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Juli 2009

Verlag Bayerischer Monatsspiegel | 45. Jahrgang 2009 | Postvertriebsstück 69234 | ISSN 1860-4561 | Einzelpreis 7,50 EUR

Ausgabe 152

Titelthema: Energie ist Leben Bernhard Vogel: Deutschlands Erfolgsgeschichte Hugo Müller-Vogg: Neue Berliner Farbenlehre Alois Glück: Konservativ hat Zukunft Hubert Markl: Ewiger Kampf um Energie K.-T. zu Guttenberg: Effizienz schafft Märkte Martin Zeil: „Wir bekennen uns zur Kernenergie“ Jürgen Großmann: Der Hunger wächst Peter Schmalz: Mutig in eine bessere Zukunft Hannes Burger: Vom Heiraten und Hinrichten


EDITORIAL

Der Fusionsreaktor könnte alle Energieprobleme lösen.

Energie ist Leben. Eigentlich ist das selbstverständlich. Doch hinterfragt man die Bedeutung, entfalten diese drei Worte eine Fülle von Ansatzpunkten, Erkenntnissen und Forderungen. Hubert Markl weist in seinem einführenden Artikel darauf sehr eindringlich hin. Alle rufen zum Energiesparen auf. Sind sich die Menschen, die Politiker, aber darüber klar, dass Menschen eigentlich geborene Energieverschwender sind? Energiesparen ist also Handeln gegen die uns angeborene Natur. So etwas fällt besonders schwer. Ist uns auch klar, dass wir für unsere weitere Entwicklung immer mehr Energie brauchen? Auch dann, wenn wir sparen? Unsere Energieunternehmen müssen also nicht nur die sichere Stromversorgung gewährleisten, sondern weit in die Zukunft blicken auf Suche nach neuen Energiepotenzialen. Der Artikel von Prof. Bradshaw über die Kernfusion weist auf eine besonders reizvolle Alternative hin. Gelingt es uns wirklich, die Sonne auf diese Weise anzuzapfen, stehen uns unerschöpfliche Energiequellen zur Verfügung. Die Arbeit an diesem Heft hat vor allem gezeigt: Es gibt vielfältige Ansätze, die fossilen Energiequellen zu ersetzen, aber noch keine befriedigenden Lösungen. Wir müssen also den Fokus gerade auf diese neuen Ansätze richten. So wichtig das Einsparen von Energie ist, so sehr muss uns bewusst bleiben, dass dies ein

ewiger Kampf gegen die menschliche Natur ist. Das ist bekanntermaßen immer ein sehr schwieriges Unterfangen. Da wir die Lösung für unser Energieproblem nicht kennen, müssen wir unsere stärkste Kraft einsetzen: Die Freiheit. Nur wenn auf allen Ebenen möglichst frei nach neuen Energiequellen, nach neuen Lösungen gesucht werden kann, wird sich eine Lösung finden lassen. Prof. Mannhart, ein „freier Forscher“, hat mit seinen Untersuchungen im Bereich der „Supraleitung“ ein wichtiges Kapitel für die wirtschaftliche Nutzung der Energie aufgeschlagen. Dieses Kapitel hat lange darauf gewartet, von der Wirtschaft gelesen und genutzt zu werden. Nun scheint es durch das aus Bayern angestoßene Projekt, Solarstrom aus der Sahara zu uns zu holen, die notwendige Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Ihr

Prof. Dr. Walter Beck Präsident Peutinger-Collegium

Titelseite Energieströme bestimmen unser Leben und schaffen Wohlstand.

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INHALT

Aktuelles Editorial

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Kurz gemeldet

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Titelthema Energie ist Leben

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Vorschau Heft 153 hat den Schwerpunkt Franken und Metropolregion Nürnberg mit Berichten über: Nürnberg und China · Die fränkische Wirtschaft · Franken in Europa (Interview mit Monika Hohlmeier) · Erlangens OB Siegfried Balleis: Die Erfolgsregion · Genuss mit Wein und Bier Sonderthema Tschechien: Tschechiens Staatspräsident Václav Klaus beim Peutinger Collegium · Dr. Peter Gauweiler zum Spannungsfeld Europa

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Politik&Wirtschaft

Energie ist Leben

Bernhard Vogel Die Länder schaffen sich einen Bundesstaat

Hubert Markl Ewiger Kampf um Energie

| 28

Karl-Theodor zu Guttenberg Effizienz schafft neue Märkte

| 33

| 6

Wolfram Weimer Keine Sonntagsrede zum 60. Geburtstag

| 10

Hugo Müller-Vogg Die neue Berliner Farbenlehre: Alles ist möglich

| 12

Interview mit Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil „Wir bekennen uns klar zur | 34 Kernenergie“ Hans-Jörg Bullinger Autoindustrie unter Strom

| 38

| 14

Thomas Klür Sparen beim Fliegen

| 40

Julius Beck Auch Derrick ging zu Europol

| 17

Eva Moser Weiße Kohle und schwarzes Gold | 42

Alois Glück Konservativ hat Zukunft

| 18

Alexander M. Bradshaw Das unerschöpfliche Fusionsfeuer | 45

Peter Schmalz Jubel und Jammer

| 20

Marianne E. Haas „Mein Beruf ist mein Leben“

| 22

Wolfgang Spindler Wer ist schuld am komplizierten Steuerrecht?

Reuschel & Co. Marktkommentar | 26 „Buchstabensalat“

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INHALT

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78

Energie ist Leben

Bayern&Kultur

Leben&Genießen

Jochen Mannhart Gewaltig Strom sparen mit Quantenphysik

Peter Schmalz Mutig in eine bessere Zukunft

| 68

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Blühendes Landshut

| 69

Strom aus der Sahara

| 51

Ein Schatz hinter bunten Stäben

| 69

Jürgen Großmann Der Hunger wächst

| 52

Ausstellung 400 Jahre Bayern und China

| 70

Die Jungen Peutinger Begegnung mit dem Islam

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Hannes Burger Gaudi beim Heiraten und Hinrichten

| 76

Ulrich Gräber Kernenergie – eine gute Grundlagefür wirtschaftliches Wachstum

| 55

Walter Hohlefelder Das uneingelöste Versprechen der Politik

| 58

Für Sie gelesen

| 80

Wärme ohne Ende

| 60

Geothermie: Schatz aus der Erde

| 62

Bundeswehr Brücken über den Fluss und zu den Menschen

| 82

Solarprojekt Sonne füllt die Gemeindekasse

| 64

Die Glühlampe erlischt

| 66

Forschen am Gashahn

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Hans-Joachim Epp Vom Hexenhaus zum Schlemmerhof

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Vorschau Veranstaltungen des Peutinger Collegiums

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Weitere Themen im Heft 153: Ministerpräsident Horst Seehofer im Wahlkampf · Erfolg mit Prinzipientreue: Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg · Interview mit Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland · Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur Landwirtschaft zwischen Tradition und Fortschritt – und vieles mehr.

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POLITIIK & WIRTSCHAFT

Bernhard Vogel

Eine deutsche Erfolgsgeschichte dank oder trotz des Föderalismus?

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Bilder: Bayer. Pressebild / Haus der Bayerischen Geschichte

Die Länder schaffen sich einen Bundesstaat


60 Jahre Bundesrepublik Deutschland: Eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Keiner aus der Nachkriegsgeneration hätte sie für möglich gehalten, hätte sie vorausgesehen. Ein durch den Zweiten Weltkrieg weithin zerstörtes Land ist wiederaufgebaut worden. Zwölf Millionen Flüchtlinge haben eine zweite Heimat gefunden. In Europa und der Welt nimmt die Bundesrepublik längst einen geachteten Platz ein. Wir sind in die Völkergemeinschaft zurückgekehrt – früher als wir es angesichts des Leides, das in deutschem Namen und von Deutschen verschuldet worden ist, erwarten konnten. Seit mehr als 60 Jahren lebt unser Volk nicht nur in Frieden, sondern in der alten Bundesrepublik auch in Freiheit. 1989 ist die Sehnsucht der Bürgerinnen und Bürger im östlichen Teil Deutschlands, dieser Freiheit teilhaftig zu werden, in Erfüllung gegangen – durch eine friedliche Revolution. 60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre wiedervereinigtes Deutschland haben uns mehr Frieden, Freiheit, Wohlstand, Sicherheit und Stabilität beschert als je zuvor in der deutschen Geschichte. Am Anfang standen Grundentscheidungen, die diese Erfolgsgeschichte möglich machten – stand vor allem eine Verfassung, die die Unantastbarkeit der Menschenwürde als zentrale Kernaussage, als ersten Satz im ersten Artikel an ihren Anfang setzt und daraus verbindliche Freiheits- und Teilhaberechte ableitet, die die Demokratie, den Rechts- und Sozialstaat und den Föderalismus als unabänderliche Prinzipien festschreibt. Artikel 20 Grundgesetz definiert die Bundesrepublik Deutschland als „Bundesstaat“. Artikel 79 Absatz 3 stellt die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung unter Ewigkeitsgarantie. Artikel 1 und Artikel 20 zu ändern, ist nicht zulässig. Kein anderes Organisationsprinzip des Staates ist verfassungsrechtlich eindeutiger auf Dauer angelegt als der Föderalismus. Die Weichenstellung zugunsten einer föderalen Neuordnung Deutschlands erfolgte früh. „Dezentralisierung der politischen Strukturen“ hieß eines der zentralen Ziele der Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945. Deutschland wurde in Besatzungszonen eingeteilt – ursprünglich in drei, nach heftigem Protest der Franzosen in vier Zonen. Länder entstanden, Wahlen fanden statt. Bereits 1946 begann man mit der Ausarbeitung von Landesverfassungen.

Hauptsache ein Dach überm Kopf: Mittagessen in einem Münchner Haus ohne Wand (1946).

mer mit Vertretern der Landesregierungen und einem gewählten Exekutivorgan, dem Verwaltungsrat, dem unter anderem Ludwig Erhard angehörte. Am Tag nach der von den Besatzungsmächten verordneten Währungsreform – die D-Mark trug die Aufschrift „Bank Deutscher Länder“ – hat er die Preisbewirtschaftung und die Preisbindung aufgehoben: Das Startsignal für den Siegeszug der Sozialen Marktwirtschaft. Im April 1949 – immerhin fast vier Jahr nach Kriegsende – erlaubte die französische Besatzungsmacht auch den Ländern ihrer Zone – Südbaden, WürttembergHohenzollern und Rheinland-Pfalz – den Beitritt. Der Schlager „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ erfreute sich großer Beliebtheit. Die von Ministerpräsident Hans Ehard im Juni 1947 nach München einberufene Konferenz aller deutschen Ministerpräsidenten scheiterte spektakulär. Schon auf eine Tagesordnung konnte man sich nicht einigen. Es sollte 43 Jahre dauern, bis man wieder zusammen kam. Die Länder wollten den Wiederaufbau in Gang bringen und ein Gefühl einer gemeinsamen nationalen Kontinuität vermitteln. Sie entwickelten ein der Not gehorchendes Eigenleben und bemühten sich zugleich um nationalen Zusammenhalt. Die Ministerpräsidenten waren in

Die Sowjetunion hielt zunächst an der Einheit Deutschlands fest. Ganz Deutschland sollte kommunistisch werden. 1946 lautete die Parole der SED: „Einheit bedeutet Aufstieg, Föderalismus Niedergang!“ Für die DDR schrieb Johannes R. Becher eine neue Hymne: „Deutschland einig Vaterland.“ Später durfte der Text nicht mehr gesungen, in der Schule nicht mehr gelernt werden. In Westdeutschland entstanden erste gemeinsame Organe: Der Länderrat der amerikanischen Besatzungszone für Bayern, Württemberg-Baden, Hessen und Bremen am 6. November 1945, der Zonenbeirat der britischen Zone – Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg – am 15. Februar 1946. Ende Mai 1947 wird der Wirtschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebiets gebildet – eine gemeinsame Institution der Länder der amerikanischen und britischen Zone mit beschränkten eigenen Kompetenzen. Er bestand aus einem parlamentarischen Gremium mit Landtagsdelegierten, aus einer Länderkam-

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Es geht wieder vorwärts und aufwärts: Im Kabinenroller aus Regensburg über die Alpen nach „Bella Italia“.

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POLITIK & WIRTSCHAFT diesen ersten Jahren die Schlüsselfiguren der deutschen Politik. Selbstbewusst verstanden sie sich als „Treuhänder der noch organlosen deutschen Staatssubstanz“ (Carlo Schmid). Am 1. Juli1948 überreichten die drei westlichen Militärgouverneure den Ministerpräsidenten die „Frankfurter Dokumente“. Auf dem Rittersturz bei Koblenz – man traf sich mit Bedacht in der französischen Zone – berieten sie ihre Antwort. Auch Parteivorsitzende waren nach Koblenz geeilt. Nur zu den Beratungen zugelassen wurden sie nicht. „Ich wehre mich dagegen, dass Personen an dieser Sitzung teilnehmen, die rein zufällig hier sind. Hier tagen Ministerpräsidenten“, so der gastgebende Peter Altmeier. Wohl oder übel musste selbst Konrad Adenauer in der Wohnung von Adolf Süsterhenn warten, bis die „Zaunkönige“, wie er die Ministerpräsidenten bei dieser Gelegenheit despektierlich nannte, mit ihren Beratungen zu Ende waren. Die Ministerpräsidenten erklärten sich gegenüber den Westalliierten bereit, ein Grundgesetz, aber keine Verfassung zu entwerfen, einen Parlamentarischen Rat, aber keine Nationalversammlung einzuberufen. Und sie wehrten sich dagegen, dieses Grundgesetz durch eine Volksabstimmung bestätigen zu lassen. Sie wollten die Ablösung der Besatzungsherrschaft, aber die Gründung eines „Weststaates“ wollten sie auf jeden Fall verhindern. Die Furcht war groß, durch die „Einberufung einer Verfassungsversammlung zur deutschen Teilung beizutragen“ (Max Brauer). Wochen später, auf der Ministerpräsidentenkonferenz in Niederwald bei Rüdesheim überwand Ernst Reuter, der Bürgermeister von Groß-Berlin, der als Gast dazu geladen war, die Bedenken: „Die Spaltung wird nicht geschaffen, sie ist schon vorhanden.“ Die Gründung eines westdeutschen Staates übe – so meinte er – eine magnetische Wirkung auf die Ostzone aus. In Niederwald wurde zwar nicht rechtlich, aber doch politisch die Option für den Westen und gegen Stalin vorgeformt: Freiheit vor Einheit, die Freiheit wird zur Einheit führen! Die Alliierten erklärten sich mit „Grundgesetz“ und „Parlamentarischer Rat“, mit der Delegation der Mitglieder des Parlamentarischen Rates durch die Länderparlamente, einverstanden. 61 Männer und vier Frauen traten am 1. September 1948 in Bonn zusammen. Die meisten von ihnen verfügten über ein Landtagsmandat. Sehr viele brachten reiche Erfahrungen aus der Weimarer Republik mit. Im Unterschied zur Weimarer Nationalversammlung von 1919, der die Reichsämter aus der Kaiserzeit zur Verfügung standen, fehlte dem Parlamentarischen Rat ein zentraler Regierungsapparat, der Entwürfe und Formulierungen hätte erarbeiten können. Eine Vorgabe – wie den Entwurf zur Weimarer Nationalversammlung von Hugo Preuß – gab es nicht.

Der glücklichste Moment in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Am 9. November 1989 tanzen die Menschen auf der Berliner Mauer. Elf Monate später ist Deutschland wiedervereint.

Rats von Bedeutung sein sollten. Das Ergebnis des Konvents war eine „Art Regierungsvorlage der Ministerpräsidenten“. Von den Parteien war schon die Zusammensetzung des Konvents mit Beauftragten der Länder kritisiert worden. Die SPD sprach vom „Chiemsee-Ausschuss“ als einer privaten Vereinbarung der Ministerpräsidenten. „In den Papierkorb“ war die Reaktion der SPD-Spitze aus Hannover auf den Bericht. Weniger direkt, aber eindeutig fiel die Antwort Adenauers aus: In „dankenswerter Weise“ hätten die Ministerpräsidenten „versucht“, Material für den Parlamentarischen Rat bereitzustellen. Man könne es „völlig frei verwerten“. Der Klimawandel von Herrenchiemsee nach Bonn habe sich offenbar ausgewirkt, meinte der Staatsrechtler Hans Nawiasky, einer der Väter der Bayerischen Verfassung von 1946. Der Festakt zur Eröffnung des Parlamentarischen Rates fand im Lichthof des Bonner Museums König statt. Es sprachen die Ministerpräsidenten Karl Arnold (Nordrhein-Westfalen) und Christian Stock (Hessen). Die Abgeordneten kamen erst zu Wort, nachdem man sich an die Arbeitsstätte, die Pädagogische Akademie am Rhein, begeben hatte. Im Mai 1949 billigten die Landtage von zehn Ländern das Grundgesetz. Allein Bayern, das nachhaltigen Einfluss gerade auf die föderale Struktur der Verfassung genommen hatte, lehnte ab, erklärte sich aber bereit, das Grundgesetz auch für Bayern anzuerkennen. In der Schlusssitzung des Parlamentarischen Rates am 23. Mai 1949 unterschrieben zunächst die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, dann die Regierungschefs und die Landtagspräsidenten das Grundgesetz. Anschließend verlas Präsident Adenauer einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung

Der Herrenchiemseer Konvent traf verfassungspolitische Grundentscheidungen, die für die Arbeit des Parlamentarischen

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Karikatur: Horst Haitzinger

Auf Initiative Bayerns beriefen die Ministerpräsidenten einen Verfassungsausschuss. Jedes Land (es waren elf: Der SüdwestStaat bestand noch nicht und das Saarland war noch nicht wieder ein deutsches Land) und Berlin entsandten einen Bevollmächtigten an einen „ruhigen Ort nach Bayern“, nach Herrenchiemsee. Von Bayern kam der erste, deutlich föderalistische Vorentwurf: „Bayerische Leitgedanken für die Schaffung des Grundgesetzes“. Geburtsstunde und Schampus zum 60sten!

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POLITIK & WIRTSCHAFT von Groß-Berlin, die sich „zu den Prinzipien und Zielen des vom Parlamentarischen Rat ... beschlossenen Grundgesetzes“ bekannte. Dafür unterschrieben Oberbürgermeister Ernst Reuter und Stadtverordnetenvorsteher Otto Suhr. Bis zur Herstellung der Deutschen Einheit im Oktober 1990 durfte Berlin keine stimmberechtigten Mitglieder in den Bundestag und den Bundesrat wählen. Das Berliner Abgeordnetenhaus wählte Vertreter in den Bundestag, die kein volles Stimmrecht besaßen. Ihr Stimmverhalten wurde gesondert festgestellt und im Ergebnis nicht mitgerechnet. Entsprechendes galt für die vier Vertreter Berlins im Bundesrat. Alle Beschlüsse beider Kammern wurden vom Berliner Abgeordnetenhaus übernommen. Die Ministerpräsidenten bestimmten den 14. August 1949 als den Tag der ersten Bundestagswahl und beriefen den Bundestag für den 7. September 1949 nach Bonn ein. Kein Zweifel: Die Länder haben den Bund geschaffen. Sie sind nicht des Bundes Länder. Das Wort „Bundesrepublik“ findet sich im Grundgesetz, das Wort „Bundesländer“ nicht. In der Präambel des Grundgesetzes hieß es: „…hat das Deutsche Volk in den Ländern … um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben, kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Es hat auch für jene Deutschen gehandelt, denen mitzuwirken versagt war.“ „Eine Regierungsform des föderalistischen Typs“ zu schaffen, haben die Westalliierten in den bereits erwähnten Frankfurter Dokumenten vorgegeben. Aber die Ministerpräsidenten und die Mütter und Väter des Grundgesetzes entschieden sich ihrerseits, vor allem unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Einheitsstaats, für eine föderale Staatsform.

60 Jahre Leben in Frieden Bei einem Festakt im Bayerischen Landtag würdigte der frühere Münchner Oberbürgermeister und ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel die 60 Jahre Grundgesetz und zog ein positives Resümee: „Aus unserer jüngeren Geschichte können wir Zuversicht und Mut schöpfen.“ Hier ein Auszug aus Vogels Rede: Das Grundgesetz – auf das übrigens nach dem Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten seriösen Untersuchung 74 Prozent unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger stolz sind - war eine substantielle Voraussetzung für die Entwicklung der Bundesrepublik und hat ihre bisherige Geschichte geprägt. Natürlich bietet diese Geschichte auch genügend Anlässe zur Kritik. Aber ich sehe nicht ein, warum stets die Kritik und das Negative in den Vordergrund gerückt werden sollte. Das geschieht ohnehin häufig genug. Deshalb bekenne ich: Für mich ist die bisherige Geschichte der Bundesrepublik gerade auf dem Hintergrund der vorausgegangenen Jahre des NS-Gewaltregimes eine Erfolgsgeschichte, für die es in unserer Historie kaum eine Parallele gibt. Als Stichworte nenne ich nur den Wiederaufbau der vom Luftkrieg zerstörten Städte, die Eingliederung von über zwölf Millionen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, den wirtschaftlichen Wiederaufstieg aus Not und Elend, der uns noch im letzten Jahrhundert zur weltweit führenden Export- und Handelsnation werden ließ, und den schrittweisen Ausbau eines sozialen Sicherungssystems, die baldige Rückkehr

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Dr. Bernhard Vogel, der um fast sieben Jahre jüngere Bruder des ehemaligen SPDVorsitzenden Hans-Jochen Vogel, ist seit Anfang der 60er Jahre CDU-Mitglied. Als einziger deutscher Politiker war er Ministerpräsident in einem alten und in einem neuen Bundesland: Erst als Nachfolger von Helmut Kohl 12 Jahre in Rheinland-Pfalz, dann nach der Wende 11 Jahre in Thüringen. Vogel ist Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Eine der wichtigsten Lehren aus der jüngsten Vergangenheit liege, so Peter Altmeier bereits 1947, darin, sich von der „unitarisch-nationalistischen“ Tradition zu lösen. Preußen existierte nicht mehr! Unserem Grundgesetz liegt das Modell einer gemischten Verfassung zugrunde. Das heißt, die Macht ist geteilt. Nicht so, wie Montesquieu es in seiner Theorie dogmatisch entwickelt hat. Sondern so, „dass die Organe der Legislative, Exekutive und Judikative sich gegenseitig kontrollieren und begrenzen, damit die Staatsmacht gemäßigt und die Freiheit einzelner beschützt wird“ (BVerfG). Die föderale Ordnung des Grundgesetzes bekennt sich zu einer Gewaltenteilung zwischen Bund und Ländern. Sie will dem Zentralismus wehren, will Macht begrenzen, will Macht kontrollieren. Das mag mitunter beschwerlich sein und gelegentlich sogar sehr beschwerlich. Es kostet Zeit, aber es schützt die Freiheit. Die föderale Ordnung zieht Konsequenzen aus den unglücklichen zentralistischen Phasen der deutschen Geschichte. ■ Die Bilder auf den Seiten 6 und 7 stammen aus der Landesaustellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“ in Würzburg (siehe auch die Seiten 64 bis 66).

in die Völkergemeinschaft, das Wachsen demokratischer Strukturen, die Westintegration, die Ostpolitik und den durch sie ermöglichten Helsinki-Prozess, die Zeit der inneren Reformen und der Integration wesentlicher Teile einer sehr kritisch gewordenen jungen Generation, die schrittweise – aber noch keineswegs abgeschlossene – Realisierung des Gleichberechtigungsprinzips, die Wahrung der staatlichen Schutzfähigkeit gegenüber den terroristischen Anschlägen der RAF, das wachsende Umweltbewusstsein, die spät beginnende, dann aber zunehmend intensivere Auseinandersetzung mit der Ideologie und den Verbrechen des NS-Gewaltregimes, die Rückkehr der jüdischen Gemeinschaft in die Mitte unserer Gesellschaft, die friedliche Revolution in der seinerzeitigen DDR, die ohne einen Tropfen Blutvergießen siegte, und den Fall der Mauer, das Zustandekommen der deutschen Einheit und nicht zuletzt den Fortgang der europäischen Einigung, dem wir ganz wesentlich verdanken, dass wir seit über sechzig Jahren in Frieden leben. Deshalb kann ich nur immer wieder betonen: Wenn uns einer all das 1945 in der Kriegsgefangenschaft so vorausgesagt hätte - wir hätten ihn schlichtweg für verrückt erklärt. ■

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Wolfram Weimer

Keine Sonntagsrede zum 60. Geburtstag

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POLITIK & WIRTSCHAFT Liebe Bundesrepublik, hörst Du die Sonntagsreden zu Deinem 60. Geburtstag? Sie würdigen Dich und loben Dich. Und doch klingt es ein wenig nach sachlicher Romanze, findest Du nicht auch? Der Jubiläumston hat etwas von Preisverleihung an verdiente Abteilungsleiter. Bemüht, bieder, ein wenig dunkel. Mehr Pflicht als Licht. Ja, einige mäkeln auch an Dir herum und finden Dich nicht mehr so ganz zeitgemäß. Sie wollen Deine DNA überarbeiten, das Grundgesetz also, als seiest Du irgendwie zu alt und bräuchtest mal eine Frischzellenkur. Franz Müntefering zum Beispiel hat ja so eine besondere Art, mit dem Alter umzugehen, und findet, man solle Dich jetzt mit einer neuen Verfassung ein wenig verjüngen und veröstlichen. Andere lästern sogar über Dich, als sei Dein Antlitz eine Fratze. Du seiest nicht nur in einer Konjunkturkrise, sondern als Ganzes „in Schieflage“. Deine Demokratie sei gefährdet, soziale Unruhen stünden an, die Revolution stehe vor der Tür, sagen sie und verraten damit doch nur ihre geheimen Sehnsüchte.

„Du bist das beste Deutschland, das wir je hatten.“ Von Gewerkschaftern bis zur Linkspartei halten sie Dich nämlich nicht für sozial genug. Ausgerechnet. Du bist das Sozialste, Gutmütigste und Großzügigste, was wir in unserer Geschichte je organisiert haben. Du bist auch das Sozialste, was die ganze Welt als Staat zu bieten hat. Ihnen aber reicht das nicht. Ihre Wortführerin Gesine Schwan zieht ausgerechnet zu Deinem Jubiläum so über Dich her: „Zusammengefasst lautet meine Diagnose: Wir haben in unserem Land über Jahre hinweg einer Kultur der entfesselten Konkurrenz und der daraus folgenden Verantwortungslosigkeit die Herrschaft überlassen.“ In Deutschland regierten „Marktradikalität, Deregulierung und Entstaatlichung“, sagt sie wörtlich, kurzum das sei „unverantwortlich“. Du nimmst das alles gelassen und kennst Deinen Schopenhauer, der den deutschen Weltverbesserern vor langer Zeit schon ins Stammbuch geschrieben hat: „Sie suchen das, was vor ihren Füßen liegt, im Himmel.“ Wenn Du aber genau hinhörst, wie die deutsche Linke über Dich näselt, dann hat es etwas von einer lästig gewordenen Ehefrau. Leicht genervt und abschätzig. Verliebt ist man jedenfalls nicht mehr. Sie träumen lieber von etwas Jüngerem, Radikalerem. Sie suchen ihr Supermodel im DDR-Light-Outfit, eine Mischung aus Lady Gaga und Rosa Luxemburg, das wäre was für sie. Darum reden sie sich die DDR auch so schön, als sei dieses bleierne Gefängnis ein schöner Sommerflirt der deutschen Geschichte gewesen. Lass uns ehrlich sein, liebe Bundesrepublik, sie werden Dir langsam untreu. Es zeichnet Dich aus, dass Dich so etwas nicht aus der Ruhe bringt. Karl Jaspers hatte es Dir an der Wiege gewünscht, und er sollte recht behalten: „Die Tiefe des öffentlichen Tuns liegt in seiner leisen Nüchternheit.“ Du breitest einfach Deine großen Arme aus und bist von einer souveränen Verbindlichkeit, die

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uns nicht nur nach den Wunden der Geschichte gutgetan hat. Sie erträgt kleinere Untreuen und größere Angriffe, und sie trägt uns auch durch wilde Zeiten. Denn wenn man sich in der Welt von Neupubertierenden umschaut, dann können wir froh sein, gerade Dich zu haben wie Du bist. Ob sie nun in Dubai künstliche Inseln ins Meer werfen, in Schanghai mit flimmernden Hochhäusern protzen, in der arabischen Wüste Skihallen bauen oder wie Rocker mit PrivateEquity-Milliarden durch die globale Unternehmenswelt ziehen – das globale Kerletum triumphiert. Die Grundpose dieser Heldentaten hat immer etwas von einem Technotanz vor dem heimischen Spiegel. Ganz zu schweigen von Gewalttätern wie Gaddafi, Chávez oder Ahmadinedschad, schwer erträgliche Typen, deren Testosteronspiegel irgendwie nicht zu ihrer sozialen Intelligenz passt. Und selbst unter den Demokraten obsiegen inzwischen die Macho-Sarkozys, Angeber-Berlusconis und Putin-Protzer. Neben diesen Djangos wirkst Du wie die wahre Dame der Weltbühne, eine unprätentiöse Kraft des Ausgleichs. Wenn also linke Sozialisten wie rechte Nationale Dir zu Deinem 60. Geburtstag weniger Freiheit oder weniger Weltoffenheit empfehlen, überhör es einmal mehr. Du gehörst weder ins Etatisten-Altersheim noch in Alte-Kameraden-Runden von Nationalisten. Du bist eine souveräne Europäerin, die ihre Bürger vor allem als Bürger betrachtet und nicht als soziale Kategorien irgendwelcher Ideologien. Respekt ist Deine Grundsignatur. Und lass Dich auf keine Schönheits-OP mit neuer Verfassung ein. Dein Grundgesetz ist wunderbar. Kurzum: Bleib wie Du bist. Du bist das beste Deutschland, das wir je hatten: Besonnen, ausgleichend und gutmütig. Aber auch bestimmt, wenn es um Einigkeit und Recht und Freiheit geht. Du bist die große Versöhnerin. Das gefällt mir so an Dir. Darum nicht nur sachlichen, sondern herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. ■

Dr. Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von „Cicero“. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de. Soeben ist sein neues Buch „Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit“ im Gütersloher Verlagshaus erschienen (siehe Seite 77).

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Hugo Müller-Vogg

Die neue Berliner Farbenlehre: Alles ist möglich „Jedes Licht, das eine Farbe angenommen hat, ist dunkler als das farblose Licht. Das Helle kann nicht aus Dunkelheit zusammengesetzt sein.“ Ja, Johann Wolfgang Goethes Farbenlehre war einfach und verständlich. In der politischen Farbenlehre gibt es dagegen so gut wie keine Homogenität. Eine absolute Mehrheit gab es nur ein einziges Mal, nämlich 1957. Aber selbst unter diesen Bedingungen verzichtete Konrad Adenauer auf ein einfarbiges, schwarzes Kabinett und blieb mit der FDP zusammen. Inzwischen ist das politische Bild bunter denn je. Mit der Westausdehnung der Partei „Die Linke“ alias PDS alias SED hat sich ein Fünf-Fraktionen-System etabliert. Somit sind selbst farbliche Zweier-Kombinationen schwer erreichbar. Spielen wir also ein wenig mit der Berliner Farbenskala: Von Schwarz (CDU/CSU) über Gelb (FDP), Grün (Bündnis 90/Die Grünen) bis Rot (SPD) und Dunkelrot (Die Linke).

Variante 1: Schwarz---Gelb Sie ist, sofern die Wahlforscher Recht haben, die derzeit wahrscheinlichste Kombination. Doch nicht ohne das große „Aber“. Weil die Wähler sich erst in den letzten Tagen vor der Wahl entscheiden, sagen die Umfragen von heute über das Ergebnis vom 27. September nicht allzu viel aus. Zudem darf man eines nicht vergessen: Die FDP lebt u.a. von der Zustimmung derer, die eine bürgerliche Regierung wünschen, mit der Wirtschaftspolitik der Union jedoch unzufrieden sind. Was aber, wenn Schwarz-Gelb kurz vor der Wahl in den Umfragen nicht deutlich vorne liegt? Dann stellt sich für die FDP die Frage, ob sie nicht auch r inge Horst Haitz ch gefällt Karikatur: Wie es eu zu einer Ampel bereit wäre. Verneinen die Liberalen das nicht mit derselben Deutlichkeit, wie das die hessische FDP zwei Mal gemacht hat, müssen bürgerliche FDP-Wähler befürchten, Wiederholt sich Hessen in Berlin? Die Bundes-SPD lehnt ein Bündnis mit der mit ihrer Stimme die Grünen an die Macht zu bringen. Das werin Linke umgetauften PDS nach der Bundestagwahl im Herbst entschieden den viele nicht wollen. ab. Doch da fühlt sich mancher an Hessen erinnert, als die SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti im Landtagswahlkampf 2008 eine Zusammenarbeit mit den Lafontaine-Linken weit von sich gewiesen hatte. Den Wortbruch nach der Wahl hat sie dann ebenso engagiert als Wählerwillen gerechtfertigt. Damals triumphierte sie und regte den Münchner Karikaturisten Horst Haitzinger zu einer „Heldenpose“ an, die im Dezember 2008 in der „Bunten“ erschienen ist. Wenige Monate später verbannten die hessischen Wähler Ypsilanti in die politische Versenkung. Doch ihr Wortbruch ist nicht vergessen.

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Variante 2: Rot--Grün Die offizielle Wunschkonstellation von SPD und Grünen. Und die unwahrscheinlichste Variante von allen. Denn zwei Parteien, die heute zusammen bei 35 bis 38 Prozent liegen, werden am 27. September keine rot-grüne Mehrheit zustande bringen.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Mit anderen Worten: Rot-Grün ist eine Wahlkampfaussage, aber keine realistische Machtperspektive.

Variante 3: Rot--Gelb Gelb---Grün („Ampel“) Die Hoffnung der Sozialdemokraten. Die FDP werde „springen“, wenn es für Schwarz-Gelb nicht reiche, verkünden Steinmeier und Müntefering. Aber wird die FDP das wirklich tun? Eines ist den Liberalen klar: Neben dem eingespielten Duo SPD/Grüne wäre sie „the odd man out“, der ungeliebte Außenseiter, das dritte Rad am Tandem. Diese Position an sich ist schon nicht erstrebenswert. Was aber für die FDP noch unangenehmer wäre: SPD und Grüne könnten die Ampel jederzeit abschalten und dennoch weiterregieren – mit der Linkspartei an Bord oder als von ihr geduldete Minderheitsregierung.

Variante 4: Schwarz---Gelb Gelb---Grün („Jamaika“) Galt lange – jedenfalls aus Sicht der Leitartikler – als Kombination der Zukunft. Wenn es dafür jemals eine reelle Chance gegeben haben sollte, heißt es heute „es war einmal“. Denn die Basis der Grünen ist mit wachsendem zeitlichem Abstand zur Regierung Schröder/Fischer nach links gerückt. Inzwischen ist der Weg nach Jamaika ganz offiziell versperrt. Der Parteitag der Grünen hat beschlossen, dass nicht sein darf, was nicht

sein soll. Die Botschaft war eindeutig-zweideutig: Nie und nimmer mit CDU/CSU und FDP, aber vielleicht doch mit SPD und „Die Linke“.

Variante 5: Rot--Rot--Grün („Kuba“) Die SPD strebt in allen Ländern Rot-Rot an, ganz offiziell. Die Grünen haben keine Berührungsängste. Die Linke wiederum höhnt, die SPD müsse erst koalitionsfähig werden. Das ist der Stoff, aus dem rot-rot-grüne Träume entstehen. Denn eins darf man nicht übersehen: In keiner anderen denkbaren Farb-Kombination ist die ideologische und programmatische Schnittmenge so groß wie bei SPD + Linke + Grüne. Fazit: Vergessen wir all die Koalitions-Schwüre, die noch bis zum Wahltag geleistet werden. Nach dem 28. September gilt das „Becksteinsche Gesetz“: In der Politik ist alles möglich – und auch das Gegenteil davon. ■ www.hugo-mueller-vogg.de Dr. Hugo Müller-Vogg, Publizist und u.a. BILDKolumnist. Mehr über seine neueste Veröffentlichung „Volksrepublik Deutschland – Drehbuch für die rot-rot-grüne Wende“ auf Seite 78.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Wolfgang Spindler

Wer ist Schuld am komplizierten Steuerrecht? Das Steuerrecht hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem dermaßen komplizierten Rechtsgebiet entwickelt, dass auch Fachleute keinen zuverlässigen Überblick mehr über sämtliche seiner Facetten haben können. Da es uns nicht von überirdischer Macht aufgezwungen wurde, lohnt die Frage, wer die Verantwortung für diesen allgemein beklagten Zustand trägt. Der Gesetzgeber hat an sich die Aufgabe, unter Beachtung des Grundsatzes der Gesetzmäßigkeit der Besteuerung eindeutige und klare gesetzliche Regelungen zu schaffen, die der Finanzverwaltung als Grundlage für einen verfassungsmäßigen steuerlichen Zugriff dienen können. Leider kommt der Steuergesetzgeber dieser Aufgabe zunehmend weniger nach. Ständig werden neue Gesetze verabschiedet und mit ihnen wiederum Einzelfallregelungen getroffen, ohne dass diese in eine steuerliche Gesamtsystematik hineinpassen. Ein maßgebender Grund dafür: Das Steuerrecht, dem ja eigentlich die Aufgabe zukommt, die notwendigen Staatseinnahmen zu generieren, wird regelmäßig dafür zweckentfremdet, außersteuerrechtliche politische Vorhaben durchzusetzen. 씮

Mit den Finanzen verschätzt hatte sich der erste Bauherr des repräsentativen Gebäudes im noblen Bogenhausen in München, wo heute der Bundesfinanzhof Recht spricht: Der Kunstmaler und Farbenfabrikant Professor Fleischer wollte ein Wohn- und Gesellschaftshaus errichten, musste aber 1910 die Bauarbeiten wegen Geldmangels einstellen. Das Deutsche Reich erwarb den Rohbau und 1923 konnte der damalige Reichsfinanzhof einziehen. Nach dem Krieg wurde der Bundesfinanzhof Hausherr.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Hieraus entstehen verfassungsrechtliche Bedenken. Denn das aus dem Rechtsstaatsprinzip hergeleitete Bestimmtheitsgebot verlangt nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, dass der Steuerpflichtige eine ihn treffende steuerliche Belastung aus der jeweiligen steuerlichen Norm mit hinreichender Sicherheit erkennen können muss. Angesichts der Kompliziertheit und Unverständlichkeit zahlreicher Steuergesetze erscheint es zweifelhaft, dass diese verfassungsrechtlichen Anforderungen erfüllt sind. „Verfassungsrecht und Wirklichkeit klaffen selten so weit auseinander wie beim Bestimmtheitsgrundsatz allgemein und bei seiner Anwendung auf das Steuerrecht im Besonderen,“ klagt denn auch Bundesverfassungsgerichtspräsident HansJürgen Papier. Auch das ebenfalls aus dem Rechtsstaatsprinzip hergeleitete Gebot des Vertrauensschutzes beachtet der Gesetzgeber im Steuerrecht nicht ausreichend. Vielmehr hat er gerade in den letzten Jahren rückwirkend belastende steuerrechtliche Regelungen getroffen. Dies hat dazu geführt, dass der Bundesfinanzhof wiederholt solche Regelungen dem Bundesverfassungsgericht wegen Verstoßes gegen den verfassungsrechtlich gebotenen Vertrauensschutz vorgelegt hat. Und schließlich werden immer wieder Verstöße gegen das verfassungsrechtliche Gebot der Gleichmäßigkeit der Besteuerung (Art. 3 Abs. 1 GG) geltend gemacht. Beispiele dafür sind die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaft- und Schenkungsteuer sowie zur Pendlerpauschale, die auf Vorlagen des Bundesfinanzhofs zurückgingen. Wechselnde Regierungen mit unterschiedlichen sozial- und verteilungspolitischen Ansätzen haben unter dem Einfluss der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ein kompliziertes, schwer verständliches und für den Bürger und Verwaltung kaum noch nachvollziehbares Recht entstehen lassen, das dringend überarbeitet werden muss. Die Finanzverwaltung sieht sich vor die Aufgabe gestellt, dieses Steuerrecht in einem Massengeschäft täglich anzuwenden, obwohl es nach der Beurteilung des früheren bayerischen Finanzministers Professor Faltlhauser „nicht mehr administrierbar ist“. Obwohl die Finanzverwaltung die wohl am besten und zuverlässigsten arbeitende Verwaltung in Deutschland ist, darf bezweifelt werden, muss bezweifelt werden, dass es ihr tatsächlich gelingt, das Recht den verfassungsrechtlichen Vorgaben entsprechend anzuwenden. Man muss nur an die langen Prüfungsabstände bei Mittel- und Kleinbetrieben denken. Das Verhältnis zwischen der Steuergesetzgebung, der Finanzverwaltung und der Finanzrechtsprechung war und ist nicht spannungsfrei. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass es nach der staatlichen Ordnung des Grundgesetzes eine Art „Gewaltenverschränkung“ gibt, zum anderen mit einer gelegentlich wechselseitigen Unzufriedenheit der drei Gewalten. Der Gesetzgeber sieht sich aufgrund von Entscheidungen der Finanzgerichte veranlasst, neue, die Rechtsprechungsergebnisse ändernde gesetzliche Regelungen zu treffen. Ein Parlamentarier hat den Bundesfinanzhof vor einiger Zeit sogar als „finanzpolitisches Risiko“ bezeichnet. Die Finanzverwaltung wiederum ist mit einzelnen Entscheidungen des Bundesfinanzhofs oder auch der Finanzgerichte unzufrieden, weil sie vermeintlich oder auch tatsächlich zur Beeinträchtigung oder Komplizierung das Steuererhebungsverfahren beeinträchtigen oder komplizierter machen. Die Rechtsprechung schließlich ist über Reaktionen des Gesetzgebers und/

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oder der Finanzverwaltung auf missliebige Rechtsprechungsergebnisse irritiert. Problematisch erscheint mir im Hinblick auf das Gewaltenteilungsprinzip, dass im Bereich des Steuerrechts die Grenze zwischen der zweiten Gewalt (der Finanzverwaltung) und der ersten Gewalt (dem Steuergesetzgeber) in den letzten chwommen wurd Jahren zunehmend verschwommen wurde. Als Außenstehen© © DIE LINKE im Bundestag der hat man den Eindruck, dass die Finanzverwaltung häufig dem Gesetzgeber deutlich die Hand führt. Dies wird ersichtlich, wenn Vertreter des Bundesfinanzministeriums in mündlichen Verhandlungen vor dem Bundesfinanzhof offen erklären, „wenn Sie so entscheiden, müssen wir das Gesetz ändern“. Diese nicht unbedenkliche Verschiebung in der Verantwortung wird auch dadurch deutlich, dass Bundestagsabgeordnete im Finanzausschuss freimütig einräumen, häufig nicht zu überschauen, welche Regelungen vom Bundesfinanzministerium zur Verabschiedung vorgelegt werden. Wenn zudem nicht selten steuergesetzliche Regelungen anschließend durch sogenannte Anwendungsschreiben inhaltlich ausgefüllt und konkretisiert werden, so scheint mir die verfassungsrechtliche Grenze zwischen erster und zweiter Gewalt nicht hinreichend gewahrt.

Regierungen machen Steuerrecht komplizierter und unverständlicher. Immer wieder kommt es vor, dass Rechtsprechungsergebnisse des Bundesfinanzhofs entweder beim Gesetzgeber und/oder bei der Finanzverwaltung auf wenig Gegenliebe stoßen. Zuweilen reagiert der Gesetzgeber – häufig wiederum angestoßen durch die Finanzverwaltung – selbst in Gestalt eines sog. Nichtanwendungsgesetzes, in dem er zu der betreffenden, vom Bundesfinanzhof entschiedenen Frage eine anderweitige gesetzliche Regelung vorsieht. Derartige Nichtanwendungsgesetze sind nach meiner Auffassung unter Beachtung des Gewaltenteilungsgrundsatzes prinzipiell unbedenklich, ja in Einzelfällen möglicherweise auch angezeigt! Allerdings sollte der Gesetzgeber in jedem Einzelfall zunächst genau erwägen, ob eine solche gesetzgeberische Reaktion tatsächlich erforderlich und geboten ist, ob sie insbesondere tatsächlich zu einer Verbesserung des Rechtszustandes und nicht möglicherweise zu weiteren Streitverfahren führt. Darüber hinaus muss er – auch wenn betreffende Judikate zunächst neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen – die verfassungsrechtlichen Grenzen beachten. Er sollte insbesondere davon Abstand nehmen, rückwirkend verschärfende Regelungen zu treffen und damit das Gebot des Vertrauensschutzes zu verletzen. Nicht selten versucht die Finanzverwaltung allerdings auch, einer „missliebigen“ Rechtsprechung entgegenzuwirken. Aus richterlicher Sicht sind verschiedene Vorgehensweisen zu beobachten, um die Breitenwirkung einer ungewünschten Judikatur zu vermeiden. So war in den letzten Jahren häufig festzustellen, dass Entscheidungen des Bundesfinanzhofs nicht oder nicht rechtzeitig im Bundessteuerblatt veröffentlicht wurden, was sich faktisch wie ein Nichtanwendungserlass auswirkte. Zwar ist diese Praxis inzwischen wieder deutlich zurückgenommen worden, doch es muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass eine solche Vorgehensweise alles andere als glücklich ist. Das hängt damit zusammen, dass Entscheidungen des Gerichts zum einen mittlerweile vom Bundesfinanzhof selbst im Internet

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POLITIK & WIRTSCHAFT unmittelbar nach ihrer Freigabe veröffentlicht werden, zum anderen die steuerlichen Berater auch über die verschiedenen Fachzeitschriften zeitnah über neue Judikate unterrichtet werden, die dem Verwaltungsbeamten vor Ort in der Regel nicht zur Verfügung stehen. Sind aber solche Entscheidungen dem entscheidenden Finanzbeamten nicht über das Bundessteuerblatt bekannt, tritt naturgemäß eine erhebliche Rechtsunsicherheit ein.

Verwaltung darf nicht in Kernbereich der Rechtsprechung eingreifen. Darüber hinaus ist in jüngster Zeit auch eine weitere Vorgehensweise der Finanzverwaltung zu beobachten, einer der Verwaltungsauffassung widersprechenden Entscheidung des Bundesfinanzhofs entgegenzuwirken. In Einzelfällen wird seitens der Finanzverwaltung gegen einen für diese nachteiligen Gerichtsbescheid Antrag auf mündliche Verhandlung gestellt; vor Durchführung der mündlichen Verhandlung wird sodann der Steuerpflichtige durch den Erlass eines Abhilfebescheides klaglos gestellt und die Hauptsache für erledigt erklärt. Soweit auf diese Weise die Klärung einer anstehenden Grundsatzfrage vermieden wird, werden weitere Rechtsmittel an den Bundesfinanzhof provoziert. Im übrigen erscheint ein solches Vorgehen auch mit dem Legalitätsprinzip nicht vereinbar: Wenn die Verwaltung im Grundsatz an ihrer vom Bundesfinanzhof nicht geteilten Auffassung festhalten will, ist sie nach meiner Ansicht nicht befugt, einen klagenden Steuerpflichtigen klaglos zu stellen und ihn damit bewusst anders als andere Steuerpflichtige zu behandeln. Der häufigste Weg, die Wirkung von Entscheidungen des Bundesfinanzhofs über den entschiedenen Einzelfall hinaus zu vermeiden, ist jedoch der sogenannte Nichtanwendungserlass, eine im wesentlichen auf das Steuerrecht beschränkte Vorgehensweise, die in jüngster Zeit auf zunehmende Kritik in der Literatur gestoßen ist und auch zu einer parlamentarischen Anfrage im Deutschen Bundestag geführt hat. Nun sind Nichtanwendungserlasse nicht grundsätzlich unzulässig, aber auch nicht prinzipiell zulässig, vielmehr muss jeder Einzelfall differenziert betrachtet werden. Grundsätzlich ist eine Verwaltung an die im Grundgesetz verankerte Gewaltenteilung gebunden. Diese Verfassungsordnung weist den drei Gewalten die diesen durch das Grundgesetz übertragenen Aufgabenbereiche zu und gebietet eine durch das Prinzip des gegenseitigen Respekts getragene Loyalitätspflicht. Hieraus folgt zum einen das an die jeweilige Gewalt gerichtete Verbot, in den Kernbereich einer anderen Gewalt einzugreifen, zum anderen die wechselseitige Bindung an die Akte der jeweils anderen Gewalt. Daraus aber ergibt sich: Die Finanzverwaltung hat rechtskräftige Entscheidungen des Bundesfinanzhofs nicht nur im Einzelfall, sondern grundsätzlich auch auf Parallelfälle anzuwenden. Dies folgt aus der spezifischen Aufgabenstellung des Bundesfinanzhofs, dem als Revisionsinstanz die Aufgabe der letztverantwortlichen Auslegung von Steuergesetzen sowie auch der Fortbildung des Rechts obliegt. Mit der sich aus der Loyalitätspflicht ergebenden grundsätzlichen Bindungswirkung von Entscheidungen des Bundesfinanzhofs über den Einzelfall hinaus korrespondiert das Verbot der Verwaltung, in den Kernbereich der höchstrichterli-

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chen Rechtsprechung einzugreifen. Dieses Eingriffsverbot würde jedoch tangiert, wenn die höchstrichterliche Rechtsprechung durch Nichtanwendungserlasse planmäßig ausgehebelt werden könnte. Ein Spannungsverhältnis entsteht jedoch durch die ebenfalls im Grundgesetz verankerte exekutive Eigenverantwortung der Finanzverwaltung. Demnach hat die Finanzverwaltung das Steuerrecht so anzuwenden, wie es nach ihrer eigenen Überzeugung zutreffend ist. Insoweit darf die Finanzverwaltung eine Entscheidung des Bundesfinanzhofs dann nicht anwenden, wenn sie überzeugt ist, dass die betreffende Entscheidung offensichtlich rechtsfehlerhaft ist. Eine derartige Nichtanwendung einer Entscheidung des Bundesfinanzhofs muss sich allerdings auf besondere Ausnahmefälle beschränken und ist in jedem Einzelfall nachvollziehbar zu begründen. Hieraus folgt zugleich, dass Nichtanwendungserlasse, die für die abweichende Rechtsansicht keine nachvollziehbare Begründung enthalten, wegen Verstoßes gegen die grundsätzliche Bindungswirkung an die höchstrichterliche Rechtsprechung rechtswidrig sind. Dasselbe gilt naturgemäß auch dann, wenn die Nichtanwendung durch unterlassene oder verzögerte Veröffentlichung im Bundessteuerblatt bewirkt wird. Abschließend komme ich zunächst zu dem Ergebnis, dass alle drei Staatsgewalten dazu beigetragen haben, das Steuerrecht so zu komplizieren, dass der steuerpflichtige Bürger damit schlicht überfordert ist. Allerdings darf auch nicht übersehen werden, dass die steuerlichen Berater in einer nicht unmaßgeblichen Zahl von Fällen einen Beitrag zur Komplizierung geleistet hat. Viele fragwürdige steuerliche Gestaltungsformen (Steuersparmodelle) haben immer die Verwaltung wie auch die Rechtsprechung auf den Plan gerufen und zu Grenzziehungen veranlasst. Häufig hat dies auch den Gesetzgeber veranlasst, restriktive, teilweise wiederum unsystematische und fragwürdige Regelungen zu bestimmen, die dann ihrerseits wiederum Anwendungs- und Auslegungsfragen aufwerfen und dementsprechend streitanfällig sind. Deshalb mein Appell an alle, die von Berufs wegen mit dem Steuerrecht befasst, ihre Verantwortung für ein verständliches und vor allem berechenbares Steuerrecht zu erkennen und auch wahrzunehmen. Gemeinsam kann es uns gelingen, dass der steuerpflichtige Bürger wieder Vertrauen in eine Besteuerungspraxis gewinnt, die den verfassungsrechtlichen Garantien verpflichtet ist. Auch dies kann der grassierenden Staatsverdrossenheit entgegenwirken. ■

Dr. h.c. Wolfgang Spindler, Jahrgang 1946, studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg und Bonn, war Richter am Finanzgericht Düsseldorf und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesverfassungsgericht. 1991 wurde er Richter am Bundesfinanzhof in München, neun Jahre später dessen Vizepräsident. Seit Juni 2005 ist Spindler Präsident des Bundesfinanzhofs. Er ist Vorstandsmitglied der Münchner Steuerfachtagung und der Deutschen Steuerjuristischen Gesellschaft sowie Mitglied der Abschlussprüferaufsichtskommission. Die Friedrich-Schiller-Universität Jena verlieh ihm 2004 die Ehrendoktorwürde.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Julius Beck

Auch Derrick ging zu Europol Im Untergeschoss des roten Backsteinhauses am Raamweg 47 im niederländischen Den Haag liegt ein schalldichter und abhörsicherer Raum, der für die großen Ganoven auf der ganzen Welt zu einer Schreckenskammer geworden ist: Spezialisten aus ganz Europa koordinieren von hier aus die Jagd nach Drogenbossen und Terrorplanern, nach Menschenhändlern und Mafiakillern. Hinter den Backsteinmauern residiert seit nunmehr zehn Jahren Europol, die erste gemeinsame europäische Polizeidienststelle. Vier Jahre lang wurde Europol von dem deutschen KriminalExperten Max-Peter Ratzel geleitet. Kurz bevor der Saarländer vor wenigen Wochen das Direktoren-Amt an den Briten Rob Wainright übergab, war Ratzel zu Gast beim Peutinger Collegium in München. Sein Resümee: „Europol wird inzwischen bei der internationalen Verbrechensbekämpfung weit über die EU hinaus als Partner sehr gut anerkannt.“

„Wir sind Dienstleister in Sachen internationaler Sicherheit“: Max-Peter Ratzel war vier Jahre lang Europol-Direktor.

Dabei hat Europol, dessen Gründung auf eine Initiative von Helmut Kohl hin im Maastricht-Vertrag bereits 1992 beschlossen wurde, keine unmittelbare Polizeikompetenz: Seine Beamten verfolgen nicht vor Ort, nehmen nicht fest und beschlagnahmen nicht. Ratzel: „Unsere Aufgabe ist es, die Mitgliedsstaaten der EU in ihrem Kampf gegen sämtliche Formen schwerer internationaler Kriminalität zu unterstützen. Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen in Sachen internationaler Sicherheit.“ Den Auftrag erfüllen die rund 500 Europol-Mitarbeiter und ihre 150 Kollegen in den angegliederten nationalen Verbindungsbüros auf drei Ebenen: Der Informationsaustausch hilft nationalen

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und regionalen Polizeibehörden, blitzschnell Fakten abzurufen, die im Raamweg weltweit gesammelt wurden. Ratzel: „Das beschleunigt den Informationsaustausch unglaublich und unterstützt die Polizei in der Fläche technisch, rechtlich und organisatorisch.“ Doch leider, so bedauert er, „ist dieses Instrument noch zu wenig bekannt“. Mit der Kriminalitätsanalyse werden strategische Risiko- und Bedrohungsszenerien erarbeitet sowie operativ aus dem immensen Datenmaterial fallspezifische Fakten gefiltert, um zu erkennen, ob ein Täter schon durch ähnliche Straftaten aufgefallen ist oder vergleichbare Taten oder Verhaltensmuster erkennbar sind. Schließlich wird bei der Verbrecherjagd auf konkrete Anfrage Unterstützung geleistet, indem Beweismittel zusammengeführt werden. Anders als das FBI haben EuropolMitarbeiter keine Exekutivkompetenz. Mit Europol-Hilfe wurden schon zahlreiche große Fälle geklärt. So wurde bei einem von Den Haag aus koordinierten Einsatz von 500 Polizisten in zwölf europäischen Städten sizilianische CosaNostra-Strukturen zerschlagen und 75 Mafiosi festgenommen. Vor zwei Jahren wurden in Ungarn acht Tonnen Banknotenpapier sichergestellt. Mit dem Papier, das in Deutschland gestohlen worden war, hätte Falschgeld im Wert von fast 600 Millionen Euro gedruckt werden können. Einer der spektakulärsten Fälle in der Amtszeit von Ratzel war der weltweite Schlag gegen einen Verteilerring von Kinderpornographie. Auch in der Terrorabwehr war Europol erfolgreich. Doch Ratzel sieht keinen Anlass für Entwarnung: „Wir haben nach wie vor eine Reihe von Indikatoren auf andauernde Anschlagsplanungen.“ Europol hat übrigens auch schon Deutschlands weltweit bekanntesten Kriminalisten angelockt: In seiner 281. und letzten Folge verabschiedete sich TV-Oberinspektor Derrick alias Horst Tappert vom Münchner Morddezernat und wechselte nach Den Haag. ■

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POLITIK & WIRTSCHAFTT Alois Glück

Konservativ hat Zukunft Der Werte-Beitrag zu einer zukunftsfähigen Kultur

Die Finanzkrise und die damit ausgelöste Weltwirtschaftskrise sind mehr als ein Betriebsunfall. Die Mechanismen und Stationen dieser Entwicklung sind oft beschrieben worden, etwa die Politik des billigen Geldes, die Verschleierung der Risiken, die Betriebsblindheit der Fachwelt, weil „Erfolg“ offensichtlich blind gemacht und Kritiker zu Außenseitern deklariert werden. Wir müssen uns mit den Quellen dieser Entwicklungen auseinandersetzen. Das sind die gesellschaftlichen und persönlichen Leitbilder, die das Verhalten prägten. Zu den Hoffnungszeichen der Entwicklung zählt, dass eine Diskussion über die Bedeutung der Werte für diese Entwicklung begonnen hat, beispielsweise die Werte des „ehrbaren Kaufmanns“ beschworen werden. Es reicht also nicht, den Instrumentenkasten der internationalen Finanzpolitik neu zu ordnen, die Grundlage aller Entwicklungen sind die Werte, die Kultur einer Gesellschaft und einer Wirtschaftsordnung. Das Erdbeben der Finanzkrise hat schonungslos die Schwächen, die Fehlkonstruktion in unseren Ordnungen offengelegt. Die Ursachen dieser Entwicklung, hin zu der weltweiten Wirtschaftskrise, sind nicht einzelne handwerkliche Fehler bei Architekten und Bauleuten, und es wäre auch falsch, die Ursache nur im

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Fehlverhalten von Personen zu sehen; diese Krise zeigt die Brüchigkeit der Statik und der Fundamente, der kulturellen Grundlagen der Wachstums- und Wohlstandsgesellschaften. Das belegt besonders die Tatsache, dass die Krise nicht durch einen Angriff von außen, sondern durch innere Schwächen und Fehlentwicklungen, durch „systemimmanente Kräfte“ ausgelöst wurde. Wir finden den Weg aus dieser Sackgasse nur durch eine kulturelle Erneuerung, zu der ein großer Beitrag der Konservativen, ein Beitrag mit Gestaltungskraft, notwendig ist. Kultur-pessimistische Kritik allein hilft nicht weiter. Was ist der notwendige Beitrag der Konservativen? Viele Fehlentwicklungen in unserer Zeit sind darin begründet, dass alles, was mit dem Etikett „modern“ gestempelt wird, gegenüber Kritik tabuisiert wird. Auch wenn der menschliche Preis noch so hoch ist. Es ist eben „modern“. Der erste wichtige Beitrag der Konservativen ist eine kritisch-konstruktive Diskussion darüber zu entfachen, was tatsächlich gut und hilfreich ist für die Menschen und für eine gute Zukunft – und was nur modisch und eher schädlich ist. Die Diskussion darüber muss zwangsläufig kontrovers sein, aber sie muss geführt werden. Auf dieser Grundlage können wir darüber debattieren, wie wir morgen leben wollen und leben können und was eine „zukunftsfähige Kultur“ ist.

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Die größte ethische und kulturelle Herausforderung ist der unerlässliche Wandel vom kurzfristigen zum längerfristigen Denken und Handeln. Damit wird der Maßstab „Nachhaltigkeit“ zum zentralen Orientierungspunkt. Im konservativen Denken gilt, dem „Erbe der Väter“ verpflichtet zu sein. Jetzt muss hinzukommen, den Lebenschancen der nachkommenden Generation verpflichtet zu sein. Im Beispiel gesprochen: Wie schaffen wir es, dass ein Volk sich so verhält wie Eltern, die um der Zukunft ihrer Kinder willen auf angenehmes aber nicht lebensnotwendiges verzichten? Das ist der Kern notwendiger kultureller Veränderung und Erneuerung! Die Innovationskraft einer Gesellschaft sowie ihre Fähigkeit zur ständigen Erneuerung und Weiterentwicklung bestimmen entscheidend ihre Zukunftsfähigkeit. Das ist eine zentrale Aufgabenstellung für die Bildungspolitik, für

Forschung und Entwicklung, für die Aufgabenverteilung zwischen Bürger und Staat, Markt und Wettbewerb. Die Grundlagen und die Wertorientierungen der Sozialen Marktwirtschaft sind dafür ein guter Kompass für den Weg in die Zukunft. Innovationskraft ist wichtig, ebenso aber die innere Stabilität der Gesellschaft und damit eines Landes. Das erfordert die Einsicht, dass die Förderung der kulturellen und sozialen Kräfte für die Zukunftsfähigkeit ebenso wichtig ist. Diese Stabilität wurzelt in der sozialen und kulturellen Kraft einer Gesellschaft. Die notwendigen Korrekturen bisheriger Entwicklungen und die großen Herausforderungen unserer Zeit, das friedliche Zusammenleben der Völker mit unterschiedlichen religiösen und kulturellen Prägungen, die großen Zukunftsaufgaben wie Energieversorgung und Klimapolitik, die Bekämpfung des Hungers in der Welt, die Herausforderung Gerechtigkeit brauchen einen konservativen Beitrag mit Gestaltungskraft! ■

Quelle: obs/CMA

Das Fundament einer solchen Kultur ist die gelebte Verbindung von Freiheit und Verantwortung. Die Entkoppelung dieses Zusammenhangs ist die Ursache vieler Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft und eine der zentralen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Einheit vom Anspruch auf Freiheit und Übernahme von Verantwortung ist die Grundlage einer Kultur der Verantwortung für sich selbst, für Mitmenschen, für das Gemeinwesen und für die nachkommenden Generationen. Ein eindrucksvolles Beispiel solchen Denkens ist das Ziel der von der bayerischen Wirtschaft getragenen Eliteakademie für eine „Verantwortungselite“. Das sollte, ja das muss das Leitbild für alle Führungskräfte werden!

Alois Glück gilt als Vordenker der CSU. Der 69-Jährige gelernte Landwirt war 15 Jahre Vorsitzender der CSU-Landtagsfraktion und bis zur Landtagswahl 2009 sechs Jahre Präsident des Bayerischen Landtags. Glück ist Vorsitzender der CSU-Grundsatzkommission und Chef der Bergwacht Bayern.

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Peter Schmalz

Jubel und Jammer Der Briefkasten brachte die Rettung: In ihrer durchaus berechtigten Sorge, die bayerischen Wähler könnten mitten in den Pfingstferien bei der Europawahl, die allgemein und zu Unrecht als weniger bedeutend eingeschätzt wird, der CSU die Tür nach Brüssel zuschlagen, ließ der amtsneue Generalsekretär Alexander Dobrindt eine noch nie erlebte Briefwahlkampagne anwerfen. Auf Flyern, Ständern und Großflächen wurde mit den gelben Briefkästen geworben, als sei die Post schon eine Arbeitsgemeinschaft der CSU. Nicht zuletzt diese Kampagne hob die Wahlbeteiligung in Bayern gegenüber der Europawahl 2004 und gegen den Bundestrend um drei Prozent und bescherte den Christsozialen mit 48,1 Prozent ein unerwartet hohes Wahlergebnis, das nach dem Debakel bei der Landtagswahl acht Monate zuvor die magischen 50 Prozent wieder in Reichweite brachte. Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer war an diesem Abend ein Stein vom Herzen gefallen: „Die CSU ist wieder da!“ Mit acht Parlamentariern schickt sie zwar einen weniger als bisher ins Europäische Parlament, doch sie ist die einzige Partei im Freistaat, die mit je einem Vertreter aus allen sieben Regierungsbezirken in Europa vertreten ist. Der achte (Bernd Posselt) kommt aus München. Das bringt Zuversicht für die Bundestagswahl nach der Sommerpause. Schon spricht Seehofer vom „neuen Wir-Gefühl in der CSU“ und von einer guten Ausgangslage, um im Herbst in Berlin die ungeliebte Große Koalition durch die Wunschkonstellation Schwarz-Gelb abzulösen. Die Chancen dafür sind mit der Europawahl gewachsen, was weniger an dem kaum berauschenden Ergebnis der CDU liegt und nur ein wenig mehr an dem der FDP, die fast aufs Doppelte zulegte und sich zweistellig etabliert hat.

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Es sind vor allem die Sozialdemokraten, die am 7. Juni in Schockstarre versetzt wurden. Mit nur noch knapp über 20 Prozent fuhren Müntefering und Steinmeier das schlechteste Ergebnis der Parteiengeschichte in. „SPD in Insolvenz“ titelte die der linke taz höhnisch. Als rettender Staats-Engel für alle strauchelnden Großbetriebe wollte sich das rote Duo beim Wahlvolk einschmeicheln und versprach wohlfeil Steuer-Milliarden en gros. Das mochte Opel-Werker und Karstadt-Verkäufer gefreut haben, doch die Mehrheit wollte die Steuergelder nicht in insolvenzreifen Firmen verbrennen. Nach Umfragen sind zwei von drei Befragten selbst bei Opel gegen Staatshilfen – eine Bürger-Ohrfeige für die Münte-Strategie.

SPD verliert in Bayern ihren Status als Volkspartei. Zudem würgt die SPD nun auch noch an einem kaum mehr zu behebenden Kolateralschaden: Durch ihr verschwenderisches AntiPleite-Programm wuchs der ohnehin schon populäre Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zum neuen Star im bürgerlichen Lager. Vor allem die Mittelständler sehen in dem oberfränkischen Adeligen seither den Garanten für eine Soziale Marktwirtschaft. Ein Politiker, der nicht vergisst, dass die meisten Arbeitsplätze in den kleinen und mittleren Betrieben sind, bei denen keine Staatsknete sprudelt, wenn der Pleitegeier winkt. Doch auf diesem Auge ist die SPD blind: Aus Tradition blickt sie mehr auf die Großbetriebe, wo auch die Gewerkschaften stärker verankert sind. Im kleinen Unternehmer sehen Links-Sozialisten, die zunehmend Einfluss gewinnen im Berliner Willy-Brandt-

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POLITIK & WIRTSCHAFT Haus, ohnehin mehr den Ausbeuter denn den Arbeitgeber. Doch im allgemeinen Debakel der SPD gibt es noch ein besonders grausames Jammertal: In Bayern hat sich die einst stolze Partei eines Wilhelm Hoegner und Hans-Jochen Vogel geradezu marginalisiert. Mit nur noch 12,9 Prozent ist sie auf AugenhÜhe mit den Grßnen herabgesunken und kann kaum mehr als Volkspartei gelten. Der vom Wähler erzwungene Rßckzug aus der Fläche hat nun auch auf die Städte ßbergriffen. In Mßnchen ist die SPD nach CSU und Grßnen nur noch dritte Kraft und konnte in keinem der 25 Stadtbezirke die Mehrheit erringen: In sechs lagen die Grßnen vorn, in den anderen 19 die CSU.

pelt und konnten sich nach Jahrzehnten in der Versenkung als ernstzunehmende politische Kraft neu etablieren. Sie wurden fßr die bßrgerliche, wirtschaftsorientierte Klientel zumindest eine Alternative zur CSU. Doch der ist auch hier wieder eine besondere Gunst hold: Ihre Wahlkämpfer kÜnnen sich in den nächsten Wochen nicht nur hinter dem sozial-charismatischen Menschenversteher Seehofer scharen, sie haben gleich auch noch Jung-Ritter zu Guttenberg als Anfßhrer. Gegen den neuen Siegfried der Marktwirtschaft wirkt Rainer Brßderle, der gelbe Aspirant auf das Berliner Wirtschaftressort, wie ein angestaubter Opa.

Die Chancen fĂźr einen weiteren Abstieg stehen nicht schlecht. Den Rettungsring erhofft sich das Häuein der weiĂ&#x;blauen Sozialdemoraten ausgerechnet vom jungen Florin Pronold, der als Verbal-Radikalist den Gekreuzigten schon einmal als „Lattengustl“ verspottet hat und der zum linken, volkfernen FlĂźgel zählt, der in der bayerischen Rest-SPD besonders stark ist. Von dieser Seite droht der CSU also keine Gefahr mehr, und auch die Freien Wähler taugen kaum mehr zum Schreckgespenst. Sie haben sich von Gabriele Pauli am Nasenring herumfĂźhren lassen und sind gescheitert. Zur Bundestagswahl treten sie nun nicht mehr an, und die meisten von ihnen sind heilfroh, dass ihre Kurzfrist-Partnerin Pauli die AnkĂźndigung wahr- und sich mit einer neuen Partei davongemacht hat. Dennoch bleibt fĂźr die CSU als Wermutstropfen der Erfolg der bayerischen Liberalen. Sie haben ihre Stimmanteile fast verdop-

Insgesamt wird von dieser Europawahl leider nicht das Signal eines starken und in sich gefestigten Kontinents ausgehen. Bedenklich stark sind die Europakritiker geworden, die nun mit einer erheblichen Mannschaft ins Parlament einziehen. Das sollte den EU-BĂźrokraten, die mit allen Tricks Kompetenzen an sich reiĂ&#x;en und die BĂźrger mit immer neuen Vorschriften zu beglĂźcken versuchen, eine Mahnung sein. Sie haben viel beigetragen zur Europa-Skepsis. Doch die Hoffnung auf Einsicht und Besserung ist wohl vergeblich. Erfolgversprechender kĂśnnte das notwendige BemĂźhen sein, den Europa-BĂźrgern bis 2014 klar zu machen, dass eine Europawahl mindestens so wichtig ist wie eine nationale oder gar eine Regionalwahl. Ob das gelingt liegt nicht zuletzt an den frisch gewählten Abgeordneten: Sie mĂźssen nur den Slogan der CSU „Näher am Menschen“ mit Leben erfĂźllen. Und das nicht nur in den Wochen vor einer Wahl. â–

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Marianne E. Haas

„Mein Beruf ist mein Leben“ Erfolgreiche Hotel-Chefin Innegrit Volkhardt

Lichtdurchflutete Eleganz: Das Atrium im „Bayerischen Hof“ in München.

Sie beherbergt die prominentesten Vertreter von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die München besuchen, und begrüßt ihre liebsten Gäste ganz persönlich: Innegrit Volkhardt, in vierter Generation Chefin des Münchner Hotels Bayerischer Hof. Schwierige Gäste gibt es für sie nicht – nur anspruchsvolle, davon aber eine ganze Menge. Doch die hochgewachsene, superschlanke, meist in schicke Hosenanzüge gekleidete Managerin, die am 14. August ihren 44. Geburtstag feiern kann, hat damit kein Problem. Denn der Rummel um und mit der Prominenz gehört für sie zum Alltagsgeschäft, ist doch der „Bayerische Hof“ seit seinem Bestehen eine gesellschaftliche Bühne von Rang. Und auch ihre 670 Mitarbeiter sind so gut ausgebildet und geschult, dass sie damit umgehen können.

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Das schlägt sich auch in den zahlreichen Auszeichnungen nieder, die das Hotel und seine Chefin bekommen haben. Erst jüngst wurde ihr mit der Brillat-Savarin-Plakette der FBMA (der Food + Beverage Management Association), eine der höchsten Ehrungen in der Gastronomie zuteil. 2000 zeichnete das Champagnerhaus Veuve Cliquot sie als „Unternehmerin des Jahres“ aus. 2002 erhielt sie den Staatsorden für besondere Verdienste um die bayerische Wirtschaft und wurde vom Aral Schlummer Atlas und auch von NGZ-Der Hotelier zum „Hotelier des Jahres 2002“ gekürt, zu dem sie ein Jahr später auch der Große Hotel und Restaurant Guide erhob. 2007 rief er sie auch noch als „Gastgeber des Jahres 2007“ aus, die Bayerische Staatsregierung verlieh ihr den Bayerischen Verdienstorden und das Diners Club Magazin ernannte sie zur „Visionärin des Jahres 2008“. Die Begründungen


Photo von Anja Wechsler

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Ein Leben für das Wohlgefühl ihrer Gäste: Innegrit Volkhardt, die vielfach ausgezeichnete Chefin des „Bayerischen Hofs“.

lauteten fast immer, dass es Innegrit Volkhardt gelungen sei, den „Bayerischen Hof“ dauerhaft an der Spitze der umsatzstärksten deutschen Hotels zu etablieren. Unter ihrer Leitung hat sich das Haus in ein zukunftsorientiertes und modernes Luxushotel verwandelt. Das wiederum beweisen auch die rund 13 Auszeichnungen für das Haus selbst, das zuletzt als „Bestes Business-Hotel in München“ ausgezeichnet wurde. Innegrit Volkhardt kann also stolz auf ihr erfolgreiches Management und auf ihr Hotel sein. Sie führt es in dem ihr eigenen Stil: Zurückhaltend und doch selbstbewusst. Sie fühlt sich zwar sehr der Tradition verpflichtet, will das Hotel aber auch zukunftsfähig halten. Daher wurde in den vergangenen Jahren Vieles saniert, renoviert und umgebaut. Sie richtete – entgegen mancher Ratschläge – im Spiegelsaal eine große Bar ein, die sie nach ihrem Vater Falk benannte und die sehr erfolgreich läuft. Auf dem Dach gibt es mittlerweile das hoch moderne und gut besuchte Blue Spa, der Festsaal wurde verschönert, und auch die meisten Zimmer und Gänge erstrahlen in neuem Glanz. Rund 90 Millionen Euro hat Innegrit Volkhardt bisher in das Haus investiert. Und sie führt die Investitionen – trotz Wirtschaftskrise – weiter fort. So wird gerade das GardenRestaurant „geteilt“. Dort sollen bis September zwei Restaurants mit neuen Konzepten entstehen. Neben dem bisherigen Wintergarten-Restaurant soll das zweite ganz Exklusives bieten und nur von Dienstag bis Samstagabend geöffnet sein. Und sollte es noch ein verkäufliches und an den „Bayerischen Hof“ angrenzendes Areal geben – Innegrit Volkhardt würde es sehr gerne kaufen und „eingliedern“, wie sie sagt. Kein Wunder, dass sie bei ihren Mitarbeitern mittlerweile den Ruf der „Umbauwütigen“ hat. Für Innegrit Volkhardt war der Bayerische Hof zwar schon seit ihrer Kindheit so etwas wie ein zweites zu Hause, auch wenn sie in Starnberg, wo sie heute noch lebt, aufgewachsen ist. Dass sie aber einmal das Familienhotel leiten sollte, war nicht geplant. Ihre Eltern, Falk und Erika Volkhardt, übten auf sie auch keinen Druck aus. Es sah eigentlich ganz so aus, als ob ihre Schwester Michaela in den Familienbetrieb einsteigen würde; doch die entschied sich recht bald für die Gründung einer eigenen Familie. Weil Innegrit 1983 nach dem Abschluss der Munich International School mit dem American High School Diplom nicht wusste, was sie machen sollte, begann sie eine Lehre zur Hotelkauffrau im

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elterlichen Haus. Der schlossen sich Praktika im Hotel „Intercontinental“ in Hamburg und bei Feinkost Käfer in München an. „Und da habe ich rasch meine Liebe und Begeisterung für diesen Beruf entdeckt.“ Von 1987 bis 1989 besuchte sie daher die Hotelfachschule in Heidelberg und machte den Abschluss Hotelbetriebswirt. Weil das heutzutage, wie sie sagt, einfach unumgänglich notwendig ist, schloss sie ein Betriebswirtschaftsstudium an der Fachhochschule in München an. Und obwohl sie während des Studiums in der Geschäftsleitung des Bayerischen Hofes mitarbeitete, schloss sie es 1992 erfolgreich mit dem Diplom-Betriebswirt ab. Doch gerade als sie ihr Studium beendet hatte, erlitt Vater Falk Volkhardt einen schweren Schlaganfall und die Tochter musste als Geschäftsführerin die volle Verantwortung für den riesigen Familienbetrieb – neben dem „Bayerischer Hof“ das Hotel „Zur Tenne“ in Kitzbühel und die Weinkellerei Gebrüder Volkhardt übernehmen. Plötzlich war sie Chefin von rund 800 Mitarbeitern. „Dass ich so rasch die alleinige Verantwortung übernehmen muss, hatte ich allerdings nicht gedacht. Aber es war keine große Belastung damals“, erinnert sie sich, weil die Mitarbeiter erkannt hätten, dass nur durch eine gute Zusammenarbeit mit ihr das Haus in Familienhand und ihre Arbeitsplätze erhalten bleibe. Seit 1994 bis heute ist sie Geschäftsführende Komplementärin des „Bayerischer Hofs“, der je zur Hälfte ihr (als voll haftende Geschäftsführerin) und ihrer Schwester gehört, die aber nicht im Unternehmen tätig ist. Damit ist das Fünf-Sterne-Haus eines der wenigen Hotels, das noch in Familienbesitz und nicht in der Hand von börsennotierten Konzernen oder Investoren ist. „Ich kenne nur meine Tiere und meine Arbeit“, sagte Innegrit Volkhardt schon vor vielen Jahren, und das trifft heute noch mehr zu als früher, denn ihr Arbeitstag dauert mindestens 12 bis 14 Stunden, und auch die Wochenenden opfert sie meist für

Hier tagt auch die Sicherheitskonferenz: Der renovierte Festsaal.

ihre Arbeit. Auch die „Tenne“ in Kitzbühel und der hauseigenen Weinkellerei fordern ihren Zeittribut. Weil sie so stark ausgelastet ist, hat sie auch auf die Gründung einer eigenen Familie verzichtet. Sie empfindet die berufliche Belastung aber nicht als Stress. „Meine Beruf ist mein Leben“ sagt sie lachend, „denn ein Hotel zu leiten, ist ein wunderschöner Beruf, auch wenn fürs Privatleben oder für Hobbies – das waren mal Reiten und Musik – so gut wie keine Zeit bleibt.“ Die wenigen Stunden, die sie „abzweigen“ kann, nutzt sie für ihre drei Esel und fürs Rudern im Starnberger See. Urlaube sind kaum möglich, allenfalls mal acht Tage. Doch dann wird sie schon wieder unruhig, ob in ihren

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POLITIK & WIRTSCHAFT Unternehmen auch wirklich alles rund läuft. Zum Glück hat ihr langjähriger Lebenspartner Verständnis dafür. Dass sie vor allem in den ersten Jahren nach der Krankheit und dem Tod des Vaters (2001) alles so gut geschafft hat, führt Innegrit Volkhardt auf ihr positives Denken zurück. „Setz’ Dir ein realistisches Ziel und Du erreichst es“, sagt sie. „Geht nicht, gibt’s nicht, das war immer mein Credo, und es hat funktioniert.“

Bild: People Image/Michael Tinnefeld

Höchste Ehrung: Der Vorstand der FBMA verleiht Innegrit Volkhardt die Brillat Savarin-Plakette 2008.

laufend. Doch der wurde während des Zweiten Weltkrieges fast total zerstört. Gemeinsam mit seinem damals 20-jährigen verwundeten Sohn Falk machte er sich 1945 den Wiederaufbau des Hotels, von dem lediglich der Spiegelsaal einigermaßen erhalten geblieben war. Er wurde 1947 als Speiselokal wieder eröffnet, und schon bald gab es die ersten 13 Gästezimmer. 1969 wurde das geschichtsträchtige Montgelas-Palais in den „Bayerischen Hof“ integriert. Heute umfasst das Hotel 355 Zimmer, davon sind 60 Suiten, einen Festsaal, 39 weitere Veranstaltungsräume, drei Restaurants, sieben Bars, einen Nachtclub, eine eigene Bäckerei, das BluSpa auf dem Dach, ein Beauty- und ein Business-Center, eine Kunstpassage und ein verpachtetes Theater. 670 Mitarbeiter sorgen für die Gäste, von denen bis zu mehr team m&m

Seit 112 Jahren ist der „Bayerischer Hof“ in Familienbesitz. Für 2,85 Millionen Goldmark erwarb der gelernte Zuckerbäcker Herrmann Volkhardt 1897 den damals 50 Jahre alten Gärtnerbau. 1839 hatte König Ludwig I. dem späteren Reichsrat und Ritter Joseph Anton von Maffei den Auftrag erteilt, den alten „Gasthof zum Bär“ am Promenadeplatz zum ersten vornehmen Hotel der Stadt umzubauen. Das gelang ihm so gut, dass der König selbst dort zweimal im Monat einkehrte, um ein königliches Bad zu nehmen. Herrmann Volkhardt modernisierte das Gebäude von Grund auf. Als er 1909 starb, erhielten sein Sohn Ernst das frisch erworbene „Regina Palast Hotel“, Sohn Wilhelm die Weingroßhandlung und Sohn Hermann den „Bayerischen Hof“, der sich mittlerweile auf 5000 Quadratmeter ausgebreitet hatte. Hermann wehrte sich 1918 erfolgreich gegen eine Beschlagnahme seines Hotels durch die Räte-Regierung und modernisierte den Komplex

Von hier. Für uns.

Selbst der König kam zweimal im Monat zum Baden. als 3000 gleichzeitig bewirtet werden können. Im Jahresdurchschnitt ist das Haus, das zu den Leading Hotels of the World gehört, zu 71 Prozent ausgelastet; es erwirtschaftet zusammen mit rund 2000 Gastveranstaltungen einen Umsatz von etwa 51 Millionen Euro; die „Tenne“ erzielt etwa neun Millionen.

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Höhepunkt des Jahres ist für Innegrit Volkhardt stets die Münchner Sicherheitskonferenz, während der das Hotel einem Sicherheitstrakt gleicht, was gar nicht zu der sonst dort gepflegten Offenheit passt. Für diese Zeit gibt sie dann die Hausmacht an deren Organisatoren ab. „Diese Veranstaltung ist für uns eine logistische und gastronomische Herausforderung“, sagt sie, denn dann brauche sie 50 Köche, 120 Service-Mitarbeiter und 100 im Logisbereich. Aber auch das meistert sie ohne große Schwierigkeiten. Selbst die Wirtschaftskrise, die sich auch im Hotelbereich bemerkbar macht, bringt die dynamische Hotelmanagerin nicht aus der Fassung. „Ich wollte nie expandieren, sondern mich immer auf den starken Kern unseres Geschäftes konzentrieren. Und da wir keine Fremdmittel brauchen, werde ich trotz Krise weiter in unser Haus investieren.“ ■

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AKTUELLES

Mutmacher

Zitate: „Bewahren was wertvoll ist, verändern was notwendig ist – dabei möchte ich helfen.” Bundespräsident Horst Köhler nach seiner Wiederwahl

Sein Vorfahr König Ludwig I. ließ die Ruhmeshalle schaffen: Herzog Franz von Bayern mit Minister Georg Fahrenschon (r.). Hinter ihnen die Büsten von Emmy Noether (li.) und Therese von Bayern.

Ein Malerfürst, eine Prinzessin, ein Dramatiker, ein Physiker, eine Mathematikerin und ein Komponist: Sechs neue Büsten enthüllte Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon in der Ruhmeshalle an der Münchner Theresienwiese. Die Ehrung ihrer bedeutenden Persönlichkeiten sei für die Gesellschaft ebenso wichtig wie der Ansporn, der von ihren Leistungen und ihren Lebenswegen ausgehe. „Leistungsbereitschaft, Leistungswille und persönliches Engagement für das Wohl der Gesellschaft gehören zu den Ecksteinen unserer zivilen Ordnung“, betonte der Minister. Die geehrten Vorbilder sind der Maler Franz Lenbach, die Forscherin Therese von Bayern, der Dichter Bert Brecht, der Physiker Werner Heisenberg, die Mathematikerin Emmy Noether und der Komponist Carl Orff. Sie alle, so Fahrenschon, bezeugen Bayerns Stärke und machen Mut.

„Gerechtigkeit ist eine Frage der Leistungsgerechtigkeit und nicht der Umverteilung.“ Georg Fahrenschon, bayerischer Finanzminister (CSU)

„Die Krise ist ein ungemein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Theo Waigel, neuer Ehrenvorsitzender der CSU, zitiert zu seinem 70. Geburtstag den Schweizer Schriftsteller Max Frisch

„Er hat das Zeug zu einem deutschen Obama.“ Martin Walser, Schriftsteller, über den CSU-Politiker und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

„Sie suchen bei ihrem Kandidaten verzweifelt nach etwas Spannendem und Exzessivem. Sie finden aber nichts.“ Franz Walter, SPD-naher Politologe, über die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier

50 Prozent, während die rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten leicht gesunken sind. Neben dem Extremismus, so Herrmann, sei der bedeutendste Aufgabenbereich des Landesamtes für Verfassungsschutz der internationale islamistische Terrorismus. „Jederzeit sind Anschläge durch islamistische Terroristen möglich.“

Argentinien und sind die Stars der großen Dinosaurier-Ausstellung im Rosenheimer Lokschuppen (bis 25. Oktober). In dem südamerikanischen Land haben Archäologen in den letzten Jahren sensationelle Funde gemacht. Die besten Exponate sind nun auf Europa-Tournee. Eine faszinierende Reise in eine gigantische Urwelt.

Starkes Bayern Die Krise geht auch an Bayern nicht spurlos vorbei. Das ist zu erwarten in einem Land, das in der Bundesrepublik seit Jahren die höchste Exportquote erzielt und selbstverständlich auch unter der aktuelFoto: Claus Rammel llen SSchwäche h ä des Weltmarkts leidet. Doch der Freistaat hat vorgesorgt in den Boomzeiten: Die Politik stemmte einen ausgeglichenen Haushalt, die Unternehmen steigerten ihre Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitnehmer zählen zu den Besten in Europa. Kein anderes Bundesland hat einen ähnlich hohen Zuzug hochqualifizierter Neubürger.

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Kreis München Kreis Starnberg Kreis Hochtaunuskreis Kreis Ebersberg Kreis Main-Taunus-Kreis Stadt München Stadt Erlangen Kreis Erlangen Höchstadt Kreis Dachau Kreis Freising

Ganoven-Wüste Auch für das vergangene Jahr kann Innenminister Joachim Herrmann im Vergleich zu den anderen Bundesländern den höchsten Sicherheitsstandard belegen: „Niedrigste Kriminalitätsbelastung und höchste Aufklärungsquote.“ Die Zahl der angezeigten Straftaten ist um rund zwei Prozent auf 650 000 gesunken, die Polizei konnte zwei Drittel davon aufklären. Alarmierend aber sei, so der CSU-Politiker, dass fast jeder vierte Tatverdächtige jünger als 20 Jahre alt war und jeder sechste Jugendliche und fast jeder dritte Heranwachsende unter Alkoholeinfluss stand. Der Verfassungsschutzbericht 2008 zeigt in Bayern einen erheblichen Anstieg linksextremistischer Gewalttaten um fast

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Die Wirtschaftskraft im deutschen Süden.

Foto: Claus Rammel

Monster-Schau Mit 38 Metern ist der „Argentinosaurus“ der größte und mit 235 Millionen Jahren ist der „Eorator“ der älteste Saurierfund. Die urzeitlichen Monster kommen aus

Die Stärke Bayerns dokumentiert auch die jüngste Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft: Unter den zehn wirtschaftsstärksten Städten und Kreise liegen acht (!) zwischen Rhön und Zugspitze. An der Spitze die Kreise München und Starnberg. Ganz stark auch Stadt und Kreis Erlangen auf den Rängen 7 und 8. Einzig die hessischen Kreise Hochtaunus (3) und Main-Taunus (5) gesellen sich zu den weißblauen Champions.

Internet: www.bayerischer-monatsspiegel.de

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Reuschel & Co. Marktkommentar

„Buchstabensalat“ Entscheidend für die mittelfristige Entwicklung an den Kapitalmärkten wird die Antwort auf die Frage nach dem Verlauf der bevorstehenden Erholung der Weltwirtschaft sein. Der Wunsch vieler Volkswirte, ihre Forschungserkenntnisse möglichst plastisch darzustellen, führt dabei zu Analogien aus der Welt der Buchstaben. Diejenigen, die nach dem massiven Einbruch eine sprunghafte Erholung erwarten, sehen einen V-förmigen Konjunkturverlauf. Skeptischere Stimmen beschreiben ihre Erwartungen eher mit einem L, einem breiten U oder einem spiegelverkehrten J. Anhänger eines zickzack-förmigen Verlaufbildes fühlen dieses am besten durch ein W illustriert. Dieses heiter anmutende Buchstabenraten sollte man nicht als Spielerei abtun, weil das tatsächliche Ergebnis die zukünftigen Trends an den Kapitalmärkten entscheidend mitprägen wird. Unsere Einschätzung gilt unverändert: Der Tiefpunkt des ökonomischen Desasters liegt klar hinter uns, aber das Ausmaß der jüngsten Finanzkrise hat zu strukturellen Verwerfungen geführt, die die zukünftige

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wirtschaftliche Dynamik spürbar begrenzen werden. Wir stehen auf mittlerer Sicht vor im historischen Vergleich unterdurchschnittlichen Wachstumsraten. Die kräftige Erholung an den Aktien- und teilweise auch an den Rohstoffmärkten hat sich bis Mitte Juni zunächst fortgesetzt. Aktienkurse, aber auch der Preis für Erdöl und die Notierungen von High-Yield-Anleihen zeigten erneut eine überragende Performance. Erst Mitte des Monats setzte insbesondere am Aktienmarkt eine Gegenbewegung ein, die aus der kurzfristig stark überkauften Marktsituation ein wenig Luft entweichen ließ. Spiegelbildlich dazu verlief die Entwicklung bei qualitativ hochwertigen Staatsanleihen; diese waren in den letzten Wochen von einem spürbaren Renditeanstieg geprägt. Von diesen Kursverlusten konnten sich die Rentenmärkte parallel zur Konsolidierung an den Aktienmärkten mittlerweile wieder etwas erholen.

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Anfang Juni stiegen die Aktienmärkte auf ihre vorläufigen Höchststände. So erreichte der DAX 5.177 Indexpunkte. Auch die europäischen Blue Chips verzeichneten Jahreshöchst-

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POLITIK & WIRTSCHAFT stände. Doch seitdem geriet die Aufwärtsbewegung ins Stocken. Die Kurse treten mehr oder weniger auf der Stelle. Auch die Umsatztätigkeit ging – sicherlich auch ferienbedingt – stark zurück. Mehrere Faktoren deuten auf das Nachlassen der Aufwärtskräfte hin. Mit den gestiegenen Kursen ist schon sehr viel Hoffnung in den Kursen eingepreist. Dies drückt sich auch in dem Kurs-Gewinn-Verhältnis aus, das beim DAX Index bei ca. 26 liegt, und damit schon sehr hoch ist. Deutlich besser sieht die Lage beim Eurostoxx 50 aus. Hier liegt das KGV nur bei knapp 19. Und doch schaut die technische Situation im DAX noch besser aus als bei seinem europäischen Pendant. Der Markt braucht nun neue Impulse, um dieses Niveau zu halten bzw. den Aufwärtstrend fortzusetzen. Woher diese kommen könnten, ist jedoch fraglich. Die Berichtssaison für das zweite Quartal beginnt erst im Juli. Und ob es bei den anstehenden makroökonomischen Zahlen positive Überraschungen geben wird, muss man abwarten.

verfassung gesehen werden. Wenn sich dieser Trend bestätigen sollte, ist wieder Vorsicht angesagt. Was für die Aktienmärkte spricht, ist die unverändert extrem hohe Liquidität, die bedingt durch das niedrige Zinsniveau nach gewinnbringenden Anlagemöglichkeiten sucht. Diesen Anlagebedarf darf man nicht unterschätzen. Derzeit sollten die oben aufgeführten Argumente Anleger zur Vorsicht mahnen. Eine Übergewichtung in Aktien ist nicht zu empfehlen, aufgrund des Zinsniveaus und der aggressiven Notenbankpolitik gibt es jedoch auch keinen Grund zur Panik. Gewonnene Liquidität kann bereitgehalten werden, um bei fallenden Kursen erneut zu investieren. ■ Ihre Ansprechpartner: André Will-Laudien (Investment Center) +49 (0)89 2395-1649 Stefan Blaukat (Pressesprecher) +49 (0)89 2395-1296

Bei vielen Rohstoffpreisen deutet sich eine ähnliche Entwicklung an. Industriemetalle und Öl lassen eher einen Rückgang der Dynamik erwarten. Diese können durchaus als Indikator für die wirtschaftliche Gesamt-

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ENERGIE IST LEBEN Hubert Markl

Ewiger Kampf um Energie

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ENERGIE IST LEBEN Voraussetzung jeder Entfaltung von Leben ist die Neuentdeckung, wie Energie besser genutzt werden kann als bisher. Energie ist die Voraussetzung von Kultur. Neue Energie ist die Voraussetzung für eine neue Entwicklungsstufe. Wir sind deshalb ständig auf Suche nach neuer Energie. Dies um so mehr, als die Lebewesen, insbesondere die Warmblütler, also wir Menschen, geborene Energieverschwender sind. Wenn Sie nichts mehr essen, hungern Sie sich zu Tode, sterben Sie. Das ist scheinbar banal und doch verbirgt sich dahinter das Geheimnis des Lebens in unserer Welt. Wir Menschen sind, wie alle Lebewesen, ein „Ordnungssystem“. Wenn diesem System keine Energie zugeführt wird (Essen), zerfällt es. Die höhere Energieform (Leben) wird zu niedrigen Energieformen (Zerfall, Staub, Gase). Naturwissenschaftler bezeichnen diesen „Fluss der Energie“ als Entropie. In einem System, in das keine neue Energie zugeführt wird, geht die Energie von der höheren Organisationsform (Leben) zur niedrigeren (Tod). Das ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Für die Entfaltung des Lebens ist das Ergebnis wichtig: Leben kann nur Leben bleiben, wenn es die Entropie vermeidet. Das geht nur durch ständig neue Zufuhr von Energie. Es ist also unsere Lebensaufgabe, die Aufgabe der Evolution, Energie ständig neu zu nutzen. Wer wachsen will, wer am Leben bleiben will, braucht stets neue Energie. Der gesamte Evolutionsprozess, der immer komplexere, immer informationsreichere Ordnungszustände der belebten Materie hervorbrachte und hervorbringt, ist also auch ein Prozess, der immer mehr freie Energie zur Aufrechterhaltung und Reproduktion der Systeme erfordert. Leben war in seiner Entwicklung daher immer auf Suche nach neuer Energie. Höhere Lebensformen werden immer energiehungriger. Unser eigener unaufhörlicher Bedarf an hochwertiger Energie ist der Preis für unsere höchst entwickelte Lebensorganisation. Je informationsreicher und komplexer sich das Leben organisiert, umso höher dafür dieser Preis an freier Energie. Es gibt deshalb in der Biosphäre keinen Energiekreislauf. Evolution bedeutet daher das stete Ringen um die Versorgung mit freier Energie. In der Sprache von Charles Darwin: Wer besser in der Lage ist, freie Energie für sich und seine Entwicklung zu sichern, ist im Kampf ums Dasein besser gerüstet. Seine Chancen, sich weiter zu entfalten, sind größer als die anderer, die diesen Zugang oder diese schöpferische Nutzung freier Energie nicht erreichen.

Diese Grundtatsache unseres Daseins wird klarer, wenn wir Stufen des Evolutionsweges des Lebens auf unserem Planeten als Entwicklungsfolge des Ringens um die Versorgung mit freier Energie sehen. Zu Beginn des Lebens im warmen Urozean vor vielleicht vier Milliarden Jahren hatten die ersten Lebewesen, die Progenoten, reichlich Vorräte zum Leben. Sie hatten sich deshalb explosionsartig vermehrt und ihre wahrhaft gigantischen Ressourcen bald verbraucht. Sauerstoff war in der Atmosphäre praktisch noch nicht vorhanden, die Lebewesen ernährten sich durch Vergärung im Ozean. Dadurch entstand Sauerstoff, immer mehr Sauerstoff, der den Lebewesen, für die Sauerstoff tödlich war, das Leben abschnürte. Eine neue Lebensform, die Zyanobakterien, konnten mit Hilfe der Sonnenstrahlung neue organische Substanz aufbauen und gleichzeitig auch mit Sauerstoff leben. Es bildeten sich Algen, der Sauerstoffgehalt im Gewässer und der Lufthülle stieg weiter. Dies wurde für bisherige Lebensform lebensgefährlich. Es war sozusagen eine „Sauerstoffgiftmüllkonzentration“ in ihrer Umwelt. Jetzt konnte eine neue Lebensvariation die Führung übernehmen, die Purpurbakterien. Sie konnten aus dem gleichen organischen Material zwanzig Mal mehr arbeitsfähige Energie herausholen als ihre Vorgänger. Diese Purpurbakterien, die sich mit den Zyanobakterien zusammenschlossen, nennen wir Eukaryonten. Von ihnen stammen wir ab. Es sind die grünen Pflanzen, die seit bald zwei Milliarden Jahren die Lebensräume beherrschen. Je mehr diese Eukaryonten durch ihre Atmung Kohlensäure in die Atmosphäre abgaben, umso wirkungsvoller wurde ihre Photosyntheseleistung. Der Sauerstoffspiegel in der Atmosphäre stieg ständig an. Vor etwa zehn Milliarden Jahren erreichte er etwa zehn Prozent des heutigen Wertes. Jetzt erhielten die im Inneren gelegenen Zellen genug Sauerstoff zum Atmen. Das Leben konnte größere Strukturen aufbauen. Die eigene Photosynthese wie bei den Pflanzen war nicht mehr notwendig. Es genügte, dass diese Lebewesen die Pflanzen selbst verschlangen und sich damit das Ergebnis der Photosynthese besorgten. Wir nennen diese rücksichtslosen Räuber und Wegelagerer „Tiere“ und gehören selbst dazu. So züchteten die Pflanzen mit ihrer energetisch effizienten Photosynthese und Atmungsproduktivität die eigenen ausbeutenden Fressfeinde. Diese können sich Lichtenergiebindung sparen, weil sie deren chemisch gespeicherte Forma einfach verschlingen. Auch ein schönes Steak mit Kartoffelkroketten und in Olivenöl gebadetem Salat ist eben nichts anderes als eine Ansammlung von Produkten durch Lichtenergie angetriebener pflanzlicher Biosynthese, auch wenn diese im Fall des Steaks schon einmal durch den fremden Darmtrakt gewandert sind, bevor wir sie uns einverleiben. Wir sind Warmblütler. Diese aktive Aufrechterhaltung unserer hohen Körpertemperatur ist in der Natur recht selten. Nur die Vögel und die Säugetiere sind fast ausnahmslos warmblütig. Diese Warmblütigkeit ist unverschämt teuer, was Energieaufwand und Nahrungsbedarf betrifft. Bis zu 90 Prozent des gesamten Energieumsatzes wird nur für Heizung oder Kühlung benötigt. Als Ergebnis bedeutet das: Wir Warmblütler benötigen etwa zehnmal so viel Nahrungsressourcen wie beispielsweise Reptilien. Wir sind also enorme Energieverschwender! Wir 씮

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ENERGIE IST LEBEN Mitteleuropäer brauchen allein fast die Hälfte unseres Primärenergiebedarfes für Raumheizung statt Nächtens und vor allem zur Winterzeit in energiesparende Kältestarre zu verfallen. Bleibt die spannende Frage: Wieso ist die Natur auf eine so „dumme“ Idee gekommen? Offenkundig belohnt die natürliche Selektion den Evolutionsprozess, nicht die Sparsamkeit im Ressourcenverbrauch, sondern die Wettbewerbsfähigkeit mit Konkurrenten in der Erzeugung seiner eigenen Nachkommen. Die früheren kleinwüchsigen Säugetiere konnten dank ihrer höheren Körperwärme auch nachts oder zu kühleren Zeiten jagen, wenn die sonst haushoch überlegenen Reptilien dank Abkühlung weniger beweglich wurden. Als im Laufe des Tertiärs das Erdklima weltweit kühler und variabler wurde, konnten die ursprünglich zum Nachtleben perfektionierten Säugetiere zusammen mit den Vögeln trotz ihres exzessiven Energiebedarfes auch tagsüber immer machtvoller auftreten. So benötigen sie gegenüber ihren wechselwarmen Konkurrenten bis zu zehnmal größere Nahrungsterritorien. Das heißt: Sie müssen sehr mobil sein, müssen ein erfinderisches Nahrungs- und Beutegewinnungsverhalten entwickeln. Genau diese Warmblütigkeit gibt aber auf der anderen Seite die Möglichkeit zu Höchstleistungen, weil stets und schnell die gesamte Leistungsfähigkeit verfügbar ist. Insbesondere unser Gehirn arbeitet unter „Konstantbedingungen“ um ein Vielfaches zuverlässiger als ein Gehirn, dessen Neuronen unter wechselnden Außenbedingungen mal warm, mal kalt funktionieren muss. Wir sehen das übrigens auch an

den Großcomputern, die ständig im gleichen Temperaturbereich gehalten werden müssen. Kein Ort unseres Körpers ist so temperaturkonstant und energetisch wohl versorgt wie unser Gehirn. Mit seinen mehr als 100 Milliarden Zellen hat es zwar nur zwei Prozent unseres Körpergewichtes, benötigt aber bis zu 20 Prozent unseres Energiebedarfes. Der Homo sapiens verdankt seinen überragenden Intellekt also der Warmblütigkeit, einer Entwicklung, die vor einigen Milliarden Jahren begonnen hat. Der Schritt zur menschlichen Kultur wurde nur möglich durch

Der Evolutionsprozess belohnt Produktivität, nicht Sparsamkeit. die Erschließung von Nahrungs- und Energieressourcen über das Maß hinaus, das unseren Tierverwandten zur Verfügung steht. Man kann deshalb die Kulturrevolution des Menschen auch bezeichnen als eine Kulturgeschichte der Verfügbarkeit über Energieressourcen. Das war so in der Vergangenheit, das wird auch in der Zukunft so bleiben. Der Mensch verdankt also seine überragende Intelligenz der energieverschwenderischen Entscheidung unserer Säugetiervorfahren. Unter konkurrierenden Lebensformen wird nicht diejenige belohnt, die den sparsamsten Gebrauch für ihre Lebenserhaltung macht, sondern jene, die im Wettbewerb mit anderen die Ressourcen am effizientesten in eigene Vermehrungsprodukte

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ENERGIE IST LEBEN umzusetzen vermag. Wenn dies durch verschwenderischen Energieaufwand besser gelingt als durch sparsamen, so hat die biologische Evolution keine eingebauten Bremsen gegen eine solche Ausbeutung der Versorgungsquellen, auch wenn die Folgen auf längere Sicht selbstzerstörerisch sein sollten. Es gehört zu den eher erschreckenden Einsichten der Evolutionsbiologie, dass in der biologischen Natur nichts eine Spezies daran hindert, sich langfristig selbst zugrunde zu richten, solange sie kurzfristig durch ihr Verhalten vermehrungsproduktiver ist als die Konkurrenten. Deshalb sind wohl 99 Prozent aller Lebensformen, die jemals existiert haben, ausgestorben, weil sie in ihrer Art nicht voll lebensfähig waren, weil sie an Konkurrenten gerieten, die die Ressourcen erfolgreicher, möglicherweise auch rücksichtsloser, in eigene Nachkommen verwandeln konnten. Die biologische Natur des Menschen ist diesbezüglich nicht anders beschaffen. Auch wir wurden danach ausgelesen, unseren Wettbewerbserfolg zu optimieren und wir haben – als Spezies betrachtet – ja geradezu atemberaubenden Erfolg darin bewiesen, der uns allmählich aber selbst an die Kehle geht. Wir haben die engen Fesseln genetischer Verhaltensbestimmung noch nicht von uns abgeschüttelt, aber wir haben die Freiheit hinzugewonnen, im Rahmen unserer kulturellen Entfaltung die Ziele, nach denen wir im Wettbewerb mit anderen streben, sehr vielfältig zu wählen. Doch bei aller Freiheit fehlt uns ein gleichsam eingebautes Kontrollsystem zur Maßhaltung und Selbstbegrenzung, obwohl uns Weisheitslehren aller Art doch nachdrücklich dazu ermahnen. In der Regel ist der Mensch als Kulturwesen so organisiert, dass er in der Entfaltung seiner Fähigkeiten Wünsche und Begierden schwerlich genug bekommen kann. Von Natur aus ist der Mensch sozusagen nicht weniger maßlos, als die lebendige Natur selbst. Kaum anders als die natürliche Evolution sich in immer steigernder Komplexität der Lebensformen entfaltete, in dem sie unter wachsendem Aufwand und Energie immer höhere Leistungen vollbrachte, kaum anders hat der Mensch über die Jahrtausende hinweg seine Kultur immer komplexer entwickelt, indem er immer mehr Energiequellen für die Verwirklichung seiner Ziele entschlossen in Anspruch nahm. Die Antriebskräfte dieser gewaltig gesteigerten Produktivität, die zugleich einen steigenden Energiebedarf erzeugten, lassen sich auf wenige Grundprinzipien zurückführen, die den Menschen wohl angeboren sind. Fünf Grundprinzipien sehe ich, die Triebkräfte der Energieverschwendung sind: Der Wunsch Nahrung zu sichern; der Schutz vor Temperatur und vor wilden Tieren; der Drang nach Bewegung samt der Lust an der Mobilität; die Lust nach Kommunikation, von der wir gar nicht genug bekommen können. Und letztlich der Drang nach sozialem Status, nach Rang, Ansehen, Wertschätzung und Erfolg in der Gemeinschaft. Wie bei den kämpfenden Hirschen oder den Rad schlagenden Pfauen, so hat der Soziologe Thorstein Veblen schon vor langer Zeit die menschliche Art, in der Gesellschaft den eigenen Rang zu demonstrieren, als „conspicuous consumption“ beschrieben, also „demonstrative Verschwendung“ – vor allem von Energie. Das Auto vereinigt idealer Weise alle Anforderungen solcher humaner Bedürfnisbefriedigung. Es macht individuell beweg-

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Blitze lieferten den Urmenschen einst Energie in Form von Feuer. Nach der griechischen Mythologie, brachte es Prometheus zu den Sterblichen und wurde dafür von den Göttern bestaft.

lich wie kein anderes Transportmittel, es bietet unbegrenzte Geschwindigkeits- und Beschleunigungslustpotenziale, es ist mechanisch hinreißend perfekt und kann ästhetisch berückend gebaut sein, es wirkt wie der auf den Leib gegossene Multiplikator eigener Kräfte; es lässt sich in unglaublicher vielfältiger Weise nützlich verwenden, es schützt vor Wetter und fremder Zudringlichkeit, es wird in fast grenzenlos abstufbaren Qualitätsunterschieden geliefert. Das Automobil ist deshalb das perfekte Statussymbol, der ideale Ranganzeiger für die „demonstrative Verschwendung“. Leben braucht also freie Energie und die biologische Evolution optimiert Lebewesen nicht auf den sparsamsten Ressourcenverbrauch, sondern auf den höchsten Wettbewerbserfolg, der im Energieumsatz teuer zu stehen kommen kann. Der hohe Preis, den das Leben für diese Bedingungen seiner Entfaltung zu entrichten hat, ist das Risiko aller Lebensformen, von Wettbewerbern verdrängt zu werden und sich durch Zerstörung der eigenen Daseinsvoraussetzungen selbst zu gefährden. Die Kulturrevolution der Menschheit hat diesen Prozess der natürlichen Evolution nur teilweise außer Kraft gesetzt. Nach wie vor treiben uns unsere natürlichen Anlagen, im Wettbewerb mit Konkurrenten aller Art nach Überlegenheit zu streben. Die Entfaltung unserer kulturellen Leistungen beruht auf dem immer vielfältigeren Einsatz von freier arbeitsfähiger Energie zur selbst bestimmten Gestaltung unserer Umwelt und zur Befriedigung unserer – oftmals durchaus unverändert animalischen – Bedürfnisse und Begierden. Unsere Neigung, sozialen Rang vor allem an der Verfügungsgewalt über Güter und Energie zu messen, fördert die ohnehin gegebene Notwendigkeit, unaufhörlich gesteigerten Energieumsatz zu produzieren, um die globale, hoch komplizierte Zivilisation aufrechtzuerhalten. Doch das lustvolle Streben nach Wettbewerb im Verbrauch von Ressourcen zur Befriedigung unserer Wünsche ist zugleich eine Selbstbedrohung. Wir sind in einer einmaligen evolutionären Lage: Wir haben nicht nur den Drang und die Mittel, die gesamte Biosphäre zu beherrschen, wir haben gleichzeitig die Einsicht, dass wir diese einmalige Lage nur dann langfristig genießen und nutzen können, wenn es uns gelingt, die Entfaltung unserer Leistungspotenziale auf die Tragekapazität der Erde abzustimmen, was im Grunde gegen unser natürliches Streben steht. Aus nacktem egoistischem Überlebensinteresse müssen wir das globale

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ENERGIE IST LEBEN Management der Biosphäre verantwortlich übernehmen. Dabei müssen wir die Last der Selbstverantwortung tragen, die aus dem Wissen über unsere Macht über alle Lebensbedingungen entspringt. Fragen der Energieversorgung, der Energiegewinnung und der Energienutzung stellen sich also künftig anders. Der Energiebedarf der Menschheit wird wohl weiter steigen, vor allem bei denen, die noch in Armut und Unterentwicklung leben. Für diesen wachsenden Energieverbrauch sind gegenwärtig als alternative Quellen zur fossilen Energie in quantitativ beachtlichem Maße nur Wasserkraft und Kernenergie verfügbar. Solarund Windenergie, Geothermik oder Biomasse-Nutzung können nur einen ergänzenden Beitrag liefern. Bei aller Hoffnung auf eine zügige Fortentwicklung alternativer Energiequellen bleibt keine andere Wahl als die eines straffen globalen Managements des Einsatzes der jetzt verfügbaren Energiequellen. Dazu gehört, dass die hoch entwickelten Länder ihren Verbrauch an Fossilenergie zunehmend einschränken, dass die Effizienz der Energienutzung gesteigert und die Energieverluste gemindert werden. Kraft-Wärme-Kopplung und Niedrigenergiehaus gehören dazu. Und dazu gehört auch, die Kernenergie weiter zu nutzen, sichere, inhärente Reaktortypen beschleunigt zu entwickeln und eine zuverlässige Entsorgungstechnik in Betrieb nehmen. Eine solche Politik bedarf der breiten Unterstützung durch Wirtschaft und Gesellschaft. Um diesen politischen Konsens muss gekämpft werden. Die Konzepte müssen nüchtern abgewogen

werden und so emotionsfrei und rational wie irgendwie möglich ausdiskutiert werden. Die Menschheit steht heute an einem Punkt ihrer Entwicklung, an dem ihr eine drückende Verantwortung auferlegt ist, vor der kein Ausweichen möglich ist. Zwei Hauptprobleme müssen gelöst werden, von deren Bewältigung alles andere abhängt: Der Bevölkerungszuwachs muss zu einem Ende gebracht werden und die Energieversorgung der Menschheit darf kein Totalexperiment mit dem Erdklima werden. Wenn sich die Menschheit darüber einig wird, dann sollte es uns auch möglich sein, unsere Lebensund Wirtschaftsweisen sozial, ökonomisch und wissenschaftlich technisch so innovativ fortzuentwickeln, dass sie sich in diesem Rahmen halten und dennoch künftig wirtschaftliches Wohlergehen sichern. ■

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hubert Markl, geborener Regensburger, lehrte als Biologe an den Universitäten Frankfurt, Darmstadt und Konstanz. Von 1986 bis 1991 war er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Von 1996 bis 2006 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

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Karl-Theodor zu Guttenberg

Effizienz schafft neue Märkte

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Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in einer angespannten Lage. Überall auf der Welt spüren die Menschen die Folgen der Finanzkrise, die sich massiv in der Realwirtschaft niederschlagen. Zugleich eröffnet sich hier die Chance, durch die konsequente Ausrichtung der Wirtschaft auf höchstmögliche Energieeffizienz gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Sich dieser Herausforderung zu stellen, ist angesichts des Klimawandels mehr als nur eine ökonomische Notwendigkeit. Deutschland ist als ressourcenarmes Land auf Energieimporte angewiesen. Der effiziente Einsatz von Energie ist in Deutschland daher bereits seit Jahrzehnten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zugleich ist ein starker Markt für Energieeffizienztechnologien entstanden. Deutsche Unternehmen entwickeln innovative Produkte und Dienstleistungen für mehr Energieeffizienz. Neben technologischen Spitzenprodukten bietet die deutsche Wirtschaft auch das Know-how und langjährige Erfahrung beim richtigen Einsatz der Effizienztechnik. Denn unterschiedliche Markt- und Rahmenbedingungen erfordern systemspezifische Lösungen. Energieeffizienz zahlt sich nicht nur in Zeiten hoher Energiepreise aus. Das zeigt die Entwicklung der letzten Monate sehr deutlich. Mit dem effizienten Einsatz von Energie können Kosten gesenkt, Innovationen angeregt, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhöht und langfristig Märkte mit zukunftsfähigen Arbeitsplätzen geschaffen werden. Dieses Modell setzt sich weltweit mehr und mehr durch. Deutschland kann basie-

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rend auf seinen langjährigen Erfahrungen auf diesem Gebiet wichtige Anregungen und Unterstützung für andere Länder bieten. Beispielsweise in Form der Exportinitiative Energieeffizienz und der Exportinitiative Erneuerbare Energien, die mein Haus koordiniert. Energieeffizienz und erneuerbare Energien werden künftig eine Schlüsselrolle im globalen Wirtschaftssystem spielen. Ein wichtiger Faktor für die energieeffiziente Gestaltung der Weltwirtschaft sind offene Märkte. Deshalb unterstützt Deutschland den globalen Austausch und freien Handel und lehnt Protektionismus als Antwort auf die Wirtschafts- und Finanzkrise ab. Denn die Effizienzpotenziale müssen weltweit erschlossen werden, um das ökonomische Wachstum der Zukunft zu gewährleisten. ■

Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg ist CSUBundestagsabgeordneter und seit dem 10. Februar Bundesminister für Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er für gut drei Monate Generalsekretär der CSU. Mit 37 Jahren ist er der jüngste Bundeswirtschaftsminister. Sein Großvater Karl Theodor war von 1967 bis 1969 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt, sein Vater Enoch ist Dirigent. Der Minister, der bereits zu den angesehensten Politikern Deutschlands zählt, ist mit Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen verheiratet, der Ur-Urenkelin Otto von Bismarcks. Das Paar hat zwei Töchter.

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ENERGIE IST LEBEN

„Wir bekennen uns klar zur Kernenergie“ Interview mit Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP)

Aus der Wasserkraft, wie hier am Walchensee, gewinnt Bayern noch immer deutlich mehr Strom als alle anderen Bundesländer. Doch erst die Kernkraft versorgte das revierferne Land mit ausreichender und günstiger Energie, die für den Aufstieg vom Agrarland zum Hightech-Land unerlässlich war. Sie ist auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil beim bayerischen Energiemix, wie Wirtschaftsminister Martin Zeil im Monatsspiegel-Interview betont.

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Foto: Mike Foto Mikee Schma chmalz lzz

Hat Bayern einen guten Energie-Mix? Ist die Versorgung gesichert? Muss der rot-grüne Atomausstieg vom Tisch? Und wie gut ist das Klima in der schwarz-gelben Koalition in München? Peter Schmalz sprach darüber mit dem bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP).

Bayerischer Monatsspiegel: Der Ölpreis ist niedrig, Bayern bezieht ein Drittel seines Stroms aus der billigen Kernenergie und ist zudem deutscher Meister bei der erneuerbaren Energie. Da brauchen Sie sich doch kaum Sorgen zu machen um die Energieversorgung? Martin Zeil: Wir haben in Bayern in der Tat einen ökonomisch wie ökologisch guten Energiemix, der uns eine hohe Versorgungssicherheit garantiert. Doch der gerät durch den noch von der rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie in Gefahr. Hier müssen wir dafür sorgen, dass unsere sicheren und hochproduktiven Kernkraftwerke länger als von Rot-Grün geplant Strom produzieren können. Andernfalls drohen uns nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland schwere Versorgungsengpässe. Zudem müssten wir neue Kohlekraftwerke bauen und in Bayern noch stärker Gas einsetzen. Klar ist allerdings auch, dass wir den Bereich der erneuerbaren Energien noch weiter ausbauen müssen, auch wenn wir in Bayern bereits sehr viel erreicht haben. Monatsspiegel: Beim Gas sagt Russland, es sei ein vertragstreuer Lieferant. Haben Sie Zweifel? Zeil: Bayern hat hier keine unmittelbaren negativen Erfahrungen zu beklagen, aber die Vorgänge um die Lieferungen in die

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Ukraine müssen uns doch sehr nachdenklich stimmen. Wir sind deshalb gut beraten, so weit wie möglich zu diversifizieren. Wobei wir auch hier schon viel erreicht haben. Immerhin kommen 26 Prozent der deutschen Gasimporte aus Norwegen und wir haben in Bayern zudem hohe Speicherkapazitäten. Dennoch müssen andere Projekte wie Flüssiggas-Terminals in der Adria oder in Wilhelmshaven und beispielsweise die südliche Nabucco-Pipeline entschlossen vorangetrieben werden.

Monatsspiegel: Mit der neuen Ostsee-Pipeline binden wir uns noch mehr an den russischen Hauptlieferanten. Sollte der Bau gestoppt werden? Zeil: Nein, das muss alles parallel laufen. Auch diese Pipeline halte ich für wichtig. Allerdings muss hier diplomatisch mit den baltischen Anrainerstatten und Polen umgegangen werden. Wir haben kein Misstrauen gegenüber unseren russischen Partnern. Aber man ist immer gut beraten, nicht nur innerhalb der Energieformen für einen Mix zu sorgen, sondern auch die Lieferantenschar bei der Versorgung möglichst breit zu streuen. Monatsspiegel: Liegt die Realisierung der Nabucco-Pipeline, die südlich an Russland vorbeilaufen soll, nicht in sehr weiter Ferne? Zeil: Es gibt zwar einige Schwierigkeiten, aber ich habe den Eindruck, dass das Projekt vorangetrieben wird. Es ist gewiss sehr langfristig angelegt, aber aus bayerischer Sicht haben wir daran ein sehr großes Interesse. Monatsspiegel: Und Sie sind sicher, dass es realisiert wird? Zeil: Davon bin ich überzeugt, auch wenn heute noch niemand sagen kann, wann dort der Gashahn aufgedreht wird.

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ENERGIE IST LEBEN Monatsspiegel: Bei Ingolstadt wird ein neues Gaskraftwerk gebaut. Werden wir dadurch noch abhängiger? Zeil: Nicht, wenn wir unseren doppelten Mix bei Energieart und Lieferanten beibehalten. Zudem ist für mich der Kraftwerksbau auch eine wichtige Standortfrage. Denn solche Projekte wie in Ingolstadt sind auch ein gewaltiger Technologie-Sprung. Monatsspiegel: Was konkret heißt: Der Bau der modernsten Gasturbine der Welt in Bayern ist für Siemens auch eine hervorragen Referenz in der ganzen Welt. Zeil: Genau so ist es. Monatsspiegel: Haben die Bayern bei der erneuerbaren Energie ihre Hausaufgaben gemacht? Ist ein weiterer Ausbau noch wirtschaftlich sinnvoll? Zeil: Oh ja. Auch wenn wir jetzt beim Ausbau der erneuerbaren Energien schon weiter sind als der Bundesdurchschnitt, haben wir uns auch in der Koalitionsvereinbarung dafür ehrgeizige Ziele gesetzt. So wollen wir den Anteil der erneuerbaren Energien am bayerischen Energieverbrauch bis 2020 verdoppeln. Das ist sehr ambitioniert. Wobei für uns in der Biomasse und der Geothermie mehr Möglichkeiten stecken als in der Windkraft. Ich sehe für Bayern große Ausbaupotentiale. Ich bin auch überzeugt, dass bayerische Unternehmen, die bereits in manchen Bereichen Weltmarktführer sind, international künftig noch größere Chancen haben. Monatsspiegel: Haben auch Biotreibstoffe eine Zukunft? Zeil: Diesen Bereich kann man durchaus noch weiter ausbauen. Leider aber hat der Bundesgesetzgeber einen Vertrauens-

bruch begangen, indem er die Besteuerung anders geregelt hat, als dies den Investoren ursprünglich zugesagt worden war. Monatsspiegel: Sie haben die Kernkraft schon angesprochen. Sehen Sie realistische Chancen, die Laufzeiten der bestehenden Reaktoren zu verlängern? Zeil: Wir haben uns in der bayerischen Koalitionsvereinbarung klar dazu bekannt, übrigens auch aus Klimaschutzgründen. Und wir dürfen in der gelegentlich emotionalen Diskussion auch nicht übersehen, dass wir außerordentlich sichere Kernkraftwerke haben. In dieser Technologie waren wir auch einmal weltweit führend. Nun wird es bei der Bundestagswahl darauf ankommen, ob wir den Spielraum für die notwendige und sinnvolle Verlängerung erhalten. Ich halte es für eine Zukunftsfrage, dass wir zu dem Energiemix, wie er bis 1998 bestanden hat, zurückkehren.

Monatsspiegel: Sehen Sie bei der SPD eine entsprechende Meinungsänderung? Zeil: Die kann ich leider nicht erkennen. Die sich in diese Richtung äußern, sind zumeist Ausgeschiedene oder sogar Ausgetretene. Monatsspiegel: Der damalige grüne Bundesumweltminister Trittin hat mit dem Argument für den Ausstieg geworben, Kernkraft sei weltweit ein Auslaufmodell. Sein roter Nachfolger Gabriel tut es heute noch. Führen die beiden die Menschen hinters Licht? Zeil: Es ist einfach nicht zutreffend, was sie sagen. Denn die Kernkraft erlebt weltweit eine Renaissance. Viele Länder bauen die Kernkraft massiv aus. Es war in Europa auch immer ein Trugschluss, den Menschen vorzugaukeln, man könne isoliert aus dieser Technologie aussteigen. Wir erleben dann doch, dass

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Energie-Gigant auf dem Weg zum Einsatzort: Die 440 Tonnen schwere Siemens-Gasturbine wird zum Kraftwerk Irsching transportiert. Mit einer Leistung von 340 Megawatt ist sie die größte und leistungsstärkste Gasturbine der Welt.


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Foto: Mike Schmalz

„Bürger sind mit unserer Arbeit zufrieden“: Wirtschaftsminister Zeil an seinem Schreibtisch.

gerade kernkraftkritische Länder vermehrt Strom aus ausländischen Kernkraftwerken beziehen. Der Staat muss sinnvolle Rahmenbedingungen setzen und dabei vor allem auf die Sicherheit achten.

Monatsspiegel: Ist nicht in Bayern durch den rot-grünen Ausstiegsbeschluss schon großer Schaden angerichtet worden? Es waren doch gerade bayerische Unternehmen mit der weltweit besten Kernkrafttechnologie. Zeil: In der Tat ist ein sehr bedauerlicher Schaden bereits eingetreten. Wir hatten beeindruckende Wissen- und Technologievorsprünge und sehen nun die große Gefahr, diese zu verlieren. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil es uns weltweit um die Sicherheit geht. Gerade hier hätten wir sehr viel anzubieten. Aber mit vernünftigen politischen Rahmenbedingungen können wir auch wieder zur Spitze aufholen. Monatsspiegel: Spüren Sie bei diesem Thema ein Umdenken in der Bevölkerung? Zeil: Umfragen zeigen, dass die Ängste zurückgegangen sind und die Mehrheit der Bevölkerung die friedliche Nutzung der Kernenergie bejaht. Aber es wird immer ein Ringen um die Zustimmung geben. Monatsspiegel: Vor wenigen Monaten schienen Brüsseler Energiesparpläne den Automobilstandort Bayern zu gefährden.

Umweltinnovationen der bayerischen Autobauer besser berücksichtigen. Nun kämpfen die Autobauer mit viel größeren Herausforderungen. Leidet der Klimaschutz unter der Krise? Zeil: Bei uns sicher nicht. Der Ministerpräsident und ich haben gemeinsam darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht sein kann, dass wesentliche Umweltinnovationen gerade der bayerischen Automobilindustrie bei den Klimaschutzvorgaben unberücksichtigt bleiben. Wir lassen nicht zu, dass unter dem Deckmantel der Klimaschutzpolitik, die wir im Grundsatz alle bejahen, Industriepolitik einseitig zulasten unseres Landes

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gemacht wird. Wir haben einen Teilerfolg erzielt. Aber mir ist noch immer unverständlich, weshalb diese Innovationen nur teilweise angerechnet wurden. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass gerade unsere bayerische Automobilindustrie auch weiterhin beim Klimaschutz die Nase vorne haben wird und nach der Krise, wenn die Märkte wieder funktionieren, mit ihrer Klimaschutztechnologie führend auf der Welt sein wird.

Monatsspiegel: Wie blicken Sie in die Zukunft? Zeil: Realistisch, aber mit dem uns Bayern eigenen Schuss an Optimismus, den wir uns auch in schwierigen Zeiten bewahren. Monatsspiegel: Lassen Sie uns zum Schluss auf die in Bayern ungewöhnliche Regierungskonstellation schauen: Wie ist die Stimmung, braucht die Koalitionen einen internen Klimaschutz? Zeil: Nein. Wir haben von Anfang an in den entscheidenden Punkten und auch bei den entscheidenden Personen ein gutes Klima aufgebaut. Das hat sich bis heute gehalten. Gelegentliche Querschüsse sind wohl dem Lernprozess geschuldet, den mancher in der für ihn noch ungewohnten Konstellation durchlaufen muss. Monatsspiegel: Ihr Resümee nach fast sieben Monaten? Zeil: Auf das Urteil der Bürger kommt es an. Und das sagt uns, dass die Koalition gut arbeitet und das umsetzt, was die Bürger mit dem Wahlergebnis ausdrücken wollten. Die Bürger sind also zufrieden mit unserer Arbeit. Das wollen wir konsequent fortsetzen. Monatsspiegel: Auf dem Gang vor Ihrem Amtszimmer hängen die Porträts Ihrer Vorgänger. Wann, glauben Sie, wird Ihr Bild dort hängen? Zeil: Das ist erst einmal Sache des Herrgotts, wie er mich gesundheitlich arbeiten lässt. Dann ist es Sache der Wählerinnen und Wähler, wobei wir ja beim letzten Ergebnis gesehen haben, dass der Weitsicht des Wählers keine Grenzen gesetzt sind. Und das Dritte ist, dass die FDP inhaltlich gut aufgestellt ist und weiterhin gute Politik für die Menschen macht. Unter diesen drei Voraussetzungen habe ich mir keine Begrenzung gesetzt. ■

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Sensation auf der Weltausstellung 1900 in Paris: Ferdinand Porsche präsentiert den ersten Wagen mit Hybridantrieb.

Der Elektromotor kehrt zurück, er wird sogar ganz plötzlich als Wunderwaffe zur Rettung der Autoindustrie gehandelt. Dabei hatte er den Wettbewerb mit dem Verbrennungsmotor schon einmal verloren – vor hundert Jahren. Der Elektromotor ist mehrere Jahrzehnte älter als die heute dominierenden Verbrennungsmotoren: Der deutsch-russische Ingenieur Hermann von Jacobi entwickelte in Potsdam bereits 1834 den ersten praxistauglichen Elektromotor. Erst vier Jahrzehnte später, im Jahr 1875, erfand Nicolas August Otto den nach ihm benannten Verbrennungsmotor. Doch inzwischen hatten sich elektrisch betriebene Autos und

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Straßenbahnen weit verbreitet. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Mehrheit der für den Personen- und Gütertransport eingesetzten Fahrzeuge sowohl in den USA als auch in Europa elektrisch betrieben. Damals schien die Zukunft der Mobilität allein dem Elektromotor zu gehören. Doch dann begannen die verbesserten Verbrennungsmotoren ihre Vorteile der größeren Reichweite auszuspielen und verdrängten die Elektronantriebe rasch in eine Nische. Dort blieben sie auch, trotz mehrerer Wiederbelebungsversuche nach den Ölkrisen der 70er Jahre, bis jetzt. Doch im vergangene Jahr ist die globalisierte Wirtschaft von einem Schock in den nächsten gestürzt: Klimawandel, Ölpreissteige-

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Hans-Jörg g Bullinger g


rungen, Bankencrash. Und plötzlich wollen alle der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen – verschiedene Ministerien, die Autoindustrie, die Zulieferindustrie, die Chemieindustrie, die Energiewirtschaft und die Umweltaktivisten. Die Bundesregierung stellte einen auf zehn Jahre angelegten Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität vor und diskutierte diese Eckpunkte mit Fachleuten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Warum erlebt das Elektroauto plötzlich sein Comeback? Entscheidend sind die Fortschritte in der Batterietechnologie, die bei der Entwicklung von Akkus für Laptops und Mobiltelefone erzielt wurden. Reichte eine Batterieladung beim Auto bisher nur für 50 bis 100 Kilometer, so macht die höhere Speicherkapazität von Lithium-Batterien jetzt Reichweiten von 150 bis 300, perspektivisch sogar bis zu 600 Kilometer möglich. Der Energiespeicher war der Engpass, der das Gesamtsystem Elektroauto begrenzte. Ist der beseitigt, können die überragenden Vorteile endlich ausgespielt werden: Elektromotoren haben einen hohen Wirkungsgrad, arbeiten sauber und leise. Nun bereiten alle großen Autobauer die Serienproduktion von Elektroautos vor. Elektromobilität wird in der Fraunhofer-Gesellschaft ganzheitlich begriffen – angefangen bei der Energieerzeugung über den Energie-Transport und die Verteilung durch das Stromnetz, die Schnittstelle zwischen Stromnetz und Fahrzeug bis hin zu neuen Fahrzeug-Konzepten mit einer neuen Infrastruktur. Um volkswirtschaftlich wettbewerbsfähig zu sein und die internationale Entwicklung maßgeblich mitzugestalten, muss Elektromobilität in Deutschland im großen Stil und als komplexes System vorangetrieben werden. Die FraunhoferGesellschaft wird in diesen Prozess ihre Systemkompetenz einbringen, erweitern und in Kooperation mit ihren Industriepartnern diese technologische Wende nachhaltig gestalten.

Früher Boom der Elektroautos Seinen ersten Boom hat das Elektroauto schon mehr als 100 Jahre hinter sich. Zwei Jahre nach Goethes Tod wurde 1834 in Potsdam der erste taugliche Elektromotor vorgestellt, im Jahr darauf ließ der Amerikaner Thomas Davenport eine Mini-Lok auf einem kleinen Schienenkreis rollen. Die erste richtige E-Lok fuhr 1851, getrieben von zwei 20 PS starken ElektroNeuer Geschwindigkeitsrekord: Mit seinem raketenförmigen Elektro-Rennwagen „Jamais Contente“ („Niemals Zufrieden“) raste der Belgier Camille Jenatz 1899 mit 105 Stundenkilometern über die Piste.

motoren, die von eine tonnenschweren Batterie gespeist wurden. Bei der Probefahrt kam das Gefährt auf eine Spitzengeschwindigkeit von 31 Stundenkilometern. 1859 erfand der französische Physiker Gaston Plante den wiederaufladbaren Blei-Akku, die Voraussetzung für die Mobilität

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© obs/VW Volkswagen AG

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Arnold is green: Bei der Eröffnung der „Los Angeles Auto-Show“ setzte sich Kaliforniens Gouverneur Schwarzenegger ans Steuer der elektrisch angetriebenen Volkswagen-Studie „space up! blue“.

Möglich wäre beispielsweise eine Bündelung der Aktivitäten in einer Fraunhofer-Allianz E-mobililty mit den drei Arbeitsschwerpunkten Energie/Infrastruktur, GesamtfahrzeugKonzeption sowie Gesellschaftspolitische Integration. Doch es genügt nicht nur ein umweltfreundliche Elektroauto und eine hocheffizienten Batterie zur Marktreife zu entwickeln, gleichzeitig muss auch der Treibstoff, also der Strom, preiswert und vor allem ökologisch verträglich produziert werden. ■

Professor Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger ist seit 2002 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft mit Sitz in München. Der gebürtige Stuttgarter promovierte im Maschinenbau und war Institutsleiter des von ihm mitgegründeten FraunhoferInstitut für Arbeitswirtschaft und Organisation.

mit Strom. Allerdings dauerte es noch 22 Jahre, bis sein Landsmann Gustav Trouvé auf der Elektrizitätsmesse in Paris das erste Elektroauto der Welt präsentierte, in Dreirad, das mit zwölf Stundenkilometern kaum eine Pferdedroschke überholen konnte. Doch es war der Durchbruch: Vor allem in den USA schätzte man die lautlosen Gefährte, die, anders als die neuen Benzinmotoren, einfach und sauber zu bedienen waren. 1900 fuhren dort 1575 Elektrowagen, aber nur 929 mit einem Benzinmotor getriebene Fahrzeuge. Fast alle New Yorker Taxis fuhren elektrisch. Im selben Jahr präsentierte Ferdinand Porsche auf der Pariser Weltausstellung eine Sensation: Ein Fahrzeug mit zwei 2,5 PS starken Elektromotoren, die in die Radnaben der Vorderräder eingebaut waren, was eine unmittelbare Kraftübertragung ermöglichte. Zudem wurde die Reichweite durch einen zusätzlichen Benzinmotor erhöht – das erste Hybridauto der Welt. Billiges Öl, ein immer dichteres Netz von Tankstellen und der elektrische Anlasser für Verbrennungsmotoren brachten bis 1920 den Durchbruch der Benziner. Teures Benzin, Klimaschutz und bessere Batterien lassen aber die Elektroautos wieder neu durchstarten. ■

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ENEERGIE IST LEBEN Thomas Klühr

Sparen beim Fliegen

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© Luftha Luftha fthansa nsa AG

Energie sparen, die Umwelt schonen und zugleich die Kosten senken – ein Dreiklang, der gerade in der Luftfahrt möglich ist. Ökologie und Ökonomie gehen bei Lufthansa Hand in Hand, jeder Liter Kerosin der weniger verbraucht wird, spart Kosten und dient dem Klima. 씮


© Lufthansa Tech hnik AG

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Sparsamer Riese: der neue Airbus A380 verbraucht nur noch 3 Liter Kerosin pro Passagier auf 100 Kilometer.

Gute Wäsche hilft der Umwelt: Triebwerke, die mit dem Cyclean Engine WashVerfahren gereinigt werden, benötigen weniger Kerosin.

Manchmal sind es auf den ersten Blick kleine, wenig spektakuläre Dinge. Wie das „Cyclean Engine Wash“, mit dem die Lufthansa neue technische Maßstäbe setzt. Damit werden die Triebwerke nicht nur schnell und effektiv gewaschen, sondern auch noch in ihrer Leistungsfähigkeit gesteigert. Ein regelmäßig mit Cyclean gereinigtes Triebwerk benötigt soviel weniger Kerosin, dass der CO2-Ausstoß je nach Flugzeugtyp um 0,3 bis 0,5 Prozent sinkt. Auf die gesamte Lufthansa-Flotte bezogen bedeutet dies rund 75.000 Tonnen weniger Kohlendioxyd pro Jahr oder in anderen Zahlen ausgedrückt: Durch die Triebwerkswäsche spart Lufthansa über 80.000 Liter Kerosin pro Tag. Dazu kommen noch weitere positive Effekte: Dauert eine normale Wäsche im Schnitt sechs Stunden, ist sie mit Cyclean nach einer Stunde abgeschlossen.

Frage von Verbrauch und Emissionen mit großer Sorgfalt. Allein seit 1970 wurde die CO2-Effizienz der Flotte um rund 70 Prozent gesteigert. Der spezifische Treibstoffverbrauch beträgt heute 4,3 Liter pro Passagier auf 100 Kilometer. Mit dem Airbus A380 und der Boeing B747-8 kommen in den nächsten Jahren die ersten Drei-Liter-Flugzeuge in die Lufthansa-Flotte. Aktuell sind bei Lufthansa Flugzeugbestellungen im Listenwert von rund 16 Milliarden Euro offen. Die modernen, treibstoffeffizienten Flugzeuge werden in den nächsten Jahren ältere Modelle ablösen und so zur weiteren Effizienzsteigerung beitragen.

Der gesamte globale Luftverkehr ist zwar nur mit 1,6 Prozent an den vom Menschen verursachten weltweiten TreibhausEmissionen beteiligt, dennoch widmet sich die Lufthansa der Seit 1970 (unser Bild) sind die Hüte kleiner, die Röcke länger und die Triebwerke sparsamer geworden.

Viel Treibstoff kann auch auf den Strecken gespart werden. Jeder Umweg kosten Kerosin und Zeit. So werden allein auf der seit 2004 neu geflogenen kürzeren Lufthansa-Flugroute nach Hongkong jährlich 2,4 Millionen Liter Kerosin eingespart. Ohne die politisch begründeten Umwege könnte die Lufthansa auf jedem Flug von Frankfurt nach Peking und zurück 7,5 Tonnen Treibstoff und damit 23 Tonnen CO2 einsparen. Zugleich setzte die Airline seit Februar 2005 verstärkt auf variable Fluggeschwindigkeiten, damit die Maschinen auf Langstreckenflügen unterstützende Winde effektiver nutzen. Die beachtliche Umweltbilanz: Jedes Jahr werden dadurch 88.000 Tonnen CO2 vermieden. Doch das größte Klimaschutzprojekt ist der sogenannte Single European Sky, ein einheitlicher europäischer Luftraum. Durch die zersplitterte europäische Flugsicherung müssen Airlines klimabelastende Umwege fliegen. Allein die Lufthansa verbraucht dadurch rund 500.000 Liter Treibstoff. Und das jeden Tag. Ein Single European Sky könnte bis zu 12 Prozent CO2Einsparung bringen. Ganz zu schweigen von den geringeren Treibstoffkosten. Hier ist die Politik am Zug. ■

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Thomas Klühr ist seit Januar 2007 Konzernbeauftragter der Lufthansa und Leiter des Hubmanagements in München. Er ist damit Chef des nach Frankfurt zweitwichtigsten Lufthansa-Standortes. Der 46-jähgrige Düsseldorfer hat in Erlangen Betriebswirtschaft studiert und ist seit 1990 bei der Lufthansa.

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Geheimrat Goethe seufzte vor etwa 210 Jahren: „Ich wüsste nichts was sie besseres erfinden könnten als dass die Lampen ohne Putzen brennten.“ Ein paar Jahrzehnte später wurde des Dichters Wunsch durch den Strom Wirklichkeit. Doch die Bauern des bayerischen Oberlands waren von den Vorzügen der Elektrizität nicht so leicht zu überzeugen. So konnte es passieren, dass die Gründungsmitglieder der jungen, seit 1904 bestehenden Isarwerke GmbH auf eisiges Schweigen stießen, wenn sie im Saal der örtlichen Gastwirtschaft für den Anschluss eines Dorfes an ihr neues Leitungsnetz warben. Gelegentlich soll dann ein begabter Direktor versucht haben, mit einigen Zauberkunststückchen die Stimmung etwas zu heben. 씮

Eva Moser

Weiße Kohle und schwarzes Gold

Arbeit im Hochsitz: Montage einer Stromleitung in Bayern.

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Geld für Wasserkraft: Eine Walchensee-Anleihe von 1928.


Vor 105 Jahren: Der Miesbacher Fahrhauer Georg Sprenger erhält ein Ehrendiplom, für 30jährigen Dienst in der Grube (oben rechts). Beim Bau des Wasserkraftwerks Trausnitz wurden 1951 auch Taucher eingesetzt (oben links). Funkenmädchen: Das Plakat zur „Elektrischen Ausstellung“ 1912 in Nürnberg (Mitte). Wasserkraft aus der Isar: 1901 wurde das Kraftwerk Pullach gebaut (rechts). © Bayerisches Wirtschaftsarchiv

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Zu dem großen Quellenfundus gehört auch der Archivbestand der 1921 gegründeten staatlichen Bayernwerk AG, die nach den Plänen Oskar von Millers ganz Bayern mit Strom versorgen sollte. Darin wird auch sichtbar, dass Bayern schon frühzeitig auf regenerative Energiequellen gesetzt hat: Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begannen die schwierigen Bauarbeiten am Walchenseekraftwerk, wo sich 1924 die erste Turbine drehte. Trotz politischer Wirren, wirtschaftlicher Not und Inflation entstand damals eines der größten Speicherwerke Europas. Aber auch private Unternehmer setzten auf die Energiegewinnung aus der Wasserkraft, der „weißen Kohle“. Bereits 1894 hatte die Isarwerke GmbH das Wasserkraftwerk Höllriegelskreuth südlich von München als erstes deutsches Überlandwerk in Betrieb genommen. Die behördliche Genehmigung dafür erhielten der Bankier Wilhelm von Finck und der Bauunternehmer Jacob Heilmann. Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv finden sich noch die Originalrechnungen, die Oskar von Miller für die Übernahme der Bauleitung ausgestellt hatte.

© Bayerisches Wirtschaftsarchiv

Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv lässt sich nachverfolgen, wie sich die Energiewirtschaft in dem rohstoffarmen Land aus kleinsten Anfängen entwickelte. In der Gemeinschaftseinrichtung der bayerischen Industrie- und Handelskammern befinden sich mehr als 200 Archivbestände traditionsreicher Unternehmen und Wirtschaftsorganisationen aus ganz Bayern: Vom mainfränkischen Schiffbau über die schwäbische Textilindustrie bis zum oberbayerischen Braugewerbe. In den „Schatzkammern“ des Archivs lagern auf rund 5 500 Regalmetern wertvolle historische Bild-, Schrift- und Tondokumente.

Geld für Wasserkraft: Eine Walchensee-Anleihe von 1923.

Zwar ist Bayern reich an heimischen Wasserläufen, doch besitzt das Land kaum fossile Brennstoffe. Entlang des Alpenrands ist in einzelnen Mulden glänzende Pechkohle eingelagert. Mit der zunehmenden Industrialisierung begann zwischen 1840 und 1850 die Förderung des „schwarzen Goldes“ am Hohenpeißenberg, in Penzberg, Miesbach und Hausham im Leitzachtal. Erst Anfang der 1970er Jahre nahm der Kohlebergbau in Oberbayern wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit sein Ende. Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv zeugt das reich verzierte große Ehrendiplom für die 30jährige Tätigkeit eines Fahrhauers bei der Oberbayerischen Aktiengesellschaft für Kohlebergbau aus dem Jahr 1904 vom Selbstbewusstsein dieses hierzulande längst untergegangenen Berufsstandes. ■

Bayerisches Wirtschaftsarchiv Mit seinen reichhaltigen und vielseitigen Beständen versteht sich das Bayerische Wirtschaftsarchiv als Partner von Wirtschaft und Wissenschaft. Es hat sich zum Ziel gesetzt, bayerische Wirtschaftsgeschichte lebendig zu erhalten. Als echte Selbstverwaltungseinrichtung arbeitet die im Freistaat einmalige Institution ohne staatliche Zuschüsse und wird vom gemeinnützigen Förderkreis Bayerisches Wirtschaftsarchiv e.V. unterstützt. Der Jahresbeitrag beträgt bei persönlicher Mitgliedschaft 50 Euro und bei korporativer Mitgliedschaft 210 Euro.

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Info: Bayerisches Wirtschaftsarchiv Orleanstraße 10-12, 81669 München Tel.: (089) 51 16-354, Fax: (089) 51 16-564 E-Mail: bwa@muenchen.ihk.de www.bwa.findbuch.net

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Öffnungszeiten: Mo. – Do. 8.30 – 16.30 Uhr Fr. 8.30 – 15-00 Uhr Telefonische Anmeldung erforderlich


ENERGIE IST LEBEN Alexander M. Bra adshaw

Zurzeit wird dd der er Energieverbrauch weltwe eit hau aupt ptsä säch chli lich ch von d den en fossilen Brennstofffe fen n Ko K hle, Rohöl und Erdga as gede eckt. Eine Sättigung der Nachfrage ist angesi sich chts ts der rasant wachsenden e Erdbevölkerung und ihrem steigenden Energie ieve verb rbrauch nicht in Sicht. Nachhaltigen Ersatz für die fossilen Energieträge er kö könnten die Kernspaltung oder die erneuerbaren Energien bieten. Die einzzig ige e neue Energiequelle, die erschlossen werden könnte, ist die Kernfusion. Äh Ähnl nlic ich h wi wie e di die e So Sonn nne e so soll ll ein Fusionskraftwerk aus der Verschmelzung von Atomkernen Energie gewinnen – eine nahezu unerschöpfliche, klima- und umweltfreundliche Energiequelle. Bis zu einer effizienten Stromproduktion sind jedoch noch erhebliche Herausforderungen zu bewältigen. 씮

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ENERGIE IST LEBEN Um das Fusionsfeuer in einem Kraftwerk zu zünden, muss der Brennstoff – ein dünnes, ionisiertes Gas, ein so genanntes Plasma, aus den Wasserstoffsorten Deuterium und Tritium – auf über 100 Millionen Grad aufgeheizt werden. Wegen dieser hohen Temperatur kann man das Plasma nicht unmittelbar in materiellen Gefäßen einschließen. Bei jedem Wandkontakt würde sich das heiße Gas sofort abkühlen. Stattdessen nutzt man magnetische Felder, die den Brennstoff wärmeisolierend einschließen und von den Gefäßwänden fernhalten. Wie weit die Forschung von der Zündung des Plasmas entfernt ist, kann man an dem Produkt aus den drei Größen Tempera-

Ein Teil des Plasmagefäßes von Wendelstein 7-X während der Fertigung.

tur, Teilchendichte und Energieeinschlusszeit ablesen: Denn Fusionsreaktionen sind um so wahrscheinlicher, je höher die Temperatur und damit die Geschwindigkeit der Plasmateilchen ist, je mehr Teilchen sich im Reaktionsvolumen befinden und je länger die zugeführte Energie im Volumen eingeschossen bleibt. Trägt man die bisher erreichten Werte des Dreierprodukts über der jeweils erreichten Temperatur auf, so ergibt sich die Leistungsbilanz der Fusionsforschung. Man erkennt, dass von den Ergebnissen des ersten Tokamak T3 in Moskau, bis heute die

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Fusionsleistung um fünf (!) Größenordnungen gesteigert werden konnte. Von der Zündung ist man nur noch einen Faktor fünf entfernt: Für Temperatur und Dichte sind die erforderlichen Werte bereits erreicht, nur die Energieeinschlusszeit ist noch zu gering. Um sie zu vergrößern, also die Wärmeisolation des Plasmas zu erhöhen, forscht man nach günstigen Plasmazuständen und baut größere Anlagen. Rekordhalter der Fusion ist die europäische Gemeinschaftsanlage JET (Joint European Torus) im britischen Culham, das gegenwärtig größte Fusionsexperiment weltweit. Erstmals in der Geschichte der Fusionsforschung ist es hier 1997 gelungen, kurzzeitig eine Fusionsleistung von 16 Megawatt zu erzeugen. Mehr als die Hälfte der zur Plasmaheizung verbrauchten Leistung wurde dabei per Fusion zurück gewonnen. Für einen Nettogewinn an Energie ist das JET-Plasma mit seinen 80 Kubikmetern Volumen jedoch zu klein. Dies ist die Aufgabe des internationalen Experimentalreaktors ITER (lat.: der Weg), der in weltumspannender Zusammenarbeit demnächst von den Partnern Europa, Japan, Russland, USA, China, Indien und Südkorea im südfranzösischen Cadarache errichtet wird. In seinem rund zehnmal größeren Plasmavolumen soll eine Fusionsleistung von 500 Megawatt erzeugt werden – zehnmal mehr, als zur Aufheizung des Plasmas verbraucht wird. Wesentliche physikalische Grundlagen für JET und ITER wurden von der Forschungsanlage ASDEX Upgrade und deren Vorgängerin ASDEX erarbeitet. ASDEX Upgrade wird seit 1991 im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching bei München betrieben. Die Anlage soll Kernfragen der Fusionsforschung unter kraftwerksähnlichen Bedingungen untersuchen. Wesentliche Eigenschaften des Plasmas sind dazu den Verhältnissen in einem späteren Kraftwerk angepasst. Ihren Namen – Axialsymmetrisches Divertorexperiment – verdankt die Anlage einer speziellen Magnetfeldanordnung, dem Divertor. Mit seiner Hilfe lässt sich die Wechselwirkung zwischen dem heißen Brennstoff und den umgebenden Wänden beeinflussen: Das Divertorfeld lenkt die äußere Randschicht des Plasmas auf Prallplatten ab. So werden störende Verunreinigungen aus dem Plasma entfernt, zugleich wird die Gefäßwand geschont und eine gute Wärmeisolation des Plasmas erreicht. Auch nach den inzwischen abgeschlossenen Planungen für ITER sind die Arbeiten mit ASDEX Upgrade schwerpunktmäßig der Vorbereitung des Testreaktors gewidmet: Zur Optimierung des ITER-Betriebs beschäftigt sich ASDEX Upgrade zum Beispiel damit, Plasma-Zustände zu entwickeln, die möglichst gute Wärmeisolation des Plasmas mit langer Pulslänge verbin-

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1: Aufbau eines Tokamaks. 2: Prinzipieller Aufbau eines Stellarators. 3: Magnetspulen und Plasma des Stellarators Wendelstein 7-X.

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Innenansicht des Fusionsreaktors in Garching bei München (links). Plasmaentladung im Reaktorkern (rechts).

den. So wurde mit der Anlage eine Betriebsweise mit besonders hohem Energieinhalt des Plasmas entwickelt, das „Verbesserte High-Confinement-Regime“: Je höher man den Energieinhalt des Plasmas und damit die Fusionsausbeute treiben kann, desto kleiner und damit kostengünstiger wird ein späteres Kraftwerk. Lässt sich dieser Plasmazustand auch in ITER einstellen, dann würde sich die zu erwartende Fusionsausbeute mindestens verdoppeln. Statt der angestrebten 400 Megawatt könnte ITER in dieser Betriebsweise bei sonst gleichen Bedingungen mehr als 800 Megawatt Fusionsleistung liefern. ASDEX Upgrade, JET und ITER sind Fusionsanlagen vom Typ „Tokamak“, der heute weltweit am weitesten verbreiteten und am besten untersuchten Bauart. Sie bauen ihren Magnetfeldkäfig nur zu einem Teil durch äußere Magnetspulen auf, die das Plasmagefäß umschließen. Den anderen Teil erzeugt ein im Plasma fließender elektrischer Strom, der dort pulsweise von einem Transformator induziert wird. Daher können Tokamaks nicht im Dauerbetrieb arbeiten, wenn nicht besondere Zusatzmaßnahmen ergriffen werden. Im Unterschied zu Tokamaks sind Fusionsanlagen vom Typ „Stellarator“ von vorne herein für Dauerbetrieb geeignet: Sie werden ohne Plasmastrom mit einem Feld betrieben, das ausschließlich durch äußere Spulen erzeugt wird. Dafür benötigen sie jedoch wesentlich komplexer geformte Magnetspulen als ein Tokamak. Nach Vorarbeiten mit den Stellarator-Anlagen Wendelstein 7-A (1976 bis 1985) und Wendelstein 7-AS (1988 bis 2002) im IPP in Garching soll der Nachfolger Wendelstein 7-X die Kraftwerkstauglichkeit dieses alternativen Konzepts demonstrieren und die Stellaratoren als leistungsfähige Alternative auf das Niveau der bislang bevorzugten Tokamaks heben. Die Anlage wird derzeit in dem 1994 gegründeten IPP-Teilinstitut in Greifswald aufgebaut. Nach der Fertigstellung wird Wendelstein 7-X das weltweit größte Experiment vom Stellarator-Typ sein. Wendelstein 7-X soll den Dauerbetrieb als das wesentliche Plus der Stellaratoren vorführen. Ein Energie lieferndes Plasma wird allerdings nicht angestrebt: Da sich dessen Eigenschaften vom Tokamak zum großen Teil auf Stellaratoren übertragen lassen, bleibt dies dem Tokamak ITER überlassen. Die Rohstoffe der Fusion sind in nahezu unerschöpflichen Mengen überall vorhanden und sehr ergiebig: Ein Gramm Brennstoff könnte so viel Energie freisetzen wie elf Tonnen Kohle. Weil ein Kraftwerk zudem günstige Umwelt- und Sicherheitseigenschaften erwarten lässt, könnte die Fusion einen nachhaltigen Beitrag zur Energieversorgung der Zukunft leisten: Fusion ist nach heutigem Wissen eine katastrophenfreie Technik. Ein Kraftwerk kann so konstruiert werden, dass es keine Energie-

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quellen enthält, die – außer Kontrolle geraten – eine Sicherheitshülle von innen zerstören könnten. Es kann also nicht „durchgehen“. Als radioaktiver Abfall bleiben die Wände des Plasmagefäßes zurück, die nach Betriebsende zwischengelagert werden müssen. Die Aktivität des Abfalls nimmt rasch ab und ist nach etwa 100 Jahren auf ein zehntausendstel des Anfangswerts gesunken. Werden spezielle Materialien mit niedrigem Aktivierungspotential sowie effiziente Rezyklierungsverfahren entwickelt, so wäre nach hundert Jahren Abklingzeit kein Abfall mehr zu isolieren. Das gesamte Material wäre dann freigegeben oder könnte in neuen Kraftwerken wieder verwendet werden. Auf dem Weg zu einem Kraftwerk soll ITER zeigen, dass ein Energie lieferndes Fusionsfeuer möglich ist. Auf technologischer Seite liegen weitere Herausforderungen vor allem in der Materialforschung: Parallel zu ITER ist die Entwicklung neutronenbeständiger Baumaterialien mit geringem Aktivierungspotenzial sowie von hitze- und erosionsbeständigen Materialien für das Plasmagefäß voranzutreiben. Dabei wird das internationale Großprojekt IFMIF, die geplante „Internationale Fusion Material Irradiation Facility“ eine zentrale Rolle spielen – eine Neutronenquelle, mit deren Hilfe Materialien unter einer Neutronenbelastung getestet werden können, die in Energie und Intensität der in einem Fusionskraftwerk zu erwartenden gleichkommt. Hinzu kommt ein begleitendes Physikprogramm, zum Beispiel die Entwicklung günstiger, die Gefäßwände möglichst wenig belastender Plasmazustände an ASDEX Upgrade. Auf ITER soll dann eine Demonstrationsanlage DEMO folgen, die alle Funktionen eines Kraftwerks erfüllt. Wenn Wendelstein 7-X seine berechneten guten Eigenschaften experimentell bestätigen kann, dann könnte dieses Demo-Kraftwerk auch ein Stellarator sein. Geht alles nach Plan, dann könnten – angesichts von je zwanzig Jahren Planungs-, Bau- und Betriebszeit für ITER und seinen Nachfolger DEMO – Fusionskraftwerke um die Mitte des Jahrhunderts wirtschaftlich nutzbare Energie liefern. ■ Prof. Dr. Alexander M. Bradshaw, 1944 im britischen Bushey geboren, studierte Chemie an der Universität London, wo er 1969 promvierte. 1974 Habilitation im Fach Physikalische Chemie an der TU München, von 1980 bis 1998 Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Fritz-HaberInstitut der Max-Planck-Gesellschaft, er war Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Synchrotronstrahlungsquelle BESSY, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sowie von 1999 bis 2008 Wissenschaftlicher Direktor und Vorsitzender des Direktoriums des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik. Bradshaw ist unter anderem Mitglied der Royal Society und der Deutschen Akademie für Naturforscher Leopoldina. Er ist Mit-Initiator des „Jahr der Physik“ (2000).

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ENERGIE IST LEBEN Jochen Mannhart

Gewaltig Strom sparen mit Quantenphysik

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ENERGIE IST LEBEN Unsere High-Tech Gesellschaft ist auf elektrische Energie angewiesen. Der Industrie müssen die besten Kabel zur Verfügung stehen, sei es um Strom optimal zu transportieren, sei es um effektive elektrische Maschinen herstellen zu können. Die Kabel und Drähte, auf die sich unserer Gesellschaft stützt, haben sich seit dem 19. Jahrhundert nicht wesentlich geändert. Elektrische Energie wird in Kupfer- oder Aluminiumkabeln transportiert, Wicklungen von Motoren, Generatoren und Transformatoren bestehen aus Kupferdraht. Nach über hundert Jahren erscheint heute eine neue Generation wesentlich leistungsfähigerer Kabel auf dem Markt. Diese sind aus High-Tech-Materialien, so genannten Supraleitern, gefertigt. Supraleiter können elektrische Energie höchst effizient transportieren und werden deswegen in den kommenden Jahrzehnten die Konzeption verschiedener elektrischer Maschinen revolutionieren. Wie funktionieren diese Supraleiter? Was können sie? Wie teuer sind sie? Der nachstehende Artikel soll – kurz gefasst – versuchen, diese Fragen zu beantworten. Zunächst ist zu fragen, was denn an den bewährten Kupferkabeln überhaupt verbessert werden kann. Hier gibt es Wesentliches zu tun. Kupfer, und ebenso Aluminium, aus dem die Drähte der Überland-Hochspannungsleitungen bestehen, haben einen elektrischen Widerstand, der den Stromfluss bremst. Der Widerstand entsteht, weil die Elektronen, die in der Leitung den Strom transportieren, gegen die leicht wackelnden Kupfer- oder Aluminium-Atome des Drahts stoßen. Hieraus resultieren enorme Energieverluste. In Deutschland gehen durch den Leitungswiderstand mehrere Prozent der elektrischen Energie verloren. Für eine gewöhnliche 20-Kilovolt-Hochspannungsleitung können pro Meter Leitungslänge durchaus 50 Watt verbraucht werden. Man könnte mit dieser Leistung an jedem Meter der Hochspannungsleitung Tag und Kristallstruktur des Hochtemperatursupraleiters aus Yttriumbariumkupferoxid (YBa2Cu3O7). Y: blau, Ba: gelb, Cu: rot, O: weiss (Bild Seite links). Mit freundlicher Genehmigung von Dr. German Hammerl. Supraleitendes Drehstromkabel (600 MVA) im Einsatz in Long Island (unten links). Mit freundlicher Genehmigung der American Superconductor Corporation. Aufbau eines supraleitenden Kabels (unten rechts).

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Nacht eine 50-Watt-Glühbirne brennen lassen, mit den Verlusten von 40 Metern Leitung einen Haushalt mit elektrischer Energie versorgen. Mit dieser Energie heizen Freileitungen die Luft. In großen Transformatoren wird soviel Energie unnütz vertan, dass sie mit mehreren Tonnen Öl gekühlt werden müssen. Supraleitende Kabel haben viel geringere Verluste – im Idealfall gar keine. Aufgrund eines quantenphysikalischen Phänomens bilden die Elektronen in einem Supraleiter Pärchen, die sich alle zusammen zu einer großen Welle vereinigen. Diese Quantenwelle kann nicht gegen Atome boxen. Bei gleichmäßig fließenden Strömen ist somit der Widerstand exakt Null. Der große Haken an den Supraleitern ist, dass sie nur bei sehr tiefen Temperaturen um minus 200 Grad leiten, wodurch eine aufwändige und teure Kühlung nötig ist.

Der Verlust auf 40 Metern Hochspannungsleitung könnte einen Haushalt mit elektrischer Energie versorgen. 1986 kam es zu einer bahnbrechenden Entdeckung, die 1987 mit dem Nobelpreis belohnt wurde: Beim so genannten „Hochtemperatur-Supraleiter“ können Kupferoxide praktikabel und kostengünstig mit flüssigem Stickstoff gekühlt werden. Da die großtechnische Produktion supraleitender Drähte gerade erst anläuft, ist ihre Herstellung noch teuer. Die Preise fallen aber schnell, denn Supraleiter können den Strom in extrem hohen Dichten transportieren; im Labor werden bis zu 8 Millionen Ampere pro Quadratzentimeter gemessen. Daher benötigen Drähte für praktikable Ströme sehr wenig supraleitendes Material, und es besteht sogar die Hoffnung, supraleitende Drähte preiswerter herzustellen als Kupferdrähte. Tieftemperatursupraleiter bewähren sich seit Jahren in der Praxis. Die Röhren, in die bei der Kernspintomographie die Patienten geschoben werden, enthalten einen supraleitenden Magnet, der ein extrem starkes Magnetfeld erzeugt. Da die Magnetspulen supraleitend sind und daher keinen elektrischen Widerstand haben, braucht der Magnet keine Stromversorgung. Die Herstellerfirma schickt den elektrischen Strom in die Spule, schließt sie dann kurz und entfernt die Stromquelle. Nun zirkuliert der Strom fortwährend ohne Energieverluste

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ENERGIE IST LEBEN in der Magnetspule. Mit diesem Originalstrom aus dem Werk werden die Magnete auch in den Kernspintomographen beim Arzt oder in der Klinik über viele Jahre betrieben. Ohne Supraleitung wäre der Energieverbrauch der Magnete zu hoch, so dass es keine Kernspintomographie gäbe. Auch Kabel aus Hochtemperatursupraleitern haben keinen elektrischen Widerstand, wenn sie von Gleichstrom durchflossen werden. Allerdings kostet die Kühlung des Supraleiters Energie. Diese Energiekosten sind sozusagen die Eintrittskarte in die Supraleitung. Werden supraleitende Kabel zur Übertragung großer Leistungen eingesetzt, um zum Beispiel größere Stadtteile mit Strom zu versorgen, überwiegt die eingesparte Leistung die Kühlleistung deutlich, so dass etwa die Hälfte der Energieverluste vermieden werden kann. Der Umkehrschluss gilt, dass in Kabeln, die wenig Strom transportieren, also zum Beispiel in Wohngebäuden, der Einsatz von Supraleitern nicht sinnvoll ist.

Kernspintomographen enthalten einen supraleitenden Magneten. Mit freundlicher Genehmigung der Siemens AG, München.

tern kann auch die Effizienz von Windkraftanlagen erheblich gesteigert werden. Eine verblüffende Anwendungsmöglichkeit wurde vor einem Jahr mit dem internationalen Technologiepreis der Hannover Messe, dem Hermes Award 2008, ausgezeichnet. Dabei handelt

Supraleitende Maschinen sind kleiner, leichter und sparsamer. es sich um Öfen, in denen Buntmetalle zur Weiterverarbeitung auf 400 bis 600 Grad erhitzt werden. Bei den heutigen Öfen werden für eine Tonne Aluminium etwa 280 kWh Energie benötigt. Ein vergleichbarerer, allerdings teurer supraleitender Ofen verbraucht dafür nur 160 kWh, zudem steigt der Wirkungsgrad von rund 50 auf über 80 Prozent. Da in Europa jedes Jahr rund drei Millionen Tonnen Aluminium zu Strangpressprodukten verarbeitet werden, eröffnen sich allein durch diese Anwendung enorme Energieeinsparpotentiale.

Supraleitender Ofen zum Strangpressen (oberes Bild). Mit freundlicher Genehmigung der Zenergy Power plc. München. Supraleitende Bänder aus YBa2Cu3O7 (unteres Bild). Mit freundlicher Genehmigung von Dr. W. Prusseit, THEVA München.

Zur Energieeffizienz bieten Supraleiter eine Vielzahl weiterer Vorteile. So können sie bei gleichem Querschnitt drei- bis fünfmal mehr Energie übertragen als normale Kabel und strahlen deutlich weniger elektromagnetische Störfelder ab. Maschinen, die mit Supraleitern versorgt werden, können bis zu fünfmal kleiner und damit auch leichter sein, was bei mobiler Anwendung etwa in Zügen oder Schiffen zu weniger Gewicht und somit zu Energieeinsparung führt. Mit Supralei-

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Nach über hundert Jahren kommt jetzt eine neue Generation von Kabeln und Drähten auf den Markt. Das wird eine spannende Zeit mit großen Chancen für eine bessere Energienutzung und damit auch für den Umweltschutz. Große supraleitende Kabel sind bereits in den USA in Long Island und in Albany sowie in Asien im Einsatz oder im Probebetrieb. Südkorea, China und Japan sind sehr engagiert. Das kann auch für die bayerische Industrie große Chancen bieten. Das Knowhow ist vorhanden, es muss nur beherzt eingesetzt werden. ■

Prof. Dr. Jochen Mannhart ist Experimentalphysiker an der Universität Augsburg. Sein Arbeitsgebiet ist die Erforschung von Materialien mit neuartigen, anwendungsrelevanten elektronischen Eigenschaften. Für seine Forschungsleistungen bekam er 2008 den höchstdotierten deutschen Forschungspreis, den Gottfried-Wilhelm Leibniz Preis, verliehen. Jochen Mannhart ist Mitglied des wissenschaftlich-technischen Beirats der Bayerischen Staatsregierung.

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ENERGIE IST LEBEN

Strom aus der Sahara Deutsche Konzerne planen Solarkraftwerke in Afrika

Der Solarstrom aus der Sahara ist im Grunde ein alter Hut: Schon vor Jahrzehnten führte Ludwig Bölkow, der sich nicht nur mit Hubschraubern beschäftige, Besucher gerne an eine Wand in seinem Arbeitszimmer in der Ottobrunner Daimlerstraße und zeigte ihnen eine Karte der Sahara, auf der in Quadraten eingezeichnet war, wie wenig Fläche der afrikanischen Wüste mit PhotovoltaikZellen bedeckt werden müsste, um ganz Europa mit Strom zu versorgen. Da damals der Strom-Transport über große Distanzen wirtschaftlich kaum möglich erschien, plante er den Energietransfer über große Wasserstoff-Schiffe. Die meisten haben ihn deswegen belächelt, manche machten ihre Scherze. Sechs Jahre nach Bölkows Tod wird es nun ernst mit seiner Vision: Eine Gruppe von 20 Konzernen planen unter der Führung der Münchner Rück, in der nordafrikanischen Wüste riesige Solarkraftwerke zu bauen. Schon in zehn Jahren soll das 400 Milliarden teure Desertec-Projekt ans Netz gehen und 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Beteiligt sind auch die Energiekonzerne Eon und RWE, Siemens, die Deutsche Bank und der Club of Rome. Doch anders als auf vielen deutschen Hausdächern werden keine Solarzellen installiert. Es werden solarthermische Kraftwerke gebaut. „Im Prinzip“, erläutert Peter Höppe von der Münchner Rück, „fangen rinnenförmige Spiegel die Sonnenwärme ein, erhitzen ein Spezialöl, das wiederum Wasser erhitzt. Der entstehende Wasserdampf bewegt Turbinen, die Strom erzeugen.“ Über neue Hochspannungsleitungen durch das Mittelmeer wird der Strom nach Europa kommen. Höppe, der die Abteilung Geo-Risiken der Münchner Rück leitet, wird am 28. Juli vor dem Peutinger Collegium sprechen. Siemens-Projektleiter Bernd Utz spricht von einem „bahnbrechenden Projekt“. Sein Unternehmen erhofft sich Milliarden-

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Produziert bereits Strom: Das Almeria-Solarprojekt in Spanien.

aufträge und will unter anderem Dampfturbinen, Leittechnik für die Solaranlagen und Übertragungssysteme für den Gleichstrom liefern. Auch Schott Solar, das ebenfalls zu den Gründungs-Unternehmen zählt, rechnet mit beachtlichen Aufträgen. Es produziert bereits im Oberpfälzer Mitterteich Spezialreceiver für Solarkraftwerke in den USA und im spanischen Andalusien, die nach auch in der Sahara geplanten Verfahren die Sonne anzapfen. „Ein erheblicher Zukunftsmarkt“, meint Schott-Solar-Chef Martin Heming. Schon in zehn Jahren könnte Wüsten-Strom nach Europa fließen, sagt Siemens-Experte Utz. Doch bis dahin sind noch viele, vor allem bürokratische Hürden zu überwinden. Nach der Gründung einer Interessengemeinschaft in diesem Juli in München wird eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, aus der in zwei bis drei Jahren eine Roadmap entwickelt wird. „Danach“, so hofft Hoppe, „könnte theoretisch der Bau von Peter Schmalz kleineren Anlagen beginnen.“ ■

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ENERGIE IST LEBEN Jürgen Großmann

Der Hunger wächst Rezepte für eine gehaltvolle Energiepolitik in Europa

Von hier aus wird das große RWE Stromnetz geteuert: Die Schaltzentrale im nordrhein-westfälischen Brauweiler.

Der (Energie-)Hunger wächst – und deshalb muss der Kuchen größer werden. Dies aber ist mit den jetzigen Kapazitäten nicht zu schaffen: Allein in der EU benötigen wir bis zum Jahr 2030 insgesamt mindestens 500 000 Megawatt an Kraftwerkskapazitäten – das entspricht etwa einer Leistung von 500 Großkraftwerken. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf mindestens 500 Milliarden Euro.

© RWE AG

Erneuerbare Energien sind wichtige Zukunftsinvestitionen für eine sichere und wirtschaftliche Energieversorgung. RWE beispielsweise investiert künftig europaweit jedes Jahr 1 Milliarde Euro in Wind-, Wasser-, Bio- und Meeresenergie, um die Kapazitäten auf diesem Feld noch weiter auszubauen. Sie machen jedoch die konventionellen Formen der Strom- und Wärmeerzeugung noch lange nicht überflüssig. 70 Prozent aller Kraftwerke, die derzeit weltweit im Bau sind, werden Kohle einsetzen. In Europa, aber besonders auch in Deutschland wird Kohle weiterhin eine wichtige Rolle spielen: allem voran die Braunkohle. Im Gegensatz zu anderen Energieträgern ist bei ihr auf absehbare Zeit keine Knappheit zu erwarten – die Vorratskammern im Erdreich sind prall gefüllt. Nach derzeitigen Schätzungen reichen die Reserven

sogar noch 300 Jahre. Zum anderen ist Braunkohle ein heimischer und subventionsfreier Energieträger. Er ist leicht zu fördern, und es existieren praktisch keine Transportrisiken. Schließlich steht eine weitere Energiequelle zu Verfügung, die in Deutschland aufgrund ideologischer Vorbehalte lange gar nicht mehr auf der Rechnung war: die Kernenergie. In der jüngeren Zeit mehren sich nun die Stimmen für einen ‚Ausstieg vom Ausstieg’: und dies völlig zu Recht! Denn gerade die Kernenergie bietet große Möglichkeiten, um bei der Preisgestaltung ein Stück weit unabhängig zu bleiben. Der Anteil der Brennstoffkosten an der Stromerzeugung ist bei der Kernenergie im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken eher niedrig. Er liegt unterhalb der fünf Prozent. Selbst wenn es also zu Preisschwankungen auf den internationalen Uranmärkten kommt, schlagen diese nicht so unmittelbar auf die Stromerzeugungskosten durch, wie etwa bei der Steinkohle oder beim Gas. Kernenergie ist deshalb mit einem Anteil von rund 96 Prozent inländischer Wertschöpfung quasi eine heimische Energiequelle. Die entscheidenden Kostenanteile, das Wissen und die Technologie zum Kraftwerksbetrieb, stammen nämlich aus Deutschland beziehungsweise aus der Europäischen

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ENERGIE IST LEBEN Union. Dies bringt auch für die Kraftwerksstandorte wirtschaftliche Vorteile in Form von Arbeitsplätzen mit sich. Ein gutes Beispiel ist Deutschlands größtes Kernkraftwerk in Gundremmingen: Dort sind über 1000 Mitarbeiter dauerhaft beschäftigt. Bei der Revision des Kraftwerks – also der regelmäßigen Überprüfung und Erneuerung einzelner Elemente – wird die Kraftwerksmannschaft noch einmal zeitweise von bis zu 2000 Facharbeitern und Experten unterstützt. Allein 80 Millionen Euro kommen vom Kraftwerk über Löhne und Gehälter sowie Aufträge an Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen unmittelbar der Region zu Gute – ein bedeutetnder Wirtschaftsfaktor in einer länderlichen Region. Dabei werden nicht nur langfristige Arbeitsplätze geschaffen. Auch andere Branchen wie das Hotel- und Gaststättengewerbe profitieren von diesen Investitionen am Standort. Kernenergie ist CO2-frei und dämpft die Strompreisentwicklung. Somit wird verständlich, warum unsere europäischen Nachbarländer zunehmend Appetit auf Strom aus Kernkraft bekommen. Viele haben damit begonnen, ihre Investitionen in die Kernenergie auszubauen oder gar wieder neu in diese Technologie einzusteigen. Nur Deutschland kocht sein eigenes Süppchen. Mit einem Verzicht auf diese Technologie isolieren wir uns aber nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch. Dabei brauchen wir in Europa eine gemeinsame Strategie für eine wirtschaftliche und sichere Energieversorgung. Den politischen Gründungsvätern der europäischen Einigung war dieser Zusammenhang bereits bewusst. Auch deshalb schufen sie im Jahre 1951 die Montanunion, um neben der Stahlpolitik auch eine Abstimmung bei der Förderung des Energieträgers Kohle zu erreichen. Europäische Energiepolitik ist aber nicht nur ein Thema für die Geschichtsbücher. Sie entscheidet eben auch maßgeblich über unseren zukünftigen Wohlstand in Europa. Die EU-Regierenden von heute sind dabei auch im Interesse ihrer selbst gesteckten Ziele gut beraten, in der Energiepolitik die richtigen Weichen zu stellen: Schließlich möchte die Europäische Union mit der sogenannten Lissabon-Strategie unseren Kontinent bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt machen. Dabei machen Kommission, Rat und Parlament derzeit keine gute Figur – bei einer Umsetzung der aktuellen energiepolitischen Vorhaben wird dieses Ziel in unerreichbare Ferne rücken. Verantwortlich dafür sind vor allem die Pläne für den Klimaschutz: So plant die Europäische Kommission ab dem Jahr 2013 eine Versteigerung von Zertifikaten, die jedes Unternehmen für seinen CO2-Ausstoß käuflich erwerben muss. Die Idee klingt für manchen vielleicht vielversprechend – eine Umsetzung in der geplanten Form aber hat verheerende Folgen für unseren Standort. Nicht nur die Energieversorger, sondern auch die energieintensiven Industrien verlieren nach dem Inkrafttreten dieser Richtlinie massiv an Wettbewerbsfähigkeit. Keine Frage: Der Klimaschutz ist eines der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit – er muss aber im Einklang mit unseren Zielen der Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit erreicht werden. Zudem dienen die Pläne nicht einmal den anvisierten Zielen: Der CO2-Ausstoß ist keine nationale und nicht einmal eine europäische, sondern eine globale Herausforderung. Für die Umwelt ist deshalb nichts gewonnen, wenn Europa sich eine Hungerkur verordnet, dafür aber zugleich im der Rest der Welt weiter Energie „geschlemmt“ wird – und dies auf der Basis

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veralteter und damit besonders klimaschädlicher Rezepte. Andere Regionen versuchen dabei sogar, aus den EU-Plänen für sich Kapital zu schlagen: Russland baut seinen Anteil der (vergleichsweise günstigen) Kohle für die eigene Stromerzeugung deutlich aus und verkauft das klimafreundlichere, aber auch gewinnbringendere Gas vermehrt nach Europa. Die Vorschläge der EU-Kommission zum Emissionshandel laufen deshalb in die falsche Richtung. Was wir stattdessen brauchen, ist eine europäische Energiepolitik, die Europas Wirtschaftsinteressen stärkt und gleichzeitig etwas für den Klimaschutz tut.Unsere Kompetenz beim Klimaschutz können wir nur dann glaubhaft machen, wenn wir selbst mit ständig verbesserten Verfahren vorweg gehen. RWE investiert deshalb massiv in neue Entwicklungen, um seine Kraftwerke mit sauberen und leistungsfähigeren Technologien auszurüsten. Das RWE-Leuchtturmprojekt dabei ist das großtechnische Kraftwerk mit integrierter Kohlevergasung (IGCC), CO2-Abtrennung, Transport und -Speicherung (CCS). Gemeinsam mit Partnern wie BASF und Linde entwickeln wir zudem eine CO2-Wäsche, mit der bestehende moderne Kraftwerke nachgerüstet werden können. An beiden Verfahren arbeiten wir mit Hochdruck, damit diese Technologie nach 2020 Serienreife erlangen kann. Die Suche nach neuen Technologien ist dabei

Subventionsfreier Energieträger in der Erde: Braunkohletagebau im Rheinland.

nicht allein eine Aufgabe der Wirtschaft. Auch die öffentliche Forschung muss hier seinen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Energiesektors liefern. Derzeit droht Europa auf diesem Feld den Anschluss zu verlieren. Drei Viertel der Gelder für Energie- und Klimaforschung werden von den Vereinigten Staaten und Japan aufgebracht. Doch eine nachhaltige Energieversorgung gelingt nicht allein durch die Erforschung der Möglichkeiten von morgen. Sie erfordert zugleich, die Technologien von heute umzusetzen. In diesem Kontext setzt die Braunkohle ebenfalls Maßstäbe. Unsere Braunkohlekraftwerke mit optimierter Analagentechnik erreichen Wirkungsgerade von 43 Prozent – das ist Weltrekord bei dieser Technologie. Derzeit befinden sich in Deutschland 15 Großkraftwerke im Bau oder in Planung – nur sechs Anlagen

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Gasspeicher sichern die kontinuierliche Energieversorgung für Deutschland.

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aber werden nach Einschätzung der deutschen Energieagentur tatsächlich fertiggestellt. Allein 2007 sind Kraftwerksprojekte im Volumen von 6.500 Megawatt gestrichen werden. Das entspricht einer Versorgung von über 16 Millionen Haushalten. Ein erster Grund für diese schädliche Entwicklung ist der lokale Widerstand gegen neue Kraftwerke. Den Bürgern sind diese Zusammenhänge nicht bewusst. Oder sie werden schlichtweg ignoriert. Der politische Widerstand gegen neue Kraftwerksprojekte behindert dabei nicht nur, den steigenden Energiehunger sicher zu bewältigen, sie führt auch dazu, dass ältere, umweltschädlichere Anlagen länger am Netz bleiben. Trotz der genannten Anstrengungen bei der Strom- und Wärmeerzeugung sowie beim Transport besteht kein Zweifel: Auch künftig sind wir in nennenswertem Maße von Rohstoffen aus anderen Weltregionen abhängig. Deshalb brauchen wir ein gemeinsames Vorgehen, um anderen Regionalmächten beim Wettlauf um die Rohstoffe Paroli bieten zu können. Derzeit aber herrscht dazu Katerstimmung in Europa. Javier Solana, Generalsekretär des Rates der Europäischen Union und Hoher Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, wird sogar mit dem alarmierenden Satz zitiert: „Unsere Optionen werden scheinbar immer enger, während andere entschlossen voranpreschen.“

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Die verbleibenden Optionen aber – so eng sie auch sind – müssen wir nutzen. Sonst werden Wirtschaft und Bürger in Europa eine Suppe auszulöffeln haben, die ihnen die Energiepolitik in Brüssel und in den Nationalstaaten eingebrockt hat. Energie wird dann nicht nur immer teurer. Sie wird letztlich unbezahlbar. Dies müssen wir gemeinsam verhindern! ■

Dr. Jürgen Großmann wurde 1952 in Mühlheim an der Ruhr geboren, studierte Eisenhüttenwesen sowie Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre und begann bei den Klöckner-Werken als Vorstandsassistent. Dort verantwortete er schließlich den gesamten Stahlbereich. Großmann sanierte die Georgsmarienhütte, deren Alleingesellschafter er seit 1997 ist. Seit Oktober 2007 ist er Vorstandsvorsitzender der RWE AG in Essen.

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ENERG ENERGIE GIE IST LEBEN Ulrich Gräber

Kernenergie – eine gute Grundlage für wirtschaftliches Wachstum

Ein Blick in die Zukunft: wir befinden uns im Juni 2014. Die Wirtschaftskrise ist überwunden. Viele Firmen produzieren wieder unter Höchstlast. Die Arbeitslosigkeit nimmt rapide ab. Der Konsum zieht weltweit an. Besonders hoch ist die Nachfrage in Asien und Osteuropa. Privathaushalte ordern Neuwagen, Kühlschränke, PCs. Industrieunternehmen holen zurückgestellte Investitionen nach. Anlagen- und Maschinenbauer haben alle Hände voll zu tun. Die Wirtschaft wächst. Für all das braucht man viel Energie. Weltweit wird daher jede Energiequelle genutzt. Die Kernenergie gehört selbstverständlich auch zu diesem Energie-Mix von 2014. Genauso, wie bereits heute schon.

Modell eines hochmodernen und sicheren EPR-Reaktors, wie er gerade in Finnland und anderen Teilen der Welt gebaut wird. Mit seiner doppelten Aussenhülle übersteht er auch direkte Flugzeugabtürze.

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Kernkraftwerke liefern zuverlässig und zu niedrigen Kosten Strom rund um die Uhr. Das ist eine gute Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und wirtschaftlichen Wohlstand. Das an konventionellen Energieträgern arme Bayern hat dies bei seinem ökonomischen Fortschritt vom Agrarstaat zu einem führenden Industriestandort in Deutschland positiv erfahren. Der frühere bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß würdigte dies bei der Inbetriebnahme der Blöcke B und C des Kernkraftwerks Gundremmingen am 6. Mai 1985: „…Bayern gilt zurzeit als der Industriestandort. Wir mussten uns diese Position aber hart erarbeiten. Wir mussten ... alles tun, damit die Energiekosten in unserem Lande nicht auf Dauer erheblich über dem Bundesdurchschnitt liegen.“ Deswegen sei es logisch gewesen, Kernenergie einzusetzen. „Schon jetzt macht sich bezahlt, dass bei uns heute Atomstrom in ausreichender Menge zu angemessenem Preis zur Verfügung steht“, sagte Strauß damals.

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ENERGIE IST LEBEN Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die Stromerzeugung in Kernkraftwerken ist wirtschaftlich. Zwar entstehen hohe Investitionskosten beim Bau der Kraftwerke, aber die Brennstoffkosten – inklusive der Entsorgungsrückstellungen – sind ra vergleichsweise gering. Und die Betriebsdauer von Kernkraftd n Arten werken ist mit 60 Jahren teils viel länger, als bei anderen der Stromerzeugung. Wie 1985 ist auch heute der Strompreis ein wichtiger Standortfaktor, wobei es nicht mehr so sehr um die Entscheidung geht, ob sich ein Unternehmen in diesem oder jenem Bundesland ansiedelt. Heute geht es eher um diesen oder jenen Teil der Welt! Zur Sicherung des wirtschaftlichen Wohlstands in Deutschland gehört, eine stabile und bezahlbare Energieversorgung bereitzustellen. Wir können es uns im Grunde gar nicht leisten, aus der Kernenergienutzung auszusteigen und ohne Not auf einen der wichtigsten Energieträger zur Stromerzeugung in Deutschland zu verzichten. Bereits 2001 schätzte das Bundeswirtschaftsministerium die volkswirtschaftlichen Kosten für einen Ausstieg aus der Kernenergie – bei gleichzeitiger Beibehaltung eines 40-prozentigen CO2-Reduktionsziels bis 2020 – auf 256 Milliarden Euro. Schon damals war das eine schwindelerregende Vorstellung. Heute, wo wir noch nicht einmal abschätzen können, was uns allein die verschiedenen Rettungsmaßnahmen im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise kosten werden, stellt sich die Frage nach dem Sinn des Ausstiegs erst recht! Die Kernenergie ist seit geraumer Zeit wieder oben auf der Agenda in vielen Ländern rund um den Globus. Die wichtigsten Faktoren bei der Rückbesinnung auf die Kernenergie sind: Erstens: Der weltweite Energiebedarf wird weiter steigen. Zwar sinkt der Stromverbrauch in diesem Jahr, prognostiziert die Internationale

Vermeidet jedes Jahr 21 Millionen Tonnen Treibhausgas CO2: Gundremmingen gilt als eines der sichersten und produktivsten Kernkraftwerke der Welt.

Energie-Agentur. Aber das ist das erste Mal seit 1945! Und es ist unmittelbare Folge der Rezession. Doch allein der Wunsch von Milliarden Chinesen, Indern und Osteuropäern, ihren Lebensstandard weiter zu steigern, wird den Energieverbrauch unzweifelhaft erhöhen. Zweitens: Fossile Brennstoffe werden knapper. Und sie kommen oft aus politisch instabilen Regionen. Das schafft Versorgungsrisiken. Drittens: Überall will man die CO2-Emissionen nachhaltig senken. Wie soll das gehen ohne die CO2-freie Stromproduktion durch Kernenergie? Wenn wir unsere Autos zukünftig verstärkt elektrisch betreiben wollen, um die

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2009 Atomenergie Planung erster Anlagen Bau erster Anlagen Planung neuer Anlagen neuer Anlagen

Stabile Atompolitik Beim Atomausstieg Atomausstieg s abgeschlossen Keine Atompolitik

Immer mehr Länder setzen auf die friedliche Nutzung der Kernkraft. Hier eine Übersicht der geplanten und im Bau befindlichen Anlagen.

Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, und dabei gleichzeitig die CO2-Emissionen senken wollen, geht das nur mit CO2-freiem Grundlaststrom! Gleiches gilt für den Gebäudebereich. Wärmepumpen können heizen, ohne Gas, Öl oder Holz zu verbrennen. Aber was nutzt das, wenn der Strom für die Pumpen aus fossil befeuerten Kraftwerken stammt? Und viertens: Erneuerbare Energien können Grundlaststrom aus Kohle oder Kernkraft nicht 1:1 ersetzen. In den meisten Industrieländern sind sie auf absehbare Zeit auch nicht wettbewerbsfähig. Daher wird, weltweit gesehen, die nukleare Stromerzeugung bis zum Jahr 2030 ansteigen. Das sagen übereinstimmend drei führende Institutionen wie die Internationale Energie-Agentur, die Internationale Atomenergie-Agentur und das Energieministerium der USA. Dabei spielt der Wille, CO2-Emissionen zu reduzieren, eine große Rolle: Je weniger Emissionen, desto mehr Kernenergie. Areva hat ein eigenes Szenario erstellt, das in etwa im Mittelfeld der verschiedenen jüngeren Szenarien liegt. Legt man diesen Maßstab an und berücksichtigt Anlagenstilllegungen und Laufzeitverlängerungen, so sind nach unserer Einschätzung bis 2030 etwa 230 Anlagen zu durchschnittlich 1500 Megawatt neu zu errichten. Ein Drittel dieser Anlagen will Areva liefern. Viele Experten warnen schon heute, dass beim nächsten Boom die Energiepreise – insbesondere für das augenblicklich beinahe schon „billige“ Erdöl – regelrecht explodieren können. Daher müssen jetzt die notwendigen Investitionen in die Energieinfrastruktur getätigt werden. Die Entscheidungen zum Bau der deutschen Kernkraftwerke waren Ergebnisse einer gemeinsamen politischen Grundentscheidung aller Parteien. Diese Grundentscheidung hieß: Weg vom Öl! Die Kernenergie macht uns unabhängiger von Rohstoffimporten, wettbewerbsfähiger als Industriestandort und ist eine Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand. Und das gilt auch heute noch. Angesichts einer wachsenden Rohstoffimportabhängigkeit der Länder der Europäischen Union ist die Nutzung heimischer Energieträger heute wichtiger denn je. Zwar wird auch Kernbrennstoff nach Deutschland importiert, aber die Menge, die für die einzelnen Kraftwerke benötigt wird, ist aufgrund seiner hohen Energiedichte sehr gering: Der Energieinhalt eines Kilogramms Natururan entspricht etwa dem von rund 14 000 Kubikmetern Erdgas oder 57 Tonnen Braunkohle oder Millionen von Solarzellen – aber nur theoretisch, denn Solarzellen liefern nachts 0 Watt an Strom. Zudem liegen die weltweiten Uran-

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ENERGIE IST LEBEN reserven vor allem in politisch stabilen Regionen wie Kanada oder Australien. Deutschland importiert knapp die Hälfte des Natururans aus Kanada. Fazit: Die Kernenergie ist wirtschaftlich und sie schafft Versorgungssicherheit. Damit sind bereits zwei der drei Kriterien für eine nachhaltige Energieversorgung erfüllt. Das dritte Kriterium ist Umweltverträglichkeit. Und auch das erfüllt die Kernenergie. Punkt eins: Es herrscht Einigkeit darüber, dass Menschen, Tiere und Pflanzen vor radioaktiven Stoffen aus dem Kernbrennstoffkreislauf geschützt werden müssen. Hierfür gelten in der Nuklearindustrie, aber auch bei den Aufsichtsbehörden, sehr hohe Sicherheitsstandards, die ständig überprüft und nach dem jeweils neuesten Stand der Technik optimiert werden. Punkt zwei: Die Abfallmengen sind vergleichsweise gering: In einem durchschnittlichen 1.300 Megawatt-Reaktor – der etwa alle Privathaushalte Hessens rund um die Uhr mit Strom versorgen kann – entstehen jährlich etwa 45 Kubikmeter Wärme entwickelnde Abfälle. Technisch gesehen könnten sie längst – wie das bei chemisch-toxischen Stoffen auch gemacht wird – sicher endgelagert werden. Die Frage des Standortes für ein Endlager

Ausstiegsländer wie Schweden und Italien kehren zur Kernkraft zurück. ist aber in Deutschland politisch äußerst umstritten. Der Bund, der für die Einrichtung eines Endlagers verantwortlich ist, drückt sich leider seit mehreren Legislaturperioden um eine Entscheidung. Auch die gegenwärtige Bundesregierung hat ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag, diese Frage zu lösen, ohne Wimpernzucken gebrochen. Und Punkt drei: Stromerzeugung in Kernkraftwerken bewirkt keine klimaschädlichen CO2Emissionen. Das hat übrigens auch Franz-Josef Strauß vor knapp einem viertel Jahrhundert gesehen. „Das CO2-Problem könnte der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle eines Tages zusätzliche Grenzen setzen“, sagte er in Gundremmingen voraus. Die Hälfte des heute weltweit CO2-frei erzeugten Stromes stammt aus Kernkraftwerken. Sprich: Die Kernenergie leistet also einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Treibhausgasen. Die Kernenergie ist nicht die einzige Lösung im Kampf gegen den Klimawandel, aber jede Lösung ohne Kernenergie macht den Kampf enorm schwer und enorm teuer! Alle G-8-Staaten außer Deutschland haben die Weiternutzung oder den Ausbau der Kernenergie beschlossen. Bisherige

Arbeitsplatz-Maschine Kerntechnik boomt im mittelfränkischen Erlangen: An seinem deutschen Firmensitz investiert Areva NP gegenwärtig über 100 Millionen Euro in zwei neue Gebäude und plant, die Belegschaft in den nächsten Jahren von rund 5000 auf 8000 aufzustocken. Allein im vergangenen Jahr wurden 800 neue Mitarbeiter eingestellt. Areva NP, ein deutsch-französisches

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Ausstiegsländer wie Schweden oder Italien, haben ihren Kurs mittlerweile völlig umgekehrt und haben sogar den Weg für neue Kernkraftwerke frei gemacht. Aber Neuanlagen sind nur ein Pfad zu einem Ausbau der Kernenergienutzung. Der andere Pfad ist die Modernisierung von Kernkraftwerken – häufig in Verbindung mit einer Erhöhung der Produktionsleistung – sowie die Verlängerung von Kraftwerkslaufzeiten. Beide Wege kennzeichnen die viel zitierte „Renaissance der Kernenergie“, wie wir sie heute erleben. Modernisierung und Ertüchtigung bestehender Anlagen haben in den vergangenen Jahren die in US-amerikanischen Kernkraftwerken erzeugte Strommenge so deutlich erhöht, dass dies dem Neubau mehrerer Anlagen gleichkommt. Zusätzlich wurde in den USA bereits bei 52 der insgesamt 104 Reaktoren die Laufzeit auf 60 Jahre verlängert, für weitere 20 Anlagen befinden sich Anträge im Genehmigungsverfahren. Weltweit sind rund 440 Kernkraftwerke in Betrieb, 45 befinden sich gegenwärtig im Bau. Wir sprechen dabei oft von großen bis sehr großen Anlagen. In Summe befinden sich damit etwa 40.000 MW an Kraftwerken im Bau, die einmal bis zu sechs Jahrzehnte in Betrieb sein werden. Auch die Errichtung der Kraftwerke selbst ist ein erheblicher Motor für die wirtschaftliche Entwicklung. Nicht umsonst hat sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein bei Areva NP in Deutschland in nur acht Jahren auf über 5.000 verdoppelt. Auch in diesem Jahr stellt Areva NP in Deutschland wieder rund 900 Fachkräfte ein. Am 29. Mai 2009 wurde der Grundstein für einen weiteren Gebäudekomplex mit 2.200 Büroarbeitsplätzen am Firmenstandort Erlangen gelegt. Das Wachstum soll weitergehen: Bis 2015 auf rund 8.000 Köpfe in Deutschland. Hinzu kommen unzählige Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie, allein in Deutschland zählt Areva NP heute 600 Unterlieferanten. Die Kerntechnik ist auf Wachstumskurs – auch in der Krise – und nach der Krise noch mehr. Wer auf sie verzichten will, entzieht der Gesellschaft eine solide Säule für wirtschaftlichen Wohlstand. ■ Ulrich Gräber startete seine berufliche Laufbahn 1974 bei der damaligen Kraftwerk Union (KWU), die in das deutsch-französischen Atom-Unternehmen Areva eingegangen ist. Der 61-Jährige war bei Bau und Planung mehrerer deutscher Kernkraftwerke beteiligt. 1999 wurde er Vorstand der EnBW Kraftwerke AG in BadenWürttemberg. Seit 2008 ist Gräber technischer Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung der Areva NP GmbH in Erlangen.

Unternehmen, bietet als Weltmarktführer Rundumkompetenz für Kernkraftwerke. 62 Prozent des deutschen Umsatzes werden noch mit der Wartung bestehender Kernkraftwerke erwirtschaftet, doch künftig will Areva NP verstärkt am Reaktor-Neubau im Ausland verdienen. Derzeit wird an einem finnischen, einem französischen und zwei chinesischen Kernkraftwerk gearbeitet. Kürzlich gelang ein besonderer Erfolg: Areva NP ist Trikotsponsor beim 1. FC Nürnberg, der wieder einmal in die 1. Bundesliga aufgestiegen ist. ■

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ENERGIE IST LEBEN Wallter Hohlefelder

Die Endlagerfrage ist längst entscheidungsreif

Sie ist neben der Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Kernkraftwerke eine der dringendsten energiepolitischen Aufgaben der nächsten Bundesregierung: Die Lösung der Endlager-Frage für hochradioaktive Abfälle. Das sehen viele Menschen in Deutschland so. Nach einer repräsentativen Meinungsumfrage von TNS Emnid im Februar 2009 im Auftrag des Deutschen Atomforums wären 61 Prozent der Deutschen für die weitere Nutzung der Kernenergie, wenn die Frage der sicheren Endlagerung gelöst sein sollte. Das ist im Vergleich zur Umfrage im August 2008 ein Anstieg um drei Prozentpunkte. Zugleich wird daraus deutlich: Wer eine positive Neubewertung der Kernenergie um jeden Preis verhindern will, muss die Lösung der Endlagerfrage blockieren. Kein Wunder also, dass die Kernenergienutzung in Deutschland seit langem auch vom permanenten Streit um die Endlagerfrage geprägt ist. Dabei bestand von Beginn an weitgehende Übereinstimmung, dass der Bau und Betrieb der Endlager eine staatliche Aufgabe ist, finanziert durch die Abfallverursacher. 1975 – unter einer SPD-geführten Bundesregierung – wurde dies im Atomgesetz festgeschrieben. Das war und ist auch ein Versprechen von staatlicher Seite. Für die schwach- und mittelaktiven Abfälle wird dies endlich eingelöst, wenn

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© BMU


ENERGIE IST LEBEN das Endlager Konrad 2013 in Betrieb genommen wird. Das ist immerhin schon ein erheblicher Fortschritt. Aber eben für die hochaktiven Abfälle steht die Erfüllung dieser Zusage immer noch aus. Technisch ist das Thema lösbar, politisch ist es blockiert. Im sogenannten Kernenergie-Konsens des Jahres 2000 hat die damalige rot-grüne Bundesregierung festgestellt, dass die bisherigen Erkundungsergebnisse des Salzstocks Gorleben in Niedersachsen für eine Eignung als Endlager sprechen. Gleichwohl hat die damalige Bundesregierung ein Erkundungsmoratorium von 3 bis maximal 10 Jahren verhängt. Bis dahin sollten sogenannte Zweifelsfragen, die der damalige Bundesumweltminister entwickelt hatte, abgearbeitet werden. Ende 2005 waren diese Fragen mit der Vorlage des sogenannten Syntheseberichts durch das Bundesamt für Strahlenschutz mit positivem Ergebnis im Hinblick auf die Erkundung beantwortet. Die Erkundung des Salzstocks hätte fortgesetzt werden können. Leider ist dies nicht geschehen, auch nicht unter der großen Koalition. Spätestens in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres läuft das Moratorium aus. Vor diesem Hintergrund ist

Der mächtige Salzstock von Gorleben (violett) kann radioaktive Abfälle trocken, sicher und dauerhaft einschließen. Salz gilt bei Experten als besonders geeignete Lagerstätte.

die öffentliche Diskussion um das radioaktive Inventar und die Sanierung der Schachtanlage Asse II zu sehen. Kein Zweifel, die Vorgänge um die Asse, zudem unter alleiniger staatlicher Verantwortung, schaden der Lösung der Endlagerfrage. Antiatomkraft-Aktivisten nutzen diese Situation und behaupten dabei entgegen besserem Wissen, dass die Asse der Prototyp für ein potentielles Endlager im Salzstock Gorleben sei. Aber eine staatliche Forschungseinrichtung macht noch keinen Endlager-Prototyp, und die Asse, ein bis zum äußersten Rand der Lagerstätte ausgehöhltes Salzgewinnungsbergwerk, ist nicht mit dem seit vielen Millionen Jahren unversehrten Salzstock von Gorleben vergleichbar. Das sagen alle Fachleute und selbst Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Festzustellen bleibt, dass das Versprechen im Koalitionsvertrag der Großen Koalition einer „zügigen Lösung der Endlagerfrage“ im Hinblick auf den hochaktiven Abfall nicht eingelöst worden ist. Wichtige Jahre gingen auf diese Weise verloren. Die Bundesregierung hat Mitte Mai 2009 dazu erklärt, dass zum Gorleben-

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Seit 1979 geprüft und für geeignet empfunden: Der Salzstock in Gorleben.

Moratorium vor seinem Ablauf am 1. Oktober 2010 eine Entscheidung getroffen werde. Da die Bundestagswahlen schon sehr nahe sind, kann sich jeder ausrechnen, dass diese Entscheidung auf die kommende Regierung zuläuft. Aber nach dem Wahltag am 27. September muss sie endlich getroffen werden. Laxe Kompromissformeln, wie im letzten Koalitionsvertrag, darf es nach der Bundestagswahl nicht mehr geben. Alle Beteiligten brauchen klare Zeitpläne und Verfahrensregeln. Hierzu haben die Betreiber der Kernkraftwerke auf dem Endlager-Symposium des Bundesumweltministeriums im Herbst vergangenen Jahres konkrete Vorschläge gemacht. Sie beinhalten ein selbstverständlich ergebnisoffenes Verfahren sowie eine umfassende Sicherheitsanalyse und -bewertung. Der Bundesumweltminister dagegen hält die Untersuchung alternativer Endlager-Standorte zu Gorleben weiterhin für erforderlich. Aber ein solches Vorgehen ist unnötig und ein weiterer Versuch, die politische Lösung der Endlagerfrage zu vertagen. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat es im Jahr 2006 auf den Punkt gebracht und dem wiederkehrenden Ruf nach einer alternativen Endlagerstandorterkundung eine deutliche Absage erteilt. Das Atomgesetz verlangt keine alternative Standorterkundung, sondern einzig und allein ein geeignetes, weil sicheres Endlager. Das Thema Endlagerung muss schnellstmöglich vorangebracht werden und unabhängig von einer Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke gelöst werden. Einfach, weil bereits in erheblichem Umfang hochradioaktive Abfälle nicht nur aus der Stromproduktion, sondern auch aus Forschung und Medizin vorhanden sind, die entsorgt werden müssen. Wir können diese Aufgabe nicht zukünftigen Generationen zuschieben, wir müssen uns auch in dieser Frage gemeinsam der Energieverantwortung für Deutschland stellen. ■ Dr. Walter Hohlefelder ist seit 2004 Präsident des deutschen Atomforums. 1945 in Bad Godesberg geboren, studierte er Rechts- und Verwaltungswissenschaften in Bonn, Lausanne und Speyer, war Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln und von 1986 bis 1994 Ministerialdirektor im Bundesumweltministerium im Bereich Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Nukleare Entsorgung. Dann wechselte er in die Industrie und war schließlich von 2000 bis zum vergangenen Jahr Vorstandsmitglied der E.on Energie.

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ENERGIE IS ST LEBEN

Wärme ohne Ende Geothermie schont Umwelt und Geldbeutel

Der Rohstoff Erdwärme macht unabhängig von Öl und Gas und schützt zugleich die Umwelt. In Bayern ist die Geothermie bereits ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Die schon sieben realisierten Projekte in Bayern sind Rekord in Deutschland und die weiteren geplanten Anlagen versprechen Investitionen in Milliardenhöhe. Als kürzlich in Unterhaching bei München Deutschlands größte Geothermieanlage eingeweiht wurde, war auch Sigmar Gabriel aus Berlin angereist. Doch es darf bezweifelt werden, dass der rote Bundesumweltminister, bisher kaum als Bayern-Fan bekannt, erfreut war über das, was er zu hören bekam: Ausgerechnet der weißblaue Freistaat ist der grüne Musterknabe. „In keinem anderen Land wächst der Geothermiebereich so rasant wie bei uns“, erklärte Staatskanzleichef Siegfried Schneider. „Schon heute stehen mehr als zwei Drittel der installierten thermischen Leistung in Bayern.“ Mit den sieben bereits realisierten Projekten liegt Bayern deutschlandweit ebenso vorn wie mit den mindestens elf

weiteren Vorhaben, bei denen noch in diesem Jahr die Bohrungen beginnen sollen. Allein diese werden Investitionen von über sechs Milliarden Euro aktivieren. Die Erdwärme wird aus den wasserführenden Gesteinsschichten, dem so genannten Malm, gewonnen und stammt teils aus der Zeit der Erdentstehung und teils aus nuklearen Zerfallsprozessen, die im Erdinneren seit millionen Jahren kontinuierlich ablaufen. Je tiefer das Wasser liegt, desto höher sind die Temperaturen. 100 Meter mehr bringen ein Plus von 3 Grad. Einen Kilometer unter der Erdoberfläche ist das Wasser bereits 40 Grad warm, zum Erdkern hin steigt die Temperatur auf bis zu 6500 Grad. In Unterhaching wird 133 Grad heißes Wasser aus 3500 Meter Tiefe geholt und, nachdem die Wärmeenergie umgewandelt ist, über eine zweite Leitung abgekühlt wieder in den Untergrund geschickt. „Eine nach menschlichem Ermessen nahezu unerschöpfliche Energiequelle, die zudem umweltfreundlich und rund um die Uhr verfügbar ist und die Ressourcen ebenso schont wie den Geld-

Geologischer Nord-Süd-Schnitt durch das Süddeutsche Molassebecken N

Tertiär-Hügelland Poing Schmuter

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ENERGIE IST LEBEN beutel“, betont Werner Dehmel, Geschäftsführer der Eon Bayern Wärme GmbH. Das Unternehmen ist eine 100-Prozent-Tochter der Eon Bayern AG und hat die Vorteile der Geothemie schon frühzeitig erkannt und in Projekte umgewandelt. Drei sind es bisher. Das älteste läuft in den Grenzstädte Simbach und Braunau, wo die OBAG, die später in der Eon Bayern AG aufging, bereits 1996 in das deutsch-österreichische Geothermie-Projekt einsteigen konnte. Es fördert im Grenzgebiet aus gut 2000 Metern Tiefe pro Sekunde 74 Liter Wasser, das 81 Grad heiß ist und gut 7 Megawatt Wärme liefert. Seit dem Jahr 2000 wird die Energie in ein 35 Kilometer langes Fernwärmenetz eingespeist und versorgt 750 Gebäude mit 5000 Haushalten. In Poing wird

Bei Förderung und Nutzung der Erdwärme will Bayern Marktführer werden. ein seit 20 Jahren bestehendes Fernwärmenetz an eine neue Geothermieanlage angeschlossen, bei der 83 Grad heißes Wasser aus 3000 Metern Tiefe gefördert wird. Dehmel: „Schon zur nächsten Heizperiode können wir die geothermische Wärme in das 12,4 Kilometer lange Netz einspeisen, das bereits heute 334 Objekte versorgt. Die förderbare Wärmemenge reicht aus, um später auch weitere Wohngebiete, die bereits geplant werden, mit Wärme zu beliefern.“ Erfolgreich waren auch die Bohrungen für das Geothermie-Projekt in Garching, an dem Eon, die Universitätsstadt und eine Recycling-Gesellschaft zu je einem Drittel beteiligt sind. Das rund 46 Millionen Euro teure Vorhaben umfasst die Bohrungen, eine Geothermie-Heizzentrale, in der das Warmwasser aufbereitet und verteilt wird sowie ein Biomasseheizwerk und Fernwärmenetze für zwei Siedlungsgebiete. Wenn die erste Projektphase 2014 abgeschlossen sein wird, soll die Anlage jährlich 130 Millionen Kilowattstunden Wärme erzeugen, von denen allein die Geothermie 45 Prozent beisteuern wird. Die erste, 2030 Meter tiefe, Bohrung für Garching wurde bereits im August letzten Jahres erfolgreich abgeschlossen. Sie liefert sekündlich

90 Liter 70 Grad heißes Thermalwasser. Das zweite Bohrloch, in dem das abgekühlte Wasser wieder ins Erdinnere geschickt wird, wurde im März fertiggestellt. Sind beide Bohrungen erfolgreich, fällt Investoren und Ingenieuren ein Stein vom Herzen. „Bei allen positiven Aspekten birgt diese regenerative Energie auch erhebliche Risiken“, gibt Werner Dehmel zu bedenken. „Trotz gründlicher Vorarbeiten, umfangreicher geologischer Untersuchungen und günstiger Prognosen lässt sich die Fündigkeit eines Projekts nicht präzise vorhersagen. Wird die Temperatur des Thermalwassers hoch genug sein? Reicht die Menge aus? Bedarf es weiterer Investitionen? Bis man Antworten auf diese Fragen hat, sind häufig bereits einige Millionen Euro in das Projekt geflossen.“ Risiken, die ein Privatmann, der sein Haus mit Erdwärme heizen will, nicht hat: Er zapft das meist nur wenige Dutzend Meter unter der Oberfläche fließende Grundwasser an, das zwar nur eine niedrige Temperatur zwischen acht und 14 Grad hat, aus der sich aber über Wärmepumpe ausreichend Energie holen lässt, um ein Haus zu heizen. Wo es sich in Bayern lohnt das warme Wasser in der Erde anzuzapfen, zeigt der Geothermieatlas, den die Staatsregierung erstellen ließ. Minister Schneider: „Ein bisher einzigartiges Projekt, mit dem wir dazu beitragen wollen, dass die lokalen und regionalen Potenziale für den Ausbau der erneuerbaren Energien erkannt und ganz gezielt genutzt werden.“ Einen zusätzlichen Schub zum Ausbau der Geothermie in Bayern soll auch das landeseigene Tiefengeothermie-Wärmenetz-Programm geben, für das Bayern zusätzlich zur Bundesförderung ab Sommer 12 Millionen Euro bereitstellt. Der Minister erwartet, dass durch das in Bayern entwickelte Know-how eine innovative Bergbau- und Kraftwerkstechnologie entsteht. Denn, so zählt er die Vorteile auf, die Geothermie verbessert nicht nur die Lebensqualität, schafft Arbeitsplätze und gewinnt Investoren, sie „könnte auch zu einem weiteren Exportschlager ‚Made in Bayern‘ werden“. Und auch für Bundesminister Gabriel war der Ausflug nach Unterhaching ein Gewinn: Künftig kann er in seinen Reden vom grünen MusterManfred Werner land Bayern schwärmen! ■

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ENERGIE IST LEBEN

Herbert Schambeck

Schatz aus der Erde Sichere Wärmeversorgung für Bayern

Bei steigenden Energiekosten, politischen Unsicherheiten beim Gasimport, dem schrittweisen Versiegen der europäischen Ölfelder stellen sich essentielle Fragen zur Sicherung der Energieversorgung zu kalkulierbaren Preisen auch in Bayern. Lösungen sind gefragt, die langfristig zu kalkulierbaren Kosten die Grundversorgung sicherstellen und Energie Rund-um-die-Uhr liefern können. Nur bedingt können die regenerativen Energiequellen Wind, Solar und Biomasse zur Deckung beitragen. Gesucht ist ein heimischer Energieträger der unabhängig von Wind und Wetter, politischen und preislichen Unwägbarkeiten zur Verfügung steht. Genau diese haben wir in Bayern: Erdwärme. Auch bei intensiver Nutzung ist diese Ressource faktisch unerschöpflich, da die Erde aus ihrem Innern einen ständigen Wärmefluss abgibt. Neben der Grundlastfähigkeit sind wesentliche Vorteile der Erdwärme die bereits heute vergleichbaren Kosten mit konventionellen Energieträgern und die Unabhängigkeit von der Preisentwicklung von Brennstoffen jeglicher Art. Bekannt ist die Nutzung der oberflächennahen Geothermie in Verbindung mit Wärmepumpen zur Wärmeversorgung. Es geht aber noch besser: In weiten Teilen von Bayern steht in einer Tiefe von bis zu 5.000 Meter Tiefe heißes Thermalwasser

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Selbst im Schneetreiben pudelwarm: Drei Affen genießen in Japan das heiße Wasser aus den Erdtiefen.


ENERGIE IST LEBEN zur VerfĂźgung. Auf Basis dieser Energiequelle sind an die 100 Einzelprojekte geplant.

Geothermieprojekte in Bayern

Ein Hemmnis beim Bau geothermischer Heiz- oder Kraftwerken ist die aufwendige ErschlieĂ&#x;ung der Aquifere durch Tiefenbohrungen. Trotz der idealen und sehr gut bekannten Lage der Thermalwasserschichten in Bayern bestehen erhebliche Kosten- und Explorationsrisiken. Auf der anderen Seite sind bei erfolgreicher Umsetzung eines Kraftwerksprojektes die Wärmegewinnung und der Aufbau einer Fernwärmeversorgung gut kalkulierbar und mit geringen Risiken verbunden. Die Aufgabenteilung zwischen einer Kommune und einem Privatunternehmen wäre damit klar umrissen. Die Ăœbernahme der Explorationsrisiken und die damit einhergehende Errichtung eines Kraftwerkes sollte unternehmerische Aufgabe bleiben, die Kommune sollte im Wesentlichen die Realisierung der Fernwärmeverteilung Ăźbernehmen. Mit diesem Ansatz lassen sich die Zuständigkeiten klar deďŹ nieren.

Aufgabenteilung Ăśffentliche Hand/Privatwirtschaft      # "

Privatunternehmen    

  

  

Bohren und Kraftwerk

Erfolgreich umgesetzt wurden in der Vergangenheit zur Wärmeversorgung Vorhaben in UnterschleiĂ&#x;heim, SimbachBraunau, Riem und Poing. Eine seit vielen Jahren in Betrieb beďŹ ndliche Anlage ďŹ ndet sich in Erding. Dort wird neben der städtischen Fernwärmeversorgung die Therme Erding nicht nur mit Wärme, sondern auch mit Thermalwasser versorgt. Bei einer ausreichenden Temperatur des Thermalwassers ab 100 Grad Celsius kann bei Einsatz modernster Technik wie dem New-KalinaÂŽ-Verfahren zusätzlich Strom erzeugt werden. Der Gesetzgeber fĂśrdert diese Art der Stromerzeugung im besonderen MaĂ&#x;e und sichert im Rahmen des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) eine StromvergĂźtung von bis zu 20 Cent je Kilowattstunde. Erste Projekte wie in Unterhaching haben gezeigt, dass gleichzeitig eine Stromerzeugung und die Wärmeversorgung einer Kommune von Ăźber 20 000 Einwohnern mit Geothermie technisch mĂśglich sind. Ebenfalls hat dieses Pilotvorhaben deutlich gemacht, dass eine Umsetzung auf rein kommunaler Ebene nicht zu empfehlen ist. Geothermieprojekte erfordern unternehmerische Entscheidungen und sind mit Risiken verbunden, die durch das fehlende Know-how auf kommunaler Seite nicht beurteilt werden kĂśnnen. Auf der anderen Seite gehĂśrt es zu den Aufgaben der politischen Entscheidungsträger, eine bezahlbare Energieversorgung sicherzustellen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen wirtschaftlich orientierten Unternehmen und der Ăśffentlichen Hand im Rahmen eines Public Private Partnership (PPP) wäre eine ideale Ergänzung zur gemeinsamen Umsetzung dieser Objekte. Erste bayerische Kommunen haben diesen Schritt in Angriff genommen und streben an, ihrer Geothermieprojekte mit qualiďŹ zierten Unternehmen partnerschaftlich umzusetzen.

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Bßrger Unternehmen Abnehmer der Fernwärme Wärme Vergßtung

•Geologische Erkundung Wärmelieferung •Planung und Ausfßhrung Vergßtung von Bohrung und Kraftwerk •Betrieb des Kraftwerks Stromlieferung Vergßtung •Produktion und AbgabeStrom EVU •Produktion und Stromversorger Abgabe Wärme

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Kommune  % 

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Fernwärme •Planung und Bau des Fernwärmenetzes •Redundanzheizwerk •Vertrieb an Endkunden •Marketing •Betreuung und Abrechnung Endkunde

Mit einer gemeinsamen Anstrengung auf kommunaler und privatwirtschaftlicher Ebene lässt sich im Zusammenspiel zwischen den heimischen regenerativen Energiequellen auf Dauer die gesamte Energieversorgung Bayerns sichern. â–

Weitere Infos: KalinaŽ ist eine eingetragene Marke der e.terras AG, Mßnchen Geothermie allgemein: www.eterras.de | www.geothermie.de Oberächennahe Geothermie: www.betatherm.de Niedrigenergiehaus: www.aktipa.de

Dipl.-Ing. Herbert Schambeck ist seit 2004 Vorstandsvorsitzender von e.terras mit Sitz in MĂźnchen und BĂźros in Amerika und Asien. Das Unternehmen entwickelt vor allem Projekte der „sauberen Energie“ wie Geothermie und der Solarbranche. Bereits 1985 grĂźndete Schambeck die Firma Europlan, die Dienstleistungen auch fĂźr Erneuerbare Energien bringt.

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EN NER RGIE IST LEBEN N Solarprojekt in Haimhausen

© Phoenix Solar AG

Sonne füllt die Gemeindekasse

Die Gemeinde Haimhausen im Landkreis Dachau hat vor vier Jahren einen mutigen Schritt getan: Sie gab grünes Licht für den Bau eines kommunalen Solarkraftwerks (Bild). Mit gut fünf Millionen Euro war es die bislang größte Investition des Ortes mit rund 5000 Einwohnern. Die bayerische Firma Phoenix-Solar stellte 7000 Module mit einer Gesamtleistung von 1,1 Megawatt auf, die seit Juli 2006 Strom für 350 Haushalte liefern. Der Verkauf des Solarstroms brachte der Gemeinde bereits im ersten Betriebsjahr 440 000 Euro Einnahmen. Der damalige Kämmerer und CSU-Politiker Peter Felbermeier wurde Vorstand des eigens dafür geschaffenen Kommunalunternehmens. Mit Felbermeier, der im letzten Jahr zum Bürgermeister von Haimhausen gewählt wurde, sprach Peter Schmalz über den Sinn und Nutzen der Anlage. Bayerischer Monatsspiegel: Herr Bürgermeister, wie fühlen Sie sich als Solar-Unternehmer? Peter Felbermeier: Sehr gut und beruhigt, weil wir mit dieser nachhaltigen Investition etwas für die Umwelt und unsere Kinder getan haben. Ich bin selbst Vater von zwei Kindern. Wir müssen uns wegbewegen von den fossilen Energieträgern hin

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zu den regenerativen Energien. Auch aus diesem Grund war es für mich eine Verpflichtung, uns hier zu engagieren.

Monatsspiegel: Es war für Haimhausen die größte Investition in der Ortsgeschichte. Hat sie sich gelohnt? Felbermeier: Sie hat sich in vielerlei Hinsicht gelohnt. Wir sind eine Gemeinde, in der viele grüne Herzen schlagen. Unsere Investition ist ebenso nachhaltig in der ökologischen wie in der ökonomischen Hinsicht. Beides ist wichtig, denn bei aller ökologischen Ideologie – wenn die Ökonomie nicht stimmt, wenn wir also keine Gewinne erwirtschaften, werden sich solche Anlagen auf Dauer nicht durchsetzen können. Unsere Anlage läuft bereits seit drei Jahren, und wir konnten schon einige Mittel abschöpfen, die dann wieder der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Monatsspiegel: Zum Beispiel? Felbermeier: Wir konnten die Planung einer zentralen Energieversorgung ebenso mitfinanzieren wie eine GrundwasserWärmepumpe in einem Baugebiet für einheimische und junge Familien. So können wir aus den Erlösen der regenerativem Solar-Energie neue regenerative Energiequellen erschließen.


ENERGIE IST LEBEN von den Gemeinden für soziale Zwecke und für Kinder- und Jugendarbeit verwendet werden. Allein in diesem Jahr erwarten wir 68 000 Euro Gewinn © Phoenix Solar AG

Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) holt die Sonne in den Ort: Haimhausen profitiert vom ersten kommunalen Solarkraftwerk Bayerns.

Monatsspiegel: Ab wann läuft die Anlage mit Gewinn? Felbermeier: Wir können, wie gesagt, schon heute Gewinne ausschütten. Schuldenfrei wird sie in ungefähr 13 Jahren sein. Geplant war, dass sich die Anlage in 16 Jahren amortisiert. Monatsspiegel: Ich kann mir vorstellen, dass Gemeinderäte, wenn sie über eine so große Investition entscheiden müssen, nicht unbedingt Feuer und Flamme sind. Felbermeier: Wir haben in Haimhausen unsere Anlage einstimmig beschlossen. Unser Gemeinderat denkt visionär, das macht eine solche Entscheidung natürlich leichter. Aber auch unsere Bürger haben sich intensiv daran beteiligt, zum Beispiel in Bürgerversammlungen. Auch hier hatten wir eine sehr große Zustimmung. Wir alle sind stolz darauf, dass wir beim Strom inzwischen autark sind. Wir haben drei Wasserkraftwerke, eine Biogasanlage und neben der kommunalen auch viele private Aufdach-Anlagen auf den Dächern. Das ist unsere Erfolgsgeschichte, zu der alle stehen. Monatsspiegel: Ist es eine Art Pilotanlage für andere Gemeinden? Felbermeier: Ja, aber mit Einschränkungen. Wir hatten bei unserer Photovoltaik-Anlage schon viele Führungen gehabt. Und fast alle sagen: Das ist ja wunderbar, die fügt sich prima in die Landschaft ein, aber bei uns können wir es uns doch nicht vorstellen. Monatsspiegel: Gibt es dafür erkennbare Gründe? Felbermeier: Vielleicht ist es eine Generationenfrage. Unser damaliger Bürgermeister, der das Projekt initiiert hat, war mit 47 noch relativ jung, und ich mit 40 nun noch etwas jünger. Aber ganz sicher spielt die Optik auch eine Rolle. Wir konnten unsere Anlage auf nur vier Hektar gut in der Landschaft integrieren. Wer größer plant und an 30, 40 oder 50 Hektar denkt, der muss seine Bürger natürlich für einen wesentlich größeren Eingriff in die Natur gewinnen. Monatsspiegel: Können Sie Ihren Bürgermeister-Kollegen aus Ihren Erfahrungen einen besonderen Rat geben? Felbermeier: Mein Rat ist: Wer sich mit diesem Gedanken trägt, muss unbedingt die Bürger mit ins Boot holen. Für die Akzeptanz eines solchen Projekts ist es sehr schädlich, wenn man sagt, man hat ja die Planungshoheit und zieht es einfach durch. Je frühzeitiger man die Bürger in Planungen einbezieht, desto positiver ist der Erfolg. Monatsspiegel: Welche Vorteile hat eine Gemeinde gegenüber einem privaten Investor? Felbermeier: Eine Gemeinde kann enorm günstige Kredite in Anspruch nehmen, da das Risiko einer Insolvenz nicht besteht. Zudem stehen in allen Kommunen eigene Grundstücke zur Verfügung. Und ganz wichtig: Die Einnahmen aus diesen Anlagen fließen nicht zu privaten Investoren zurück, sondern können

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Monatsspiegel: Die Anlage scheint in Haimhausen so gut akzeptiert zu sein, dass Sie als früherer Chef des Projekts mühelos ins Bürgermeisteramt gewählt wurden. Felbermeier: Unsere Solaranlage war zumindest kein belastendes Thema im Wahlkampf und hat sicher nicht geschadet. © Stabsstelle für KommunikationMit und Öffentlichkeitsarbeit • Postfach 684 • 9490 Vaduz Monatsspiegel: wie viel Prozent wurden Sie gewählt? Felbermeier: Mit 62,5 Prozent.

Monatsspiegel: Für die erste Wahl ein sonniges Ergebnis. Felbermeier: Welches die Gründe dafür waren, müssen Sie die Bürger fragen. Mir selbst gefällt die Anlage so gut, dass mich meine Joggingtour stets an ihr vorbeiführt. Oft treffe ich dort Leute, die mit dem Rad vorbeikommen, anhalten und fragen, was das ist. Wenn ich es ihnen dann erkläre, sagen alle: „Das ist eine tolle Geschichte.“ ■

Weißblaue Sonnenkraft Phoenix Solar AG ist eine besondere bayerische Erfolgsgeschichte. Das Unternehmen mit Sitz in Sulzemoos bei Dachau ging 1999 aus der Solarinitiative des Bundes der Energieverbraucher e.V. hervor und macht seit her eine so stürmische Entwicklung, dass es bereits als „Bayerns Best 50“ und „Europe’s 500“ ausgezeichnet wurde. Die Gesellschaft plant, baut und betreibt Photovoltaik-Großkraftwerke und ist Fachgroßhändler für SonnenstromKomplettanlagen, Solarmodule und Zubehör. Die Sonne strahlt auch auf die Bilanzen, Phoenix Solar verzeichnet rasant steigende Umsatzzahlen: 2007 waren es mit 260 Millionen Euro mehr als doppelt soviel wie im Vorjahr, 2008 standen 402 Millionen in den Büchern. Und im aktuellen Geschäftsjahr rechnet Gründungs-Vorstandschef Andreas Hänel trotz Wirtschaftskrise mit über 500 Millionen. Zudem ist die Kasse gut gefüllt, die Eigenkapitalquote liegt bei hohen 70 Prozent. „Jede Krise bietet auch Chancen“, betont Hänel. „Wir wollen unsere finanzielle Stärke auf jeden Fall für gezielte Investitionen und die Expansion im Ausland nutzen, um Marktanteile auszubauen und das Geschäft international noch breiter aufzustellen.“ Er hat dabei neuerdings die USA besonders im Fokus. Das Unternehmen profitiert davon, dass Strom aus Solaranlagen immer günstiger produziert werden kann. Die Branche rechnet damit, spätestens 2015 Solarstrom günstiger als aus konventionellen Kraftwerken anbieten zu können. Seit November 2004 wird die Phoenix-Solar-Aktie an der Börse gehandelt, seit März vergangenen Jahres im TecDax, wo sie seit Jahresbeginn fast 50 Prozent zulegen konnte. Mit einem deutschlandweiten Vertrieb und Tochtergesellschaft in Spanien, Italien, Griechenland, Singapur und Australien beschäftigt der Konzern gegenwärtig 230 Mitarbeiter, bis Jahresende sollen weltweit 70 hinzukommen. ■

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ENERGIE IST LEBEN

Die Glühlampe erlischt Neue EU-Richtline fordert sparsamere Lampen

Über 3,5 Milliarden Glühlampen erhellen in Europa die Nacht. Doch mit ihrer Zukunft sieht es düster aus: Das neue EUGlühlampenverbot zwingt Europas Verbraucher dazu, sich nach und nach Lampen anzuschaffen, die bei gleicher Lichtausbeute weniger Strom verbrauchen und somit Geld einsparen und weniger CO2 verbrauchen. „Die Glühlampe“, sagt Osram-Manager Martin Goetzeler, „ist wegen ihrer geringen Effizienz ein Auslaufmodell.“ Die Entscheidung der EU diene dem Klimaschutz und helfe den Verbrauchern, ihre Energiekosten zu senken. Der Stromverbrauch allein fürs Licht kann mit dieser Richtlinie um mehr als 30 Prozent gesenkt werden. Die neue Regelung sieht vor, dass Glühlampen und andere Strom fressende Lichtprodukte in einem Stufenplan, der vom 1. September 2009 bis 2016 läuft, schrittweise vom Markt verschwinden. Die leuchtende Zukunft gehört den Energiespar- und Halogenlampen sowie der Zukunftstechnologie LED. „Die Richtline ist ein starkes Zeichen, dass es die EU mit dem Klimaschutz ernst meint“, betont Goetzeler. Dabei müsse der Verbraucher keine Sorge haben, dass Brüssel bei ihm das Licht ausknipst: „Die achtjährige Übergangsphase stellt sicher, dass für alle gängigen Anwendungen, Fassungen, Formen und Wattstärken energieeffiziente Lampen als Ersatz in bester Qualität verfügbar sind.“ Schon heute macht Osram mehr als 95 Prozent seines Umsatzes mit anderen Lampentypen wie Halogen- und Leuchtstofflampen, Leuchtdioden (LED) und Speziallampen. Ab dem 1. September werden Glühlampen mit mehr als 80 Watt sowie mattierte Lampen, die nicht die Energieklasse A besitzen, aus den Regalen verschwinden. In Schritten von 12 Monaten werden dann Jahr für Jahr neue Lampen und Wattstärken von dem Verbot betroffen sein. Am Schluss soll das Verbot alle Glühlampen über 7 Watt verschwinden lassen. Beim Lampenkauf können Konsumenten nichts falsch machen: Denn der Handel und die Hersteller sind dafür verantwortlich,

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dass nur zulässige Lampenmodelle verkauft werden. Dabei muss der Kunde die Informationen auf der Verpackung beachten, die durch die neue EU-Richtlinie im Sinne des Verbraucherschutzes europaweit vereinheitlicht werden. Sie helfen dem Verbraucher bei der Wahl der für ihn richtigen Lampe. Osram zum Beispiel informiert bereits mit neuen, leicht verständlichen Piktogrammen auf den Energiesparlampen-Verpackungen über Lichtfarbe, Lebensdauer und die neue Wattstärke, gegen die die herkömmliche Glühlampe ausgetauscht werden soll. Die neue EU-Richtlinie regelt aber ausschließlich den Verkauf im Handel. Verbraucher dürfen Glühlampen, die sie zuhause bereits im Einsatz haben, auch weiterhin verwenden. Die neuen, energieeffizienten Produkte kosten zwar mehr, doch sie

Die Sparlampe wird schon nach einem Jahr zum Sparschwein. rechnen sich in den meisten Fällen schon nach rund einem Jahr durch die deutlich geringeren Energiekosten. Dazu ein Beispiel: Eine Glühlampe mit 100 Watt kostet knapp einen Euro, für eine von der Leuchtkraft vergleichbare Energiesparlampe mit 20 Watt muss man sieben Euro zahlen. Doch eine Energiesparlampe leuchtet bis zu 15 000 Stunden, eine Glühlampe aber nur 1000. In diesem Fall müssten also fünfzehn Glühlampen gekauft werden, um die Lebensdauer einer einzigen Energiesparlampe zu erreichen. Zusätzlich spart die Energiesparlampe über die gesamte Laufzeit rund 252 Euro Strom. Auch das warme Licht, für das die Glühlampe gerade in gemütlicher Atmosphäre geschätzt wird, haben Techniker inzwischen der Sparlampe antrainiert. Die „warmwhite“ Energiesparlampen verströmen nahezu die gleichen warmen Lichtfarben, an die sich die Europäer über viele Jahrzehnte hin gewöhnt haben. So muss auch bei EnergiesparLicht keinem frösteln. ■

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ENERGIE IST LEBEN

Forschen am Gashahn VNG-Campus fördert junge Energie-Wissenschaftler

Die deutsche Volkswirtschaft ist zu einem hohen Grad auf Rohstofflieferungen aus dem Ausland angewiesen. Ins Augenmerk der Öffentlichkeit sind dabei vor allem die Gaslieferungen aus Russland gekommen, von wo Deutschland über 35 Prozent seiner jährlichen Erdgasimporte bezieht. Die Russische Föderation verfügt über 30 Prozent der weltweit bekannten Erdgasreserven, wobei die Flächen des asiatischen Teils des Landes erst zu einem Zehntel geologisch erforscht sind. Dieses Rohstoffpotenzial nutzbar zu machen, ist das vordringliche Interesse von Rohstofferzeugern und –importeuren und begründet einen enormen Bedarf an wissenschaftlicher und technischer Zusammenarbeit.

Partner, betreuen gemeinsam Diplomarbeiten und Promotionen und führen fachliche Exkursionen durch. Zudem unterstützt VNG-Campus die Einrichtung von Forschungsstellen und energiewirtschaftlich orientierten Instituten an Universitäten in den neuen Bundesländern sowie internationale Masterstudiengänge und Industriepartnerschaften. Die Universität Leipzig und das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO Universität Moskau) starteten beispielsweise im Wintersemester 2007/2008 den neuen dualen Masterstudiengang „International Energy Economics and Business Administration“. Das Kooperationsprojekt wird durch das eigens dafür gegründete Deutsch-Russische Institut für Energiepolitik und Energiewirtschaft e.V. organisiert.

Die Technische Universität Bergakademie Freiberg und das Sankt Petersburger Staatliche Bergbauinstitut – die ältesten Montanhochschulen der Welt – haben als erste die Untersuchung von mineralischen Rohstoffen auf eine wissenschaftliche Basis gestellt. Die hoch qualifizierte Ausbildung von Spezialisten umfasst das gesamte Spektrum der Bodenschätze und Rohstoffe von der Suche bis zur Verarbeitung und Realisierung. Beide Institute vereinbarten im Oktober 2006 im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin, ein „Ständiges deutsch-russisches Forum zu Fragen der Nutzung von Rohstoffressourcen“ zu gründen. Ziel des Forums ist es, Strategien zur effektiveren Nutzung fossiler, mineralogischer und alternativer Rohstoffressourcen zu nutzen. Die Hochschulen planen zu diesem Zweck länderübergreifende Forschungsprojekte zur Gewinnung, Verarbeitung und Recycling von Rohstoffen. Zudem werden jährlich wechselnd in Russland und Deutschland Rohstoff-Konferenzen organisiert, deren erste mit rund 160 Teilnehmern im Oktober 2007 in Wiesbaden stattfand. Die Veranstaltung war eingebettet in den Rahmen des ebenfalls zu dieser Zeit in Wiesbaden tagenden 7. Petersburger Dialogs, einer deutsch-russischen Konferenz, die unter der Schirmherrschaft des jeweils amtierenden deutschen Bundeskanzlers und des amtierenden russischen Präsidenten steht und seit dem Jahr 2001 einmal jährlich abwechselnd in Deutschland und Russland durchgeführt wird. Die zweite Rohstoff-Konferenz wird im Herbst 2008 erfolgen.

Seit Juni 2006 verstärkt die Universität Leipzig ihre Kompetenz auf dem Gebiet der Energiewirtschaft mit der „Forschungsstelle Kommunale Energiewirtschaft“ an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Die Mittel für diese Forschungsstelle wurden der Universität Leipzig im Rahmen einer Stiftung für fünf Jahre von VNG und den Stadtwerken Leipzig GmbH zur Verfügung gestellt. Die Forschungsstelle unterstützt Kommunen dabei, ihre Infrastruktur nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten und zu betreiben. Auch wollen die Forscher die Erfahrungen aus dem wirtschaftlichen Übergang und dem demografischen Wandel wissenschaftlich aufbereiten und in Mittel- und Osteuropa nutzbar machen. Die Forschung für eine möglichst effiziente Energienutzung ist für Deutschland besonders wichtig. Mit einem Verbrauch von 82,7 Milliarden Kubikmetern Erdgas im Jahr 2007 stand das Land im weltweiten Verbrauch nach Ländern wie den USA, Russland, Iran und Japan an siebter Stelle. ■

Doch schon lange vor dieser bilateralen Kooperation hat die in Leipzig ansässige Verbundnetz Gas AG (VNG) im Jahr 1994 mit der NTNU Trondheim (Norwegen) und der TU Bergakademie Freiberg ein Forschungsnetzwerk geknüpft, das als „VNG-Campus“ Praktika gewährt und Auslandssemester finanziert. Später haben sich das Institute of Chemical Technology (ICTP) Prag sowie die Universität of Mining and Metallurgy (AGH) Krakau angeschlossen. Neben Auslandssemestern für die Studenten an den beteiligten Universitäten arbeiten Hochschullehrer und Nachwuchswissenschaftler an Forschungsprojekten, halten Gastvorlesungen bei einem der

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Der Gas-Importeur Die Verbundnetz Gas AG (VNG) ist eine europaweit tätige Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Leipzig. Das Kerngeschäft ist der Import und die Lieferung von Erdgas an Großkunden. Die Unternehmen der VNG-Gruppe stellen umfassende Transportund Speicherlösungen für Erdgas sowie fortschrittliche Energietechnologie und EnergiedienstKöniglicher Besuch: VNG-Chef leistungen bereit. Die VNGKlaus-Ewald Holst (r.) begrüßt auf der Gruppe ist traditionell im Osten ONS-Station Stavanger den norwegischen Deutschlands verwurzelt, nutzt Kronprinzen Haakon. aber im Rahmen von Handelsaktivitäten, Beteiligungen und Kooperationen Chancen in ganz Deutschland und das Potenzial der Märkte in Mittel-, Ost- und Südeuropa. 2007 erwirtschaftete die VNG bei einem Gasabsatz von 165,4 Milliarden Kilowattstunden und einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro einen Jahresüberschuss von 130 Millionen Euro.

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Bilder: Bayer. Pressebild / Haus der Bayerischen Geschichte

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Peter Schmalz

Mutig in eine bessere Zukunft In der großen Landesausstellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“ in Würzburg erinnert das Haus der Bayerischen Geschichte an Zerstörung und Neubeginn. Zahlreiche Exponate wurden von Bürgern zur Verfügung gestellt. Hitlers großmäuliger Spruch von 1940 „Wir radieren ihre Städte aus“ und Reste der Stabbrandbomben, die britische Bomber am 16. März 1945 über Würzburg hatten niederregnen lassen; Kellerverliese als erste Unterkünfte und Spielzeug aus Gasmasken, der unfreundliche Empfang der Flüchtlinge und die ersten Carepakete aus Amerika: Mit dem Weg in die dunkelsten Jahre Deutschlands und mit den ersten Schritten wieder aufwärts beginnt die Landesausstellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“.

Ausgebombte und Flüchtlinge suchen mit wenig Habe ein neues Zuhause (o.li.), Kinder spielen zwischen Ruinen in Pfützen (u.li.), selbst auf dem Dach einer Münchner Ruine werden Gemüse und Tabak angebaut (oben). Die freudigen Farben der Quelle-Kleider leuchten erst zwei Jahrzehnte später (ganz oben).

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Es geht aufwärts: Mit dem Käfer über die Alpen zum Strandurlaub in Rimini, ran an die Wühltische in den Kaufhäusern, modische Möbel werden zu Kultobjekten (Bilder Seite rechts).


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Dass sie im barocken Ambiente der Würzburger Residenz präsentiert wird, irritiert auf den ersten Blick, und gewiss hätten sich andere Säle finden lassen, die Exponate geräumiger darzustellen. Und doch wäre kaum ein anderer Rahmen besser geeignet: Inmitten der von Bomben nahezu ausradierten Stadt in einem Prachtbau, der unrettbar zerstört schien und der heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Stadt und Residenz erzählen in außergewöhnlicher Weise vom Mut und von der Entschlossenheit der Menschen, in tiefster Verzweiflung anzupacken und neu aufbauen. Das hat begonnen mit den Trümmerfrauen, die Würzburg noch heute alljährlich dankbar ehrt, und der entschlossene Rettung der einzigartigen Fresken in der Residenz vor Regen und Schnee, was in einer Zeit, als den meisten das Dach überm Kopf zerbombt war, keine Selbstverständlichkeit war. Und so erleben die Besucher nur wenige Meter entfernt vom gerade frisch renovierten und in voller Pracht wieder strahlendem Kaisersaal die Stationen eines Wiederaufbaus, der entbehrungsreich und mühsam war, der aber von Hoffnungen und Visionen getragen war und von den Freuden eines Wirtschaftswunders gekrönt war. Da sind die ersten Debatten um eine bayerische Verfassung und um ein deutsches Grundgesetz, aber auch die Diskussionen, ob das zerstörte Würzburg besser bei Randersacker und das schwer getroffenen München wohl eher am Nordufer des Starnberger Sees neu aufgebaut werden sollten. Wovon man in beiden Fällen aus einem sehr pragmatischen Grund Abstand genommen hat: Die zumeist noch funktionierende Versorgungsinfrastruktur unter der Erde war ein Schatz, auf den man nicht verzichten konnte. Schick mit Selbstgeschneidertem: Burda-Schnittbögen und die treue Singer halfen, die Frau neu und modisch einzukleiden (oben). Die schönsten Träume wurden auf der Leinwand wahr: Das Traumpaar Romy Schneider und Karlheinz Böhm im Kaiser-Drama „Sissy – die junge Kaiserin“ von 1956 (Mitte). Halbstark ins Vergnügen: ElvisTolle, Lederjacke und Motorroller sollten die jungen Damen beeindrucken (unten).

Mit dem mutigen Schnitt der Währungsreform drückt Ludwig Erhard den Startknopf zum wirtschaftlichen Aufschwung, den der gebürtige Franke in die geradezu paradiesische Formel „Wohlstand für Alle“ packte. Der Bauer ersetzte das Pferd durch das 12-PS-Fendt „Dieselross“, der flotten Zündapp folgten Kabinenroller und Käfer. Die Architekten suchten in Glas und filigranen Strukturen den transparenten Kontrast und in München jubelte SPD-Ministerpräsident Hoegner über den ersten atomaren Brennstab für den Garchinger Forschungsreaktor. Die Hausfrau freut sich auf den Kühlschrank („Das Besten wär‘ ein Frigidaire“) und die neue Anbauküche. Zum Nierentisch kommt die Fernsehkommode. Geradezu beschwingt bringt die Schau den Besucher in das süße Leben der Teenager, aus der Musicbox trällern Conny Froboess und Peter Kraus, am originalen Milchpilz, einer genialen Konstruktion der Allgäuer Firma Waldner, kann man sich an Sinalco zu D-Mark-Preisen erfrischen. Eine Ausstellung gerade zur richtigen Zeit, meint Ministerpräsident Horst Seehofer und zog bei der Eröffnung eine Parallele zur aktuellen Wirtschaftskrise: „Um diese Trümmer wegzuräumen, brauchen wir wie vor 60 Jahren Mut, Entschlossenheit und Tatkraft sowie einen wirtschaftlichen Ordnungsrahmen, der alle gerecht am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben lässt.“ Ludwig Erhard habe dazu den richtigen Ansatz geliefert, und deshalb sei die Ausstellung „die beste Werbung für das Erfolgsmodell Soziale Marktwirtschaft“. ■ Bis 4. Oktober in der Residenz Würzburg, Eintritt 7 Euro (gilt auch für die Prunkräume), Katalog, 246 S., 9,50 Euro, Aufsatzband, 286 S., 18,50 Euro (im Paket 25 Euro).

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Die besten Plätze während der Landshuter Hochzeit sind auch in diesem Jahr wieder auf den Podesten, die gegenüber dem gotischen Rathaus aufgebaut wurden. Und wieder ahnen viele der Hochzeits-Besucher nicht, welchem Schatzkasten sie stundenlang den Rücken kehren: Hinter der weißgrauen Fassade verbirgt sich der älteste und schönste Renaissancebau nördlich der Alpen – die Stadtresidenz des Bayern-Herzogs Ludwig X., der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gemeinsam mit seinem in München residierenden Bruder Wilhelm IV. das Land regierte. In diesem Jahr aber sollte kein Besucher des Hochzeits-Spektakels die Stadt verlassen, ohne nicht vorher hinter die herzogliche Fassade geschaut zu haben, wo die Schlösserverwaltung eine Ausstellung organisiert hat, die in die formen- und farbenfrohe Welt der Renaissance führt. Wobei der dafür gewählte Titel „Ewig blühe Bayerns Land“ ein Leitspruch des Herzogs war, mit dem er weniger künstlerische Erwartungen als politische Ambitionen verband: Bayern war eingekreist von den weltmächtig gewordenen Habsburgern und trachtet danach, gegen den österreichischen Druck bestehen zu können. Und so demonstrierte

Ludwig mit dem Ausbau seiner Landshuter Stadtresidenz auch einen repräsentativen Machtanspruch. Das „welsche Haus“, wie der Bau bald genannt wurde, ist aber auch der in Kunst geformte Beweis, wie eindrucksvoll Reisen bilden können. Gut ein halbes Jahrhundert nach der verschwenderischen Hochzeit, die 20 Jahre vor Ludwigs Geburt stattfand, reiste der Herzog nach Italien und war in Mantua tief beeindruckt vom Renaissance-Palazzo Tei seines Vetters Frederico II. Gonzaga. Wieder zuhause, ließ er die Baupläne ändern und schickte seinen Hofmaler zum Vetter, die moderne Kunst unverzüglich nach Landshut zu bringen. Wie sehr der Palazzo in Mantua die Residenz in Landshut beeinflusst hat, zeigt eindrucksvoll ein Film, der Motive aus beiden Bauten gegenüberstellt. „Für den unbefangenen Besucher ist der Palast ein unerwartete Stück Italien inmitten Altbayerns“, meint Finanzminister Georg Fahrenschon, von Amts wegen zugleich Bayerns Schlossherr. Für den Kenner aber sei es ein Juwel der europäiPS schen Kunst- und Architekturgeschichte. ■ „Ewig blühe Bayerns Land“, Stadtresidenz Landshut, bis zum 27. September, Eintritt 6 Euro, Kombiticket mit Burg Trausnitz 10 Euro. Katalog 28 Euro.

Zuwachs zum Münchner Kunstareal: Zu den drei Pinakotheken, der Glyptothek und der Antikensammlung bietet nun auch das Brandhorst-Museum ein kulturelles Glanzlicht, das als dreifaches Juwel leuchtet: Der Bau mit der schillernden Fassade aus Tausenden von farbigen Keramikstäben ist eine archetektonische Attraktion (die Berliner Architekten Sauerbruch und Hutton bauen auch die Münchner ADAC-Zentrale). Der Inhalt mit den über 700 Werken zeitgenössischer Künstler, darunter Warhol, Picasso und Baselitz, ist eine der bedeutendsten Privatsammlungen. Voraussetzung dafür, dass die Kölner Udo und Anette Brandhorst diese Werke nach München gaben, war der 47 Millionen Euro teure Neubau. Zum Dritten verfügt die 120 Millionen Euro schwere Brandhorst-Stiftung über einen beachtlichen, die Pinakotheken weit in den Schatten stellenden Ankaufsetat. „Ein Glückfall für den Kunst- und Museumsstandort Bayern“, freute sich Ministerpräsident Seehofer bei der PS Einweihung. ■

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„Chostlichs, frembds und seltzams“ 400 Jahre Bayern und China

Es war eine politische Weltsensation, als Franz Josef Strauß 1975 vom schon schwerkranken Mao Zedong in Peking empfangen wurde. Monate, bevor der damalige Kanzler Helmut Schmidt erstmals ins Reich der Mitte aufbrach. Strauß begründete eine enge, noch heute

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florierende Partnerschaft zwischen China und Bayern. Und er knüpfte an eine Jahrhunderte alte Verbindung an, die nun wieder lebendig wird in einer so prunkvollen wie informativen Ausstellung im Münchner Nationalmuseum: „Die Wittelsbacher und das Reich der Mitte.“


BAYERN & KULTUR Vor vier Jahrhunderten war es, als der bayerische Kurfürst Albrecht V. begeistert war vom „chostlichs, frembds und seltzams“, das zu hören von den „beyden Indien“, zu dem damals das hinter Indien liegende China zählte. Jesuitenmönche, als Missionare in Peking angekommen, berichteten am Bayern-Hof von einer exotischen Welt und kehrten mit Geschenken beladen zurück an den fernen Drachenthron. Dort faszinierte besonders Ziming Zhong, „die Glocke, die von sich selbst ausschlägt“. Uhren und auch astronomische Messegräte aus Augsburg waren heiß begehrt in Peking und öffneten den Jesuiten die Tore zur Verbotenen Stadt. Und als 1616 Pater Nicolas Trigault in der Robe eines Mandarin am Münchner Hof erschien und von dem hohen Ansehen erzählte, das Bayern in China genoss, schloss Kurfürst Maximilian spontan mit Kaiser Wanliu „ein Bündnis und eine Gemeinschaft der Freundschaft und des Handelsverkehrs“. Der Dreißigjährige Krieg unterbrach die Kontakte, bis im 18. Jahrhundert Chinoiserien an Europas Höfen zur Mode wurden. Zu den Importen aus China kamen Porzellane, Lackmöbel und Tapisserien aus bayerischen Werkstätten. Die Pagodenburg im Nymphenburger Schlosspark und der Chinesische Turm im Englischen Garten zeugen von der China-Begeisterung, die 1902 zu einer strapaziöse ChinaReise von Kronprinz Rupprecht führte. Sein detaillierter Reisebericht ist noch heute eine spannende Quelle, um das Reich der Mitte zu verstehen. Die Ausstellung mit über 300 meist prunkvollen Objekten endet mit dieser Reise. Auch wenn Strauß bekanntermaßen kein Wittelsbacher war, so wäre der fast 600 Seiten dicke Katalog (48 Euro) gut abgerundet durch einen Beitrag über dessen zahlreiche Gespräche in China, bei denen er eines nachts mit dem Reformer Deng Xiaoping sogar das Modell „Ein Land, zwei Systeme“ entwickelte, nach dem Hongkong schließlich auch integriert wurde. Es gibt noch viel zu erzählen über den Brückenschlag von Bayern ins Reich PS der Mitte. ■ Bayerisches Nationalmuseum, München, bis 26. Juli

Atlanten, Uhren und astronomische Geräte aus Bayern waren in Peking begehrt (S. 68) Chinesischer Wahrsager in einem Augsburger Bilderbuch von 1738 (oben) Geschenk an Kronprinz Rupprecht: Galauniform eines Befehlshabers im 1. Rang (Mitte oben) Kunstvolle ElfenbeinPagode aus Kanton (links) Porzellanteller mit bayerischen Wappen, um 1600 in China gemalt (li. außen)

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BAYERN & KULTUR Die Jungen Peutinger

Begegnung mit dem Islam Vielleicht hätte der amerikanische Präsident Barack Obama Gefallen an unserem Peutinger-Montag gefunden, als wir das Islamische Zentrum in München-Freimann besuchten. Einige Zeit vor seinem medienwirksamen Neuanfang mit der muslimischen Welt setzten sich die Jungen Peutinger mit dem Islam in München auseinander. Ahmad al-Khalifa, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V. gab uns dazu einen Einblick in seine Welt und erklärte in einer abendfüllenden Lehrstunde die wesentlichen Grundpfeiler des Islams und die Herausforderungen, die das tägliche Leben in einer westlich orientierten Gesellschaft an einen gläubigen Muslim stellt. Voller Fragen (und natürlich ohne Schuhe an den Füßen) betraten wir die Moschee des Islamischen Zentrums München auf Einladung des nicht unumstrittenen Herrn al-Khalifa. In kurzer Runde durfte jeder Teilnehmer vorab seine wichtigste Frage formulieren, worauf der Referent in seinem Vortrag direkt Bezug auf unsere speziellen Interessen nahm. Dabei wurde ersichtlich, dass im Besonderen die Unterschiede zum Christentum sowie die innermuslimischen Divergenzen Schwerpunkte des Abends werden würden. Für unsere zumeist friedensgewöhnte Generation ist es beispielsweise schwer nachvollziehbar, dass im 21. Jahrhundert intramuslimische Religionskriege geführt werden. Ahmad al-Khalifa wies darauf hin, dass die Spaltung in Schiiten und Sunniten bereits unmittelbar nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 n. Ch. und damit nur elf Jahre nach Beginn der islamischen Zeitrechnung erfolgte. Seine Anhänger konnten sich nicht auf einen Nachfolger einigen, sondern legiti-

mierten seinen Vetter als nächsten männlichen Blutsverwandten (Schiiten) und seinen Schwiegervater als engsten Vertrauten (Sunniten). Die beiden islamischen Hauptströmungen gelangen deshalb auf unterschiedlichen Wegen unter abweichenden Hierarchien in die Gegenwart und müssen den naturwissenschaftlichen Errungenschaften und der Globalisierung anders entgegentreten als aus christlicher Tradition bekannt. Allein die fünf Säulen des Islams, die unter anderem die täglichen Pflichtgebete, das Fasten im Monat Ramadan sowie die Bezahlung einer Almosensteuer umfassen, können in der praktischen Umsetzung mit den modernen Errungenschaften unserer Zeit kollidieren und verlieren damit möglicherweise ihren Absolutheitsanspruch. Die zeitgemäße Interpretation von Koran und Hadithen erscheint für uns eine Selbstverständlichkeit, stößt bei vielen Gelehrten allerdings auf erhebliche Vorbehalte. Schließlich handelt es sich bei diesen Primärquellen des islamischen Glaubens um universell geltende, zeitunabhängige Regeln. Einige der etwa 100.000 in München lebenden Muslime kommen zum Beten und zur religiösen Weiterentwicklung in die Moschee nach Schwabing-Freimann, das seit 1973 bestehende, älteste muslimische Gebetshaus in der Region. Zwar wurde seinerzeit – wie auch heute wieder – versucht, im Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt eine adäquate Repräsentanz zu errichten, dieses Vorhaben scheiterte aber am politischen und gesellschaftlichen Widerstand. Es wird allerdings auch darauf verwiesen, dass es im katholischen München bis heute innerhalb des Altstadtrings JB nicht einmal eine evangelische Kirche gibt. ■ Informationen & Termine über die Jungen Peutinger unter www.junge-peutinger.de

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Veranstaltungen des Peutinger Collegiums

Hoher Gast aus Prag, frisch ausgezeichnet mit der Peutinger Medaille: Der Staatspräsident der Tschechischen Republik, Prof. Dr. Václav Klaus, mit (v.r.) Dr. Werner Rupp, Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Versicherungsgruppe, Dr. Marcus Ernst M.A., Peutinger-Co-Präsident, Egmont Ernst, Peutinger-Prokurator, Laudator Dr. Peter Gauweiler, Mitglied des Deutschen Bundestags, und Prof. Dr. Walter Beck, Präsident des Peutinger Collegiums. Ein ausführlicher Bericht über die Veranstaltung folgt in der nächsten Ausgabe.

Gerhard Constantin Treutlein † Ein herzliches Grüß Gott: Alfred Baier, der Hauptmann der Gebirgsschützenkompanie Tegernsee, begrüßt den tschechischen Staatspräsidenten Prof. Dr. Václav Klaus.

Wer ist schuld am unserem komplizierten Steuersystem? Antworten darauf gibt der Präsident des Bundesfinanzhofs, Dr. Wolfgang Spindler, bei seinem Vortrag vor dem Peutinger Collegium (Bericht Seite 14 -16)

Sicherheitsexperten in der ersten Reihe (v.r.): Referent Max-Peter Ratzel, zu dieser Zeit noch Europol-Direktor, die Präsidenten Waldemar Kindler (Bayerische Landespolizei) und Prof. Dr. Wilhelm Schmidbauer (Polizeipräsidium München) sowie dessen Vorvorgänger Prof. Dr. Manfred Schreiber, Robert Salzl von der SchörghuberStiftung und Münchens Generalstaatsanwalt Dr. Christoph Strötz (Bericht S. 17)

Nur drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Freda von Stackelberg starb der langjährige Präsident des Peutinger-Collegiums Gerhard Constantin Treutlein am 09.05.2009. Als der Arzt und Wissenschaftler Prof. Dr. Walter Trummert in den 60iger Jahren beschloss, auf der Grundlage der ehemaligen Peutinger-Gesellschaft die traditionelle „Sodalitas Peutingeriana“ wieder auferstehen zu lassen, wurde Gerhard Treutlein der 1. Präsident. Er blieb es bis zum Jahre 2003. Dann musste er aus gesundheitlichen Gründen dieses Amt aufgeben. Er hat es in unnachahmlicher Art verstanden, Werk und Wirken des großen Humanisten und Staatsmannes Konrad Peutinger in die heutige Zeit zu transformieren. Die Freiheit, eine der wichtigen, entscheidenden Ansatzpunkte für Konrad Peutinger, hat Gerhard Treutlein „mit Zähnen und Klauen“ verteidigt. Er hat sie auch für sich in Anspruch genommen. Wann immer er einen Angriff auf diese Freiheit gesehen hat, hat er ohne Rücksicht auf die eigene Person darauf sehr eindeutig und unüberhörbar hingewiesen. Es gelang ihm, das Collegium rasch zu breitem Ansehen zu führen. Schon früh las sich die Liste der Vortragenden wie ein „Who is Who“ bedeutender Europäer. Das ist bis heute so geblieben. Gerhard Treutlein ist etwas gelungen, was nur wenigen vergönnt ist: Er hat ein Werk, eine Institution geschaffen, die weit über ihn selbst hinausgewachsen ist. Eine Institution zur Verteidigung der Freiheit, eine Institution zum Schutz der sozialen Marktwirtschaft und der Demokratie. Gerhard Treutlein hat unzählige Auszeichnungen erhalten. Das war für ihn aber nie Grund, sie vor sich herzutragen. Besonders stolz war er immer darauf, dass das Collegium aus eigener Kraft sich entfaltet hat, ohne auch nur einen Cent öffentlicher Mittel in Anspruch zu nehmen. Der verfasste Rechtsstaat, die konstitutionelle Staatsidee mit tiefen Wurzeln in Heimat und Tradition, das war sein Lebenselixier, das war seine Aufgabe. Er hat sie erfüllt. Wir trauern mit ihm um eine große Persönlichkeit. Prof. Dr. Walter Beck, Präsident Peutinger Collegium

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BAYERN & KULTU UR Hannes Burger g

Bayerns Festspielsommerr ist reich bestückt

Im Schloss Nymphenburg feierte die CSU vor kurzem nobel den 70. Geburtstag von Ex-Parteichef Theo Waigel. Einer der Ehrengäste deutete auf einen langhaarigen Mann zwei Reihen vor ihm und flüsterte seinem Nachbarn missbilligend zu: „Der Mane hätt scho aa zerst zum Friseur geh könna!“ Was er wie die Meisten nicht wusste: Manfred Hölzlein hat sich schulterlange Haare wachsen lassen, weil er bei der Landshuter Hochzeit nicht – wie im richtigen Leben – niederbayerischer Bezirkstagspräsident und Präsident des Verbands der bayerischen Bezirke ist, sondern einen mittelalterlichen Dominikaner-Mönch um 1475 darstellt. Er ist einer von gut 2500 Mitwirkenden, die vom 27. Juni bis 19. Juli vor wohl einer halben Million Besuchern die prunkvolle Hochzeit nachspielen, bei der sich gegen Ende des Mittelalters der niederbayerische Herzog Georg der Reiche mit der polnischen Königstochter Hedwig vermählt hat. Alle vier Jahre lädt Landshut zu dem prunkvollen Spektakel ein.

Bis zum 19. Juli schlüpfen die Landshuter wieder in historische Kleider und feiern die Hochzeit von 1475.

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Wie Hölzlein, so ergeht es vielen Politikern und Prominenten, die im bayerischen Festspielsommer in historische Kostüme schlüpfen, um mit dazu passenden Bärten und Frisuren bei zahlreichen Festen, Umzügen oder Freilichtspielen Ritter und Burgfräuleins, Knappen und Mägde zu spielen. Alle drei Jahre und ebenfalls heuer wimmelt es in der Altstadt von Mindelheim im Allgäu von langhaarigen und vollbärtigen Landsknechten, drallen Mägden und Marketenderinnen oder eitlen Edelleuten, mit denen die Bürger und Gäste zehn Tage lang das


mittelalterliche „Frundsbergfest“ feiern (25. Juni bis 5. Juli), das an Georg von Frundsberg, den „Vater der Landsknechte“ erinnert. Landauf, landab wird hier noch geprobt, da schon aufgeführt oder dort noch in Stadtchroniken und Kirchenarchiven gewühlt, ob nicht ein schönes, frommes oder grausiges Ereignis aus der Ortsgeschichte ein spektakuläres Freilichtspiel hergäbe oder wenigstens einen farbenprächtigen Umzug mit anschließendem Festschmaus bei Wein und Bier. Das beginnt bei weltlich ausgebauten Kirchenfesten, Wallfahrten oder Pferdeprozessionen wie dem Leonhardi-Ritt von Bad Tölz oder dem prachtvollen Pfingstritt von Kötzting und dem ältestem Volksschauspiel in Bayern, dem ursprünglich religiös, später mit Hussiteneinfällen begründeten Further Drachenstich. Als Anlass zu Festen oder Festspielen dienen hochadelige Auftritte wie beim „Kaiserfest“ in Füssen, oft auch fürstliche Ehedramen, Intrigen und Morde wie um Agnes Bernauer in Augsburg und Straubing, oder die schröcklichen Taten von Raubrittern wie Meier-Helmbrecht in Burghausen oder den Röttinger Burgfestspielen in Unterfranken. Kurz: Wo eine alte Ruine, da ein historisches Ritterspiel, wo eine schöne Hexe verbrannt wurde, da ein feuriges Prozesstheater, und wo eine unglückliche Gräfin verstoßen wurde, da spukt ein trauriges

Festlich schmücken sich die Frauen von Bad Tölz für den traditionellen Leonardi-Ritt.

edles Gespenst. Spektakulär dramatisieren lassen sich an verschiedenen Orten auch andere schandbare Frauenmorde mit Intrigen, Foltern und Hinrichtung. Hier wird die Tradition eines mittelalterlichen Marktes mit altem Handwerk wiederbelebt, dort zum „historischen Lagerleben“ geladen wie bei der ältesten bayerischen Kindergaudi, dem „Tänzelfest“ in Kaufbeuren, oder bei den Salzsäumer-Festen in Grafenau und Grainet an den alten Handelswegen der Bayerwaldgrenzen zu Böhmen. Die ergiebigste Fundgrube für historische Feste sind jedoch Kriege aller Art, allen voran der 30-Jährige. Aber auch der „Koalitionskrieg“ von 1809 gegen Napoleon jährt sich heuer zum 200. Mal und wird zwischen Regensburg, Abensberg und Schierling mit Exkursionen an die Schlachtfelder sowie mit historischen Umzügen und Manöverbällen gefeiert. Man könnte manchmal meinen, es gäbe keine schöneren Erinnerungen als Kriege mit brutalen Überfällen, Belagerung, Plünderung, Vergewaltigung und Brandschatzung durch Schweden, Franzosen, Hussiten, Panduren und Österreicher mit Landsknechten,

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Der Drachenstich von Furth im Wald in der Oberpfalz ist das älteste deutsche Volksschauspiel.

Reiterhorden oder Söldnern europäischer Nachbarn. Darauf zurück gehen unter anderem das historische Spiel der „Kinderzeche“ in Dinkelsbühl, „Der Meistertrunk“ von Rothenburg ob der Tauber und die Panduren-Feste von Spiegelau, Regen und Waldmünchen. Manche historischen Feste sind vor allem Zeugnisse von Bürgerstolz und Identifizierung auch der Jugend mit der eigenen Geschichte und Kultur. Augsburg feierte kürzlich wieder 14 Tage lang Klassik beim Mozartfest, in Andechs wird Carl Orff gepflegt und inszeniert, das noch junge Schlossfestival von Thurn und Taxis präsentiert eine Open-Air-Mischung aus Musical, Oper und Chansons, die Audi-Festspiele in Ingolstadt gedenken heuer des 250. Todestages von Haydn sowie des 200. Geburtstages von Mendelssohn Bartholdy. An anderen Orten in Bayern ist hingegen der Tourismus die oberste Triebfeder dafür, dass die Geschichte in Ausstellungen präsentiert und farbenprächtig mit Musik, Kostümen und Pferdeumzügen als historisches Ereignis dargestellt wird. Ein schönes Fest soll bekannt machen und Gäste anlocken. Dabei wird auch bayerisch-barocke Lebensfreude bis zurück ins gotische Mittelalter demonstriert und die regionale Gastronomie aktuell gefördert. „Bayern zeigt wie kaum ein anderes Land ein eigenes Lebensgefühl und Kulturbewusstsein“, sagt dazu der Geschäftsführer der Bayern Tourismus MarketingGesellschaft, Richard Adam. Aber er differenziert: „Kulturelle Feste sind schwierig zu vermarkten und bringen keine zusätzlichen Touristen. Aber sie prägen unser Image und tragen mit dazu bei, dass zufriedene Stammgäste öfter wiederkommen.“ ■ Hannes Burger, 1937 in MünchenSchwabing geboren, war Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung und Bayern-Korrespondent der WELT. 22 Jahre lang schrieb er die Salvatorreden für den Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Er hat zahlreiche, zumeist witzigironische Bücher über das ProblemVerhältnis zwischen Preußen und Bayern verfasst.

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LEBEN & GENIESSEN N Hans-Joachim Epp

Vom Hexenhaus zum Schlemmerhof

Seit gut 2000 Jahren, so ist zu mutmaßen, wurde auf dem Anwesen LitF Nr. 23 Via Claudia Augusta in Augusta Vindelicum – heute: Auf dem Kreuz 2, Augsburg – Gastronomie betrieben. Damals als Marketenderstation, seit 1991 als 4 Sterne-Romantikhotel Augsburger Hof. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts geschah aus Sicht der Gastronomiegeschichte nichts Erwähnenswertes. 1355 schließlich wurde auf dem Anwesen ein beeindruckender Gasthof mit Brauhaus errichtet und nach 240 Jahren abgerissen und von einem frommen Brauer schöner und gewaltiger neu erbaut. Im Aushangschild und im Namen erinnerte er an die Hochzeit von Canaa, doch der Volksmund taufte den Gasthof bald „Zur Hexe“. Als nämlich der Brauer starb, führte seine Frau das Wirtswesen 45 Jahre im Witwenstand weiter, bis sie im hohen Alter von 98 Jahren starb. Wenig schmeichelhaft wurde sie die „alte Hexe“ genannt.

niertem Restaurant aus. In dem stilvoll eingerichteten Hotel verbindet sich der Charme des Hauses nahtlos mit modernem Komfort. Kostenloser Internetzugang ist selbstverständlich. Ein mediterran anmutender Innenhof, über dem sich bei Regen das Dach schließt und ein farbenfrohes Bistro Meder’s Café & Bar ergänzen das handwerklich geschmackvoll ausgebaute zeitlose klassische Restaurant. Das Küchenangebot ist geprägt durch die Kriterien bayerisches Schwaben, vier Jahreszeiten, Produkte aus der Region, Frische und Abwechslungsreichtum und wird in drei unterschiedlichen Speisekarten offeriert. Die traditionell aufgebaute „große Karte“ wird monatlich von Küchenchef Markus Böttcher zusammengestellt. Die Vorspeisen (um 12,00 a) sind auf den internationalen Geschmack ausgerichtet: Roastbeef, hausgebeizter Atlantik-Lachs, Carpaccio. Fragen Sie nach Alternativen, oder kombinieren Sie selbst ein Mix Tipp: Die Chutney-Variationen zum Roastbeef.

Heute ist das Wirtshaus, das seit 1956 den Namen „Augsburger Hof“ trägt, als der älteste Gasthof der Fuggerstadt ausgewiesen. 1988 übernahm die Familie Rolf und Ruth Meder das Haus und baute es zu einem 4-Sterne-Hotel mit ambitio-

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Wollen Sie bei den meist vier Suppen auf „schwäbisch sicher“ gehen, bestellen Sie die Kraftbrühe vom Tafelspitz mit Leberspätzle (4,50 a) oder die Jahreszeitensuppe, in unserem Fall war es eine Bärlauchcremesuppe mit Garnelen (7,00 a).

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Tipp: Tomatenessenz mit Basilikumquarknockerl (7,00 a).

Unter den je drei Fisch- und drei Fleischgerichten, wie · Filet von der Lachsforelle an Kerbelsauce mit Gemüsestreifen und Grenaillekartoffeln (18,00 a), · Zanderfilet an Champagnersauce mit jungem Spinat und Tagliatelle (21,00 a), · Schmorbraten vom Weiderind in Burgundersauce mit gebratenem Kohlrabigemüse und Bandnudeln (15,50 a) oder · Argentinisches Entrecote unter der Kräutersenfkruste mit Rosmarinkartoffeln und gemischtem Salat (19,50 a), alles eher nicht so spannend, lockt besonders das Tipp: gebratene Wallerfilet auf karamellisiertem Fenchel mit Dunkelbiersauce und Kartoffelstrudel (18,00 E).

Dem Bio-Trend folgend, wird ein Bio-Lightgericht zum relativ hohen Preis von 22,50 a offeriert: Filet vom schottischen Wildlachs auf Blattspinat dazu Naturreisrisotto. Die Küche legt Wert darauf, den Eigengeschmack der Zutaten herauszustellen und nicht, wie so oft zu erleben, sie zu überwürzen. Besondere Aufmerksamkeit verdient auf der „großen Karte“ das Dessertangebot. Der Patissier hat nicht nur seine Koch-, sondern auch seine Konditorausbildung mit der Note 1 bestanden! Drei Nachspeisen zwischen 7 und 8 a finden Sie meistens auf der Karte. Zu empfehlen sind sie alle. Tipp: Wenn nicht auf der Karte, dann nachfragen: Zitronenravioli mit Maracujasauce oder Limettenparfait mit Noisettefüllung an Pina-Coladaragout.

Die Mittagskarte wird wöchentlich und die Spezialitätenkarte „Schwäbisches und Aktuelles“ nach Marktlage zusammengestellt. Die Mittagskarte offeriert zehn frische und schnell zubereitete Tellergerichte zwischen 7,50 und 10,50 a. Überraschend das dreigängige Mittagsmenü um 10,00 a mit manchmal schon seit Jahren nicht mehr probierten Hauptgängen. Da tauchen Rezepturen aus den sechziger Jahren wieder auf, wie bei unserem Besuch · Rinderbouillon mit Grießnockerl, · Hackbraten in Sahnesauce mit Karotten-Erbsengemüse und Kartoffelpüree, · Früchtequarkcreme. Eine sättigende Kombination, eher nichts für Gourmets und Figurbewusste. Für sie kann das Fischfi let mit Kräutern gebraten auf buntem Salat empfohlen werden. Auf der Spezialitätenkarte finden sich die „Sieben Schwaben“, die gemeinhin erwartet werden: Beginnend mit Allgäuer Käse spätzle mit Salat (9,80 a) bis zum schwäbischen Zwiebelrostbraten mit Sahnesauce und Kartoffelschupfnudeln (18,50 a). Bei kleinem Appetit ersetzt die Schwäbische Festtagssuppe (5,80 a) das Hauptgericht. Das Mahl zur Gaumenfreude zu gestalten, heißt die richtige Wahl der begleitenden Weine zu treffen – gerade hier in Augsburg! In seinem Werk Reise durch Deutschland und Italien Bayerischer Monatsspiegel 152_2009

Charme und modernes Ambiente im alten Gemäuer: Das Wirts- und HoteliersEhepaar Ruth und Rolf Meder haben den „Augsburger Hof“ einfühlsam und stilvoll zum Gourmet-Treffpunkt umgestaltet.

widmete Michel de Montaigne 1580 den deutschen Gasthöfen besondere Aufmerksamkeit und bedauerte, dass er nicht seinen Koch mitgenommen hatte, die deutsche Küche zu studieren. Über die Weine schrieb er: „Die Weine sind gut. Sie lassen sie in Augsburg fünf bis sechs Tagesreisen weit herkommen.“ Diese Aussage gilt generell für die Weinauswahl im Augsburger Hof. Deutsche, französische, italienische und österreichische Winzer repräsentieren die Mehrzahl der rund 50 Flaschenweine mit manchen sehr guten Jahrgängen, so der 03er Amarone Classico, Allegrini (69,00 a) oder der 06er Chianti Classico, Antinori (35,00 a). Das Preisband der deutschen und österreichischen Weine liegt zwischen 23,00 bis 34,00 a. Hier werden mehr Qualitätsweine mit Prädikat vermisst. Tipp: Der weiße 07er Lugana DOC, „San Benedetto“, Zenato (27,00 E)

Hervorzuheben ist die Auswahl an offenen Weinen: fünf weiße, sechs rote und ein Roséwein, alles Qualitätsweine, zwischen 5,00 bis 5,90 a (0,2l). Leider steht auch hier kein Qualitätswein mit Prädikat auf der Karte. Tipp: Rotwein Badischer Spätburgunder Qualitätswein, Franz Keller (5,50 E)

Das Preisgefüge Mineralwasser Adelholzener Alpenquelle 0,75l (5,20 a) und Bier Schneider Weiße 0,5l (3,40 a) liegt im mittleren, das der Champagner von 55,00 bis 60,00 a im unteren Preissegment. Als „Schnäppchen“ kann man den Veuve Cliquot Ponsardin Brut für 60,00 a bezeichnen. Besonderen Wert legt Chefin Ruth Meder auf die Nachwuchsförderung. Bis zu zwölf Auszubildende lernen unter modernsten Bedingungen ihre Fachgebiete in Küche, Keller, Service und Beherbergung. Kaum eine Lehrabschlussprüfung, in der ein Lehrling vom „Augsburger Hof“ nicht zu den Besten gehört. Praktische Hinweise Das Romantikhotel „Augsburger Hof“ bietet 36 Gästezimmer mit 70 Betten (ab 99 E/DZ – bei der Reservierung nach den großzügigen Romantik-Zimmern fragen!), ein klassisches Restaurant (60 Plätze), Meder’s Café & Bar (40)), Innenhof/Atrium (30). Ausreichende Parkplätze in hoteleigenen Garagen. Für Restaurantbesucher: Reservierung wird empfohlen, dabei schon nach dem Aktionskalender fragen. Ganzjährig geöffnet, Küche auch nachmittags geöffnet.

Romantikhotel Augsburger Hof, Auf dem Kreuz 2, 86152 Augsburg, Telefon: 0821-34305-0, info@augsburger-hof.de, www.augsburger-hof.de Hans-Joachim Epp ist Sachverständiger für das Hotelwesen und Mitglied der Chaîne des Rôtisseurs Oberbayern

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FÜR SIE GELESEN zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur deren Menschenverachtung und Brutalität peinvoll in Erinnerung ruft. Zerbrochen ist auch der Verräter: Der Onkel, der wie alle Stasi-Spitzel immer nur zugab, was ihm nachgewiesen werden konnte, ertrug die Schande des Verräters noch fünfzehn Jahre nach seiner Enttarnung, dann erschoss er sich auf einer Parkbank in Berlin. PS

Susanne Schädlich

Ayaan Hirsi Ali

Immer wieder Dezember

Adan und Eva Eine Begegnung mit dem Islam

Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich

Piper Verlag 159 Seiten, 14,95 Euro

Droemer Verlag 240 Seiten, 16,95 Euro Dieses Buch sei geschrieben „gegen die DDR-Nostalgie und die Stasi-Verharmlosung“, lobt Vera Lengsfeld. Die Thüringerin kann Sinn, Nutzen und auch Bedrückung dieser Lektüre empfinden wie kaum eine zweite: Nach dem Mauerfall, der sich im November zum 20. Mal jährt, musste sie aus den Akten der Gauck-Behörde erfahren, dass ihr eigener Ehemann sie über Jahre hinweg der Staatssicherheit verraten hat. Bei ihr lag der Stasi-Spitzel im Ehebett, bei Susanne Schädlich war es – nur? – der Onkel, den sie liebte und dem die ganze Familie vertraute. Der Onkel, der so fürsorglich war und dennoch beim Zersetzungsplan, den die Mielke-Monster eiskalt und skrupellos gegen die Familie des DDR-Schriftstellers Hans Joachim Schädlich in Gang gesetzt hatten, heimlich und eifrig mithalf. Der verriet, was Günther Grass, Sarah Kirsch, Jürgen Fuchs und andere gesprochen hatten bei den verschwiegenen Schriftsteller-Treffen in Ostberliner Wohnungen. Der Lutz Rathenow der Stasi-Haft auslieferte und der selbst noch nach der Ausbürgerung der Schädlichs die Stasi dabei unterstützte, das Leben der Familie mit Psychoterror zu zerstören. Der eine Freundin aus dem Westen wegen Fluchthilfe verpfiff, nur weil er ihrer überdrüssig geworden war. Susanne Schädlich, die 12 Jahre alt war, als die Familie übersiedeln musste, hat das alles aus den Stasi-Akten erfahren. Mit poetischer Begabung ist ihr ein erschütterndes Zeitdokument gelungen, das

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Wolfram Weimer

Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit – Warum uns die Krise konservativ macht Gütersloher Verlagsanstalt 160 Seiten, 14,95 Euro Kerkeling geht auf Pilgerreise, Illies entdeckt die Heimatliebe und Matussek erfreut sich am Patriotismus: Der Allround-Komiker, der Schriftsteller und der „Spiegel“-Journalist, drei der konservativen Lebensart kaum Verdächtige, nimmt Wolfram Weimer als treffliche Zeugen für seine Beobachtung, wie ein moderner Konservatismus der von Krise und Globalisierung verunsicherten Gesellschaft ein neues Fundament einzieht. Weimer, Chefredakteur erst der „Welt“ und jetzt bei „Cicero“, reicht damit Alois Glück die Hand, der in den gegenwärtig unsicheren Zeiten das bürgerlich Konservative herausgefordert sieht, um den Weg in eine bessere Zukunft zu zeigen (Seite 18). Die Chancen dafür stehen gut. „Die westlichen Gesellschaften“, analysiert Weimer, „haben Resistenzen gebildet gegen die immer neuen Neuzeitverkünder und ihre Alarmismen.“ Auch deshalb wurde Horst Köhler im Bundespräsidentenamt bestätigt und nicht PS Gesine Schwan hineingewählt.

Eine kleine, einfache Geschichte, vielfach schon erzählt: Kinder unterschiedlichster Herkunft lassen ihre Herzen sprechen und überwinden die Vorurteile, die ihre Eltern in Hass und Abscheu gefangen halten. Die bekannteste ist die tragische von Romeo und Julia. Ayaan Hirsi Ali, bis zur Selbstgefährdung engagierte Islamkritikerin, führt Adan, den Muslim-Jungen, und Eva, das Kind reicher Juden, in der Schule zusammen und lässt sie beim gemeinsam geschleckten Eis zu Freunden werden, ohne die Herkunft des anderen zu kennen. Für Eva sind alle Muslime Mörder, für Adan die Juden Monster, die das Blut muslimischer Kinder trinken. Im Kennenlernen schmelzen die Vorteile, doch beider Familien zwingen sie, sich wieder zu trennen. Ayaan Hirsi Ali, bekannt geworden durch den Mordanschlag auf den Filmemacher Theo van Gogh, der offenbar auch ihr gegolten hat, will sich nicht abfinden mit einem in der Vergangenheit gefangenen Islam, der statt Fortschritt und Wohlstand meist Armut, Unterdrückung und Terror erzeugt und fordert auf zur befreienden Selbstreflexion. „Kritik“, schreibt sie in dem der Kindergeschichte beigefügten Essay, „wird den Islam humaner machen.“ Vor allem auch menschlicher gegenüber Frauen, hofft sie. Für ihren Kampf setzt sie ihr Leben aufs Spiel. Ihr Buch zu lesen, unterstützt sie in ihrem Wunsch, den Islam, der ihre Religion ist, in die moderne Zeit zu führen. MW

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FÜR SIE GELESEN serer Welt durch eine zentralplanerische Mengensteuerung der UNO zu verteilen. Sinn, so scheint es, reizt geradezu die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ihm ist die Provokation Triebfeder JB zum Vorausdenken.

Hans-Werner Sinn

Hugo Müller-Vogg

Das grüne Paradoxon

Volksrepublik Deutschland

Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik

„Drehbuch“ für die rot-rot-grüne Wende

Econ Verlag 480 Seiten, 24,90 Euro

Alexander von Humboldt Das „Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik“ von Ifo-Präsident HansWerner Sinn ist ein Beitrag zur Klimadiskussion; er analysiert die gegenwärtige nationale, europäische und globale Klimapolitik auf ihre volkswirtschaftliche Verträglichkeit hin. Insbesondere Ursache und Wirkung des antropogenen (vom Menschen verursachten) CO2 -Ausstoßes werden detailliert und unter besonderer Berücksichtigung der bisher durchgeführten Gegensteuerung dargestellt. Sinn verdeutlicht, dass unser globales Klimaproblem nicht im Alleingang gelöst werden kann. Einzelne Staaten können mit einer singulären „grünen Politik“ über eine Vorbildfunktion hinaus keinen nennenswerten wirkungsvollen Beitrag zur Abmilderung des Klimawandels leisten. Als Nutznießer unserer deutschen erzwungenen Sparsamkeit freuen sich Länder ohne restriktive Klimapolitik über freigewordenen Rohstoffkapazitäten. Es handelt sich um ein Nullsummenspiel. Die Eigentümer der natürlichen Ressourcen von Gas und Öl können das Angebot fast beliebig steuern, da keine konzentrierte Nachfragemacht den Erzeugerkartellen entgegensteht. Hans-Werner Sinn schreibt in provozierender Verständlichkeit den ökologischen Mainstream gegen die Wand. Er konfrontiert die politisch geführte Debatte mit seiner ökonomischen Sichtweise und tastet sich an Lösungsvorschläge heran, die sich mit der politischen Realität wenig vertragen. Wie zum Beispiel sein Vorschlag, die natürlichen Ressourcen un-

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Mein vielbewegtes Leben Herausgegeben von Frank Holl Eichborn Verlag 288 Seiten, 29,95 Euro Ein reich illustrierter Prachtband als – ja, es ist wohl so – Todestagsgeschenk: Zu Ehren des am 6. Mai vor 160 Jahren Verblichenen und zur Freude seiner heutigen Bewunderer. Alexander von Humboldt, von Schiller als „schamloser Ausmesser der Natur“ missverstanden, aber von sich selbst trefflich analysiert als einer „voller Unruhe und Erregung“, mit dem Erreichten nie zufrieden und nur glücklich, „wenn ich etwas Neues unternehme, und zwar drei Sachen auf einem Mal“. In seinem 89-jährigen Leben veröffentlichte der Universalgelehrte, der vielen als der wahre Entdecker des amerikanischen Kontinents gilt, über 45 Bücher. Humboldt-Experte Frank Holl hat aus dessen Briefen, Reisetagebüchern und anderen Schriften ein faszinierendes Lesebuch durch das an Abenteuern und Entdeckungen reichen Leben des großen Forschers zusammengestellt: Von der Ankunft in der Tropenwelt über eine Schrift gegen den Kolonialismus und eine gegen die Sklaverei bis zur legendären russisch-sibirischen Reise, die ihn über 17 000 Kilometer an die chinesische Grenze führte. Das Buch ist eine Lustreise für Geist und Auge zum Schnäppchenpreis. PS

Olzog Verlag, München 144 Seiten, 12,90 Euro Begonnen hat das Buch bei einer Begegnung auf dem Berliner Flughafen: Hugo Müller-Vogg traf auf eine wütende Andrea Ypsilanti, die ihn wüst beschimpfte, weil er in einer Bild-Kolumne ihre Beteuerungen bezweifelt hatte, nach der Hessenwahl auf keinen Fall mit der Linken zusammenzuarbeiten. Nachdem alle Versprechen gebrochen waren, begann der Beschimpfte, eine Vision für Deutschland nach der Bundestagswahl im September niederzuschreiben: Für Schwarz-Gelb reicht es wieder nicht, aber die SPD wagt nur an den Wortbruch zu denken, ihn aber noch nicht zu vollziehen. Noch einmal wird Steinmeier Vize bei Kanzlerin Merkel, doch Parteichef Müntefering hat bereits beschlossen, das schwarz-rote Bündnis nach einem Jahr zu sprengen und die längst vorbereitet Koalition mit Grünen und Linken zu schmieden. Müller-Vogg, einer der einflussreichsten politischen Beobachter in Berlin und auch Kolumnist beim Bayerischen Monatsspiegel, beschreibt detailliert die Koalitionsverhandlung, deren Ergebnis eine linke Republik ist. Eben die „Volksrepublik Deutschland“. Beklemmend realistisch wird sein „Drehbuch“, denn er benutzt für das rot-rot-grüne Koalitionsabkommen ausschließlich Zitate aus Reden, Papieren und Beschlüssen der drei Links-Parteien. Gregor Gysi, der das Buch in Berlin vorstellte, findet es bis auf Nuancen sehr nah an der Realität. Ein spannendes Buch heute und womöglich zur Wiedervorlage im nächsten Jahr. PS

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BAYERN & KULTUR

Brücken über den Fluss und zu den Menschen Die Bundeswehr ist in Deutschland unauffällig. Soldaten, Zivilbeschäftigte und die Familien stellen insgesamt mit deutlich mehr als einer Million Menschen dennoch einen wichtigen Teil unserer Bevölkerung dar. Die Soldaten führen aber in der Regel ein Leben, das sich innerhalb ihrer eigenen Kreise bewegt. Umso beeindruckender deshalb die Bereitschaft der Bundeswehr, der Gemeinde Kreuth im Tegernseer Tal bei dem Bau einer Brücke über die Weissach zu helfen. Das war nicht nur ein Brückenschlag über den Fluss zur Verbindung von zwei Ortsteilen, sondern auch ein Brückenschlag zwischen den Soldaten und der Bevölkerung in Kreuth. Die Gemeinde Kreuth im Tegernseer Tal ist nicht nur durch den „Kreuther Geist“ als Schnaps und als politische Entscheidungsstätte bekannt. Die Münchner lieben insbesondere die Kreuther Waldfeste, die Zugereisten das Ferienidyll, die Jäger den wildreichen Wald. Diese Gemeinde hat(te) ein Problem. Der „Bach“ Weissach trennt die Ortsteile Enterfels und Riedlern. Der Wunsch nach einer Brücke bestand schon lange. Geld hatte die Gemeinde Kreuth keines. Da hatte Dr. Kruschwitz, Direktor des Elektrizitätswerkes vom Tegernseer Tal und Hauptmann der Reserve, eine großartige Idee. Das Gebirgspionierbataillon 8 aus Brannenburg könnte sehr gut eine Übung im Brückenbau brauchen. Er selbst könnte dafür sorgen, dass Materialien kostengünstigst angekauft werden, die Gemeinde Kreuth klärt die Genehmigungsvoraussetzungen und trägt ihren Teil zur Finanzierung der Brücke bei. Diese Lösung erschien optimal, weil sie allen diente. Scheinbar. Doch bei der Bundeswehr gibt es einen Erlass, der verhindern soll, dass die Bundeswehr der gewerblichen Wirtschaft in unzulässiger Weise Wettbewerb macht. Das ist verständlich. Die Bundeswehr braucht eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Industrie- und Handelskammer, dass die Arbeiten der Truppe zu keiner wirtschaftlichen Beeinträchtigung von Betrieben der gewerblichen Wirtschaft führen. Leider konnte die IHK München erst nach sehr langen rechtlichen Kämpfen davon überzeugt werden, die Bescheinigung zu erteilen. Also begannen die Pioniere mit ihren Arbeiten. Am 27. Mai startete die 2. Kompanie mit dem Bau. Für die Handwerksberufe, die in der Pioniertruppe vertre-

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ten sind – Schweißer, Zimmerer, Schreiner, Maurer – war es eine gute Fortbildung: Pioniere sind darin geschult, schnelle und behelfsmäßige Instandsetzungen von Infrastruktur durchzuführen. Hier mussten sie perfekte dauerhafte Leistung bieten. Deshalb halfen die örtlichen Zimmerer, Schreiner und Metallbearbeiter. Es war eine Begegnung der besonderen Art. Die Pioniere lernten den Feinschliff, die örtlichen Handwerker erkannten sehr schnell die hohe Bereitschaft der Soldaten zur Hilfe an und waren für die Gemeinde Kreuth großenteils unentgeltlich zur Unterstützung bereit. Die Kreuther Bürger haben die Soldaten begeistert begrüßt. Die Frauen brachten Kuchen und Kaffee zur Baustelle, die Soldaten wurden abends zum Essen eingeladen, durften in Kreuth bei den Familien übernachten. Die Kreuther sind begeistert über die Bundeswehr, die Bundeswehrsoldaten sind begeistert über die Gastfreundschaft der Kreuther. Jetzt verbindet die Brücke die Ortsteile Enterfels und Riedlern. Die Kinder aus Enterfels, die bisher mit großen Umwegen zu dem gemeindlichen Sport- und Freizeitgelände gehen mussten, sparen sich jetzt einen Umweg von rund einem Kilometer. Die Gäste in Kreuth haben eine neue Rundwegmöglichkeit. Bei der Einweihung der Brücke betonte 1. Bürgermeister Josef Bierschneider die erfolgreiche Zusammenarbeit verbunden mit dem VerspreFreude bei Bürgermeister Josef Bierschneider. chen, die Bundeswehr jederzeit in Kreuth herzlich willkommen zu heißen. Die Bundeswehr habe nicht nur eine Brücke über die Weissach gebaut, sondern auch eine Brücke zur Bevölkerung. Oberstleutnant Gumbrich verwies darauf, dass Brückenbau auch in Afghanistan eine wesentliche Aufgabe der Bundeswehr sei. Gerade seine Pioniere, die konkrete handwerkliche Hilfe vor Ort leisten, sind dafür besonders geeignet und werden auch von der dortigen Bevölkerung dankbar akzeptiert. Walter Beck Bayerischer Monatsspiegel 152_2009


VORSCHAU POLITIK & WIRTSCHAFT

Veranstaltungen des Peutinger Collegiums 2009/10 Dienstag, 28. Juli Prof. Dr. Dr. Peter Höppe, Münchner Rückversicherungs AG Dienstag, 15. September Hildegard Müller, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Berlin Donnerstag, 15. Oktober Notker Wolf OSB, Abtprimas der Benediktiner, Rom Mittwoch, 25. November Dr. Otto Wiesheu, Staatsminister a.D., designierter Präsident des Wirtschaftsbeirats der Union

Februar 2010 Dr. Wolfgang Heubisch, MdL, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Forschung

Mittwoch, 16. Juni 2010 Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit

Montag, 22. März 2010 Gerd Sonnleitner, Präsident Bayerischer und Deutscher Bauernverband

Juli 2010 Stanislaw Tillich, Ministerpräsident von Sachsen

Dienstag, 13. April 2010 Henning von der Forst, persönlich haftender Gesellschafter der Fürst Fugger Privatbank KG Montag, 17. Mai 2010 Dr.-Ing. Manfred Bayerlein, Vorstandsmitglied TÜV Süddeutschland

Redaktion Peter Schmalz (Chefredakteur) Julius Beck Schellingstraße 92 D-80798 München redaktion@bayerischer-monatsspiegel.de Leserbriefe an die Redaktion oder an leserbriefe@bayerischer-monatsspiegel.de Verlag & Anzeigen Bayerischer Monatsspiegel Verlagsgesellschaft mbH Schellingstraße 92 D-80798 München Tel: +49 89 600 379-66 Fax: +49 89 600 379-67 www.bayerischer-monatsspiegel.de Herausgeber Prof. Dr. Walter Beck, Peutinger Collegium Gestaltung, Realisierung & Anzeigen NBB GmbH Ridlerstraße 33 80339 München www.nbbgmbh.de Druck Messedruck Leipzig GmbH Ostwaldstraße 4 04329 Leipzig www.messedruck.de

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Bayerischer Monatsspiegel #152  

Nummer 152 erscheint unter dem Titel "Energie ist Leben". Im Schwerpunktthema werden unterschiedlichste Bereiche aufgegriffen, die im weites...

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