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VORSPIEL — EDITORIAL

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»128« heißt dieses Magazin der Berliner Philharmoniker, abgeleitet von der Anzahl der Mitglieder des Orchesters (wenn es voll besetzt ist). Mit diesem Namen und dem Seitenumfang des Hefts wollen wir betonen, woraus die Besonderheit dieses Kollektivs erwächst: aus den ganz individuellen Qualitäten jedes einzelnen Musikers, jeder einzelnen Musikerin, die schließlich im Spiel einen einzigartigen Ensemblegeist prägen.


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VORSPIEL — EDITORIAL

Liebe Musikfreunde, wir haben es mittlerweile verdrängt oder vergessen, aber tatsächlich herrschte im freien West-Berlin einmal ein Auftrittsverbot für Künstler aus dem Osten! Der Kalte Krieg, er spaltete auch die vermeintlich unpolitische Musikwelt. Heute, 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, ist das für viele von uns kaum mehr vorstellbar. Deshalb wollen wir diesen besonderen Jahrestag dazu nutzen, mit unserem Schwerpunkt-Thema »Musik zwischen Ost und West« daran zu erinnern, wie die Kunst einst von beiden Seiten für ideologische, propagandistische oder wirtschaftliche Zwecke missbraucht wurde, welche Folgen der Ost-West-Konflikt für Künstler und Publikum hatte, aber auch, welche Rolle die Musik bei der friedlichen Revolution des Jahres 1989 spielte. Es war nicht die geringste. Im Ressort Berliner Philharmoniker dreht sich wie immer alles um das Geschehen im Orchester und seinem Haus: Wir bereiten uns auf Sir Simon Rattles Gegenüberstellung der Symphonien von Robert Schumann und Johannes Brahms vor, porträtieren unseren neuen Artist in Residence, den Geiger Christian Tetzlaff, und fragen nach, was wahrhaft geniale Pianisten auszeichnet. In unserem Feuilleton schließlich laden wir Sie zu einem Gipfeltreffen der überraschenden Art ein: Mit Christoph Schneider und Raphael Haeger haben wir zwei Schlagzeuger zum Gespräch gebeten, die mit ihren Ensembles zur absoluten Weltspitze zählen und doch in denkbar unterschiedlichen musikalischen Welten spielen: in der Industrial-Metal-Band Rammstein und bei den Berliner Philharmonikern. Ich wünsche Ihnen eine so spannende wie unterhaltsame Lektüre Ihres neuen »128«!

Herzlich, Ihr Martin Hoffmann


v o r s p i e l — I n H a lt

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INH A LT Thema: Musik zwischen Ost und West Ein Schwerpunkt zum 25. Jahrestag des Mauerfalls

Marie-Pierre Langlamet über ihre Harfe als Lebenspartner

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74 Christian Tetzlaff Ein Porträt des Geigers und Artists in Residence

Das Drum-Duett Zwei denkbar unterschiedliche Schlagzeuger im Gespräch


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Th e ma: Mu s i k z w i s c h e n O s t und WE s t

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Zwischen Inferno und Mauerfall Musik im geteilten Berlin Vo n G e r h a r d M ü l l e r

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Blick zurück nach vorn Beethovens Neunte in DDR und BRD Vo n C h r i s t i n a M . S t a h l

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Einige weinten, viele staunten, alle jubelten Das Mauerfall-Konzert 1989 Vo n R o n n y B l a s c h k e

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»So schlimm wie lächerlich« Peter Gülke im Gespräch Vo n O l i v e r H i l m e s

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Kein kalter Krieg am Cover Schallplatten aus Ost und West

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Go East, Young Man Wessi-Erinnerungen an die DDR Vo n K a r l B r u c k m a i e r

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Brücken zwischen Kunst und Alltag Innerdeutscher Kulturaustausch Vo n W o l f K a m p m a n n

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B e r li n e r Ph i lhar mon i ke r

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2x4 Schumann und Brahms im Symphonien-Vergleich

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Mein Instrument als Lebenspartner Diesmal mit Marie-Pierre Langlamet

Vo n K a r l B ö h m e r

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Vom Trend zum Standard Das neue Label der Philharmoniker Vo n M i c h a e l B l ü m k e

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Der feine Unterschied Wahrhaft geniale Pianisten Vo n J a n Ve r h e y e n

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Philharmonische Nachrichten Álvaro Parra ist neues Mitglied Vo n N i c o l e R e s t l e

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»Das Grundkriterium ist Begeisterung« Christian Tetzlaff im Porträt Vo n A r n t C o b b e r s

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Graphic Manon Puccinis Oper als Comic

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Das Kapital der Komponisten Richard Strauss und die GEMA Vo n Vo l k e r Ta r n o w

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Ein Sachse im Süden G. F. Händel in Italien Vo n S u s a n n e S t ä h r

fe u i lleton

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»Damit der Drachen steigen kann« Das Drum-Duett mit Raphael Haeger und Christoph Schneider Vo n A n d r e a T h i l o

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Tabu: Auftrittsangst Weit mehr als Lampenfieber Vo n A n n e t t e K u h n

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Die Schattenseite des Schönklangs Ebenholz und Elfenbein im Instrumentenbau Vo n S u s a n n e Z i e s e

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Fragen zur Musikliebhaberei Diesmal mit Martina Gedeck

Vor s pi e l

02 Vorwort 06 Text & Bild 08 In Kürze 10 Zahlenspiel Nach s pi e l

118 Bücher und CDs 123 Konzertkalender 125 Cartoon 128 Impressum


vorspiel — TE xt & Bild

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Text & Bild

Gerhard Müller

C h r i s t i n a M . S ta h l

K a r l B r u ckm a i e r

Gerhard Müller, 1939 in Saalfeld/ Saale geboren, ist Kulturredakteur, Musik- und Theaterkritiker. Er war leitender Dramaturg der Komischen Oper Berlin (1980–1995), Chef­ dramaturg des Gewandhauses zu Leipzig (1995–1998) und schrieb Opernlibretti für Reiner Bredemeyer (»Candide«) und Georg Katzer (»Gastmahl«, »Antigone«). Buchpublikationen: »Heinrich Heine und die Musik« (Leipzig 1987), »Das Berliner Sinfonieorchester« (Berlin 2002), »Apollos Tempel in Berlin – Konzerthaus am Gendarmenmarkt« S.14 (München 2008). " 

Christina M. Stahl, 1979 in Bochum geboren, ist Lehrerin an einem Essener Gymnasium und Lehrbeauftragte der Folkwang Universität Essen. Bis Februar 2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt Musikjournalismus an der Technischen Universität Dortmund. 2008 promovierte sie mit der Arbeit »Was die Mode streng geteilt?! Rezeptionsund Interpretationsgeschichte der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven während der deutschen Teilung«. Seit 1999 ist sie als freischaffende Musikjournalistin und S.24 Chorleiterin tätig. " 

Karl Bruckmaier, 1956 in Nieder­ bayern geboren, lebt als Autor und Radio-DJ in München. Vor kurzem erschien sein Buch »The Story of Pop« (Murmann Verlag). Bruckmaier arbeitet zurzeit an einem weiteren Hörspiel mit Alexander Kluge, einem Projekt zu Wassily Kandinsky und an der Adaption des Romans »Tristram Shandy«von Laurence Stern für das Hörfunkprogramm Bayern 2.

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Oliver Hilmes

Andreas Mühe

Andre a Thilo

Oliver Hilmes, 1971 in Viersen geboren, lebt und arbeitet als Historiker und Publizist in Berlin. Bekannt wurde er vor allem durch seine biografischen Bücher, darunter »Witwe im Wahn: Das Leben der Alma MahlerWerfel« (Siedler 2004), »Herrin des Hügels: Das Leben der Cosima Wagner« (Siedler 2007) und »Liszt: Biographie eines Superstars« (Siedler 2011). Zuletzt erschien von ihm »Ludwig II.: Der unzeitgemäße König« (Siedler 2013). "  S.34

Andreas Mühe, geboren 1979 in Karl-Marx-Stadt und aufgewachsen in Ost-Berlin, ist der älteste Sohn der Intendantin Annegret Hahn und des Schauspielers Ulrich Mühe. Seit 2001 arbeitet er als selbstständiger Fotograf. Für deutsche Magazine schuf er zahlreiche Porträts von Musikern, Schauspielern, Künstlern und zunehmend auch von Politikern. Als Weiterführung des Themas Macht und ihre visuelle Repräsentation kann auch Mühes neuste Werk­ gruppe »Obersalzberg« begriffen werden, die mit dem gleichnamigen Buch (Distanz 2013) ihren Abschluss fand. In den letzten Jahren wurden sein Fotografien auf einer Vielzahl von Ausstellungen gezeigt.

Andrea Thilo, 1966 in Frankfurt am Main geboren, lebt als Filmprodu­ zentin, Moderatorin und Journalistin in Berlin. Dabei widmet sich die ehemalige Reporterin für NDR und ARD sowie Fernseh-Moderatorin (»liebe sünde« auf Pro7) vor allem der Kunst- und Kulturvermittlung. 2005 produzierte sie mit ihrer damaligen Firma Boomtownmedia den vielfach ausgezeichneten Kinoerfolg »Rhythm is it!«, der das Education-Projekt der Berliner Philharmoniker dokumentiert.

"  S.96

"  S.96


vorspiel — In Kür ze

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IN KÜR ZE

Der geplante Gedenkort vor der Philharmonie Foto: Niels Kretschmann  – roomservice 3D

  S p ät e s G e d e n k e n Ohne den Fall der Mauer hätte Sigrid Falkenstein wohl niemals vom Schicksal ihrer Tante Anna erfahren. Erst ein Zufallsfund in einem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit brachte sie auf deren Spur: Anna Lehnkering wurde 1940 im Alter von 24 Jahren in der Gaskammer in Grafeneck ermordet, weil sie den Nationalsozialisten als »lebensun­ wert« galt. Sie war ein Opfer der bewusst verharmlosend bezeich­ neten »Euthanasie«. Im Archiv der Stasi fand sich ein umfangreicher Aktenbestand zu den Opfern der NS-Morde an behinder­ ten und psychisch kranken Menschen, darunter auch Kopien der bei Kriegs­ ende vernichteten Originaldokumente aus der Zentraldienststelle T4. Ge­ tarnt als »Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege«, wurde dort von Januar 1940 bis August 1941 die erste Massenvernichtungsaktion der Nationalsozialisten geplant, koordi­ niert und verwaltet. Ihren Sitz hatte die Planungszentrale in einer Villa

mit der Berliner Adresse Tiergarten­ straße 4, daher auch der Name T4. Ihr Grundriss überlagert sich mit dem heutigen Außenbereich und Teilen des Foyers der Philharmonie (siehe auch den Artikel zur Geschichte des Tiergarten-Viertels im letzten »128«). Die T4-Villa selbst wurde im Krieg zerstört und nach Kriegsende abgetragen, ihre Geschichte in der Phase des öffentlichen Verdrängens weitgehend vergessen. Erst Ende der 1980er-Jahre rückte dieser Ort ins öffentliche Bewusstsein: Eine Gedenktafel vor der Philharmonie und die vom Berliner Senat als »Euthanasie«-Denkmal aufgestellte Skulptur von Richard Serra erinnern daran. Nun wird aus diesem Ort ein würdiger Gedenkort. Bereits 2007 gründete sich  –  auf Initiative von Sigrid Falkenstein  –  der Runde Tisch »Überlegungen zur Um­ gestaltung des ›T4‹-Gedenkortes« unter dem Dach der Stiftung Topo­ graphie des Terrors. Er setzte sich zum Ziel, eine bessere Dokumenta­ tion am historischen »Ort der Täter« zu erreichen. Auf den Beschluss des

Deutschen Bundestags von 2011, einen nationalen Gedenk- und Erin­ nerungsort für die »Euthanasie«-Op­ fer einzurichten, folgte der vom Land Berlin ausgeschriebene Wettbewerb für eine Gestaltungskonzeption. Der Siegerentwurf der Arbeits­ gemeinschaft von Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hall­ mann sieht eine 31 Meter lange blaue Glaswand auf dunkler Beton­ fläche vor sowie ein lang gestreck­ tes, winkelförmiges Informa­tionspult mit drei Medienstationen zur detail­ lierten Dokumentation, die ausdrück­ lich barrierefrei, für hör- und sehbe­ einträchtigte sowie körperlich, geistig- und lernbehinderte Men­ schen zugänglich sein soll. Die Glas­ wand stehe für die Verbindung des Betrachters mit den »zwar physisch Getöteten, aber durch unser NichtVergessen und Erinnern doch wei­ terlebenden Menschen«. Der Ge­ denk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde soll im Herbst 2014 der Öffentlichkeit übergeben werden. Alexandra Sauer


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DIREKT NEBENAN BERLINS INTERAKTIVES MUSEUM

ALLTAG IN DER DDR NOMINIERT 2008 + 2012

GESCHICHTE ZUM ANFASSEN

Karl-Liebknecht-Straße 1

Mo – So:

10 – 20 Uhr

10178 Berlin-Mitte

Samstag: 10 – 22 Uhr

direkt unten an der Spree

Tel: +49 30 - 847 123 73 - 1

gegenüber dem Berliner Dom

www.ddr-museum.de


Foto: Shutterstock


T h ema : M u sik z w isc h e n O st u n d West

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Zwischen Inferno und Mauerfall

Kein Kalter Krieg am Cover

D i e G e s c h i c h te d e r M u s i k l a n d s c h a f t i m g e te i l te n B e r l i n

S c h a l l p l at te n a u s O s t u n d We s t

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Blick zurück nach vorn

Go East, Young Man

B e e t h ove n s N e u n te i m g e te i l te n D e u t s c h l a n d

E i n We s s i e r i n n e r t s i c h a n d i e M u s i ke r s ze n e i n d e r D D R

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Einige weinten, viele staunten, alle jubelten

Brücken zwischen Kunst und Alltag

D a s M a u e r f a l l - Ko n ze r t d e r B e r l i n e r P h i l h a r m o n i ke r

Innerdeutscher Ku l tu r a u s t a u s c h i n R o c k , Po p, Schlager und Jazz

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»So schlimm wie lächerlich« D e r D i r i g e n t u n d S c h r i f t s te l l e r Pe te r G ü l ke ü b e r s e i n L e b e n i n O s t u n d We s t


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Thema: Musik z wischen Ost und West — Neunte


12 8 — A u s g a b e N R . 0 3 . 2 014

Blick zurück nach vorn Beethovens Neunte Symphonie im geteilten und wiedervereinten Deutschland Vo n C h r i s t i n a M . S t a h l

Wi e k e i n a n d e r e s W e r k der klassischen Musik

wurde Beethovens Neunte Symphonie während des Kalten Kriegs in beiden deutschen Staaten zu politischen Zwecken instrumentalisiert. In der alten Bundesrepublik wie in der DDR nahm die Neunte eine Ausnahmestellung ein. Doch beruhte die gesellschaftliche und politische Inanspruchnahme auf denkbar unterschiedlichen Beethoven-Bildern. Dabei wäre es falsch zu behaupten, die ganze Symphonie sei während der deutschen Teilung populär gewesen. Der letzte Satz mit der »Ode an die Freude« war es, der die ganze Komposition zu einem »Instrument« werden ließ, das diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs benutzt und auch ausgenutzt wurde. Doch trotz aller Vereinnahmungen zwischen 1949 und 1989 – und auch darüber hinaus – hat Beethovens Neunte die

letzten Jahrzehnte relativ unbeschadet überstanden. So gut, dass wir uns, geht es nach dem Willen der amtierenden Bundesregierung, in den nächsten sechs Jahren wohl der »nationalen Aufgabe« stellen müssen, den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens angemessen vor­zubereiten. Schließlich biete der – laut Koalitionsvertrag – »herausragende Chancen für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland«. Näheres wird dort nicht angeboten, obwohl eine Spezifizierung der »herausragenden Chancen« die Vorbereitung erheblich vereinfachen würde. Problematisch könnten allerdings Anleihen in der deutschdeutschen Rezeptionsgeschichte während der Teilung sein: Damals zückte man in Ost und West Beethoven und seine Neunte wie eine »Waffe«, um auf den politischen Gegner einzuwirken. "

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Thema: Musik z wischen Ost und West — Neunte

Die DDR-Rezeption sah Beethoven als Vorkämpfer kommender Revolutionen.

Schon die Biografie des Komponisten ließe eine Auslegung in mehrere Richtungen zu: Ausgehend vom frühen Bonner Beethoven könnte man ihn – anknüpfend an die sozialistische DDR-Rezeption – als einen Vorkämpfer für sämtliche kommenden revolutionären Umstürze auslegen. Oder aber man knüpft an das Spätwerk des Titanen an und entwickelt die romantische, heroische Beethoven-Pflege der jungen Bundesrepublik weiter. volk snahe ma sse ne rle bnisse

Auf jeden Fall könnte sich die heutige »gesamtdeutsche« Bundesrepublik 2020 im »In- und Ausland« mit der Neunten Symphonie präsentieren – wie beide deutschen Staaten während der Teilung mehr als 850 mal. Das Werk bietet durch den idealistischen Text zum einen, durch die Musik zum anderen – vor allem durch jene volksliedhaften 16 Takte »Freudenmelodie« –, beste Möglichkeiten, um volksnahe Massenerlebnisse zu ermöglichen. In der Einfachheit entfaltet schließlich das Erhabene seine Wirkung. Besonders die Passagen »Seid umschlungen, Millionen« und »Alle Menschen werden Brüder« bieten sich an: Schon 1952 regte der Kulturbund der demokratischen Erneuerung (der DDR) in seinem Material zur Ausgestaltung von Gedenkfeiern an, das Konzept von der schillerschen Brüderlichkeit in eine Vorstellung von sozialistischer Bruderliebe zu transformieren, was nicht ohne Häme im Westen registriert wurde: Trotz gebetsmühlenartiger Wiederholung wollte man sich dort darauf nicht einlassen. Peter Boenisch schrieb 1977 beispielsweise in »einer großen deutschen Boulevardzeitung«: »Beethoven, das Genie mit menschlichen Schwächen, hoffte gemeinsam mit Schiller: ›Alle Menschen werden Brüder!‹ Es tut mir leid, Genossen, aber: ›Alle Menschen werden Genossen‹, war damit nicht gemeint.« Man müsse den Schöpfer unter dem Sternenzelt suchen und nicht unter dem roten Stern. Mit einer politischen Ausschlachtung begäbe man sich 2020 so gesehen auf eher dünnes Eis. Mutet es doch bizarr an, wenn außermusikalische Inhalte zu plakativ oktroyiert werden: »Der imperialistische Bonner Staat,

der Beethovens Geburtstag [1970] nur allzu gern für sich in Anspruch nehmen wird, um seine historisch überholte, spätbürgerliche Existenz mit der Aura Beethovens zu vergolden, hat keinerlei Anspruch, das Vermächtnis Beethovens anzutreten.« Besonders das Streben nach Atomwaffen stehe in krassem Widerspruch zu Beethovens Ideenwelt, die er mit der »Ode an die Freude« in der Neunten zu einem »weltumfassenden Sinnbild der Verbrüderung der Menschheit« in Töne gesetzt habe. Nur in der DDR, dem antiimperialistischen deutschen Friedensstaat, seien die gesellschaftlichen Voraussetzungen gegeben, als geistige Heimat Beethovens zu gelten, so der Vorsitzende des Ministerrats der DDR, Willi Stoph. Vielmehr könnte man anknüpfen an die Idee, die »Freudenmelodie« als Nationalhymne einzuführen; damit gibt es gute Erfahrungen: Bei den Olympischen Winterspielen in Oslo im Februar 1952 (bei denen eine gesamtdeutsche Mannschaft antrat, weil das IOC das NOK der DDR nicht anerkannt hatte) erklangen für die deutschen Olympiasieger Auszüge aus dem vierten Satz der Neunten Symphonie. Damals war das noch eine Notlösung; die Neunte löste damit den Karnevalsschlager »Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien« ab, mit dem seit Kriegsende erfolgreiche deutsche Sportler geehrt wurden. Für einen neuen Text könnte man auf Vorschläge aus den Akten des Bundespräsidialamtes zurückgreifen, die damals, vor der Entscheidung für die dritte Strophe des Deutschlandliedes, eingereicht wurden – zum Beispiel: »Deutschland, dir bin ich ergeben, denn Du bist mein Vaterland; Alles Sinnen, Schaffen, Streben ist Dir innig zugewandt.« Ein nur scheinbar groteskes Ansinnen, denn es zeigt, dass der Melodie ein volksverbindender Charakter beigemessen wurde. Und auch deshalb nicht ganz abwegig, weil mit der politischen Wiedervereinigung auch das Autograf wieder zusammengeführt werden konnte, das in den Kriegswirren aufgeteilt wurde und schließlich 40 Jahre lang ebenso geteilt war wie Deutschland: Die Demarkationslinie verlief genau durch die kontrapunktische Verflechtung der Phrasen »Freude, schöner Götterfunken« und »Seid umschlungen Millionen« – explizit an der Stelle, an der die Alt-Stimmen »Diesen Kuss der ganzen Welt!« singen (Vierter Satz, Takte 697 bis 700). wettrüsten der editionen

Vermutlich wird es 2020 aber auf die Erinnerungskultur hinauslaufen, die seit den 1970er-Jahren im Westen Einzug gehalten hat – eine durchdringende »Verpoppung« des Komponisten, bis hin zu den Peanuts, die dann vielleicht mit »Happy Birthday, Beethoven II« gra-


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tulieren? 1970 verkaufte die Deutsche Grammophon Gesellschaft ihre Beethoven-Edition in der ganzen Welt (75 Langspielplatten für 975 Mark), unterlag aber in diesem »Wettrüsten« dem Osten, weil der VEB Deutsche Schallplatten 80 Beethoven-LPs auf den Markt brachte. In Bonn beging man damals ein Beethovenfest, das insgesamt 1,3 Millionen Mark kostete. Das Auswärtige Amt verschickte zehn Tonnen Beethoven-Devotionalien ins Ausland, und in allen Goethe-Instituten der Welt konnten Besucher Ausstellungen rund um den Genius besuchen. Der spanische Sänger Miguel Rios schaffte es, seinen »Song of Joy« über 24 Wochen in der bundesdeutschen Hitparade zu platzieren, davon sogar sieben Wochen lang auf Platz eins – allerdings nicht beim Sender Freies Berlin, der ein zeitweiliges Sendeverbot verhängte, um Beethoven-Liebhaber nicht zu verschrecken. d e r g öt te r f u n k e sch l äg t d u rch

Abgeschlossen wurde dieser Beethoven-Trubel 1977 zum 150. Todestag des Komponisten mit einem »Radiophonen Experiment«: Ein internationales Jugendorchester, das aus bundesdeutschen, englischen, japanischen und russischen Nachwuchsmusikern bestand (das frisch gegründete FDJ-Orchester durfte nicht mitspielen), gab auf dem Bonner Marktplatz die Neunte. Die Aufführung wurde vom WDR live übertragen. Von der Stadtverwaltung erging eine Aufforderung an die Bonner Bevölkerung, »ihre Radios auf die Übertragung einzustellen und die Geräte ins offene Fenster zu po­s­

Die junge Bundesrepublik setzte auf eine romantische, heroische Beethoven-Pflege. tieren«. Der bissige Kommentar im »Spiegel« zu den DDR-Feierlichkeiten, der schöne Götterfunke sei multimedial durch den Arbeiter-und-Bauernstaat geschlagen wor­den, hätte also auch für die alte Bundeshauptstadt stehen können. Auch damals war die Beethoven-Ehrung zwar nicht von langer Hand, aber an höchsten Stellen vorbereitet worden. In einem Protokoll des Bundesinnenministeriums heißt es: »Die Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass die 150. Wiederkehr des Todestages dieses bedeutenden deutschen Komponisten durch angemessene Veranstaltungen unter Beteiligung staatlicher Stellen begangen werden sollte, damit auch die Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland gebührend auf Leben und Werk Beethovens hingewiesen wird.« Formulierungen ändern sich …

Nach 40 Jahren wenig freudetrunkener Anfeindungen war es dann wieder die Neunte, die Ost und West in einem Konzert am 25. Dezember 1989 unter der Leitung von Leonard Bernstein vereinen sollte. Er ließ damals »Freiheit, schöner Götterfunken« singen – rief aber damit noch einmal die Ideologen auf den Plan, die wetterten, damit »degradierte [er] die ansonsten hervorragende Aufführung zum pseudoaktuellen Propagandakarren der US-amerikanischen Sponsoren«. Vielleicht gibt es also tatsächlich nur eine heraus­ ragende Chance für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland? Eine »Entideologisierung« des Komponisten und seiner Neunten Symphonie mit ihrer systemübergreifenden, humanistischen Botschaft. <

Ko n z e r t t e r m i n e Philharmonie 9.11.2014, Konzert zum 25. Jahrestag des Mauerfalls Beethoven: Symphonie Nr. 9 Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle (Dirigent) Weitere Konzerte am 6., 7. und 8.11.2014 sowie am 11.11. in Halle, 12.11. in Warschau, 14.11. in Budapest und 15.11. in Prag

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t h e m a : m u s i k z w i s c h e n o s t u n d w e s t — K o m m e n ta r

Go east, young man Wie ich als junger Wessi einmal Musiker in der DDR besuchte und auf einem Ausflugsdampfer meine realsozialistischen Flausen verlor. Vo n K a r l B r u c k m a i e r

Fr ü her wa r a l l e s s c h l e c h t e r. Im Green-

wich Village wurde auf mich geschossen. Im Central Park wurde ich überfallen. In Las Vegas ausgeraubt. Und in Phoenix, Arizona, erhielt ich kein Motel-Zimmer, weil ich ein Weißer war. »Die Zimmer sind so dreckig, wir vermieten bloß an Indianer.« Also hieß es im Jahr darauf: Go East, young man. Denn wie man sich im Lauf der wilden Jahre in Zürich, London, New York mit Punks angefreundet hatte, ermöglichte der langsam gewachsene Kontakt zu Improvisationsmusikern aus der DDR einen zehntägigen Besuch in Dresden. Einer – nennen wir ihn Lothar Losner – hatte heimlich für mein kleines Indie-Label eine C90-Kassette aufgenommen; andere kannte man von Festivals hier im Westen. Für ein Kind der Bundesrepublik waren diese famos sächselnden Kantschädel, diese Ost-Berliner Überlebenskünstler die Botschafter eines real existierenden Sozialismus, die es mit viel Selbstbewusstsein und Chuzpe schafften, diesem deutschen Staat jenseits von Mauer und Grenzbefestigungen ein Gesicht zu geben, das dem eigenen irgendwie zu ähneln schien: Brüder und Schwestern von drüben eben …

Die meist jungen Improvisationsmusiker der DDR nutzten nicht nur bestimmte afroamerikanische Musiktraditionen für ihr Tun, sie adaptierten auch eine soziale Technik, die es den afrikanischen Religionen in Amerika über Jahrhunderte ermöglicht hat, am Leben zu bleiben: das hiding in plain sight. Ulrich Gumpert, Johannes und Conny Bauer, Günter Baby Sommer, Dietmar Diesner, Joe Sachse – technisch bestens ausgebildete Musiker – formulierten eine klingende Praxis der individuellen Freiheit, bildeten dafür aber frei flottierende Kollektive des Klangs, assoziierten sich mit Malern und Dichtern und Bildhauern, glitschten der ideologischen Festschreibung täglich aufs Neue durch die Finger, ernteten im westlichen Ausland Anerkennung und Devisen – und waren ob der »Sprachlosigkeit« ihrer Musik gefeit gegen ideologische Fauxpas wie sie Pop-Gruppen oder Liedermachern unterlaufen konnten. Als Fünfte Kolonne der Individualität waren sie gern gesehen an Universitäten, in Studenten-Clubs, auf Festivals. Sie waren der lebende Beweis, dass da drüben etwas ging. Sie waren die Säulenheiligen eines synkretistischen Sozialismus.


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Das einzig Reale an diesem sozialismus war der unsichtbare stacheldraht um jeden einzelnen menschen.

Zu Beginn meines kurzen Besuchs erlebte ich dieses störrische Musikerleben als etwas Heroisches: Für ein Trinkgeld in einem Dresdner Hinterhaus zu wohnen, Toilette auf dem Gang, der Übungsraum ein mit Matratzen isolierter Verschlag von der Größe eines Sargs, dem man nach dem Übungsmarathon schweißgebadet entstieg wie einer Heimsauna, dabei täglich Beschwerdebriefe schreiben an blöde Bürokraten, die es nicht auf die Reihe kriegten, Bohnen, Büstenhalter oder bestimmte Bücher in die nächstgelegenen Läden zu bringen. Täglich aufrecht zu gehen unter Spruchbändern, die einem befahlen, der Partei so absolut zu glauben wie einst dem Christengott – ohne in schallendes Gelächter auszubrechen, sondern dieses Gelächter in Musik zu wandeln, in subversive Praxis, die es einem in regelmäßigen Abständen sogar erlaubte, durch ein kleines Schlupfloch in den Westen zu gelangen, vorbei am fassungslosen VoPo, um Kontakt mit dem Rest der Welt zu halten, um neue Musik, neue Ideen mit nach Hause zu bringen. Oder eine bestimmte Sorte Lippenstift. Aber, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Keiner hier schien eine Welt zu wollen, wie ich sie bewohnte. Und jeder schien tieftraurig, dass der eigene Staat ihnen ihr ganzes junges Leben lang signalisiert hat, dass es eine Mitarbeit am Aufbau einer besseren Welt nur in Form von Kadavergehorsam geben könne. Ost-Berlins verstoßene Kinder von Marx und Paranoia. Dann kam der Tag auf dem Ausflugsdampfer. Auf einer braunen Brühe voll giftiger, weißlicher Flocken, auf der toten Elbe also, trödelten wir flussabwärts Richtung Pirna, stiegen hier und dort aus, eine Orangerie, ein Palmenhaus, einen Schlosspark zu umstreichen. Oder um auf einen Fernsehturm zu steigen und in die Ferne zu glotzen. Ob in der zugigen Höhe der Besucherplattform, ob hinter einem Busch nahe der Anlegestelle, immer wartete wie zufällig einer der Mitmusiker meines Gastgebers auf uns, zog diesen kurz beiseite: Ob er mit dürfe zum nächsten Gastspiel in den Westen. Das Kind brauche dieses Medikament, die Frau jenes Ersatzteil für die Nähmaschine, man selber müsse einfach mal wieder

raus – unser Ausflug geriet mehr und mehr zum klandestinen Stelldichein. Nur hier könne man kurz offen reden, hieß es, zumindest einen schnellen Satz im Vorbeigehen. Dabei waren wir doch abends alle verabredet zu einer Geburtstagsfeier in einer Privatwohnung. Darüber wolle er eh noch mit mir reden, so mein trauriger Freund. Kein unüberlegtes Wort heute Abend, kein allzu freimütiges Statement, man wisse nicht, wer von den Anwesenden für die Stasi arbeite. Ich sah, wie diese Art zu leben meinem Gegenüber die Luft mehr nahm als die Enge seines Übungskabuffs, ein Leben in Angst und Misstrauen und Verstellung. Das Heroische gerann zur Charakterpantomime. Das Freie zur Farce. Das einzig Reale an diesem Sozialismus, so wurde mir an diesem Sommertag klar, war die unsichtbare Mauer, der unsichtbare Stacheldraht um jeden einzelnen Menschen, den ich hier getroffen habe. Am Abend auf der Geburtstagsparty trug ich ein T-Shirt mit einem Aufdruck der Pop-Gruppe Depeche Mode. Einige Gäste hielten dies für eine Provokation, für westliche Frechheit, gar für eine Beleidigung der DDR. Ein bärtiger Bildhauer wollte sich deshalb im Hof mit mir prügeln. Wir waren aber beide zu betrunken, um den scharfen Worten irgendwelche Schläge folgen zu lassen. Wir lehnten bloß unsicher aneinander. Kopf an Kopf, Bauch an Bauch hielten wir so das Gleichgewicht der Verständnislosigkeit. Mir war schlecht. Ihm war schlecht. Ich kotzte an jenem Abend all meine Flausen aus, die diesen Staat, diese Weltanschauung betrafen; ich kotzte in dieses Gefängnis für 17 Millionen und wischte mich danach kurz ab. Und vieles in der Musik, die ich einst so bewundert hatte, erschien mir danach formelhaft und berechnet und kleinbürgerlich. Bald danach ging ich mit dem Gitarristen Uwe Kropinski durch Nürnberg, um ein erstes Interview nach seiner Republikflucht mit ihm zu machen. Seine Entscheidung: Für mich damals der richtige Schritt. Auch wenn es regnete und kalt war und sich ziemlich ungemütlich anfühlte hierzulande … <

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Kammermusiksaal Foyer Foto: Peter Adamik


berliner philharmoniker

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Zwei mal vier

Graphic Manon

Schumann und Brahms i m Sy m p h o n i e n -Ve r g l e i c h

Puccinis Oper als Comic

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Vom Trend zum Standard D a s n e u e P l at te n l a b e l d e r B e r l i n e r P h i l h a r m o n i ke r

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Das Kapital der Komponisten Richard Strauss und die Gründung der GEMA

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Der feine Unterschied

Ein Sachse im Süden

Wa s ze i c h n e t wa h r h a f t g e n i a l e P i a n i s te n a u s?

Händels italienische L e h r- u n d Wa n d e r j a h r e

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Philharmonische Nachrichten Á l va r o P a r r a i s t n e u e s M i tg l i e d d e r B e r l i n e r P h i l h a r m o n i ke r

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»Das Grundkriterium ist Begeisterung« C h r i s t i a n Te t z l a f f i m Po r t r ät

Mein Instrument als Lebenspartner Mit Marie-Pierre Langlamet und ihrer Har fe


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berliner philharmoniker — Label

Vom Trend zum Standard Mit Berliner Philharmoniker Recordings betreibt nun auch dieses Orchester sein eigenes Plattenlabel. Vo n M i c h a e l B l ü m ke

d i e s m a l s i n d s i e wa h r l i c h nicht die Ersten, die Berliner Philharmoniker. Mit der Gründung seines eigenen Labels Berliner Philharmoniker Recordings im vergangenen Mai folgt das Orchester sogar der Konkurrenz vom Bayerischen Rundfunk, das bereits seit fünf Jahren auf dem eigenen Label veröffentlicht – und damit schon einen vorläufigen Schlusspunkt unter ein Jahrzehnt von Orchesterlabel-Gründungen gesetzt hatte. An dessen Beginn stand das London Symphony Orchestra, das sich im Jahr 2000 in das Abenteuer stürzte, seine Mitschnitte selbst zu produzieren und zu vermarkten; unlängst feierte man die 100. Veröffentlichung. 2001 wagte das San Francisco Symphony Orchestra als erster USKlangkörper den Sprung in die CD-Unabhängigkeit. Im Abstand von wenigen Jahren folgten – um nur die prominentesten Beispiele zu nennen – das Hallé Orchestra in Manchester, das Royal Concertgebouw Orchestra, das Chicago Symphony Orchestra und eben die beiden Klangkörper des Bayerischen Rundfunks. Vor zwei Jahren gesellten sich dann noch die Wiener Symphoniker dazu; die berühmteren Philharmoniker der österreichischen Hauptstadt gehen zwar schon seit etlichen Jahren mit dem Gedanken an ein eigenes Label schwanger, kamen bis dato aber noch nicht damit nieder. Als Vorreiter dieser Entwicklung darf das in London ansässige Royal Philharmonic Orchestra gelten, das bereits 1986 sein Label RPO Records gründete und mit dem Slo-

gan »The world’s first record label to be owned by a symphony orchestra« einführte. Dass diesem Beispiel zunächst noch niemand folgte, lag an der damaligen Situation auf dem Plattenmarkt, genauer gesagt: auf dem gerade erst einige Jahre alten CD-Markt. Denn durch die Einführung des neuen Tonträgerformates herrschte in der Musikbranche allgemeine Aufbruchsstimmung. Die Euphorie führte zu einer regen Aufnahmetätigkeit, die nicht nur bei Orchestern für regelmäßige Studioaufenthalte sorgte: Es wurde produziert, als gäbe es kein Morgen mehr – und vor allem, als hätten nicht bereits Generationen von Musikern das ganze Standardrepertoire von Bach bis Strauss mehrfach eingespielt. So war für alle reichlich zu tun, selbst für die, die nicht zur allerersten Garde zählten. Über mangelnde Marktpräsenz konnten sich etablierte Künstler und Ensembles nicht beklagen. da s g r o SS e u m d e n k e n

Das änderte sich erst in den Neunzigerjahren, als die Verantwortlichen bei den Major-Labels feststellen mussten, dass man nicht unendlich viele Gesamteinspielungen der Beethoven-Symphonien auf den Markt werfen kann und dann auch noch erwarten darf, dass die sich hervorragend verkaufen. Die Auftragslage im Studio änderte sich für die Orchester deutlich bis schmerzlich spürbar. Ein großes Umdenken setzte ein. Die anfängliche Ratlosigkeit machte allmählich der Erkenntnis Platz, die Geschicke fortan in die


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Fotos: Peter Adamik

eigenen Hände nehmen zu müssen. Was dann in das schon erwähnte Jahrzehnt der Orchesterlabel-Gründungen mündete. pr ivi leg i e rte son d e r ste llu ng

Von dieser Entwicklung profitierten auch die Dirigenten. Verfügten sie früher oft über Exklusivverträge oder waren zumindest relativ fest mit einem der großen Labels liiert, mussten sie sich jetzt nach anderen Möglichkeiten umschauen, um ihre Namen auch weiterhin auf CD-Covern zu finden. Als Chef eines der in die Selbstständigkeit aufbrechenden Orchester war man fein raus. Bestes Beispiel ist der im vergangenen Jahr verstorbene Colin Davis. Nach weit über zwanzigjähriger exklusiver – und dann vom Label nicht verlängerter – Aufnahmetätigkeit für Philips, kam er 1988 bei RCA Victor unter Vertrag. Als dieses Label nach zwölf Jahren die Zusammenarbeit beendete, schrieb man das Jahr 2000 – das Jahr, in dem das London Symphony Orchestra sein Label LSO Live startete. Bei der ersten Veröffentlichung präsentierten sich die Londoner natürlich mit ihrem Chefdirigenten: Sir Colin Davis. Die Berliner Philharmoniker nehmen in diesem Universum der kleinen Silberscheiben seit jeher eine privilegierte Sonderstellung ein. Ob Karajan, Abbado oder Rattle: Jeder ihrer Chefdirigenten war zumindest mit einem der Markt­ riesen eng verbunden und wurde von den übrigen stets umworben. Die Aufnahmen lassen sich kaum noch zählen.

Doch mittlerweile wurde Simon Rattles Exklusivlabel EMI Classics verkauft und abgewickelt, es firmiert jetzt unter Warner Classics, der Vertrag des Briten läuft nach über dreißig Jahren aus. Da lag es durchaus nahe, auch einmal darüber nachzudenken, ob man den Trend zur Selbstvermarktung nicht aufgreift und diese Entwicklung zu einem krönenden Höhepunkt führt. War das Orchester mit der Digital Concert Hall auf diesem Feld absoluter Vorreiter, wird es nun mit seinem Label Berliner Philharmoniker Recordings den besagten Trend als weltweit bekanntester Mitstreiter womöglich zum Standard erheben. Auf jeden Fall bietet sich den Musikerinnen und Musikern so die Möglichkeit, sich mit dem Repertoire zu präsentieren, das ihnen wirklich am Herzen liegt. Schumann nimmt da wohl einen besonders prominenten Platz ein. Und so üppig und verschwenderisch wie sie ihn und seine herrlichen vier Symphonien auf der ersten Veröffentlichung gewanden und ausstaffieren, sind sie dann doch die Ersten, die Berliner Philharmoniker. <

Rob e rt Sch u man n: Die vier Symphonien. Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle. Berliner Philharmoniker Recordings (2 CDs und Blu-ray Disc)


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Berliner Philharmoniker – Nachrichten

philh a r monische nachr ichten Álvaro Parra ist neues Mitglied der Berliner Philharmoniker Vo n N i c o l e R e s t l e

Á lva r o Pa r r a ist mit den Berliner Philharmonikern aufgewachsen. Obwohl in Chile geboren, war der Klang des Orchesters durch Schallplatten im elterlichen Haus ständig präsent. Doch selbst einmal zu dessen Mitgliedern zu gehören, schien jenseits aller Möglichkeiten. Schon früh wusste Álvaro Parra, dass er Geiger werden wollte. Die Eltern, beide Pianisten, lebten ihm vor, was eine erfolgreiche Musikerlaufbahn ausmacht: »Für meinen Vater war Musik sein Lebenssinn, seine Leidenschaft. Und meine Mutter war sehr fleißig, sie hat unglaublich viel und intensiv geübt – das hat mich stark beeinflusst.« Leidenschaft und Disziplin – auf diesen beiden Säulen baute Álvaro Parra seine künstlerische Laufbahn auf. 1996 kam er nach Berlin, um an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« zu studieren. Den Chilenen schüchterte zunächst das hohe Niveau der anderen Studenten ein, verglichen mit ihnen fühlte er sich klein. Doch dank großartiger Lehrer – Stephan Picard, Michael Mücke und Christoph Poppen – gelang es ihm, Grenzen zu überwinden und Wege zu finden, sein eigenes großes musikalisches Potenzial auszuschöpfen. »Jeder dieser drei Lehrer erfüllte in meiner Ausbildung eine wichtige Funktion und war Teil meiner Entwicklung«, erinnert sich der Geiger dankbar.

Álvaro Parra dachte ursprünglich daran, als Pädagoge und Kammermusiker zu arbeiten. Doch dann bekam er 2002 ein Stipendium an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. »Mit dieser Möglichkeit hatte ich gar nicht gerechnet. Ich kam in eine völlig andere Welt. Ich lernte, wie ein Orchester funktioniert, welche Kraft eine Gruppe von Instrumenten entwickeln kann.« Da entstand in ihm der Wunsch, Orchestermusiker zu werden – am liebsten bei den Berliner Philharmonikern. Doch der Weg dorthin war nicht leicht: Sechs Mal trat Álvaro Parra zum Probespiel an, ehe er aufgenommen wurde. Was die meisten eher abgeschreckt hätte, nahm er sportlich: Denn aus jedem »erfolglosen« Probespiel konnte er neue Erfahrungen mitnehmen, stets gab es konstruktive Kritik von den Phil­harmonikern und Ermutigung, nicht aufzugeben. Das hat den Musiker durchhalten lassen. Nicht zuletzt trugen auch ein besseres Instrument und ein besserer Bogen dazu bei, dass er schließlich den Anforderungen genügte. Die lange Vorbereitungszeit hatte auch ihr Gutes: Nachdem Álvaro Parra drei Jahre als Professor an der Universidad Católica de Chile in Santiago de Chile unterrichtet hatte, wurde er 2008 Mitglied der 1. Violinen im Konzerthausorchester Berlin und konnte dort genügend Orchestererfahrung sammeln. So fühlte er sich während der philharmonischen Probezeit bereits sehr sicher. »Für mich ist die größte Herausforderung, den Widerspruch zwischen einzelnem Individuum und Spieler in einer Gruppe zu lösen. Wie stark soll ich mich öffnen, an welcher Stelle darf ich losspielen, woran soll ich mich orientieren? Das sind Fragen, die sich mit einer langjährigen Orchestererfahrung einfach besser lösen lassen.« Dass er nun als ordentliches Mitglied in den Kreis der Berliner Philharmoniker aufgenommen ist, erfüllt den Geiger mit großer Freude. Was ihm an der Musizierweise des Orchester besonders gefällt? »Die Herangehensweise, die höchste Konzentration und Ernsthaftigkeit mit spielerischem Spaß am Musizieren vereint.« <


Deutsche Bank Gesellschaftliches Engagement

25 Jahre Leidenschaft für Musik

25 Jahre Partnerschaft – 25.000 Euro für UNICEF: Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank, überreicht einen Scheck an Sir Simon Rattle. Die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent sind seit 2007 internationale UNICEF-Botschafter. © Monika Rittershaus

Mit einem großen Sommerfest am Kulturforum in Berlin feierten die Deutsche Bank und die Berliner Philharmoniker am 14. und 15. Juni 2014 25 Jahre erfolgreiche Partnerschaft. Was 1989 im Windschatten großer weltpolitischer Ereignisse begann, hat sich bis heute zu einer dynamischen und innovativen Zusammenarbeit entwickelt. Diese Erfolgsgeschichte wurde in Berlin mit mehr als 10.000 Besuchern und viel Musik, Kunst und Kultur gefeiert. Zur Eröffnung des Fests sangen die jungen „Vokalhelden“ erstmals öffentlich vor einem großen Publikum. Dieses neue Education-Chorprojekt wird in den Berliner Bezirken Moabit, Hellersdorf und Schöneberg durchgeführt und unterstreicht das gemeinsame Ziel von Deutscher Bank und Berliner Philharmonikern, Kinder und Jugendliche nachhaltig für Musik zu begeistern. Eine besondere Attraktion erwartete die Besucher am Abend: die deutsche Erstaufführung von „Crowd Out“, einem szenischen Chorwerk des New Yorker Komponisten David Lang. 1.000 Mitwirkende verwandelten das Kulturforum in eine bewegte und tönende Klanglandschaft. Mit dabei war auch ein Chor von Deutsche Bank-Mitarbeitern, der sich eigens für diese Aufführung zusammengefunden hatte.

Den Höhepunkt und Abschluss der Feierlichkeiten bildete das Konzert der Berliner Philharmoniker, die erstmals Open Air auf einer Freilichtbühne am Kulturforum konzertierten. Unter der Leitung von Sir Simon Rattle präsentierte das Orchester gemeinsam mit dem Berliner Rundfunkchor und den Vokalhelden Carl Orffs „Carmina Burana“. Vor dem Konzert übergab Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank, einen Scheck über 25.000 Euro für das Kinderhilfswerk UNICEF an Sir Simon Rattle, der ihn stellvertretend für die Berliner Philharmoniker als UNICEFBotschafter dankend entgegennahm. Jürgen Fitschen resümierte die zweitägigen Feierlichkeiten: „Das Fest am Kulturforum steht für die lebendige Partnerschaft, die die Deutsche Bank seit 25 Jahren mit den Berliner Philharmonikern verbindet. Wir freuen uns, dass so viele Besucher – darunter fast 1.000 Mitarbeiter der Bank – mit uns gefeiert und die vielfältigen Angebote am Kulturforum begeistert wahrgenommen haben.“ deutsche-bank.de/musik

25 Jahre Leidenschaft für Musik Deutsche Bank und Berliner Philharmoniker


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b e r l i n e r p h i l h a r m o n i k e r â&#x20AC;&#x201D; l e b e n s pa r t n e r


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Mein Instrument a ls Lebenspa rtner Diesmal mit Marie-Pierre Langlamet und ihrer Harfe

i c h s e h e d i e h a r f e eigentlich weniger als meinen Lebenspartner. Viel eher ist sie für mich so etwas wie eine Verlängerung meines eigenen Körpers, wie ein zusätz­ liches Körperglied. Jedenfalls muss man dieses Instrument so gut kennen wie sich selbst, muss eins werden mit ihm, sonst funktioniert diese Beziehung einfach nicht. Denn die Harfe ist alles andere als ein perfektes Instrument, im Gegenteil: Sie ist in vielen Punkten technisch sogar sehr unvollkommen! Ein Beispiel: Es ist wirklich schwer, die Harfe zur Ruhe zu bringen. Denn dafür gibt es keine Mechanik, und von selber hört sie fast nie auf zu klingen. Also muss man stän­ dig ganz gezielt all jene Töne abdämpfen, die nicht mehr zu hören sein sollen. Und das ist ein höchst unmusikalischer Akt, speziell am Ende eines Stücks: Genau in dem Mo­ ment, wo die anderen aufhören zu spielen, muss ich aktiv werden und mich geradezu verrenken, um alle Saiten fest­ zuhalten, damit sie nicht weiter schwingen. Ein anderes Problem ist die diatonische Stimmung der Harfe. Sie hat sozusagen nur weiße Klaviertasten. Um

chromatisch spielen zu können – also mit den schwarzen Tasten –, braucht man die sieben Pedale. Aber sobald man für eine bestimmte Note ein bestimmtes Pedal drückt, ver­ schwindet eine andere Note. Aus dem gleichen Grund ist es auch unmöglich, eine Harfe wirklich perfekt zu stimmen. Das gelingt immer nur für eine Tonart. Kurz und gut, die Möglichkeiten der Harfe sind be­ schränkt. Es ist wie in einem Computer­ programm, das bestimmte Dinge ermöglicht und andere nicht. Also muss man Kompromisse schließen. Vor allem muss man lernen, diese Unvollkommenheit zu akzeptieren, und das dauert wahnsinnig lange. Ich habe das Gefühl, dass es mir erst vor zehn Jahren gelungen ist. Natürlich ist dabei auch viel Psychologie im Spiel. Mir war immer klar, dass dieses Instru­ment nie voll vertrauens­würdig sein wird. Aber man verliert zu viel im Leben, wenn man nicht trotzdem vertraut. Ich bin heute jedenfalls vollkommen glücklich mit mei­ ner Wahl! Die Harfe und ich, wir beide passen sehr gut zusammen. Man braucht sehr viel Geduld mit ihr – und die habe ich auf jeden Fall. <

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Foto: Shutterstock


feuilleton

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»Damit der Drachen steigen kann« D r u m - D u e t t: R a p h a e l H a e g e r u n d C h r i s to p h S c h n e i d e r

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Tabu: Auftrittsangst M e h r a l s L a m p e n f i e b e r: V i e l e M u s i ke r l e i d e n i m G e h e i m e n

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Die Schattenseite des Schönklangs Ebenholz und Elfenbein im I n s t r u m e n te n b a u

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Fragen zur Musikliebhaberei Diesmal an die Schauspielerin Mar tina Gedeck


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Feuilleton — ebenhol z und elfenbein

Die Schattenseite des Schönklangs Ebenholz ist vom Aussterben bedroht: ein akutes Problem für den Instrumentenbau. Vo n S u s a n n e Z i e s e


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Kontrabass-Bogen mit Ebenholz-Frosch Foto: Heribert Schindler

» Ma n m e r kt e s e r st, wenn es fehlt«, sagt Alessandro Cappone, Erster Geiger bei den Berliner Philharmonikern. Die Rede ist von Ebenholz, einem der wertvollsten Hölzer überhaupt und einem wichtigen Werkstoff im Instrumentenbau. Heute ist der größte Teil des im Handel verfügbaren Edelholzes illegal geschlagen, meist in den ärmsten Regionen Afrikas, wo es zu einer wichtigen Einkommensquelle der dortigen Bevölkerung geworden ist. Weder Nationalparks noch die Gesetzgebung können der Natur den nötigen Schutz dort bieten, wo Vetternwirtschaft und Korruption Normalität sind. Schon das Alte Testament berichtet vom Handel mit Ebenholz, und lange bevor man das exotische Material für den Instrumentenbau entdeckte, entstanden Kunstwerke, Intarsien und Möbel in großer Fülle. Seit 1994 steht der Ebenholzbaum auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der IUCN, der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources. Von den 103 Arten des in Afrika und Südostasien beheimateten Diospyros gelten 28 als akut vom Aussterben bedroht; 40 weitere sind als stark gefährdet eingestuft. »Der Musiker macht sich eigentlich keine Gedanken darüber, wo das Materi-

al für sein Instrument herkommt«, räumt Cappone ein. Das Problem betrifft in erster Linie die Instrumentenbauer. Ebenholz zeichnet sich nicht nur durch seine elegante schwarze Farbe aus, sondern auch durch eine hohe Dichte und feinporige Struktur, die es besonders widerstandsfähig macht. Ein Blick ins Orchester genügt, um zu erkennen, an wie vielen Stellen bedrohte Tropenhölzer zum Einsatz kommen: Die Streichinst-

Griffbretter, Wirbel, Saitenund Kinnhalter bestehen überwiegend aus Ebenholz. rumente sind überwiegend mit Griffbrettern, Wirbeln, Saiten- und Kinnhaltern aus Ebenholz ausgestattet. Daneben wird ein Stück des kostbaren Materials für den Frosch des Bogens verwendet, während die Stange bevorzugt aus dem kaum weniger gefährdeten Fernambuk besteht. Oboen, Klarinetten und Holzflöten werden meist aus dem ebenholzverwandten Grenadill gefertigt – ebenfalls eine bedrohte Art. Für die Stäbe des Xylofons bevorzugt man das nicht minder " rare Palisander-Holz und zur


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Feuilleton — ebenhol z und elfenbein

Herstellung von Blockflöten und Teilen des Schlagwerks wird wiederum Ebenholz verwendet. Der wichtigste Abnehmer für edle Tropenhölzer im Bereich des Instrumentenbaus aber sind die Gi­tarren­bauer. Die US-Justiz schuf mit zwei Razzien beim Gitarrenbau-Riesen Gibson einen Präzedenzfall: 2011 konfiszierten die Bundesbeamten große Mengen von Tropenhölzern aus Madagaskar, für die es dem Zoo Zürich gelungen war nachzuweisen, dass sie unmöglich legal gefällt worden sein konnten. Gibson Guitars nahm die Strafzahlung von 300.000 USDollar widerspruchslos auf sich und investiert seither in Wiederaufforstungsprojekte. Auch die EU erkannte schließlich Handlungsbedarf und stellte im März 2013 die Einfuhr und den Handel mit illegalen Hölzern unter Strafe. »Der Instrumentenbau war über Jahrhunderte hinweg auf Raubbau ausgelegt«, erklärt Mathias Wohlleber, Bogenbaumeister in Berlin und Vorsitzender des Vereins »Eben!Holz« zum Schutz bedrohter Hölzer für Musikinstrumente. Der Verein widmet sich in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Geigenbauer und Bogenmacher (VDG), dem SVGB, dessen Schweizer Pendant, dem Zoo Zürich, der Stiftung

»NaturTon«, der Staatskapelle Berlin und der Wildlife Conservation Society (WCS) dem nachhaltigen Wiederaufbau der Waldbestände auf Madagaskar, einem Zentrum der illegalen Rodung. Einer Hamburger Studie zufolge werden bis zu 90 Prozent des auf Madagaskar illegal geschlagenen Holzes nach China exportiert. Hier werden Musikinstru-

»Der Instrumentenbau war über Jahrhunderte hinweg auf Raubbau ausgelegt.« Mathias Wohlleber

mente als Massenware in großen Fabriken produziert und zu Niedrigstpreisen vorrangig nach Europa und in die USA verkauft. »Bei den Billiginstrumenten geht es nur um den Preis, nicht um die Herstellungsmethoden«, sagt Wohlleber. Mit Verboten und Sanktionen gegen den Handel allein ist dem Problem nicht beizukommen, zumal der Nachweis, dass ein Holz illegal geschlagen wurde, in der Regel sehr aufwendig ist. Auch Aufforstungsprojekte wie das von »Eben!Holz« initiierte und durch den Zoo Zürich unterstützte im Akira-Naturpark können

Ebenholz-Stamm und Ebenholz-Scheite Foto: Max Cropp e.K.


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Flöte aus Ebenholz und Kinnhalter aus Ebenholz Fotos: Heribert Schindler

die derzeitige Nachfrage an Tropenhölzern im Sinne einer Sofortlösung nicht stillen. Gerade Ebenholz braucht viele Jahrzehnte bis Jahrhunderte zum Wachsen – das Holz ist noch wenig erforscht –, ehe eine Rodung und Nutzung im Instrumentenbau infrage kommt. Mathias Wohlleber und seine Mitstreiter setzen deshalb neben der Aufforstung auf die Ausbildung des Problembewusstseins der Afrikaner: »Man muss den Menschen in den betreffenden Regionen verständlich machen, dass ihr Wald nur lebendig eine Einkommensquelle für das Land sein kann.« Er bezieht sich dabei auf den internationalen Handel mit Emissionszertifikaten, von dem Madagaskar durch seine Waldbestände profitiert. Wie wertvoll der Regenwald für das globale Ökosystem ist, verdeutlicht eine Studie des United Nations Environment Programme aus dem Jahr 2012, der zufolge die globale Abholzung der Wälder jährlich etwa 17 Prozent des fehlenden CO2-Ausgleichs ausmacht – das entspricht der anderthalbfachen Menge an Emissionen sämtlicher Kraftfahrzeuge, Bahnen, Schiffe und des gesamten Flugverkehrs weltweit. »Nichts zu tun ist keine Alternative«, resümiert Wohlleber, wenngleich er eingesteht, dass die Arbeit seines Vereins

bisweilen einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Könnte eine mittelfristige Lösung nicht darin bestehen, auf alternative natürliche oder synthetische Ersatzstoffe auszuweichen? Carbon beispielsweise wird bereits zur Herstellung von Bögen verwendet. »Bitte erschießen Sie mich vorher!«, platzt es spontan aus Alessandro Cappone heraus. »Das klingt

Das Problem mit alternativen Materialien ist: Sie klingen einfach nicht gut. einfach nicht.« Auch Wohlleber betont, dass die Eigenschaften von Ebenholz und Fernambuk für ihre jeweiligen Verwendungen im Instrumentenbau bislang durch keinen gleichwertigen Ersatz gegeben sind. Zudem produzierten Herstellung und Entsorgung der meisten Alternativstoffe wiederum beträchtliche Mengen an Schadstoffen. Zum Schluss fällt Wohllebers Fazit sehr nachdenklich aus: »Es geht ums Konsumverhalten, ja, eigentlich um Lebensqualität. Wir wägen nicht ab zwischen Konsum und Lebensqualität, sondern haben den Eindruck, es sei das Gleiche.« <

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Feuilleton — ebenhol z und elfenbein

Bogenfrosch aus Elfenbein Foto: Alessandro Cappone

Auf den Zahn gefühlt Elfenbein bremst Musiker aus

Es ist nur ein dünnes weißes Scheib-

chen, das am oberen Ende eines Streicherbogens die Halterung der Haare verblendet, doch seit dem 25. Februar dieses Jahres kann es mitunter große Auswirkungen haben. Auf der Grundlage des CITES-Abkommens (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Flora and Fauna) verhängte die US-Regierung ein konsequentes Handels-, Ein- und Ausfuhrverbot für Elfenbein in jeglicher Form. Das Handelsverbot ist zwar nicht neu, wie oft behauptet, doch mit Inkrafttreten der Verordnung verspricht USPräsident Barack Obama eine Null-Toleranz-Strategie, um mit Nachdruck gegen den illegalen Handel mit Elfenbein und anderen geschützten Gütern vorzugehen. Zu alarmierend sind die Statistiken, die belegen, dass immer mehr afrikanische Elefanten ihrer Zähne wegen der Wilderei zum Opfer fallen. Dem WWF zufolge haben sich die Populationen der zentral- und ostafrikanischen Elefanten innerhalb von nur 40

Jahren von fünf Millionen auf eine halbe Million Tiere dezimiert. Es wird kaum einen Musiker geben, dem nicht daran gelegen wäre, die Elefanten bestmöglich zu schützen. Doch das, was sich als Konsequenz aus den verschärften Gesetzen in den vergangenen Wochen an den amerikanischen Grenzübergängen, allen voran New York, abspielte, scheint schlicht absurd: Der Zoll fühlte den einreisenden Musikern buchstäblich auf den Zahn. War die Bogen­spitze oder der Frosch (das Griff­ ende) aus Elfenbein, wurde die Einreise verweigert oder der Bogen kurzerhand konfisziert – man bedenke, welchen Wert der Bogen nicht nur materiell, sondern als essenzieller Teil des Instruments selbst für den Streicher hat! Aber nicht nur Streicher sind durch die verschärften Bestimmungen verunsichert, sondern auch Fagottisten – den Schalltrichter des Fagotts ziert oft ein Elfenbeinring –, Gitarristen und Besitzer alter Instrumente mit Schmuckelementen aus dem »weißen Gold«.


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Eine Welle massiven Protests bewirkte, dass die Verordnung kurze Zeit später zugunsten der reisenden Instrumentalisten überarbeitet wurde. Die am 15. Mai veröffentlichte revidierte Fassung benennt nun Kriterien, die eine legale Einund Ausfuhr der Instrumente ermöglichen sollen: Das verarbeitete Elfenbein muss nachweislich vor dem 25. Februar 1976 legal erworben worden sein, es darf seit dem 25. Februar 2014 nicht mehr in einem kommerziellen Rahmen den Besitzer gewechselt haben und der Musiker muss sich ein CITES-Zertifikat verschaffen, eine Art Instrumentenpass. »Es wird nicht das Leben des Elefanten retten, dessen Elfenbeinstückchen an meinem 60 Jahre alten Instrument ist«, stellt ein betroffener Fagottist resigniert fest. Dessen Instrument wurde zwar 1954 gebaut, doch gekauft hat er es 1979, also drei Jahre zu spät für ein CITES-Zertifikat. Das ist nur eines der Probleme, die im Zusammenhang mit den vermeintlich eindeutigen Kriterien des CITES für das Reisen mit Instrumenten entstehen. Allein der Nachweis über Herkunft und Alter eines Elfenbeinstücks am Instrument stellt eine beträchtliche Herausforderung dar. Den Instrumentenbauern stehen derzeit noch große Mengen an zertifizierten Altbeständen zur Verfügung, über die akribisch Buch geführt werden muss, sonst drohen Bußgelder und Konfiszierung. Im Bogenbau schätzt man das Elfenbein als weiches, gut zu verarbeitendes Material, das dennoch robust genug ist, um an der Bogenspitze die Saitenspannung zu halten, und das zudem das optimale Gewicht mitbringt. Alternativ verwendet man Silber oder fossile Mammutzähne; für einfachere Bögen halten Rinderknochen oder Kunststoff her. In Zukunft wird sich zeigen, welche Alternativmaterialien sich auch für hochwertige Bögen bewähren. Den international konzertierenden Musikern jedoch, deren Instrumente die CITES-Auflagen nicht erfüllen, bleibt derzeit nur die Möglichkeit, das Risiko einer Konfiszierung einzugehen oder die Elfenbeinanteile ersetzen zu lassen – gerade bei alten Instrumenten ein erheblicher Wertverlust. <

EINL ADUN G ZUM KLANGTEST

G

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 Berliner Philharmonie gGmbH, Herbert-von-Karajan-Str. 1, D – 10785 Berlin

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Erscheinungsweise  Auflage 

 Natalie Schwarz  Runze & Casper Werbeagentur GmbH   Evelyn Alter, E-Mail: alter@runze-casper.de, Tel. +49 (0)30-280 18 149  4 × jährlich  10.000 Exemplare

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 2194-0694 © 2014 Berliner Philharmonie gGmbH. Alle Rechte vorbehalten. Die auf §49 UrhG gestützte Übernahme von Artikeln in gewerbliche P ressespiegel bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags. Nachdruck, Aufnahme in Onlinedienste und Internet und Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-Rom, DVD-Rom etc. nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Ausgabe September 2014  
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