BIORAMA 72

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P.b.b. — 11Z038861 M — 1040 Wien

ausgabe 72 — April 2021 / Mai 2021 . www.biorama.eu

KOSTENLOS — ABER ABONNIERBAR

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Lieblingsfleischtier

Ein Schweinesystem an seinen Grenzen. Privilegiert: Was hat das Bioschwein, das andere nicht haben? Kultiviert: Wann werden wir Cultured Pork aus dem Biolabor essen? Gebräunt: Mit regulierter Chemie aus der Tube zum Sommerteint.

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MI T I M K LI M A SC H U T Z PAK E T: GESUNDER BODEN Dem Boden nicht mit Gewalt mehr abringen, als er bereit ist zu geben. Ihm in Form von Kompost samt Regenwürmern das zurückzugeben, was er braucht, um wieder Gutes hervorzubringen. So wird der Boden zum CO 2-Speicher und damit zum Klimaschützer. Und ganz sicher keine chemisch-synthetischen Spritzmittel, wo es doch gegen jeden Schädling einen Nützling gibt. Danke, sagt der Boden im Namen der Artenvielfalt. Aus unseren gesunden, lebendigen Bio-Böden ernten wir unsere Produkte und das schmeckt man. So beginnt Klimaschutz bereits auf dem Teller.

GUT FÜR UNS. UND DAS KLIMA, NATÜRLICH!

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Fledermäuse isst man nicht.

H

ätte die Welt vor Corona gewusst, dass nicht nur die Wahrscheinlichkeit für eine ansteckendere Zoonose als die bisherigen recht groß ist, sondern auch, durch welchen Wirt sie auf den Menschen überspringen wird, dann hätte man das vielleicht verhindert. Doch wir sind lernfähig: Endlich Schluss mit der Pangolinjause, das ist ja brandgefährlich. Wir essen jetzt Affenhirn! Nein, Scherz beiseite. Wir essen natürlich weiterhin Schwein. Handfeste, bodenständige 110.109.773 Tonnen davon weltweit 2019 (und das war schon ein gemäßigtes Jahr der Reduktion im Vergleich zu jenen davor).

Das nimmt Wildtieren Lebensraum, zerstört die Artenvielfalt, kurz: Das zerstört die Natur. Menge und Art der landwirtschaftlichen Produktion stehen in Wechselwirkung und mit einem Bioanteil von rund zwei Prozent bei der Schweine­fleischproduktion liegt Österreich noch vor Deutschland. Mehr Bioschweine wären ein Fortschritt. Insgesamt weniger Schweine zu mästen wäre ein noch größerer Fortschritt. Die Häufung von Zoonosen auf den Bushmeat-Konsum zu schieben könnte direkt in die nächste Pandemie führen. Wir wünschen gute Lektüre und freuen uns, wie immer, auf euer Feedback!

Bild  Michae l Mickl   Co verbild Istoc k. com/Sashatigar, isto ck. com/Vectorio s2 016

impressum

Irina Zelewitz, Chefredakteurin zelewitz@biorama.eu

Thomas Weber, Herausgeber weber@biorama.eu @th_weber

HERAUSGEBER Thomas Weber CHEFREDAKTEURIN Irina Zelewitz AUTORINNEN Isabella Auer, Reinhard Geßl, Ursel Nendzig, Florian Jauk, Martin Mühl, Jürgen Schmücking, Leonie Stieber, Thomas Weber, Sonja Wlcek, Irina Zelewitz GESTALTUNG Sig Ganhoer, Michael Mickl Lektorat Mattias Feldner ANZEIGENVERKAUF Herwig Bauer, Tanja Grossauer-Ristl, Thomas Weber DRUCK Walstead NP Druck GmbH, Gutenbergstraße 12, 3100 St. Pölten PRODUKTION & MEDIEN­ INHABERIN Biorama GmbH, Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien GESCHÄFTSFÜHRUNG Martin Mühl KONTAKT Biorama GmbH, Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien; www.biorama.eu, redaktion@ biorama.eu BANKVERBINDUNG Biorama GmbH, Bank Austria, IBAN AT44 12000 10005177968, BIC BKAUATWW ABONNEMENT www.biorama.eu/abo ERSCHEINUNGSWEISE 6 Ausgaben pro Jahr ERSCHEINUNGSORT Wien. BLATTLINIE biorama ist ein unabhängiges, kritisches Magazin, das sich einem nachhaltigen Lebensstil verschreibt. Die Reportagen, Interviews, Essays und Kolumnen sind in Deutschland, Österreich und der ganzen Welt angesiedelt. Sie zeigen Möglichkeiten für ein Leben mit Qualität für den Menschen und den Planeten Erde. Ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. biorama erscheint sechs Mal im Jahr.


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Au f ta k t

72 Inhalt

03 Editorial 06 LeserInnenmeinung 08 Bild der Ausgabe 12 Street Talk 16 Global Village 18 Das Virus, die Tiere, das Fleisch Im Clinch mit der Evolution. 22 Unsere kleinen

und großen Farmen Was hat Bio mit Biosicherheit zu tun?

25 So ein Saustall Aus dem Alltag eines Bioschweins. 29 Cultured Pork Schweinefleisch aus dem Labor. 33 Put, put, Pute Was macht Biopute so rar und teuer? 34 Anderer Meinung: Kann Cultured Meat bio sein? 36 Buchtipps Empfehlungen, Warnungen, warnende Empfehlungen.

18 Das Virus, die Tiere, das Fleisch

Im Clinch mit der Evolution. Die Fleischindustrie hat gezeigt, dass sie auf schmerzliche Weise systemrelevant ist.

38 Artengerechtes Kochen »Vegan Low Budget« bietet weit mehr als Rezepte mit pflanzlichen Zutaten. 45 Unterwegs auf zwei Rädern Wie man die Verkehrssicherheit von Kindern auf dem Rad steigern kann. 48 Vögelzählen leicht gemacht In den Lockdowns wurde Birdwatching plötzlich zum Breitenhobby. 53 Wildkräuter sammeln Tipps für ein pandemiekompatibles Hobby. 56 Zelten im Wolfsgebiet Was ist zu beachten?

64 Gibt es keine E-Camper? Ideen und Konzepte auf dem Markt für elektrisch angetriebene Camper. 68 Bräunung aus der Tube Die Chemie stimmt: Wie funktionieren Bräunungscremes? 73 Der Selfmadevisionär Ein Besuch in Sepp Dygrubers »Hexenküche« für Geschirrspültabs.

25 So ein Saustall

Was hat das Bioschwein, was andere nicht haben?

Marktplatz 77 Marktplatz Food Eierverkostung

Kolumnen 80 Aus dem Verlag 82 Elternalltag

Bild Istock.co m/unpict, Re inhard Ge ss l, Claro , istock.co m/no rdr oden , lu ca s adria n

61 Der Natur entgegen Urlaub auf vier Rädern liegt im Trend.


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Wild auf Wildkräuter

Beim Spazieren in der Natur lernen und Trophäen sammeln.

Gibt es keine E-Camper?

Ideen und Konzepte auf dem Markt für elektrisch angetriebene Camper.

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Der Selfmadevisionär

Inspiriert von WC-Würfeln und einer umweltbewussten Kundin trimmte Sepp Dygruber die von ihm propagierten Geschirrspültabs auf öko. Ein Besuch in seiner »Hexenküche«.

EU Ecolabel : AT/028/002 Bitte sammeln Sie Altpapier für das Recycling.


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Le se r i n n en m e in u n g

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Wir müssen reden …

LeserInnen an und über uns – Mails, Tweets und hoffentlich Liebesbriefe an die Redaktion – und unsere Antworten.

Betrifft:

Abopreise »Guten Tag, liebe Menschen der Redaktion, ich wende mich heute an euch, weil ich ein paar Fragen habe. Ich möchte mich zunächst einmal sehr herzlich für eure gute Arbeit bedanken. Die Beiträge im Magazin biorama finde ich sehr interessant. Ich finde es auch gut, dass ihr kritischen Journalismus betreibt, ohne den Zeigefinger zu erheben. Ich habe leider die letzten zwei Ausgaben versäumt, weil sie auch in meinem Biomarkt nicht immer erhältlich sind. Im Biomarkt kosten sie nichts. Ihr verlangt im Abo 29 Euro. Warum ist das so? Es gibt wahrscheinlich einige Gründe, außer Wirtschaftlichkeit, warum ihr so handelt! Bitte teilt mir diese Gründe mit. Ich unterstütze euch gern, wenn ich weiß, worum es geht!« Viele liebe Grüße aus Baden-Württemberg sendet euch – Dieter A., per Mail

Lieber Dieter! Wir haben uns vor vielen Jahren dazu entschlossen, mit biorama diesen dualen Weg zu gehen – mit allen Vor- und Nachteilen. biorama ist in einer großen Stückzahl in Österreich und Deutschland in Bioläden und anderen passenden Stellen gratis aufliegend und prinzipiell verfügbar. Wir können so mit unseren Heften sehr viele LeserInnen erreichen. Es ist uns aber klar, dass es für LeserInnen praktisch kaum möglich ist, hier wirklich jede Ausgabe zu bekommen. Für alle, die wirklich jede Ausgabe bekommen wollen, gibt es eben ein Abo – und wir sind sehr froh, dass die Anzahl unserer AbonnentInnen steigt. Ja, der Preis für ein Abo übersteigt die durchschnittlichen Versandkosten. Es handelt sich um eine Pauschale. Wir sehen in AbonnentInnen Menschen, die unsere Arbeit unterstützen möchten und deswegen bereit sind, einen unserer Meinung nach fairen Preis für das Magazin und dessen Versand zu bezahlen. Es spielen also durchaus auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle: Wir entscheiden uns jeden Tag dazu, als Magazin journalistisch und transparent zu arbeiten, möglich ist das im Rahmen eines Medien­unternehmens, das seine Kosten decken will und muss. Und wenn wir dabei auch etwas verdienen, dann freut uns das und gibt allen Beteiligten Spielräume. Wir freuen uns darüber und sind ein wenig stolz, dass du unsere Arbeit gut findest – das motiviert uns, unabhängig davon, ob du Ausgaben im Bioladen mitnimmst oder uns lieber im Abo liest. PS: Um 29 Euro bekommst du nicht nur ein Abo, sondern auch eine Aboprämie dazu!

Bitte mehr davon an redaktion@biorama.eu!


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Bi l d d e r Au sgab e

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ARME SCHWEINE

Bild: Julia Neuhaus & Till Penzek: Die Klimaschweine, kunstanstifter

»Saugut« lassen es sich die Klimaschweine im »Bilderbuch zum Klimawandel« von Julia Neuhaus (Illustration) und Till Penzek (Text) gehen. Sie fressen sich auf Kreuzfahrtschiffen durch den Urlaub, essen Würste in Schweinehautfarbe und Ferkel werden von Müttern in Perlenkette mit dem Monstertruck nicht nur zur Schule, sondern gleich ins Klassenzimmer gefahren. Generell wird der Dringlichkeit des Anliegens Rechnung getragen, indem mehr auf humorvolle, doch klare Botschaften denn auf Subtilitäten gesetzt wird. Das mag nichts für zarte Naturen sein, doch die Wahrheit ist den Schweinen zumutbar. Sie sind nicht allein auf der Welt: Es gibt auch noch Pinguine, die sich, während ihnen das Eis unter dem Pol wegschmilzt, auf die Reise ins Land der Schweine machen und staunen, auf wie viele Arten diese die Klimakatastrophe herauf-


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beschwören. Steigende Meeresspiegel führen zu höherer Gummistiefelproduktion, erst Skipisten ohne Schnee verdeutlichen erfolgreich den Ernst der Lage. Doch während sich dekadente Säue und undiplomatische Eber noch in Sitzungssälen streiten, raufen und mit Weinflaschen bewerfen, wenn ihnen das Wasser bereits bis zu den Knien steht, sind es die Ferkel, die sich für die Position und das Wissen der Pinguine erwärmen können, Lösungen finden und gemeinsam für diese auf die Straße gehen. Nicht mehr abgebildet ist, was passiert, wenn die Ferkel unterwegs auf das Kollegenschwein aus dem Monstertruck treffen. Irina Zelewitz

» Die Klimaschweine« von Julia Neuhaus und Till Penzek. 2020, Kunstanstifter.


In mi t Kooperation us L i n z To u r i s m

MEINE STADT:

LINZ

Lieblingsplätze und Eco-Hotspots

f Touren au Infos und t/ a s. u sm linztouri keit nachhaltig

Text

Eine entgeltliche Einschaltung von Linz Tourismus

Isabella Auer

Schmelztiegel Isabella Auer ist eine in Linz lebende und arbeitende Künstlerin. Ihre Arbeiten reichen von Videos, auffällig animierten GIFs und Pixelexplosionen bis hin zu interaktiven Installationen oft mit Fokus auf popkulturellen Themen.

Umringt von Museen, Restaurants und Bars befindet sich der rot geschotterte OK-Platz, und eine blaue Holzkonstruktion, entworfen vom Architekten Clemens Bauder, erstreckt sich über die Hälfte des offenen Areals und bietet für alle Hintern einen Sitzplatz, um mitgebrachte oder bei den angrenzenden Lokalen gekaufte Getränke zu schlürfen. Als ich vor einigen Jahren zurück nach Linz zog, wurde er für mich zum zweiten Wohnzimmer, im Sommer zum ersten. Blickt man dort in die Runde, scheint es, als wäre ich nicht die Einzige. Hier treffen sich alle – vom Who’s who der Linzer Kreativszene über Straßenpunks bis hin zur Boccia-Gruppe 60 plus. An Sommerabenden gibt’s obendrauf hin und wieder Auflegereien und Konzerte. ooekulturquartier.at

Grillen und chillen Zehn Radminuten vom Zentrum entfernt liegt der rund 300 Meter lange, flach ins Wasser abfallende Schotterstrand. Da dort die Strömung nicht so extrem ist wie beim zentrumsnahen Strand in Alturfahr (auch sehr schön!), kann man sich meiner Meinung nach entspannter hier in der Donau treiben lassen. Außerdem ist es einer der letzten Strände in Linz & Umgebung, an dem Lagerfeuermachen noch erlaubt ist. Das nützen bei passendem Wetter sehr viele Leute, und es ist ziemlich lässig!


Altes Haus, neue Crew Der frühere »Wirt am Graben« ist weitergezogen und hat sich mit erweitertem Team im berühmt-berüchtigten Leopoldistüberl unter neuem Namen, »Die Wirtsleut im Leopoldistüberl«, eingefunden. Das Wirtshaus begeistert mit lokaler Küche mit internationalem Touch und einem Schwerpunkt auf biologischen Zutaten. Jede Woche gibt es ein tolles Mittagsmenü, mit vegetarischer und veganer Option, gekocht mit frischen Zutaten von LandwirtInnen aus der Umgebung. Meine persönlichen Highlights: das »gruschpelige Schweinsbratl« und die veganen »Leinölerdäpfel«! Klimabündnis-Betrieb, nicht biozertifiziert

B ild Is abella Auer, vog.photo, Die Wirtsleut, © FX Stadtwerkstadt

stueberl.diewirtsleut.at

Fundus Sisi-Top ist, wie die kreative Seele Kathrina Becker es am besten beschreibt, ein Gemischtwarenhandel gefüllt mit recycelten Schätzen, von nach KundInnenwunsch gefertigten Hula-Hoop-Reifen bis zu Stickereiarbeiten. Auch gut: an der Bar ein Getränk schlürfen und sich dazu einen Spezialtoast gönnen. sisi-top.com

Open Spaces Das Café Strom in der Linzer Stadtwerkstatt vereint so ziemlich alles, was das Herz begehrt: botanischer Garten im Inneren, gratis Auflegereien am Wochenende, unglaublich gute Sambusas vom afrikanischen Restaurant Tamu Sana nebenan und ein sonniger Gastgarten, der übergeht in die Ars-Electronica-Stufen (auf denen man auch mitgebrachte Getränke konsumieren kann). Das Strom ist allerdings besonders stolz auf seine große Auswahl an regionalen Saft-, Bierund Schnapsspezialitäten! Schwerpunkt auf Fairtrade-Produkten; nicht biozertifiziert strom.stwst.at


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street talk Wir fragen, 10 ETHISCHE ANTWORTEN.

» Hat die Pandemie deinen FleiscHkonsum verändert?« interview und Bild Leonie Stieber und Florian Jauk

Fanny,

21, Musikstudentin »Ich esse sogar mehr Fleisch, weil es leicht zuzubereiten ist und ich als Studentin wenig Zeit zu kochen und für den Kauf frischer Lebensmittel habe. Ich habe lange vegetarisch gelebt, durch meine Blutwerte kam ich wieder dazu, Fleisch zu essen. Wenn ich Fleisch kaufe, greife ich zu Produkten, bei denen ich glaube, dass das Tier besser behandelt wurde. Prinzipiell achte ich im Supermarkt auf Gütesiegel, und ich habe um die Ecke einen Fleischhauer, bei dem das Fleisch von einem Bauernhof kommt.«

Miriam,

21, Wirtschaftsrechtsstudentin »Durch Corona habe ich weniger Fleisch gegessen. Zuhause bei meinen Eltern ist die Konversation aufgekommen, ob wir jetzt weniger Fleisch essen sollen. Und das ziehen wir alle relativ gut durch. Nur als ich ausgezogen bin, ist mein Fleischkonsum zuerst wieder etwas mehr geworden, eben weil Fleisch einfach zu kochen und billiger ist. Meine Versuche, lokal zu kaufen, haben dazu geführt, meinen Fleischkonsum nochmals zu hinterfragen. Dazu kommt, dass mir Fleisch nicht mehr wahnsinnig gut schmeckt. Die Pandemie hat Gespräche über Fleischkonsum, denke ich, verstärkt.«

so viel darüber nachgedacht, es hat mir einfach gutgetan. Aber je mehr man jetzt hört, umso wohler fühle ich mich damit. Den Zusammenhang zwischen Viren und Massentierhaltung gibt es jedenfalls. Man weiß, dass die von Tieren übergesprungen sind. Wenn man sieht, wie es in den Fabriken zugeht … das ist ja so was von grausig. Dass der Mensch nicht gesund sein kann, wenn die Umwelt krank ist, liegt auf der Hand. Wenn die Menschen weniger Fleisch essen würden, könnte sich die Umwelt erholen und es wäre für alle genug da. Bio ist mir bei allem wichtig, aber regionales Bio. Ich will Biosachen, die aus der Umgebung kommen.«

SIMON,

ALBERT,

67, Pensionist »Ich lebe seit 40 Jahren vegetarisch. Damals habe ich nicht

25, Student der Sozialen Arbeit »Mein Fleischkonsum hat sich während der Pandemie verändert. Vor allem, weil ich viel mehr selber koche und nicht gerne Fleisch angreife. Seit Corona esse ich nur noch einmal pro Woche Fleisch. Und da auch wirklich nur Biofleisch. Ich glaube, dass sich das in Zukunft bei


mir noch weiter ändern wird, vielleicht werde ich sogar Vegetarier. Ich denke aber, für die Mehrheit der Menschen ist kein Zusammenhang zwischen der Pandemie und Fleischkonsum erkennbar. Bei den Leuten herrscht im Kontext Massentierhaltung und Krankheiten ein »Wurschtigkeitsgefühl«. Der Großteil der Menschen wird weiterhin Billigfleisch kaufen und die, die sich davor schon anders verhalten haben, fühlen sich bestätigt. Es sind grundlegende Strukturen, die geändert werden müssen, KonsumentInnen haben da nicht so einen großen Einfluss. Und Fleisch ist billig zu haben. Die Preise sind ein Witz, die kann es eigentlich gar nicht geben.«

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35, Elektriker »Ich sage mir immer: Fleisch ist nicht da, um gegessen zu werden. Ich esse auch Fleisch, aber denke mir manchmal, das ist nicht richtig. Es ist schwer, aufzuhören. Ich glaube, 80 Prozent der Leute wissen, dass es schlecht ist, aber es ist ihnen egal. Jeder weiß, dass die Pandemie vom Fleisch kommt. Weil es die Wissenschaft sagt. Ich versuche, aufzuhören, Fleisch zu essen, aber es ist schwierig, weil ich den Geschmack mag. Ob Bio oder nicht, zählt für mich nicht. Fleisch ist Fleisch.«

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» Hat die Pandemie deinen FleiscHkonsum verändert?«

Food. Das ist gut. Aber wenn in einer Familie beide Eltern arbeiten gehen müssen, ist das Bio­ kochen oft finanziell und zeitlich nicht möglich. Momentan sind die Billigproduktion und die Lobby dahinter zu mächtig.«

ja nicht anders kommen, wenn man bedenkt, wie eng die Tiere nebeneinander leben, und man sieht, wie schmutzig es ist. Weniger Fleisch wäre, glaub ich, für jede und jeden gut. Wichtig ist, dass es individuell zum Lebensstil passt und man glücklich ist mit der eigenen Ernährung.«

NORA,

TABEA,

CHRISTINE,

72, Pensionistin »Mein Fleischkonsum hat sich seit der Krise nicht verändert. Ich komme aus einem Dorf in Kärnten, wo wir unsere FleischlieferantInnen haben und unser frisches Fleisch. Ich bin eher eine Fleisch-Mitesserin. Mein Mann isst viel und gerne Fleisch, wenn ich alleine bin, esse ich kein Fleisch. Wenn ich in Wien bin, esse ich weniger Fleisch, und wenn, dann kaufe ich Biohendl. Um hier nicht einkaufen gehen zu müssen, habe ich Gemüse mitgenommen. Ich glaube an keinen Zusammenhang zwischen Tierhaltung und der Pandemie. Für den ländlichen Bereich, in dem ich zuhause bin, kann ich sagen: Die, die FleischesserInnen waren, sind’s geblieben. Es wurde allgemein mehr zuhause gekocht, was weniger gegessen wird, ist Fast

24, Studentin »Ich lebe seit anderthalb Jahren vegan. Ich seh’s aber in meiner Familie: Einer meiner Brüder ist jetzt durch die Pandemie Vegetarier geworden. Einfach, weil er Zeit hatte, sich Dokus anzuschauen, und weil wir mehr Zeit hatten, darüber zu reden. Meine Eltern essen jetzt auch viel weniger Fleisch. Für mich würde es nie infrage kommen, Fleisch zu essen, weil es immer darauf hinausläuft, dass ein Tier sein Leben wegen mir in Gefangenschaft verbringt. Ob es nun ein schönes Leben in Gefangenschaft hat oder nicht. Ich vermisse es tatsächlich auch gar nicht. Ich sehe auch einen Zusammenhang zwischen Tierhaltung und dem Coronavirus. Das kann

24, Studentin »Ich esse gar kein Fleisch, aber Fisch. In der Pandemie hab ich mehr gekocht. Ich sehe auf jeden Fall einen Zusammenhang zwischen Viren und Fleischproduktion. Das ist ja ein bekannter Fakt und wird sichtbar bei Antibioti­ karesistenzen in Deutschland oder auch an Beispielen wie der Vogelgrippe. Wenn ich Fleisch essen würde, wäre mir Bio wichtig. Da würde ich nur solches Fleisch essen und keinen betrunkenen Döner. Ich bin eigentlich schon immer Vegetarierin, wie meine ganze Familie. Ab und zu essen wir eben Fisch.«


ROLAND,

24, Student »Die Pandemie hat meinen Fleischkonsum nicht großartig verändert. Ich esse fast ausschließlich Biofleisch, je nach Saison auch Wild. Ich habe vor Corona ungefähr fünfmal die Woche selbst gekocht, jetzt jeden Tag. Das Wohl der Tiere ist ein Grund, warum mir Bio wichtig ist. Solange ich mir das leisten kann, ist das selbstverständlich. Wenn ich in den Supermarkt gehe, graust es mir vor den meisten Produkten. Es gibt meistens ein Biohenderl, das ist dann auch schon vormittags ausverkauft. Somit esse ich eher Gemüse, sonntags dann aber schon eher Fleisch. Durch die Corona-Ausbrüche in den Schweinefleischbetrieben beispielsweise ist das Thema schon noch einmal in den medialen Vordergrund gerückt. Doch wir wissen eigentlich schon seit Jahren, dass Massentierhaltung in Österreich und in Europa die Normalität ist. Das ist ein gesellschaftliches Problem: Heutzutage ist die Message der Industrie eigentlich »JedeR kann sich Fleisch leisten, so oft man will«. Und das ist meiner Meinung nach völlig falsch. Ich glaube nicht, dass sich durch die Pandemie in dem Bereich viel ändern wird. Vor allem, weil die Menschen jetzt ganz andere, neue Probleme haben.«

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Gl o bal Vil l ag e

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Deutschland:

Deutschland:

Dörrwerk verkauft Lebensmittel, die eigentlich gar nicht bei den KundInnen landen sollten.

Ein deutsches Unternehmen verkauft aussortierte Produkte und schafft damit Vorteile für KundInnen und ProduzentInnen.

Dörrwerk verarbeitet aufgrund optischer Mängel aussortierte Lebensmittel zu neuen Produkten. 2014 begann das Berliner Unternehmen, Obst, das es nicht in den Handel schafft, aufzukaufen und zu einem haltbaren Produkt weiterzuverarbeiten: Fruchtpapier der Marke Dörrwerk – produziert mit Äpfeln, die vorrangig aus Deutschland stammen und von Super­märkten nicht gekauft werden. Das Apfelfruchtmark wird mit einer Zweitfrucht kombiniert – etwa Mangos, Ananas, Erdbeeren oder Brombeeren, welche ebenfalls nicht mehr »erste Wahl« sind. Durch ein Crowdfunding 2015 wurde ein größeres Dörrwerk finanziert und der Vertrieb auf ganz Deutschland ausgeweitet. Mittlerweile ist das Fruchtpapier auch in Österreich erhältlich. Auch die Produktpalette konnte vergrößert werden – mit der Marke Rettergut verarbeitet Dörrwerk nicht mehr nur Obst, sondern verschiedenste Lebensmittel weiter. Etwa Mais-Hartweizen-Fusilli, die aus Nudeln produziert werden, die aufgrund ihrer zu langen Enden bei der Herstellung aussortiert werden und für den Müll vorgesehen sind. Über Umwege landen sie aber bei Dörrwerk, wo die überlangen Endstücke weiterverarbeitet und unter dem Namen Rettergut in den Handel gebracht werden. Rettergut ist für den Bundespreis 2021 des deutschen Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft nominiert. Florian Jauk

Das Kölner Unternehmen Veggie Specials versucht, qualitativ hochwertige Produkte einer möglichst breiten Masse möglichst günstig zur Verfügung zu stellen. Da bei der Produktion und der Verpackung von Gütern immer wieder Fehler passieren und beispielsweise eine Packung zu viel eines Produkts enthält oder Inhaltsangaben falsch gedruckt wurden, landet vieles vor dem Verkauf im Müll. Hier kommt Veggie Specials ins Spiel, kauft den ProduzentInnen die für die Entsorgung vorbereiteten Produkte in großen Mengen vergünstigt ab und kann dadurch hochwertige vegane Bioprodukte zu sehr niedrigen Preisen im eigenen Onlineshop, der nur vegane Bioprodukte enthält, anbieten. Wenn die vom Handel aussortierten Lebensmittel beispielsweise aufgrund falscher Mengenangaben auf der Verpackung entsorgt werden müssen, kann sie Veggie Specials außerdem überarbeitet als eigene Marke mit Verweis auf die verantwortlichen HerstellerInnen verkaufen. Unter den rund 100 Artikeln finden sich neben Lebensmitteln auch Kosmetikartikel, die von Veggie Specials vor der Tonne gerettet wurden. Das leistet nicht nur einen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung und trägt zu einer gerechteren Güterverteilung bei, sondern hilft auch Partnerunternehmen, mit ihrer Produktion insgesamt nachhaltiger zu werden und Entsorgungskosten zu sparen. Florian Jauk

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An altem Obst knabbern


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Erinnerungen

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als Textilfreundin Was für ein wunderbares Gefühl es ist, nach BOTSWANA zurückzukehren und die trockenen Steppen, den grünen Dschungel und die reiche Textiltradition des Landes noch einmal erleben zu dürfen – wenn auch nur im Geiste. Unsere Fantasiereise inspiriert uns zu FARBSTARKEN und KONTRASTREICHEN Mustern mit tropischen Früchten, rankenden Blättern und der einen oder anderen Tulpe.

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Zo o no se

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Das Virus, die Tiere, das Fleisch Im Clinch mit der Evolution.

I

n einem Gespräch über die Coronakrise landet man unweigerlich und immer wieder beim Fleisch. Man begegnet dem Aspekt auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Kontexten. Bei der Frage nach der biologischen Herkunft, weil es sich bei der Krankheit höchstwahrscheinlich um eine von Tieren auf den Menschen übertragende handelt, bei der Frage nach der geografischen Herkunft, weil recht schnell ein Markt für Wildfleisch in Südchina identifiziert werden konnte, bei der Frage der Ausbreitung, weil sich die Schlachthöfe der Massentierhaltung als Brutstätten des Erregers erwiesen haben, und schließlich in der Diskussion um die Zukunft. Weil die nur funktionieren kann, wenn wir das System Fleisch radikal verändern. Früher war alles anders. Ganz früher. Also vor dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, als unsere VorfahrInnen noch jagten und sammelten.

Das war vor etwa 9000 Jahren. Damals kamen sich der Homo sapiens und seine Beute nur einmal wirklich nahe. Bei der Jagd. Dass dabei ein Virus seinen alten Wirt (das Tier) verlässt und sein Glück in einem neuen Wirt (dem Sapiens) versucht, war höchst unwahrscheinlich. Aber die Zeiten ändern sich, die Menschen wurden sesshaft und begannen, »ihre« Tiere zu domestizieren. Und genau hier beginnt das Drama.

Haus-Tiere Die Ackerbäuerinnen und Ackerbauern der ersten Stunde holten sich die Tiere buchstäblich ins Haus und lebten auf engstem Raum mit ihnen. Ein eigenes Haus für Kühe, Schafe oder Schweine (heute als Stall bekannt)? Undenkbar. Außerdem sorgten Tiere, vor allem die großen Rinder, für warme Stuben. Aber alles hat seinen Preis, und der Preis für die konstante Versorgung mit Milch, Fleisch und Arbeitskraft war

Bild Istock.co m/So mrerk Ko solwit thayana nt

Text Jürgen Schmücking


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Menschen überträgt. Das ist auch der Grund, warum man sich und sein Zelt bei Reisen nach Afrika oder Südostasien mit stärkeren Pestiziden einsprüht als einen konventionell bewirtschafteten Getreideacker: um Stiche von zum Beispiel malariaübertragenden Mücken zu vermeiden. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte könnte man meinen, wir wären gewarnt gewesen. Waren wir auch. Nur hörten wir die Rufe nicht. Namhafte EpidemiologInnen warnen uns seit Jahrzehnten vor dem, womit wir im Moment konfrontiert sind. Einer von ihnen ist Rob Wallace, Epidemiologe, Evolutionsbiologe und Berater von Organisationen wie fao, uno und der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde (cdc). Was er sagte, klingt aus heutiger Sicht verblüffend prophetisch: »Das Establishment scheint bereit zu sein, einen Großteil der weltweiten Produktivität aufs Spiel zu setzen, die katastrophal einbrechen wird, wenn zum Beispiel in Südchina eine tödliche Pandemie ausbricht.«

Wilde Formen

(und ist) ein hoher: Krankheiten, die von Tieren auf Menschen (und manchmal auch umgekehrt) springen und dort im Organismus massive Schäden anrichten. Die Liste dieser Zoonosen, so der Fachbegriff, liest sich wie das Who’s who der schlimmsten Seuchen in der Geschichte unserer Spezies: Aids, Tollwut, Gelbfieber, Ebola, mers. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sars-cov-2. Aber zum Beispiel auch die Masern. Sie waren dabei einer der ersten Kandidatinnen. Der ›Spillover‹, der Sprung über die Artengrenze, erfolgte laut einer neueren Studie von Sébastien Calvignac-Spencer vom Robert-Koch-Institut vor etwa 2500 Jahren. Vom Rind auf den Menschen. Manche dieser Übertragungen erfolgen direkt. Etwa durch Hautverletzungen aufgrund von Bissen oder Kratzern, wie etwa bei der Tollwut. Bei anderen ist ein Vektor, ein Überträgerwirt, notwendig, der den Erreger vom Reservoirwirt auf

Das war 2009. Zehn Jahre später, Ende 2019, sickerten aus China die ersten Nachrichten über einen solchen Erreger durch. Rob Wallace, als Experte immer noch im Spiel, dazu: »Das Virus entstand am Endpunkt einer regionalen Lieferkette für exotisches Essen und setzte eine Übertragungskette von Mensch zu Mensch am anderen Ende der Stadt Wuhan in Gang.« Dabei ist anzumerken, dass unter »exotischem Essen« Wildtiere verstanden werden, die – teils lebend, teils geschlachtet und zerlegt – in einem bestimmten Teil des Marktes angeboten werden. Wallace dazu weiter: »Diese Tiere wurden nicht von der Ladefläche eines Lastwagens herab oder in einer dunklen Gasse verkauft. Die mittlerweile global tätige Wildfleischbranche wird immer formalisierter, größer und wird aus den gleichen Kapitalquellen gespeist wie die industrielle Produktion von Nutztierfleisch.« In China sind das die Schweine. Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Wildfleischmarkt und industrieller Massentierhaltung wird immer schwieriger, zumal »Wildfleisch« seinem Namen immer weniger gerecht wird. Unter der Bezeichnung ›Commercial Wildlife Farming‹

Der globale Markt für Wildtiere ist 88,8 Mrd. Euro schwer. Der Markt für Wildtiere in China betrug 2016 laut Chinese Academy of Engineering 66,6 Mrd. Euro.


Zo o no se

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sind Betriebe zusammengefasst, in denen vormals wild lebende Tiere gezüchtet und gemästet werden.

Der Stall im 10. Stock Chinas Anteil am österreichischen Schweinefleischexport 2019: 11 % Wachstum gegenüber der Vorperiode: 494 % Quelle: Statistik Austria (2020)

Die Kulturgeschichte des Fleischkonsums ist keine konstante Entwicklung. Vor allem, was die räumliche Nähe zwischen Mensch und Nutztier betrifft, ist im Lauf der Zeit eher ein oszillierendes Pulsieren zu beobachten als eine kontinuierliche Veränderung. Während die ersten Ackerbäuerinnen und Ackerbauern, wie bereits beschrieben, auf Tuchfühlung und engstem Raum mit ihren Nutztieren wohnten, leben ihre NachfahrInnen heute getrennt von ihnen. Zu dieser Trennung kam es bereits im Mittelalter, und sie hatte mit der Entstehung der Städte zu tun. Erst von Haus und Stall, später dann von Haus und Schlachtbetrieb, noch später verschwanden Zucht und Schlachtung gar aus den Dörfern und wanderten an den Rand der Städte. In China wird diese Entwicklung gerade wieder umgekehrt. Die Politik holt die Schweine zurück in die urbanen Gebiete, und weil China weltweit der größte Schweinefleischverbraucher ist, sind dafür bizarre Maßnahmen erforderlich. Rund um Peking entstehen im Moment gigantische mehrstöckige Schweine­ farmen. Gebäude, die von außen nicht von einem überdimensionalen Gemeindebau zu unterscheiden sind. Zehn Stockwerke, auf denen jährlich 150.000 Schweine gezüchtet und gemästet werden. Die Afrikanische Schweinepest hat aber ein Viertel des Schweinebestands Chinas dahingerafft, was in diesem Land zu einer veritablen Preis- und Versorgungskrise führte. Die Entwicklung zu Intensivierung und

Produktivitätssteigerung ist einer der Gründe für die Entstehung der bizarren Schweinebezirke nahe den Metropolen. Ein anderer ist der Versuch, die Schweine vor dem Kontakt zu ihren wild lebenden Artgenossen zu schützen. Auch in Europa gelten Wildschweine als die zentralen Überträger der Schweinepest, nachdem die Infektionskrankheit 2007 auf einem Transportschiff aus Afrika zuerst Georgien erreichte, sich von dort aus zuerst im Kaukasus und schließlich 2014 auch in Mitteleuropa ausbreitete. Auch wenn die Afrikanische Schweinepest keine Zoonose ist und somit für Menschen ungefährlich: Es können auch unsere Nutztiere, sprich die Hausschweine, infiziert und Schweinemastbetriebe sowie Schlachthöfe zu Superspreader-Hotspots zwischen den Tieren werden. Womit wiederum eine viel größere und dauerhafte Nähe zum Menschen entsteht – doch derzeit wird dem Erreger kein zoonotisches Potenzial zugeordnet. Klar ist: Die Afrikanische Schweinepest hat massive Auswirkungen auf unsere Fleischversorgung. In Deutschland trat sie im Spätsommer 2020 erstmals auf, in Österreich beobachtet man die Lage in den Nachbarstaaten mit Argusaugen: In der Nähe von Brandenburg fanden JägerInnen ein verendetes Wildschwein, das, wie sich schnell herausstellte, mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert war. Damit ist Deutschland praktisch über Nacht ein wesentlicher Absatzmarkt weggebrochen. Länder wie China, Korea oder Japan reagieren in der Regel höchst sensibel, wenn es um Lebensmittelsicherheit geht. Ein einziger amtlich bestätigter asp-Fall reicht, um den gesamten Import von Schweinefleisch aus diesem Land zu stoppen. Und diese Länder importieren so gut wie alles, was vom europäischen Schwein übrig bleibt, wenn sich der heimische Markt an den Keulen, Filets und Koteletts bedient hat. Also Köpfe, Ohren und Füße, und zwar in so großen Mengen, dass der Einfluss dieser Länder auf den Fleischpreis enorm ist. Der dadurch entstehende Preisdruck führt unweigerlich auch zu einem Kosten- und auch Wachstumsdruck. Die Bekämpfung der Seuche ist unserem Kampf gegen Covid-19 nicht unähnlich: Abgrenzung, Quarantäne, Hygieneregeln, die Suche nach einem wirksamen Vakzin. Einziger Unterschied: die Notkeulung. Tritt in einem Betrieb ein Fall auf, gibt es auch für den Rest des Tierbestands am Hof keine Überlebenschance.

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Corona, die Lupe für den Stachel im Fleisch Die Pandemie nahm von einem Wildtiermarkt in Südchina aus ihren Lauf. Die Bilder von den Marktständen in Wuhan gingen in den ersten Monaten des Coronajahres 2020 weltweit durch die Medien. Wir werden also darüber nachdenken müssen, wie mit diesen Märkten künftig umzugehen ist. Der Markt in Wuhan selbst wurde zwar zuerst geschlossen und dann desinfiziert, mittlerweile aber wieder eröffnet. Der informelle Charakter dieser Märkte macht es oft schwer, gewisse Mindeststandards anzuwenden sowie rechtliche Kriterien wie Genehmigungen, Steuern, Regulierungen, Kontrollen und eine Mindestausbildung von Marktanbietern durchzusetzen. Hier ein entsprechendes Regulativ zu finden und das strikte Verbot der Vermarktung sowohl von gefährdeten Arten wie auch von Tieren, denen VirologInnen ein hohes zoonotisches Potential zuschreiben, wären notwendige erste Schritte. In Europa lenkte Covid die Aufmerksamkeit auf eine andere Stelle. Hier, vor allem in Deutschland, haben sich die größeren Schlachthöfe als Brutstätten für das Virus entpuppt. Das hat zwar nichts mit den Tieren selbst zu tun, sehr wohl aber mit den Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen, die für wenig Lohn in hygienisch fragwürdigen Absteigen hausen, um sicherzustellen, dass ›unser Fleisch‹ auch billig genug angeboten werden kann. Genau betrachtet ist dieses Problem ein grundlegendes. Niemand wäre verwundert gewe-

21 sen, hätten sich die Substandardquartiere polnischer ErntehelferInnen oder SpargelstecherInnen als Infektionsherde erwiesen. Erwischt hat es aber Schlachthöfe und fleischverarbeitende Betriebe, und der Fokus des öffentlichen Interesses fiel dabei eher auf eine klaffende Wunde als auf einen wunden Punkt. Ein weiterer Punkt sei zum Abschluss noch erwähnt, der ausschließlich mit unserem Lebensstil (indirekt jedoch sehr wohl auch mit dem System »Billigfleisch«) zu tun hat. Der massive Anstieg unserer Lust auf Fleisch hat zu einer nicht minder massiven Zunahme an Zivilisationskrankheiten geführt. Präziser formuliert: Die Zunahme des Fleischkonsums erhöht das Risiko, an einer (oder mehrerer) dieser Krankheiten zu erkranken. Letztlich erhöhen – womit wir wieder beim Thema Corona wären – Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Krankheiten, die allesamt mit Fleischkonsum in Verbindung gebracht werden) das Risiko für einen »schweren Verlauf« bei einer Infektion mit sars-cov-2. Die Fleischindustrie hat gezeigt, dass sie auf schmerzliche Weise systemrelevant ist, und sars-cov-2 hat uns deutlich vor Augen geführt, dass unser Umgang mit Nutztieren und unser Fleischkonsum ein Irrweg sind. Es wird darum gehen, eine Form der Landwirtschaft zu finden, die einen Ausweg aus der Krise bietet. Und die Zeit drängt.

Seriöse weiterführende Informationen gibt es unter anderem bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der Welternährungsorganisation der UNO (Food and Agriculture Organization, FAO). efsa.europa.eu/en fao.org


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Unsere kleinen und groSSen Farmen

Text Irina Zelewitz

V

on welchen Tieren die nächste große Zoonose ausgehen wird, ist noch nicht fix. Davon, wie groß die Risiken sind, die von Tierkrankheiten für den Menschen ausgehen, haben wir inzwischen eine konkretere Vorstellung. Von den Gegenmaßnahmen weniger. Was tun, wenn es – irgendwie – um Wildtiere und auch Nutztiere geht, wenn ganz offensichtlich ein System krankt und man trotzdem irgendwo anfangen muss und möchte?

Der Bilderbuchbauernhof Die dominierende Idealvorstellung der Produktion tierischer Lebensmittel ist eine, wo unterschiedlichste Nutztiere, und von jeder Art möglichst wenige, zusammenleben, wenige Meter getrennt vom Lebensraum der LandwirtInnenfamilie. Ab und zu schaut der Fuchs auf einen Sprung über den Zaun vorbei. Der Fuchs kann eine Krankheit mitbringen oder auch nicht, meistens bleibt er nicht lang. Die Stalltiere sind manchmal auch krank, die möglichen Ursachen dafür so vielfältig wie die Konsequenzen. Gleichzeitig werden weltweit 100.009.773 Tonnen Schweinefleisch produziert. (Die Zahl

stammt aus dem Jahr 2019.) Von keinem Tier wird mehr Fleisch gegessen. Wir EuropäerInnen sind mit unserem Pro-Kopf-Konsum vorne dabei, aber mit unserer Produktion von 150 Millionen Schweinen liegen wir sogar in absoluten Zahlen international an zweiter Stelle hinter China. Abschreckende Bilder der für diese Mengen zwangsläufig auch notwendigen Massentierhaltung begleiten uns schon lange, doch wir sehen sie in der Pandemie womöglich mit etwas anderen Augen. Der Zusammenhang zwischen der Massentierhaltung und der Zoonosegefahr ist allerdings ein indirekter und einer, der noch zu erheblichem Teil im Dunkeln liegt. Adi Steinrigl, Veterinärmediziner mit Spezialisierung auf Tierseuchendiagnostik, ist ob der Datenlage vorsichtig mit Erklärungen, warum Zoonosen häufiger werden. »Im Moment schaut es so aus, als hätte das damit zu tun, dass sich die Lebensbereiche von Wildtieren und Menschen zu sehr überschneiden. Und dass Menschen international so mobil sind.« Langsam kennen wir die Geschichte: Die Rückzugsräume von Wildtieren wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer kleiner: durch

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Was hat Bio mit Biosicherheit zu tun?


Ausdehnung von Siedlungsraum, aber maßgeblich etwa auch durch Zerstörung von Lebensräumen, etwa durch Abholzung. Biodiversität klingt nett als Ziel, benennt man ihren Effekt, nämlich Ökosystemleistungen, klingt ihre Notwendigkeit etwas mehr durch.

Prävention wovor? Der Kontakt zwischen Wildtier, Nutztier und Mensch ist mitunter bei eigentlich artgerechter Haltungsform der Nutztiere größer. Steinrigl nennt die Weidehaltung als Beispiel: Das sei in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Massentierhaltung. Doch hier ist das zoonotische Potenzial größer. Die doppelte Umzäunung, die bei Freilandhaltung oft vorgeschrieben sei, habe genau diesen Hintergrund, Haustiere beziehungsweise Nutztiere von Wildtieren zu trennen. Auch das ist letztlich Zoonoseprophylaxe, nämlich schon in der ersten Stufe des Übersprungs – vom Wildtier auf das Nutztier. Das genannte zoonotische Potenzial beschreibt hier freilich die Möglichkeit der Übertragung und weniger die Mutationswahrscheinlichkeit zur Zoonose. Denn im Idealfall verhindern Biosicherheitsmaßnahmen schon den Eintrag eines Erregers in einen Betrieb. »Entweder ich rotte die Krankheit im Wildtier aus, aber dazu muss ich zuerst mal von ihr wissen. Oder ich überlege mir Maßnahmen, wie ich den Übersprung auf das Nutztier verhindere«, bringt Steinrigl die Präventionsmöglichkeiten im Anlassfall auf den Punkt. Doch die Anlassfälle sind viele und die Fälle, in denen keine der beiden Strategien flächendeckend funktioniert, auch.

Viren in Massen Zur Veranschaulichung wird der Schweinebetrieb gern mit einem Kindergarten verglichen: Wie Kinder, die die ersten Male in den Kindergarten kommen, würden auch Ferkel in einem neuen landwirtschaftlichen Betrieb am Anfang häufig krank. Die Ferkel bekommen dagegen, wie der in einer Gemeinschaftspraxis in Ingolstadt praktizierende Veterinärmediziner und Politiker Rupert Ebner in seinem Buch »Pillen vor die Säue« beschreibt, prophylaktisch Antibiotika. Denn es werden Tiere von unterschiedlichen Betrieben zugekauft und zusammengebracht. »In dem Augenblick, in dem drei Wochen alte Ferkel aus Niederösterreich, wo sie produziert werden, nach Niedersachsen, wo man sie mästet, transportiert werden, sorgt spä-

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testens der Transportstress für ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko. Dann wird ein Antibiotikum zwangsweise notwendig«, sagt Ebner. Seine Antwort ist der geschlossene Betrieb, wenn Ferkel dort gemästet werden, wo sie zur Welt kommen, könnten Antibiotika und Medikamente in relevantem Ausmaß eingespart werden.

Von Risiken und Nebenwirkungen Mit oder ohne Antibiotikagabe: Wenn eine Infektionskrankheit auftritt, macht es natürlich einen Unterschied, ob 20 Schweine oder 20.000 Schweine gemeinsam gehalten werden. Je mehr Wirte auf engem Raum, desto größer die Chance des Virus auf Veränderung – auf Mutation. Ob ein Virus wirklich auf den Menschen überspringt, weiß man immer erst nachher. In Laborstudien kann man feststellen, ob man zum Beispiel Zellkulturen von Menschen mit einem bestimmten bei Schweinen festgestellten Virus infizieren kann. Mitunter zuvor schon sehe man es an den Personen, die mit den Tieren in Kontakt kommen: LandwirtInnen, TierbesitzerInnen, SchlachthofmitarbeiterInnen.

Adi Steinrigl ist Veterinärmediziner mit Spezialisierung auf Tierseuchendiagnostik. Er forscht in der Abteilung Molekularbiologie am Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen der österreichischen Agentur für Ernährungs­ sicherheit – AGES.

Frage der Haltung Das Risiko dafür bzw. die Maßnahmen, die verhindern, dass Krankheitserreger in einem Betrieb auftreten und sich dort verbreiten, werden als Biosicherheit (oder als Bestandteil davon) bezeichnet. Sie hat abhängig von Tier, Rasse und Haltungsform jeweils andere Voraussetzungen. Die Biosicherheit hängt sowohl bei Betrieben mit als auch jenen ohne Freilandhaltung vom Betriebsmanagement ab. Und über dieses Betriebsmanagement in puncto Biosicherheit geben Gütesiegel und Kleingedrucktes auf Produktverpackungen oder Auszeichnungen in der Gastronomie nur begrenzt Auskunft.

Biosicherheit umfasst laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Eindämmungsprinzipien, Technologien und Praktiken, die den Kontakt mit Pathogenen und Giften sowie deren Freisetzung verhindern sollen. Unter Pathogenen versteht man potenziell krankmachende Erreger wie Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten.

Bauer sucht Sau Dass allerdings Betriebsmanagement gleichzeitig an natürliche Grenzen stößt, wo das Betreuungsverhältnis zwischen landwirtschaftlicher Arbeitskraft und Tier aus den Fugen gerät, wiederholt Rupert Ebner inzwischen seit Jahrzehnten. Er glaubt nicht, dass bei Schweinemasteinheiten ab 5000 Tieren der Betreuungsschlüssel akzeptable Bedingungen bieten kann: »Die Mensch-Tier-Relation muss trotz der Systeme zur Überwachung der Futteraufnahme, die es heute gibt, passen.« Denn es bräuchte immer an

2019 wurden 13.777.357 lebende Schweine zur Mast nach Deutschland importiert und 2.068.207 Tiere exportiert.


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Zoonosen beschränken sich nicht auf Viren, sondern auch Bakterien, Parasiten und Pilze können zwischen Tieren und Menschen übertragen werden. Unter den vielen Erregern, die das können, fällt es manchen doch einfacher als anderen. Bei der Afrikanischen Schweinepest konnte hier bisher auf keine der beiden Weisen zoonotisches Potenzial festgestellt werden. Und bei SARS-CoV-2 gibt es bisher keinen Hinweis, dass Schweine sich infizieren ließen.

Rupert Ebner Der Veterinärmediziner und Grünpolitiker war schon Vizepräsident der Bayerischen Landes­ tierärztekammer und Umwelt- und Gesundheitsreferent von Ingolstadt. Heute ist er Leiter von Slow Food München.

einem bestimmten Punkt einen Menschen, der diese Daten ausliest und sich entsprechend um das Tier kümmert. »Für mich ist das ein ganz großer Kompromiss, wenn ich sage, bei Milchkühen ist eine vernünftige Obergrenze 300, bei Sauenhaltung 250 und bei Masteinheiten für Schweine sollte mit 5000 genug sein.« Davon ist die Realität meilenwert entfernt. Und dem Veterinär Ebner zufolge hat damit zusammenhängend der haltlose Einsatz von Antibiotika in der Schweinemast begonnen. Seit dessen Boom Ende der 80er-Jahre habe sich kaum etwas verändert. Denn Antibiotika würden erstens nach wie vor nur teilweise zur Heilung von Krankheiten eingesetzt, sondern auch zur Wachstumsförderung. »In Europa weniger, doch weltweit – etwa auch in den usa – ist es noch üblich, dass Antibiotika in niedriger Dosierung standardmäßig ins Futter gemischt werden, weil dann die täglichen Zunamen besser sind.« Zweitens würden Antibiotika oft nicht gezielt eingesetzt, wenn sie nicht nur kranken Tieren verabreicht werden, sondern nach wie vor zentral ins Futter oder Trinkwasser gemischt würden.

Reduktionen auf dem Papier

»Pillen vor die Säue« das Rupert Ebner gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Eva Rosenkranz verfasst hat, trägt den Unter­titel »Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden«. 2021, Oekom.

Die Antibiotikagaben in der Landwirtschaft haben mindestens in der Bekämpfung der Folgen der Zoonosen – in der Behandlung von erkrankten Menschen – Konsequenzen. Dass laufend niedrigere Höchstgaben von Antibiotika und Voraussetzungen für deren Verabreichung beschlossen werden, beeindruckt Ebner wenig. »Die Hauptproblematik bei der Resistenzenentwicklung ist ja eine falsche Dosierung. Wenn Sie richtig dosieren und wirklich die Zielkeime töten, entstehen kaum Resistenzen. Die entstehen, wenn Bakterien das gerade so überleben. Und ihre Genetik, die sie zu diesem Gerade-Überleben gebracht hat, an ihre nachfolgenden Generationen weitergibt.« Er zweifelt daran, dass wir derzeit schon einen Rückgang der Antibiotika-

behandlungen in der Tierhaltung erleben: »Wir haben überhaupt keinen Anhaltspunkt, keine Zahlen zum Antibiotikaeinsatz, mit denen wir was anfangen können. Der glaubwürdige Index wäre: Wie viele Tage im Mastleben eines Tieres steht es unter Antibiotika?« Wenn man diese Zahlen erheben würde, ist sich Ebner sicher, würde sich zeigen, dass sich in den vergangenen Jahren nur die Verabreichungsart verändert hat, nicht aber der Antibiotikaeinsatz im Verhältnis zur Mastdauer. »Es sind auch die insgesamt verabreichten Tonnen zurückgegangen. Aber die sind kein Maßstab für die Häufigkeit der Antibiotikatherapie bei Tieren.« Das dazugehörende bekannte Problem und die eigentliche Quintessenz in Ebners Buch: Der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung ist ein wesentlicher Grund für steigende Antibiotikaresistenzen bei Menschen. Der Weg in die »post-antibiotische« Gesellschaft würde einen Verlust der Behandelbarkeit vieler unserer Krankheiten bedeuten: »Wenn wir keine wirksamen Antibiotika haben, dann gibt’s auch keinen Gelenksersatz, keinen Organersatz, keine Tumortherapie in der jetzigen Form und keinen Herzkatheter. Das wurde über Jahrzehnte verharmlost, weil man immer dachte, man findet nächste Woche wieder neues Antibiotikum. Aber das hat sich halt als unwahr herausgestellt.« Ob es mehr an den Haltungsformen liegt, die Bio vorschreibt, oder an den BiolandwirtInnen, die mutmaßlich mehr Sensibilität für den Erhalt der Gesundheit durch ein breiteres Werkzeugset haben, will Ebner nicht beurteilen. Doch eines sei klar: »Es gibt viele Unterlagen, die stützen, dass im Biobereich Antibiotikaeinsatz um ein Vielfaches niedriger ist als in der konventionellen Landwirtschaft. Das muss man der Biobranche wirklich hoch anrechnen.« Auch wer durch den eigenen Fleischkonsum – oder in geringerem Ausmaß auch Sojakonsum – nicht zur Zerstörung von Regenwald und somit Lebensraum und Biodiversität beitragen möchte, ist mit Bio gut beraten. Denn: In der europäischen Biolandwirtschaft müssen in Schweinemastbetrieben zu 95 Prozent Futtermittel (die bestehen vor allem aus Soja) in Bioqualität eingesetzt werden und bei den Verbändesiegeln etablieren sich sukzessive sinkende Maximalquoten für den Einsatz von Import-Biofuttermitteln.

Bild  oe kom Verl ag

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So ein Saustall Für das Têt-Fest verarbeiten DorfbewohnerInnen das Hausschwein auf der Straße.

Was hat das Bioschwein, was andere nicht haben?

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s ist kurz vor Neujahr, schrille, quiekende bis kreischende Laute sind zu hören. Die GastgeberInnen, eine Bauernfamilie mit Zimmervermietung, wiegelt alle Äußerungen von Bedenken ab: Vor den höchsten Feiertagen werde in jedem Haus des Dorfes traditionell ein Schwein geschlachtet. Die gellenden Quietschlaute seien »nur« Angstschreie der Tiere vor ihrem Tod.

Bild R einhard Ge SSl

Fünfmal mehr Fleisch Diese Szene spielte sich 2017 in Nordvietnam ab, also in Südostasien. In Europa war es ebenfalls einmal Brauch, vor höchsten Feiertagen, also damals vor Weihnachten oder Ostern, das (einzige) Hausschwein zu schlachten, zu Würsten und Selchwaren zu verarbeiten und diese Feste mit frischem, üppigem Fleischmahl zu feiern. Insgesamt war der Fleischkonsum damals bescheiden: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts aßen EuropäerInnen etwa 14 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr. Diese Menge ist seither deutlich gestiegen: Essen Menschen in »sich entwickelnden Ländern« nunmehr immerhin 26,6 kg Fleisch, haben wir EuropäerInnen unseren Fleisch-

konsum seither auf 68,6 kg pro Person und Jahr fast verfünffacht.

Text Sonja Wlcek

Viele, viele Koteletts und Schnitzel In reichen Ländern werden allerdings nur noch bestimmte, »edle« Teile eines Tieres gegessen. »Wir haben in Deutschland einen Selbstversorgungsgrad von 120 % bei Schweinefleisch, aber nur 70 % bei den Edelteilen. Sprich: Der Deutsche isst das Falsche!«, bestätigte Thomas Dosch, Koordinator bei Tönnies, dem größten Schlachtbetrieb Deutschlands, auf der Messe Biofach 2021 diese Entwicklung. Tönnies schlachtete im Jahr 2019 16,7 Millionen Schweine und vermarktet damit 30 % der deutschen Schweinehälften. Während die Meldungen von sieben- bis dreizehnstöckigen »Schweinehochhäusern« in China um die Welt gingen, in denen 4000 Tiere pro Stockwerk ein licht- und strohloses Dasein führen, bekommen die europäischen »Schweinefirmen« etwas weniger Aufmerksamkeit: Piensos Costa in Spanien hält 117.000 und Cooperl in Westfrankreich sogar 251.000 Zuchtsauen! Da wirken die durchschnittlich 33 österreichischen und selbst die 256 deutschen Zuchtsauen je Schweinebetrieb direkt idyllisch.

Ein konventioneller Schweinemastbetrieb bekommt in Österreich für ein Schwein derzeit zirka 180 Euro, ein Biomäster für ein gleich schweres Tier etwa 370 Euro ausbezahlt.


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Biozuchtsauen haben ein Bett aus Stroh und jederzeit Auslauf ins Freie.

Schweine besitzen nur auf der Rüsselscheibe Schweißdrüsen. Als Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP) müssen Ausläufe von Hausschweinen entweder doppelt eingezäunt oder mit einer 1,5 Meter hohen dichten Wand einge­ schlossen werden.

Weniger Bioferkel, die aber mehr kosten Sonja Wlcek hat Landwirtschaft studiert und berät seit 18 Jahren Bioschweine­ halterInnen. Nach vielen Jahren bei Bio Austria NÖ und Wien und einem ForschungsSabbatical in Nordafrika und Südostasien (www.organic17.org) arbeitet sie nun für die Bioschwein Austria VertriebsgmbH.

Diese Unterschiede lassen sich nicht einfach – wie immer wieder medial »aufgedeckt« – anhand von Stallgrößen erklären. Ein Beispiel: Eine Biozuchtsau darf ihre Ferkel etwa sechs Wochen lang säugen. Dazu benötigt sie nicht nur ausreichend viel Platz in Stall und Auslauf (!) zum Umdrehen, Aufstehen und Niederlegen, sondern kann frühestens sieben Wochen nach der Geburt erneut belegt werden. Damit können Biobauern »nur« etwa zwei Würfe je Biosau und Jahr verkaufen, während konventionelle Sauen nach 3–4 Wochen Säugezeit etwa 2,5 Mal im Jahr Ferkel gebären. Damit »moderne« Sauen enorm hohe Leistungen (siehe Schweinische Daten) erbringen können, werden in der konventionellen

Schweineproduktion zur Eiweißnahrung neben importiertem Sojaextraktionsschrot (Stichwort Regenwaldabholzung) auch mittels gentechnisch veränderter Bakterien erzeugte Aminosäuren verfüttert. Beides ist in der Bioschweinehaltung weder erlaubt noch erwünscht, führt aber zu weniger Wachstum und Milchleistungen der Tiere. Damit stehen in Biobetrieben geringere Einnahmen durch weniger Ferkel je Sau und Jahr deutlich höheren Ausgaben für Stallbau, Fütterung und Betreuung gegenüber.

Mehr Bioferkel nur mit Garantien? »Wir brauchen mehr Bioferkel«, stellte Thomas Dosch bei erwähnter Diskussion auf der Biofach 2021 fest. Das ist für einen Schlachthof wie Tönnies ärgerlich, denn: ohne Bioferkel kein Biomastschwein und damit nicht genügend Biofleisch. Vielleicht würden sich ja mehr Betriebe auf das höhere wirtschaftliche Risiko einlassen, wenn es »stabile Preise bei garantierter Abnahme« gäbe, wie von Karl Schweisfurth, einem Bio-Vordenker aus Deutschland, gefordert. Manche Vermarkter – vor allem in Österreich – können diese Stabilität zwar schon bieten, trotzdem ist das Angebot an Bioschweinefleisch zu vernachlässigen (siehe Grafik). Das liegt nicht zuletzt am großen Preisunterschied zwischen Biofleisch(produkten) und deren konventionell erzeugten Vergleichsprodukten. Nicht Quadratmeter, sondern Bereiche sind entscheidend. Eine eindimensionale Sicht auf »Mindest-­ Quadratmeter« lässt bei der Preisfrage dabei viele Punkte (bewusst?) aus. Der Auslauf ins

Bild R einhard Ge SSl

Bio geht anderen Weg Diese Konzentration von Schweinen in immer größere Bestände ist nur unter den (noch) erlaubten Haltungsbedingungen und mit beträchtlichem Antibiotikaeinsatz möglich. Im Gegensatz dazu hat der Biolandbau schon vor Jahrzehnten einen anderen Weg eingeschlagen: Entscheidende Eckpunkte sind Einstreu, Raufutter und Beschäftigungsmaterial, jederzeit Auslauf ins Freie, freies Abferkeln ohne Fixierung der Sauen, Säugezeit von zumindest 40 Tagen sowie Verbot von Schwanzkupieren, Zähneschleifen und gentechnisch veränderten Futtermitteln. Narkose und Schmerzmittel bei notwendigen Eingriffen sind in österreichischen und deutschen Verbandsbetrieben Standard.


Freie ermöglicht es zum Beispiel Bioschweinen, ihren Liegebereich – so wie es Wildschweine auch tun – sauber zu halten und einen Kotbereich anzulegen. Der Clou jedes Biostalles ist also: Er bietet durch unterschiedliche »Funktionsbereiche« eigene Räume für »Bett« (Liegefläche), »Küchentisch« (Fressbereich), »Spielecke« (Wühlbereich) und »Toilette« im Auslauf. Diese Struktur ermöglicht es Bioschweinen, ihr natürliches Verhaltensrepertoire auszuleben. Erst damit können wir von artgemäßer Haltung sprechen. Dass einem Biomastschwein (bis 110 kg Gewicht) dabei 2,3 Quadratmeter Gesamtfläche im Vergleich zum konventionellen mit 0,7 Quadratmetern zur Verfügung stehen, sei nur nebenbei erwähnt. Denn: In konventionellen Vollspaltenbuchten werden Liegefläche, Fressbereich und Kotplatz zu einem.

Bioschweine sind keine Weidetiere

Schweinische Daten Ausgehend vom Wildschwein wurde dem Hausschwein nicht nur ein zusätzliches Rippenpaar angezüchtet – für zwei Koteletts mehr –, sondern auch 2–3 Zitzenpaare. Mit 16 Zitzen ernährt eine 250–300 kg schwere, »moderne« Zuchtsau mittlerweile 2–3 mal so viele Ferkel gleichzeitig wie eine Wildsau, und das mehr als doppelt so oft im Jahr. Das verkürzt ihre Lebensdauer: Kann die Wildsau bis zu 14 Jahre alt werden, kommt eine Zuchtsau im Durchschnitt mit etwa 4 Jahren zur Schlachtung. Mastschweine »moderner« Rassen nehmen bis zu ein Kilogramm pro Tag zu. Für das gewünschte Schlachtgewicht von etwa 92 kg werden Mastschweine damit nur etwa ein halbes Jahr alt. Mit diesem Alter besitzen Wildschweine noch ihre Milchzähne, das Gebiss von Schweinen wechselt erst mit 9–10 Monaten.

durch einander widersprechende Vorschriften zu Überdachung, Emissionen oder Schutz vor Wildschweinen verkompliziert und verteuert werden. Für höhere Marktanteile von tiergerecht erzeugten Schweinen helfen Appelle an KonsumentInnen, mehr Bioschweinefleisch zu kaufen, jedenfalls nicht. Das wollen sowieso schon so viele, dass die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigt. Wichtiger wären innovative Rahmenbedingungen und höhere Investitionsprämien für Bioställe.

Auch wenn Werbebilder mitunter anderes suggerieren: Schweine haben ihr natürliches Habitat im Wald. Sie können nicht schwitzen, bekommen Sonnenbrand und wühlen auf Grasflächen so herum, dass sie die Grasnarbe zerstören und Bodenverlust fördern. Eine ihrer Art am ehesten entsprechende Haltung im Wald ist allerdings in den meisten europäiDer Anteil der Bioschweine schen Ländern gesetzam Gesamtbestand in Europa im Jahr 2019 (anteil in Prozent) lich verboten. Tiergerechte Bioschweirk ma nehaltung abseits der ne ä 4 D Hobbyhaltung erfolgt ich deswegen in Ställen kre 3,5 n mit Auslauf. EntscheiFra dend dabei sind wie ch 3 rei erwähnt jene Funktiter s en Ö ed onsbereiche, zwischen hw c S 2,5 denen sich die Schweine (auch ferkelfüh­ 2 rende Zuchtsauen!) jederzeit ungehindert ien en urg w o bewegen können. 1,5 mb Sl xe e u L nd Umso trauriger ist rla d d e d lan lan es, dass einerseits InNie ch en 1 s d h t c u an e De ttl vestitionen in konvenGri Le tionelle Schweinestäl0.5 le weiterhin mit staatlichen Förderungen 0.0 unterstützt und an% dererseits Bioställe Quelle: Eurostat (mit vorläufigen Daten für Italien erstellt.)

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Tiroler

r e i E o Bi

Bio-Eier

Familie Krimbacher, Westendorf

Neun Tiroler Familienbetriebe liefern für BIO vom BERG jährlich rund zwei Millionen Eier – täglich frisch! Der artgerechten Haltung der Tiere kommt dabei eine besonders große Bedeutung zu. So hat jede Henne mindestens 10 m2 Auslauf im Freien, wo sie Gräser und Kräuter fressen kann. Alle Betriebe wirtschaften nach Richtlinien von BIO AUSTRIA, die strenger sind als die EU Vorgaben. Für den Tiroler Ursprung bürgt das Gütesiegel „Qualität Tirol“. biovomberg.at


Bio r a m a 7 2

C u lt u r e d Meat

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Cultured Pork Obwohl weltweit an »Cultured Meat« geforscht wird, scheint Schweinefleisch aus dem Labor vorerst keine Bedeutung zu haben. Warum das so ist – und warum auch »Cultured Pork« keinesfalls halal sein kann.

D

ie Landwirtschaft will davon überhaupt nichts wissen, das ist eh klar«, sagt Karl Christian Handl. »Aber das ist keine kleine Community mehr. Das wird unterschätzt. Das Ding ist aus der Kinderschuhphase raus.« Wir sprechen mit dem älteren der beiden Handl-Brüder, der vom Tiroler Oberland aus in vierter Generation die Geschicke einer mittlerweile weltweit tätigen Fleischerdynastie lenkt. Exportquote: 60 Prozent; spezialisiert auf Speck, Salami, Schinken; bis vor kurzem saß Clemens Tönnies im Aufsichtsrat, der vom nordrhein-westfälischen Fleischriesen Tönnies. Zwar führt man seit zwei Jahren ein wachsendes Teilsortiment in Bioqualität. Doch Karl Christian Handl ist der Gottseibeiuns all jener, die sich bewusst von Massentierhaltung abgewandt oder gar ganz vom Fleischessen verabschiedet haben. Kurzum: Wir sprechen mit dem personifizierten Fleisch-Business, dem Repräsentanten einer Branche in Bewegung. Handl selbst spricht gar von einer »Revolution«, die bevorstehe.

Bild Istock.co m/CSA-Plasto ck

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Revolution aus dem Reaktor Mit »keine kleine Community mehr« meint der Tiroler allerdings nicht die lautstarken Ve­ ganerInnen. Im Veganismus sieht er ein eher vernachlässigbares Nischenphänomen. Er spricht von Cultured Meat, also von im Labor kultiviertem Zellfleisch. Denn die Revolution kündige sich in Bioreaktoren an. Seit 2013 der erste »Laborfleischburger« öffentlich verkostet wurde, wird weltweit erforscht, wie sich in Nährstofflösungen Zellkulturen züchten und zu Nahrungszwecken nutzen lassen. Davor hatte sich vor allem die Medizin für Kunstfleisch interessiert, etwa um verbrannte Haut ersetzen zu können. Doch Fleisch aus Massentierhaltung befeuert die globale Erwärmung und ist weiterhin dafür verantwortlich, dass Regenwälder für Anbau­ flächen von Futtermitteln gerodet werden. Und da mitten in der Klimakrise mit der Weltbevölkerung auch deren Hunger auf Fleisch wächst, könnte proteinreiches »Clean Meat« ein Teil der Problemlösung sein, für die – so die Hoff-

Text Thomas Weber


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C u lt u r ed Meat

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ist promovierter Physiker und beim Beratungsunternehmen AT Kearney für Landwirtschaft und Nachhaltigkeit zuständig.

Meatable bereits verkündet, ganz ohne das teure und ethisch umstrittene Serum aus den Stammzellen von Rindern (Fetal Bovine Serum) auszukommen. Dieses wird aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen, für das eine trächtige Kuh geschlachtet und das Blut dem Kälber­fötus direkt aus dem noch schlagenden Herzen abgezapft werden muss.

Schweinefleisch als Billigprodukt »Bei traditionellen Produkten wie Speck und Salami mache ich mir jedenfalls keine Sorgen«, sagt der Tiroler Specktycoon. »Die Menschen wollen ja auch die Story dahinter. Wir können das alles natürlich noch viel tiergerechter machen, aber die KonsumentInnen müssen es halt zahlen.« Einer der möglichen Gründe, warum zwar große Anstrengungen in Cultured Beef und Cultured Poultry gesteckt werden, Cultured Pork aber weniger attraktiv erscheint, ist, dass Schweinefleisch ein Billigprodukt ist. Damit wird es vermutlich verhältnismäßig lange dauern, bis das derzeit noch vielfach teurere In-vitro-Fleisch mit jenem aus den großen Mastanlagen und Schlachthöfen mithalten kann. Auch

Bild AT Ke arne y, I sto ck.com/cactus oup , Cell AG

Carsten Gerhardt

nung – in naher Zukunft auch keine Tiere geschlachtet werden müssen. Die Beratungsfirma AT Kearney kam 2019 nach umfassenden Recherchen entlang der Fleischproduktionskette zu dem Schluss, dass 2040 nur noch 40 Prozent des gegessenen Fleischs von geschlachteten Nutztieren stammen werden. Allein 2020 wurden geschätzt 400 Millionen US-Dollar in die Erforschung und Produktentwicklung von Cell Meat gesteckt. An Startups wie Aleph Farms, Mosa Meat oder Eat Just haben sich nicht nur FinanzinvestorInnen und GlücksritterInnen beteiligt, sondern auch die großen PlayerInnen der Fleischindustrie. »Aus Angst«, meint Karl Christian Handl, »denn man möchte einen Fuß in der Tür haben«. Ja, auch er habe mit Start-ups in den usa und in Israel geredet. Doch einfach nur Millionen zu überweisen, das war ihm zu wenig. Er hätte mitreden wollen. Also ließ er es bleiben (»An einem Start-up aus Österreich würde ich mich aber sofort beteiligen«). Angst vor der Konkurrenz aus der Nährlösung hat er selbst aber keine. Einerseits werde – »warum auch immer« – weltweit vor allem an künstlichen Substituten für Rindfleisch, Geflügel und Fisch laboriert. Sein Business hingegen ist das Verarbeiten von Schweinefleisch. Neben dem britischen Start-up Higher Steaks und Mission Barns aus den usa (das sich fokussiert um Cultured Bacon kümmert) widmet sich vor allem das niederländische Start-up Meatable explizit dem Thema »Cultured Pork« – und hält sich mit griffigen Provokationen wie »Save the planet. Eat pork« oder »Save pigs. Eat pork« im Gespräch. »Wir arbeiten darauf hin, unser Produkt 2025 in den Läden zu haben«, verkündeten die beiden Gründer aus Amsterdam zuletzt online. Wie weit die Forschung in China diesbezüglich gediehen ist, darüber gibt es keine aktuellen Auskünfte. 2019 ist es ForscherInnen der Nanjing Agricultural University gelungen, aus Stammund Muskelzellen vom Schwein Cultured Pork herzustellen. Zum selben Zeitpunkt hatte


wenn die Produktionskosten für Kulturfleisch laufend sinken. Noch sind viele Unbekannte im Spiel. Die US-Branchenplattform »Food Navigator« verglich im März 2021 mehrere Studien zum Thema Clean Meat und folgerte, dass Zellfleisch »preistechnisch innerhalb der nächsten Dekade wettbewerbsfähig sein könnte«. Ungewissheit besteht auch deshalb, weil alle bisherigen Produktionsweisen im kleinen Maßstab funktionieren und es bislang keinen einzigen industriellen Bioreaktor gibt, in dem Zellfleisch in großen Mengen wachsen könnte.

»Die massiven Aus­ wirkungen der Schweinegrippe auf die Fleischindustrie haben Cultured Pork attraktiver gemacht und die Forschung vorangetrieben.« — Ahmed Khan, Zellbiologe, und Gründer des Unternehmens CellAgri

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Was für Cultured Pork spricht Dabei gibt es durchaus einige Argumente, die für In-vitro-Schweinefleisch sprechen. »Genauso wie bei anderem Zellfleisch ist der Ressourcenverbrauch bei Cultured Pork geringer als bei der klassischen Herstellung, wo Mastschweine rund sechs Monate leben und in dieser Zeit Energie verbrauchen«, sagt Carsten Gerhardt, der bei AT Kearney für die Bereiche Landwirtschaft und Nachhaltigkeit zuständig ist. »In der Mast wird aus etwa drei Kilogramm Futter nur ein Kilogramm Lebendgewicht beim Schwein. Das Futter-Fleisch-Verhältnis ist noch schlechter, weil mit den Organen, Fell, Knochen etc. ja noch weitere Gewichtsbestandteile entstehen, die man nur bedingt verwenden kann.« Derzeit werden laut Food and Agriculture Organisation (fao) täglich vier Millionen Schweine geschlachtet. Auch wenn das Good Food Institute schätzt, dass sich der Landverbrauch durch Laborschweinefleisch

80 %

WENIGER VERPACKUNG IM VERGLEICH ZUR SPRÜHFLASCHE

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C u lt u r ed Meat

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ist Islamwissen­ schaftlerin an der FriedrichAlexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Rechtslage im Binnenmarkt Dass diese Entwicklung rasant vorangehe, werde in Europa kaum wahrgenommen, bedauert Karl Christian Handl: »Alles ist in greifbarer Nähe. Wir schlafen da in Europa leider komplett. Aber das ist nichts, das erst in 20 Jahren auf uns zukommt.« Bis es komplexes Muskelfleisch aus dem Laborbaukasten gibt, dürfte es zwar noch einige Zeit dauern. BeobachterInnen der Branche rechnen aber damit, dass es in drei bis vier Jahren erste verarbeitete und in der Struktur einfacher künstlich herzustellende Produkte wie Nuggets und Würstchen zu kaufen gibt; oder Hybridfleisch, welches zum überwiegenden Teil aus pflanzlichen Proteinen und zu einem geringen Teil aus tierischen Fettzellen aus dem Reagenzglas stammt. Letzteres wäre auch deutlich billiger als vollwertiges Cell Meat. In Singapur wurde dem Unternehmen Eat Just nach einem aufwendigen Prüfungsverfahren durch die Behörden im November 2020 der Verkauf von synthetischen Chicken-Nuggets gestattet. In

der Europäischen Union fällt Cultured Meat unter die Novel-Food-Verordnung und muss, bevor es verkauft werden darf, durch die European Food Safety Authority (efsa) aufwendig geprüft und freigegeben werden. Als Testmarkt zum Ausprobieren von Produkten eignet sich der europäische Binnenmarkt deshalb nicht. Auch die Akzeptanz für Cultured Meat dürfte sich im tendenziell technologiekritischen Europa fürs Erste in Grenzen halten. Hybridfleisch mit einem hohen Anteil an Pflanzenprotein könnte sich schneller durchsetzen. Genau das findet Speckvermarkter Karl Christian Handl »geradezu pervers: Für hochverarbeitete Pflanzenpampe mit 25 Zusatzstoffen zahlen die Leute 26 oder 28 Euro pro Kilo. Für ein Kilogramm Fleisch sind sie aber nur drei oder vier Euro zu zahlen bereit. Und gleichzeitig fordern sie mehr Tierwohl ein.«

Wann Cultured Meat »halal« sein kann Indes beschäftigt Cultured Meat nicht nur angestammte Branchen und weltliche Behörden. Auch die Religionsgemeinschaften sehen ihre Lebensmittelvorschriften gefordert und ringen sich bereits neue Normen ab. »Vereinzelt haben sich dazu schon islamische Rechtsgelehrte geäußert, ob kultiviertes Fleisch als halal zu klassifizieren ist«, sagt Islamwissenschaft­ lerin Isabel Schatzschneider von der FriedrichAlexander-Universität Erlangen-Nürnberg, die sich selbst seit zehn Jahren auch den weltweiten Halal-Märkten widmet. Die Tendenz wäre eindeutig: Kultiviertes Fleisch kann halal sein – sofern die tierischen Zellen nicht vom Schwein stammen. Außerdem müssen die Tiere nach islamischen Halal-Standards geschlachtet worden sein. Blut oder Serum darf im Produktionsprozess keines verwendet worden sein. Somit ist für streng religiös lebende MuslimInnen Cultured Pork zwar tabu. Cultured Meat ist als Alternative zum »geschlachteten Fleisch« aber prinzipiell gestattet. Wobei Schatzschneider nicht glaubt, dass es den klassischen Fleischkonsum jemals ganz ersetzen wird. Auch dafür sprechen religiöse Traditionen: »Die Schlachtung von Tieren ist für zwei religiöse Festlichkeiten im Islam bedeutsam: fürs Opferfest und bei der Geburt eines Kindes.«

Bild  Uni E rl ang en

Isabel Schatzschneider

im Vergleich zu Mastschweinen um 72 Prozent senken ließe und die freigesetzten Treibhausgase um die Hälfte. Ob es wirklich einen nennenswerten Impact hat, das wagen auch diverse Studien nicht einzuschätzen. »Da noch niemand so einen Rieseninkubator gebaut hat, kennt niemand genaue Zahlen«, meinte dazu Silvia Woll, Philosophin vom Karlsruher Institut für Technologie, in der »Süddeutschen Zeitung«. Absolute Voraussetzung wäre, dass die energieintensiven Bioreaktoren aus erneuerbaren Stromquellen gespeist würden. Andernfalls könnte die Klimabilanz von Kulturfleisch am Ende sogar schlechter sein. Dass Krankheiten wie die Afrikanische Schweinepest oder die Schweinegrippe zuletzt den Weltmarkt für Schweinefleisch ins Stocken brachten, hat die Anstrengungen im Labor keinesfalls kleiner werden lassen. »Die massiven Auswirkungen der Schweinegrippe auf die Fleischindustrie haben Cultured Pork seit 2019 attraktiver gemacht und die Forschung vorangetrieben«, sagt Ahmed Khan, ein in Dubai ansässiger Zellbiologe und Verfasser eines weltweit gelesenen Newsletters (»Cell AG«) zum Thema Cell Agriculture.


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T RUT H AH N

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Put, put, PutE Putenfleisch ist hell und beliebt. Oft im Dunkeln liegt hingegen die Haltung der Truthühner. Was macht Bio anders, das Biopute gar so rar und teuer macht?

A

m amerikanischen Thanksgiving Day werden in den usa an nur einem Tag im November 46 Millionen Truthühner ins Rohr geschoben und gegessen. Dieser Schlachttag bleibt den europäischen Puten (noch) erspart. Abgesehen davon erfreut sich das helle Fleisch dieser großen Hühnervögel in unseren Breiten steigender Beliebtheit. Der durchschnittliche Inlandsjahresverbrauch liegt in Deutschland bei 5,9 Kilogramm pro Person, in Österreich immerhin bei 4,4 Kilogramm. Aber wie werden Puten in Deutschland, Österreich und außerhalb gehalten? In der Putenhaltung werden sowohl die männlichen als auch die weiblichen Tiere gemästet. Da die Hähne deutlich schneller als die Hennen wachsen, werden sie getrennt voneinander – oft aber in einem gemeinsamen Stall – in Bodenhaltung aufgezogen. Zehn bis 21 Kilogramm erreichen die Puten nach 16 bis 22 Wochen Mast. Die Hallen – in Österreich und Deutschland meist für 5000 bis 8000 Tiere – sind vor allem gegen Mastende dicht gefüllt. Da die Europäische Union für die Putenmast keine Mindestvorgaben definiert, müssen sich vier bis sieben Tiere einen Quadratmeter eingestreuten Boden teilen, in Kilo sind das unvorstellbare 70. Deutschland hat es über die Initiative Tierwohl Geflügel geschafft, dass etwa drei Viertel der PutenhalterInnen freiwillig die Besatzdichten um rund 30 Prozent redu-

zieren. Österreich geht innerhalb der EU einen eigenständigen Weg und hat über das Tierschutzgesetz die Obergrenze bei 40 Kilogramm eingezogen. Seit 2017 werden zudem alle österreichischen Puten ausschließlich mit gentechnikfreiem Futter gefüttert. Der Anteil der Bioputen bleibt bescheiden. Während im Bioland Österreich immerhin fast zehn Prozent der gehaltenen Puten den tiergerechten Biostandards unterliegen, ist es europaweit nur ein Prozent. Die langsam wachsenden Bioputenherkünfte dürfen sozusagen in einer eigenen Liga leben und das wird sich erst ändern, wenn Politik und Handel nicht jede Form von Konkurrenzangebot ermöglichen. Je Quadratmeter luftigem Stall sind maximal 21 Kilogramm erlaubt. Dazu gibt es einen Außenscharrraum und eine großzügige Weide. Alles streng kontrolliert. Alles klar so weit? Alle befürworten die tiergerechte Haltung. Aber bei dem durch die vielfach bessere Qualität höheren Preis zucken wir oft zurück. Putenfleisch aus biologischer Landwirtschaft kostet drei- bis sechsmal so viel wie das Billigangebot, also statt fünf Euro stolze 30 Euro. Aber Bio ist es wert: Mit jeder Entscheidung für Biofleisch unterstützt man nicht nur eine ethisch anständige Tierhaltung, sondern tut sich selbst einen Gefallen. Das EU-Biosiegel bietet auch bei Putenfleisch die größtmöglichen Sicherheiten.

Text und bild Reinhard Geßl

In der deutschen Initiative Tierwohl Geflügel haben sich PutenhalterInnen dazu verpflichtet, die Besatz­ dichten auf 48 kg/m² für die weiblichen Tiere und 53 kg/m² für die männlichen Tiere zu beschränken.


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MEINUNG

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ANDERER MEINUNg

Kann Cultured   »Wie weit wollen wir uns als Menschen noch von den natürlichen Kreisläufen entfernen? Schon mit der industriellen Tierhaltung haben wir uns vollkommen entkoppelt von einer für uns, unsere »Wie viel Fleisch verträgt die Welt? KeiMitgeschöpfe und den Planeten gesunden Tierne Frage: sehr viel weniger, als wir derzeit haltung und Ernährung. In dieser Sackgasse von als Gesellschaft konsumieren. Die Gründe Klimakatastrophe und Tierleid angekommen, sind bekannt: Klima, Grundwasser, Tiermeinen wir, die Lösung liege in Gentechnik wohl, Welternährung, um nur die wichtigsund Laborfleisch. Dieser Ansatz löst keines ten zu nennen. Die Antwort des Öko-Landunserer komplexen Probleme – zumal Wechbaus heißt flächengebundene und artgeselwirkungen dabei völlig ausgeblendet werrechte Tierhaltung. Hinter diesem sperrigen den. Wiederkäuer auf der Weide haben ein Begriff verbirgt sich die doppelte Einsicht: Zu artgerechtes Leben und artenreiches Grünviel ist ungesund – zu wenig aber im Zweiland ist elementar für den Klimaschutz und fel auch. Denn ganz ohne Tiere kommt eine die Biodiversität. Statt Laborfleisch brauLandwirtschaft, die in ökologischen Kreisläuchen wir den ökologischen Umbau von fen denkt und handelt, eben auch nicht aus. Landwirtschaft und Ernährung; weniger, Es geht also, wie so oft, um das vernünftige Maß. dafür artgerechte Tierhaltung und weniDas gilt auch im Privaten: Wer weniger Fleisch ger, dafür gute tierische Produkte auf unisst und das in Bio, tut der Umwelt etwas Guserem Speiseplan. So hat es schließlich tes und sich selbst. Man muss sich also umstelauch die EU-Kommission mit dem Green len. Wer das partout nicht tun mag und unbedingt Deal und der Farm-to-Fork-Strategie Laborfleisch essen will: bitte beschlossen: bis 2030 mindestens schön. Ein Biosiegel braucht es 25 Prozent Bio auf dem Acker dafür aber sicher nicht.« und dem Teller.« – Jan Plagge, Präsident des Verbands Bioland e. V.

– Steffen Reese, Geschäfts­führer Naturland – Verband für ökologischen Landbau e. V

Bild Istock.co m/Serhii Akhte mi ichuk, So nja He rpich/Bio land, Natu rlan d

Die Chefs der beiden größten deutschen Bioverbände antworten mit einem Nein und einer Gegenfrage. Der auf Landwirtschaft und Nachhaltigkeit spezialisierte Berater sagt: »Ja, natürlich«, die Foodtrendforscherin sieht in Cultured Meat eine Chance für Bio.


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Bild  Julie tta Kunkel, AT Kearney

Meat bio sein? »Diese Frage wird noch zu früh gestellt. Derzeit ist Cultured Meat nicht mit dem Biogedanken kompatibel, weil Gentechnik im Spiel ist. So, wie es in Singapur zugelassen ist und sich in den usa entwickelt, ist das bei uns schwer denkbar. Vermutlich wird der europäische Weg einer ganz ohne Gentechnik sein – da skaliert die Produktion aber noch nicht weit genug. Ich würde mich nicht wundern, wenn sich In-vitro-Fleisch in Asien und den usa sehr schnell etabliert. Wenn China einsteigt, erschüttert das den exportorientierten Fleischmarkt. Für Bio könnte das auch Chancen bieten – aber in der Biobranche stempelt man neue technische Entwicklungen gerne pauschal als böse ab. Punkto Nachhaltigkeit wird Cultured Meat einige Trümpfe in der Hand haben. Das kann man nicht einfach ignorieren. Auch die konventionelle Produktionsweise wird schrittweise besser. Bio muss sich fragen: Wohin will ich mich »Ja, natürlich und auf jeden Fall: Es wird entwickeln? Bio ohne Tier ist im Grunde nicht Cultured Meat in Zukunft auch in Bio geben. denkbar. Die Komplexität dieses KreislaufgedanWir werden es mit einer weiteren Interprekens kommt in der Bevölkerung noch nicht an. tation von Bio zu tun haben – aus dem Labor, Den meisten ist nicht einmal klar, dass es Milch aber mit biozertifizierten Ausgangsstoffen. nicht ohne Fleischproduktion gibt. Bio könnte Den Claim Bio werden sich die ProduzentInaber mit Qualitätsoffensiven, neuer Fleischnen nicht nehmen lassen. Und die Argumentaqualität und Kreislaufwirtschaft punkten tion für Cultured Meat kommt jetzt schon stark und muss sich fragen, wo es seine aus der Nachhaltigkeit.« Zukunft sieht.« – Carsten Gerhardt, bei AT Kearney – Hanni Rützler, Ernährungszuständig für wissenschaftlerin und Food­ Landwirtschaft trendforscherin; Gründerin und Nachhaltigkeit des Futurefoodstudios

Die Studie »How will Cultured Meat and Meat Alternatives disrupt the Agricultural and Food Industry?« wurde 2019 vom Beratungsunternehmen AT Kearney und NX Food der Metro AG erstellt.


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NEU ODER NOCH GUT

Empfehlungen, Warnungen, warnende Empfehlungen. Von Neuentdeckungen und alten Perlen. Auf dass uns weghören und -sehen vergeht.

Ilja Steffelbauer / »Fleisch. Weshalb es die Gesellschaft spaltet.«/ Brandstätter Verlag, 2021

nen mitnimmt, ist vergnüglich und kurzweilig. An manchen Stationen hält er sich länger auf (die Jagd und ihre Bedeutung für die soziale Entwicklung des sapiens oder die Industrialisierung des Schlachtbetriebs), andere werden gestreift (etwa Zoonosen oder die Klimarelevanz industrieller Tierhaltung). In Summe ein höchst lesenswertes Buch, das zur rechten Zeit erscheint. Jürgen Schmücking

Christian Hlade / »Wanderwissen kompakt« / Braumüller Verlag, 2021

Vorgelesen für VeganerInnen wie jene, die sich noch als »Fleischtiger« verstehen, sofern mit einem Mindestmaß an Neugier an der anderen Seite ausgestattet. Ilja Steffelbauer ist Historiker und als Autor kein Neuling. Im Brandstätter Verlag ist von ihm bereits ein – nicht unspannendes – Buch über den Krieg erschienen. Viel spannender, jedenfalls für kulinarisch-gastrosophische LeserInnen, ist ein Band über Agrarrevolutionen vom Neolithikum bis ins globalisierte Jetzt. Das Anliegen, über den Fleischkonsum im historischen Kontext zu schreiben, hat Substanz. Wobei der konkrete Auslöser ein trivialer war: die Debatte junger Anthropologen über die Frage, ob sie im Kontext von Feldforschungen auch Fleisch essen würden. Hygienische Einschränkungen oder gar Erfahrungen mit Gewalt? Kein Problem. Aber einen Bissen vom Ziegenbraten? Irgendwo muss eine Grenze sein. Diese Grenze interessierte Steffelbauer, und er begann, sich mit den Augen des Sozialhistorikers mit der Geschichte des Fleischverzehrs zu beschäftigen. Die Reise, auf die er seine LeserIn-

Vorgelesen für Wander-Neulinge und für Versierte, die vorhaben, sich wohlvorbereitet mit dem Rucksack auf Reisen zu begeben. Geschätzt 50.000 Wanderkilometer hat Christian Hlade, Gründer des Reiseanbieters Weltweitwandern, in den vergangenen 40 Jahren zurückgelegt – und damit wohl jeden denkbaren Fehler zumindest einmal gemacht. Nach dem »Großen Buch vom Wandern« (2019) hat er sein unterwegs gesammeltes Wissen nun auf etwas mehr als 200 Seiten komprimiert. Darin finden wir grundsätzliche Überlegungen (etwa zum Thema Nachhaltigkeit beim Wandern) und Anleitungen zum richtigen Lesen von Wanderkarten oder der Interpretation angegebener Gehzeiten ebenso wie

B ild B randstätte r Verlag, Braumül ler ver lag, Kle tt

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REZENSIONEN


brauchbare Packlisten, Versicherungsrelevantes und Hinweise auf das, was für ihn die nachhaltigen Labels für Outdoorbekleidung sind. Vielleicht unerwartet: der Gastbeitrag von Yogatrainerin Gudi Sonderegger mit Übungen für Wandernde, beispielsweise zum Entlasten der vom Rucksack geschundenen Schulterpartie. Thomas Weber

Lena Zeise / »Das wahre Leben der Bauernhoftiere« / Klett Kinderbuch, 2020

Wien geht weiter. 70 Millionen Euro Förderung für Unternehmen in Wien.

Vorgelesen für Eltern, Erziehungsberechtigte und in Kitas Beschäftigte, die den Nachwuchs nicht mit Klischees von vorgestern abspeisen wollen. Wir kennen ihn alle: den Bilderbuchbauernhof. Er entspricht dem Gegenteil dessen, was uns die Schockbilder von dicht gedrängten Kreaturen in fensterlosen Ställen über Spaltenböden zeigen. Der Kreislaufgedanke, die Schlachtung oder Tiertransporte werden in der weichgezeichneten heilen Welt der Bilderbücher gemeinhin ausgespart. Dem setzt Lena Zeise, Tier-Illustratorin aus Münster, nun »Das wahre Leben der Bauernhoftiere« entgegen. Der gut recherchierte Band zeigt, wie Schweine, Rinder und Hühner heutzutage gehalten werden, und stellt Zeichnungen der konventionellen Nutztierpraxis jener auf Biobetrieben gegenüber. Gehört in jeden Kindergarten! Thomas Weber

Jetzt informieren und einreichen! wiengehtweiter.at


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Ko chb uche m pf ehl u n g

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Artengerechtes Kochen Text Irina Zelewitz

V

egane Ernährung muss nicht teuer sein, vegane Gerichte müssen auch nicht binnen zehn Minuten zuzubereiten sein, so die angenehme Quintessenz der ersten Seiten von »Vegan Low Budget«, die zumindest einmal vermuten lässt, dass das Kochbuch seinen Namen verdient hat. Und: Sie »muss auch nicht bequem sein«, stellen die beiden Autoren mit Verweis auf das steigende Angebot veganer Produkte in den Supermärkten klar: Wenn dieses Angebot nicht verfügbar ist, wäre das auch ein schwacher Grund, Grundbedürfnisse von Tieren zu ignorieren. Man ahnt: Hier wird mit Auftrag kochbuchgeschrieben. Es folgen sogleich fast 60 Seiten – es werden einem keine Illusionen gemacht – sogenannter »Theorieteil«. Schnörkellos und unerwartet tiefgehend – von Informationen und Tipps zum Vermeiden von Foodwaste, nicht zuletzt, um Geld zu sparen, bis zum gesundheit-

lichen Wert biologischer Ernährung, von Antibiotikaresistenz bis Zoonose. Eingestreut sind praktische Hinweise und Infografiken: Welche Lebensmittel bieten die meisten Nährstoffe pro eingesetztem Cent? Wie häufig kommen welche Nährstoffmängel bei komplett oder teilweise veganer/vegetarischer Ernährung vor? Es folgen fast 200 Seiten Rezepte, beginnend mit Gewürzmischungen und Würzbasen wie Umamipaste oder Cheeze-Eiswürfel, die in den später folgenden Rezepten immer wieder als Basis zum Einsatz kommen und so Zeit und eben auch Geld sparen. Was der Koch Sebastian Copien und der Ernährungswissenschafter Niko Rittenau hier zusammengestellt haben, ist vor allem aufgrund des Zugangs zum Thema Ernährung, der hier durchgezogen wird, eine Bereicherung für jeden Haushalt, in dem Kochbücher nicht in erster Linie als Bilder­ bücher gebraucht werden.

B ild  Matthia s Hoffma nn, Becker Joe st Verlag

Die biorama-Kochbuchempfehlung aus den (schweine)fleischlosen Neuerscheinungen: »Vegan Low Budget« bietet weit mehr als Rezepte mit pflanzlichen Zutaten.


Rezepte aus:

»Vegan Low Budget. GroSSer Geschmack zum kleinen Preis«, 2020, Becker Joest Verlag.

UMAMIPASTE Zubereitung

Backen

20 Minuten plus

20 Minuten

ZUTATEN für 850 g (1 groSSes Glas) Würzsauce • 100 g gekochte Kidneybohnen (siehe Tipp) • 150 g KidneybohnenKochwasser (Aquafaba)

• 120 g Rosinen • 50 ml Sojasauce • 50 g Meersalz oder Steinsalz • 2 EL Apfelessig (20 ml)

Gemüsemischung • 2 große Zwiebeln (geschält 245 g), in 1-cm-Ringe geschnitten

• 2 gehäufte EL Tomatenmark (einfach konzentriert; 70 g) • 2 gehäufte EL Hefeflocken

• 3 Stangen Staudensellerie

(12 g; siehe Tipp)

(180 g), in 2-cm-Stücke

• 1 EL Olivenöl (8 g)

geschnitten

• 4 Knoblauchzehen,

• 2 Karotten (geschält 155 g),

gewürfelt (20 g)

in 2-cm-Stücke geschnitten

Den Backofen auf 240 °C Umluft/Obergrill vorheizen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Für die Würzsauce alle Zutaten im Mixer zu einer glatten Sauce mixen und in eine Schüssel geben. (Den Mixbecher nicht ausspülen, sondern für später beiseitestellen.) Die Gemüsemischung bis auf den Knoblauch hinzufügen, vermengen und auf dem Backblech verteilen. Im vorgeheizten Ofen 10 Minuten backen. Den Knoblauch dazugeben, einmal durchmischen und weitere 10 Minuten rösten. Wichtig: Es müssen eine schön gleichmäßige Röstfarbe und damit Röstaromen entstehen. Je nach Ofen kann der Backvorgang auch 5 Minuten länger dauern. Die Mi-


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Ko chb u che m pf ehl u n g

40 schung heiß wieder in den Mixbecher geben und zu einer Paste mixen. Heiß in ein sauberes Schraubglas füllen, mit Deckel verschließen und auskühlen lassen. Im Kühlschrank lagern.

Tipp: • Die Hefeflocken müssen goldgelb sein sowie käsig und nicht zu streng nach Hefe schmecken. • Bei Bohnen aus der Dose immer darauf achten, dass maximal drei Zutaten angegeben sind: Bohnen, Wasser und Salz.

• 24 g getrockneter Thymian • 12 g (Vollrohr-)Zucker oder nach Belieben Dattelsüße

• 20 g geräuchertes Paprikapulver oder Knoblauchpulver • 20 g Salz • 20 g Würzhefeflocken

BURGER MIT PULLED-SOY-STEAKS UND KRAUTSALAT ZUTATEN FÜR 2 PERSONEN Zubereitung

Backen

45 Minuten plus

20 Minuten

BBQ-Sauce fein gewürfelt • 2 Knoblauchzehen, fein gewürfelt • 1 EL Olivenöl (8 g)

• 2 EL Umamipaste (40 g) • 100 ml Gemüsebrühe • 2 EL Sojasauce (20 ml) • 300 g stückige Tomaten aus der Dose

• 100 ml Orangensaft

• Salz

• 1 EL Cajun Spice

• schwarzer Pfeffer

• 1/2 TL geräuchertes Paprikapulver

aus der Mühle • 2 EL Balsamicoessig (20 ml)

• 25 g Rosinen

Steakstreifen • 140 g Soja-Big-Steaks (aufgekocht und

• 1 gute Prise Salz

• 1/2 TL Salz

• 1 EL Zitronensaft (10 ml)

• schwarzer Pfeffer

• 1 kleiner Bioapfel (100 g),

aus der Mühle

ungeschält geraspelt

Burger • 40 g Rucola, gewaschen

Nach 2–3 Minuten kann man einen Topf auf die Soja­ streifen stellen, so haben sie mehr Kontakt zum Pfan­ nenboden. Alle 30 Sekunden den Topf anheben und die Streifen wenden.

• 20 g Knoblauchgranulat

Alle Zutaten mischen und nach Belieben mörsern. In ein Schraubglas füllen und bis zur Verwendung trocken aufbewahren.

• 2 Zwiebeln (geschält 120 g),

Streifen geschnitten

• 1 EL Umamipaste (20 g)

Tipp:

• 20 g grob gemahlener

• 8 g getrockneter Oregano

• 200 g Rotkohl, in 2-mm-

• 3 EL Olivenöl (24 g)

Buns (à 70 g)

Zutaten für 1 groSSes Glas

der Mühle

• Krautsalat

Streifen geschnitten

• 2 große (Vollkorn-)Burger-

CAJUN SPICE schwarzer Pfeffer aus

100 g), längs in

ausgedrückt 350 g) • 1 l kräftige Gemüsebrühe • 1 große Zwiebel (geschält

Für die BBQ-Sauce einen Topf erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch mit Öl hineingeben und 5 Minuten braun anrösten. Mit 50 ml Orangensaft ablöschen, Röst­ aromen vom Boden lösen, einkochen und anrösten. Cajun Spice, Paprikapulver, Rosinen und Umamipaste dazugeben und kräftig mitrösten. Mit restlichem Orangensaft ablöschen, Röstaromen lösen, einkochen und noch mal anrösten. Mit Brühe ablöschen, Röstaromen lösen. Sojasauce und Tomaten dazugeben und ohne Deckel bei mittlerer Hitze 10 Minuten sanft köcheln und auf die Hälfte reduzieren. Im Mixer pürieren und mit Salz, Pfeffer und Essig abschmecken. Inzwischen für die Steakstreifen die Soja-­Big-Steaks in der Brühe 10 Minuten kochen. Die Brühe abgießen und fürs nächste Mal einfrieren oder für eine Suppe verwenden. Die Steaks etwas ausdrücken – Achtung, heiß! Horizontal halbieren und in 3 mm feine (wichtig!) Streifen schneiden. Den Backofen auf 190 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Eine beschichtete Pfanne erhitzen. Sojastreifen und Zwiebeln mit Öl hineingeben und 10 Minuten scharf braun rösten (siehe Tipp). Vom Herd nehmen, Umamipaste, Salz und etwas Pfeffer einrühren und die Streifen etwas zerkleinern. Zwei Drittel der BBQ-Sauce einrühren, auf das Backblech geben und im vorgeheizten Ofen 20 Minuten backen. Inzwischen für den Krautsalat alle Zutaten mischen und kneten. Für die Burger die Buns aufschneiden, mit den Schnittflächen in eine Pfanne legen und abgedeckt bei mittlerer Hitze rösten – so wird es innen schön knusprig (sehr wichtig) und außen soft. Das Blech aus dem Ofen nehmen und die restliche BBQ-Sauce unter die Sojastreifen mischen. Auf den Brötchenunterseiten den Rucola verteilen, die Steakstreifen daraufgeben, mit Krautsalat toppen und die oberen Brötchenhälften aufsetzen.


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GRAMMELKNÖDEL MIT KRAUT Zubereitung

Garen

25 Minuten plus

45 Minuten

ZUTATEN für 2 Personen Sauerkraut • 1 große Zwiebel (geschält 100 g), gewürfelt • 1 EL Olivenöl (8 g) • 1 großer Apfel (geschält, entkernt 150 g), grob geraspelt

• Knödel • Salz • 450 g mehligkochende Kartoffeln • schwarzer Pfeffer aus der Mühle

• 2 Wacholderbeeren

• 60 g Hartweizengrieß

• 2 Lorbeerblätter

• 50 g Weizenvollkornmehl

• 250 g Sauerkraut

plus etwas mehr zum

• 100 ml Gemüsebrühe • Salz

Bestäuben und Wälzen • 1 TL Olivenöl (4 g)

• schwarzer Pfeffer aus der Mühle

Füllung • 1 Zwiebel (geschält 75 g), fein gewürfelt • 2 Champignons,

• 75 g Räuchertofu, zerkrümelt • 2 EL Olivenöl (16 g)

B ild  Matthia s Hoffma nn

geraspelt (40 g)

Für das Sauerkraut einen kleinen Topf erhitzen. Zwiebeln hineingeben, das Öl darüberträufeln und leicht goldbraun rösten. Apfelraspel dazugeben und kurz mitdünsten. Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, Sauerkraut und Brühe hinzufügen, gut durchmischen und ohne Deckel einmal stark aufkochen. Die Hitze reduzieren und 30 Minuten sanft köcheln lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken – es soll leicht süß und schön schmatzig schmecken. Warm halten. Inzwischen für die Knödel die Kartoffeln ungeschält in Salzwasser (1 TL Salz) weich kochen. Dann abgießen, schälen, durch die Presse drücken und 3 Minuten ausdampfen lassen – es sollten 370 g sein. Eine Prise Salz, eine gute Prise Pfeffer, Grieß und Mehl hinzufügen und zu einem homogenen Teig kneten. Wichtig: Nicht wie einen normalen Teig mit viel Kraft kneten, sondern eher sanft falten, bis der Teig homogen ist, da er sonst schmierig werden kann. Mit leicht nassen Händen halbieren, zu Kugeln rollen und diese auf einem leicht bemehlten Küchenbrett flach drücken. Salzwasser in einem Topf zum Kochen bringen. Für die Füllung alle Zutaten mischen. In die Mitte der beiden Knödelkreise

je einen großen Löffel Grammelfüllung setzen (die übrige Füllung aufheben) und die Seiten mittig über der Füllung zusammenziehen. Die Knödel in Mehl wälzen, überschüssiges Mehl abklopfen und Knödel in das leicht siedende Salzwasser geben. Wichtig: Es darf nicht sprudeln! Ohne Deckel 15 Minuten gar ziehen lassen. Das Sauerkraut auf zwei Teller verteilen, je einen Knödel in die Mitte setzen und mit der restlichen Grammelfüllung bestreuen.

Tipp: Selbst mehligkochende Kartoffeln können je nach Sorte und Lagerzeit einen unterschiedli­ chen Stärkegehalt haben. Um sicherzugehen, dass die Knödel im Wasser zusammenhalten, einfach eine kleine Teigkugel testweise für einige Minuten ins Wasser geben. Zerfällt der Testknödel, dann mit mehr Mehl nacharbeiten.


NEPTUN WASSERPREIS 2021

bild  hans zak

bild  barbara dolak

Alle zwei Jahre ehrt der NEPTUN Wasserpreis besondere WasserProjekte. In fünf Kategorien setzten sich die Einreichungen kreativ bis wissenschaftlich mit dem Wasser auseinander. Das sind die PreisträgerInnen.

Uralte Wasserlandschaft

Tirols wilde Wasser

Kategorie WasserBILDUNG — Sie sind Jahrtausende alt und ganz spezielle, inzwischen sehr selten gewordene Lebensräume: Hochmoore. Im Naturpark Hochmoor Schrems im Waldviertel bekommen BesucherInnen ein naturnahes Bild der extrem langsam wachsenden und schützenswerten Naturorte. Preisgekröntes Besucher­ zentrum einer eindrucksvollen Moorlandschaft.

Kategorie WasserGEMEINDE — Wandern an den wilden Wassern: Von den Gletschern fließt Gebirgswasser über Wasserfälle, Gebirgsbäche und Stromschnellen Richtung Inntal und wird am WildeWasserWeg im Tiroler Stubaital erlebbar. Auf 12 Kilometern und über 1200 Höhenmeter nehmen drei modern gestaltete Etappen die BesucherInnen mit auf eine Reise zu den wilden Wassern.

Belebte Wasserspiele

Mit dem Neptun Wasserpreis wird alle zwei Jahre Bewusstsein für die Wichtigkeit der Ressource Wasser geschaffen und innovative Ideen zum schonenden Umgang mit dem kostbaren Nass unterstützt. Als Umwelt- und Innovationspreis zu Themen rund ums Wasser verdeutlicht er die Bedeutung der Ressource Wasser in den Bereichen Leben, Umwelt, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Die Preisverleihung wurde heuer online abgehalten und kann jederzeit nachgesehen werden: www.neptun-wasserpreis.at/preisverleihung

b ild  re nate sti gler

WASSER IM RAMPENLICHT

Kategorie WasserWIEN — Wasser in Farbe eingefangen: In der Foto-, Bildund Videokategorie des NEPTUN Wasserpreises gewann das bewegte Wasserfoto von Renate Stigler. Sie setzte die Wasserspiele am Karlsplatz nach dem Motto »erfrischend Wienerisch« in Szene.


Lebende Brücken Kategorie WasserKREATIV — Wo Wasser ist, werden Brücken geschlagen – diesen Ansatz wählte Danijel Zorec in seiner Masterarbeit an der TU Graz. Zwischen Architektur und Stadtentwicklung entwarf er bewohnbare Brücken über der Donau, mit denen die beiden Stadtteile belegt verbunden werden sollen.

WASSERSCHUTZTIPPS: Von der richtigen Müll­trennung über Infos zum Wasserfußabdruck bis zum Wassersparen – Wasserschutz ist vielseitig. Kompakte und praktische Wasserschutztipps zum Aufhängen für daheim oder für die Schule gibt’s hier zum Download: www.generationblue.at

Entgeltliche Einschaltung des BMLRT

bil d   dan ijel zor ec

bil d   larima project

Sauberes Hochgebirgswasser Kategorie WasserFORSCHT — Preisgekrönte Forschung: Weil sich sich die Wasserqualität der äthiopischen Oberflächengewässer in den letzten Jahrzehnten stark verschlechterte, initiierte ein gemeinsames Forschungsprojekt der Universität für Bodenkultur Wien und der Ambo University Maßnahmen zum Gewässermonitoring und entwickelte ein partizipatives Wasser­ management vor Ort.


Malva sylvestris – Wilde Malve

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Von Bordcomputern und Radspielplätzen Kinder werden vor allem aufgrund ihrer teilweise noch nicht vollständig ausgeprägten Motorik häufig Opfer von Fahrradunfällen.

Digital Bike: Wie man die Verkehrssicherheit von Kindern auf dem Fahrrad steigern kann.

Bild pixabay.com/pe ez ibear

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inder sind aus gutem Grund vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen. 9128 registrierte Fahrradunfälle von Kindern im Alter zwischen sechs und 15 Jahren gab es 2019 auf deutschen Straßen. Dabei waren die Kinder entweder nur Mitfahrende oder selbst am Steuer, so eine Statistik des deutschen Statistischen Bundesamts (Destatis). Damit sind Fahrradunfälle bei Kindern nach Autounfällen die häufigste Art von Straßenunfällen. In Österreich waren es laut Statistik Austria 2016 557 Unfälle mit Beteiligung von fahrradfahrenden Kindern. Das ist im Verhältnis zur Einwohnerzahl Deutschlands eine geringere Zahl, dennoch war es in dem Jahr die vierthäufigste Unfallart von Kindern in Österreich. Laut der Studie von Destatis war das häufigste Fehlverhalten der fahrradfahrenden Kinder die falsche Straßenbenutzung, also beispielsweise das Fahren gegen eine Einbahn, gefolgt von Fehlern beim Abbiegen und Wenden sowie falschem Verhalten bei der Vorfahrt und dem Vorrang. Fehlverhalten von fahrradfahrenden Kindern wird unter anderem durch das geringere Ge-

fahrenbewusstsein im Vergleich zu Erwachsenen und auch durch die im Kindesalter noch nicht voll ausgeprägten motorischen Fähigkeiten begründet, so ein Bericht des Projekts Vorkids der Deutschen Hochschule der Polizei aus 2018, der damit zwei Gründe aufzählt, warum Kinder im Straßenverkehr vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen sind. Eine Möglichkeit, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern, können Radmotorikparks sein. Solche Parks, die in Dänemark Radspielplätze genannt werden, bieten mithilfe verschiedener Stationen und Übungen Kindern einen sicheren Platz, um das Fahrradfahren zu erlernen und zu üben. Der erste Radmotorikpark im deutschsprachigen Raum entstand 2020 in Wien, wo die Stadt Wien das Konzept von Alec Hager für einen rund 8000 Quadratmeter großen Park mit 17 verschiedenen ­Stationen aufgegriffen hat. An einer anderen Möglichkeit, die versucht, Fehlverhalten von Kindern im Verkehr zu minimieren, hat die Geomobile GmbH aus Dortmund mit ForschungspartnerInnen, beste-

Text Florian Jauk

Die Inspiration für die Radspielplätze kam aus Dänemark, die Radvokaten haben das Konzept nach Österreich gebracht.

Deutschlandweit gibt es noch keine Radmotorikparks. Die Stadt Bern plant 30 Velospielplätze.


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hend aus deutschen Universitäten und Herstel­ lerInnen von Fahrradprodukten, gearbeitet. Das Projekt mit dem Namen Safety4bikes untersuchte zwischen 2017 und 2019 drei Jahre lang Assistenzsysteme für Fahrräder, die das Verkehrsverhalten von Kindern beobachten und in brenzligen Situationen auf das richtige Verhalten im Straßenverkehr aufmerksam machen, um die Sicherheit zu erhöhen.

Alec Hager hat die Idee der Radspielplätze nach Österreich gebracht, 2020 wurde in Wien der erste Radmotorikpark geöffnet.

Andreas Hein ist Direktor der Abteilung Assistenzsysteme und Medizintechnik an der Universität Oldenburg.

puter, das die Sensorsignale verarbeitet und an das Kind weitergibt. Das kann zum Beispiel visuell erfolgen, indem man das Handy am Lenker befestigt – sicherer seien akustische Signale über den Helm. Für den früheren Sprecher der Wiener Radlobby und derzeitigen Geschäftsführer des Vereins Radvokaten, Alec Hager, ist die Idee von Assistenzsystemen an Fahrrädern keine Option für mehr Sicherheit von fahrradfahrenden Kindern im Straßenverkehr: »Wir müssen uns darum kümmern, dass der Verkehr so fehlerverzeihend und auch so menschenfreundlich wie möglich ist. Ein Verkehr, der kindergerecht ist. Assistenzsysteme helfen nicht, wenn der Verkehr nicht fahrradgerecht ist.« In einem »menschengerechten Verkehrssystem« gebe es keine Notwendigkeit für technische Lösungen. Hager bewertet die Einführung von Assistenzsystemen für Fahrräder sogar als kontraproduktiv. Er sieht bei fahrradfahrenden Kindern durch die Benutzung technischer Hilfsmittel die Möglichkeit eines gefährlichen Gewöhnungseffekts.

Bild Ale c Hag er, pe ter provaznik (ra dvo katen), o ffis , unive rsi tät olden burg

Daten können Sicherheit schaffen Die im Projekt entwickelten Assistenzsysteme analysieren beispielsweise Daten aus Sensoren am Helm und am Rad, Positionsdaten sowie Funknachrichten anderer Fahrzeuge und geben über eine Kombination aus visuellen, akustischen und haptischen Signalen Hinweise zu Verkehrsregeln und Gefahren. Die Ausgabe der Hinweise erfolgt mithilfe von Signalen am Rad, dem Helm oder einer Datenbrille. Laut einem der Autoren der Studie, Andreas Hein von der Universität Oldenburg, seien die Assistenzsysteme, die bei Safety4bikes entwickelt wurden, auch modular, also einzeln, einsetzbar. Zur Vorbeugung von Verkehrsunfällen entwickelte das Forschungsprojekt mit einem Volumen von 2,5 Millionen Euro außerdem eine altersgerechte App, die im Vorhinein eine Route berechnet, die bestmöglich Gefahrenstellen ausschließt oder frühzeitig auf diese hinweist. Für das in der Automobilindustrie bereits bestehende Assistenzsystem mit dem Namen Car2x, das über drahtlosen Datenaustausch die Kommunikation zwischen einem Pkw und dessen Umwelt ermöglicht, wurden von Safety4bikes Erweiterungen vorgeschlagen, um die Bedürfnisse von FahrradfahrerInnen besser abzubilden und deren Sicherheit zu erhöhen. Andreas Hein erklärt die Technologie: »Wenn beispielsweise ein Auto in die Kurve fährt und es zu einer Kollision kommen kann, berechnet das unser System und gibt entsprechende Warnhinweise.« Das funktioniert sowohl bei Autos als auch bei Fahrrädern. Je mehr Fahrzeuge die Technologie besitzen, desto größer ist der Sicherheitsgewinn. Hein rechnet mit der Nutzung eines Smartphones als Bordcom-


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Der erste Radmotorikpark Österreichs entstand 2020 an der Rudolf-Nurejew-Promenade in Wien als Kombination des Radspielplatzkonzepts mit Pumptrackelementen. Auch für den Wiener Naschmarkt gibt es schon ein Konzept für einen Radspielplatz.

Rote Ampel für Assistenzsysteme In einer Evaluationsstudie von Safety4bikes, das zu 76 Prozent vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, wurden die Assistenzsysteme gemeinsam mit Kindern an einem Verkehrsübungsplatz auf ihre Praxisfähigkeit getestet. Die KoordinatorInnen des Projekts der Geomobile GmbH zeigen sich zufrieden, dennoch hätten die eingesetzten Technologien Verbesserungspotenzial: Die größte Schwierigkeit seien die Erhebung sicherheitsrelevanter Geodaten und die Miniaturisierung der Assistenzsysteme an Rad und Helm. Bis zu einer möglichen Markteinführung braucht es aber ohnehin noch eine Menge Geduld. Zwischen zehn und zwanzig Jahre, schätzt Andreas Hein, werde es dauern, bis auch Fahrräder auf dem technischen Stand sind, der eine Umsetzung des Projekts ermöglicht. Bis dahin wird für ein sicheres Fahrerlebnis für Kinder unter anderem eine gute analoge Kommunikation zu anderen VerkehrsteilnehmerInnen wichtig sein. Um für

Im Forschungsprojekt Safety4bikes wurden Assistenz-systeme für Fahrräder entwickelt, um fahrradfahrenden Kindern mehr Sicherheit zu geben.

mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen, bedarf es zumindest sowohl AutofahrerInnen als auch FahrradfahrerInnen, die gut geschult sind. Zumindest in diesem Punkt sind sich alle einig.


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Vögelzählen leicht gemacht 450.000 VogelfreundInnen beteiligten sich im März an der Wahl zum »Vogel des Jahres«. Auserwählt wurde das Rotkehlchen.

Die Faszination für die Vogelwelt galt lange als schrullig. In den Lockdowns wurde Birdwatching plötzlich zum Breitenhobby – auch in der Stadt. Über die meditative Kraft der Vogelbeobachtung.

»Handbuch Vögel beobachten« Leander Khil über Ausrüstung und Technik, Vorbereitung und Praxis, Kosmos Verlag, 2021.

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m Efeu an der Fassade gegenüber, in der Hundezone oder an der Futterstelle auf der Fensterbank: kein Ort, an dem sich nicht Vögel beobachten ließen. Naheliegend, dass während der Lockdowns I–III plötzlich Birdwatching als Beschäftigungstherapie entdeckt wurde. Als Hobby, das ohne viel Vorwissen auskommt, keinerlei Vorbereitung braucht, keine teuren Anschaffungen; und als abwechslungsreiche Aufgabe beim Spazierengehen. Denn Zeit war plötzlich im Überfluss vorhanden, die Mobilität eingeschränkt. All das schärfte den Blick für das Beachtenswerte in der unmittelbaren Umgebung – und lenkte ihn auf Vögel. Während die einen meinten, in den Lagunen Venedigs Delfine erspäht zu haben, war das Gezwitscher draußen vor der Tür höchst real. Mit dem ersten Lockdown waren im zeitigen Frühling 2020 auch die Zugvögel in eine weit-

gehend lahmgelegte, verkehrsberuhigte Landschaft zurückgekehrt. Ideale Voraussetzungen zum Vogelbeobachten auch in der Stadt.

Erstmals online ermittelt: der Vogel des Jahres Der Verkehrslärm ist längst zurück. Doch die Begeisterung fürs Birdwatching hielt auch im Winter an. Silvia Teich, die Pressereferentin des nabu in Berlin, spricht gar von einem »Extremrekord«, wenn sie von der »Stunde der Wintervögel« erzählt. Diese Aktion ruft jedes Jahr am Ende der Weihnachtsferien zum gemeinsamen Vogelzählen auf Balkons und in Gärten auf. 2005 im Großraum München vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern gestartet, propagiert der nabu das Citizen-Sci­enceProjekt mittlerweile deutschlandweit. In den vergangenen Jahren half es beispielsweise, das davor bereits punktuell beklagte Verschwin-

Bild  istock.co m/andy works, kosmo s Ve rlag

text Thomas Weber


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»Urban Birding« David Lindo ist der Superstar des städtischen Birdwatchings. Das Buch des Briten: der ultimative Birding-Ratgeber für den Großstadtdschungel. Kosmos Verlag, 2018.

Nerds unter sich Im »Club 300« geht es darum, alle 300 in Österreich vorkommenden Vogelarten gesehen und nachgewiesen zu haben. In Deutschland gibt es zwar mehr Arten, die Community heißt aber ebenso »Club 300«. club300.de, club300.at

den des Haussperlings (»Spatz«) auch zahlenmäßig zu belegen. Die einstige Allerweltsart ist vielerorts ganz abhandengekommen. Heuer war die Überraschung allerdings anderer Natur: 236.000 Menschen beteiligten sich Anfang 2021 am fröhlichen Vögelzählen. 2020 waren es 143.000 gewesen, im Jahr davor 138.000. Eben ein »Extremrekord«. Auch in Österreich, wo die Vogelbeobachtungsaktion von Birdlife getragen wird, blickten 2021 22.000 Augenpaare hinaus auf die Wintervögel (2020: 14.000). »Wir waren beeindruckt, denn Qualität ergibt sich bei dieser Aktion ja aus der großen Masse an Teilnehmenden«, sagt Silvia Teich. Langfristig möchten die ngos so flächendeckend erfassen, welche Fol-

»Ich sehe die Vogelbeobachtung mittlerweile als eine Art Meditation – um dem Alltag zu entfliehen und abzuschalten.« —  Lisa Lugerbauer, Studentin

Vogelbeobachtung als Flucht aus dem Alltag Unter den neuen Vogelbegeisterten mag es das Rotkehlchen so zum household name geschafft haben. Für das Gros der Geflügelten fehlt den meisten aber Fundamentaleres als nur das Vokabular, mit dem sich routinierte Birdwatcher auf Plattformen wie »Ornitho« austauschen. Es fehlt vor allem auch an den Namen. Denn die wenigsten erkennen, was sich da am Futterhäuschen tummelt. »Eine meiner Hauptaufgaben ist es, Vögel zu bestimmen«, sagt Lisa Lugerbauer. Die 25-jährige Studentin der Zeitgeschichte ist bei Birdlife Österreich schon seit 2017 für Social Media zuständig, selbst aber »erst seit Corona wirklich stark in die Vogelbeobachtung reingekippt«. Wenn sie nicht am Bildschirm sitzt und mithilfe von Apps und Bestimmungsbüchern Arten auf eingesandten Fotos bestimmt, ist Lugerbauer selbst draußen mit dem Fernglas unterwegs. »Ich sehe die Vogelbeobachtung mittlerweile als eine Art Meditation – um dem Alltag zu entfliehen und abzuschalten.« So ganz abzuschalten gelingt der Fridays-­ for-Future-Aktivistin dann aber doch nicht

Bild Kos mos Verlag, my bird buddy, nadja ri ahi

Smartes Futterhaus für Selfies: »My Bird Buddy«: Das smarte Futterhäuschen erkennt mittels AI Vögel und fotografiert sie in Selfie-Perspektive. Ende 2020 sammelte das Start-up des Slowenen Franci Zidar 2 Millionen US-Dollar zur Weiterentwicklung ein. mybirdbuddy.com

gen der Klimawandel auf die Vogelfauna hat, welche Zugvögel im Winter vielleicht gleich ganz dableiben. Um die Begeisterung der vielen neuen VogelfreundInnen weiter zu befeuern, ließ der nabu deshalb im März erstmals den »Vogel des Jahres« wählen. Publikumswirksam hatte man online einen »Wahl-O-Mat« vorbereitet. Wie vor einer Bundestagswahl konnte durch die Beantwortung weniger Fragen der Favorit unter den zehn Kandidaten ermittelt werden. Etwa ob sein Federkleid mit »Mut zu modischen Details« überzeugen solle oder ob man optisch doch eher den »funktionellen Casual-Style« – also ein gut getarntes Tier – bevorzuge. Mit deutlichem Abstand und 60.000 Stimmen wurde so das Rotkehlchen zum Vogel des Jahres gewählt. Der kleine Singvogel verkörpert die vom nabu als Wahlbotschaft formulierte Forderung nach »Mehr Gartenvielfalt!«. Insgesamt hatten 450.000 Personen votiert. Auch das ein »Extremrekord«.


immer. Immerhin wird der Wienerin sogar bei ihren Familienbesuchen im ländlichen Oberösterreich immer wieder augenscheinlich klar, um wie viel weniger Vögel es im Vergleich zu ihrer Kindheit gibt. »Die Siedlung in meinem Heimatdorf ist stark gewachsen. Die Braunkehlchen sind mit den Hecken und Obstbäumen verschwunden.« Das Verschwinden der Arten ist einer der Gründe, warum sie sich für Biodiversität und Klimaschutz einsetzt. »In meinem Bekanntenkreis dränge ich auch darauf, weniger Bäume zu schneiden und mehr ›Urwald‹ im Garten walten zu lassen.« Beruflich beschäftigt sie übrigens zumeist die Amsel. Auch die wäre ein Allerweltsvogel, wird aber kaum noch erkannt. »Ich denke, das liegt daran, dass Männchen und Weibchen unterschiedlich gefiedert sind und dass – meinem Gefühl nach – Amselmännchen öfter in Onlinemedien abgebildet werden«, sagt Lugerbauer, »sie sind mit ihrem gelben Schnabel wohl etwas attraktiver«. Zur Unterstützung gibt es mittlerweile zwar diverse Apps und digitale Hilfsmittel. Und Ende 2020 sammelte das Start-up »My Bird Buddy« per Crowdfunding zwei Millionen US-Dollar ein, um sein digitales Futterhäuschen weiterzuentwickeln, das mittels künstlicher Intelligenz die Tiere beim Fressen bestimmt und fotografiert. Bislang bleiben Bestimmungsbücher mit ihren schematischen Darstellungen aber unerreicht – beziehungsweise liefern eine App ergänzend mit. Das Anfang 2021 erschienene »Handbuch Vögel beobachten« (Kosmos Verlag) des jungen Grazer Ornithologen Leander Khil ist für AnfängerInnen gedacht und kommt bewusst ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit aus. Stattdessen konzentriert es sich auf die Basics, auch auf vorbildliches Verhalten beim Vogelbeobachten, und setzt einen Schwerpunkt auf die Bestimmung schwieriger Arten. Dazu gehören beispielsweise »Intersex-Stock­enten«, also Vogelindividuen, die sowohl männliche als auch weibliche Merkmale aufweisen. Diese hormonell bedingte Besonderheit klingt speziell, ist aber gar nicht so selten. Und so ein Vogel kann einem auch im Stadtpark oder am Gartenteich begegnen.

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Wild auf Wildkräuter Spazieren plus: Unterwegs einfach Tee, Gewürz oder Hauptzutat eines Gerichts mitgehen lassen, so geht’s

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u spazieren und sich daran zu erfreuen, was Wald, Wiesen und Wegränder an Grünzeug atmosphärisch bieten, ist das eine. Bei mancher Pflanze auch eine Ahnung von den Einsatzmöglichkeiten in der eigenen Küche zu haben etwas anderes. Die gute Nachricht für alle, die sich hier derzeit noch damit ausgelastet fühlen, im Topf-Biokräutergarten aus dem Supermarkt Koriander und Petersilie zu unterscheiden: So vielfältig die Pflanzenwelt, fast so erwartbar, was am mitteleuropäischen Wegrand in Suburbia mit hoher Wahrscheinlichkeit – zumindest auch – zu finden ist.

Wofür ist das gut?

Bild Istock.co m/Ele naMe dve de va

Die nächste gute Nachricht: Es ist nicht nur alles davon »für etwas gut«, das meiste davon sogar für den menschlichen Verzehr. Wild Wachsendes und Wucherndes wird von den meisten von uns grundsätzlich nicht auf den ersten Blick als Nahrung wahrgenommen. Und auch beim zweiten Blick dominiert noch die Vorsicht. Die ist grundsätzlich begründet, doch wer einen dritten Blick wagt und diesen ein wenig schult, wird belohnt. Holzmann erklärt

das anhand eines Beispiels aus dem Garten: Das Beikraut (wer Unkraut sagt, outet sich als FeindIn des Wildwuchses) wächst dort, wo es die besten Bedingungen vorfindet – ganz im Gegensatz zu dem, was von uns gepflanzt wird und dann mit seinem Standort irgendwie klarkommen und gedüngt und gepflegt werden muss. »Die Beikräuter sind das, was wir statt des Salats wachsen lassen und essen sollten«, fasst es Wildkräuterguide Gerda Holzmann zusammen. Und sie verweist auf Vergleichsstudien, die den robusten Wildpflanzen eine höhere Nährstoffdichte als Kulturgemüse attestieren.

heimelig neu Wonach suchen wir also? Ein Wildkraut ist eine Pflanze, die in einer Region auch wild wächst – dem steht die Kulturpflanze gegenüber, die man anbauen muss. Gerda Holzmann betont: »Wildkräuter können auch eingeschleppte Pflanzen sein – zum Beispiel die Kanadische Goldrute und das Indische Springkraut.« Und nimmt vorweg: »Die Blüten und Samen des Springkrauts sind essbar. Die Blüten der Goldrute auch, sie sind frisch sehr dekorativ im Salat oder getrocknet einsetzbar als Teepflan-

Text Irina Zelewitz

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ist Wildkräuterguide im nordostöster­ reichischen Waldviertel, unter anderem auch Leiterin des Qualitätsentwicklungsteams bei dem dort beheimateten Biokräuterhandelsunternehmen Sonnentor.

klaren Favoriten: Tee aus frischen Brennnesseln. »Da kann getrocknete Brennnessel nicht mithalten.« Doch auch hier ist Maßhalten angesagt: Bei frischen Pflanzen muss man sich auch ein neues Gefühl für Mengen aneignen. Die Faustregel laut Expertin: die doppelte bis dreifache Menge der Empfehlung für die jeweilige Pflanze im getrockneten Zustand. Ganz grundsätzlich betont sie, dass man bei Kräutertee nie mehr als drei Tassen täglich von einem Kraut trinken sollte. Bei einer zu hohen Dosierung sind Nebenwirkungen bei empfindlichen Menschen nicht auszuschließen. Und es ist davon auszugehen, dass wir einen Großteil des Wirkungsspektrums der Pflanzen vor unserer Haustür noch nicht kennen oder zumindest noch nicht ausreichend beforscht haben.

Schönwetterprogramm Zu Mittag bei Schönwetter sollten Kräuter idealerweise gesammelt werden, aber was tun, wenn Uhrzeit und Wetter anderes sagen und man doch vor dem Kraut steht, das man gerne mitnehmen möchte? Holzmann besteht darauf: Wer Kräuter sammelt, um diese zu trocknen, muss auf einen Tag ohne Regen und Nebel warten und sollte auch nicht bei Tau sammeln. Auch bei Blüten braucht es mindestens einen trockenen Tag vor dem Sammeln. Aber zur direkten Verarbeitung kann man zumindest

Nicht vor allen Haustüren des deutschsprachigen Raums wächst dasselbe. Manche Pflanzen wachsen nur in bestimmten Regionen, noch ausschlaggebender ist aber der Landschaftstyp, also etwa die Seehöhe und der Bodentyp. »Unser Wildpflanzenvorkommen ist ein mitteleuropäisches, aber jeder Boden bietet andere Bedingungen«, erklärt Holzmann und gibt Sammeltipps samt Einordnung der Verwechslungsgefahr. Die folgenden Pflanzen wachsen üppig und sind in Mitteleuropa nicht geschützt:

Brennnessel sind quasi unverwechselbar. Sie mögen nährstoffreiche Böden, gerade entlang von Spazierwegen gilt daher: einfach hoch genug sammeln bzw. schneiden, über Hüfthöhe.

Gänseblümchen kennt jedeR. Nicht verwechseln sollte man sie mit Margeriten, sie eignen sich nicht zum Verzehr. Zentrale optische Unterschiede: Gänseblümchen werden nicht größer als 20 cm; bei der Margerite ist der Stängel mit Blättern besetzt.

Beifuss kann man als junge Pflanze, also bis Mai, mit dem tödlich giftigen Rittersporn und dem Blauen Eisenhut verwechseln; bei Unsicherheit lieber warten, bis die Pflanze ab Juni blüht und dann einfacher zu erkennen ist.

Bild  so nne nto r, Istock.co m/arxic htu 4ki , istock.co m/Sve tlana Kuzmin a, I sto ck. com/Nasta sic

Gerda Holzmann

ze bei Nieren- und Blasenbeschwerden.« Was wir im Garten heute als »Klassiker« kultivieren, ist oft übrigens auch eingeschleppt. So ein Archäophyt ist etwa auch die aus der hiesigen Pflanzenapotheke bekannte Ringelblume, die im Mittelmeer auf sandigen Böden wild wächst. Es handelt sich hierbei um Pflanzen, die nicht wild heimisch sind und vom Menschen vor der sogenannten Entdeckung Amerikas (1492) eingebürgert wurden, erklärt Holzmann. So etwa auch der Klatschmohn oder die Kamille. Die Lebensräume von Pflanzen ändern sich entlang unserer Handels- und Reiserouten. Kräutersammeln ist ein pandemiekompatibles Hobby. Was die Menschen rund um die Kräuter am meisten beschäftigt, hat sich der Kräuterexpertin zufolge aber in letzter Zeit nicht verändert »Das Selbermachen und die Gesundheit sind die zentralen Motive. Kulinarisches erst in zweiter Linie.« Keineswegs nur etwas für Stadtmenschen ohne Naturbezug seien kräuterpädagogische Wanderungen: Zu ihren Touren kämen zur Hälfte StädterInnen, zur Hälfte Leute, die auf dem Land leben. »Die meisten Menschen wollen einfach wissen, was vor ihrer Nase wächst. Der Zugang kann schnell gelegt werden und das Universum der Anwendungsmöglichkeiten ist riesengroß«, betont Gerda Holzmann. Doch sie hat einen


55 grüne Blätter auch auf der Regenwanderung mitnehmen. Noch ausschlaggebender für Geschmack, Wirkung und Haltbarkeit als das Wetter sei die Jahreszeit: »Bei den Brennnesseln sind die Triebe, die ich im April ernte, die intensivsten und enthalten noch keine Bitterstoffe. Im Mai und Juni wird ihr Geschmack herber, im Oktober haben sie den besonders frischen Geschmack verloren und sind für die Zubereitung eines Brennnesselspinats schon fast zu fasrig.« Generell gilt: Bevorzugt werden die jungen Pflanzen, sie schmecken am besten und weisen die höchste Nährstoffdichte auf.

Wildes Pflücken

Bild Istock.co m/ivan-96, istock.co m/juli an white, i stock.co m/ElenaMedve deva, Löwenz a hn Ve rlag

Dabei will alles, was wild wächst, mit Bedacht gepflückt werden: Der Fuchsbandwurm ist eine der prominentesten und gefährlichsten Gesundheitsbedrohungen, die man sich mit verunreinigten Wildkräutern (oder Beeren oder Pilzen …) einhandeln kann. Häufiger sind weniger gefährliche Verunreinigungen, durch Abgase in Straßennähe oder durch Ausscheidungen von Tier und Mensch. Holzmann betont: »Wo viele Tiere und Menschen unterwegs sind, sind Verunreinigungen stärker. Wege in Ballungsräumen, auf denen am Tag viele Hundert Leute mit Hund unterwegs sind, aber auch Kuh- oder Schafweiden sind kein guter Sam-

Löwenzahn erkennt man bei einem Blick auf die Blätter, die ihn einzigartig machen. Es gibt verschiedene Arten, alle sind essbar – von der Blüte bis zu den Blättern.

melort.« Um das Risiko zu minimieren, rät sie dazu, ein paar Meter abseits der Wege, ab Kniehöhe und immer mit sauberen Händen zu pflücken, das heißt auch: nicht zwischendurch auf den Boden zu greifen, wenn man zum Kräutersammeln unterwegs ist. »Wer ängstlich ist, kann auf rohen Verzehr der Kräuter verzichten«, rät Holzmann. Selbst hat sie wenig Bedenken, denn ihr sei bewusst, dass auch auf einem Salat im Supermarkt Verunreinigungen vorhanden sein können. Natur bedeutet eben: keine Laborbedingungen.

Legal, illegal? HandstrauSSregel! Was und wo darf überhaupt wild gepflückt werden? Es gibt kein allgemeines Recht aufs Kräutersammeln, doch eine Tradition dafür. Die Expertin betont, dass hierbei die Menge ausschlaggebend sein kann: »Den Eigenbedarf definiert die Handstraußregel: Sie misst einen Kräuterstrauß, den ich mit zwei Händen umfassen kann. Das wird auch in offenen Flächen wie Wiesen und Wald allgemein geduldet. Wenn der/die GrundbesitzerIn kommt und sagt ›Ich möchte das nicht‹, dann ist dem Folge zu leisten.« Generell empfiehlt Holzmann, immer nur zu sammeln, was auch üppig wächst. Man müsse auch immer etwa stehen lassen, damit man sowohl den Fortbestand der Pflanze als auch die Ernährung der Tiere nicht beeinträchtigt.

Spitzwegerich ist genauso verwendbar wie Breit­ wegerich und von ähnlichen Pflanzen durch seine parallelnervigen Blätter zu unterscheiden. Sie sind im Gegensatz zu den meisten anderen Adern in Blättern nicht netzartig angelegt.

» Gesunde Wild­ kräuter aus meinem Garten

erkennen, vermehren, nutzen« von Gerda Holzmann ist 2018 bei Löwenzahn erschienen. Mehr zur Kräuterpädagogin und Bushcrafterin und ihren Touren unter

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Schafgarbe hat sehr feingliedrige Blätter, die Augenbrauen ähneln. Sie können jedenfalls durch einen Blick auf die Blätter vom reizenden Wiesenbärenklau unterschieden werden. Seine Blätter sind größer, anders geformt und rau behaart. Außerdem nicht nur auf die Blütenform, sondern auch auf die gelben Staubblätter der Schafgarbe achten, sonst besteht Verwechslungsgefahr mit Schierling oder Hundspetersilie.


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camp i ng

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Zelten im Wolfsgebiet

Ein Wolf kann mittlerweile überall in Europa auftauchen. Was ist zu beachten, wenn wir im Territorium eines Rudels wandern gehen oder ein Zelt aufschlagen? Text Thomas Weber

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ie Angst ist unbegründet, aber sie sitzt tief. »Kein Wunder«, sagt Stephan Kaasche, »wir waren den Großteil unserer Menschheitsgeschichte vor allem Beute. Deshalb ist die Angst vor wilden Tieren evolutionsbiologisch auch nichts Verkehrtes.« Beim Wolf ist sie allerdings grundfalsch. Da ist sich Kaasche mit allen anderen, die sich seriös mit dem Wolf beschäftigen, einig. Die Gefahr geht eher vom Menschen aus. Das gilt nicht nur im Straßen-

verkehr, wo 2020 allein in Deutschland beinahe 400 Wölfe starben (etwa 141 in Brandenburg, wo viele Rudel leben, aber nur drei in Baden-Württemberg), oder im Fall von illegalen Tötungen (2020 wurden deutschlandweit 51 davon dokumentiert), sondern gerade auch dann, wenn sich der Mensch selbst draußen unbedarft verhält – und wilde Tiere dadurch zu unerwünschtem Verhalten verleitet. Oft passiere das unbewusst, sagt Stephan Kaasche.


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Kaasche kennt den Wolf wie wenige sonst in Deutschland. Er hat ihn bei der Jagd auf Hirsche oder Hasen beobachtet; bei der Paarung; beim Aufziehen der Welpen. Schon von Jugend an fühlt er sich zu dem Raubtier hingezogen. Seit 2007 ist er in der sächsischen Lausitz als Natur- und Landschaftsführer aktiv. Dort, wohin vor über 20 Jahren die ersten Wölfe nach Deutschland zurückkehrten, begleitet er Wolfswanderungen und leitet Spurenexkursionen durchs Wolfsgebiet. Garantie, einem Wolf zu begegnen, gebe es dabei keine. Das ist ihm wichtig. »Wenn jemand verspricht, ›Ich zeig euch Wölfe!‹, dann wäre ich skeptisch«, sagt er. Denn die Tiere anzufüttern – um sie beobachten oder aus der Nähe fotografieren zu können – sei das Schlimmste. Dadurch verknüpfen sie die Nähe zum Menschen mit Nahrung. Viele der sogenannten Problemwölfe, die zum Abschuss freigegeben werden, haben ihr unerwünschtes Verhalten auf solche Weise entwickelt; in direkter Anpassung an den Menschen. »Wichtig ist deshalb, dass Wildtiere nicht die falschen Erfahrungen sammeln.«

Bild Istock.co m/ryanjlane, ste pha n kaa sche, istock.co m/pe terher me sfuri a n

Kein Essen zurücklassen

»Die Tiere wissen aus Erfahrung, dass auf Wegen immer wieder jemand kommt und geht, ohne eine Gefahr darzustellen, und bleiben deshalb eher entspannt. 100 Meter weiter drin im Wald wird dasselbe Tier scheu sein und sich zurückziehen, weil es dort keinen Menschen vermutet.« Mit einem Fernglas gelinge es ihm mit seinen Wandergruppen deshalb auch immer wieder, Wölfe von häufig frequentierten Wegen aus zu beobachten.

Hunde an die Leine Hunde in freier Wildbahn an der Leine zu behalten dient nicht nur dem Schutz von Wildtieren. Oft bekommen HundehalterInnen gar nicht mit, dass ihr stöbernder Liebling ein paar Meter abseits im Unterholz frisch gesetzte Hasen, am Boden brütende Vögel oder ein Rehkitz totbeißt. Gerade im Wolfs- oder Bärengebiet sind sie in der Nähe des Menschen am sichersten. Herumstreunend können sie von einem Wolfsrudel als Eindringlinge in sein Revier erachtet und als direkte Konkurrenten getötet werden. Besonders kleinere Kläffer werden mitunter auch als Beute betrachtet. »Gegen einen

Geführte Wolfstouren In der Lausitz in Sachsen leben mittlerweile seit zwei Jahrzehnten wieder Wölfe. Darauf haben sich auch einige NaturführerInnen spezialisiert. wolfswandern.de wolflandtours.de

Dokumentationsund Beratungsstelle des Bundes für den Wolf dbb-wolf.de

Beim Wandern, beim Mountainbiken und beim Zelten bedeutet das, niemals und nirgendwo Essensreste zurückzulassen – auch nicht nachts am Lagerplatz. »Noch wichtiger ist das in Gegenden, wo es Bären gibt. Denn ein Bär interessiert sich als Allesfresser für alles, was auch der Mensch isst«, sagt Kaasche. Durch einen befreundeten Naturführer in Skandinavien wisse er von einer Bärin, die ganz gezielt Wanderwege entlangstreift – im Wissen, dass sie am Wegesrand immer wieder Kekse, Wurstecken oder weggeworfenes Obst findet.

Auf Wanderwegen bleiben Auf Wegen und vorgezeichneten Routen zu bleiben ist allerdings oberstes Gebot. »Querfeldein bin ich eine massive Störquelle«, sagt Kaasche. Aufs Erste mag das widersinnig klingen. Doch gerade weil die meisten Wildtiere gelernt haben, Wege eher zu meiden, gebe es auf ihnen eine größere Wahrscheinlichkeit, sie zu beobachten.

Wölfe leben mittlerweile überall in Europa. Gefahr geht von den Tieren auch dann keine aus, wenn wir im Wolfsgebiet zelten. Hunde sollten nachts aber im Zelt bleiben.


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KEIN PROBLEM: JUGENDCAMP IM WOLFSGEBIET In Skandinavien, wo Wölfe und Bären nie ganz verschwunden waren, finden Kinder- und Jugendcamps seit jeher auch in der Wildnis statt. »Wir haben in Schweden kein Problem damit«, erklärt Vicci Friberg aus dem internationalen Sekretariat der schwedischen PfadfinderInnen (Scouterna). »Die Kinder machen solchen Lärm, dass sich Bären und Wölfe immer zurückziehen, wenn Pfadis in der Nähe sind.«

ausgewachsenen Wolf oder gegen ein ganzes Rudel hat ein Hund jedenfalls keine Chance«, sagt Kaasche. Die feine Nase seiner Malinois-Hündin Anima, ein eineinhalbjähriger Belgischer Schäferhund, hilft ihm auf seinen Wolfswanderungen immer auf der Suche nach Spuren und Losung. Aber auch sie wird stets an der Leine geführt – nicht nur zum Schutz vor dem Wolf. »In Gegenden, in denen Wildschweine Erfahrungen mit Wölfen haben und vielleicht schon einmal von ihnen gejagt wurden, sind sie auch deutlich wehrhafter gegenüber Hunden.« In Skandinavien wiederum gehe die größte Gefahr von Elchen aus, die Hunde niedertrampeln. Und der schlimmste Fall wäre wohl ein streunender Hund, der im Unterholz einen Bären trifft und von diesem verfolgt zurück zum Menschen flüchtet – den Bären im Schlepptau.

Hunde nachts ins Zelt Auch die Nächte verbringen Hunde am besten im Zelt oder im Bungalow. Dort sind sie vor Wölfen wie vor Bären sicher. »Dass der nachts bellt, wenn sich ein Bär nähert, ist normal«, sagt Stephan Kaasche. »Und 99 Prozent aller Bären werden von einem Hund vertrieben.« Hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nie. Ebenso wenig, wie man im Wolfsgebiet sicher sein kann, wirklich Wölfe wahrzunehmen. Denn zumeist sucht ein Rudel das Weite, lange bevor der Mensch es überhaupt sehen könnte. Dennoch gebe es »den Mythos vom sehr scheuen Wildtier Wolf«, bedauert Kaasche.

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»Gerade junge Wölfe sind nun mal unvorsichtig. Es kann sein, dass ein Jungtier fünf Meter vor mir aus der Brombeerhecke springt und wegläuft. Das ist nicht unproblematisch. Aber es bleibt ein großes Glück und unwahrscheinlich, einem Wolf zu begegnen.« Mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit kann man Wölfe nachts heulen hören. In klaren Nächten ohne Regen, raschelnde Blätter und Grillenzirpen sind sie weithin hörbar – bis zu drei, vier Kilometer. »Wenn sie wie Hunde bellen, um andere Wölfe vor ihrem Revier zu warnen, dann ist das sogar noch weiter hörbar.«

Lagern noch bei Tageslicht

Bild wolfs wandern, Istock,co m/A ndrey Z hu ravlev

Wer gerne unter Sternen übernachtet, weiß, dass es viele Vorteile hat, das Quartier nicht erst bei bereits anbrechender Dunkelheit oder ganz im Finsteren aufzuschlagen. Die Gegend,

Die Fährten des Wolfs lassen sich mit etwas Übung leicht von Pfotenabdrücken eines Hundes unterscheiden. Die Wahrscheinlichkeit, einem Wolf in natura zu begegnen, ist aber sehr gering.

»Dabei achte ich auf Spuren, um sicherzugehen, dass ich mich nicht »Tiere anzufüttern ist das im Rückzugsraum eines Bären oder Schlimmste. Dadurch vor einer Wolfshöhle niederlasse«, sagt Kaasche. Wir müssten uns beverknüpfen sie die Nähe wusst sein, uns in der Natur im Lezum Menschen mit Nahrung.« bensraum von Wildtieren zu bewegen, als Fremde und Eindring— Stephan Kaasche, linge. »Wenn sich zuhause jemand Natur- und Landschaftsführer auf unsere Couch legt, wundert sich auch niemand, dass wir nicht wegrennen. Wenn wir bleiben, dann denkt in der wir uns niederlassen, bei Tageslicht gesich auch niemand: ›Guck mal, die sind aber sehen und sich dort auch umgesehen zu haben zahm hier.‹« hilft, unliebsame Begegnungen zu vermeiden. Bis in den Frühsommer hinein, wenn die Welpen im Rudel noch klein sind, bleibt der Bewegungsradius der Tiere geringer. Theoretisch ist es sinnvoll, sich vorab zu informieren, ob wir uns im Territorium eines Wolfsrudels bewegen. Praktisch ist das allerdings nur bedingt möglich. In Deutschland beispielsweise melden die Bundesländer ihre Wolfszahlen und Territorien meist erst im Sommer oder Herbst. So beziehen sich die aktuellsten Zahlen auf der Website der »Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf« auf den Zeitraum von Mai 2019 bis April 2020: Die Reviere der 128 Rudel gelten als gesetzt. Aber auch die 36 Paare könnten Nachwuchs haben und auch die zehn Einzeltiere mittlerweile im Familienverband leben. Wer den »Burgfrieden« vor der Wolfshöhle »Wenn jemand verspricht, ›Ich zeig euch Wölfe!‹, dann wäre nicht stören möchte, bleibt auch deshalb auf ich skeptisch«, sagt Naturführer Stephan Kaasche. Im Bild und Wanderwegen – und lagert auf dafür vorgeseauch sonst stets an seiner Seite: Schäferhündin Anima. henen Plätzen.

Übernachten in Wald und Flur Anders als in Schweden (»Allemansrecht«), Norwegen, Estland, Lettland und Litauen ist Zelten im Wald in Österreich und Deutschland prinzipiell verboten. Ausnahme: eine ausdrückliche Erlaubnis durch den/ die GrundbesitzerIn. In der freien Landschaft variieren die Gesetze von Bundesland zu Bundesland. Nicht genau geregelt und ein Graubereich: das Übernachten im Freien ohne Zelt.

Draußen zuhause Der Naturfotograf Karsten Nitsch bietet im sorbischen Heidedorf Neustadt an der Spree Übernachtungen im »Spreecamp«, direkt am Spreeradweg, an. Nachts hört man hier mitunter Wölfe heulen. spreefotograf.de/spreecamp spreeradweg.de


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Ca mp e r r e ise n

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Der Natur entgegen

Urlaub auf vier Rädern liegt im Trend. Wie sehr man auf dem Weg in die Natur derselben schadet, liegt im Detail.

Bild  Uns plash.co m/Gareth Hubbard

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eisen in der Pandemie? Das Geschäft mit Reisemobilen lief 2020 gut. Laut der European Caravan Federation, dem Dachverband der europäischen Freizeitfahrzeugindustrie, verzeichnete Deutschland von Januar bis September letzten Jahres einen Anstieg an Neuzulassungen von 15,3 Prozent, in Österreich waren es 11,8 Prozent. Zu Reisemobilen zählen Kastenwägen wie Campingbusse oder Campervans sowie teil- und vollintegrierte Wohnmobile. Für LiebhaberInnen verkörpern Reisemobile das Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und die Möglichkeit, dem nächsten Baum, See oder Meer besonders nah zu sein und so »naturverbunden« zu urlauben. Besonders ökologisch ist diese Art des Reisens allerdings nicht.

Laut dem deutschen Öko-Institut e. V. ist der Tourismus weltweit für fünf Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Knapp drei Viertel der Emissionen entstehen dabei durch die An- und Abreise. Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) hat sich anhand mehrerer Beispielreisen mit dem Emissionsausstoß der Wohnungen auf vier Rädern auseinandergesetzt und gibt an, dass bei einem Besetzungsgrad von zwei Personen die Emissionen pro Personenkilometer nur rund zehn Prozent unter denen eines durchschnittlichen europäischen Fluges liegen. Dabei unterscheiden sich die unterschiedlichen Fahrzeugvarianten nur wenig, da größere Reisemobile zwar einen höheren Innerortsverbrauch, durch ihre gerin-

Text Leonie Stieber


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Ca mp e r r e isen

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ist Verkehrsingenieur beim Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg.

2000 Kilometer Deutschland fährt voraus Von Januar bis September 2020 wurden in Deutschland pro Kopf über drei Mal mehr Reisemobile neu zugelassen als in Österreich. Die Neuzulassungen für Wohnwägen hinken denen der Reisemobile weit hinterher.

Bis dahin wäre es eine Möglichkeit, die mit den Reisemobilen zurückgelegten Distanzen zu beschränken, laut den Ifeu-Berechnungen am besten auf 2000 Kilometer. »Der Gleichgewichtspunkt, ab dem die Mehremissionen der Anreise durch die Reisemobile so hoch sind, dass diese durch die geringeren Vor-Ort-Emissionen nicht mehr ausgeglichen werden können, liegt bei einer durchschnittlichen zweibis dreiwöchigen Reise ungefähr bei einer Reisedistanz von 2000 Kilometern«, erklärt Fabian Bergk.

In diesem Rahmen liegt mit ungefähr 1500 Kilometern für Hin- und Rückfahrt beispielweise eine Reise von Frankfurt am Main nach Rügen, laut einer Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen 2020 das beliebteste innerdeutsche Reiseziel. Von Wien aus entspräche diese Distanz einer Reise nach Split in Kroatien.

Roadtrip ja, aber bitte mit Camper vor Ort! Bei einem dreiwöchigen Roadtrip mit zwei Personen und ungefähr 3300 zurückgelegten Kilometern fallen knapp 1,5 Tonnen CO2-Äquivalente an. Das Ifeu rechnete in seinem Beispiel mit einer Reise ab Frankfurt am Main über Kopenhagen nach Göteborg, Oslo, Bergen und wieder zurück. Ab Wien vergleichbar mit einer Italienrundreise bis nach Taranto in Süditalien und wieder zurück. »Wäre man zu zweit unterwegs und würde den Camper erst in Kiel mieten und mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin anreisen, könnte man 400 Kilogramm an Emissionen einsparen«, so Bergk. Bei der Italienreise mit zwei Personen hätte eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis Venedig denselben Effekt.

Sharing is caring Laut den Berechnungen des Ifeu stehen sich Reisemobile über drei Viertel ihrer Lebens-

Bild  ifeu , istock.co m/o leh sl obodeniu k

Fabian Bergk

gere Fahrtgeschwindigkeit aber einen niedrigeren Autobahnverbrauch haben als Kastenwägen. Das Ifeu rechnet bei Kastenwägen mit einem Innerortsverbrauch von 12,3 Litern Diesel auf 100 Kilometer und mit 14,4 Litern bei vollintegrierten Reisemobilen. Elektro-Camper seien noch keine Möglichkeit, diese hohen Reise-Emissionen zu umgehen, sagt Fabian Bergk, Verkehrsingenieur beim Ifeu und gemeinsam mit vier weiteren KollegInnen Autor der Vergleichsstudie zur Klimabilanz von Campingreisen. »Im Moment tut sich im Bereich der Wohnwägen und Reisemobile zwar einiges, das ist aber noch nicht alltagstauglich« sagt er.


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Vor-Ort-Emissionen

Bild  istock.co m/cookel ma , Istock.co m/Ve ronika Dvořá ková

Eine Campingplatzübernachtung verursacht ungefähr ein Drittel der Emissionen einer Hotelübernachtung.

dauer ungenutzt die Reifen platt, Grund genug, sie zu teilen! Die beiden Internetplattformen Yescapada und Paul Camper bieten in insgesamt acht europäischen Ländern zusammen über 18.000 Fahrzeuge an – genug Auswahl also, um den Camper zu finden, der die eigenen Bedürfnisse am besten abdeckt. Der Vorgang ist unkompliziert, über die Plattformen wird der Kontakt zwischen VermieterIn und MieterIn hergestellt, wenn beide die Anfrage bestätigen, geht es los, mit Versicherungsschutz und Kaution. Die Kosten liegen meist, je nach Saison und Fahrzeug, zwischen 50 und 100 Euro oder mehr pro Tag. Das klingt erst mal teuer, verglichen mit den reinen Anschaffungskosten eines neuen Campingbusses, die schnell über 35.000 Euro liegen, ist man vergleichsweise günstig unterwegs. Laut dem Caravaning-Industrie-Verband lag der Durchschnittspreis für ein Reisemobil 2020 bei knapp 74.000 Euro. Dazu kommen noch die jährlichen Kosten für Versicherung, Kfz-Steuer, Wartung und Reparaturen sowie für die Hauptuntersuchung beziehungsweise wiederkehrende Begutachtung, die in Deutschland alle zwei Jahre, in Österreich teilweise ( je nach Alter des Fahrzeugs) jedes Jahr durchgeführt werden muss.

Take it slowly »Menschen, die einen Camper kaufen, sind eine zahlungskräftige Klientel, die durchaus auch bereit wäre, Geld für Fernreisen auszugeben«, so Bergk. Man müsse sich fragen, wie die Menschen sonst verreisen würden. Statt hoher Reisezahlen mit dem Flugzeug oder Kreuz-

fahrtschiff sei der Camper-Trend positiv zu bewerten. »Dennoch sind wir mit Emissionen in der Größenordnung von einer halben Tonne pro Person und Reise immer noch auf einem viel zu hohen Standard.« Es gilt: je länger die Reisedauer und je kürzer die zurückgelegte Distanz, desto besser. Und unterwegs: Take it slowly! Schon eine Reduzierung um 20 km/h kann die Emissionen der gesamten Reise um sechs Prozent senken. Mit etwas Planung wird der nächste Camping­ urlaub so nicht nur naturverbunden, sondern auch ökologischer.

Reise-Emissionen Bei der Beispielreise Rügen/ Split entstehen mit Camper auf dem Campingplatz weniger Emissionen als vergleichsweise mit Pkw und Hotelaufenthalten. Bei dem Roadtrip mit über 2000 Kilometern Distanz wären jedoch Pkw und Hotelübernachtungen emissionsärmer.


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E l e k t r om o bil ität u n d Wo hn m o bil e

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Gibt es denn keine E-Camper? Der von Elektrofrosch importierte Kleinsttransporter ist aktuell der einzige echte E-Camper auf dem Markt. Sein Aufbau lässt sich auch auf kleine Anhänger montieren.

Text Martin Mühl

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n Zukunft werden alle Wohnmobile elektrisch angetrieben – oder mit anderen umweltfreundlicheren Motoren. Diese Zukunft ist aber bei Wohnmobilen noch weiter entfernt als bei anderen pkw oder Motorrädern, die Entwicklung schreitet international nur sehr langsam voran. Das wird an dem im Vergleich zu pkw natürlich kleinen Markt liegen: In Deutschland wurden im Rekordjahr 2020 laut Caravaning-Industrial-Verband rund 56.000 Wohnmobile und 27.500 Wohnwagen angemeldet – aber 2,92 Millionen pkw. In Österreich stieg 2020 die Zahl der Neuanmeldungen von Wohnmobilen um 74 Prozent auf 2969 und die von Wohnanhängern gering auf 989.

Ein anderer Grund für die zögerliche Etablierung des E-Antriebs bei Wohnmobilen mag deren vorrangige Nutzung sein: Sie stehen oft Wochen und Monate still, sei es am Campingplatz oder wartend auf den nächsten Einsatz. Und im Stillstand ist der Antrieb egal. Wenn Wohnwagen bewegt werden, dann nicht auf den für den Alltag typischen kurzen Wegen, sondern auf langen Urlaubsfahrten. Und genau hier liegt nicht nur wegen des hohen Gewichts von Wohnmobilen, sondern auch aufgrund der beschränkten Reichweite und immer noch schwierigeren Ladeinfrastruktur die Schwachstelle von Elektromobilität. Seit Hotels in erster Linie geschlossen haben, ist es attraktiver geworden, im Wohnmobil von Stand-

Bild Ele ktro fro sch Berli n / Lu ca s Adrian

Es gibt noch – fast – keine elektrisch angetriebenen Camper auf dem Markt. Aber durchaus innovative Ideen und Konzepte.


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deutsche Wohnmobilmarke Dethleffs mit ihren Konzepten, die allerdings noch nicht auf dem Markt sind, der Anbieter mit den am weitesten entwickelten Ideen. Der Globevan auf Basis eines Ford-Kleinbusses ist ein Hybridfahrzeug mit Campingaufbau, der rein elektrisch laut Herstellerangabe bis zu 50 Kilometer weit fährt und mit einem 1,0-l-Benzinmotor als Range Extender ausgestattet ist, der den Elektromotor bei Bedarf unterwegs lädt. Das E-homeReisemobil ist das Konzept eines Wohnmobils, dessen Außenfläche großzügig mit Solarpaneelen ausgestattet ist, die vollelektrisches Fahren möglich machen sollen. Und mit dem E-home Coco ist man gerade dabei, einen Anhänger zu entwickeln, der ebenfalls Batterien über Photovoltaik lädt. Außerdem testet man hier eine Antriebsunterstützung, bei der kleine Elektromotoren die Räder des Anhängers antreiben. Dies ermöglicht laut aktuellen Tests ein stabileres Fahrverhalten, die Bewegung des Anhängers per App ohne Zugfahrzeug auf dem Standplatz und es kann die Anhängerlast deutlich verringern, sodass auch schwächere und leichtere

platz zu Standplatz zu fahren. Das lässt die Zulassungen steigen, ist aber immer noch ein Nischenprogramm.

Konzeptvielfalt All das mag gemeinsam dazu geführt haben, dass aktuell Elektromobilität für Wohnmobile und Wohnanhänger ziemlich unterentwickelt ist. Mit dem Modell Iridium wurde schließlich 2020 dann auch eines der vielversprechendsten Konzepte eingestellt. Dieses war nur kurz auf dem Markt und wurde vom Wohnmobil­ importeur wof gemeinsam mit Elektro-Fahrzeuge Schwaben, einem Unternehmen spezialisiert auf den Umbau von Fahrzeugen auf Elektroantrieb, entwickelt. Damit ist nun die

Der Anhänger »Coco« ist noch in der Konzept- und Testphase. Er hat Elektromotoren für die Anhängerräder und lässt sich auf dem Standplatz per App steuern.


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E l e k t r om o bil ität u n d Wo hn m o bil e

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Wo darf man für eine Nacht stehen bleiben? Während in ganz Österreich klar geregelt ist, dass das freie Zelten im Wald grundsätzlich nicht erlaubt ist, sind die Regeln für das Campieren mit einem Wohnwagen oder -mobil Ländersache. Wobei es grundsätzlich auch hier außerhalb von Privatgründen und Campingplätzen verboten ist. Ausnahmen sind die Steiermark (da gibt es keine allgemeinen Bestimmungen), Salzburg und Vorarlberg, hier dürfen die BürgermeisterInnen jeweils die Verbote aussprechen. Im Gegensatz dazu ist es in Deutschland, wenn kein explizites Verbot aufgestellt ist, prinzipiell überall erlaubt, eine Nacht mit dem Wohnmobil zu campieren – zumindest überall dort, wo geparkt werden darf. Allerdings längstens für eine Nacht, bis die/ der FahrerIn ausgeruht ist. Und: Tische und Stühle dürfen auf Parkplätzen üblicherweise nicht aufgestellt werden.

Fahrzeuge diesen ziehen können. Eine neue Technologie, für die es noch keine Kategorie in den Gesetzbüchern und deswegen auch keine Zulassung gibt. Die Batterien im Anhänger sollen – etwa wenn dieser neben einem Einfamilienhaus auf seinen Einsatz wartet – nutzbar sein, um den auf dem Hausdach gewonnenen Solarstrom für die Nutzung im Haus zu speichern. Den Konzepten sollen bald handfeste Neuigkeiten folgen.

Echte Alternative Anders als diese teils durchaus luxuriösen Möglichkeiten zu reisen und zu urlauben bietet Elektrofrosch eine echte Alternative: Das deutsche Unternehmen importiert Elektro-Apen, also Kleinstfahrzeuge mit Elektromotor. Diese gibt es nicht nur mit Aufbauten für Transporte, Streetfood und mobile Soundanlagen, sondern auch als Klein-Camper. Wobei das Campingmodul nicht nur auf dem Elektro-Kleintransporter angebracht werden kann, sondern zum Beispiel auch auf kleinen Anhängern. Wer die Reise mit dem Camper ohne Nutzung fossiler Brennstoffe genießen will, der/m bleiben aktuell wenige Möglichkeiten. Bei genügend Zeit und Geld kann natürlich der Umbau eines vorhandenen Wohnmobils in Auftrag gegeben werden. Schließlich haben die wenigsten die Möglichkeit, auf einen Tesla Model X zurückzugreifen, ein eher klobiges Elektro-suv, das schwer genug ist, einen Wohnanhänger zu ziehen.

Bild d ethleffs

Je weiter in der Peripherie das Ziel liegt, desto eher muss eine Schwachstelle von Elektromobilität mitberücksichtigt werden: fehlende Ladeinfrastruktur.

Auch bei von großen Marken entwickelten Campingmobilen nahe an Kleinbussen gibt es Bewegung. In Spanien gibt es von Nissan einen Umbau des E-NV200 zum Camper und das Konzept eines schon in der Praxis getesteten E-NV200 Winter Camper. Zwar sind bei VW bisher weder der Multivan noch dessen Campingvariante California mit alternativen Antrieben zu haben, es gibt mit dem ID Buzz aber ein formschönes Konzept: ein optisch auf dem alten Bulli basierender Campingvan mit Elektroantrieb. Auch beim Mercedes-Campingbus Marco Polo fehlt bisher eine Variante mit Elektro- oder Hybrid­ antrieb. Mit dem E-Vito und dem E-Sprinter gibt es bei Mercedes aber bereits seit einigen Jahren Kleinbusse mit elektrischem Antrieb. Im Winter wurden ein neuer E-Sprinter und mit ihm die Entwicklung einer Electric Versatility Platform angekündigt, auf der künftig wohl mehr Transporter mit elektrischem Antrieb aufbauen.


Fotos: JFL Photography / Adobe Stock; Ralf Meyer

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SOMMERTEINT

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Ein Sonnenbrand ist gesundheitsschädigend, ein Selbstbräuner kann es bei falscher Lagerung auch sein. Was steckt in Braunmachern?

Bräunung aus der Tube Wie funktioniert die Chemie hinter einem Sommerteint ohne Sonne – und welche wird als bedenklich eingestuft?

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit Sitz in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch unabhängige wissenschaftliche Bewertung und Forschung gesundheitliche Risiken für Menschen zu minimieren.

S

ommer, Sonne und der ernüchternde Blick in den Spiegel. So hat man sich im Sommer nicht vorgestellt: blass, nach einem ersten Sonnenbad dann blass-gestreift. Selbstbräuner versprechen Abhilfe. Die als Cremes, Gele, Lotionen und Sprays erhältlichen Hilfsmittel wollen möglichst gleichmäßig auf die Haut aufgetragen werden und funktionieren alle nach demselben Grundprinzip: Durch die Einfachzucker Dihydroxyaceton (dha) und Erythrulose wird eine Reaktion mit Aminosäuren und Eiweißen in der obersten Hautschicht, der Hornschicht, erreicht, die die Haut gebräunt aussehen lässt und auch

den für Selbstbräuner typischen Geruch auslöst. Das Ergebnis erfolgt ganz ohne UV-Licht. Ein Vorteil für all jene, die einen gleichmäßigen braunen Teint ohne intensive Sonnenbäder suchen. Doch schützen Selbstbräuner weder vor Sonnenbränden noch sind sie frei von Problemstoffen.

Es ist nicht alles Goldbraun, was glänzt Meistens wirken Selbstbräuner durch eine Kombination von dha und Erythrulose, doch die beiden Stoffe unterscheiden sich stark. Erythrulose ist deutlich teurer in der Herstellung. Der Bräunungseffekt ist etwa zwei Tage nach

Bild Pixabay.com/Free -Pho tos

Text Florian Jauk und Irina Zelewitz


69 tionstoxisch und bedeutet, dass es sich um einen Stoff handelt, der krebserzeugend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend wirkt oder zumindest im Verdacht steht, so zu wirken. 2019 wurde Formaldehyd in der Europäischen Union in die Liste an Stoffen aufgenommen, die als Bestandteil von Kosmetika verboten sind. Die EU-Kommission begründete dies unter Berücksichtigung eines Papers ihres Wissenschaftlichen Ausschusses für Verbrauchersicherheit, kurz sccs, unter anderem folgendermaßen: »In Anbetracht des Gutachtens des Scientific Committee on Consumer Safety geht von der Verwendung dieser Stoffe in kosmetischen Mitteln ein mögliches Risiko für die menschliche Gesundheit aus.«

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der Anwendung sichtbar und hält dann bis zu neun Tage an. Dihydroxyaceton ist zwar billiger zu produzieren und hat den Vorteil, dass ein Ergebnis schon wenige Stunden nach der Anwendung zu sehen ist, doch den Nachteil, dass dha oft ein unregelmäßiges Bräunungsergebnis mit einem leichten Orangestich erzielt und nur maximal fünf Tage hält. Außerdem hat dha einen gesundheitsrelevanten Nachteil. Da der Stoff chemisch deutlich instabiler als Erythrulose ist, kann er schneller als dieser zerfallen. Dieser Zerfall setzt oftmals in geringen Mengen das potenziell krebserregende und zu allergischen Reaktionen führende Formaldehyd frei. Das gilt auch für Produkte, wie die meisten Bräunungscremes, in denen dha verarbeitet ist. Der Zerfall von dha und die damit verbundene Freisetzung von Formaldehyd können durch zu lange oder zu warme Lagerung von Selbstbräunern beschleunigt werden. Die EU-Kommission stuft Formaldehyd als »cmr« ein. Das steht für karzinogen, mutagen und reproduk-

Da zwar Formaldehyd, nicht aber Stoffe, die zu ebenjenem zerfallen, in Kosmetika in der EU tabu sind, ist dha in Selbstbräunern weiterhin erlaubt. Die Maximalkonzentration von Dihydroxyaceton in Kosmetika liegt bei zehn Prozent und wird vom sccs als sicher bewertet. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (cvua), das im Mai 2017 die Haltbarkeit von dha in Selbstbräunern untersuchte, kam zum Ergebnis, dass von den 15 untersuchten Selbstbräunern bei keinem Formaldehyd festgestellt werden konnte. Das cvua weiter: »Formaldehyd wird in Selbstbräunungsmitteln nicht als aktiver Bestandteil verwendet, sondern kann während der Lagerung im Produkt entstehen. Diese Tatsache muss schon heute bei der Beurteilung der Sicherheit für jedes kosmetische Mittel berücksichtigt werden. So ist es Aufgabe des Herstellers, die Sicherheit von Selbstbräunungsmitteln auch im Hinblick auf mögliche freigesetzte Mengen an Formaldehyd aus dha während des Produktlebens zu bewerten.« Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung unterstützt diese Einschätzung. Das cvua gab außerdem an, Rohstoffhersteller von dha würden eine Mindesthaltbarkeit von 18 Monaten garantieren. Voraussetzung dafür sei eine Lagerung bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad. Deswegen wird von ExpertInnen eine Kühlung von Selbstbräunern und deren alsbaldige Verwendung wärmstens empfohlen.

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SOMMERTEINT

Dr. MR. Johannes Neuhofer ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie sowie Bundesfachgruppenobmann der Ärztekammer Oberösterreich im Bereich Dermatologie.

Haut und richtiger Lagerung sind Selbstbräuner Einer dieser Experten ist der Dermatologe kein vordringliches Problem.« Johannes Neuhofer. Er hält trotz der Risiken ein Verbot von dha-haltigen Kosmetika nicht für notwendig. »Man muss die Kirche im Dorf Selbstbräuner ohne DHA lassen. Die Konzentrationen sind ja gering. Ich Auch Naturkosmetik kommt meist ohne dha hatte schon viele PatientInnen, die Selbstbräuin Bräunungsprodukten nicht aus. Der Unner verwendet haben, aber ich habe noch kaum terschied zu konventionellen Produkten: dha Reizung der Haut durch diese Produkte erlebt, wird aus natürlichen Quellen gesourct statt was ja bei einer zu hohen Menge Formaldehyd synthetisch erzeugt. Das BfR versichert aber, der Fall wäre.« Auch das deutsche Bundesinstiausschlaggebend für die Wirkung von dha sei tut für Risikobewertung gibt Entwarnung: »Undie Struktur, nicht die Herstellungsweise. ter Einhaltung der vom Scientific Committee on Consumer Safety (sccs) als sicher bewerKraft der Karotte teten Maximalkonzentration sind gesundheitSelbstbräuner ohne Dihydroxyaceton und Eryliche Beeinträchtigungen durch die Verwenthrulose reihen sich selten in die Kosmetikredung von Selbstbräunern gale ein. Wer ein Bräunmit dha für Verbraucheungsprodukt mit Zutaten rinnen und Verbraucher aus biologischem Anbau nicht zu erwarten.« sucht, stößt schnell auf Dennoch können die SelbstbräunungsSelbstbräuner mit Dihylotion von Lavera. Die droxyaceton bei falscher Creme verspricht ein oder zu langer Lagerung sonnengeküsstes Aussefür Menschen mit Hauhen der Haut am ganzen terkrankungen gefährKörper ohne UV-Licht. lich sein. Bei NeuroderAuf andere natürliche mitis, einer Erkrankung, Inhaltsstoffe setzt das bei der die Haut eine wefranzösische Unternehniger abdichtende Funkmen Melvita: auf den Intion hat, rät Neuhofer haltsstoff Carotin. Das zur Vorsicht. Hierbei sei biozertifizierte Karotdie Gefahr gegeben, dass tenöl lässt sich entweder Selbstbräuner auch weipur oder in Kombination ter in den Organismus als mit einer FeuchtigkeitFormaldehyd kann sich bei falscher Lagerung von nur in die oberste Hautscreme gleichmäßig auf Selbstbräunern bilden und wird von der EU als schicht eindringen könnder Haut verteilen. potenzieller Gefahrenstoff eingestuft. ten. Bei gesunder Haut Möchte man auf den sei es aber kaum möglich, dass die InhaltsstofSommerteint aus der Tube nicht verzichten, fe von Selbstbräunern über die Haut in den können angesichts der geringen Konzentramenschlichen Organismus eindringen können. tionen von potenziell gefährlichen Stoffen in Vor allem, da die Haut extra dafür geschafSelbstbräunern deren Risiken minimiert werfen sei, dass durch die Basalmembran »nichts den, indem man dha-haltige Produkte eher im durchkommt«, und weil Selbstbräuner nur die Kühlschrank lagert und solche, die man schon oberste Hautschicht bräunen und diese Wirklänger zuhause liegen hat, im Zweifelsfall nicht stoffe nach einigen Tagen durch die natürliche mehr benutzt. Problembewusstsein und ReguEntwicklung der Hornschicht auch wieder ablierung von dha in Kosmetikproduktion sind transportiert werden können. Insgesamt bevor allem in der Europäischen Union Thema – wertet der Dermatologe die Verwendung von nicht in allen Urlaubsdestinationen gelten ähnSelbstbräunern als in Ordnung. »Bei intakter lich strenge Regulative.

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Po r t r ät

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Die Geschichte des Gründers Sepp Dygruber kennt Höhen und Tiefen. 2008 landeten seine Öko-Geschirrspültabs bei Stiftung Warentest auf dem letzten Platz. 2019 triumphierte er als Testsieger.

Der Selfmadevisionär

Inspiriert von WC-Würfeln und einer umweltbewussten Kundin trimmte Sepp Dygruber die von ihm propagierten Geschirrspültabs auf öko. Ein Besuch in seiner »Hexenküche«.

Bild Claro

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Ds werden hier heute keine mehr gepresst. Dafür Geschirrspültabs. Vor kurzem ist Sepp Dygruber mit Sack und Pack hierher übersiedelt, »bei laufender Produktion«, wie er nicht ohne Stolz anmerkt. Während im alten Werk am Mondsee noch Rohstoffe gemischt wurden, lief hier in Anif, auf dem alten Areal von Sony Music, bereits die Hardware heiß: sechs Geschirrspüler, identisch eingeräumt mit bunten Bechern, schwarzen Tellern, Silberbesteck, Kristallgläsern und Kaffeetassen, maximal verdreckt, um zu überprüfen, ob Spülgang für Spülgang die Leistung passt, alles sauber geworden ist und glänzt. Denn das Versprechen seiner Claro-Pulver und Tabletten lautet »grün, aber gründlich«. Und Fehler kann sich Sepp Dygruber heute keine mehr erlauben, das weiß er. Da wäre der Markt gnadenlos. 2008, als er sich bewusst entschieden hatte, bei seinen Tabs den

problematischen Bestandteil Phosphat wegzulassen, hätte ihm ein vernichtendes Testurteil der Stiftung Warentest fast das Genick gebrochen. Als Testsieger ist ihm 2019 zwar ein später Triumph geglückt. Aber Sepp Dygruber ist demütig geblieben.

Der Traum von der Ökofabrik Mittlerweile ist auch die Produktion ganz in Anif angekommen. »Hexenküche« nennt der Gründer die Halle, in der die Ingredienzien zusammengemischt, in Tabs gepresst und in auffällig taillierte Kartons verpackt werden. 6000 Quadratmeter des Geländes, an dessen Einfahrt noch das Sony-Logo an das einstige Prestigeprojekt der Salzburger Kreativwirtschaft erinnert, hat Dygruber gemietet. Das mit der Miete ist ihm wichtig. Denn eigentlich lägen Pläne für eine Ökofabrik in der Schublade; mit Photovol-

Text Thomas Weber

»Vom Tellerwäscher zum Visionär« Der Journalist Wolfgang Maria Gran erzählt auf 143 Seiten, »wie Öko-Pionier Sepp Dygruber mit Claro Geschichte schrieb«. Nah an der PR, aber lesenswert. Ecowin Verlag, 2021


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Po r t r ät

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Wie Öko-Pionier Sepp Dygruber mit claro Geschichte schrieb, von Wolfgang Maria Gran, Ecowin, 2021.

Mitte der 90er-Jahre am Set mit der Schauspielerin Dagmar Koller: Der Werbespot ist legendär. Die damit eingeführte selbstauflösende Folie von Claros Geschirrspültabs veränderte eine Branche.

sen«, sagt er. »Und wir waren auch gar nicht so gescheit, wir hatten nur die Gabe, den Leuten zuzuhören.« So verdankt Claro die erste richtige Innovation auch der Verkäuferin eines Salzburger Unimarkts. Die klagte eines Tages über den Plastikmüll und fragte, ob man die Tabs nicht wie WC-Würfel in selbstauflösender Folie anbieten könne. So gelangte das Know-how aus dem Klo in den Geschirrspüler. Dass heute nicht längst alle Geschirrspültabs auf die Einwegplastikhülle verzichten, liege einzig an der Praxis in den Konzernmanagements, meint Dygruber: »Das sind börsenotierte Unternehmen, wo das Management Verträge für vier bis fünf Jahre hat, da haut sich wegen ein paar Kommastellen niemand seine Marge zusammen. Und dann ist halt der Nächste dran.«

»Wir sind ja bei Gott nicht perfekt, aber wir lernen jeden Tag dazu.« —  Claro-Gründer Sepp Dygruber hört genau hin, wenn Feedback kommt. Alternative Vertriebswege Auch alternative Vertriebswege hat sich Claro einst »rein aus der Not heraus gesucht«. Selbst heute, wo Claro breit im Handel vertreten ist und mit »100% Claro« auch eine eigene Produktlinie für den Biofachhandel entwickelt hat (»das Härteste, Ecocert-zertifiziert und in Graskartons verpackt«), bleibt der Elektrofachhandel eine wichtige Vertriebsschiene. Von dort aus drängte Dygruber in den 90er-Jahren – in enger Zusammenarbeit und in gemeinsamen TV-Spots mit Miele – auf den Markt. Um Feedback und Vertrieb künftig zusammenzuführen und um vorab exklusive Produktentwicklungen abzutesten (»vielleicht gelingt uns ja sogar einmal ein Hype«), baut er seit einiger Zeit auch den Claro-Onlineshop aus. »Wir sind heute vielfach in Kontakt mit den EndverbraucherInnen. Wir sind ja bei Gott nicht perfekt, aber wir lernen jeden Tag dazu«, sagt Dygruber. »Von ihnen erfährst du manchmal extrem Relevantes. Und auch was die gesammelten Daten künftig für uns bedeuten, das begreifen wir heute noch gar nicht, da bin ich sicher«.

Bild Claro , Eco win

» Vom Tellerwäscher zum Visionär.«

taikanlage, weitgehend autarker Energieversorgung, eine »gläserne Fabrik«, durch die man gehen und sehen könne, wie die Tabs rausschießen, 1200 Tabs in der Minute; alles ein bisschen wie in der »Sendung mit der Maus«. »Aber momentan brauche ich die Kraft für den Markt«, sagt der 53-Jährige, »die Ökofabrik zu bauen würde mich ablenken und ich muss noch ein bisschen wachsen.« Dass nichts hier für die Ewigkeit gedacht ist, zeigt er im Vorbeigehen. »Da ist nix geschweißt, sondern alles geschraubt«, deutet Dygruber auf die Stahlträger. Soll heißen: Alles hier ist auf seine künftige Wiederverwendbarkeit hin konstruiert und soll dereinst mit in die gläserne Ökofabrik übersiedeln. Aber eben nicht jetzt. Jetzt beschäftigen ihn die Start-ups, die jede Woche bei ihm anfragen, ob er ihnen nicht Tabletten pressen könne: Unternehmen, »die absurde Bewertungen einfahren, Hypes generieren, selbst aber null Substanz und schon gar kein Know-how haben«. Und die großen Mitbewerber, allesamt börsenotierte Konzerne, die Nachhaltigkeit bis gestern gründlich ignorierten, nun aber ebenfalls grün sein wollen, zumindest ein bisschen. »1995 war ökologisches Geschirrspülen nicht wirklich sexy«, sagt Dygruber. Auch er selbst war alles andere als ein Ökofundi, als er sich mit Ende zwanzig selb­ ständig machte – weil sein damaliger Chef, der Manager eines deutschen Markenartikelkonzerns, nicht an die Zukunft der Geschirrspültabs geglaubt hatte (»So kann man sich täuschen!«). »Der Visionär in mir ist mit den Jahren gewach-


Bild Thomas Weber, Ist ock.co m/T ogapix

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Bleiben Flecken am Silberbesteck, wird weiter an der Rezeptur getüftelt.

»Wir sind entwicklungsgetrieben«, sagt Sepp Dygruber. Sieben seiner 45 MitarbeiterInnen bei Claro arbeiten in der Produktentwicklung – darunter »drei Chemiedoktoren«.

Worüber sich Josef Dygruber ebenfalls Gedanken macht: Tests haben eindeutig ergeben, dass es noch einmal ökologischer wäre, die selbstauflösende Polyvinylalkoholfolie seiner Geschirrspültabs durch eine Laktosefolie zu ersetzen, die bei der Milchproduktion anfällt. »Laktose wäre deutlich besser, denn dann würde sich endlich die ganze Folie vollständig rückstandsfrei auflösen. Aber viele Menschen achten halt auf vegane Produkte, und vegan lebende Menschen würden Claro dann vermutlich nicht mehr kaufen.« Tiere würdevoll zu nutzen, damit hat Dygruber selbst – der 2020 nebenbei die Ausbildung zum landwirtschaftlichen Facharbeiter abschloss und von Streuobstwiesen und Selbstversorgung schwärmt – jedenfalls kein Problem. Als naturverbundener Familienmensch denkt er in Kreisläufen und in Generationen. »Mein Ziel war es immer, Claro vererbbar zu machen.« Auch wenn der Vater selbst durchaus zurückhaltend bleibt: Tochter Laura ist 24 und möchte dem Vater irgendwann nachfolgen. »Wenn sie es doch nicht möchte oder ihr die Fähigkeiten fehlen, dann gibt’s als Plan B halt ein Fremdmanagement«, sagt er. »Oder wir verkaufen doch irgendwann. Als

Gründer habe ich ja zum Glück nicht diesen familiären Druck ganzer Generationen auf mir lasten, dass sich der Großvater im Grab umdrehen würde oder so.«

Der Unternehmer und das ewige Leben

Dass hier irgendwann keine Geschirrspültabs mehr gepresst werden, steht für Dygruber ohnehin fest. Denn nichts ist für die Ewigkeit. Durch den »Angstreduzierer Religion« sehe er das auch gelassen. »Ich bin zwar kein Bibelfanatiker«, sagt Dygruber, »aber ich lese täglich darin«. Frühmorgens zehn Minuten im Bad, nach dem Zähneputzen, das habe er sich zum Ritual gemacht. Sein Lieblingsgleichnis ist das, »in dem Jesus einem jungen Burschen, der sein Lebtag die Gebote eingehalten hat, aber nun ganz Jesus nachfolgen möchte, sagt, er müsse all sein Hab und Gut verschenken und den Armen geben. Das beschäftigt mich: Könnte ich fürs ewige Leben alles aufgeben?« Am Tag nach dem Besuch bei ihm in Anif schickt Sepp Dygruber das Foto einer Bibelstelle aufs Handy. Frühmorgens, wahrscheinlich gleich nach dem Zähneputzen. Markus-Evangelium 9,10. Die »Frage eines Reichen nach dem ewigen Leben«; eine alte Erzählung von Jesus, die sich auch in den Evangelien von Matthäus und Lukas findet. Geh hin, Sepp Dygruber mischt nicht nur im Biofachhandel mit. Doch verkaufe alles, was du hast, und gib die Produktlinie »100% Claro« hat er eigens dafür entwickelt. (den Erlös) den Armen, und du wirst Konventionelle Supermärkte würden sie längst gerne listen, doch der Salzburger bleibt dem Ökofachhandel im Wort. einen Schatz im Himmel haben, und Putzmittel sind nicht von der EU-Öko-Verordnung erfasst. komm, folge mir nach. Er aber ging, entsetzt über das Wort, traurig weg, In der Entwicklung der Linie »100% Claro« hat sich Dygruber nach eigenen Angaben an der Sortimentsrichtlinie des deutdenn er hatte viele Güter. Danach schen Bundesverbands Naturkost Naturwaren orientiert: Für spricht Jesus zu seinen Jüngern: Wie eine Aufnahme ins Sortiment müssen Reinigungsmittel leicht schwer werden die, welche Güter biologisch abbaubar sein, auf gentechnisch veränderte Enzyme haben, in das Reich Gottes hinein­ verzichten und dürfen nicht auf Erdöl basieren. kommen. Die Interpretation hat er Dieser Teil des Claro-Sortiments – und nur dieser – bereits am Tag davor abgegeben. trägt auch das Ecocert- Label für ökologische Wasch»Das ist brutal.« und Reinigungsmittel.


Fernseher oder Mobiltelefon, Fahrrad oder Haushaltsgerät, Möbel oder Lederwaren – all das kann neuen Schwung bekommen. Die Stadt Wien fördert die Reparaturkosten, was schon unzählige Gegenstände vor dem Wegwerfen bewahrt hat. Bereits 66 verschiedene Reparaturbetriebe machen beim Förderprogramm der Stadt Wien »Wien repariert’s – der Wiener Reparaturbon« mit.

Reparaturbon hilft Umwelt Seit 1. März gibt es den Wiener Reparaturbon wieder, der in den teilnehmenden Betrieben für Reparaturdienstleistungen eingelöst werden kann. Die Aktion läuft bis 30. Juni und wird nach einer Sommerpause von 1. September bis 12. Dezember 2021 fortgesetzt. Mehr als 8.000 Gegenstände wurden im ersten Aktionszeitraum 2020 mit einem Reparatur­ bon wieder in Stand gesetzt und somit rund 190 Tonnen CO2 gespart. Deshalb wird für 2021 die Gesamtsumme auf insgesamt 1 Million Euro ausweitet.

Reparaturnetzwerk Die Betriebe, bei denen der Repa-

raturbon eingelöst werden kann, sind Teil des Reparaturnetzwerks. Dieses Netzwerk wurde 1999 gegründet und führte seitdem schon mehr als eine Million Reparaturen durch. Reparieren bedeutet Abfallvermeidung und Klimaschutz - je mehr repariert wird, desto besser für die Umwelt. Der beste Abfall ist der – der gar nicht erst entsteht. Genau dafür leisten die Betriebe des »Reparaturnetzwerk Wien« mit über 1200 Tonnen Abfallvermeidung pro Jahr einen wertvollen Beitrag. Hol dir den Reparaturbon! auf mein.wien.gv.at/wienerreparaturbon

So funktioniert´s Wenn eine Reparatur ansteht, anmelden und Bon herunterladen. In einem teilnehmenden Betrieb einlösen. (siehe mein.wien.gv.at/ wienerreparaturbon). etrag wird sofort abgezoB gen, kein extra Antrag nötig.

Bild  Marko Kovic , Votava/PID

Entgeltliche Einschaltung

Wien repariert´s


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ma r k tp l atz f o o d

Text Jürgen Schmücking

EIER

Six shades of Dottergelb

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B ild istock.co m/smshoo t

ie Fastenzeit und Ostern vorbei, der Winter noch nicht ganz. Die Zeit schreit förmlich nach Eggnog, Zabaione oder Eierspeis mit Bärlauch. Grund genug, sich den Rohstoff für das alles etwas genauer anzuschauen und der Frage auf den Grund zu gehen, ob Bioeier wirklich das Gelbe vom Ei sind. Spoiler: Sie sind es. Großteils. Nur von einem sollte man sich tunlichst verabschieden: von der Vorstellung, die Intensität des Eigelbs korrespondiere mit der Qualität der Eier. Tut sie nicht. Jedenfalls nicht immer. Es ist kompliziert. Je intensiver das Gelb des Dotters, desto höher der Anteil an frischem, grünem Futter. Was grundsätzlich gut ist. Nur eben nicht im Winter. Da stellt sich nämlich die Frage, wo

der Stoff herkommt. Für diese »blassen« Monate steht jedenfalls eine Reihe von verlässlichen Mitteln zur Verfügung. Das können unter anderem Paprikaextrakte (kein Drama) oder synthetische Carotinoidpräparate sein (muss nicht unbedingt sein). Warum es trotzdem besser ist, Eier aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft zu nehmen: weil Biohendln deutlich mehr Platz im Stall haben. Die EU- und die Verbandsrichtlinien erlauben maximal sechs Hühner pro Quadratmeter. In konventionellen Ställen tummeln sich 18 auf der gleichen Fläche. Außerdem werden den Bioküken die Schnäbel nicht gestutzt und auf den Sitzstangen haben sie auch mehr Platz. Letztlich schmecken sie auch besser, und zwar deutlich.

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frische Bioeier Dornachhof, Familie Heim

Der Dornachhof ist ein Biobauernhof in Buch im Tiroler Unterland. Gleich vorweg: Die Eier bekommt man im Hofladen und bei der Foodcoop in Schwaz. Uns war jedoch wichtig, auch einen Direktvermarkter mit ins Boot zu holen. So gesehen steht die Familie Heim und ihr Dornachhof für den Bauern oder die Bäuerin ums Eck der geneigten LeserInnen. Was hier herrscht, ist vor allem Vielfalt. Diese Vielfalt umfasst die Größe der Eier und die Farbe der Schalen. Was – konstant – gleichbleibt, ist die sensorische Qualität der Eier. Unfassbar gut. Dicht und cremig der Dotter, leicht würzig sogar.

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Bioeier alnatura

Alnatura kennt seine Kundinnen und Kunden und weiß, dass es sich dabei um eine äußerst kritische Klientel handelt. Also wird viel Aufhebens darum gemacht, zu erzählen, was das Besondere am Alnatura-Bioei ist. Zugegeben, die Liste kann sich sehen lassen. Da wird von »wesensgerechter« Haltung gesprochen, von Transparenz und ausgewählten Höfen und gar von einer »Hühnerflüsterin«, einer Nutztierethologin, die im Alnatura-Auftrag von Hof zu Hof tingelt und im Hühnerstall nach dem Rechten sieht. Der Aufwand lohnt. Die Alnatura-Eier sind ganz nah am soliden Handwerk.

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Gut Bio – frische Bioeier aldi nord

Hm. Es war ein Versuch. Aber was Aldi Nord da in den Eierkarton packt, schmeckt schlicht grottenschlecht, genauer gesagt: wässrig. Hier fehlen Volumen und Opulenz. Dass beim Biologo der Hinweis auf »EU-Landwirtschaft« steht und damit die Herkunft nicht eindeutig ist – geschenkt. Und dass Aldi Nord erste Schritte setzt, um Eier aus Lieferketten mit »klassischer Kükensortierung« auszulisten. O. k., nur sind die meisten KonkurrentInnen da schon einige Schritte weiter.

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bioeier von freilaufenden biohühnern SPAR natur pur

Spar erzählt auf der Verpackung die Geschichte von den frei herumlaufenden Hühnern. Wir kennen die Mechanismen der Biokontrolle und glauben das. Rein geschmacklich gibt es auch keinen Grund, das anzuzweifeln. Intensiver, voller Dotter, stark cremig und leicht süßlich. Das Eiweiß klar und (in gekochtem Zustand) fest. Und wenn schon »freilaufend«, dann darf die Kundschaft auch erfahren, dass jedem Hendl 10 m2 Wiese zum He­rumlaufen zur Verfügung stehen.

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Bioeier BIO vom BERG

Bei der Tiroler Genossenschaft Bioalpin bzw. deren Marke Bio vom Berg geht es seit jeher um mehr als nur Bio. Kleinstrukturierte Betriebe der Tiroler Bioberglandwirtschaft haben sich da zusammengetan, um gemeinsam eine Vision umzusetzen. Für den Bereich der Eier heißt das: Zwei Millionen Eier werden jährlich von zehn Tiroler Familienbetrieben geliefert. Das sind (im Schnitt) rund 550 Eier pro Tag pro Betrieb. Ein Handwerk im Vergleich zu den Big Players am Eiermarkt. Und die Eier selbst: ein Traum. Auch bei der Größe haben sich die TirolerInnen gegen den Standard entschieden: Es gibt nur Boxen mit »Eiern unterschiedlicher Größe«.

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Bioeier von freilaufenden Hühnern Ja! Natürlich

Auch Rewe lässt seine Hühner frei laufen und verweist am Eierkarton auf Tierwohl und Biofutter. Die gen­ au Auslauffläche wird nicht angegeben. Es ist von »großzügigem« Auslauf die Rede. Aber auch hier: Die Qualität der einzelnen Eier ist ohne Tadel und steht dem Konkurrenten mit dem Tannenlogo um nichts nach. Ausgesprochen intensiver und ei-typischer Dottergeschmack, frisch und mollig gleichermaßen.

B ild j ürge n s chmücking

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Bioland wird 50! Ein halbes Jahrhundert gemeinsames Engagement, Respekt vor Mensch, Tier und Natur. Was 1971 mit 12 Frauen und Männern begann, hat sich zu Deutschlands größtem Bio-Verband entwickelt. Heute stehen über 8.500 Bio-Höfe aus Deutschland und Südtirol und über 1.300 Partner aus Verar beitung und Handel für die Land- und Lebensmittelwirtschaft der Zukunft. Gemeinsam mit Partnern wie Adrian Genuss, Peppe Gelato und den Ökologischen Molkereien Allgäu sorgen wir behutsam für lebendige Böden, gesunde Tiere, Klimaschutz sowie natürliche und schonende Verarbeitung.

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ich denke, mit Humor geht alles besser. Gerade auch bei einem so wichtigen Thema wie Nachhaltigkeit. ich bin neugierig: Mich interessiert einfach alles. Besonders Kunst und Kultur. Da besonders Theater und Kino. Im Lockdown habe ich mich notgedrungen aufs dvd-Schauen verlagert. Gemeinsam mit dem Teenagersohn schaue ich mir zum Beispiel die genial verrückte Sitcom »30 Rock« von Tina Fey an. Diese Sorte Humor taugt uns beiden. Doppelt lustig, wenn mein Mann darauf mit Augenrollen reagiert. – Tanja Grossauer-Ristl, Verkauf

ich denke, wir sollten respektund achtungsvoll mit uns selbst und unserer Umwelt umgehen. So würde ich am liebsten den Globus mit meinem Fahrrad umkurven, um mich und meine Umwelt Tag für Tag neu zu entdecken. ich bin ein Mensch, der versucht, sich mehrere Seiten eines Themas anzuhören, bevor er sich seine eigene Meinung bildet. Das versuche ich sowohl im Alltag, im Studium als auch in meinem Praktikum umzusetzen. – Florian Jauk, Praktikum in der Redaktion

Bild  Privat, Karo Pe rne gge r

New in: Tanja und Florian


Bio-Genuss ganz nach Herzenslust

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Immer wieder NÖ! Die siebte BIORAMA-NiederösterreichRegionalausgabe kommt. out soon: Zu Sommerbeginn erscheint die siebte Regionalausgabe von biorama niederösterreich. Das Bundesland umgibt die österreichische Bundeshauptstadt Wien, enthält Berge, Seen, die eine oder andere Barockstadt, recht viel Gegend, einiges an Suburbia und knapp 1,7 Millionen EinwohnerInnen. Natürlich tut sich hier einiges, das aus biorama-Perspektive berichtenswert ist. Wir berichten.

Anna gs unterwe Mit

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in den ten Kindergar

BÜCHLEIN FÜR KINDERGARTENKINDER Beliebtes Kinderbuch neu und in weiteren Sprachen aufgelegt 2016 konzipierte der Schwesterverlag von biorama für die Wiener Mobilitätsagentur »Mit Anna unterwegs in den Kindergarten«. Darin begleiten wir die Laufrad fahrende Anna und ihren zu Fuß gehenden Papa durch die Stadt. Nun wurde das Büchlein auf Deutsch und auf Türkisch neu aufgelegt. Erstmals erschienen außerdem Versionen auf Arabisch und in b/k/s. Das von Artur Bodenstein illustrierte Buch ist für Kinder von zwei bis sechs Jahren geeignet. Es kann kostenlos über die Mobilitätsagentur Wien bezogen werden. monopol.at

Unser Bio-Rezeptkistl verwöhnt dich mit genussvollen Rezepten für jeden Gusto. Alle dafür benötigten Bio-Zutaten in der richtigen Menge sowie eine kinderleichte Kochanleitung wird ganz bequem zu dir nach Hause geliefert. Entdecke die vielfältige Auswahl an köstlichen Gerichten und genieße nach Herzenslust. Jetzt ausprobieren auf www.adamah.at/biorezeptkistl


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StraSSenBrahmane Es gibt kaum etwas, das mich höher und schneller auf die Palme bringt als Ungerechtigkeit im Straßenverkehr. Vor allem in der Früh.

Autorin Ursel Nendzig, Mutter zweier Söhne, berichtet live aus der Achterbahn.

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Lauf-, dann Fahrrad, erst zum Kinderer Straßenverkehr, das weiß ich, seit ich mit garten, dann zur Schule. Zwei KilomeKindern daran teilnehme, ist in Kasten geter eine Strecke. Die Fahrten sind unsere gliedert. Oberste Kaste: suv-FahrerInnen. Sie Highlights des Tages. Es macht einfach unsind die HerrscherInnen über die Straße, sie erhörten Spaß, mit Kindern zu radeln. Zu allein dürfen sich so viele fossile Brennstoffe nehbeobachten, wie sie immer sicherer und fitmen, wie sie möchten. Sie haben immer Vorrang ter werden. Wie sie auf eine gute Art wach und die längsten Penisse. Ihre AnführerInnen und frisch im Kindergarten oder der Schusind ohnehin die Elektro-suv-FahrerInnen. Jele ankommen. Und zu beobachten, was sie deR suv-FahrerIn möchte gerne einE Elektrobeobachten. Die Müllmänner, Baustellen, suv-FahrerIn sein, gibt es aber nicht zu. In der Rampen. Wir haben sogar Namen für einzelne Kaste darunter befinden sich alle anderen AutofahrerInnen. Sie alle möchten eigentlich gerne suv-FahrerInnen sein, » Es macht einfach unerhörten können sich aber nur popelige Normalautos leisten und sind deshalb agSpaß, mit Kindern zu radeln.« gressiv. Ihre Aggression richtet sich gegen die Obrigkeit genauso wie geLacken, die sich bei Regenwetter bilden. Sie fahren gen die Kasten darunter, nämlich: Zweibei Wind und Wetter, wenn Schnee liegt und wenn radfahrerInnen. Ein bisschen besser gees regnet, es ist einfach die pure Freude. fallen ihnen noch MotorradfahrerInnen, Außer es kommt zur Kasten-Kollision, wie neulich. aber nur, solange sie sich im Stau nicht Wir radelten ausnahmsweise auf dem Gehsteig, der vorbeischlängeln. Aber Fahrradfahrekleine Sohn und ich. Das machen wir sonst nie, aber rInnen sind, genau wie diese schreckan dem Tag war viel Verkehr und null FußgängerInlichen FußgängerInnen, unterste Kasnen. Da näherte sich auf der Straße ein weißer suv, der te, Unberührbare. Innerhalb dieser Fahrer kurbelte die Scheibe runter und schrie: »Was ist untersten Schicht bilden fahrradfahmit dir, du depperte Funsen? Des is a Gehsteig!« Ich war rende Kinder den Bodensatz. Sie sind perplex. Wer weiß, welcher Kraftaufwand es bei allem klein, sie machen vielleicht unvorSpaß schon auch ist, zwei Kinder pünktlich und mit alhersehbare Kurven, sie starten langlem Equipment um halb acht Uhr morgens auf die Stresam von der roten Ampel. Und das cke zu bekommen, ahnt schon: Ich kochte in der Sekunde Schlimmste: Sie haben Spaß am über: »Du Oarschloch, lass uns in Ruh in deinem scheiß Fahrradfahren! Geht gar nicht. suv!« Unterste Schublade, ich weiß. Er konterte: »Das ist Seit dem jeweils dritten Lebensein Hybrid!« jahr fahren die Söhne täglich, erst

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Text Ursel Nendzig


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