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Fachinformationsreise der AuĂ&#x;enwirtschaftsdezernenten der IHKs in Nordrhein-Westfalen nach Polen

15. – 17. Juli 2013

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Dieser rein interne Bericht gibt individuelle Eindrücke und Zusammenfassungen des Autors wider. Die Angaben erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen, die Richtigkeit der Angaben kann aber nicht garantiert werden. Vortragszusammenfassungen etwa von Referenten sind mit diesen weder abgestimmt noch von ihnen autorisiert.

Dr. Hans-Peter Merz Leiter International - Hauptgeschäftsführung Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet Ostring 30 – 32, 44787 Bochum Tel.: (02 34) 91 13 – 1 33, FAX: (02 34) 91 13 – 3 34 E-Mail: merz@bochum.ihk.de Internet: www.bochum.ihk.de Deckblatt: Blick in die Eingangshalle des neuen Hauptbahnhofs von Katowice 2


Die Leiter der Außenwirtschaftsabteilungen der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen führen alle zwei Jahre eine ihrer regulären Dezernentensitzungen in Zusammenarbeit mit einer der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) im Ausland durch. Diese Sitzungen werden regelmäßig durch Firmenbesuche – vorzugsweise in lokalen Niederlassungen deutscher Unternehmen vor Ort – und Besichtigungen von wirtschaftsnahen Institutionen des Gastlandes ergänzt.

Zweck dieser Fachinformationsreisen ist es, eine Vorstellung von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Ziellandes und den sich für Mitgliedsunternehmen ergebenden Möglichkeiten aus erster Hand zu bekommen. Darüber hinaus schafft die Begegnung mit den AHK-Kollegen einen „kurzen Draht“ zu diesen für unsere Beratungstätigkeit wichtigen Einrichtungen.

Besichtigung der Niederlassung der Firma Dolezych in Katowice

Die Firma Dolezych ist in Dortmund seit 77 Jahren tätig und hat sich auf Produkte zur Ladungssicherung und Hebemittel (Rundschlingen und Spanngurte) spezialisiert.

(Produkte der Firma Dolezych) 3


Das Unternehmen liegt im heftigen Preiskampf mit Wettbewerbern aus China, bietet aber konkurrenzfähige Produkte mit deutscher Qualität zu polnischen Herstellungskosten. Die Stärke des Unternehmens ist es neben der reinen Bereitstellung von Produkten, umfangreiche Beratung, Service und Ausbildung von Mitarbeitern der Kunden anbieten zu können.

Firma Dolezych hat Anfang der 1990er Jahre in Polen ihre erste Auslandsniederlassung gegründet, heute gibt es Niederlassungen in sieben Ländern, unter anderem Ukraine, Schweiz und China. Die Niederlassung beschäftigt heute 220 Mitarbeiter, die in drei Schichten fertigen. Der Gesamtproduktionsausstoß liegt bei 250 Lkw-Ladungen pro Jahr. Die Standortwahl wurde beeinflusst durch die bestehende, alte Autobahnanbindung nach Dresden, die Affinität zwischen Nordrhein-Westfalen und Oberschlesien, einer vergleichbaren Arbeitsmentalität und den damals noch stärker vorherrschenden Deutschkenntnissen in der Bevölkerung.

(IHK-Kollegen beim Firmenbesuch in Firma Dolezych) 4


Es gab bereits damals eine Erwartung, Polen nicht nur als preisgünstigen Fertigungsstandort, sondern auch als Markt zu sehen, der insbesondere in die benachbarte Region hinein ausstrahlt. Während ursprünglich die Gesamtproduktion des Werks in Katowice nach Dortmund geliefert wurde, erhöht sich sukzessive der Anteil der Waren, die in Polen, der Ukraine, Tschechische Republik, Slowakei und Russland abgesetzt werden. Aufgrund einer eigenen Produktionsniederlassung in China hat das Unternehmen eine gute Vorstellung von den tieferen Gründen der hohen Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte: In der Niederlassung in China werden die gleichen Löhne wie in Polen bezahlt, in China gibt die Regierung jedoch Exportsubventionen. Der Mindestlohn liegt in Polen bei 400 Euro im Monat für Mitarbeiter ohne besondere Ausbildung. Das tatsächliche Lohnniveau ist jedoch innerhalb Polens von Woiwodschaft zu Woiwodschaft stark unterschiedlich. In Katowice ist das Lohnniveau nach Warszawa das zweithöchste im Lande. Polen kennt keine duale Berufsausbildung. In kleinerem Umfang bietet die AHK jedoch vergleichbare Ausbildungsangebote an. Als Hindernis für unternehmerische Aktivitäten werden die Bürokratie und das Steuerrecht angesprochen. Insbesondere das Baurecht kennt viele Ermessensspielräume, wodurch sich eine Baugenehmigung schon mal über drei Jahre hinziehen kann.

Sonderwirtschaftszone Katowice

Im Verwaltungsgebäude der Sonderwirtschaftszone Katowice wurde die Konzeption und die Bedeutung der Zone vorgestellt. Die Region war bis in die 1940er Jahre hinein stark marktwirtschaftlich organisiert. Während und nach dem Krieg wurde die Wirtschaftstätigkeit sehr stark durch deutsche und sowjetische Besatzungsmächte beschränkt. Die marktwirtschaftlichen Traditionen wurden seit der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre wieder aufgegriffen.

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Die Sonderzonen waren ein wichtiges Instrument zur Überführung der Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft und sollten helfen, rund 600 000 Arbeitslose aus der Region in Beschäftigungsverhältnisse zu überführen. Die Zone wurde 1996 gegründet, die Trägerschaft liegt beim polnischen Staat und den Kommunen der Region. Es ist die Aufgabe der Verwaltung der Sonderzone, Investoren für Grundstücke zu suchen, die den steuerrechtlichen Zonenstatus besitzen, und diese Investoren rechtlich zu beraten.

(Empfang in der Verwaltung der Sonderwirtschaftszone Katowice)

Die Sonderwirtschaftszone wurde 1996 mit 807 Hektar Größe gegründet, heute stehen insgesamt 2 000 Hektar Grundstücke zur Verfügung, die Zonenstatus haben. Davon sind 1 000 Hektar im Moment noch unbebaut. Es gibt daneben drei Bürogebäude mit einem umfangreichen Angebot an Bürofläche. Die Kosten für Flächen liegen zwischen 10 und 35 Euro/m², je nach Lage und Ausstattung. Grundstücke stehen in einer Größe von ein bis 200 Hektar speziell für Industrie und Dienstleistungen zur Verfügung.

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Der Branchenschwerpunkt liegt im Bereich der Automotive. Seit Gründung wurden über 200 Investitionsprojekte mit über fünf Mrd. Euro Investitionen verwirklicht, die zur Beschäftigung von 50 000 Mitarbeitern geführt haben. Allein General Motors hat seit 1995 etwa 750 Mio. Euro investiert und 3 000 Arbeitsplätze geschaffen. Ein stark zunehmendes Investitionssegment sind sogenannte BPO‘s, es handelt sich dabei um ausgegliederte Bürodienstleistungen wie etwa Call-Center, Abrechnungsund Dispositionsdienstleistungen. Es gibt in Polen insgesamt 14 Sonderwirtschaftszonen, Katowice steht dabei nach Beschäftigtenzahl und Investitionsvolumen auf Platz 1. Die von den Sonderzonen gewährten Vergünstigungen sind der EU seit langem ein Dorn im Auge, sie werden aber aus Strukturgründen permanent fortgeschrieben.

Die wichtigsten Investoren der Zone kommen aus den USA, Italien, Polen, Deutschland und Japan. 62 % der Unternehmen gehören zur Branche der Automotive. Die übrigen beschäftigen sich mit der Herstellung von Glas, Baumaterialien und Stahlerzeugnissen. Einem Ranking der Financial Times zufolge steht die Sonderwirtschaftszone Katowice in einem weltweiten Vergleich auf Platz 11. Die Sonderwirtschaftszone bietet als Investitionsanreize eine 40%ige Steuervergünstigung, die für kleine und mittelständische Unternehmen auf bis zu 60 % erhöht werden kann. Diese Vergünstigungen werden berechnet auf die Investitionssumme oder die Arbeitskosten von zwei Jahren. Das heißt konkret, bei einer Investitionssumme von einer Million Euro können 400 000 Euro in den Folgejahren von der Steuerschuld abgezogen werden. Die Region wirbt mit einem dichten Ausbildungsnetz von 40 Hochschulen und Universitäten. Die Arbeitslosigkeit in Schlesien liegt bei 11 %, während sie im gesamt polnischen Durchschnitt bei 14 % liegt. Deutschland ist mit 23 Mrd. Euro kumulierten Investitionen der wichtigste Auslandsinvestor Polens. Diese Investitionen gehen aber nicht vorrangig in Sonderwirtschaftszonen, sondern verteilen sich nach unternehmerischem Ermessen über das gesamte Land.

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Besichtigung der Arbeitersiedlungen Nikiszowiec und Giszowiec

Ganz 채hnlich wie im Ruhrgebiet bestand auch in Schlesien die Notwendigkeit, geeignete Wohnr채ume f체r die zuwandernden Arbeitskr채fte zu schaffen. Besichtigt wurden exemplarisch zwei Wohnkomplexe aus dem Jahr 1913.

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Regionalbüro der Deutsch-Polnischen Auslandshandelskammer in Gliwice

Der Leiter des Bereichs Recht und Steuern der AHK in Polen, RA Thomas Urbanczyk, und die Leiterin der Niederlassung, Katarzyna Siwek, geben ein Briefing über Polen und seine Wirtschaft.

(Wulf Ehrich, Federführer International der NRW-IHKs, (links) dankt dem Geschäftsführer der Deutsch-Polnischen AHK, Michael Kern, und der Leiterin des AHK-Regionalbüros in Gliwice für die Organisation der Facherkundungsreise.)

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Polen ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union, die seit 2000 auf ein konstantes Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent zurückschauen kann. Ausländische Direktinvestitionen gehen zu 20 % in die Produktion und zu 20 % in sogenannte Business-Prozess-Outsourcing-Unternehmen (BPO).

Die Löhne sind regional und nach Branche stark unterschiedlich, sie betragen in der Industrie durchschnittlich 1 016 Euro pro Monat, im öffentlichen Sektor dagegen nur 693 Euro. Arbeitskräfte sind in Polen traditionell wenig mobil, dies muss man bei speziellen Fachkräftebedarfen bei einer Investition beachten.

Polen hat 38 Mio. Einwohner. Es ist ein großes Flächenland mit einer relativ geringen Bevölkerungsdichte. Die wichtigen Zentren sind Gdansk, Krakow, Lodz, Poznan, Szczecin, Warszawa und Wroclaw. Das bedeutendste Zentrum davon ist die Hauptstadtregion Warszawa. 10


Deutschland ist wichtigster Handelspartner, der 25 % der Exporte abnimmt und von dem 21 % der Importe des Landes stammen. Polen ist größter Empfänger von EUFördermitteln und erhielt zwischen 2007 und 2013 67 Mrd. Euro Unterstützung. Die Unternehmensstruktur in Polen ist nach wie vor sehr kleinteilig organisiert. Die wichtigsten Branchen sind Kfz-Teile, Haushaltsgeräte, Elektro- und Elektronikprodukte, Möbel und die IT-Branche. Polen ist drittgrößter Hersteller von Autobussen in Europa, 77 % aller in der EU verkauften LCD’s und jedes dritte Haushaltsgerät werden in Polen hergestellt.

Der IT-Markt gehört zu den 20 größten Märkten dieser Branche auf der Welt, das Land hat 1 500 Firmen in diesem Sektor; jährlich verlassen 10 000 ausgebildete IT-Spezialisten die Universitäten. Im Bereich Business-Prozess-Outsourcing liegt Polen auf Platz 7.

Im Bereich ausländische Direktinvestitionen führen die Niederlande mit 23 Mrd. Euro, darin sind jedoch erhebliche Transitkapitalien enthalten. Aus Frankreich kommen 14 Mrd. Euro, Luxemburg, ebenfalls mit erheblichem Transitkapital, investiert 11 Mrd. Euro in Polen. Schätzungen zu Folge gibt es in Polen 6 000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung. Damit ist Deutschland die Nummer 1, gefolgt von rund 2 000 Unternehmen mit französischer Beteiligung.

Potentiale für wirtschaftliches Handeln werden insbesondere im Bereich der Verkehrsinfrastruktur gesehen. Geplant werden aktuell noch 600 km Autobahn und 1 200 km Schnellstraße. Ferner sind der Ausbau von zehn Flughäfen und 80 Bahnhöfen sowie der Bau der zweiten U-Bahn-Linie in Warschau in Planung. Diese Bauvorhaben hängen stark von der für 2014 neu zu verhandelnden Unterstützung der EU ab.

Da 71 % der polnischen Kraftwerke älter als 31 Jahre sind, besteht im Bereich Energiewirtschaft erheblicher Erneuerungsbedarf. Ferner werden Windenergie und Biomasse immer wichtiger.

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Die Abfallwirtschaft bietet gute Chancen aufgrund gesetzlicher Vorgaben, die eine Reduzierung des Deponieabfalls zugunsten der Kompostierung und des Recyclings vorschreibt.

Das öffentliche Gesundheitswesen steht unter starkem Modernisierungsdruck, woraus sich für entsprechende Firmen gute Marktchancen ergeben. Das schnelle Wachstum privater Kliniken schafft ebenfalls Nachfrageimpulse.

Die Wirtschaftsstandorte Kleinpolen und Schlesien haben insgesamt einen Schwerpunkt im Bereich der Automotive und der BPO’s. Kleinpolen ist Logistikzentrum für die gesamte Region Ukraine, Tschechien und die Slowakei. Es ist ferner ein sehr bedeutender Hochschulstandort mit 44 Hochschulen und einem starken Potential im Bereich Forschung und Entwicklung.

Schlesien mit seinen 4,6 Mio. Einwohnern wirbt mit einer guten Verkehrsinfrastruktur, die zurzeit auch zügig ausgebaut wird. Dies bezieht sich auf Autobahnen, Eisenbahnverbindungen, Häfen und Flughäfen. An 28 Hochschulen studieren zurzeit etwa 182 000 Studenten. Im Bereich Business-Prozess-Outsourcing ist Schlesien die bedeutendste Region in Polen, die aufgrund der Hochschul-Landschaft auf eine Vielzahl kompetenter Mitarbeiter mit Fremdsprachenkenntnissen zurückgreifen kann. Die Region ist ein bedeutender Markt für Lagerung und Logistik. Katowice hat nach einer internationalen Untersuchung die höchste Lebensqualität in Polen. Zurzeit bemüht die Stadt sich um den Ausbau zu einer internationalen Kongressstadt.

Sitzung der Außenwirtschaftsdezernenten NRW

Hierzu gibt es ein gesondertes Protokoll

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Empfang beim Deutschen Generalkonsulat in Krakow

Der deutsche Generalkonsul, Dr. Werner Köhler, hat die Gruppe der NRW-Kollegen sowie ausgewählte Vertreter der regionalen Wirtschaft zu einem Get-together eingeladen, um Möglichkeit für individuelle Hintergrundgespräche zu geben.

(Der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Krakow, Dr. Werner Köhler,

erhält als Dank für den freundlichen Empfang ein Dortmunder Nashorn.)

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Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Besichtigt wurde das sogenannte Stammlager Auschwitz I und das Vernichtungslager KZ Auschwitz II – Birkenau. Der Lagerkomplex wurde seit Mai 1940 sukzessive aufgebaut und im Januar 1945 durch die Rote Armee befreit. Besichtigt wurden Zeugnisse unmenschlichster Haftbedingungen und der mit nichts zu überbietendem bürokratischen Zynismus durchgeführten Ermordung von weit über einer Mio. Menschen. Die Opfer dieses national-sozialistischen Vernichtungslagers waren zunächst polnische Intellektuelle und Widerstandskämpfer, später russische Kriegsgefangene. Im weiteren Verlauf wurde der Lagerkomplex systematisch erweitert, um die Ermordung von Juden sowie Sinti und Roma insbesondere aus Osteuropa und dem Balkan, aber auch aus ganz Westeuropa im industriellen Maßstab zu organisieren.

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Bericht Polen Juli 2013  
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