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Bericht über die Reise nach Niš/Südserbien vom 7. bis 10. August 2013

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Dieser rein interne Bericht gibt individuelle Eindrücke und Zusammenfassungen des Autors wider. Die Angaben erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen, die Richtigkeit der Angaben kann aber nicht garantiert werden. Vortragszusammenfassungen etwa von Referenten sind mit diesen weder abgestimmt noch von ihnen autorisiert.

Dr. Hans-Peter Merz Leiter International - Hauptgeschäftsführung Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet Ostring 30-32, 44787 Bochum Tel.: (02 34) 91 13 – 1 33, FAX: (02 34) 91 13 – 3 34 E-Mail: merz@bochum.ihk.de Internet: www.bochum.ihk.de 2


Anlass der Reise war eine Anfrage der Regional Chamber of Commerce Niš, die Kontakt zu einer Industrie- und Handelskammer in Deutschland sucht. Unser Interesse an diesem Kontakt besteht darin, für unsere Mitgliedsunternehmen Kontakte in eine bisher kaum bekannte europäische Region zu vermitteln, die sich aber insbesondere durch eine sehr interessante geographische Lage zwischen der Türkei und Mitteleuropa auszeichnet.

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Arbeitsgespräch in der RCC Niš Teilnehmer u. a. Dragan Kostić, Präsident, und Nebojša Bogdanović, Vizepräsident Vizepräsident Bogdanović erläutert, dass es im IHK-Bezirk der RCC Niš sechs deutsche Unternehmen gibt – darunter die Firmen „Leoni“ und „Messer“ – die insgesamt 3.500 Arbeitsplätze geschaffen haben. Ansonsten gibt es in der Region ungefähr 10.000 Kleingewerbetreibende sowie 40 größere Unternehmen. Das serbische Wirtschaftsministerium begrüßt ausländische Investitionen nachdrücklich und ermöglicht Subventionen von bis zu 10.000 Euro pro langfristig geschaffenem Arbeitsplatz. Die Region ist von hoher Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig guter beruflicher Qualifikation gekennzeichnet. Die rechtliche und politische Situation Serbiens ist stabil, die Verhandlungen über die Aufnahme in die EU sollen Anfang 2014 beginnen. Die außenwirtschaftlichen Aktivitäten in der Region werden durch die internationalen Investoren getragen, d. h. ursprünglich serbische Unternehmen sind bislang nur in geringem Umfang in den internationalen Handel integriert. Im IHKBezirk leben 650.000 Menschen, davon rund 350.000 in Niš.

Die Region war traditionell ein Zentrum der Elektroindustrie. Hier gingen mit dem Zerfall Jugoslawiens 22.000 Arbeitsplätze verloren. Die Region war traditionell auch ein wichtiger Zulieferer zur jugoslawischen Rüstungsindustrie (T-84). Entsprechend braucht die Region einen kompletten industriellen Neuanfang. Die Strategie dazu ist es, ausländische Investitionen anzuziehen. Die Universität in Niš bildet u. a. auch Fachleute für Maschinenbau, Textilwirtschaft und Elektronik aus. Vizepräsident Bogdanović regt an, die Möglichkeit für einen Wirtschaftstag Südserbien in Bochum mit Ausstrahlung auf Gesamt-NRW zu prüfen.

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Vortrag Zoran Marković über die RCC Niš Er betont die zentrale Lage von Niš im transeuropäischen Korridor X. Der IHK-Bezirk liegt im Südosten Serbiens und hat drei regionale Zentren: Niš, Pirot und Prokuplje. Insgesamt gibt es in der Region 14 Städte. Die Grundlage der Wirtschaft sind Handel, Bauwirtschaft, Metallverarbeitung und gummiverarbeitende Industrie. 2011 gab es erstmals eine positive regionale Handelsbilanz. Als Partner für den Import steht Deutschland an erster Stelle, Russland auf Platz 2 und die Türkei auf Platz 3. Deutschland ist der wichtigste Exportpartner, gefolgt von Frankreich. Bemerkenswert ist die geringe intraregionale Wirtschaftsverflechtung – die unmittelbaren Nachbarn Bulgarien, Ungarn und die übrigen Nachfolgestaaten Jugoslawiens spielen als Wirtschaftspartner keine wichtige Rolle. Wichtige Firmen in der Region sind Leoni, Tigar Tyres, LMB Soft (Blut-Transfusionsequipment), KOPEX Metallbau, Grammer.

Zoran Marković, Secretary to the Coordination Board RCC Niš

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Insgesamt gibt es in Serbien 19 Industrie- und Handelskammern, alle sind unabhängig voneinander, arbeiten aber häufig zusammen. Die Pflichtmitgliedschaft wurde vor einem Jahr aufgehoben, seither hängen die IHKs finanziell jeweils von einigen wenigen großen Beitragszahlern ab. Die RCC Niš hat 55 Vollversammlungsmitglieder, aus denen 23 Mitglieder ins „Board of Directors“ gewählt werden, die dann den Präsidenten und die Vizepräsidenten wählen. Bei der Kammerrechtsreform wurde festgelegt, dass jede Organisation ab einer Mitgliederzahl von 100 eine IHK mit jeweils eigenständiger branchenmäßiger Ausrichtung gründen kann (dies entspricht etwa unserem Verbandswesen). Die RCC Niš hat seit 2005 eine ganze Reihe von EU-Projekten erfolgreich abgewickelt und damit auch den IHK-Haushalt stark unterstützt.

Als wesentlichen Vorteil Serbiens als Industriestandort wird das Handelsabkommen mit Russland genannt, das eine Zollbelastung von serbischen Ursprungswaren mit nur 1 Prozent vorsieht.

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Empfang beim Bürgermeister von Niš Teilnehmer: Mihajlo Zdravković, Milan Randelović und Dr. Zoran Perišić, Bürgermeister

Dr. Zoran Perišić, Bürgermeister von Niš, überreicht Infomaterial an Dr. Hans-Peter Merz, IHK Mittleres Ruhrgebiet

Der Bürgermeister von Niš hat auch eine übergeordnete Zuständigkeit für die gesamte südserbische Region. Er nennt als wichtige deutsche Investitionen „Leoni“ und „Messer“. Ferner will Lidl in naher Zukunft in der Region mit Einzelhandelsgeschäften aktiv werden. Es besteht ein erhebliches Interesse an weiteren Investitionen aus Deutschland.

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Die Vorteile von Niš sind 

eine Universität mit 14 Fakultäten

der Flughafen, der im Moment aber nur stark subventionierte Flüge nach Triest/Italien anbietet. Eine Flugverbindung nach Dortmund würde sehr begrüßt. Weiter ist auf dem Flughafengelände die Einrichtung eines Logistikzentrums geplant.

ein wichtiger Autobahnknotenpunkt

die hohe Qualifikation der Beschäftigten

Verfügbarkeit von sehr großen Flächen, die ehemals von der serbischen Armee genutzt wurden

es sind alte Industriekomplexe vorhanden, so eine Fläche von 41 ha mit 100.000 qm überdachten Hallen, es gibt über 100 verschiedene weitere stillgelegte Anlagen

die hohe Arbeitslosigkeit bedeutet auch, dass eine Vielzahl von qualifizierten Beschäftigten verfügbar ist.

Potenziale für die Wirtschaftsentwicklung werden auch im Bereich Tourismus (speziell im Bädertourismus) gesehen. Die Region exportiert Mineralwasser nach Dubai.

Betont werden die gute Verwaltungszusammenarbeit etwa bei der Ansiedlung des Leoni-Werkes und die Möglichkeit direkter Subventionen für die Schaffung von Arbeitsplätzen. Es existiert bereits eine Autobahnanbindung nach Belgrad, eine Autobahn in Richtung Sofia ist derzeit im Bau.

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Gespräch im Amt des Bürgermeisters von Prokuplje Teilnehmer: stellv. Bürgermeisterin und leitende Mitarbeiter der Verwaltung

Die Stadt Prokuplje ist Wirtschafts- und Verwaltungszentrum der Kojomia-Region im Südwesten Serbiens. Die Region hat eine bedeutende industrielle Tradition, die jedoch auch vom strukturellen Niedergang betroffen ist. Die Firma Leoni hat sich hier mit einem Werk angesiedelt. Es besteht großes Interesse an weiteren deutschen Investitionen. Die stellv. Bürgermeisterin möchte gerne im Rahmen eines Wirtschaftstages Südserbien in Bochum die Investitionsvorteile der Region schildern. Besondere Perspektiven werden in der Entwicklung des Tourismus gesehen.

Blick auf Prokuplje

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Besichtigung der Firma Leoni Teilnehmer: Rolf Reidinger, Svetislav Budic

Leoni ist ein deutsches Unternehmen mit Mutterhaus in Nürnberg, das weltweit an rund 40 Standorten Kabelbäume insbesondere für die deutsche Kfz-Industrie herstellt. Bei der Produktion von Kabelbäumen sind höchste Qualitäts- und Sicherheitsstandards zu beachten. Der Standort in Serbien ist Teil derjenigen business unit der Firma Leoni, die BMW zuliefert. An fünf Standorten werden 5.500 Menschen beschäftigt. Die Ausbildung neuer Mitarbeiter erfolgt grundsätzlich in der Firma. Nach einem kurzen Einstiegstraining wird eine Auswahl für den künftigen Einsatz vorgenommen. Die Arbeit ist in Teams von 40 bis 50 Mitarbeitern organisiert, dort werden neue Mitarbeiter zugeordnet und „on the job“ eingearbeitet. Die Arbeitsabläufe sind weltweit standardisiert und können rasch erlernt werden. Die Fluktuationsrate liegt unter einem Prozent.

Die Firma hat 2009 eine vorhandene Industrieanlage übernommen (Brownfield Investment) und hatte nach einer Asbestsanierung und einer viermonatigen Anlaufzeit die Produktion aufgenommen.

Als Beschaffungsmarkt für Vorprodukte kommt Serbien nicht in Frage, alle notwendigen Materialien werden von außen zugeführt. In gewissem Umfang wird Maschinenwartung und -beschaffung lokal vorgenommen.

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Besichtigung der Firma Messer, Technische Gase Teilnehmer: Novica Bojović, Dragan Paunović, Zoran Marković

Die Produktionsanlagen stammen aus DDR-Zeiten. Insgesamt hat die Firma sechs Produktionsstandorte in Serbien, von denen zwei direkt auf dem Gelände des jeweiligen Großkunden (Stahlwerk) installiert sind. Die Gase Sauerstoff, Argon, Stickstoff und CO2 werden im kontinuierlichen Prozess erzeugt und in Stahlflaschen abgefüllt. Die Distribution erfolgt per Lkw landesweit.

Novica Bojović, Direktor Messer Technogas Niš 11


Gespräch mit der Municipality von Pirot Teilnehmer: Vladan Vasić, Dragan Kostić

v.l.n.r.: Dr. Kostić, Präsident der RCC, Dr. Hans-Peter Merz, IHK Mittleres Ruhrgebiet, Vladan Vasić, Municipality von Pirot Herr Vasić hat die einem Regierungspräsidenten vergleichbare Funktion, es gibt in Serbien 29 entsprechende Distrikte.

60 % des Exportes aus dem IHK-Bezirk kommen aus der Freizone von Pirot. Diese hat auf der Liste der Financial Times den Platz Nr. 41 der 50 besten Industriefreizonen der Welt erlangen können. Die Zone wurde anlässlich des Investments der Firma Tigar 1997 gegründet und inzwischen auf insgesamt neun Firmen erweitert.

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Pirot ist mit 60.000 Einwohnern eine mittelgroße Stadt auf einer Fläche von 1.200 km2. Der Bezirk grenzt an Bulgarien. Die Autobahn Niš-Sofia wird durch Pirot hindurchgehen. Ebenso die Gasleitung zwischen Sofia und Niš. Diese wird Serbien mit russischem Gas versorgen. Dieses kann auch weitergeleitet werden nach Mitteleuropa.

Pirot ist das größte Wirtschaftszentrum der Region und hat einen Schwerpunkt auf Gummiverarbeitung und Textilherstellung (Boss produziert hier). Eine Reihe von Zulieferbetrieben profitiert von den ansässigen Großfirmen. Traditionell ist die Region für Viehwirtschaft und Milchprodukte bekannt, es gibt hier eine Milchfachschule für ganz Serbien. Seit neuestem ist der Obstanbau wichtig, ein System zur Kühllagerung wird aufgebaut. Das Fußballteam von Pirot hat landesweite Bedeutung.

Stadtzentrum Pirot

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Besuch der Freizone in Pirot Teilnehmer: Simonović Aleksandar, Dr. Kostić

Bei einer Präsentation der Verwaltung der Industriefreizone wird die günstige Lage der Region an den europäischen Korridoren X, IV, VIII betont. Die Durchschnittslöhne liegen bei 300 Euro pro Monat. Textilindustrie und Landwirtschaft sind rückläufig. Gesehen wird ein erhebliches Potenzial für Tourismus (Skisport am sogenannten „Alten Berg“). Hier sind Investitionen in der Größenordnung von 260 Mio. Euro insbesondere zum Aufbau einer Hotelinfrastruktur vorgesehen.

Die Freizone Pirot ist eine von elf entsprechenden Einrichtungen in Serbien, in denen sich insgesamt 240 ausländische Firmen angesiedelt haben. Die Zone wurde 1997 gegründet und umfasst 103 ha. Der Umsatz aller Firmen in der Zone wurde von 360 Mio. Euro in 2011 auf 480 Mio. Euro in 2012 gesteigert. Firmen in der Zone sind von Zollabgaben und Steuern komplett befreit, es fallen auch keine sonstigen Abgaben wie z. B. Bauabgaben an. Gebühren für die Müllabfuhr sind auf 50 % abgesenkt.

Es gibt konkrete Planungen für den Aufbau von intermodalen Transportmöglichkeiten direkt am Korridor X, über den künftig verstärkt der türkische Export in die EU laufen soll.

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Besuch der Firma Tigar Teilnehmer: Nebojsa Djenadic

Die Firma wurde vor 78 Jahren hier gegründet und stellt Autoreifen sowie Gummistiefel her. Beschäftigt werden 1.960 Mitarbeiter, die Firma verfügt über alle einschlägigen Zertifizierungen nach den internationalen Qualitätsstandards sowie nach denen der EU und Russland. Die Herstellung der Gummistiefel erfolgt mittels gebrauchter Anlagen, die aus Italien und Finnland (NOKIA!) importiert wurden. Hergestellt werden Produkte für internationale Markenfirmen wie Decathlon und Babour, aber auch für die finnische Armee.

Produktionsanlagen der Firma Tigar

Zukünftig will die Firma verstärkt im Bereich technische Gummis und Folien tätig werden. Eine Umsatzsteigerung soll durch diese neuen Produkte, zu denen auch Sportplatzbeschichtung gehört, sowie durch eine Steigerung des Exports erreicht werden.

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Zusammenfassung und Ausblick Die RCC Niš verfügt über gut qualifiziertes und motiviertes Personal sowie ein engagiertes Ehrenamt. Die Wirtschaft ist durch den Zerfall Jugoslawiens, das jahrelange internationale Embargo und den Bürgerkrieg in einem desolaten Zustand. Da die Region vor diesen Ereignissen eine starke industrielle Basis hatte, ist durchaus Potenzial für eine zukünftig positive Entwicklung vorhanden. Von den Beitrittsverhandlungen mit der EU werden erhebliche positive Impulse für die Rechtssituation, die Wirtschaftsverfassung und die Infrastruktur ausgehen. Mit den Gesprächspartnern in der RCC Niš wurde ein Gegenbesuch in der IHK Mittleres Ruhrgebiet in 2014 vereinbart. Dieser soll kombiniert werden mit einem Investitionsförderungsseminar mit NRW-weiter Ausstrahlung. Hierzu soll die Schwerpunktkammer in Dortmund angesprochen werden. Ferner soll die deutsche Auslandshandelskammer in Belgrad einbezogen werden.

Unsere Kollegen sind am Abschluss einer formellen Kammerpartnerschaft interessiert.

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Serbien Einwohnerzahl Fläche Hauptstadt Staatsoberhaupt Regierungschef BIP BIP/Kopf (nominal)

7.120.666 88.361 km² Belgrad Präsident Tomislav Nikolić Ministerpräsident Ivica Daĉić 45 Mrd. USD 78 Mrd. USD

Beziehungen Deutschlands zu Serbien – Außenhandel (Mio. Euro)

dt. Einfuhr dt. Ausfuhr Saldo

2010

%

2011

%

2012

%

717,1 1.276,1 559,0

21,4 3,8

898,3 1.468,6 570,3

25,3 15,1

977,4 1.524,0 546,6

8,8 3,8

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Bericht Nis Reise  

Serbien 2013