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Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte, Bd. 23 Herausgegeben von Kristina HĂźbener, Volker Hess und Thomas Beddies

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Herbert G. Loos

Herzberge Die Geschichte des psychiatrischen Krankenhauses Berlin-Herzberge von 1893 bis 1993

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Redaktion des Bandes: Matthias Zimmermann Redaktion der Reihe: Dr. Kristina Hübener Umschlaggestaltung: hawemannundmosch, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Walbaum 9,5/11,6 Pt Druck und Bindung: Finidr, Cˇ eský Teˇšín

ISBN 978-3-95410-021-7 ISSN 1611-8456 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung. Über die Herausbildung von Irrenanstalten

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Berliner Verhältnisse bis 1893 Die Vorgeschichte bis zur Eröffnung der Irrenanstalt Herzberge

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Die Berliner „armen Irren“ als Objekte im Dauerstreit zwischen Königlicher Charité und städtischen Behörden

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Der Bau der „Ersten Städtischen Irrenanstalt“ in Dalldorf

32

Herzberge – Von der Gründung bis zum Ersten Weltkrieg Bau und Eröffnung der Städtischen Irrenanstalt Herzberge in Lichtenberg

39

Carl Moeli und die Anstalt Herzberge

59

Psychiatrischer Alltag im Kaiserreich

67

Einschnitt – der Erste Weltkrieg

72

Von der Weimarer Republik bis zum Zweiten Weltkrieg Beunruhigende Vorzeichen in der Weimarer Republik

85

Niedergang und Auflösung der Heil- und Pflegeanstalt Herzberge während des Nationalsozialismus 

95

Das Städtische Krankenhaus Herzberge im Zweiten Weltkrieg (1942–1945)

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Von der Viersektorenstadt zur DDR Nachkriegszeit 

121

Das Städtische Krankenhaus Herzberge in den 1950er Jahren

137

Die „Mauer-Kerbe“ von 1961

155

Neuorientierung im „Schatten der Mauer“

164

Das Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie Berlin Lichtenberg in den 1970er Jahren – „vierte Etappe“ der Psychiatrie in der DDR

177

85 Jahre Herzberge – Eine Tagung im Jahr 1978

195

Fest im Griff: Das Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie unter Beobachtung der Staatsicherheit

203

Der Start in die 1980er Jahre

210

Die kleinen Freiheiten des Zerfalls (1985–1988)

223

Ende und Aufbruch

232

Nachlese

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Anhang

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Einleitung. Über die Herausbildung von Irrenanstalten

Die im Jahr 1893 eröffnete städtische Berliner Irrenanstalt Herzberge, deren Entwicklung hier dargestellt werden soll, ist Teil einer langen, wechselvollen Geschichte der Psychiatrie als medizinisches Fach und der zeitspezifischen Unterbringungsbedingungen psychisch Kranker. Die medizinhistorische Betrachtung psychischer Erkrankungen und Störungen bleibt in ätiologischer wie auch therapeutischer Hinsicht in der Frühphase magisch-animistischer Medizin unergiebig. Sowohl körperliche als auch seelische Auffälligkeiten wurden in dieser Entwicklungsphase der Medizin auf Tabuverletzungen einer Weltbestimmtheit zurückgeführt und von Schamanen, Zauber- oder Priesterärzten übereinstimmend mit rituellen Stimulationsverfahren oder Verabreichung halluzinogener Drogen behandelt, die oft auf Veränderung des Bewusstseinszustandes abzielten. Erst die „hippokratische Medizin“ der griechischen Antike löste sich von diesen Vorstellungen, versuchte mit differenzierter Beobachtung unter Einsatz ärztlicher Erfahrungen rationale Gründe für das Entstehen der körperlichen wie der seelischen Krankheiten herauszufinden, daraus therapeutische Maßnahmen abzuleiten und eine prognostische Einschätzung, z.B. heilbar oder unheilbar, abzugeben. Das damalige Krankheitskonzept beruhte auf der Annahme einer gestörten Harmonie durch schlechte Mischung der Körpersäfte.1 Auch Geistesstörungen wurden in das sogenannte „humoralpathologische Viererschema“ eingeordnet, wobei beispielsweise die Melancholie auf eine krankhafte Vermehrung und Veränderung der „schwarzen Galle“ zurückgeführt wurde. Dieses rationale Konzept der Medizin wurde in der römischen Antike noch ergänzt und vertieft und zum Teil in die arabische Medizin übernommen. Im mittelalterlichen Abendland kam es zwar in Einzelgebieten der Medizin zu wichtigen neuen Erkenntnissen, aber das rationale Gesamtkonzept der Antike ging verloren und wurde durch abergläubische und religiöse Vorstellungen von Schuld und Sünde ersetzt. Unter diesen Vorzeichen verdüsterte sich das Schicksal der seelisch Kranken erheblich, weil sie in die Nähe der Ketzerei gerückt wurden und etwa geisteskranke Frauen mitunter als Hexen auf den Scheiterhaufen der Inquisition gerieten.2 Johann Weyer, der Leibarzt von Herzog Wilhelm von Jülich-Cleve-Berg, trat 1563 öffentlich

1 Einzelheiten siehe Wolfgang U. Eckart, Geschichte der Medizin, Berlin 1994. 2 Vgl. Otto Snell, Hexenprozesse und Geistesstörung, München 1891.

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gegen Folterung und Verbrennung von Hexen auf, weil Hexen durchaus nicht immer mit dem Teufel im Bunde stünden, sondern möglicherweise Kranke seien, die durch Behandlung geheilt werden könnten. Diese Einschätzung nahm ihm die Geistlichkeit übel, sodass er fliehen musste.3 Theophrastus von Hohenheim, der sich Paracelsus nannte, nahm im 16. Jahrhundert ausdrücklich Stellung gegen die Säftelehre der Antike. Dabei geht Paracelsus in seiner Schrift „Von den Krankheiten, so den Menschen der Vernunft berauben“ auch auf Geisteskrankheiten ein. Paracelsus, der großen Wert auf genaue Erfassung natürlicher Erscheinungen legt, zählt Geisteskrankheiten zu den „unsichtbaren Krankheiten“. Er unterscheidet dabei heilbare und unheilbare Geisteskrankheiten. Die heilbare Geistesstörung „kompt in der gestalt mit toben und unsinniger weis […] und wird erkennet durch das, das sie von inen selbs wider nachlassen […] und zu der vernunft wider komen“. Den unheilbaren Geisteskranken aber, so schreibt Paracelsus weiter, solle man „in die äußerste Finsternis (werfen), damit er durch die Kraft seiner Vichgeister nicht die ganze Stadt, sein Haus, sein Land mit verführe.“4 Es verwundert nicht, dass gerade dieser Vorschlag einer Ausgliederung unheilbarer Geisteskranker in der Zeit der Patientenmorde während des Nationalsozialismus besonders hervorgehoben zitiert wurde.5 Die „äußerste Finsternis“ bedeutete für viele chronisch Geisteskranke, vor allem für die störenden oder als gefährlich eingeschätzten, entweder die Absonderung im häuslich-familiären Bereich oder aber gar die Aussonderung aus der Gemeinschaft. In Stuttgart wurden solche Kranke beispielsweise weit außerhalb der Stadt ausgesetzt.6 In den Familien wurden sie in ungeheizten Lattenverschlägen versteckt, angebunden oder angekettet. Der Leiter des königlichen Julius-Hospitals zu Würzburg, Anton Müller, hat 1824 mehrere solcher traurigen Fälle frisch eingewiesener Geisteskranker beschrieben.7Mehr und mehr wurden aber auch Hospitale, Klöster, Gefängnisse u. ä. Einrichtungen genutzt, um solche Geisteskranken zu isolieren. Auch an diesen Orten waren die Bedingungen besonders im christlichen Abendland menschenunwürdig. Mehrere Reisende berichteten, dass in arabischen Ländern die Verwahrung von Geisteskranken hingegen schon sehr früh unter deutlich besseren Bedingungen erfolgte.8 Angeblich soll in Fes im 7. Jahrhundert eine Einrichtung zur Pflege von Geisteskranken bestanden haben. In Europa war eine der ältesten Einrichtungen für psychisch Kranke das „Priory of St. Mary of Bethlem“ bei London. Im Jahr 1403 beherbergte 3 Vgl. Dieter Jetter, Geschichte der Medizin. Einführung in die Entwicklung der Heilkunde aller Länder und Zeiten, Stuttgart 1992. 4 Zitiert nach: Wilhelm Möckel. Paracelsus und die Psychiatrie, in: Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift, Bd. 2 (1942), S. 13. 5 Vgl. Wilhelm Möckel, Wiesloch, Paracelsus und die Psychiatrie, in: Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, Bd. 2 (1942), S. 12 f. 6 Vgl. Theodor Kirchhoff, Grundriss einer Geschichte der deutschen Irrenpflege, Berlin 1890. 7 Vgl. Anton Müller, Die Irren-Anstalt in dem Königlichen Julius-Hospitale zu Würzburg, Würzburg 1824. 8 Vgl. Otto Snell, Grundzüge der Irrenpflege, Berlin 1897. Gemeint sind Valencia 1409, Saragossa 1425, Sevilla und Valladolid 1436 sowie Toledo 1483.

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Bethlem nachgewiesenermaßen unter vielen anderen Patienten auch sechs geisteskranke Männer, ab 1547 diente es dann vorwiegend der Betreuung von Geisteskranken und wurde deswegen der Verwaltung der City of London unterstellt. Bethlem (Bethlehem) wurde im Volksmund zu „Bedlam“ (= Tollhaus) und war lange Zeit Inbegriff der bedrückenden Atmosphäre in einer Irrenanstalt. Die chaotischen Zustände sind aus William Hogarth’s Illustrationen zu „Rake’s Progress“ gut bekannt. Die Behauptung, dass in den mitteleuropäischen vorindustriellen Gesellschaften solche Einrichtungen weitgehend fehlten, weil „dem Wahnsinn eine magisch-religiöse Interpretation zuteil“ wurde und dadurch „tolerante Verhaltensweisen gegenüber benachteiligten und unproduktiven Personen“9 dominierten und, wie Michel Foucault meint, die „Welt vom Anfang des siebzehnten Jahrhunderts […] auf einmalige Weise gastfreundlich gegenüber dem Wahnsinn“10 gewesen sei, erscheint angesichts von Hexenprozessen und nachgewiesenen Aussonderungen nicht überzeugend. Widerspruch kommt auch von kompetenter Seite, so stellt Edward Shorter in seiner „Geschichte der Psychiatrie“ Foucaults Aussage mit Gegenbeispielen infrage.11 Foucault entwickelte seine sozialromantischen Vorstellungen übrigens nicht nur im Hinblick auf den Wahn und andere psychische Erkrankungen. Aus seiner Sicht müsse jede Krankheit in der „Zartheit der spontanen Fürsorge“ der Familie „ihr Wesen“ entwickeln und – notfalls – „zu ihrem natürlichen Ende […] zum Tod“ gelangen können, weil jedes Spital „in seiner verpesteten Abgeschlossenheit“ weitere Krankheiten erzeuge, während die Krankheit, wie auch die Wahnkrankheit, „im freien Feld ihrer Entstehung […] nur sie selber“ bleibe und „verschwindet, wie sie gekommen ist“.12 Andererseits ist eindeutig belegt, dass mit der Industrialisierung die institutionellen Formen der Betreuung Geisteskranker eine starke Ausweitung erlebten. Es entstanden in den europäischen Ländern große „Asyle“ und die Zahl der Geisteskranken schien sich zu erhöhen. Einige Autoren sehen da­ rin einen kausalen Zusammenhang und vermuten, dass die Entwicklung von Industriegesellschaften die Voraussetzung für das vermehrte Auftreten von seelischen Störungen darstellt und psychisches Kranksein und  – wie es etwa Hans Wimm beschreibt – der Umgang mit psychisch Kranken als Indikator für eine Störung in der „Grundstruktur der Gesellschaft“ zu sehen ist. „Jeder normale Mensch, der sich verantwortungsbewusst mit seiner – und damit mit unserer – gesamten Situation auseinandersetzt“ wird „ganz zwangsläufig verrückt. […] Die Alternative wäre Anpassung und Ignoranz.“13 Allgemeiner drückt es Klaus Dörner aus: „Einen der zentralen Krisenherde moderner Industriegesellschaften bilden psychische Krankheiten.“14 Dahin-

  9 Giovanni Jervis, Kritisches Handbuch der Psychiatrie, Frankfurt am Main 1978, S. 46. 10 Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1973, S. 67. 11 Vgl. Edward Shorter, Geschichte der Psychiatrie, Berlin 1999, S. 13–17. 12 Michel Foucault, Die Geburt der Klinik, Frankfurt am Main 1988, S. 36. 13 Hans Wimm, Ich bin stolz verrückt zu sein, in: Thomas Bock, J.E. Deranders (= Dorothea Buck), Ingeborg Esterer (Hrsg.), Stimmenreich – Im Strom der Ideen, Bonn 1994, S. 179. 14 Klaus Dörner, Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychia­trie, Hamburg 1995, S. 21.

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ter verbirgt sich die These von der vorwiegend sozialen Genese psychischen Krank-Seins. Ausgangspunkt ist dabei meist, ausgesprochen oder nicht, die Vorstellung, dass in einer gerechten und harmonischen Gesellschaft psychische Erkrankungen nicht mehr auftreten, weil ihnen der Boden entzogen wird, oder sie wenigstens so mild verlaufen, dass sie ohne Schwierigkeiten in der familiären Solidargemeinschaft aufgefangen werden können. Dieses Bild entspricht letztlich der umfassenden gesellschaftlichen Utopie der Revolutionäre verschiedener Zeitepochen: „Wenn wir nach der Beendigung der Revolution noch immer Unglückliche unter uns haben, dann werden unsere revolutionären Arbeiten vergeblich gewesen sein“15, formulierte Lebon 1792 seine Erwartungen an die Französische Revolution und in abgewandelter Form wiederholte sich diese Hoffnung in dem DDR-Slogan: „Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus“.16 Die im 18. und 19. Jahrhundert in den europäischen Ländern zu beobachtende enorme Vergrößerung der Kapazität von Einrichtungen zur Absonderung von psychisch Kranken war indes wohl schlicht darauf zurückzuführen, dass sich die Kriterien für ein Störverhalten erweiterten. In der Folge wurden sehr viel mehr Menschen ausgesondert, nicht nur psychisch Kranke, sondern alle, die sich den neuen Bedingungen nicht anpassen konnten oder wollten. Dirk Blasius geht davon aus, dass die in jenem Zeitabschnitt begründeten „großen Asyle“ auch die Möglichkeit der Betreuung in den Familien, „die sich als familiäre Solidargemeinschaften mit den Irren charakterisieren lassen“ und für einen Teil der Kranken durchaus ausgereicht hätten, durch die „rigide gehandhabte Isolierung psychisch Kranker weitgehend zerstört“ haben.17 Diese „großen Asyle“ wurden als soziale Institutionen zur Ausgrenzung nicht nur störender psychisch Kranker, sondern auch leistungsschwacher, mittelloser, hilfsbedürftiger oder störender Bürger genutzt. Geisteskranke fanden zusammen mit anderen „störenden“ Personen u. a. jetzt in kombinierten „Korrektions-, Zucht- und Arbeitshäusern“ Aufnahme, darunter „Bettler, Vagabunden, Verbrecher, Dirnen, Krätzige, Syphilitische, Alkoholiker“. Diese Ausgrenzung sollte im Gesellschaftsabschnitt des Absolutismus das „Verlangen nach bürgerlicher Ordnung“ erfüllen und im bürgerlichen Frühkapitalismus das „Prinzip regelmäßiger kalkulierbarer Arbeit“ sichern.18 Die Unterbringungsbedingungen der Geisteskranken in solchen gemischten Korrektions-, Zucht- und Arbeitshäusern waren menschenunwürdig. „Tobsüchtige“ wurden zusätzlich abgesondert oder angekettet. Johann Christian Reil (1759–1813), der 1808 den Begriff Psychiatrie (ursprünglich „Psychiaterie“) einführte,19 beschrieb die Situation im Jahr 1803 sehr dras-

15 Zitiert nach Foucault, Die Geburt der Klinik, S. 59. 16 Anna-Sabine Ernst, „Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus“, Münster/New York/München/Berlin 1997, S. 25. 17 Dirk Blasius, Der verwaltete Wahnsinn. Eine Sozialgeschichte des Irrenhauses, Frankfurt am Main 1980, S. 14. 18 Ebd., S. 13. 19 Vgl. Andreas Marneros/Frank Pillmann, Das Wort Psychiatrie wurde in Halle geboren, Stuttgart 2005.

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tisch20: „Wir sperren diese unglücklichen Geschöpfe gleich Verbrechern in Tollkoben, ausgestorbene Gefängnisse, neben den Schlupflöchern der Eulen in öde Klüfte über den Stadttoren, oder in feuchte Kellergeschosse der Zuchthäuser ein, wohin nie ein mitleidiger Blick des Menschenfreundes dringt, und lassen sie, angeschmiedet in Ketten, in ihrem eigenen Unrat verfaulen.“ Eine Verbesserung der Bedingungen, unter denen die Geisteskranken vegetieren mussten, wurde Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer Aufgabe ärztlichen Bemühens. Die These von der Ausgrenzung unproduktiver Menschen, so schlüssig sie das enorme Anwachsen der Einrichtungen für institutionelle Aussonderung zu erklären scheint, erfasst nicht die mit dieser Entwicklung verbundene Gesamtproblematik der Unterbringungsbedingungen. Unbedingt dazu gehört auch das gleichzeitige „echte(s) Suchen nach Lösungen für die Unterprivilegierten, eben die ‚Irren‘“. „In allen Ländern wurde eifrig geplant und gebaut, man war stolz auf das Erreichte, man diskutierte unter Kollegen über Details der Ausstattung der Zimmer, die Heizung, die Vergitterung der Fenster, die Notwendigkeit Arbeitsplätze in einem zugehörigen Bauernhof für die Kranken zu schaffen.“21 Am Anfang stand die Befreiung der Geisteskranken von ihren Ketten. Auch wenn dieser wichtige Schritt in vielen schriftlichen und bildlichen Darstellungen eine merkwürdige Überhöhung gefunden hat und das berühmte Bild von Robert Fleury: „Pinel befreit die Irren von ihren Ketten“22 im Licht romantischer Verklärung strahlt, lag dieses ärztliche Bemühen um bessere Behandlungsbedingungen gleichsam in der Luft und wurde weniger spektakulär auch an anderen Stellen umgesetzt. Neben Philippe Pinel (1745–1826) im Hôpital Bicêtre und der Salpétrière in Paris verfasste Vincenzio Chiarugi (1759–1820) für das als Irrenanstalt umgestaltete Bonifacio-Hospiz in Florenz genaue Vorschriften für den Umgang mit psychisch Kranken. In der Schweiz untersagte Abraham Joly (1748–1812) im Spital Genf schon zwischen 1787 und 1792 (also vor Pinel) die Verwendung von Ketten und anderen barbarischen Methoden, „der man sich bediente unter dem Vorwand, Geisteskranke zu behandeln“23. Er schlug vor, „die Ketten und eisernen Halsbänder durch Zwangsjacken aus Stoff“ zu ersetzen, um „Hocherregte zu bändigen“. Christian Müller macht darauf aufmerksam, dass alle drei Reformer einer Altersgeneration angehörten.24 Die Ideen der Aufklärung und der bürgerlichen Emanzipation, die zur Französischen Revolution von 1789 führten, hatten wohl auch den psychisch Kranken in seiner Not sichtbar gemacht und die ersten Schritte zu einer angemesseneren Unterbringung ausgelöst. In der weiteren Entwicklung

20 Vgl. Johann Christian Reil, Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, Halle 1803. S. 14 f. 21 Christian Müller, Die Überfüllung der psychiatrischen Spitäler im letzten Jahrhundert, in: ders., Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit. Skizzen zur Psychiatriegeschichte, Bonn 1998, S. 104. 22 Siehe Rudolf Lemke und Helmut Rennert, Psychiatrische Themen in Malerei und Grafik, Jena 1959, S. 14. 23 Léon Gautier, zitiert nach Müller, Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit, S. 41. 24 Vgl. ebd.

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ging es nicht mehr nur um die Befreiung von Ketten, vielmehr standen alle Zwangsmaßnahmen innerhalb der Betreuung psychisch Kranker zur Diskussion. Das englische „moral management“ und das „traitment moral et philosophic“ in Frankreich setzten sich vehement für die Abschaffung von Zwangsmaßnahmen aller Art ein. Der gesellschaftliche Wandel war selbstverständlich auch in Deutschland spürbar. Neben den direkten französischen Einflüssen in den linksrheinischen Gebieten wurden auch in anderen Teilen Deutschlands die Geisteskranken aus den gemischten Korrektionsanstalten herausgenommen. Häufig entstanden sogenannte „adaptierte“ Anstalten, z. B. in Klöstern, die durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 säkularisiert worden waren. Auch andere Gebäude, wie das Schloss Pirna-Sonnenstein im Königreich Sachsen, das vorher als Landesfestung gedient hatte, wurden in solche adaptierte Anstalten umgewandelt. Kleinstaaterei und Reste feudalistischer Gesellschaftsstrukturen behinderten einerseits generelle Lösungen, gaben andererseits auch Raum für lokale Modellentwicklungen. Problematischer war in Deutschland der Vorrang theologischer und naturphilosophischer Erörterungen über das Wesen der Geisteskrankheiten. Handlungs- und Behandlungsempfehlungen fielen häufig abstrakt aus und basierten mehr auf theoretischen Vorstellungen als auf praktischen Erfahrungen. Der aufklärerische „Voltairianismus“ trat in Deutschland gegenüber dem naturphilosophischen Subjektivismus der Romantik Rousseaus in den Hintergrund.25 Rousseau wurde dabei aber nicht in seinen plebejisch-revolutionären, die gute Gesellschaft sprengenden Zügen adaptiert, sondern sein sentimentales Erziehungsideal hervorgehoben.26 Der bereits zitierte Johann Christian Reil, der im pietistischen Halle als Ordinarius für Medizin wirkte, vertrat in seinem 1803 veröffentlichten Buch mit dem poetisch-romantischen Titel „Rhapsodien über die Anwendung der Psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen“ die Auffassung, dass die Philosophie als Erkenntnisinstrument für die theoretischen Grundlagen der Medizin und der Naturwissenschaft dienen müsse. Den „Grund aller Lebensäußerungen“ sah Reil „in der eigentümlichen Mischung und Form der Materie“. Dazu gehörten sinnlich wahrnehmbare und gewisse unsichtbare Stoffe wie Wärme und Elektrizität. „Das Verhältnis der Erscheinungen zu den Eigenschaften der Materie, welche sie erzeugen“27, bezeichnet er als Kraft. In der lebenden organischen Materie, die nach Reils Auffassung ebenfalls eine Mischung von handfest-grober mit unsichtbar-feiner Materie (z. B. Licht, Wärme) darstellte, setzte Reil diese Kraft mit „Lebenskraft“ gleich. Störungen dieses Gemisches waren nach Reil die Ursache von Geisteszerrüttungen. Ähnliche Vorstellungen klangen zwar auch bei Pinel schon an, aber während dieser sie eher auf einer Diskussionsebene erwähnt, formulierte Reil sie als erwiesene Überzeugung und verknüpfte sie mit der Naturphilosophie Friedrich Wilhelm Schellings von der Allbeseelung der Welt.

25 Vgl. Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, Dresden 1987, S. 500 ff. 26 Holborn, zitiert nach Dörner, Bürger und Irre, S. 199. 27 Theodor Meyer-Steineg/Karl Sudhoff, Geschichte der Medizin, Jena 1928, S. 363.

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Indem Reil aber die Ideen Pinels in Deutschland propagierte und die Unterbringung der Geisteskranken unter menschlichen Bedingungen forderte, fand er in der Praxis weite Anerkennung, während seine philosophischen Ideen schon zu Lebzeiten und erst recht später auf starke Ablehnung trafen. Einige Kritiker sprachen sogar von „substanzlosem Schwätzen“. Eine Ehrenrettung der philosophischen Anschauungen Reils versuchten Wolfram Kaiser und Reinhard Mocek im Jahr 1979.28 In der therapeutischen Praxis hielt es Reil für möglich, dass dem psychisch Kranken durch eine Art Schocktherapie durch „heilende Furcht“ geholfen werden könnte, und strebte eine Erziehung durch Belohnung und Strafe an. Den damit verbundenen konkreten Therapievorstellungen mangelte es an praktischen Erfahrungen mit Geisteskranken, da sich die praktische ärztliche Tätigkeit vorwiegend auf körperlich Erkrankte beschränkte. Hinsichtlich der Behandlung von Patienten mit seelischen Erkrankungen konnte Reil nur wenige Anregungen geben, seine Forderung von Veränderungen der Unterbringung psychisch Kranker in Deutschland erwies sich aber als praktischer Eingriff in die Organisation letztlich als viel wichtiger. Neben der Orientierung auf menschlichere Bedingungen in der Unterbringung bemühten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einige Ärzte, die lediglich auf Isolierung ausgerichteten Asyle zu ärztlich-medizinischen Behandlungseinrichtungen umzugestalten. Diese sogenannte „Medizinalisierung“ der Irrenbehandlung ging von der Überzeugung aus, dass es sich bei der Geistesstörung um eine medizinische Erkrankung handelt, die man behandeln kann. Der „soziale Auftrag zur Sicherung und Verwahrung der als störend und potentiell gefährlich geltenden Kranken“29 wurde durch die Erwartung ergänzt, dass die Unterbringung auch zum Zwecke einer Heilung der zugrundeliegenden Krankheit erfolgt. Die Irrenanstalt sollte dabei schon als Institution einen therapeutischen Einfluss entwickeln. „Die Anforderungen an eine Irrenanstalt sind anderer Natur als die, welche man an ein Spital stellen darf, in welchem körperlich Kranke Heilung suchen. Wenn in einem Spital für gute ärztliche Behandlung, sorgfältige Pflege von Seiten der Wärter […] gesorgt ist, so sind die Hauptbedingungen erfüllt. […] Wie anders verhält es sich mit einer Irrenanstalt. Bei dem Geistes- und Gemütskranken sind alle durch die Sinne zum Bewusstsein kommenden Eindrücke von größerer Bedeutung. […] Diese Eindrücke können, je nach dem wie sie sind, ebensogut wohltätig und heilend als nachteilig und unheilvoll sein. Ja es kann nicht geleugnet werden […], dass die Irrenanstalt selbst […] ein sehr wichtiges Heilmittel für viele Geisteskranke abgibt.“30

28 Vgl. Wolfram Kaiser/Reinhard Mocek, Johann Christian Reil (= Biographien hervorragender Naturwissenschaftler und Ärzte, Bd. 41), Leipzig 1979, S. 47 u. 59. 29 Achim Thom, Carl Wigand Maximilian Jacobi (1775–1858) und der Formierungsprozess der medizinischen Betreuung psychisch Kranker in Deutschland, in: Beiträge zur Hochschul- und Wissenschaftsgeschichte Erfurts, Bd. 21 (1987/88), S. 131–148, hier S. 149. 30 Phillipus Passavant, Rede bei der Grundsteinlegung der neuen Irrenanstalt Frankfurt am Main am 10. Januar 1861, in: Heinrich Hoffmann, Schriften zur Psychiatrie, Frankfurt am Main 1990, S. 328, Hervorhebung im Original, H. L.

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Um diese therapeutischen Voraussetzungen innerhalb der Irrenbetreuung umzusetzen, bedurfte es neuer Organisationsformen. Im Jahr 1821 beauftragte der Leiter der preußischen Medizinalverwaltung Johann Gottfried Langermann (1768–1832) im Auftrag seines Ministers der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, den Arzt Maximilian Jacobi (1775–1858), in der preußischen Rheinprovinz, in der ehemaligen Abtei Siegburg, eine solche „Irren-Heilanstalt“ neuen Typs aufzubauen. Langermann kannte das Problem. Er hatte 1805 in Bayreuth und Schwabach zwei Anstalten mit sogenannten heilbaren und unheilbaren Geisteskranken „entmischt“, die „Heilbaren“ in die „Heilanstalt Bayreuth“ gebracht und die „Unheilbaren“ in der Pflegeanstalt Schwabach zusammengeführt. Für die Heilanstalt Bayreuth hatte er dann ein Behandlungskonzept erarbeitet, das allerdings vorwiegend rigorose pädagogische Maßnahmen vorsah, da die „Erziehbarkeit“ bei keinem Wahnsinnigen nach Langermanns Auffassung ganz erloschen sei. Sein Bericht fand beim preußischen Staatsminister Karl August von Hardenberg derart wohlwollende Aufnahme, dass er Langermann nach Berlin holte und ihm die Leitung des „Preußischen Medizinalwesens“ übertrug. Er wurde beauftragt, eine Neugestaltung des Irrenwesens einzuleiten, die sich in den damals laufenden allgemeinen Reformprozess in Preußen eingliedern sollte. Die mit der Befreiung der Bauern einsetzende Reform Preußens legte schon am 29. September 1803 in einem „Rescript des Staatsrathes“ die Bedingungen fest, wonach „Wahn- und Blödsinnige“ nach gerichtlicher Entscheidung gegen ihren Willen in Irrenanstalten untergebracht werden konnten. Das im Rahmen dieser Reform neben der Charité für Berlin geplante Irrenhaus, das die dortigen beengten Verhältnisse entschärfen sollte, wurde allerdings nicht realisiert, nachdem die Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 den Reformprozess unterbrochen hatte. Erst 1821 sollte mit der Einrichtung in Siegburg durch Dr. Maximilian Jacobi „ein Neubeginn der dringend anstehenden Reformen“ der Irrenfürsorge in Preußen versucht werden. Jacobi hatte vorher viele der schon bestehenden deutschen Anstalten (z. B. Bamberg, Bayreuth und Pirna-Sonnenstein) besucht, von denen ebenfalls einige zu Modellfällen für Heilanstalten gehörten. Er vertrat die Ansicht, dass psychische Erkrankungen eine körperlich Ursache besitzen, gehörte also zu den sogenannten „Somatikern“, die sich von den „Psychikern“ abgrenzten, die wiederum seelische Ursachen für die Entstehung von Geistesstörungen annahmen. Beiden Auffassungen fehlte allerdings das wissenschaftliche Fundament und differente therapeutische Konsequenzen ergaben sich daraus ebenfalls nicht. Allerdings hatte die Annahme körperlicher Ursachen „zu Jacobis Zeit den Vorteil, den Kompetenzanspruch der Medizin auf die Behandlung psychischer Erkrankungen am nachhaltigsten zum Ausdruck zu bringen und war überdies gut geeignet, die ‚Irren‘ vor moralisierenden Aburteilungen wegen einer Selbstverschuldung ihres Leides zu bewahren.“31

31 Thom, Jacobi und der Formierungsprozess der medizinischen Betreuung psychisch Kranker in Deutschland, S. 157.

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Heilanstalt Herzberge. Verwaltungsgebäude. Nach einer alten Postkarte.

Während sich also „der preußische Staat“ in der preußischen Rheinprovinz „Gedanken über die Situation der Irren“ machte, blieben in der preußischen Hauptstadt Berlin die Reformideen ohne reale Konsequenzen.32 Das hier vorgelegte Buch wird in seinem ersten Abschnitt die Bedingungen schildern, unter denen in Berlin die psychisch Kranken im 19. Jahrhundert leiden mussten. Im Spannungsfeld zwischen kommunalen Behörden und Königlicher Charité gerieten insbesondere die als unheilbar deklarierten psychisch Kranken in sehr unglückliche Lebensbedingungen. Das war immerhin der größere Teil der psychisch Kranken. Für das Jahr 1825 beschreibt Blasius, dass beispielsweise im Regierungsbezirk Aachen von 313 registrierten Irren nur 17 als heilbar eingeschätzt wurden33. In der Bilanz, die Jacobi nach neun Jahren 1834 zog, erscheinen nur 175 Patienten von 630, die als genesen entlassen werden konnten. Obwohl Langermann zusammen mit dem Baurat Karl Friedrich Schinkel von Berlin aus als Ratgeber und Gutachter für den Bau von verschiedenen Irrenanstalten tätig wurde, so z. B. Schwerin-Sachsenberg,34 blieb die Irrenproblematik in Berlin selbst lange ungelöst. Erst 1880, als die erste Städtische Irrenanstalt in Dalldorf eröffnet werden konnte, schien sich eine positive Entwicklung anzubahnen. Aber erst die Eröffnung der Zweiten Städtischen Irrenanstalt Herzberge im Jahr 1893 führte zu einer grundsätz32 Blasius, Der verwaltete Wahnsinn, S. 30. 33 Ebd., S. 32. 34 Vgl. Gerhard Baader, Flemming am Sachsenberg. Anstaltsführung und Therapiekonzept, in: Hans Schadewaldt/Jörn H. Wolf (Hrsg.), Krankenhausmedizin im 19. Jahrhundert, München 1983, S. 130.

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lich neuen Gestaltung der Versorgungsstrukturen für psychisch Kranke in Berlin. Die weitere Geschichte der Irrenanstalt Herzberge wird dann vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zur Auflösung der Einrichtung im Zweiten Weltkrieg untersucht und dargestellt werden. In weiteren Abschnitten wird über die Wiedereröffnung der Psychiatrischen Einrichtung Herzberge nach 1945 berichtet und das weitere Schicksal des Krankenhauses im Ostteil einer gespaltenen Stadt unter den Bedingungen des autoritären Gesellschaftssystems der DDR bis 1992 beschrieben. Gesellschaftliche Hintergründe und Bedingungen der verschiedenen Zeit­ epochen werden dabei selbstverständlich mit einbezogen, denn, wie es Blasius ausdrückt, „eine Sozialgeschichte des Irrenhauses muss mehr sein als eine Institutionsgeschichte“35. Auch wird herauszuarbeiten sein, dass eine Spezialeinrichtung für psychisch Kranke wie die Irrenanstalt Herzberge, die später zur Heil- und Pflegeanstalt und schließlich zum Fachkrankenhaus für Psychiatrie wurde, ein gesellschaftlich geprägtes zeittypisches Durchgangsmodell darstellte, das inzwischen weitgehend verlassen worden ist.

35 Blasius, Der verwaltete Wahnsinn, S. 9.

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Berliner Verhältnisse bis 1893

Die Vorgeschichte bis zur Eröffnung der Irrenanstalt Herzberge Die erste Erwähnung von psychisch Kranken in Berlin stammt aus dem Jahr 1594. In einem Edikt des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg sind Maßregeln vermerkt, wie man mit Personen umgehen soll, die „vom bösen Geist besessen sind“1. Es handelte sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise um psychisch kranke Menschen, denen man „Besessenheit“ unterstellte. Bis in das 17. und 18. Jahrhundert blieben der Umgang mit Geisteskranken und „Irrenpflege“ eng mit der Armenpflege verbunden. „Die Vorzüge großer Städte werden theuer erkauft, öffentliche Armen-Anstalten, welche indenselben unentbehrlich sind, machen einen bedeutenden Theil der Kaufgelder aus. Als Berlin unter der glorreichen Regierung des großen Churfürsten volkreicher und blühender wurde, ströhmten Fremde aller Art dahin und wenn die Ärmeren unter denselben erkrankten, wollte sich oft niemand ihrer annehmen. Der Anblick dieser Elenden, die nicht selten auf wüsten Baustellen oder in schmutzigen Winkeln auf den Straßen verschmachteten, gab zu bitteren Klagen Anlass, die selbst auf den Kanzeln laut wurden. Dem Hofprediger Benjamin Ursinus – nachmals Bischof Ursin von Bär – gelang es im Jahre 1672 den Hof zur Gründung eines Hospitals für Kranke zu bewegen, und so entstand das älteste von allen hiesigen der Oberaufsicht des Armen-Directorii anvertrauten Häusern.“2 Da „Churfürstin Dorothea“, die zweite Gemahlin von Kurfürst Friedrich Wilhelm, von den 675 Talern, die das Hospital insgesamt kostete, allein 400 gespendet hatte, erhielt das Hospital am Ende des Georgen-Kirchhofs ihren Namen: „Dorotheen-Hospital“. Unter den kranken Armen, die dort versorgt wurden, befanden sich auch psychisch Kranke. Dies geht aus einer Notiz hervor, in der es heißt: „Das Armen-Directorium war daher berechtigt 1711 einen Theil dieses Hospitals zu Behältnissen für irre Personen einrichten und dergleichen darin aufnehmen zu lassen.“ 3 Die eigentliche Irrenpflege Berlins beginnt allerdings erst mit dem „Großen Friedrichshospital“. Dabei wurden die psychisch Kranken in Berlin wie andernorts in einem gemischten „Irren- und Arbeitshaus“ untergebracht. Für den auf kurfürstlichen Befehl 1701 in der Stralauer Allee errichteten Barockbau des „Großen Friedrichshospitals“ legten die Statuten fest, dass 1 Richard Brachwitz, Die Geisteskrankenbetreuung in Alt-Berlin bis zur Wende des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Psychische Hygiene, Bd. 13 (1940), S. 11. 2 Landesarchiv Berlin (Larch), A Rep. 003-01 Königliches Armendirektorium/Magistrat der Stadt Berlin, Armendirektion, Nr. 793: Geschichte des Dorotheen-Hospitals 1810. 3 Ebd.

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„Waysen-Kinder, Kranke, Irre oder gar unsinnige item andere arme, so viel Platz leidet, jedoch diese alle nur insoweit sie hier zuhause gehören, und loses Gesindel, die sich von betteln und bösen Leben nähren wollen“4, aufgenommen werden sollten. In einer Beilage der Spener’schen Zeitung Nr. 305 vom 30. Dezember 1844 wurde als „Monatsblatt für die hiesige Armenverwaltung“ ein Bericht des zuständigen Predigers des Arbeitshauses, Andrae, veröffentlicht. Andrae, „ein höchst achtbarer Charakter“, habe „mit ebenso viel Fleiß wie Talent“ den Bericht aus Quellen des städtischen Archivs zusammengestellt und dem Archiv handschriftlich übergeben. Er fand „von Seiten unserer Stadt-Behörden eine solche Anerkennung“, dass man ihn hier als „Geschichte des Irren- und Arbeitshauses Berlin“5 vorlegen wolle. In dieser Geschichte des Irren- und Arbeitshauses Berlin von 1844 erwähnt Andrae das „Friedrichs-Hospital“ oder „Friedrichskrankenhaus“ als erste Einrichtung Berlins, die für alle Personen, „denen es zur Erhaltung ihres Lebens an Kräften des Körpers oder Geistes gebrach“, eine Unterbringung auf Kosten des Staates oder der Stadt gewährleistete. Dieses Friedrichs-Hospital erfüllte die Funktion eines städtischen Armenhauses, das bis 1728 „neben alten hülfsbedürftigen Armen und Waisenkindern beiderlei Geschlechts […] auch Irre, Wahnwitzige und Melancholische“ aufnahm. Ab 1728 erfolgte eine gesonderte Betreuung der Geisteskranken in der Krausenstraße. Dieses sogenannte Berliner „Irren- und Arbeitshaus“ entstand auf einem Anwesen aus dem Nachlass des 1718 im Friedrichshospital verstorbenen „geisteskranken“6 Kaufmanns Ernst Gottlieb Faber, für den keine Verwandten oder sonstigen Erbberechtigten ermittelt werden konnten. Das Gebäude übernahm nunmehr die Funktion einer ersten Berliner Irrenanstalt „für Irre, Wahnsinnige sowie Epileptische beiderlei Geschlechts“. Für die ärztliche Versorgung der Kranken, die allerdings im Wesentlichen wohl nur eine allgemeinärztliche Versorgung der Insassen vorsah, war anfangs der Armenarzt Dr. Michael Matthias Ludolf (1728–1756) zuständig, der bei Harnack als „bon physicien“ bezeichnet wurde. 1756 übernahm ein Dr. Lieberkühn diese Aufgabe und ab 1763 der Geheime Rath Dr. Christian Ludwig Roloff (1726–1800). Roloff wurde 1778 auch als Leibarzt der Königin erwähnt.7 Streng und eindeutig war die Abtrennung der Geisteskranken von anderen betreuungsbedürftigen Personen allerdings auch in dieser ersten Berliner Irrenanstalt noch nicht. Zumindest anfangs fanden in der Krausenstraße „auch liederliche, faule und sich herumtreibende Personen“ Aufnahme. Die gemeinsame Unterbringung mit „liederlichen und faulen“ Personen beruhte auf der zum Teil übereinstimmenden Betreuungsform, denn auch Letztere wurden „auf einige Zeit dorthin gebracht“, um „hier in strenge Aufsicht

4 Zitiert nach Helga Schultz, Berlin 1650–1800. Sozialgeschichte einer Residenz, Berlin 1987, S. 65. 5 Johann Gottfried Andrae, Geschichte des Irren- und Arbeitshauses zu Berlin 1844, zitiert nach Heinrich Damerow, Besprechung: Andrae, Geschichte des Irren- und Arbeitshauses zu Berlin, in: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, Bd. 2 (1815), S. 150. 6 Johann Gottfried Andrae, Geschichte …, Anlage zur Spenerschen Zeitung Nr. 305 vom 30. Dezember 1844, S. 51. 7 Johann Georg Meusel, Das gelehrte Teutschland, Bd. 3, Lemgo 1784, S. 289.

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genommen“ und „zur Arbeit, namentlich zum Wollespinnen angehalten“ zu werden. Der Schwerpunkt dieser Irrenanstalt lag jedoch dem Namen entsprechend bei den Geisteskranken. 1747 vergrößerte sich die Einrichtung durch Zukauf des Hauses der „Kammerräthin Ludolf“ in der Schützenstraße. 1756 erfolgte eine grundlegende Umgestaltung mit Abriss eines baufälligen Gebäudeteils. 1766/67 wurden nochmals, allerdings weniger einschneidende und eher vorläufige Veränderungen vorgenommen: Ein Garten wurde angelegt und an den Seiten des Geländes entstanden „sogenannte Dollkasten“, in denen die ganz „furieusen“ Wahnsinnigen verwahrt wurden. Einen Eindruck von den damaligen Bedingungen, unter denen die psychisch Kranken lebten, vermitteln die „Instruktionen für das Irrenhaus in Berlin“ aus dem Jahr 1774.8 In Paragraf 9 ist dort zu lesen: „Da für Menschen kein größeres Elend kann erdacht werden, als wenn er seiner Vernunft beraubet wird: so verdienen diejenigen, welche das Unglück haben, in dem Irrenhause zu sein, ein vorzügliches Mitleiden, und wenn also der dazu bestimmte Chirurgus diese bejammernswerten Geschöpfe mit einem Herzen voll vom Menschengefühl betrachtet, so wird sich schon Erbarmen in seinem Busen regen […] und sie nicht denen Händen eines noch nicht erfahrenen Gesellen oder Diszipels übergeben“. Und in Paragraf 3: „[…] dass der Medikus […] alles dasjenige, was zur Wiederherstellung eines Irren nöthig ist, verschreibet und verordnet“ und „darauf sehe, dass diese angewandten Arzneien nach der Vorschrift eingenommen und das dabei vom Mediko verordnete Verhalten beobachtet werde“.9 Umfangreich werden auch die Pflichten des Inspektors – und seiner Frau, die für das Essen zu sorgen hat – beschrieben. So durfte sich dieser nur mit Genehmigung des Armendirektoriums aus dem Haus entfernen, nachts hatte er immer da zu sein. „Bei schleunig erkrankten Personen oder bei abgelieferten Kranken muss, damit selbige nicht ohne Hilfe bleiben, sofort der Medikus oder Chirurgus gerufen werden.“10 Der Paragraf 5 dieses Inspektor-Abschnitts geht auch auf die „anderen Personen“ im Haus ein: „Die zur Bestrafung ins Haus geschickten Leute hat er besonders in Acht zu nehmen, dass sie sich aller Fälle des Brandtweins […] gänzlich enthalten.“11 Im Bereich zu den Aufgaben der Irrenwärter werden im Paragraf 16 die „Tollkasten“ erwähnt: „Die Personen in den Tollkasten müssen gut abgewartet und mit nöthigem Stroh und Heu versorget und gereiniget werden. Die sich bessern, werden sogleich den Vorgesetzten gemeldet, damit sie nicht ohne Noth verderben.“12 Auch der Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai (1733–1811) geht in seiner „Beschreibung der Königlichen Residenzstadt Berlin“ aus dem Jahr

8 Oeffentliche Anstalten, Verordnungen, u.s.w. 1) Das Irrenhaus in Berlin, in: „Magazin für die gerichtliche Arzneikunde und medizinische Polizei“, 2. Bd., Stendal 1784, S. 283 ff. 9 Ebd., S. 287. 10 Ebd., S. 296. 11 Ebd., S. 292. 12 Ebd., S. 304.

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1786 auf das „zwischen Charlotten- und Friedrichstraße liegende Irrenhaus in der Krausenstraße“ ein, in dem „rasende, wahnwitzige und trübsinnige Personen verpfleget wurden“.13 Es diene den armen Irren Berlins als Ort der Behandlung und als Aufenthalt. „Die ganz Rasenden“, so schreibt auch Nicolai von den „Tollkasten“, „werden in gewissen, von starken Bohlen gemachten Verschlägen, denen nur sehr uneigentlich die Benennung von Kasten gegeben wird und die im Winter durch oberhalb gezogene Röhren gewärmt werden, aufbewahrt und zum Teil angeschlossen. Die anderen halten sich in ordentlichen Zimmern auf und genießen alle den Umständen nach mögliche Freiheit, im Hause, Hofe und Garten herumzugehen; die dazu geschickt sind, werden mit Spinnen und andern Arbeiten beschäftigt. Ein besonderer Arzt und Wundarzt tragen für die Wiederherstellung der Gesundheit dieser unglücklichen Personen die möglichste Sorge.“14 „Ohngefähr 150 unglückliche Kranke“ seien in diesem Haus untergebracht gewesen. Für das Jahr 1784 existieren genaue Zahlen: 90 „irre Mannspersonen in 14 Stuben“ und 43 „irre Frauenspersonen in 8 Stuben“.15 Ab 1770 wurden an der Einrichtung kaum noch Veränderungen oder gar Erweiterungen vorgenommen, weil der Neubau eines Irrenhauses neben der Charité geplant war, der eine grundsätzlich bessere ärztliche Behandlung der psychisch Kranken ermöglichen sollte. Ehe es zu diesem Neubau kam, brannte in der Nacht vom 1. zum 2. September 1789 das erste Berliner Irrenhaus ab. Der Gebäudekomplex war nicht zu retten, wohl aber die Patienten. Die Irren erlitten zwar keinen körperlichen Schaden, aber die psychiatrische Versorgung Berlins wurde durch den Brand und seine Folgen für fast 100 Jahre durch den „Fluch eines Provisoriums“16 in ungünstiger Weise geprägt. Die geretteten Kranken kamen vorerst in den Räumen der Königlichen Charité unter. Ein Teil der Kranken, die sogenannten „Hospitaliten“, die keiner unmittelbaren ärztlichen Behandlung bedurften, wurden am 27. Oktober 1798 aus der Charité in ein notdürftiges Provisorium im „Splittgerberschen Zuckersiedereigebäude“ in der Wallstraße verlegt. Hier deutete sich schon die von Langermann propagierte neue Organisation der Irrenbetreuung an: die Trennung der behandlungsbedürftigen und als heilbar angesehenen psychisch Kranken von den „unheilbaren Irren“, die nur noch einer pflegerischen Betreuung bedurften. Der Gedanke, „auf der Wiese neben der Charité“ eine neue Irrenanstalt zu errichten, lebte zwar durch diese Zerstörung des Irrenhauses wieder auf und die Versicherungssumme von 8.210 Talern, die durch den Brand fällig geworden war, stand dafür bereit, aber eine „Kabinetsordre vom 3. December 1798“ entschied anders. Die entsprechende Festlegung bestimmte, „dass die Anlegung eines besonderen Irrenhauses wegfallen und solches in den Gebäuden der Charité angebracht

13 Friedrich Nicolai, Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam … 1786, Nachdruck, Leipzig 1987, S. 277. 14 Ebd. 15 Ebd., S. 278. 16 Rudolf Leubuscher, Die medizinische Reform – Eine Wochenschrift, Nr 17 v. 27. Oktober 1848. Nachdruck, Berlin 1983, S. 119.

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werden solle“17. Die Versicherungssumme sollte deshalb der Königlichen Charité zufallen. Die Charité verpflichtete sich als Gegenleistung, die armen Irren Berlins unentgeltlich aufzunehmen und zu behandeln. Diese Entscheidung besaß durchaus eine gewisse Logik. Dörner schreibt dazu: „Die Zerstörung ihrer bisherigen Ausgrenzungseinrichtungen durch Feuer und die Scheu der Verwaltungen vor den Kosten eines Neubaus brachten die Berliner […] Irren in den Bereich der Ärzte (…) 1798 in die Charité.“18 Diese Entwicklung stärkte die Tendenz zur „Medizinalisierung der Irrenbetreuung“,19 die nun für die als medizinisch krank eingeschätzten Geisteskranken eine ärztliche Betreuung vorsah. Das Dilemma dieser Regelung lag indes in einem ganz anderen Gebiet.

Die Berliner „armen Irren“ als Objekte im Dauerstreit zwischen ­Königlicher Charité und städtischen Behörden In Berlin wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die gesamte medizinische Betreuung der mittellosen Stadtbevölkerung durch die „Munificienz“, die Freigebigkeit des Königs20 finanziert und die Stadtväter waren deswegen durchaus dafür, die bisher durch die königliche Armendirektion versorgten psychisch Kranken nun der Königlichen Charité zur Behandlung zu übergeben. Damit hatten sie das Problem der psychiatrischen Versorgung der Geisteskranken in Berlin auf elegante und kostengünstige Art an die Charité delegiert. Sie beförderten aber damit ein Dilemma, das bis in die 1880er Jahre die Situation in Berlin belastete. Auf der einen Seite war die Charité auf diese Aufgabe nicht ausreichend vorbereitet. So erfolgte die Unterbringung der Geisteskranken unter räumlich außerordentlich beengten Bedingungen zusammen mit „Krätzigen und Syphilitischen“, wie der 1818 abgefasste Rechenschaftsbericht des Leiters der Irrenabteilung der Charité, Ernst Horn (1774–1848) mit drastischen Ausführungen belegt. Horns Behandlungsmethode verkörperte darüber hinaus einen „spezifisch preußisch-idealistischen Excess an militärischer Härte, Gehorsamszwang […] (und) ist Langermann in Konsequenz“21, wie es Dörner beschreibt. Die Bedingungen in der Charité boten damit weder räumlich noch in der Behandlungsform die Voraussetzung für eine therapiefreundliche „Heilanstalt“. Auf der anderen Seite bezog diese Lösung das Problem der Versorgung der „Unheilbaren“ im städtischen Bereich und die weitere Entwicklung der Stadt Berlin und des Landes Preußen nicht mit ein. Die Stadtväter gingen unausgesprochen davon aus, dass die Charité alle Irren aufnehmen und die städtischen Behörden die wenigen „unheilbaren“ und

17 Ebd., S. 119 f. 18 Klaus Dörner, Bürger und Irre, S. 192. 19 Siehe auch Achim Thom, Jacobi und der Formierungsprozess der medizinischen Betreuung psychisch Kranker. 20 Vossische Zeitung vom 31. März 1853, in: Landesarchiv Berlin (Larch), A Rep. 003-01 Armendirektorium/Magistrat der Stadt Berlin, Armendirektion, Allgemeines, S. 52. 21 Dörner, Bürger und Irre, S. 233.

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möglichst symptomfreien Pflegefälle im „Splittgerberschen Zuckersiedereigebäude“ würden ausreichend versorgen können. Beides erwies sich sehr schnell als nicht realisierbar. Mit den Reformen von Hardenberg und Stein zum Altenstein wandelte sich die Situation in Preußen spürbar und die Stadtentwicklung Berlins beschleunigte sich erheblich. Als Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom Stein zum Stein (1757–1831) nach seiner Entlassung im Januar schon im Juli 1807 wieder in die königlich preußische Verwaltung nach Memel gerufen wurde, fand er dort einen Entwurf von Karl August von Hardenberg (1750–1822) und Karl vom Stein zum Altenstein (1770–1840) vor, der im Nachklang zu den Ideen der Französischen Revolution „eine Revolution im guten Sinne, gerade hinführend zu dem großen Zwecke der Veredelung der Menschheit“ zum Ziel hatte und dies „durch Weisheit der Regierung und nicht durch gewaltsame Impulsion von innen oder von außen“ erreichen wollte, d.h. ohne die Monarchie zu gefährden.22 „Stein besaß in hohem Maße die dem Staatsmanne unentbehrliche Kunst, die Gedanken anderer zu benutzen,“23 charakterisierte der Historiker Heinrich von Treitschke den Reformer, der in kürzester Zeit aus den Vorlagen ein Edikt über den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grund­ eigentums erarbeitete, das schon am 9. Oktober 1807 erlassen werden konnte. Vom „Martinitag“, dem 11. November des Jahres 1810 an sollte es in Preußen nur noch „freie Leute“ geben. Die sogenannte Gutsuntertänigkeit war ab diesem Zeitpunkt aufgehoben. Diese hatte bislang darin bestanden, dass besonders im ostelbischen Preußen die überwiegende Mehrheit der Bauern Frondienste für die Gutsherren zu leisten hatte. Viele der Bauern besaßen für ihr Land nur ein Nutzungsrecht, während Haus und Hof den Gutsherren gehörten. Ohne Zustimmung der Gutsherrschaft durfte weder geheiratet noch der Hof verlassen werden. Auch die aus einer Ehe hervorgehenden Kinder mussten wieder Gesindedienste bei den Gutsherren leisten. Das Edikt von 1807 beendete nun diese Bindung an das Land, ermöglichte den Bauern eigenes Land zu erwerben und stellte vor allem den landlosen Landarbeitern frei, in die nächste Stadt abzuwandern. Die Einwohnerzahl Berlins stieg in der Folge deshalb deutlich an. Die wachsenden Städte bekamen im Reformprozess durch eine weitere Verordnung (Städteverordnung vom 18. November 1808) auch noch die selbstständige Verwaltung ihres Haushalts und ihres Armen- und Schulwesens übertragen. Beide Reformen berührten die Situation in Berlin in erheblichem Ausmaß. Bei steigender Einwohnerzahl und damit auch der Zahl von Armen und psychisch Kranken einerseits sowie der ebenfalls zunehmenden städtischen Aufgaben andererseits waren die Stadtväter Berlins um 1810 nicht bereit, für eine gesonderte psychiatrische Versorgung innerhalb des Armenwesens ausreichende Gelder bereit zu stellen. Nach Auffassung der Stadt hatte die Charité durch Erhalt der Versicherungssumme des ab-

22 Zitiert nach Heinrich von Treitschke, Charakterbilder aus der deutschen Geschichte: Heinrich Friedrich Karl Freiherr von Stein, Berlin o.J., S. 98. 23 Ebd.

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gebrannten Städtischen Irrenhauses die Aufgabe der Betreuung psychisch Kranker übernommen. Die Charité lehnte diese Auffassung jedoch ab und löste ihrerseits den zunehmenden räumlichen Druck durch die steigende Zahl an Einweisungen Geisteskranker indem sie bei vielen Kranken sehr rasch die Unheilbarkeit eines psychischen Leidens deklarierte und damit die städtischen Behörden zwang, diese nun als unheilbar deklarierten Irren auf ihre Kosten in städtische Obhut zu nehmen, selbst wenn sie nicht frei von psychotischen Symptomen waren. Der vorwiegend theoretisch mit dem Fach Psychiatrie befasste Leiter der Medizinalabteilung am Preußischen Kultusministeriums Johann Gottfried Langermann bekräftigte in einem Gutachten zu dieser Frage nochmals seine Idee von der straffen Aufgliederung in getrennte Heil- und Pflegeanstalten. Die Charité sei nur für die heilbaren Geisteskranken zuständig, die unheilbar Kranken aber müssten, selbst wenn sie weiter psychisch auffällig seien, gesondert untergebracht werden. Da aber eine entsprechende Anstalt für teilweise noch „tobsüchtige“ unheilbare Geisteskranke innerhalb der Stadt Berlin nicht sinnvoll sei, müsse eine neue Anstalt für Berliner unheilbare Irre in der preußischen Provinz entstehen. Die Verantwortung für die Lösung des Problems verlagerte Langermann damit in die staatliche Administration, die aber ihrerseits keine konkreten Maßnahmen veranlasste. Nachdem 1819 die Armendirektion aus einer königlichen zu einer städtischen Behörde geworden war, und die beiden Einrichtungen, die zum Wohle der Kranken hätten eng zusammenarbeiten müssen, administrativ nun völlig unterschiedlich zugeordnet und finanziert wurden, spitzten sich die Probleme zu. Auf der einen Seite stand die Königliche Charité mit ihren unzureichenden räumlichen Möglichkeiten, auf der anderen die Kommune Berlin, die finanziell nur über begrenzten Spielraum verfügte und sich für Ausgaben im Bereich des Gesundheitswesens nicht zuständig fühlte. Am 12. April 1820 formulierte die städtische Behörde einen förmlichen Protest an die Königliche Regierung, in dem sie nochmals ihre Auffassung darlegte, dass die Charité entgegen der Ordre die Irrenversorgung der Stadt nur unzureichend übernehme und viele Behandlungsfälle an die Stadt weitergebe, indem sie eine Unheilbarkeit erkannt zu haben behaupte. Es sei nach Meinung der Stadt bei der seinerzeitigen Abmachung nach dem Brand des Städtischen Irrenhauses klar gewesen, dass Geisteskranke generell von der Charité versorgt werden müssten und nur eindeutige Pflegefälle, bei denen keine psychischen Krankheitszeichen mehr vorlägen, in die Obhut der Stadt übernommen werden sollten. Eine Kabinets-Ordre vom 30. April 1820 wies die Vorwürfe zurück und bestand auf Fortsetzung des bisherigen Verfahrens. Auch ein erneuter Protest der Stadt vom 15. November 1820 brachte keine Änderung. Die Stadt reagierte darauf mit einem jahrelangen Rechtstreit. In zahlreichen Einzelfällen wollte sie erreichen, dass die Charité verpflichtet würde, diesen oder jenen Patienten, gleich ob „heilbar“ oder „unheilbar“ aus der städtischen Obhut wieder in die Charité zurückzunehmen, vor allem wenn eine intensive Behandlung erforderlich wurde oder ein höheres Störpotenzial vorlag. Die ungeliebten armen, unvermögenden und nun noch mit dem Stempel „unheilbar“ etikettierten Irren wurden zum Spielball im Streit um Zuständig-

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keiten, während für die vermögenden Irren Berlins inzwischen zahlreiche private Einrichtungen entstanden. Im „Arbeits- und Siechenhaus“ der Kommune lebten nunmehr die bedrückenden Bedingungen, die vor Gründung der Berliner Irrenanstalt 1728 bestanden hatten, wieder auf. Ein „Reisender, Herr Appert“24 wurde 1833 beim König vorstellig: „Ich kann nicht genug Se. Majestät anflehen, einen strengen und mitleidvollen Blick auf diese Übelstände zu werfen, welche man Ihnen verbirgt, und deren abscheuliche Herrschaft Ihr Herz nicht länger dulden kann; die Abstellung solcher Mißbräuche, welche ein Land entehren, kann nicht länger auf sich warten lassen, denn sie sind Preußens und seines Königs unwürdig.“25 Die konkreten Bedingungen der Unterbringung im Städtischen Arbeits- und Siechenhaus fasste Appert so zusammen: „808 Gefangene, Vagabonden, Schwachsinnige, verlassene Kinder, Verrückte, arme Greise, Kranke von beiden Geschlechtern […] in weiten Schlafsälen mit 60, 62, 82, und andere mit 100, 105 Betten.“26 In einer Entgegnung der Verantwortlichen wurde darauf verwiesen, dass diese nicht zuständig seien und die Kritik „eigentlich unsere vorgesetzten Kommunal-Behörden“ treffe, von denen jene Verhältnisse „gebilligt und angeordnet“ seien. Auch Langermanns Nachfolger, Heinrich Philipp August Damerow (1798–1866), bezog zu Apperts Äußerungen kritisch Stellung.27 Damerow hatte schon vor Langermanns Ausscheiden eine leitende Position in Berlin eingenommen, bekam aber ab 1839 die Funktion als „psychiatrischer Sachbearbeiter“ im Preußischen Kultusministerium übertragen. Im Gegensatz zu Langermann schätzte Damerow, wie inzwischen die meisten der Fachleute, die Trennung zwischen heilbaren und unheilbaren Geisteskranken als undurchführbar ein. Er vertrat die Auffassung, dass die sogenannte „relativ verbundene Heil- und Pflegeanstalt“ die bessere Lösung sei und meinte damit eine funktionell verbundene Einheit zwischen einer Heilund einer Pflegeanstalt. Bei dem fluktuierenden Verlauf vieler Geistesstörungen sei es kaum möglich, feste und unveränderliche Kriterien zu finden, die heilbare und unheilbare Kranke voneinander zu trennen vermochten. In einem im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz aufbewahrten Reisebericht von 1833 schreiben Martin Wilhelm Mandt (1800–1858), der spätere Leibarzt des Zaren Nikolaus I., und Carl Rust (1804–), Medizinalassessor und Privatdozent, über die Besichtigung von Irrenanstalten in verschiedenen Ländern. Von Damerow stammt die Begutachtung dieses Berichts, in dem es heißt: „Mit dem Prädikat der Unheilbarkeit beim Wahnsinne werfen die meisten Ärzte fast gewissenlos um sich […]. Der sogenannte unheilbare Irre wird ein lästiges Objekt für die Administrative […], zu seiner

24 Benjamin Appert, Voyage en Prusse ,dédié au roi Guillaume IV, zitiert nach Johann Gottfried Andrae, Das Urtheil des Herrn Appert über das hiesige Arbeitshaus in seinem Buche Voyage en Prusse beleuchtet von Andrae, Prediger an dieser Anstalt, in: Landesarchiv Berlin, Armendirektion A Rep 003-01: Akten betreffend die Errichtung des Arbeitshauses Vol I (1850–1855), Beilage. 25 Ebd., S. 4. 26 Ebd. 27 Vgl. Heinrich Philipp August Damerow, Statistische Nachrichten über die im Preußischen Staate bestehenden öffentlichen und Privat-Irren-Anstalten für das Jahr 1850, in: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, Bd. IX/2 (1852), S. 343.

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Heilung wird kein Versuch mehr gemacht, und dennoch zog die Natur vor die Grenzen der Heilbarkeit und Unheilbarkeit nirgendwo einen so dichten Schleier als gerade beim Wahnsinne; sind nicht unzählige Beispiele vorhanden, dass bei jahrelanger Dauer derselben, ein heftiger Gemüthseindruck […] alle Kunst der Ärzte, alle ihre Hypothesen und categorischen Aussprüche zu Schanden macht?“28 Damerow ließ 1845 im zweiten Jahrgang der von ihm herausgegeben Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie einen Bericht Langermanns aus dem Jahr 1804 und eine Verfügung Hardenbergs aus dem Jahre 1805 nachdrucken, um damit an die „edelsten triebkräftigsten Wurzeln des dermaligen Preußischen Irrenwesens“ zu erinnern und schickte diese Zeitschrift mit einem Hinweis auf die jetzigen unhaltbaren Zustände an den Preußischen König. Damerow glaubte sich – wie er 1846 schrieb  – des „lebendige(n) Interesse(s) Se. Majestät des Königs“ sicher. In seiner rückwärtsgerichteten, auf Liebe und Harmonie orientierten anthropologischen Überzeugung hoffte Damerow auf eine Hilfe „von oben“, obgleich gerade in jenen Jahren das liberale Bürgertum Berlins erstarkte und Adolf Glaßbrenner in seinem Report „Berlin und die Berliner“ provozierend schrieb: „In Preußen und Berlin liegt die Zukunft Deutschlands; auf das Heraustreten der Kraft Berlins wartet die neue Geschichte unseres Vaterlandes.“ Er fügt augenzwinkernd die Frage an: „Wann wird Berlin heraustreten?“ und antwortet mit einem Berliner Schlagwort jener Zeit: „Unter diesem König nicht!“29 Eine erkennbare Hilfe brachte Damerows Appell an den König erwartungsgemäß nicht. Rudolf Leubuscher (1821–1861) griff im Revolutionsjahr 1848 Apperts Kritik wieder auf. In der Wochenschrift Die medicinische Reform, die er zusammen mit Rudolf Virchow (1821–1902) herausgab, veröffentlicht er eine ungeschminkte Darstellung der unwürdigen Verhältnisse in Berlin: „Unserem Jahrhundert war es vorbehalten, die Irren aus ihren Gefängnissen zu erlösen. Allerorten in Deutschland entstanden Irrenhäuser als Krankenanstalten […]. Sachsen war vorangegangen. Auch in Preußen wurde die Sache mit Ernst in die Hand genommen. Die Provinzialstände in Schlesien, in Westphalen, am Rhein, in Posen […] haben dem Bedürfniss, für die Unglücklichsten der Menschen zu sorgen, durch großartige Anstalten genügt […]. Berlin, das sich immer gerühmt hat, die Metropole der Intelligenz zu sein, besitzt keine Irrenanstalt und ist in der Sorge für Irre weit hinter anderen Städten und Provinzen Deutschlands zurückgeblieben […]. An dem Fluch des Provisoriums, das sich immer und immer wieder durch die Jahre hinschleppt, ist eine gründliche Änderung bisher gescheitert.“30 Die Veränderungen der Irrenverhältnisse Berlins sah Leubuscher als Teilforderung einer revolutionären gesellschaftlichen Veränderung im Großen

28 Zitiert nach Hans Hoffmann, Ein Beitrag zur Geschichte der Psychiatrie, in: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, Bd. 103, (1935), S. 78. 29 Rudolf Presber, Adolf Glaßbrenner, Berlin und die Berliner, hrsg. anlässlich des 100. Geburtstages, in: Buntes Berlin, Berlin o. J., S. 60 und 62. 30 Rudolf Leubuscher, Die Irrenverhältnisse Berlins, in: Die medicinische Reform, Berlin 1848/49, Nachdruck, Berlin 1983, S. 119.

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mit einem Kernpunkt der Sicherung der Menschenrechte. „Die politische Umwälzung, die nur aus der Sehnsucht nach der endlichen Erfüllung der neugeborenen Menschenrechte hervorgegangen ist, hat die Wissenschaften aus ihrem halbwachen Zustande aufgerüttelt; die Stellung einer jeden Wissenschaft wird künftig nur von der Bedeutung abhängen, die sie für den Humanismus aus sich heraus zu entwickeln im Stande ist.“31 Für Leubuscher waren nicht die naturwissenschaftlichen Grundlagen für die Bewertung der Medizin entscheidend, sondern die Übernahme sozialer Verantwortung. In der Psychiatrie sei man sich der sozialen Seite des Faches seit Langem stärker bewusst als in anderen Bereichen der Medizin, die daher von der Psychiatrie lernen könnten. Mit der schonungslosen Darstellung der Irrenverhältnisse in Berlin sah Leubuscher im Zusammenhang mit der revolutionären Unruhe im Berlin des Jahres 1848 eine Chance zur Veränderung. Als Hintergründe, die zu dem erbärmlichen Zustand geführt hatten, nannte er nicht nur das Verhalten der kommunalen Behörden. So wies er darauf hin, dass auch von der Charité keinerlei Vorschläge für die Verbesserung der Irrenfürsorge Berlins ausgegangen seien. Karl Ludwig Ideler (1795–1860), der seit 1828 die Irrenabteilung der Charité leitete, und dem Karl Bonhoeffer 1940 neben einer „umfassende(n) Gelehrsamkeit und seltene(n) Begabung in Rede und Schrift“ eine „Lebensfremdheit“ mit „mangelnder Einflussnahme auf Versorgungsstrategien für psychisch Kranke“ attestierte, hatte sich aus der Diskussion des Problems vollkommen herausgehalten.32 Die städtische Seite ihrerseits befand sich in einem Dilemma. Die medizinische Betreuung der unvermögenden Bürger Berlins wurde bislang vollständig aus der königlichen Schatulle beglichen. Die Übernahme der medizinischen Betreuung von Irren durch die Stadt barg die Gefahr, das bislang gültige Finanzierungsgesamtkonzept ins Wanken zu bringen. Auch Standortfragen blieben unentschieden. Das Berliner Polizeipräsidium bevorzugte unter dem Aspekt der raschen Erreichbarkeit einen entsprechenden Neubau innerhalb der Stadt Berlin, während Staatsrat Langermann in einem umfangreichen Gutachten den Bau einer Irrenanstalt innerhalb einer größeren Stadt, deren Bevölkerung auch noch im Zunehmen begriffen ist, rundweg abgelehnt hatte und sich dabei zugleich mit Nachdruck gegen eine gemeinsame Versorgung von heilbaren und unheilbaren Irren aussprach. 1829 regte er den Kauf eines Grundstückes in Köpenick an, um dort eine Irrenanstalt ausschließlich für Unheilbare außerhalb Berlins zu errichten. Schon nach kurzer Zeit stellte sich aber heraus, dass das Gelände wegen des Mangels an Quellwasser zur Errichtung einer medizinischen Einrichtung überhaupt nicht geeignet war. Heinrich Damerow bevorzugte aufgrund seiner Erfahrung bei der Einrichtung von sogenannten „relativ verbundenen Irrenheil- und Pflegeanstalten“ in der Provinz Sachsen einen Neubau einer Königlichen Irrenheil- und Pflegeanstalt für Berlin und Potsdam, konnte sich aber mit seinem Appell an 31 Rudolf Leubuscher, Die Stellung der Psychiatrie zur Medicin, in: Die medicinische Reform, Berlin 1848/49, Nachdruck, Berlin 1983, S. 96. 32 Karl Bonhoeffer, Die Geschichte der Psychiatrie in der Charité im 19. Jahrhundert, Berlin 1940, S. 10.

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den König nicht durchsetzen, obwohl er als „Hilfsarbeiter im preußischen Kultusministerium“33 vom inzwischen (1840) verstorbenen Minister Stein zum Altenstein als Fachmann sehr geschätzt wurde. So blieb es bis 1848 beim alten Provisorium. Leubuschers bitteres Resümee listete auf: In der Charité befanden sich zu dieser Zeit etwa 130 heilbare Irre zusammen mit „Krätzigen, Syphilitischen und Gefangenen“ unter beengten Bedingungen in einem Haus „ohne Abtritte“ und ohne „einen besonderen Raum für Tobsüchtige“ in unmittelbarer Nähe des „Leichenhauses“, während etwa 88 unheilbare Irre Berlins weiterhin im städtischen Arbeitshause untergebracht werden mussten, „in einem Zustande, wie man ihn in den Schilderungen der mittelalterlichen Irrenhäuser antrifft, wie ihn Kaulbachs Gemälde in ergreifender Weise vor die Seele führt. Das Arbeitshaus ist das große Reservoir des Verbrechens und des tiefsten Elends. Fleissige, aber arme Arbeiter, die kein Unterkommen finden, Kinder die verwaist, weil ihre Eltern Verbrecher sind, Diebe und Gauner jeder Sorte; alles in einem Gebäude zusammen und zwischen ihnen … die unheilbaren Verrückten, ohne Trennung der Geschlechter, zusammengeschichtet mit anderen Hospitaliten (in einem Saale 91 Betten) und derselben Zucht und Lebensart unterworfen wie die anderen Bewohner.“34 Das revolutionäre Feuer der Jahre 1848/49 verpuffte rasch. Virchows und Leubuschers Zeitschrift Medizinische Reform musste ihr Erscheinen einstellen. Der Druck auf die Behörden aber blieb bestehen. Am 14. Dezember 1850 beriet auf Antrag des Abgeordneten Schultz die Armendirektion unter Leitung des Stadtrates Duncker die „Verhältnisse des Arbeitshauses“ und stellte einstimmig fest, dass „die gegenwärtige räumliche Einrichtung der verschiedene heterogene Bestandtheile umfassenden Anstalt so erhebliche Übelstände herbeiführt, daß eine schleunige und möglichst gründliche Reform dringendes Bedürfnis ist“35. Die Bekundung erfolgte einstimmig, obwohl einer der Teilnehmer in seinem Beitrag darauf hingewiesen hatte, dass die Verbindung des Armenhauses mit dem Arbeitshaus auch seine Vorteile habe, weil das „strenge Regime“ des Arbeitshauses geeignet sei, „von dem Zudrange“ zum Armenhaus „abzuschrecken“. Die daraufhin ausgesprochene Empfehlung der Kommission sah allerdings lediglich eine Verlegung des Arbeitshauses aus der Stadt vor. Diese Verlagerung gründete sich auf drei Argumente: 1. Das Interesse der öffentlichen Sicherheit verbiete „die Aufhäufung vieler gefährlicher und bestrafter Personen im Mittelpunkt der Stadt“, da dies „der öffentlichen Ordnung in unruhigen Zeiten Gefahr zu bringen nur zu sehr geeignet ist“. Die revolutionären Unruhen in Berlin 1848 wirkten bei Mitgliedern der Armendirektion hier offensichtlich noch nach. 2. Die Unterbringung in ländlichem Bereich ermögliche den Einsatz in der Landwirtschaft, was „im Interesse der Detinierten selbst“ liege, da es deren Gesundheit stärke. 33 Vgl. Winfried Berghof, Heinrich Damerow – ein bedeutender Vertreter der deutschen Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, Dissertation, Leipzig 1990, Thesen, S. 2. 34 Rudolf Leubuscher, Die Irrenverhältnisse Berlins, S. 142. 35 Landesarchiv Berlin, Armendirektion Rep 003-01 Volumen I (1850–1855), S. 3.

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3. Die Auslagerung liege auch im finanziellen Interesse, da man die zentral gelegenen Gebäude „bei günstiger Conjunctur“ gut veräußern könne, die Anlage eines neuen Gebäudes außerhalb aber billig und somit eher ein finanzieller Gewinn zu erwarten sei. In diesem Zusammenhang muss darauf verwiesen werden, dass in jener Zeit die Mehrheit der Experten für eine Betreuung von Geisteskranken Einrichtungen außerhalb der Städte, in „ländlichen Gefilden“ empfahl. Als der Psychiater Heinrich Hoffmann, der uns allen vom Kinderbuch Struwwelpeter her bekannt ist, im Jahr 1853 die Verlegung der im Stadtgebiet von Frankfurt am Main liegenden „Anstalt für Irre und Epileptische“ ins Umland beantragte, fügte er seinem Antrag die schriftliche Befürwortungen der damals bedeutendsten Fachleute der Irrenversorgung Maximilian Jacobi (Siegburg), Christian Friedrich Roller (Illenau) und Albert Ernst von Zeller (Winnenthal) an. Alle drei begründen nachdrücklich die Auslagerung der Anstalt.36 Der Berliner Magistrat lehnte die Empfehlung zur Verlegung des Berliner Arbeitshauses mit den dort betreuten Geisteskranken aufgrund der „finanziellen Lage der Stadt“ rundweg ab, zumal er die Besorgnis hege, „bei der noch immer vorherrschenden Unlust zu großen Unternehmungen, die alten Gebäude nicht preiswürdig veräußern zu können“. Das Provisorium blieb bestehen. Leubuscher, von 1851 bis 1856 Oberarzt am „Arbeitshaus“, nutzte nunmehr seine jährlichen „ärztlichen Berichte“ über die Einrichtung, um auf die bestehenden Mängel aufmerksam zu machen. Allerdings fand Leubuscher mit seinen kritischen Hinweisen wenig Unterstützung. Der 1845 zum „correspondierenden Mitglied der Königlichen Preußischen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt“ ernannte Geheime Medizinalrat Damerow äußerte sich in seinem kritischen Kommentar an den im Jahr 1852 herausgegebenen „Statistischen Nachrichten über die im Preussischen Staate bestehenden öffentlichen und Privat-IrrenHeilanstalten“ zur Situation in Berlin verharmlosend und auffallend zurückhaltend. Abschließend fasste der Bericht zusammen: „Es ist der Ruhm der Preussischen Regierung, dass dieselbe in Betreff der Irrenanstalten in keiner Weise irgendeinem andern Staate nachsteht.“ Allerdings sei das, so Damerow, „nur freudige Verheißung. Denn […] Brandenburg incl. der Hauptstadt des Reiches (hat) noch keine einzige zweck- und zeitgemässe Irrenheilanstalt, und Berlin sogar noch keine andere Irrenpflegeanstalt als im Arbeitshausverbande.“37 Damerows Beurteilungen der „ärztlichen Berichte“ Leubuschers sparen die darin aufgeworfene allgemeine Problematik vollständig aus. Offensichtlich hielt Damerow von Leubuscher nicht viel. Die Ansichten des aus einem strenggläubigen jüdischen Elternhaus stammenden Sozialreformers Leubuscher und des Mitarbeiters des Königlich Preußischen Kultusministeriums und Geheimen Medizinalrats Damerow

36 Vgl. Heinrich Hoffman, Schriften zur Psychiatrie, Frankfurt am Main 1990, S. 67 ff. 37 Heinrich Damerow, Herausgeberkommentar in der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, Bd. 9 (1852), S. 343.

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gingen besonders in den möglichen sozial-politischen Auswirkungen psychischer Störungen auf die Gesellschaft weit auseinander. Es war zwischen beiden daher zu einer wissenschaftlichen Kontroverse in der Fachpresse gekommen. 38 Die Kritik der Betreuung von psychisch Kranken im Berlin jener Jahre umfasste allerdings, wie schon erwähnt, nicht nur die prekäre Situation im kommunalen Bereich, sondern bezog bis in die 1860er Jahre auch die Bedingungen in der Irrenabteilung der Charité mit ein. Einen Eindruck von der Situation an der Charité vermitteln beispielsweise die Schilderungen eines Hilfslehrers am Gymnasium zum Grauen Kloster, August Ladendorf, der angeblich wegen „politischer Umtriebe“ verhaftet und in die Irrenabteilung der Charité eingewiesen worden war: „Nach der Einlieferung in die Irrenabteilung wurde ich warm gebadet und kalt abgebraust. Als ich in den Krankensaal zurückgebracht wurde, sah ich auf dem langen Gange, wie Wärter und Kranke rauchten und Karten spielten. Die Betten bestanden aus Strohsäcken, Laken und Decke. […] An der Thür sah ich einen Eimer mit Wasser, woraus von Zeit zu Zeit zum Trinken geschöpft wurde. Auch ich tat es. Als ich aber nochmals Wasser schöpfen wollte, fielen zwei Wärter über mich her, stauchten mich auf die Erde und schleppten mich in einen anderen Raum. Man setzte mich unangekleidet, wie ich war, auf einen großen Stuhl. […] Ein Riemen kam um den Leib, ein anderer um die Brust und endlich je einer um Ober- und Unterarm. […] Den nächsten Tag wurde ich an Händen und Füßen gebunden in ein heißes Bad gelegt und erhielt dabei die starke Brause ins Gesicht und auf den Kopf. […] so dass ich mich am nächsten Tag weigerte, ins Bad zu gehen, worauf man mich in eine Zwangsbettstelle spannte. […] Bäder und Duschen sollten helfen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die moralische Wirkung der Furcht, des Schreckens. Professor Ideler hat sich in diese moralische Heilmethode so hineingesteigert, dass er jedes seiner spezifischen Mittel […] mit einem gewissen Tone der Drohung zugleich als moralische Strafe verordnet. […] Die Wärter wurden erbärmlich bezahlt. […] Die Schlafsäle werden nicht geheizt.“39 Am 11. März 1853 griff die Vossische Zeitung wiederholt die Probleme in der Versorgung der Geisteskranken im kommunalen Bereich auf und berichtete, die Kommune habe 1850 vor allem wegen der auferlegten Kosten einer Mobilmachung nichts unternehmen können. Nun werde vorgeschlagen, das Thema neu anzugehen. Diese Diskussion in der Vossischen Zei­ tung war offenbar durch ein „Offenes Sendschreiben“ von Heinrich Laehr (1820–1905) ausgelöst worden. In diesem Sendschreiben an den Magistrat der Stadt Berlin hatte Laehr 1853 den „unbefriedigenden, eigenthümlichen Zustand des Irrenwesens in Preußens Hauptstadt“ scharf kritisiert und nunmehr konkret den Neubau einer Berliner Irrenanstalt gefordert, in die nach

38 Rudolf Leubuscher, Über psychische Epidemien und politischen Wahnsinn, in: Robert Prutz (Hrsg.), Deutsches Museum, 5. H. (1852). Entgegnung bei Heinrich Damerow, Besprechung des Artikels von Leubuscher in: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, Jg. 9 (1852), S. 500. 39 Zitiert nach Richard Brachwitz, Die Geisteskrankenbetreuung in Alt-Berlin bis zur Wende des 19. Jahrhunderts in: Zeitschrift für psychische Hygiene, Bd. 13 (1940), S. 14.

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seiner Auffassung sowohl heilbare wie unheilbare Geisteskranke aufgenommen werden sollten. Auch ein neuer Bericht der Armendirektion vom 20. Juli 1852 beklagt nachdrücklich die Verhältnisse: „Während für die ehrbare hochbetagte Armuth ein allen Anforderungen entsprechendes Asyl eröffnet wurde, blieb doch jene unglückliche Menschenklasse, deren Thränen – wie unser Bericht vom 22. Juni 1828 sich ausdrückt – niemals trocknen, denen bei ihrem Leiden auch noch die Hoffnung abgeht, dass es sich hienieden ändern werde, es blieben die unheilbar Kranken und Armen unberücksichtigt.“40 Die Stadt fasste daraufhin noch im gleichen Jahr einen sehr allgemein gehaltenen Beschluss, der den Bau einer Irrenanstalt in Berlin vorsah, aber genauere Details offen ließ. In einer Beratung der Armendirektion am 9. April 1853 wurde der Punkt „Errichtung eines Irren- und Siechenhauses“ zwar aufgenommen, aber „mit Rücksicht auf die Staatsbehörden“ das Thema nicht weiter besprochen.41 Hintergrund war wiederum, dass die Übernahme „heilbarer Irrer“ in die städtische Verantwortung die gesamte bisherige Versorgungsstrategie der Stadt infrage gestellt hätte. Die Vossische Zeitung erinnerte schon am 31. März 1853 daran, dass nach wie vor alle Krankenhauspflege der Armen der Stadt aufgrund der „Munificienz unseres Königs“ bisher „kaum eine höhere Summe in Anspruch nimmt, als selbst von Mittelstädten in der Regel hierfür aufgewendet zu werden pflegt“.42 Der König finanzierte „unter Aufwendung eines Kapitals von mehr als anderthalb Millionen Thalern“ die Pflege aller unvermögenden Kranken in „vorzüglich eingerichteten Krankenhäusern“, die der Stadt ohne finanzielle Beteiligung zur Verfügung standen. „Die (königliche) Charité gewährt der Stadt jährlich kostenfrei 100.000 Verpflegungstage zum Werthe von ca. 29.000 Thalern“ hieß es in der Zeitung, „und verpflegt außerdem unentgeltlich die der hiesigen Commune angehörigen armen Geisteskranken.“ Besonders der „Gemeinde Verordnete Geheimer Rath Dr. Esse“ von der Charité warnte in diesem Zusammenhang vor voreiligen Beschlüssen, die das ganze finanzielle Gefüge zum Einsturz und der Stadt hohe Kosten hätten bringen können. Die Vossische Zeitung kommentierte: „Diese Argumente […] wurden an competenter Stelle […] bei der Erwägung des jetzt mehrfach hervorgetretenen Projekts wegen Erbauung mehrerer eigener städtischer Krankenhäuser mit großer Lebendigkeit geltend gemacht und hiermit überhaupt das Bedürfnis zur Ausführung des Projekts bestritten.“ In einem Briefwechsel zwischen der Direktion der Königlichen Charité und dem Magistrat (April/Mai 1853)43 wird auf die „gegenwärtige“ „Dis­ kussion in der Öffentlichkeit“ eingegangen, wobei die Direktion der Charité eher in Erfahrung zu bringen versuchte, was die Stadt vorhatte. In seiner Antwort signalisierte der Magistrat Bereitschaft, auf „andere Vorschläge des Herrn Staatsministers eingehen zu wollen“, wenn dieser den Bau ei40 Landesarchiv Berlin, Armendirektion Rep 003-01 Vol. I (1850–1855), S. 13: Bericht der Armendirektion an den Magistrat vom 20. Juli 1852 Reg.-Nr. 2942 (Unterstreichung im Original, H. L.). 41 Ebd., S. 49, 49a und 50. 42 Ebd., S. 52 und 52a. 43 Ebd., S. 58.

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Herzberge (Leseprobe)  

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