbstverständlich sind. Wir müssen weitergehen und da ist das LGBTQ-Programm der Europäischen Kommission richtig. Wie muss die EU gegenüber internationalen Partnern wie Saudi-Arabien und Russland, wo LGBTQs gesellschaftlich und staatlich verfolgt werden, künftig auftreten?
POLITIK
WURDEN LGBTQ-THEMEN IN DER DEUTSCHEN EU-RATSPRÄSIDENTSCHAFT VERSCHLAFEN? Ein Interview mit Staatsminister Michael Roth Autor: Sebastian Ahlefeld
ie EU-Ratspräsidentschaft wird turnusgemäß alle sechs Monate von einem EU-Mitgliedstaat geleitet. Jedes Land setzt dabei seine individuellen Schwerpunkte. Sei es der Klimaschutz oder der europäische Zusammenhalt. In der zweiten Jahreshälfte 2020 war Deutschland an der Reihe und hatte aufgrund des einen überragenden Themas des Jahres keinen großen Spielraum. Die Ratspräsidentschaft Deutschlands wurde von der Covid-19-Pandemie bestimmt. Themen wie Verteidigung, Wirtschaft und Gleichstellung standen selbstverständlich auf der Tagesordnung, spielten aber nur noch eine Nebenrolle. Selbst der Austritt Großbritanniens aus der EU wurde zu einer Nebensache.
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Öffentlichkeit zu diskutieren. Auf der internationalen Konferenz „Intersectionality and LGBTIQ Policies in Europe“ hat Bundesministerin Giffey gemeinsam mit EU-Kommissarin Dalli und der Generalsekretärin des Europarats Pejcinovic Buric das Problem der Mehrfachdiskriminierungen von LGBTQ-Personen thematisiert. Der Fokus lag dabei auf lesbischen Frauen und der Frage der europaweiten Anerkennung von Regenbogenfamilien.“
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In einer Ratspräsidentschaft stellt zudem jedes ministeriale Resort seine eigenen Schwerpunkte. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte sich die Schwerpunkte „Jugend und Demokratie“ sowie „Gleichstellung“ gesetzt. Schaut man genau hin, was die Bundesministerin Franziska Giffey (SPD) mit „Gleichstellung“ meint, dann erkennt man, dass Gleichstellung anscheinend weiterhin nur im Fokus zwischen dem Spannungsverhältnis Mann und Frau gesehen wird. Spätestens bei der Bilanz, die die Ministerin laut Pressemitteilung von Ende Dezember 2020 als „positiv“ bewertet, kann man die LGBTQ-Errungenschaften in zwei Sätzen zusammenfassen und selbst diese stützen sich nur auf die LGBTQ-Strategie der Europäischen Kommission – Zitat: „Wir haben die deutsche EU-Ratspräsidentschaft genutzt, um die Strategie mit einer breiten
KOLUMNE
EUROPA, DU MACHST MICH FERTIG! Autorin: Donna Dreamatic Davis
as stimmt nur mit dir nicht. Als wir uns kennenlernten, warst du so heiß, aktiv, positiv und voller Tatendrang. Heute liegst du nur so da wie das ausnüchternde Sexdate von letzter Nacht, führst Selbstgespräche und kümmerst dich überhaupt nicht mehr um mich. Es widert mich an, dich so selbstgefällig und träge rumgammeln zu sehen. So langsam werde ich auch richtig sauer. Was soll der Mist mit Polen und Ungarn? Jedes Mal, wenn ich dich darauf anspreche, gelobst du Besserung und erzählst was von Wertegemeinschaft, aber ehrlich gesagt, kann ich mit den ersten 26 Leuten, denen ich in der U-Bahn begegne, mehr Gemeinsamkeiten herausarbeiten, als du mir mit deinem Friedensprojekt erzählen willst. Deutschland schmeißt in arroganter Selbstgefälligkeit mit der Kohle nur so um sich, tönt von Moral und Ethik, aber praktiziert doch eigentlich nur einen modernen Ablasshandel. Die Art und Weise, wie sie mit ihren Krisen in den letzten fünf Jahren umgegangen ist, grenzt an Masochismus. Alles polarisiert, nichts aufgearbeitet und am Ende mit Geld zugekleistert. Frankreich hat offensichtlich sein Ritalin abgesetzt und kommt jeden Tag mit einer neuen fixen Idee, obwohl unser Nachbar mit ADHS doch mittlerweile gelernt haben sollte, wie das mit Deutschland läuft. „Gaaaanz langsam“, aber am liebsten gar nicht. Vom Trittbrettfahrer auf die Überholspur klingt zwar ziemlich sexy, aber wenn ich mir die Gelbwesten anschaue, vergeht mir die Euphorie. Am Mittelmeer halten sich unsere Sorgenkinder gerade so über Wasser. Zugegeben, nicht alles ist da so ganz legal.
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Geldwäsche, Korruption und Jugendarbeitslosigkeit lassen sich nicht so schnell lösen, besonders wenn man sich schon daran gewöhnt hat, von Mutti durchgefüttert zu werden. Fehlt nur noch, dass sie ihre Wäsche vorbeibringen. Glücklicherweise haben wir ja noch die sparsamen Vier, Österreich, Niederlande, Dänemark und Schweden. Alles Länder, die im Großen und Ganzen ihre Sachen wirklich gut machen. Abgesehen von Corona natürlich. Schweden hat hoch gepokert und hoch verloren. Dänemark hat bei den Nerzen festgestellt, nur weil man etwas nicht mehr sieht, heißt es nicht, dass es nicht mehr da ist. Die Niederländer mit Ihrem begnadeten Humor versuchten es beim Impfen nicht mit Pokern, sondern mit Pferderennen. Leider stand vorerst ihr Gaul, der Impfstoff der Hersteller AstraZeneca und OxfordUniversität noch in der Box – sieht man einmal von Großbritannien selbst ab, aber wir wollten ja thematisch bei Europa bleiben. Das Rennen machte zuerst der anspruchsvolle, bei minus 70 Grad gelagerte Impfstoffhengst und das junge Fohlen namens Vakzin. Nun galoppieren immer mehr Pferde auf die Impfstoff-Koppel. Zu guter Letzt noch die Corona-Dreckschleuder Österreich. Sie haben nur „Kanzler Kurz“ nachgedacht: „it was so nice, we did it twice“ – Skifahren ging lange Zeit vor. In Wirklichkeit stören mich am meisten nur Polen und Ungarn. Ich würde so gern jemand anderem die Schuld geben, dass es im Moment so läuft, wie es läuft, aber bis Ende 2020 war ja unsere eigene Uschi
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POLITIK
IM FADENKREUZ DER GEWALT
Schwule Männer in Ungarn und Polen Autor: Michael Soze
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iele schwule Männer in Deutschland wissen gar nicht, in was für einem Paradies sie leben! Und auf der anderen Seite ist es für Außenstehende wahrscheinlich wirklich nicht zu begreifen, wie es uns hier in Ungarn tatsächlich geht. Ich würde es selbst nicht glauben, würde ich nicht hier leben.“ David ist 25 Jahre alt und lebt in Budapest, der Hauptstadt Ungarns. Sein Gesicht will er nicht veröffentlichen, zu groß ist die Angst, erkannt zu werden. „Es gibt auch in Deutschland sehr stolze Ungaren, die gerne in die alte Heimat Berichte von solchen wie mir schicken. Das verbreitet sich gerne schnell.“
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Solche wie er. Damit meint David schwule Männer, der größte Bestandteil aus der ungarischen LGBTQ-Community, der tagtäglich Hass und Anfeindung ausgesetzt ist. Da wäre zum einen die gesetzliche Komponente: Immer wieder vergleichen Politiker Homosexualität mit Pädophilie und versuchen, Vorurteile in Gesetze zu verwandeln. In Deutschland neigte zuletzt nur CDU-Möchtegernkanzler Friedrich Merz zu einem ganz ähnlichen Vergleich. Der Schutz der Kinder vor den vermeintlichen schwulen Schändern feuert eine ganze Reihe von Gesetzen an, die allesamt das Ziel verfolgen, Rechte für LGBTQ-Menschen zu minimieren. Die Adoption ist in Ungarn de facto für LGBTQ-Menschen inzwischen so gut wie unmöglich. Eine Ehe bleibt eine Verbindung von Mann und Frau und auch die Möglichkeit der Selbstdefinition ist transsexuellen Menschen genommen worden. Das bei der Geburt festgestellte Geschlecht ist bindend. Ungarn und Polen scheinen intern einen Wettbewerb ausgerufen zu haben, wer in kürzerer Zeit mehr Menschenrechte für Homosexuelle untergraben kann. Und andere Länder wie derzeit Rumänien versuchen tatkräftig, ebenso beim Spiel mit der Beschneidung von LGBTQ-Rechten mitmachen zu dürfen.
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Die Lage? Aussichtlos? Zum anderen gibt es aber auch die gesellschaftliche Entwicklung, die in beiden Ländern die Bevölkerung vor eine Zerreißprobe stellt. Das bekannte Model Adam Jakubowski erzählt uns zum Beispiel, dass es sich in den großen Städten Polens immer noch einigermaßen gut leben lasse als schwuler Mann. Je ausgeprägter der katholische Glaube allerdings vorhanden ist
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DER MENSCH HINTER DER MASKE EINER DRAG-QUEEN Die faszinierenden Fotoarbeiten von Iris Eidinger Autor: Sebastian Ahlefeld
ressed as a guy – wenn Männer zu Frauen werden. Dabei geht es in erster Linie um die Optik, um die kreative Außendarstellung der Frau mit Hilfe von Fashion und Perücke. Wobei natürlich in der heutigen Zeit festzustellen ist, dass es nicht die eine stereotypische Frau gibt, die in High Heels und toupierter Frisur durch die Berliner Nacht läuft. Daher ist auch Drag mittlerweile so unterschiedlich und facettenreich geworden. Drag ist nicht erst seit wenigen Jahren oder Jahrzehnten eine Kunstform, sondern bereits seit Jahrhunderten. So war 1597 die erste Julia in der Bühnenaufführung zu William Shakespeares „Romeo und Julia“ eine Drag. Denn erst 1660 war es in Großbritannien den Frauen gestattet, auf der Bühne eine Rolle zu spielen. Was damals ein riesiger Skandal war. Zuvor haben ausschließlich Männer die weiblichen Rollen gespielt. Wenn man es genau nehmen will, waren bis dato alle bühneninszenierten Liebesszenen homoerotische Vorführungen. Drag als Kunstform ist geblieben und hat sich mit der Zeit verändert. Von den einen wird es geliebt und von den anderen skandalisiert. Drag kann dabei in sich so unterschiedlich sein, weil hinter dem dicken Make-up und dem tonnenweisen rosa Tüll unterschiedliche Männer stecken. Männer mit
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vielfältigsten Biographien und Talenten. In Deutschland ist Drag auch unter dem Begriff „Travestie“ begannt. In den 90er-Jahren war Georg Preuße alias Mary der bekannteste Travestiekünstler in Deutschland, weil nicht nur die LGBTQ-Community zu seinen Shows gegangen ist, sondern vorwiegend auch heterosexuelle Menschen. Am Ende einer jeden Show zeigte Mary, dass hinter dieser Frau der Mann Georg Preuße steckt, in dem er sich zum Lied „So leb dein Leben“ auf der Bühne abschminkte. Lange Zeit war Drag nur noch das Schrille, Laute und Bunte innerhalb der LGBTQ-Gemeinschaft. Drag wurde von der Mehrheitsgemeinschaft nicht mehr als Kunstform gesehen. Erst mit der US-Serie „RuPaul“ und der Staffel „Queen of Drags“ wurde Drag (Travestie) in Deutschland wieder zu einer ernstzunehmenden Kunstform. Die RuPaul’s Drag Race – Tour 2019 war in wenigen Tagen ausverkauft und es füllten sich Hallen mit über jeweils 4.000 Zuschauern. Wie in den 90er-Jahren fasziniert Drag nun erneut ein breites und diverses Publikum. Drag wird als Kunstform wieder wahrgenommen: als ein Stück Kultur. Dabei interessiert man sich endlich auch wieder für die Männer, die hinter dem Make-up und dem rosa Tüll stecken.
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M YGAY # 2 / K U LT U R / D ER MENSC H HI NTER DER MASK E EINER D RAG -QUEEN
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Die Fotografin Iris Edinger, geboren 1970 in einem ländlichen Dorf nahe Krefeld, lebt und arbeitet heute in Düsseldorf. Inspiriert durch ihren Vater, Horst Edinger, hat sie bereits mit 17 Jahren die Leidenschaft für die Fotografie für sich entdeckt. Mit dem Brustkrebsprojekt FUCK IT – I’M ALIVE! hat sie bereits bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie fotografierte Frauen und Männer nach ihrer Brustkrebs-Erkrankung, unverstellt mit ihren sichtbaren Narben auf der Haut. Eine Ausstellung, die berührte. In diesem Jahr nun arbeitet Iris Edinger an einer DRAG-Fotoausstellung. Sie will dabei hinter die Drag-Figur blicken, um so die Vielfalt dieser Kunstform aufzuzeigen, und sucht für dieses Projekt noch Drag-Künstler. Ziel ist es dabei, nicht nur Queens, sondern auch Kings für die Idee zu begeistern (Bei Interesse E-Mail an kontakt@irismy
edinger.de). Das MyGay Magazine hat sich vorab exklusiv mit der Künstlerin getroffen. Iris, wie ist es überhaupt zu diesem Projekt gekommen? In den 90iger Jahren sah ich zufällig bei Spiegel TV einen Bericht über Drag Kings und Queens. Seit dieser Zeit habe ich dieses Projekt im Kopf. Im Sommer letzten Jahres entschied ich mich dann, das Fotoprojekt endlich umzusetzen. Nachdem ich im Herbst dann aber „Drag Queens“ als Teil der Ausstellung „CloseUps“ von Martin Schoeller gesehen hatte, habe ich kurz gezögert. Letztendlich ist aber jedes Motiv schon unzählige Male umgesetzt worden und den Unterschied wird mein Blick, Stil und meine Protagonisten machen. Die ersten
Motive entstanden mit Tim, dem Kindergärtner meines Sohnes. Er brachte zwei Freunde mit, einen Bankkaufmann und einen Studenten. Das sind die ersten Bilder, auf denen die Serie aufbaut, und zu der wir bereits weitere Ideen entwickelt haben, die wir nun umsetzen werden.
Transition zwischen den Welten. Das begleitet mich schon sehr lange, bereits mit 13 Jahren habe ich David Bowie entdeckt und war von seiner Musik und seiner wechselnden Erscheinung und seinen Figuren fasziniert. Androgynität war für mich immer schon etwas sehr Spannendes, ich glaube, wir alle tragen dies in uns.
Gibt es ein spezielles Ziel, das du mit deiner Arbeit verfolgst? Was macht für dich selber Drag aus?
Was begeistert dich an dieser Arbeit? Grundsätzlich portraitiere ich gerne Menschen. Mich interessieren ihre Facetten und Details, oft fotografiere ich „nur“ die Gesichter in Schwarz-Weiß. Bei diesem Projekt habe ich klar eine andere Idee. Farbe sollte es sein. Aber ohne Schwarz-Weiß kann ich offensichtlich nicht ganz und es drängt mich nach einer Umsetzung hier. Am Ende wird es wohl eine Kombination werden. Mich interessieren die Zwischenwelten. Insofern sind für mich die Motive, in denen sich der Verwandlungsprozess in der Entstehung befindet, der spannende Teil. Also die
Drag ist für mich: Freiheit, Freude, Fantasie. Es ist ein Spiel, ein Entdecken, eine Fantasiereise. Es geht um Mut und Individualität. Es geht aus meiner Sicht nicht darum, eine Frau oder ein Mann zu werden. Es ist ein Spiel mit Klischees und Vorurteilen, lebt oftmals von Übertreibungen und hat keinen Anspruch auf Realität. Was aber fotografisch gesehen für mich nicht heißt, dass ich freudig lachende Menschen ablichte. Es ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, die ich sichtbar machen möchte.
Wie muss für dich Drag sein, dass es dich anspricht? Was mich persönlich reizt, ist die Reduktion und die Gegensätzlichkeit. Die Kostüme und die Schminke sind umwerfend faszinierend, opulent und mondän. Das Festhalten in meiner Bildsprache ist spannend. Aber ich liebe die Reduktion, die Facetten, die den Übergang ausmachen und für beide Personen oder Figuren stehen. Die Kombination des Üblichen mit Aspekten, die überraschen und irritieren. Das ist der Teil, den ich persönlich und fotografisch am spannendsten finde. Ähnlich wie beim Brustkrebsprojekt FUCK IT – I’M ALIVE! an dem ich seit 2019 arbeite. Mich fasziniert an der Arbeit mit Drag-Künstlern ihre Freude und ihr Spaß an ihrer Sache! Manchmal ist die Freude sicher auch ein Aufbäumen gegen Konventionen oder Enge. Umso schöner zu erleben, wie sie bei der Verwandlung darin versinken.
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Über Ziele in meinen Projekten oder Fotografien zu sprechen, fällt mir immer schwer. Mich inspiriert viel und ich kreiere. Das ist eine Intuition, ein Drang, weniger eine konkrete Entscheidung. Im Moment befindet sich das Projekt noch im Wachstum und wird sich mit der Zeit weiterentwickeln. Sicher ist aber, ich möchte Menschen in ihren unterschiedlichen Facetten zeigen. In diesem Fall einen Teil zeigen, der vielleicht nur einer kleineren Gruppe oder einem bestimmten Kreis vorbehalten ist, und sie so für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Für mich ist die Freiheit und Toleranz, so sein zu dürfen, wie man sich fühlt oder wer man ist, sehr wichtig. Für viele sind Menschen, die sich Kleider des anderen Geschlechts anziehen und mit Frisuren und Makeup spielen, immer noch sonderbar und befremdlich. Aus meiner Sicht ist das Erschaffen von Figuren ein kreativer Prozess, den ich gerne dokumentieren und so ein Stück Normalität geben möchte. Ich möchte für Offenheit und Toleranz werben und Themen aus der Tabuzone holen.