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EUROPA SIND WIR DIR EGAL?

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Issue No. 2 / FEBRUAR/MÄRZ 2021 / 5,9 5 € www. my gay-ma gaz i n e . c o m


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EUROPA UND DIE EU

LGBTQ-SCHUTZMACHT EUROPÄISCHES PARLAMENT?

INTERVIEW THIERRY BRUET

DIE FRATZE DER HOMOPHOBIE

SCHWUL UNTER RAPPERN

LIEBE IN CORONA-ZEITEN?

DIE PLEITEWELLE IN DER LGBTQ-COMMUNITY

WER BRAUCHT SCHON NOCH DIE LGBTQ-KULTUR?

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DIE MODE TRENDS 2021


my itte Januar blickten wir abermals nach Amerika – und sahen fassungslos zu, wie der rassistische und selbstverliebte Donald Trump einmal mehr das Land der einstmals Mutigen und Freien in Flammen setzte. Er bewies einmal mehr, wie unwichtig ihm die hohen Ideale der westlichen Welt sind, wie irrelevant die Demokratie für ihn ist. Selbst der republikanische Schauspieler Arnold Schwarzenegger attestierte ihm medienwirksam, er sei der schlechteste Präsident aller Zeiten. Das sehen die über 74 Millionen Menschen, die ihn letzten November gewählt haben, wohl deutlich anders und so bleibt nur zu hoffen, dass Trump nicht in vier Jahren zurückkehrt mit den Worten: I’ll be back.

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Wir in Europa dagegen betrachten die USA aus gebührendem Abstand und wiegen uns in der Sicherheit, dass solche politischen Totalausfälle hier kaum möglich sind. Die Wiege der Demokratie liegt mitten unter uns und so verteidigt Europa und die Europäische Union diese Werte mit erhobenem Haupt. Oder? Wie sieht es wirklich aktuell in Europa mit jenen Menschenrechten aus, mit dem Grundsatz auf Gleichwertigkeit vor dem Gesetz? Mit der unantastbaren Würde jedes Menschen? Blicken wir gerade als schwule Männer nach Polen und Ungarn, bleibt von diesen hohen Idealen aktuell nicht viel übrig. Es ist das

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EDITORIAL

EUROPA – REIF FÜRS MUSEUM?

eine, dass ein Diktator wie Ministerpräsident Viktor Orbán in Ungarn oder sein Amtskollege Mateusz Morawiecki in Polen LGBTQ-Rechte, Pressefreiheit und Demokratie mit Füßen treten. Das andere ist die Frage, warum die Europäische Union so leichtfertig dabei zusieht. Natürlich, es gibt verbale Kritik und manch amüsant erhellenden Moment – zum Beispiel, als der ehemalige EU-Kommissionspräsident JeanClaude Juncker beim EU-Gipfel in Riga 2015 Orbán mit den Worten begrüßte: „Hallo Diktator“. Amüsant. Bis einem klar wird, dass das vor über fünf Jahren geschah und trotzdem seitdem nichts Wesentliches zur Verbesserung geschehen ist. Warum? Die EU hätte immer wieder, zuletzt Ende 2020, die Chance gehabt, Menschenrechte auch in Polen und Ungarn auf die Agenda zu setzen. Sie tat es nicht. Die Gründe dafür mögen mannigfaltig sein, vielleicht sogar stellenweise verständlich, es ändert nur nichts daran, dass Europa und die Union der Staaten damit immer mehr zu einem zahnlosen Löwen verkommen werden. Ein harmloses Kuscheltier, besser noch ein dummer schweigender Goldesel.

derzeit auch in Ungarn und Polen, denn die Gewalt gegenüber Minderheiten stößt auch hier bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung auf eine breite Sympathie. Während sich die LGBTQCommunity allzu gerne leichtfertig über innere, meist banale Streitigkeiten entzweit, bemerken wir nicht, wie sehr auf der anderen Seite das Fundament unserer Freiheit bereits bröckelt. Vielleicht wähnen wir uns in Europa auch in einer scheinbaren Sicherheit und verkennen dabei, dass dieses Europa nur so stark seine eigenen Werte verteidigen kann, wie wir auch bereit sind, uns dafür einzusetzen. Ein Selbstautomatismus funktioniert nicht und spielt nur all jenen in die Hände, die das Haus Europa brennen sehen wollen. Die Funken jener Flammen, die Donald Trump entzündet haben mag, sind längst in Europa und mitten unter uns angekommen. Schneller als jeder Virus verbreiten sich diese Funken immer weiter. Wir sollten sie schnellstens löschen, damit Europa eine wirkliche Wertegemeinschaft bleiben kann. Ansonsten ist Europa tatsächlich bald reif fürs Museum.

Wie weit sind wir also in Europa tatsächlich von Zuständen entfernt, die Donald Trump mit seinen alternativen Fakten heraufbeschworen hat? Seine Anhänger werden ihm wohl teilweise noch lange Zeit weiter folgen und sich weiter zu demokratiefeindlichen Aktionen motivieren lassen. Ähnliches geschieht

Oder sind wir dir einfach egal, liebe EU?

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Herzlichst Michael Soze Chefredakteur


POLITIK

EUROPA UND DIE EU – NICHT MEHR ALS EIN BUNTES DISNEYLAND? Autor: Michael Soze

allo, Europa. Wie geht es dir denn aktuell? Du siehst etwas blass aus derzeit, vielleicht liegt das aber auch an der Pandemie, immerhin gehören die Älteren ja zur Hochrisikogruppe und du bist nicht mehr die Jüngste: die Europäische Union gibt sich zwar gerne jung, frisch und modern, dabei gehen die Anfänge auf die 1950er Jahre zurück. Offiziell getauft wurdest du, liebe EU, beim Vertrag von Maastricht, das war im Februar 1992 – du feierst also Geburtstag in diesen Tagen. Erinnerst du dich noch an dieses vollmundige Motto, das du seit einem Schülerwettbewerb vor nunmehr 20 Jahren vor dir herträgst: In Vielfalt geeint. Ach, dieser Vertrag von Maastricht, war er nicht schön? Kannst du dich noch erinnern, was in Artikel 2 stand? Ich helfe dir gerne – dort ist zu lesen: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit,

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Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“ Ich höre dich seufzen, liebes Europa, liebe Europäische Union. EU-Bashing ist ja einmal mehr in aller Munde. Damit wurde die AfD bekannt, bevor sie erkannte, dass mit Rassismus, Fremdenhass und Angst noch viel mehr Stimmen zu holen sind. Und in der Tat gibt es viel Positives über dich zu berichten: Europa ging es finanziell noch nie so gut wie seit jenen Tagen der Gründung der Union. Trotz Bankenkrise und CoronaWellen. Der Staatenverbund aus 27 europäischen Ländern mit rund 450 Millionen Einwohnern ist der weltweit größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Lust auf eine weitere, echt beeindruckende Zahl, liebe EU? Aufgepasst: Nach Angaben des Berliner Marktforschungsinstituts Dalia bezeichnen sich 10 Prozent der Europäer als nicht ausschließlich heterosexuell. 6 Prozent definieren sich als LGBTQ, wobei die größte Gruppe homosexuelle Menschen dabei sind. 6 Prozent. Das sind rund 27 Millionen Menschen.


Aber, liebe EU, du bist ja eine Wertegemeinschaft. Werte. Solche Werte wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN aus dem Jahr 1948 zum Beispiel. Da finden sich einige witzige Punkte darunter, wie unter anderem: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten – Verbot von Diskriminierung – Recht auf Leben und Freiheit –

Aber hey, das lassen wir uns nicht gefallen, liebe EU, richtig? Wir stehen zu unseren Werten und zeigen Rückgrat – so haben wir es pressewirksam im Winter des letzten Jahres in die Welt getragen: Europa verteidige die Menschenrechte, insbesondere die Gleichstellung von LGBTQ-Personen. Schön verpackt in einer fünfjährigen EU-Strategie. Es sollen my

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Das ist eine beeindruckende Zahl, oder? 27 Millionen Perverse, mitten unter uns. Entschuldige die Ausdrucksweise, liebe EU, aber als pervers wurden wir traditionell schon immer gerne tituliert, immer mal wieder gerne von Vertretern der katholischen Kirche, aber auch gerne von Politikern – aktuell tun sich gerade die strammen Herren aus Polen und Ungarn hier besonders hervor. Immerhin sind wir Perversen eine Bedrohung für solche Länder, importieren diese schlechten Ideologien und, man glaubt es kaum, würden sogar die Position der Kirche in Frage stellen – und das sei ja nun für jeden echten Polen oder Ungarn absolut unpatriotisch, nicht wahr?

Gleichheit vor dem Gesetz – Schutz vor willkürlicher Verhaftung. Auf Platz 30 dieser universellen Rechte wird noch einmal betont: Diese 30 Rechte sind unwiderruflich. Ähnlich langweilig steht das übrigens auch in der Europäischen Charta. Unwiderrufliche Menschenrechte. Also in der Theorie, denn praktisch verstoßen aktuell Polen und Ungarn permanent dagegen. Hier werden Gesetze ausgehöhlt, beschnitten und Schwule und Lesben schrittweise immer mehr zu Menschen zweiter Klasse gemacht. Viel schlimmer noch ist das Klima, dass die jeweiligen Staatenlenker in Teilen der Bevölkerung anheizen: Hass und Gewalt gegenüber Homosexuellen ist beinahe en vogue geworden. Schwulenklatschen ist Volksport wie sonst nur derzeit in Russland.

27 Millionen LGBTQ-Personen in Europa


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gezielte Maßnahmen umgesetzt werden, die auf vier Säulen fußen: der Bekämpfung von Diskriminierung, der Gewährleistung von Sicherheit, dem Aufbau inklusiver Gesellschaften und der Führungsrolle der EU bei der Forderung nach Gleichstellung von LGBTQ in der ganzen Welt. Da will man beinahe Tränen der Freude und Rührung verdrücken, wenn nicht, ja wenn nicht dummerweise kurz darauf der Haushalt für die kommenden Jahre verabschiedet worden wäre. Mit in diesem Paket sollte auch ein Rechtsstaatmechanismus verabschiedet werden, mit dem die EU jene Mitgliedsländer mit Geldstrafen hätte sanktionieren können, die sich nicht an Menschenrechte halten. Nach zähen Verhandlungen unter deutscher Ratspräsidentschaft kam es dann zu einem Kompromiss: Die EU darf nur noch dann Gelder zurückhalten oder Strafen verhängen, wenn die Verstöße gegen die Rechtsstaatlichkeit mit EUGeldern in Verbindung stehen, also faktisch nur noch bei Korruption. Homosexuelle wie Dreck zu behandeln ist mit den Werten der EU nach wie vor ungestraft in Einklang zu bringen. Der Kompromiss und die Homosexuellen Da war es, dieses eine Wort, das die gesamte EU sehr gut beschreibt: der Kompromiss. Wir von der schreibenden Zunft haben es ja leicht, konfrontieren die Staatengemeinschaft einfach mit ihren eigenen Werten und kritisieren, kritisieren, kritisieren. Wissen wir gar nicht, wie schwierig es ist, 27 Länder unter einen Deckel zu bekommen? Da bleibt nur der Kompromiss, nicht wahr? Immerhin ging es wie beim Haushalt zuletzt um Milliardenhilfen in der CoronaKrise, die sonst nicht ausbezahlt worden wären. Da müssen Minderheiten eben einmal zurückstecken. Wer stets nur idealistisch an die Politik herangeht, wird nicht weit kommen und am Ende frustriert zurückbleiben, oder?

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Das stimmt wohl alles, aber trotzdem mag man sich als schwuler Mann oder lesbische Frau fragen, warum eigentlich immer Minderheiten- und Menschenrechte als erstes über Bord geworfen werden, wenn es um Kompromisse geht. In Deutschland kennen wir das Spiel bereits aus

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diversen Koalitionsgesprächen zwischen Parteien. In Europa sind Minderheitenrechte wohl ebenso ein nettes Add-On, wenn gerade Zeit dafür ist. Dummerweise ist es das meistens nie. Gerade einmal drei EU-Länder (Malta, Portugal, Schweden) haben den Schutz von LGBTQ-Personen überhaupt bis heute in ihre Verfassung aufgenommen. Es gibt wichtigeres als LGBTQ-Rechte?! Für manche Kommentatoren und Politiker sind Homosexuelle wie kleine Kinder, die stets nach dem Eis schreien und eigentlich nur anstrengend und nervend sind. Die Meinung in den Köpfen ist noch immer vielfach vorhanden, wenn man mit abgeschaltetem Mikrofon miteinander spricht. Nur Hardliner wie aktuell Friedrich Merz bezeugen ganz offen ihr Missfallen gegenüber Homosexuellen und stellen wie im Falle des CDU-Politikers unsere Lebensweise immer noch indirekt mit Pädophilie auf eine Stufe. Die meisten anderen Politiker sind cleverer geworden, doch im Kopf der zumeist alten weißen Herren hat sich nicht immer so viel geändert. Es gibt doch nun auch wirklich wichtigere Probleme, nicht? Corona natürlich, zuallererst. Der Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft, zudem dieser lästige Klimawandel, den einige Staatenlenker noch immer nicht einmal als Fakt anerkennen wollen. Wie lang und wunderbar man seine Anhängerschaft bis zum nahenden Bürgerkrieg anstacheln kann, bewies ja vorbildlich zuletzt im Januar der orange Wüterich im White House. Da geht also noch viel mehr, bei uns in Europa. Gut, diese nervigen Klima-Wissenschaftler entdecken auch hier immer mehr Fakten, die zum Handeln zwingen würden – zum Beispiel wurde jetzt Mikroplastik in der Plazenta schwangerer Frauen nachgewiesen. Damit hat die Verschmutzung wohl tatsächlich jeden Teil des Planeten erreicht. Wirklich nachhaltig beeindrucken und zu einer Reaktion zwingen, würde dieser Fakt aber nur, wenn die Wissenschaftler belegen könnten, dass dieses Mikroplastik in der Plazenta schwul machen würde. Dann müssten wir schnellstmöglich handeln, liebe EU. Ansonsten haben wir ja noch ein paar Jahrzehnte Zeit.


Dabei drängt sich einem dann doch eine Frage auf: Warum tut die EU so wenig bis gar nichts? Weder in den drängenden Fragen noch in den scheinbar vernachlässigbaren Menschenrechtsproblemen? Dem Klimaschutz gibt die EU noch jahrzehntelang Zeit, bis er effektiv umgesetzt werden müsste. Und die Flüchtlingslager? Aus den Augen, aus dem Sinn – außer natürlich, die Verzweifelten zünden abermals ihre Unterkünfte an. Und die Menschenrechte? Als der türkische, in Deutschland im Exil lebende Journalist Can Dünar letzten Dezember von einem türkischen Gericht zu 27,5 Jahren Haft verurteilt wurde, nur weil er im Jahr 2014 kritische Zeitungsberichte veröffentlichte, war die Empörung groß. Außenminister Heiko Maas (SPD) sprach von einem harten Schlag gegen die unabhängige journalistische Arbeit – ein Grundpfeiler der EU. Seltsam still dagegen blieben viele deutsche Politiker, wenn es um Julian Assange geht. Ausgerechnet Großbritannien, das vier Tage zuvor endgültig aus eben jener Wertegemeinschaft namens EU ausgetreten war, machte sich stark für Demokratie und Grundrechte in Europa. Das Londoner Gericht beschloss, den umstrittenen politischen Aktivisten und Journalisten Assange aus vordergründig gesundheitlichen Gründen nicht an die USA auszuliefern, wo ihm bis zu 175 Jahre Haft drohen, weil er vertrauliche Dokumente des US-

Militärs veröffentlicht hatte, die die Gräueltaten an Zivilisten offenlegten. Die USA kündigten Berufung an, sodass das Verfahren im Laufe des Jahres wahrscheinlich beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg landen wird. Bleibt die Frage, wie hoch Menschenrechte dort gerade im Kurs stehen. Nichts als warme Worte? Wir bleiben also beim Kompromiss, gerade für Homosexuelle. Vollkommene Gleichberechtigung? Sei froh, was man dir gibt. Und hoffe auf mehr, wenn der Zeitpunkt gerade günstig ist. Natürlich haben wir viel erreicht in den letzten Jahrzehnten, auch in der EU. Akzeptanz, Rechte und Sichtbarkeit für die LGBTQCommunity haben zugenommen. Vor kurzem wurde beispielsweise erstmals ein homosexueller Mann Minister in Griechenland. Und natürlich will sich die EU auch für Minderheitenrechte stark machen und verurteilt scharf, wenn beispielsweise in Polen ganze Regionen zu LGBTQ-freien-Zonen erklärt werden. EUKommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, dass für sowas kein Platz in unserer Gemeinschaft wäre. Aber es bleibt eben bei diesen warmen Worten, ernsthaft rechtliche Handhabe oder schmerzvolle finanzielle Strafen wird die EU auch künftig nicht als Mittel der Wahl zur Hand haben. Dabei würde es gerade Polen und Ungarn schmerzhaft treffen, wenn EU-Gelder nicht fließen würden. Die beiden Länder gehören zu den Top 5 der Geld-Empfänger: Ungarn bekam 2018 rund 5,2 Milliarden Euro, Polen mehr als 12,3 Milliarden Euro (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung). Immer mehr entsteht so das Bild einer Wertegemeinschaft, die Angst davor hat, für ihre eigenen Werte einzustehen und damit unweigerlich die Demokratie und den Frieden in Europa gefährdet. Der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler und Publizist Hamed Abdel-Samad fasst das in seinem aktuellen Buch („Aus Liebe zu Deutschland“) so zusammen: „Freiheit ist kein Geschenk, das uns der Staat gibt oder wegnimmt, sondern ein Lebensstil, den wir selbst pflegen und verteidigen müssen. Die Freiheit ist da wie die Luft, man nimmt sie erst wahr, wenn sie knapp wird. Doch anders als die Luft gibt es die Freiheit nicht umsonst (...) Wenn die Freiheit

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Ach ja, und dann gibt’s ja noch diese kleine Problematik mit diesen anderen Menschen außerhalb unserer Grenzen. Der Friedensnobelpreisträger EU lässt nach wie vor auch in diesen kalten Wintertagen Geflüchtete an ihren Außengrenzen erfrieren und die Kinder von hungrigen Ratten nachts im Schlaf anbeißen, so der Verein Ärzte ohne Grenzen. In einem der neuen Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos vegetieren derzeit beinahe 8.000 Menschen dahin, darunter viele Kinder, Schwangere, Kranke und auch Menschen aus der LGBTQ-Community, die in ihrer Heimat mit Gewalt bedroht wurden. Sie teilen sich 200 Duschen, meist mit kaltem Wasser. Gegenüber der Passauer Neuen Presse meinte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU): „Das sind entsetzliche Zustände – mitten in Europa.“ Also bitte, es gibt wichtigeres als Minderheitenrechte, oder?


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in Gefahr ist, dann sind nicht die Islamisten, nicht die Rechten, die Linken oder „die da oben“ dafür verantwortlich, sondern wir alle (...). Die Krise der Demokratie ist in erster Linie eine Krise der Mitte, die immer unmündiger, unpolitischer, angstgesteuerter und somit erpressbarer wird. Sie wird zum Getriebenen äußerer und innerer Entwicklungen, gibt das Heft des Handelns aus der Hand. Ihr Glaube an die Freiheit schwindet und somit auch ihr Glaube an sich selbst.“

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Verlieren wir wirklich den Glauben an uns selbst und sind einfach still, brav, unmündig? Nehmen wir allzu leichtfertig gerade auch als Menschen der LGBTQCommunity hin, dass unsere Rechte immer und immer wieder beschnitten und an den Rand gedrängt werden? Verschiebt sich hier unsere Wahrnehmung jener Grenze, die wir nie wieder überschreiten wollten – weil Gewöhnungseffekte und Fake News

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uns ermüden. Eine aktuelle IfD-Umfrage von 2020 zeigt auf, dass der Großteil der Deutschen davon überzeugt ist, dass sich unsere Gesellschaft aktuell rapide verändert. Rund Dreiviertel der Befragten bemerkt, dass die Aggressivität zunimmt und die Menschen immer ängstlicher werden. Etwa jeder Zweite ist zudem der festen Überzeugung, dass die Menschen intoleranter werden und der Egoismus zunimmt. Daran mag Corona Mitschuld haben, doch mit Sicherheit ist der Virus nicht allein der Superspreader dieser gesellschaftlichen Veränderung. Die Politikwissenschaftlerin und Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung Ulrike Guérot meint, dass wir Europa von Grund auf erneuern müssen. Dem gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Währung muss endlich eine gemeinsame europäische Demokratie folgen. Nur so könne das weltoffene Europa erhalten werden, das die Mehrheit der Europäer auch will.


Hoffnung, der freiheitliche Funke würde irgendwann auch auf jene Länder überspringen. Diese angebliche Toleranz verrät den Kern der Wertegemeinschaft. Der Philosoph Karl Popper erklärte das sogenannte Toleranz-Paradoxon einmal so: „Wir sollten im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“ Liebes Europa, liebe EU, hast du Lust, dich mit uns gemeinsam neu in unsere Werte und unsere fundamentalen Menschenrechte zu verlieben? Frei von Kompromissen? Wir wären dabei!

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Im Dezember letzten Jahres wurde die Europaflagge 65 Jahre alt. Laut EU-Rat symbolisiert die blaue Flagge mit den gelben Sternen nicht nur die Europäische Union, sondern gerade auch die europäische Identität. Die Flagge stehe für Einheit, Solidarität und Harmonie der europäischen Völker. Es klingt wunderbar, doch ein wenig bleibt der Eindruck, die EU entwickelt sich immer mehr zu einer Art Themenpark, ein Disneyland, in dem jeder herumspielen darf, wie er will. Am Ende bekommen alle Popcorn, Hauptsache, man streitet sich nicht allzu sehr. Ist es nicht an der Zeit, unsere Werte neu zu entdecken, uns neu in unsere Menschenrechte zu verlieben? Diese fundamentalen Grundrechte, die endlich auch LGBTQ-Menschen gleichwertig machen würden? Mit diesem Wegsehen, diesem blinden Fleck, diesem bewussten Hinnehmen von Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Polen oder Ungarn beweist die EU keine Toleranz, in der


POLITIK

LGBTQ-SCHUTZMACHT EUROPÄISCHES PARLAMENT? Ein Interview mit EU-Abgeordneter Moritz Körner Autor: Sebastian Ahlefeld

ie mächtig ist das Europäische Parlament? Eine Frage, die man sich immer und immer wieder stellt. Denn oft wollen die 705 Abgeordneten und die Fraktionen des Europäischen Parlamentes etwas anderes entscheiden, als es die Regierungen der 27 Mitgliedsstaaten vorgeben. Viele Europa-Freunde sehen daher das Parlament oft als zahnlosen Tiger und wollen nationale Hoheiten nach Brüssel und Straßburg abgeben. Und in der Tat ist das Europäische Parlament wohl auch zu oft dieser zahnlose Tiger, wenn es um die Werte der Europäischen Union geht. Im Artikel 223 bis 234 und Artikel 314 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) wird die Rolle des Parlamentes festgelegt. Das Europäische Parlament füllt seine institutionelle Rolle bei der Gestaltung der europäischen Politik uneingeschränkt aus, indem es seine verschiedenen Aufgaben wahrnimmt. Die Einhaltung demokratischer Grundsätze auf europäischer Ebene wird durch seine Beteiligung am Prozess der Rechtsetzung, seine Haushaltsund Kontrollbefugnisse, seine Beteiligung an der Revision der Verträge und sein Recht auf Anrufung des Europäischen Gerichtshofs sichergestellt. Da es in vielen Bereichen, wie zum Beispiel die Haushaltsbefugnis, ein Wechselspiel zwischen Parlament und Rat gibt, muss das Parlament zu oft unliebsame Kompromisse eingehen. Die Verhandlung um den EU-Haushalt im Dezember 2020 hat so einen

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unliebsamen Kompromiss erneut wie beschrieben hervorgebracht: Abermals mussten sich LGBTQRechte hinten anstellen. Viele in der Community verlangen daher nun, dass Länder wie Polen und Ungarn die EU verlassen sollten. Aber wäre dies wirklich ein Gewinn für die EU oder würde man dadurch sogar noch mehr kaputt machen, weil man damit die LGBTQ-Community in diesen Ländern komplett alleine lässt? Wir wollen diese Frage an den Europaabgeordneten Moritz Körner weitergeben – er ist Mitglied in der renew europe-Fraktion. Die Liberalen gehören zu den stärksten Kämpfern für die LGBTQ-Community in Europa. Moritz Körner ist in Wiesbaden geboren und in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Er hat Sozialwissenschaften und Politikmanagement studiert und lebt in einer schwulen Partnerschaft. Moritz Körner ist unter anderem Mitglied des Ausschusses für Bürgerliches, Freiheit und Justiz, Mitglied im Haushaltsausschuss und in der interfraktionellen LGBTQ-Gruppe des Europäischen Parlaments. Herr Körner, nach den Verhandlungen im Dezember 2020 wissen wir, dass die größte Waffe für Länder wie Ungarn und Polen der EUHaushalt ist. Hat die EU mit dem Haushalt die LGBTQ-Rechte verkauft? Das kann ich so nicht sagen. Wir haben zum ersten


Mal einen Rechtsstaatsmechanismus mit dem Haushalt beschlossen. Der ist nicht so stark, wie ich es gerne gehabt hätte. Wir haben im Europäischen Parlament gemeinsam dafür gekämpft, aber am Ende sind wir leider eingelenkt. Man muss sagen, dass dieser Mechanismus nur eingreift, wenn es um EU-Fördergelder geht. Es wird aber nicht die Wunderwaffe sein, um die gesellschaftliche Situation in Ungarn und Polen zu verändern. Die Kommission muss da aktiver werden und muss mehr Vertragsverletzungsverfahren einleiten. Dies geschieht vor dem Europäischen Gerichtshof. Polen und Ungarn wurden in den letzten Jahren verklagt, und dies muss noch stärker passieren. Gleichzeitig müssen wir auch die Zusammenarbeit mit diesen Ländern, insbesondere mit der Zivilgesellschaft, stärken und hier Unterstützung anbieten. Ich bin davon überzeugt, dass für den jungen schwulen Polen auf dem Lande die EU die einzige Hoffnung ist. Können Sie die Kritik verstehen, dass viele in der Community die EU nur noch als Finanzunion und nicht mehr als wahre Werteunion sehen?

Moritz Körner

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Ja, genau dieser Vorwurf ist berechtigt. Bei der derzeitigen Gestaltung der Union ist es so, dass wir eine Einstimmigkeit brauchen. Wenn wir bei einem Veto geblieben wären, hätte es bedeutet,


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einen Not-Haushalt erstellen zu müssen. Und so hätten viele Programme nicht finanziert werden können. Programme, die aber für die NGOs aufgestellt sind, sodass auch direkt Programme für die LGBTQ-Community betroffen gewesen wären. Man muss leider solche Kompromisse eingehen. Ich hätte mir viel mehr gewünscht. Ich hätte mir auch einen stärkeren Einsatz der deutschen EURatspräsidentschaft erwartet. Angela Merkel hat im Europäischen Parlament die Wichtigkeit der Rechtsstaatlichkeit hervorgehoben, aber am Ende war davon nicht mehr viel zu sehen. Sie wollte am Ende ihrer Ratspräsidentschaft diesen Haushalt irgendwie hinbekommen und nur durch den Einsatz des Europäischen Parlaments konnten wir ein wenig von dieser Rechtsstaatlichkeit retten. Wir müssen noch mehr kämpfen, da wir sehen, dass die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn und Polen für LGBTQs nicht gegeben ist.

Der Schutz der sexuellen Identität ist in der Europäischen Charta verankert. Muss die EU ihre Mitgliedsstaaten aktiv dazu anhalten, diesen Schutz in ihren nationalen Verfassungen zu ergänzen?

Wie kann schützen?

Das Thema Menschenrechte muss in der Außenpolitik der EU eine starke Rolle spielen. Wenn man Außenpolitik betreibt, muss man auch wirtschaftliche Interessen mit im Blick haben, aber die Menschenrechte dürfen nicht hintenangestellt werden. Innerhalb der EU sprechen wir da leider noch nicht mit einer Stimme, wie es sein sollte. Wir brauchen eine stärkere EU-Außenpolitik, sodass wir mit einer Stimme von vielen Millionen Menschen reden und dann können wir auch mehr durchsetzen, was Menschenrechte angeht. Gerade an China sieht man, dass sie gerade eine sehr aggressive Außenpolitik betreiben und in China spielen Menschenrechte gar keine Rolle. Das ist eine große Gefahr und daher können wir außenpolitisch und handelspolitisch nur als starke EU auftreten, um ein Gegengewicht zu bilden. Ich setze große Hoffnung auf die neue US-Administration unter Joe Biden. Wir müssen uns als EU stärker einsetzen und nur als starker Player können wir LGBTQ-Rechte auf der ganzen Welt stärken und schützen.

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Wir müssen drei Sachen machen. Da, wo ganz klar europäisches Recht verletzt wird, muss dies konsequent von der Kommission an den Europäischen Gerichtshof gebracht werden. Zurzeit neigt die Kommission dazu, nicht konsequent zu sein. Des Weiteren müssen wir EU-Gelder zurückziehen. Das hat die Kommissarin Dalli in Polen bereits gezeigt, als sie den Städten, die LGBTQfreie Zonen ausgerufen hatten, die Förderungen für Städtepartnerschaften in Europa entzogen hat. Dritter Punkt: Wir müssen die Gesellschaft verändern. Wir müssen mehr die Community vor Ort unterstützen. So müssen wir auch schauen, ob wir gerade die Prides in Osteuropa stärker unterstützen können. Die Diskussion in Europa muss weiterhin stark sein, damit wir zeigen, dass Europa solche Sachen wie Polen und Ungarn nicht einfach geschehen lässt.

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Das wäre ein richtiger Schritt. Die EU-Charta ist für alle Bürger in der EU verpflichtend, damit auch für die Mitgliedsstaaten. Es wundert mich leider immer wieder, dass wir an einen Punkt sind, wo wir über solche Sachen diskutieren, die eigentlich selbstverständlich sind. Wir müssen weitergehen und da ist das LGBTQ-Programm der Europäischen Kommission richtig. Wie muss die EU gegenüber internationalen Partnern wie Saudi-Arabien und Russland, wo LGBTQs gesellschaftlich und staatlich verfolgt werden, künftig auftreten?


POLITIK

WURDEN LGBTQ-THEMEN IN DER DEUTSCHEN EU-RATSPRÄSIDENTSCHAFT VERSCHLAFEN? Ein Interview mit Staatsminister Michael Roth Autor: Sebastian Ahlefeld

ie EU-Ratspräsidentschaft wird turnusgemäß alle sechs Monate von einem EU-Mitgliedstaat geleitet. Jedes Land setzt dabei seine individuellen Schwerpunkte. Sei es der Klimaschutz oder der europäische Zusammenhalt. In der zweiten Jahreshälfte 2020 war Deutschland an der Reihe und hatte aufgrund des einen überragenden Themas des Jahres keinen großen Spielraum. Die Ratspräsidentschaft Deutschlands wurde von der Covid-19-Pandemie bestimmt. Themen wie Verteidigung, Wirtschaft und Gleichstellung standen selbstverständlich auf der Tagesordnung, spielten aber nur noch eine Nebenrolle. Selbst der Austritt Großbritanniens aus der EU wurde zu einer Nebensache.

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Öffentlichkeit zu diskutieren. Auf der internationalen Konferenz „Intersectionality and LGBTIQ Policies in Europe“ hat Bundesministerin Giffey gemeinsam mit EU-Kommissarin Dalli und der Generalsekretärin des Europarats Pejcinovic Buric das Problem der Mehrfachdiskriminierungen von LGBTQ-Personen thematisiert. Der Fokus lag dabei auf lesbischen Frauen und der Frage der europaweiten Anerkennung von Regenbogenfamilien.“

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In einer Ratspräsidentschaft stellt zudem jedes ministeriale Resort seine eigenen Schwerpunkte. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte sich die Schwerpunkte „Jugend und Demokratie“ sowie „Gleichstellung“ gesetzt. Schaut man genau hin, was die Bundesministerin Franziska Giffey (SPD) mit „Gleichstellung“ meint, dann erkennt man, dass Gleichstellung anscheinend weiterhin nur im Fokus zwischen dem Spannungsverhältnis Mann und Frau gesehen wird. Spätestens bei der Bilanz, die die Ministerin laut Pressemitteilung von Ende Dezember 2020 als „positiv“ bewertet, kann man die LGBTQ-Errungenschaften in zwei Sätzen zusammenfassen und selbst diese stützen sich nur auf die LGBTQ-Strategie der Europäischen Kommission – Zitat: „Wir haben die deutsche EU-Ratspräsidentschaft genutzt, um die Strategie mit einer breiten


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Die Online-Veranstaltung war nach Aussagen mehrerer Beobachter nicht wirklich erfolgreich, denn Erfolg „messe sich in Lösungen und Ergebnissen und nicht im netten Plausch unter Gleichgesinnten“. Und wenn man von einer geschlechtlichen Gleichstellung redet, dann sollte man alle Geschlechter betrachten und nicht nur die der Mehrheitsgemeinschaft. Ausgerechnet da, wo man ernste Worte hätte fallen lassen müssen, wollte man nicht ermahnend wirken, wie es der deutsche Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) formulierte, als er für sein Schweigen gegenüber der LGBTQ-Diskriminierung in Polen kritisiert wurde. Heiko Maas war im Juni 2020 in Warschau zu Besuch gewesen und hat die Chance nicht genutzt, um vor Ort deutliche Worte zu den LGBTQ-freien Zonen fallen zu lassen. Erst nach starker Kritik aus der Community hatte sich der Außenminister geäußert. Sein Staatsminister für Europa, Michael Roth (SPD), hat sich dagegen ohne Verzögerung klar geäußert und die Regierung in Polen ermahnt. Michael Roth, der sich in seiner Partei und in seinem Amt für die Belange von LGBTQ in Europa und weltweit einsetzt, hat dies auch während der deutschen Ratspräsidentschaft getan. Auf seinen Reisen trifft er sich mit LGBTQ-Aktivisten und setzt sich für sie ein. Herr Staatminister Roth, wie sehen Sie die LGBTQ-Anstrengungen Deutschlands während der EU-Ratspräsidentschaft?

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Das war nach langer Zeit eine EU-Ratspräsidentschaft, in der so intensiv wie selten über Grundwerte und Fragen der Rechtsstaatlichkeit diskutiert und gestritten wurde. Wir haben am Ende nach massiver Auseinandersetzung im Rat zwei neue Instrumente zur Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und gemeinsamer Werte auf den Weg gebracht. Den Rechtsstaatsmechanismus im EU-Haushalt und den Rechtsstaatsdialog. Ich freue mich sehr, dass wir eine neue und sehr ambitionierte LGBTIQ-Gleichstellungsstrategie haben, die für die Europäische Union bis 2025 gemeinsame Ziele vorsieht. Daran aktiv mitgewirkt zu haben, macht mich froh. Ich bin mir im Klaren, dass man in sechs Monaten wichtige Akzente setzen kann, aber dass noch ganz viel Arbeit vor uns liegt. Wir bleiben daher am Ball.

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Der Bundesaußenminister Heiko Maas hat sich gegenüber Polen zurückhaltend geäußert, da er Polen „nicht belehrend“ entgegentreten wollte. Muss in einer europäischen Freundschaft nicht auch mal die Meinung gesagt werden, wenn es um Diskriminierung von Minderheiten geht? Selbstverständlich haben wir uns immer wieder klar geäußert. Das kann man zu recht auch von uns erwarten. Hier geht es um Menschenrechte und nicht um vermeintliche Privilegien für sexuelle Minderheiten. Der Außenminister hat die Ausrufung von LGBTQ-freien Zonen öffentlich kritisiert. Ich habe mich dazu immer wieder kritisch geäußert. Noch vor wenigen Wochen traf ich im Rahmen unserer EU-Ratspräsidentschaft LGBTQ-Aktivistinnen und Aktivisten aus Polen. Vor dem Hintergrund der Pandemie leider nur in einer Video-Konferenz. Es geht hier doch nicht um ein bilaterales Problem zwischen Deutschland und Polen, es geht um ein schwerwiegendes Problem, das die gesamte Europäische Union betrifft. Daher begrüße ich es, dass die Europäische Kommission und das Europäische Parlament hier deutlich Stellung beziehen. Auch im Ministerrat kam das Thema selbstverständlich zur Sprache. Laut Ihrer Kabinettskollegin Franziska Giffey (SPD) hat die deutsche EU-Ratspräsidentschaft die Gleichstellung in den Mittelpunkt gerückt. Dabei wird immer im Abschlussbericht mehr die Gleichstellung von Frauen betrachtet. Hätte man die Ratspräsidentschaft nutzen können, um Gleichstellung in einem diversitäreren Rahmen zu sehen? Gleichstellung bezieht immer auch LGBTQ mit ein, es geht hier nicht nur um die so wichtige Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Diese beiden Themen gehören zusammen und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Und noch einmal: Unsere Bilanz kann sich nach nur sechs Monaten sehen lassen! Wir haben uns für ein sogenanntes Mainstreaming eingesetzt. LGBTQ-Themen haben in allen Politikbereichen mehr Aufmerksamkeit verdient. Zudem muss die Europäische Union auf der internationalen Ebene noch mehr Flagge zeigen für Gleichstellung und Gleichberechtigung von LGBTQ.


Wie kann Deutschland mit seiner Europa-Politik besser die LGBTQ-Community in Europa schützen?

LGBTQ-Rechte wurden nicht verkauft. Im Gegenteil! Sie können zukünftig viel besser geschützt werden. Es war ein zugegebenermaßen sehr schwieriger Kompromiss, den wir gefunden haben. Der bis kurz vor dem Abschluss der deutschen EU-Ratspräsidentschaft strittig geblieben ist, weil die ungarische und polnische Regierung an ihrem Veto festgehalten haben, zeigt ja, wie groß die Ängste in Budapest und Warschau vor dem neuen Rechtsstaatsmechanismus offenkundig waren. Es besteht jetzt endlich die Chance, dass die Verletzung der Rechtsstaatlichkeit Kürzungen von EU-Mitteln zur Folge hat.

Wir können es nicht alleine, internationale und europäische Teamarbeit sind wichtiger denn je. Zumal LGBTQ allzu oft die ersten Opfer von Nationalisten und Populisten, autoritären Regimen und Diktaturen sind. Für uns sind LGBTQ-Rechte Menschenrechte, deren Einhaltung wir überall einfordern. In der EU, aber auch weltweit. Wir müssen Flagge zeigen, wenn LGBTQ-Personen ausgegrenzt oder verfolgt werden. Mal in der Öffentlichkeit und mal hinter den Kulissen, um für die Betroffenen konkret etwas zu erreichen.

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Es wurde kritisiert, dass mit dem EU-Haushalt die LGBTQ-Rechte verkauft wurden. Sind Sie mit dem Kompromiss zufrieden?


KOLUMNE

EUROPA, DU MACHST MICH FERTIG! Autorin: Donna Dreamatic Davis

as stimmt nur mit dir nicht. Als wir uns kennenlernten, warst du so heiß, aktiv, positiv und voller Tatendrang. Heute liegst du nur so da wie das ausnüchternde Sexdate von letzter Nacht, führst Selbstgespräche und kümmerst dich überhaupt nicht mehr um mich. Es widert mich an, dich so selbstgefällig und träge rumgammeln zu sehen. So langsam werde ich auch richtig sauer. Was soll der Mist mit Polen und Ungarn? Jedes Mal, wenn ich dich darauf anspreche, gelobst du Besserung und erzählst was von Wertegemeinschaft, aber ehrlich gesagt, kann ich mit den ersten 26 Leuten, denen ich in der U-Bahn begegne, mehr Gemeinsamkeiten herausarbeiten, als du mir mit deinem Friedensprojekt erzählen willst. Deutschland schmeißt in arroganter Selbstgefälligkeit mit der Kohle nur so um sich, tönt von Moral und Ethik, aber praktiziert doch eigentlich nur einen modernen Ablasshandel. Die Art und Weise, wie sie mit ihren Krisen in den letzten fünf Jahren umgegangen ist, grenzt an Masochismus. Alles polarisiert, nichts aufgearbeitet und am Ende mit Geld zugekleistert. Frankreich hat offensichtlich sein Ritalin abgesetzt und kommt jeden Tag mit einer neuen fixen Idee, obwohl unser Nachbar mit ADHS doch mittlerweile gelernt haben sollte, wie das mit Deutschland läuft. „Gaaaanz langsam“, aber am liebsten gar nicht. Vom Trittbrettfahrer auf die Überholspur klingt zwar ziemlich sexy, aber wenn ich mir die Gelbwesten anschaue, vergeht mir die Euphorie. Am Mittelmeer halten sich unsere Sorgenkinder gerade so über Wasser. Zugegeben, nicht alles ist da so ganz legal.

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Geldwäsche, Korruption und Jugendarbeitslosigkeit lassen sich nicht so schnell lösen, besonders wenn man sich schon daran gewöhnt hat, von Mutti durchgefüttert zu werden. Fehlt nur noch, dass sie ihre Wäsche vorbeibringen. Glücklicherweise haben wir ja noch die sparsamen Vier, Österreich, Niederlande, Dänemark und Schweden. Alles Länder, die im Großen und Ganzen ihre Sachen wirklich gut machen. Abgesehen von Corona natürlich. Schweden hat hoch gepokert und hoch verloren. Dänemark hat bei den Nerzen festgestellt, nur weil man etwas nicht mehr sieht, heißt es nicht, dass es nicht mehr da ist. Die Niederländer mit Ihrem begnadeten Humor versuchten es beim Impfen nicht mit Pokern, sondern mit Pferderennen. Leider stand vorerst ihr Gaul, der Impfstoff der Hersteller AstraZeneca und OxfordUniversität noch in der Box – sieht man einmal von Großbritannien selbst ab, aber wir wollten ja thematisch bei Europa bleiben. Das Rennen machte zuerst der anspruchsvolle, bei minus 70 Grad gelagerte Impfstoffhengst und das junge Fohlen namens Vakzin. Nun galoppieren immer mehr Pferde auf die Impfstoff-Koppel. Zu guter Letzt noch die Corona-Dreckschleuder Österreich. Sie haben nur „Kanzler Kurz“ nachgedacht: „it was so nice, we did it twice“ – Skifahren ging lange Zeit vor. In Wirklichkeit stören mich am meisten nur Polen und Ungarn. Ich würde so gern jemand anderem die Schuld geben, dass es im Moment so läuft, wie es läuft, aber bis Ende 2020 war ja unsere eigene Uschi


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am Hebel. Die beiden Länder wollen offensichtlich nichts mehr mit der EU zu tun haben, abgesehen von deinem Geld, also liebe EU, schmeiß die beiden raus. Die wollen einen nationalistischen Alleinflug wagen? Bon Voyage. Solange sie aber ihre Füße unter unserem Tisch haben, dulde ich es nicht, dass sie ein Gesicht zeigen, dass nur eine Mutter lieben kann oder muss. Erzähl mir bei denen nichts von Wertegemeinschaft. Besonders Polen könnte ein Leuchtfeuer für Diversität sein. Zwei von den drei bekanntesten Polen waren queere Einhörner ihrer Zeit. Marie Curie, eine der wenigen bekannten Wissenschaftlerinnen aus vergangenen Zeiten, der homosexuelle Komponist Frédéric Chopin, der die Finger nicht nur über das Klavier gleiten ließ, und den Papst habe ich auch nicht vergessen. Stattdessen hat man sich für einen PIS-Weg entschieden.

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Ich habe wirklich noch Gefühle für dich, Europa, aber ich habe auch Bedürfnisse. Lass meine Einhörner sich frei entfalten. Denn sonst muss ich glauben, dass die Werte, die du hast, nicht meine sein können. Geh sparsam mit deinem Geld um. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Wir müssen auch an diejenigen denken, die nicht in den nächsten 20 Jahren buchstäblich in den Untergrund gehen und trenn den Müll. Es reicht nicht aus, einfach

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alles Mögliche zu verbieten, sondern schaffe auch Alternativen und einen Nährboden, der für eine stetige und wiederkehrende Verbesserung sorgt. Unsere besten Ideen von heute werden mit Sicherheit von den folgenden Generationen zu recht als rückständig betrachtet. Reiß dich zusammen, sonst könnte es bald sein, dass ich Witwe bin.


Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit springende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden darf. Daher lässt es die Gerechtigkeit nicht zu, dass der Verlust der Freiheit bei einigen durch ein größeres Wohl für andere wettgemacht wird.

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John Rawls (1921-2002) Amerikanischer Philosoph und Harvard Professor Hauptwerk: A Theory of Justice


POLITIK

DIE FRATZE DER HOMOPHOBIE Neid, Angst oder die Religion? Was sind die Wurzeln der Homophobie? Autor: Michael Soze

evor wir etwas genauer auf den Hass und die Ablehnung von Homosexuellen blicken, die gerade auch in Europa eine neue Blütezeit erlebt, muss eines klargestellt werden: An sich ist der Begriff „Homophobie“ falsch, denn er setzt voraus, dass es sich dabei um eine Angststörung handelt. Eine Phobie eben. Dabei hat die Ablehnung von schwulen Lebenswelten oftmals ganz andere Hintergründe. Der Einfachheit halber bleiben wir bei diesem Begriff und müssen ihn sogleich unterteilen, denn es gibt verschiedene Formen der Homophobie. Die klassische Variante tritt kaum noch zu Tage – sie definiert sich als die strikte Ablehnung von Homosexuellen und die Anerkennung gleicher Rechte. In diesem Weltbild sind Homosexuelle unmoralisch. Gerade einmal rund 10 Prozent der Bevölkerung hält Homosexualität noch für eine Krankheit. Die Zahlen fallen dabei rapide, noch zu Beginn des Jahrtausends stimmten doppelt so viele Menschen dieser Aussage zu. Immer noch am Leben ist dagegen die affektive Homophobie, also jene Form der massiven Ablehnung, die sich von Gefühlen wie Ekel, Angst oder gar Hass ernährt. Gerade Ekel ist dabei eine sehr starke Emotion, die laut einer amerikanischen Studie vor allem bei eher konservativen Menschen grundsätzlich stärker ausgeprägt ist. Wie die Angst speist sich auch der Ekel gerne aus jener Quelle der Kenntnislosigkeit. Zudem zeigen wissenschaftliche Berichte auch auf, dass die Angst vor Homosexualität oftmals auch mit dem Verheimlichen der eigenen

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Sexualität zusammensteht. Schon der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sagte dazu: „Wer Homosexualität in Bausch und Bogen verdammt, bekämpft damit nur seine eigenen homosexuellen Impulse.“ Tatsächlich bestätigten amerikanische Psychologen in einer Laborstudie diese Aussage: Über 50 Prozent der Menschen, die zuvor homophobe Aussagen getätigt hatten, reagierten anschließend auf pornografische, homosexuelle Filme mit sexueller Erregung. Böse gesagt: Was ihr Mund ihnen verbot zu sagen, verriet ihr Penis. An dem Klischee, das besonders homophobe Hassprediger und Politiker heimlich selbst homosexuelle Neigungen haben, ist also durchaus etwas dran. Zuletzt wunderbar einmal mehr unter Beweis gestellt Ende letzten Jahres, als der ungarische Europaabgeordnete József Szájer auf einer illegalen schwulen Sex-Party in Brüssel erwischt wurde. Das Gründungsmitglied der ungarischen Regierungspartei Fidesz ist ein enger Freund von Viktor Orbán – immer wieder sprach sich Szájer auch gegen die Gleichstellung von Homosexuellen aus. Aber natürlich schürt nicht allein die bloße Verdrängung die Homophobie, dazu kommen noch ein niedriger Bildungsstand und ein starker Bezug zur Religion, so der Psychologe Gregory Herek von der Universität Kalifornien. Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes belegt durch ihre Studie, dass der Religion eine besonders


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große und negative Rolle in Anbetracht des Hasses gegenüber Homosexuellen zukommt. Demnach sind rund 30 Prozent aller religiösen Menschen in Deutschland homophob. Je stärker dabei der eigene Glauben ausgeprägt ist, desto fundamentaler und hasserfüllter wird auch Homosexualität abgelehnt. Im extremen Maße zeigt sich das noch einmal bei Männern mit Migrationshintergrund – hier sind die Zahlen nach Angabe der Bundesstelle aufgrund der religiösen Prägung signifikant höher.

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Ein weiterer Aspekt im emotional aufgeladenen Feld der Homophobie ist die Prägung und das eigene Weltbild, sprich, welche traditionellen Vorstellungen von Frauen und Männern ein Mensch generell hat. Das fängt bei der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern an und geht hin bis zu der Frage, ob solche tradierten Bilder von Familie und Beziehung über allen anderen Dingen stehen. So stimmen zwischen 15 und 20 Prozent der Deutschen dann auch der Theorie zu, dass Homosexuelle von ihren Eltern irgendwie anders erzogen worden wären oder von einer anderen, gleichgeschlechtlichen Person verführt worden seien als Auslöser ihrer eigenen my

Homosexualität. Sogar beinahe jeder Dritte ist noch immer der Auffassung, eine schlechte Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht hätte uns Männer schwul gemacht. So verwundert es auch wenig, dass vor allem Parteien mit einem stark konservativen bis rechtsgerichteten Weltbild homophobe Menschen besonders stark anziehen: 30 Prozent der CDU/ CSU-Wähler sind demnach homophob. Bei der AfD werten über 50 Prozent Homosexuelle generell ab. Ein noch fehlender Faktor im Bereich der Gefühle ist der Neid. Er gilt als Schlüsselindikator neben der vielleicht eignen, noch nicht gefestigten Sexualität dafür, dass vor allem auch junge Männer Homosexuelle noch immer ablehnen. Der zumeist sexpositive, freie und eher ungebundene Lebensalltag junger Schwuler steht im starken Gegensatz zu der Lebensrealität und den Begehrlichkeiten junger Heterosexueller: „Das ist die Angst, dass da jemand glücklicher ist“, so der Mediziner Marshall Forstein von der Harvard-Universität im Magazin „Bild der Wissenschaft“. Je stärker schwule Lebenswelten in der Öffentlichkeit präsent sind, desto stärker kann auch diese Gegenbewegung zunehmen. Rund 20


So lässt sich auch erklären, warum beinahe die Hälfte aller Homosexuellen ihre Sexualität in der Öffentlichkeit verheimlicht – denn genau hier, in der Öffentlichkeit, erfahren die meisten von uns die stärkste Form von Ablehnung und Hass. Die Bundesstelle für Antidiskriminierung fasst es so zusammen: „Im Kern geht es darum, dass Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen gleichgeschlechtlichen Orientierung als „unnormal“ angesehen werden und nicht nur als „ungleich“, sondern als „ungleichwertig“ betrachtet werden.“ Genau diese Ungleichwertigkeit ist der zentrale Kern der dritten, sogenannten modernen Homophobie. Sie stellt heutzutage die größte und gefährlichste Gruppe dar, denn oftmals tragen viele Menschen diese Form der Ablehnung nach außen, ohne sich überhaupt bewusst zu sein, welchen Schaden sie dabei anrichten. Beinahe die Hälfte von ihnen denkt, dass zu viel Aufsehen um uns Homosexuelle

gemacht wird und jeder Dritte ist noch der Auffassung, Deutschland übertreibe es mit der Toleranz. Homosexuelle würden zu viel Platz in der Öffentlichkeit einnehmen (25 Prozent) und zu viele Forderungen stellen (20 Prozent). Noch perfider wird es, wenn eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, in dem jeder zweite Deutsche der Aussage zustimmt, dass man ja nichts Schlechtes mehr über Homosexuelle sagen dürfe, sonst sei man ja gleich intolerant. Jeder zehnte Befragte ist zudem der Meinung, dass Schwule durch ihre Lebensweise selbst Schuld sind, wenn sie Opfer von Gewalt werden. So scheint es, dass Homosexualität zwar von der großen Mehrheit generell und pauschal akzeptiert wird, aber von einem Teil der Deutschen offenbar nur dann, wenn sie nicht zu sichtbar ist. Und wenn es nicht in der eigenen Familie geschieht – noch immer würden es rund 40 Prozent der Eltern unangenehm finden, wenn ihr Sohn schwul wäre. So lässt sich abschließend der Aussage der Bundesstelle nur zustimmen: Homophobe Einstellungen sind noch immer ein gesamtgesellschaftliches Problem.

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Prozent der Befragten sind der Meinung, dass immer mehr Menschen homosexuell werden und sogar 30 Prozent von ihnen halten CSDs für keine gute Sache.


POLITIK

IM FADENKREUZ DER GEWALT

Schwule Männer in Ungarn und Polen Autor: Michael Soze

iele schwule Männer in Deutschland wissen gar nicht, in was für einem Paradies sie leben! Und auf der anderen Seite ist es für Außenstehende wahrscheinlich wirklich nicht zu begreifen, wie es uns hier in Ungarn tatsächlich geht. Ich würde es selbst nicht glauben, würde ich nicht hier leben.“ David ist 25 Jahre alt und lebt in Budapest, der Hauptstadt Ungarns. Sein Gesicht will er nicht veröffentlichen, zu groß ist die Angst, erkannt zu werden. „Es gibt auch in Deutschland sehr stolze Ungaren, die gerne in die alte Heimat Berichte von solchen wie mir schicken. Das verbreitet sich gerne schnell.“

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Solche wie er. Damit meint David schwule Männer, der größte Bestandteil aus der ungarischen LGBTQ-Community, der tagtäglich Hass und Anfeindung ausgesetzt ist. Da wäre zum einen die gesetzliche Komponente: Immer wieder vergleichen Politiker Homosexualität mit Pädophilie und versuchen, Vorurteile in Gesetze zu verwandeln. In Deutschland neigte zuletzt nur CDU-Möchtegernkanzler Friedrich Merz zu einem ganz ähnlichen Vergleich. Der Schutz der Kinder vor den vermeintlichen schwulen Schändern feuert eine ganze Reihe von Gesetzen an, die allesamt das Ziel verfolgen, Rechte für LGBTQ-Menschen zu minimieren. Die Adoption ist in Ungarn de facto für LGBTQ-Menschen inzwischen so gut wie unmöglich. Eine Ehe bleibt eine Verbindung von Mann und Frau und auch die Möglichkeit der Selbstdefinition ist transsexuellen Menschen genommen worden. Das bei der Geburt festgestellte Geschlecht ist bindend. Ungarn und Polen scheinen intern einen Wettbewerb ausgerufen zu haben, wer in kürzerer Zeit mehr Menschenrechte für Homosexuelle untergraben kann. Und andere Länder wie derzeit Rumänien versuchen tatkräftig, ebenso beim Spiel mit der Beschneidung von LGBTQ-Rechten mitmachen zu dürfen.

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Die Lage? Aussichtlos? Zum anderen gibt es aber auch die gesellschaftliche Entwicklung, die in beiden Ländern die Bevölkerung vor eine Zerreißprobe stellt. Das bekannte Model Adam Jakubowski erzählt uns zum Beispiel, dass es sich in den großen Städten Polens immer noch einigermaßen gut leben lasse als schwuler Mann. Je ausgeprägter der katholische Glaube allerdings vorhanden ist

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desto größer auch die Abneigung der Menschen vor der LGBTQ-Community. Dabei schwenkt in Polen die Stimmung spielend leicht in blanken Hass um, weswegen sich über 100 Regionen im Süden und Osten des Landes bereits als LGBTQ-frei bezeichnen. Der LSVD Deutschland spricht von einem „steigenden Hass“ im Nachbarland. Ein harmloser TV-Spot mit einem schwulen Paar führte da bereits zu einem handfesten Skandal. Das beeinflusst nach und nach auch die letzten Treffpunkte für Homosexuelle in den Großstädten. Im ländlichen Raum ist die Lage bereits aussichtlos, so Rémy Bonny, Gründer der Europäischen Koalition für LGBTQ-Sicherheit und Gleichstellung gegenüber dem MyGay-Magazine: „Auf dem Land ist es höllisch, schwul zu sein. Du wirst von deinen Nachbarn, der lokalen Presse, selbst im Supermarkt ständig diskriminiert. In Ungarn ziehen viele schwule Männer deswegen in die Hauptstadt, es ist dort toleranter, eine liberale Insel. Dating in Budapest kann jedoch auch riskant sein. Berichten zufolge haben rechtsextreme Gruppen in den letzten Jahren Banden ausgesandt, um schwule Menschen gezielt zu finden und zu verprügeln.“ Das kann auch Bendi Serényi bestätigen – der schwule Ungar floh vor einigen Jahren aus seiner Heimat nach Berlin: „Wenn ich das Gesamtbild betrachte, sehe ich, dass die Mehrheit der Menschen, die für die derzeitige Regierung gestimmt haben, Menschen aus Regionen sind, in denen sie keinen Zugang zu vielen Informationen haben und die Regierung die Medien kontrolliert. Diese Leute wissen es manchmal einfach nicht besser. Wenn ich jetzt Ungarn besuche, muss ich mir wirklich immer bewusst machen, wie ich mich verhalte. Ein Beispiel: Als ich in einem bunten Outfit zu einem Festival gehen wollte, sagte mir meine Mutter, die mich sehr akzeptiert: Du siehst sehr schön aus, aber so wirst du nicht lebend zurückkommen. Im Moment wird es immer schlimmer, ich hoffe noch immer auf my


ein Licht am Ende des Tunnels. Glücklicherweise gibt es in Ungarn einige erstaunliche Leute, die den Kampf nicht aufgeben.“

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Der Kampf um die Macht Egal ob in Polen oder Ungarn, die römisch-katholische Kirche kämpft massiv mit Hilfe gewaltbereiter Gruppen dafür, ihre Vormachtstellung weiter auszubauen. Den Ministerpräsidenten der beiden Länder kann dies nur recht sein, denn sie testen gerade genüsslich aus, wie weit man die Gruppe der LGBTQ-Menschen zum Sündenbock für alle möglichen Probleme machen kann. Und die Stimmung im Land ist gerade bei der überwiegend ländlichen Bevölkerung von Jahr zu Jahr zunehmend negativ befeuert worden. Nur 25 Prozent der polnischen Mütter und gar nur 12 Prozent der Väter würden ein homosexuelles Kind akzeptieren, so eine aktuelle Studie der Organisation „Kampagne gegen Homophobie“. Erschwert wird das noch durch die derzeitige Corona-Pandemie, so Aktivistin Cecylia Jakubczak, denn Homosexuelle können sich nun nicht einmal mehr mit Gleichgesinnten treffen und austauschen. Ähnlich düster ist die Stimmung in Ungarn, auch wenn die Zustimmung für die gleichgeschlechtliche Ehe in den letzten Jahren angestiegen ist, so die Europäische Union. Trotzdem lehnt mehr als die Hälfe der Ungaren homosexuelle Lebensweisen nach wie vor ab. Durch die sukzessive Kontrolle der freien Medien, der Wissenschaften und des Bildungssystems in beiden Ländern wird eine unsichtbare Mauer der Ignoranz um die eigene Bevölkerung errichtet. Das verstärkt zudem die scheinbar ausweglose Lage der vor allem jungen Homosexuellen, wie Kreativkopf Bendi Serényi weiter erzählt: „Ich habe mich immer wie ein Ausgestoßener gefühlt und ich habe geglaubt, dass etwas mit mir nicht stimmt, was ich reparieren muss, während ich dort gelebt habe. Erst nachdem ich Ungarn verlassen hatte, lernte ich, meine Seltsamkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern zu lieben.“


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Ungarn liegt nicht mehr in Europa „Wir scheinen Europa total egal zu sein, oder?“, fragt mich David im digitalen Interview über Whatsapp und ich kann ihm kaum widersprechen. Egal ob sich wie in Polen Botschafter aus der halben Welt für den Schutz von Minderheiten einsetzen oder EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kritische Worte nach Ungarn oder Polen schickt. Eine Wirkung, eine Veränderung findet nicht statt. Auch die Möglichkeit einer gesetzlichen Handhabe gegenüber Ungarn und Polen ließ die EU zuletzt verstreichen, was LGBTQ-Aktivist Rémy Bonny wütend macht: „Ich bin äußerst frustriert über das Schweigen der Europäischen Kommission und des Europäischen Rates. Ich habe sogar das Gefühl, dass dies eine Pflichtverletzung der Europäischen Kommission ist. Sie haben die Aufgabe, die Verträge der Europäischen Union aufrechtzuerhalten, und sie schützen nicht die Menschenrechte der LGBTI-Bevölkerung. Als LGBTQ-Bewegung fordern wir bereits seit über zwei Jahren die Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen Ungarn und Polen, aber sie haben dies nicht getan. Ich kann nicht ausschließen, dass wir irgendwann rechtliche Schritte gegen die Europäische Kommission einleiten werden!“ Auch Lydia Gall, leitende Juristin für Osteuropa bei Human Rights Watch (HRW), zeigt sich gegenüber dem MyGay Magazine sehr frustriert: „Die deutsche EU-Präsidentschaft, die in den letzten sechs Monaten 2020 die Präsidentschaft innehatte, war eine Enttäuschung! Polen und Ungarn sind die größten Empfänger von EU-Mitteln pro Kopf in der EU. Wenn diese Regierungen weiterhin Geld von EU-Steuerzahlern erhalten möchten, sollten sie auch die gemeinsamen Regeln befolgen, einschließlich der Achtung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit. Wenn diese Regierungen in diesen Bereichen weiterhin scheitern, sollten die Mittel bis zur Einhaltung eingeschränkt werden!“

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Bis es tatsächlich Konsequenzen gibt, dauert es wohl aber noch. So lange wird fleißig weiter diskriminiert – das Zündeln übernehmen dann wie jüngst jeden Sonntag Bischöfe und Priester, die wahlweise gerne von der „Seuche in den Farben des Regenbogens“ oder den „pervertierten importierten Ideologien“ predigen. So gestärkt fällt es den Hooligans leicht, nach der Messe direkt zum Schwulenklatschen aufzubrechen. Die Gewaltbereitschaft nimmt immer mehr zu, wie uns auch David bestätigt: „Und viel schlimmer ist, immer mehr sehen einfach weg. Es herrscht eine Kultur der Angst, selbst hier in Budapest wird es immer schlimmer!“ Die wenigen freien Journalisten in Ungarn sprechen von einer „beispiellosen Hetzjagd“. Auch Lydia Gall (HRW) kann bestätigen, dass die Stimmung selbst für Organisationen wie die ihre immer schwieriger wird – öffentliche Bloßstellungen und das Kürzen von Mitteln sind an der Tagesordmy

Remy Bonny

David

Lydia Gall


Schwul in Ungarn oder Polen? Lieber nicht! Genauso düster ist verständlicherweise auch die Stimmung unter den Homosexuellen in den beiden Ländern selbst. LGBTQ-Kämpfer Bonny fasst es treffend zusammen: „Meine schwulen Freunde in Ungarn sind müde, depressiv und ängstlich. Sie befürchten, dass Ungarn das zweite Russland sein wird. Sie haben gesehen, dass ihnen in den letzten Jahren fast alle ihre Rechte weggenommen wurden. Die Regierung hat sie als Bürger zweiter Klasse eingestuft. Wer es sich leisten kann, denkt darüber nach, nach Westeuropa auszuwandern. Aber viele Aktivisten wissen, dass dies nicht die langfristige Lösung sein kann!“ Die Suche nach einer Lösung gestaltet sich schwierig bei den derzeitigen Machtverhältnissen, da ist sich auch Menschenrechtsjuristin Gall sicher: „Solange Orbáns Regierung an der Macht ist, wird sich für LGBTQ-Menschen wenig zum Besseren ändern. Wir müssen unsere Hoffnungen auf die jüngere Generation setzen, die zumindest meiner Meinung nach Diversity eher zu akzeptieren scheint, aber es ist trotzdem noch ein langer und kurvenrei-

cher Weg!“ Wahre Worte, doch werden sie jungen Schwulen wie David im Moment nicht helfen. Oder gibt es doch noch den Funken Hoffnung mit Hinblick auf die Europäische Union? Ist es dabei nicht an der Zeit, dass auch wir lauter werden? Eines dürfen wir nämlich nicht vergessen – der konservative Rechtsruck, der Hass auf Homosexuelle und die massive Beschneidung fundamentaler Menschen- und Minderheitenrechte ist keineswegs eine logische Entwicklung früherer Zeiten. Vor 2010 war Ungarn beispielsweise ein Land, das sich stark für die LGBTQ-Gleichstellung einsetzte inklusive homosexueller Lebenspartnerschaften. In nur wenigen Jahren passierte hier etwas, was LGBTQ-Menschen für unmöglich gehalten hätten. Jetzt scheint die letzte Hoffnung Europa zu sein, so Rémy Bonny: „Solange die EU dies zulässt, wird sich nichts ändern!“ Die EU wird aber wohl erst dann einschreiten, wenn der Druck und der Ruf nach der Einhaltung der fundamentalen Menschenrechte aus der Bevölkerung unüberhörbar laut geworden sind. Ansonsten bleibt es bei sinnlosen Gesten wie jenen nahe Budapest: Dort spannen Einheimische über die Gassen ihrer Stadt bunte Regenschirme in den Farben des Regenbogens, um Besucher freudig zu begrüßen. Nur für Homosexuelle ist da wohl unter dem Regenbogen kein Platz mehr. Und wir sollten uns eine Frage mit Besorgnis stellen, wenn wir sehen, wie schnell Grundrechte wieder verschwinden können: Kann das bei uns auch passieren? Und wäre es dann nicht ratsam, jetzt laut zu werden, bevor es zu spät ist? Für uns ebenso wie für alle LGBTQ-Menschen in Ungarn, Polen und anderenorts? my

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nung: „Unter dem Vorwand von Covid-19 trat dann die Regierung während eines erklärten Ausnahmezustands aus der parlamentarischen Kontrolle aus, verabschiedete daraufhin Hunderte von Dekreten und nahm Änderungen an bestehenden Gesetzen vor, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit weiter einschränken. Zum Beispiel können jetzt bereits kritische Aussagen über den Umgang der Regierung mit der Pandemie als Panikmache definiert und mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.“


K U LT U R

T h i e r r y B r u e t – „ A N G E L“ – Oil on canvas

DAS INNERE SELBST FESTHALTEN

Die hintergründigen Meisterwerke von Thierry Bruet Autor: Michael Soze

n Frankreich ist Thierry Bruet ein hoch geschätzter, zeitgenössischer Künstler und auch nach über 35 Jahren im internationalen Kulturbetrieb schafft der Meister bis heute einzigartige Werke, deren Brillanz sich einem desto mehr erschließt, je länger man sich die Zeit nimmt, in ein Bild des Parisers einzutauchen. Da mischen sich klassische Elemente mit Objekten der Gegenwartskultur und zwingen den Betrachter so, sich immer intensiver der Darstellung zu widmen. Man findet fast heimliche, versteckte Gedanken, dann wieder Statements zu gesellschaftlichen Entwicklungen und darf sich zudem von den witzigen, satirischen und sorgfältigen Details amüsieren lassen, die den scheinbar traditionellen Ölbildern ihre Besonderheit und ihre Sprengkraft geben. Mal driftet Bruet verspielt in die Karikatur oder die Groteske ab, dann wieder zaubert er mit feiner Hand pure Eleganz auf die Leinwand.

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war einfach Spielen für mich und im Laufe der Zeit hat mich dann auch die Malerei erwählt. Du mischt klassische Motive der Malerei mit moder­ nen Segmenten, brichst sozusagen die Betrach­ tungsweise der Menschen. Ein Beispiel wäre dein Werk „Corpus Christi“ mit einem Cheeseburger in der Mitte. Was reizt dich besonders daran, solche Irritationen bei deinem Publikum zu erzielen? Ich versuche vor allem, mich selbst zu provozieren und mich dabei selbst herauszufordern, sozusagen eine persönliche Betroffenheit zu erzielen. Und wenn dies bei mir selbst gut klappt, habe ich große Chancen, dass dies auf dieselbe Weise auch mit dem Publikum funktioniert. Für mich ist dies also eine besondere Weise, eine Botschaft ans Publikum zu senden.

Geboren 1949 in der Stadt der Liebe eroberte Bruet in den letzten Jahrzehnten die großen Museen, Galerien und private Einrichtungen in der ganzen Welt – von London über Shanghai bis Vancouver, von Alexandria über Lausanne, von Sao Paolo über Florenz bis nach New York. Seine Werke und Fresken sind in den nobelsten Luxushotels, in den Häusern von Prominenten oder zum Beispiel auch im bahrainischen Königshaus zu sehen. Ein wahrer Meister seines Fachs, den das MyGay Magazine zum Exklusiv-Interview traf.

Wir hören immer mal wieder von anderen Künstlern, dass sie Probleme bekommen, ihre Werke über­haupt ausstellen zu dürfen, gerade auch, wenn es um Themen wie männliche Nacktheit oder Kirche geht. Kann in der heutigen Zeit ein Bild noch einen Skandal erzeugen? Ja, auf jeden Fall! In einer meiner ersten Ausstellungen in Paris hat man mich aufgefordert, ein Bild wieder zu entfernen, weil es eine Päpstin mit Guêpière, eine Art Korsett, darstellte. Gewisse Personen hat das bereits schockiert.

Thierry, du schaffst Skulpturen und hypnotische Bilder, denen man sich lange nicht entziehen kann. War von Anbeginn an klar, dass du Künstler werden willst? Ich hab sehr früh mit dem Zeichnen und Malen angefangen, bereits im Alter von sechs Jahren. Malen

Man ertappt sich immer wieder dabei, lächeln zu müssen, wenn man deine Werke betrachtet. Sie sind mal witzig, satirisch und detailverliebt und schwenken manchmal beinahe in die Karikatur hinüber. Was inspiriert dich?

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Thierr y Bruet – „ INNOCENTE X“ – Oil on canvas

Vielen Dank für die Bereitstellung der Bilder an: CULTURE INSIDE GALLERY 8 rue Notre-Dame L-2240 Luxembourg cultureinside-gallery.com

Thierr y Bruet – „UN MONDE D’HOMMES“ – Oil on canvas

Auf den ersten Blick kann man tatsächlich amüsiert und eher oberflächlich reagieren, man kann es auch für Satire halten. In vielen Fällen gibt es aber ein tiefgründiges Thema, das uns zum Nachdenken anhält. Mich inspirieren dabei die menschlichen Beziehungen.

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Für mich entsteht der Eindruck, dass du auch der Gesellschaft und ihren Eitelkeiten einen Spiegel vorhalten willst. Stimmt dieser Eindruck? Richtig, ich liebe es, das verborgene Gesicht der Gesellschaft und ihre Eitelkeiten aufzuzeigen. Heutzutage gibt es leider diese Tendenz in der Gesellschaft, my

sich stets politisch korrekt zu zeigen und dabei dem Künstler seine Freiheit zur Kritik und zur Blasphemie zu nehmen. Weltweit wurden deine berühmten Werke bereits ausgestellt und honoriert – gibt es spezielle Orte, an denen du dich als Künstler besonders wohl fühlst? Ich stelle besonders gern in Luxemburg mit der CULTURE-INSIDE GALLERY aus, da die Galeristin Gila Paris meine Arbeit versteht und liebt. Sie versteht es zudem, diese dem Publikum zu vermitteln, sodass meine Werke verstanden und geschätzt werden. Da-


bei betrachte ich mich nicht als berühmten Maler, das Interessanteste für mich ist und bleibt der Kontakt mit dem Publikum und die Sympathie des Publikums. Mit einem besonderen Bild, einer Art Selbst-Portrait mit High-Heels und Federboa, hast du dich öffentlich als schwul geoutet. Wie kam es zu diesem Werk? Ich habe dieses Werk in einer emotional instabilen Phase meines Lebens geschaffen und es ist tatsächlich ein allegorisches Portrait von mir. Die beiden Sklaven zu Füßen von „Angel“ versinnbildlichen die beiden Seiten in mir, die vom neuen ICH getötet werden, welches meine maskuline und feminine Seite miteinander versöhnt. Beschäftigt dich heute auch der Kampf um Akzeptanz in der LGBTQ-Community? Die Rechte, die Homosexuelle auch in Frankreich wie anderenorts einfordern. Natürlich beschäftigt mich das. Ich habe immer in einem sehr offenen Milieu gelebt, offen für viele Unterschiedlichkeiten. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich mich allerdings nie in dieser Sache wirklich politisch engagiert habe. Doch ich bewundere und unterstütze hundertprozentig diejenigen, die sich einbringen. Das ist sehr wichtig, denn derzeit geht die Akzeptanz für die LGBTQ-Community wieder verloren.

dich ein gemaltes Bild viel besser festhalten als ein Schnappschuss? Ich halte das Selfie für zu narzisstisch, ein Gemälde erfasst das Selbst viel besser, es hält mehr die Innerlichkeit als die Oberfläche eines Gesichts fest. Zudem muss man nicht schön sein, um ein schönes Portrait zu haben. Immer wieder arbeitest du dich mit Skulpturen und in Bildern auch am Thema Kirche ab, portraitierst Bischöfe und andere Kirchenvertreter. Mir scheint es, als ob du die innere Verdorbenheit einiger dieser Herren wie kein anderer in den Gesichtern zum Vorschein bringen kannst. Ich wurde in einer katholischen Pariser Schule erzogen und habe viel Zeit gehabt, den Klerus und die Kirchenvertreter, ihre Heuchelei und ihre verdrängte Sexualität eingehend zu studieren, was mich schlussendlich auch Atheist werden ließ. Du malst auch ganz unterschiedliche Portraits – von der Sängerin Grace Jones bis hin zur Star Wars Filmcrew. Wie kommt es zu diesen Werken?

Öfters sind Männer in deinen Bildern auch als Frauen eingekleidet – was möchtest du damit zum Ausdruck bringen? Ich mag das Ungleichgewicht, ich liebe es, Machos zu verweiblichen, und im umgekehrten Fall sehr schöne Frauen mit Bärten zu versehen. Welchen Einfluss hat auf dich die moderne chinesische Kunst, die immer mal wieder auch in einigen deiner Werke aufblitzt? Ich zolle gern einigen zeitgenössischen chinesischen Malern Tribut – zum Beispiel Yu Minjun – denn ihnen ist es gelungen, ihr politisches Regime mit einem bissigen Humor und somit auch mit großer Freiheit zu kritisieren.

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Das Selfie ist zum Symbol der heutigen Zeit geworden – gerade junge schwule Männer lieben es, sich selbst hier in Pose zu werfen. Was kann für


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T h i e r r y B r u e t – „ L A PA P E S S E “ – Oil on canvas

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T h i e r r y B r u e t – „ C O U T U R E “ – Oil on canvas


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T h i e r r y B r u e t – „ O LY M P I O D E B R U E T - - “ – Oil on canvas

Die Portraits, die ich male, sind in den meisten Fällen Bestellungen, ich suche also nicht selbst die Gesichter aus, sie sind die „Auftraggeber“. Doch bei der Portraitmalerei geht etwas sehr Interessantes vor sich: Ich werde zu ihrem Psychiater, wobei sich die Menschen nach einer Weile frei fühlen, und sich dann vollkommen ihren Phantasien überlassen, sodass mir das Bild plötzlich entgleitet.

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Von vielen Schriftstellern weiß man, dass sie oftmals nie gänzlich zufrieden sind mit ihren Werken. Wie ist das bei dir? Man soll niemals zufrieden sein, ansonsten schafft man ein einziges Werk und das war’s. Ich persönlich höre auf, sobald ich keine Lust mehr habe, an einem Werk zu arbeiten, denn ich habe dann bereits das my

nächste Bild im Kopf. Auch bessere ich nie nach, was ich gemalt habe, selbst wenn mir mal eine Stelle weniger gut erscheint. Du spielst auch sehr gerne mit Figuren der Popkultur wie Batman oder Spiderman – glaubst du, diese popkulturellen Figuren sind die neuen Helden unserer Zeit? Werden sich Menschen in 200 Jahren Bilder dieser Figuren ansehen so wie wir heute die alten Götterbilder in den Museen bewundern? Es ist sehr amüsant für mich, sich von den Helden der Popkultur inspirieren zu lassen, denn sie haben diese flammende Seite an sich, die heutzutage alle Gottheiten früherer Zivilisationen ersetzen. Doch ich denke, in 200 Jahren wird es wieder ganz andere Helden geben.


COPYRIGHT: THIERRY BRUET my

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T h i e r r y B r u e t – „ A R T E M I S I S & C Y “ – Oil on canvas


K U LT U R

SCHWUL UNTER RAPPERN Autor: Sebastian Ahlefeld

eine andere Musikrichtung verarbeitet Hass, Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung in ihren Texten und Bildern wie der Rap (HipHop). Frauenfeindlichkeit, Sexismus und Schwulenhass gehören dazu wie die Luft zum Atmen. Die Freunde des melodischen Sprechgesangs würden dies damit entschuldigen, dass Rap-Musik eben provozieren soll. Und in der Tat, Rap darf auch gerne provozieren, aber sind Worte wie „Schwuchtel“, „Hinterlader“, „Schwanzlutscher“ und „Tunte“ dafür wirklich notwendig? Auch die Musikrichtungen R&B, Heavy Metal oder Pop können provozieren.

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Eines der besten Beispiele für Provokation auf der Bühne, aber auch in den Songs, ist Madonna. Legendär ist dabei die „simulierte“ MasturbationsSzene im Kegel-BH auf ihrer „Blonde Ambition“-Tour 1990 – und dies ist nur eine Provokation von vielen. Jedoch hat Madonna nie zu Hass, Verachtung und Gewalt gegenüber bestimmten Minderheiten und Personengruppen aufgerufen. Natürlich ist auch nicht die gesamte Rap-Community homophob. Man ist ebenfalls noch weit weg von Schwulenfeindlichkeit, wenn Fettes Brot von „schwulen Mädchen“ singt. Viele Deutsch-Rapper stellen in ihren Texten sehr stark soziale Themen ins Zentrum, die Interpreten anderer Musikrichtungen nie thematisieren würden. Es ist beispielsweise undenkbar, dass Schlagerkönigin Helene Fischer über Drogenmissbrauch singt, so wie es die Gruppe Tic Tac Toe im Jahr 1997 in ihrem Lied „Warum?“ getan hat.

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Dennoch sind die homophoben und sexistischen my

Auswüchse des Raps so allgegenwärtig, dass es junge Generationen seit längerem prägt und in den letzten Jahren immer wieder starke Debatten befeuerte – oftmals direkt aus der Kulturszene selbst. Künstler sind Vorbilder für eine ganze Generation und so sollten wir diese Kreativen und ihre Werke auch etwas ernster und kritischer betrachten. Im Jahr 2011 beispielsweise bekam der Rapper Bushido auf der Bambi-Gala den Integrationspreis verliehen und viele Künstler und weite Teile der LGBTQCommunity protestierten vehement dagegen. Der an dem Abend ebenfalls ausgezeichnete Künstler Peter Plate des Duos Rosenstolz ergriff daraufhin spontan die Möglichkeit und kritisierte die BambiJury: „Ich will mich freuen, aber ich will morgen auch noch in den Spiegel schauen können. Es ist sehr wichtig, dass wir einander Chancen geben auf dieser Welt. Aber jemanden, der frauenfeindliche, menschenverachtende Texte gesungen hat, so einen Musiker auszuzeichnen, finde ich nicht korrekt!“ Eine ganz andere Preisverleihung hat sich mit ihrer Entscheidung, ein homophobes und antisemitisches Rapper-Kollektiv auszuzeichnen, gleich eigenhändig die Berechtigungsexistenz abgesprochen: Mit der Auszeichnung für Farid Bang und Kollegah hatten die Verantwortlichen für viele Künstler aus der Musikwelt eine Grenze überschritten. Es kam zu heftigen Protesten im Saal und vor den Berliner Messehallen – einige Künstler verließen damals sogar spontan die Veranstaltung. Das Duo war mit antisemitischen und stark frauenverachtenden Texten bekannt geworden, auch wenn die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft


Düsseldorf schlussendlich eingestellt wurden. Die Echo-Verleihung 2018 war zum Skandal geworden und sorgte somit für die eigene dauerhafte Absetzung der Veranstaltung.

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Bis heute gibt es also nach wie vor das Spannungsfeld zwischen der Musikrichtung Rap und der Anerkennung von Menschenrechten gerade auch für die LGBTQCommunity. Aber wie ist das eigentlich, wenn man als schwuler Mann unter Rappern aufwächst? Wenn man in so einer vermeintlich homophoben Umwelt dauerhaft leben muss? Leroy Leone ist schwul und Sohn des Rappers D-Flame. Der Vater begann seine Karriere Ende der 80er-Jahre, veröffentlichte 2000 und 2001 erfolgreiche Alben sowie mehrere Singles. Die letzte Single kam 2016 heraus. Durch die Trennung seiner Eltern hat Leroy Leone seinen Vater erst mit 13 Jahren richtig kennengelernt. Mitten in der Pubertät, wo die meisten Jugendlichen ihre Gefühle neu definieren und sich damit oft auch ihrer sexuellen Identität erstmals bewusst werden. Eine Zeit des Findens und des Verzweifelns. Jeder, der ein Coming-Out hatte, kennt die Situation sehr gut. Jeder hat unterschiedliche Voraussetzungen, die dann zu schweren Hürden werden können: Umstände in der eigenen Familie, das Wohnumfeld oder die Schulfreunde. Das Umfeld, in dem Leroy sich mit 13 Jahren sah, war mehr als nur die eigene Familie. Es war ein öffentliches Sympathisieren mit Schwulenhass und Sexismus. Auch wenn sein Vater selbst keine homophoben Texte verwendete, blieb es das künstlerisch-sozial-homophobe Umfeld, in dem sich sein Vater bewegte – der deutsche Rap.


M YGAY # 2 / K U LT U R / S CHWUL UNTER RAPPERN

Leroy Leone lebt inzwischen seit 2016 in Berlin, ist Schauspieler und Buchautor. Er hatte unter anderem eine Rolle in der Soap „Berlin Tag und Nacht“. Als Schauspieler hat er auch im Filmgeschäft homophobe Erfahrungen erleben müssen. So wurde er für eine Rolle abgelehnt, weil er offen schwul lebt und auch sehr medial-öffentlich damit umgeht. Bei einem Vorsprechen wurde ihm so klar gesagt,

keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen. Wann hast du gemerkt, dass du auf Männer stehst? So richtig gemerkt habe ich es mit 13 Jahren, als ich mich in meinen damaligen besten Freund verliebt habe. Das war auch genau die Zeit, wo ich wieder Kontakt zu meinem Vater aufgebaut habe. Meine Eltern lebten getrennt und da wurde mir erst klar, wer mein Vater überhaupt ist. Genau in dieser Zeit trafen für mich zwei neue Welten gleichzeitig aufeinander. Einmal das Leben als Schwuler und die Rapper-Welt. Gerade in diesem Alter ist man in einer persönlichen Findungsphase, besonders was die eigene sexuelle Identität angeht. Zugleich hören viele Klassenkameraden Rap und lassen sich von den Texten beeinflussen. Wie bist du damit umgegangen? Rap an sich ist sehr maskulin. Damals sogar noch viel stärker als heute. Es war die Zeit, wo Bushido sehr angesagt war. Gerade der deutsche Rap war damals sehr sexistisch und frauenfeindlich. Da hat meine Welt und mein Schwulsein so gar nicht in diese andere Welt reingepasst. Ich habe dadurch sehr viel Angst erlebt, gerade auch, wenn es darum gegangen ist, mich gegenüber meinem Papa zu äußern. Nicht nur wegen ihm, sondern auch wegen seinen Freunden. Er hatte viele Freunde, die ebenfalls Rapper waren.

dass man befürchte, dass die Zuschauer ihm die heterosexuelle Rolle nicht abnehmen würden. Dieses Jahr nun bringt er zwei Bücher heraus. Neben einem schwulen Liebes-Drama, angesiedelt im Zweiten Weltkrieg, wird Leroy auch seine Autobiographie veröffentlichen.

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Leroy, wie war deine Kindheit als Sohn eines deutschen Rappers? Nicht einfach. Ich habe komplett zugemacht und wenn es um Liebessachen ging, habe ich sogar Dinge erfunden, auch Liebesgeschichten mit Frauen. Ich habe auch immer aufgepasst, was ich an Klamotten trage. Wenn ich mit Freunden unterwegs war, habe ich die enge Röhrenjeans und ein Top angezogen und sobald ich meinen Vater getroffen habe, trug ich eine Baggy-Jeans und einen Hoodie. Dabei habe ich zudem auch meinen Gang verändert, um erst gar

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Wie war dann die Reaktion der Rapper-Szene, als du dich öffentlich geoutet hast? Da gab es tatsächlich eher sehr positive Reaktionen. Auch viele Freunde von meinem Vater haben sich sehr tolerant gezeigt. Was ich ganz toll fand, war, dass sie mich als Person gesehen haben und nicht als Sohn des Rappers D-Flame. Auch Fans von meinem Vater haben dies begrüßt. Sie sahen diesen Schritt als gute Möglichkeit, das Tabuthema innerhalb der Szene anzusprechen. Ganz so, wie es heute zum Beispiel noch beim Fußball oder in mancher berühmter Königsfamilie ist. Mich hat dies sehr gestärkt! Sollten Texte, die im Rap genutzt werden, ihre Grenzen haben oder sind alle Aussagen deiner Meinung nach von der künstlerischen Freiheit abgedeckt? Aus der Sicht eines Künstlers gibt es keine Grenzen. Es kommt darauf an, was man mit Kunst bewirken


Hast du für dich als Schauspieler bestimmte Grenzen? Oder anders gefragt, würdest du zum Beispiel einen homofeindlichen Schläger spielen? Ja, würde ich machen. Es spiegelt die Gesellschaft wieder. Themen zu Homophobie oder HIV gibt es im deutschen Fernsehen sowieso viel zu wenig. Schon

allein deswegen würde ich so eine extreme Rolle spielen. Ich habe es auch privat erlebt. Vor einigen Wochen wurde ich auf der Straße angespuckt und habe es natürlich publik gemacht und mit Fans über Instagram darüber gesprochen. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele, die nicht in der LGBTQ-Community unterwegs sind, gar nicht so mitbekommen, dass homofeindliche Angriffe immer noch an der Tagesordnung sind. Wie siehst du den heutigen Rap im Vergleich zu damals? Viele deutsche Künstler rappen über ernste Themen und sind inzwischen eine andere und neue Generation von Rappern. Rapper mit homophoben, frauenfeindlichen und sexistischen Texten werden immer weniger und gehen schließlich unter. Die Jugend hat sich da auch weiterentwickelt und ist toleranter geworden, auch dadurch hat sich der Rap zum Positiven geändert.

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will. Wenn man obszöne Wörter nutzen will, muss man sich fragen, was man damit erreichen will. Es gibt aber eine Grenze, weil es eine Vorbildfunktion gibt. Da viele Jugendliche Rap hören, umso mehr. im Zweifelsfall sollte man klar sagen, dass das, was man da rappt, mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Und das wird von den entsprechenden Rappern eben nicht gemacht. Grenzen in der Kunst gibt es vor allem, wenn es mit Politik, Religion und Ethik zu tun hat. Wenn ich in meinem Song jemanden als Schwuchtel benenne, dann hat es was mit der Verletzung der Ethik zu tun, und damit ist die Grenze der Kunst überschritten.


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LIEBE, SE X UND VERL ANGEN Autor: Michael Soze

as er war, wollen viele junge Influencer heute sein – jemand, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ein Mensch, der Mitbegründer einer komplett neuen Kunstrichtung geworden ist: der Pop Art. Heutzutage ist Andy Warhol längst schon zu einer Art Allgemeingut geworden, sein Konterfei oder einzelne Werke wie die berühmten Suppendosen finden sich überall: auf T-Shirts, in Filmen und Millionen von Postkarten. Die beinahe inflationäre mediale Vergewaltigung seiner Werke hätte ihm wahrscheinlich gefallen, mit Sicherheit hätte es ihn aber extrem belustigt. Als er Anfang der 1960er Jahre die Bilderserie um die berühmten Dosensuppen (Campbell’s Soup Cans) herausbrachte, erntete er absolutes Unverständnis. Niemand wollte dafür wirklich Geld zahlen. Gut dreißig Jahre später wurde das Ensemble für fünfzehn Millionen Dollar an

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Andy Warhol – „ M A L E COUPL E “ – 1950s

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das Museum of Modern Art in New York verkauft. Wie sagte Warhol einst so schön selbst: „Die Gesellschaft ist so dumm, dass sie für jeden Dreck hunderttausend Dollar bezahlt.” Nebst seinem Spiel mit dem Kulturbetrieb und der ironischen Brechung ihrer damaligen Ernsthaftigkeit veränderte Warhol bis in die 1980er Jahre hinein aber auch das Bild des schwulen Mannes nachhaltig. Bereits in den 1950er Jahren kreiste seine Kunst konsequent um Fragen der schwulen Identität. Er stritt seine eigene Homosexualität auch niemals ab und feierte gerne ausgelassen im berüchtigten Nachtclub Studio54 mit den nackten Bar-Jungs. Natürlich abgeschieden von dem großen Publikum, denn die große Menschenmenge war zeitlebens nicht seins, auch wenn er einmal mit einem Lächeln meinte, dass Sex

Andy Warhol – „STANDING MALE NUDE TORSO“ – 1950s


und Partys die einzigen beiden Dinge seien, bei denen man nun einmal persönlich erscheinen müsse. Er spielte gerne den leichtfüßigen Künstler, der stets über den Dingen steht – dabei war Warhol auch ein zutiefst nachdenklicher und bisweilen ängstlicher Mensch. 1968 überlebte er ein Attentat einer radikalen Frauenrechtlerin nur schwer verletzt mit mehreren Schüssen im Körper. Seit dieser Zeit plagten ihn zudem Ängste vor Krankheiten wie AIDS. Mit ein Grund, warum seine homosexuellen Beziehungen allesamt scheiterten. Verharmlosend meinte er einmal dazu selbst: „Wer alles über Andy Warhol wissen will, braucht nur die Oberfläche anzusehen, die meiner Bilder und Filme und von mir, und das bin ich. Da ist nichts dahinter.“

Andy Warhol. Love, Sex, and Desire. Drawings 1950–1962 Michael Dayton Hermann, Drew Zeiba, Blake Gopnik Hardcover, 392 Seiten, 75 Euro, taschen.com

COPYRIGHT: © THE ANDY WARHOL FOUNDATION FOR THE VISUAL ARTS, INC.

Dass das nicht stimmt, beweist nicht nur sein umfassendes Werk und der massive Einfluss, den er bis heute auf viele Künstler weltweit hat, sondern nun auch ein neuer Bildband aus dem Taschen Verlag. Bevor er zur Spitze der Pop Art aufgestiegen war, hatte Warhol bereits eine Reihe verführerischer Zeichnungen von jungen Männern angefertigt – über dreihundert davon kann man nun auf den fast 400 Seiten des Buches „Love, Sex, and Desire“ bewundern.

Skizzen, amüsante Details und erotische Augenblicke wurden hier, scheinbar flüchtig und nebenbei, festgehalten. Wahrer Stil, das war für Andy Warhol immer alles Unfertige und Zufällige. In diesem Sinne ist dieses Buch wahrhaftig stilvoll und berührt uns emotional und lustvoll – auch wenn Warhol selbst das augenzwinkernd bezweifeln würde, meinte er doch einst: „Während der 1960er Jahre haben die Menschen vergessen, was Gefühle sind. Und ich glaube, sie haben sich nie wieder daran erinnert.” Ob nun kokettierend oder nicht, manchmal darf sich auch ein Warhol irren. Er ist viel mehr als nur ein „oberflächlicher“ Künstler, das zeigte sich spätestens auch bei der Versteigerung seines Nachlasses, der für über 900 Millionen Dollar verkauft wurde. Oder hatte der Meister am Ende doch recht und die Gesellschaft zahlt für jeden Dreck? Es wird ein Geheimnis bleiben, doch eines ist sicher: Das neue Buch aus dem Taschen Verlag ist seinen Preis wert und lässt einen dem jungen Warhol noch einmal ganz nahe kommen.

Andy Warhol – „ S TA NDIN G M A L E TO R S O “ – 50s

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Andy Warhol – „ S E AT ED M A L E NUDE “ – 1950s


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DIE QUEEN FÜR SCHWULE JUNGS Autor: Michael Soze

oher kommt eigentlich die Liebe vieler schwuler Männer für die Queen, diese fast mythische Verehrung jener Dame, die seit 1952 Königin des Vereinigten Königreichs Großbritanniens ist? Erinnert uns die etwas schrullige, leicht buckelige Seniorin an die Golden Girls? Oder verlieren wir spätestens seit Margaret Rutherford als Miss Marple unser Herz immer wieder an kleine, rüstige Damen mit strenger Miene? Oder ist es gar der Glanz und die ganz große Show, die jedes Mal steigt, wenn es im Buckingham Palace etwas zu feiern gibt?

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Immer mal wieder fällt das Wort „Würde“, wenn man von Elisabeth II spricht. Diese Erhabenheit, die die inzwischen vierundneunzigjährige Hutfetischistin ausstrahlt, ist wohl tatsächlich einzigartig auf der Welt. Natürlich lässt sich trotzdem anmerken, dass Zuneigung für die Queen nur möglich ist, blendet man all die gefühlskalten Entscheidungen aus, die sie in ihrer Amtszeit immer wieder zum Besten gab. Zum Wohle der Krone. Ein halbes Leben lang litt ihr Sohn Charles unter der fehlenden Nestwärme und den my

strikten Regeln, denen er sich von frühester Kindheit an unterwerfen musste. Für Nachholbedarf und dem Füllen von Wissenslücken empfiehlt sich die NetflixSerie „The Crown“ – die fünfte Staffel der Erfolgsserie soll in diesem Jahr abgedreht werden. Ähnlich kalt trieb sie die Ehe zwischen Charles und Prinzessin Diana voran und selbst beim tragischen Todesfall der jungen „Königin der Herzen“ bedurfte es viel Zuredens seitens des damaligen Premierministers Tony Blair, damit sie ihre Trauer auch öffentlich bekundete. Zuletzt soll sie gar nicht amüsiert davon gewesen sein, dass Prinz Harry so gar keine Lust darauf hat, sich weiter der Hof-Etikette zu beugen und inzwischen lieber mit seiner Ehefrau und ExSchauspielerin Meghan Markle, heutige Herzogin von Sussex, die meiste Zeit des Jahres in Kanada lebt. Ist die Monarchie einfach aus der Zeit gekommen? Braucht Großbritannien, braucht die Welt, brauchen wir schwule Jungs noch eine echte Queen – also eine, die sich nicht am späten Abend als betrunkener Kerl mit schlechtem Make-Up entpuppt? Royalisten würden eifrig „Ja“ rufen! Aber vielleicht täte


des Taschen Verlags blättern und kommen dabei mit Sicherheit auch auf unsere Kosten. Die royale Bildersammlung auf über 360 Seiten verbindet Glanz und Glamour, Kitsch und Kultur auf wunderbare Weise. Und während wir durch die Seiten blättern, träumen wir einfach noch einmal davon, dass eines Tages ein schwuler Prinz sich vor den Toren des Buckingham Palace outet. Händchen haltend mit seinem Lover. Oder ist das zu viel verlangt?

Her Majesty. A Photographic History 1926–Today Reuel Golden, Christopher Warwick Hardcover, 368 Seiten , 50 Euro, taschen.com

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der britischen Krone eine gewisse Frischzellenkur gut? Oder wie wäre es einmal mit einem offiziell schwulen Mann im Buckingham Palace? Wie das aussehen könnte, hat die junge Autorin Casey McQuiston in ihrem Erstlingswerk „Royal Blue“ (Knaur Verlag) festgehalten. Darin verknallt sich der königliche schwule Prinz in den Sohn der (leider fiktiven) amerikanischen Präsidentin. Zuckerguss vom Feinsten und ein wunderbarer Schmöker! (Die Filmrechte hat sich bereits Amazon gesichert!) Und es lässt uns davon träumen, dass auch bei Hofe Veränderungen möglich sind. Immerhin, der Großneffe der Queen, der einundzwanzigjährige Arthur Chatto (Enkelsohn von Queen Elisabeths Schwester Prinzessin Margaret arbeitet im Nebenjob aktuell als Fitnesstrainer in Edinburgh. Und wenn man sich die zahlreichen Bilder mit nacktem muskelbepackten Oberkörper von ihm im Internet betrachtet, kann man sich so eine schwule Liebesaffäre im Buckingham Palace irgendwie gleich viel besser vorstellen. Bis es soweit ist, können wir Queen-Fans im neuen prächtigen Bildband


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DER MENSCH HINTER DER MASKE EINER DRAG-QUEEN Die faszinierenden Fotoarbeiten von Iris Eidinger Autor: Sebastian Ahlefeld

ressed as a guy – wenn Männer zu Frauen werden. Dabei geht es in erster Linie um die Optik, um die kreative Außendarstellung der Frau mit Hilfe von Fashion und Perücke. Wobei natürlich in der heutigen Zeit festzustellen ist, dass es nicht die eine stereotypische Frau gibt, die in High Heels und toupierter Frisur durch die Berliner Nacht läuft. Daher ist auch Drag mittlerweile so unterschiedlich und facettenreich geworden. Drag ist nicht erst seit wenigen Jahren oder Jahrzehnten eine Kunstform, sondern bereits seit Jahrhunderten. So war 1597 die erste Julia in der Bühnenaufführung zu William Shakespeares „Romeo und Julia“ eine Drag. Denn erst 1660 war es in Großbritannien den Frauen gestattet, auf der Bühne eine Rolle zu spielen. Was damals ein riesiger Skandal war. Zuvor haben ausschließlich Männer die weiblichen Rollen gespielt. Wenn man es genau nehmen will, waren bis dato alle bühneninszenierten Liebesszenen homoerotische Vorführungen. Drag als Kunstform ist geblieben und hat sich mit der Zeit verändert. Von den einen wird es geliebt und von den anderen skandalisiert. Drag kann dabei in sich so unterschiedlich sein, weil hinter dem dicken Make-up und dem tonnenweisen rosa Tüll unterschiedliche Männer stecken. Männer mit

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vielfältigsten Biographien und Talenten. In Deutschland ist Drag auch unter dem Begriff „Travestie“ begannt. In den 90er-Jahren war Georg Preuße alias Mary der bekannteste Travestiekünstler in Deutschland, weil nicht nur die LGBTQ-Community zu seinen Shows gegangen ist, sondern vorwiegend auch heterosexuelle Menschen. Am Ende einer jeden Show zeigte Mary, dass hinter dieser Frau der Mann Georg Preuße steckt, in dem er sich zum Lied „So leb dein Leben“ auf der Bühne abschminkte. Lange Zeit war Drag nur noch das Schrille, Laute und Bunte innerhalb der LGBTQ-Gemeinschaft. Drag wurde von der Mehrheitsgemeinschaft nicht mehr als Kunstform gesehen. Erst mit der US-Serie „RuPaul“ und der Staffel „Queen of Drags“ wurde Drag (Travestie) in Deutschland wieder zu einer ernstzunehmenden Kunstform. Die RuPaul’s Drag Race – Tour 2019 war in wenigen Tagen ausverkauft und es füllten sich Hallen mit über jeweils 4.000 Zuschauern. Wie in den 90er-Jahren fasziniert Drag nun erneut ein breites und diverses Publikum. Drag wird als Kunstform wieder wahrgenommen: als ein Stück Kultur. Dabei interessiert man sich endlich auch wieder für die Männer, die hinter dem Make-up und dem rosa Tüll stecken.


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M YGAY # 2 / K U LT U R / D ER MENSC H HI NTER DER MASK E EINER D RAG -QUEEN

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Die Fotografin Iris Edinger, geboren 1970 in einem ländlichen Dorf nahe Krefeld, lebt und arbeitet heute in Düsseldorf. Inspiriert durch ihren Vater, Horst Edinger, hat sie bereits mit 17 Jahren die Leidenschaft für die Fotografie für sich entdeckt. Mit dem Brustkrebsprojekt FUCK IT – I’M ALIVE! hat sie bereits bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie fotografierte Frauen und Männer nach ihrer Brustkrebs-Erkrankung, unverstellt mit ihren sichtbaren Narben auf der Haut. Eine Ausstellung, die berührte. In diesem Jahr nun arbeitet Iris Edinger an einer DRAG-Fotoausstellung. Sie will dabei hinter die Drag-Figur blicken, um so die Vielfalt dieser Kunstform aufzuzeigen, und sucht für dieses Projekt noch Drag-Künstler. Ziel ist es dabei, nicht nur Queens, sondern auch Kings für die Idee zu begeistern (Bei Interesse E-Mail an kontakt@irismy

edinger.de). Das MyGay Magazine hat sich vorab exklusiv mit der Künstlerin getroffen. Iris, wie ist es überhaupt zu diesem Projekt gekommen? In den 90iger Jahren sah ich zufällig bei Spiegel TV einen Bericht über Drag Kings und Queens. Seit dieser Zeit habe ich dieses Projekt im Kopf. Im Sommer letzten Jahres entschied ich mich dann, das Fotoprojekt endlich umzusetzen. Nachdem ich im Herbst dann aber „Drag Queens“ als Teil der Ausstellung „CloseUps“ von Martin Schoeller gesehen hatte, habe ich kurz gezögert. Letztendlich ist aber jedes Motiv schon unzählige Male umgesetzt worden und den Unterschied wird mein Blick, Stil und meine Protagonisten machen. Die ersten


Motive entstanden mit Tim, dem Kindergärtner meines Sohnes. Er brachte zwei Freunde mit, einen Bankkaufmann und einen Studenten. Das sind die ersten Bilder, auf denen die Serie aufbaut, und zu der wir bereits weitere Ideen entwickelt haben, die wir nun umsetzen werden.

Transition zwischen den Welten. Das begleitet mich schon sehr lange, bereits mit 13 Jahren habe ich David Bowie entdeckt und war von seiner Musik und seiner wechselnden Erscheinung und seinen Figuren fasziniert. Androgynität war für mich immer schon etwas sehr Spannendes, ich glaube, wir alle tragen dies in uns.

Gibt es ein spezielles Ziel, das du mit deiner Arbeit verfolgst? Was macht für dich selber Drag aus?

Was begeistert dich an dieser Arbeit? Grundsätzlich portraitiere ich gerne Menschen. Mich interessieren ihre Facetten und Details, oft fotografiere ich „nur“ die Gesichter in Schwarz-Weiß. Bei diesem Projekt habe ich klar eine andere Idee. Farbe sollte es sein. Aber ohne Schwarz-Weiß kann ich offensichtlich nicht ganz und es drängt mich nach einer Umsetzung hier. Am Ende wird es wohl eine Kombination werden. Mich interessieren die Zwischenwelten. Insofern sind für mich die Motive, in denen sich der Verwandlungsprozess in der Entstehung befindet, der spannende Teil. Also die

Drag ist für mich: Freiheit, Freude, Fantasie. Es ist ein Spiel, ein Entdecken, eine Fantasiereise. Es geht um Mut und Individualität. Es geht aus meiner Sicht nicht darum, eine Frau oder ein Mann zu werden. Es ist ein Spiel mit Klischees und Vorurteilen, lebt oftmals von Übertreibungen und hat keinen Anspruch auf Realität. Was aber fotografisch gesehen für mich nicht heißt, dass ich freudig lachende Menschen ablichte. Es ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, die ich sichtbar machen möchte.

Wie muss für dich Drag sein, dass es dich anspricht? Was mich persönlich reizt, ist die Reduktion und die Gegensätzlichkeit. Die Kostüme und die Schminke sind umwerfend faszinierend, opulent und mondän. Das Festhalten in meiner Bildsprache ist spannend. Aber ich liebe die Reduktion, die Facetten, die den Übergang ausmachen und für beide Personen oder Figuren stehen. Die Kombination des Üblichen mit Aspekten, die überraschen und irritieren. Das ist der Teil, den ich persönlich und fotografisch am spannendsten finde. Ähnlich wie beim Brustkrebsprojekt FUCK IT – I’M ALIVE! an dem ich seit 2019 arbeite. Mich fasziniert an der Arbeit mit Drag-Künstlern ihre Freude und ihr Spaß an ihrer Sache! Manchmal ist die Freude sicher auch ein Aufbäumen gegen Konventionen oder Enge. Umso schöner zu erleben, wie sie bei der Verwandlung darin versinken.

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Über Ziele in meinen Projekten oder Fotografien zu sprechen, fällt mir immer schwer. Mich inspiriert viel und ich kreiere. Das ist eine Intuition, ein Drang, weniger eine konkrete Entscheidung. Im Moment befindet sich das Projekt noch im Wachstum und wird sich mit der Zeit weiterentwickeln. Sicher ist aber, ich möchte Menschen in ihren unterschiedlichen Facetten zeigen. In diesem Fall einen Teil zeigen, der vielleicht nur einer kleineren Gruppe oder einem bestimmten Kreis vorbehalten ist, und sie so für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Für mich ist die Freiheit und Toleranz, so sein zu dürfen, wie man sich fühlt oder wer man ist, sehr wichtig. Für viele sind Menschen, die sich Kleider des anderen Geschlechts anziehen und mit Frisuren und Makeup spielen, immer noch sonderbar und befremdlich. Aus meiner Sicht ist das Erschaffen von Figuren ein kreativer Prozess, den ich gerne dokumentieren und so ein Stück Normalität geben möchte. Ich möchte für Offenheit und Toleranz werben und Themen aus der Tabuzone holen.


LIFEST YLE

LIEBE UND LEIDENSCHAFT IN ZEITEN VON CORONA Was Ältere und Jüngere voneinander lernen können Autor: Michael Soze

iebe? Leidenschaft? In diesen Zeiten? Wo wir vorsichtiger als je zuvor sind, damit wir uns nicht beim Date mit Covid-19 anstecken? Trotz Impfstart bleibt das virale Spukgespenst erst einmal für die kommenden Monate noch in unseren Köpfen. Ist da überhaupt Platz für Leidenschaft und Liebe? Und falls Ja, wissen wir nicht bereits alles über Lust und Leidenschaft, Liebe und Partnerglück? Das erste Mal sammeln die meisten schwulen Männer zwischen dem 16. und 17. Lebensjahr sexuelle Erfahrungen, die heutige Jugend, die sogenannte Generation Z, erlebt im Durchschnitt sogar rund ein Jahr früher das berühmte erste Mal als alle Generationen zuvor – und zwar mit rund 16 Jahren. Bedeutet dieses eine Jahr mehr auch einen Wissensvorsprung, wenn es um Liebe und Lust geht? Corona hat der sexuellen Wissbegierde sicherlich vielerorts Einhalt geboten. Doch was wir vielleicht kurzfristig als Einschränkung in unserem Leben erfahren, könnte sich dabei als Chance herausstellen, unser Liebesleben neu zu justieren und frei von Erwartungsdruck und der Schnelllebigkeit der Community voneinander zu lernen.

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Ist jetzt nicht die perfekte Zeit dafür, unsere eingefahrenen Praktiken zu überdenken, einen Moment innezuhalten und einfach zu schauen, ob wir wirklich zufrieden sind, wie unser Liebesleben aktuell abläuft – und ob es nicht vielleicht ein gutes Stück besser sein könnte? Die älteren Semester unter uns haben der heutigen Jugend meistens eine Langsamkeit voraus, die den Jungs heute oftmals fehlt. Klingt paradox, erleben viele junge Homosexuelle doch gerade heutzutage in den größeren Städten eine breitgefächerte Vielfalt an Angeboten und Möglichkeiten, um alle my

Arten von Sexualität ungezwungen erkunden zu können. Fehlt auch vielleicht an mancher Stelle noch das Fachwissen, hilft wenigstens im theoretischen Bereich gerne Tante Google aus. Nichts, was den Jungs noch wirklich fremd sein kann, oder muss. Und während sich beinahe alle von ihnen bis heute die große Liebe, die monogame Zweisamkeit erträumen, wird von ihnen irgendwie erwartet oder zumindest angenommen, dass sie alles schon einmal ausprobiert haben. Nichts ist mehr neu, nichts ist mehr speziell. Alles schon gesehen, vieles schon erlebt. Vielleicht klingt es tatsächlich nach der Geschichte alter schwuler Männer, doch es ist wohl trotzdem ein gutes Stück Wahrheit in folgender Aussage zu finden: Nur weil junge Männer heute alles machen können, bedeutet das nicht, dass sie auch wirklich bereits reif dafür sind. Ja, reif, dieses Wort aus Opas altem, vergilbten gelben Duden in der Bücherwand. Es sei ihnen allen natürlich vergönnt, all die schnellen Momentaufnahmen, die wilden Abenteuer, doch erleben jene, die sich dazu verleiten lassen, alles in einer solch immensen Geschwindigkeit, dass oftmals gar keine Zeit bleibt, einmal ernsthaft zu hinterfragen: Gefällt mir das gerade wirklich? Was empfinde ich tatsächlich dabei? Wie gut ist das alles in der Realität, abseits vorab gefestigter Vorstellungen? Für die Generation Z gilt im Spiegel der allgegenwärtigen Omnipräsenz ihres eigenen, hyper-gefakten Selbstbildnisses auf den Dating-Portalen und bei Instagram, stets für alles bereit zu sein. Kein Erlebnis ist zu krass, zu wyld, und niemand scheint da, der mutig einmal sagt: Jungs, darauf habe ich keine Lust. Dabei gibt es natürlich trotzdem jene, die sich dem Sog um Aufmerksamkeit in der Community entziehen – und nicht selten geschieht es dann, dass jene genau deswegen


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als altbacken, konservativ und spießig gedisst werden.

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Die heute etwas älteren Homosexuellen, also jene Männer, die irgendwo zwischen Baby Boomers, Generation X und Millenials sowie den „richtig Alten“, also allen jenseits der 30er-Todeszone aufgewachsen sind, haben ihre Sexualität und ihr Beziehungsleben in Etappen aus- und erleben dürfen, deren Abstände dabei voneinander deutlich größer waren. Vom ersten sexuellen Kontakt bis hin zum Ausleben spezieller Spielarten und Fetische dauerte es länger als ein Wochenende. Vielleicht mag manch einer dieser heutigen Herren die Jugend um ihre positiv lasterhafte Sexualität beneiden, doch wird dabei oftmals verkannt, dass Sexualität eigentlich immer ein Entwicklungsprozess ist und sie nur dann in vollen Zügen genossen werden kann, wenn man nicht unter dem vermeintlichen Druck steht, alles binnen kürzester Zeit erleben zu müssen. Natürlich können auch Jungs alles machen, wozu sie Lust haben – die Frage ist nur, haben sie wirklich Lust dazu? Selbstständig? Oder sollen sie eben Lust dazu haben, weil doch alle um sie herum und gerade in der Gay-Community irgendwie so offen drauf sind? Keiner macht ihnen doch etwas vor, bitte nur nicht schämen, kein Cringe please, Digga. Lust, Leidenschaft und eine tiefgehende Beziehung – passt alles in ein einziges Wochenende von Freitagabend bis Montagmorgen hinein. Und so haben die älteren Semester unter uns wohl tatsächlich einen gewissen Heimvorteil mit ihrer Lebensrealität, weil sie sich meist zwangsweise Schritt für Schritt an Erlebnisse und Abenteuer herantasten mussten. Nicht die Vernunft ließ sie langsam voranschreiten, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse – geschehen in einer Zeit vor dem Internet


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Wie also lässt sich nun das Erleben von Liebe und Leidenschaft in Zeiten von Covid-19 neu entdecken bei einer Gruppe schwuler Männer, die entweder schon vor dem zwanzigsten Lebensjahr gefühlt alles einmal erlebt haben oder eben zu jenen gehören, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sehr genau erforscht und festgelegt haben, was sie gut finden, und was nicht. Was will man neu entdecken, wenn die einen scheinbar alles wissen und die anderen scheinbar alles gemacht haben? Die Antwort ist beinahe simpel: Zurück zum Anfang. Und zwar gemeinsam. Das ist kein grundsätzlicher Apell für Spielarten wie Daddy-und-Boy-Fantasien, aber wer sich damit anfreunden kann, schafft vielleicht leichter den ersten Schritt hin zu einem neuen Entdecken der eigenen Leidenschaft. Was den einen an Erfahrung und vor allem an Reife fehlt, können die anderen kompensieren. Im Gegenzug dürfen sie von einer jugendlichen Entdeckerfreude und einem, wenn auch nur unterbewusst geäußerten Wissendurst profitieren, der die eingefahrenen Muster durchbricht und so den Raum für ein neues Entdecken ermöglicht. Das kann natürlich auch unter Gleichaltrigen jeden Alters funktionieren, insofern sich

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oder sogar noch weiter zurück in der Nachkriegsära vor und nach dem Mauerfall, als sexuelle Handlungen unter Homosexuellen teilweise noch strafbar waren oder nur heimlich in Klappen, dunklen Ecken und Saunen stattfinden konnten. Schwule, junge Männer damals wie heute waren und werden wohl verständlicherweise selten von Vernunft geleitet, wenn es um die Lebenslust und die sexuelle Begierde geht. Die älteren Herren waren nicht cleverer als die heutige Generation Z, sie hatten nur nicht das Überangebot an Möglichkeiten.


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nig wie den Humor, denn gelacht werden darf ebenso und zwar in jeder Situation. Wir haben die Freiheit, uns immer wieder von neuem zu entdecken – es wäre zu schade, wenn wir dieses Geschenk ungenutzt an uns vorbeiziehen lassen. Gerade jetzt in dieser ruhigen Phase in den ersten Monaten des neuen Jahres wäre die ideale Chance dazu. Etwas oft oder schon in jungen Jahren bereits gemacht zu haben, heißt nicht, es wirklich verstanden zu haben – und tatsächlich den größtmöglichen Lebensgewinn daraus erzielt zu haben. Dabei wollen wir doch eigentlich alle das Gleiche: Lust und Leidenschaft, Liebe und Miteinander als eine außergewöhnlich intime und intensive Erfahrung erleben zu dürfen.

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COPYRIGHT: COCKYBOYS

beide Partner erlauben, noch einmal die eigene Definition von Liebe, Beziehung und Sexualität im positiven Sinne in Frage zu stellen. Wir sind Alltagsstiere und genau dieser Prozess schreitet auch in unserem Liebesleben stetig voran – dabei lässt sich Alltag überall finden. Ob es nun das monogame Paar ist oder eben Männer, die ihr Leben promiskuitiv gestalten oder lieber kürzere Beziehungen hintereinander pflegen. Alltag bleibt Alltag. Nur mit Entdeckerlust und Zeit, die beinahe magische zweite Komponente, können wir unser Liebesleben auch als ( junge) alte Hasen in jedem Alter neu wiederbeleben, Körper neu erkunden, Denkmuster durchbrechen und dabei die Lust und die Liebe niemals vergessen. Ebenso we-

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Wenn man einen anderen Menschen liebt und ihn heiraten möchte, dann sollte man das können, ganz gleich, ob er oder sie dem gleichen Geschlecht angehört oder dem anderen. Zu jenen Zeiten, als Homosexuelle noch verheimlichen mussten, wer sie wirklich waren, gab es eine Form der Diskriminierung, die sehr schnell zu bröckeln begann, als sie sich nicht mehr versteckten und sich zu ihrer Homosexualität bekennen konnten. Es ist wichtig, gut zuhören zu können und nicht so sehr an der eigenen Sichtweise zu hängen, dass man den Verstand vor anderen Möglichkeiten verschließt. Ruth Bader Ginsberg (1933-2020) Richterin am Supreme Court USA


GESUNDHEIT

BRUSTKREBS BEI MÄNNERN – WARUM WIR DARÜBER NICHT REDEN Autor: Sebastian Ahlefeld

ännergesundheit ist weiterhin zu oft ein Tabuthema. Männer sprechen nicht darüber und die darüber reden, werden nicht selten als Weicheier bezeichnet. Bei den meisten schwulen Männern bedeutet Männergesundheit lediglich, mindestens vier Mal die Woche ins Fitnessstudio zu gehen und literweise Eiweißdrinks zu sich zu nehmen. Um den vermeintlich gesunden Body in Form zu halten, wird auf Alkohol und tierische Fette verzichtet. Dies sind zwar schon einmal gute Voraussetzungen, um viele Krankheiten wie auch Krebs vorzubeugen, aber da geht noch mehr: Wenn es um das Thema Krebsvorsorge geht, dann wird auch der stärkste Mann plötzlich kleinlaut, obwohl genau dies sehr wichtig wäre.

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«Mann» steht mitten im Leben, ist privat und beruflich gefestigt. Genau dann kommt der große Paukenschlag und alles kann plötzlich vorbei sein. Und das nur, weil „Mann“ nicht gelernt hat, auf seinen Körper zu hören. Weil Themen wie Krebsvorsorgeuntersuchungen bei Männern weiterhin stark tabuisiert werden. Dass die Männergesundheit und gerade die Krebsvorsorge bei Männern in Deutschland keinen öffentlichen Diskurs erleben, hat einmal mehr der 3. November 2020 gezeigt. Am Tag der Männergesundheit konnte «Mann» vergeblich auf

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eine ARD-Themenwoche zum Thema Krebsvorsorge warten. In allen Sendungen und Nachrichtenformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurde kein Wort zur Männergesundheit fallen gelassen. Obwohl an diesem Tag die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu diesem Thema aufgerufen hatte. Dabei gibt es hier viel zu reden. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gab es 2016 in Deutschland insgesamt 492.090 Krebserkrankungen, davon waren 258.520 Personen Männer. Für 2018 hat das RKI rund 230.000 Sterbefälle im Zusammenhang mit Krebs festgestellt, davon waren 124.810 Männer. Im Vergleich zu Frauen erkranken Männer öfters an Krebs und weisen bei einer Krebserkrankung auch eine höhere Mortalitätsrate auf. Wenn man bei Krebserkrankungen an Männer denkt, dann fallen einem oftmals nur Hoden- und Prostatakrebs ein. Aber auch Brustkrebs kann bei Männern vorkommen. Durchschnittlich sind zwei Prozent aller an Brustkrebs erkrankten Personen Männer. In Zahlen bedeutet das: 710 Männer sind im Jahr 2016 erkrankt (Insgesamt: 69.660 Menschen. Quelle RKI) und im Durchschnitt sind zwei Jahre später dann 195 Männer daran gestorben.


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Die Ursachen für eine Krebserkrankung können indes unterschiedlich sein: 5 bis 10 von 1.000 Krebserkrankungen entstehen aufgrund einer ererbten Veranlagung. Bekannt ist, dass Frauen besonders wachsam sein müssen, wenn es bereits Vorerkrankungen in der Familie gegeben hat. Aber trifft das eigentlich auch auf Männer zu? Und was sollte man sonst noch als Mann zum Thema Brustkrebs wissen? Das MyGay Magazine befragte dazu Prof. Dr. JensUwe Blohmer. Er ist seit 2014 Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Brustzentrum der Charité CCM in Berlin. Davor war Prof. Dr. Blohmer unter anderem Chefarzt der Frauenklinik Sankt Gertrauden Krankenhaus Berlin und Oberarzt an der Charité. Er veröffentlichte über 200 wissenschaftliche Publikationen, drei Lehrbücher und wirkte an 10 weiteren Büchern mit.

Herr Professor Dr. Blohmer, was ist Brustkrebs genau? Krebs ist eine Mutation der Zellen und bei Brustkrebs tritt diese Mutation in den Anfangsstadien in den Zellen der Milchgänge in den Milchdrüsen der Brustwarze auf. Auch Männer haben Milchdrüsen, daher können auch Männer Brustkrebs bekommen. Durch weitere Mutationen werden Eiweißbausteine verdaut und durch verschiedene Wege wandern diese mutierten Zellen in andere Körperregionen.

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Gibt es Voraussetzungen, die eine Brustkrebserkrankung begünstigen? Der Körper hat Reparaturenzyme, die normalerweise die Mutationen beheben. Sind diese Enzyme defekt, dann hat man die erste Voraussetzung, die eine Brustkrebserkrankung begünstigt. Die BRCAMutation ist eine solche Mutation, die sehr oft bei Brustkrebserkrankungen bei Männern auftritt. Dies ist eine angeborene Mutation. So wird bei Männern geschaut, ob diese BRCA-Mutation vorliegt. Weitere Risikofaktoren sind Übergewicht und viel Fettgewebe. Im Fettgewebe sind Aromatasen. Dies sind Enzyme, die aus dem Testosteron das weibliche Hormon Östrogen machen. Östrogene können zum Wachstum der Brustzellen führen. Nicht jeder

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adipöse Mann oder jede adipöse Frau bekommt Brustkrebs, da es noch weitere Faktoren braucht. Gibt es bestimmte Stereotypen, die für Brustkrebs empfänglicher sind? Wie ist es bei Männern, die einen muskulösen Körperbau haben? Der Brustmuskel spielt keine Rolle. Es spielt der Östrogenspiegel eine Rolle. Kraftsportler, die Anabolika nehmen, nehmen häufig zusätzlich ein Medikament, was in der Brustkrebsvorsorge als Präventionsmedikament genommen wird. In Deutschland ist dieses Medikament in dieser Indikation nicht zugelassen, aber in den USA. Es findet auch seinen Weg in die Bodybuilder-Szene in Deutschland. Gibt es eine Dunkelziffer, weil man den Brustkrebs nicht frühzeitig erkannt hat, sodass dieser dann im Körper unbemerkt Krebszellen streut? Kann man also zu einem sehr späten Zeitpunkt der Krebserkrankung die Quelle noch feststellen? Wenn die Person in einem so hohen Stadium ist, in dem der Krebs schon stark gestreut hat, kann man die Quelle nur schwer herausfinden. Wenn durch Metastasen Organe wie die Leber und die Lunge befallen sind, ist der Leidensdruck so hoch, dass man zum Arzt geht. Dort wird dann eine Biopsie gemacht und dadurch kann man die Quelle herausfinden. Leider kommen Männer oft in einem sehr fortgeschrittenen Stadium zum Arzt. Dies hat häufig mit dem fehlenden Bewusstsein über diese Erkrankung zu tun. Viele Männer haben eh ein schlechteres Körperbewusstsein und kaum das Bewusstsein für Vorsorge, wie es Frauen haben. Da beim Mann das Krebsgewebe näher am Brustmuskel liegt, wird dadurch der Krebs auch schneller durch die Lymphbahnen transportiert. Was dazu führt, dass der Krebs schneller streut, der Tumor größer ist und Metastasen häufiger in Lymphknoten zu finden sind als bei Frauen. Das Erkennen ganz früher Stadien ist beim Mann sehr selten. Man kann Brustkrebs daran erkennen, dass man einen Knoten unter der Haut tastet. Daher lieber einmal mehr zum Ultraschall gehen, als zu wenig. So ein Ultraschall tut nicht weh und ist nicht gefährlich. Auch eine Biopsie ist nichts Schlimmes.


Professor Dr. Blohmer

Welche Möglichkeiten haben Männer, um Brustkrebsvorsoge zu betreiben? Männer könnten regelmäßig zum Brustultraschall gehen (Mamma-Sonographie). Dies kann ich aber nicht empfehlen, da es keine Methode ist, die zu 100 Prozent den Brustkrebs erkennt. Dadurch würden wir viele falsch positive Diagnosen erheben und viele unnötige Biopsien veranlassen und auf der anderen Seite würden wir viele Befunde übersehen. Als Mann muss man auf sich achten. Dies ist beim Mann nicht schwer, da die Dicke der Brust so gering ist. Männer könnten Brustkrebs früher ertasten als Frauen. Ein weiteres Zeichen ist, wenn die Brustwarze sich einzieht und wenn aus der Brustwarze blutiges Sekret herauskommt. Wenn man die Arme hochnimmt und die Haut sich einzieht oder Rötungen an der Haut sind, dann kann es ebenso ein Zeichen für eine

Krebserkrankung sein. Durch Tasten und durch Schauen kann man die Warnzeichen erkennen. Gibt es bei der Behandlung des Brustkrebses einen Unterschied zwischen Mann und Frau? Es gibt Unterschiede. Der Brustkrebs wird mit Medikamenten behandelt. Es gibt unter anderem hormonelle Medikamente. Männer werden oft mit Tamoxifen behandelt. Ein ähnliches Medikament wird auch bei Prostatakrebs eingesetzt. Es hat wenig Nebenwirkungen für Männer. Es gibt auch Krebszellen, wo das Tamoxifen nicht hilft, weil sie resistent sind. Dazu gibt es ein weiteres Medikament, was von manchen Männern abgelehnt wird, weil es zum absoluten Libidoverlust führt. Die Chemotherapie und die Antikörpertherapie sind die gleichen wie bei Frauen. Bestrahlung ist genauso wirksam. Bei Männern wird in der Regel die gesamte Brustwarze und Brustdrüse abgenommen. Bei Männern wird zudem selten eine Rekonstruktion der Brust durchgeführt, weil man hier kein Brustvolumen aufbauen muss, wie es bei Frauen der Fall ist. In Deutschland ist es so, dass Frauenärzte den Brustkrebs behandeln. Männer sollten keine falsche Scham haben, wenn sie zum Frauenarzt gehen. Frauen sind da sehr aufgeschlossen, wenn ein Mann mit im Wartezimmer sitzt.

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Wenn in der Familie bei der Mutter oder der Großmutter Brustkrebs diagnostiziert wurde, sind nachkommende Generationen von Frauen sehr wachsam. Muss auch ich als Mann wachsam sein? Die Vererbung unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau. Wenn eine Frau einen vererblichen Brustkrebs hat, dann kann sie diesen auch an die Söhne vererben. Aber auch anders herum. Auch Töchter können Krebsmutation vom Vater vererbt bekommen.


M YGAY # 2 / G ESU N D H E I T / BRUSTK REBS BEI MÄNNERN – WA RUM W IR DA RÜBER NICHT RED EN

Plötzlich Diagnose Brustkrebs Weil kaum einer dies weiß, achtet „Mann“ noch weniger darauf. Kaum ein Mann, der eine leichte Veränderung in der rechten Brust bemerkt, hat den Gedanken an Brustkrebs. Zu oft wird es ignoriert und als nicht so wichtig genommen. So verlief es auch bei Christian aus Düsseldorf, der anfangs nur eine kleine Veränderung an seiner Brust bemerkte. Christian ist ein sportlicher Typ, Familienvater und arbeitete im Außendienst. Plötzlich war da ein kleiner Pickel unter seiner Haut, was ihn zuerst nicht sonderlich beunruhigt hat. Da er sowieso einen Termin beim Hautarzt hatte, um seine vielen Muttermale auf Hautkrebs untersuchen zu lassen, sprach er dort am Rande der Untersuchung auch den „Pickel“ an: „Der Arzt meinte, es könnte eine Verkapslung sein. Wir könnten es herausschneiden. Da es ein „schönheitsmedizinischer Eingriff“ sei, würde es 120 Euro kosten. Aus reiner Eitelkeit habe ich mich für den Eingriff entschieden. Was mein großes Glück war, weil es sich als eines von sechs Karzinomen herausstellte, die in meiner rechten Brust verteilt waren.“

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Auch sein Hautarzt hatte keinen Anfangsverdacht für eine Brustkrebserkrankung und daher musste man die Laborergebnisse abwarten. Drei Wochen später bekam Christian einen Brief seines Hautarztes, dass er sich bitte zur Laborauswertung melden soll. Christian rief an, da er sich gerade auf einer Dienstreise befand: „Die Sprechstundenhilfe sagte zu mir, dass ich sofort zur Befundbesprechung reinkommen soll. Da ich nicht in der Stadt war, wollte ich es am Telefon erfahren. Jedoch wollte der Arzt es mir persönlich sagen und somit habe ich keine weitere Auskunft erhalten.“ Am Abend alleine im Hotelzimmer erhielt Christian dann den Anruf des Arztes. Er bat darum, dass er am nächsten Tag sofort zu ihm in die Praxis kommen möge, da es sich um ein Mammakarzinom handelte. „Ich musste erst einmal fragen, was das überhaupt ist und der Arzt sagte, dass es Brustkrebs ist.“ Was Christian zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass es sich sogar um einen bösartigen Tumor handelte: „Mein erster Gedanke ging an meine Frau und wie ich es ihr sage. Das Schicksal hat uns zuvor schon eingeholt, da kurz davor bei dem Vater und der Schwester meiner Frau ebenfalls Krebs my

diagnostiziert worden war. Da ich mich erst einmal sortieren musste, bin ich erst zwei Tage später zum Arzt gefahren.“ Der Arzt wiederum überstellte Christian schnellstmöglich ins Krankenhaus. Eine Woche nach der Diagnose, im November 2018, wurde Christian schließlich operiert. Dabei wurden die Brustwarze und die Brustmuskelhaut entfernt. Eineinhalb Wochen lang lag er im Krankenhaus, danach ging es eine lange Zeit mit Physiotherapie weiter, um den Arm wieder bewegen zu können. Zudem folgten 28 Bestrahlungseinheiten, die sich auf sechs Monate verteilten. Sechs Monate, die er optimistisch sah, weil er vor allem für seine Familie kämpfen wollte. Nach so einem Leidensweg, der immer für Patienten und ihre Angehörigen auch eine emotionale Reise ist, ändern viele ihren Lebensstil und hinterfragen Alltägliches. Auch bei Christian haben sich einige Prioritäten verschoben: „Ich genieße heute an einigen Stellen etwas mehr und bewusster. Zum Beispiel die Zeit mit meinen Kindern. Da wird auch mal der Beruf ausgeschaltet und das Handy auf die Seite gelegt. Mein sonstiges Leben hat sich dadurch nicht geändert, weil ich mich auch davor bereits gesund ernährt habe.“


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GESUNDHEIT

SITZEN IST DAS NEUE RAUCHEN

Warum Home-Workout so wichtig in Corona-Zeiten ist! Autor: Sebastian Ahlefeld

ie jedes Jahr beginnt auch dieses mit den guten alten Vorsätzen. Weniger trinken, das Rauchen aufhören und vor allem mehr Sport. Der Weihnachtsbraten und die Butterstolle hängen in Form von kleinen Fettpölsterchen noch immer am Bauch und die Brust war auch schon mal fester. Dazu kommt, dass durch das anhaltende Homeoffice und die Quarantäne-Regeln der alltägliche Bewegungsablauf sich zudem stark reduziert hat. Die Sporthose wird daher nur noch angezogen, wenn man mit den Kollegen ein Zoom-Meeting hat. Dabei spielt Bewegung und insbesondere Sport eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit. Bewegung spielt sogar eine wichtige Rolle für unser Leben, da laut einer Studie, die im American College of Cardiology veröffentlicht wurde, die „Extremsitzer“ ein um 80 Prozent erhöhtes früheres Sterberisiko haben. Sitzen ist das neue Rauchen. Mit einer regelmäßigen Bewegung und einem angepassten Sportprogramm arbeitet man aktiv und präventiv gegen Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und es steigert auch noch das Immunsystem. Wem Sport zu anstrengend ist, der kann auch schon mit kleinen Aktivitäten Großes bewirken.

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Allein zweieinhalb Stunden aktives Spazierengehen pro Woche verringert bei Menschen das Diabetesrisiko um 30 Prozent. Bei Menschen, die bereits an Diabetes erkrankt sind, kann laut Studien der HbA1c-Wert my

um 0,5–0,7 Prozent gesenkt werden. Körperliche Aktivität befeuert einen insulinunabhängigen Mechanismus, mit dem die Körperzellen Glukose aus dem Blut besser aufnehmen können. Der Blutzuckerspiegel sinkt und die Insulinsensitivität steigt. Auch das Herz-Kreislauf-System lässt sich nachweislich durch regelmäßige Bewegung positiv beeinflussen. Schon fünf bis zehn Minuten langsames Joggen am Tag reduziert das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben um fast zwei Drittel. Das Optimum für die Herzgesundheit sind rund dreieinhalb Stunden moderater Sport pro Woche. Da die soziale und körperliche Distanz einen auf die Seele schlägt, ist Sport auch hier ein kleines Wundermittel. Sport erhöht die Konzentrationen von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin im Blut, die über die Aktivierung unseres Belohnungssystems die Stimmung verbessern und Stressgefühle vermindern. Körperliche Aktivität taugt so als äußerst effektives Mittel gegen Depressionen. Laut Studien reichen bereits 30 Minuten Joggen pro Woche aus, um einen ähnlich positiven Effekt zu bewirken wie bei der Einnahme eines Antidepressivums. Joggen alleine reicht vielen Sportbegeisterten allerdings nicht. Sie wollen Muskeln aufbauen, Fett verbrennen und einen straffen Körper haben. Was tun, wenn die Fitnessstudios aufgrund des Corona-Lockdowns zu sind? Home-Workout beziehungsweise On-Demand-


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Veto Barraza(links) Sebastian Ahlefeld(recths) Fotograf: Hector Navarro..


MYGAY #2 / GESUNDHEIT / SITZEN IST DAS NEUE RAUCHEN

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Kurse sind dabei die Zauberwörter. So bieten verschiedene Anbieter das Training auch für zu Hause an. Angefangen beim einfachen Workout ohne Hilfsmittel bis hin zu Hightech-Trainingsvarianten. Bei dem einfachen Workout für zu Hause sind bei den Übungen drei Komponenten entscheidend: Die eigene Körperkraft, das eigene Körpergewicht und der Luftwiderstand ersetzen die Gewichte. Wenn man dann noch einen guten Online-Trainer findet, kann man viele Muskelpartien gut ohne große weitere Hilfsmittel trainieren. Im Internet findet man sehr viele Fitness-Youtuber, die einen in 10 Minuten Speed-Fit oder in 30 Minuten Power-Workout zum Schwitzen bringen. Zu den angesagtesten YouTube-Trainern gehört Sascha Huber. Der Österreicher hat bei YouTube mittlerweile über eine Million Follower und bei Instagram über 300.000 Abonnenten. Pro Clip setzt er immer wieder bestimmte Schwerpunkte und motiviert einen nicht nur mit guten Motivationsreden, my

sondern spätestens ab der zweiten Trainingshälfte auch damit, dass er sein T-Shirt auszieht. Neben den einzelnen Fitness-YouTubern findet man auch von den Fitness-Ketten kostenlose Trainingsvideos. Alternativen gibt es auch über einige Universitäten, die eigene On-Demand-Kurse anbieten, wie zum Beispiel das Zentrum für Hochschulsport der Uni Potsdam. Zu empfehlen ist, dass man sich die Trainingsvideos vorher schnell durchschaut. Denn nicht jede Übung ist für die Wohnung geeignet. Hohe Sprünge könnten zum Problem mit den Nachbarn führen oder die Gläser im Schrank klirren lassen. Gleichzeitig kann man schauen, ob Werbung dazwischen geschaltet ist. Gerade bei den freien YouTuber-Videos kann Werbung in das Videos eingebaut sein, was im Training sehr nervig sein kann. Neben den zahlreichen kostenlosen Angeboten bieten fast alle Fitness-Ketten zahlungspflichtige Ho-


Für den ganz großen Geldbeutel gibt es zudem Angebote, die ein spezielles Trainingsgerät voraussetzen, wie zum Beispiel ein Speedbike. Hier zahlt man erst einmal 2.000 Euro bis 3.000 Euro für das Hightech-Bike und zusätzlich eine monatliche Mitgliedschaft, um die professionellen Angebote nutzen zu können. Für die „sportbewussten“ Gamer gibt es übrigens ebenfalls tolle Möglichkeiten. Hierbei ist die Nintendo Switch mit verschiedenen Angeboten sehr gut dabei. Aber auch die Wii und die PS4 (PS4 VR) bringen den letzten Couchpotato zum Schwitzen. Für die guten Vorsätze 2021 kann man bei vielen Sachen gute Ausreden finden, um jene nicht einhalten zu müssen. Was die Fitness angeht, gibt es allerdings keine Ausrede. Es gibt viele Möglichkeiten und Angebote, um sich fit zu halten. Man muss nur erst einfach einmal anfangen und kann dann deutlich fitter in den Sommer 2021 starten. my

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me-Workouts an. Wer schon in einem Fitnessstudio angemeldet ist und gerade durch den Lockdown dieses nicht besuchen kann, der hat oft die Möglichkeit, das Online-Angebot kostenlos zu nutzen. Hier kann man dann an zahlreichen Live-Kursen teilnehmen, wobei es hier oft auch Unterschiede gibt. Bei einigen ist die Anzahl der Teilnehmer begrenzt, bei anderen braucht man bestimmte technische Voraussetzungen, um teilzunehmen. Gerade für kleine Gruppenkurse und Kurse mit einem Personal-Trainer muss eine Webkamera vorhanden sein. Vorteil ist, dass der Trainer Übungsfehler sofort sieht und korrigierend eingreifen kann. Bei einigen Angeboten reicht auch ein Smartphone oder noch besser ein Smart-TV, wo man die App herunterladen kann und gegen eine monatliche Gebühr verschiedene Angebote der Fitnessketten nutzen darf.


WIRTSCHAFT

DIE PLEITEWELLE IN DER LGBTQ-COMMUNITY Was kann ich tun, wenn ich jetzt meinen Job verliere? Autor: Sebastian Ahlefeld

as ifo-Institut rechnet mit einer Arbeitslosenquote in Deutschland von circa sechs Prozent für die ersten Monate des Jahres 2021. Eine Prognose, die sich im Laufe des Jahres durchaus noch steigern könnte. Für einige Regionen wie beispielsweise Berlin erwarten Experten eine Arbeitslosenquote von über 12 Prozent. 2021 ist also ein Jahr, in dem wir zwar langsam aufatmen können, weil es durch den Impfstoff einen Lichtblick hin zu einer Normalität gibt. Aber in diesem und im kommenden Jahr werden wir wohl auch mit den wirtschaftlichen Folgen der politischen Entscheidungen während der Corona-Pandemie kämpfen müssen. Hier wird es sich zeigen, ob die angekündigten Wirtschaftshilfen der Bundesregierung und der Länder bei den Unternehmen wirklich so angekommen sind, dass diese überleben können. Trotzdem wird Deutschland wahrscheinlich mit vier bis fünf Prozent Wirtschaftswachstum rechnen können – ein Grund zum Feiern ist das allerdings noch nicht in Anbetracht von zahlreicher Shutdowns und einem beinahe einjährigen Gewerbeverbot für viele Branchen wie beispielsweise der Kultursektor. 2020 ist das erste Jahr nach dem zweiten Weltkrieg mit einem negativen Wirtschaftswachstum.

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Was die Politik nicht gerne sagt

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Nun steuern wir auf die nächsten Wellen zu. Auf eine Pleitewelle und eine Arbeitslosenwelle. Eigentlich

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surfen wir schon längst auf diesen Wellen, nur sind diese aktuell noch klein und durch politische Tricks kaum zu spüren. Klarer äußern sich dazu Finanzunternehmen oder Kreditversicherer wie zum Beispiel Euler Hermes: Die Firma hat schon im Herbst 2020 global ein Plus bei den Pleiten in Höhe von 35 Prozent prognostiziert. Für Deutschland rechnen die Volkswirte der Allianz-Tochter für 2020 und 2021 insgesamt mit mindestens zwölf Prozent mehr Konkursen als noch 2019. In konkreten Zahlen sollen die Pleiten hierzulande in diesem Jahr dann auf etwa 24.000 Fälle (2020: 16.400 Fälle) hochschnellen. Auch hier wird es regionale Unterschiede geben. Berlin ist heute schon auf Platz zwei der meisten Insolvenzen und wird wohl den Rekord von 20 Prozent erreichen. Dabei wird es vor allem Branchen betreffen, in denen viele Menschen aus der LGBTQ Community arbeiten: Hotel und Gastronomie, Einzelhandelund Dienstleistungsgewerbe sowie die Kultur- und Eventbranche mit ihren Clubs und Tanzlokalen. Der massive Anstieg von Insolvenzen gerade in der Hauptstadt ist der Tatsache geschuldet, dass Berlin seine wirtschaftlichen Säulen auf Branchen aufgebaut hat, die seit Beginn der Corona-Pandemie die Leidtragenden sind. Berlin lebt unter anderem stark von Tourismus, der Kreativ- und Kulturwirtschaft sowie der Messe- und Kongresswirtschaft und hat kaum Großindustrie.


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Deutschland liegt im Vergleich zu einigen wichtigen Wirtschaftspartnern relativ gut da: Brasilien (plus 32 Prozent) und China (plus 21 Prozent) müssen mit dem Ruin zahlreicher Unternehmen rechnen. In Europa rutschen in Portugal (plus 30 Prozent), den Niederlanden (plus 29 Prozent), Spanien (plus 20 Prozent) und Italien (plus 18 Prozent) besonders viele Firmen in die Zahlungsunfähigkeit. Deren wirtschaftliches Abschneiden hat aber auch große Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und damit auf viele Arbeitsplätze.

trotz der finanziellen Hilfen und der Aufnahme von Krediten ein Teil des Personals entlassen, um überleben zu können. Somit müssen sich Arbeitnehmer aber auch ehemalige Arbeitgeber auf eine harte Zeit einrichten. Von Seiten der Politik ist in den meisten Fällen gerade für Menschen aus der Kreativwirtschaft bis heute wenig zu erwarten – abseits von netten Solidaritätsbekundungen. Vielleicht einfach noch einmal eine Runde Klatschen am Balkon für alle? Was können LGBTQs jetzt tun?

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Da die Bundesregierung mit einem gesetzlichen Taschenspielertrick die Insolvenzen von 2020 nach 2021 übertragen hat, wird 2021 ein Jahr der finanziellen Schicksale. Mit dem Gesetz zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts haben CDU/ CSU und SPD dafür gesorgt, dass der Januar 2021 ausgesetzt wird und damit erst ab Februar Insolvenzen angemeldet werden müssen. Dies beruht auf der Hoffnung, dass die gebeutelten Unternehmen mithilfe der finanziellen Unterstützungen über die Runden kommen werden. Mit der Verlängerung des Runterfahrens der Wirtschaft und der Tatsache, dass bei vielen Unternehmen die beschlossenen Hilfen sehr schleppend oder gar nicht ankommen, wird es wohl ab Februar die erste große KonkursWelle geben und kurz darauf folgt automatisch ein massiver Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Die Unternehmen, die weiterhin überleben, sind zurückhaltend. Zurückhaltend in der Neueinstellung von Mitarbeitern und mit der Ausschüttung wichtiger Investitionen. Zudem müssen viele Unternehmen

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Viele Menschen, die seit Beginn der Pandemie ein Berufsverbot auferlegt bekommen haben, haben es schon vorgemacht. Sie haben nach Alternativen gesucht. Die Drag-Künstlerin und DJ Fixie Fate beispielsweise darf seit fast einem Jahr nicht mehr am DJ-Pult stehen und arbeitet stattdessen im Versand bei Juwelo-TV. Drag-Ikone Gloria Viagra zeigt seit über 20 Jahren ihre Schokoladenseite auf den Bühnen der Welt, aber nun verkauft sie Schokolade bei Lindt. Alternativen, die zwar nicht das Gelbe vom Ei sind, aber einen über die Runden helfen. In Zeiten wie diesen muss man über seinen eigenen Schatten springen und Angebote annehmen, die erst einmal nicht glücklich machen, aber die Miete zahlen. Eine Alternative ist zum Beispiel auch, sich bei einer Zeitarbeiterfirma anzumelden. Jurgen Daenens ist Geschäftsführer bei der Brillant Management und Beteiligungs GmbH. Als Leiharbeiterfirma vermitteln sie 3500 Personen an verschiedenste Firmen.


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M YGAY # 2 / W I RT SC H AFT / DI E PL EI TEWEL L E I N DER LGBTQ-COMMUNITY

Jurgen, für wen macht eine Zeitarbeiterfirma Sinn? In der Zeitarbeit oder auch Leiharbeit gibt es Berufe wie Software-Entwickler oder Ingenieure. Aber natürlich auch viele ungelernte Berufe wie die Arbeit in einem Warenlager. Als Arbeitnehmer eine Zeitarbeiterfirma anzusprechen, ist nicht so verkehrt, gerade wenn ich in der aktuellen Situation meinen Beruf nicht ausüben kann und flexibel sein will. Es ist aber auch interessant, wenn ich mich beruflich umorientieren möchte. Wie schätzt du den Arbeitsmarkt für 2021 ein? Es wird schwierig und wir merken, dass viele Unternehmen sich Gedanken darüber machen, ob sie weiterhin so viel Personal brauchen, um die Arbeit zu erledigen. Sie merken, dass sehr viel Verwaltung überflüssig ist und gerade bei den Themen Digitalisierung und flexible Arbeitnehmer haben wir einen veränderten Arbeitsmarkt. Man muss als Unternehmer flexibler werden. Wie schätzt du die Situation in Berlin ein, wo wir mit einer starken Kreativ- und Kulturwirtschaft eine besondere Situation haben? Auch in meinem Freundeskreis habe ich viele Betroffene und da muss man sich fragen, ob das, was man gerade macht, auch zukunftsweisend ist. Einige Branchen werden 2021 noch nicht so schnell wieder auf die Beine kommen. Da sollte man sich selber fragen, was kann ich alles und welche Talente habe ich noch.

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Wie groß ist aktuell die Chance, in fachfremde Berufe zu kommen, wenn ich viele Jahre in meinem Beruf zum Beispiel als Künstler gearbeitet habe? Wir haben gerade viele gut ausgebildete Leute auf dem Arbeitsmarkt, die auch gerne arbeiten wollen. Wenn man arbeiten will, dann findet man was, auch wenn man über den eigenen Schatten springen muss.

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Wozu muss ein Arbeitnehmer bereit sein, um in dieser schweren Zeit wieder in Arbeit zu kommen? Wie flexibel bin ich? Man muss als Arbeitnehmer den Arbeitgeber verstehen und sehen, dass in der aktuellen Zeit vieles nicht geht, wie man sich das als Arbeitnehmer vorstellt. Man braucht viel Geduld mit seinem Arbeitgeber. Ich erwarte viele Insolvenzen und viele Arbeitnehmer wollen flexibler werden. Dies sehen wir als Zeitarbeiterfirma sehr stark. Man sollte jetzt suchen, denn je mehr es in das Jahr geht, umso schwieriger wird es, um in Arbeit zu kommen.


Es ist nicht schlimm, wenn man in Corona-Zeiten seine Arbeit verliert. Man braucht sich nicht schämen. Ich würde mich bei der Arbeitsagentur listen und in die Datenbank aufnehmen lassen. Wir als Zeitarbeiterfirma suchen auch über das Portal der Arbeitsagentur, schalten aber auch in den klassischen Portalen wie StepStone und Monster. Es ist immer wichtig, dass eine gute Bewerbung verschickt wird. Zudem ist auch wichtig, dass man

nicht zu oft nachfragt. Oft hat es einen Grund, warum man keine Rückmeldung bekommt. Leider ist es oft eine Absage. Auch wenn es wünschenswert ist, dass ein Unternehmen auch Absagen verschickt, ist es leider nicht immer so. Aber vorschnell zu drängen, bringt in der Regel nichts.

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Wenn ich jetzt meinen Job verliere, wie gehe ich damit um?


WIRTSCHAFT

WER BRAUCHT SCHON NOCH DIE LGBTQ-KULTUR? Autor: Michael Soze

er Ausspruch, „Ist das Kultur oder kann das weg“, ist in Deutschland in den letzten Jahren zu einem satirischen festen Begriff geworden. Doch inzwischen hat sich der Satz inhaltlich selbst ad acta gelegt. Aktuell müsste es nun lauten: Ist das Kultur? Dann kann es ja weg.

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Das Jahr 2020 hat leichtfertig einmal mehr gezeigt, dass das Leben der LGBTQ-Community und ihrer einzigartigen Kultur für viele Politiker und Entscheidungsträger ein nettes Add-On ist, etwas, das wie Deko-Schmuck an den Säulen der Demokratie hängt und glitzert, um Weltoffenheit auszustrahlen und zu demonstrieren, ohne dabei wirklich die Substanz jener Säulen zu stärken. Man kann scheinbar leichtfüßig und problemlos darauf verzichten, wenn es um die Bekämpfung einer Pandemie geht – in Deutschland genauso wie in Europa. Es ist medial zuckersüß, wie immer wieder gerade auch von Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine Hilfe auch für diese Community ausgelobt wird, die dann doch nicht kommt oder viel zu spät. Eine bürokratische Hürde nach der anderen lässt weite Teile der Szene hilflos zurück. Eine, die davon ein Liedchen singen kann, ist die berühmte deutsche Drag-Queen und politische Aktivistin Gloria Viagra. Auch ihr brachen alle Auftritte weg und seit Anbeginn der Pandemie arbeitet sie jetzt als Schokoladenverkäufer für einen großen Süßwarenhersteller: „Seitdem es Corona gibt, bin ich stillgelegt wie eigentlich die ganze Kultur. Corona ist eine weltweite Pandemie und da gibt es auch keinen Zweifel daran. Aber mit welcher Selbstverständlichkeit Kultur stillgelegt wird und immer an erster Stelle steht, wenn es um Schließungen geht, das müssen wir endlich in Frage stellen. Kultur ist eines der wesentlichen Pfeiler von

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gesellschaftlichem Zusammenleben und Demokratie! Kultur kann nicht einfach abgeschaltet werden. Und gerade die ganzen Bars und Treffpunkte sind für die LGBTQ-Community so wichtig und gehören zum Leben dazu. Für uns ist es ein unverzichtbarer Teil, sich mit seiner Wahlfamilie in unseren Schutzräumen zu treffen. Und das erschreckt mich immer wieder, wie selbstverständlich das platt gemacht wird – auch wieder in der zweiten Welle, obwohl alle Betreiber massiv in Hygienekonzepte finanziert hatten. Da frage ich mich, was hat die Politik den letzten Sommer über eigentlich gemacht? Warum wurden keine Konzepte für die zweite Welle erarbeitet, obwohl doch klar war, dass sie kommen wird. Kultur ist so wichtig für die Gesellschaft und gerade für die LGBTQ Community braucht es diese Schutzräume! Je länger diese Einschränkungen andauern, desto schwieriger wird es danach werden. Niemand kann sagen, wer überlebt – es werden so viele queere Orte nicht mehr existieren. Wir brauchen ein starkes Augenmerk auf die queere Community, gerade jetzt, wo die Zeiten wieder hasserfüllter werden.“ Ein wunderbarer Gedanke – doch was bleibt im Jahr 2021 davon übrig, spätestens dann, wenn der Großteil der Bevölkerung in diesem Jahr nach und nach gegen Corona geimpft sein wird? Denn bereits während der Krise im Sommer 2020, als beinahe alle großen Festivals und Pride-Paraden abgesagt wurden, zeigte sich, dass ein solcher bis heute einmaliger Vorgang auch innerhalb der Community nur teilweise auf ein solidarisches Denken traf. Immer wieder kochte bereits damals und nun im neuen Jahr erneut die Frage hoch: „Wer braucht schon die Community? Alles doch nur noch Kommerz und Sexpartys. Gut, wenn der Blödsinn endlich mal ein Ende hat!“


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Wer als schwuler Mann oder generell Teil einer nichtheterosexuellen Community so spricht, verkennt nicht nur die Wichtigkeit der Vielfalt unserer Community, er hat schlicht und ergreifend auch keine Ahnung davon, wie es in der Realität um die Szene bestellt ist – und welche enorme Wichtigkeit sie bis heute hat. Und er untergräbt zudem die Bemühungen, auch in der Politik Menschen davon zu überzeugen, dass Kultur und auch zahlreiche LGBTQ-Angebote mehr sind als ein „Nice-to-have“. Wir haben es zuletzt über die Feiertage an Weihnachten gesehen, als die absolut sinnvollen Beschränkungen im Lockdown bezüglich von Treffen im engsten Familienkreis ausgegeben worden sind. Was abermals komplett vergessen wurde, war die Frage: Was passiert mit den Wahlfamilien, in denen viele LGBTQ-Menschen fernab ihrer ursprünglichen Familie leben? Es gab keine Konzepte, wie sich hier Menschen trotz der Pandemie hätten sehen dürfen. my

Doch zurück zur Kritik selbst, betrachten wir uns diese dann doch einmal genauer – Stichwort Kommerz in der Community. Stimmt es, dass die einstmals großen Clubbetreiber Unsummen an Geld verdienten? Wer das denkt, sollte sich dringend einmal die Zeit nehmen, mit den Betreibern solcher Events persönlich zu reden, insofern sie nicht inzwischen allesamt Insolvenz angemeldet haben – sein Weltbild hat nämlich mit der Realität nichts zu tun. Viele Clubs, Szeneläden und Lokalitäten agierten bereits seit Jahren am Rande der Wirtschaftlichkeit und trugen sich in mageren Monaten oftmals sogar nur mit privatem Geld weiter. In den meisten Fällen sind solche Events Plus-Minus-Null-Geschäfte. Wenn es wirklich gut läuft, steht am Ende ein kleiner Gewinn. Dann muss aber alles funktioniert haben – das Haus muss voll gewesen sein, das Wetter passend und die Musik richtig geflasht haben. Trotzdem fallen immense Kosten an: Miete, Mitarbeiter, Auflagen


Veit Georg Schmidt

Ähnlich sieht es zum Beispiel auch im LGBTQKulturbereich aus, nehmen wir exemplarisch einmal die Buchläden in der LGBTQ-Community:

Genau drei davon haben bis heute in Berlin, Wien und Stuttgart überlebt und kämpfen seit Covid-19 noch verstärkter gegen den eigenen Untergang, obwohl paradoxerweise die Vielfältigkeit unserer Kultur stetig anstieg. Veit Georg Schmidt von der Buchhandlung Löwenherz aus Wien dazu: „Kultur lebt in Widersprüchen, auch ihre Schwierigkeiten sind nie eindeutig. Wir erleben als Buchhändler seit Jahren eine Blüte ungekannter Schönheit und Vielfalt der lesbischen und schwulen Literatur; zugleich verschärft sich die Situation, eine unabhängige Buchhandlung zu betreiben von Jahr zu Jahr. Dies betrifft die wirtschaftlichen Aspekte direkt, aber als nicht-heteronormatives Unternehmen vor allem auch auf einem indirekten Weg: Wir erleben, wie sich Teile des Mainstreams einzelne unserer Themen aneignen und uns dann mit angepasster Normalkost überschwemmen. Wie grenzen wir uns also von der heterosexuellen Normalwelt ab? Und weil die my

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der jeweiligen Städte und Locations, Gebühren für mögliche Rechte und so weiter – reich wird davon kein Clubbetreiber mehr. Die wilden Zeiten, für die gerade Berlin früher so berühmt war, mussten sich auch der Bürokratie unterordnen. Es ist egal, ob man einen Club, einen Laden, ein Café oder einen Verlag für Magazine, Bücher oder Filme für die LGBTQCommunity betreibt – fast immer geschieht dies, so verklärt romantisch es vielleicht klingen mag, aus einer persönlichen Motivation heraus. Dahinter steckt meistens auch der Wille, der eigenen Community etwas zurückzugeben, sie zu stärken und die Vielfältigkeit einer eigenen Subkultur zu bereichern. Wer finanziell reich werden will, engagiert sich nicht in der schwul-lesbischen Community.


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Kulturbudgets fest in heterosexueller Hand sind, wird die wichtigste Frage infolge der aktuellen Krise sein: Wie bleiben wir das, was wir sein wollen, und werden nicht das, was wir sein sollen?“

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Wird die aktuelle Krise also insgeheim auch noch dazu genutzt, alles Unangepasste in der LGBTQ-Welt leise und still zu entsorgen? Und wenn es so ist, warum verhalten sich weite Teile der Community so brav und ruhig? Ein wesentlicher Aspekt für diese Stille innerhalb unserer Szene ist wohl der Punkt, dass sich immer weniger homosexuelle Menschen überhaupt noch mit der eigenen Kultur identifizieren. Schwule Treffpunkte werden nur noch von rund fünf Prozent der Schwulen regelmäßig besucht (Studie: Deutsche Aidshilfe), Cafés, Bars (14 Prozent) und Clubs (7 Prozent) haben ebenso einen Besucherschwund an regelmäßigen Gästen zu verbuchen. Insgeheim mag ein Teil der schwulen Männer vielleicht sogar ganz dankbar darüber sein, dass die Szene in my

der Pandemie immer mehr ausgedünnt wird – Stichwort Sexpartys. Die Imagekiller für all jene, die darin nur einen Gesichtsverlust für die Community erkennen. Das Ausleben der eigenen Sexualität, die Freiheit dieser Entscheidung war und ist eines der Grundpfeiler jeder Bewegung innerhalb der Community hin zu gleichen Rechten und zu echter Akzeptanz in einer Gesellschaft. Sexualität hat nichts Verwerfliches, nichts Negatives an sich. Dabei spielt es keine Rolle, ob man persönlich etwas damit anfangen kann oder nicht – es sollte in der freien Entscheidung jedes Einzelnen liegen, wie er sein Leben gestaltet – und gerade innerhalb der Community sollten wir mit viel mehr Respekt miteinander umgehen, auch wenn die Lebensweise des anderen nicht der eigenen entspricht. Ich kann keine Gleichberechtigung und Akzeptanz für mein Leben einfordern, wenn ich andere Menschen mit anderen Lebensmodellen herabsetze. Und noch einmal zur Klarstellung: In sehr vielen Fällen waren es


Bleibt die Sache mit der Szene selbst: Die, die der Szene schon immer fern geblieben sind, sehen auch jetzt keinen Verlust darin, wenn immer mehr Bars, Clubs und queere Lokalitäten für immer schließen müssen. Sie verkennen dabei, dass die Szene auch dann für sie da war und ist, auch wenn sie sie selbst nicht persönlich genutzt haben oder nutzen. Wie bereits erwähnt, ist die Motivation der allermeisten Betreiber eine hochpolitische und persönliche: All diese Treffpunkte zeigen Flagge für die Community.

Sie präsentieren das Bild einer LGBTQ-Gemeinschaft, die gerade in den letzten Jahren wieder massiv erneut unter Druck stand und steht. Wir wissen von dem Rollback der Rechte für homosexuelle Menschen. In immer mehr Teilen Europas (und der restlichen Welt wie beispielsweise Brasilien) wird wieder massiv versucht, hart erkämpfte Rechte zu beschneiden oder gar ganz abzuschaffen. Wir dürfen nicht so naiv sein zu glauben, dass alles Erreichte per se für immer einfach so Bestand haben wird. Es bedarf Standhaftigkeit, kritischer Aufmerksamkeit und eben auch Sichtbarkeit im Lebensalltag aller Menschen, damit Lebensmodelle aus dem LGBTQ-Bereich als gleichwertig und weiterhin dazu gehörig verstanden werden. Hier leisten all die verbliebenen Bars, Clubs, Kulturveranstaltungen und Events aus der Community einen enormen Dienst – für uns alle! Wer also einmal mehr leichtfertig das Wegfallen my

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genau jene sexuell aktiven Männer und Frauen, die aufbegehrten und sich für mehr Gleichberechtigung für die Community einsetzten. Der brave, angepasste Homosexuelle stand die erste Zeit eher selten auf der Straße und forderte Akzeptanz ein. Er hatte ja zu viel an Reputation zu verlieren. Und genau jene sexuellen Rebellen sind aktuell wieder am stärksten präsent, wenn es um den Erhalt der Schutzräume und Treffpunkte für die LGBTQ-Community geht.


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vieler Treffpunkte für schwule Männer mit einem Achselzucken kommentiert, weil es augenscheinlich nichts mit ihm persönlich zu tun hätte, ist an Einfältigkeit kaum mehr zu überbieten. Zudem sind all diese Orte auch ein unverzichtbarer Gesellschaftskitt, ein Fels in der Brandung für alle von uns. Was wird das für ein Land sein, in dem Ende 2021 die meisten Menschen wahrscheinlich geimpft sein werden und dann aber im LGBTQ-Bereich vor verschlossenen Türen stehen? Und was bedeutet es für Homosexuelle – egal ob alt oder jung -, die allein zu Hause bleiben, weil ihre Treffpunkte dauerhaft geschlossen werden mussten? Glauben wir wirklich, Dating-Apps können die Lücke allein füllen? Glauben wir, neue Treffpunkte innerhalb der Community lassen sich alle so leicht wieder reaktivieren wie ein staatlich subventioniertes Theater, das einfach wieder seine Türen aufsperrt und weitermacht?

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Unsere Community und unsere Kultur sind vielfältig gewachsen und bunt, wie nicht nur die Regenbogenflagge oder der vielleicht etwas

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sperrige, stets gerne in Erweiterung existierende Begriff „LGBTQ“ verdeutlichen. Unsere Community lebt nicht von den wenigen Großveranstaltungen im Jahr, sondern das Herz und die Seele unserer Gemeinschaft pulsiert bei und auf den vielen kleinen Kulturevents und Szenetreffpunkten. Unsere queere Kultur in all ihrer Vielfalt ist nicht nur systemrelevant, sie ist überlebenswichtig für uns alle. Ihre Sichtbarkeit ist eines der Eckpfeiler gegen homophobe Strömungen, die wir in diesen Tagen verstärkt in mehreren europäischen Ländern erleben. Erst Ende letzten Jahres haben wir wieder mitansehen müssen, wie einmal mehr LGBTQ-Menschenrechte in der EU für einen gelungenen Haushaltsabschluss über Bord geworfen worden sind: Polen und Ungarn dürfen weiterhin Schwule und Lesben, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, der Menschenwürde berauben. Wie viel mehr werden wir einstecken müssen, wenn die LGBTQ-Kultur immer mehr verschwindet und unsere Community damit immer unsichtbarer wird?


Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber sich nicht vergegenwärtigen konnten, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns selbst (...) Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tßr umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Roger Willemsen (1955-2016) Publizist und Autor


WIRTSCHAFT

DIE NEUE QUEERE VIELFALT AN DER NEW YORKER BÖRSE EIN MEILENSTEIN FÜR DIE GLEICHBERECHTIGUNG Ein Gastbeitrag von Gerd Jooß

nfang Dezember 2020 kam ein unerwarteter Paukenschlag aus dem Machtzentrum der Finanzwelt, der Tausend an der Nasdaq gelisteten Unternehmen 2021 unter unerwarteten Handlungsdruck setzt.

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Die Nasdaq, einer der Gatekeeper der Wall Street, formulierte eine klare Ansage an das Corporate America. Die neuen Quotierungsregeln besagen, dass den Aufsichtsräten der an der Nasdaq notierten Unternehmen mindestens eine Frau und mindestens ein Vertreter ethnischer Herkunft wie African American, Hispanic, Native American, LGBTQ oder aber ein Angehöriger einer anderen unterrepräsentierten Minderheit angehören müssen. Firmen, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, müssen dies erläutern und schriftlich darlegen, warum sie diesen Anforderungen nicht entsprechen können oder wollen. Für die Umsetzung gibt es eine Übergangsfrist von einem Jahr und es bedarf noch der Zustimmung der U.S. Securities and Exchange Comission, was 2021 nur eine Pro-formaAngelegenheit sein dürfte.

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Diese neue Regelung ist ein Meilenstein in der Entwicklung von Corporate Governance, der eine jahrzehntelange weltweite Diskussion zum Thema my

Diversity voranbringt und die jetzt vor der höchsten Ebene von Kontrollorganen, dem Aufsichtsrat, nicht haltmacht, um Gender- und ethnische Diversity durchzusetzen. Wenn die Nasdaq Vorreiter bei dieser Thematik ist, können sich auch die Börsen in London und Frankfurt dem in Zukunft nicht verweigern. Zur Erinnerung: Die Initiative Frauen in Aufsichtsräte und deren spätere Quotierung waren der zwangsweise Türöffner, vor allem in der so konservativen „Deutschland AG“, wo weiße Männer, heterosexuell und 60+ sich gegenseitig, zumeist aus Freundschaft und Verbundenheit, die teils lukrativen Posten zugeschoben haben. Dieser „Old Boys Club“ hatte und hat bis heute keinerlei Interesse, diese Netzwerke aufbrechen zu lassen, geschweige denn, sich gar durch Quotierungen eine auch nur ansatzweise Annäherung an das Thema Diversity vorschreiben zu lassen. Diversity umfasst jedoch viel mehr, als nur Frauen den Weg zu ebnen, auch wenn Quotierungen immer noch heiß diskutiert werden, wie im Stern Nr. 49 in 12/2020 deutlich wird. Entscheidet die Quote oder die professionelle Eignung? Nordische Länder haben erfolgreich gezeigt, dass Quotierungen einen Anschub geben, Diskriminierung zu


Diversity wurde und wird leider auch heutzutage immer noch als reines Frauenthema verstanden. Dabei besagt Diversity: Vielfalt. Diese Vielfalt hat handfeste ökonomische Gründe. Vielfalt hilft, den Fachkräftemangel auszugleichen. Vielfalt erschließt neue Zielgruppen und Märkte. Gemischte Teams bringen bessere Lösungen und innovativere Produkte. Wenn sich Organisationen entscheiden, Vielfalt zuzulassen und zu stärken, sei es nun auf Druck oder

Keiner dieser Aspekte darf ausgeblendet oder diskriminiert werden. Jahrhundertelang wurden bewusst oder unbewusst Personen beziehungsweise ganze Gruppen kategorisiert und diskriminiert. Einigen wird daraus resultierend oft mehr oder weniger Leistung zugetraut. Die neue Verordnung der Nasdaq setzt hier einen konkreten Punkt und reagiert damit auch auf die immer noch mangelnde Repräsentation der African Americans und Hispanics,

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Die neue Sichtbarkeit von LGBTQs auch in der Welt der Wirtschaft

freiwillig, geht es hier sehr wohl um die gesamten Facetten einer Person, es geht um Alter, Geschlecht, sexuelle Identität und geschlechtliche Orientierung, Religion und Weltanschauung, Behinderung sowie ethnische Herkunft und Nationalität.

beseitigen, diverse Sichtbarkeit zu schaffen und die Vielschichtigkeit heutiger Gesellschaften abzubilden.


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aber eben auch der sexuellen Orientierung und Identität. Dies ist mitnichten ein Blick unter die Bettdecke oder eine Verletzung der Privatsphäre. Selbstverpflichtungen von Unternehmen reichen hier nicht mehr aus, wie am Beispiel der Frauenquote deutlich zu sehen ist. Der Quotierungsansatz bei DaxUnternehmen für Vorstände ist daher der richtige Schritt nach der Quotierung von Aufsichtsräten bei dort gelisteten Unternehmen. Über Jahrzehnte hat eine kleine, aber rasch anwachsende Bewegung Unternehmen in den USA aufgefordert, Disbalancen im Board Room zu korrigieren. Untermauert wurde dies auch hier durch Untersuchungen, die deutlich machten, dass Diverse Leadership bessere Corporate Governance Praxis, wie auch schlichtweg bessere finanzielle Resultate zur Folge hatte. Unternehmen mit einer hohen Diversity in Aufsichtsräten bringen im Schnitt eine 28 Prozent höhere Performance. (McKinsey Mai 2020) Die Nasdaq ist nicht das einzige Schwergewicht an der Wall Street, das jetzt forciert dieses Thema in Angriff nimmt. Der in Chicago ansässige Fonds Ariel, der 13,3 Milliarden Assets anlegt und investiert, hat 45 Unternehmen, in die er investiert hat, zu diversen Aufsichtsräten bewegt. Einige der größten Investoren weltweit wie Blackrock, Vanguard Group oder State Street Advisors drohen aktiv, ihr angelegtes Geld zurückzuziehen, wenn die Unternehmen nicht deutlich zeigen, dass sie an den großen Buchstaben des 21.Jahrhunderts arbeiten: E (Ecological) S (Social) G (Governance) und eben auch D wie Diversity im Aufsichtsrat.

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Goldman Sachs hat bereits 2020 Börsengänge bei Unternehmen gestoppt, die diesen Regeln nicht folgen, das heißt, wenn es nicht mindestens ein diverses Aufsichtsratsmitglied gibt. Somit hat Nichtbefolgen der geforderten Diversity klare ökonomische Konsequenzen und bringt die Unternehmen in öffentliche Erklärungsnot. 2020 wurden von der Nasdaq 22 Unternehmen angemahnt. Allerdings liegen zurzeit lediglich Daten

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über Männer und Frauen in Aufsichtsräten vor, zur sexuellen Orientierung und ethnischen Herkunft jedoch noch nicht. Sicher ist dies ein heikles Thema, das keineswegs zu Zwangsoutings führen sollte. Dennoch wäre auch hier ein klares Bekenntnis wünschenswert und zu würdigen. Interessant bei diesem Thema ist, dass Druck und Zwang hier von urkapitalistischen Playern ausgehen, das heißt von den Investoren, die Druck auf die Unternehmen ausüben. Daher ist es aufgrund globaler Kapitalverflechtungen nur eine Frage der Zeit, bis deutsche gelistete Unternehmen ebenfalls reagieren müssen. Kein Unternehmen wird auf die großen Investoren verzichten können. Damit befindet sich die „Deutschland AG“ im Schlussakkord, weg von Postenschacherei und Kumpanei ohne besondere Qualifikation, hin zu klarer, transparenter diverser Führung im 21.Jahrhundert als komplettem Spiegel der heutigen Gesellschaft. Somit sorgt der Hebel der Investoren und großen Anleger hier für eine Entwicklung, die mit noch kleinen Demonstrationen vor Jahrzehnten begann. Und wenn das Kapital dieses Thema aufgreift, dann ist das nur zu begrüßen, denn je länger deutsche Unternehmen sich sträuben, umso schmerzlicher werden sie die Folgen im Geldbeutel spüren. Die geltenden Regeln an den europäischen Finanzplätzen werden dem Vorbild der Nasdaq sehr bald folgen. Das Vereinigte Königreich mit der City of London ist hier heute schon ein Vorreiter und setzt somit ebenfalls die Finanzplätze der Europäischen Union unter Zugzwang. Das wird man an den Börsen in Ländern wie beispielsweise Polen und Ungarn, wo man stolz auf LGBTQ freie Zonen ist und wo gleichgeschlechtliche Ehen als Teufelswerk gesehen werden, nur zögerlich umsetzen wollen. Letztlich werden sich Unternehmen auch aus diesen Staaten der Veränderung nicht entziehen können.

Autor Gerd Jooß ist Beauftragter für politische Verbindungen bei Fujitsu Deutschland und Ansprechpartner im Fujitsu Pride Europe LGBTI+


Erna K., Rentnerin, und ihre Schwiegertochter Astrid

Die Corona-Schutzimpfung ist da. Zunächst nicht für alle, sondern für die besonders gefährdeten Menschen. Informieren Sie sich schon jetzt, wer vorangehen kann und wann auch Sie sich impfen lassen können. Für unseren Weg ins normale Leben. Mehr Informationen finden Sie unter corona-schutzimpfung.de


REISE

EIN TRAUM VON URL AUB! Die Trends für das Jahr 2021! Autor: Joe Heinrich

ch schließe meine Augen, atme tief ein und mir ist so, als könne ich es schon beinahe hören. Das Meer. Dieses Rauschen, diese einzigartige Melodie, die in meinem Herzen sofort Ruhe und Raum erzeugt. Die salzige Luft reinigt mich von innen, kratzt all die Sorgen eines zurückliegenden Jahres aus meinem Körper heraus. Ein seltsames Jahr liegt hinter uns, ein Jahr, in dem die meisten schwulen Männer lieber zu Hause geblieben sind, als durch die Welt zu reisen. Wenn sie sich dann doch aufmachten, trieb es sie statistisch gesehen vor allem an die Ostseeküste. Mecklenburg-Vorpommern war das meistbesuchte Bundesland 2020 (Allensbacher Marktanalyse). Wenn es einen schwulen Mann trotz Covid-19 ins Ausland trieb, landete man mehrheitlich in Spanien, auch gerade über die Weihnachtsfeiertage waren Inseln wie Gran Canaria und Teneriffa gut besucht. Man entfloh der Kälte und der Isolation der zweiten Welle der Pandemie.

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In diesem Jahr nun erhofft sich die ganze Welt eine schrittweise Rückkehr zur Normalität. Es wird noch einige Monate dauern, bis signifikante Teile der Bevölkerung gegen das Virus geimpft sein werden und auch dann wird wohl ein gewisses Maß an Vorsichtsregeln noch gegenwärtig bleiben, aber trotzdem dürfen wir wieder träumen und erste Pläne schmieden. Also, doch endlich wieder der Cocktail am Strand? Oder wollen wir eine pulsierende Stadt erobern? Oder doch lieber fremde Kulturen kennenlernen? Männer küssen mit salzigen Lippen, die sich so ganz anders anfühlen als die Jungs zu Hause? my

Blickt man sich in der Branche um, überraschen die Trends für das Jahr durchaus ein wenig und erfreuen auf der anderen Seite sehr. Auch ohne Corona wird es wohl keine einfache Rückkehr zur Normalität sein. Covid-19 hat nebst all seinem Schrecken auch gezeigt, wozu wir alles fähig sind, wenn wir nur wollen. Die nach wie vor allgegenwärtige Klimakrise beschäftigt so auch die Reiseveranstalter und vor allem die Reisenden selbst. Gerade schwule Männer setzen 2021 nach Informationen von Branchenkennern auf Nachhaltigkeit. Ein zweiter Aspekt wird eine Rückbesinnung auf die Natur sein. Vielleicht auch gerade deshalb, weil wir aktuell genug haben von Städten und großen Menschenmengen, zieht es immer mehr Homosexuelle dieses Jahr lieber ins Grüne, in die Wildnis und an Orte, wo raue und unberührte Natur den Blick weitet und man die Seele baumeln lassen kann. Der schnelle Trip in eine fremde Stadt wird dagegen weniger werden. Kurze Wege und generell das Entdecken der Vielfältigkeit von Europa wird die Mehrzahl der schwulen Männer 2021 begeistern können. Ein weiterer Punkt sind Individual-Reisen: Die von A bis Z durchgeplante Billigreise tritt ihren Rückzug an, lieber einfach einmal mit dem Caravan drauf losfahren und neue eigene Wege entdecken. Die Lust am spontanen, am kreativen und freien Reisen wird stark zunehmen. Erlebnisse sollen künftig individuell und einzigartig sein, ungeplant und gerade dadurch besonders. So besteht zudem auch die Möglichkeit, dass wir uns selbst in diesem Jahr gestatten, Erfahrungen zu sammeln, die tiefer gehen und länger


anhalten, als das die meisten Pauschalreisen in der Regel vermögen.

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Wer tief in den Geldbeutel greifen und zudem Europa den Rücken kehren will, wird sich eines jener Ziele suchen, wo der Virus bereits 2020 nur in geringem Maße wütete. Im Trend liegt, sich für gutes Geld luxuriös abzuschotten und sich seine eigene kleine Welt zu errichten. Wie wäre es zum Beispiel mit der Pacht einer eigenen kleinen Insel auf den Seychellen? Fürwahr, die Zahl der Flugreisen wird dadurch wieder ansteigen – so gänzlich klimafreundlich werden wir 2021 nicht. Doch trotzdem scheint ein Umdenken bereits vonstatten zu gehen und es bleibt abzuwarten, ob die Erfahrungen eines Jahres, in dem wir uns immer mal wieder zu Hause eingesperrt gefühlt haben, langfristig unser Reiseverhalten ändern werden, und vielleicht sogar uns die Erkenntnis erlauben, Reisen generell mehr wertzuschätzen, als wir das stellenweise zuvor getan haben. Die Reise selbst, egal wohin sie uns dieses Jahr führen mag, das bewusste Erleben und sich daran erfreuen, wird der neue Kern unseres Empfindens sein. Gestärkt durch die Erfahrungen des alten Jahres werden wir andere Sitten, Gerüche, Geräusche, Eindrücke, Berührungen und Männer intensiver und lustvoller erleben dürfen. Sei es nun der Traum eines Meeresrauschens oder die Stille und Weite einer Landschaft, die sich erhaben vor uns öffnet. Wir reisen wieder mehr für uns selbst und nicht für gestellte Instagram-Selfies für die Zuhausegebliebenen Follower. 2021 kann unsere Reiselust völlig neu bereichern. Oder wie sagte es der Schriftsteller Kurt Tucholsky so schön: „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.“


MODE

WHEN WE ARE BACK! er Berliner Fotograf Niklas van Schwarzdorn kreierte exklusiv für das MyGay Magazine eine besondere Modeserie zu Corona-Zeiten: „Der Lockdown geht voran, das Nachtleben bleibt immer noch verschlossen. Ich habe drei junge queere Berliner Designer getroffen und ihre Designs fotografiert! Sie sollen uns mit Freude darauf vorbereiten, nach dem Lockdown und den Einschränkungen endlich wieder gemeinsam in Berlin zu feiern!“

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Credits: Model: Tobias Lukas Fotografie: Niklas van Schwarzdorn, vanschwarzdorn.com

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Designer: Lennart Schrötz, Tim Rühl und Kristin Amendt Label Lasziviar.

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