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Ver V Ve e lag a Baayer e isc sccher er Mo M nat a ssp at ssp pie ieg e el | 47 47.. Jahr hrgan h g ng 2011 0 |P Po ostv s veert r rie rt riebss ssstüc ück 69 923 92 23 2 34 | IS ISSN SN 18 186 8608 0-4 0 -4 4561 5 1 | Ei 56 E nz nze n z lp lpr prreeis eii 7, 7 50 0 EUR UR

Ausgabe 159 | August 2011

Titelthema: Made in Germany Josef Ackermann: Grünes Wachstum bringt Aufschwung Michael Stürmer: Aufstand gegen die Vergangenheit Otto Wiesheu: Unsere Chancen im arabischen Raum Horst Seehofer: Zum Tode von Otto von Habsburg Peter Frey: Die laufenden Bilder wandern ins Netz Martin Zeil: Dual macht Schule Heinrich Traublinger: Goldener Boden Richard Loibl: Bayerns Götterdämmerung Hannes Burger: Allein auf der Südschiene Christian Thielemann: Anspruchsvolle Geliebte


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Karikatur: Horst Haitzinger

EDITORIAL

Vorwort des Herausgebers Dieses Heft beschäftigt sich im Schwerpunkt mit der Zukunft Deutschlands im 21. Jahrhundert. Gilt dafür das Wort von Karl Valentin: „Die Zukunft war früher auch besser als heute!“? Die schnellen Entscheidungen der letzten Wochen zeigen solche Schatten auf: Entscheidend für die sichere Entwicklung eines Volkes war und ist die verfügbare Energie. Wir haben in einem früheren Heft den Aufsatz von Hubert Markl besprochen (BMS 152). Er ist überaus überzeugt: Die Entwicklung zu höherem Leben war immer verbunden mit der Fähigkeit, die vorhandene und begrenzte Energie auf neue Weise besser als bisher zu nutzen. Ob unser Verzicht auf die Atomenergie zugunsten einer ungewissen Energie-Zukunft eine politisch kluge Entscheidung war, wird sich erst dann zeigen, wenn bei den Bürgern die steigenden Kosten für Energie deutlich spürbar werden. Gegenwärtig war es zunächst nur eine taktisch kluge Entscheidung. Die Koalition hat damit der Opposition, insbesondere den Grünen, den letzten großen Zankapfel, die letzte Popularitätsmaschine, weggenommen. Ob es auch strategisch für Deutschland eine gute Entscheidung war, zeigt sich erst in ein paar Jahren. Wer weiß, wer dann regiert und die Prügel abbekommt. Da Fukushima in den westlichen Ländern eine verstärkte Sicherung der Atomkraftwerke nach sich ziehen wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass in diesen Staaten etwas Ähnliches passiert, geringer geworden. Alle Staaten, die die Atomenergie behalten haben, gewinnen durch Fukushima, weil sie die jeweiligen Energieunternehmen problemlos zu sehr viel stärkeren Sicherheitsmaßnahmen zwingen können. Die Alternativen, falls das nicht geschieht, zeigt ihnen ja Deutschland. Sie werden uns gegenüber also einen Energievorteil haben. Deutschland wird wohl teuer Energie kaufen müssen, sicher auch Atomstrom. Eine ziemlich blöde Situation. Übrigens: Plötzlich spielt das Thema Kohlendioxid-Belastung durch Kraftwerke eine marginale Rolle.

Das bleibt paradox: Die konkrete und nachweisbar tatsächlich vorhandene Gefahr durch die Kohlendioxid-Belastung ist den Politikern anscheinend viel weniger wichtig als die unwahrscheinliche und auch nur abstrakte Gefährdung durch die Atomkraftwerke. Ein anderes Thema ist für die Zukunft Deutschlands genauso wichtig: Der große Wurf von Prof. Paul Kirchhof zur Steuerreform. Leider gibt es kein Steuer-Fukushima, das die Koalition zwingen könnte, sich mit der Kirchhof-Reform sehr ernsthaft und schnell auseinanderzusetzen. Das wäre für Deutschland sicherlich ein Gewinn, weil es den Bürgern zeigen könnte: Es ist uns ernst mit der Vereinfachung. Der Unterschied zu Fukushima ist aber auch offenkundig: Die Entscheidung zum Verzicht auf den Atomstrom war in der gegenwärtigen politischen Landschaft wirklich leicht. Die eigene Partei ist sowieso ohne Angela Merkel hilflos, muss ihr also folgen; die Gegner unterstützen alles. Bei einer möglichen Steuerdebatte gibt es aber sehr heftigen Gegenwind. Nicht nur das von Gerhard Schröder aufgebaute Feindbild des „Professors aus Heidelberg“ verhindert bei der SPD eine faire Auseinandersetzung. Nein, es fehlt auch der echte Zwang, sich mit diesem unglaublichen Misthaufen von Steuerproblemen auseinanderzusetzen. Kein Zweifel: Dieser Misthaufen stinkt gewaltig. Aber fast alle haben sich an diesen Gestank gewöhnt. Und es sind zu viele „Bauern“, die diesen Misthaufen angeblich brauchen. Beide Signale könnten bedeuten: Karl Valentin behält vielleicht wirklich Recht.

Ihr

Prof. Dr. Walter Beck

Titelseite Made in Germany – weltweites Markenzeichen deutscher Wertarbeit.

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INHALT

Aktuelles Editorial

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Kurz gemeldet

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Titelthema Made in Germany

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Impressum

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Vorschau Das Heft 160 hat das Titelthema Mobilität morgen Unsere mobile Zukunft – Bundesverkehrs minister Peter Ramsauer + Die Freiheit über den Wolken – wächst der Flug verkehr grenzenlos? + Tankstelle Steckdose – verdrängt das Elektroauto den Ottomotor? + Der Boss der Engel – Ein Gespräch mit ADAC-Präsident Peter Meyer + Die Schiene hat noch ungenutz tes Potential – von Bahn-Chef Rüdiger Grube + Carbon macht Mobilität leichter – eine Erfolgsgeschichte aus Augsburg

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Politik & Wirtschaft

Made in Germany

Josef Ackermann Grünes Wachstum bringt Aufschwung Michael Stürmer Aufstand gegen die Vergangenheit Gespräch mit Otto Wiesheu Mehr Respekt vor den Traditionen Hugo Müller-Vogg Anonyme Plagiatsjäger Manfred Brunner Pest oder Cholera Helmut Jung „Wer einmal lügt…“ Peter Frey Die laufenden Bilder wandern ins Netz Jürgen Ast Sanfte Todesmauer Peter Schmalz Wendig Fritz Wickenhäuser Werte schaffen Erfolg Stefan Judisch Akteur statt Komparse Marianne Haas Ehrgeiziger Reformer mit klarer Kante Privatbank mit Tradition

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Symposium des Peutinger-Collegiums Blick in die Zukunft | 40 Panel 1: Horst Schneider „Verlässlichkeit als deutsches Qualitätsmerkmal“ Dr. Günter Niedernhuber „Fundamentaler Wertewandel in der Gesellschaft“ Prof. Dr.-Ing. Klaus Sedlbauer „Im Ausland sind wir zu vorsichtig“ Dr. Wolf Dieter Enkelmann „Technik ist nützlich, also ist sie auch human“ Prof. Roland Dieterle „Deutsche Zertifizierung fast zu perfekt“ Panel 2: Prof. Dr. Meinhard Miegel „Geborgenheit und Muse sind die Quellen von Glück und Zufriedenheit“ Prof. Dr. Franz Josef Radermacher „Die Steigerungsspiele machen den Menschen kaputt“ Peter Spiegel „In armen Ländern werden Innovationen entstehen“ Prof. Dr. Patrick Cramer „Heute müssen Geschäftsideen extrem solide sein“

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INHALT

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Made in Germany

Bayern & Kultur

Leben & Genießen

Peter Schmalz Jede Woche ein Zukunftsauto Matthias Spott/Caroline Mükusch Sicherheit „Made in Bavaria“ Martin Zeil Dual macht Schule

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Michael Weiser Anspruchsvolle Geliebte

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Hans Maier Ich gehe auf Gegenkurs | 54

Frankenwein weltweit gefragt Medaillensegen überm Weinberg | 57 Heinrich Traublinger Goldener Boden

Horst Seehofer Flamme der Freiheit

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Hannes Burger Allein auf der Südschiene

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Richard Loibl Götterdämmerung

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Andreas Ströhl Davids muntere Floßfahrt

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Hans-Joachim Epp Genuss-Perle im Bayernwald

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„Meine italienischen Stammgäste sind für mich das höchste Lob“

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Veranstaltungsbilder des Peutinger-Collegiums

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Vorschau Veranstaltungen des Peutinger-Collegiums 2011

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Weitere Themen im Heft 160: Thomas Breitenfellner Heimatland des Bieres High-tech aus Franken Alles fließt Michael Hohl im Gespräch Wagner begeistert die Jugend

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Oliver Rolofs Truppe im Wandel

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Hildegard Hamm-Brücher zum 90. Unverbesserliche Liberale

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Für Sie gelesen Buchbesprechungen

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Europas Bewährungsprobe – Analysiert von Professor Werner von Weidenfeld · Bayerns Chancen in Russland – Inter view mit dem russischen Generalkonsul Andrey Grozov · Die Kraft der Wüstensonne nutzen – DII-Chef Paul von Son über Desertec · Ist die Justiz ein Sicherheitsrisiko? – Fragen an die bayerische Justizministerin Beate Merk · Die Euro-Krise braucht politische Führung – Von Dr. Theodor Weimer, Sprecher des Vorstands der HypoVereinsbank

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PO OLITIK & WIRTSC C HAFT Josef Ackermann

Grünes Wachstum bringt Aufschwung Weltweiter Ausbau CO2-armer Energien mobilisiert Milliarden-Investitionen

Auf dem jüngsten G-20-Wirtschaftsgipfel im vergangenen November in Seoul kamen rund einhundert Vertreter führender Industrienationen zusammen, um zu erörtern, wie die Wirtschaft zur Stimulierung nachhaltigen Wachstums beitragen kann. In den Gesprächen ging es vor allem auch um „grünes“, sprich CO2-armes Wachstum. Denn eines ist klar: Die Wirtschaft von morgen muss sauberer und energieeffizienter sein, wenn wir das globale Wachstum voranbringen und gleichzeitig unsere natürlichen Lebensgrundlagen intakt halten wollen. Diese Transformation bedeutet nichts Geringeres als eine neue industrielle Revolution – eine Revolution, die unsere Lebensweise verändert. Vor allem wird sich das Leben in unseren Städten verändern. Bis zum Jahre 2050 werden rund 70 Prozent der Weltbevölkerung, mehr als sechs Milliarden Menschen in Städten, besonders Megastädten wohnen. Das heißt: Wir müssen unsere Infrastruk-

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POLITIK & WIRTSCHAFT

In fünf Etappen will der Schweizer Bertrand Piccard im kommenden Jahr erstmals mit einem Solarflugzeug rund um die Welt fliegen. Die beiden Elektromotoren werden von Solarzellen auf den 80 Meter weiten Tragflächen gespeist und sind auch bei den Starts der einzige Antrieb. Das Flugzeug mit null Emissionen wird auch von der Deutschen Bank unterstützt.

tur massiv verbessern: Transportwege, Gebäude, Energie- und Wasserversorgung – dies alles muss weitaus ressourcenschonender und energieeffizienter werden. In Zeiten hohen fiskalischen Drucks stellt die Finanzierung dieser Maßnahmen eine große Herausforderung dar. Was ist mit grünem Wachstum als dem Kern der neuen industriellen Revolution gemeint? Grünes Wachstum beschränkt sich nicht allein auf den Klimaschutz. Es geht dabei auch um Energieunabhängigkeit und Energiesicherheit und damit um die nationale Sicherheit sowie um Energieeffizienz und auch gutes Wirtschaften. So hat Energieeffizienz in entwickelten Volkswirtschaften bereits viele tausend Arbeitsplätze geschaffen. In den Schwellenländern wiederum wächst die Bevölkerungszahl und damit der Energiebedarf erheblich. Dadurch werden konventionelle Energiequellen stark belastet. All das weist in dieselbe Richtung: Wir brauchen einen sparsameren Umgang mit Energie und anderen Ressourcen, eine verstärkte Entwicklung alternativer Energiequellen und den Abbau umweltschädlicher Effekte von Wirtschaftstätigkeit generell. Dies erfordert Innovationskraft, Führungskompetenz und natürlich Kapital um die erforderliche Infrastruktur für CO2 -arme Energie zu schaffen. Schätzungen zufolge könnte die Bereitstellung CO2 -armer Energie bis zum Jahr 2020 einen Umsatz von rund zwei Billionen US-Dollar ausmachen, das Dreifache von heute. In der ganzen 

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POLITIK & WIRTSCHAFT Welt wittern Unternehmen ihre Chance und investieren in neue Technologien. Viele Regierungen schaffen für solche Unternehmen entsprechende Anreize. Die jüngste Wirtschaftskrise hat sich dabei als Katalysator erwiesen. Weltweit wurde rund eine halbe Billion US-Dollar bereitgestellt, um grünen Energieverbrauch anzukurbeln. In China machten die Investitionen in diesem Bereich in den Jahren 2008 und 2009 40 Prozent des gesamten Anreizprogramms aus. In Südkorea waren es sogar 80 Prozent. Insgesamt stiegen die Investitionen in saubere Energie 2009 in Asien um 37 Prozent. In den USA sieht der Recovery Act Investitionen von 90 Milliarden Dollar zur Ankurbelung einer grünen Wirtschaft vor. Bisher wurden rund 20 Milliarden Dollar ausgegeben und mithilfe dieser Ausgaben 190.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. So nützlich solche Maßnahmen sind, um eine Krise zu mildern, die Lösung liegt in einer klaren, langfristigen Strategie. Diese wird mit erheblichen Investitionen verbunden sein. Und Investoren benötigen ein transparentes, langfristiges und verlässliches rechtliches Rahmenwerk. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Subventionen für erneuerbare Energie der Internationalen Energieagentur zufolge auf rund 57 Milliarden Dollar. Gleichzeitig wurden weltweit jedoch rund 312 Milliarden Dollar für die Subventionierung fossiler Brennstoffe ausgegeben. Für jeden Dollar, der in das neue Energie-Paradigma floss, gingen sechs Dollar in das Alte. Der G-20Gipfel in Seoul hat empfohlen, diese Schieflage zu korrigieren. Wie kann dies gehen? Weltweit werden bis 2050 für die Beschränkung der globalen Erwärmung auf 2 Grad Celsius In-

vestitionen von schätzungsweise 45 Billionen Dollar für saubere Energie benötigt. Vor einigen Monaten hat eine Beratergruppe aus Finanzministern und Experten des Privatsektors, darunter ein Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank, den Vereinten Nationen ihren Bericht vorgelegt. Die Experten kamen zu dem Ergebnis, dass es für die Industrienationen schwierig sein wird, ihr in Kopenhagen gegebenes Versprechen einzulösen und jährlich 100 Milliarden Dollar für die Finanzierung von Umweltprojekten in Schwellenländern aufzubringen, wenn nicht ein CO2 -Preis von mindestens 25 Dollar pro Tonne gezahlt wird. In Europa wird der CO2 -Ausstoß mithilfe eines Emissionshandelssystems ermittelt. Der CO2 -Preis ist aber auch anhand offizieller Normwerte, insbesondere für Fahrzeuge und Gebäude, implizit ermittelt. Darüber hinaus gibt es etwa in Deutschland staatlich

China betrachtet grünes Wachstum als Teil seiner Erfolgsgeschichte verordnete sogenannte Einspeisetarife. Diese trugen erheblich zur beschleunigten Gewinnung von Wind- und Solarenergie bei. Dank des Einspeisetarifs entstand hier im Lande in wenigen Jahren die Branche der „Erneuerbaren Energien“, mit einem Umsatz von heute 30 Milliarden Dollar und 300.000 Arbeitsplätzen. Deutschland hat sich damit eine Führungsposition in der grünen Technologie verschafft. Derweil hat sich China als Weltmarktführer in grüner Technologie etabliert. In der Gewinnung von Windenergie nimmt es derzeit den 2. Platz ein. Dies entspricht der Stromgewinnung für rund 17 Millionen Haushalte. Das Riesenreich ist der weltweit größte Hersteller von Windturbinen sowie Solarzellen und verzeichnet in der Batterietechnologie und Produktion von Elektroautos ein schnelles Wachstum. China hat das Potenzial, ein wichtiger Markt für die Produktion von Elektrofahrzeugen zu werden. Bereits heute sind in dem Land 120 Millionen Fahrräder mit Elektromotor im Gebrauch. Kein Zweifel: China ist fest entschlossen, den Wettbewerb um die Führungsrolle in der Energietechnologie zu gewinnen. Die Regierung in Peking betrachtet grünes Wachstum als integralen Bestandteil der künftigen Erfolgsgeschichte des Landes und unverzichtbares Element seiner Energiesicherheit. In den kommenden 10 Jahren sollen dafür 750 Milliarden Dollar investiert werden. Egal, was einzelne Regierungen tun, der Privatsektor braucht auf politische Vereinbarungen nicht zu warten. Dies zeigt das Beispiel Desertec, ein Projekt der Privatwirtschaft, mit dem das Potenzial von Windparks und Solarenergieanlagen in der Sahara genutzt werden soll. Spätestens 2050 sollen diese Anlagen bereits bis zu 15 Prozent der Elektrizität Europas generieren und auch Menschen in Nordafrika einen Zugang zu Energien verschaffen. Das Projekt, an dem die Deutsche Bank beteiligt ist, wird zudem die Wirtschaft des Mittelmeerraums stimulieren. Es ist ein ehrgeiziges, wenn nicht gar kühnes Vorhaben, das aber für alle Beteiligten Vorteile verspricht. Die renovierte Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt ist auf ökologische Effi zienz ausgelegt.

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Dr. Josef Ackermann wurde 1948 im Schweizer Kanton St. Gallen geboren, studierte dort Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte mit dem Thema „Einfluss des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen“. Der Hobbymusiker ist seit 2002 Vorstandschef der Deutschen Bank und damit einer der einflussreichsten Banker weltweit.

Für Investitionen in grünes Wachstum gibt es im privaten Sektor ein riesiges Potenzial - unter der Voraussetzung, dass die Investoren das geeignete Umfeld vorfinden. Die bereits genannte U.N. Advisory Group schätzt, dass bis 2020 die Investitionen von Privatanlegern in Schwellenländern auf 400 Milliarden Dollar steigen könnten. Etwa die Hälfte davon würde von ausländischen Investoren bereit gestellt. In Deutschland hat die Regierung kürzlich zusammen mit der staatlichen Förderbank KfW den Global Climate Partnership Fund aufgelegt. Regierung und KfW werden rund 70 Millionen

Grünes Wachstum erfordert langfristige Investitionen Dollar einschließlich Eigenkapital mit Erstausfallrisiko einbringen. Dadurch wird mindestens eine halbe Milliarde Dollar an Mitteln aus Gemeinschaftsinvestitionen öffentlicher und privater Anleger generiert. Zusammen werden die Regierung und die Privatanleger Projekte für erneuerbare Energien bei Kleinunternehmen und in privaten Haushalten in 13 Schwellenländern finanzieren. Der effektivste Weg zur Stimulierung privater Investitionen ist die Entwicklung stabiler CO2 -Märkte. In Europa haben wir jetzt sechs Jahre lang Erfahrungen mit dem Emissionshandel gesammelt. Diese Erfahrungen zeigen, dass CO2 -Märkte, wie andere Asset-Märkte auch, Mechanismen brauchen, die für ein stabiles Marktumfeld sorgen. Emissionshandelssysteme müssen so stabil sein, dass Terminkurse mit einem Zeithorizont von mindestens 7 bis 10 Jahren ermittelt werden können. Für grünes Wachstum sind langfristige Investitionen erforderlich. Wir brauchen deshalb einen Markt, auf dem Investoren Investitionen auf lange Sicht absichern können. Warum macht sich der CEO einer Bank so viele Gedanken über grünes Wachstum? Ganz einfach: Der Klimawandel und der Umgang mit Energie bekommen für unsere Kunden einen immer höheren Stellenwert. Die Deutsche Bank kann ihre Kunden in

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dieser Hinsicht bestens betreuen. Wir sind auf einigen der komplexesten Märkte weltweit in den Bereichen Kapitalbeschaffung, Finanzierungstransaktionen, Handel und Risikominderung führend. Wir gehen aber auch selbst in Sachen grünem Wachstum mit gutem Beispiel voran. Anfang des Jahres sind beinahe 3.000 Mitarbeiter der Deutschen Bank in unsere komplett neu renovierte Zentrale in Frankfurt zurück gezogen. Wir haben in zwei Jahren mehr als 200 Millionen Euro aufgewendet, um die beiden 25 Jahre alten Bürotürme in Gebäude zu verwandeln, die zu den ressourcen- und energie-effizientesten Europas gehören. Generell wollen wir als Bank von 2012 ab klimaneutral arbeiten und damit bei der Gestaltung der Wirtschaft der Zukunft an führender Stelle mitmachen. Nicht nur bei der Betreuung unserer Kunden, sondern auch in unserem Auftreten und Engagement für die Gesellschaft insgesamt. Grünes Wachstum stellt eine große Herausforderung dar, bietet aber auch große Chancen. Wir können die Art und Weise verändern, wie wir Energie nutzen, sei es in Bezug auf Unternehmen, Automobile, Wohnungen oder vieles mehr. Wir können neue Industrien aufbauen. Wir können neue Arbeitsplätze schaffen. Wir können die Unabhängigkeit und Sicherheit unserer Länder in Fragen der Energieversorgung nicht nur bewahren, sondern erhöhen. Die Kosten dieser Transformation sind erheblich, aber sie drohen erheblich höher zu werden, wenn wir nichts unternehmen. Wir in der Finanzbranche müssen hierzu unseren Beitrag leisten. Aber die Finanzierung kann nicht nur über Bilanzen von Banken erfolgen. Zur Finanzierung grünen Wachstums sind neue übergreifende Lösungen und public-private Partnerships gefragt, um Investoren mit Innovatoren zusammenzubringen. Nur wenn wir gemeinsam agieren, werden wir erfolgreich sein: Die Staaten müssen zusammenarbeiten. Öffentlicher und privater Sektor müssen zusammenarbeiten, denn wir können die finanziellen Lasten nur gemeinsam schultern. Vor allem aber müssen wir eine gemeinsame Vision von dem Nutzen dieser Bemühungen für uns alle haben. ■

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POLITIK & WIRTSCHAFT Michael Stürmer

Aufstand gegen die Vergangenheit Die Gleichgewichte im Mittleren Osten sind ins Schwanken geraten – es ist der Beginn der Französischen Revolution auf arabisch OBL, wie die CIA in Langley Virginia den meistgesuchten Terroristen nannte, starb in der Villa in Abbottabad. In Berlin bekannte die Kanzlerin, dass sie sich freue – und sie war mit diesem Gefühl der Erleichterung wahrhaftig nicht allein in der Welt, ob westlich oder östlich. Doch die Hüter der deutschen Political Correctness ließen Missbilligung erkennen und es dauerte nicht lange, bis der Sprecher des Kanzleramts seine Chefin mit den Worten korrigierte, sie habe das nicht so gemeint. Der neudeutsche Isolationismus geht weiter und er bestimmt nicht nur Taktik und Strategie in Berlin, sondern wurzelt tief in der deutschen Angst, es sich mit den Fanatikern zu verderben, für die Vereinigten Staaten politisch und moralisch zu bürgen und, zuletzt und vor allem, Klarheit ins Denken zu bringen. Die Tatsache, dass wir einen Außenminister haben, garantiert noch nicht die Existenz einer bündnisfähigen Außenpolitik. Die Richtlinienbefugnis der Kanzlerin garantiert noch nicht, dass sie auch für die deutschen Interessen eingesetzt wird. Dabei ist die Reihe der Prüfungen noch lange nicht zu Ende und auch nicht der Bedarf an klarer Kompassweisung. Denn was von Marrakesh in Marokko bis Manama in Bahrein angefangen hat, ist die Französische Revolution der arabischen Welt. Bisher haben wir gerade einmal den Anfang des ersten Aktes mitbekommen. Um zu ahnen, wie es weiter geht, lohnen sich Geschichtskenntnisse. Da lernt man vieles über die zornigen jungen Männer, denen Arbeit und Heirat versagt bleibt, über politischen Skandal, Freiheitsliebe und blutigen Terror, Bürgerkrieg und Krieg, Heldentum und schäbigen Opportunismus. Die entscheidende Erkenntnis, die der Tod des Großterroristen am 1. Mai vermittelt, liegt darin, dass OBL sich selbst und seine Todespredigt um sechs Monate überlebte. Denn seitdem die Un-

Die arabische Jugend skandiert nicht die düstere Botschaft der Al Kaida rast in Tunesien in die Revolte umschlug und der erste arabische Dominostein fiel, bis schließlich der gesamte arabische Krisenbogen ins Wanken und Schwanken geriet – eingeschlossen das saudische Öl-Königreich – ist nichts mehr, wie es vordem war. Die arabische Jugend skandiert nicht die düstere Botschaft des

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Al Qaida hatte an diesen Aufständen keinen Anteil, die Führer schauten offenbar fassungslos zu, was sich auf dem arabischen Sender Aldjasirah ihren Augen bot. Das Terror-Netzwerk ist nicht erledigt, sondern schwört Rache, so als ob bisher Abrüstung und Entspannung ihre Strategie gewesen wäre. Aber Al Quaida (wörtlich „Basis“) steht heute allenfalls für Todeskult und Rückkehr in eine islamistische Gewaltlehre, die im Blutsumpf stecken blieb. Die jungen Männer und Frauen vom Tahrir-Platz

in Kairo – in der symbolischen und strategischen Mitte der arabischen Welt – suchen ihre Zukunft in Begriffen, die vom europäischen Ufer des Mittelmeers kommen: Menschenwürde und Freiheit, Trennung von Staat und Religion sowie das Recht auf die Suche nach dem Glück. Al Quaida und die Salafisten, aber auch die strengen Wahabiten Saudi-Arabiens verheißen von alledem das Gegenteil. Die arabische Revolution geht um Anschluss an die Moderne oder Ausschluss, um Selbstbestimmung der Bürger oder Entmündigung der Untertanen. Der Ausgang dieses Ringens ist ungewiß, unberechenbar und von außen kaum zu beeinflussen. Deutlich ist nur, dass der Nahe Osten nah ist, zu nahe für bequemes Zuschauen. Bürgerkriege flackern auf, Flüchtlingsströme suchen den Weg gen Norden, das große Ölfass der Welt, mehr als 80 Prozent der langfristigen Reserven, ist nicht zu sichern und schon geringe 

Foto: Joel oe Carillet

OBL an den Westen: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“ Stattdessen tun die jungen Araber kund, dass sie das Leben lieben und, mehr noch, die Freiheit. Sie finden sich im Aufstand gegen die Rückständigkeit ihrer Herrscher – Familienunternehmen oder Diktatoren –, gegen Stagnation ihrer Kultur, Unterentwicklung, Korruption und jene mörderische Willkür der Geheimpolizei, die das Ganze auslöste.

Für Freiheit und gegen Korruption und Willkür der Geheimdienste gehen die Araber aller Altersklassen (hier in Kairo) auf die Straße.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Ausfälle der Produktion oder des Transports können die Preise für Öl und Erdgas in schwindelnde Höhen treiben. Die 147 USDollar per Barrel vor der Weltfinanzkrise sind nicht die Grenze. Dass Deutschland mit seiner Flucht aus dem Nuklearen und seiner Phantasmagorie von ausreichend erneuerbaren Energien für die kommenden Krisen und Katastrophen hinreichend gerüstet sei, erfordert einen starken Akt des Glaubens. Aber wie auch immer, es ist Zeit für eine erste Zwischenbilanz und sie kann nicht mit den Morgennachrichten beginnen. In den letzten einhundert Jahren erfuhr die muslimische Welt drei welthistorische Umbrüche. Der erste begann noch vor dem Ersten Weltkrieg mit der jungtürkischen Revolution und dem Versuch, aus dem weitgespannten osmanischen Reich („der kranke Mann am Bosporus“) den türkischen Nationalstaat zu formen. Er setzte sich fort mit dem Zusammenbruch des Osmanenreiches. Zwischen Mittelmeer und Golf zeichneten den Sieger mit dem Bajonett neue Landkarten und genehmigten sich selbst neue Kolonien unter Mandaten des Völkerbunds, namentlich Syrien, Irak, Libanon und Palästina. Die Türkei unter Kemal Pascha, Sieger von Gallipoli, lehnte sich nach außen gegen den Diktatfrieden von 1919 auf, nach innen vollzog der General eine Revolution von oben, kassierte das Kalifat von Istanbul, änderte Schrift, Kalender, Kleidung und Habitus und drehte das Gesicht des Landes gen Westen. Die Wunde schmerzt bis heute und was die AKP des türkischen Premiers Erdogan versucht, ist Wendung zurück in die islamische Vergangenheit und zugleich vorwärts zum modernen Machtstaat, der in der Region das letzte Wort haben will. Die EU dient ihm dabei als Hebel.

Der Demokratie fehlt der Wurzelboden Der nächste Umbruch kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Amerikaner wehrten den altrussischen Griff nach den Meerengen ab (das brachte die Türken in die Nato). Sie blieben aber Zuschauer, als Großbritannien und Frankreich ihre Kolonien abwickeln mussten, beschleunigt durch die politisch verunglückte Ägypten-Invasion britischer und französischer Truppen 1956. Aus den Trümmern der Imperien hämmerten junge Offiziere, inspiriert durch Atatürk, so etwas wie säkulare Nationalstaaten zusammen. Ägyptens Nasser gehörte dazu, Libyens Gaddafi, Syriens Assad, während in Tunesien und Algerien post-koloniale Militärherrschaften entstanden. Inmitten des arabischen Krisenbogens aber etablierte sich 1948 der Staat Israel, der seitdem drei Mal (1948/49, 1967, 1973) um die Existenz kämpfen musste. Noch immer gilt das Wort Henry Kissingers: „Ohne Ägypten kein Krieg, ohne Syrien kein Friede“. Wenn jetzt Ägypten in Versuchung geriete, den Frieden von 1979 zu annullieren, würde es ernst wie nie zuvor. Der dritte dieser Umbrüche begann 1979, als der Ayatollah Chomeini als grimmiger Rächer nach Teheran einflog und die iranische Luftwaffe nicht schoss. Mit Feuer und Schwert bewies er, dass die westliche Idee des Fortschritts umkehrbar ist und die Religion eine historische Potenz. Archaisches Blutgericht verband sich mit modernster Propagandatechnik. Seine Nachfol-

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Arbeit, Heirat und Lebenserfüllung bleiben vielen jungen Menschen in der arabischen Welt versagt, beklagt die UN.

ger sehen in der Nuklearwaffe das Mittel, ihrer Macht Dauer zu verleihen, Amerikas Vormacht zu brechen und den Staat Israel zu vernichten. Doch die Re-Islamisierung der Region hat Grenzen. Der Aufstand der Jungen handelt von Freiheit und Chance, von Würde und Pluralität. Die jungen Leute wollen nicht, dass alte Diktatoren oder Mullahs ihnen ihr Leben stehlen. Die alten Phrasen verlieren ihre Kraft. Von Israel ist wenig die Rede, die iranische Unterdrückung wirkt abschreckend. Es ist ein Aufstand gegen die Vergangenheit – in seinem Ausgang indessen gänzlich ungewiss. Denn es bleibt die Unterentwicklung der arabischen Zivilisation, von den UN regelmäßig beklagt, zusammen mit der Überzahl der jungen Leute, denen Arbeit, Heirat, Lebenserfüllung versagt sind. Der Demokratie fehlt der Wurzelboden, Enttäuschung und Radikalisierung können folgen. Die Revolten haben alle etablierten Gleichgewichte des Mittleren Ostens ins Schwanken gebracht. Ein neuer Status quo ist nicht in Sicht. Die Türkei als Mittler wird sich übernehmen. Der Ausgang in Libyen ist ungewiss. Ein syrischer Umsturz kann im religiösen Bürgerkrieg enden. Die Staatserklärung der Palästinenser im September in den UN ist kriegsschwanger. Ägypten ist nicht mehr Moderator der Westbank, Syrien nicht mehr Sponsor der Hamas in Gaza. Vor fast einem Jahrhundert schrieb der französische Marschall Liautey, ein großer Kenner der arabischen Welt: „Es ist ein Tambour im Orient, und wenn der die Trommel rührt, dann hört man es vom Atlas bis zum Hindukusch.“ Der Trommler ist da, das Spiel hat begonnen. ■

Professor Dr. Michael Stürmer wurde 1938 in Kassel geboren, studierte in London und Marburg und war politischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. An der Universität Erlangen-Nürnberg lehrte er drei Jahrzehnte lang Mittlere und Neuere Geschichte und leitete von 1988 bis 1998 die Stiftung Wissenschaft und Politik (damals im oberbayerischen Ebenhausen, heute in Berlin). Seit 1989 ist Stürmer Chefkorrespondent der Tageszeitung Die Welt .

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POLITIK K & WIR RTSC C HAFT Otto Wiesheu im Gespräch mit Peter Schmalz

Mehr Respekt vor den Traditionen Bayern Ex-Wirtschaftsminister sieht große Chancen im arabischen Raum Deutsche Ingenieurskunst und die Verlässlichkeit der deutschen Partner werden in den arabischen Ländern hoch geschätzt, meint der Präsident des Wirtschaftsbeirats der Union, Otto Wiesheu. Auch die umstrittene Enthaltung im UN-Sicherheitsrat bei der Libyen-Resolution werde Deutschland nicht daran hindern, in dieser Region noch erfolgreicher als bisher tätig zu sein. Peter Schmalz sprach mit dem früheren bayerischen Wirtschaftsminister. Bayerischer Monatsspiegel: Sie sind ein Kenner des arabisches Raumes, sind Präsident der deutsch-arabischen Freundschaftsgesellschaft. Hat Sie der Aufbruch in Nordafrika überrascht? Otto Wiesheu: Ja und nein. Es war nicht überraschend, dass es irgendwann zu einer Bewegung kommt, weil der Wunsch der Araber nach Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat genauso stark ist wie bei allen Menschen auf der Welt. Da bringt auch der islamische Glaube keine andere Einstellung. Überraschend war, dass das jetzt in diesem Umfang zum Ausbruch kommt.

Ländern des Ostblocks war. Nur wann was zum Auslöser wird, war im Ostblock nicht vorherzusehen und in den arabischen Ländern auch nicht. BMS: Gerade in der DDR hatten die Informationen über Rundfunk und Fernsehen aus dem Westen viel zur Aufbruchsstimmung beigetragen, in Tunesien und Ägypten waren wiederum die Medien ein wichtiger Faktor. Wiesheu: Wobei wir da unterscheiden müssen: Die neuen Medien wie das Internet haben neue Möglichkeiten der Information und Selbstorganisation geschaffen, die es so früher nicht gegeben hat. Dadurch sind Netzwerke entstanden, die mit den vorhandenen staatlichen Mitteln nicht mehr beherrschbar waren. BMS: Erleben wir eine Neuordnung von Gibraltar bis zum Horn von Afrika? Wiesheu: Es ist spannend zu beobachten, was aus dieser Entwicklung wird. Es ist auch spannend zu sehen, wie unterschiedlich dies in den verschiedenen Regionen verläuft. In Ägypten 

BMS: Gab es Anzeichen, die man hätte erkennen können? Wiesheu: Anzeichen gibt es schon länger, denn der Freiheitswille ist in den arabischen Ländern ähnlich wie er früher in den

Die Hoffnung auf mehr Chancen und Lebensglück sind groß, doch noch ist offen, welche Weeg die arabischen Staaten gehen werden.

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Otto Wiesheu ist bei der bayerischen Wirtschaft hochgeschätzt. Schon als Hauptgeschäftsführer der HannsSeidel-Stiftung und Begleiter von Franz Josef Strauß auf vielen Auslandsreisen förderte er das Interesse an Bayern und seinen Produkten. Dies konnte er als Wirtschaftsminister (1993 bis 2005) noch intensivieren. Nach vier Jahren als Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn ist der promovierte Jurist seit Juli 2009 Präsident des Wirtschaftsbeirats der Union. Unser Bild zeigt Wiesheu mit dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Seniora, mit dem er sich in seiner Funktion als Präsident der deutsch-arabischen Freundschaftsgesellschaft traf.

und Tunesien haben wir gesehen, dass alte Herrschaftssysteme sehr schnell eliminiert werden, wobei wir noch nicht wissen, was stattdessen entsteht. Prognosen abzugeben, ist sehr schwer. Vor drei Jahrzehnten gab es im Iran nach der Vertreibung des Schah die Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung, doch daraus ist dann eine Religions-Diktatur hervorgegangen. Heute sagen manche, die Moslembrüder spielen keine oder nur eine untergeordnet Rolle, aber es gibt keine gesicherte Prognose. Was sich entwickeln wird, ist offen. BMS: Aber ein neuer Chomeini scheint nicht am Horizont zu sein. Wiesheu: So ist es, doch nochmals: Was sich in den einzelnen Ländern entwickelt, ist so offen, dass Prognosen darüber verfrüht wären. Eines aber ist schon deutlich geworden: Es wird keine gleichförmige Neuordnung pauschal für alle Staaten geben.

Unser wirtschaftliches Interesse am arabischen Raum ist unterentwickelt So wird in Ägypten an einer Verfassung gearbeitet, es bilden sich Parteien und Persönlichkeiten für die kommenden Wahlen. Hier läuft der Prozess in oft überraschenden Sprüngen, während es beispielswiese in Marokko ein eher kontinuierlicher Prozess ist. Dort erleben wir eine evolutionäre Entwicklung hin zu einer konstitutionellen Monarchie. Ganz anders kann es in Algerien oder in Tunesien sein. Es gibt kein Muster für die arabischen Staaten, nach dem die Entwicklungen ablaufen werden. BMS: Kein Muster und auch keinen Dominoeffekt? Wiesheu: In den arabischen Ländern wird es sicher keinen Stillstand geben, denn durch Ägypten, Tunesien und auch Libyen gibt es einen Schub hin zu stärkeren Veränderungen, aber das Ausmaß wird von Staat zu Staat verschieden sein. BMS: Sie haben schon früher mangelndes deutsches Interesse an dieser Region beklagt. Hat sich daran in den vergangenen Monaten etwas verändert? Wiesheu: Das politische Interesse an den arabischen Staaten ist sehr stark gestiegen, was aber stets unterentwickelt war, ist das wirtschaftliche Interesse. Dabei bieten die arabischen Staaten

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viel größere Möglichkeiten, als man dies allgemein wahrnimmt, denn sie müssen sich in Infrastruktur und Technologie erheblich entwickeln. Ihre enorme demographische Entwicklung und die bessere Ausbildung junger Menschen zwingt sie dazu, stärker in die industrielle Infrastruktur zu investieren, um Arbeitsplätze zu schaffen. Da ist unabhängig von den aktuellen politischen Ereignissen ein Prozess im Gange, der in unserer unmittelbaren Nachbarschaft einen Wirtschaftsraum heranwachsen lässt, der für ein Industrieland wie Deutschland von höchstem Interesse sein muss. Das gilt natürlich auch für Bayern. Ich habe mich schon früher als Wirtschaftsminister darum gekümmert, dass wir eine Reihe dieser Länder besuchen und die Chancen für unsere Industrie kennenlernen konnten. Neben China, Indien und Russland wird der arabische Raum in den nächsten Jahrzehnten hochinteressant sein und bleiben. BMS: Spüren Sie Berührungsängste? Wiesheu: Vielen ist der Islam fremd. Dies überträgt sich dann auch auf Länder mit islamischer Prägung. Grundsätzlich kann man sagen: Wer in diesem Raum erfolgreich ökonomisch tätig sein will, muss als erstes die Kultur und die Geschichte studieren, um das notwendige Verständnis für Menschen, Traditionen und Bräuche zu entwickeln. Aber dabei unterscheidet sich der arabische Raum nicht von anderen Regionen dieser Erde. Man kommt mit den verschiedenen Religionen in Indien auch zurecht, warum dann nicht mit dem Islam in den arabischen Ländern? BMS: Spielt bei wirtschaftlichen Kontakten die Religion eine Rolle? Wiesheu: Wer in ein Land gehen will und keinen Respekt hat vor der Religion und den Traditionen dort, der soll lieber zuhause bleiben. Diese Achtung dem anderen Land und seinen Menschen entgegenzubringen, ist eine Herausforderung, die man annehmen muss, wenn man erfolgreich tätig sein will. BMS: Der arabische Raum ist teils französisch, teil britisch beeinflusst. Haben deutsche Unternehmen ein Nachsehen? Wiesheu: Diese Einflüsse kommen noch aus der Kolonialzeit, an die diese Länder nicht nur positive Erinnerungen haben. Auch insofern sind sie froh, wenn deutsche Firmen mit deutscher Technik kommen und wenn sie ohne historische Reminiszenzen Kooperationen gestalten können. Ich habe in allen Ländern erlebt, dass die

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POLITIK & WIRTSCHAFT deutsche Ingenieurskunst dort ebenso hoch geschätzt ist wie die Verlässlichkeit deutscher Partner. BMS: Spielt der Name Franz Josef Strauß noch eine Rolle? Wiesheu: In manchen Ländern wie Saudi-Arabien ganz sicher. BMS: War die Enthaltung im UN-Sicherheitsrat bei der LibyenAbstimmung ein Fehler? Wiesheu: Diese Frage spielt im arabischen Raum weniger eine Rolle als in Europa. Die Enthaltung wird uns sicher nicht daran hindern, im arabischen Raum noch erfolgreicher als bisher tätig zu sein. Denn es gibt dort kein Land, das nicht die Weiterentwicklung braucht und will. Ob in Verkehrsprojekte, in moderne Industrien, in die Weiterverarbeitung von Öl und Gas oder in die Nutzung der Solarenergie – überall muss investiert werden. BMS: Gerät das gigantische europäische Solarprojekt Desertec durch den arabischen Frühling in Gefahr? Wiesheu: Das glaube ich nicht. In Gefahr geraten könnte es nur, wenn radikale Gruppen in einigen Staaten bürgerkriegsähnliche Zustände herbeiführen und eine kontinuierliche Entwicklung verhindern würden. BMS: Wäre es solidarisch, den Sommerurlaub im ägyptischen Hurghada oder im tunesischen Djerba zu verbringen? Wiesheu: Solidarisch kann man sich auch zeigen durch Beratung und Vermittlung von Fachkräften, die mit ihrer Lebenserfahrung bei der Entwicklung der Länder helfen können. Wir

hatten ja einen großen Umbruch im eigenen Land, und wie sich die ehemalige DDR ökonomisch und gesellschaftlich verändert hat, ist trotz mancher kritischer Stimmen bei uns für viele Länder ein Muster. Viele, die damals mitgewirkt haben, könnten nun mit diesen Erfahrungen in arabischen Umbruchstaaten helfen. BMS: Und wie verhalten wir uns am besten gegenüber dem Iran? Wiesheu: Der Iran ist ein moslemisches, aber kein arabisches Land. Deshalb sollte man den Iran mit den arabischen Ländern nicht vermengen. Dass Teheran spezielle machtpolitische Interessen hat, ist richtig, das wird aber von den meisten arabischen Ländern mit großer Skepsis und sogar Abwehr gesehen. Dem Schüren von Gegensätzen im Nahen Osten durch den Iran wäre am besten mit einem Frieden zwischen Israel und den Palästinenser entgegenzuwirken. Hier wäre es höchste Zeit, dass alle Beteiligten ihrer Verantwortung gerecht werden. BMS: Gibt der arabische Frühling dem früheren amerikanischen Präsident Bush recht, der meinte: Der Wunsch nach Freiheit und nach Mitbestimmung, also nach Demokratie, wird sich durchsetzen? Wiesheu: Im Grundsatz ja, aber dieser Prozess hin zu Freiheit und Demokratie wäre ohne die amerikanische Intervention im Irak früher oder später autonom in diesen Ländern gekommen. Die amerikanische Intervention hat diese Entwicklung nicht beschleunigt, dafür aber das Ansehen Amerikas in dieser Region beschädigt. ■

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POLITIK & WIRTSCHAFT Hugo Müller-Vogg

Anonyme Plagiatsjäger Nichts gegen die Aufdeckung von Promotions-Betrug – aber bitte mit Namen

Da gibt es nichts zu beschönigen: Wer seinen Doktorvater so dreist getäuscht hat wie Karl-Theodor zu Guttenberg, dem musste der Titel aberkannt werden. Dass er zudem die Öffentlichkeit frech belogen hat, ist zwar nicht strafbar, rundet das schlechte Bild des Ex-Ministers aber ab.

Karikatur: Horst Haitzinger

Die Plagiatsforscher von „Guttenplag“ haben also ganze Arbeit geleistet, die von „Vroniplag“ ebenfalls. Veronica Saß, der Tochter Edmund Stoibers, wurde der akademische Grad entzogen, ebenso den Europa-Politikern Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis von der FDP. Dem niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) droht dasselbe, ebenso der FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Man darf wohl davon ausgehen, dass diese Damen und Herren nicht die einzigen bleiben werden, die der Täuschung bei der Abfassung ihrer Dissertation überführt werden. Denn die Plagiatsforscher im Internet haben Blut geleckt. Nicht alle, die vorgeben, sich neben Karriere und Familie „in mühevollster Kleinarbeit“ höhere akademische Weihen verdient zu haben, sind nämlich Super-Männer oder Super-Frauen. Nein, manche sind simple Täuscher, Trickser und Blender. Sie bloßzustellen, ist durchaus verdienstvoll. Denn offenbar waren die Hochschulen dazu nicht in der Lage oder nicht willens. Schließlich schmücken auch Universitäten sich gerne mit Prominenten unter ihren Doktores.

Unübersehbar ist die politische Stoßrichtung der anonymen Vorkämpfer für strenge wissenschaftliche Maßstäbe: Bisher wurden nur Promotionsarbeiten von schwarz-gelben Politikern untersucht und als Plagiate enttarnt. Wer an Zufälle glaubt, mag dies tun; doch zufällig ist die Auswahl sicher nicht.

Aber diese Blockwarte mit Tarnkappe offenbaren schwerwiegende charakterliche Mängel: Sie sind zu feige, mit offenem Visier zu kämpfen. Auch sie tricksen und täuschen – nur auf andere Art und Weise als ihre Opfer. ■

Dr. Hugo Müller-Vogg ist Publizist in Berlin und u.a. BILD-Kolumnist. In seinem letzten Buch „Volksrepublik Deutschland – Drehbuch für eine rot-rot-grüne Wende“ beschreibt er – noch fiktiv –, wie SPD, Grüne und Linkspartei eine Koalition für den Bund schmieden.

Foto: Laurenze Chaperon

Dennoch beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Denn diejenigen, die im Namen der Wissenschaft und der Ehrlichkeit Plagiate aufdecken, tun dies im Schutz der Anonymität. Niemand weiß, wer sie sind. Niemand kennt ihre wahren Motive. Niemand ahnt, wer sie finanziert. Und über ihre politischen Absichten kann man nur spekulieren.

Die Plagiat-Jäger stellen nicht nur bloß, wer bei der Promotion betrogen hat. Sie sorgen auch dafür, dass die Hochschulen jetzt und Zukunft bei der Bewertung ihrer Nachwuchswissenschaftler mehr Sorgfalt walten lassen. Dagegen ist nichts einzuwenden.

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Dies zeigt ein Blick auf die neue Internet-Plattform „PlagiPedia-Wiki“. Dort rufen ebenfalls anonyme Initiatoren zur Überprüfung von rund 200 wissenschaftlichen Arbeiten von Prominenten auf. Wörtlich heißt es dort in etwas seltsamem Deutsch: „Dieses Wiki soll die Bemühungen all jener auflisten, die das Ziel eines herausragenden wissenschaftlichen Abschlusses von Persönlichkeiten überprüfen wollen, die derzeit in besonders verantwortungsvollen Positionen unserer Gesellschaft stehen“. Ein Blick in die Namensliste offenbart die politische Schlagseite: Die zur Überprüfung freigegeben Politiker gehören fast ausnahmslos dem bürgerlichen Lager an. Hinzu kommen promovierte Unternehmer und Verbandsmanager, also böse Kapitalisten. Selbst die schon zig-Mal besprochene, gewogene und meist

Die Blockwarte mit Tarnkappe sind zu feige, mit offenem Visier zu kämpfen

Richtungweisend.

zu leicht befundene Doktorarbeit von Altkanzler Dr. Helmut Kohl aus dem Jahr 1958 (!) wird unter Generalverdacht gestellt. Auch einige wenige Parlamentarier von SPD, Grünen und Linken werden samt ihrer Doktorarbeit aufgeführt. Die sonst so tüchtigen Dissertationsprüfer haben es freilich nicht geschafft, sämtliche promovierten Bundestagsabgeordneten aller (!) Parteien aufzulisten. Kein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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Einige der Initiatoren haben sich – natürlich anonym – öffentlich darüber beschwert, dass sie bisweilen als „digitale Blockwarte“ beschimpft würden. Wer das tut, der tut den bei den Nazis wie bei den DDR-Sozialisten real existierenden Blockwarten Unrecht. Die hatten einen Namen und ein Gesicht, bekannten sich zu ihren üblen Taten. lhc11032_anzeige_richtungweisend_lufthanseat_88x147_de_a.indd 1

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POLITIK & WIRTSCHAFT Manfred Brunner

Pest oder Cholera Aus der Griechenlandkrise führt kein Königsweg

Gespannt verfolgen wir das Schicksal Griechenlands. Wir fühlen uns seinen Menschen verbunden und nicht wenige fragen sich, ob das Land nicht einfach „neu anfangen“ könnte, indem es einen Großteil seiner Schulden streicht und aus dem Euro austritt. Doch einen solchen, durchaus verlockenden Schlussstrich kann Griechenland derzeit nicht ziehen, jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Die griechischen Banken müssten 63 Milliarden Euro an Staatspapieren abschreiben und würden zusammenbrechen. Eine Neugründung des Bankenwesens würde durch eine Kapitalflucht aus Griechenland unmöglich gemacht, weshalb ein sofortiger Neustart mit eigener Währung nur mit Hilfe eines Ausstiegsfonds der EU denkbar wäre. Allein auf Griechenland bezogen wäre das für Europas Steuerzahler „günstiger“ - soweit man diesen Begriff bei einer Zwickmühle überhaupt verwenden kann - als das derzeitige Vorgehen. Selbst wenn man das Eigenkapital der griechischen Banken aus Gründen der Zukunftssicherung zur Hälfte unangetastet ließe, wären „nur“ 40 Milliarden Euro Rettungssumme notwendig. „Nur“ steht für den Vergleich mit den wesentlich teureren Euro-Rettungsschirmen. Aber das politische Ziel Brüssels ist ja die unbedingte Aufrechterhaltung des Euroraumes.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Langfristig betrachtet wird am Ende der Entwicklung aber auf jeden Fall ein massiver Schuldenschnitt stehen müssen, man spricht von 75 Prozent. Der Fahrplan dorthin könnte so aussehen: Unterstellen wir, Griechenland lässt sich auf die verabredeten Reformen voll ein und kollabiert nicht durch die so hervorgerufene Rezession, dann hätte das Land in zwei bis drei Jahren einen ausgeglichenen Haushalt, wobei der Schuldendienst nicht eingerechnet ist. Auf der anderen Seite haben bis dahin die griechischen und europäischen Banken und Versicherungen alle griechischen Staatspapiere zu Lasten der europäischen Rettungsmechanismen abgestoßen. Dann erfolgt der Schuldenschnitt. Alles zusammen wäre dies aber nur die Erledigung der Vergangenheit. Für die wirtschaftliche Zukunft braucht Griechenland

Griechenland braucht für die Zukunft einen passenden Wechselkurs eine Rückkehr zur eigenen Währung, um Neuinvestitionen zu beginnen und einen attraktiven Tourismus zu verlockenden Preisen anbieten zu können. Auch die regulären jährlichen EUZuschüsse, die Griechenland seit seinem EWG- Beitritt erhält (nach den letzten Brüsseler Statistiken immerhin durchschnittlich 7,5 Milliarden im Jahr) können dann besser eingesetzt werden, weil die nationale Kofinanzierung leichter möglich ist. Der gewiss nicht leichte Schritt zurück zur eigenen Währung ist auch unter Fachleuten umstritten. Doch Griechenland braucht für die Zukunft einen passenden Wechselkurs. Ein Wechselkurs ergibt sich aus den Wirtschaftsbeziehungen eines Landes mit seinen Handelspartnern. Ein wirtschaftlich schwaches Land kann sich nur mit einer eigenen, schwachen Währung einen Platz im Welthandel schaffen. Es kann so die Währung immer wieder abwerten und damit seine Wettbe-

werbsfähigkeit steigern. Es kann exportieren und attraktive Tourismusangebote unterbreiten. Und es zieht Investoren an. Der Nachteil wäre: Ein schwacher Wechselkurs verteuert alle Importe und zwingt zum Sparen bei Benzin und Konsumgütern. Dass dieser Weg gewählt wird, dürfte die EU verhindern wollen. Man fürchtet den Beginn einer Austrittswelle aus dem Euro. Denn zum Beispiel auch Portugal und Spanien könnten Gefallen an einem Euro-Austritt finden. Die EU wird Griechenland deshalb mit einem europafinanzierten Konjunktur - und Investitionsprogramm vom Euro- Ausstieg abzuhalten versuchen. Das müssten dann allerdings die Geberländer, allen voran Deutschland, trotz eines weitgehenden Ausfalls ihrer Einlagen und Bürgschaften, noch zusätzlich finanzieren wollen und können. Schon heute sind die Verluste, die sich aus den bisher getätigten oder bereits beschlossen Euro-Rettungsaktionen für Deutschland ergeben können, gewaltig. Im Feuer stehen derzeit der deutsche Anteil am 1. Rettungspaket für Griechenland von 110 Milliarden, dem Nachschlag in etwa gleicher Höhe, dem allgemeinen Euro-Rettungsschirm EFSF von 440 Milliarden, dem neuen Krisenmechanismus ESM ab 2013 mit 700 Milliarden. Das ergibt ein Interventionsvolumen von insgesamt 1,36 Billionen, also 1360 Milliarden Euro. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft schätzt bei einem begrenzten Krisenverlauf einen deutschen Verlust von 65 Milliarden Euro. Deutschland müsste zusätzlich anteilig rettungsbezogene Verluste der EZB ausgleichen. Seit Mai 2010 angekaufte Staatsanleihen hilfsbedürftiger Euro-Länder und Refinanzierungen griechischer Banken summieren sich nach vorsichtiger Einschätzung auf 200 Milliarden Euro. Die EZB hat darüber hinaus noch strukturierte Wertpapiere in Höhe von 480 Milliarden von Banken als Sicherheiten angenommen, deren Werthaltigkeit schwer einschätzbar ist. Der deutsche Anteil an all diesen EZB-Risiken beträgt 27 Prozent. 

Empörte Griechen protestieren gegen den Sparkurs ihrer Regierung. Aber der Weg aus der Misere wird noch schmerzhafter werden.

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POLITIK O & WIRTSCHAFT SC Eurozone aufgenommen. Italien sogar mit einer Staatsverschuldung von 121,6 Prozent des Bruttosozialproduktes statt der verlangten 60 Prozent. Man erbat und bekam eine Nachfrist von 10 Jahren. Der damalige Präsident der früheren Landeszentralbank Bayern, Franz-Christoph Zeitler, rechnete sofort warnend vor: Um dieser Zusagen einzuhalten, müssten Italien und Belgien von 1998 bis 2008 jedes Jahr einen Haushaltsüberschuss erwirtschaften. Dies erschien mehr als unwahrscheinlich und es trat ja auch das Gegenteil ein. Mit dieser Vorgehensweise wäre Griechenland übrigens auch ohne Statistikfälschung in der Eurozone aufgenommen worden. Auch Graf Lambsdorff, der 1998 im Bundestag der Euro-Einführung seine Zustimmung verweigerte, bezog sich ausdrücklich auf die Problematik Italiens und Belgiens. Und Lambsdorff galt damals als der Wirtschaftspolitiker schlecht hin.

Die Reklame nimmt frech vorweg, was die europäische Politik auf jeden Fall vermeiden will: In seiner Not kehrt Griechenland zur Drachme zurück.

Dass sich trotz aller Hilfsmaßnahmen der Euro-Raum schrittweise auflöst, ist wahrscheinlich. Wir wären dann wieder beim Europäischen Binnenmarkt ohne einheitliche Währung angelangt. Das brächte uns zwar wieder die lästige Währungs-Umtauscherei. Auch würde eine neue Deutsche Mark aufwerten. Unter der heutigen Lage sogar stark, nach eventuellen hohen Verlusten Deutschlands durch die Euro-Rettungsaktionen dann aber eher gering. Vor einer solchen Aufwertung warnen derzeit große, exportorientierte Firmen. Aber Deutschland ist mit einer starken eigenen Währung immer gut gefahren. Die Produkte

Seit dem Euro-Beginn sankt der Anteil deutscher Exporte in den Euro-Raum mussten immer besser sein als die starke Währung exportnachteilig war. Das hat zum Beispiel die deutsche Autoindustrie zum Weltmarktführer gemacht. Importe werden zudem billiger und die Inflation sinkt. Die Behauptung, Deutschland sei ein „Hauptprofiteur des Euro“ ist übrigens falsch. Seit Einführung des Euro sank der Anteil des deutschen Exports in den Euroraum am Gesamtexport von 46 auf 41 Prozent. Dagegen stieg der deutsche Außenhandel mit Asien und Osteuropa, obwohl die Wechselkurse dieser Handelspartner schwanken und diese Länder zum Teil erheblich abgewertet haben. Seit Einführung des Euros war das Wirtschaftswachstum der Nicht-Euro-Länder Schweden um 100 Prozent, Großbritannien und Schweiz um 30 Prozent höher als das Deutschlands. Zwischenzeitlich sind Italien und Belgien als gefährdete und hilfsbedürftige Länder ins Spiel gebracht worden. Diese beiden Länder wurden ohne Erfüllung der Konvergenzkriterien in die

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Wenig fundiert erscheint die Forderung von SPD-Chef Sigmar Gabriel und seiner französischen Kolleginnen Martine Aubry, zur Abwendung der Euro-Krise eine europäische Wirtschaftsregierung einzusetzen. Auch der bisherige EZB- Präsident JeanClaude Trichet vergrößert die Probleme, wenn er einen europäischen Finanzminister installieren möchte. Vor einer solchen Entwicklung hat schon Ludwig Erhard gewarnt. Und sein Nachfolger Lambsdorff meinte: „Eine Währungsunion funktioniert nicht ohne Politische Union, und die wollen wir nicht.“ Und das Bundesverfassungsgericht hat in seinen Urteilen zu Maastricht und Lissabon den Einstieg in einen europäischen Bundesstaat und einen Angriff auf das Budgetrecht des Bundestages als verfassungswidrig bezeichnet. Hellsichtig war in diesem Zusammenhang der legendäre Bundesjustizminister Thomas Dehler, der schon 1967 warnte, das organisierte Europa könne zum Ende des Parlamentarismus führen. Wäre es womöglich ein Goldner Mittelweg, einen Nord- Euro und einen Süd- Euro einzuführen? Der Theorie des „optimalen Währungsraumes“ würde eine Hartwährungsunion einerseits und eine Schwachwährungsunion andererseits sicher näher kommen als der jetzige Zustand. Aber wohin gehört dann Frankreich mit seinen mühsam verdeckten fiskalischen und wirtschaftlichen Problemen? Allein diese Frage zeigt schon, dass der politische Sprengstoff bei diesem Vorschlag noch viel größer ist als bei einer Rückkehr zu den nationalen Währungen. Letzteres wäre nur eine Rückkehr zum Status quo ante, während zwei Währungsunionen eine neue Spaltung herbeiführten. Europas Regierungen haben leichtsinnig eine Steilwand als Aufstieg gewählt und sich darin lebensgefährlich verstiegen. Die Steuerzahler werden nun als Retter gerufen. Wie auch immer es weitergeht, diese ungefragten Retter werden große Opfer bringen müssen. ■ Manfred Brunner wurde 1947 in München geboren, war FDP-Landesvorsitzender in Bayern und Kabinettschef für den Binnenmarkt der europäischen Kommission. Er gründete den Bund Freier Bürger, den er aber wegen zunehmender radikaler Tendenzen wieder verließ. 1998 erstritt er vor dem Bundesverfassungsgericht das Maastricht-Urteil, das noch heute Grundlage für Urteile dieses Gerichts zu Euro- und Europafragen ist. Brunner lebt als Rechtsanwalt in München.

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& WIRTSCHAFT Helmut Jung

„Wer einmal lügt…“ Über das Dilemma der stetig wachsenden Glaubwürdigkeitslücke zwischen Wählern und Politik

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hilft nicht weiter. Die Politik steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise, Verdienste der Vergangenheit zählen nicht mehr, das Ansehen der Politiker liegt am Boden. Man traut ihnen alles zu, aber nur das Schlechte. Ein Dilemma, an dem die Politiker nicht unschuldig sind, aber bei weiten nicht die Hauptschuld tragen. Vielmehr wurden die Wähler durch den raschen sozialen Wandel bindungsloser und volatiler. Grundüberzeugungen und Wertehierarchien sind nicht mehr in Stein gemeißelt, sondern werden themen- und situationsbedingt verändert. Hinzu kommt, dass die politischen Themen immer komplexer werden und schwerer zu durchblicken


POLITIK & WIRTSCHAFT sind. Der Wähler empfindet Intransparenz und ist verunsichert. Mangels fundierter Grundlagen über Sachfragen und Parteien entscheidet er an der Wahlurne eher gefühlsmäßig als rational. Die früher bei den Wählern vorherrschende Vermutung, dass politische Ziele und Sachthemen von der bevorzugten Partei entsprechend den eigenen Interessen und in Übereinstimmung mit den persönlichen Grundüberzeugungen verfolgt werden, ist heute selten geworden. Die Folgen: Positionen und Handeln der Politik und ihrer Akteure werden grundsätzlich kritischer beäugt. Hinzu kommt, dass die Wähler Politik nicht mehr nach der Verantwortung für die Allgemeinheit beurteilen, sondern viel mehr nach dem persönlichen Nutzen. Distanz und Verdruss entwickeln sich zwangsläufig, eine Glaubwürdigkeitslücke öffnet sich und wird dramatisch verstärkt durch Fehler der Politik – wie nicht eingehaltene Wahlversprechen oder Entscheidungen, die als pure Klientelpolitik empfunden werden. Die FDP musste dies bei der Hotelsteuer bis hin zur Existenzkrise erleiden. Somit wäre Vertrauen in Politiker und Parteien heute noch wesentlich wichtiger als früher. Doch wie ist es wiederzugewinnen? Vertrauen wächst, wenn Erwartungen im Hinblick auf Klarheit, Konsequenz und Berechenbarkeit erfüllt werden. Dies betrifft nach Erkenntnissen qualitativer empirischer Forschung keineswegs nur den so genannten Markenkern von Parteien, sondern alle politischen Sachthemen mit hoher persönlicher Relevanz. Vor diesem Hintergrund ist die rasche Kehrtwende von Union und FDP nach dem Reaktorunfall in Fukushima beim Thema Kernenergie in mehrfacher Hinsicht ein Problem, das das Ansehen dieser Parteien besonders belastet. Atomenergie war schon immer ein existenzielles Thema, weil Radioaktivität weder zu sehen, zu riechen oder zu schmecken ist, aber Gesundheit und Leben zerstören kann. Wegen dieser Risikowahrnehmungen der Bürger löste der japanische Reaktorunfall massive Ängste aus und wurde zu einem Thema von höchster Emotionalität. Die Bereitschaft, Ereignis und Risiko sachlich und rational zu betrachten, wurde weitgehend verweigert. Dies erklärt die panikartigen Forderungen, die deutschen Kernkraftwerke sofort abzuschalten und unabhängig von der

Machbarkeit schnellstmöglich aus der friedlichen Nutzung der Atomkraft auszusteigen. In einer solchen Situation stehen die politischen Akteure unter dem Druck, auf diese hoch emotionalen Befindlichkeiten der Wähler reagieren zu müssen. Geschieht dies in einer Art vorauseilendem Gehorsams, trifft die Politik zwar kurzfristig die Stimmungslage, was ihr aber im Regelfall zum Bumerang wird. Denn rasche Veränderungen und Kurswechsel sind grundsätzlich schwierig und werden mittel-

Die Wähler beurteilen Politik immer mehr nach dem persönlichen Nutzen fristig meist nicht honoriert. Veränderungsängste und die Erwartung, dass die jeweils bevorzugte Partei wichtige Positionen klar und konsequent vertritt, erlauben im Prinzip keine raschen Kurswechsel und Kehrtwendungen. Sollen Positionen in entscheidenden Fragen verändert werden, muss dies behutsam, meist schrittweise erfolgen und entsprechend kommuniziert werden, um die Wähler mitzunehmen. Diese Erfahrung hat schon Franz Josef Strauß bei dem von ihm eingefädelten Milliardenkredit an die DDR machen müssen. Die Welle des Unverständnisses seiner Wähler traf ihn allerdings fernab von Wahlen und gefährdete die Alleinregierung der CSU nicht, aus der auch parteiinternen Empörung bildeten sich jedoch die anfangs noch bürgerlich-konservativen Republikaner, gegründet von zwei CSU-Abtrünnigen. Die rasche Abkehr von der Wehrpflicht wurde in CDU und CSU hingenommen, weil sie ohnehin kein Herzensanliegen der Bürger mehr war und KarlTheodor zu Guttenberg die Notwendigkeit der schnellen Wende glaubhaft begründen konnte. Dagegen hat das Reaktorunglück in Fukushima wegen seiner Nähe zu den Landtagswahlen insbesondere in Baden-Württemberg das Dilemma der Politik verschärft und die Verantwortlichen zur Entscheidung zwischen Pest und Cholera gezwungen: Standhaft und im Einklang mit Wahl- und Parteiprogramm der Emotionswelle Paroli bieten oder auf dem Absatz kehrt und auf die momentane Stimmung einschwenken? Man entschied sich für den abrupten Kurswechsel, doch Beteuerungen, dieser sei ernst gemeint, können noch so 

Moratorium zum Atomausstieg: Hohe Zustimmung – aber kein glaubwürdiger Kurswechsel

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POLITIK & WIRTSCHAFT engagiert abgegeben werden – die Glaubwürdigkeitsfalle schnappt trotzdem zu. Die Wähler unterstellen in solchen Situationen grundsätzlich, der rasche Schwenk sei allein wegen der bevorstehenden Wahlen vollzogen und somit unehrlich. Bundeswirtschaftsminister Brüderle hat dies auch noch unmittelbar vor

Der Generalverdacht der Unehrlichkeit lässt sich nur mit Tatsachen ausräumen der Südwest-Wahl ausgeplaudert und damit den Bürger-Verdacht quasi offiziell bestätigt. Fukushima und die Reaktionen der Wähler, insbesondere bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, sind ein Paradebeispiel für diese Verhaltensmechanismen. Aus der Grafik auf Seite 21 lässt sich in Verbindung mit den Vorwahlumfragen und dem Wahlergebnis deutlich erkennen, dass die Wähler Vorgehen und Moratorium der Bundesregierung zwar mehrheitlich billigen, gleichzeitig aber nicht durch vermehrte Stimmen für CDU oder FDP honoriert haben. Sie unterstellen vielmehr Unehrlichkeit und Wahltaktik und befürchten, dass nach drei Monaten doch wohl alles beim Alten bleiben wird.

dacht der Unehrlichkeit auszuräumen und zu überwinden ist nur dann möglich, wenn die Politik statt Ankündigungen kurzfristig unumkehrbare Tatsachen schaffen kann. Bewiesen hat dies Helmut Kohl, als er 1986 nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl unverzüglich ein Umweltministerium schuf und damit kurz vor der Landtagswahl in Niedersachsen die Stimmung wenden und der Regierung Albrecht ein Weiterregieren ermöglichen konnte. Auch in Bayern wird es für die CSU von allergrößter Bedeutung sein, ob sie ihre spontane Abkehr von der Kernkraft rasch durch unumkehrbare Tatsachen im Bewusstsein der Bürger als glaubhaft verankern kann. Nicht weniger wichtig wird es allerdings sein, ob die Bürger bereit sind, ihrer frisch gewonnene Begeisterung für erneuerbare Energien ebenfalls Taten folgen zu lassen. Indem sie zustimmen, dass neue Stromtrassen sowie Kohle- und Gaskraftwerke gebaut werden und dass der Strompreis deutlich nach oben geht. Der Belastungstest für Glaubwürdigkeit steht noch beiden bevor – der Politik ebenso wie dem Wähler. ■

Hinzu kommt das stark ausgeprägte Vorurteil, der Politik fehle es an Ehrlichkeit, was wiederum rasch mit dem Spruch: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ in Verbindung gebracht wird. Diesen für die Politik äußerst problematischen Generalver-

Dr. Helmut Jung (65) ist seit Jahrzehnten in der Wahl- und Meinungsforschung tätig. Der promovierte Sozialwissenschaftler war Leiter der Wahlforschung bei der Konrad-AdenauerStiftung und gründete in Hamburg die Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung (GMS), als deren geschäftsführender Gesellschafter er bei fast allen Landtags- und Bundestagswahlen die Stimmung misst.

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AKTUELLES

Wachstum nur mit Satellit und 3. Bahn Der Münchner Flughafen Franz Josef Strauß wurde erneut zu Europas bestem Airport gekürt. Zum sechsten Mal erhielt der Flughafen München diese Auszeichnung, die auf einer Umfrage unter 11 Millionen Passagieren an über 240 Flughäfen basiert. „Das unterstreicht die Erfolgsgeschichte des Flughafens zugunsten der Menschen und der Wirtschaft im Freistaat Bayern“, betont Finanzminister und Flughafen-Aufsichtsrats-Chef Georg Fahrenschon. Die Lufthansa fliegt von München aus bereits mehr Ziele in Europa an als von Frankfurt aus. Konjunktur, Beschäftigung und Standortqualität profitierten in erheblichem Maße vom dynamisch wachsenden Luftverkehrsdrehkreuz München, so Fahrenschon. Auf nationaler Ebene hat sich München längst als unangefochtene Nummer 2 hinter Frankfurt etabliert und belegt im europäischen Vergleich den siebten Rang unter den passagierstärksten Flughäfen. Rund 18.000 zusätzliche Arbeitsplätze sind seit der Eröffnung allein auf dem Flughafengelände entstanden, insgesamt sind dort 30.000 Menschen tätig. Der Boom werde anhalten, meint der Minister, das zu erwartende Wachstum könne aber nur mit dem geplanten Satelliten für das Terminal 2 und mit der dritten Start- und Landebahn bewältigt werden.

Prima Klima für Gründer Der Freistaat hat seine Position als Gründerland Nummer 1 weiter ausgebaut. Im vergangenen Jahr haben sich 74.281 Menschen selbständig gemacht. Gegenüber dem Jahr 2009 bedeutet das ein Plus von 13.645. Damit hat Bayern die anderen Flächenländer klar abgehängt: In Hessen (+ 2.996), Niedersachsen (+ 1.046) und Nordrhein-Westfalen (+ 683) stieg die Zahl der Unternehmensgründungen deutlich verhaltener, in Baden-Württemberg (- 1.524) nahm sie sogar ab. „Wir haben unser mittelständisches Fundament enorm verbreitert“, freut sich Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil. „Das ist ein ermutigendes Zeichen und ein Beleg für die guten Rahmenbedingungen in Bayern.“ Bayerischer Monatsspiegel 159_2011

Zitate: „Wie schafft ihr es, dass eure Jugendarbeitslosigkeit nur bei 2,3 Prozent liegt?“

sive gestartet und die Zuwanderung aus dem Ausland gestaltet werden. Neben der Fachkräftesicherung werde die Energieversorgung das zentrale Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein.

Albert II., König von Belgien, erstaunt bei seinem Besuch in Bayern

„Ich halte das für großen Unsinn, mit 65 in den Ruhestand zu gehen.“ Altkanzler Helmut Schmidt, 92

„Es gibt Familien, in denen schulpflichtige Kinder die einzigen sind, die morgens noch aufstehen.“ Christine Haderthauer, bayerische Sozialministerin über manche Hartz-IV-Empfänger

Drei Neue in Tutzing Dreifacher Stabwechsel bei den Akademien in Tutzing. Nach 18 Jahre übergibt der 68jährige Politikprofessor Heinrich Oberreuter im Herbst die Leitung der Politischen Akademie in Tutzing. Seine Nachfolgerin wird die 50jährige Politik-

„In allen Demokratien hat man sich zu sehr mit der Identität desjenigen beschäftigt, der zu uns kam, und nicht genug mit der Identität des Landes, das ihn aufgenommen hat.” Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident

„Polit-Talkshows simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken.“

©epd-bild / Norbert Neetz

Foto: Harald Sippel

See-Neulinge (v.li.): Professor Ursula Münch, Udo Hahn, Günter Beckstein.

Bundestagspräsident Norbert Lammert

„Die Kraft des Südens ist jetzt auf Bayern reduziert.“ Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident, nach der Abwahl der CDU in Baden-Württemberg

Länger arbeiten und mehr lernen Rosige Zukunft: Die Studie „Wirtschaft 2035“ prognostiziert Bayern langfristig einen Spitzenplatz unter den deutschen Ländern. Eine starke industrielle Basis und eine vergleichsweise günstige demografische Entwicklung werden Bayern in den nächsten 25 Jahren ein durchschnittliches Jahreswachstum von 1,2 Prozent bescheren. „Diese Steigerungsraten werden wir aber nur erreichen, wenn es bis 2030 gelingt, die drohende Fachkräftelücke von 1,1 Millionen Menschen deutlich zu verringern“, mahnt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Die Erwerbsbeteiligung von Frauen müsse dafür erhöht werden. Außerdem schlägt Brossardt vor, die Wochen- und die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Darüber hinaus müsse eine breit angelegte Bildungsoffen-

professorin Ursula Münch von der Bundeswehruniversität München. Oberreuter hat die Akademie in einer breiten Öffentlichkeit auch durch seine zahlreichen Auftritte als Politik-Analytiker in Funk und Fernsehen bekannt gemacht. Bereits vollzogen ist die Übergabe wenige hundert Meter weiter bei der Evangelischen Akademie Tutzing. Der 48jährige Kirchenrat und Medienexperte Udo Hahn hat die Direktorenstelle übernommen, für die kurzzeitig auch die Theologin Margot Käßmann im Gespräch war. Hahn folgt Friedemann Greiner nach, der die 1947 gegründet Einrichtung zwei Jahrzehnte lang leitet. In seiner Ära wurden der „Toleranzpreis“ eingeführt und die „Stiftung Schloss Tutzing“ gegründet. Der dritte Neue ist der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günter Beckstein als Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie. Im üblichen dreijährigen Turnus folgt der CSU-Politiker dem ehemaligen SPD-Bundesfinanzminister Hans Eichel nach. Der Club lädt zweimal im Jahr zu Wochenendtagungen über aktuelle politische Themen ein.

Internet: www.bayerischer-monatsspiegel.de

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Peter Frey

Die laufenden Bilder Das Bewegtbild im Internet lockt immer mehr Nutzer

Bildschirme werden immer kleiner und handlicher. Mit dem iPod ist Fernsehen auch unterwegs komfortabel möglich. Eine neue Herausforderung für die großen Fernsehanstalten.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Ein englischer Adliger heiratet und die halbe Welt schaut zu. Die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton war das Medienereignis des Jahres. Allein in Deutschland saßen bis zu 14 Millionen Zuschauer live vor dem Fernseher, weltweit waren es geschätzte zwei Milliarden Menschen. Aber auch das Internet verzeichnete mit sage und schreibe 2,4 Millionen verschiedenen Livestream-Angeboten einen neuen Rekord. NBC meldete dazu die unglaubliche Zahl von 18 Millionen Streamnutzungen auf MSNBC.com – ein Hinweis auf die Zugkraft von Bewegtbild im Netz. Das Internet ist also ohne Bilder, die Stärken des Fernsehens, nicht mehr denkbar. Mehr noch als im Fernsehen geht es im Netz um das Gefühl, dabei zu sein – live und möglichst ungefiltert. Was Fernsehen in seinen besten Momenten ausmacht, ist auch auf den neuen Plattformen hochattraktiv: die Braut beim entscheidenden Schritt in ein neues Leben, Gaddafis letzte skurrile Auftritte, Obama, der den Tod des Terrorpaten verkündet, oder die chilenischen Bergleute, die wieder ans Licht der Welt kommen. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Also: Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um Vielfalt. Die Online-Medien liefern die nachrichtliche Erstversorgung, die Abendsendungen die Einordnung. Das Internet verändert die Rollenverteilung in der Medienlandschaft und die öffentliche Kommunikation. Journalisten und Politiker verlieren das Privileg, allein den Zugang zur Öffentlichkeit zu generieren und Agenda-Setting zu betreiben. Blogger fühlen den „Mainstream-Medien“ auf den Zahn, Wikis bringen Minister zu Fall, Twitterer befeuern gesellschaftliche Umstürze. Sie alle eint das Misstrauen gegenüber einer vermeintlich mit der Macht verbändelten Journalistenkaste, die die Perspektive und den Input gesellschaftlicher Akteure nicht ernst nimmt. Für die Fernsehverantwortlichen gibt es dennoch keinen Grund zu Pessimismus. Noch immer schalten täglich mehrere Millionen Menschen unsere Nachrichtenformate ein. Politmagazine und Talkshows sind weiter erfolgreich. Und junge Sendungen wie ZDF log in im Infokanal gewinnen politisch hochinteressierte Fangemeinden. Die Verbreitung per Internet ist dabei ein Zugewinn. Gute Dokumentationen erreichen über die Mediathek

wandern ins Netz Das wissen auch die Printmedien. Etwa Spiegel online, das mit einem Livestream auf den royalen Zug aufsprang – wenn auch satirisch distanziert. Auch andere Verlage vertrauen im Internet nicht mehr allein auf ihre Kernkompetenz, das geschliffene Wort. welt.de, faz.net, sueddeutsche.de, focus.de, bild.de – mittlerweile gibt es kein Online-Angebot mehr ohne umfangreiches Video-Angebot. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) meldet 498 Zeitungen, die ihren Online-Auftritt mit Bewegtbild aufwerten – von der Aachener Nachrichten bis zur Zweibrücker Rundschau. Das Internet macht’s möglich: Die Grenze zwischen den Medien verschwimmt. Internet – ein Medium, das alles kann. Und das ist letztlich gut so. Denn das Interesse an Information ist da. Nur die Ansprüche haben sich geändert. Wo früher als informiert galt, wer am Abend heute und Tagesschau gesehen hatte, greift man heute zum mobilen Internet. Das Bedürfnis, dabei zu sein, ist enorm, das haben auch die vergangenen Monate gezeigt. Ägypten, Japan, Libyen – selten hat das ZDF so viele Sondersendungen in so dichter Folge gesendet. Die Zuschauer blieben dran. Millionen Menschen wollten wissen, wer im Kampf um Kairo siegt, wie Japan den Super-GAU bekämpft und wie sich die Lage in Libyen entwickelt. Egal ob ZDF spezial oder heute und heute-journal: Die Zuschauer wollten aktuelle Informationen mit Bewegtbildern. Aber auch heute.de – das Portal der ZDF-Nachrichten im Netz – erreichte mit seinen Videos und exklusiven Filmen aus den Landes- und Auslandsstudios des ZDF nie gekannte Zugriffszahlen: Im März 2011 nutzten mit bis zu 710.000 Visits am Tag doppelt so viele Zuschauer die heute. de-Seiten wie im Jahr zuvor.

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binnen vier Wochen bis zu 170.000 zusätzliche Zuschauer. Auf Facebook hat das ZDF heute über 81.000 Freunde, die Nachrichten rezipieren und diskutieren. Und wenn die Online-Redaktion twittert, folgen ihr mehr als 47.000 Menschen. Das Bedürfnis der Menschen nach hochwertiger Information erstreckt sich jetzt in einen neuen Raum der Unmittelbarkeit, Interaktivität und direkten Kommunikation, in vielfältigen Formen, linear oder digital, in herkömmlichen TV-Programmen oder auf den neuen Plattformen. Die Inhalte so zu gestalten, dass die Menschen – auch die Jüngeren – sie finden, wo sie sich befinden, das ist die Herausforderung. Das kann bedeuten, dass wir an manchen Stellen spielerischer werden. Das kann ebenso bedeuten, dass wir neue Quellen wie etwa Youtube journalistisch erschließen. Nur eines gilt im neuen Medium ebenso wie im alten: Was wir vermitteln, muss glaubwürdig sein und unabhängig. Nur dann können wir Fakten und Aufklärung bieten, die auch in Zukunft ihr Publikum erreichen. ■

Dr. Peter Frey, 1957 in Bingen geboren, ist seit April vergangenen Jahres ZDF-Chefredakteur. Der Politikwissenschaftler promovierte an der Uni Mainz über das Thema „Spanien und Europa“. Ab 1992 leitete er für sechs Jahre das ZDFMorgenmagazin in Berlin und moderierte die Sendung gemeinsam mit Maybritt Illner und Cherno Jobatey. Er ist Mitglied im Zentralrat der Katholiken und Fellow des Centrums für angewandte Politikforschung an der LMU in München.

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Bild: Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen

POLIITIK & WIRTSCHAFT

Jürgen Ast

Sanfte Todesmauer Vor 50 Jahren baute die DDR die Berliner Mauer – Bis zum Jahr 2000 sollte sie „menschlicher“ werden

Im Geheimen ließ die DDRFührung daran arbeiten, die Grenze zwischen Ost und West immer undurchdringlicher zu machen. Die Vertrauliche Verschlusssache Nr. 857 426, zeigt Planungen bis zum Jahr 2000, die Kosten allein für diese Maßnahme hat der schon damals bankrotte Staat auf über 60 Millionen Mark geschätzt.

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Am 13. August jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 50. Mal. Sie teilte die Stadt 28 Jahre lang, kostet 136 Menschen das Leben und wurde zum Symbol für die Menschenverachtung des kommunistischen SED-Regimes. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus drehte der Berliner Dokumentarfilmer Jürgen Ast gemeinsam mit dem Hamburger Filmemacher Christoph Weinert für die ARD einen Film über die leidvolle Geschichte dieses schändlichen Bauwerks. Unter dem Titel „Geheimsache Mauer – Die Geschichte einer deutschen Grenze“ zeigt arte den Film am 29. Juli um 21.40 Uhr, die ARD hat ihn am 2. August um 22.45 Uhr im Programm. Für den Bayerischen Monatsspiegel beschreibt Jürgen Ast Visionen der DDR-Führung, der Todesmauer über das Jahr 2000 hinaus ein „menschlicheres“ Gesicht zu geben. Nehmen wir an, die Geschichte wäre ein wenig anders gelaufen: Die DDR leidet noch immer am immerwährenden Sozialismus und die Mauer sieht ihrem 50. Geburtstag entgegen. Das DDR-Grenzgebiet ist zu einer parkähnlichen Anlage umgebaut, Richtung West wächst eine immergrüne, akkurat geschnittene Hecke. Hinweisschilder warnen: „Staatsgrenze der DDR – Betreten verboten“. Ein junger Mann rennt plötzlich auf die Hecke zu und versucht, an ihr hochzuklettern. Er kommt nicht weit: Wie Schlangengift sprüht aus unsichtbare Düsen ein Schaum, der den Mann umhüllt und in kürzester Zeit zu einer festen Masse erstarrt. Der „Grenzverletzer“ ist wie ein Insekt im Bernstein gefangen und wird von den herbeigeeilten DDR-Grenzsoldaten verhaftet und weggetragen. Was wie Science Fiktion klingt, ist in der Akte K-752-3-001 im Bundesarchiv in Freiburg nachzulesen, wo auch der Nachlass der DDR-Grenztruppen aufbewahrt wird. Es ist einer von vielen Vorschlägen der roten Mauerstrategen, mit denen jeder Fluchtversuch unterbunden werden sollte. Zwar gab es zum Ende der achtziger Jahre im ersten deutschen „Arbeiter- und Bauernstaat“ keine politischen Visionen mehr, aber es gab erstaunliche tech-

Für den Ausbau der Mauer wollte die DDR Milliarden locker machen

Bild (2): Polizeihistorische Sammlung Berlin

nische Visionen für die Gestalt einer „Grenze 2000“. Die Liste der geheimen Planungen war so lang wie der Titel: „Vorschlag für Festlegungen für die Weiterführung der Arbeiten zur Bestimmung der Maßnahmen zur Erhöhung der Wirksamkeit von Grenzsicherungsanlagen an der Staatsgrenze der DDR zur BRD und zu BERLIN (WEST) in den Jahren 1991 – 1995/2000“.

Sein Tod wurde zum Symbol für die menschenverachtende Berliner Mauer: 1962 schossen DDR-Grenzsoldaten Peter Fechter beim Fluchtversuch an und schauten tatenlos zu, wie der junge Mann qualvoll verblutete. Das Foto wurde am 25. Mai von der Unesco als Dokumentenerbe in die Sammlung „Memory oft the World“ aufgenommen.

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Neugierig schauen Kinder zu, wie DDR-Bauarbeiter eine erste Mauer mitten durch Berlin hochziehen. Sie werden erst später den blutigen Ernst begreifen.

Noch im Januar 1989 hatte DDR-Staatschef Erich Honecker der Welt hochmütig erklärt, die Berliner Mauer würde noch in 100 Jahren stehen. Ein Jahrhundertbauwerk. Honecker kannte die Zukunftsplanungen seiner Grenzexperten, er hatte sie selbst in Auftrag gegeben und abgesegnet. Er war nicht nur der Kopf des geheimen Einsatzstabes für den Bau der Mauer am 13. August 1961, sondern bis zu seiner Entmachtung am 18. Oktober 1989 auch für alle Grenzfragen hauptverantwortlich. „Mister Mauer“ sozusagen. Auf seine Anweisungen hin ließ das Oberkommando der DDR-Grenztruppen zusammen mit einer Sonderabteilung der Staatssicherheit seit 1983 an einer neuen High-Tech-Grenze „Made in GDR“ arbeiten. Dutzende renommierte zivile Forschungseinrichtungen der DDR, darunter die Friedrich-SchillerUniversität in Jena, das Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam und der VEB Gerätebau in Dresden, wurden mit meist lukrativen Werkverträgen geködert. Spezialisten tüftelten an Mikrowellenanlagen, Infrarotschranken, elektronischen Übersteigsicherungen. Tausende in die Erde eingelassene und miteinander vernetze Sensoren sollten das Kernstück eines intelligenten Frühwarnsystems werden, das jede menschliche Bewegung registriert und jeden „Grenzverletzer“ ortet, noch bevor er die Sperranlagen erreicht hat. Für Honecker und das SED-Politbüro gab es feste Pläne: „In Zukunft würde kein noch so gewiefter Agent die Scheidelinie des Kalten Krieges mehr unbehelligt überschreiten können.“ Ziel war es, eine Staatsgrenze aufzubauen, „die einerseits jeden Fluchtversuch von vornherein zum Scheitern verurteilte, auf der anderen Seite jedoch das Schießen weitgehend unnötig machen und damit zur Stärkung des internationalen Ansehens der DDR beitragen sollte“. An ein perfektes Sperrsystem war gedacht, unsichtbar, unüberwindbar - und vor allem ohne Tote. Um das für die DDR so entscheidende Problem der Mauertoten endlich 

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„ästhetische Ausstrahlungskraft“ auf der Westseite zu erhöhen, wurden die Betonteile weiß gestrichen. Auf der Ostseite hatte die weiße Farbe freilich eine andere Funktion: Flüchtlinge hoben sich vor dem hellen Hintergrund besser ab. Dazu kam ein Hinterlandszaun, neue Betontürme, ein durchgängiger Kolonnenweg. 1988 wurden die Ausbauarbeiten mit der „Mauer 75“ eingestellt, längst liefen die Vorbereitungen für neue Mauervisionen. Auch die wenigen Grenzübergangsstellen, im DDR-Abkürzungsjargon „GÜST“ genannt, sollten modernisiert werden. Im Frühherbst

Die Vision von der „Mauer 2000“ platzte im Sommer 1989

Für die Jahre 1993 und 1994 hatte die DDR drei Millionen Mark vorgesehen für bewegliche Signalmelder mit Infrarotlichtschranken „zur getarnten Überwachung einer Sicherungslinie“.

zu lösen, wurde zwischenzeitlich auch der Einsatz neuer Gewehrtypen mit „Betäubungsmunition“ in Erwägung gezogen, hier blieben die Entwicklungen allerdings stecken. Obwohl sich die ökonomischen Krise der DDR rapide zuspitzte, waren für die „Grenze 2000“ Milliardenbeträge vorgesehen. Denn Honecker und seine Genossen wussten: Das Überleben der DDR ist nur mit der Mauer möglich. Der Ausbau der Berliner Mauer war fast drei Jahrzehnte lang ein riesiges staatliches „Forschungs- und Bauprojekt“. Herrschaaren von Spezialisten beschäftigten sich mit allen nur denkbaren Flucht-Szenarien und ihren Vereitelungen, im Kopf, auf dem Papier, auf geheimen Übungsgeländen. Immer neue Versionen undurchlässiger und perfekter Grenzanlagen entstanden so. Nach neuesten Forschungen sind sechs Ausbaustufen der Berliner Mauer zu definieren, beginnend mit der Mauer aus Menschen, den Kampfgruppenleuten, Grenz- und Bereitschaftspolizisten am 13. August 1961, die am gleichen Tag noch durch Stacheldraht und Betonpfähle ersetzt wurde, dem eigentlichen Bau einer Steinmauer drei Tage später, dem Ausbau mit Wachtürmen, Höckersperren, Hundelaufanlagen. Einen ersten durchgeplanten Grenzstreifen, inklusive Kfz-Sperrgraben und Lichttrasse, gab es seit Mitte der sechziger Jahre. Dabei wurde auch das rasch zusammengeschusterte Konglomerat aus Betonplatten, Hohlblocksteinen und Ziegeln durch eine neue einheitliche Mauer mit „positiver optischer Außenwirkung“, wie es hieß, ersetzt. Kernstück der beiden letzten realisierten Ausbaustufen vor ihrem Fall war die „Mauer 75“. Eine 3,60 Meter hohe Wand aus Betonsegmenten – als Blaupause dienten Siloteile aus der DDR-Landwirtschaft – und abgerundet von einem oben übergestülpten Rohr, an dem der Flüchtling keinen Halt finden und abgleiten sollte. Um ihre

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1989 stellten Experten der Staatssicherheit dem SED-Politbüro eine mit modernster Technik ausgestattete Grenzschleuse von Westen nach Osten mit einer rechnergestützten Abfertigung vor. Es sollte ihr Geschenk zum 40. Republikgeburtstag sein. Auch DDRDevisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski musste ran, wenn Spezialteile dafür wieder einmal nur im Westen zu beschaffen waren. Sozialistische Hochtechnologie – zum großen Teil im Westen besorgt – als Grenzbollwerke gegen den Klassenfeind. Von nun an sollten Fahndungen und geheimdienstliche Schnüffelarbeit in den „Wehrbauten“ der Grenze nicht mehr mit altertümlichen Zettelkatalogen bewältigt werden, sondern mithilfe eines raffiniert programmierten und zentral vernetzten Personalcomputers. Das war echter sozialistischer Fortschritt, ein erster praktischer Erfolg für die „Mauer 2000“. Die Genossen konnten jubeln. Doch ihre Zeit war abgelaufen. Als im Sommer in Ungarn 1989 der rostige Stacheldraht des Eisernen Vorhangs zerschnitten wurde und Hunderte DDR-Bürger in einer Massenflucht in den Westen gingen, höhnte Honecker noch, man werde „diesen Leuten keine Träne nachweinen“. Doch es dauerte nur noch wenige Tage, bis die Geschichte der Berliner Mauer endete, wie sie begann: Mit einer internationalen Pressekonferenz. 1961 log Walter Ulbricht die Welt an mit dem Satz: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ 28 Jahre später verhaspelte sich Günter Schabowski am 9. November mit den Worten: „Die zeitweise Ausreise kann ab sofort erfolgen.“ Worauf die Menschen zum Grenzübergang an der Bornholmer Straße liefen und Schabowskis Worte von den Grenzschützern einforderten: „Die Partei hat doch gesagt, wir dürfen ausreisen, und Ihr habt doch immer gesagt, was die Partei sagt, ist Gesetz. Also tut das gefälligst, Genossen!“. Aus der Vision einer perfekten undurchlässigen Grenze wurde innerhalb weniger Monate die Wirklichkeit des wiedervereinten Deutschlands. ■

Jürgen Ast wurde 1954 im brandenburgischen Treuenbrietzen geboren, studierte an der Humboldt-Universität in Berlin Mathematik und ist seit 1991 freier Regisseur und Produzent. Er drehte über 30 Fernseh-Dokumentarfilme, wurde für den Grimme-Preis nominiert und erhielt 2009 den Bayerischen Fernsehpreis. Anfang August wird in der ARD sein Film zum 50. Jahrestag des Mauerbaus gesendet.

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Vor einem Jahr war die Atomkraft noch unerlässlich für Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26. August 2010 bei Besuch des Kernkraftwerk Lingen, umgeben von Eon-Chef Johannes Theyssen, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, RWE-Power-Vorstand Gerhard Jäger und RWE-Chef Jürgen Großmann (v.li.)

Peter Schmalz

Wendig Die vielen offene Fragen der Energiewende Nach der Wende: Das war zwei Jahrzehnte lang die Zeit nach der friedlichen Revolution in der DDR, dem Zusammenbruch des SED-Regimes und der lange für unmöglich gehaltenen Wiedervereinigung Deutschlands. Die Bilanz ist, alles in allem, positiv, die Deutschen haben die ihnen unerwartet gestellte historische Herauforderung gemeistert. Nun steht das Land abermals am Beginn einer überraschenden Wende, der Energiewende. Mit einer 180-Grad-Wende zwingt die schwarz-gelbe Regierung, die erst vor wenigen Monaten die Laufzeit der deutschen Kernkraftwerke deutlich verlängert hat, zum abrupten Ausstieg aus der Atomkraft. Die CSU hat es sogar besonders eilig und wird in ihren Antiatom-Furor grüner als die Grünen. Dass sie jahrzehntelang in Partei- und Wahlprogrammen die Nutzung des günstigen Atomstroms als unerlässlich für den wirtschaftlichen Wohlstand des rohstoffarmen Freistaats bezeichnet hatte, schrumpft zum dummen Geschwätz von vorgestern. Die Laufzeitverlängerung, auch im Wahlprogramm der Union angekündigt, war mit guten ökonomischen Argumenten begründet. Nun gibt es nach der A Specht is üba a Katastrophe von Fukushima ebenfalls gute Atomkraftwerk gflogn, Gründe, die weitere friedliche Nutzung der hat gstrahlt Kernkraft auf den Prüfstand zu stellen. und gsagt: Doch die hastige Totalabkehr, die KanzleDo is da Wurm drin. rin Angela Merkel und Bayern-Chef Horst Seehofer dem Land verordnet haben und Helmut Eckl bayerischer Mundartdichter die von ihnen auch flugs für unumkehrbar und Finanzchef der LudwigMaximilians-Universität erklärt wurde, scheint mehr von parteipoliMünchen tischer Taktik getrieben als durch kluges und unvoreingenommenes Abwägen der Vor- und Nachteile sowie vor allem der auch langfristigen Risiken untermauert zu sein. Gerade Bayern, das bisher über die Hälfte seines Stroms der Kernkraft bezieht, hätte allen Grund zur Umsicht. So wäre zu klären, in welchen Schritten Ersatzstrom zu welchen Konditionen bereitsteht, ob tatsächlich bezahlbarer Strom für Haushalte und Unternehmen angeboten werden kann. Darauf zu hoffen, dass notfalls Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien beBayerischer Monatsspiegel 159_2011

sorgt wird, wäre kein überzeugendes Argument. Auch sollte für Regierungsparteien selbstverständlich sein, dass bei einer derart gravierenden Wende der bisherigen Politik Parteitage darüber debattieren, ehe Regierungen und Parlamente Beschlüsse fassen, die auch noch für unumstößlich erklärt werden. Aber Merkel und Seehofer scheuten sich, die Basis einzubeziehen, und weckten damit den Verdacht, sie wollten sich unangenehmen Fragen entziehen. Wie denen nach der Verlässlichkeit der eigenen Politik, nach den Auswirkungen auf die Arbeitsplätze, nach dem Konsens mit den europäischen Partnern, der in Sonntagsreden mit Inbrunst betont wird.

Merkel erklärt deutschen Schnellschuss zum Vorbild für den Rest der Welt Was zu erwarten gewesen wäre, ist nicht geschehen. Stattdessen erhebt die Kanzlerin den deutschen Schnellschuss zum Vorbild für den Rest der Welt. Doch die Welt denkt gar nicht daran, am deutschen Wesen zu genesen. US-Präsident Obama erklärt den Ausbau der Kernkraft zum wirksamen Klimaschutz, China und Indien wissen, dass sie den künftigen Energiehunger ihrer Völker ohne Uran nicht stillen können und planen den Neubau von Dutzenden von Atommeilern. Auch in der unmittelbaren Nachbarshaft laufen Dutzende Reaktoren, die nicht den strengen deutschen Sicherheitsvorschriften unterliegen, unangefochten weiter. Die Wende hin zur deutschen Einheit ist Geschichte. Die Energiewende ist ein gerade erst begonnenes Abenteuer. Das auch noch begleitet wird von einer Finanz- und Euro-Krise, die zu bestehen, alle Kräfte aufgeboten werden müssten. Deutschland macht sich mit Hurra auf einen Sonderweg. Noch stimmen die Deutschen zu und sind froh, dass der leidige innenpolitische Streit ums Atom beigelegt ist. Wenn aber der Klimaschutz wieder ins Bewusstsein drängt, wenn Gas- und Kohlekraftwerke gebaut und Windräder in Hausnähe hochgezogen werden und wenn auch noch der Strompreis deutlich steigt, dann kann die Zustimmung rasch umschlagen. Aus der Laufzeitverlängerung haben wir gelernt: Keine Wende ist sicher vor der Kehrtwende. ■

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POLITIK & WIRTSCHAFT Fritz Wickenh häuser

Eine Führung ohne Werte ist eine wertlosse Führung Als im Jahr 1912 meine Großeltern ihr Unternehmen in München gründeten, ahnten sie nicht, was ihnen bevorstand (zwei Weltkriege, die totale Zerstörung des Autohauses 1945, mehrere Wirtschaftskriseen). Sie hätten sich auch nicht träumen lassen, dass inzwischen aus der Autohaus usim mm bi mo bilie ei ein n Vi Vier erst ster erne ne-H Hot otel el wur urde de,, da dass he heut utee vo von n de derr vi vierrten te n Wi W ck kenhääusser e -G Gen e eration geeleeit itet et wird. Hinter dieser kurzen Unternehmensvita stecken die typischen Stärken mittelständischer Familienunternehmen: Wertebindung un nd Familienorientierung. Diesee We Dies Wert rteb e in eb ndu dung ng iist st niccht ht am ku kurz rzfr rz fris fr i ti is tige g n Sh ge Shar a eh e ol olde deerr--Val Valu Va lue lue orie or ient ie n ieertt, so nt sond nder nd nder e n am Werr t dees me m ns n chli ch hliich chen en Mitei ittei eina n ndder na ers vo von von Mittaarb Mita Mi r eiite t rn n, Kunden n, Part rtne tneern n und undd der Untterrneehmer hm mer e faami mili l ee.. Siiee li

ist di d e wi w irk rksa sams sa m te Sicherung der langfristigen Unternehmenszu zuk uku kunft nff t un undd damit von Arbeitsplätzen und ver e hinderr t na nach chwe weis islich li ch bbet etri et tri r ebsbed eb ed edin ingt in g e konj n un unkt kturellle Ent ntla lass ssun unge gen. n. Was si Wa sind ndd Wer Werte tee? Es gibbt mo m ra rali lisc sche he, wirt irtscha h ftlich che, e, sozzia iale le,, le reeli ligiös iös ösee We W rt r te, e, die zzum umei um eist ei st iirg r en rg ndw dwie iee u und nd irg rgen endw en dwoo foormuliert dw im m Rau aum m st s eh ehe hen en, so die 10 Ge Gebo boote oode derr da de dass Gr Grun ndg dges esset etz. z. IIn n de den n Bila Bi lanz la nzen een n der Unt Un ntter ernehm erne hmen en sindd sie nich chtt zu finde den, n, w wed ederr als l Akti Ak tivp ti vpos vp osten nooch ch als ls V Veer erbi bind ndli lich chke keit iten en n ode der Pa P sssiv ivpo post po s en st en.. Un Undd hier hi err beg egin gin innt nt das as groß rooße ße P Pro robl ro blem bl em dder e Bet etra rach ra c tu ch tung ng:: diie Ei ng E no nord rdnu dnu nung ng undd Be un Bewe wert rtun ung. ng. Hab aben W Wer erte t eein te in nen nW Wer ert? t? Dam Dam mitt vver erbu bund nden e ist s st diee nä di n ch hst s e Frrag age: F Fü ür ween ür n hab aben e W en Wer e te wel er elch c en n Werr t?? Wer erto tori to riienti en tier ti erun er ungg is un isstt ke kein in Sellbs bstz tzwe w ck, deenn n Stärk täärk rke, e G Grö r ße rö ß undd Sch chön ön-ön heit he iitt ist s ein Gel e äc ächt hter er und er nd nic nic icht h s we ht w rt rt,, me mein inte t sch hon A ri r st stot otelles e .

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© Fritz Wickenhäuser

Hilda und Adolf Wickenhäuser gründeten 1912 in der Münchner Schwanthalerstraße ein Autohaus. Beide hatten Benzin im Blut: Hilda war die erste Rennfahrerin in Deutschland, beide fuhren in den zwanziger Jahren von Sieg zu Sieg. Auf unserem Bild sitzt Adolf Wickenhäuser 1926 bei einem Rennen in Hindelang am Steuer, neben ihm der 13jährige Sohn Willy.


© Fritz Wickenhäuser

An erster Stelle stehen hier die Personen, die in unserer Gesellschaft und in den Organisationen verschiedenster Art die Führungsfunktion ausüben. Hier gilt ganz allgemein: Eine Führung ohne Werte ist eine wertlose Führung. Auch wenn wertorientierte Ziele in Leitbildern der Unternehmen schriftlich fi xiert werden, können sie nur nachhaltig wirksam werden durch die tatsächliche Umsetzung vor Ort durch Persönlichkeiten, die sich erkennbar den Werten verpflichtet fühlen. Anderenfalls dienen derartige Leitbilder nur als Alibi und sind entkoppelt vom Unternehmensgeschehen. Aus der derzeit vielzitierten und beschworenen Corporate Social Responsibility („CSR“) wird dann eine gefährliche selbstgefällige Moralisierung der Unternehmen, die sich in rhetorischen Beschreibungen und Absichtserklärungen erschöpft. So hatten auch die Finanzinstitute eindrucksvolle Statements zur CSR in ihren Broschüren veröffentlicht. Trotzdem haben sie durch eine kurzfristige Gewinnmaximierungsstrategie die Finanzmarktkrise verursacht. Gerne werden die mit der CSR verbunden Verantwortungen in großen Organisationen in einer eigenen (Stabs-)Stelle zusammengefasst. Damit wird von der Unternehmensführung dieser Bereich wegdelegiert, ein typischer Vorgang der Bürokratisierung von Wertorientierung. Dies ist ein Widerspruch in sich! Werte lassen sich nicht delegieren, ebenso wenig wie deren Kommunikation. CSR ist auch nicht an Berater delegierbar, die sich aber ihrerseits den Unternehmenswerten des Mandanten gegenüber verpflichtet sehen müssten, wenn ihre Beratung im Sinne der CSR nachhaltig sein sollte. Nirgends ist die Identität zwischen Unternehmer und Unternehmensphilosophie so eng und deutlich wie in mittelständischen und kleinen Famili-

1945 im Bombenhagel total zerstört, wurde der Betrieb drei Jahre später von Gründersohn Willy Wickenhäuser wieder neu aufgebaut.

ode hinausreichen. Familienbetriebe denken und handeln in Generationen. Das Oberziel ist der Erhalt des Unternehmens mit seinen Arbeitsplätzen und Kundenbeziehungen für die nächsten Generationen. Familienbetriebe pflegen Standorttreue aus Kundenbindung und Tradition. Damit wird der unverzichtbare hohe kulturelle, soziale und wirtschaftliche Wert unserer Innenstädte gesichert, wenn kommunale Rahmenbedingungen dies nicht erschweren. Den Wunsch der Menschen nach sozialer Kommunikation zeigt der Erfolg der sozialen Netzwerke im Internet mit seiner virtuelle Kommunikation und Interaktion. Doch für eine lebenswerte Gesellschaft ist das reale Gespräch unverzichtbar. Es muss auch weiterhin eine hohen Stellenwert behalten. Die skizzierte und gelebte Wertorientierung ist kennzeichnend für die Kultur der Selbständigkeit, wie sie unser Land dringend braucht. Sie zu revitalisieren und weiterzuentwickeln, ist ohne dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ethischen Beitrag der Familienbetriebe nicht darstellbar. Dies ist aber auch die ständige generationenübergreifende Herausforderung an uns Unternehmer. Diese Verantwortung und Begeisterung für wertorientiertes unternehmerisches Denken, Planen und Handeln an die nächste Generation zu vermitteln, die Freude an Innovation und Tradition weiterzugeben, das ist die Aufgabe der Senioren in der Unternehmensführung. Zu erleben, wie die Jungen auf ihre Art das Unternehmen erfolgreich weiterführen, ist für mich der größte Wert meiner unternehmerischen Laufbahn. Sicher ganz im Sinne der Gründer, meiner Großeltern. ■

Gelebte Wertorientierung kennzeichnet die Kultur der Selbständigkeit enbetrieben. Die Quelle der nicht monetären Unternehmenswerte ist der Unternehmer selbst in seiner erlebbaren Führungsrolle, persönlich, menschlich, finanziell, für alles voll verantwortlich und haftend.

Eine weitere Voraussetzung für eine wertorientierte Führung ist die Transparenz des Führungsverhaltens gegenüber Mitarbeitern und Öffentlichkeit. Eine Teilhabe der Mitarbeiter ist Bestandteil dieses Stils. Transparenz wird zu einem Beurteilungskriterium und beinhaltet zugleich das erkennbare gegenseitige Vertrauen. Der Zeithorizont ist ein wesentlicher Faktor der Wertorientierung. Werte sind zumeist langfristig gewachsene Einstellungen, die weit über die Dauer einer Bilanz oder einer Legislaturperi-

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© Franz Wickenhäuser

CSR wird hier personifiziert und mit den Mitarbeitern praktiziert, also ein echter Aktivposten. Obwohl auch meine Großeltern sich – wie viele andere Unternehmer dieser Zeit auch – diesen Aktivposten von der Gründung an aufgebaut und gepflegt haben, gibt es dazu zwar Presseveröffentlichungen, aber keinen ökonomischen Nachweis der Auswirkungen dieses gesellschaftlich unverzichtbaren Engagements. Nur die negative Aussage, ohne diesem Engagement wäre der Ruf und die Glaubwürdigkeit der Unternehmen heute um einiges geringer. Weder in den Bilanzen noch in den verschiedenen Ratingverfahren wird dies erwähnt oder gar bewertet. Anders sieht dies die Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler: „Werte sichern Erfolg – und dies in Wirtschaft und Gesellschaft.“

Harmonischer Übergang von der dritten zur vierten Generation: Prof. Dr. Fritz Wickenhäuser, 1944 in München geboren, promovierter Betriebswissenschaftler, und Tochter Kathrin. Seit zwei Jahren ist die 31-Jährige geschäftsführende Gesellschafterin des Familienbetriebs, der sich vom Autohaus in ein Hotelunternehmen (Best Western Hotel Cristal und Hotel Dolomit) verwandelt hat. Der Vater ist Honorarprofessor der touristischen Fakultät der Fachhochschule München und Ehrenpräsident des Bundes der Selbständigen in Bayern, den er bis 2010 zwölf Jahre geführt hatte.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Stefan Judisch

Akteur statt Komparse Deutschland und die EU brauchen eine aktive Rohstoffund Energiediplomatie

In einem rohstoffreichen afrikanischen Land wurde eine deutsche Delegation unlängst mit den Worten begrüßt: „Wir werden unsere Rohstoffe nach China exportieren – die waren schneller als Sie.“ Solche ernüchternden Erfahrungen sind keine Einzelfälle, sondern die immer wiederkehrende Erfahrung deutscher Vertretungen im Ausland. Nun rufen sie die Politik auf den Plan. Eine sichere Rohstoffversorgung und bezahlbare Energie sind Schlüsselfragen für Deutschland als Produktionsstandort, sagte Bundespräsident Wulff. Und der frühere Wirtschaftsminister Brüderle appellierte an die deutsche Industrie, sich „intensiver um die Sicherung unserer Rohstoffbasis zu kümmern.“

Die Bundesregierung sei bereit, die Erschließung neuer Rohstoffvorkommen mit Krediten und Bürgschaften zu unterstützen. Wir haben in der Vergangenheit zu Recht auf die Macht von Märkten gesetzt, um uns mit allem zu versorgen, was wir brauchen – aus vielfältigen Quellen und vielfältigen Kanälen. Leider gibt es immer wichtigere Teilnehmer an der Weltwirtschaft, die sich nicht auf funktionierende Märkte verlassen wollen und damit das Funktionieren der Märkte selbst behindern oder gar in Frage stellen. Allein zwischen 2008 und 2010 hat sich die Zahl der weltweiten Exportbeschränkungen für


POLITIK & WIRTSCHAFT Rohstoffe auf etwa 1.000 verdoppelt, schreibt der BDI. Beispiel: Seltene Erden, ein Produkt, ohne das viele High-Tech-Produkte nicht denkbar sind. China hat darauf fast ein Monopol. Das Land kontrolliert mehr als 90 Prozent der Seltenen Erden und verringert die Exportquoten. 14 der wichtigsten Rohstoffe für die industrielle Produktion drohen in der EU knapp zu werden. Produzenten von Mobiltelefonen, Notebooks und Fernsehern sind auf sie angewiesen. Aber es geht um mehr: Wenn Europa hier auf dem Trockenen sitzt, dann steht auch der Umbau

Werfen wir Europäer unsere politischen Ressourcen nicht in die Waagschale, werden wir bald zu Komparsen zu einer kohlenstoffarmen Energieversorgung auf der Kippe. Extrem vereinfacht: ohne Wolfram oder Germanium dreht sich kein Windrad, ohne Kobalt fährt kein Elektroauto. China verknappt auch das Angebot an Eisenerz und Kohle. Daran wird sich wenig ändern. Das Land ist schon heute der Welt größter Energieverbraucher. Rund 36 Prozent des weltweiten zusätzlichen Energieverbrauchs bis zum Jahre 2035 werden auf China entfallen, schreibt die Internationale Energie Agentur. Vor allem in Zentralasien bringt China deshalb Rohstoffvorkommen und Brennstoff-Vorräte offensiv unter seine Kontrolle, klagt der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Peking nutze dabei die Vorteile einer Staatswirtschaft, heißt es. Die China National Petroleum Corporation hat sich für 40 Milliarden US-Dollar den Zugriff auf gewaltige Gasvorkommen vor der australischen Küste gesichert. Auch die kaspische Region kann sich dem Sog Chinas nicht entziehen. Bis zu 40 Milliarden Kubikmeter Gas will Turkmenistan an China liefern – das ist fast die Hälfte des deutschen Erdgasverbrauchs eines Jahres. Im Wettbewerb um Rohstoffe und Energieträger spielen noch andere Länder offensiv. Nach einer KPMG-Studie werden neben China die Wachstumsmärkte Brasilien, Russland und Indien in den kommenden zehn Jahren ihren Energiekonsum um bis zu 80 Prozent steigern. Im Vergleich zu den heutigen Verbrauchszahlen schnellt der Bedarf in den nächsten zehn Jahren auf insgesamt 9.300 Tera-Wattstunden (TWh) empor – das ist fast das 17-fache des derzeitigen Stromkonsums in Deutschland.

Gefragte Rohstoffe: China verknappt das Angebot von Erz und Kohle.

Wenn wir nicht jetzt handeln, wird auch eine sichere Versorgung mit Energie und Rohstoffen zu angemessenen Preisen nicht mehr selbstverständlich sein. Die Bundesregierung will eine Rohstoffstrategie entwickeln, die das Engagement der Privatwirtschaft unterstützt und flankiert. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat das Thema zu einem Schwerpunkt seines G8/G20-Vorsitzes gemacht. Diese Initiativen sind richtig. Die Gefahr ist, dass wir den freien Markt mit stumpfer Klinge verfechten: Nach einer Studie von A.T. Kearney kontrollieren staatliche Öl- und Gasunternehmen rund 80 Prozent der weltweiten Reserven. Und die EU ist hier, wie auch bei Öl, Kohle und Rohstoffen, traditionell abhängig von Importen und einem möglichst freien Welthandel, der jedoch real bedroht ist. Wollen wir unser Wohlstandsniveau erhalten, lassen sich die Utopien von einer weitgehend autonomen europäischen Wirtschaft nicht umsetzen. Wir brauchen einen europäischen Energiefahrplan, der uns bei den Themen Versorgungssicherheit, Erzeugungsmix, voll funktionierender Binnenmarkt, Effizienz, Netzausbau und Diversifizierung von Energiequellen und Transportrouten ohne nationale Eifersüchteleien vorwärts bringt. International müssen wir die Marktkräfte gegen Protektionismus stärken, auch durch Initiative der Welthandelsorganisation. Wenn es um die Sicherung von Rohstoffen und Energieträgern für den Wohlstand von mehr als 500 Million EU-Bürgern geht, muss die EU ihre politischen Ressourcen koordiniert einsetzen. Andernfalls werden wir bald keine Verhandlungsposition mehr haben, sondern zu Komparsen werden. ■

Stefan Judisch, 52, studierte Betriebswirtschaft in Frankfurt, übernahm 1992 die Verantwortung für das globale Risk Management bei der UBS im Geschäftsbereich Rohstoffderivate und wechselte 2000 zu RWE Energy Trading.

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POLITIK & WIRTSC C HAFT Marianne Haas

Ehrgeiziger Reformer mit klarer Kante Genossenschaftspräsident Stephan Götzl im Porträt „Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann würde ich mir nicht nur weiterhin so gute Gesundheit wünschen, sondern auch, dass die Nächte mindestens zwei Stunden mehr haben“, sagt Diplom-Kaufmann Dr. h. c. Stephan Götzl lachend. Das ist aber auch schon das Einzige, was er über seine Person erzählen will, denn viel wichtiger sind ihm die Anliegen „seiner“ Genossen. Dass der Präsident des Genossenschaftsverbandes Bayern ständig unter Zeitdruck leidet und kaum noch Zeit für Opernbesuche oder den Golfsport hat, ist nicht verwunderlich. Immerhin ist er seit rund sechs Jahren „Chef“ von 1162 genossenschaftlichen Unternehmen in Bayern mit 53 300 Mitarbeitern. Sie umfassen 35 Branchen, die ein Netzwerk aus Produzenten, Zuliefern, Dienstleistern und Banken abbilden. Welche Bedeutung sie alle zusammen haben, beweist die Tatsache, dass 2,67 Millionen Bürger beziehungsweise jeder vierte erwachsene Einwohner im Freistaat Mitglied einer dieser Genossenschaften ist. „Unsere bayerischen Genossenschaften sind eine Organisation mit Tradition und eine Unternehmensgruppe mit Zukunft“, stellt Götzl nicht ohne Stolz fest. „Das eine ist eine Verpflichtung, das andere eine Herausforderung für die Arbeit des Genossenschaftsverbandes Bayern.“ Und diese Herausforderung hat er vor sechs Jahren gerne angenommen. Götzl gilt als ehrgeiziger Reformer. So kooperierte er schon bald zu Beginn seiner Tätigkeit mit einer Unternehmensberatung. Gemeinsam wurden Konzepte entwickelt, die helfen sollten, die Geschäftsprozesse bei den Volks- und Raiffeisenbanken zu verbessern. Aber Götzl macht auch immer wieder mit bundespolitischen Vorstößen auf Missstände in der Wirtschaft – und damit auch auf sich – aufmerksam. Viele Genossen sahen ihn daher schon als Präsident des Deutschen Genossenschaftsverbandes in Berlin – viele rümpften dagegen schon die Nase, weil er sich ihrer Meinung zu oft bei zu vielen Themen zu Wort meldet. Und auch sein durchaus bestimmender Führungsstil war für viele gewöhnungsbedürftig. Doch mittlerweile haben sie erkannt, dass er durchaus viel bewirken konnte, den Genossenschaftsverband Bayern auf Vordermann brachte und damit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte.

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„Man darf die Politik nicht nur den Politikern und Juristen überlassen, sagt Stephan Götzl. Auch die Bürger müssten darauf hinwirken, dass die Rahmenbedingungen stimmen.“ Götzl, der seit sechs Jahren den Genossenschaftsverband Bayern führt, war Umwelt-Staatssekretär in Rheinland-Pfalz.


Bayern und seine Kreditgenossenschaften

2011

2.329

Zahlen und Fakten

Junge Leute machen bei Volksbanken oder Raiffeisenbanken eine Ausbildung.

Was die Volksbanken und Raiffeisenbanken im Freistaat ausmacht

300

34.970

Volksbanken und Raiffeisenbanken gibt es insgesamt in Bayern.

Beschäftigte haben bei einer Kreditgenossenschaft ihren Arbeitsplatz.

14

Über Millionen Euro spendeten die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken im Jahr 2010 für karitative, sportliche, kulturelle und gemeinnützige Zwecke.

3.099

Geschäftsstellen stehen den Kunden für ihre täglichen Finanzgeschäfte zur Verfügung.

4.013

Stand: Januar 2011 Fotos: © panthermedia, Genossenschaftsverband Bayern e. V.

Bankautomaten vversorgen rund um die Uhr mit Bargeld.

64,6

Milliarden Euro o betrug das außerbilanzielle Kundenvolumen Ende 2010.

2,4

M Millionen Mitglieder zzählen die Kreditgenossenschaften in g B Bayern.

54

Prozent der bayerischen Bevölkerung sind Kunden bei einer Volksbank oder Raiffeisenbank.

www.gv-bayern.de

Zahlen und Fakten zu den Volks- und Raiffeisenbanken in Bayern.

Von den 1162 bayerischen Genossenschaften sind übrigens 300 Volks- und Raiffeisenbanken, die ein flächendeckendes Netz von 3099 mit Menschen besetzten Geschäftsstellen in Bayern unterhalten und 2,4 Millionen Mitglieder haben. „Unsere Devise ist: Nah beim Kunden, nah beim Menschen“, sagt Götzl und rechnet vor, dass 54 Prozent der bayerischen Bevölkerung Kunden genossenschaftlicher Geldhäuser sind. Dennoch schließt er weitere Fusionen aus Kostengründen nicht aus, ohne dass dadurch, wie er versichert, die flächendeckende Versorgung leiden würde. Die Bank-Genossenschaften bereiten dem Präsidenten allerdings auch die meisten Sorgen. Nicht, weil sie etwa schlechte Arbeit leisten. Ganz im Gegenteil. Sie waren von der Finanzmarktkrise nicht betroffen und brauchten nicht einen Cent Hilfe vom Staat. Vielmehr leiden sie, wie Götzl erläutert, ganz besonders unter der EU-Bürokratie, „und zwar völlig zu unrecht“. Grundsätzlich habe die Politik zwar aus der Finanzmarktkrise gelernt und wisse, dass diese durch unterkapitalisierte, international tätige Banken mit risikobehaftetem Wertpapiergeschäft, Investmentbanking sowie Rating-Agenturen verursacht worden sei. Sie habe daher die Regulierung des Finanzmarktsektors verstärkt. Die Schritte, die mit verschärften Richtlinien eingeleitet worden seien, gehen in die richtige Richtung, sagt Götzl. „Doch ich kritisiere die absolute Gleichbehandlung aller Banken aus EU-Sicht. Das wird dem Thema nicht gerecht und ist kontraproduktiv. Denn sie trifft mit den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen die Falschen.“ All das, was diese nur regional tätigen Retail-Institute machten, müsse man anders behandeln. Denn sie seien per se zum an-

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123,6 68,0

M Milliarden Euro betrugen die Ausleihungen der d Volksbanken und V Raiffeisenbanken in Bayern im Jahr 2010.

93,7

M Milliarden Euro Bilanzsumme erzielten B die bayerischen d K Kreditgenossenschaften 2010.

M Milliarden Euro an Kundeneinlagen verzeichK neten die Volksbanken n und Raiffeisenbanken in u Bayern im Jahr 2010.

ständigen Umgang mit ihren Kunden verpflichtet. „Man kennt sich, will sich in die Augen schauen können. Das unterscheidet uns von Internet-Banken mit anonymen Call-Agents.“ Doch wer Stephan Götzl und seinen Lebensweg kennt, weiß natürlich auch, dass der ehemalige Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und Umweltstaatssekretär von Rheinland-Pfalz die „Diktate“ aus Brüssel so nicht hinnehmen will und wird. Er engagiert sich daher nicht nur in der Finanzplatz München Initiative (FPMI), sondern nutzt auch unablässig sein eigenes, vielfältiges Netzwerk zu Wirtschaft und Politik in Deutschland und in Brüssel, um für „seine“ Institute zu kämpfen. Zum Beispiel beim Thema der Einlagensicherung. Durch die Finanzmarktkrise habe man zwar gelernt, dass der Kundenschutz im Europa der 27 Staaten – anders als in Deutschland – nur un-

Die Bank-Genossenschaften leiden unter der EU-Bürokratie zulänglich geregelt sei. Daher habe die EU die Einlagensicherung erst auf 20.000, dann auf 50.000 und schließlich auf 100.000 Euro erhöht. Jetzt sollte diese Mindestgrenze aber plötzlich als Höchstgrenze für Entschädigungen gelten. Das würde, wie Götzl kritisiert, für deutsche Verbraucher eine dramatische Verschlechterung bedeuten. Auch dass es in Deutschland eine Institutssicherung von Genossenschaftsbanken und Sparkassen gibt, habe die EU nicht interessiert. Die EU verkenne, kritisiert er, dass diese Institutseinlagensicherungssysteme vorbeugend wirkten, bevor ein Institut insolvent werde. „Daher hoffe ich, dass zum Thema deutsche Einlagensicherung/deutsche Institutssicherung

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POLITIIK & WIRTSCHAFT triebsstrukturen des Klassenprimus’ nur über die Gewerbeaufsicht geprüft. „Da muss die Politik dringend tätig werden.“ Vehement forderte Götzl seit der Diskussion um eine Bankenabgabe, kleine und mittlere Institute, die dadurch überproportional belastet würden, auszunehmen. Ausdrückliche Unterstützung des Genossenschaftsverbands Bayern findet daher das Konzept der Länderfinanzminister zur Bankenabgabe. „Es ist gut, dass die Länder sich darauf verständigt haben, kleine und mittlere Banken von der Bankenabgabe auszunehmen“, so Götzl. Dies trage der Tatsache Rechnung, dass es gerade regional tätige Kreditinstitute wie die Volksbanken und Raiffeisenbanken waren, die für Stabilität in der Finanzkrise gesorgt haben. Er begrüße, „dass nunmehr auch im Bundesfinanzministerium Vernunft eingekehrt ist und man dem sachorientierten Kompromissvorschlag der Länder folgt“. Jeder zweite Bayer ist Kunde eines genossenschaftlichen Geldhauses. Die Kleinsten starten oft mit ihrem eigenen Sparbuch bei einer der 300 Volks- und Raiffeisenbanken.

Zur Sozialen Marktwirtschaft meint der Chef des Genossenschaftsverbands Bayern, dass sie gar nicht so schlecht laufe. „Wir sind schneller aus der Krise gekommen als wir gedacht haben. Im großen politischen Konsens wurden die richtigen Entscheidungen aus dem EU-Parlament in Richtung Beibehaltung eine Nachbesgetroffen.“ Allerdings müssten die Menschen in der sich anbahnenserung kommt und auch andere Länder ähnliche Sicherungssys- den Energiedebatte auch wieder lernen, dass sich Leistung lohnen teme aufbauen. Die vorgesehenen 100.000 Euro jedenfalls wären müsse, „dass wir einen Produktionsstandort brauchen, der mit eine Verschlechterung des deutschen Verbraucherschutzes. Ich wettbewerbsfähigen Kosten arbeiten kann. Wir haben als Industrievertraue auf unsere bayerischen Europaparlamentsabgeordneten, land jetzt und auch in der Zukunft einen sehr hohen Energiebedarf. dass sie sich für das deutsche Schutzsystem einsetzen.“ Dass Wenn wir nicht verlieren wollen, wenn wir nicht wollen, dass unsere die Sicherheit für Bankkunden seit der Finanzmarktkrise ganz Betriebe ihre Produktion ins Ausland verlegen, dann müssen wir verantwortlich umdenken. Trotz der schrecklichen Ereignisse in Japan ist die Atomdebatte in Deutschland derzeit irrational und In der Krise hat die Politik richtige maßlos übertrieben. Wenn wir nachhaltig Energie schöpfen wollen, Entscheidungen getroffen“ dann brauchen wir Sonne, Wind und Wasser und auch nachwachsende Rohstoffe, was auch für die sehr angespannte Einkommensbesonders wichtig, beweise die Tatsache, dass unmittelbar danach situation der deutschen Landwirtschaft gut wäre. Das ist kein 30.000 neue Kunden ihre Einlagen zu Genossenschaftsbanken Plädoyer für eine Monokultur, aber für kleinräumige Strukturen. gebracht hätten. „Die Krise hat für Ernüchterung gesorgt. Die Das ist ausgesprochen wichtig. Unter dem Strich, wenn wir den Verbraucher achten zunehmend auf eine seriöse und nachhaltige Ausstieg versuchen, werden wir uns in der Produktion von wenigen Geschäftspolitik ihrer Bank. Sie schätzen langjährige Ansprechgroßen Energiequellen hin zu sehr viel kleineren Gedanken machen partner und spüren, dass ihr Geld bei uns sicher angelegt ist.“ müssen. Das bringt aber sicherlich auch Wachstumschancen, wenn Götzl kritisiert aber auch die deutsche Bankenaufsicht. Auch man mit Hirn und Nachhaltigkeit dieses Thema angeht“, sagt der hier sieht er Handlungsbedarf. „Es macht keinen Sinn, dass es ehemalige Umweltstaatssekretär und appelliert an die Bevölkerung: zwei Aufsichtsbehörden gibt. Die Aufsicht gehört in eine Hand, „Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Man darf die Politik und zwar in die der Deutschen Bundesbank. Ich bin aber auch nicht nur den Politikern und den Juristen überlassen. Bürger und dafür, dass das internationale Bankensystem einer wesentlich in einer verantwortungsvollen Position Tätige müssen versuchen, stärkeren Kontrolle unterzogen werden muss.“ Auch das Gefälle darauf hinzuwirken, dass die Rahmenbedingungen stimmen.“ Und zwischen kontrolliertem und unkontrolliertem Bereich ist für das versucht Götzl auch schon seinen Studenten beizubringen. Denn ihn widersinnig. Er erkennt zwar an, dass man auf das Thema „ganz nebenbei“ ist der Verbandspräsident auch noch Honorarpro„Hedge Fonds“ eingegangen sei. Aber der „Graue Kapitalmarkt“, fessor im Fachgebiet Betriebswirtschaftslehre an der Rechts- und die freien Finanzdienste, könnten völlig unkontrolliert agieren. Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander„An denen ist man nicht wirklich dran.“ Jetzt gebe es einen neuen Universität Erlangen-Nürnberg. ■ Entwurf. Finanzdienstleister müssten sich bei den Industrie- und Marianne E. Haas berichtet seit mehr als 30 Handelskammern registrieren lassen und die Kontrolle finde bei Jahren über die bayerische Wirtschaft. Ab 1994 der Gewerbeaufsicht statt. „Diese können das aber nicht, außer sie leitete sie die Redaktion „Münchner Wirtschaft“ werden personell und inhaltlich aufgerüstet. Das führt am Zweck der Süddeutschen Zeitung. Seit 2004 betreut sie vorbei und zu einer kostenmäßigen Zweiteilung.“ Die Gewerbeals freie Journalistin die Sonderseite „Finanzplatz aufsicht werde zurzeit über Steuern finanziert, während für die Bayern“ des Süddeutschen Verlages. Sie moderiert den von vielen bayerischen Privatsendern ausBundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht die Banken eine gestrahlten „Wirtschaftstreff Bayern“ und ist bei Umlage leisten. Das sei ein Ungleichgewicht, noch dazu, wenn münchen.tv und RTL München Live zuständig für die Postbank, die zur Deutschen Bank gehört, ihren Vertrieb über „Business in Bayern“. freie Handelsvertreter abwickle. Damit werde ein Teil der Ver-

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Privatbank mit Tradition Traditionelle Werte und innovative Lösungen – dafür steht DONNER & REUSCHEL seit 1798. Der Unternehmergeist und die klaren Wertvorstellungen der Gründerfamilien Donner sowie Reuschel prägen die Privatbank bis heute. Durch den Zusammenschluss der Münchener Traditionsbank Reuschel & Co. und der 1798 gegründeten Hamburger Privatbank Conrad Hinrich Donner haben sich zwei starke Partner gefunden, die seit Oktober 2010 unter dem gemeinsamen Namen „DONNER & REUSCHEL – Privatbank seit 1798“ auftreten. Der Name ist dabei Programm: Das neue Bankhaus vereint beide Traditionen, beide Kompetenzen, beide Visionen. Beide Banken ergänzen sich perfekt und bringen traditionelle Werte ein. Dabei bleibt die regionale Verbundenheit mit München und Hamburg sichtbar. Alle Mitarbeiter, vom Vorstand bis zum Berater, haben ein einziges Ziel: die Kunden bestens zu beraten, Vertrauen aufzubauen

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MADE IN GERMANY Symposium des Peutinger-Collegiums

Blick in die Zukunft Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft versuchen sich an einer Prognose für das 21. Jahrhundert Beiträge Seite 40 – 65

„Made in Germany“ als Qualitätsmerkmal (v. l.): Wolf Dieter Enkelmann, Roland Dieterle, Horst Schneider, Walter Beck, Günter Niedernhuber, Klaus Sedlbauer.

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MADE IN GERMANY

Den Briten sei Dank: Weil sie Ende des 18. Jahrhundert ihre Insel frei halten wollten von vermeintlich minderwertigen Produkten vom Kontinent, bestanden sie mit dem Handelsmarkengesetz von 1887 darauf, dass auch Waren aus Deutschland deutlich mit den Hinweis „Made in Germany“ gekennzeichnet waren. Doch was wie ein Schutz wirken sollte, verkehrte sich ins Gegenteil: „Made in Germany“ wurde für deutsche Produkte weltweit zum Gütesiegel für beste Qualität. „Made in Germany“ half mit beim Aufstieg Deutschlands zum Exportweltmeister. Doch haben sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft darauf vorbereitet, die Erfolgsgeschichte deutscher Qualität auch in Zukunft fortzusetzen? Der Bayerische Monatsspiegel dokumentiert auf den nächsten Seiten eine ExpertenDiskussion im Peutinger-Symposium.

Welt in 100 Jahren“ lautet der Titel eines wunderbaren Buches. Es ist der Bestseller aus dem Jahr 1910, also vor 100 Jahren geschrieben worden. In diesem Buch wird vorausgesagt, wie sich die Welt im 20. Jahrhundert ent wickeln wird. In der Rückschau kann man feststellen: So gut wie nichts ist ernsthaft Wirklichkeit geworden. Der Blick in die Zukunft hat einen besonderen Reiz, doch er ist eben mit Vorsicht zu genießen.

Prof. Dr. Walter Beck, Peutinger-Collegium

Panel 1: TECHNIK & KULTUR – kreativ oder zuverlässig? Die Zukunft der technischen Entwicklung

Dennoch kommt man um die Prognose für die Zukunft nicht herum. Sonst könnte man eine Firma überhaupt nicht ausrichten. Erspart bleibt einem dann auch nicht der Lerneffekt, dass die Zukunft doch ganz anders ist. Stets muss man neue Impulse aufnehmen, weshalb eine Firma gut beraten ist, sich alle paar Jahre neu zu erfinden. Mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft haben wir über die Entwicklungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte gesprochen: Ein spannendes Symposium des Peutinger-Collegiums in den Räumen der TÜV SÜD AG. ■

Fotos: Justa, München

Diskutierten über Deutschlands Zukunft (v. l.): Patrick Cramer, Peter Spiegel, Herbert Henzler, Meinhard Miegel, Franz Josef Radermacher.

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MADE IN GERMANY Die Prüfdienstleister in Deutschland und die hochqualifizier ten Ingenieure haben ihren Teil dazu beigetragen, dass „Made in Germany“ ein so gutes Image hat in der ganzen Welt. Kreativ sein wollen und werden wir auch bei der Mobilität der Zukunft. Das zentrale Qualitätsthema bei Elektro-Fahrzeugen heißt Batteriesicherheit und in der Folge davon Sicherheitskonzepte von der Entwicklung bis zur Entsorgung.

Horst Schneider, Vorstand TÜV SÜD AG

„Verlässlichkeit als deutsches Qualitätsmerkmal“ Das Automobil wird 125 Jahre alt. Eine Erfolgsgeschichte, die ganz wesentlich ist für den weltweiten Ruf Deutschlands als Land der Ingenieure. Der Aufstieg Deutschlands zu einer der führenden Industrienationen – undenkbar ohne Auto. Mit automobilen Jubiläen geht es in diesen Monaten Schlag auf Schlag. Am 1. Januar wurde die TÜV-Plakette 50 Jahre alt. Und im vergangenen Herbst wurde die Hauptuntersuchung 100 Jahre alt: Am 15. Oktober 1910 gründete der Stuttgarter DampfkesselRevisionsverein, einer der historischen Vorläufer von TÜV SÜD, eine Spezialabteilung für Fahrzeugprüfungen und führte auch die ersten Prüfungen deutschlandweit an Fahrzeugen durch. Dieses bewährte System der periodischen Fahrzeugüberwachung, das damals von kreativen Ingenieuren entwickelt wurde, ist heute der weltweite Standard, in Europa ebenso wie in Asien. Die Dampfkessel-Revisionsvereine wiederum waren als Selbsthilfeorganisation der Wirtschaft entstanden, um die Sicherheitsprobleme der Industrialisierung in den Griff zu bekommen. Qualität und Sicherheit gehörten also schon damals untrennbar zusammen und tun es auch heute noch. Kreativ und zuverlässig – das war schon damals kein Widerspruch. Man war kreativ und schaffte es, die neue Energieform der Dampftechnik schnell und umfassend in neue Anwendungen auf praktisch allen Gebieten der Herstellung von Gütern umzusetzen. Und man schaffte es genauso schnell und umfassend, dabei auch die Zuverlässigkeit sicherzustellen.

Blick in die Zukunft: Interessiert verfolgten die Zuhörer des Symposiums „Made in Germany“ in den Räumen des TÜV SÜD die Diskussion der Experten.

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Qualität heißt aber auch: Verlässlichkeit. Angaben über die Reichweite von E-Mobilen müssen zuverlässig sein. Bei Hitze genauso wie bei Kälte. Besitzer von E-Fahrzeugen begnügen sich ohnehin mit wesentlich geringerer Reichweite – 100 Kilometer statt 1000 Kilometer wie beim Diesel. Reichweite entscheidet mit über den Erfolg der Elektromobilität. Deshalb prüfen wir auch nicht nur nach theoretischen Standards, sondern nach selbst entwickelten Zyklen, die eine zuverlässige Aussage über die Reichweite von Elektrofahrzeugen selbst im tiefen Winter oder bei tropischen Temperaturen liefern. Niemand wird begeistert sein, wenn sein E-Mobil bei Nutzung der Heizung schon nach 80 Kilometer schlapp macht und nicht die angegebenen 150 Kilometer unter Normbedingungen erreicht. Ohne Zuverlässigkeit können auch noch so kreative Lösungen schnell im Abseits stehen. Wer über „Made in Germany“ spricht, kommt am Phänomen Globalisierung nicht vorbei. Die wenigsten Produkte werden heute noch in ein- und demselben Land entwickelt, hergestellt und verwendet. Kreativität ist das Gebot der Stunde und unverzichtbar für Erfolg und Überleben im Wettbewerb. An den Schnittstellen übernehmen Prüfdienstleister wie TÜV SÜD wichtige Aufgaben – damit die angestrebte Qualität von Investitions- oder Konsumgütern tatsächlich erreicht wird. Das Gütezeichen „Made in Germany“ hochzuhalten, heißt also auch: Was deutsche Ingenieure entwerfen und anstoßen, muss über die internationale Produktionskette hinweg einer Qualitätssicherung unterliegen. Wie können wir unseren Qualitätsbegriff in die Zukunft transportieren? Wie werden wir uns in den nächsten 100 Jahren fortbewegen? Wie können alle ihr Bedürfnis nach Mobilität stillen? Um diese Fragen beantworten zu können, braucht es breite gesellschaftliche Debatten. Es braucht die Verknüpfung von Wirtschaft, Politik, Technik und Kultur. Aus der Perspektive von TÜV SÜD könnte man sagen: Wir müssen immer wieder über den Plakettenrand hinaus schauen. ■


MADE IN GERMANY und Kaufgewohnheit rangiert bereits auf dem dritten Platz der Kraftstoff-Verbrauch. Der Schadstoff-Ausstoß wurde früher ungefähr so wenig wahrgenommen wie die Angabe des Fettgehalts auf Lebensmittel-Verpackungen. Und heute? Da wird sehr genau registriert, in welchem Ausmaß die Umwelt belastet wird.

Dr. Günter Niedernhuber, Finanzgeschäftsführer Vertrieb Deutschland der BMW Group

„Fundamentaler Wertewandel in der Gesellschaft“ Wenn wir bei BMW von Qualität sprechen, halten wir es gerne auch mit dem englischen Sozialökonomen John Ruskin. Der prägte den Satz: „Qualität ist kein Zufall, sie ist immer das Ergebnis angestrengten Denkens.“ Deshalb verwenden wir außerordentlich viel Energie darauf, uns in die Befindlichkeit von Autofahrern zu versetzen: Was sieht denn der Kunde von morgen überhaupt als Qualität an? Wie verändert sich der Qualitätsbegriff? Und in welchen Zeiträumen? Entwicklungen verlaufen heutzutage viel sprunghafter, viel extremer als früher. Wenn unsere Techniker über Qualität reden, dann geht es meist ganz schnell um Themen, die man messen kann: Spaltmaße; Gleichmäßigkeit der Lackierung, Funktionsfähigkeit und Bedienelemente, wie eben ist die Oberfläche; genügt das Produkt auch langfristig höchsten Ansprüchen an Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit? Kurz: Stimmt die Produktqualität? Diese Fragestellung ist eine der wichtigsten in unserer Industrie und sie ist mit der wachsenden Bedeutung asiatischer Hersteller auf dem Weltmarkt, die inzwischen zu sehr geringen Kosten akzeptable Qualitätsstandards liefern, immer noch wichtiger geworden. Dieser Herausforderung haben wir uns zu stellen, in Produktentwicklung und in den Werken – und das jeden Tag. Die Frage ist aber: reicht es aus, einfach nur gute Produkte zu haben? Wie die Kunden an das Auto herangehen, das hat sich entscheidend verändert. Wer heute Auto fährt, fährt mit Herz und mit Verstand. Klar soll das Auto schnell sein und um die Kurven flitzen. Der Kunde ist sich aber auch bewusst, dass er Verantwortung trägt. Für sich und für Andere. Als erstmals der Begriff Nachhaltigkeit in unserem Sprachschatz auftauchte, wusste kaum jemand, wie nachhaltig dies sein würde. War er womöglich nur eine Modeerscheinung? Heute wissen wir es besser: Nachhaltigkeit ist Ausdruck eines fundamentalen Wertewandels in der Gesellschaft. Wertewandel heißt konkret: eine andere Form des Umgangs mit Rohstoffen ebenso wie mit Konsumgütern. Die Menschen möchten konsumieren, aber mit gutem Gewissen. Dies betrifft die gesamte Gesellschaft und sämtliche Industrien. In der Automobilbranche werden die Ergebnisse besonders augenfällig: nach Design

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Als sich im Jahr 1995 die Automobilindustrie der sogenannten ACEA-Selbstverpflichtung unterwarf, den Flottenverbrauch innerhalb von 13 Jahren um 25 Prozent zu senken, haben viele gedacht: „So eine Selbstverpflichtung, der keine harte Sanktion gegenübersteht, die wird doch nicht eingehalten.“ Wir nahmen die Herausforderung ernst und haben uns darangemacht, diese Aufgabe zu erfüllen. Das Ergebnis war und ist unser EfficientDynamics-Technologiepaket. Dahinter steht eine Vielzahl technischer Lösungen wie etwa Start/Stop Automatik, Bremsenergierückgewinnung, elektrische Lenkung, Reduzierung interner Reibungsverluste und natürlich verbrauchsoptimierte Antriebe. Das Ergebnis: weniger Verbrauch und Emission und gleichzeitig sogar mehr Leistung. Als wir mit EfficientDynamics begannen, lagen die Flottenemissionen von BMW bei fast 200 Gramm je Kilometer. Heute liegen sie im Durchschnitt bei unter 150 Gramm je Kilometer. Damit haben wir die ACEASelbstverpflichtung klar erfüllt. Und zwar als einziger deutscher Hersteller. Ein BMW 320d Efficient Dynamics Edition verbraucht nur noch 4,1 Liter Diesel im Drittelmix. Der CO2Wert beträgt gerade mal 109 Gramm pro Kilometer. Das sind Werte, über die sich Kleinwagen-Besitzer freuen würden. Aber wir erreichen sie ohne Abstriche an der Fahrfreude. Der 320d Efficient Dynamics verfügt über eine Leistung von 120 KW, das

„Der Schadstoff-Ausstoß wurde so wenig wahrgenommen wie die Angabe des Fettgehalts bei Lebensmitteln“ sind ca. 165 PS. Noch vor 5 Jahren hätte diese Konstellation von hoher Leistung und niedrigem Verbrauch utopisch angemutet. Aber wird das ausreichen, um die Zukunft zu bestehen? Erreichen wir so einen Quantensprung? Wir meinen: nein. Wenn wir uns mit gesellschaftlichen Trends auseinandersetzen, ist einer ganz unübersehbar: die zunehmende Verstädterung der Welt. Sie ist ein durch alle Gesellschaften getriebener Trend und zieht sich konstant über alle Kontinente. Konventionelle individuelle Mobilität erzeugt externe Effekte, zum Beispiel Emissionen. Individuelle urbane Mobilität mit Null Emissionen („Zero Emissions“) führt uns direkt zum Thema Elektroantrieb. BMW hatte eines seiner ersten Elektrofahrzeuge bereits 1972 im Einsatz. Es begleitete damals die Marathonläufer bei den Olympischen Spielen. Vielen ist es damals nicht aufgefallen. Die Zeit war eben noch nicht reif für derartige Innovationen. Doch beim Marathonlauf braucht man ebenso wie bei der Automobil-Entwicklung einen langen Atem. Mit dieser Erfahrung haben wir im Jahr 2009 ein weltweites Pilotprojekt gestartet. Und zwar mit der größten Flotte von Elektrofahrzeugen, die jemals gleichzeitig getestet wurde. 600 MINI E – alle ausgerüstet mit einem 150-kw-Elektromotor – kamen dabei zum Einsatz. Und das Ergebnis hat uns alle

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MADE IN GERMANY überrascht. Für neun von zehn Nutzern war der MINI E völlig ausreichend im Hinblick auf den täglichen Mobilitätsbedarf – trotz seiner begrenzten Reichweite von rund 200 Kilometern pro Batterieladung. Zwei Drittel der Tester empfanden ihre Flexibilität überhaupt nicht beeinträchtigt. Ein erheblicher Anteil fühlte sich „weniger schuldig“ beim Autofahren. Und die überwältigende Mehrheit hat uns wissen lassen, dass es ihnen Spaß gemacht hat. Wir sind gerade dabei, einen weiteren Meilenstein in Sachen Elektroantrieb zu setzen. In Kürze werden wir den BMW 1er als Elektrofahrzeug auf die Straße bringen. Das Projekt wird uns bei der Entwicklungsreife für eine tatsächliche Serienproduktion einen deutlichen Schritt näher bringen. Auch das ist aber nur ein Schritt. Für die ultimative Lösung haben wir kürzlich die Marke BMWi ins Leben gerufen. Unter dieser Marke werden wir in den nächsten Jahren reine Elektrofahrzeuge mit wahrlich zukunftsweisender Technik anbieten. Es werden nicht wie bisher konventionelle Autos sein, in die eben ersatzweise ein Elektromotor eingebaut ist, sondern: die Fahrzeuge sind von Grund auf nur als Elektrofahrzeuge entwickelt. Das eröffnet völlig neue Perspektiven in Sachen Materialien, Design und Raumgefühl. Einer unserer Wettbewerber hat kürzlich verkündet, er würde nun darangehen, geeignete Ingenieure für Elektromobilität einzustellen. Die haben wir schon! Wir sind bereits mitten in der Entwicklung: Ab 2013 kann man diese Fahrzeuge sehen und kaufen. ■

Prof. Dr.-Ing. Klaus Sedlbauer, Leiter Fraunhofer-Institut für Bauphysik (Stuttgart, Holzkirchen, Kassel), Universität Stuttgart

„Im Ausland sind wir zu vorsichtig“ Energieeffizienz, das ist eines der ganz großen Themen im 21. Jahrhundert. Das Gebäude von heute verbraucht 80 Prozent der Geldströme während der Nutzungsphase: Klimatisierung, Modernisierung, Heizung, Beleuchtung…. Bei Fraunhofer konzipieren wir Gebäude, die minimale Energiewerte haben, also kaum Heizenergie benötigen. Oder noch besser: Plus-EnergieHäuser, die Strom produzieren. So viel, dass damit Elektroautos 60.000 Kilometer im Jahr fahren können. Die Baubranche generiert riesige Umsätze, aber sie ist ein Forschungszwerg. Während ein Flugzeughersteller im Mittelwert 13 Prozent des Umsatzes in die Entwicklung steckt und die

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Kraftfahrzeughersteller etwa 6 Prozent, liegt die Baubranche bei gerade mal 0,1 Prozent. Das wird sich aber relativ schnell ändern. Wenn wir die globalen Trends anschauen, die Verknappung von Ressourcen und Rohstoffen, dann werden wir uns in der Baubranche auf andere Bereiche konzentrieren müssen. Zum Beispiel, wie wir Gebäude erstellen mit Werkstoffen und Materialien, die ökologisch verträglich sind. Wir werden Kupfer vermutlich in wenigen Jahren nicht mehr aus der Miene holen, sondern dem Nachbarn von der Dachrinne klauen, also aus Altbauten entnehmen. Ist die deutsche Forschung wettbewerbsfähig? In den Themen Ökologie, ökonomisch sinnvolles Entwickeln von Anlagen, Technikproduktionsstätten und Energieeffizienz sind wir weltweit Spitze. Die Schattenseite: Wir haben in Deutschland sehr viele Patente. Aber wo wird das denn produziert? Wenn ich mp3Player anschaue: nicht in Deutschland. Wenn ich viele weitere Patente anschaue: ebenfalls nicht in Deutschland. Wir haben in Deutschland eine Rückversicherungstendenz. Blicken wir in die USA: Wenn die eine Firma gründen, holen die sich Geschäftsführer, die schon mal gescheitert sind. Die haben das gelernt, das machen die kein zweites Mal. Das ist in Deutschland nicht so. Da fehlt uns der Mut. Und wenn wir überlegen, wie wir von unseren Ideen aus der Forschung dann tatsächlich zum Bruttotypen und zur Produktion kommen, dann haben wir ein Tal des Todes und das ist forschungspolitisch in Deutschland förderungspolitisch nicht abgesichert. Wir haben gute Ideen, wir haben Produkte. Die werden aber nicht von der deutschen Industrie aufgenommen. So was machen die Amerikaner oder die Koreaner oder die Japaner. Im Ausland treten wir zu vorsichtig auf. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: In den Vereinigten Arabischen Emiraten soll eine hochmoderne Siedlung für 50.000 Einwohner gebaut werden. Das Ziel: kein Energieverbrauch, keine Emissionen, kein Wasserverbrauch. Wir waren dort zu dritt. Haben nach allem Wissen und Gewissen Entwicklungsideen und Produkte präsentiert – und sind nur in einem kleinen Bereich zum Zug gekommen. Warum? Weil nach uns eine japanische Delegation mit 69 Teilnehmern auftrat. Die hatten nicht nur Ingenieure, die hatten auch gleich die Juristen dabei, die hatten die Versicherungen und die Produkthersteller dabei – und das Geld auch gleich mitgebracht für die erste Phase. Ist doch klar, dass die dann eher zum Zug kommen. Ein weiteres Problem ist der Ingenieurmangel in Deutschland. Der hat unterschiedliche Ursachen. Ingenieurjobs haben hier und da einen schlechten Ruf. Bauingenieure sowieso. „Die laufen immer mit Gummistiefel rum.“ Dass das hochinnovative Jobs sind, wird leider vergessen. Wir werden in Zukunft in der Ingenieursausbildung noch einiges nachholen müssen. Ein Dilemma: Wir haben zu wenig Studierende aus dem Inland, und zu viele aus dem Ausland. Ich kann mittlerweile meine Vorlesungen in Feuchteschutz auf Chinesisch halten, neun von zehn Studierende sind Chinesen. Die würden anschließend gerne in Deutschland arbeiten, dürfen aber nicht, weil unsere politischen Regulierungssysteme das nicht zulassen. Wir bilden sie aus, dann gehen sie heim. Und wir brauchen uns nicht zu wundern, dass sie das dort anwenden. Gelernt in Germany. ■

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MADE IN GERMANY kommt man immer wieder auf sie zurück, wenn es darum geht, neue Wege zu finden. Die ganze französische Nachkriegsphilosophie etwa, vom Existentialismus bis zur Postmoderne, gäbe es ohne diese deutschen Denker gar nicht.

Dr. Wolf Dieter Enkelmann, Direktor für Forschung und Entwicklung im Institut für Wirtschaftsgestaltung, München

„Technik ist nützlich, also ist sie auch human“ Dass die Welt nach 1945 wieder Vertrauen ins ‚Made in Germany’ fasste, war wohl nicht allein technischer Ingenieurskunst und wissenschaftlichem Forscherdrang zu danken. Lange Zeit zum Beispiel, von Bach über Beethoven bis zu Alban Berg, wurden in Deutschland von West bis Ost anerkanntermaßen die Maßstäbe in der europäischen Musik gesetzt. Das Leiden an Deutschland war daher nur umso schlimmer, als man die Sprache, die Literatur und vieles mehr über alles liebte. – Wer also sind wir? Was ist deutsch? 1834 schrieb Heinrich Heine in Paris: „Die Franzosen glaubten in der letzten Zeit, zu einer Verständigung mit Deutschland zu gelangen, wenn sie sich mit den Erzeugnissen unserer schönen Literatur bekannt machten.“ Doch „die Erzeugnisse unserer schönen Literatur bleiben für sie nur stumme Blumen, der ganze deutsche Gedanke bleibt für sie ein unwirkliches Rätsel, solange sie die Bedeutung der Religion und der Philosophie in Deutschland nicht kennen.“ Nach Heinrich Heine und den damaligen Franzosen sind wir offensichtlich das Land der Dichter und Denker. Sind wir es noch? Nun, nach wie vor gilt die Philosophie des deutschen Idealismus von Kant bis Hegel sowie später dann auch Nietzsches zu den ganz großen Kulturleistungen der Menschheitsgeschichte. Ähnlich wie auf die antiken Denker Platon und Aristoteles

Die Gedanken sind frei. So wurde Kant zum ‚Zertrümmerer der Metaphysik’ und so kam Hegel zu der These: „Das Wahre ist der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist.“ Wild und ungebärdig ist dieses Denken auf der einen Seite. Auf der anderen sind diese Philosophien aber von einer akribischen Genauigkeit, die die Gebildeten unter ihren Verächtern noch heute zur Weißglut treiben kann. Das war einmal typisch deutsch, diese Verbindung eines kompromisslos freien Denkens mit einem großen Maß an Akribie und Gründlichkeit, und ist es noch immer. Wie gut vertragen sich nun aber die Qualitätsmaßstäbe des humanistischen und des technischen Fortschrittes miteinander? Zunächst muss das kein Gegensatz sein. Technik ist nützlich und was etwas nützt, ist auch human. Außerdem fördert die Technik zu Tage, wozu wir fähig sind. Dennoch gibt es, seit es die Technik gibt, Kritik an der Technokratie. Entfremdung, der Mensch wird zur Maschine, Naturzerstörung etc.. Was also setzt die humanistischen Maßstäbe?

„Die Verbindung eines freien Denkens mit einem großen Maß an Gründlichkeit, war schon immer typisch deutsch.“ Richard Wagner sagte: „Deutsch sein heißt, eine Sache um seiner selbst willen zu tun.“ Nun, so nur deutsch ist das natürlich nicht. Das findet man auch schon bei Platon und Aristoteles. Richtig aber ist: Ohne eine ausgeprägte Kultur, ‚um seiner selbst willen’ wahrzunehmen, was noch keiner gesehen hat, zur Sprache zu bringen, wofür noch niemand Worte fand und auszudenken, was undenkbar erschien, gibt es keine Freiheit, keine Ingenieure, keine Welt, keine Zukunft – und auch keine Wertarbeit. Allein vermittels dessen, was nützt und was machbar erscheint, wissen wir noch nicht, wozu uns all das etwas nützen soll und warum wir es machen sollten. Dazu, das herauszufinden, braucht es noch einen anderen Kopf. ■

Bleibt „Made in Germany“ ein Markenzeichen, mit dem Deutschland auch weiterhin im globalen Wettbewerb bestehen kann? Das Peutinger-Symposium regte die Zuhörer zu einer lebhaften Diskussion an. Bayerischer Monatsspiegel 159_2011

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MADE IN GERMANY Wir mussten zudem ein Hotel, einen Büropark und ein Museum planen. Es ist nicht so wie hier, wo eine Baubehörde eine Konzeption entwickelt, die ihnen genau vorschreibt, wie das Gebäude aussehen soll. Im Grunde hat der Präsident gesagt: „Wir brauchen ein Convention Centre – können Sie uns das machen?“ Der Rest ist unsere Aufgabe.

Prof. Roland Dieterle, Architekt BDA, CEO & Gesellschafter Spacial Management, Kigali, Ruanda, CEO Spacial Solutions München

„Deutsche Zertifizierung fast zu perfekt“ „Made in Germany“ wird primär mit dem Wort „Qualität“ in Verbindung gebracht. „Made in Germany“ ist sozusagen eine Marke und eine Marke muss man schützen. Jedoch: Wie kann man sicherstellen, dass Qualität mit all dem auch unter schwierigen Bedingungen und unter anderen Konditionen tatsächlich zustande kommt? Das ist bei Autos noch relativ leicht möglich. Wenn es um das Bauen geht, ist es schon eine ganze Ecke schwieriger, weil es sich nicht um ein Serienprodukt, sondern letzten Endes jedes mal um einen Prototypen handelt. In diesem Sinne ist die Komplexität der Frage noch größer, zumal wir nicht, wie bei einem Auto die Idee selbst haben. Vielmehr produzieren wir Ideen und Pläne – und diese Pläne müssen dann von jemanden ganz anderen umgesetzt werden. Eines unserer großen Projekte ist ein „Convention Centre“ in Kigali. Das ist mitten in Afrika. Das ist ein Projekt, das uns seit fast sieben Jahren beschäftigt, 300 Millionen Dollar schwer. Gerade arbeitet ein Büro aus Singapur an einem Masterplan für die Innenstadt. Es ist ein großer Fortschritt, dass ein Land wie Ruanda überhaupt einen Masterplan für die Hauptstadt entwickelt – und nicht nur entwickelt, sondern auch danach handelt. Weil das Büro eben aus Singapur ist, sieht die Skyline von Kigali anhand der Pläne aus wie die Innenstadt von Singapur. Das ist besonders interessant, weil Kigali nicht auf der Ebene liegt, sondern in den Bergen auf 1600 Meter Höhe in einer sehr gebirgigen Landschaft. Da fragt man sich natürlich: Was könnten wir dazu beitragen, was könnten wir anders machen, was könnten wir besser machen? Wir haben alle Gedanken von Nachhaltigkeit im Kopf. Wir haben aber auch in unserem Kopf, Dinge so zu machen, wie sie zur Landschaft und zur Gegend passen. Der Kern unseres Projektes ist diese Convention Hall. Sie ist nicht nur in einem Gebäudekomplex für mehr als 3000 Leute integriert, sondern auch eine große Kuppel. Diese Kuppel hat eine Dimension von 60 Meter im Durchmesser und von 40 Meter Höhe.

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Wir haben alles entworfen mit deutschen Ingenieuren. Wir haben 20 verschiedene Planer von Fassade, Hotel, Akustik, Konferenztechnik, Küchentechnik, Landschaft, natürlich auch in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern ausgewählt. Doch, was für eine Grundlage nehmen wir? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir nehmen die DIN, auch sie steht für „Made in Germany“. Doch da hatten wir unser erstes Problem. Wenn man nach DIN plant, dann braucht man auch jemanden, der es nach DIN ausführt. Aber in Afrika, in Indien oder China ist das nicht so einfach. Also hat man uns gefragt, ob wir nicht nach „british standups“ planen könnten. Dann wäre das schon viel einfacher. Wir wussten auch nicht, von welcher Ecke der Welt jetzt ein Unternehmer kommen würde. Wir haben es trotzdem nach DIN geplant. Also waren wir ausdrücklich dazu aufgefordert, ein deutsches oder ein europäisches Bauunternehmen nach Afrika zu bekommen. Aber wir haben kein deutsches Unternehmen gefunden, wir haben kein europäisches Unternehmen gefunden, das nach Afrika gegangen wäre. Letztendlich waren wir froh, ein chinesisches Unternehmen zu finden, das dieses Projekt ausführt. Die Preise, zu denen man das angeboten hat aus China, die waren gar nicht so viel niedriger, als wie wir das vielleicht mit einem europäischen Partner hätten machen können, aber man hat natürlich damit gewunken, vielleicht das Projekt mitzufinanzieren, das Investment mitzubringen und dementsprechend war man sich auf chinesischer Seite relativ sicher. Unser Dilemma in Deutschland: Man hat einen Vertrag geschlossen mit diesem Unternehmen und man hat zu-

„Würden gerne nach DIN bauen, aber in Afrika und China ist das nicht einfach“ gestanden, nach „chines code“ auszuführen. Alle unsere 2500 Zeichnungen müssen umgezeichnet werden. Anderthalb Jahre dauert das. Die selbe Qualität unter anderen Vorzeichen – eine große Herausforderung! Es gibt in Deutschland ein strenges Zertifizierungssystem für Gebäude. Das ist perfekter als die Zertifizierungssysteme der anderen Länder, etwa als das der USA oder Großbritanniens. Aber es ist so kompliziert, dass man es eigentlich gar nicht anwenden kann im Ausland, weil es schlicht zu aufwendig ist. Auch das ist – leider – „Made in Germany“. ■

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MADE IN GERMANY

Panel 2: WIRTSCHAFT & POLITIK – frei oder getrieben? Die Zukunft der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Moderation: Prof. Dr. Herbert Henzler, Vorsitzender des wissenschaftlich-technischen Beirats der Bayerischen Staatsregierung

zeigen, wo die Zukunft liegt, was geschehen müsse. Das macht die Politik nicht, das kann die Politik überhaupt nicht. Sondern in einem demokratischen Gemeinwesen hat die Politik die Aufgabe, dieses Gemeinwesen zusammenzuhalten, also in der Funktion einer Nachhut. Dass niemand auf der Strecke bleibt, dass alle so halbwegs mitkommen. Die Vorhut besteht aus ganz anderen Kräften, die sich gar nicht so ohne weiteres identifizieren lassen.

Prof. Dr. Meinhard Miegel, Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung

„Geborgenheit und Muse sind die Quellen von Glück und Zufriedenheit“ Über einen langen Zeitraum hinweg galt: Wenn die Wirtschaft wächst, wenn der materielle Wohlstand zunimmt, dann ist die Politik auf gutem Kurs. Seit einigen Jahren hat sich dieses Verhältnis verschoben. Immer mehr Politiker erkennen, dass die Situation der Wirtschaft und die Grundbefindlichkeit der Bevölkerung weit auseinander gehen können. Die Situation in der Bundesrepublik Deutschland könnte ökonomisch kaum besser sein. Und trotzdem befindet sich diese Regierung in schwerem Wasser. Die Erfolge der Wirtschaft machen die Menschen keineswegs mehr so zufrieden, so glücklich, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Sondern die Bevölkerung schaut nach ganz anderen Dingen. Die fragt etwa, wie der Wohlstand verteilt wird, welche Rücksichtnahme auf ökologische Dinge gelegt wird.

Man hat den Menschen über eine lange Zeit gesagt, wenn ihr den Weg des Fortschritts geht, dann werdet ihr nicht nur immer wohlhabender und gesünder werden, und eure Lebenserwartung wird immer länger – das ist ja alles eingetreten –, sondern man hat ihnen auch gesagt, ihr werdet glücklicher und zufriedener sein. Das Glücksversprechen in dieser Gesellschaft besteht in einem langen Leben und in materieller Wohlhabenheit. Und jetzt stellen die Menschen zweierlei fest. Erstens: Das Versprechen permanenter materieller Wohlstandssicherung wird nicht eingehalten. Neun von zehn Deutschen haben heute einen niedrigeren Lebensstandard als vor zehn Jahren. Der zweite Punkt ist, dass die Menschen seit nunmehr 40 Jahren die Erfahrung machen, dass sie durch all die Dinge, die um sie herum geschehen, nicht zufriedener und nicht glücklicher werden. Mexikaner, Kolumbianer, Schweden und Schweizer sind in allen Bereichen gleich zufrieden, obwohl sie einen sehr unterschiedlichen materiellen Lebensstandard haben. Das Glücklichkeitsversprechen wird also nicht eingehalten. Wenn es die Mehrung ihres materiellen Wohlstandes nicht ist, wenn es die Zunahme an der individuellen Lebenserwartung nicht ist, wenn es die Verbesserung ihres Gesundheitszustandes nicht ist, was ist es denn? Das herauszubekommen ist schwierig und einfach zugleich.

Am Beginn der säkularisierten Epoche stand das Versprechen des Fortschritts, der alles Mögliche bewirken sollte. Er sollte durch die Mehrung des materiellen Wohlstandes die Menschen befreien von allen möglichen Plagen. Der Gottesglaube war zerkrümelt, jetzt kam der Fortschrittsglaube. Und wir erleben in diesen Jahren, dass der Fortschrittsglaube zerbröselt.

Man kommt nämlich auf ganz einfache Muster, die die menschliche Evolution gelegt hat. Die Menschen wollen ein gewisses Maß an Geborgenheit, an Überschaubarkeit, an Muse. Das sind die Quellen von Glück und Zufriedenheit, wenn ein gewisser materieller Lebensstandard erreicht ist. Wenn ich hungere, wenn ich durste, dann versuche ich natürlich, diese gewissen materiellen Werte auszugleichen. Aber das haben wir in unserem Gemeinwesen überwunden. Jetzt geht es um ganz einfache Dinge.

Ich habe vor vielen Jahren in einem Buch geschrieben, es bestünde eine erhebliche Fehleinschätzung über die Möglichkeiten der Politik. Die Politik ist in einer Gesellschaft die Nachhut. Das Problem besteht darin, dass die Öffentlichkeit glaubt, die Nachhut sei die Vorhut. Die Politik müsse vorangehen. Die Politik müsste

Insofern befinden wir uns an einem kritischen Punkt: Wenn wir technische Entwicklung vorantreiben, dann sollten wir darauf achten, dass Menschen dabei bleiben. Wenn sie sagen, das können wir mit vollziehen. Das ist Teil davon, wie wir leben wollen und wie wir unseren Zufriedenhalt gestalten. ■

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Prof. Dr. Franz Josef Radermacher, Universität Ulm, Mitglied Club of Rome

„Die Steigerungsspiele machen den Menschen kaputt“ Für die meisten Menschen stellen sich materielle Fragen immer in Relation zu anderen. Das ist der Grund, warum die Anhäufung von materiellen Werten nicht so viel an der eigenen Befindlichkeit ändert, wie viele erwaten, sofern die Situation bei anderen ähnlich ist. Weil sich dann nämlich die relative Position nur wenig ändert. Wenn ich Hunger habe, muss ich satt werden, ich freue mich, wenn ich satt werde. Wenn also das Materielle darin besteht, dass ich satt werde, dann freuen sich alle, dass sie satt sind. Und wenn es kalt ist und alle können heizen, dann freuen sich alle, dass sie heizen können. Das ist die Welt der Grundbedürfnisse. Sind diese abgesichert, dann tritt der Aspekt der relativen Positionierung in den Vordergrund – und die kann sich in Breite naturgemäß nicht wesentlich verändern, egal wie sehr das Gesamtvolumen vergrößert wird. Wenn ich das Volumen aufblähe und an der Spitze des Prozesses bin, dann könnte es ja zumindest sein, dass ich glücklich bin. Der moderne Mensch betreibt Steigerungsspiele. Egal wo er steht, er muss immer noch etwas draufsetzen. Aber wenn ihm das gelingt, befriedigt ihn das nur kurzzeitig. Anschließend muss er schon wieder etwas draufsetzen. Der Mensch macht Steigerungsspiele, und die Steigerungsspiele machen auf Dauer den Menschen unglücklich. Zeitschriften über Celebrities sind dafür eine gute Informationsquelle. Wenn heute eine Schauspielerin einen Oskar bekommt, ist sie innerhalb von zwei Jahren geschieden. Das ist das Einzige, was sicher folgt. Wo sind die Quellen des Glücks? Wenn man sich aus einer schwierigen Lage kontinuierlich vorarbeitet, fördert dies das Glück. Wenn man Dinge im Zusammenwirken mit anderen schafft, erlebt man oft ein beglückendes Gefühl. Aber die Lösung kann ja nicht sein, erst wieder richtig arm zu werden, weil es so schön ist, wenn es aufwärts geht. Kurzum: Über das Materielle lassen sich die Dinge so einfach nicht regeln, aber es ist auch nicht so einfach, wieder zurück zu gehen. Wenn einmal der Geist aus der Büchse ist, dann kann man ihn nicht einfach wieder zurück tun. Meine größte Sorge ist, wir könnten auf den Weg kommen, dass wir das Glück über Pharmaka eher technisch herbei führen wollen. Das würde dann mit unserer Vorstellung eines freien Menschen nicht mehr konform gehen. Zum freien Menschen gehört eben auch, dass er nicht dauernd glücklich sein muss. Einige unserer größten Denker haben uns beschrieben: Das Glück resultiert daraus, dass man mit anderen gemeinsam an schwierigen Dingen arbeitet und am Ende

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zum Ziel kommt. Für einen Wissenschaftler ist das vielleicht eine Entdeckung, eine Innovation, eine Einsicht. Die Menschen wollen zumindest im Ökonomischen Sicherheit, wobei es dabei nicht so sehr auf das absolute Niveau ankommt. Wenn die Menschheit einmal ein auskömmliches Wohlstandsniveau erreicht hat, sollte es langfristig gesichert sein. Eltern wollen Sicherheit für ihre Kinder. Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder in 20 Jahren arbeitslos werden. Kinder wollen nicht, dass zum Schluss die Gesundheitskosten für die Eltern so hoch sind, dass sie ihr eigenes Leben dadurch gefährden. Und es ist auch kein Zustand, wenn eine Familie ihre wirtschaftliche Lage gefährden muss, damit die Kinder eine Ausbildung erhalten können. Deshalb setze ich mich für eine Marktwirtschaft ein, die eine soziale und eine ökologische ist (weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft), und zwar angelegt über lange Zeiträume. Das Prinzip ist nicht Wachstum um jeden Preis, sondern Wachstum unter der Bedingung, dass wir auf der ganzen Welt die Umweltprobleme und die sozialen Probleme lösen. Wenn wir das versuchen, dann haben wir eine zutiefst sinnstiftende Tätigkeit. Die ökonomische Seite des Lebens und der Zivilisation ist natürlich wichtig. Man sollte diese zentrale Bedeutung nicht unterschätzen. Aber man sollte sie so ausgestalten, dass nicht die Mehrung um jeden Preis das Ziel ist, sondern, dass wir für den weit größten Teil der Menschen auf dieser Welt eine ziemlich zuverlässige Zukunftsperspektive sicherstellen. Dies beinhaltet Zeit für Familie, für Kinder. Und dass man sich nicht immer hetzen oder seine Kinder weiterreichen muss, weil man „Wertschöpfung“ zu betreiben hat. Man sollte eine Gesellschaft bauen, die neben der Ökonomie noch genügend Raum für anderes hat – ökosozial statt marktradikal. ■

Peter Spiegel, Genesis-Institut für Social Business, Berlin

„In armen Ländern werden Innovationen entstehen“ Wir waren gewohnt, die sozialen Anforderungen mehr beim Staat zu sehen. Der Staat sollte regeln, was die Wirtschaft in sozialer Hinsicht zu leisten hat. Doch: Ist das noch der richtige Ansatz? Und die westliche Ökologiebewegung, die Stiftungen und staatlichen Einrichtungen, haben gemeint, wenn es sich die Solarenergie bei uns schon nicht rechnet, dann wird sie sich in Bangladesch nie und nimmer rechnen. Doch ein Unternehmer mit sozialen Anliegen hat einfach die Frage gestellt: Was zahlen man in Bangladesch für die Energie? Und er stellte fest, dass ausgerechnet die Ärmsten am meisten zahlen. Und er hat ein einfaches Rechenbeispiel angestellt. Er fragte: Wenn wir den Ärmsten eine einfache Solaranlage hinstellen, die sie dann selbst abbezahlen, wie lange dauert es, bis sie abBayerischer Monatsspiegel 159_2011


MADE IN GERMANY bezahlt ist, wenn die Armen denselben Betrag, den sie bisher für den Strom bezahlt haben, monatlich als Abzahlungsrate leisten? Das erstaunliche Ergebnis: Nach drei Jahren wäre die Anlage abbezahlt. Diese halten aber acht Jahre und mit einer gewissen technischen Betreuung sogar 15 Jahre. Damit ist ein ökologischer Ansatz weltweit aufgezeigt, denn jetzt kann für die Solarenergie ausgerechnet in den Ländern der Dritten Welt ein gigantisch großer Markt entstehen. Das ist eine große Chance für unsere Solarunternehmen, auf diese Weise einen Weltmarkt zu erschließen, hilft aber gleichzeitig, soziale Probleme in Bangladesch zu lösen. Dieses Beispiel zeigt, dass man Innovationsdenken nicht mehr nur auf den Bedarf der Reichen ausrichtet, von denen man erwarten kann, dass sie innovative Produkte bezahlen können. Innovationen kann man auch an den Bedarfen der sozial schwachen Länder orientieren. Dort wird eine neue Dynamik an Innovationen entstehen, von denen wir tatsächlich ein soziales und ökologisches Wirtschaftswunder organisieren können. An Stellen, wo die Bedarfe in der Weltgesellschaft tatsächlich liegen. Wenn wir nicht Verantwortung übernehmen für die Lösung der Armutsprobleme in der Welt durch kreative wirtschaftliche Ansätze, dann werden wir uns im globalen Wettbewerb immer mehr

selber zu Verlierern machen. Indem wir dort Leistung erbringen, fördern wir den Erhalt unserer Wirtschaft. Die Relevanz ist für uns gigantisch groß. Der Chef von Danone Deutschland erzählte, bei der Entwicklung eines Joghurt für Bangladesch, der den Nahrungsbedarf der Ärmsten befriedigt, seien Mitarbeiter aufgeblüht wie nie zuvor. Er sagte, wenn ich heute nach dem besten Motivationsinstrumentarium für meine Mitarbeiter suchen würde, dann ist es genau das. Das wird inzwischen auch von Danone für sozial Schwache in Deutschland gemacht. Das hat die Mitarbeiter in völlig neue Dimensionen gebracht. Ein anderes Beispiel aus dem gesellschaftlichen Bereich ist unser Bildungssystem. Eine Lehrerin in Berlin geht einen neuen Weg. Sie erzieht die Kinder dafür, Verantwortung zu übernehmen, aber nicht theoretisch, sondern sie motiviert sie, die gesellschaftlichen Probleme in ihrer Stadt zu lösen. Die Schüler werden Sprachbotschafter, gehen in die sozialen Brennpunkte und bieten dort ein Coaching an, um Altersgenossen in den Problemzonen zu begleiten. Diese Schüler haben eine unglaubliche neue Lebensfreude. Da ist eine Motivation, die ich bis vor drei Jahren in dieser Gesellschaft als verloren gegangen geglaubt habe. Plötzlich tut sich etwas völlig Neues auf. Soziale Innovation an den Brennpunkten wird uns wirtschaftlich und gesellschaftlich entscheidend voranbringen. ■

www.red.de

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Verantwortung übernehmen Als leistungsfähige Verkehrsdrehscheibe inmitten einer blühenden Kulturlandschaft trägt der Flughafen München zu Wohlstand und Wachstum in unserer Heimat bei. Indem wir den Prinzipien der Nachhaltigkeit folgen, sorgen wir dafür, dass dies auch künftig so bleibt. Wir übernehmen Verantwortung gegenüber Umwelt, Nachbarn, Kunden und Mitarbeitern. Die nachhaltige Weiterentwicklung des Münchner Flughafens sichert Zukunftsfähigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz dieser für den Wirtschaftsstandort Deutschland so wichtigen Verkehrsanlage. www.munich-airport.de Bayerischer Monatsspiegel 159_2011

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MADE IN GERMANY

Prof. Dr. Patrick Cramer, Ludwig-Maximilians-Universität (Biochemie), Mitglied des Zukunftsrates Bayern

„Heute müssen Geschäftsideen extrem solide sein“ Ende der 90er Jahre in Kalifornien: An der Universität haben mir die jungen Kollegen von ihren Geschäftsideen erzählt – und vor allem, welche Gehälter sie sich selbst zahlen würden, wenn sie denn das Risikokapital abgeholt hätten. Das klang verlockend. Abends bin ich dann zu meiner Frau nach Hause und sagte zu ihr, die Idee leuchte mir nicht ein. Zu jener Zeit wurde auf hohem Niveau gezockt, heute wissen wir längst, dass diese Seifenblase rasch zerplatzte, viele Unternehmen der Biotechnologie verschwanden vom Markt. Doch in den USA ging man mit dem Zusammenbruch

um das Millenium herum ganz anders um. Dort sagte man, einer von zehn hat es geschafft. Bei uns würde man sagen: 90 Prozent haben es nicht geschafft. Aber die Amerikaner haben da eine andere Herangehensweise: Da wird einfach probiert, es wird was gemacht. Inzwischen haben wir natürlich eine völlig andere Situation. Es ist viel weniger Risikokapital da. Die Geschäftsideen müssen extrem solide sein. Es braucht ein klares Businessmodel, das ziemlich verlässlich Rendite verspricht. In der Biotech-Industrie erleben wir nun eine Konsolidierungsphase. Viele mittelständische Unternehmen haben sich sehr erfreulich entwickelt. Der Großraum München, hier besonders Martinsried, ist längst der Schwerpunkt für die Gentechnik in Deutschland geworden. Unsere Absolventen im Gen-Zentrum sind außerordentlich gefragt. Salopp gesagt: Die gehen weg wie warme Semmeln. Das Interesse ist hoch an Proteinforschung und an Genomforschung. Die Firmen sind sehr dankbare Abnehmer für diese hochqualifizierten jungen Leute. Diese jungen Leute haben alle Chancen und werden unterstützt, doch am Ende ist auch jeder ein wenig seines Glückes eigener Schmied. Familie, Freunde und der Austausch mit Anderen, auch mal den weiten Horizont zu sehen, das sind Dinge, die einen glücklich machen können. Wie Politik überhaupt in der Gesellschaft oder auch in der Wirtschaft wirken kann? Eine Schlüsselfunktion hat hier der Bildungsbereich. Bildung ist ein äußerst wertvolles Gut, das man jungen Menschen fürs Leben mitgeben muss. Andere Dinge hingegen kommen und gehen. Viele scheinen leider vergessen zu haben, dass Bildung von Formen her kommt, wir wollen ja die Persönlichkeit formen. Bildung ist also keine Vermittlung von Faktenwissen, das man ohnehin in Sekunden online verfügbar hat. ■

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Den Wind so nutzen, dass uns morgen nicht die Puste ausgeht. Wir fangen schon mal an.

Wenn wir bei BayWa morgen etwas erreichen wollen, machen wir es uns einfach – wir fangen heute schon damit an. Erneuerbare Energien sind unsere Zukunft. Deshalb investiert BayWa in innovative Technologien von morgen. Über 17.000 Mitarbeiter widmen sich in den Bereichen Agrar, Bau und Energie mit Leidenschaft der Sicherung unserer Grundbedürfnisse. Heute, morgen, übermorgen – und das seit 1923.

www.baywa.de


Foto: HRSchulz

Deutsche Qualität bringt ihm weltweiten Erfolg: Der oberbayerische Modellbauer Maximilian Lörzel mit einet Studie zu einem Rennwagen.

Peter Schmalz

Jede Woche ein Zukunftsauto Bayerische Modellbauer mit dem Zertifikat „Made in Germany“ ausgezeichnet Im oberbayerischen Oberpframmern werden unter strengster Geheimhaltung die Autos der Zukunft als Original-Modelle gebaut. Schröter Modellbau gilt als einer der innovativsten Betriebe weltweit. „Unsere Qualität“, sagt Firmenchef Maximilian Lörzel, „ist nur mit deutschen Maschinen und Produkten zu gewährleisten.“ Kürzlich erhielt der Modellbauer als bundesweit viertes Unternehmen das Zertifikat „Made in Germany“. Vorhänge sind in dem Hightech-Neubau ein wesentlicher Bestandteil der ansonsten computergesteuerten Einrichtung. Die Tücher werden rasch vor Werkstücke gezogen, wenn Besuch anklopft. Denn was in der kleinen Gewerbeansiedlung nahe dem oberbayerischen Oberpframmern gefräst, gegossen und poliert wird, ist noch streng geheim und muss vor den Augen der Konkurrenz verborgen bleiben. Wenn die Techniker der Schröter Modell- und Formenbau einen meterdicken Block aus Polyurethan-Schaum in die Fräsmaschine einspannen, entsteht in gut 30 Stunden das originalgroße Designmodell eines Autos, das frühestens in vier Jahren in die Serienproduktion geht. „Wenn Vorstände entscheiden müssen, helfen keine virtuellen Ansichten, da muss etwas Handfestes her“, sagt Inhaber Maximilian Lörzel. Gut ein halbes Hundert solcher Zukunftsmodelle verlassen jedes Jahr das Firmengelände und rollen in sorgsam verplombten Lastwagen zu BMW, Audi, VW oder Mercedes. „In den Verträgen verpflichten wir uns zur rigiden Geheimhaltung“, betont der Chef. Diese einzuhalten, sind auch die Vorhänge unentbehrlich. Lörzel führt ein hochspezialisiertes Unternehmen. Unter den 35 Mitarbeitern sind 17 Meister und Techniker. Sie sind so perfekt aufeinander eingespielt, dass jeder Auftrag vom ersten Kunden-

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kontakt bis zur Auslieferung von einem Team betreut wird. Auch die sechs Lehrlinge dürfen sich schon voll zur Familie zählen. Nach eingehender Prüfung stellt Lörzel nur die jungen Leute ein, „die zu uns passen und die wir nach der Lehre auch übernehmen“. Lörzels Onkel Bruno war Modellbauer auf einer Werft in Danzig, kam nach dem Krieg nach Bayern, gründete den Familienbetrieb, blieb aber kinderlos und übergab ihn in den Neunzigern an seinen Neffen Maximilian, einen gebürtigen Münchner. Der steckte über vier Millionen Euro in den Neubau. Schröter Modellbau gilt heute als einer der innovativsten Betriebe der Branche weltweit.

Sie haben auch schon Airbus-Flügel und Zahnarztstühle modelliert. Und seit der letzten Handwerksmesse in München kann er sich auch noch mit dem begehrten Zertifikat „Made in Germany“ schmücken, mit dem der TÜV Nord bisher deutschlandweit nur vier Handwerksbetriebe ausgezeichnet hat. Rund 90 Prozent der Firmenprodukte werden in Deutschland gefertigt und verarbeitet. Lörzel: „Mit Maschinen und Materialien aus inländischer Produktion können wir den hohen Qualitätsanspruch unsere Kunden erfüllen und die konkurrenzlos schnelle Lieferung der angeforderten Produkte gewährleisten.“ Sie haben schon Airbus-Flügel und Zahnarztstühle modelliert, auch Hubschrauber und Telefonzellen waren dabei. Aber an dem Auto zu bauen, das erst in einigen Jahren auf die Straße kommt, „fasziniert am meisten“. Und hat Lörzel auch schon Modelle gefräst, von dem er die dunkle Ahnung hatte, dass sie ein Flop werden? „Das gab’s auch schon.“ Aber Namen kommen ihm nicht über die Lippen. Auch hier gilt: „Rigide Geheimhaltung.“ ■

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POLITIK & WIRTSCHAFT

In der Lehrleitstelle üben angehende Sicherheitsexperten für ihren späteren Einsatz im Ernstfall.

Matthias Spott / Caroline Mükusch

Sicherheit „Made in Bavaria“ IABG plant in Ottobrunn ein Exzellenz-Zentrum für Sicherheit

Sicherheit ist für die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ein wesentlicher Bestandteil der Legitimation von Politik und Regierung. Seit Ende des Kalten Kriegs haben sich allerdings die Grundlagen unserer Sicherheit fundamental geändert. Deutschland und Europa stehen heute vor Bedrohungen, die sich unter anderem aus dem internationalen Terrorismus, der zunehmenden Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, regionalen Konflikten und der organisierten Kriminalität und Internetkriminalität ergeben. Die modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaften beruhen auf länderübergreifenden komplexen Lieferketten und einem dichten Netz kritischer Infrastrukturen, welche Ressourcen, Energie und Informationen bereitstellen und Mobilität von Menschen und Waren schaffen. Dadurch werden zwar einerseits ef-

fiziente Wirtschaftsprozesse erst möglich, andererseits entsteht aber auch dadurch große Verwundbarkeit, die beispielsweise aus gezielten Angriffen oder menschlichem oder technischem Versagen resultieren können. Das erfordert einen ganzheitlichen, integrativen und gesellschaftsvisionären Ansatz. Angesichts dieser veränderten sicherheitspolitischen Lage Deutschlands sind alle relevanten Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen gefordert. Zum Schutz moderner demokratischer Gesellschaften und ihrer notwendigen Infrastrukturen müssen neue Sicherheitslösungen zur Gefahrenabwehr entwickelt werden. Dabei spielt die Technik eine Doppelrolle: einerseits erhöhen neue Technologien die Sicherheit (zum Beispiel Videoüberwachung mit automatischer Bilddatenerkennung); andererseits stellen neue Technologien

Sicherheitskette als Handlungsrahmen für vernetzte Sicherheit 1

Vorsorge

Führungsstrukturen

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Prävention

Risikobewertung

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Vorbereitung

Ausbildung/ Übung

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Bekämpfung

Krisenmanagement

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Nachsorge

Sicherungsmaßnahmen

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Vorsorge

Ermittlungen

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POLITIK & WIRTSCHAFT ihrerseits ein Ziel für Angriffe dar (zum Beispiel Internet-Attacken). Deutschland wird international als Partner mit Kompetenz für sicherheitstechnische Produkte und Dienstleistungen geschätzt. Diese sicherheitstechnischen Lösungen sind heute ein volkswirtschaftliches High-Tech-Asset. So wird „High-End“Sicherheitstechnik aus Deutschland in Europa, aber auch von aufstrebenden politischen wie wirtschaftlichen Schwergewichten wie Brasilien, China, Indonesien sowie finanzstarken Staaten im Mittleren Osten nachgefragt. In Deutschland hat sich eine mittlerweile international anerkannte Expertise herausgebildet, um derartige komplexe (System-)Lösungen zu realisieren. So werden beispielweise bei der IABG (Industrieanlagen Betriebsgesellschaft mbH) in Ottobrunn innovative Sicherheitslösungen in einem vernetzten Ansatz entlang der Sicherheitskette entwickelt. Der Hauptvorteil ganzheitlicher Systemlösungen liegt in deren hohen Effektivität, die optimalerweise durch eine synergetische Bündelung und Integration der vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten erreicht werden kann. Prognose und Analyse, Konzeptentwicklung, Modellbildung & Simulation sowie Ausbildung,

Sicherheit in und aus Deutschland ist ein anerkanntes Markenzeichen Training und Test sind Kernkompetenzen zur Realisierung neuartiger Sicherheitslösung. Diese verbessern die Fähigkeit zur Bewältigung der Folgen asymmetrischer Bedrohungen in der völlig veränderten Sicherheitslage. Außerdem ermöglichen sie erstmals, das Zusammenwirken aller relevanten Ressourcen zur Sicherheitsvorsorge und Krisenbewältigung zu trainieren sowie geeignete neue Technologien, Produkte und Dienste mit Blick auf deren Performance im Verbund zu testen, zu bewerten und – bei Bewährung – zu implementieren. Sicherheit in und aus Deutschland ist längst ein anerkanntes Markenzeichen. Besonders stark ist Deutschland auf den Gebieten sicherer und interoperabler Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen, bei Lösungen zur Sicherheit von Menschen-, Waren-, Daten- und Finanzströmen, bei Notfallversorgung und Krisenmanagement in Katastrophenfällen, beim Schutz vor (terroristischen) Angriffen und Unfällen mit nuklear/radiologischen, biologischen, chemischen Stoffen sowie beim Schutz kritischer

Infrastrukturen und sensibler Verkehrsströme. Das „German Security“-Label steht dabei für optimierte Prozessketten, höchste Zuverlässigkeit, systemische Gesamtlösungen, Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit und Funktionalität. Dieser leistungsfähige Industrie- und Forschungslandschaft, die alle Stufen der Wertschöpfungskette von der Forschung über die Fertigung von Subsystemen (Sensorik, ITK, Steuerung etc.) bis hin zur komplexen Systemintegration abdeckt, ist eine wichtige Voraussetzung zum Aufbau eines interdisziplinären Sicherheitszentrums, in dem ganzheitliche Sicherheitslösungen entwickelt und eingeführt werden. Dieses „Exzellenz-Zentrum für Sicherheit“ wird gegenwärtig im sogenannten „Security Valley“ in Ottobrunn bei München geplant und soll zeitnahe realisiert werden. Hier sollen innovative Sicherheitslösungen zur Prävention (Schutz) und Bewältigung (Command & Control) von Krisen gemeinsam entwickelt werden. Hier können Sicherheitstechnologien, -komponenten und –prozesse auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden, in einem Übungszentrum werden Sicherheitskräfte durch Simulation, gemeinsame Planspiele und Training in virtuellen Lagen und Leitstellen ihre Interoperabilität nachweisen, eine Demonstrationseinrichtung soll Marketing und Export von bayerischer Sicherheitstechnologie unterstützen. Dies alles geschieht in einem modernen Lehr- und Forschungsumfeld mit Hörsälen, Seminarräumen und Labors. Ein „Exzellenz-Zentrum für Sicherheit“ hilft der Staatsregierung, auch in Zukunft hohe Lebensqualität und einen hohen Sicherheitsstandard in und für Bayern zu gewährleisten. Bayern gewinnt damit darüber hinaus die Perspektive eines Industrie- und Technologie-Clusters mit neuer Wertschöpfung und neuen zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. „Security – Made in Bavaria“ trägt somit zu Wohlstand und Prosperität Bayerns bei. ■ Matthias Spott ist seit 1.Oktober 2010 Geschäftsführer bei der IABG, Dr. Caroline Mükusch ist Referentin für Unternehmensentwicklung im Stab der Geschäftsführung. Zum 50. Jubiläum im Mai nannte Ministerpräsident Horst Seehofer die IABG „ein beeindruckendes Unternehmen, das seit nunmehr 50 Jahren wesentlich zum Hochtechnologiestandort Bayern beiträgt“.

Im bayerischen „Security Valley“ in Ottobrunn bei München: Das moderne Atrium der neuen Konzernzentrale von IABG.

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MADE IN GEERMAN NY Martin Zeil

Dual macht Schule Die deutsche duale Ausbildung ist weltweit ein Exportschlager

Zu „Made in Germany“ greifen Interessierte und Kunden besonders dann gerne, wenn sie ausgereifte Produkte und Dienstleistungen erwerben wollen. Diese gelten, wenn sie aus Deutschland im Allgemeinen und aus Bayern im Besonderen kommen, als solide, zuverlässig und von exquisiter Qualität. Weltweite Anerkennung findet in diesem Sinne auch unser duales System der Berufsausbildung. Hierzulande ist es seit Jahrzehnten ein Klassiker, der ständig weiter entwickelt und an die neuen Anforderungen der Berufswelt angepasst wird. Die Unternehmen, auch der Mittelstand und das Handwerk, stehen in einem zunehmenden internationalen Wettbewerb. Qualität in der Aus- und Weiterbildung ist deshalb ein grundlegender Wettbewerbsfaktor und ein entscheidender Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg.

Die deutsche duale Berufsausbildung ist ein Klassiker, der ständig weiter entwickelt wird und der im Ausland hoch geschätzt ist, meint Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil. „Mit seinem einzigartigen Ausbildungssystem kann Deutschland rund um den Globus punkten.“ Immer wieder empfängt der FDP-Politiker ausländische Delegationen, die das deutsche Erfolgsmodell auch in ihrem Land einführen möchten.

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MADE IN GERMANY Kein Wunder, dass Deutschland mit seinem einzigartigen Ausbildungssystem rund um den Globus punktet. Etwa im chinesischen Taicang unweit von Shanghai, wo das Chien-Shiung-College erfolgreich Mechatroniker und Werkzeugmacher ausbildet. Mit deutschem Know-how wurden hier Werkstätten errichtet sowie Lehr- und Arbeitspläne nach deutschem Vorbild erstellt. Mit fachlicher Unterstützung der IHK für München und Oberbayern wurde auch im kanadischen Toronto ein Ausbildungszentrum aufgebaut. Hier wie auch in Mexiko oder China wurden Lehrwerkstätten aufgebaut, in denen die Auszubildenden systematisch die erforderlichen praktischen und theoretischen Fähigkeiten lernen. Zudem erhalten sie Einblick in andere relevante Bereiche wie zum Beispiel das Rechnungswesen. Dabei ist eine der größten Herausforderungen, gute Lehrmeister zu finden. „Bayerische Wertarbeit“ bürgt auch beim Dualen System für hohe Qualitätsstandards. Deshalb interessieren sich immer wieder ausländische Gäste für Wissenswertes aus erster Hand. So hat sich vor kurzem eine spanische Delegation bei Wirtschaftsstaatssekretärin Katja Hessel über die berufliche Ausbildung im Freistaat informiert. Die iberische Halbinsel möchte verstärkt auf ein solches System setzen. Auf Fachebene erkundigte sich eine Wirtschaftsdelegation aus Japan in unserem Haus über unsere beispielhafte Berufsausbildung. Und auf Einladung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) war jüngst eine hochrangige Delegation ungarischer Regierungs- und Wirtschaftsvertreter mit dem gleichen Ansinnen nach München gereist. Das bayerische Modell der dualen Berufsausbildung ist Vorbild für die geplanten Reformen des ungarischen Berufsausbildungssystems. Eine Million neue Arbeitsplätze will die Regierung in Budapest in den nächsten zehn Jahren schaffen. Von der Einführung eines neuen dualen Systems der Berufsausbildung verspricht sich die Regierung

eine höhere Beschäftigungsfähigkeit, also eine bessere Qualifizierung ihrer Arbeitskräfte. Das Handwerk unternimmt seit den 90er Jahren umfassende Anstrengungen, um in anderen Ländern, etwa auch in Brasilien, die Einführung des dualen Bildungssystems zu unterstützen. Verschiedene Formen der institutionalisierten Zusammenarbeit gibt es beispielsweise mit Slowenien und Kroatien. So werden

Das duale Modell soll Ungarn eine Million neue Arbeitsplätze bringen Workshops veranstaltet oder Berufsbildungsexperten ausgetauscht. Geplant ist zudem, über die Mobilitätsberatungsstellen der bayerischen Handwerkskammern den Lehrlingsaustausch zu vertiefen. Die duale Berufsausbildung ist und bleibt ein Exportschlager und das hat seinen guten Grund: Die berufliche Ausbildung erfolgt nebeneinander – im Betrieb und in der staatlichen Berufsschule, die in der Regel ein- bis zweimal die Woche besucht wird. Duales Prinzip heißt: Das Unternehmen übernimmt die berufspraktische Ausbildung, die Berufsschule kümmert sich um die berufstheoretischen Aspekte und den allgemeinbildenden Unterricht. Dieser Mix bereitet optimal auf das spätere Berufsleben vor. Die Ausbildung läuft unter denselben Bedingungen ab, unter denen der spätere Beruf ausgeübt wird. Eine unschätzbare  Am Arbeitsplatz die Praxis lernen und in der Schule die Theorie pauken – das ist das einfache und weltweit erfolgreiche Modell der zwei- bis dreijährigen dualen Berufsausbildung.

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MADE IN GERMANY Y Die technische und handwerkliche Berufsqualifikation hat in Deutschland eine lange Tradition und wird im Ausland hoch geschätzt. Auch deshalb gewinnt der Export von Bildungsangeboten zunehmend an Bedeutung. Das vom Bundesbildungsministerium unterstützte Projekt „iMOVE“ (International Marketing of Vocational Education) macht vor allem kleine und mittelständische Bildungsanbieter fit für den Weltmarkt. Mit internationalen Kooperationsbörsen, workshops sowie detaillierten Marktstudien ebnet sie deutschen Dienstleistern den Weg zu ausländischen Bildungslandschaften und wirbt weltweit für die deutsche Kompetenz in diesem Sektor. Wichtige Auslandsmärkte für Anbieter von Aus- und Weiterbildung und somit auch für unser duales Ausbildungssystem sind Asien und Osteuropa (besonders Russland und Polen), ebenso Westeuropa und der Nahe Osten. Vor allem gemeinnützige Anbieter von Aus- und Weiterbildung haben ihren Exportschwerpunkt in der Berufsausbildung – und hier wiederum in Maßnahmen für handwerkliche Berufe. Besonders wichtig ist dies in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen, wie etwa Lateinamerika und Afrika, wiederum gefolgt von Asien. Hier Perspektiven zu schaffen, ist auch Aufgabe einer engagierten Entwicklungszusammenarbeit.

Auch die OECD lobt das Duale System, die Kombination aus Theorie und Praxis funktioniert sehr gut, weil sich beide Ausbildungsteile gegenseitig verstärken.

Erfahrung, die wechselnde Anforderungen betrieblicher Situationen übt, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein schärft. Zudem motiviert das Prinzip „learning by doing“ ungemein. Dadurch verhindert das duale System auch, dass Ausbildungen vorzeitig abgebrochen werden. Zwei bis drei Jahre dauert die Berufsausbildung, die vor allem hinsichtlich der Ausbildungsinhalte und -ziele bestimmten Regeln unterliegt. Berufsbildungsgesetz und Ausbildungsordnungen bilden die Grundlage. Da die technische Entwicklung vor allem im gewerblichen Bereich immer komplexer wird, werden für viele Berufe Grundfertigkeiten in Ausbildungswerkstätten, also produktionsungebunden, vermittelt. Mittlere und größere Betriebe richten selbst solche Werkstätten ein. Für alle anderen unterhalten IHKs, HWKs und Verbände überbetriebliche Berufsbildungszentren, die die betriebliche Ausbildung ergänzen. 350 anerkannte Ausbildungsberufe gibt es derzeit in Deutschland. Sie bereiten auf mehr als 15.000 Berufstätigkeiten vor. Die Art der Ausbildung versetzt die Jugendlichen nach ihrem Abschluss in die Lage, zwischen mehreren Spezialisierungen zu wählen. Diese Flexibilität ist möglich, weil die betriebliche Ausbildung auch allgemein verwertbare Qualifikationen vermittelt. Das duale System coacht die Auszubildenden bestmöglich für einen gelungenen Einstieg in den Beruf. Damit ist es nicht nur attraktiv für lernwillige junge Menschen, sondern auch für Betriebe und Branchen mit einem hohen Fachkräftebedarf – egal ob im In- oder Ausland.

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Das Trendbarometer, das das FAZ-Institut im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erstellt hat, ergab, dass die Berufsausbildung in technischen Berufen auch im Ausland am gefragtesten ist. Hier liegen die größten Wachstumschancen. Als Türöffner im Ausland fungiert der hohe deutsche Technologiestandard. Der ist geradezu ein Empfehlungsschreiben für die globalen Märkte. Untersucht man die einzelnen Länder, so sehen deutsche Bildungsanbieter in China, Russland und Indien die größten

In Deutschland gibt es 350 anerkannte Ausbildungsberufe Wachstumspotenziale. Aber auch Brasilien als aufstrebender BRIC-Staat sowie unsere Nachbarstaaten Österreich und die Schweiz gelten als gute Basis für den Bildungsexport. Nicht umsonst hat auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2010 dem dualen System ein gutes Zeugnis ausgestellt. Die OECD-Studie mit dem Titel „Lernen für den Arbeitsmarkt/Learning for Jobs“ untersuchte die Bildungssysteme in 16 verschiedenen Ländern und stellte fest, dass die Kombination aus Theorie und Praxis im dualen System sehr gut funktioniert, weil sich beide Ausbildungsteile gegenseitig verstärken. Vorausschauende Unternehmer wissen: Eine Qualifizierung nach dem dualen System stärkt das Fachwissen der Beschäftigten und damit die Konkurrenzfähigkeit des Betriebs. Und mit einem gut ausgebildeten Nachwuchs zieht sich der Betrieb die Fachkräfte von morgen heran. Das duale System ist zu Recht weltweit hoch geschätzt. Viele Länder wären froh, sie hätten solch ein gut funktionierendes und anerkanntes System der Berufsausbildung. ■

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MADE IN GERMA ANY

Medaillensegen überm Weinberg Frankenweine haben die Weltspitze erobert

Juliusspitäler Weine gehören mittlerweile zu den am höchsten dekorierten, unter der Vielzahl der Auszeichnungen und Prämierungen sind so begehrte wie die „International Wine Challenge 2010“ in London, dem weltweit größten Weinwettbewerb mit über 9000 Weinen aus 40 Ländern. Das Juliusspital gewinnt mit einer Silvaner Beerenauslese die „International Silvaner Trophy“. Bei der Berliner Weintrophy 2010 wird die

Die jungen Leute bevorzugen wieder trockene deutsche Weine Kolesch-Mannschaft zum „besten Produzenten Deutschlands“ gekürt und in Singapur glänzt das Juliusspital mit einer Stein Riesling Auslese, die den WineStyleAsia Award für den besten edelsüßen Wein. Einer von sechs Gewinnern unter 460 Weinen aus 27 Ländern. Es gab noch „Best of Gold“, Bundes- und Staatsehrenpreis, Gold und Silber für die Bio-Kollektion. Und als Sahnehäubchen obenauf die vierte Traube von Gault Millau, Deutschlands wichtigstem Weinführer. „Nach einigen ausgezeichneten Jahrgängen“, schreiben die Weintester, „war 2009 wohl ein Höhepunkt in der langen Geschichte des Hauses.“

Eine Geschichte, die 1576 begonnen hat, als Fürstbischof Julius Echter in Würzburg das Juliusspital gründete und zur dauerhaften Finanzierung des Krankenhauses ein Weingut stiftete, zu dem auch große Wald- und Agrarflächen gehören. Noch heute sind Klinik und Weingut räumlich und wirtschaftlich eng verbunden. Der Weg an die internationale Wein-Spitze war volle Mühen. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts steckte der Frankenwein in einer Krise. Es gab übervolle Keller, was zum einen an der Klimaerwärmung lag, die weniger ertragsmindernde Fröste brachte und an zu geringer Sorgfalt im Weinberg und im Keller. Doch längst haben die Frankenwinzer gelernt, von Masse auf Qualität umzusteigen. „50 Prozent der Qualität wird im Weinberg erzielt“, sagt Kolesch. Der Ertrag wird durch frühzeitiges Beschneiden reduziert und damit das Reifen der Trauben optimiert. Die Kellermeister lernten mit gezügelter und temperaturgesteuerter Gärung den Rebsaft zu veredeln. Mit der Weinqualität stieg auch das Image. „Bei den jungen Leuten war der Frankenwein das, was schon die Eltern getrunken haben“, erinnert sich Kolesch. Sie stiegen um auf die Italiener. „Doch die Pinot-Grigio-Generation ist heute um die 50, darunter aber wächst eine Generation heran, die spürt: Da gibt es noch mehr zu schmecken und zu entdecken. Die jungen Leute bevorzugen wieder gute trockene deutsche Weine.“ Und sie lernen, dass ein Großes Gewächs vom 2009er Silvaner durchaus mit einem französischen Grand Cru konkurrieren kann. Nur in einem, meint der Juliusspital-Chef, haben die Franken noch Nachholbedarf: „Wir sind noch zu günstig. Im Vergleich mit den Franzosen haben wir die gleiche Kampfklasse, aber den halben Preis.“ Den Weingenießer muss dieser Nachteil nicht Peter Schmalz verdrießen. ■

Fotos: Juliusspital

Bier aus Bayern ist ein Begriff rund um den Erdball. Da hat der Wein aus Franken durchaus noch Entwicklungspotential, doch er holt mächtig auf: Der edle Tropfen aus Unterfranken wird nicht nur in Deutschland immer häufiger ausgeschenkt, er kassiert inzwischen auch höchste Auszeichnungen im Inund Ausland. „Für uns war 2010 ein Jahr, wie es geträumt nicht besser hätte sein können“, schwärmt Horst Kolesch, Leiter des Würzburger Weingutes Juliusspital.

Bevor der edle Tropfen aus der Flasche ins Glas perlt, ist viel Arbeit im Weinberg und im Keller zu leisten. Immer wieder prüft Juliusspital-Chef Horst Kolesch (li.) mit Winzermeister Lothar Flößer während der Reifezeit in den Weinbergen, wie sich die Trauben entwickeln.

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MA ADE IN GERMANY Heinrich Traublinger

Goldener Boden Bayerische Handwerker sind weltweit gefragt

Die Erfolgsgeschichte Bayerns nach dem zweiten Weltkrieg ist auch eine Erfolgsgeschichte der bayerischen Wirtschaft. Das Erfolgsrezept der bayerischen Wirtschaft mit all ihrer Innovationskraft, Flexibilität und Dynamik ist vor allem in dem gesunden Mix aus großindustriellen Weltfirmen und dem gewerblichen Mittelstand begründet. Herzstück und stabiles Rückgrat dieses gewerblichen Mittelstandes im Freistaat wiederum sind die knapp 195.000 bayerischen Handwerksbetriebe mit ihren mehr als 850.000 Mitarbeitern. Wenn heute „Made in Germany“ zu einem Qualitätssiegel in der ganzen Welt geworden ist, so trugen und tragen hierzu

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nicht nur hochwertige Industrie-, sondern auch Handwerksprodukte und vor allem auch Handwerksleistungen bei. Wer weiß schon, dass der Namensgeber einer der namhaftesten deutschen Forschungseinrichtungen, Joseph von Fraunhofer, ein bayerischer Handwerker war? Heute errichten bayerische Handwerker aufwändige Dachkonstruktionen in arabischen Ländern und Russland oder bauen weltweit Wasserski-Seilanlagen. Mit „Made in Germany“ hatte man in Großbritannien ja ursprünglich seit Ende des 19. Jahrhunderts versucht, sich mit der Kennzeichnung importierter Ware gegen vermeintlich minderwertige Nachahmungsprodukte zu schützen. Das hat sich allerdings gründlich geändert. Handwerksgüter „Made in Bavaria“ sind heute europa- und weltweit gefragt, das wird,


wenn sich die Innovations- und Gestaltungskraft des bayerischen Handwerks so wie bisher weiter entwickeln, auch künftig so sein. Es war immerhin Franz Joseph Strauß, der betont hat, „Handwerk und Zukunft sind Begriffe, die zusammen gehören“. Immer mehr Bedeutung erlangt nun auch ein zweites Qualitätssiegel, nämlich das „Qualified in Germany“. Ein deutscher Gesellen- oder gar Meisterbrief ist auf der ganzen Welt als Qualitätssiegel für eine ausgezeichnete Berufsbildung angesehen. Deutsche Handwerker werden, wenn sie sich in klassischen Einwanderungsländern wie USA, Kanada und Australien niederlassen wollen, mit offenen Armen aufgenommen. Wen wundert‘s?! Eine der wichtigsten Aufgaben des Handwerks liegt nämlich in der Ausbildung. Als größter gewerblicher Ausbilder arbeitet der Wirtschaftszweig Handwerk an einer verantwortungsvollen Gestaltung der gesellschaftspolitischen Zukunft unseres Landes maßgeblich mit. Das Handwerk ist nach wie vor die „Lehrwerkstatt der Nation“. Mehr als die Hälfte der gewerblichen und rund 32 Prozent aller Auszubildenden in Bayern lernen einen der vielen abwechslungsreichen und interessanten Handwerksberufe. 41 Prozent aller Ausbilder in der Berufsbildung kommen aus dem Handwerk. Aktuell haben rund 82.000 junge Menschen einen Ausbildungsplatz im Handwerk. Und eine Lehre im Handwerk bietet ausgezeichnete Zukunftsperspektiven. Wer fähig und willig ist zur Ausbildung, bekommt im bayerischen Handwerk in der Regel eine Lehrstelle. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche verfügt man nach der Lehre einerseits über einen relativ krisensicheren Beruf,

Das Handwerk ist die Lehrwerkstatt der Nation andererseits stehen zahlreiche weitere Karrierewege offen. Zunächst einmal hat jeder die Chance, nach bestandener Gesellenprüfung den Meistertitel zu erwerben und einen eigenen Betrieb zu gründen oder einen bestehenden zu übernehmen. Zudem gibt es viele Fortbildungsmöglichkeiten im Handwerk, die karrierefördernd wirken, wie den Betriebswirt (HWK), den Energieberater (HWK), den Beauftragten für Qualitätsmanagement oder auch den Gestalter im Handwerk. Außerdem können alle Meisterinnen und Meister in Bayern seit dem Wintersemester 2009/2010 uneingeschränkt an Universitäten und Hochschulen studieren. Auch Gesellinnen und Gesellen mit mindestens dreijähriger Berufspraxis können unter bestimmten Voraussetzungen ein ihrem Beruf verwandtes, fachgebundenes Studium beginnen. Als Ingenieur oder Bachelor plus Meister ist man anschließend anderen Studienabsolventen um Längen voraus. Die berufliche Bildung ist somit alles andere als eine Sackgasse, wie es immer noch allzu viele Eltern glauben. Sie bietet im Gegensatz zur rein schulischen und akademischen Ausbildung viel mehr Möglichkeiten. Da kann man sich über den Bildungsbericht der OECD nur wundern, in dem behauptet wird, ein Hochschulabschluss schütze am besten vor Arbeitslosigkeit. Entscheidend ist doch die Relevanz der Qualifikationen für

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Berufschancen rund um den Globus: Der deutsche Gesellen- oder Meisterbrief gilt überall als Gütesiegel für eine ausgezeichnete Berufsausbildung.

den Arbeitsmarkt. Ein Elektromeister hat dort sehr viel bessere Chancen als beispielsweise ein Geisteswissenschaftler. In Zeiten drohenden Fachkräftemangels vor allem auf die universitäre Ausbildung zu setzen, ist viel zu kurz gedacht. Eine berufliche Ausbildung kann schon nach drei Jahren als vollwertige Fachkraft beendet werden. Deutschland hat die Folgen der Wirtschaftskrise weitaus souveräner gemeistert als Länder, die im OECD-Vergleich angeblich besser abschneiden. So falsch kann der deutsche Bildungsweg also nicht sein. Das Handwerk in Bayern ist auch deshalb so stark, weil ihm eine leistungsfähige Organisation den Rücken stärkt. Viele Handwerker sind in Innungen und Verbänden organisiert, die sich um die gewerkespezifischen Aufgaben kümmern. Alle Handwerksbetriebe sind Mitglieder der Handwerkskammern, die für die vom Staat übertragenen hoheitlichen Aufgaben, wie beispielsweise die Regelung und Überwachung der Lehrlingsausbildung, zuständig sind, aber auch für die Beratung der Handwerksbetriebe und vor allem auch für die Interessensvertretung des Handwerks gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit. Die sechs bayerischen Handwerkskammern haben sich mit den 48 Landesinnungs- bzw. Fachverbänden und 12 handwerksnahen Einrichtungen zum Bayerischen Handwerkstag zusammengeschlossen, um die Interessen des bayerischen Handwerks gemeinsam vertreten und mit einer Stimme sprechen zu können. Das war nicht immer so. Das Handwerk hat aus dem berüchtigten Spruch des Reichskanzlers Otto von Bismarck gelernt, der einer Delegation aus dem Handwerk einstmals sagte: „Werdet eine Macht und dann kommt wieder.“ ■

Heinrich Traublinger, 1943 in München geboren, ist Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern und Präsident des Bayerischen Handwerkstages. Der Bäcker- und Konditormeister übernahm die elterliche Bäckerei, ging für die CSU in den Münchner Stadtrat und war von 1986 bis 2008 CSU-Landtagsabgeordneter.

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MADE IN GERMANY

Thomas Breitenfellner

Heimatland des Bieres Fast 1000-jährige Geschichte: Weihenstephan hat nicht nur die älteste Brauerei der Welt, sondern ist auch das Zentrum der Brauwissenschaft B wie Bayern, B wie Bier. Kein Land der Welt wird so sehr mit dem goldenen Gerstensaft verbunden wie der weißblaue Freistaat. Rund um den Globus haben die Menschen die Bilder vor Augen, wie sich die Bayern auf dem Oktoberfest mit dem Masskrug zuprosten oder gemütlich unter schattigen Kastanienbäumen sitzen. Bayern ohne Bier? Nicht vorstellbar! Bayern ist das Heimatland des Bieres. In Weihenstephan steht die älteste Brauerei der Welt – mit einer fast 1000-jährigen, wechselvollen Geschichte. Für die Besucher Freisings hat der Weihenstephaner Berg magnetische Wirkung. In der Staatsbrauerei Weihenstephan wird nach alter Tradition gebraut und selbstverständlich nach dem Bayerischen Reinheitsgebot – wobei die Brauerei um einige hundert Jahre älter ist als das Gebot, das für alle Brauereien seit 1516 Maßstab ist. Hopfen, Wasser und Malz sind die Zutaten – und sonst nichts. Im Bräustüberl treffen sich die Einheimischen und die vielen auswärtigen Besucher. Nirgendwo anders wird die Völkerverständigung so gepflegt wie am Biertisch.

in Weihenstephan gelernt haben. Und so sind sie auch Botschafter des Freistaats und des Markenzeichens „Made in Germany“. Schon seit 1852 wird in Weihenstephan das Brauer-Handwerk vermittelt. 1895 wurde aus der Brauer-Schule eine Akademie, die 1919 zur Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei erhoben wurde, um 1930 in die Technische Universität München aufzugehen. Tradition, die verpflichtet. Der Anspruch an die Brauer ist mit dem technischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte deutlich gestiegen. Für den Verbraucher mag „Hopfen und Malz“ schlicht klingen; doch die

Weihenstephan trotzt den globalen Brauerei-Konzernen Herstellung ist es keinesfalls. Der Beruf des Brauers ist nach wie vor handwerklich geprägt, doch sind tiefe Kenntnisse in mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereichen wie der Chemie, Mikrobiologie, Physik und Mathematik notwendig.

Gegründet wurde der Betrieb im Jahr 1040 als Klosterbrauerei der Benediktinermönche, wurde später zur Königlichen Bayerischen Staatsbrauerei und ist heute als Regiebetrieb des Freistaates Bayern ein nach privatwirtschaftlichen Maßstäben geführtes Unternehmen. Umgeben vom angesichts der langen BrauereiGeschichte sehr jungen Wissenschaftszentrum der Technischen Universität München erwartet den Bierkenner „eine Verbindung von bewährtem Wissen und moderner Wissenschaft, eine ehrwürdige und zugleich moderne Kultstätte der Biertradition“, wie Brauerei-Chef Josef Schrädler sagt. So gesehen ist Weihenstephan das Zentrum der Brauwissenschaft.

Frei von Wissenschaft und selbstverständlich ohne automatisierte Hightech-Anlagen, wie sie heute in jeder Brauerei zu finden sind, wurden schon drei Jahrhunderte vor der Weihenstephaner Brauereigründung Bier gebraut. Mit der Gründung des Benediktinerklosters auf dem Nährberg bei Freising im Jahr 725 wurde dort erstmals Gerstensaft produziert. Bis zum Jahre 1040 taten die Weihenstephaner Mönche dies allerdings noch in Konkurrenz zu den Freisingern selbst. In jenem Jahr jedoch gelang es Abt Arnold, den Nachbarn das Brau- und Schankrecht abzuluchsen. Die Klosterbrauerei Weihenstephan entstand. Und dort, auf dem Nährberg, steht sie heute noch.

Der gute Ruf Weihenstephans ist eben nicht nur der ältesten Brauerei geschuldet, sondern auch der Technischen Universität. Hier werden Braumeister und Brauingenieure ausgebildet – Studiengänge mit Diplom-, Bachelor- oder Master-Abschluss. In sieben bzw. neun Semestern reifen Spitzen-Brauer heran, die weltweit gefragt sind. Ob in Brasilien oder in China: Auf allen Kontinenten trifft man auf gestandene Brauer, die ihr Handwerk

Die Brauerei hat sich gerüstet für den harten internationalen Wettbewerb. Längst haben globale Großkonzerne in Deutschland und auch in Bayern eine starke Stellung, sind verantwortlich für das „Brauereisterben“. Weihenstephan, die Staatsbrauerei, wirkt da wie ein bayerischer Fels in der Brandung. Und mit einem Alleinstellungsmerkmal, das für ewige Zeit unverrückbar ist: Älteste Brauerei der Welt zu sein. ■

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Alles fließt Oberfränkische Firma entwickelt Hightech-Komponenten für Trinkwasserleitungen

Jede Kette ist so stark wie das schwächste Glied. Deshalb wird bei modernen Wasserleitungen in die Entwicklung und Produktion der Verbindungsstücke viel technisches Wissen investiert.

Frisch Fris ches es, sa saub uber eres es u und nd h hyg ygie ieni n sch einw nwandf d reeie iess Wa Wass sser ss er iist st ein wertvolles Zivilisationssgut. Die älteeste Was asse serl rlei eitu tung ng iist st vom ägyptischen Pharaonen Ra Rams m es II: bek ekan annt nt und d schon im antiken Rom wurde Quellwasser aus d den en B Bergen ergen über Aquädukte bis zu 90 Kilometer weit in die Stadt geführt. Das Amt des Wasserverwalters ( Curator aquarum) war eines der höchsten im römischen Reich. Heute strömt gesundes Wasser so reichlich aus fast jedem Wasserhahn, dass nur wenige sich noch Gedanken machen, wie viel Ingenieurswissen notwendig ist für diese zuverlässige Versorgung. Der wichtigste Teil der Wasserversorgung ist neben dem Wasser selbst die Rohrleitung, die früher auch aus Blei waren und erhebliche Gesundheitsschäden verursachten. Das ist in modernen Systemen längst Vergangenheit. „Rohrsysteme sind höchsten Belastungen ausgesetzt und müssen dabei über Jahrzehnte hinweg zuverlässig ihren Dienst leisten“, betont Jörg Neukirchner. Leiter des Geschäftsbereichs Bau bei dem fränkischen Traditionsunternehmen Rehau, das vor allem durch seine Fenstersysteme bekannt geworden ist. Die Franken haben sich dabei ein heikles Teil der Leitungen vorgenommen: Die Verbindungsstücke. Neukirchen sieht hier eine besondere Herausforderung: „Auch bei Installationen gilt: Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.“ Um Hygiene zu sichern und Korrosion wie Ablagerungen zu verhindern, müssen die Rohrleitungen immer widerstandsfähiwiderst ger werden. Sie müssen entsalztes Meerwasser ebensoo transportieren wie Brunnenwasser und dürfen sich nicht aan alllerhand Minerralien n stören. Neukiircheen: „Was wir entwiickeln n, produzieren n undd weltweit vertreeiben ve n, ist Hightteech m madee in Bayern. Für die un Fü nterschiedlichen E ch Einsaatzbereiche w ie Trrinkw wie wasser, Heizu He ung, R Regenwas-

ser oder Grauwasser innerhalb von Gebäuden bietet Rehau eine Verbindungstechnik aus polymeren Werkstoffen an. Der Werkstoff Rautitan PX eignet sich besonders in Regionen mit problematischen Trinkwasserqualitäten. „Bleiabgabe, Inkrustation oder Korrosion wie bei herkömmlichen metallischen Werkstoffen sind kein Thema mehr“, meint der Rehau-Manger. „Zudem sind die Komponenten zuverlässig und langlebig. Dies ist besonders wichtig, denn Hausinstallationssysteme verschwinden meist praktisch unerreichbar im Wand- oder Bodenaufbau.“ Die geraden oder abgewinkelten Verbindungsstücke werden bereits in über 40 Ländern weltweit vertrieben und haben für die herausragende innovative, gestalterische und ingenieurtechnische Leistungen bedeutende Preise erhalten. Und besonders wichtig: Das oberfränkische Familienunternehmen ist seit über Liefert Hightech „Made in 60 Jahren mit dem Standort Bayern Bavaria“ für Wasserleitungen fest verbunden. Neukirchen: „Hier in alle Welt: Rehau-Vorstand Jörg Neukirchner. entwickeln und produzieren wir mit exzellent ausgebildeten und hoch motivierten Spezialisten viele unserer Produkte und Lösungen für die Zukunft.“ Die über 40 Millionen Teile, die in diesem Jahr entstehen, werden im Rehau-Werk in Viechtach vollautomatisch in Großserie gefertigt. Dabei gewährleistet der Präzisionsspritzguss höchste Teilequalität, die wichtigsten Funktionsmaße eines jeden einzelnen Teils werden in der Fertigungslinie exakt bis auf wenige hundertstel Millimeter vermessen. 34 Millionen Euro hat Rehau alleine in diese Produktionsanlage investiert. „Damit“, so Neukirchen, „wurde der Standort zu einem hochspezialisierten Werk für Hightech-Systemlösungen im Baubereich ausgebaut.“ Und sie werden weiter tüfteln, damit Wasser sauber und zuverlässig zum Hahn fließt. Denn die alte Weisheit ist immerwährend gültig: „Wasser ist nicht alles – aber alles ist nicht's ohne Wasser.“ ■ PS

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MADE IN GERMANY Michael Hohl im Gespräch

Wagner begeistert die Jugend Bayreuths Oberbürgermeister über Festspiele, Prominenz und Visionen

Die Wagner-Festspiele in Bayreuth sind ein musikalisches Weltereignis „Made in Germany“. Immer ab Ende Juli zieht die oberfränkische Stadt für fünf Wochen lang Wagner-Fans aus allen Regionen dieser Erde an. In einem sehr persönlichen Interview spricht Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU) über seinen Weg zur Wagner-Musik, über die Zusammenarbeit mit dem Grünen Hügel und über die Zukunft seiner Wagner-Stadt. Bayerischer Monatsspiegel: Die Bayreuther Wagner-Festspiele sind ein Weltereignis. Ist dann auch der Bayreuther Oberbürgermeister ein Weltpolitiker? Michael Hohl: Nein, ich bin kein Weltpolitiker, aber ich ein Repräsentant einer Stadt, die zumindest einmal im Jahr im Blick der Weltöffentlichkeit steht, weil die Bayreuther Festspiele weltweit wahrgenommen werden.

Die Menge begleitet Lohengrin und seine Braut Else zur Kirche. Aus der romantischen Wagner-Oper über die unglückliche Liebe der beiden hat Regisseur Hans Neuenfels eine moderne Bayreuth-Fassung inszeniert. Sie steht in diesem Sommer sechsmal auf dem Spielplan.

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BMS: Und wie spürt das der Oberbürgermeister? Hohl: In dieser Zeit gibt es eine Fülle von interessanten Begegnungen mit Menschen, die in erster Linie kommen, um Wagner zu genießen, die aber auch die Stadt Bayreuth erleben wollen. Diese Zeit nutze ich, um für Bayreuth zu werben. So konnten wir ein Netzwerk knüpfen mit ehemaligen Bayreuthern, die in aller Welt Karriere gemacht haben.

© Bayreuther Festspiele GmbH / Enrico Nawrath

BMS: Aber der Hauch der großen weiten Welt ist doch zu spüren? Hohl: Sicher, und da freut sich die ganze Stadt darauf, dass dieser Hauch fünf Wochen lang durch Bayreuth weht.


BMS: Wer gehört dazu? Hohl: Zum Beispiel Rolf Schmidt-Holtz, der langjährige Bertelsmann-Manager und Vorstandschef der Sony Music Entertainment. Er pendelt zwischen New York und Hamburg und seine Mutter wohnt noch immer in Bayreuth BMS: Und man trifft sich zu den Festspielen? Hohl: Nicht nur. Wir haben einen Arbeitskreis gebildet, der sich zweimal im Jahr trifft. Unser Ziel dabei ist, die Erfahrung dieser erfolgreichen Mitstreiter zu nutzen, um das Bild Bayreuths in der Welt weiter zu verbessern und neue Kontakte knüpfen zu können. Modern gesagt: Hier findet networking statt. BMS: Gibt es konkrete Ergebnisse? Hohl: Wir haben sehr konkrete Marketing-Ansätze erarbeitet, die der Bayreuth Marketing- und Tourismus GmbH neue Impulse geben konnten. BMS: Bei den vielen Treffen zur Festspielzeit, wer ist da für Sie spannender, Margot Werner oder Angela Merkel?

Fünf Wochen lang weht der Hauch der großen Welt durch Bayreuth Hohl: Nehmen Sie doch bitte noch Veronica Ferres, Sebastian Koch, Robert Atzorn oder Thomas Gottschalk dazu. Alle sind unglaublich spannende Persönlichkeiten, jede auf ihre Art. Das kann man nicht vergleichen. Aber die beiden Namen, die Sie nennen, zeigen schon die Bandbreite der Persönlichkeiten, die sich hier treffen. Das ist ein faszinierender Mix, der die Festspielzeit sehr lebendig macht. BMS: Geht’s beim Gespräch mit der Bundeskanzlerin wirklich nur um Musik? Hohl: Natürlich nicht, aber ich versuche, die harten politischen Themen zu vermeiden. Die Bundeskanzlerin macht hier Urlaub. Und das weiß doch jeder von sich selbst: Im Urlaub will er vom Beruf möglichst nichts wissen. Wir Bayreuther gönnen der Kanzlerin bei uns ein paar erholsame Tage und freuen uns, dass sie jedes Jahr kommt.

Bayerischer Monatsspiegel 159_2011

„Wir gönnen der Kanzlerin bei uns ein paar erholsame Tage“: Bundeskanzlerin Angela Merkel zwischen Ehemann und Oberbürgermeister Michael Hohl, der von seiner Ehefrau begleitet wird.

BMS: Sie ist eine begeisterte Wagnerianerin. Wissen Sie, woher das kommt? Hohl: Ich weiß, dass sie diese Begeisterung schon lange hat, aber darüber gesprochen haben wir noch nicht. BMS: In Ihrer Vita ist viel von Juristerei zu lesen, wo bleibt die Musik? Hohl: Ich habe keine musikalische Ausbildung und bin Autodidakt auf der Rhythmusgitarre. Ich habe Freude an der Musik und am Rhythmus. In Bezug auf Wagner: Mir geht es wie meiner Frau – je länger wir uns mit Wagner beschäftigen, desto tiefer wachsen wir in seine Musik hinein. BMS: Als OB von Bayreuth ist das ja Pflichtprogramm. Hohl: Ja, es könnte in der Stellenbeschreibung stehen. Man ist geradezu gezwungen, sich mit der Wagnerischen Kunst zu beschäftigen. Wir empfinden dieses Muss beide als sehr positiv, insofern ist das für uns kein Zwang, sondern Bereicherung. Wir haben inzwischen so viel Freude daran gewonnen, dass wir Wagner-Aufführungen auch an anderen Orten besuchen und inzwischen auch gelernt haben, die Inszenierungen, die Orchester und die Dirigenten zu vergleichen. Ich glaube, meine Frau und ich sind auf dem Weg, Wagnerianer zu werden, aber wir sind noch lange nicht auf der höchsten Stufe angekommen. BMS: Sie nähern sich Wagner Hand in Hand... Hohl: Das kann man so sagen. BMS: Wer ist in der Familie der größere Wagnerianer: Sie oder Ihre Frau? Hohl: Der ausdauerndere Wagnerianer ist sicher meine Frau. BMS: Und womit hat sich der Student Hohl die Ohren vollgedröhnt? Hohl: Selbstverständlich mit Rockmusik, gemischt mit ein wenig Soul, wie bei Eric Clapton. Wir spielten in einer kleinen Band, und er war für uns ein Idol.

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MADE IN GERMANY

BMS: Sie lebten als Student bereits in Bayreuth. Haben Sie sich da auch schon Wagner genähert? Hohl: Die Versuche von Kommilitonen, an Karten zu kommen, haben mich neugierig gemacht und ich habe mich ihnen angeschlossen. Wir haben mal eine halbe Nacht vor dem Kartenbüro gewartet, um die ersten zu sein, wenn die Türe aufgeht. Später bekam ich Karten für die Generalproben. Schon damals hat mich die besondere Atmosphäre fasziniert. BMS: Wo braucht’s mehr Sitzfleisch: Im Stadtrat oder bei den Festspielen? Hohl: Ich habe es bisher immer noch geschafft, Gremiensitzungen halbwegs zügig abzuwickeln. Da beansprucht Wagner das Sitzfleisch sicher mehr.

Trauerfeier für Wolfgang Wagner. Das ging mir tief unter die Haut. BMS: Sie hatten ein gutes Verhältnis zu ihm? Hohl: Absolut. Ich habe ihn schon lange vor meiner OB-Zeit kennen und schätzen gelernt, weil ich als Anwalt gelegentlich den Vorstand des Festspiel-Orchesters in Rechtsfragen vertreten habe. Wenn es dabei um Aufnahmen alter Aufführungen ging, gab es immer wieder gemeinsame Besprechungen mit Wolfgang Wagner.

Als Student harrte der OB eine halbe Nacht vorm Kartenbüro aus BMS: Gab es dabei auch streitige Punkte? Hohl: Oh ja, aber er hat immer zur Klärung der Streitigkeiten beigetragen. Dabei half ihm sein phänomenales Gedächtnis. Er konnte noch nach Jahrzehnten Auskunft geben, mit wem was wie vereinbart worden war. Das war sehr beeindruckend. Bei diesen Gelegenheiten hat er auch gerne Anekdoten aus früheren Festspiel-Jahren erzählt.

BMS: Ist es also ein Vorteil, als OB die Tempi im Ratssaal beeinflussen zu können? Hohl: Ich würde mir manchmal schon wünschen, als Oberbürgermeister ähnlich viel Einfluss zu haben wie der Dirigent eines Orchesters.

BMS: Ging auch einmal eine Aufführung unter die Haut? Hohl: Nicht nur eine. Der erste tief bewegende Moment war für mich Ende der Achtziger Tristan mit dem grandiosen Tenor Siegried Jerusalem und der hinreißenden Sopranistin Waltraud Maier. Das zu erleben, war für mich sensationell und hat sich tief eingeprägt.

BMS: Gab es einen Moment, der Sie tief berührt hat? Hohl: Der Moment, der mich am tiefsten berührt hat, war die

BMS: Sie haben auch die wichtige Position des Geschäftsführers der Richard-Wagner-Stiftung. Ist die Zusammenarbeit mit jetzt

Sehnsuchtsort der Wagner-Fans in aller Welt: Der Grüne Hügel von Bayreuth mit dem Festspielhaus. Drinnen ist seit Richard Wagners Zeiten immerhin das Raumklima besser geworden.

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Foto: DB AG/Hartmut Reiche

BMS: Treffen sich die einstigen Rocker noch? Hohl: Wir sind im Laufe der Jahre ein wenig vom Winde verweht. Aber im vergangenen Jahr habe ich unseren Keyboarder bei seinem Fünfzigsten getroffen. Wir waren in einem Gasthaus, haben gut gegessen und ein paar Bierchen getrunken. Dann haben wir die Türen zum Nebenzimmer zugemacht, zu den Gitarren gegriffen und ein bisschen gerockt. Der Saal wurde ganz schnell voll.


zwei Frauen leichter als früher mit einem Patriarchen? Hohl: Die Zusammenarbeit hat sich verändert. Das Team aus den beiden Damen hat sich formiert und man merkt, dass beide den Ehrgeiz haben, die Festspiele voranzubringen. Den habe ich auch und da verstehen wir uns gut und helfen uns gegenseitig. BMS: Spürt man einen frischen Wind? Hohl: Wir haben am Anfang einen sehr frischen Wind gespürt, der einiges durcheinander gewirbelt hat. Der war so frisch, dass wir kaum hinterher gekommen sind. Katharina Wagner wurde ja noch von ihren Eltern im alten Festspiel-Betrieb angelernt, aber wir haben jetzt mit den vier Gesellschaftern Bund, Freistaat und Stadt sowie der Gesellschaft der Freunde in einer GmbH eine andere Welt. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Gesellschafter stellen natürlich besondere Anforderungen an den Umgang mit Steuergeldern. Das war bei den ersten Sitzungen nicht ganz einfach, aber wir haben inzwischen eine pragmatische Ebene gefunden und alle bemühen sich, den beiden Damen das Leben leichter und nicht komplizierter zu machen. Aber es haben nun auch alle verstanden, dass die Finanzministerien und die Rechnungshöfe gewisse kaufmännische und buchhalterische Anforderungen stellen. BMS: Controlling war früher auf dem Grünen Hügel wohl eher ein Fremdwort. Hohl: Es lief halt meist auf Zuruf von Wolfgang Wagner. Er musste auch keinen fragen. BMS: Waren Sie selbst mal auf der Bühne gestanden? Hohl: Bei der Trauerfeier von Wolfgang Wagner habe ich auf der Bühne gesprochen. Aber sonst nicht. Ich habe schon scherzhaft gesagt, ich würde gerne mal im Matrosen-Chor beim Fliegenden Holländer mitspielen, aber da beiße ich auf Granit. BMS: In zwei Jahren feiern die Festspiele den 200. Geburtstag von Richard Wagner. Haben Sie einen Wunsch für die geplante Ring-Inszenierung? Hohl: Dass es ein Welterfolg wird. 2013 wird alles, was Rang und Namen hat, Wagner präsentieren. Die Konkurrenz wird also groß sein und wir haben die schwierige Aufgabe, dass wir als Festspiele und als Stadt eine Alleinstellungsposition behaupten. Die Stadt arbeitet an einem sehr attraktiven Jubiläumsprogramm. Wir werden uns anstrengen, um uns als die FestspielStadt Richard Wagners zu präsentieren. Und die Festspiele tun das Ihre mit einem noch geheimnisumwobenen Ring. BMS: Womöglich mit Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck als Regisseur? Hohl: Ich möchte mich insoweit an keinen Spekulationen beteiligen. Wir, die Gesellschafter, halten uns aus den künstlerischen Angelegenheiten der Festspiele heraus. Das steht auch in den Verträgen, dass die Damen künstlerisch frei sind. Es ist also Sache von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, einen Jubiläums-Ring auf die Bühne zu bringen, der Richard Wagner richtig gut gefallen würde. BMS: Sie werden bei der Eröffnungsfeier nicht mehr dabei sein, aber dennoch die Frage: Wie wird Bayreuth zum 300. WagnerGeburtstag aussehen? Hohl: Hundert Jahre in die Zukunft zu schauen, ist gewagt. Aber ich bin überzeugt, dass 2113 die weltweite Begeisterung für

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Ihr frischer Wind hat auf dem Hügel einiges durcheinander gewirbelt: Die neuen Chefinnen Katharina Wagner (li.) und Eva Wagner-Pasquier.

Richard Wagner noch größer sein wird, als sie es heute ohnehin schon ist. Ein kleines Zeichen dafür sind für mich die vielen jungen Leute, die wieder nach Bayreuth kommen. Vor Jahren hatte ich noch die Sorge, dass unserem Publikum der Nachwuchs ausgeht. Aber jetzt sind junge Leute aus aller Welt da. Das macht mich zuversichtlich, dass es die Festspiele auch in 100 Jahren noch gibt und dass Bayreuth seine einzigartige Position als die Wagnerstadt weltweit auch dann noch behaupten kann. BMS: Und auf dem Hügel steht ein supermodernes Festspielhaus? Hohl: Vielleicht erhebt sich dann über dem Festspielhaus eine gläserne Pyramide. BMS: Und die Zuschauer schwitzen weniger als heute? Hohl: Es ist ja jetzt schon leicht klimatisiert und somit deutlich besser als zu Zeiten Richard Wagners. Aber die Technik lässt sich sicherlich weiter verbessern. ■ Das Interview führte Peter Schmalz.

Dieses Interview erscheint auch in der Festival Tribune, die der Augsburger Verleger und Journalist Walter Schilffarth aktuell für die Wagner-Festspiele herausgibt. Unser Bild zeigt die Titelseite der Ausgabe vom vergangenen Jahr.

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Horst Seehofer

Flamme der Freiheit

Kronprinz mit Spitzenkleid: Otto von Habsburg 1915 mit Kaiser Franz Joseph und seinem Vater Karl, dem späteren und letzten Kaiser der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Otto von Habsburg wäre, wenn die Monarchie in seiner Heimat fortbestanden hätte, Kaiser von Österreich geworden, Herrscher über ein riesiges Reich mit 14 Nationen.

das 20. Jahrhundert ab. Die schrecklichsten, aber auch die glücklichsten Stunden in der Geschichte unseres Kontinents. Kein Volk war daran mehr beteiligt als die Deutschen.

Er wurde, und er war, ein überzeugter Demokrat, ein leidenschaftlicher Parlamentarier und, vor allem, ein glühender Verfechter der Einheit Europas. Er hat, nachdem sein vorgezeichnetes Leben in die Brüche gegangen war, nicht resigniert und sich ins Private zurückgezogen, sondern in einer veränderten Welt für seine zeitlos gültigen Überzeugungen gekämpft und einer besseren Zukunft den Weg geebnet. Sein Leben bildet

Zwei Weltkriege mit Millionen von Toten. Flucht und Vertreibung. Die Überwindung der Teilung Europas und die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. Die Europäische Einigung als größtes Friedenswerk in der Geschichte der Völker – all das hat Otto von Habsburg miterlebt, mit erlitten, und, dort wo es zum Wohle der Menschen war, mit gestaltet. Sein Lebensschicksal lehrt uns, dass Krieg immer Leid bedeutet. Otto von

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© 10/1915 Privatarchiv der Familie

Der Bayerische Ministerpräsident zum Tode von Otto von Habsburg


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Fotos: www.ottovonhabsburg.org - Severin Meister

Zum Kaiser erzogen Seine Berufsausbildung war Kaiser: Otto von Habsburg wurde am 20. November 1912 im niederösterreichischen Reichenau an der Rax als Enkel des noch amtierenden Kaiser Franz Joseph geboren. Nachdem sein Vater Karl 1916 den Thron bestieg, wurde Otto Kronprinz von Österreich-Ungarn. Mit seinen Eltern ging er 1919 ins Exil, wo der Vater starb und seine Mutter Zita ihn so erzog, dass er jederzeit den Thron hätte besteigen können. Er lernte sieben Sprachen fließend und wurde zum entschiedenen Gegner Hitlers, der Befehl gab, ihn zu töten. Nach dem Krieg verweigert ihm Österreich Pass und Einreise, das Familienoberhaupt der Habsburger wurde staatenlos und fand eine neue Heimat in Pöcking am Starnberger See. Auf Bitten von Franz Josef Strauß ging er 1979 ins Europaparlament, dem bis 1999 angehörte. Über drei Jahrzehnte war er auch Präsident der Paneuropa-Union. 1951 heiratete er Regina, eine Prinzessin von SachsenMeinungen, deren Stammsitz die thüringische Heldburg war. Mit ihr hatte er sieben Kinder. Der 50-jährige Sohn Karl ist seit 2007 Oberhaupt der Familie. Unser Bild zeigt Otto und Regina von Habsburg bei einem Besuch in Washington. Sie ist im vergangenen Jahr gestorben, Otto von Habsburg am 4. Juli in Pöcking. Das Ehepaar wurde in der Kapuzinergruft im Wiener Stephansdom beigesetzt, das Herz des Kaisersohns kam ins ungarische Kloster Pannonhalma.

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Foto: www.ottovonhabsburg.org

Otto von Habsburg war ein christlich-sozialer Politiker im besten Sinne. Seine politischen Vorstellungen fußten auf dem christlichen Menschenbild. Er war glühender Anhänger der katholischen Soziallehre, die den einzelnen Menschen in seiner unveräußerlichen Würde und Einmaligkeit zum Maßstab für politisches Handeln macht. Er kämpfte für Demokratie und Menschenrechte. Und er hielt unerschütterlich an seinem Traum von einem geeinten und einigen Europa fest, in dem die Völker in Frieden und Freiheit ihre Zukunft gestalten können sollten.

Enger Weggefährte und politischer Freund: 1987 erhielt Otto von Habsburg von Franz Josef Strauß das Bundesverdienstkreuz.

Habsburg hat es bitter erfahren und war deshalb ein Mann des Friedens und der Völkerverständigung. Seine Devise als Chef des Hauses Habsburg lautete: Einigen, nicht trennen! Er stand fest zu seinen Grundüberzeugungen. Zugleich war er ein Mensch und Politiker, der auf den geduldigen und beharrlichen Dialog und auf den respektvollen Umgang mit der anderen Meinung setzte. Er wollte, wie man heute sagt, die Menschen mitnehmen und nicht über ihre Köpfe hinweg Entscheidungen treffen. Auch damit war der Visionär Otto von Habsburg seiner Zeit voraus.

Otto von Habsburg liebte die Menschen, für die er sich in Straßburg und Brüssel einsetzte. Auch im hohen Alter zog er unermüdlich übers Land und warb für Europa. In einer bayerischen Dorfwirtschaft mit den Bürgern über die Zukunft unseres Kontinents zu diskutieren, war für ihn Lebenselixier und Quell der Freude. Er setzte auch das geschriebene Wort ein, um die Menschen für seine Ideen zu gewinnen. Sein publizistisches Werk umfasst 37 Bücher in neun Sprachen und eine große Bandbreite historischer, politischer und gesellschaftlicher Fragen. Sein Leben lang hat er gegen jede Unterdrückung gekämpft. Sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus war, und auch das verband ihn mit Franz Josef Strauß, ebenso unbeugsam wie seine Gegnerschaft zum Kommunismus. Den Mut dazu bezog Otto von Habsburg aus seinen christlichen Überzeugungen. 1940 hatte er – selbst auf der Flucht vor den Nazi-Häschern – entscheidenden Anteil daran, dass Tausende verfolgte Landsleute nach Übersee entkommen konnten. Viele davon waren Juden. Später wurde ihm deshalb ein Baum in der „Allee der Gerechten“ auf dem Gelände der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gepflanzt.

Otto von Habsburg wurde am 20. November 1912 in Reichenau in Niederösterreich geboren. Er war der älteste Sohn von Erzherzog Karl, dem späteren und letzten Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Als Kind, mit gerade einmal sechs Jahren, musste er 1919 zusammen mit seinen Eltern seine österreichische Heimat verlassen. Es verschlug ihn in die Schweiz, in die

„Otto von Habsburg war ein Mann des Friedens und der Völkerverständigung“

Er empfand eine tiefe Dankbarkeit, dass er in Bayern willkommen war. Deshalb engagierte er sich für diese, seine zweite Heimat. Besonders eng verbunden fühlte er sich dem 4. Stamm Bayerns, den Heimatvertriebenen. Schon vor seinem Einzug in das Europaparlament prägte Otto von Habsburg die vom Grundgesetz nicht vorgesehene, aber von allen bayerischen Ministerpräsidenten praktizierte „bayerische Außenpolitik“ mit. Seine erste politische Funktion in Bayern war der Vorsitz des Beirats für außenpolitische Fragen der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Im Jahr 1979 kandidierte er auf ausdrücklichen Wunsch von Franz Josef Strauß für das erstmals gewählte Europäische Parlament, dem er bis 1999 – zum Schluss als Alterspräsident – angehörte.

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Foto: www.ottovonhabsburg.org

Verbannung nach Madeira, dann nach Spanien, Belgien und während des Zweiten Weltkriegs ins Exil in die USA. Jahrzehntelang blieb Otto von Habsburg ein Heimatloser, bis er nach seiner Heirat in Bayern, in Pöcking am Starnberger See Wurzeln schlug.

„Traum von einem geeinten Europa“: Gemeinsam mit Sohn Karl legte Otto von Habsburg 1996 im zerstörten Sarajevo Blumen nieder.

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Foto: www.ottovonhabsburg.org

Aufgebahrt in der Münchner Theatinerkirche: Gebirgsschützen halten Ehrenwache für den verstorbenen Kaiser-Sohn, sein Sarg ist mit einer Fahne in den Habsburg-Farben Gelb und Schwarz bedeckt. Den Gottesdienst zelebrierte der Münchner Kardinal Reinhard Marx.

Als Mitglied der islamischen königlichen Akademie in Marokko engagierte er sich im interreligiösen Dialog mit den Muslimen. „Der Islam“, sagte er einmal, „ist unser Bruder.“ Otto von Habsburg wusste: Eine aus innerer Überzeugung gelebte Toleranz ist unverzichtbare Grundlage einer humanen Gesellschaft. Für viele Menschen in Mittel- und Osteuropa war Otto von Habsburg ein Anker, mit dem sich zu Zeiten des Kommunismus die Hoffnung auf ein selbst bestimmtes Leben verband. Er hielt die Flamme der Freiheit am Lodern, als andere die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas längst aufgegeben hatten. Anders als seinem – 1988 verstorbenen – engen Weggefährten und politischen Freund Franz Josef Strauß war es ihm vergönnt, den Fall des Eisernen Vorhangs selbst mitzuerleben. Es ist eine glückliche Fügung der Geschichte, dass Otto von Habsburg einen wesentlichen Beitrag zu diesem wahrlich weltbewegenden Ereignis leisten konnte. Denn er war nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch ein Mann der Tat. Er war zur Stelle, wenn es darauf ankam. Er ergriff selbst die Initiative. Im August 1989 war Otto von Habsburg Urheber und Schirmherr des so genannten „Paneuropäischen Picknicks“ an der österreichisch-ungarischen Grenze, bei dem weit über 600 Deutschen aus der DDR die erste große Massenflucht in die Freiheit gelang. Die Nachrichten und Bilder von diesen Geschehnissen, die im Fall der Berliner Mauer gipfelten, haben sich auch bei uns in Bayern tief ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung

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eingebrannt. Es war die Krönung des politischen Lebenswerks von Otto von Habsburg. Otto von Habsburg war ein Europäer der allerersten Stunde. Schon 1936 wurde er Mitglied und 1973 Präsident der Internationalen Paneuropa-Union, die für ein freies, christliches, soziales und einiges Europa eintritt. Die große EU-Osterweiterung im Jahr 2004 war ihm ein echtes Herzensanliegen. Bis zuletzt kämpfte er für die Aufnahme all jener Länder, die das kommunistische Joch abgeschüttelt und sich Demokratie und Menschenrechten verschrieben hatten. Dass die EU kürzlich den EU-Beitritt Kroatiens beschlossen hat, ist auch das Werk Otto von Habsburgs. Diese Neuigkeit hat ihm in seinen letzten Lebenstagen hoffentlich ein Stück Freude im Herzen bereitet. Sein Einsatz für ein vereintes Europa, das sich an Werten orientiert, bleibt hoch aktuell und wird auch in Zukunft weiterwirken. ■

Horst Seehofer ist bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender. Der Text ist die leicht gekürzte Rede, die Seehofer bei der Münchner Trauerfeier für den am 4. Juli in seinem Wohnort gestorbene Otto Habsburg hielt. Der Sohn des letzten österreichischen Kaisers wurde 98 Jahre alt.

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Michael Weiser

Anspruchsvolle Geliebte Christian Thielemann wird seinen neuen Posten als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden erst 2012 antreten. Bei seiner Münchner Abschiedstournee machte er auch Station beim Peutinger Collegium als einer der ersten Stationen: Im großen Saal des Grand Westin plauderte der 52-jährige Berliner mit seinem Gastgeber Professor Walter Beck in einer illustren Runde über seine Liebe zur Musik – eine anspruchsvolle Geliebte. „Wenn das Lohengrin-Vorspiel losgeht, ist man doch schon völlig fertig“, sagte der Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker an diesem Abend, ohne auch nur ein bisschen

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derangiert zu wirken. Im Gegenteil: Er beherrscht ein Podium offenbar nicht anders als ein Orchester. Braungebrannt, im legeren Polohemd, locker zurückgelehnt, war er selbst das beste Argument gegen ein altes Vorurteil: „Klassische Musik ist keine steife Angelegenheit.“ Thielemann, der Ende der 80er Jahre mit seinem Nürnberger „Tristan“ seinen Durchbruch erlebte, verriet auch etwas über Wagners Geheimnis: „Ein ganz unverschämter Kalkulierer von Reaktionen.“ Und wohl einer, der sich auf diese Balance verstanden hat: „Zu viel Analyse hat kein Herz, zu viel Herz hat keine Analyse.“


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Christian Thielemann, hier am Dirigentenpult im Münchner Gasteig, hat den Münchner Symphonikern den Rücken gekehrt. Seine neue Heimat wir ab kommendem Jahr die Dresdner Semper-Oper sein.

Ein bisschen grämte man sich als Zuhörer, seine Laufbahn am Instrument allzu früh durch Faulheit beim Üben beendet zu haben. So viel Appetit machten die musikalischen Zwischen-

Klassische Musik ist keine steife Angelegenheit spiele junger Solisten und Orchestermusiker. Dass einem da Wonneschauer über den Rücken rieseln, ist kein Wunder, glaubt man dem Anthropologen Wulf Schievenhövel. „Wir sind von der Natur als musikalisch sehende Affen gedacht“, sagte er.

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Dann ist die Beschäftigung mit Musik nichts anderes als artgerechte Haltung. Am besten von Kindesbeinen an. Doch davon ist man – leider – weit entfernt, gab auch Kultusminister Ludwig Spaenle zu, der etwas furchteinflößend einen „niederschwelligen Zugang“ zur Musik anregte. Ist halt alles nicht so einfach mit den Musen, wie auch der weltbekannte Geigenbauer Martin Schleske bekannte. „Ich betreibe ein Kunsthandwerk“, sagte der Stockdorfer, „ Geigen zu bauen, ist ein Handwerk. Sie zu verkaufen, ist Kunst.“ Wie erreicht man Kinder, die Musik nicht schon früh von ihrer Familie vermittelt bekommen? Die Eltern müssten mitziehen,

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die Kinder ohnehin, und auch die Lehrer werden sich wappnen müssen, wenn man dem Gynmasiallehrer Hans’l Klaffl Glauben schenken darf. Er berichtete dem Collegium von seinen Erfahrungen aus dem frühen Musikunterricht mit der Blockflöte: „So eine Schulflockblöte ist aus Plastik, und so ein Plastikpfeiferl, das klingt schon grauenhaft. Da freuen Sie sich über jede Vuvuzela.“ Eine Heavymetalband, so Klaffl, „ist ein Dreigesang dagegen“. Auch wenn nicht jeder so traumatische Erfahrungen sammelte wie Klaffl – die Aufgabe, den Boden für die Musik zu bereiten, bleibt schwierig. Sie gleicht einem Spagat zwischen

© wild und leise

„Glücklich, die Menschen zu begeistern“: Christian Thielemann zählt zu der Weltelite unter den Dirigenten.

Breitensport und Spitzenleistung, meint Deutschlands einzige Domkapellmeisterin Lucia Hilz: „Wie hebt man im Unterricht das Niveau so an, dass es denen passt, die es wissen wollen?“ „Der Musikunterricht an der Schule war für mich eigentlich verkehrt“, sagte auch Thielemann. „Musikkompetenz ist so ein großes Ding, da ist es mit zwei Stunden nicht getan.“ Am Ende ist es mit der Musik vermutlich wie mit jeder Kunst: Zehn Prozent Inspiration, neunzig Prozent Transpiration – beim Üben, Üben, Üben. Um irgendwann mal dorthin zu kommen, wo Christian Thielemann schon hingekommen ist: „Man geht dann glücklich nach Hause, wenn man das Gefühl hat, die Menschen begeistert zu haben.“ ■

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Foto: Justa, München

Zum Abschied eine musikalische Diskussionsrunde (v.li.): US-Generalkonsul Conrad Tribble, Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, Christian Thielemann, Walter Beck vom Peutinger-Collegium, Musikunternehmer Gerhard Meinl und Geigenbauer Martin Schleske.


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1968 Hans Maier

Ich gehe auf Gegenkurs

In „Böse Jahre, gute Jahre“ erinnert der frühere bayerische Kultusminister an das „Leidensjahr“ 1968 Für viele Kollegen – auch für viele Studenten, die nicht zum Kreis der «Radikalen» gehörten – war 1968 ein ärgerliches Leidensjahr, daran ist kein Zweifel. Bei vielen hinterließen die Aggressionen und Attacken ein Trauma, das lange Zeit nachwirkte. Manche duckten sich, waren verwundet, fühlten sich gedrückt. Manche litten jahrelang unter den damals erlittenen Demütigungen – ich nenne nur drei bekannte Namen: Gerhard Kaiser, Joseph Ratzinger, Friedrich H. Tenbruck. Ich dagegen nahm mir vor, nicht zu leiden, sondern mich zu wehren – und dabei leitete mich ein kräftiger, solider, lange vorhaltender Zorn.

Was erzürnte mich? Es war der elitäre Erzieher-Hochmut des SDS und seiner Trabanten, es war das unverhüllt in den Vordergrund tretende Selbstbedienungsinteresse der BundesAssistentenkonferenz, die anfangs noch mit vernünftigen Vorschlägen zur Hochschulreform hervorgetreten war, es waren die lärmenden Revolutionsspiele der Bürgerkinder, für welche die akademischen Bretter ganz offensichtlich die Welt bedeuteten, es war der neue Sprachjargon mit seinem «Umfunktionieren» und «Verunsichern», seinen «gezielten Regelverletzungen», seinen Appellen an «Gewalt» und «Gegengewalt». Dieser Jargon hatte sich weit von der politischen Realität, von Geist und Sprache des Grundgesetzes entfernt. Plötzlich erschienen die Mandats- und Amtsträger, die Vertreter gesellschaftlicher Funktionen als «Herrschende» – als hätte ein anonymes «System» sie eingesetzt, als seien sie niemals gewählt und bestellt worden. Vertreter der demokratischen Gesellschaft, seien es Abgeordnete oder Minister, Gewerkschafter oder Industrielle, konnten sich in der Universität nicht mehr gefahrlos blicken lassen. Versuchten sie zu reden, wurden sie niedergeschrieen. Die Universität wurde zunehmend allergisch gegen das Auftreten der realen Gesellschaft in ihren Mauern – sie versuchte selbst «Gesellschaft» zu sein – in einem blinden Rückzug auf sich selbst. Aber ebenso bedrückten mich die Mutlosigkeit vieler Professoren, die Angst der «schweigenden Mehrheit» in den Hochschulen, Resignation, Konfliktscheu oder Ungeschick der politisch Verantwortlichen, die allgemeine Rat- und Regellosigkeit. Es bedurfte gründlicher Überlegungen, um im Campus wieder Vernunft und Arbeitsfrieden einkehren zu lassen. Es ging nicht ohne den Staat – aber gewiss auch nicht mit dem Staat allein. 

Ministerpräsident Franz Josef Strauß (r.) und Kultusminister Hans Maier (auf dem Katholikentag 1986 in Aachen) waren so unterschiedliche Charaktere, dass ihre gemeinsame Zeit im bayerischen Kabinett geprägt war von erheblichen Spannungen, die schließlich auch zum Rücktritt von Maier führten.

Auch als Bundespräsident war Hans Maier im Gespräch. Doch der CDU-Chef und Kanzler Helmut Kohl (li.) hatte andere Pläne. Unser Bild zeigt beide gemeinsam mit dem damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau, der Jahre später selbst Bundespräsident wurde.

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BAYERN & KULTUR Wer die Übergriffe und Attacken nicht einfach hinnehmen wollte, wer zur Abwehr entschlossen war, der musste überlegt vorgehen, soviel stand fest. Zunächst einmal musste erkundet werden, was tatsächlich in den Hörsälen und Seminaren vor sich ging, was die Revolte angerichtet hatte, wo die Gegenwehr ansetzen konnte. In einem von Paul Bockelmann, Wolfgang Clemen und mir verfassten Bericht über die Beeinträchtigungen von Lehre und Forschung an der Ludwig-Maximilians-Universität wurde für das Sommersemester 1969 folgende Bilanz gezogen: acht Vorlesungen mit einer Gesamthörerzahl von ca. 1500 Studenten nach systematischen Stör- und Gewaltaktionen extremistischer Gruppen eingestellt; etwa 40 Prozent aller Vorlesungen und Seminare so stark gestört, dass sie unterbrochen werden mussten und nur mit größter Anstrengung zu Ende geführt werden konnten (ein Professor, der Philosoph Hermann Krings, hielt nach ständigen Eier- und Tomatenbombardements seine Vorlesung im Drillichanzug!). Die Polizei kam in dieser Zeit kaum noch an die Universität. Sie wurde von den zuständigen Instanzen auch nicht gerufen – siehe oben. Dafür kamen die Ärzte: Mehrere Professoren erlitten Herzattacken und mussten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die Räume zweier Institute wurden besetzt und verwüstet, die Räume von sechs weiteren verschmutzt und verschmiert, eine

Als ausgesprochen harmonisch beschreibt Maier die Jahre im Kabinett von Ministerpräsident Alfons Goppel, der ihm 1971 den Bayerischen Verdienstorden verlieh.

konferenz der Öffentlichkeit vorstellten. Es gab einen kleinen Aufschrei in Presse, Funk und Fernsehen, dann war wieder Schweigen, und von Seiten der Radikalen konnten neue Attacken geplant und vorbereitet werden.

1968 Mit mutigen Assistenten organisierte Maier Widerstand gegen die Störer

Fakultätssitzung, eine Senatssitzung wurden gesprengt. Von all dem erfuhr die Öffentlichkeit so gut wie nichts. Man hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass die Universität ein rechtsfreier Raum war – zumindest dass hier das Recht nur mit Abstrichen galt. Man gab sich schon zufrieden, wenn keine spektakulären Ereignisse stattfanden, sondern «nur» die bald alltäglichen Angriffe und Rechtsverstöße. Einzig dem Kollegen Otto B. Roegele und seinem medienbewussten Assistenten Peter Glotz gelang es, das allgemeine Schweigen zu durchbrechen, indem sie das von den «Besetzern» verwüstete Kommunikationswissenschaftliche Institut, das außerhalb der Universität lag, in einer Presse-

Als hoch geschätzter Orgelspieler hat Hans Maier auch mehrere CDs herausgegeben. Hier spielt er 1975 gemeinsam mit seiner Tochter Agnes Katharina in der Münchner Frauenkirche.

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Natürlich gab es auch schon früher in der Universität Leute, die sich schlecht benahmen. Jetzt aber wurde solches Benehmen geradezu zur Pflicht erklärt. Im Hörsaal wurde während der Vorlesung gesprochen, gegessen, geraucht, Zeitung gelesen, gestrickt. Und was tun, wenn der Inhalt der Vorlesungen in Diskussionen systematisch «umfunktioniert» wurde, so dass man am Ende über alles diskutierte, über Politik, Wirtschaft, Kultur und die drohenden Notstandsgesetze, nur nicht über das Thema der Vorlesung? Natürlich gab es Professoren, die sich zu wehren wussten, die mit dem Wort umgehen und eine Situation beherrschen konnten. Wie aber, wenn solche Kunst plötzlich von allen, auch von den Unpolitischen, Weltfremden unter den Gelehrten (und das waren sehr viele) verlangt wurde; wenn sich die Professoren den Zutritt zu ihren eigenen Vorlesungen erstreiten und in ihren Seminaren regelrecht ums Wort kämpfen mussten, das ihnen doch kraft Amtes zustand? Die Professorenschaft, ohnehin ein loses Bündel von Individualisten, fiel angesichts der ständigen Attacken immer mehr auseinander: Die einen waren empört und riefen nach dem Staat, die anderen zogen sich resigniert, manchmal auch erleichtert (keine Vorlesungsverpflichtungen mehr!) in die Forschung zurück, die dritten brachten den Revoltierenden «Verständnis» entgegen (ohne dafür belohnt zu werden) – und einige dachten darüber nach, was das alles zu bedeuten habe und wie man sich gegen die täglichen Zumutungen am besten wehren könne. Mit einigen mutigen Assistenten – Raimund Baumgärtner, Heinrich Oberreuter und Wolfgang Quint – organisierte ich den Widerstand gegen Vorlesungsstörungen. Man brauchte dafür viel Geduld und einen langen Atem. Das eine Mal waren wir erfolgreich, ein andermal nicht. Immer wieder drohte man abzugleiten wie bei einer Wanderung auf schmalem Grat: auf der einen Seite die Indolenz der «schweigenden Mehrheit» der Stu-

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BAYERN & KULTUR dierenden und Professoren, die Konflikten gerne auswich und schwer zum Handeln zu bewegen war – anderseits die Risiken der «Selbsthilfe», wenn sie von Bürgern der Alma Mater ohne Auftrag und polizeiliche Sicherung ins Werk gesetzt wurde: Wer deckte einen, wenn Schäden entstanden? Ich weiß noch, wie wir mühsam und beharrlich mit Hilfe der allmählich aus ihrer Lähmung befreiten, zum Sprechen und Handeln gebrachten studentischen Mehrheit durchsetzten, dass Nikolaus Lobkowicz, der aus Notre Dame nach München ins Geschwister-Scholl-Institut gekommen war, endlich seine Vorlesungen halten konnte, ohne dauernd gestört zu werden. Wir feierten das als einen kleinen Sieg über die Intoleranz. Lobkowicz war von den Radikalen mit fanatischem Eifer und offener Gewalttätigkeit am Lehren gehindert worden. Sie verhinderten später zweimal mit ähnlichen Gewaltaktionen seine Wahl zum Rektor. Kein Wunder: Lobkowicz war ein gründlicher Marx-Kenner, ohne selbst Marxist zu sein – im weltanschaulichen Unisono des Jahres 1968 etwas schier Unglaubliches, das eigentlich nicht sein durfte. Das Jahr 1968 und die Nach-Achtundsechzigerzeit sind lange dahin. Muss man eine gänzlich negative Bilanz ziehen? Das wäre wohl zu einfach. Eines an dieser Umbruchszeit empfinde ich als positiv: 1968 und die folgende Zeit haben die politischen Establishments aller Richtungen gezwungen, Verfassungsstaat und Demokratie mit mehr Phantasie, mit intelligenteren Methoden zu verteidigen als nur mit dem Traditionsargument, «wie wir’s dann zuletzt» – nach 1945 – «so herrlich weit gebracht». Und das war immerhin etwas.

Kaffepause bei der Synode 1971 in Würzburg: Kultusminister Maier diskutiert mit Joseph Ratzinger, der damals Theologieprofessor in Regensburg war. Auch nach seiner Wahl zum Papst blieb er dort Honorarprofessor.

Dass die Krise schließlich mit rechtsstaatlichen Mitteln – auch durch Kräfte aus den Universitäten – überwunden wurde, das war für mich ein Zeichen, dass die Demokratie in Westdeutschland inzwischen «wetterfest» geworden war. Die Menschen wollten in ihrer großen Mehrzahl keine absoluten und totalen Lösungen – nichts von dem, was die Revoltierenden versprachen (oft in einem unverständlichen, dem Mann auf der Straße gänzlich unzugänglichen Jargon). Die meisten Bürger blieben offen für Reformen, sie optierten für «Versuch und Irrtum». Erziehung mit und durch Gewalt lehnten sie ab. Nicht dass mich diese Erfahrung zu einem unverbesserlichen Optimisten gemacht hätte. Aber seit 1968 war ich – mit einem Lübbe-Wort – «verblüffungsfest» gegenüber plötzlichen Herausforderungen – mehr jedenfalls als in den vorangegangenen Jahren. Ich glaubte – und glaube noch heute –, dass man Krisen beherrschen, dass man sie überwinden kann, wenn viele Menschen zusammenwirken und an der richtigen Stelle gemeinsam eingreifen. Freilich: Jemand muss vorangehen, darauf vertrauend, dass die anderen nachkommen. ■

1968 Seit 1968 war ich „verblüffungsfest“ gegenüber plötzlichen Herausforderungen 1968 hat nicht nur «die Achtundsechziger» geprägt, sondern auch ihre Gegner. Auch ich habe in dieser Zeit eine Menge gelernt: wie man unter widrigen Bedingungen Widerstand leisten, wie man «Gegenmacht» entwickeln kann; was man wissen muss über öffentliche Kommunikation, Stimmungen, Massenpsychologie. Und am Ende waren die Gegner für mich nicht mehr allein «die Linken»; mehr als sie ärgerten mich die Indolenten, Abwartenden, Überklugen, Nicht-Engagierten.

Der Text ist aus dem Buch „Böse Jahre, gute Jahre“ entnommen und gekürzt. Wir danken dem Verfasser und dem C.H. Beck Verlag für die freundliche Nachdruckgenehmigung.

In seiner Autobiographie, die rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag erschienen ist, spannt Professor Dr. Hans Maier den großen Bogen von der nur materiell bescheidenen Kindheit und dem Studium in Freiburg, seinem Engagement in Wissenschaft, Politik und Kirche, wo er jeweils hohe Ämter begleitet hat, bis in die Gegenwart. Faktenreich, präzise und mit der ihm eigenen Süffisanz eröffnet der frühere bayerische Kultusminister und ZdK-Präsident aufschlussreiche Blicke auf mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte. Geistreich und engagiert, hintersinnig und gelegentlich auch emotional, wie etwa bei den Passagen über die wenig erquicklichen Jahre an der Seite von Strauß. Ein sehr anschauliches deutsches Erinnerungsbuch und ein intellektuelles Lese vergnügen zugleich. PS.

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Hans Maier Böse Jahre, gute Jahre Ein Leben 1931 ff. C.H. Beck Verlag 422 Seiten, 24,95 Euro

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BAYERN & KULTUR Hannes Burger

Allein auf der Südschiene Durch Grün-Rot in Stuttgart verliert Bayern seinen Bündnispartner

Im Wilden Westen Amerikas waren es außer Räuberbanden vor allem „Rothäute“, die mit Lassos Schienen aus den Schwellen rissen und Eisenbahnen entgleisen ließen, um den Vormarsch der Zivilisation von „Bleichgesichtern“ in Jagdgründe der Indianer zu stoppen. In Baden-Württemberg sind es nun „Greenhorns“, die mit ihren „roten Brüdern“ keinen Bahnhof kennen, politische Weichen umstellen und auf Deutschlands Südschiene die Gleise verbiegen: Weg vom technischen Fortschritt, hin zu Fahrtzielen einer biologisch dynamischen und ökologisch heilen Welt. Die „Schwarzen“ in Bayern, wie die CSU hier tituliert wird, haben den politischen Zugverkehr mit den grün-rot regierten Nachbarn deshalb schon vorbeugend stillgelegt. Ob diese recht kraftmeierisch vorgetragene Aufkündigung des Südschienenverkehrs mit Abwerbe-Einladung an Unternehmen strategisch klug war, kann man bezweifeln. Es hat die CDU-Opposition im Ländle umgehend zur patriotischen Solidarität mit der ungeliebten Regierung gezwungen. Damit ist zwischen München und Stuttgart die Partnerschaft und der faire Wettbewerb zweier erfolgreicher Musterländer laut Ministerpräsident Horst Seehofer zum „Wettbewerb der Systeme“ geworden: Schwarz-Gelb gegen Grün-Rot. Bayern steht in Deutschland auf fast allen Feldern der Politik an der Spitze: „Premium-“ oder „Fünf- Sterne-Land“ nennt es

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BAYERN & KULTUR Seehofer in bayerischer Bescheidenheit. Aber bisher stand Bayern im Wettbewerb mit Baden-Württemberg bei Export, Investitionskraft, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, Verschuldung, Schulbildung, Integration. „Auf dem einen Gebiet waren wir vorne, auf dem anderen ihr Bayern, dann war es wieder umgekehrt“, hat CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus als Gastredner bei der CSU noch geschwärmt, bevor er abgewählt wurde. Die „Südschiene“ ist jetzt zumindest blockiert, beim Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ sogar im wörtlichen Sinne. Erstens muss die in dieser Frage zerstrittene grün-rote Regierung nach einem Volksentscheid den Durchgangs-Bahnhof unter der Erde entweder fertig bauen lassen, wie es neben CDU und FDP auch die SPD will. Oder sie muss den Bau ganz einstellen, wie es die Grünen mit Hilfe der „Wutbürger“ auf der Straße erzwingen wollen. Dann aber bekommt das Land riesige Schadenersatzforderungen der Deutschen Bahn und zudem wird der europäische Schnellzug zwischen Paris, München, Wien und Budapest an der Provinzstadt Stuttgart vorbeifahren. So war es geplant, bis Baden-Württemberg gegen diese Benachteiligung protestierte. Das bedeutet: Vorteil für München. Was politisch von der „Südschiene“ bleibt, ist das Nebengleis zum CDU-regierten Hessen. Das ist der drittstärkste von vier Zahlmeistern im Länderfinanzausgleich, die 12 am Tropf hängende Länder im Norden, Westen und Osten unterstützen müssen. Dagegen wollten die drei Unions-Länder auf der Südschiene beim Bundesverfassungsgericht klagen. Ob die neue Koalition in Baden-Württemberg aber noch mitzieht, ist fraglich. Eine gerechtere Regelung träfe rot- oder rot-grün regierte Länder besonders hart, weil diese Ausgleichs-Empfänger dauerhaft Defizite erwirtschaften – auch dank großzügiger sozialer Wohltaten, die sich die Zahlerländer bisher nicht leisteten.

„Die Südschiene“ ist jetzt blockiert, bei „Stuttgart 21“ sogar im wörtlichen Sinne. Wenn Baden-Württemberg herausfällt – sei es als Zahler oder als Mitstreiter – ist das für Bayern zumindest kein Vorteil. In Stuttgart regiert mit Winfried Kretschmann jetzt ein Lehrer als grüner Ministerpräsident und mit Vize Nils Schmid ein Juniorpartner von der SPD. Kretschmann ist ein bürgerlicher Typ, der bei den grünen Fundis schon einmal knapp vor dem Parteiausschluss stand, weil er zu konservativ sei. Aber er hat sie mit der Ansage beruhigt, die Autoindustrie als „Auslauftechnologie“ zu schrumpfen: weniger Autos, mehr Radfahrer und Fußwanderer. Nils Schmid hat mit der Ankündigung assistiert: künftig weniger Geld für Landstraßen. Da kommt gewiss bei Daimler, Porsche, Audi, Bosch und Zulieferern, bei Gewerkschaften und auf dem Land viel Freude auf – also Standortvorteil für Bayern. Auch bei anderen Versprechen wird vor allem die SPD schnell unter Druck von den Gewerkschaften kommen. Das Land BadenWürttemberg ist Miteigentümer des Energiekonzerns EnBW. Die Regierung hat dort zwar mehr Einfluss auf einen schnellen Atomausstieg als die bayerische. Sie muss aber mit großen Verlusten rechnen und für ein hochindustrialisiertes Land mit hohem Stromverbrauch sichere und bezahlbare Alternativen schaffen. Da droht ein ehrgeiziger Wettstreit mit Bayern, aber eher zum Nachteil beider.

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Auf jeden Fall ist die bejubelte „Kraft des Südens“ geschwächt. Die CSU in Bayern und die CDU in Baden-Württemberg haben bisher in der Union zwar rivalisiert, aber ihr die Stimmen gebracht, mit denen sie im Bundestag stärkste Fraktion oder Kanzlerpartei wurde. Das bedeutet nun: Bayern und die CSU haben einen Verbündeten bei ihrer bisher erfolgreichen Politik für Schulbildung, Wirtschaft und Arbeitsplätze verloren und stehen in Deutschland damit nun fast allein da. In der Bildungspolitik hofft Bayern, dass die Schwaben der leistungsfernen Einheitsschule ebenso den Hahn abdrehen wie die Hamburger. Aber es kann dauern, bis dort Schüler und Eltern die Folgen merken. Mit der FDP droht der Union nun der bürgerliche Koalitionspartner wegzubrechen. Damit steht die CSU als einzige Partei mit über 40 Prozent Stimmenanteil im Land als stärkste konservative Kraft auch im Bund allein da. Das verschafft zwar ihrer Landesgruppe in Berlin mehr Einfluss in der Union und nach der FDP-internen Entmachtung Guido Westerwelles wird Seehofer in der Berliner Koalition die stärkste und erfahrenste Figur neben Kanzlerin Merkel und ihrem Finanzminister Schäuble aus Baden-Württemberg. Es nützt der CSU freilich wenig, wenn die CDU sich im Ländle nicht bald wieder erholt und mithilft, die Regierungsmehrheit im Bund nur zu sichern. Also nur kurzfristiger Vorteil für Bayern. Allerdings kann man sich aus bayerischer Sicht aus dem grünen Kampf gegen „S 21“ auch Vorteile ausmalen. Wenn sie in Stuttgart wirklich auf einen modernen Bahnhof verzichten und die europäische Transversale von Paris bis Budapest an Stuttgart vorbeiführt, ist nicht nur der Zug schneller in München. Vielmehr ist Stuttgart abgehängt, muss Schadenersatz zahlen und das Geld wird frei für andere Bahnprojekte – auch in Bayern. Die Grünen oder Roten in Baden-Württemberg wie in RheinlandPfalz können die bekämpften Straßen- und Brückenprojekte jetzt abblasen und so das Geld vom Bund für andere frei machen. Es weiß nur niemand, ob sie in der Regierung auf Projekte verzichten, gegen die sie als Opposition protestiert haben. Da ist noch manch grün-roter Streit oder Salto rückwärts zu erwarten, bevor mehr Geld für Bayern frei wird. ■

Hannes Burger, 1937 in München-Schwabing geboren, war Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung und Bayern-Korrespondent der WELT. 22 Jahre lang schrieb er die Salvatorreden für den Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Heute lebt er im Bayerischen Wald und trägt den Ehrentitel „Botschafter Niederbayerns“.

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BAYERN & KULTUR

Nach seinen Schlossbauten Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee wollte Ludwig II. noch weitere Bauprojekte in Angriff nehmen. Ab 1883 plante er in der Nähe von Neuschwanstein einen weiteren Burgenbau. Seine Vorstellungen der Burg Falkenstein sollten aber nicht mehr realisiert werden.

Richard Loibl

Götterdämmerung Bayerische Landesaustellung auf Herrenchiemsee zeigt König Ludwig II. auf der Flucht vor der realen Welt „Alles was ist, endet. Ein düstrer Tag dämmert den Göttern.“ (Rheingold) Götterdämmerung – Wotans, Walhalls, der alten Ordnung Untergang. Die Weltesche liegt gefällt für den Weltenbrand. Wirklich Zeiten-Ende oder nur Zeiten-Wende? Diese Frage lässt Richard Wagner im Epos „Der Ring der Nibelungen“ offen. Dass er sich in vielen Anklängen auf die eigene Gegenwart, die Umbruchzeit des 19. Jahrhunderts, bezieht, steht dagegen fest. Als die Götter in ihren gigantischen neuen Palast Walhall einziehen, sagt Loge: „Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen...“

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Das war 1852. Viele Zeitzeugen ahnten damals, dass sich gewaltige Veränderungen anbahnten. Die Industrialisierung griff mächtig aus. Die Bevölkerung explodierte, städtische Ballungsräume entstanden, die Eisenbahn rückte die Welt zusammen. Bürger, Techniker und Arbeiter rüttelten an den Grundfesten der alten Ordnung. Eine neue dämmerte herauf: das Zeitalter der Demokratie – unsere Welt. Aus dieser spannenden Epoche erzählt die diesjährige Landesausstellung eine ihrer dramatischsten Geschichten: die Geschichte König Ludwigs II. und seiner Bayern. Sie ist vielleicht sogar die anrührendste; nicht umsonst begründete sie zwei


BAYERN & KULTUR Mythen: den Mythos Ludwig und den Mythos Bayern. Im Zeitalter der Globalisierung sind sie aktueller denn je. Es ist Zeit für eine Neuinszenierung. Es ist Zeit für eine Bayerische Landesausstellung. Wir erzählen sie in der Form des klassischen Dramas: Es beginnt mit dem 1. Akt: Wie Ludwig König wurde. Kindheit und Jugend liegen bereits hinter dem Schleier der Legenden und Klischees. Jede Zeit hat sich ihr eigenes Bild Ludwigs gemacht. Bis heute prägten es vor allem die Filme der Regisseure Käutner und Visconti. Sie inszenierten die berühmte Romanze Ludwigs mit Elisabeth, der Kaiserin von Österreich. Die Realität sah anders aus. Als Ludwig, noch keine 18 Jahre alt, gerade sein Universitätsstudium begonnen hatte, starb völlig unerwartet sein Vater König Maximilian. Die bayerische Verfassung sah den König in der Rolle eines Ministerpräsidenten, der die Politik steuern und seine Minister leiten sollte. Konnte diese Mammutaufgabe ein unerfahrener junger Mann bewältigen? Die Antwort gibt der 2. Akt: Wie der König Krieg führen musste und einen Kaiser über sich gesetzt bekam. 1866 ging es um nichts weniger als die Souveränität Bayerns. Es ging aber auch um eine Neuordnung Deutschlands, ja Europas. Der Wiener Kongress von 1815 und der daraus hervorgegangene lockere deutsche Staatenbund hatten Deutschland eine 50-jährige Friedenszeit geschenkt. Dazu gehörte die Großmacht Österreich mit Böhmen und Ungarn. Die zweite Großmacht war Preußen, ganz anders als Österreich national ausgerichtet, mit einem politischen Schwergewicht an der Spitze: Bismarck, dem es

um einen schlagkräftigen zentralistischen Nationalstaat unter preußischer Führung ging. Es lief auf einen Krieg hinaus: 1866 siegte die überlegene preußische Militärmacht über Österreich. Bayern stand auf der Seite des Verlierers und wurde in einem ersten großen Schritt in Richtung kleindeutscher Nationalstaat gedrängt. Der König widerstrebte genauso wie die Mehrheit des Landtags. Die Minister dagegen nahmen Kurs in Bismarcks Richtung. Das Land war uneinig. Die Altbayern, vor allem die Niederbayern und Oberpfälzer, hingen an Österreich. Sie sahen auch ohne Zukunftsgutachten sehr genau, welches Schicksal ihnen bevorstand: das Los des Grenzlandes. Die Großbürger der Industriestädte Augsburg, Nürnberg und München dagegen wünschten sich den Nationalstaat und sahen vor allem ihren wirtschaftlichen Vorteil. Der König zauderte. Das Gesetz des Handelns bestimmten Preußen und Bismarck. 1870 provozierten sie den Krieg gegen Frankreich, den alten bayerischen Verbündeten. Bayern marschierte diesmal auf preußischer Seite und siegte. 3000 Bayern ließen hierfür ihr Leben. Die Wogen der nationalen Begeisterung schwappten auch nach Bayern. Der bayerische Historiker Nepomuk Sepp schämte sich nicht, den Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich zu bejubeln. Und der König? Unter Zugzwang gesetzt, trug er dem preußischen König den Kaisertitel an. Wilhelm I. nahm an und Ludwig II. ging in die innere Emigration. Den Weg dorthin ließ er sich vergolden – durch Zahlungen aus dem Welfenfonds, die er zum Bau seiner Schlösser verwendete. Eine Alternative hätte er

Die Ludwig-Ausstellung wurde einfühlsam in die bisher ungenutzten und nie fertiggestellten Räume von Schloss Herrenchiemsee eingebaut.

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BAYERN & KULTUR gehabt: die Abdankung. Dann wäre er zu recht als Ludwig der Bayer in die Geschichte eingegangen. Und Bayern wäre ohne die Königsschlösser ein Stück weit ärmer gewesen. Freilich, die letzte Entscheidung war auch so noch nicht gefallen. Denn zum Beitritt Bayerns in das neue deutsche Kaiserreich war eine Verfassungsänderung notwendig. Im Landtag wurde zehn Tage um den Beitritt gerungen. Den liberalen Reichsbefürwortern aus den Großstädten standen die bayerischen Patrioten gegenüber: Bauern, Handwerker, Beamte, Pfarrer und Adelige. Um die notwendige Zweidrittelmehrheit zu erreichen, musste die Patriotenpartei gespalten werden. Eine gewaltige Drohkulisse

das dann nicht mehr ohne Alliierte sein wird.“ Und ganz am Ende fand er diese Worte: „Ich fühle mich nicht bevollmächtigt, unser liebes altes Bayerland an Preußen auszuliefern. Fragen Sie das Volk, ob es will oder nicht…“ Fragen Sie das Volk! Ein utopischer Aufruf für die damalige Zeit. Aber es ist schön, dass die bayerische Geschichte eine Reihe von Männern vorweisen kann, die sich im Januar 1871 nachdrücklich für Frieden, Freiheit und Demokratie einsetzten und dabei eine europäische Perspektive gewannen. 48 bayerische Patrioten blieben bis zuletzt ihrem Gewissen treu. Sie sind die wahren Helden des Jahres 1871.

wurde aufgebaut: König, Minister und Bischöfe hatten schon zugestimmt. Und realistisch betrachtet, gab es zum Reichsbeitritt kaum mehr eine Alternative. Es ging aber um mehr als eine rationale Entscheidung. Es ging um die Gewissensfrage.

Am Ende hat ihr Engagement nicht geholfen. Deutschland verspielte die europäische Chance und Bayern marschierte in einen militaristisch-undemokratischen Bund. Deshalb steht die weinende Bavaria am Ende des „Kriegsraumes“. Von den heldenhaften Schlachtenpanoramen eröffnet sich der Blick auf die Realität des industriellen Kriegs. Die Fotos der zerstörten französischen Städte weisen auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, den Edmund Jörg in seinen Reden vorhergesagt hatte.

Ein Abgeordneter lief in dem Disput zur Form seines Lebens auf: Edmund Jörg, gebürtiger Allgäuer, Staatsarchivar in Landshut, einer der markantesten Politiker des deutschen Katholizismus, beschwor eine freiheitliche internationale Ordnung Europas. Gelinge dies nicht, dann müssten die Völker Europas „bis an die Zähne bewaffnet, gegen einander stehen“. Schließlich prophezeite er für den Fall der kleindeutschen Reichsgründung „in wenigen Jahren wieder einen Krieg, den Rachekrieg mit Frankreich,

Und Ludwig? Er verabschiedete sich aus seiner Residenzstadt und von seiner Aufgabe. Politische Initiativen gingen von ihm nicht mehr aus. Er ergab sich seiner Bauleidenschaft, die uns in den 3. Akt des Dramas führt: Wie der König seine Gegenwelten schuf. 1869 hatte er bereits den Grundstein für Neuschwanstein gelegt, 1878 folgte Herrenchiemsee. Seit diese Bauwerke für den Besucherverkehr geöffnet wurden, faszinieren sie die Menschen. Der Ansturm auf die Königsschlösser, wie wir ihn heute kennen,

Der Landtag debattierte zehn Tage lang Bayerns Beitritt zum Reich

In einer eindrucksvollen Inszenierung lässt Ausstellungsgestalter Friedrich Pürstinger die Bavaria über das „finis bavariae“ weinen, das der erstmals ausgestellte Kaiserbrief für Ludwig II. und das bis dahin unabhängige Königreich Bayern darstellte.

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BAYERN & KULTUR Sendung „quer“ als philosophisch fundierter Kabarettist ausgewiesen. Der Inhalt ist wissenschaftlich belegt, die Form modern und die Interpretation satirisch; echt bayerisch eben. Und die passende Überleitung zum 4. Akt des Dramas: Wie Ludwigs Königreich modern wurde. Dabei stehen sich in zwei Räumen wieder Klischee und Realität gegenüber. Das Klischee betrifft den Mythos Bayern. Bayern fremdelte im neuen deutschen Kaiserreich. Politisch zeigte sich dies vor allem am Kulturkampf. Bismarck bekämpfte die internationale katholische Kirche. Im Gegenzug entdeckte die katholische Bevölkerung althergebrachte Frömmigkeitsformen neu und brachte damit ihre Andersartigkeit widerständig zum Ausdruck. In Preußen wurde entsprechend gegen die Katholiken polemisiert: Sie seien reichsuntreu und romhörig, dem Aberglauben verfallen und rückständig.

Das offizielle Ausstellungsplakat zeigt Ludwig II. im Spannungsfeld zwischen Romantik und Moderne.

begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Dafür war wesentlich mit ausschlaggebend das Interesse der Amerikaner. 1954 titelte beispielsweise die Illustrierte Life in einer Sonderausgabe über das westdeutsche Wirtschaftswunder „Germany a Giant awakened“ und brachte auf der Titelseite eine Aufnahme von Neuschwanstein. Das Schloss wurde das Symbol für das andere, das neue Deutschland; eine späte Ehrenrettung für Ludwig und seine Bayern.

Zur Skepsis kam aber auch das Staunen über das exotische Bergvolk, zum Beispiel bei den Oberammergauer Passionsspielen. Die Bayern spielten die Leidensgeschichte in einem Riesenspektakel nach. Unglaublich! Immer mehr Besucher aus dem Norden wollten das sehen. Deshalb steht im Zentrum unseres BayernbildRaumes die Inszenierung der Passionsspiele und zwar mit den Originalkostümen der letzten Aufführung. Überhaupt – das Schauspiel, das auch den König so stark faszinierte, war bald als bayerische Besonderheit wahrgenommen. Das Theater-Ensemble der „Münchener“ brachte es seit 1879 auf etwa 2.300 Aufführungen weltweit. Bei ihrem Gastspiel in Berlin hatte die preußische Presse noch eine „Invasion von Barbaren“ befürchtetet. Bald machte sich aber Enthusiasmus breit. Was waren die Bayern doch für ein originelles Völkchen; in eingekürzten Dirndln und Krachledernen, schuhplattelnd und jodelnd, mit der Schriftsprache angenäherten Dialekten, die trotzdem keiner verstand. Super! Das musste man auch in natura gesehen haben. Der Bayerntourismus kam in Schwung und verband sich mit der beliebten Sommerfrische in der heilen Welt der Alpen. Das Bayern-Klischee war geboren und der Bayern-Kitsch war immer dabei. Der Blick hinter die Klischees offenbart dagegen ein vielschichtiges Land, das auf dem Sprung ins Industriezeitalter war. Dabei hatte Bayern

Der Blick hinter Klischee zeigt ein Land auf dem Sprung ins Industriezeitalter

In Herrenchiemsee hat der Besucher die einmalige Chance, in die Vorstellungswelt des bayerischen Königs einzudringen und sie am Original nachzuvollziehen. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit, strebte Ludwig nach der perfekten Illusion, verwirklicht mit dem Hightech des Industriezeitalters. Ob er gewollt hätte, dass sich seine Schöpfung Besuchermassen öffnet? Das ist eine rhetorische Frage.

völlig andere strukturelle Voraussetzungen als die klassischen deutschen Industrieregionen. In Bayern gab es eben keine nennenswerten Kohlevorkommen und damit keine Schwerindustrie. Es half auch nicht, Kohle zu importieren, denn noch 1870 war in Süddeutschland der Preis für Ruhrkohle sechsmal höher als am Grubenort.

Ludwigs Gegenwelten sind radikal anders, und wer glaubt, sie wirklich durchdringen zu können, der irrt ganz gewiss. Benennen können wir Einflüsse und Grundlagen. Ganz entscheidend war für Ludwig die Welt des Theaters, vor allem die Musikdramen Richard Wagners. Wie besessen arbeiteten beide an der perfekten Illusion. Dabei war die Arbeitsgemeinschaft des alten Revolutionärs von 1848 und des von absoluter Herrschaft träumenden Königs schon etwas „schräg“. Aber warum sollte man gerade das nicht herausarbeiten? Dafür gab es in Bayern nur einen, dem wir das zutrauten, Christoph Süß, durch die BR-

Daraus resultierte ein gewisser Rückstand, den Bayern aber seit Ludwig II. in großen Schritten aufholte. Vor allem in den Zukunftsindustrien Elektrotechnik und Chemie wurde Bayern führend. Basis war – heute wieder hochaktuell - das bayerische Know-how um Wassertechnik und Wasserenergie. Die ersten modernen Turbinen – eine französische Erfindung – liefen in Bayern. 1882 wurde die turbinenerzeugte Energie für die große internationale Elektrizitätsausstellung erstmals per Fernleitung von Miesbach in den Münchner Glaspalast transferiert. Hier trieb sie einen künstlichen Wasserfall an. Wenn er einmal funktio-

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nierte, was zugegeben selten der Fall war, war er die Sensation schlechthin. Seit der Zeit Ludwigs II. wurde Bayern jenseits der Klischees modern, aber auch nicht ganz, blieb „diversifiziert“ und bei seinen Eigenarten. Bei seinen Schlossbauten griff Ludwig auf modernste Technik zurück. Berühmt sind seine Bemühungen um die illusionistische Ausleuchtung der Grotte in Linderhof in Verbindung mit führenden Chemikern und Physikern seiner Zeit. Diese brachten der BASF im damals bayerischen Ludwigshafen 1890 das Patent auf das Verfahren zur Herstellung künstlichen Indigos ein. Durch seine Projekte gab der König also manche Anstöße, die wirtschaftlich auf breiter Basis wirksam wurden und das königlich-bayerische Wirtschaftswunder am Ende des 19. Jahrhunderts mitbeförderten. Es hätte eine richtige Erfolgsgeschichte werden können, wäre da nicht das Ende gewesen, der 5. Akt: Wie Ludwig starb und ein Mythos wurde. Die Entmachtung Ludwigs II. lief keineswegs

Die Wittelsbacher sahen durch Ludwigs Bauwut ihre Existenz gefährdet unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab, sondern wurde von der Presse begleitet, teilweise in einer Art und Weise, die an eine Kampagne erinnert. In der Ausstellung haben wir versucht, die vielen Gerüchte und Halbwahrheiten vom Faktenkern zu lösen. Der König hatte sich immer rücksichtsloser seiner Bauleidenschaft hingegeben. 1884 betrug der Schuldenstand der Kabinettskasse aufgrund der Schlösserbauten bereits über acht

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Die „Grotte“ im Park von Schloss Linderhof, eigentlich eine riesige künstliche Höhle, wurde genau nach den Bühnenanweisungen Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ errichtet. Sie zeigt die Heimstatt der Venus, in der mittelalterlichen Tannhäusersage im Hörselberg bei Eisenach verortet. Wagner hat sie mit tanzenden Nymphen und Jünglingen, singenden Sirenen, Bacchantinnen, Satyrn, Faunen und Amoretten antikisch bevölkert.

Millionen Reichsmark. Belastet wurde damit nicht der Staatsetat, sondern der Zivilfonds der Wittelsbacher, der sich aus den Zuweisungen des Staates an die Königsfamilie speiste. Die Wittelsbacher sahen die Entwicklung mit Besorgnis, denn der König verschuldete die Familie bereits in die übernächste Generation. Trotzdem wollten 1884 alle den Skandal vermeiden. Bismarck stellte aus dem Welfenfonds ein „Darlehen ohne Hoffnung auf Rückzahlung“ in Aussicht. Die Minister entwickelten einen Tilgungsplan und verordneten dem König einen Baustop. Das Problem war nur, dass sich Ludwig nicht daran hielt. In Herrenchiemsee und Neuschwanstein wurde weitergebaut, der Grund für Schloss Falkenstein gekauft und Pläne für Chinesische und Byzantinische Paläste entworfen. Im Sommer 1885 hatten sich die Schulden dann nicht verringert, sondern verdoppelt. Jetzt wurde es brandgefährlich. Die Wittelsbacher sahen ihre Existenz bedroht, die Minister fürchteten um ihre Ämter und die Macht. Der König forderte die Unterstützung des Staates und drohte mit einer Kabinettsumbildung. Immer mehr Gerüchte über die exzentrische Lebensweise Ludwigs kursierten. Familie und Minister waren nun überzeugt, dass der König abgesetzt werden musste. Den Weg wies die bayerische Verfassung: Im Falle der Erkrankung des Königs über ein Jahr war die Übernahme der Regentschaft möglich. Trotzdem grenzte die

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BAYERN & KULTUR Am Pfingstsonntag machte er gegen 18.45 Uhr einen Spaziergang. Er befand sich nur in Begleitung von Dr. Gudden. Als der König und sein Arzt nach eineinhalb Stunden noch nicht zurückgekehrt waren, ließ man die beiden suchen. Kurz vor 23 Uhr fand man sie tot im Starnberger See.

Auch einen chinesischen und einen byzantinischen Palast (unser Bild zeigt einen Entwurf) wollte der König bauen. Doch dazu kam er nicht mehr.

Das Ende des Dramas und der Beginn des Mythos: Was war geschehen? Bald schon kursierten Mordtheorien und bis heute wird über den Hergang des Unglücks spekuliert. Die Indizien deuten auf einen Fluchtversuch, Unfall oder Selbstmord. Der tragische Tod des Königs offenbarte das Ende einer Epoche:

Ausführung an einen Staatsstreich der bayerischen Ministerialbürokratie. Grundlage für die Absetzung wurde ein Gutachten des führenden „Irrenarztes“ Professor Bernhard von Gudden, der Ludwigs geisteskranken Bruder Otto betreute. Er war fest davon überzeugt, dass auch Ludwig geisteskrank war. Am 10. Juni 1886 wurde die Entmündigung des Königs und die Machtübernahme durch Prinzregent Luitpold öffentlich verkündet. Bereits einen Tag vor der Proklamation war eine elfköpfige Kommission nach Hohenschwangau gereist, um den ahnungslosen König gefangen zu setzen. Die Aktion wurde zum Desaster: Die örtlichen Polizisten und Feuerwehrleute nahmen die Kommissionsmitglieder gefangen. Der König ließ jedoch tags darauf die Abordnung nach München zurückkehren und verharrte unschlüssig auf Neuschwanstein. Eine zweite Kommission wurde entsandt. Ludwig fügte sich in sein Schicksal. In einer verriegelten Kutsche wurde er nach Schloss Berg verbracht. Wenn wir den Zeugenaussagen glauben können, verlangte er nach Gift.

Der letzte Spaziergang: Ludwig II. an seinem Todestag gemeinsam mit dem Arzt Bernhard von Gudden vor Schloss Berg.

Götterdämmerung. Eine Generation später waren die bayerische Monarchie und das deutsche Kaiserreich am Ende. Was bleibt? Die gewaltigen Rüstungsanstrengungen Kaiser Wilhelms II. führten in einen fürchterlichen Vernichtungskrieg. Von der großen deutschen Flotte, für Abermillionen Mark aufgerüstet, ist nichts übrig geblieben. Die Schlösser Ludwigs II. stehen dagegen heute noch. Und kaum jemand kann sich ihrer Faszination entziehen. Es bleibt auch das Vermächtnis der bayerischen Patrioten, das in der Vorstellung vom „Europa der Regionen“ weiterlebt. Wir werden uns in Zukunft auf beides besinnen müssen, europäische Einigungen und regionale Lösungen. Den Weg wird der demokratische Föderalismus weisen. Alles was Vielfalt bietet und Gemeinschaft schafft, unsere bayerischen Traditionen und Dialekte, werden dabei nützlicher sein als viele heute glauben. ■ Die Landesausstellung „Götterdämmerung - König Ludwig II.“ im Neuen Schloss Herrenchiemsee ist bis zum 16. Oktober täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Das Inselticket mit Eintritt zur Ausstellung kostet 9,50 Euro

„…dein Bild wird ewig leben im treuen Bayernherz“. Um 1900: eine junge Frau in bayerischer Tracht hält ein herzförmig gerahmtes Bildnis König Ludwigs II. vor ihrer Brust. Links Schloss Berg, rechts Schloss Neuschwanstein. Noch heute zählt Ludwig II. zu den beliebtesten Bayern.

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Dr. Richard Loibl, 1965 in Straubing geboren, ist seit 2007 Direktor im Haus Bayerische Geschichte in Augsburg. Zuvor hatte er das Passauer Oberhausmuseum modernisiert und das neue Staatliche Textil- und Industriemuseum in Augsburg aufgebaut. Lobende Worte fand der damalige bayerische Kulturminister Thomas Goppel bei Loibls Amtseinführung: „Loibls Tätigkeit am Institut für bayerische Geschichte der Universität München und eine Reihe qualifizierter Veröffentlichungen weisen ihn als Kenner der bayerischen Landesgeschichte aus.“

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BAYERN & KULTUR Andreas Ströhl

Davids muntere Floßfahrt Das Floß gleitet in brütender Hitze am flirrenden, von keinem Windhauch bewegten Ufergebüsch vorbei. Ivan Hajek, der begnadete tschechische Akkordeonvirtuose, spielt unnachgiebig eine quälend immer gleiche Abfolge von zwei Akkorden. Er spielt sie schon seit einer halben Stunde. Eine psychedelische, meditative Stimmung macht sich breit. Am Rand des im gleißenden Sonnenschein dahin treibenden Floßes sitzen nebeneinander, die Beine bis zu den Knien im Wasser, die Regie-Legende Mike Figgis („Leaving Las Vegas“) und Monty-Python-Mitbegründer Terry Gilliam. Die beiden starren schweigend in das unbeeindruckt vorüber ziehende Gestrüpp der Böschung. Niemand an Bord wagt es, ihre gemeinsame Versunkenheit zu stören. Solche Situationen sind für die Gäste vom Filmfest München unerwartet und unvergesslich. Sie gehören zur Strategie des David, der den Festival-Goliaths der Welt mit ihren um ein Vielfaches größeren Budgets etwas entgegen zu halten versucht. Die interessantesten Filmemacher der Welt werden auf jedem 

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© Filmfest München / Bernhard Schmidt

Mit pfiffigen Ideen trotzt das Münchner Filmfest den Festival-Goliathss

Die Jury für den Förderpreis Deutscher Film: Hans Steinbichler, Sibel Kekilli und Ewa Karlström (Mitte). Eine Gewinnerin Alina Levshin, von ihrem Schauspielerkollegen Antoine Monot den Preis für die Beste weibliche Darstellerin überreicht bekommt. Bei der traditionellen Floßfahrt greift auch mal Monty-Python-Mitbegründer Terry Gilliam beherzt zum Ruder (großes Bild).


Festival verwöhnt und in teure Restaurants eingeladen. Ich selbst war als Teil der Branche auf rund 150 verschiedenen Filmfestivals in aller Welt zu Gast. Was mir aber von den vielen hundert Festivalbesuchen in Erinnerung bleibt, sind einige menschliche Begegnungen (bei Filmen weiß ich selten später noch, wo ich sie gesehen habe) und Erlebnisse, die eben nur an diesen Orten möglich waren – eine mitternächtliche Tangoparty bei Sonnenschein an einem aufgestauten finnischen Waldbach oder der Besuch in einem Steinkohlebergwerk in 1200 Metern Tiefe. Aus solchen Erfahrungen habe ich gelernt: Wir müssen unseren Gästen etwas Besonderes bieten. Etwas, das sie, die alles schon erlebt haben, nur bei uns bekommen können, etwas Regionalspezifisches und Unvergessliches. So kam es zur Floßfahrt für unsere Regisseure und Schauspieler. Diese Fahrt ist ein kommunikativer Raum, in dem die Kreativen sich nicht darstellen oder verkaufen müssen, denn Presse und Filmwirtschaft dürfen nicht an Bord. Und weglaufen kann auch niemand. Irgendwann reden selbst die ganz Scheuen miteinander. Und alles Verkrampfte, das mit geltungssüchtigeren Festivals oft einhergeht, fällt schnell ab. Was unsere Gäste aus aller Welt mit nach Hause nehmen, ist dieses ganz spezielle Gefühl: München im Sommer. Natürlich vermarkten wir auf diese Weise auch den Filmstandort München und eine geradezu klischeehafte oberbayerische

Die internationalen Konkurrenten sind finanziell weit besser ausgestattet Vorgebirgsidylle. Wir tun das vorsätzlich, aber nicht zweckhaft. Standortwerbung ist nur ein – nicht unwillkommenes – Nebenprodukt. Doch das Filmfest München kämpft zunächst im langfristig gesehen eigenen Interesse und in harter Konkurrenz mit wesentlich finanzkräftigeren internationalen Mitbewerbern um sein weltweites Ansehen, also ums Überleben als seriöse Marke. Es spielt in einer Liga, die es sich nicht leisten kann – und in der es sich doch seit Jahren immer besser behauptet. Dabei hilft es, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und entspannt Selbstironie zu üben. Das wird jedenfalls von den kreativen Gästen immer wieder honoriert. Es handelt sich ja durchwegs um intelligente, sensible Menschenkenner, die jede Form von Hochstapelei sofort durchschauen. Häufig habe ich erlebt, dass bedeutende und als schwierig geltende Regisseure und Schauspieler mich erst nach einem Gespräch über filmische Vorlieben so richtig akzeptierten, nachdem sie eine Haltung erkannt hatten. Der persönliche Draht entscheidet darüber,  Großer Empfang des FilmFernsehFonds Bayern: FF-Chef Klaus Schäfer (vorn) mit Produzent Quirin Berg (v.li.), Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und Filmfestleiter Andreas Ströhl. Weltstar Charlotte Rampling beim Filmfest München, gemeinsam mit Festivalleiter Andeas Ströhl und Regisseurin Angelina Maccarone (li.). Von Kameras und Autogrammjägern auf Schritt und Tritt verfolgt: Der amerikanische Schauspieler John Malkovich, zwischendurch signierte er auch sein eigenes Plakat. Mit dem „Bernhard Wicki Filmpreis – Die Brücke“ erhielt Maximilian Schell den Ehrenpreis für sein Lebenswerk.

Bayerischer Monatsspiegel 159_2011 © Filmfest München / Bernhard Schmidt

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BAYERN & KULTUR ob sich ein Künstler bei seinem Gastgeber wohlfühlt. Deshalb haben Filmemacher wie Michael Haneke, Werner Herzog, Aki Kaurismäki, Abbas Kiarostami, Barry Levinson oder eben auch Mike Figgis, Terry Gilliam und viele andere mehr das Filmfest München in guter Erinnerung behalten. Und deshalb haben wir in den vergangenen Jahren konsequent Begehrlichkeiten nach hochglänzendem Protzgehabe im Keim erstickt. Glamour (ein Wort, das sich bekanntlich von „grammar“ ableitet und die Aura eines Gelehrten bezeichnet) muss sein in Venedig, Cannes, Berlin. Nichts aber ist trauriger als Lametta aus zweiter Hand. Auf dem armen Filmfest München wäre es peinlich. Übrigens haben in den vergangenen acht Jahren nur einige Medienvertreter – vorgeblich im Namen des Publikums – danach verlangt, dieses selbst nie. Im Gegenteil: Seit es keine VIP-Bereiche und rote Kordeln mehr auf dem Filmfest gibt, kommen alljährlich Tausende Besucher mehr, um sich anspruchsvolle Filme anzusehen. Waren es 2003 noch 60.000 Besucher, so konnten wir in den folgenden Jahren immer wieder Rekorde feiern, zuletzt 2009 mit 75.000 Tickets. Man muss wissen, wo man mit welchen Instrumenten arbeitet. Ein Festival zu führen und zu entwickeln ist der Erziehung eines Kindes vergleichbar. Die gegebenen, spezifischen Anlagen sollten bestmöglich entwickelt werden. Festivals kann man als Leiter nicht neu erfinden. In Rotterdam würde ich keine Hollywood-Blockbuster zeigen und wäre ich der Leiter eines der großen, weltweit bedeutenden A-Festivals, so würde ich mich ganz selbstverständlich darum bemühen, Stars über den roten Teppich schreiten zu lassen. Was für die Berlinale unentbehrlich ist, würde beim Filmfest München aber lächerlich wirken. Zur Entstehung des Filmfest München haben einst zwei völlig unterschiedliche, aber keinesfalls gegensätzliche Intentionen seitens seiner Finanziers, dem Freistaat Bayern und der Landes-

hauptstadt München, geführt. Letzterer ging es, ganz im Geiste des Konzept von „Kultur für alle“, um eine breite Grundversorgung der Bevölkerung mit Kultur. Der Freistaat dagegen betrachtete das Filmfest München wohl zuallererst als preiswerte und effiziente Maßnahme, die heimische Film- und Fernsehbranche und ihren Standort zu bewerben. Diese beiden Ansätze schließen sich keineswegs aus, sie erfordern aber einen ständigen Spagat, der das Filmfest von Beginn an gekennzeichnet hat und den man als produktive Spannung interpretieren muss: Hätte die Filmwirtschaft das Filmfest München nicht als ihre Plattform angenommen, bekämen wir von ihr nicht die besten Filme der Welt. Und dann gäbe es kein „Filmfest“ im eigentlichen Sinne mehr, weil bei nachlassender Qualität das Publikum kaum mehr einen Anreiz hätte, ein Fest des Films zu feiern. Im Grunde habe ich meine Aufgabe der vergangenen Jahre also vor allem darin gesehen, das Filmfest München zur unbestrittenen Nummer Zwei in Deutschland zu machen und so zum Treffpunkt der Filmwirtschaft weiterzuentwickeln, dass es vom Publikum als sein Publikumsfestival angenommen werden konnte. Die drei wichtigsten Maßnahmen dazu schienen mir erstens aufzuräumen mit prätentiöser Selbstdarstellung und falschen, abgestandenem Glanz, die dem Publikum den Zugang zur Filmkunst verleideten, zweitens ein junges, leidenschaftliches, kompetentes Mitarbeiterteam aufzubauen und drittens die Wahrnehmung und Wertschätzung des Filmfest München weltweit ganz wesentlich zu verbessern. Das führt dann letztendlich dazu, dass man mit Julie Christie durch den Englischen Garten radelt. Oder unter sengender Sonne auf einem Floß dem steten Wechsel von Tonika und Dominante lauscht, während Terry Gilliam plötzlich beherzt das Ruder ergreift – was das Floß aber glücklicherweise weitgehend unbeeindruckt lässt. Es treibt einfach weiter. ■

Publikumsfest Wäre einer während der acht Tage des 29. Münchner Filmfestes Ende Juni durchgehend wach geblieben, wäre es ihm doch nicht gelungen, alle 237 Filme aus 52 Ländern zu sehen, die während der Festtage gezeigt wurden. Beindruckend auch die Zahl der Teilnehmer: © Filmfest München / Bernhard Schmidt

130 Regisseure, 1200 Gäste aus der Filmbranche und dazu 70.000 Kinobesucher. Letzte Zahl ist FilmwochenChef Andreas Ströhl, besonders wichtig, denn mehr noch als bei der großen Konkurrenz in Cannes, Venedig oder Berlin sind die Münchner Filmtage ein Publikumsfest. Das 30. Münchner Filmfest wird Ströhl auch als Gast besuchen, denn er gibt das Amt nach acht Jahren ab. Die Jubiläumsfilmwoche wird seine Nachfolgerin, die Filmeinkäuferin und Kommunikationswissenschaftlerin Diana Iljine, eröffnen und leiten.

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Dr. Andreas Ströhl leitet als Geschäftsführer die Internationale Münchner Filmwochen GmbH seit 2003. Im Sommer vergangenen Jahres konnte sich das Filmfest München mit 14 Filmen aus aller Welt und 66.000 verkauften Tickets trotz der gleichzeitigen Fußball-WM gut behaupten. Nach dem diesjährigen Filmfest kehrt Ströhl zu seinem früheren Arbeitgeber zurück: Er wird beim Goethe-Institut die Abteilung Kultur und Kommunikation übernehmen. Zum Abschluss seiner Filmfest-Jahre hat Ströhl zur Gitarre gegriffen.


BAYERN & KULTUR

Olive er Rolofs

Bei der Wehrreform will Ba ayern möglichst viele Stand dorrte erhalten

Vor zehn Jahren wurde der Großverband Wehrbereich IV Süddeutschland in Dienst gestellt. Zum Geburtstag gab das Gebirgsmusikkorps aus Garmisch-Partenkirchen im Münchner Hofgarten eine Serenade mit Fackelschein.

Über Jahrzehnte hinweg verharrte die Bundeswehr in althergebrachten Strukturen. Vor wenigen Wochen legte Verteidigungsminister Thomas de Maizière ein Konzept für den größten Armee-Umbau der deutschen Geschichte vor, wie ihn seinem Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg angestoßenen hatte. Oberstes Ziel der BundeswehrReform: Sparen. Im Zeichen dieser Veränderung lud die Bundeswehr in Bayern und Baden-Württemberg zum Jahresempfang in die Münchner Residenz. Doch die gemeinsamen Gastgeber Generalmajor Gert Wessels, Befehlshaber im Wehrbereich IV Süddeutschland, Michael Brod, Präsident der Wehrbereichsverwaltung Süd sowie Oberst Johann Stadler, Kommandeur des Landeskommandos Bayern, ließen sich durch die Sparpläne des Ministers nicht die Stimmung verderben. Denn es gab auch einen Grund zum Feiern. Das Wehrbereichskommandos IV Süddeutschland feierte seinen 10. Geburtstag. Es wurde am 1. Juli 2001 mit der 1. Gebirgsdivision neu in Dienst gestellt. Der Großverband hat sich in den vergangenen Jahren als logistikstarkes Kommando für die Einsatzunterstützung der Bundeswehr und mit der Übernahme klassischer territorialer Aufgaben wie dem Katastrophenschutz und der Unterstützung bei Großereignissen einen Namen gemacht. So war das Wehrbereichskommando IV mit seinen Einheiten bei der erfolgreichen Bekämpfung der Schneekatastrophe in Ostbayern 2005 und der verheerenden Hochwasser in Bayern in den Jahren 2002 und 2005 eingesetzt. Auch unterstützten die Soldaten in den Jahren 2006 organisatorisch und logistisch den Besuch von Papst Benedikt XVI. in seiner bayerischen Heimat, die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft und 2009 den NATO-Gipfel in Baden-Baden. Mancher der rund 300 Gäste aus Politik, Gesellschaft und Militär, darunter auch der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Staatsminister Marcel Huber, blickte an diesem Abend mit einigem Wehmut auf die vergangenen Jahre zurück. Denn noch ist unklar, welche der rund 400 Bundeswehrstandorte in der Bundesrepublik geschlossen werden sollen. Eine EntscheiBayerischer Monatsspiegel 159_2011

Ob beim Hochwasser 2005 im oberbayerischen Eschenlohe oder bei Schneekatastrophe in den Alpen, die Bundeswehr war im Katastropheneinsatz schon oft Retter in höchster Not.

dung wird erst im Herbst fallen. Doch schon jetzt ist sicher: Auch die Tage des Wehrbereichskommandos IV werden gezählt sein, verkündete Generalmajor Wessels an diesem Abend. Trotz massiver Einschnitte in den Streitkräften gab sich Staatsminister Huber kämpferisch: „Unser oberstes Ziel in Bayern lautet: Wir wollen so viele Standorte wie möglich erhalten. Diese enge mit den Soldaten Verbundenheit wollen wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“ ■

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BAYERN & KULTUR

Unverbesserliche Liberale Hans-Jochen Vogel gratuliert Hildegard Hamm-Brücher zum 90.

Sie war knapp 27 Jahre jung, als sie 1948 in den Münchner Stadtrat gewählt wurde, wo sie in der CSU ihren Lebenspartner Erwin Hamm fand. Als FDP-Abgeordneten war die Journalsitin und Chemikerin Hildegard Hamm-Brücher in den 50er Jahren im Bayerischen Landtag als Kämpferin für Gleichberechtigung und Bildungswandel ebenso gefürchtet wie geachtet. Sie war Staatsministerin im Auswärtigen Amt und unterlag 1994 als Bundespräsidentenkandidatin dem CDU-Bewerber Roman Herzog. Aus Ärger über Guido Westerwelles Spaßwahlkampf trat sie aus der FDP aus und nennt sich seither eine „unverbesserliche, freischaffende Liberale“. Kürzlich feierte sie in München ihren 90. Geburtstag und machte sich zu diesem Tag selbst ein Geschenk: Sie verlieh den von ihr gestifteten „Münchner Bürgerpreis gegen Vergessen – für Demokratie“ an drei Jugendgruppen und den früheren SPDVorsitzenden Hans-Jochen Vogel (unser Bild). Der SPD-Grande, der die Jubilarin stets mit D „„Frau Hildegard“ anspricht, ehrte sie seinersseits mit einem Gratulationsbrief, den der Bayerische Monatsspiegel auf der nächsB tten Seite exklusiv veröffentlicht.

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Kaum zu glauben, dass Sie wirklich neunzig Jahre alt werden. Aber es stimmt. Und so gratuliere ich Ihnen aufs Herzlichste zu diesem Geburtstag. Meinen Glückwunsch verbinde ich mit der Bekundung meines großen Respekts für Ihre Lebensleistung und meinen Dank für all’ das, was Sie mir seit unsere ersten Begegnung im Jahre 1955 im Laufe von Jahrzehnten an Anregungen, an Fragen, an Informationen und an Orientierung, aber stets auch an spürbarer Sympathie haben zukommen lassen. Sie wissen, dass Sie für mich eine der – wenn nicht sogar die – profiliertesten deutschen Politikerinnen seit 1945 sind. Jedenfalls eine der profiliertesten, parlamentarischen Einzelkämpferinnen. Denn bei allen Verdiensten, die Sie sich auch als Mitglied der Exekutive – etwa als Staatsministerin im Auswärtigen Amt für die auswärtige Kulturpolitik und vorher als Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium sowie im Bundesinnenministerium für Bildung und Wissenschaft erworben haben –, lag hier im parlamentarischen Bereich Ihre eigentliche Stärke. Zuerst von 1948 bis 1954 im Münchner Stadtrat, ab 1950 zweiundzwanzig Jahre lang im Bayerischen Landtag und sodann von 1976 bis 1990 im Bundestag – also in zwei Parlamenten – haben Sie sich immer wieder mit all’ der Leidenschaft, deren Sie fähig sind, engagiert. Still dabei sitzen, sich in Routinearbeit zu verzehren oder zu warten, bis Sie von Ihrer Partei oder Fraktion aufgefordert wurden, das Wort zu nehmen – das war Ihre Sache nicht. Sie äußerten sich spontan, furchtlos und glaubwürdig, wann immer Sie der Überzeugung waren, dass Sie gefordert seien. So etwa in der Bundestagssitzung vom 1. Oktober 1982, in der es um den Misstrauensantrag gegen Helmut Schmidt ging und in der Sie sich weigerten, für die Abwahl eines Mannes zu stimmen, dessen erneute Bestellung zum Bundeskanzler Ihre Partei bei der vorausgegangenen Bundestagswahl als ein besonderes Anliegen proklamiert hatte. Gerade diese Rede gehört für mich bis heute zu einer der Sternstunden des Parlaments. Hauptfeld Ihres parlamentarischen Engagements waren  die Auseinandersetzung mit der NS-Gewaltherrschaft,  die Festigung der Demokratie und  die Bildungsreform. Mit den Ursachen, den Folgen der NS-Gewaltherrschaft, haben Sie sich auch deshalb so intensiv auseinandergesetzt, weil Ihre eigene Familie unter der Verfolgung der damaligen Machthaber gelitten hat und sie selbst mit den Geschwistern Scholl vor deren Verhaftung und Hinrichtung in Kontakt standen. Sie wussten also auch ganz persönlich, wovon da die Rede war. Und auf diesem Hintergrund haben Sie kürzlich auch den „Münchner Bürgerpreis gegen Vergessen und für Demokratie“ gestiftet, der im Zusammenhang mit Ihrem Geburtstag das erste Mal verliehen wird. Die Demokratie sehen Sie nicht in erster Linie als einen Inbegriff von Rechtsnormen und Verfahrensregeln, so wichtig Ihnen die Einhaltung bestimmter Spielregeln und vor allem der Grundrechte auch sind. Ihnen geht es mehr noch um die Wertorientierung des einzelnen Bürgers und die Förderung seiner Eigenverantwortung und Zivilcourage, um die politische Kultur und um die endgültige Überwindung aller obrigkeitsstaatlichen Relikte. Die politische Kultur sehen Sie dabei insbesondere von dem täglichen Umgang der Parteien mit der Macht bestimmt, aber auch immer wieder gefährdet. Die Bildungspolitik schließlich liegt Ihnen am Herzen, weil Sie in einem erneuerten Bildungssystem den Schlüssel zur Überwindung verfestigter Gesellschaftsstrukturen und für die endgültige Verwurzelung der Demokratie als Lebensform sehen. Es hat lange gedauert, bis diese zentrale Bedeutung der Bildungspolitik – übrigens auch für die wirtschaftliche Leistungsstärke unseres Landes und die Immigrationsintegration – allgemeine Anerkennung gefunden hat. Nicht zufällig stimmt dieses Spektrum auch mit dem Spektrum der Zwecke überein, die die Theodor-Heuss-Preis-Stiftung verfolgt und für deren Förderung die Stiftung alljährlich Preise verleiht, die sich großen Ansehens erfreuen. Denn diese Stiftung verdankt ihre Entstehung und ihre Entwicklung sehr weitgehend Ihren Impulsen und Ihrer Beharrlichkeit. In gewissem Sinne ist die Stiftung so eine außerparlamentarische Verkörperung Ihrer Aktivitäten. Das ist nun ein langer Geburtstagsbrief geworden. Aber ich wollte es nicht bei den üblichen Gratulationsformeln bewenden lassen. Sondern ich wollte näher begründen, warum gerade in Ihrem Fall der Satz „Sie haben sich um unser Gemeinwesen verdient gemacht“, keine Formel ist In jahrzehntelanger Verbundenheit

(Dr. Hans-Jochen Vogel)

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FÜR SIE GELESEN

Pater Florian Prinz von Bayern

Weil es etwas Größeres gibt Mein Leben in Afrika

dringlich beschreibt Pater Florian, wie ein altersschwacher Lkw den Bauern hilft, erstmals Vieh in der Stadt verkaufen zu können, wie unüberlegte Entwicklungshilfe aufkeimende Existenzen bedroht und wie subventionierte EUAgrarexporte Dorfbewohnern das kleine, aber überlebensnotwendige Geschäft vernichtet. Er erzählt vom mühsamen und nicht immer erfolgreichen Kampf, die Menschen aus ihrer Lethargie herauszuführen in ein Leben mit Initiative, Eigenverantwortung und damit mit mehr Zukunft. Ein Wittelsbacher, für den es Größeres gibt als Ruhm und Reichtum, der nach oben strebt, indem er mit ganz kleinen Schritten den ganz Kleinen hilft. PS.

Herder Verlag 178 Seiten, 16,95 Euro Ein Bayern-Prinz geht der Liebe wegen in den afrikanischen Busch. Welch wunderbare Grundlage für eine HerzSchmerz-Soap im quotengeilen Fernsehen. Doch das afrikanische Leben von Franz-Josef Prinz von Bayern brachte es nur zu einem Dokumentationsfilm im Bayerischen Fernsehen. Wohl war es die Liebe, die den Urenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III. auf den schwarzen Kontinent zog, doch es war die Liebe zu Gott und die Sehnsucht, in seinem Sinne den Menschen Gutes zu tun. Den Weg aus der wohlbehüteten königlichen Familie in die raue Realität einer Benediktiner-Mission im Norden Kenias, unmittelbar an der Grenze zu Äthiopien, beschreibt der Prinz in einem kleinen Buch. Schon früh fällt der Entschluss, Missionar zu werden, dem folgt die Priesterweihe in St. Ottilien, damals noch unter der Führung des heutigen Benediktiner-Chefs Abtprimas Notker Wolf, und 1984 schließlich als 26-Jähiger und unter den neuen Namen Pater Florian die Berufung nach Afrika. Der blaublütige Pater ist kein Literat, er erzählt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, was vermuten lässt, dass der Prinz sein Leben auf Band gesprochen hat. Die offenbar wenig redigieret Abschrift fesselt, weil sie authentisch ist und den Leser schnörkellos hineinführt in den wenig romantischen Überlebenskampf in der Savanne. Ein Jenseits von Afrika, weit entfernt von Hollywood, aber ganz nah bei den Menschen. Ein-

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Frans de Waal

Das Prinzip Empathie Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können Hanser Verlag 352 Seiten, 24,90 Euro Die globale Finanzkrise hat gezeigt: die Menschen haben die Lehren der Evolutionstheorie immer noch nicht verstanden. Die Wirtschaftstheorie von Reagan und Setzer mit der Hoffnung auf eine wunderbare Selbstregulierung der Märkte ist gescheitert. Sie entspricht auch nicht der Natur des Menschen. Im Gegensatz zu allen theoretischen Modellen der Volkswirtschaftler ist der Mensch kein Wesen, dass nur und ausschließlich nach seinem Eigennutz schielt und sein Handeln nur unter dem Gesichtspunkt des Eigennutzes betrachtet. Den Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften ziehen den enormen Wissensstand nicht zu Rate, der in der Anthropologie, Psychologie und Biologie gesammelt wurde.

Deren Antwort heißt: wir Menschen sind Gruppentiere, sehr kooperativ, gegen Ungerechtigkeit empfindlich, manchmal kriegerisch, doch überwiegend friedliebend. Ganz überwiegend aus seinen eigenen Erfahrungen – vor allen mit den Schimpansen – legt Frans de Waal überzeugend dar: unsere entscheidende Fähigkeit als Menschen ist das Mitfühlen, die Empathie. Das ist die eigentliche Fähigkeit, die uns Menschen in unserer menschlichen Gesellschaft, in der Gruppe, konsensfähig prägt. Diese Empathie ist eine dem Menschen angeborene Eigenschaft, die schon seit gut 100 Millionen Jahren bei Säugetieren entwickelt wurde. De Waal beweist das durch eine Vielzahl überzeugender Beispiele. Gewiss, es gibt Unterschiede bei den Säugetieren, je nach dem Grad ihrer Entwicklung. Es sind aber wirklich nur graduelle Stufen. Es besteht ein Unterschied zwischen den Tieraffen, der neuen Stufe der Menschenaffen und den Menschen. Die Tieraffen können zwar erkennen, dass ein anderes Tier Probleme hat, sie können sich aber noch nicht hineindenken. Es fehlt ihnen also die Einfühlungsfähigkeit. Unterschiede gibt es bei Menschen zwischen Mann und Frau. Männer sind das territoriale Geschlecht, verhalten sich generell konfrontativer und gewalttätiger als Frauen. Sie können daher auch die Empathie schneller „abschalten“, insbesondere wenn es um Verhalten außerhalb der Familie geht, um Wettbewerb, um den Sieg. Das wichtigste Tor zur Empathie ist die Identifi kation. Wir sind bereit, die Gefühle mit jemandem zu teilen, mit dem wir uns identifizieren. Entscheidend ist deshalb die Empathie, die zu einem aufgeklärten Eigennutz führt: der Erkenntnis, dass wir alle besser fahren, wenn wir zusammenhalten. Die faszinierenden Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Untersuchungen von de Waal lassen sich auch zusammenfassen in einem alten Bibel-Wort: Liebe deinen Nächsten, – wie dich selbst. Die Altruisten vergessen sehr gerne den zweiten Halbsatz „..wie dich selbst.“ Die Egoisten kennen nur den zweiten Halbsatz. Es ist doch schön zu sehen: das Bibel-Wort wird durch diese Erkenntnisse der Evolutionstheorie bestätigt. WB.

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FÜR SIE GELESEN Zeugen der Nürnberger Prozesse untergebracht werden. Der Autor hat seiner Familie ein Denkmal gesetzt und uns das Geschenk gemacht, mit seinen Vorfahren tief in die Geschichte einer uns nahen europäischen Region einzutauchen. PS.

Günther Beckstein

Boris Kálnoky

Die zehn Gebote

Ahnenland

Anspruch und Herausforderung

oder die Suche nach der Seele meiner Familie

SCM Hänssler 192 Seiten, 17,95 Euro Begriffe wie Verantwortung, Nachhaltigkeit und Dienst am Gemeinwohl tauchen in so vielen Reden auf, dass man sie selten als bare und niemals als rare Münze nehmen darf. Zu den Politikern, die diese Worte jedoch mit ihrem vollen Wert erfüllen, gehört Günther Beckstein. Als legendärer bayerischer Innenminister, kurzeitiger Ministerpräsident und seit bald vier Jahrzehnten Abgeordneter im Landtag weiß der Nürnberger um die Wechselfälle des politischen Lebens. Gleichzeitig ist Beckstein engagierter Christ und Mitglied der evangelischen Landessynode. Mit seinem Buch „Die zehn Gebote“ hat er nicht nur eine Bekenntnisschrift vorgelegt, sondern auch eine bemerkenswerte Handreichung zur Kunst, mit Menschen umzugehen. Beckstein schildert, frei von öder Theorie, wie sich christliches Ideal und Politik vereinbaren lassen. Er illustriert das Buch mit Erfahrungen aus seinem Leben – und ist souverän genug, auch Fehler nicht zu verschweigen. Die Gebote nähmen weder auf unsere Befindlichkeit Rücksicht, noch passten sie sich unserer weichgespülten BusinessDiktion an. „Sie reden nicht herum. Sie sind wie Zügel – unnachgiebig und eine klar erkennbare Beschränkung“, schreibt der künftige Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie. Wer erlebt hat, wie viel Freude und Humor Beckstein ausstrahlt, erkennt, wie viel Freiheit jener Beschränkung innewohnt. MW.

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Droemer Verlag 488 Seiten, 22,99 Euro Er wollte sich auf die Suche nach der Seele seiner Familie machen, umschreibt Boris Kálnoky den Ansporn für eine umfangreiche Familien-Saga, aus der ein faszinierender Tatsachenroman über ein halbes Jahrtausend mitteleuropäischer Geschichte wurde. Die Kálnokys entstammen dem raubeinigen Volk der Székler, das im heute rumänischen Siebenbürgen sesshaft wurde, stiegen in der österreichischen Doppelmonarchie zu einer einflussreichen Adelsfamilie auf und fanden nach den Weltkriegswirren wieder zurück zum Stammschloss Köröspatak, das nun ein Bruder des Autors bewohnt, der dort gelegentlich auch den britischen Thronfolger Charles begrüßt. Boris Kálnoky, den Lesern der Welt bekannt durch seine eindrucksvollen Berichte aus Südosteuropa und Nahost, schöpft aus dem umfangreichen schriftlichen Nachlass der Familie, schreibt flüssig und brillant, streift von Köröspatak aus tief in die Historie voller Kriege und Aufstände, lässt den Urgroßvater Gustav wieder auferstehen, der zu Bismarcks Zeiten 14 Jahre lang Wiener Außenminister war, und erzählt von seinem Großvater Hugo, der mit Kardinal Mindszenty hoffte, Ungarn vor den Kommunisten retten zu können. Tief berührend schildert er das Schicksal seiner Großmutter Ingeborg, einer Prinzessin aus dem thüringischen Ranis. Sie flieht 1945 hochschwanger aus Ungarn nach Österreich und kann ihr Kind in Nürnberg zur Welt bringen, wo die Amerikaner die sprachgewandte Adelige zur Chefin des so genannten Zeugenhauses ernennen, in dem die

Ali Baba und vierzig Räuber Erzählungen aus Tausend und eine Nacht C.H. Beck 392 Seiten, 22,95 Euro Passend zum frischen arabischen Frühling ein altes arabisches Märchenbuch, frisch auf den Markt gebracht vom Münchner Beck-Verlag: Zehn Geschichten aus Tausend und eine Nacht, von Ali Baba und vierzig Räubern über den Kalifen Harun Alraschid bis zu den drei ausgesetzten Königskindern. Abenteuer- und Liebesgeschichten, märchenhaft und lustvoll erzählt. Doch dieser Band ist ein bibliophiler Lesegenuss: Herausgeber Ernst-Peter Wieckenberg hat die 200 Jahre alte Übersetzung von Johann Heinrich Voß gewählt, womit ihm eine kleine Sensation gelungen ist. Voß ist unsterblich geworden durch seine Übersetzungen von Homer und Vergil, doch mit den arabischen Erzählungen war ihm kein Ruhm vergönnt. Immerhin finanziell war der Auftrag des Hamburger Verlegers Cramer ein Erfolg, er brachte dem Rektor einer Lateinschule ein zweifaches Jahressalär. Auch Goethe war angetan, doch über eine einzige Auflage kam das Werk nicht hinaus und geriet bald in Vergessenheit. Vom Voß’schen Original sind weltweit nur noch drei Exemplare bekannt, eines davon liegt in der Münchner Universitätsbibliothek. Für Wieckenberg, ein pensionierter Verlagslektor, eine unwiderstehliche Versuchung, für die Leser ein Geschenk. PS.

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LEBEN & GENIESSEN Hans-Joachim Epp

Genuss-Perle im Bayernwald

Eine kulinarische Perle im Bayerischen Wald: Erich Schwingshackl holte den begehrten Michelin-Stern und gehört heute zu den besten Köchen Deutschlands.

Wälder und Felder, Weiher und Wiesen vereinen sich zu einer Landschaft, die jedem Heimatfilm die Kulisse sein kann. Es ist die heile Naturpark-Welt des Bayerischen Waldes, Deggendorf liegt drunten an der Donau nur eine Viertelstunde entfernt. Der Bernrieder Winkel war einst eine bettelarme Gegend, doch das nahe Perlbachtal lässt ahnen, dass hier schon früher einige Kostbarkeiten zu finden waren. Eine sehr besondere Perle erfreut heute die Freunde kulinarischer Genüsse: Der Reblingerhof steht dort, wo früher eine Alm war, die sich in einen Landgasthof verwandelt hat. Inzwischen lockt eine 4-Sterne-Herberge mit 33 teils rustikalen Zimmern, Hallenbad, balinesischem Santai-Spa und zwei Restaurants. Und jedes von ihnen lohnt den Weg in die Anhöhen des Bayernwaldes. „Wir führen die Tradition unserer Eltern und Großeltern fort“, sagt Katharina Krauß, die groß geworden ist im Reblinger Gasthof und die hohe Kunst des Sommeliers studiert hat. Bei Heinz Winkler im oberbayerischen Aschau fand sie den Mann fürs Leben und für die Küche. Der Südtiroler Erich Schwingshackl, der schon bei Witzigmann gearbeitet hatte und bei Winkler Küchenchef war, zog mit in den Bernrieder Winkel, gemeinsam verwandelten sie den Hof zu einer Genuss-Oase. Der Flur zu den Restaurants ist mit Urkunden und Auszeichnungen lückenlos dekoriert. Geradeaus führt er ins Gourmetrestaurant Schwingshackl Esskultur und links ins Kaminrestaurant, unserer ersten Station. Drinnen ein zeitlos rustikales Ambiente, vor der großen Fensterfront ein traumhafter Blick hinunter bis ins Donautal. Die Speisekarte besticht durch klare Gliederung: Vier Vorspeisen, alle unter 9 E.

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Vor den großen Panoramefenstern liegt eine heile Landschaft wie aus einem Heimatfilm.

Wo früher eine Alm stand, bietet der die Küche heute höchste kulinarische Genüsse an.

Tipp: Carpaccio vom Rind, Salatbukett, Baguette und einem Pesto, der die Kräuterfeen-Regel „was zusammen wächst, harmoniert auch zusammen“ bestätigt. Auf die Mischung kommt es an, und die ist perfekt.

Vier Suppen. Von der Tagessuppe (2,70 E, unbedingt nachfragen, hier werden oftmals neue Rezepte ausprobiert) bis zur Hummerschwanzsuppe (5,90 E) mit Sahnehäubchen. Fünf Steakspezialitäten. Lamm, Schwein, Rind vom Lavagrill, die alle mit den klassischen Beilagen Salat, Baked Potatoes, Kräuterbutter, Knoblauchbrot punktgenau gebraten wie bestellt serviert werden. Herauszuheben ist das RIB-Eyesteak vom prime Aberdeen Angus, Creekstone Ranch, USA, 300 Gramm schwer und 25,50 E teuer. Besondere Beachtung verdient die Tageskarte mit zwölf Hauptgerichten. Die Hirschbratwürste aus eigener Metzgerei mit Bratkartoffeln und Sauerkraut (7,50 E) sind das preiswerteste Gericht, vom Hirsch kommt auch das teuerste: Tipp: Hirschsteak aus eigener Zucht (16,50 E), sanft rosa gebraten, die Sauce (mit Waldpilzen und Wildkräutern) aus dem Bratensaft gezogen und mit Rotwein und Sahne delikat abgerundet. Dazu handgerollte, mittelbraun frittierte Kroketten und ein böhmisch gewürztes Blaukraut.

Von den vier süßen Desserts (3,90 bis 7,90 E) stehen in der Gunst ganz oben: Marillenknödel mit Zimtbrösel, brauner Butter und Fruchtragout. Eigentlich ein weiterer Hauptgang! Das Getränkeangebot ist umfangreich. Alle gängigen Biersorten (die Halbe Hell 2,90 E) und mehr als 40 Spirituosen stehen zur Wahl. Auf der Weinkarte sind die bekannten Anbaugebiete Österreichs, Italiens, Frankreichs und Deutschlands durch engagierte

Schon nach zwei Jahren kam der begehrte Michelin-Stern Winzer vertreten: Wieninger aus Wien, Kieffer & Fils aus dem Elsass, Foradori aus dem Trient. Franken steht bei den deutschen Anbaugebieten im Fokus und hier das Volkacher Weingut Römmert mit allein sieben Rotweinen. Jeder Wein ist mit einer knappen Charakteristik beschrieben; fünfzehn werden auch als Schoppenwein ausgeschenkt. Dazu eine beachtliche Raritätenkarte mit Kreszenzen aus Deutschland und Frankreich von 45 bis 980 E die Flasche. Eine weitere Weinkarte mit einem besonders attraktiven Angebot liegt im Schwingshackl Esskultur aus, dem eleganten Restaurant mit hochwertiger Tischkultur. „Hier“, so stellt der Restaurantführer Michelin fest, „bietet Erich Schwingshackl feine klassische Gerichte mit modernen Elementen. Sommeliere Katharina Krauß sorgt für aufmerksamen und kompetenten Service und die passenden Weinempfehlungen.“ Den Traum vom eigenen Sternelokal haben beide schon beim 2-Sterne-Koch Winkler geträumt und ihn sich in Rebling verwirklicht. Seit 2006 ist Schwingshackl für das neuerbaute Restaurant Bayerischer Monatsspiegel 159_2011

Rundum Wohlgefühl bietet der ausgedehnte Wellnessbereich.

Esskultur verantwortlich, schon zwei Jahre später kam der begehrte Michelin-Stern. 2009 wurde Schwingshackl Koch des Jahres, und im vergangenen Jahr zählte er zu den 100 besten Köchen Deutschlands. Wahrhaft eine kulinarische Perle im Bayernwald. Das Sieben-Gänge-Menü wird nur abends zelebriert und erweitert sich mit Amuse bouche, kulinarischer Einstimmung und feinsten Pralinen meist auf 10 Gänge. Die Zahl der Gänge bestimmt der Gast nach seinem Appetit. Das komplette Menü kostet 98 E. Auffällig: Die einzelnen Gänge werden ohne Poesie nur mit den Hauptkomponenten beschrieben: Ravioli vom Hummer, Curry Ingwer (32 E) als Einzelgang oder Rehrücken, Topinambur, rote Williamsbirne, Kohlrabi (34 E). Tipp: Als „Kleine Gaumenfreude“ beeindruckte die Eismeerlachsforelle mit Fenchel (in zarter Scherenschnittform) in reduziertem Orangen- und Finocchikräutersud, getoppt durch eine Idee Sternanis und fein gekörntem schwarzen Meersalz aus Hawaii. (6 E).

Auch wenn man nur zwei bis drei Gänge wählt: Ein unbedingtes Muss ist die Gänseleber (28 E), eine kulinarische Meisterleistung: Pâté de foie gras auf raffiniert gewürztem (eine Spur Kreuzkümmel?) Aprikosenbeet unter einem durch einen Schluck Sauternes verfeinerten Portweingelee. Eskortiert wird diese Köstlichkeit von kross gebackenen Ananaskristallinen, fein gebackenem Maisbrot und einer Amazonas-Pfeffersauce. Ein unvergessliches Geschmackserlebnis. Der Fischgang „Seezunge vom Boot“ (wird also nicht mit Schleppnetzen gefangen) macht neugierig (34 E). Die im Dämpfer exakt ge garten Seezungenfilets sind mit weißem Pfeffer, mildem HimalajaSalz und Estragon perfekt gewürzt. Ihre Begleiter auf dem Teller sind bissfeste Spargelspitzen aus Niederbayern und Morcheln. Die Geschmacksharmonie der Trilogie wird durch die besondere Zubereitungsart der Morcheln bewirkt: Die Pilze werden scharf ansautiert, mit trockenem Sherry abgelöscht, mit dem Seezungenfond aufgefüllt und mit frischer Sahne und Butter verfeinert. Für 55 E bietet Katharina Kaus eine das Menü begleitende Sommelier-Selektion mit fünf Weinen im 0,1 l Glas an. Wer selber wählen möchte, kann sich an der großen Weinkarte mit über 400 Gewächsen erfreuen. Und nach einem solchen Genussabend ist es ratsam, den kürzesten Heimweg zu wählen: Das Doppelzimmer gibt es ab 98 E ■ Wellvital – Hotel Reblingerhof Gourmetrestaurant Schwingshackl Esskultur; Rebling 3, 94505 Bernried Telefon 09905 / 555, 09905 / 707144-150, www.reblingerhof.de

Hans-Joachim Epp ist Sachverständiger für das Hotelwesen und Mitglied der Chaîne des Rôtisseurs Oberbayern.

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LEBEN & GENIESSEN

„Meine italienischen Stammgäste sind für mich das höchste Lob“ Bernd Nobis im Gespräch mit Heinz Beck, Küchenchef im Ristorante „La Pergola“ im Cavalieri/Waldorf Astoria, Rom

Heinz Beck, wurde am 2. November 1963 in Friedrichshafen geboren. Seit 1994 prägt er als Chefkoch das „La Pergola“. Im Laufe seiner langen und renommierten Laufbahn war er Träger zahlreicher Auszeichnungen. Im Jahr 2000 wurde er mit der Goldmedaille des Foyer des Artistes, der Universität La Sapienza von Rom ausgezeichnet und war damit der erste Koch, dem diese Ehre jemals zuteil wurde. Auch seine Kochbücher wurden wiederholt mit Preisen bedacht.

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Seit 1994 arbeitet der gebürtige Bayer Heinz Beck als Küchenchef im Ristorante „La Pergola“ im Cavalieri in Rom. 2005 erhielt er vom Guide Michelin den begehrten dritten Stern, den er seitdem Jahr für Jahr behauptet hat. Das „La Pergola“ ist das einzige Restaurant der Stadt, das sich mit dieser höchsten Anerkennung für außergewöhnliche Kochkunst schmücken darf. Ein Deutscher die Nummer eins unter Roms Köchen – das war für viele Italiener schwer verdauliche Kost. Kaum jemand nahm den deutschen Koch auf dem Monte Mario anfangs wirklich ernst. Erst allmählich gelang es dem Perfektionisten, die stolzen Römer – und die Feinschmecker in ganz Italien – von seinem Können und seiner Kreativität zu überzeugen. Heute liegt ihm in seinem „La Pergola“ Rom zu Füßen – im doppelten Wortsinn. BMS: Herr Beck, wann haben Sie zum letzten Mal einen echten bayerischen Schweinsbraten gegessen? Beck: Mamma mia, das ist ewig her! Sechs oder sieben Jahre sind es bestimmt! Durch meine vielen Engagements komme ich leider nur noch selten nach Deutschland. BMS: Haben Sie überhaupt noch einen Bezug zur deutschen Küche? Beck: Ja natürlich, der Bezug ist schon noch da. Es ist wirklich bemerkenswert, wie


LEBEN & GENIESSEN GEENIESSEN positiv sich die deutsche Küche in den letzten Jahren entwickelt hat. Gerade die Spitzengastronomie – aber nicht nur die – hat international zuletzt großes Aufsehen erregt. BMS: Dennoch stellt sich die Frage: Welche Küche gilt aktuell weltweit als tonangebend? Die italienische oder die französische? Beck: Mal ganz davon abgesehen, dass auch andere im Konzert der Großen ihre Duftnoten abgeben und von sich reden machen – man denke vor allem an die facettenreiche asiatische Kochkunst –, hat sich die italienische Küche vielleicht doch schneller und flexibler dem Zeitgeist angepasst als die französische. BMS: Was steckt konkret dahinter? Beck: Hier in Italien wird in der Breite einfach leichter und damit auch bekömmlicher und gesünder gekocht. Allerdings beobachte ich auch, wie in Frankreich zunehmend den modernen Essgewohnheiten einer aufgeklärten und sehr anspruchsvollen Klientel Rechnung getragen wird. BMS: Mit drei Michelin-Sternen gilt Ihr „La Pergola“ als prestigeträchtigste Feinschmeckeradresse Roms. Ein Muss für internationale Gourmets?

„Unsere Gäste sind hervorragend informiert – aber keine Sternesammler.“

dert sind. Unsere vielen italienischen Stammgäste sind für mich auch die eigentlich höchste Auszeichnung. BMS: Welchen Anteil haben deutsche Gäste? Beck: Genau kann ich das nicht sagen, aber etwa 30 Prozent unserer Gäste kommen aus dem Ausland, überwiegend aus England, Frankreich und Deutschland. BMS: Wer war bisher Ihr wichtigster Gast? Beck: Ganz einfach: immer der Nächste. Bei uns wird definitiv jeder Gast gleich zuvorkommend behandelt. BMS: Auch der Papst macht da keine Ausnahme? Beck: Der war noch nicht bei uns, jedenfalls nicht in seiner Eigenschaft als Papst. Der Kardinal Ratzinger dagegen schon. Der hat hier seinen 70. Geburtstag gefeiert. Mit ihm habe ich mich auch sehr lange und intensiv unterhalten dürfen – von Bayer zu Bayer sozusagen. BMS: Was ist Ihnen von der Begegnung in Erinnerung geblieben? Beck: Ein Mensch mit einer sehr liebevollen Ausstrahlung, mit dem man wunderbar über alle möglichen Süßspeisen reden kann. BMS: Wie anspruchsvoll sind Ihre Gäste generell? Beck: Die meisten sind heutzutage überaus gut informiert und kommen mit durchaus klaren Vorstellungen und Wünschen hierher. Das ist auch gut so, da macht auch die zwischenmenschliche Kommunikation wirklich großen Spaß.

Beck: Also, bis jetzt sind noch alle, die da waren, freiwillig gekommen (lacht). Nein, im Ernst: Es „muss“ überhaupt niemand zu uns kommen. Unsere Gäste sind auch in aller Regel keine „Sternesammler“. Natürlich genießt der Guide Michelin – oder der Guida Rossa, wie er hier genannt wird –, auch in Italien ein hohes Ansehen. Schon deshalb sind wir auch ein bisschen stolz darauf, uns seit nunmehr sechs Jahren ununterbrochen diese höchste Auszeichnung erkocht zu haben. BMS: Eine starke Leistung, die nur gemeinsam mit einem starken Team möglich ist. Kochen in Ihrer Brigade nur Italiener oder sind auch deutsche Köche darunter? Beck: Alle unsere 17 Köche sind derzeit Italiener. Einmal hatten wir auch einen Franzosen im Team. Die Nachfrage aus Deutschland geht leider gegen null. Das hat wahrscheinlich auch viel mit der Sprache zu tun.

BMS: Wir vermuten mal, dass Sie sich ab und zu bei Ihrer Frau revanchieren und Sie in Rom zum Essen ausführen. Sicherlich nicht ins „La Pergola?“ Beck: Nein, nein. Unser Lieblingsrestaurant liegt in unmittelbarer Nähe des Campo dei Fiori: das „San Lorenzo“, ein Traum von einem Fischrestaurant.

BMS: Wie viele Plätze haben Sie im Restaurant und wie setzen sich Ihre Gäste zusammen? Beck: Wir haben 60 Plätze und unsere Gäste kommen überwiegend hier aus Rom. Darunter ist eine ganze Reihe von Stammgästen, die zum Teil einmal pro Woche kommen. Ein Ehepaar beispielsweise kommt regelmäßig jeden Donnerstag. Die reservieren nicht mehr, sondern sagen nur ab, wenn sie mal verhin-

BMS: Herr Beck, nach diesem inspirierenden Gespräch hätten wir jetzt eigentlich großen Appetit. Auf was können sich Ihre Gäste im „La Pergola“ heute freuen? Beck: Wie jeden Abend auf ein Degustations-Menü mit mehreren Gängen. Darunter eine Fegato grasso d´anatra con mele, mandorle e amaretti. Ostrica La Perle Blanche alla griglia. Maccheroncini con gamberi rossi. Merluzzo nero, Terrina di coniglio und einer Guancetta di vitello*.

BMS: Wer kocht bei Ihnen zu Hause? Beck: Ganz klar: meine Frau. Als Sizilianerin ist sie eine echte Virtuosin am Herd. Keine beherrscht mein Lieblingsgericht besser als sie. BMS: Und das wäre? Beck: Pasta con le sarde alla siciliana, eigentlich eine Suppe mit Wildfenchel und einer speziellen Zucchinisorte mit Pasta aufgekocht. Wunderbar pikant, aber nur mit viel Geschick und Geduld perfekt zuzubereiten.

BMS: Klingt alles ganz wunderbar, wäre für uns aber ein komplettes Überraschungsmenü. Beck: Das soll es im Prinzip ja auch sein, zumal wir hier nie nach Rezepten kochen. ■ Rome Cavalieri, Waldorf Astoria Hotels & Resorts, Via Alberto Cadlolo 101, 00136 Rom, Italien, Tel: +39 06 35 09 1

Hummer-Carpaccio und Avocado mit Kirschtomaten und Consomme di gamberi rossi.

* Entenstopfleber mit Äpfeln, Mandeln und Amaretti. Gegrillte Perle Blanche Austern. Maccheroni mit roten Garnelen. Nudeln mit Sardinen sizilianischer Art. Schwarzer Kabeljau. Kaninchen-Terrine. Geschmorte Rinderbäckchen.

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Veranstaltungen des Peutinger-Collegiums S.E. Dr. Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising bei seiner mitreißenden Festansprache vor dem Peutinger-Collegium. Die Gäste des Münchener Herrenclubs und des Wirtschaftsbeirates Bayern waren beeindruckt von seinen mahnenden Worten zur sozialen Verantwortung der Unternehmer, auch und gerade in der weltweiten Wirtschaft.

Auf die umfassende Verantwortung und die machtvolle Stellung eines Erzbischofes wies Dr. Dr. Peter W. Maria Löw MBA, Vorstand und Hauptgesellschafter der zweitgrößten deutschen Nachrichtenagentur dapd, in seinem Schlußwort hin.

Höchstkirchlicher Besuch beim Peutinger-Collegium: Dr. Reinhard Kardinal Marx mit dapd-Vorstand Dr. Dr. Löw (li.)und Alexander Mettenheimer, 1. Stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates der BayernLB.

Jugend trifft Erfahrung: Caroline Müller von den Jungen Peutinger mit Prof. Dr. Albert Sachs und Dipl. Ing. Dipl. Wirtsch. Ing. Joachim Dressler (re.)

Fotos: Justa, München

Sag’s mit Blumen: Für das Schlusswort nach dem Vortrag von Christine Haderthauer bedankte sich Prof. Dr. Walter Beck mit einem Blumenstrauß bei Evi Brandl, der Geschäftsführerin der Vinzenz Murr GmbH.

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Soziale Verantwortung von Politik und Gesellschaft: Christine Haderthauer, bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, bei ihrem engagierten Vortrag vor dem Peutinger-Collegium.


Veranstaltungen des Peutinger-Collegiums LEBEN & GENIESSEN

Sopranistin Marie-Sophie Pollack begeistert mit Strauss-Liedern die Teilnehmer der Diskussionsrunde (v.l.): US-Generalkonsul Conrad Tribble, Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle, MdL, Generalmusikdirektor Christian Thielemann und Prof. Dr. Walter Beck.

Münchens Domkapellmeisterin Lucia Hilz mit Politikprofessor Dr. Werner Weidenfeld.

Dr. Jürgen Hofmann, General- Rechtsanwalt Dr. Marcus D. Ernst M.A., Co-Präsident des Peutinger-Collegiums (re.) und sein sekretär des Wirtschaftsbeirates. Bruder Edmund Ernst, Juwelier und Prokurator des Peutinger-Collegiums mit Mutter Irmengard.

Humanethologe Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel und Geigenbaumeister Martin Schleske, der als Stradivari des 21. Jahrhunderts gilt.

Bayerischer Monatsspiegel 159_2011

Auch als Kabarettist ein Genie: Musiklehrer Han’s Klaffl.

Gasteig-Geschäftsführerin Brigitte von Welser und Peter Schmalz, Chefredakteur des Bayerischen Monatsspiegel.

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Veranstaltungen des Peutinger-Collegiums

Peutinger-Kollegen: Dr. Sandra Müller und Dieter Kielmann, Bankdirektor i.R.

Foto Fo os: Justa usta,, Mü M nchen

Sehr offen und engagiert referierte Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender der BayWa AG, über die Herausforderungen, die Unternehmenslinien für die Zukunft seines Hauses zu entwickeln.

Veranstaltungen des Peutinger Collegiums Die Grundhaltung des Collegiums: „Gelebte Freiheit in sozialer Verantwortung“

Impressum Montag, 19. September 2011 Dr. Peter Ramsauer, Bundesminister für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung

Donnerstag, 20. Oktober 2011 Peter Meyer, Präsident des ADAC

Redaktion Peter Schmalz (Chefredakteur) Thomas Breitenfellner Julius Beck Farchanter Straße 35 · D-81377 München redaktion@bayerischer-monatsspiegel.de Leserbriefe an die Redaktion oder an leserbriefe@bayerischer-monatsspiegel.de Verlag & Anzeigen Bayerischer Monatsspiegel Verlagsgesellschaft mbH Hagnweg 13 · D-83703 Gmund Tel: +49 8022 96 56-25 · Fax: +49 8022 96 56-28 www.bayerischer-monatsspiegel.de Herausgeber Prof. Dr. Walter Beck, Peutinger-Collegium

Montag, 21. November 2011 Prof. Dr. Manfred Milinski, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

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Gestaltung, Realisierung & Anzeigen NBB Kommunikation GmbH · Ridlerstraße 33 80339 München · www.nbbkommunikation.de Druck Messedruck Leipzig GmbH · An der Hebemärchte 6 04316 Leipzig · www.messedruck.de


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WKN: 164325 | ISIN: LU0159550150

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*Aktueller Stand der Wertentwicklung per 30.06.11 nach BVI-Methode, ohne Berücksichtigung des Ausgabeaufschlages. Individuelle Kosten wie Gebühren, Provisionen und andere Entgelte sind in der Darstellung nicht berücksichtigt und würden sich negativ auf die Wertentwicklung auswirken. Anfallende Ausgabeaufschläge reduzieren das eingesetzte Kapital sowie die dargestellte Wertentwicklung. Angaben zu der Entwicklung in der Vergangenheit sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklungen. Alle veröffentlichten Angaben dienen ausschließlich Ihrer Information und stellen keine Anlageberatung oder sonstige Empfehlungen dar. Aktienkurse können marktund einzelwertbedingt relativ stark schwanken. Auch festverzinsliche Anlagen unterliegen je nach Zinsniveau Schwankungen und bergen ein Bonitätsrisiko. Der Verkaufsprospekt und weitere Informationen sind kostenlos bei der DJE Kapital AG erhältlich. Ein Rating von Feri oder einem anderen Research-Unternehmen ist keine Empfehlung zum Kauf und Verkauf eines Investments.

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Bayerischer Monatsspiegel #159