Zwischen Besetzung und Selbstverwaltung (Leseprobe)

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Barnimer Historische Forschungen, Band 3

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Lucas Lebrenz

Zwischen Besetzung und Selbstverwaltung Eberswalde in der Franzosenzeit (1806–1815)

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD -ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2022 Asternplatz 3, 12203 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Potsdam Umschlag und Satz: typegerecht berlin Schriften: DTL Dorian 10/14pt, Milo Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-95410-298-3 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

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Zur Einführung

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Einleitung

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Die politischen und gesellschaftlichen ­Rahmen­bedingungen

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Die Situation der Stadt Eberswalde gegen Ende des Ancien Régime als Teil des brandenburgischen Städtewesens Das Schicksal der Kurmark Brandenburg beim Zusammenbruch des alten Preußens (1806/07)

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Das französische Besatzungsregime in ­Eberswalde (1806–1808)

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Die Einquartierung und Versorgung der Besatzungstruppen Weitere von den Besatzungstruppen an die Stadtbevölkerung gestellte Dienstleistungsforderungen Die Kontributionsforderungen für die Besatzungsbehörden

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Zwischenfazit

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Die Auswirkungen der Preußischen Reformen auf Eberswalde (1808–1812)

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Die Reform der städtischen Verwaltung (1808/09) Die Gewerbe- und Finanzreform (1810/11) Die Judenemanzipation (1812) Die Eberswalder Bürgergarde(n) (1810–1813)

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Eberswalde in den Befreiungskriegen (1813–1815)

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Schlussbemerkungen

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Quellen- und Literaturverzeichnis

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Der Autor

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Abbildungsnachweis

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Vorwort

Die Geschichte einer bestimmten Region zu bewahren und für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gehört zu den wohl wichtigsten Aufgaben eines Archivs. Gerade für Fragen zur Orts-, Regional- und Landesgeschichte bietet sich stets die Auswertung eben jenes Schriftgutes an, das vor allem in kommunalen Archiven verwahrt wird. Aus diesem Grund ist es umso erfreulicher, wenn mit Hilfe der intensiven Akteneinsicht nicht nur persönliche Anliegen einiger Benutzer geklärt werden können, sondern neue Aspekte der geschichtlichen Entwicklung unserer Heimatregion genauer untersucht, hinterfragt und öffentlich bekannt gemacht werden. Letzteres ist bei der jetzt vorliegenden Publikation der Fall. Lucas Lebrenz, der Autor des Bandes, hat beginnend seit seiner Schulzeit in Eberswalde – damals als Praktikant – immer wieder über verschiedene Projekte im Kreisarchiv Barnim gearbeitet. Sein breites Wissen zu den Beständen des Archivs brachte er vor zwei Jahren, inzwischen Student der Fachrichtung Geschichte an der Universität Potsdam, als Mitherausgeber der Kreiskunde Barnim ein. Im Band Zwischen Besetzung und Selbstverwaltung. Eberswalde in der Franzosenzeit (1806 –1815) hat er sich in seiner Bachelor-Abschlussarbeit, die er am Historischen Institut der Universität Potsdam einreichte, einer Zeit angenommen, über die mit wenigen Worten bereits alles gesagt zu seien scheint: Die Besetzung der Stadt Eberswalde durch die französischen Truppen zwischen 1806 und 1808, die für die Einwohnerschaft eine große Belastung darstellte. Im Zuge der im Anschluss durchgeführten Reformen stabilisierte sich der preußische Staat wieder soweit, dass es ihm in den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 gelang, die französische Fremdherrschaft abzuschütteln. Dennoch – der Verfasser schafft es, durch einen tiefgründigen Blick in die vorliegenden Quellen, die Epoche umfassend zu analysieren und zu illustrieren. Es gelingt ihm dabei in beeindruckender Art und Weise aufzuzeigen, wie die Verwaltungsarbeit in vergangenen Zeiten von statten ging. Bestärkt wird dies noch dadurch, dass im Zuge der Untersuchung erstmals bisher nicht verzeichnetes Aktenmaterial des Kreisarchivs ausgewertet wurde. Einige der hier zitierten Akten wurden erst im Erarbeitungsprozess dieses Bandes inhaltlich erschlossen sowie mit Titeln und Signa7

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turen versehen, um den Bestand des historischen Stadtarchivs der Stadt Eberswalde weiter anwachsen zu lassen. Somit können völlig neue Einblicke in die Eberswalder Stadtgeschichte, die auch über Erkenntnisse Rudolf Schmidts hinausgehen, gewonnen werden. Zudem wurden auch einige »Ungereimtheiten« der älteren Forschungsliteratur korrigiert. Damit konnte das Kreisarchiv Barnim durch die Bereitstellung einer umfassenden Quellengrundlage für das Manuskript seinen Anteil an der Aufarbeitung der Geschichte seiner Region leisten. Denn nur zusammen können Forschende und Archive zu einem besseren Verständnis der spezifischen Besonderheiten unserer Vergangenheit beitragen. Das Kreisarchiv erhielt nach Vorlage und Bewertung der Bachelor-Abschlussarbeit wie allgemein üblich ein Belegexemplar für seine Bibliothek. Nach genauer Durchsicht und im Einklang mit den Gutachtern, die eine Drucklegung des Manuskriptes aufgrund der hier präsentierten neuen Erkenntnisse vorschlugen, ist es mir eine besondere Freude, dass diese Untersuchung als dritter Band in der Schriftenreihe »Barnimer Historischen Forschungen«, erscheint.

Brigitta Heine Leiterin des Kreisarchivs Barnim

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Zur Einführung

In den letzten Jahren wurden für eine ganze Reihe von brandenburgischen Kommunen Stadtgeschichten vorgelegt, die angesichts ihrer recht großen Resonanz unter der Einwohnerschaft davon künden, dass offenbar ein vitales Bedürfnis nach einer Beschäftigung mit der Historie des Wohnortes vorliegt. Für diese erfreuliche Beobachtung dürften sich mehrere Erklärungen finden. Geschichte kann besonders wirkungsvoll, weil konkret erfahrbar gemacht werden, wenn die eigenen »kleinen Lebenswelten« im Mittelpunkt einer solchen Darstellung stehen. Die großen Prozesse der National- oder Weltgeschichte muten ja mitunter recht abstrakt an und – je nach der Qualität des Geschichtsunterrichts, den man einst genossen hatte – laden nicht immer zu intensiverer Beschäftigung mit der Historie ein. Stößt man indes auf eine Publikation, die eine uns fernstehende Epoche am Beispiel des eigenen Dorfes oder der eigenen Stadt präsentiert, erweisen sich die Hürden des Zuganges nicht ganz so hoch. Der Wiedererkennungswert steigt zudem, wenn man erfährt, auf welchen Straßen und Plätzen bzw. in welchen teilweise noch heute erhaltenen Gebäuden sich Geschichte ereignet hatte. Zugute kommt dem Ganzen zudem, wenn solche Abhandlungen verständlich geschrieben sind und sich eines mitunter in den Fachwissenschaften anzutreffenden Fachjargons enthalten. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren es vor allem Lehrer und Pfarrer, die eine Vielzahl solcher orts- und landschaftsgeschichtlichen Publikationen vorgelegt hatten, die sich bemühten, solchen Vorsätzen zu genügen. Dass heimatgeschichtliche Darstellungen aus der Feder von Angehörigen der beiden genannten Berufsgruppen vorgelegt werden, ist heute indes leider selten geworden. Über die vielfältigen Gründe für diese bedauerliche Entwicklung soll an dieser Stelle nicht gemutmaßt werden. Umso erfreulicher erscheint es, dass sich mit Lucas Lebrenz ein gebürtiger Eberswalder der jungen Generation der Geschichte seiner Heimatstadt zugewendet hat. Er studiert seit 2017 Geschichte an der Universität Potsdam und – so kann der Verfasser dieser Zeilen aus eigener unmittelbarer Erfahrung resümieren – gehörte dort von Beginn an zu den leistungsstärksten Studenten. Dies spiegelte sich nicht nur in hervorragenden Studienleistungen wider, sondern auch darin, dass er frühzeitig 9

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an Forschungsprojekten mitwirkte und bereits eigene Publikationen vorgelegt hat. Die hier nun anzuzeigende monographische Darstellung bestätigt diese erfreuliche Entwicklung. Sie geht aus seiner Abschlussarbeit hervor, die am Ende seines Bachelorstudiums im Fach Geschichte angefertigt wurde. Lucas Lebrenz hat sich einen durchaus als dramatisch zu charakterisierenden zeitlichen Abschnitt aus der Eberswalder Geschichte ausgewählt. Mit der sogenannten »Franzosenzeit« steht eine Periode im Fokus, in der man den Ausschlag des vielbeschworenen »Mantels der Geschichte« auch in den kleinen Lebenswelten einer brandenburgischen Kommune unmittelbar spüren konnte. Von daher besehen dürfte die Aufmerksamkeit einer geneigten Leserschaft gesichert sein. Ein Vorzug dieser Publikation liegt aber auch darin begründet, dass der Verfasser in erheblichem Maße auf handschriftliche Akten des historischen Stadtarchivs von Eberswalde zurückgegriffen hat, die im Kreisarchiv Barnim aufbewahrt sind. Damit kann ein nicht unbeträchtlicher Forschungsneuwert, gerade auch im Vergleich zu der zurecht immer noch als Standardwerk geltenden zweibändigen Stadtgeschichte von Rudolf Schmidt erzielt werden. Kurbrandenburg wurde und wird gelegentlich, ähnlich wie andere historische Landschaften im Nordosten des Alten Reiches zur Zeit des Ancien Régime, zu jenen Regionen gezählt, die eine vergleichsweise geringe Urbanität aufwiesen. Doch bei genauerem Hinsehen trügt dieser Schein. Im 18. Jahrhundert lagen auf dem Gebiet der Kurmark als einer der damals zehn Provinzen des preußischen Gesamtstaates mehr als 70 Orte, die als »Städte« bezeichnet werden können. Freilich erwies sich die Bandbreite dieser Kommunen als sehr groß. Angefangen von der Hauptstadt Berlin, die sich inmitten einer rasanten Entwicklung zu einer der größten Metropolen in Mitteleuropa befand (um 1800 belief sich die Zahl auf über 170.000 Einwohner!), über eine Reihe von regional bedeutenden Mittelstädten zählten auch viele Kommunen mit einer nur verkümmerten Form städtischer Existenz dazu, denen man nur in sehr eingeschränktem Sinne den Charakter einer »Stadt« zuerkennen mochte. Eberswalde gehörte nun zweifellos zu jenen Orten, die auf Grund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, ihrer Bevölkerungszahl und ihrer differenzierten Gewerbestruktur in der »oberen Liga« des kurmärkischen Städtewesens spielten und zu den bedeutendsten Kommunen des Barnim zählte und zählt. In der vorliegenden Publikation wird nun aus naheliegenden Gründen mit dem 18. Jahrhundert zunächst die »Vorgeschichte« der dann im Mittelpunkt des Buches stehenden »Franzosenzeit« geschildert. Dies erweist sich vor allem auch deshalb als naheliegend, um jene seit 1806 in Eberswalde zu beobachtenden Entwicklungen nicht voraussetzungslos zu interpretieren. Denn trotz der mit der Kapitulation Preußens und dem Einzug der französischen Truppen in die Stadt von der Bevölkerung als wahrhaft grundstürzend wahrgenommenen Ereignisse befand sich Eberswalde 10

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ja nicht in einer »Stunde Null«. Gerade für das Verständnis der nach 1808 einsetzenden verfassungspolitischen Veränderungen im Umfeld der »Städtereform« sind diese Passagen erhellend, zeigen sie doch, dass für die Stadtgemeinde trotz der im 18. Jahrhundert unübersehbaren Regulierungsbemühungen der landesherrlichen Verwaltung dennoch schon damals sehr wohl Spielräume zur Mitwirkung in städtischen Angelegenheiten bestanden hatten. Sehr anschaulich werden im Folgenden die Wahrnehmung der französischen Besatzung und die damit in Verbindung stehenden teilweise enormen Belastungen für die Bevölkerung vorgeführt. Gedanklich könnten all diejenigen, die mit der Eberswalder Topographie gut vertraut sind, anhand dieser Passagen die Ereignisse auf einem imaginären Gang durch die Stadt nachvollziehen. Die Anlage der Getreidemagazine zur Versorgung der französischen Truppen wird genauso detailliert angesprochen wie die Bedeutung des Finowkanals für den Transport verwundeter Franzosen, die subtilen Bemühungen einiger Honoratioren, sich den finanziellen Belastungen zu entziehen oder die Affinität der französischen Militärs zur Eberswalder Braukunst. Detaillierter als in früheren Darstellungen erfährt man auch Näheres über die Art und Weise der Kommunikation zwischen den damaligen Entscheidungsträgern – ein angesichts heutiger, im Zeichen drahtloser Telekommunikation stehender gänzlich anderer Gewohnheiten nicht unwichtig erscheinender Aspekt zum Verständnis damaliger Ereignisse. Ein weiterer Schwerpunkt des Bandes liegt auf der Darstellung der Veränderungen, die im Umfeld der sogenannten »Preußischen Reformen« in der Stadt eingeleitet wurden. Auch diese Passagen zeichnen sich durch große Quellennähe aus und vermögen deshalb ein wesentlich realitätskonformeres Bild zu zeichnen als eine früher zu sehr unter dem Eindruck einer reinen Erfolgsgeschichte dieses Reformwerkes stehende Interpretationsrichtung. Exemplarisch werden die Ressentiments eines Teils der Eberswalder Bevölkerung gegen die neue Städteordnung vorgestellt, wodurch zugleich die Ambivalenz zwischen der Bewahrung alter städtischer Traditionen und dem Sich-Öffnen für die Moderne in den Blick gerät. Es bleibt mir abschließend nur zu wünschen, dass diese Publikation eine breite Leserschaft findet und künftig auch andere zeitliche Abschnitte der Eberswalder Stadtgeschichte einen ähnlich kundigen und engagierten Bearbeiter wie Lucas Lebrenz finden.

apl. Prof. Dr. Frank Göse Bereich Landesgeschichte am Historischen Institut der Universität Potsdam

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Einleitung

»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Ich fordere die Einwohner Berlins dazu auf. Der König und seine Brüder leben!«1 Diese Worte, mit denen der Berliner Gouverneur Friedrich Wilhelm von der SchulenburgKehnert am 17. Oktober 1806 die Einwohner der preußischen Hauptstadt von der drei Tage zuvor erlittenen Niederlage ihrer Truppen in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen das französische Kaiserreich unter Napoleon I. und seine Verbündeten informierte, symbolisieren beispielhaft den Untergang des sogenannten »alten Preußens«. Im Zuge des ein Jahr später geschlossenen Friedens von Tilsit wurde festgeschrieben, dass der Großteil des nunmehr verkleinerten preußischen Staatsgebietes bis Ende des Jahres 1808 von französischen Truppen besetzt bleiben sollte. Während dieser Zeit der Besetzung litt insbesondere die Zivilbevölkerung unter den dadurch hervorgerufenen Belastungen. Die verheerende Niederlage im Vierten Koalitionskrieg 1806/07 hatte die Schwächen im preußischen Staatsaufbau offenbart, der in seiner Organisation noch den Grundzügen des Ancien Régime folgte und auf eine überdurchschnittliche Führungsperson – wie Friedrich der Große oder sein Vater Friedrich Wilhelm I. es beispielsweise gewesen waren – fokussiert war. Nun sollte der Staat der Hohenzollern durch die Preußischen Reformen an die Anforderungen der neuen Epoche angepasst werden: eine Reorganisation der Staatsverwaltung und die Umstrukturierung der Sozialverfassung läuteten für Preußen das Zeitalter der Moderne ein, in dem die Bürger nach mehr Mitspracherecht an politischen Entscheidungen strebten. Inwieweit die während der Besetzung erlittenen Belastungen und gemachten Erfahrungen dazu beitrugen, diesen Reformprozess voranzutreiben, soll in dieser Untersuchung genauer herausgearbeitet werden. Aus diesem Grund werden die Wechselwirkungen zwischen der Stadtverwaltung und den französischen Besat-

1 Zit. nach Demel, Walter/Puschner, Uwe (Hrsg.): Von der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongress 1789 –1815 (= Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 6), Stuttgart 1995, S. 54.

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Eindruck der Niederlage von Jena und Auerstedt in Berlin.

zungstruppen am Beispiel der Stadt Eberswalde, bis 1877 Neustadt-Eberswalde genannt, dargestellt und in die gesamtstaatlichen Zusammenhänge eingebettet. Darüber hinaus werden auch die Auswirkungen der Preußischen Reformen aufgezeigt, soweit diese einen direkten Einfluss auf Eberswalde hatten. Somit soll ein Beitrag zum besseren Verständnis des Übergangs Preußens und insbesondere seiner Zentralprovinz Brandenburg von der Frühen Neuzeit in die Moderne als Teil der brandenburgisch-preußischen Landes- und auch Städtegeschichte geleistet werden. Zur besseren Nachvollziehbarkeit ist die Untersuchung chronologisch aufgebaut. Sie bewegt sich dabei in ihrem Verlauf jedoch zudem von den größeren gesamtstaatlichen Strukturen und geschichtlichen Zusammenhängen hin zu den lokalhistorischen Ereignissen, um zum Schluss wieder eine Verknüpfung zur übergeordneten Ebene herzustellen. Dabei stehen vor allem verwaltungsgeschichtliche Aspekte im Vordergrund. Zuerst werden die Rahmenbedingungen aufgezeigt, indem die sich im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts herausbildende verfassungsrechtliche Situation der Stadt Eberswalde gegen Ende des Ancien Régime mit ihrer mangelnden Selbstverwaltung kursorisch charakterisiert wird. Anschließend folgt eine Beschreibung der Entwicklungen, die schließlich zu einer umfassenden Veränderung dieser Konstellation führten. Daher wird auf das Schicksal der Kurmark Brandenburg im Zuge der 14

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Ansicht von Eberswalde, um 1790.

napoleonischen Machtambitionen bis 1807 als allgemeinerer Überblick zur lokalen Situation in Eberswalde eingegangen, wobei besonders die Vorgeschichte, der Verlauf und die Auswirkungen des für Preußen so verheerenden Vierten Koalitionskrieges im Fokus stehen. Daraufhin folgt auf lokaler Ebene eine Analyse der verschiedenen Interaktionsfelder zwischen der Eberswalder Stadtverwaltung und den Besatzungstruppen in den Jahren 1806 bis 1808. Dabei wird insbesondere auf die Problematiken der Einquartierung und Versorgung, sonstige durch die Einwohner zu leistenden Dienste sowie Kontributionsforderungen eingegangen. Da in diesem Abschnitt nicht die umfassende Darstellung der jeweiligen Belastungen für die einzelnen Einwohner Eberswaldes das Ziel sein kann, werden die Herausforderungen für Einwohnerschaft und Magistrat exemplarisch anhand einzelner Schicksale aufgezeigt. Um die finanzielle Dimension der Besatzungszeit besser verdeutlichen zu können, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass entsprechend den Daten der Deutschen Bundesbank die Kaufkraft eines Talers Anfang des 19. Jahrhunderts etwa 40 Euro im Durchschnitt des Jahres 2020 entsprächen.2 Anschließend werden nach

2 Vgl. Deutsche Bundesbank: »Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen«, Stand: Januar 2021, online: https://www.bundesbank.de/resource/blob/615162/d55a20f8a4ecedd6d1b53e01b89f11c4/mL/kaufkraftaequivalente-historischer-betraege-in-deutschen-waeh-

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einem Zwischenfazit die Auswirkungen einiger Reformprojekte auf die Stadt Eberswalde als Ergebnis der während der Besetzung gemachten Erfahrungen dargestellt. Dabei stehen vor allem die Reform der städtischen Verwaltung, die Durchsetzung der allgemeinen Gewerbefreiheit und die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung im Zentrum der Betrachtungen. Zudem wird die Institution der Bürgergarde als besondere Ausdrucksform des neuen bürgerlichen Selbstverständnisses beschrieben. Daraufhin folgen Ausführungen zu den militärisch geprägten Ereignissen während der Befreiungskriege in Eberswalde und die Erinnerung an diese in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Abschließend werden die gewonnenen Ergebnisse zusammengefasst und eingeordnet. Die bisherige (moderne) Historiografie hat sich einer Untersuchung dieser Zeitumstände auf lokalgeschichtlicher Ebene – gerade auch in Bezug auf die Mark Brandenburg – noch kaum angenommen. Lediglich Johannes Schultze geht im fünften Band seiner Geschichte der Mark Brandenburg genauer auf diesen Zeitraum ein.3 Ansonsten überwiegt der Blick auf die preußische Hauptstadt Berlin,4 während sich in den meisten älteren Chroniken brandenburgischer Städte eher anekdotenhafte Kapitel über die sogenannte Franzosenzeit zwischen 1806 und 1815 finden.5 Moderne und quellengestützte Versuche diese Zeit aufzuarbeiten, unternehmen hingegen beispielsweise Volkhard Maaß für seine Heimatstadt Angermünde in der Uckermark6 und Wolfgang Rose, der in einem Aufsatz unter anderem die Belastungen der Franzosenzeit für Teupitz beschreibt.7 Die fehlende umfassendere Behandlung dieser Thematik in den wenigen weiteren modernen brandenburgischen

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rungen-data.pdf (letzter Zugriff: 24.09.2021). Dabei setzte sich ein Taler aus 24 Groschen zu je zwölf Pfennigen zusammen. Schultze, Johannes: Die Mark Brandenburg, Bd. 5: Von 1648 bis zu ihrer Auflösung und dem Ende ihrer Institutionen, Berlin 1969, S. 137–160. Als eigenständige Betrachtungen sind dabei zum Beispiel Bauer, Frank: Napoleon in Berlin. Preußens Hauptstadt unter französischer Besatzung 1806 –1808, Berlin 2006 sowie Granier, Hermann (Hrsg.): Berichte aus der Berliner Franzosenzeit 1807–1809 (= Publikationen aus den kgl. preußischen Staatsarchiven, Bd. 88), Leipzig 1913 zu nennen. Um hier nur einige Beispiele zu nennen, sei unter anderem auf Bieder, Hermann/Gurnik, Adolf: Bilder aus der Geschichte der Stadt Frankfurt a. Oder, Bd. 1, Frankfurt an der Oder 1899, S. 113 –122; Engelien, A./Henning, F.: Geschichte der Stadt Landsberg an der Warthe von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Landsberg a. W. 1857, S. 222–242 sowie Knuth, Friedrich: Chronik von Gransee, verbunden mit den wichtigsten Ereignissen der vaterländischen Geschichte, Berlin 1840, S. 94 –120 verwiesen. Leider ohne Nachweise Maaß, Volkhard: Ordre du Jour – Tagesbefehl. Geschichte und Geschichten aus der Franzosenzeit – Angermünde in den Jahren 1806 –1814 –, o. O. o. J. Rose, Wolfgang: Zweitkleinste Stadt der Mark – Teupitz im 19. Jahrhundert, in: Krause, Heinrich/Kuhl, Karsten (Hrsg.): Teupitz. Eine märkische Stadt im Wandel der Zeiten, Berlin 2007, S. 116 –119.

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Stadtgeschichten – abgesehen von Berlin8 – verhindert allerdings einen tiefergehenden Vergleich.9 Auch in neueren Überblicksdarstellungen zur Geschichte Brandenburgs im 19. Jahrhundert wird das Jahrzehnt zwischen 1806 und 1815 meist nur am Rande betrachtet.10 Eine neue Perspektive für die Erforschung dieses Zeitabschnittes bietet sich jedoch nun mit dem von Klaus Geßner bearbeiteten Inventar zur brandenburgischen Militärgeschichte zwischen 1806 und 1815 für die Bestände des Brandenburgischen Landeshauptarchives im Potsdamer Ortsteil Golm11 an. Dadurch sind erstmals die für eine (militärgeschichtliche) Untersuchung auszuwählenden Archivalien aufgelistet – ähnliche Bestrebungen für die Bestände des Geheimen Staatsarchives Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem sind bisher nicht zu erkennen. Eine Besonderheit bei der Betrachtung der Literaturlage bildet das Mitte des 19. Jahrhunderts erschienene mehrbändige Werk des damals in der kurbrandenburgischen Provinzialverwaltung arbeitenden Friedrich Magnus von Bassewitz, der ausführlich das Schicksal der Kurmark Brandenburg während der »Franzosenzeit« beschreibt.12 8 Vgl. Mieck, Ilja: Von der Reformzeit zur Revolution (1806 –1847), in: Ribbe, Wolfgang (Hrsg.): Geschichte Berlins, Bd. 1: Von der Frühgeschichte bis zur Industrialisierung (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 1), 3., erw. u. aktual. Aufl., Berlin 2002, S. 422– 441. 9 Im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Städteordnung 1808/09 in Potsdam beschreibt Kamp, Silke: Zwischen Thron und Ballotage. Die erste Wahl der Stadtverordnetenversammlung in Potsdam, in: Büchner, Christiane/Musil, Andreas (Hrsg.): Die Stadtverordnetenversammlung von Potsdam im Wandel der Zeit (= KWI Schriften, Bd. 5), Potsdam 2010, S. 42– 45 kurz die Belastungen der Potsdamer Einwohner durch die französische Besetzung. 10 Siehe dazu vor allem Müller, Harald/Müller, Hans-Heinrich: Brandenburg als preußische Provinz. Das 19. Jahrhundert bis 1871, in: Materna, Ingo/Ribbe, Wolfgang (Hrsg.): Brandenburgische Geschichte, Berlin 1995, S. 395 –502, insb. S. 395 – 407; Radtke, Wolfgang: Brandenburg im 19. Jahrhundert (1815 –1914/18). Die Provinz im Spannungsfeld von Peripherie und Zentrum (= Brandenburgische Geschichte in Einzeldarstellungen, Bd. 5 | Bibliothek der brandenburgischen und preußischen Geschichte, Bd. 15), Berlin 2016, S. 61–72 sowie neben den einzelnen zeitlich passenden Unterkapiteln in nachfolgendem Band vor allem Herzfeld, Hans: Allgemeine Entwicklung und politische Geschichte, in: ders. (Hrsg. unter Mitwirkung von Gerd Heinrich): Berlin und die Provinz Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin beim FriedrichMeinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Bd. 25 | Geschichte von Brandenburg und Berlin, Bd. 3), Berlin 1968, S. 9 –26. 11 Geßner, Klaus (Bearb.): Inventar zur brandenburgischen Militärgeschichte 1806 –1815. Quellen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs über napoleonische Fremdherrschaft und Befreiungskriege (= Quellen, Findbücher und Inventare des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Bd. 36), Berlin 2018. 12 Bassewitz, Magnus Friedrich: Die Kurmark Brandenburg. Ihr Zustand und ihre Verwaltung unmittelbar vor dem Ausbruche des französischen Krieges im Oktober 1806, Leipzig 1847; ders.: Die Kurmark Brandenburg im Zusammenhang mit den Schicksalen des Gesammtstaats Preußen während der Zeit vom 22. Oktober 1806 bis zum Ende des Jahres 1808, 2 Bde., Leipzig 1851 f. sowie ders.: Die Kurmark Brandenburg im Zusammenhange mit den Schicksalen des Gesammtstaats Preußen während der Jahre 1809 und 1810, Leipzig 1860. Bassewitz diente später sogar als Potsdamer Regierungspräsident und Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg.

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Im Gegensatz zu den Darstellungen zur brandenburgischen Geschichte nimmt zwar die Phase der napoleonischen Fremdherrschaft in den klassischen (fachwissenschaftlichen) Gesamtdarstellungen zur Geschichte Preußens neben den Ausführungen zu Friedrich dem Großen und dem Wirken Otto von Bismarcks einen größeren Platz ein, jedoch fehlt hier meist der Blick auf die lokale (brandenburgische) Ebene.13 Meist werden die Belastungen der Besatzungszeit nur kurz erwähnt, um damit die unmittelbare Vorgeschichte der Preußischen Reformen zu präsentieren. Ansonsten dominieren in der modernen Forschung bislang eher unzählige Betrachtungen zur preußischen Reformzeit auf gesamtstaatlicher Ebene, vor allem in Bezug auf die unterschiedlichen Bereiche und Motive der Reformtätigkeit.14 Für die brandenburgische Stadtgeschichtsforschung kann hingegen auf einen umfassenden Literaturstand zurückgegriffen werden. Hierbei sind einerseits der Leitaufsatz von Gerd Heinrich15 und in seiner Fortführung besonders die Arbeiten von Frank Göse16 zum brandenburgischen Städtewesen in der Frühen Neuzeit hervorzuheben. Sie beschreiben die verfassungsmäßigen Grundlagen, vor denen sich die vorliegende Untersuchung vollzieht. Brigitte Meier hat sich andererseits um die Erforschung des brandenburgischen Bürgertums »als Mitgestalter der Moderne« ver-

13 Clark, Christopher (übers. von Richard Barth): Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 –1947, 13. Aufl., München 2018, S. 347– 447; Heinrich, Gerd: Geschichte Preußens. Staat und Dynastie, Berlin/Frankfurt am Main/Wien 1984, S. 278 –311; Hinrichs, Ernst (hrsg. von Rüdiger Landfester): Staat ohne Nation. Brandenburg und Preußen unter den Hohenzollern (1415 –1871), Bielefeld 2014, S. 288 –381 sowie Schoeps, Hans-Joachim: Preußen. Geschichte eines Staates, Neuaufl., Hamburg 2012 [Erstveröffl.: Berlin 1966], S. 103 –135. 14 Um auch hier nur einige Beispiele zu nennen, sei unter anderem auf Ibbeken, Rudolf: Preußen 1807– 1813. Staat und Volk als Idee und in Wirklichkeit (= Veröffentlichungen aus den Archiven Preussischer Kulturbesitz, Bd. 5), Köln/Berlin 1970; Koselleck, Reinhart: Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791 bis 1848 (= Industrielle Welt, Bd. 7), Stuttgart 1987; Sösemann, Bernd (Hrsg.): Gemeingeist und Bürgersinn. Die preußischen Reformen (= Forschungen zur Brandenburgischen und Preussischen Geschichte, N.F., Beih. 2), Berlin 1993 mit der darin erhaltenen Bibliographie sowie Vogel, Barbara (Hrsg.): Preußische Reformen 1807–1820 (= Neue Wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 96), Königstein/Ts. 1980 verwiesen. Etwas ausführlicher sind die Ausführungen bei Münchow-Pohl, Bernd von: Zwischen Reform und Krieg. Untersuchungen zur Bewußtseinslage in Preußen 1809 –1812, Göttingen 1987, der sich jedoch hauptsächlich auf die öffentliche Meinung konzentriert. 15 Heinrich, Gerd: Staatsaufsicht und Stadtfreiheit in Brandenburg-Preußen unter dem Absolutismus (1660 –1800), in: Rausch, Wilhelm (Hrsg.): Die Städte Mitteleuropas im 17. und 18. Jahrhundert (= Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas, Bd. 5), Linz 1981, S. 155 –172. 16 Vor allem Göse, Frank: Zwischen beanspruchter Selbstverwaltung und landesherrlicher Reglementierung: Die brandenburgischen Städte um 1700, in: ders. (Hrsg.): Die Mark Brandenburg um 1700 (= Brandenburgische Historische Studien, Bd. 11), Potsdam 2002, S. 99 –142 sowie ders.: Die Städtepolitik Friedrich Wilhelms I., in: Kraus, Hans-Christof/Kroll, Frank-Lothar (Hrsg.): Historiker und Archivar im Dienste Preußens. Festschrift für Jürgen Kloosterhuis, Berlin 2015, S. 63 –101.

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dient gemacht,17 während die neueste zusammenfassende Publikation zur Steinschen Städteordnung von Ilja Mieck stammt.18 Die Stadt Eberswalde bietet sich aufgrund mehrerer Faktoren für eine solche Untersuchung an. Zum einen sind die Ereignisse aus der sogenannten Franzosenzeit bereits in Teilen durch den Regionalhistoriker Rudolf Schmidt in seiner 1939 und 1941 erschienenen zweibändigen Stadtchronik von Eberswalde19 dargestellt worden. Diese Erkenntnisse sollen nun in einen größeren historischen Zusammenhang eingeordnet werden. Zum anderen wird im Kreisarchiv Barnim ein umfangreicherer Bestand vorwiegend handschriftlicher Akten des historischen Stadtarchivs von Eberswalde zu dieser Thematik verwahrt, der für diese Untersuchung ausgewertet und durch Rechercheergebnisse aus den Beständen des Brandenburgischen Landeshauptarchives und der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam ergänzt wurde. Bei diesen Akten des Kreisarchivs Barnim handelt es sich um die zeitgenössischen Unterlagen des Eberswalder Magistrates, die Rudolf Schmidt teilweise bereits untersucht und neu zusammengefügt hat. Jedoch wurden sie durch die Lagerungsbedingungen während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit stellenweise beschädigt und haben außerdem im Zuge des Aufbaus des Kreisarchivs Barnim neue Titel und Signaturen erhalten. Dadurch ist ein exaktes Auffinden der von Schmidt benutzten Quellen heute nicht mehr problemlos möglich.20 17 Meier, Brigitte: Das brandenburgische Stadtbürgertum als Mitgestalter der Moderne. Die kommunale Selbstverwaltung und die politische Kultur des Gemeindeliberalismus (= Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Bd. 44), Berlin 2001 sowie dies.: Politisierung des Bürgers auf dem Wege der städtischen Selbstregierung, in: dies./Schultz, Helga (Hrsg.): Die Wiederkehr des Stadtbürgers. Städtereformen im europäischen Vergleich 1750 bis 1850, Berlin 1994, S. 21– 67. 18 Mieck, Ilja: Die verschlungenen Wege der Städtereform in Preußen (1806 –1856), in: Sösemann (Hrsg.), Gemeingeist und Bürgersinn, S. 53 – 83. 19 Schmidt, Rudolf: Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 1: Bis zum Jahre 1740, Eberswalde 1939, S. 323 –327 sowie ders.: Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 2: Von 1740 bis 1940, Eberswalde 1941, S. 107–125. Trotz der Verstrickungen Rudolf Schmidts ins System des Nationalsozialismus, wodurch er der Stadtverordnetenversammlung im zweiten Band seiner Stadtgeschichte, S. 92 aufgrund ihrer Diskussionskultur beispielsweise attestierte, »daß dieses Instrument der Selbstverwaltung versagt hat und durch die Reform Adolf Hitlers mit Recht ausgeschaltet wurde«, bildet eben diese in Bezug auf ereignisgeschichtliche Aspekte dennoch ein bis heute unverzichtbares Standartwerk. Zur Rolle Rudolf Schmidts im Nationalsozialismus siehe Neitmann, Klaus: Rudolf Schmidt und der Nationalsozialismus: Beobachtungen und Schlussfolgerungen (Rudolf-Schmidt-Kolloquium), in: Eberswalder Jahrbuch für Heimat-, Kultur- und Naturgeschichte 20 (2012), S. 40 – 43 sowie Rohl­ fien, Klaus: Rudolf Schmidt als Kreishistoriker, in: Eberswalder Jahrbuch für Heimat-, Kultur- und Naturgeschichte 18 (2010), S. 20 –33. Erste Auswertungen der Jahre zwischen 1806 und 1815 in Eberswalde sind auch schon bei Loreck: Aus der Franzosenzeit Eberswaldes (1806 –1808), in: Aus der Heimat. Halbmonatsschrift zur Pflege heimatlicher Interessen, 1. Juni 1912, Nr. 108, S. 859 – 861 zu finden. 20 Siehe dazu auch Heine, Brigitta: Das Stadtarchiv Eberswalde – Geschichte einer Institution, in: Eberswalder Jahrbuch für Heimat-, Kultur- und Naturgeschichte 15 (2007/2008), S. 194 –199. Zur Lokalisierung der historischen Straßennamen und Ortsangaben konnte das vom Verein für Heimatkunde zu Eberswalde e. V. erarbeitete Straßennamenbuch genutzt werden. Vgl. Rohlfien, Klaus u. a.:

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Dabei muss allerdings angemerkt werden, dass die Arbeit mit Quellen bei der Erstellung dieser Untersuchung eine Herausforderung darstellte. Insbesondere die Entzifferung der handschriftlichen Akten gestaltete sich anfänglich außerordentlich schwierig. Dennoch war die Erschließung der historischen Bestände eine enorme Bereicherung, da sie einerseits einen tieferen Einblick in die lokalen Gegebenheiten ermöglichten und andererseits mit ihrer Hilfe Fehler und Ungenauigkeiten in der älteren Forschungsliteratur bereinigt werden konnten. Als unverzichtbar stellte sich bei der Auswertung der betreffenden Akten und der Auswahl passender Abbildungen die umfassende Hilfsbereitschaft der Mitarbeiterinnen des Kreisarchives Barnim in Eberswalde dar, denen daher ganz herzlich gedankt sei. Darüber hinaus sei dem Kreisarchiv Barnim und seiner Leiterin, Frau Brigitta Heine, für die Aufnahme dieses Buches in seine Schriftenreihe »Barnimer Historische Forschungen« ein großes Dankschön ausgesprochen. Des Weiteren sei auch dem Museum Eberswalde mit seiner Leiterin, Frau Birgit Klitzke, für die tatkräftige Unterstützung bei der Bebilderung vielmals gedankt. Am Ende des Arbeitsprozesses standen zudem Herr apl. Prof. Dr. Frank Göse und Frau Dr. Kristina Hübener mit hilfreichen Ratschlägen zur Verfügung, wodurch diese Untersuchung zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnte.

Eberswalder Straßennamen in den Stadtbezirken Stadtmitte (mit Leibnizviertel und Südend), Ostend, Nordend, Westend (mit Kupferhammer), Brandenburgisches Viertel, Finow, Clara-Zetkin-Siedlung, Sommerfelde, Tornow und Spechthausen, Eberswalde 2020.

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Die politischen und gesellschaftlichen ­Rahmen­bedingungen

Die Situation der Stadt Eberswalde gegen Ende des Ancien Régime als Teil des brandenburgischen Städtewesens21 Eberswalde lag im Norden des Oberbarnimischen Kreises22 und war seit dem 16. Jahrhundert ein bedeutender (Metall-)Industriestandort nördlich von Berlin.23 Die Stadt genoss dabei den Status einer sogenannten Immediatstadt. Dementsprechend war sie nicht wie die Mediatstädte einem besonderen Stadtherrn untergeordnet, der aufgrund spezieller Rechte wie beispielsweise dem Besitz der oberen Gerichtsbarkeit einen Einfluss auf die Stadt ausüben konnte. Die Immediatstädte hingegen unterstanden direkt der Landesherrschaft und besaßen zumeist auch selbst die obere Gerichtsbarkeit. Zudem hatten sie das Recht, an den ständischen Versamm21 Vgl. dazu übergreifend Heinrich, Staatsaufsicht und Stadtfreiheit in Brandenburg-Preußen unter dem Absolutismus (1660 –1800) und zu den Verhältnissen in Eberswalde Schmidt, Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 1, S. 274 –294 sowie ders., Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 2, S. 23 –28 und 94 –96. Zur generellen Funktionsweise der preußischen Verwaltung im 18. Jahrhundert siehe Hintze, Otto: Einleitende Darstellung der Behördenorganisation und allgemeinen Verwaltung in Preußen beim Regierungsantritt Friedrichs II . (= Acta Borussica. Denkmäler der Preußischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert, Bd. 6,1), Berlin 1901. 22 Dieser bildete zusammen mit schließlich sieben anderen Kreisen die Mittelmark als Teil der kurfürstlichen Markgrafschaft Brandenburg. Dazu zählten der Niederbarnimische, der Lebusische, der Zauchesche, der Teltowische, der Havelländische, der Glin- und Löwenbergische sowie der Ruppinische Kreis. Diese Kreise entstanden seit dem Spätmittelalter als Zusammenschluss der lokalen Ritterschaft, umfassten in etwa den Beritt eines Landreiters als landesherrlichem Vollstreckungsbeauftragten und etablierten sich bis ins 17. Jahrhundert als vormoderne Verwaltungseinheiten. Vgl. Baudisch, Rosemarie: Geographische Grundlagen und historisch-politische Gliederung Brandenburgs, in: Materna/ Ribbe (Hrsg.), Brandenburgische Geschichte, S. 34 –37. Zu den Kreisen auf dem Barnim siehe Heine, Brigitta/Neitmann, Klaus (Hrsg.): Kreise und Landräte auf dem Barnim vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (= Brandenburgische Historische Studien, Bd. 17 | Barnimer Historische Forschungen, Bd. 1), Berlin 2015 sowie dies. (Hrsg. unter Mitwirkung von Lucas Lebrenz): Der Landkreis Barnim. Eine Kreiskunde (= Barnimer Historische Forschungen, Bd. 2 | Einzelveröffentlichungen der Brandenburgischen Historischen Kommission e. V., Bd. 22), Berlin 2019. 23 Siehe dazu unter anderem Bodenschatz, Harald/Lorenz, Werner/Seifert, Carsten: Das Finowtal im Barnim. Wiege der brandenburgisch-preußischen Industrie, 2. Aufl., Berlin 2000 sowie Härtel, Christian (Hrsg.): Landschaftspark Finowtal. Ein Industriegebiet im Wandel, Berlin 2002.

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Karte des Oberbarnimschen Kreises aus dem Jahr 1786.

lungen, den sogenannten Kreis- und Landtagen beziehungsweise nach 1653 an den Sitzungen des Großen Ausschusses, teilzunehmen und dabei über die wichtigsten Angelegenheiten des Landes und vor allem deren Finanzierung zu beratschlagen. Die Stadtbevölkerung setzte sich aus den ausschließlich männlichen Bürgern, die über politische Rechte verfügten, und den sonstigen Einwohnern zusammen. Voraussetzung zum Erwerb des Bürgerrechtes bildete die Zahlung eines Bürgergeldes an die Stadtkasse. Bis ins 17. Jahrhundert hinein konnten sich die Städte auf diese Weise 22

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in ihren Verwaltungsangelegenheiten eine relativ große Eigenständigkeit bewahren. Erst im Zuge der frühmodernen Staatsbildung mussten sie sich in einem größeren Ausmaß der Landesherrschaft unterordnen.24 Die Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden in der Historiografie bisher meist auf die zunehmende Regulierungstendenz der Landesherren beim Aufbau des Absolutismus als neuer Herrschaftsform reduziert. Zwar ist tatsächlich eine wachsende staatliche Kontrolle in zahlreichen Lebensbereichen zu erkennen, jedoch muss der Absolutheitsanspruch, mit dem das Ausmaß der fürstlichen Herrschaft in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit oft gleichgesetzt wird, zurückgewiesen werden.25 Zu diesem allgemeinen Befund passen auch die Entwicklungen in Brandenburg. Hier versuchten die Landesherren insbesondere, auf die Geschäftsführung des städtischen Magistrats einen stärkeren Einfluss zu gewinnen. Anlass dafür bot die finanzielle Notlage vieler Städte nach den verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges26 und die Unzufriedenheit vieler Bürger über das elitäre Auftreten der Ratspersonen. Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich sogenannte ratsfähige Familien

24 Vgl. Pröve, Ralf: »Civismus« und »Spießbürgertum«. Die Preußische Städteordnung von 1808 und stadtrepublikanische Traditionen in Brandenburg, in: Neugebauer, Wolfgang/Pröve, Ralf (Hrsg.): Agrarische Verfassung und politische Struktur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte Preußens 1700 – 1918 (= Innovationen, Bd. 7), Berlin 1998, S. 150. Allgemein zur Stadt in der Frühen Neuzeit siehe Schilling, Heinz: Die Stadt in der frühen Neuzeit (= Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 24), München 1993. Zu den ständischen Vertretungen in Brandenburg siehe Hahn, Peter-Michael: Landesstaat und Ständetum im Kurfürstentum Brandenburg während des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Baumgart, Peter/Schmädeke, Jürgen (Hrsg.): Ständetum und Staatsbildung in Brandenburg-Preußen. Ergebnisse einer internationalen Fachtagung (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 55), Berlin/New York 1983, S. 41–79 sowie Baumgart, Peter: Zur Geschichte der kurmärkischen Stände im 17. und 18. Jahrhundert, in: Gerhard, Dietrich (Hrsg.): Ständische Vertretungen in Europa im 17. und 18. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 27), Göttingen 1969, S. 131–161. 25 Zur Diskussion um den Begriff »Absolutismus« siehe unter anderem Hinrichs, Ernst: Fürsten und Mächte. Zum Problem des europäischen Absolutismus, Göttingen 2000. Auch ist die Wirkmächtigkeit landesherrlicher Verordnungen zu relativieren. Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Gesetze, die nicht durchgesetzt werden – ein Strukturmerkmal des frühneuzeitlichen Staates?, in: Geschichte und Gesellschaft 23 (1997), S. 647– 663. 26 Die Mark Brandenburg gehörte zu den am stärksten verheerten Gebieten des Dreißigjährigen Krieges, war sie doch aufgrund ihrer Lage inmitten der sogenannten Zerstörungsdiagonale eines der Hauptkampf- und -durchzugsgebiete dieses Kriegs. Wegen der mangelnden militärischen Ressourcen war das Territorium der Hohenzollern fremden Mächten nahezu schutzlos ausgeliefert. Dementsprechend hatte das Land, als der Westfälische Frieden geschlossen wurde, hohe Bevölkerungsverluste erlitten, die regional zwischen 40 und 90 Prozent betrugen. Vgl. Schultze, Die Mark Brandenburg, Bd. 5, S. 12–58; Asche, Matthias: Neusiedler im verheerten Land. Kriegsfolgenbewältigung, Migrationssteuerung und Konfessionspolitik im Zeichen des Landeswiederaufbaus. Die Mark Brandenburg nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts, Münster 2006, S. 17–54 sowie Neugebauer, Wolfgang: Zentralprovinz im Absolutismus. Brandenburg im 17. und 18. Jahrhundert (= Bibliothek der Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, Bd. 5 | Brandenburgische Geschichte in Einzeldarstellungen,

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Der Große Kurfürst Friedrich ­Wilhelm (1620–1688).

aus den wohlhabenden Schichten der Stadtbevölkerung etabliert, die allein die Ratspositionen besetzten und auch vermehrt untereinander heirateten. Dies führte zu engen verwandtschaftlichen Verbindungen unter den Ratsmitgliedern, wodurch eine oligarchische Führungsriege der Stadtpolitik entstand. Darüber hinaus beherrschte das Rotationsprinzip die sich jährlich ändernde Zusammensetzung des Rates: Nach einem Jahr im Amt wurden die Ratsmitglieder durch ihre Vorgänger aus dem letzten Jahr ersetzt und warteten als Platzhalter im »ruhenden Rat« auf ihre erneute Verwendung im nächsten Jahr. Zu wirklichen Neubesetzungen kam es nur aufgrund unumgänglicher Notwendigkeiten wie dem Verzug oder Tod eines Mitgliedes dieser Gruppe. In der restlichen Stadtbevölkerung entzündete sich oft Kritik an dieser »Vetternwirtschaft«, in deren Folge auch ungeeignete Kandidaten wichtige Ämter in der Stadtverwaltung übernahmen.27

Bd. 4), Berlin 2001, S. 61– 64. Zum Schicksal Brandenburgs im Dreißigjährigen Krieg siehe jüngst Asche, Matthias/Kollenberg, Marco/Zeiger, Antje (Hrsg.): Halb Europa in Brandenburg. Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen, Berlin 2020 sowie zu den Begebenheiten in Eberswalde Schmidt, Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 1, S. 206 –217. 27 Vgl. Göse, Frank: Der Barnim in der Frühen Neuzeit, in: Heine/Neitmann (Hrsg.), Der Landkreis Barnim, S. 72 sowie ders., Zwischen beanspruchter Selbstverwaltung und landesherrlicher Reglementierung, S. 121 f. Unter Bezugnahme auf die Überlegungen von Gaetano Mosca entspricht die Formierung dieser städtischen Elite also eher der »aristokratischen Tendenz«. Demnach können die

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Paul Friedrich Hindersin (1754–1836) mit dem Roten Adlerorden, 1776–1809 Bürgermeister, 1809–1831 Justizrat und Stadtrichter.

Dementsprechend setzten der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm und seine Nachfolger ab den 1680er Jahren Kommissionen zur Regulierung der rathäuslichen Verhältnisse in den brandenburgischen Städten ein, aus denen sie Klageschreiben von Bürgern erhielten. Gleichwohl wurden sie meist erst dann aktiv, wenn es zu groben Verfehlungen der Ratspersonen gegen ihre Amtspflichten gekommen war. Am 6. Juli 1684 erging daher der kurfürstliche Befehl, auch in Eberswalde die administrativen Verhältnisse zu überprüfen. Die Untersuchung ergab mangelnde Professionalität in der Amtsführung und große Lücken im städtischen Haushalt. Um die Ein- und Ausgaben-Bilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wurde – wie in den anderen überprüften Städten auch – ein sogenanntes »Ratsreglement« zur Kodifizierung der Stadtverfassung erlassen, das unter anderem die Einrichtung einer dauerhaften Kämmerer-Stelle vorschrieb, und in den folgenden Jahren fanden regelmäßige Kontrollen der Finanzverhältnisse statt. Dadurch sollte auch die Steuerkraft der Städte zum Wohle des Gesamtstaates wieder erhöht werden. 1737 musste allerdings ein neues Ratsreglement für Eberswalde erlassen werden, um inzwischen wieder aufgetretene Missstände zu korrigieren. Dieses schrieb für den Magistrat nun eine Zusammenset-

oligarchischen Ratsfamilien auch als sich selbst rekrutierende Elite verstanden werden. Vgl. Mosca, Gaetano (nach der 4. Aufl. (1947) übers. von Franz Borkenau): Die herrschende Klasse. Grundlagen der politischen Wissenschaft, Salzburg 1950.

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zung von drei Bürgermeistern, einem Kämmerer und zwei Senatoren vor, denen noch vier Stadtverordnete beigegeben wurden.28 Diese Politik der landesherrlichen Überprüfungen kann jedoch nicht als eine tiefenwirksame herrschaftliche Durchdringung angesehen werden, da eben nicht flächendeckend gehandelt wurde. Zudem standen die residenznahen Gebiete um Berlin viel stärker im Fokus dieser Untersuchungskommissionen als die Städte an der Peripherie des Staates. Daher regierten die brandenburgischen Landesherren auch nie absolut und allein, sondern waren zur Umsetzung ihrer politischen Ziele immer auf die Kooperation mit den jeweiligen Landständen angewiesen. Dennoch war das Herrschaftsausmaß der brandenburgischen Landesherren auf ihre Städte stärker ausgeprägt als in den restlichen Reichsterritorien.29 Flächendeckende Änderungen brachten ab 1719 erst die Bestimmungen der neuen Magistratsverfassung unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. Allerdings darf hierbei nicht vergessen werden, dass diese Maßnahmen längere Zeit für ihre Durchsetzung benötigten und stets im Zusammenspiel zwischen dem Mo­narchen und seinen Amtsträgern entwickelt wurden.30 Die jährlich wechselnde Besetzung der Ratspositionen wurde abgeschafft. Nunmehr sollte ein aus dem städtischen Haushalt besoldeter und personell verkleinerter Magistrat, meistens bestehend aus ca. sechs Personen, die Stadtverwaltung dauerhaft verantworten – Bestrebungen, den jährlichen Wechsel der Ratspersonen zu unterbinden, finden sich allerdings vereinzelt auch schon unter der Regierung seines Vorgängers Friedrich III ./I. Indem der König die durch die Stadtgemeinde vorgeschlagenen Magistratsmitglieder erst bestätigen musste, schuf er somit quasi ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Monarch und Magistrat. Jedoch kann auch hier nicht von einer allumfassenden »Verstaat­lichung« der städtischen Amtsträger gesprochen werden, da zum einen weiterhin eine kleine Gruppe der Bürger unter anderem durch das Gremium der Stadtverordneten Einfluss auf die Stadtpolitik behielt und es zum anderen zu personellen Kontinuitäten bei den beibehaltenen Magistratspersonen kam. Auch hatte es schon vor 1719 personelle Überschneidungen zwischen staatlichen und städtischen Institutionen gegeben, in28 Vgl. Göse, Zwischen beanspruchter Selbstverwaltung und landesherrlicher Reglementierung, S. 114 –121; Geiseler, Udo: König Friedrich II . und die Städte Brandenburgs, in: Göse, Frank (Hrsg.): Friedrich der Große und die Mark Brandenburg. Herrschaftspraxis in der Provinz (= Studien zur brandenburgischen und vergleichenden Landesgeschichte, Bd. 7), Berlin 2012, S. 97; Göse, Der Barnim in der Frühen Neuzeit, S. 72 sowie Barthel, Rolf: Eberswalde, in: Engel, Evamaria u. a. (Hrsg.): Städtebuch Brandenburg und Berlin, Neubearb. (= Deutsches Städtebuch, Bd. 2), Berlin/Köln/Stuttgart 2000, S. 119. Für die Unterlagen der entsprechenden Kommission aus dem Jahr 1684 siehe Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz I. HA Rep. 21 Nr. 104 (1682–1722). 29 Vgl. Göse, Zwischen beanspruchter Selbstverwaltung und landesherrlicher Reglementierung, S. 114 – 121; Geiseler, König Friedrich II . und die Städte Brandenburgs, S. 97 sowie Pröve, »Civismus« und »Spießbürgertum«, S. 154 f. 30 Vgl. dazu insgesamt Göse, Die Städtepolitik Friedrich Wilhelms I.

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König Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), auch »Soldatenkönig« genannt.

dem einige Ratspersonen zugleich als landesherrliche Amtsträger wie zum Beispiel als Akziseeinnehmer tätig gewesen waren. Des Weiteren sollten die neuen Magistrate professioneller arbeiten, was sich vor allem in der gestiegenen Zahl von Studierten unter den Mitgliedern niederschlug – auch wenn in Eberswalde die Kaufleute und Handwerker im Magistrat weiterhin stark vertreten waren. Da diese neuen Magistratsmitglieder aber oft aus anderen Landesteilen der preußischen Monarchie kamen, engagierten sie sich aufgrund ihrer fehlenden Verwurzlung in der Stadt weniger aktiv für die Entwicklung derselben. Außerdem wurden die ständigen Kompetenzstreitigkeiten als Problem der früheren Stadträte beseitigt, indem für jedes Magistratsmitglied nun ein abgegrenzter Aufgabenbereich festgelegt wurde. Dennoch hielt sich die angestrebte qualitative Verbesserung u. a. deshalb in Grenzen, weil der Ämterkauf unter König Friedrich Wilhelm I. in Preußen seinen Höhepunkt erreichte.31 So sollte 31 Vgl. Göse, Zwischen beanspruchter Selbstverwaltung und landesherrlicher Reglementierung, S. 118 und 140; Neugebauer, Zentralprovinz im Absolutismus, S. 113 f.; Straubel, Rolf: Zum Wechselspiel von »Wirtschaftsbürgern«, mittleren Beamten und Kommunalbehörden in den mittleren und östlichen Provinzen Preußens ausgangs des 18. Jahrhunderts, in: Neitmann, Klaus (Hrsg.): Das brandenburgische Städtewesen im Übergang zur Moderne. Stadtbürgertum, kommunale Selbstverwaltung und Standortfaktoren vom preußischen Absolutismus bis zur Weimarer Republik (= Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Bd. 43), Berlin 2002, S. 77– 99, insb. S. 92 sowie Meier, Brigitte: Städtische Verwaltungsorgane in den brandenburgischen Klein- und Mittelstädten des 18. Jahrhunderts, in: Ehbrecht, Wilfried (Hrsg.): Verwaltung und Politik in Städten Mitteleuropas. Bei-

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auch der Eberswalder Magistrat nach den Vorgaben des neuen Ratsreglements vom 9. August 1737 bei der Präsentation eines zukünftigen Magistratsmitgliedes aufzeigen, »wie viel derselbe zur landesherrlichen Rekrutenkasse geben wolle«32 . Die Städte schlugen aufgrund der Bestimmungen der Magistratsverfassung meist schon von sich aus Kandidaten vor, die dem König genehm waren, um größere Konflikte mit der Landesherrschaft zu vermeiden. Auf dieser Grundlage führte König Friedrich II . von Preußen seine Politik der Besetzung von freien Magistratsstellen gegenüber den brandenburgischen Städten fort. Demnach wurde das Zusammenwirken zwischen den Städten und staatlichen Behörden in dieser Zeit viel eher durch Kooperation als durch Konfrontation bestimmt.33 Durch die Bestimmungen der Magistratsverfassung sollte nicht nur die Stadtverwaltung professioneller, sondern natürlich auch die oligarchische Führungsschicht in den Städten aufgebrochen werden. In Eberswalde wirkte in dieser Hinsicht der Bevölkerungsanstieg, den die Stadt im 18. Jahrhundert vor allem durch Zuwanderung erlebte, förderlich. Dies zeigt sich insbesondere in der beträchtlich gestiegenen Anzahl von Bürgerrechtsverleihungen an nicht in der Stadt geborene Personen. Aus diesen neu hinzugekommenen Bürgerfamilien finden sich in der Folgezeit einige Magistratsmitglieder wie etwa der französischstämmige Industrielle Moses Aureillon.34 Ein anderes Instrument zur Steigerung des landesherrlichen Einflusses auf die inneren Verhältnisse der brandenburgischen Städte war die Institution der Steuerkommissare bzw. -räte. Ihre Einsetzung steht im Zusammenhang mit der in den 1660er Jahren erstmals erprobten und in den 1680er Jahren schließlich flächendeckend durchgesetzten Einführung der Akzise als allgemeiner Verbrauchssteuer in den Städten. Die anfangs als Steuerkommissare bezeichneten Amtsträger waren dabei für die Überwachung der Einziehung dieser Steuer für landesherrliche Bedürfnisse wie zum Beispiel den Aufbau eines stehenden Heeres in jeweils ca. einem Dutzend Städten verantwortlich, die dafür zu einem sogenannten Steuerratsbezirk zusammengefasst wurden. Der für Eberswalde zuständige Beamte residierte von 1713 bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts größtenteils in der Stadt. Weiterhin sollten sie als staatliche

träge zur Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit in altständischer Zeit, Köln/Weimar/Wien 1994, S. 177 f. Zur Ämterkäuflichkeit in Brandenburg-Preußen siehe Möller, Horst: Ämterkäuflichkeit in Brandenburg-Preußen im 17. und 18. Jahrhundert, in: Malettke, Klaus (Hrsg. unter Mitwirkung von Adolf M. Birke und Ilja Mieck): Ämterkäuflichkeit. Aspekte sozialer Mobilität im europäischen Vergleich (17. und 18. Jahrhundert) (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 26), Berlin 1980, S. 156 –176. 32 Schmidt, Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 1, S. 277 f. 33 Vgl. Geiseler, König Friedrich II . und die Städte Brandenburgs, S. 91. 34 Vgl. Göse, Der Barnim in der Frühen Neuzeit, S. 74 sowie Schmidt, Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 1, S. 290. Zu den Bürgerrechtsverleihungen siehe das im Kreisarchiv Barnim unter der Signatur A.II .HistAE 6774 aufbewahrte Bürgerbuch der Stadt Eberswalde.

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König Friedrich II., genannt »der Große« (1712–1786).

Amtsträger vor Ort die Befolgung der landesherrlichen Gesetze überwachen und die Amtsgeschäfte des städtischen Rates kontrollieren. Dies bedeutete eine gewisse Schwächung der städtischen Selbstverwaltung.35 Die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung innerhalb der Städte war darüber hinaus von entscheidender Bedeutung, da diese als Garnisonsstandorte für das aufzubauende Heer dienten und somit stets eine größere Anzahl von Soldaten als möglichen Unruhefaktor beherbergten.36 Im Zuge der Einführung der Magistratsverfassung wurde die Stellung der nunmehr als Steuerräte (lat. »commissarius loci« genannt) bezeichneten Beamten gestärkt. Die städtische Haushaltspolitik und der Umgang mit dem städtischen Besitz, der in der Vorzeit durch Verkäufe, Verpachtungen und ähnliches deutlich verringert 35 Vgl. Neugebauer, Zentralprovinz im Absolutismus, S. 95 sowie Schulze, Berthold: Die Reform der Verwaltungsbezirke in Brandenburg und Pommern 1809 –1818 (= Einzelschriften der Historischen Kommission für die Provinz Brandenburg und die Reichshauptstadt Berlin, Bd. 3), Berlin 1931, Karte zu S. 3. Der Eberswalder Steuerrat war zudem noch für die meist uckermärkischen Städte Freienwalde, Joachimsthal, Angermünde, Greifenberg, Schwedt, Vierraden, Brüssow, Prenzlau, Strasburg, Lychen, Templin und Zehdenick zuständig. Die Aufsicht über die Stadt Oderberg wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts an den Steuerrat in Berlin abgetreten. Zur Amtstätigkeit des Eberswalder Steuerrats siehe im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (nachfolgend BLHA ) den Bestand Rep. 19 Steuerrat Eberswalde. 36 Für einen Überblick über die in den Städten der Mark Brandenburg stationierten Einheiten siehe die von Otto Büsch erarbeitete Karte: Garnisonen und Garnisonsorte in Brandenburg 1640 –1806 (= Historischer Handatlas für Brandenburg und Berlin, Lieferung 17), Berlin 1967.

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worden war, wurden durch sie fortan noch stärker überwacht – König Friedrich Wilhelm I. war zur Verbesserung der Haushaltssituation der Städte darauf bedacht, dass diese finanzielle Rücklagen bildeten. Außerdem gehörten fortan die Förderung der Wirtschaft und Kontrolle des städtischen »Policey-Wesens«, das die InfrastrukturAngelegenheiten, Bauvorhaben, das Marktgeschehen und Armenwesen umfasste, zu ihren Aufgaben. Die Steuerräte unterstanden nun der zuständigen Kriegs- und Domänenkammer – im Eberswalder Fall also der als Provinzialbehörde 1723 errichteten kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer in Berlin – und hatten zudem die Amtsführung der Magistrate ihrer Inspektion mindestens zweimal im Jahr gründlich zu prüfen. Sie nahmen auch an den Magistratssitzungen teil und führten dabei teilweise sogar den Vorsitz, wenn sie in den Städten ihrer Inspektion anwesend waren.37 Aufgrund dieser einflussreichen Stellung der Steuerräte beschwerten sich die brandenburgischen Städte nach dem Regierungsantritt König Friedrichs II . von Preußen im Jahr 1740 über deren ständige Einmischung in die städtischen Verwaltungsvorgänge. In der Bürgerschaft war der Wunsch nach kommunaler Selbstverwaltung trotz aller staatlichen Regulierungsversuche bestehen geblieben. Bekräftigt wurden diese Forderungen durch die merkliche Verbesserung ihrer finanziellen Lage um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Dadurch sahen viele die Steuerräte kaum mehr als notwendig an, da gerade diese Beamten für eine Konsolidierung der städtischen Haushalte sorgen sollten. Infolgedessen erlebten die Steuerräte einen Autoritätsverlust, der sich mancherorts recht drastisch zeigte. So wurden ihnen teilweise Akten vorenthalten und einige Magistrate übergingen den für sie zuständigen Beamten als nächsthöhere Verwaltungsebene einfach, indem sie sich direkt an die entsprechende Kriegs- und Domänenkammer wendeten.38 Erst im Zuge des Wiederaufbaus nach dem für Preußen verlustreichen Siebenjährigen Krieg (1756 –1763) gewannen die Steuerräte wieder größeren Einfluss auf die brandenburgischen Städte. Die durch die Verwüstungen und Folgen des Krieges hervorgerufene Wirtschaftskrise gestattete es ihnen nun wieder, umfassender in die städtischen Angelegenheiten einzugreifen. Bestärkt wurde dies durch die Einführung der Regie (auch als Generalakziseverwaltung bezeichnet) als eigenständige Akziseverwaltung zur Finanzierung des Wiederaufbaus Preußens im Jahr 1766. Während 37 Vgl. Göse, Die Städtepolitik Friedrich Wilhelms I., S. 90 f.; Neugebauer, Zentralprovinz im Absolutismus, S. 95 sowie Geiseler, König Friedrich II . und die Städte Brandenburgs, S. 97. Zu den höheren Anforderungen, die an die Steuerräte im Gegensatz zu den Landräten auf dem Gebiet der Verwaltungswissenschaft gestellt wurden und daher meist ein Studium voraussetzten, siehe Straubel, Rolf: Adlige und bürgerliche Beamte in der friderizianischen Justiz- und Finanzverwaltung. Ausgewählte Aspekte eines sozialen Umschichtungsprozesses und seiner Hintergründe (1740 –1806) (= Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Bd. 59), Berlin 2010, S. 172–176. 38 Vgl. ebd., S. 84 –98. Weitere Belege für stadtrepublikanische Tendenzen finden sich auch bei Pröve, »Civismus« und »Spießbürgertum«, S. 162–164.

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