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M辰rz 2009

Verlag Bayerischer Monatsspiegel | 45. Jahrgang 2009 | Postvertriebsst端ck 69234 | ISSN 1860-4561 | Einzelpreis 7,50 EUR

Ausgabe 151

Titelthema: Liechtenstein Hannes Burger: Die Sehnsucht der Bayern Georg Milbradt: Was der Westen vom Osten lernen kann Hugo M端ller-Vogg: Das Grollen der Unions-Schwestern Arnold Vaatz: Stoppt die roten Stimmungsmacher Klaus-Peter Stieglitz: Die Zukunft der Luftwaffe Erbprinz Alois: Ein Kleinstaat im Herzen Europas Klaus Tsch端tscher: Liechtensteinische Standortpolitik Walter Beck: Friedliche Bergriesen

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26.02.2009 18:37:33 Uhr


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EDITORIAL

Redaktionskonferenz beim Bayerischen Monatsspiegel.

Dieses Heft zeigt in dem Schwerpunktthema „Liechtenstein“ den Einfluss und die Macht der Europäischen Union besonders stark. Es ist noch stärker spürbar, als in dem vorangehenden Heft zum Thema EU-Beitritt der Türkei. Alan Posener hat schon recht mit seiner These über das „Imperium Europa“. Europa formt nicht mit militärischer Gewalt, nicht mit geografischer Eroberung. Europa formt durch wirtschaftliche Kraft und mit einem Energiefeld, dem sich keiner entziehen kann, der mit Europa und in Europa arbeiten will – ganz gleich was das Bundesverfassungsgericht zum Vertrag von Lissabon entscheiden wird. Die Gedanken und Ausführungen zum Thema Liechtenstein zeigen das ganz besonders. Dieser „Kleinstaat im Herzen Europas“ kann sich bei aller Eigenwilligkeit den fundamentalen Anforderungen Europas nicht entziehen. Wir haben zwischenzeitlich viele Gespräche mit liechtensteiner Bürgern geführt, die Liechtenstein noch als armes Land selbst erlebt haben. Als Liechtenstein dann die Chance entdeckt hat, als eine „Oase inmitten der Steuerwüste“ Nahrung und finanzielle Zuflucht zu bieten, begann die stürmische Entwicklung, begünstigt durch die Verbindung mit der Schweiz. Jetzt ist Liechtenstein auf der Suche nach einem Weg, neben der Schweiz ein eigenständiges Profil zu gewinnen. Mehr dazu ab Seite 26.

Diese Nummer steht aber auch unter einem ganz besonders erfreulichen Stern: Wir haben einen neuen Chefredakteur, Peter Schmalz. Herr Schmalz war jahrzehntelang Redakteur bei der „Welt“, erst zuständig für Bayern, dann baute er nach der Wende eine neue „Welt“-Redaktion in Berlin auf. Von 2001 bis vergangenen Oktober war er Chefredakteur beim „Bayernkurier“ und hat diesem Blatt eine neue Ausrichtung und auch eine neue Basis gegeben. Jetzt, nach der Pensionierung, hat er sich unserer Zeitschrift als Chefredakteur zur Verfügung gestellt. Ein Mann mit wertkonservativer Grundüberzeugung, der gerade deshalb stets offen ist für Diskussionen mit allen Zeitfragen. Genau das zeichnet wertkonservative Haltung aus. Wir freuen uns deshalb sehr über seine Mitarbeit. Zusammen mit unserer Agentur NBB Kommunikation, München, sind wir jetzt in jeder Weise professionell aufgestellt. Dieses Team zeigt eine sichere Zukunft für unser Magazin auf. Darüber freuen wir uns alle. Wir nutzen jetzt das Medium Internet noch gezielter, so dass wir Ihnen auf unserer Homepage eine vollwertige elektronische Ausgabe anbieten können: www.bayerischer-monatsspiegel.de

Ihr

Prof. Dr. Walter Beck Präsident Peutinger Collegium

Titelseite

Liechtensteins Hauptstadt Vaduz – auf unserem Bild im Spiegel der Kunst.

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INHALT

Aktuelles Editorial Kurz gemeldet Titelthema Das Fürstentum Liechtenstein

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Politik&Wirtschaft

Liechtenstein

Hannes Burger Die Sehnsucht der Bayern

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| 26

Georg Milbradt Was der Westen vom Osten lernen kann Hugo Müller-Vogg Das Grollen der Unions-Schwestern Arnold Vaatz Stoppt die roten Stimmungsmacher Georg Pröbstl Solide investiert. Value Investing – die Königsklasse der Geldanlage Klaus-Peter Stieglitz Die Zukunft der Luftwaffe

| 8

Titelthema Das Fürstentum Liechtenstein

| 26

Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein Der Kleinstaat im Herzen Europas

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Otmar Hasler Liechtenstein als souveräner Staat | 36 | 12

| 14

| 18

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Kultur Die „schönste Privatsammlung der Welt“

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Wolfgang Mayer Der Fondsplatz Liechtenstein

| 43

„Um mich ist Heimat“ Interview mit Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein | 46 Klaus Tschütscher Unantastbare Grundwerte liechtensteinischer Standortpolitik | 50 Andrea Entner-Koch EU-Recht in Liechtenstein

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| 52

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INHALT

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Liechtenstein

Bayern&Kultur

Leben&Genießen

Norbert Seeger Liechtenstein will ein attraktiver | 54 Finanzplatz bleiben

Ausstellung Fürst der Bilder

Günther Meier Internationaler Bildungsstandort | 58 Liechtenstein Michael Lauber Konsolidierung im Bankensektor | 60 Werner Meissl Versicherungsstandort Liechtenstein vereint die Schweiz mit der EU

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Hannes Suter Das neue liechtensteinische Stiftungsrecht

| 64

Ines Rampone-Wanger Ein Bayer in Liechtenstein

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Hilti Aktiengesellschaft – von der Werkstatt zum Weltkonzern

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Liechtensteiner Industrieunternehmen

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Reuschel & Co. Marktkommentar Für Optimismus ist es | 70 noch zu früh Walter Beck Friedliche Bergriesen

Hans-Joachim Epp Schwab’s Landgasthof

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Vorschau

| 72 Veranstaltungen des Peutinger Collegiums

Walter Beck Vom Ursprung der Menschheit

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Für Sie gelesen

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Heft 152 hat den Schwerpunkt Energie ist Leben mit Berichten von: RWE-Vorstand Jürgen Großmann · Interview mit Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil · Prof. Dr. Jochen Mannhart, Leibniz-Preisträger 2008 · Prof. Dr. Hubert Markl, Ex-Max-Planck-Vorstand Außerdem: Max-Peter Ratzel, Direktor von Europol: Strafverfolgung in Europa · Dr. h. c. Wolfgang Spindler, Präsident des Bundesfinanzgerichtshofes: Wer ist schuld am komplizierten Steuerrecht?

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Hannes Burger

Die Sehnsucht der Bayern Der Wahlausgang in Bayern im Herbst letzten Jahres und die beherzte Machtübernahme durch Horst Seehofer, dem Letzten der alten CSU-Garde, erinnert an einen alten Witz. An einem Stammtisch seufzt ein Bayer: „I glaub bei uns huift bloß no a Anarchie.“ Sagt ein anderer: „Da hast recht. Aber bloß mit am starken Anarchen!“ Ein guter Witz enthält meist ein Körnchen Wahrheit. In 50 Jahren CSU-Herrschaft in Bayern, davon 46 Jahre als Alleinregierung und darunter zwei Wahlergebnissen mit einem Wählervertrauen von über 60 Prozent, schwebte von Strauß bis Stoiber immer ein Verdacht von „Demokratur“ über dem Freistaat. Wo aber starke Führung und R

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POLITIK & WIRTSCHAFT Identifikations-Figur fehlen, setzt sofort eine Zersplitterung der Parteien ein. Jetzt hat Bayern eine Koalitionsregierung aus CSU und FDP wie vor 50 Jahren; und dazu drei Parteien in der Landtags-Opposition, die aber selbst bei einer Mehrheit nicht miteinander regierungsfähig wären. Kann es einem starken und auch populären Regierungschef wie Seehofer gelingen, Bayerns Wähler wieder stärker zu einer starken Volkspartei zu einen? Es fällt ja schon schwer, die Partikularinteressen der vier Stämme und 10 CSU-Parteibezirke sowie den Postenschacher in den Arbeitskreisen der Partei unter einen Hut zu bringen. Oder müssen wir uns künftig damit abfinden, dass die Aufsplitterung politischer Lager das Spiegelbild einer immer mehr gemischten und gespaltenen Gesellschaft ist, in der nach „sozialer Gerechtigkeit“ gerufen und der eigene Vorteil damit gemeint wird? Mit der Landtagswahl 2008 hat sich die Parteienlandschaft in Bayern verändert. Im Gegensatz zu Hessen mit nun auch einem Fünf-Parteien-Parlament sitzen hier nicht die Erben der SED als Linkspartei neu im Landtag, sondern die Freien Wähler. Sie sind neben den nach 14 Jahren ins Maximilianeum zurückgekehrten Liberalen eine zweite bürgerlich-konservative Alternative für unzufriedene CSU-Wähler. Die Freien Wähler hatten bisher nur in den Kommunen als personelle Konkurrenz der CSU zu schaffen gemacht. Als dritte Oppositionspartei neben den dort alteingesessenen Sozialdemokraten und Grünen sind die „Parteifreien“ jetzt zwar nur fünftes Rad am Wagen ohne viel Gestaltungsmöglichkeit. Aber sie sind jetzt Partei und werden fortan auch in der Kommunalpolitik von allen als Gegner behandelt werden. Ob sich die Freien auf Landesebene als langfristig einzukalkulierende Splittergruppe im ländlich-bürgerlichen Lager auf Kosten der zu satten CSU etablieren oder Eintagsfliegen bleiben, ist schwer abzusehen. Die unterschiedlichen Erwartungen ihrer örtlichen Grüppchen, ihr Lavieren um ein Programm und die Erfahrung, im Landtag nichts bewegen zu können, baut bei zuvor aktiven Kommunalpolitikern leicht Frust auf. Und der nährt bei den einen die Versuchung, sich für gute Posten von der CSU abwerben zu lassen, die ja nur drei Überläufer für die absolute Mehrheit bräuchte. Andere wollen die CSU aus Rache auf allen Ebenen bekämpfen – auch bei der Europawahl. Da haben die Freien zwar selber keine Chance, könnten aber der CSU – zum Schaden Bayerns – den Einzug ins Europaparlament vermasseln. Die SPD in Bayern hat zwar wegen der Verluste der CSU siegestrunken triumphiert, aber dabei verdrängt, dass sie selbst ein Prozent auf nun 18 verloren hat – von ehedem bis zu 36 Prozent in Bayern. In der ehemaligen roten Hochburg Hessen hat die SPD auch nur mehr 24 Prozent, weil sich dort das linke Lager auf Grüne und Linkspartei mit aufteilt, aber in dieser YpsilantiKonstellation von Rot-Grün-Rot nicht mehrheitsfähig ist. Sind aber nun die aktuellen strukturellen Veränderungen von Bayern über Hessen bis Berlin – und nach weiteren Landtagswahlen auch anderswo – auf Dauer angelegt? Oder gelten sie nur für eine Übergangszeit – wie vor rund 50 Jahren. Damals schickte 1954 eine von Ministerpräsident Hoegner (SPD) geführte „Viererkoalition“ (mit FDP, GP/BHE und Bayernpartei) die CSU

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quasi zur Reha drei Jahre in die Opposition, brach aber schon 1957 auseinander. Ab 1958 regierte die CSU in Koalition mit FDP und GB/BHE, bis sie nach der Landtagswahl 1962 mit 47,5 Prozent die absolute Mehrheit der Mandate errang. Ist das wiederholbar? Die konservativen bürgerlichen Alternativen von damals - GB/BHE und Bayernpartei – waren nacheinander gescheitert und kehrten nie mehr in den Landtag zurück. Nur die FDP erholte sich – nach Pausen im Landtag – immer wieder, weil sie im Bund als Koalitionspartner und Korrektiv für Union oder SPD gebraucht wurde. Die „alten“ Oppositionsparteien, SPD und Grüne, verhalten sich wie kommunizierende Röhren: Was die Roten verlieren, gewinnen die Grünen dazu. Aber beide sind in Bayern weit davon entfernt, als gestaltende Kraft in einem Regierungsbündnis echten Einfluss zu gewinnen; beide Sozialisten sind von der Unfehlbarkeit ihrer Politik so überzeugt, dass sie keinen Gedanken auf Fehler verschwenden. Bayerns Sozi haben sich in den bequemen

Verlass ist nur noch auf die Dauerschwäche der SPD. Oppositions-Nischen des Landtags gut eingerichtet und mit der Rolle von Dauerkritikern ohne Verantwortung abgefunden. Bayerns Grüne sind spezialisiert auf eine alternative und antichristliche Multikulti-Sammelpartei für alle Verweigerer von Wirtschaft und Technologie; das geben sie als „Ökologie“ aus. Sie sind nie auf die Idee gekommen, ihre verkrusteten Positionen zu Ökonomie und Ökologie sowie ihr ideologisches Feindbild zur christlichen Kultur abzubauen. Bei Rot und Grün also alles wie gehabt. Doch die Gefahr für künftig wieder erhoffte Höhenflüge der CSU liegt ganz nah: In der eigenen Koalition. Die linke FDP-Landeschefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, für gestandene Bayern noch immer eine „Bissgurrn“ (oder: Beißzange), war klug genug, die weißblaue Regierungsbank zu meiden und zwei seriöse Herren mit einer jungen attraktiven Dame vorzuschicken, das allseits als neu und sympathisch empfunden werden. Das dann ausgerechnet noch in den Wohlfühlministerien Wirtschaft mit den vielen Fördergeldern und Kunst mit so schönen Eröffnungsoder Jubiläumsterminen. Sollten sich die Bayern mit Wohlbehagen an einen solchen Koalitionspartner gewöhnen, könnte die absolute Mehrheit für lange Zeit hinterm Hoffnungshorizont der CSU entschwinden. n

Hannes Burger, 1937 in München-Schwabing geboren, war Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung und Bayern-Korrespondent der WELT. 22 Jahre lang schrieb er die Salvatorreden für den Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Er hat zahlreiche, zumeist witzig-ironische Bücher über das Problem-Verhältnis zwischen Preußen und Bayern verfasst. Burger wurde mit der Ludwig-Thoma-Medaille der Stadt München und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Prof. Dr. Georg Milbradt

Was der Westen vom Osten lernen kann Die Wiedervereinigung ist ein großes Geschenk, das die Deutschen in der DDR der deutschen Nation vor mehr als 18 Jahren gemacht haben. Mancher nennt die Wiedervereinigung einen Glücksfall der Geschichte. Stefan Zweig hätte die Tage des Wendeherbstes wohl in seine Sammlung der „Sternstunden der Geschichte“ aufgenommen. R

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POLITIK & WIRTSCHAFT Zauber der Freiheit Es war der Mut der vielen Hunderttausend Ostdeutschen, die 1989 gegen die SED aufgestanden sind. Der Zauber der Freiheit war für sie stärker als die Furcht vor dem diktatorischen Regime. Sie wollten sich nicht länger Lebenschancen zerstören lassen, nur weil Freiheit, Privateigentum, Wettbewerb und Eigeninitiative nicht zur herrschenden Ideologie der SED passten. Die Begeisterung und Offenheit der Wende- und der ersten Nachwendejahre hat weit getragen. Wir haben in kurzer Zeit eine enorme Aufbauleistung vollbracht, bei der uns die Westdeutschen mit großer Solidarität unterstützt haben. Dafür ist Sachsen noch heute dankbar. Doch bis heute wird es gelegentlich nicht gern gesehen, wenn wir mit dem Geld des westdeutschen Steuerzahlers etwas aufbauen, das anders als im Westen ist, das gängigen Vorstellungen im Westen widerspricht und oft den besonderen Verhältnissen im Osten besser entspricht und so besser funktioniert. Viele Westdeutsche waren ganz selbstverständlich überzeugt, dass nicht nur das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dem kommunistischen überlegen war – was auch im Osten der größte Teil der Bevölkerung nicht ernsthaft bestritt -, sondern dass die Überlegenheit sich auch auf jedes einzelne Teilelement bezog. Viele konnten sich einfach nicht vorstellen, dass es westliche Strukturen gab, die den ostdeutschen DDR- oder Nachwendestrukturen unterlegen waren. Dass Ostdeutschland teilweise der modernere Teil war oder notgedrungen werden musste, um den Transformationsprozess erfolgreich zu gestalten.

Nur durch tief greifende Veränderungen und großer Flexibilität konnte man den Aufbau gestalten. Doch ich will mich auf das konzentrieren, was im Osten besser als im Westen funktioniert. Der Gestaltungsschwerpunkt liegt im Bildungsbereich. Wenn wir Familien eine gute Zukunft und unserer Jugend eine gute Bildung bieten, dann entscheiden wir langfristig über die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. In diesem Punkt konnte Ostdeutschland seine wertvollen Erfahrungen mit einem anderen Modernisierungspfad einbringen. Das mag auf den ersten Blick verwundern. Die Industrie der DDR war bis

Der andere Modernisierungspfad Der enorme Aufbauwille von Ost- und Westdeutschen, die in den neuen Ländern am Werk waren, traf oft auf die Beharrungskräfte der westdeutschen Wirtschafts- und Sozialordnung, auf die Ansicht, die Regelungen im Westen seien denen im Osten prinzipiell überlegen, so dass nur eine komplette Übernahme des westlichen Systems sinnvoll sei. Natürlich galt das für viele Grundentscheidungen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch das westdeutsche Modell mit seinen großen Aufbauerfolgen in den 50er und 60er Jahren war 1990 das System einer erfolgreichen, wohlhabenden, selbstzufriedenen und saturierten Gesellschaft, die im Laufe der Jahre immer weniger flexibel geworden war. Die Lage war im Osten ganz anders:

Hoffnungslos rückständig: Trabi in der DDR.

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Idealisierte Jugend im Sozialismus.

auf Ausnahmen hoffnungslos rückständig, der Maschinenpark veraltet, die Umweltbelastung erschreckend hoch und die Produktivität sehr niedrig. Auch die Gesellschaft insgesamt war nicht modern.

Familienbild Von großer Bedeutung für das wiedervereinigte Deutschland sind die unterschiedlichen familiären Leitbilder und Strukturen sowie verschiedene Bildungssysteme. Die DDR-Wirtschaft hatte eine so niedrige Produktivität pro Kopf, dass sie fast die gesamte erwerbsfähige Bevölkerung in der Wirtschaft einsetzen musste, gerade auch die Frauen. Es war für Frauen in der DDR selbstverständlich, berufstätig zu sein, nicht zuletzt auch deshalb, weil ein einzelnes Einkommen so niedrig war, dass es für eine Familie kaum ausreichte. Daraus entwickelte sich ein neues Familienmodell, das sich vom traditionellen und damals in großen Teilen in Westdeutschland noch praktizierten erheblich unterschied, das aber heute in West und Ost gleichermaßen von der jüngeren Generation angestrebt wird. In der DDR entstand so ein flächendeckendes Netz von Betreuungseinrichtungen für Kinder mit Krippen, Kindergärten und Schulhorten. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass dieses umfassende Betreuungssystem auch darauf abzielte, die

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POLITIK & WIRTSCHAFT Rolle der Eltern bei der Erziehung zugunsten eines staatlichen ideologischen Einflusses zu schwächen. Das ostdeutsche System der Kinderbetreuung überlebte in abgespeckter Form die Wendezeiten. Als Träger dominieren heute Kommunen und freie Träger. Aber seit einigen Jahren wird die betriebliche Kinderbetreuung auch bei uns wieder aktuell, nur aus anderen Gründen: Es ist der sich aus demographischen Gründen abzeichnende Fachkräftemangel, der immer mehr Betriebe auf Frauen setzen lässt. Fast zwei Jahrzehnte nach der Wende muss man auch im Westen zugeben, dass das in der DDR praktizierte System der Kinderbetreuung besser zu unseren heutigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen in Ost und West passt. Und umgekehrt passt es zu den veränderten Familienstrukturen und zu der deutlich höheren

Ministerpräsidenten und Kultusminister kämpfen die Reform gegen den Widerstand von dortigen Lehrer- und Elternverbänden durch, aber man vergisst, vorher nachzufragen, wie das achtjährige Gymnasium bei uns praktisch arbeitet. Es reicht nicht, einfach den bisherigen Lehrplan in acht Gymnasialjahre zu pressen. Man muss die Lehrpläne insgesamt umstrukturieren und braucht bei einer so tief greifenden Änderung Zeit; denn man muss Lehrer, Schüler und Eltern auch mitnehmen. Auch im übrigen Schulsystem beginnt der Westen vom Osten lernen. Sachsen hatte bis zur Wende ein Gesamtschulsystem, aus dem das achtjährige Gymnasium und parallel eine sechsjährige Mittelschule gebildet wurde. Beide Schultypen setzen auf einer vierjährigen Grundschule auf. An der Mittelschule kann in der 9. Klasse der Hauptschulabschluss und in der 10. Klasse der Realschulabschluss erworben werden. Die Mittelschule umfasst also gedanklich die in Westdeutschland getrennte Haupt- und Realschule. Unser System hat sich dem dreigliedrigen vieler westdeutscher Länder als überlegen erwiesen, denn bei uns gibt es nicht die Hauptschule als Restschule. Bayern ist wegen der Stärkung der Hauptschule eher ein westdeutscher Sonderfall.

Bei Pisa auf Platz 1

Bei Pisa haben Sachsens Schüler die Nase vorn.

Erwerbsneigung der jungen Frauen auch im Westen. In diesem Bereich gleichen sich die westdeutschen Strukturen den ostdeutschen an, die in wesentlichen Teilen große Ähnlichkeit mit denen in Skandinavien oder Frankreich haben. Das in Westdeutschland praktizierte Modell war im westeuropäischen Vergleich eher ein Sonderweg.

Zweigliederig zum Erfolg Ein anderes Exportmodell ist das derzeit heftig diskutierte achtjährige Gymnasium, kurz G8 genannt. Die westdeutschen Kultusminister glaubten 1990 nicht, dass man nach einer nur zwölfjährigen Schulzeit ein vollwertiges Abitur ablegen kann. Mittlerweile ist anerkannt, dass man in der Tat in zwölf Jahren ohne Probleme zur Hochschulreife gelangen kann, und eine Reihe von westdeutschen Ländern hat das G8-Abitur bereits eingeführt. Sachsen kennen diesen Begriff gar nicht, weil bei uns das Gymnasium schon immer nur acht Klassen hat. Kopfschütteln herrscht bei uns angesichts der heftigen Debatten über das G8-Abitur. Darüber, dass den Kindern angeblich ihre Kindheit gestohlen werde, dass der Stoff durch die Verkürzung zu umfangreich sei, die Kinder überfordert würden und dass es an geeigneten Lehrmaterialien fehle. Es ist doch ein bisschen merkwürdig: Da wird etwas aus dem Osten übernommen, was bei uns problemlos funktioniert. Die westdeutschen

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Alle bisherigen Pisa-Ergebnisse bestätigen diesen Befund. Nach Bayern lag Sachsen bisher auf Platz 2, bei anderen Rankings und der neuesten Studie sind wir sogar auf Platz 1, auch Thüringen und Sachsen-Anhalt mit ähnlichen Strukturen sind weit vorn, während die ostdeutschen Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit westdeutschem System hinten liegen. Mit unseren Pisa-Ergebnissen liegen wir im internationalen Vergleich im oberen Drittel, in Teilbereichen auf Platz 2 nach dem Sieger Finnland. Im nationalen Vergleich sind unsere 15-Jährigen den gleichaltrigen Schülern aus dem schlechtesten Bundesland Bremen um zwei Jahre voraus.. Die oft geäußerte Behauptung, das deutsche Bildungssystem sei schlecht, ist in dieser Verallgemeinerung falsch. Die Pisa-Tests zeigen im Gegenteil, dass es in Deutschland international sehr leistungsfähige Schulsysteme gibt, zum Beispiel das sächsische, das noch den Vorzug hat, dass der Bildungshintergrund der Eltern nicht so sehr den Schulerfolg der Kinder beeinflusst, es also chancengerecht ist. Obwohl das sächsische Schulsystem eine Säule weniger hat, ist es differenziert. Die Kinder werden auch in der Mittelschule entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert. Statt einer Außendifferenzierung wie im Westen gibt es bei uns eine Binnendifferenzierung. Der Anteil der Schüler, die ein Schuljahr wiederholen müssen, ist in Sachsen geringer als in fast allen anderen westdeutschen Bundesländern. Sachsen und Thüringen liegen bei der Wiederholerquote auf Platz zwei, Bayern liegt hier hinten. Einige von der SPD regierte Länder haben die Gesamtschule eingeführt, die allerdings bei Pisa deutlich schlechter abschneidet, obwohl sie in der Regel personell und finanziell besser ausgestattet sind. Die Gesamtschule hat den Test offensichtlich nicht bestanden. Auch bei der frühkindlichen Bildung versuchen wir in Sachsen vorne dabei zu sein. In der DDR war schulvorbereitender Unterricht im Kindergarten selbstverständlich. Die Kindereinrichtungen waren wie die Schulen dem Ministerium für Volksbildung

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PISA-LÄNDERVERGLEICH

Sachsens Schulen drängen an die Weltspitze Der Spiegel

PISA-LÄNDERVERGLEICH

Laut PISA-Studie schneischnei den sächsische Schüler in den Bereichen Lesen, Naturwissenschaften und Mathematik besser ab als Jugendliche in anderen Bundesländern Die Welt

PISA-STUDIE

BILD erklärt das sächsische Erfolgsmodell Bild

unterstellt, Schule und Kindergarten waren eng verzahnt. Das System hatte Ähnlichkeiten mit dem französischen der éducation nationale. Streicht man die ideologische Beimischung und Bevormundung in der DDR, so war diese Zuordnung durchaus sinnvoll. Nach der Wende wurde das alte DDR-System zugunsten des westdeutschen aufgegeben, das eine sehr viel stärkere Trennung von Kindergarten und Schule beinhaltet. Man wollte bewusst der Familie wieder einen stärkeren Einfluss auf die Erziehung geben. Erst allmählich und dank neuester Erkenntnisse der Hirn- und Lernforschung ändern sich die Betrachtungsweisen. Mit dem Lernen kann man kaum früh genug anfangen. Das ist auch eine Chance, die Schulzeit zu verkürzen und effektiver zu nutzen. Auch die Bildungsferne und das mangelnde Engagement vieler Familien erfordern, die frühkindliche Bildung im Kindergarten oder in Kindertagesstätten (Kitas) zu verstärken. Unser Sozialministerium hat einen Bildungsplan für die Altersstufen drei bis zehn Jahre eingeführt, der den Erzieherinnen einen Leitfaden an die Hand gibt, wie sie die Kinder altersgemäß fördern können. Wobei die Neigung der Kinder zum spielerischen Lernen aufgegriffen und verstärkt wird. Für die Kinder ist der Schulbeginn kein tiefer Einschnitt mehr, sondern eher ein fließender Übergang von einer Bildungseinrichtung zur nächsten.

Ganztagesschule kommt Auch der Aufbau eines zumindest fakultativen Ganztagssystems halte ich für unvermeidlich. Eine Schule mit ganztägiger Betreuung gibt unseren Kindern Raum und Zeit für ihre Entwicklung. Die Halbtagsschule beruht auf einem Ideal der bürgerlichen Familie, das immer weniger anzutreffen ist. Wir schreiben in Sachsen keine Ganztagsschule vor, sondern bieten ein ganztägiges Angebot an und lassen die Eltern entscheiden. Die Ganztagsschule wie der Ganztagskindergarten sind im Übrigen in vielen westlichen Industrieländern der Normalfall, während das bisherige westdeutsche System eher ein Sonderfall ist. Auch die DDR hatte schon Horte für die nachmittägliche Betreuung der Schulkinder eingeführt, die nach der Wende teilweise fortbestanden. Ganztägiges Angebot heißt

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nicht, die bisherige Schule einfach auf den Nachmittag auszudehnen. Dort sollten auch andere Lernformen und -inhalte angeboten werden, oder wie es bei Wilhelm Busch heißt: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh’.“ Auch Sport und Tanz, Technikunterricht und praktische Arbeit, künstlerisches Gestalten oder das Management einer Schülerfirma können auf das spätere Leben vorbereiten. Aus dieser Erkenntnis heraus haben bereits zwei Drittel aller öffentlichen Schulen in Sachsen Ganztagsangebote, Tendenz stark steigend.

Neue Antworten Es gibt keinem Weg zurück in die kuschelige Bonner Republik. Wir müssen in ganz Deutschland, wie übrigens auch in den anderen westeuropäischen Ländern, erkennen, dass das in den Nachkriegsjahrzehnten höchst erfolgreiche westliche Gesellschaft- und Wirtschaftsmodell nicht 1:1 in die Zukunft verlängert werden kann. Wir können auf die Herausforderungen von morgen nicht nur die bewährten und in der Regel auch richtigen Antworten von gestern geben. Wir brauchen neue Antworten. Da man aber gerade bei der jetzigen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Dynamik sich im Vorhinein nicht sicher sein kann, welcher Weg langfristig der richtige ist, benötigt unsere Gesellschaft eine höhere Flexibilität und die Fähigkeit, von anderen zu lernen. Damit schaffen wir es, die Zukunft als Chance zu begreifen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. n

Prof. Dr. Georg Milbradt, Ministerpräsident a.D., wurde 1954 im sauerländischen Eslohe geboren. Der diplomierte Volkswirt promovierte an der Universität Münster zum Dr. rer. pol., wo er seit 1985 eine außerplanmäßige Professur inne hat. Milbradt war von 1990 bis 2001 Finanzminister und von 2002 bis 2008 Ministerpräsident des Freistaates Sachsen. Er ist seit 1973 Mitglied der CDU und seit 1994 Abgeordneter des Sächsischen Landtages.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Dr. Hugo Müller-Vogg

Das Grollen der Unions-Schwestern Ob Politiker, Politikwissenschaftler oder Publizisten: Der Begriff vom Fünf-Parteien-System geht allen flott von den Lippen. Schließlich hat sich die von der SED über die PDS zur „Die Linke“ mutierte neue Kraft am linken Rand des politischen Spektrums bundesweit etabliert. Richtig falsch ist das nicht, aber auch nicht ganz richtig. Denn fünf Parteien gab es schon, als die PDS noch eine ostdeutsche Regionalpartei war: CDU, SPD, FDP und R

Spannungen zwischen der CSU und der großen Unionsschwester haben eine lange Tradition. Wie die Karikatur von Horst Haitzinger aus dem Jahr 1983 zeigt, als in Bonn die Union mit der FDP regierte und Franz Josef Strauß nicht mit allen Entscheidungen in Bonn einverstanden war. Einen heiteren und die politische Erinnerung auffrischenden Gang durch die deutsche und internationale Politiker vergangenen Jahrzehnte bietet das Olaf-Gulbransson-Museum in Tegernsee, das noch bis zum 23. März Zeichnungen und Gemälde von Haitzinger zeigt. Der Karikaturist lebt in München und feiert am 19. Juni seinen 70. Geburtstag. Das Original der „Vulkan“-Karikatur hängt noch bis Mitte März in einer Ausstellung „Strauß in der Karikatur“ im Münchner Valentin-Musäum.

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Das sind keine nebensächlichen Formfragen, sondern handfeste Machtfragen. Wenn ein CDU-Landesverband – zum Beispiel in der Steuerpolitik – anderer Meinung ist als die BundesCDU, dann wird das in den entsprechenden CDU-Gremien geklärt. Unvorstellbar, dass die CDU-Spitze sich eigens mit dem aufmüpfigen Landesverband zusammensetzte. Im Fall der eigenständigen CSU aber geht es nicht anders. Deshalb konnte die CSU jetzt ihr Herzensanliegen auch gegen SPD und gegen CDU durchsetzen – nämlich den Einstieg in einen neuen Steuertarif. Das organisatorische Nebeneinander der beiden Schwesterparteien erfordert ein weitgehendes inhaltliches Miteinander. Jedenfalls dann, wenn beide im Bund regieren wollen. Ohne CSU ist eine bürgerliche Regierung von Union und FDP schon rechnerisch nicht möglich. Eine Große Koalition mit der SPD könnte die CDU zwar allein eingehen. Aber dann wäre die CDU der Juniorpartner, und im Kanzleramt säße ein Sozialdemokrat. CDU und CSU sind also zur Kooperation verdammt. Das hindert beide nicht daran, gerne mit den Muskeln zu spielen und den anderen gelegentlich zu ärgern. Der extremste Fall war zweifellos der berühmte Kreuther CSU-Beschluss von 1976, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzukündigen. Die demonstrativ kühle Art, mit der die CDU-Vorsitzende Angela Merkel vor den bayerischen Landtagswahlen 2008 der CSU jede steuerpolitische Wahlhilfe verweigerte, offenbarte indes, dass Halsstarrigkeit und Überlegenheitsgefühle auch nördlich des Mains anzutreffen sind. Das Scheitern des Umweltgesetzbuches an der CSU wiederum bewies, dass die bayerische Union der großen Schwester zwar nicht ihren Willen aufzwingen, aber mit ihrem Veto vieles verhindern kann. Besonders stark ist die CSU bei Personalfragen: Wer aus ihren Reihen der Bundesregierung angehört, wird in München entschieden, nicht in Berlin. Der Verlust der absoluten CSU-Mehrheit hat das ohnehin schwierige Neben- und Miteinander nicht etwa in dem Sinn erleichtert, dass die CDU jetzt groß auftrumpfen könnte. Denn die Grundregeln der politischen Mathematik gelten nach wie vor. Ohne eine CSU, die in Bayern auf etwa 50 Prozent der Stimmen kommt, verfehlt die Union auf Bundesebene die magischen 40 Prozent. Die CDU kann noch aus einem anderen Grund kein Interesse an einer nachhaltig geschwächten CSU haben. Da die bayerische Union vehementer für konservative Werte eintrat als die CDU, etwa bei den Themen Türkei oder

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Innere Sicherheit, band sie stets eine nennenswerte Zahl konservativer Wähler außerhalb Bayerns an sich. Da machte dann doch mancher sein Kreuz bei der vermeintlich zu liberalen CDU – im Vertrauen darauf, eine starke CSU werde das innerhalb der Union schon richten. Die herben Stimmenverluste der CSU bei den Kommunalund Landtagswahlen des vergangenen Jahres machen jedoch deut- lich, dass diese von Wahlerfolgen verwöhnte Partei inzwischen auf dieselben Schwierigkeiten stößt wie die CDU. Junge Men- schen, gut ausgebildete Frauen und Großstädter beiderlei Geschlechts unter 60 Jahren haben offenkundig Vorbehalte gegenüber der Union, ganz gleich, ob nun CSU oder

Quelle: obs/CMA

Grüne – und nicht zuletzt die bayerische CSU. Auch wenn die manchmal als etwas eigenwilliger Landesverband der CDU abgetan wird. In der Tat ist das Verhältnis zwischen CDU und CSU ein besonderes. Beide Parteien stehen auf denselben tragenden Säulen, der christlich-sozialen, der liberalen und der konservativen. Sie machen sich keine direkte Konkurrenz: Die CDU beschränkt sich auf 15 Bundesländer, die CSU auf Bayern. Aber diese war und ist eine eigenständige Partei. Das war zuletzt mit Händen zu greifen, als die Große Koalition um ein neues Konjunkturpaket rang. Da verhandelten eben nicht CDU und SPD miteinander, sondern drei Parteien: CDU, SPD und CSU. Um ganz genau zu sein: Der großen entscheidenden Koalitionsrunde war eine kleine vorausgegangen – eine zwischen CDU und CSU.

Manchmal gibt es für CDU und CSU auch Grund zum Lächeln.

CSU drauf steht. Die CSU kann sich jedenfalls gegenüber der CDU nicht mehr damit brüsten, sie wisse viel besser als die große Schwester, wie man Wahlen gewinne. Die größte Herausforderung für die CSU ist im Superwahljahr 2009 nicht die Bundestagswahl im September, sondern die Europawahl am 8. Juni. Da die CSU traditionell als eigenständige Partei in den Wahlkampf zieht und nicht etwa eine Listenverbindung mit der CDU eingeht, muss sie in Bayern genügend Stimmen bekommen, um bundesweit die 5-Prozent-Hürde zu schaffen. Das gelang der CSU bei allen bisherigen Europawahlen problemlos, zuletzt vor fünf Jahren mit 57 Prozent in Bayern oder umgerechnet stolzen 8 Prozent im Bund. Sollte es der CSU erstmals nicht gelingen, mit eigenen Abgeordneten ins Europäische Parlament einzuziehen, würde das nicht nur dem politischen Anspruch der CSU als vollwertiger Partei zuwiderlaufen. Das Neben- und Miteinander der Unions-Parteien würde noch komplizierter. Und die Union insgesamt sicher nicht stärker. n Dr. Hugo Müller-Vogg, war Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 2001 arbeitet er als freier Publizist in Berlin, schreibt regelmäßige Kolumnen in der Bild-Zeitung („Berlin intern“) und „duelliert“ sich in der im Osten viel gelesenen verbreiteten SUPERillu in einer Streitkolumne mit Politikern wie Gregor Gysi, Andrea Nahles oder Cem Özdemir. Mit Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat er Gesprächs-Bände publiziert.

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POLITIK & WIRTSCHAFT

Arnold Vaatz

Stoppt die roten Stimmungsmacher

Die von der Geschichte überrannten, von der Gesellschaft aber ungestraft gebliebenen Linksstrukturen entwickelten nun ein Kernbedürfnis: Sie schrieben nach dem „Super-GAU“ namens Wiedervereinigung ihre aus alten Zeiten gewohnte Macht in die Zukunft fort. Dazu galt es, das eigene geistige Koordinatensystem, das durch die Geschichte dem Gespött preisgegeben war, so umfassend wie möglich zu reanimieren. So begann man notorisch zu insinuieren, wie recht man doch mit seiner Aversion gegen die bürgerliche Demokratie allgemein und ein vereinigtes Deutschland im Besonderen gehabt hatte. Dazu bedurfte es der Organisation eines bestätigenden Echos aus dem Osten. Dabei fanden sie dort willige Helfer vor allem in den DDR-Ostmedien, die – vor kurzem noch einer der wichtigsten

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Tentakel des Totalitarismus – nun nahezu unbehelligt zur Meinungsproduktion in einer Demokratie übergehen konnten. Die großen Zeitungshäuser des Westens hatten sich die marktstarken SED-Bezirkszeitungen untereinander aufgeteilt und sich gleichgültig gezeigt gegenüber deren redaktioneller Grundausrichtung als frühere „Organe der Bezirksleitungen der SED“ wie auch gegenüber dem Werdegang der Personalkörper in ihren ostdeutschen Neuerwerbungen. So konnte sich ungehindert jene Betrachtungsweise der Dinge fortsetzen, die man aus DDR-Zeiten gewohnt war. Journalist war in der DDR ein begehrter Beruf. Ihn zu erwerben war an Voraussetzungen gebunden, über die der sozialistische Staat streng wachte. Willi Steul hat in seinem Buch „Genosse Journalist“ zutreffend beschrieben, dass sich der im sogenannten „Roten Kloster“ zu Leipzig in Ausbildung befindliche Journalist als ein Kämpfer an der unsichtbaren Front des Klassenkampfes zu verstehen hatte – und in der Regel auch als solcher verstand. Diese biografische Grundlage ist mit der Wende nicht erloschen. Die besseren Arbeitsbedingungen, die erhöhte Bezahlung und das freie Reisen wurden gerne genutzt, doch die Grundskepsis gegen die verhasste kapitalistische Staatsform bestand fort. Wohl war die Wende zum Besseren in jeder Stadt zu sehen, doch die positive Wahrnehmung wurde und wird noch heute durch eine selektive Wahrnehmung des Negativen massiv

© DIE LINKE im Bundestag

In den siebziger und achtziger Jahren hatte die Linke in der Bundesrepublik Deutschland einen politischen Grundkonsens erzwungen: Dass das Thema „deutsche Einheit“ nicht auf der Tagesordnung stünde, dass es friedensgefährdend, stabilitätsgefährdend, reaktionär und ewig gestrig sei, darüber überhaupt zu sprechen. Wer das Tabu brach, wurde weniger mit politischen als mit moralischen Argumenten diskreditiert, bis er schließlich dieses Terrain mied. Doch die Geschichte wollte es anders: In diesem Jahr erinnern wir uns an den Fall der Mauer vor 20 Jahren, im Jahr darauf feiert die Wiedervereinigung ihren 20. Geburtstag.


POLITIK & WIRTSCHAFT

© © DIE LINKE im Bundestag

beeinflusst. Den Ostdeutschen wird eingeredet, sie seien Menschen zweiter Klasse; es herrsche Siegerjustiz; die Treuhand habe die ostdeutsche Wirtschaft zerstört; der Westen habe sie ihrer sozialen Errungenschaften beraubt; an die Stelle des warmherzigen, solidarischen Sozialismus sei eine kalte Ellenbogengesellschaft getreten. Solche Kommentare könnten nicht verfangen, wenn das Erinnerungsvermögen der Menschen zuverlässig wäre und die Darstellung der unbezweifelbaren Hinzugewinne an Freiheit, Lebensqualität, Wohlstand und Lebenserwartung gleichberechtigt neben der Darstellung des noch zu Verbessernden stünde. Allein: Diese Botschaften sind in den Ostredaktionen unerwünscht. Dort regiert der linientreue Mitläufer der DDR, der seine peinliche Vergangenheit rechtfertigen will. Und sie sind in Westredaktionen unerwünscht. Dort regiert der linke Mainstream-68er. Beide suchen sich die brauchbarsten Wahrheiten. So entstand das neue, verlogene und verbogene Bild des vereinigten Deutschland, das mithalf, das Desaster der westdeutschen Linken zu bemänteln und die SED vollständig aus ihrer Verantwortung für die DDR entlassen. Wer konfrontiert sie noch mit dem Vorwurf, die eigentliche Verursacherin all der notwendig gewordenen Finanztransfers von West nach Ost zu sein? Die westdeutschen Medien beurteilten die politische Auseinandersetzung sehr einfach. Wer sich mit den politischen Thesen der PDS auseinandersetzte und dabei auch deren Glaubwürdigkeit mit dem Verweis auf die SED-Vergangenheit der Partei erwähnte, dem wurde vorgeworfen, er beschränke sich darauf, der PDS ihre Vergangenheit vorzuhalten, und dies sei primitiv. So konnte sich die unzutreffenden Meinung bilden, die PDS und heute „Die Linke“ sei mittlerweile eine demokratische Partei. Damit vergisst die Gesellschaft ein Stück Geschichte: Diese Partei war 1989 zu ihrer Gründung identisch mit der SED. Die Parteizugehörigkeit der SED-Mitglieder wurde in der SED niemals beendet. Voraussetzung für den Eintritt in die PDS war nicht der Austritt aus der SED. Die Mitgliedsbücher sind automatisch umgeschrieben worden, und die selben Leute, die 1989/90 das neue Mitgliedsbuch erhielten, haben bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur die parlamentarische Demokratie als einen Ausdruck des Imperialismus, als eine absterbende und aggressive ausbeuterische Gesellschaftsordnung bezeichnet: Sie haben Millionen unschuldiger Menschen dazu gezwungen, ihnen diese Verachtung der Demokratie unter Androhung von Gewalt nachzusprechen. Und sie haben das Vermögen, die Liegenschaften, alles was die SED angehäuft hatte, soweit wie möglich übernommen. In der Mitte der Neuziger Jahre begingen wir einen Fehler. Wir hörten auf, die PDS mit ihrer Vergangenheit zu identifizieren. Damit haben wir Erinnerungslücken heraufbeschworen, die

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sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung wenden. Während wir Milliardensummen Jahr für Jahr von West nach Ost schieben, müssen wir uns immer öfter Bemerkungen anhören, wie „Die DDR war doch besser“ oder „Sozialismus war doch mindestens eine gute Idee“. Es wird suggeriert, Sozialismus sei auch ohne Mauer zu haben und es käme auf einen zweiten Versuch an. Dabei wird absichtlich vergessen, dass man bis 1961 ernsthaft versuchte, Sozialismus ohne Mauer zu praktizieren. Aber dies scheiterte an seiner prinzipiellen Konkurrenzunfähigkeit. Deshalb liefen ihm die Leute davon.

Den Schleier des Vergessens und Beschönigens zerreißen. Es gab für den Sozialismus keine andere Rettung mehr als die Mauer. Wer die egalitäre Gesellschaft wählt, wählt Mauer und Unfreiheit mit. Unsere Gesellschaft ist im Begriff, dies zu vergessen. Dass viele Ostdeutsche ihre eigene Vergangenheit zu beschönigen versuchen, indem sie die Linke exkulpieren und mit politischer Macht ausstatten sowie die nachfolgende Generation anhalten, Gleiches zu tun, ist leider verständlich. Zu viele waren Teil des Systems. Die westdeutsche Gesellschaft aber hat den Sozialismus eine Generation lang vor der eigenen Haustür studiert und dann mit einer Billionensumme dessen Scheitern bezahlt. Jetzt aber ermöglicht sie der PDS nach ihrem Comeback im Osten auch noch eine West-Erweiterung und stattet sie mit der Hoffnung aus, ihre Rezepte in westdeutschen Ländern ausprobieren zu können. Sollten das Realität werden, so haben die Westdeutschen gute Chancen, die Schildbürger auf deren Thron abzulösen. Um dies zu vermeiden hilft nur eins: An die Wahrheit von 1989 erinnern, den Schleier des Vergessens und des Beschönigens zu zerreißen und der Partei, die Deutschlands demokratische Strukturen nicht akzeptieren will, klare Kante zu zeigen. Mit einer Appeasement-Politik aber, wie sie die Sozialdemokraten versuchen, werden die Linken zu fröhlichen Siegern. n Arnold Vaatz wurde 1955 in Weida (Sachsen) geboren, studierte an der TU Dresden Mathematik und wurde 1984 wegen Reservedienstverweigerung zu sechs Monaten Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Zur Wende schloss er sich erst dem Neuen Forum und dann der CDU an. Er war Minister im Kabinett von Kurt Biedenkopf und wechselte 1998 als direkt gewählter Abgeordneter aus Dresden in den Bundestag, dem er noch heute angehört. Vaatz ist Mitglied im CDU-Bundesvorstand.

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AKTUELLES

Seehofers Jungbrunnen Ein Dutzend junger Politiker in Führungspositionen bringen und damit die CSU-Führungsmannschaft der nächsten Generation formen – dieses ehrgeizige Ziel hat sich Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer gesetzt und eröffnete seinen Jungbrunnen gleich zu Beginn seiner Doppelamtszeit: Georg Fahrenschon (41) Finanzminister, Ilse Aigner (44) Bundeslandwirtschaftsministerin, KarlTheodor zu Guttenberg (37) CSU-Generalsekretär, Monika Hohlmeier (46) Europakandidatin. Den Rückzug von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos nutzt der Ingolstädter sogleich zu einer weiteren Verjüngungs-

kur: zu Guttenberg ist seit Mitte Februar Deutschlands jüngster Wirtschaftsminister, seine Nachfolge in der Münchner Parteizentrale teilen sich die Bundestagsabgeordneten Alexander Dobrindt (38) und Dorothee Bär (30). Dem neuen Generalsekretär und seiner Stellvertreterin steht die enorme Herausforderung bevor, eine Parteizentrale im Umbau zu übernehmen und zugleich in zwei intern bereits laufende Wahlkämpfe zu springen: Das ist fliegender Wechsel in voller Fahrt. Bundesweit am meisten beachtet wurde selbstverständlich die Personale zu Guttenberg (Bild). Ein Youngster auf dem ehrenbekränzten Stuhl von Ludwig Erhard? Ein Wirtschafts-Azubi ausgerechnet in Zeiten der schwersten Wirtschaftskrise? Die Zweifler, die oft nicht ohne parteipolitische Häme gespielt sorgenvoll fragten „Kann der das?“, wurden bereits nach dem ersten Auftritt des adeligen Oberfranken im Bundestag deutlich leiser: Da präsentierte sich einer – übrigens in einem Alter, in dem ein Döpfner oder ein Obermann große Konzerne führen –, der mit rhetorischer Kraft und

kundigem Sachverstand die heikle Lage zu analysieren und die notwendigen Maßnahmen zu erklären versteht. Die beiden roten „Stones“ im Finanz- und im Außenressort sowie der rotbeschalte Boss im Willy-Brandt-Haus erkannten zu ihrem Verdruss: Hier wächst jemand heran, der im Wahlkampf zur Gefahr werden kann. Einer, der in der Tradition einer alten Familie ruht (seit 1158), die im Widerstand zu den Nazis stand und in der Nachkriegsdemokratie politisch aktiv war. Dass er stets der jüngste war, hat KarlTheodor zu Guttenberg zu nutzen gewusst. Schon als Dreizehnjähriger nahm er an Führungsbesprechungen im Familienunternehmen teil, mit 25 saß er im Aufsichtsrat der aufstrebenden Rhön-Kliniken. Der damalige Vorstandsvorsitzende erinnert sich an diese Zeit: „Der ihm aufgrund seiner Jugend zunächst entgegengebrachte Argwohn wandelte sich schnell aufgrund seiner raschen und intensiven Auffassungsgabe und Besonnenheit in allgemeine Anerkennung seiner Arbeit.“ Ein Satz zur Wiedervorlage in ein paar Monaten.

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AKTUELLES

Enge Bande

© whitehouse.gov

Eine glückliche Hand und viel Erfolg bei der Gestaltung der Zukunft seines Landes und der Welt hat Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama gewünscht. Ein starkes Amerika ist ganz im Sinne des Freistaats: Wie kein zweites Bundesland hat Bayern enge Beziehungen zu den USA, zugleich, so erinnert Seehofer, ist Bayern „wirtschaftlich und kulturell für die Vereinigten Staaten das

Starkes Amerika ist wichtig für Bayern: US-Präsident Barack Obama beim Amtsantritt.

wichtigste Land in Deutschland“. Den Beleg dafür liefert die Statistik: Rund 700 US-Unternehmen sind in Bayern vertreten, davon allein 540 in der High-TechBranche. 450 amerikanische Studenten lernen an bayerischen Hochschulen, allein die US-Army beschäftigt 5 500 bayerische Zivilangestellte. Und nicht zu vergessen das Handelsvolumen: Mit jährlich über 25 Milliarden Euro sind die USA für Bayern der wichtigste Handelspartner weltweit.

Attraktiv und frei Bayern lockt nicht nur Urlauber aus aller Welt, der Freistaat ist auch ein Wirtschaftsstandort mit wachsender Attraktivität. So wird Icebreaker Pure Merinp, der neuseeländische Weltmarktführer für Outdoor-Bekleidung, seine europäische Dependance in Starnberg aufbauen. Und das japanische Bauunternehmen Tschuiya Gumi verlegt seine Europazentrale von Stuttgart nach Ismaning. Die Nähe zum Münchner Flughafen, die niedrige Gewerbesteuer und die Gastfreundlichkeit in Bayern geben die BauManager als Grund für den Umzug an. Inzwischen haben sich 250 japanische Unternehmen in Bayern niedergelassen,

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allein in den letzten fünf Jahren sind 66 hinzugekommen. „Internationale Unternehmen schlagen bevorzugt in Bayern ihre Zelte auf“, freut sich Wirtschaftsminister Martin Zeil. Längst haben sich Weltchampions wie Microsoft und Cisco in der Münchner Flughafennähe angesiedelt. Auch die Lufthansa baut konsequent ihr Drehkreuz am FranzJosef-Strauß-Airport mit immer neuen internationalen Flugverbindungen aus. Selbst in der Frankfurter Kranich-Zentrale träumt mancher Manager davon, möglichst bald vom Main an die Isar ziehen zu dürfen. Dazu passt eine aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung über die „wirtschaftliche Freiheit in den deutschen Bundesländern“, bei der Bayern erneut vor Baden-Württemberg den Spitzenplatz belegt. Wirtschaftliche Freiheit, so die Studie, geht einher mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen, einem stärkeren Wirtschaftswachstum und einer niedrigeren Arbeitslosigkeit.

Zitate: „Er macht eine glänzende Figur auf dem großen politischen Parkett.“ Jürgen Falter, Politikwissenschaftler, über den neuen Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) „Amerika wird mehr tun, aber Amerika erwartet auch mehr von seinen Partnern.“ Joe Biden, US-Vizepräsident, auf der Sicherheitskonferenz in München „Wir klopfen uns den Staub aus den Kleidern und machen uns daran, Amerika aufs Neue zu erbauen.“ US-Präsident Barack Obama in seiner Amtsantrittsrede „Soziale Marktwirtschaft ist nicht dazu da, möglichst viel zu verteilen, sondern möglichst viel zu erwirtschaften, um möglichst viel verteilen zu können.“ Professor Dr. Ing. Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDIZ) „Die SPD ist heute so links, wie ich sie mir als Juso immer gewünscht habe. Und das erschreckt mich.“ SPD-Bundestags-Veteran, zitiert von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Die glanzvolle Vermählung der polnischen Königstochter Hedwig mit dem Bayern-Herzog Georg dem Reichen 1475 wird heuer wieder als „Landshuter Hochzeit“ gefeiert.

Prunkvolle Zeitenwende Doppelte Freude in Landshut: Mit der „Landshuter Hochzeit“ (vom 27. Juni bis 19. Juli) erinnern die Bürger der alten Herzogstadt in diesem Jahr wieder an das legendäre Fest anlässlich der Vermählung des Bayern-Herzog Georg der Reiche mit der polnischen Königstochter Hedwig im Jahr 1475. Zudem lädt die Bayerische Schlösserverwaltung zur großen Sonderausstellung „Ewig blühe Bayerns Land“, die vom 28. Mai bis zum 27. September in der Stadtresidenz von Landshut zu sehen sein wird. Mit seinen Prunksälen gilt der Palast als die erste Renaissanceresidenz nördlich der Alpen. Mit hochkarätigen Leihgaben aus ganz Europa und Übersee wird die Landshuter Hofkunst der Renaissance am authentischen Ort erlebt und ein spannendes Kapitel bayerischer Geschichte an der Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit beleuchtet, verspricht Georg Fahrenschon, der als Finanzminister zugleich Bayerns oberster Schlossherr ist. Der Jahreskalender seines Ministeriums ist Landshut und der Sonderschau gewidmet. (Der Kalender ist für 10 Euro in den Museumsläden der bayerischen Schlösser zu kaufen oder über die Internetadresse www.schloesser.bayern.de zu bestellen.)

Internet: Der Bayerische Monatsspiegel hat eine neu gestaltete Internetseite: Überzeugen Sie sich selbst: www.bayerischer-monatsspiegel.de

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POLITIK & WIRTSCHAFT Georg Pröbstl

Solide investiert Value Investing – die Königsklasse der Geldanlage

Mit der richtigen Anlagestrategie sind langfristig zweistellige Renditen im Jahr drin. Und dabei ist sogar noch das Risiko vergleichsweise gering. Vier Prozent minus, sechs Prozent minus, ja acht Prozent Verlust an einem einzigen Tag! An der Börse kennen die Kurse kein Halten mehr. Im vergangenen Jahr verlor der deutsche Aktienmarkt mit dem Leitindex DAX rund 46 Prozent. Riesige Vermögenswerte sind vernichtet. Alleine mit hoch spekulativen, fast schon irrsinnigen Leerverkäufen auf Volkswagen soll Milliardär Adolf Merckle rund eine Milliarde Euro verzockt haben. Verzweifelt setzte er seinem Leben ein Ende. Kein Wunder, dass angesichts der extremen Kursausschläge in den letzten Monaten das Vertrauen der Anleger in den Aktienmarkt zerstört ist. Die Zahl der Aktionäre in Deutschland fällt dabei schon seit Jahren. Wie das Deutsche Aktieninstitut DAI ermittelt hat, hielten im ersten Halbjahr 2008 nur noch 9,8 Millionen Menschen im Land Aktien oder Fonds in ihrem Besitz. Gegenüber dem Hoch im Jahr 2001 ein Rückgang um 25 Prozent. Und in den Kursturbulenzen der letzten Monate hat sich die Zahl der Anteilseigern mit Sicherheit noch einmal dramatisch verringert.

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Die Aktienkultur in Deutschland ist massiv beschädigt. Schlecht für die Bundesbürger. Denn an Aktien als Form der Geldanlage führt rational betrachtet überhaupt kein Weg vorbei. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts brachte beispielsweise der DAX in den 30 Jahren zwischen 1975 und 2005 eine jährliche Rendite von 9,0 Prozent.

DAX-Renditen seit 1948 Das DAI-Rendite-Dreieck

Beispiel: Wer Ende 1975 Aktien kaufte und bis Ende 1988 hielt, erzielte in diesem Zeitraum eine durchschnittliche jährliche Rendite von 9,6 Prozent.

Jahresrenditen in Prozent: Negative Rendite Rendite um Null

Anlagezeitraum (Jahre):

5

Positive Rendite

©

DEUTSCHES

Blaue Felder stehen für positive Renditen, orange und rote für negative. Ein Beispiel: Kauf 1975, Verkauf 1988: die jährliche Rendite lag bei 9,6 Prozent. Oder Kauf 1975 und Verkauf 2005: Die jährliche Rendite lag bei 9,0 Prozent.


POLITIK & WIRTSCHAFT Viele Anleger denken nun: Ja, hohe Renditen sind vielleicht in der Theorie drin. Aber da gab es doch den Jahrtausendcrash und weitere heftige Kurseinbrüche. Das mag fallweise in einzelnen Jahren zwar durchaus richtig sein. Im langen Zeitraum, wie etwa im Beispiel zwischen 1975 und 2005, fielen die Kurse im DAX tatsächlich in manchen Jahren um 20 oder gar 25 Prozent. Doch das Minus wurde dann auch schnell wieder aufgeholt. Auf lange Sicht von drei Dekaden, brachte der DAX aber eben 9,0 Prozent Gewinn im Jahr.

Vorteil Aktien: Das 13fache in 30 Jahren Im Vergleich zu anderen Anlageformen ein exzellentes Ergebnis. Wichtig ist nämlich immer die langfristige Betrachtung. Der Zinseszins-Effekt verdeutlicht den herausragenden Erfolg der Aktienanlage. Wer beispielsweise 1975 einen Betrag von 10 000 Euro in festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihen mit

einer jährlichen Rendite von drei Prozent angelegt hat, hatte nach 30 Jahren ein Vermögen von 24 273 Euro (siehe Tabelle).

Das wird aus 10.000 E nach 5, 10, 20 und 30 Jahren Anlagehorizont jährliche Rendite 3%

5%

9%

5 Jahre

11.593 E

12.763 E

15.386 E

10 Jahre

13.439 E

16.289 E

23.674 E

20 Jahre

18.061 E

26.533 E

56.044 E

30 Jahre

24.273 E

43.219 E

132.677 E

Quelle: eigene Berechnungen

Bei einem Zinssatz von fünf Prozent wurden in den 30 Jahren aus 10 000 Euro immerhin schon 43 219 Euro. Abzüglich der Inflation allerdings bleibt da unter dem Strich nicht mehr viel Gewinn hängen. Anders bei Aktien. Bei einem durchschnittlichen Wertzuwachs im DAX in den letzten 30 Jahren von 9,0 Prozent im Jahr wurden aus 10 000 Euro Startkapital 132 677 Euro – das ist das 13fache! Da spielt dann auch die Inflation kaum noch eine Rolle.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Aktien bringen also über einen längeren Zeitraum ein beachtliches Vermögen. Was viele Anleger derzeit wegen der Unsicherheiten an der Börse übersehen: Jetzt nach den starken Kurseinbrüchen ist sogar ein idealer Zeitpunkt zum Aktienkauf. Denn zur Zeit ist die Bewertung am Aktienmarkt historisch niedrig. So bringen es die 30 Mitglieder im DAX aktuell auf ein Kurs-Buchwert-Verhältnis im Bereich von 1,0. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre lag der Wert etwa bei 1,7. Dabei lag das Kurs-Buchwert-Verhältnis in diesem Zeitraum nur zweimal auf diesem tiefen Niveau – 1997 und 2003. Von diesen Tiefs gingen die Kurse damals dann jahrelang nach oben. Der Buchwert wird übrigens oft synonym für das Eigenkapital eines Unternehmens verwendet. Wie wichtig die Eigenmittel für ein Unternehmen und für Anleger sind – dazu später mehr. Die neun Prozent, die Aktien jährlich einbringen, sind eine schöne Sache. Doch es ist sogar noch mehr drin! Zwei Anlagestrategien werfen nämlich auf lange Sicht noch höhere Renditen ab als der breite Aktienmarkt. Das sind zum einen Dividendenstrategien. Bei diesen orientiert sich der Anleger an der Höhe der Dividendenrendite, also der Ausschüttung eines Unternehmens im Verhältnis zum Aktienkurs. Gekauft werden dabei nur Aktien, beispielsweise aus einem Index wie dem DAX, bei denen die Dividendenrendite am höchsten ist. Schon einfache Strategien bringen dabei gegenüber dem DAX einen Renditevorsprung von etwa drei Prozent im Jahr.

Dividendenstrategien bringen mehr als der breite Aktienmarkt Selbst eine nicht sonderlich ausgeklügelte Dividendenstrategie – etwa mit dem DivDAX – verspricht höhere Gewinne. Der DivDAX enthält die 15 dividendenstärksten Titel des DAX. Da dieser Dividendenindex mit 15 Werten aber bereits die Hälfte aller deutschen Standardwerte umfasst, ist er nicht einmal sonderlich exklusiv. Dennoch brachten die dividendenstarken Titel im DivDAX beispielsweise zwischen 2002 und 2008, mit 115 Prozent insgesamt eine Rendite, die doppelt so hoch

Zwischen 2002 und 2008 brachten die 15 dividendenstärksten Aktien des DAX, die im sogenannten DivDAX notieren (obere Kurslinie) ein Plus von rund 115 Prozent. Der Gesamtmarkt mit dem DAX (untere Linie) schaffte es nur auf einen Gewinn von etwa 56 Prozent.

war wie im DAX (siehe Abb. oben rechts). Neun Prozent im DAX, zwölf Prozent mit Dividendentiteln – mit Aktien sind aber sogar noch höhere Renditen drin. Und zwar mit der Strategie des Value Investing. Dabei entfällt damit obendrein auch noch das Risiko. Value-Investoren setzen übrigens auch auf hohe Dividenden. Aber nicht statisch rein nach der Höhe der Dividendenrendite. Für diese Strategen spielen andere Werte eine Rolle. Der bekannteste Value Investor ist Warren Buffett. Der US-Investor steigerte den Buchwert seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway zwischen 1965 und 2007 im Durchschnitt pro Jahr um 21,7 Prozent. Der breite Aktienmarkt mit dem S&P 500 brachte es im selben Zeitraum nur auf ein jährliches Plus von 10,3 Prozent. Und während der Index in den 43 Jahren auf etwa den 70fachen Wert stieg, explodierte der Buchwert von Buffetts Beteiligungsgesellschaft auf das 4000fache. Apropos Risiko: Im S&P 500 gab es in dem Zeitraum zehn Verlustjahre, Buffett verzeichnete nur ein einziges Jahr mit roten Zahlen. Aber wie funktioniert diese Erfolgsstrategie? Was macht ein Value Investor anders als andere Börsianer?

Noch besser als Dividenden: Value Investoren kaufen billig und verkaufen teuer Value Investing geht auf den New Yorker Börsenmakler und Dozenten für Finanzwissenschaft, Benjamin Graham, zurück. Das US-Anlagegenie entwickelte die Strategie 1934. Der Ausgangspunkt: Der Börsenwert eines Unternehmens spiegelt nicht immer den wahren Wert einer Firma wider. Vielmehr schwankt der Aktienkurs im Lauf der Zeit um diesen inneren,

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POLITIK & WIRTSCHAFT den fairen Wert. Eine Aktie ist damit zeitweise zu billig, zeitweise zu teuer. Diese Schwankungen nutzen Value Investoren aus und kaufen nur dann, wenn eine Aktie unter ihrem fairen Wert notiert. Sie gehen sogar noch weiter. Der Einstieg erfolgt je nach Strategen nur mit einem Sicherheitspuffer von etwa 20 Prozent unter diesem fairen Wert. Damit machen Value Investoren den Rat für Anleger „billig kaufen, teuer verkaufen“ greifbar. Value Investoren agieren antizyklisch: Sie steigen ein, wenn der Kurs einer Aktie unter dem fairen Wert notiert und sie verkaufen, wenn dieser erreicht wird. Die breite Masse der Anleger verhält sich anders: Otto-Normal-Anleger springt nämlich meist auf einen fahrenden Zug auf – wenn also die Kurse schon stark gestiegen sind und bereits die Medien, die Arbeitskollegen, die Nachbarn einen Aufschwung feiern. Dann sind Aktien aber teuer. Der Erfolg von Value Investoren basiert genau darauf, einzusteigen, bevor eine Aktie vom breiten Markt entdeckt wird und sie auf oder über ihren fairen Wert steigt. Ermittelt wird dieser faire Wert einer Aktie über zwei Schienen: Zum einen anhand fundamentaler Daten aus der Bilanz und der Gewinnrechnung eines Unternehmens und dem Vergleich mit der Börsenbewertung. Hier sind zum Beispiel Kennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis KGV, das KursBuchwert-Verhältnis KBV, die Eigenkapitalquote oder die Dividendenrendite wichtig (siehe Tabelle).

Wie Anleger günstige Aktien erkennen Auswahl von Bewertungskennziffern KGV Kurs-Gewinn-Verhältnis (Aktienkurs/Gewinn je Aktie) KBV Kurs-Buchwert-Verhältnis (Aktienkurs/Eigenkapital je Aktie) Eigenkapitalquote (Eigenkapital/Bilanzsumme) Eigenkapitalrendite (Gewinn/Eigenkapital) Gewinnwachstum Dividendenrendite (Dividende je Aktie/Aktienkurs) KCV Kurs-Cashflow-Verhältnis (Aktienkurs/Cashflow je Aktie)

value-verdächtig, wenn…

Gut behauptet hat sich dabei meine Aktienauswahl im Rahmen einer Value-Strategie (siehe Tabelle rechts). Zwischen 2002 und 2006 brachte mein einmal jährlich in der Anlegerzeitschrift Euro am Sonntag veröffentlichtes Value-Depot mit jeweils zehn attraktiven Value-Titeln ein Plus von 268,6 Prozent. Der DAX warf im selben Zeitraum nur 15,7 Prozent ab.

Jahr 2002 2003 2004 2005 Gesamt

Value-Depot EURO am Sonntag 31,0 % 41,6 % 26,9 % 56,6 % 268,6 %

DAX -33,2 % 10,8 % 15,3 % 35,6 % 15,7 %

< 10 <1 > 30 % > 12 % > 10 % > 5% <4

„Valueverdächtig“ sind dabei nicht nur niedrige Werte bei KGV, KBV, KCV und hohe Werte bei der Eigenkapitalquote, Eigenkapitalrendite, dem Gewinnwachstum und der Dividendenrendite. Es zählt auch der Vergleich mit Firmen der gleichen Branche. Etwa bei der Gewinnspanne. Ist diese bei einer Firma höher als bei der Konkurrenz, dann produziert sie entweder billiger oder kann höhere Preise durchsetzen. Im letzteren Fall sind wahrscheinlich die Produkte oder Marken besser oder eine Firma verfügt über eine gute Marktstellung. Und das sind alles weiche Faktoren – die zweite Schiene bei der Beurteilung von Unternehmen. Diese weichen Faktoren sind in den aktuellen Krisenzeiten sogar besonders wichtig. Denn ist die Unsicherheit hoch, weil die von den Börsianern und Analysten erwarteten Gewinnschät-

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zungen in Zweifel gezogen werden, was bleibt da anderes übrig, als ein Unternehmen anhand seines Geschäftsmodells, der Produkte, Marktstellung und auch der Mitarbeiter zu beurteilen? Denn über diese weichen Faktoren lässt sich die Qualität eines Unternehmens gut bestimmen. Das Management ist hier besonders wichtig. Value Investoren prüfen zum Beispiel, wie lange der Vorstand schon im Unternehmen oder der gleichen Branche tätig ist und wie es mit seiner Zuverlässigkeit – sprich Prognosesicherheit – aussieht. Das erlaubt Rückschlüsse auf die Prognosen, ob etwa die veröffentlichten Gewinnaussichten realistisch sind. Anleger und Investoren, die viel Erfahrung haben und die Aussagen des Managements gut einordnen können, liegen mit ihrer Gewinnschätzung für ein Unternehmen am ehesten richtig. Die Beurteilung, ob eine Aktie billig oder teuer ist, erhält damit größere Treffsicherheit. Ein Investment entwickelt sich so viel wahrscheinlicher zum Erfolg.

Aber eins dürfen Anleger selbst bei der Anwendung einer Value-Strategie nie vergessen: Man muss dabei immer langfristig planen. Denn kurzfristig werden gute Unternehmensdaten, solide Bilanzkennziffern und eine günstige Bewertung von der Markttechnik überdeckt. Da spielt der Ölpreis eine Rolle, schlechte Daten vom Arbeitsmarkt oder von der Preisfront. Wer aber langfristig an einen sinnvollen Vermögensaufbau denkt, der sollte sich einen Spruch von Warren Buffett zum Motto nehmen: „Eine Aktie, die man nicht zehn Jahre zu halten bereit ist, darf man auch nicht zehn Minuten besitzen.“ n

Georg Pröbstl, Jahrgang 1966, beschäftigt sich seit über 25 Jahren intensiv mit Börse und Geldanlage. Als Buchautor, Chefredakteur verschiedener Börsendienste und Finanzjournalist konzentriert er sich auf die Betrachtung von Aktien anhand fundamentaler Kriterien. Als ausgewiesener Kenner insbesondere deutscher Nebenwerte liegt sein Fokus auf Anlagestrategien wie Value Investing und Dividendenstrategien. Der Autor lebt in Wald in der Schweiz.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Generalleutnant Klaus-Peter Stieglitz

Die Zukunft der Luftwaffe Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägermittel entwickeln sich zunehmend zu einer potentiellen Bedrohung auch für Deutschland. Zudem wird Deutschland mit den Folgen innerstaatlicher und regionaler Konflikte, der Destabilisierung und des inneren Zerfalls von Staaten konfrontiert. Diese sicherheitspolitischen Veränderungen wirken sich unmittelbar auf die Aufgaben der Streitkräfte aus. Wobei die Luftwaffe den Streitkräften dabei einzigartige Fähigkeiten zur Verfügung stellt, die oftmals erst die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der politisch gesetzte Auftrag erfüllt werden kann.

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POLITIK & WIRTSCHAFT Flexible Aufklärer Afghanistan ist dafür ein überzeugendes Beispiel: Der Einsatz unserer Aufklärungsluftfahrzeuge „Recce Tornado“ in Afghanistan verläuft seit April 2007 sehr erfolgreich und ist international anerkannt. Mittlerweile haben wir mehr als 1800 Einsätze absolviert und dabei Tausende von Zielen aufgeklärt. Als sogenanntes „Theatre Asset“ werden die Tornados nicht nur im deutschen Verantwortungsbereich im Norden, sondern für die Aufklärung aus der Luft in ganz Afghanistan eingesetzt. Unser Einsatzgeschwader, das in Mazar-E Sharif stationiert ist, bietet zurzeit das einzige Aufklärungsmittel mit hochauflösender Bildanalysefähigkeit und kann jederzeit direkt und ausgesprochen flexibel für die ISAF-Mission eingesetzt werden. Im Vergleich zu anderen Aufklärungsmitteln können sie reaktionsschnell Aufklärungsschwerpunkte bilden und in kurzer Zeit ein großes Gebiet abdecken. Besonders muss man dabei die Leistung der Luftbildauswerter hervorheben: Gerade ihre Arbeit macht den besonderen Wert der deutschen Aufklärungsergebnisse für ISAF aus. Neben den Tornados, den CH-53 Hubschraubern des Heeres und den Objektschutzkräften der Luftwaffe gehören seit Ende August 2008 auch acht Transportflugzeuge C-160 Transall mit sogenannter Selbstschutzeinrichtung zum Einsatzgeschwader Mazar-E Sharif. Eine dieser Maschinen ist in ständiger MedEvac-Bereitschaft, um notfalls verletzten Soldaten zu helfen. Fünf der C-160 Transall sind dem ISAF-Kommandeur direkt unterstellt. Mit ihnen stellen wir der NATO pro Monat mehr als 300 Flugstunden zur Verfügung, deutlich mehr als jede andere ISAF-Nation. Damit leisten wir für das innerafghanische Lufttransportsystem von ISAF etwa die Hälfte aller Flugstunden.

Intensive Einsätze im Süden Bei Berichten über unsere Truppen stehen Bilder und Nachrichten von eher leicht bewaffneten Bodentruppen in geschützten Fahrzeugen im Vordergund. Die Einsatzrealität im umkämpften Süden Afghanistans wird dagegen in Deutschland kaum wahrgenommen. Selbst die omnipräsenten Kampfflugzeuge, die allen Operationen in Afghanistan Schutz und Unterstützung leisten, finden in den Medien keine Beachtung, weil sie schlecht in medienwirksamen Bildern festzuhalten sind. Dies könnten zu dem Trugschluss führen, beim Einsatz in Afghanistan handele es sich um eine reine Bodenoperation, bei die Luftstreitkräfte weniger oder gar nicht relevant seien. Doch ohne den massiven Einsatz von Luftstreitkräften – ob in Form von Aufklärungs-, Lufttransport- oder auch Luftangriffsmitteln – könnte sich in Afghanistan kein Soldat auf dem Boden bewegen.

Einsatzbeiträge Das beginnt bereits beim Lufttransport und den weiteren unterstützenden Luftoperationen, die erst die weltweite Verlegung und Versorgung der Einsatzkräfte zur raschen Krisenreaktion erlauben. Insbesondere ihre Reichweite und

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Einsatzrealität in Afghanistan.

Geschwindigkeit sowie die Nutzung des Luftraumes als dritte Dimension machen sie zu einem besonderen Instrument politisch nutzbarer militärischer Macht, mit dem rasch und flexibel auf Lageentwicklungen reagiert werden kann – und zwar je nach Bedarf eskalierend oder deeskalierend. Ein militärischer Einsatz – gleich welcher Art und Intensität – ist ohne die Nutzung von Luftstreitkräften schlicht undenkbar. Der Einsatzes der Luftwaffe in Afghanistan macht zudem deutlich, dass eine andauernde, unterbrechungsfreie Aufklärung und Überwachung des Einsatzgebietes mit luft- und weltraumgestützten Systemen tagtäglich zum Gelingen der Gesamtoperation beitragen - und zwar maßgeblich. Beim Lufttransport geht es zudem nicht nur um Versorgungsflüge für die Truppe im Einsatzgebiet, sondern es muss auch sichergestellt werden, dass unsere Kräfte, falls notwendig, sofort „herausgeholt“ werden können. Dies ist ohne Lufttransportkräfte nicht denkbar – und im Übrigen auch nicht ohne Kampfflugzeuge. Ihre

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POLITIK & WIRTSCHAFT Luft-Boden-Unterstützung, im Fachjargon „Close Air Support“ genannt, ist das primäre Instrument, um die eigene Handlungsfreiheit zu sichern und um die Initiative zu erhalten. Sie tragen maßgeblich dazu bei, in überdehnten Einsatzräumen rasch und flexibel Schwerpunkte zu verlagern, um eigene Kräfte im Kampf auch gegen einen kurzfristig überlegenen Gegner wirksam zu unterstützen.

Die Schau der Kräfte Sieht man sich einem überraschend starken Gegner gegenüber, ist es meist kaum möglich, eigene Bodenkräfte kurzfristig zu massieren. Hier können Luftangriffskräfte mit vergleichsweise geringem Aufwand sehr rasch und dosiert zur gezielten Eskalation oder Deeskalation eingesetzt werden. Im Afghanistan-Einsatz werden diese Fähigkeiten derzeit durch unsere alliierten Partner (das sind die USA, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Belgien) zur Verfügung gestellt – und zwar bei Bedarf auch für unser Bundeswehrkontingent. So sind rund 60 Kampfflugzeuge unmittelbar in Afghanistan stationiert und fliegen dort täglich um die 50 Einsätze zur Luft-Boden-Unterstützung für ISAF und die afghanischen Sicherheitskräfte. Diese Einsätze reichen von der schlichten Machtdemonstration, um abzuschrecken (wir nennen das „Show of Force“), bis hin zum unmittelbaren Waffeneinsatz gegen militärische Ziele. So hat es in 2007 und 2008 in Afghanistan nicht eine einzige Gefechtssituation gegeben, in denen ISAF-Kräfte nicht durch Kampfflugzeuge unterstützt wurden, gelegentlich jedoch zu spät. Auf diese Weise können Luftstreitkräfte dem Gegner auch die Möglichkeit verwehren, im Hinterland Ruheräume zu bilden, aus denen heraus er seine Angriffe vorbereiten und durchführen könnte. Auch dies trägt unmittelbar dazu bei, unnötige Risiken für die eigenen Kräfte zu vermeiden.

Fähigkeitsprofil der Luftwaffe Das Fähigkeitsprofil der Luftwaffe ist darauf ausgerichtet, die soeben skizzierten Beiträge zur Krisenreaktion im multinationalen Rahmen zu leisten. Die Tatsache, dass derzeit neben unseren Aufklärungs-Tornados keine bewaffneten Kampfflugzeuge der Luftwaffe im Einsatz stehen, sollte keinesfalls als Beleg für die „Unwahrscheinlichkeit“ eines solchen Einsatzes oder gar eines fehlenden Bedarfs dafür missgedeutet werden. Vielmehr ist dies Ausdruck des politischen Willens unserer demokratischen Entscheidungsträger, der sich im jeweiligen Bundestagsmandat manifestiert. Die Material- und Ausrüstungsplanung der Luftwaffe ist strikt auf das gesamte Aufgabenspektrum einer Armee im Einsatz ausgerichtet. Es sind ausnahmslos multinationale Projekte wie das Transportflugzeug A400M, das Taktische Luftverteidigungssystem MEADS sowie das Jagdflugzeug Eurofighter oder die Einführung unbemannter Luftfahrzeuge, welche identifizierte, konzeptionell begründete und in aktuellen Einsätzen bestätigte Fähigkeitslücken schließen. Bei Heer und Marine ist das anders! Der Eurofighter ist mit dem A400M das Schlüsselprojekt im Bereich der Luftwaffe für die Zukunftsfähigkeit der Bundeswehr im multinationalen Umfeld. Neben seinem Einsatz in der

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Bei den Verbündeten: Luftwaffeninspekteur Klaus-Peter Stieglitz begrüßt afghanische Stammesführer.

Luftverteidigung wird der mehrrollenfähige Eurofighter bis 2015 den Tornado in der Rolle Luftangriff weitgehend ersetzen und so künftig das Rückgrat unserer Kampfflugzeugflotte bilden. Die mit dem Eurofighter verfügbare Hochtechnologie ermöglicht es uns dabei, die geforderte Effizienz und Effektivität einschließlich der notwendigen Präzision für einen erfolgreichen Einsatz in sämtlichen zu erwartenden Szenarien zu erreichen. So schaffen wir auch die Voraussetzung dafür, den weiträumigen Schutz unserer eigenen Bodentruppen im Einsatz mit nationalen Mitteln gewährleisten zu können.

Kontinuierliche Aufklärung Unsere eigenen Einsatzerfahrungen und die unserer Partner zeigen allerdings auch, dass speziell im Hinblick auf die bestehende asymmetrische Bedrohung ein dringender Bedarf an kontinuierlicher Aufklärung und Überwachung im Einsatzgebiet besteht. Unsere Tornados sind in Reichweite und Ausdauer eingeschränkt. Gleiches gilt für die Fähigkeit, Aufklärungsergebnisse in nahezu Echtzeit bereitzustellen. Um diese Defizite auszugleichen, ist die Beschaffung von zunächst fünf unbemannten Luftfahrzeugen der MALE (Medium Altitude Long Endurance)-Klasse vorgesehen. Diese unbemannten Systeme, auch Unmanned Aerial Vehicles (UVAs) genannt, können durch ihre große Reichweite und lange Verweildauer im Einsatzgebiet deutlich besser dazu beitragen, Informationen zu

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POLITIK & WIRTSCHAFT zung einschließlich Navigation. Insbesondere die dargestellte zukünftige Nutzung von UAVs erfordert, deutlich mehr Daten durch Kommunikationssatelliten zu übertragen. Als Kompetenzträger für die dritte Dimension hat die Luftwaffe ein besonderes Interesse daran, luft- und raumgestützte Fähigkeiten zielgerichtet zu verknüpfen und zu erweitern. Dies begründet zahlreiche impulsgebende Initiativen der Luftwaffe, um sich angesichts der steigenden Relevanz der Weltraumnutzung zukunftsorientiert aufzustellen.

Luftmacht – „Lessons Learned“ Der Eurofighter (oben) ist das künftige Rückgrat der deutschen Kampfflugzeugflotte, während unbemannte Flugobjekte (unten) mit großer Reichweite und langer Verweildauer in der Luft für ein genaues Lagebild sorgen.

gewinnen und sich ein aktuelles Lagebild zu verschaffen. Und gerade diese Aktualität der Informationen ist unerlässlich, will man die Risiken weiter reduzieren und damit den Schutz unserer Kräfte am Boden insgesamt optimieren. Dabei will ich aber eines sehr deutlich machen: Ich spreche hier nicht über Drohnen des Heeres wie LUNA oder KZO, deren Flugzeiten nur für heerestypische, eher taktische Zwecke nutzbar sind. UAVs der MALE- oder HALE-Klasse fliegen ungleich höher und verweilen wesentlich länger über dem Einsatzgebiet. Daher streben wir die zeitnahe Beschaffung eines marktverfügbaren und vor allem einsatzerprobten UAVs an. Dessen künftige Nutzungsmöglichkeiten gehen aus meiner Sicht über die Aufklärung und Überwachung hinaus. Durch die Kombination von Sensor und Effektor ermöglichen UAVs mit hoher Verweildauer den Einstieg in eine kontinuierliche Reaktions- und Wirkfähigkeit in nahezu Echtzeit. Dabei eröffnen sie eine neue Dimension für den Verbund von Sensoren, Führung und Wirkmitteln. Sie werden damit künftig zu einem unverzichtbaren Instrument für die Projektion von Luftmacht im Rahmen der vernetzten Operationsführung.

Militärische Nutzung des Weltraum Satelliten verfügbar zu haben, wird in immer stärkerem Maße zur Grundvoraussetzung für die Funktionsfähigkeit moderner Streitkräfte, denn sie sind Träger von Systemen für weltweite Kommunikation, Aufklärung und Geoinformationsunterstüt-

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Die Herausforderungen, denen wir uns in den aktuellen und auch künftigen Einsätzen gegenüber sehen, erfordern auf der militärischen Seite ein breites Spektrum an Fähigkeiten. Dieses ist nur in einem gemeinsamen Zusammenwirken aller Streitkräfte verfügbar. Landstreitkräfte haben vor allem die Aufgabe, Gelände zu gewinnen und zu halten. In Stabilisierungsoperationen tragen sie durch ihre Präsenz am Boden außerdem entscheidend dazu bei, die Voraussetzungen für den Wiederaufbau zu schaffen. Dabei sind sie jedoch in besonderem Maße asymmetrischen Bedrohungen ausgesetzt, denen sie mit häufig in der Fläche überdehnten Kräften nicht alleine begegnen können. Hier leisten Luftstreitkräfte einen entscheidenden Beitrag: Präzise Wirkung aus der Distanz unter gleichzeitiger Minimierung unerwünschter Wirkungen – das heißt im schlimmsten Fall auch Verlust von Menschenleben – wird künftig zu einem Schlüssel des militärischen und damit vor allem auch des politischen Erfolges eines Einsatzes. Präzise bedeutet dabei nicht nur die punktgenaue Wirkung zu einer gegebenen Zeit, sondern auch die Dosierbarkeit des Wirkmittels und eine Skalierbarkeit der Distanz. Um effektiv und effizient auch über große Entfernungen wirken zu können, werden zudem exakte und echtzeitnahe Daten benötigt – also Aufklärungsergebnisse in bester Qualität. Allein die Luftwaffe besitzt hierfür das Know-how und die erforderliche Kompetenz. Damit bleibt die Luftwaffe ein entscheidendes Instrument politisch nutzbarer militärischer Macht. Insgesamt können wir nur dann erfolgreich sein, wenn militärisches Handeln durch politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Maßnahmen unterstützt wird. Das gilt insbesondere für Afghanistan. n

Generalleutnant Klaus-Peter Stieglitz ist seit 2004 Inspekteur der Luftwaffe. Er war Starfighter-Pilot, kommandierte u.a. von 1989 bis 1991 die Fliegende Gruppe beim Jagdgeschwader 74 „Mölders“ im bayerischen Neuburg an der Donau und hat mehrere internationale Kommandoaufgaben geleistet. Stieglitz wurde am 3. Oktober 1947 in Lutherstadt Eisleben geboren, ist verheiratet und hat eine Tochter.

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LIECHTENSTEIN

Das F端rstentum Liechtenstein 26


LIECHTENSTEIN

Die aktuelle Diskussion über das Fürstentum Liechtenstein wird zunehmend beherrscht allein vom Thema „Finanzplatz“. Dies spielt natürlich auch auf den folgenden Seiten eine wichtige Rolle, doch wir haben uns zur Aufgabe gestellt, den kleinen, aber wirtschaftlich enorm erfolgreichen Staat in seiner Vielfalt darzustellen. Dazu gehört auch, dass ein Großteil des liechtensteiner Bruttosozialproduktes durch die gewerbliche Wirtschaft erzeugt wird, durch Weltfirmen wie Hilti, Ivoclar oder Neutrik. Sie sind auf ihren Sektoren Weltmarktführer. Ein ähnliches europäisches Gesicht hat die Firma Ospelt (Pizza und Tiernahrung), die europaweit eine führende Rolle spielt. Daneben rückt immer stärker der Versicherungsstandort Liechtenstein in den Fokus. Solide, sorgfältig und sicher ist die Möglichkeit, ohne riesigen Verwaltungsaufwand für Europa das Versicherungsgeschäft durchzuführen. Liechtenstein nutzt auch seit Jahren seine Möglichkeiten zu Bildungsexperimenten, um stets neue optimale Ausbildungschancen für die Landeskinder zu bieten. Die Studenten der „Universität Liechtenstein“ kommen sogar überwiegend aus dem benachbarten Ausland, also Österreich, Deutschland und Schweiz. Das Bildungsangebot ist sehr geschätzt. Liechtenstein hat – auch das ist sehr erwähnenswert – insgesamt rund 40 000 Arbeitsplätze geschaffen. Das sind mehr Arbeitsplätze als das Fürstentum Einwohner hat! Auch das gehört zu der besonderen Erfolgsgeschichte von Liechtenstein.

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LIECHTENSTEIN S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein

Der Kleinstaat im Herzen Europas LI ECHTENSTEI N

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Sehr geehrte Damen und Herren Zunächst möchte ich herzlich für die Einladung und die Gelegenheit danken, Ihnen einiges über Liechtenstein erzählen zu können. Ich bin Ihrer Einladung gerne gefolgt, weil die Zielsetzungen des Peutinger-Collegiums auch Liechtenstein seit langem ein großes Anliegen sind, insbesondere: • eine menschenfreundliche, weltoffene europäische Völkerfreundschaft, • eine freiheitlich demokratische Rechts- und Staatsordnung, welche die Rechte der Länder und Regionen achtet und sich auf die Verfassung stützt und • die freie Marktwirtschaft und der freie Welthandel. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass es bereits in der Vergangenheit Verbindungen zwischen dem Peutinger-Collegium und Liechtenstein gab. So durfte mein Großvater den großen Ehrenteller des PeutingerCollegiums entgegen nehmen, und mein Vater hat vor etlichen Jahren ebenfalls hier gesprochen. R

Der Text basiert auf einem Vortrag, den Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein vor dem Peutinger-Collegium in München gehalten hat.

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LIECHTENSTEIN Ich komme aber auch ganz generell gerne nach Bayern: • Meine Frau ist eine Wittelsbacherin. Durch sie habe ich das bayerische Leben sehr schätzen gelernt. • Meine Mutter ist nach der Vertreibung ihrer Familie aus Tschechien in Ering am Inn und in München aufgewachsen und mein Bruder lebt seit einigen Jahren in München. Schließlich ist Bayern neben Österreich und der Schweiz eigentlich unser dritter Nachbar: • Lindau ist nur 50 Kilometer von Liechtenstein entfernt, was dazu führt, dass mittlerweile rund 500 Personen aus dem Lindauer Raum täglich zu ihrem Arbeitsplatz nach Liechtenstein pendeln. Diese enge Nachbarschaft wird zusätzlich durch die Mitgliedschaft Liechtensteins und Bayerns in der Euroregio Bodensee gepflegt. • Für die Liechtensteiner ist München nach Zürich die nächste Großstadt und entsprechend für Einkäufe und Stadtausflüge beliebt. So bestehen enge und gute Beziehungen, und wahrscheinlich ist bereits Konrad Peutinger auf seinen Reisen von Augsburg nach Italien durch das heutige Liechtenstein gekommen. Es gab in der Vergangenheit aber einen Zeitpunkt, an dem man sich in Liechtenstein vor einer zu engen Umarmung durch Bayern fürchtete. Als Bayern dank Napoleon zum Königreich wurde und sein Gebiet erheblich vergrößern konnte, erhielt es auch Vorarlberg und schielte bereits auf das Fürstentum Liechtenstein. Die Beziehungen des damaligen Fürsten von Liechtenstein zu Napoleon waren aber ebenfalls gut, und so blieben die Grenzen schließlich doch da, wo sie heute noch sind. Liechtenstein hat eine besondere europäische Geschichte und ist in Europa und in die internationale Staatsgemeinschaft stark integriert. Wenn ich den Titel „Liechtenstein – Ein Kleinstaat im Herzen Europas“ gewählt habe, so könnte man mit dem Herzen Europas die geographische Position meinen. Liechtenstein liegt in der Mitte der nördlichen Alpen und ist als einziger europäischer Staat ein doppelter Binnenstaat, da er wiederum von Binnenstaaten umschlossen ist. Das „Herzen Europas“ beziehe ich aber eher auf die Geschichte Liechtensteins und seine internationale Ausrichtung. Die Gründung des heutigen Fürstentums Liechtenstein erfolgte zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Fürst Johann Adam I. von Liechtenstein erwarb 1699 die Herrschaft Schellenberg und 1712 die Grafschaft Vaduz. Beide Landschaften wurden 1719 vereinigt und von Kaiser Karl VI. zum Reichsfürstentum erhoben. Liechtenstein war eines von vielen reichsunmittelbaren Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die damals im Grunde schon weitestgehend eigenständige Staaten waren, in einigen Bereichen wohl eigenständiger als die heutigen Mitglieder der EU. Nach Auflösung des Heiligen Römischen Reiches trat Liechtenstein dem Rheinbund bei und anschließend dem Deutschen Bund. Als der Deutsche Bund aufgrund des Krieges zwischen Österreich und Preußen zerfiel, blieb Liechtenstein als eigener Staat bestehen. Offenbar beachtete niemand den Kleinstaat am Rande des Deutschen Bundes, sodass es auch nie zu einem Friedensvertrag zwischen Liechtenstein und Preußen kam. Im Unterschied zu Bayern sind wir daher noch heute formell mit Preußen im Krieg. Schon vor Ende des Deutschen Bundes kam es 1852 zu einer Zollund Währungsunion mit Österreich-Ungarn. Obwohl Liechtenstein während des ganzen Ersten Weltkrieges neutral blieb, hatte

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S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, Graf zu Rietberg, ist als ältester Sohn von Fürst HansAdam II. und Fürstin Marie 1968 in Zürich geboren. Nach der Ausbildung zum Offizier an der königlichen Militärakademie in Sandhurst, absolvierte er von 1988 bis 1993 das juristische Studium in Salzburg. Er arbeitete von 1993 bis 1996 beim einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen in London, danach für die fürstliche Vermögensverwaltung in Vaduz. Erbprinz Alois nimmt seit dem 15. August 2004 die Aufgaben des Staatsoberhauptes des Fürstentums Liechtenstein war. 1993 heiratete er Herzogin Sophie in Bayern. Das Ehepaar hat vier Kinder.

es als Kleinstaat, der stark an Österreich-Ungarn angelehnt war, sowie als ein sehr armes Land besonders schwer unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges und des Zusammenbruchs der Donaumonarchie zu leiden. Aufgrund dieser schlechten Erfahrungen und der ungewissen Zukunft Österreichs erfolgte eine Anlehnung an die Schweiz. 1923 wurde ein Zollvertrag abgeschlossen, der bis heute die Basis für die enge Partnerschaft mit der Schweiz bildet. Der Zweite Weltkrieg war für Liechtenstein eine besonders kritische Zeit, da wir nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich grenzten. Zwar gab es in Liechtenstein eine großdeutsche Bewegung, aber sie hatte in der Bevölkerung zu wenig Rückhalt. Zusammen mit dem Fürstenhaus setzte sich die große Mehrheit der Liechtensteiner für die Unabhängigkeit Liechtensteins sowie für eine neutrale Haltung während des Zweiten Weltkriegs ein. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden die Beziehungen zu den beiden Nachbarländern Schweiz und Österreich durch eine Vielzahl von Verträgen intensiviert und gleichzeitig wurden die europäischen und internationalen Beziehungen durch den Beitritt zu verschiedenen internationalen Organisationen ausgebaut, so: • zur OSZE, der Organisation für die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, 1975, • zum Europarat 1978, • zu den Vereinten Nationen 1990, • zur EFTA, der europäische Freihandelszone, 1991, • zum EWR, dem Europäischen Wirtschaftsraum, 1995, wodurch Liechtenstein am europäischen Binnenmarkt teilnimmt, ohne ein Mitglied der EU zu sein, • zur WTO ebenfalls 1995. Als Kleinstaat ohne wirtschaftliche und militärische Macht konnte Liechtenstein seine Souveränität vor allem durch eine vorausschauende Politik der internationalen Zusammenarbeit und Integration bewahren und völkerrechtlich verbindlich absichern. Das Austarieren von internationaler Integration und der Wahrung der eigenen Souveränität zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte. Damit ist die Liechtensteinische Geschichte auch ohne EU-Beitritt eine zutiefst europäische und bis auf Teile des 19. und 20. Jahrhunderts eng mit jener Bayerns verbunden. Allerdings verlief die Geschichte Liechtensteins in den letzten 150 Jahren – sicher auch aufgrund unserer geographischen Lage – doch sehr unterschiedlich zu jener der anderen Staaten des Deutschen Bundes.

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LIECHTENSTEIN Dies hat unter anderem dazu geführt, dass Liechtenstein heute ein einzigartiges Staatssystem hat.

Der Staatsaufbau Liechtensteins ist einzigartig Liechtenstein ist gemäß Art. 2 seiner Verfassung „eine konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratischer und parlamentarischer Grundlage“. In der Praxis bedeutet dies, dass Liechtenstein eine der wenigen europäischen Monarchien ist, in der der Monarch noch eine politisch aktive Rolle wahrnimmt. Die demokratische Grundlage ist durch starke direkt-demokratische Elemente sowohl auf Landes- als auch auf Gemeindeebene tief verankert. Und die parlamentarische Grundlage ist der Landtag, ein nach dem Proporzsystem gewähltes Parlament. Die Regierung wird vom Fürsten einvernehmlich mit dem Landtag auf dessen Vorschlag ernannt. Für die Auswahl sämtlicher Richter bedienen sich der Fürst und der Landtag eines gemeinsamen Gremiums, in dem Landtag, Regierung und Fürst vertreten sind und welches dem Landtag die Richter zur Wahl vorschlägt. Liechtenstein kennt einen Verfassungsgerichtshof, bei uns Staatsgerichtshof genannt, einen Verwaltungsgerichtshof und drei Instanzen der ordentlichen Gerichtsbarkeit. Die direkt-demokratischen Elemente sind im Unterschied zur Schweiz zwar jeweils nur fakultativ, das heißt, es gibt keine obligatorischen Volksabstimmungen. Dafür geht die direkte Demokratie weiter und betrifft praktisch alle politischen Fragen. So können durch das Sammeln von 1 000 bzw. 1 500 gültigen Unterschriften Referenden zu Gesetzes- und Verfassungsvorlagen ergriffen werden, es können eigene Gesetzes- und Verfassungsinitiativen sowie Initiativen zur Auflösung des Parlamentes, für ein Misstrau-

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ensvotum gegen den Fürsten und zur Abschaffung der Monarchie eingebracht werden. Auch ist es möglich, ein Referendum gegen Staatsverträge zu ergreifen. Das ist mit ein Grund, warum es für die Politik in Liechtenstein immer sehr wichtig ist, gerade auch in außenpolitischen Fragen transparent, nachvollziehbar und im Konsens mit der Mehrheit der Bevölkerung vorzugehen. Schließlich ist die große Gemeindeautonomie ein spezielles Merkmal von Liechtenstein. So gewährt unsere Verfassung sämtlichen elf Gemeinden das Recht auf Austritt aus dem Staatsverband. Weiters können vier Gemeinden zusammen eine Abstimmung über die Auflösung des Parlaments erzwingen. Und die Gemeinden können selbst festsetzen, wie hoch der Gemeindesteuer-Zuschlag auf die Einkommenssteuer in ihrer jeweiligen Gemeinde ausfällt.

Das Liechtensteinische Staatsverständnis ist freiheitlich Wie Sie meiner Bemerkung, dass die Zielsetzungen des PeutingerCollegiums auch Liechtenstein seit langem ein großes Anliegen sind, vielleicht schon entnehmen konnten, ist die politische Ausrichtung Liechtensteins freiheitlich. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sowohl das Fürstenhaus als auch die beiden Volksparteien, die bisher jeweils die Regierung stellten, diese Einstellung teilen. Wir sind davon überzeugt, dass der Staat nur jene Aufgaben wahrnehmen soll, die er besser als Private erfüllen kann. Alles andere soll somit der Eigeninitiative und Verantwortung der Bürger überlassen sein. Jene Aufgaben, die dem Staate verbleiben, sollen außerdem möglichst nah am Bürger erledigt werden. Also alles, was auf Gemeindeebene getan werden kann, soll dort erfolgen, und nur jenes zur Staatsaufgabe werden, was wirklich auch besser dort angesiedelt ist. Diese Aufgabenteilung zwischen Staat und Pri-

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LIECHTENSTEIN vat sowie Staat und Gemeinden ist dabei ständig neu zu hinterfragen. Nur so können wir einen effizienten und starken Staat sicherstellen, der sich auf seine Kernkompetenzen konzentriert. Gerade ein Kleinstaat, der die Kosten des Staates auf nur wenige Steuerzahler verteilen kann, muss besonders darauf achten. Im Grunde bleibt ihm gar nichts anderes übrig, will er erfolgreich sein. Daher ist auch nicht erstaunlich, dass häufig kleine Staaten zu den bestorganisierten gehören und im globalen Wettbewerb besonders erfolgreich sind. Sie können sich die Last einer überbordenden Bürokratie oder eines ausufernden Wohlfahrtstaates ganz einfach nicht leisten und sind für ihren Erfolg fast zu einem liberalen Staatsverständnis und einer liberalen Wirtschaftspolitik gezwungen. Zu unserem Staatsverständnis gehört somit, dass sich der Staat auf wenige Aufgaben konzentriert: auf die Sicherung des Rechtsstaates und auf die Außenpolitik sowie auf die Gewährleistung eines sozialen Sicherheitsnetzes, einer guten Infrastruktur und Bildung, ohne dass der Staat unbedingt selbst überall als Anbieter auftritt. Ein wichtiges Merkmal unseres Staatsverständnisses ist ferner das starke Vertrauensverhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Unser Staat versteht sich als Dienstleistungsstaat, der im genossenschaftlichen Sinne der Förderung der gemeinsamen Interessen seiner Bürger dient. Bei uns vertraut der Bürger dem Staat, dass dieser die Steuergelder im Sinne des gemeinsamen Interesses der Bürger ausgibt. Umgekehrt vertraut der Staat auch dem Bürger, dass er seiner Steuerpflicht nachkommt. Dieses Verständnis wird zusätzlich durch die starke direkte Demokratie gefestigt. Denn wenn die Bürger der Meinung sind, die Politiker begeben sich in eine Richtung, die nicht mehr den Interessen der Bürger entspricht, dann können sie mit entsprechenden Initiativen und Referenden ohne Weiteres intervenieren. Als Kleinstaat kann man sich Schulden viel schwerer leisten als ein Großstaat. Daher legen wir großen Wert auf eine vernünftige Finanz- und Wirtschaftspolitik. Dazu gehören ein ausgeglichener Staatshaushalt bei niedriger Steuerlast und das Bewusstsein, dass der erfolgreiche Staat eine gesunde Wirtschaft braucht. Soziale Sicherheit und andere Annehmlichkeiten kann der Staat langfristig nur garantieren, wenn die Wirtschaft funktioniert und er dadurch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügt. Für eine gesunde Wirtschaft braucht es gute Rahmenbedingungen. Diese sind deshalb traditionell ein besonderes Anliegen der liechtensteinischen Politik. Selbst in den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als man unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges und des Zusammenbruchs der Donaumonarchie zu leiden hatte, widerstand Liechtenstein der Versuchung, staatliche Hilfen auf Pump zu gewähren, sondern beschloss durch ein für damalige Verhältnisse sehr attraktives Steuersystem und weitere Reformen gute Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Wirtschaften zu schaffen.

Die liechtensteinische Wirtschaft ist gut diversifiziert und international erfolgreich Diese liberale Wirtschaftspolitik hat trotz der Kleinheit von Liechtenstein zu einer hoch diversifizierten Wirtschaft mit vielen erfolgreichen Unternehmen geführt. Liechtenstein ist ein Unter-

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Beliebt bei den Liechtensteiner Bürgern: Fürst Hans-Adam II. und Fürstin Marie.

nehmerland. Mit 3 400 Unternehmen kommt fast auf jeden 10. Einwohner ein Unternehmen. In Deutschland trifft im Vergleich auf jeden 25. Einwohner ein Unternehmen. Die liechtensteinischen Unternehmen bieten in Liechtenstein über 31 000 ArbeitsDiversifizierung der liechtensteinischen Wirtschaft Dienstleistungen

39,8% Land-/Forstwirtschaft

1,2%

44%

15% Finanzdienstleistungen

Industrie/Gewerbe

plätze und im Ausland durch ihre Tochtergesellschaften weitere 28 000 Arbeitsplätze an, darunter auch über 5 000 Arbeitsplätze an 25 Standorten in Deutschland. Berücksichtigt man, dass ungeExporte 2005 im Wert von 5.5 Milliarden CHF fähr die Hälfte der Arbeitsplätze in Liechtenstein durch Pendler 5.5 Milliarden CHF aus der Schweiz, Österreich und Deutschland besetzt werden, so 100 schaffen Liechtenstein und seine Unternehmen bei einer Bevölke44% als 43 000 Asien / USA rung von80rund 35 000 für mehr Ausländer Arbeitsplätze – ein wohl einmaliger Wert. Könnten andere Staaten ähnliche 60 Zahlen aufweisen, hätten wir kaum echteSchweiz Arbeitslosigkeit. 12% Liechtenstein ist stark industrialisiert. Viele Industriegesellschaf40 ten sind Marktführer in forschungsintensiven Nischen und exEuropäische Union 44% portieren20hoch-innovative Produkte. Rund 44 Prozent der Arbeitskräfte werden durch die Industrie und das warenproduzierende 0 Gewerbe beschäftigt. Im Vergleich dazu sind in Deutschland bereits 60 bis 70 Prozent der Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor tätig und nur mehr etwa 25 bis 30 Prozent in den Produktionsbranchen. Neben seiner Stellung als bedeutendster Arbeitgeber des Landes trägt die Industrie und das warenproduzierende Gewerbe mit rund 40 Prozent Anteil am BIP auch den mit Abstand höchsten Beitrag zur nationalen Wertschöpfung bei.

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LIECHTENSTEIN 2005 exportierte Liechtensteins Industrie Waren im Wert von rund 5.5 Milliarden Schweizer Franken. 44 Prozent der Produkte gingen in den Europäischen Wirtschaftsraum, 12 Prozent in die Schweiz und 44 Prozent in andere Staaten, vor allem nach Asien und in die USA. Der Exportwert der Industrieprodukte ist mit über 80 000 Euro pro Kopf ungefähr zehnmal höher als jener Deutschlands mit etwa 8 800 Euro pro Kopf. Deutschland ist Exportweltmeister in absoluten Zahlen. Wir verstehen uns als der Exportweltmeister in relativen Zahlen. Die wichtigsten Zweige der Industrie sind der Maschinen- und Gerätebau, der Anlagenbau, die Herstellung von Präzisionsinstrumenten, die Dentalindustrie und die Nahrungsmittelindustrie. In all diesen Bereichen handelt es sich weniger um die Herstellung von Massen- und Billigwaren als vielmehr um die Produktion von Hightech-Produkten höchster Qualität. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen ein Produkt das Leben erleichtert, das in Liechtenstein entwickelt wurde, ist groß. Wenn Handwerker in den letzten Jahren an Ihrem Haus gearbeitet haben, haben sie sicherlich auch Hilti-Produkte verwendet. Dieses Mikrofon funktioniert vielleicht dank Neutrik, dem führenden Hersteller von Mikrofonverbindungen für die Audio- und Videoindustrie. Das Steuerungssystem Ihres Autos könnte von Thyssen Krupp Presta in Liechtenstein entwickelt worden sein. Sie haben vielleicht ein Heizsystem von Hoval. Möglicherweise haben Sie sogar ein Stück Liechtensteins in Ihrem Mund – einen künstlichen

Zahn oder eine Füllung von Ivoclar-Vivadent. Oder Sie essen gerne Tiefkühlpizzen und Fertiggerichte liechtensteinischer Unternehmen wie der Hilcona oder der Ospelt-Gruppe. Bezüglich der Anzahl der Arbeitsplätze und dem Anteil am BIP weniger bedeutend, dafür aber umso bekannter ist der Finanzdienstleistungssektor. Rund 15 Prozent der Erwerbstätigen in Liechtenstein sind im Finanzdienstleistungsbereich beschäftigt. Aufgrund der hohen Wertschöpfungsintensität dieses Wirtschaftsbereichs tragen die Erwerbstätigen des Finanzdienstleistungsbereichs einen Anteil von rund 30 Prozent zum liechtensteinischen BIP bei. Zu den angebotenen Dienstleistungen zählen vor allem die private Vermögensverwaltung, die internationale Vermögensstrukturierung, Anlagefonds und Versicherungslösungen. Früher konzentrierte sich der liechtensteinische Finanzdienstleistungssektor auf das Private Banking und das Treuhandgeschäft. Er florierte vor allem dank der politischen Stabilität, dem Schweizer Franken und dem Bankkundengeheimnis in Steuerfragen. Aufgrund des EWR-Beitritts 1995 und den erheblich gestiegenen Ansprüchen der internationalen Kundschaft haben sich die liechtensteinischen Finanzunternehmen in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und bieten heute hervorragende Investmentprodukte sowie erstklassige Beratung und andere Dienstleistungen an. Es ist daher kein Zufall, dass liechtensteinische Finanzunternehmen bei verdeckten Tests unter den deutschsprachigen Finanzunternehmen in den letzten Jahren jeweils vorderste Plätze be-

Die Kunst der persönlichen Beratung. Persönliche Beratung beginnt bei uns damit, Ihre Bedürfnisse im Gespräch wahrzunehmen, Ihre Ziele zu erkennen und diese schließlich mit einer indivi­ duellen Anlagestrategie optimal umzusetzen. In der Tradition einer echten Privatbank betreut Sie Ihr Berater persönlich, langfristig und ganzheitlich. Und respektiert Ihre Einzigartigkeit und Ihre indivi­ duellen Ziele. Wenn Sie mehr über unsere persönliche Beratung erfahren möchten, freuen wir uns auf ein Gespräch. LGT Bank in Liechtenstein & Co. OHG Möhlstraße 10, 81675 München Telefon 089 417 760 17 www.lgt.de Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln, Mannheim, München, Stuttgart

Werkstatt des Pompeo Girolamo Batoni, Detail aus »Doppelporträt Kaiser Joseph II. und seines Bruders Leopold, Großherzog der Toskana«, 1769. © Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz – Wien LIECHTENSTEIN MUSEUM, Wien. www.liechtensteinmuseum.at


legt haben. Ein Teil der Banken und Versicherungen zeigen außerdem, dass die liechtensteinischen Finanzunternehmen erfolgreich im Onshore-Geschäft tätig sein können. So bietet z. B. die LGT Bank an 7 Standorten in Deutschland mit rund 130 Mitarbeitern ihre Dienstleistungen an. Der Offshore-Teil des Finanzplatzes steht vor einem weiteren Strukturwandel. Liechtenstein wird sich dem internationalen Trend hin zu einer verstärkten Kooperation in Steuerfragen nicht verschließen. Nachdem wir bereits vor einigen Jahren das Zinsertragsbesteuerungsabkommen mit der EU abgeschlossen haben und im letzten Jahr eine Zusammenarbeit bei den indirekten Steuern eingegangenen sind, bringt das bereits unterzeichnete Schengen-Abkommen und das vor einem baldigen Abschluss stehende Betrugsabkommen auch bei den direkten Steuern eine Zusammenarbeit mit der EU. Eine solche haben wir schon seit einigen Jahren mit den USA, mit denen wir momentan in Verhandlungen über ein zusätzliches Tax Information Exchange Agreement stehen. Angesichts des internationalen Trends hin zu einer verstärkten Zusammenarbeit in Steuerfragen und der bereits in den letzten Monaten und Jahren gemachten Kooperationsangebote sehen wir die Zeit gekommen, unser System der Rechts- und Amtshilfe im Bereich der Steuern auf eine neue Grundlage zu stellen. Wir wollen in Zukunft all jenen Staaten eine umfassende Kooperation anbieten, die bereit sind, mit uns sinnvolle Lösungen für die gewachsenen Kundenbeziehungen zu finden, und an einer fairen und konstruktiven Zusammenarbeit für die Zukunft interessiert sind. Aufgrund der Bedeutung unserer Industrie und dem Ausbau der Onshore-Dienstleistungen im Finanzbereich sehen wir Lösungen zur Vermeidung von Doppelbesteuerungen im Rahmen einer umfassenderen Kooperation in Steuerfragen als ein logisches und berechtigtes Anliegen. Den „gläsernen Bürger“ wird es in Liechtenstein aber sicherlich nicht geben. Wie gerechtfertigt dieses tief im Selbstverständnis unserer Bürgerinnen und Bürger verankerte Anliegen ist, wird in der aktuellen Diskussion über den Missbrauch bzw. Schutz von persönlichen Daten auch hier in Deutschland deutlich. Ziel ist vielmehr eine verstärkte Zusammenarbeit in Steuerfragen bei Erhaltung einer starken Kultur der Privatsphäre. Die erstklassige Kooperation unserer Behörden in der Ahndung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung mag uns Vorbild dafür sein, dass eine Lösung auch bei den noch offenen Fragen zum Thema Steuern möglich ist. Der sich daraus ergebende Strukturwandel wird für einige Finanzunternehmen sicher eine größere Herausforderung darstellen. Insgesamt befinden sich aber ausreichend liechtensteinische Finanzunternehmen in ihren Bereichen auf international höchstem Niveau, und der Finanzplatz besitzt genügend Know-how, um diesen Strukturwandel gut zu meistern und die damit verbundenen Chancen wahrzunehmen. Denn Änderungen bringen immer auch neue Chancen. Bei einer verstärkten Zusammenarbeit in Steuerfragen können diese Chancen insbesondere im Angebot von Onshore-Dienstleistungen liegen. Gemeinnützigen Stiftungen, Versicherungen, Investmentfonds und Pensionsfonds wird in den kommenden Jahren ein großes Wachstum vorhergesagt. Hier haben wir viel Know-how, und diese Produkte können leichter vertrieben werden, wenn sich Liechtenstein auf das europäische Niveau im Bereich der Kooperation in Steuerfragen begibt.

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Die gute Diversifizierung ist die Basis des wirtschaftlichen Erfolges.

Liechtenstein und seine Wirtschaft sind gut aufgestellt. Das sehen wir gerade jetzt in Zeiten von weltweiten Rezessionsängsten und neuen Hiobsbotschaften aus den Vereinigten Staaten. Wir haben eine gute Ausgangslage und deshalb bin ich zuversichtlich für unseren Standort: • Wir haben eine der freiheitlichsten Wirtschafts- und Rechtsordnungen Europas.

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Q

LIECHTENSTEIN • Die Bevölkerung beteiligt sich aktiv an den Entscheidungs- prozessen durch unsere stark verankerte direkte Demokratie. • Unsere Industrie ist global vernetzt und exportiert weltweit. • Unsere Industrieunternehmen investieren relativ gesehen wesentlich mehr in Forschung und Entwicklung als in jedem anderen Industrieland Europas. • Der Finanzplatz steht vor einem Strukturwandel, den er aufgrund einer starken Verbreiterung und Vertiefung des Produkt- und Serviceangebots in den vergangenen Jahren gut meistern sollte. Unser liberaler Arbeitsmarkt erlaubt den Unternehmen flexibel zu reagieren. Dass dies auch im Sinne der Arbeit- nehmer ist, kann man daran erkennen, dass es vor 80 Jah- ren die letzten Streiks in Liechtenstein gab. Durch die Mitgliedschaften im EWR und in der EFTA haben wir einen guten Zugang zu wichtigen Märkten und sind eingebunden in ein stabiles europäisches Rechtsgefüge.

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Auch Liechtenstein braucht Reformen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können

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Aber wie ein Unternehmen sich nicht auf erfolgreichen Produkten ausruhen darf, sondern ständig in Forschung und in die Optimierung seiner Prozesse investieren muss, so muss auch der Staat sich dem ändernden Umfeld anpassen und sich laufend verbessern, um die Bedürfnisse seiner Bürger optimal befriedigen zu können. Trotz guter Ausgangslage steht auch der Staat Liechtenstein vor großen Herausforderungen, die entsprechende Reformen verlangen. Zwei solche Herausforderungen möchte ich hier kurz ansprechen.

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Die Globalisierung bringt einen immer stärkeren Wettbewerb mit sich und stellt immer höhere Anforderungen an unsere Arbeitskräfte und deren Bildung. Das liechtensteinische Bildungssystem

Die letzten Streiks in Liechtenstein gab es vor 80 Jahren. ist – konträr zu unserem sonstigen Staatsverständnis – eine zentral gelenkte Planwirtschaft und damit viel zu starr, um diesen Anforderungen auch in Zukunft noch gerecht zu werden. Daher wollen wir auf ein dezentrales Bildungssystem mit weitgehend autonomen Schulen umstellen, die untereinander in einem befruchtenden Ideenwettbewerb zum Wohle ihrer Schüler stehen. Die zentrale Schulbehörde soll sich dabei auf das Setzen der nötigen Rahmenbedingungen und das Verhindern von Marktversagen beschränken.

Fürstentum Liechtenstein www.quantum.li 34

Persönlich möchte ich noch einen Schritt weiter gehen und die Finanzierung der Schulen umstellen. Es sollen nicht mehr wie heute zuerst die Finanzmittel den Schulen zugeordnet werden und anschließend die Schüler gemäß den Finanzmitteln auf die Schulen verteilt werden, sondern die Finanzmittel sollen in Zukunft den Schülern folgen. Um diesen Prozess möglichst transparent zu gestalten, sollte dies in Form von Bildungsvouchern oder Bildungskonten erfolgen. Dadurch würde der Wettbewerb verstärkt, insbe-

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LIECHTENSTEIN sondere wenn auch die privaten Schulen dazu eingeladen werden, und es würden Kinder mit benachteiligtem Hintergrund wesentlich bessere Startchancen erhalten. Ein Kleinstaat kann die internationale Agenda nicht beeinflussen. Ein Kleinstaat ist nur dann erfolgreich, wenn er die Vorteile der Kleinheit klug nutzt. Dazu gehören Schnelligkeit, Flexibilität, Markt- und Bürgernähe. Das ist eine Herausforderung, der wir uns immer stellen müssen. Wenn sich neue Nischen und damit Möglichkeiten auftun, müssen diese schnell ergriffen werden, indem der Staat entsprechend attraktive Rahmenbedingungen für Bevölkerung und Unternehmen schafft. Er muss aber auch rechtzeitig erkennen, welche Gefahren hinter einem besonders großen

Erfolg aufgrund vorteilhafter Rahmenbedingungen lauern können. Dazu braucht es einen athletischen Staat, der stark ist, aber kein Fett hat – der sich auf die vorher erwähnten Kernkompetenzen beschränkt. Denn liebgewordene, aber unnötige Staatsleistungen machen träge und verhindern oft eine rechtzeitige Anpassung an neue Gegebenheiten. Es gibt einiges, was Liechtenstein und das Peutinger-Collegium verbindet. Ich hoffe, dass Liechtenstein durch gelungene Reformen in den nächsten Jahren noch näher dorthin gelangt, wo wir den Staat gemäß unseren gemeinsamen Idealen wie Menschenfreundlichkeit, freiheitlich demokratische Rechts- und Staatsordnung und freie Markwirtschaft gerne sehen. n

Regierungswechsel in Liechtenstein Rh

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Das Fürstentum Liechtenstein ist umgeben von den Schweizer Kantonen St. Gallen im Westen und Graubünden im Süden sowie dem österreichischen Bundesland Vorarlberg im Osten. Die Staatsgrenze zur Schweiz im Westen entspricht dem Rheinverlauf. Das Land misst an seiner längsten Stelle 24,56 Kilometer und an seiner breitesten 12,36. Mit 160 Quadratkilometern ist seine Fläche halb so groß wie München, seine Einwohnerzahl von rund 35 000 entspricht der von Erding. Die Amtssprache ist deutsch, gesprochen wird jedoch ein alemannischer Dialekt. Die gültige Währung ist der Schweizer Franken, der Euro wird an fast allen Orten akzeptiert. Liechtenstein ist eine konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratisch-parlamentarischer Grundlage. Die Souveränität liegt sowohl beim Volk als auch beim Fürsten. Das Staatsoberhaupt Liechtensteins ist seit 1989 Fürst Hans Adam II. von und zu Liechtenstein, die Staatsgeschäfte obliegen seit August 2004 dem Erbprinzen Alois von und zu Liechtenstein. Das Land gliedert sich in elf Gemeinden; Hauptort und Fürstensitz ist Vaduz. Liechtenstein hat das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit, es liegt bei 169 000 Schweizer Franken pro

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Erwerbstätigem (2005). Liechtenstein ist Mitglied der UNO und des Europäischen Wirtschaftsraums. Die gesetzgebende Gewalt liegt beim Landesfürsten und dem Liechtensteinischen Landtag, bestehend aus 25 Abgeordneten, die nach dem Verhältniswahlrecht für vier Jahre vom Volk gewählt werden. Die Wahl zum neuen Landtag am 8. Februar brachte einen Regierungswechsel: Die bisherige Mehrheitspartei Fortschrittliche Bürgerpartei (FBP) liegt mit elf der 25 Sitze nun hinter ihrem bisherigen Koalitionspartner, der Vaterländischen Union (VU), die mit 13 Sitzen die absolute Mehrheit erzielte. Nachfolger des bisherigen Regierungschefs Otmar Hasler wird sein bisheriger Vize Klaus Tschütscher von der VU. Beide Parteien gelten als bürgerlich-konservativ. Liechtenstein verfügt über einen landesweiten Radio- und TV-Kanal. Die größte Tageszeitung ist mit einer Auflage von etwa 18 000 Exemplaren das Liechtensteiner Vaterland, das politisch der Vaterländischen Union (VU) nahesteht. Die älteste Tageszeitung ist mit der ersten Ausgabe im Jahr 1878 das Liechtensteiner Volksblatt. n

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LIECHTENSTEIN

Otmar Hasler

Liechtenstein als souver채ner Staat

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LIECHTENSTEIN Der französische Präsident François Mitterand hat gerne darauf hingewiesen, dass die Existenz kleiner unabhängiger Staaten in Europa „einer der Reichtümer unseres Kontinents“ sei. Als Kleinstaat ist Liechtenstein in vielfacher Hinsicht ein besonderer Akteur auf der Bühne der europäischen Politik. Wir haben wenig Einwohner, keine Bodenschätze, besitzen kaum ökonomische und keinerlei militärische Macht. Und doch hat Liechtenstein vor zwei Jahren seine 200-jährige Unabhängigkeit als souveränes und prosperierendes Land feiern können. Vor dem Hintergrund der zahlreichen schweren Krisen, die wir in Europa in dieser Zeit erlebt haben, ist das eine politische und wirtschaftliche Leistung, auf die wir stolz sind und auf die auch Europa – im Sinne der Worte von Präsident Mitterand – stolz sein sollte. Die Unabhängigkeit Liechtensteins erfolgte 1806, im selben Jahr wie die Gründung des modernen Staates Bayern. Mangels politischer oder militärischer Macht haben wir die Erhaltung unsere Eigenstaatlichkeit in den vergangenen 200 Jahren durch Mitgliedschaft in Rechtsgemeinschaften gesucht. Nur durch die konstante Politik der internationalen Kooperation und Integration konnten wir unsere Souveränität völkerrechtlich verbindlich absichern. Wichtige historische Etappen dieser Politik waren dabei unsere Aufnahme in den Rheinbund 1806, in den Deutschen Bund 1815, der Abschluss bilateraler Zollund Währungsabkommen mit der Donaumonarchie 1852 und der Schweiz 1923 sowie nach dem wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nachkriegszeit der Beitritt zur EFTA 1960, die Aufnahme in den Europarat 1978, Beitritt zu den Vereinten Nationen 1990 sowie zum EWR 1995 und die in diesem Jahr erfolgte Unterzeichnung der Verträge von Schengen und Dublin. Das Verhältnis der kleinen Staaten zu den großen Staaten in Europa war in der Vergangenheit stets ein guter Indikator für den politischen Gesundheitszustand, den „Reichtum“ unseres Kontinents. Dabei war und ist der vernünftige Ausgleich zwischen den legitimen politischen Ansprüchen der „Großen“ und der „Kleinen“ ein elementarer Grundpfeiler für die Stabilität in Europa. Liechtenstein kann als Kleinstaat in Europa niemals machtpolitisch argumentieren. Wir sind im zwischenstaatlichen Dialog und im außenpolitischen Interessensausgleich mehr als andere auf völkerrechtliche Gepflogenheiten, auf „Fair Play“ und Kompromissbereitschaft angewiesen. Und genau deshalb stehen die Beziehung zu EWR und EU, beides bewährte Foren für diesen politischen Ausgleich, im Zentrum unserer Außenpolitik. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden wirtschaftlichen, sicherheits- und umweltpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist Europa noch stärker auf Integration und die damit einhergehenden Verpflichtungen angewiesen. Das stellt viele Staaten in Europa vor die ungelöste Frage, wie man mit dieser Integration umgeht, wenn die eigenen Mechanismen der politischen Legitimation und die eigenen Strukturen auf das Modell des souveränen europäischen Nationalstaats aus dem 19 Jahrhundert ausgerichtet sind.

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Staatsfeiertag 2006 – Volksfest im Städtle Vaduz.

Als Kleinstaat haben wir den Vorteil, dass wir qua unserer Größe und historisch gewachsenen Position im europäischen Staatengefüge auf viele Fragen der Souveränität und politischen Legitimation, die die Integration zwischen Staaten aufwirft, bereits in der Vergangenheit Antworten finden mussten. Dabei haben wir mit direkt-demokratischen, bürgernahen Entscheidungsmechanismen, mit schlanken überschaubaren Strukturen und einer flexiblen und pragmatischen Wirtschafts- und Sozialpolitik gezeigt, dass sich das Potenzial unserer Bürgerinnen und Bürger auch ohne Bodenschätze, ohne nennenswerte eigene Märkte, ohne militärische, politische oder wirtschaftliche Macht auf eindrucksvolle Art und Weise entfalten kann. Liechtenstein wird auch weiterhin den Weg der schrittweisen Integration und Kooperation gehen. Als Kleinstaat haben wir darin eine besondere Erfahrung und geben ein Beispiel, das insbesondere bei der Bewältigung der strukturellen Herausforderungen eines vereinten Europas im 21. Jahrhundert wichtige Denkanstöße geben kann. n Otmar Hasler, Jahrgang 1953, war Lehrer an der Sekundarschule in Eschen und Abgeordneter des Landtags. Er war zeitweise Landtagsvizepräsident sowie Landtagspräsident und zwischen 1993 und 1995 Präsident der Fortschrittlichen Bürgerpartei in Liechtenstein. Das Amt des Regierungschefs hatte er von 2001 bis Anfang 2009 inne.

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LIECHTENSTEIN

Die „schönste Privatsammlung der Welt“ Die Fürstlichen Sammlungen umfassen Hauptwerke europäischer Kunst aus fünf Jahrhunderten und gehören heute zu den bedeutendsten privaten Kunstsammlungen der Welt. Ihre Anfänge liegen im 17. Jahrhundert. Wie bei vielen anderen in dieser Zeit entstandenen Sammlungen liegen die Wurzeln maßgeblich im barocken Ideal kunstsinnigen fürstlichen Mäzenatentums. Das Haus Liechtenstein hat dieses Ideal über

Generationen konsequent gepflegt und die Bestände planvoll erweitert und ergänzt. Aktive Ankaufspolitik setzt wesentliche Akzente durch spektakuläre Neuerwerbungen. Sitz der Sammlungen ist Vaduz. Neben den bisherigen Räumen im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz ist seit dem 29. März 2004 das Palais Liechtenstein in der Wiener Rossau der Ausstellungsort der Sammlungen. Dort war sie schon bis 1938 der Öffentlichkeit als die „schönste Privatsammlung“ der Welt zugänglich.

Die Südfassade des Gartenpalais Liechtenstein in Wien. Entworfen von Architekt Domenico Martinelli (1650 –1718) um 1700.

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© Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz – Wien


LIECHTENSTEIN

Oben: Der Herkulessaal im Gartenpalais Liechtenstein, entworfen von Architekt Domenico Martinelli kurz nach 1700. Fresko von Andrea Pozzo (1642–1709) mit den Taten des Herkules und seiner Apotheose, 1704–1708.

Oben: Ulrich Schönmacher (†1585) Taufgarnitur, bestehend aus Kanne und Becken, 1570/1575, Silber, feuer feuervergoldet. Links: Nicolas Pineau (1684–1754) Der Goldene Wagen des Fürsten Joseph Wenzel I. von Liechtenstein, 1738.


Oben: Johann Michael Rottmayr (1654–1730), Aufnahme des militärischen Genies in den Olymp, um 1705, Stiegenaufgang mit Deckenfresko. Links (1): Giuseppe Arcimboldo (1527–1593), Die Erde, 1566 Links (2): Einblick in Saal VII mit Adrian de Fries’ Christus im Elend und dem Hl. Sebastian (1607) sowie dem Decius Mus-Zyklus (1616/17) von Peter Paul Rubens Links (3): Alessandro Algardi (1598–1654), Eros und Anteros, nach 1630, Marmor. Rechts: Peter Paul Rubens (1577–1640), Porträt des Albert und des Nikolaus Rubens, um 1626/27, Öl auf Holz.


© Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz – Wien


Oben links: Anthonis van Dyck (1599–1641), Porträt der Maria de Tassis (1611–1638), um 1629/3. Oben rechts: Hyacinthe Rigaud (1659–1743) Bildnis des Fürsten Joseph Wenzel I. von Liechtenstein im Ornat des Ordens vom Goldenen Vlies (1696–1772), 1740. Unten links: Jean Valentin de Boulogne (1591–1632) Fröhliche Gesellschaft mit Wahrsagerin, 1631.

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© Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz – Wien

Mitte rechts: Ad Biedermeier-Sammlung Bankgasse: Friedrich von Amerling, Mädchen mit Strohhut, 1835.


LIECHTENSTEIN Wolfgang Mayer

Der Fondsplatz Liechtenstein Erfolgreich im Herzen Europas

Der Fondsplatz Liechtenstein ist ein junger und aufstrebender europäischer Fondsstandort. Die gesetzlichen Grundlagen wurden erst 1996 geschaffen; dies als unmittelbares Ergebnis des Beitritts Liechtensteins zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), der ein Jahr zuvor vollzogen wurde. Für den Finanzplatz Liechtenstein sollte die Entscheidung, ein Fondsgesetz auf europäischer Basis zu etablieren, einen wichtigen Zwischenschritt im Prozess der Wandlung vom Off-shore zum On-shore Finanzplatz darstellen. War bis zu diesem Zeitpunkt das leistungsfähige und spezialisierte liechtensteinische Gesellschaftswesen eine der Hauptattraktionen des Finanzplatzes, gewinnt seitdem der öffentliche Anlagefonds zunehmend an Bedeutung. Was sind nun die Ursachen dieser positiven Entwicklung? Es zeigt sich, dass Liechtenstein mit seiner Sonderrolle, einerseits der Verbindung zur Schweiz, und andererseits mit der Mitgliedschaft im EWR, zunehmend in eine komfortablere Situation gerät und auch immer mehr lernt – und schätzt – das Beste aus diesen beiden Systemen für sich zu nützen. Bezüglich der Schweiz ist sicherlich die Zoll- und Währungsunion als Erfolgsgarant Nummer eins zu nennen, welche für die notwendige währungspolitische Stabilität sorgt. Aber auch die diversen anderen bilateralen Verträge mit der Schweiz sorgen dafür, dass Liechtenstein in vielen Punkten aus Sicht der Schweiz als „Inland“ behandelt wird und entsprechend profitieren kann. Durch die Mitgliedschaft im EWR und der Umsetzung der diversen europäischen Richtlinien erhält Liechtenstein auf der anderen Seite den unschätzbaren Vorteil, dass weite Teile seines Rechtssystems inzwischen europäischen Standards entsprechen. Besonders im Fondsbereich hat dies zur Konsequenz, dass die Aufsichtsbehörde (FMA Finanzmarktaufsicht Liechtenstein) von ihren internationalen Kollegen als „gleichwertig“ angesehen wird. Diese Konstellation führt, ergänzt mit nationalen Bestimmungen, zu einem ausgesprochen stabilen und investitionsfreundlichen Umfeld. Zusammen mit der Innovationsbereitschaft, Seriosität und Professionalität aller Marktteilnehmer sind so alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung gegeben, die auch die Herausforderungen der aktuell sehr schwierigen Situation an den internationalen Finanzmärkten bestehen wird.

Bayerischer Monatsspiegel 151_2009

Rechtsstruktur des Fondsplatzes Liechtenstein.

Die Rechtsstruktur des Fondsplatzes Liechtenstein Der grundsätzliche Aufbau der Rechtsstruktur des Fondsplatzes Liechtenstein ist sehr eng an die Vorgaben der EU-Richtlinie EWR/85/611 (OGAW-Richtline) in ihrer jüngsten Fassung angelehnt. So verwundert es nicht, dass weite Teile der gesetzlichen Grundlagen Liechtensteins identisch mit den Bestimmungen der übrigen EU- und EWR-Mitglieder sind. Konkret betrifft dies die meisten Regelungen zur Organisation, Trägerschaft und Verwaltung eines Fonds sowie die Anforderungen für einen „EU-kompatiblen Fonds“; einen Fonds also, der über den so genannten „EU-Pass“ verfügt und der mittels bloßer Anzeige, d. h. ohne Bewilligung, bei der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörde in allen Mitgliedsländern der EU und des EWR öffentlich vertrieben werden darf. Neben diesem europäischem Teil von IUG und IUV ist ein nationaler Ab-

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LIECHTENSTEIN schnitt zu finden, der diverse liechtensteinspezifische Bestimmungen umfasst. Die Rechtsstruktur ist in Grafik auf Seite 43 dargestellt – auf eine detaillierte Beschreibung wird aus Platzgründen verzichtet.

Steuerliche Rahmenbedingungen Die Abhandlung dieses Punktes muss aus zweierlei Optik erfolgen. Es gilt hier zum einen die nationalen liechtensteinischen Regelungen, welche die steuerlichen Vorschriften für den Fonds und für Investoren mit Steuerdomizil im Inland betreffen, zu besprechen. Zum anderen muss auf die steuerlichen Regelungen am Sitz des Investors, sofern dieser sein Domizil nicht in Liechtenstein hat, eingegangen werden. Steuerliche Bestimmungen für den Fonds: Ein liechtensteinisches Investmentunternehmen ist in Liechtenstein von allen Ertrags- und Kapitalsteuern befreit. Weiters sind sowohl der Fonds als auch der in- und ausländische Investor von der eidgenössischen Stempelabgabe befreit bzw. ausgenommen (Art. 17a Abs. 1 lit. c und Art. 14 Abs. 1 lit. a Bundesgesetz über die Stempelabgaben). Auch hinsichtlich der Belastung diverser Vergütungen mit einer allfälligen Mehrwertsteuer gelten vorteilhafte Regelungen, da auch hier der Fonds sowie alle mit dem Fonds verbundenen Parteien für Leistungen zu Gunsten des Fonds von dieser befreit sind (Art. 18 Ziff. 19 lit. f Liechtensteinisches Mehrwertsteuergesetz). Zusammengefasst ergeben sich hier also äusserst vorteilhafte Re-

gelungen, die für alle Parteien ein sehr investitionsfreundliches Umfeld schaffen. Steuerliche Bestimmungen für den ausländischen Investor: Diese Frage ist leider nicht zusammenfassend und übersichtlich zu beantworten. Es kommt hier maßgeblich auf die steuerlichen Regelungen am Steuerdomizil des Investors an. Entsprechend vielfältig sind die Möglichkeiten und Varianten. Grundsätzlich kann aber davon ausgegangen werden, dass liechtensteinische Fonds in Europa hinsichtlich der Besteuerung inländischen Fonds (aus Sicht des Investors) gleichgestellt sein müssen. Wäre dies nicht der Fall, würde gegen zwei der elementaren europäischen Grundfreiheiten, nämlich die Kapital- und Dienstleistungsfreiheit, verstoßen – wieder eine kleine Errungenschaft, die der Mitgliedschaft im EWR zu verdanken ist. Diese Gleichstellung bedeutet jedoch auch, dass durch die ausländische Verwaltungsgesellschaft die gleichen steuerlichen Informationen bereitgestellt werden müssen, die auch für einen inländischen Fonds gefordert werden.

Gründe für einen Anlagefonds Die Gründe und Vorteile, die für die Auflegung eines eigenen Fonds sprechen, sind so umfangreich und vielfältig, dass ihre vollständige Abarbeitung den hier zur Verfügung stehenden Platzumfang sprengen würde. Auf den Bereich der allgemein gültigen steuerlichen Ge­staltungsmöglichkeiten und insbesondere die vorteilhafte Behandlung im Hinblick auf die Stempelsteuer und die Mehrwertsteuer

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LIECHTENSTEIN Wolfgang Mayer ist als CEO und Mitglied des Verwaltungsrates der Ahead Wealth Solutions AG hauptverantwortlich für die operative Führung der Gesellschaft. Er war für die Dresdner Bank AG, die LGT Bank in Liechtenstein AG und die VP Bank AG in verschiedenen Führungspositionen tätig. Seine Schwerpunkte liegen im Asset Management und der Strukturierung von Fondslösungen.

wurde weiter oben schon im Detail eingegangen. Daher sollen an dieser Stelle nur die wichtigsten Argumente aus Sicht eines Vermögensverwalters bzw. eines Family Office oder Privatinvestors skizziert werden. Gründe und Vorteile für Vermögensverwalter: Durch die Einbringung seines Kundenvermögens, oder auch nur von einzelnen Assetklassen, in einen Fonds ergeben sich für einen professionellen Vermögensverwalter zahlreiche Vorteile hinsichtlich dem Verwaltungs- und Administrationsaufwand bei der Bewirtschaftung seiner Mandate. Anlageentscheide können wesentlich schneller und effizienter umgesetzt werden. Eine weitere Entlastung kann im Bereich des Reporting erfolgen, da unter Umständen nur noch auf Fondsebene Bericht erstattet werden muss. Da Anlagefonds über eine Wertpapierkenn- bzw. Valorennummer verfügen und ihre Abwicklung über die gängigen Settlementorganisationen wie z. B. Euroclear oder SIS SegaInterSettle möglich ist, steht ihrem breiten Einsatz in verschiedenen Kundenportfolios nichts im Wege.

sind nahezu unbegrenzt. Bisher haben vor allem Banken die vielfältigen Möglichkeiten aus der Emission von Publikumsfonds und institutionelle Anleger aus dem Einsatz von Spezialfonds für sich genutzt. Auf Grund der oben beschriebenen Konstellation werden aber auch Vermögensverwalter und Family Offices die Potenziale des Anlagefonds erkennen. Egal ob Private Lable Funds zur Abdeckung eigener Managementideen, oder Spezialfonds zur Strukturierung und Nachfolgeplanung; es kommt nur auf die Phantasie der Akteure an! Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit einer Ein ganz wesentlicher Vorteil ergibt sich aber für den Vermögensprofessionellen Verwaltungsgesellschaft. Mit einer individuellen verwalter in Hinblick auf die Gewinnung neuer Mandate. Es liegt Vertragsgestaltung und einem auf die persönliche Situation abgein der Natur der Sache, dass das Ergebnis einer individuellen Verstellten Design werden Fonds zu einem festen Bestandteil künftimögensverwaltung nur sehr beschränkt, wenn überhaupt, verger Lösungen im Asset Management werden – weit über den heute marktet und publiziert werden kann. So ergibt sich die unbefriedigewohnten Umfang und Einsatzbereich hinaus. Mit dem Fondsgende Situation, dass die Gewinnung neuer Mandate oft nur passiv platz Liechtenstein steht das richtige Domizil zur Verfügung – über „Mund-zu-Mund Reklame“ bestehender Mandanten erfolgen On-shore und entsprechend der gültigen Regeln. n kann, jedoch nur eingeschränkt aktiv über den Vermögensverwalter selbst. Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn der Vermögensverwalter zum Fondsmanager mutiert – wobei er natürlich nur das eine zusätzlich tun wird, das andere jedoch nicht lassen! Die von ihm im Fonds erzielten Ergebnisse sind öffentlich. Dies fängt an bei der öffentlichen Publikation des Fondspreises und der Fondsperformance in der Presse, reicht über die Aufnahme des Fonds in die einschlägigen Empfehlungslisten der Ratingagenturen und endet bei der neutralen Berichterstattung über den Fonds durch Journalisten. Sofern sich der Vermögensverwalter für eine Zulassung zum öffentlichen Vertrieb des Fonds im Ausland « Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, entscheiden sollte, ist eine entsprechend breite Multiplikation der das Aussergewöhnliche ihren Wert. » Oscar Wilde geschilderten Vorteile ein zusätzlicher Absatzkanal. Die Möglichkeiten der Ansprache von ganz neuen Investorengruppen wie inDiese Einstellung hilft uns, unsere Kunden immer wieder stitutionellen Anlegern oder Vermittlern runden das geschilderte aufs Neue zu begeistern – als verlässlicher Partner für Profis, Bild ab. die mehr wollen!

Gründe und Vorteile für ein Family Office und Privatinvestoren: Selbstverständlich gelten viele Vorteile hinsichtlich der Portfoliobewirtschaftung auch für diese Initiatorengruppe. Ein grundlegender Vorteil ergibt sich aber zusätzlich aus den diversen Strukturierungsmöglichkeiten, die verschiedenste Motive behandeln können. Oft spielt der Wunsch nach Diskretion, z. B. bei namhaften Beteiligungen mit entsprechenden öffentlichen Publikationspflichten, eine gewisse Rolle. Sehr oft sind aber auch die Möglichkeiten, die sich hinsichtlich der Nachfolgeplanung für grosse Familienvermögen ergeben, ein wichtiges Motiv, eine Fondslösung zu wählen.

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Der Bayerische Monatsspiegel im Gespräch mit Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein Sie ist in Wildbad Kreuth aufgewachsen und hat den Erbprinzen von Liechtenstein geheiratet: Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein, die Nichte von Herzog Franz von Bayern, ist designierte Fürstin und äußert sich im Interview mit dem Bayerischen Monatsspiegel über ihre neue Heimat hoch über dem Rheintal und über ihre vielfältigen Aktivitäten im Fürstentum. Das Gespräch führten der Präsident des Peutinger Collegium, Prof. Dr. Walter Beck, und der Präsident des Internationalen Liechtensteiner Presseclubs (LPC), Fürstlicher Rat Walter-Bruno Wohlwend.

Bayerischer Monatsspiegel: Hoheit, Sie haben Ihre Kindheit und Jugend in Wildbad Kreuth, nahe des Tegernsees und damit in einer der schönsten Landschaften Bayerns und Deutschlands verbracht. Vom unvergesslichen Schriftsteller und Satiriker Ludwig Thoma, der von 1908 bis zu seinem Tod 1921 in den Tuften bei Rottach am Tegernsee lebte, stammt das Wort „Um mich ist Heimat“. Nirgendwo auf der Welt fühlte er sich mehr zu Hause als hier. Nun leben Sie seit Ihrer Vermählung mit Erbprinz Alois auf Schloss Vaduz im Fürstentum Liechtenstein. Sehnen Sie sich nicht gelegentlich zurück an den „Zauber der Landschaft“, in der Sie aufgewachsen sind? Erbprinzessin Sophie: Natürlich habe ich viele, schöne Erinnerung an meine Kindheit und Jugend in Bayern und kehre besuchsweise immer wieder gerne dorthin zurück. Aber Heimat ist meines Erachtens vor allem dort, wo man sich zu Hause fühlt und wo man mit seiner Familie lebt. So beziehe ich das Zitat von Ludwig Thoma heute auf Liechtenstein. Hier lebe ich mit meinem Mann und unsern vier Kindern, und Liechtenstein ist mir Heimat geworden. Das ist nicht schwer, denn auch hier ist man von prachtvoller Natur, den Bergen und vom Rhein umgeben. Monatsspiegel: In Liechtenstein wurde das Frauenstimmrecht auf Landesebene erst im Jahre 1984 im Rahmen einer Volksabstimmung eingeführt. Ist der Stellenwert der Frau im Fürstentum geringer als in anderen Ländern? Erbprinzessin Sophie: In Bayern wurde den Frauen das offizielle Stimmrecht zwar im Jahre 1919 gewährt. Allerdings wurde es „von Oben“ verordnet. Ich frage mich, wie es ausgegangen wäre, wenn man damals in Bayern die Entscheidung über die politische Gleichberechtigung der Frauen ebenfalls einer Volksabstimmung unter den Männern überlassen hätte. Heute haben wir in der Liechtensteinischen Regierung übrigens in

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etwa das gleiche Geschlechterverhältnis wie im Bayerischen Kabinett. Ich finde es richtig und selbstverständlich, dass die Frauen in unserem Lande seit bald einem Vierteljahrhundert politisch gleichberechtigt sind. Im Übrigen denke ich, dass Gleichberechtigung nicht Gleichmachung bedeuten sollte, sondern dass es darum geht, Männer und Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit gleich zu werten.

Monatsspiegel: Sie entstammen einem katholischen Haus und haben in eine katholische Familie eingeheiratet. Liechtenstein ist ein eigenes Erzbistum und sozusagen durch und durch katholisch. Liegt hier das Motiv dafür, dass Sie vor drei Jahren die Initiative für eine Stiftung ergriffen haben, die sich auch gegen den Schwangerschaftsabbruch stark macht? Erbprinzessin Sophie: Die Stiftung führt eine psycho-soziale Beratungseinrichtung für Frauen, die durch eine ungewollte Schwangerschaft in einen großen persönlichen Konflikt geraten sind. Es war und ist mein Ziel, Frauen und Männern, die in kritischen Situationen nicht mehr weiter wissen, zu helfen. Es geht dabei nicht nur darum, Alternativen zum Schwangerschaftsabbruch zu finden, sondern unser Beratungs- und Hilfsangebot richtet sich an Frauen, die zum Beispiel Fehlgeburten erlebt haben, oder an Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben und später von Trauer- und Schuldgefühlen verfolgt werden. Zudem führen wir jährlich circa 100 sexualpädagogische Seminare für Teenager in Schulen und Jugendeinrichtungen durch. Unter „schwanger.li“ kann man sich im Internet näher über die Zielsetzungen der Stiftung informieren. Monatsspiegel: Verfolgt man die lokalen Medien, dann fällt auf, dass Themen der Bildung und Weiterbildung von der Grundschule bis in die Universitäten auch in Liechtenstein ein politischer „Dauerbrenner“ sind. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Erbprinzessin Sophie: Für dieses Thema wäre mein Mann Ihr idealer Gesprächspartner. Er beschäftigt sich sehr aktiv mit der Schul- und Bildungspolitik und gibt bei offiziellen Auftritten immer wieder Anstoß zu einer neuen, moderneren Bildungspolitik. Seine Zielsetzung geht dahin, dass man das staatliche Schulmonopol aufweichen sollte, indem man Eltern und Kindern bei der Wahl der Schulen mehr Freiheit gibt und auf diese Weise den Wettbewerb unter den Schulen fördert. Aber – wie gesagt – da ist der Erbprinz wohl der kompetentere Gesprächspartner. Monatsspiegel: Liechtenstein ist ein wohlgeordnetes und vermögendes Land. Wäre es nicht naheliegend, dass der Staat internationale Hilfsprojekte unterstützt. Solche Aktivitäten würden nicht nur den Menschen draußen in der Welt helfen, sondern auch das Ansehen dieses Landes in der Welt fördern. Erbprinzessin Sophie: Liechtenstein leistet bereits heute sehr viel auf diesem Gebiet. So wurden beispielsweise über den Liechtensteinischen Entwicklungsdienst (LED) allein im Jahr 2008 rund zehneinhalb Millionen Schweizerfranken für die aktive Hilfe in Entwicklungsländern von Bolivien über Peru, R


LIECHTENSTEIN

„Um mich ist Heimat.“

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LIECHTENSTEIN Kenia, Burkina Faso, den Senegal, Rumänien und Afghanistan aufgewendet. Die Liste der Einsätze und Hilfsleistungen ist noch viel umfangreicher, so leistet auch die Caritas Liechtenstein große soziale Dienste. Nicht zu vergessen ist das von meiner Schwiegermutter, Fürstin Marie von und zu Liechtenstein, mit großem Erfolg präsidierte Liechtensteinische Rote Kreuz (LRK). Seit seiner Gründung im Jahre 1945 hat das LRK allein für die Auslandshilfe viele Millionen Schweizerfranken, die von der liechtensteinischen Bevölkerung gespendet wurden, eingesetzt. Die Fürstin pflegt in Katastrophenfällen jeweils Spendenaufrufe zu machen, die in der Regel großen Erfolg haben: Ob das nun Erdbeben, Hurrikans, Hungerhilfe oder andere Gebiete sind, die der internationalen Unterstützung bedürfen.

Monatsspiegel: Seit Oktober 2007 gibt es in Liechtenstein seit Jahrzehnten erstmals wieder eine eigene Brauerei. Haben Sie das Bier aus dem Liechtensteiner Brauhaus schon einmal gekostet? Erbprinzessin Sophie: Ja, das habe ich. Es schmeckt mir sehr gut und wird, so weit ich weiß, auch von der Bevölkerung gerne getrunken. Der Braumeister ist aus Bayern und die Zutaten, bis auf das Wasser, werden meines Wissens auch größtenteils aus Bayern importiert. So entsteht durch das hervorragende liechtensteinische Wasser und die bayrischen Zutaten eine sehr gute Mischung! Monatsspiegel: Wie halten Sie es mit dem Kontakt zur Bevölkerung im Lande? Erbprinzessin Sophie: Ich kenne viele Menschen und tausche mich beispielsweise häufig mit Müttern aus, die ebenfalls schulpflichtige Kinder haben. Ich besorge auch einen Teil unserer Einkäufe selbst. Häufig sprechen mich sowie unsere Familienmitglieder die Menschen auf der Straße, bei Spaziergängen und in Geschäften an. Wir freuen uns über diese so herzlichen und unkomplizierten Begegnungen, die mir durchaus vertraut sind und mich an das Verhältnis zwischen meiner Familie und den Menschen in Bayern erinnern. n

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Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein personifiziert die engen und traditionell freundschaftlichen Beziehungen zwischen Freistaats Bayern und der einzigen Monarchie deutscher Zunge in Europa. Die designierte Fürstin (auf unserem Bild im Gespräch mit dem Präsidenten des Peutinger Collegium, Professor Dr. Walter Beck) wurde am 28. Oktober 1967 als älteste der fünf Töchter von Herzog Max Emanuel in Bayern und seiner (schwedischen) Ehefrau Elizabeth Christina Gräfin Douglas geboren und auf den Namen „Sophie Elizabeth Marie Gabrielle Herzogin in Bayern“ getauft. Sie ist die Nichte des derzeitigen wittelsbachischen Familienoberhauptes Herzog Franz von Bayern. Die Vermählung mit dem Erbprinzen und künftigen Landesherrn des Fürstentums Liechtenstein fand am 3. Juli 1993 statt. „Sophie Bayern“, wie sich Erbprinzessin Sophie vor ihrer Vermählung am liebsten selbst nannte, stammt in direkter Linie vom letzten bayerischen König ab: Ludwig III. (1845-1921) war ihr Ururgroßvater. Bayern und Liechtenstein haben nun auch familiäre Bande von geradezu historischer Dimension.


Veranstaltungen des Peutinger Collegiums

Hoher Gast beim Peutinger Collegium: Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein mit Präsident Prof. Dr. Walter Beck.

Kann Bayern die Politik der Großen Koalition in Berlin prägen: Der CSU-Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Uhl im Gespräch mit Chefredakteur Peter Schmalz.

Erst beim Peutinger Collegium im Bayerischen Hof, dann wenige Wochen später an der Seite ihres Präsidenten Hamid Karsai bei der Münchner Sicherheitskonferenz: Afghanistans Botschafterin in Berlin, Frau Prof. Dr. Maliha Zulfacar.

Nach dem Vortrag geht die Diskussion bei Tisch weiter: Ministerpräsident a.D. Professor Dr. Georg Milbradt, Volker Hofmann, Baywobau-Gruppe, Professor Dr. Walter Beck, Präsident des Peutinger Collegium (v.l.).

Welche Rolle spielt die Luftwaffe bei den neuen Anforderungen an die Bundeswehr: Luftwaffen-Inspekteur Generalleutnant Klaus-Peter Stieglitz diskutiert mit Robert Salzl, dem ehemaligen Vorstand der SchörghuberStiftung.

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26.02.2009 18:37:36 Uhr


LIECHTENSTEIN Dr. Klaus Tschütscher

Unantastbare Grundwerte liechtensteinischer Standortpolitik Liechtenstein ist authentisch und selbstbewusst: Auch im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte und Finanzplätze bleibt das Land seinen Prinzipien treu – mit Tugenden wie Leistungsbereitschaft, Qualitätsbewusstsein und dem Schutz von unternehmerischer Freiheit und Investitionen. Die generationenübergreifende Kontinuität der Monarchie ist Teil des liechtensteinischen Systems, auf dessen Berechenbarkeit und Stabilität viele ausländische Investoren bauen. Die unantastbaren Grundwerte des Kleinstaats schaffen Vertrauen und sind deshalb so stark, weil sie ein Stück liechtensteinisches Selbstverständnis verkörpern. R

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LIECHTENSTEIN Eine berechenbare, attraktive Unternehmensbesteuerung als Instrument der Wirtschaftsförderung gehört zur Klaviatur im Standortmarketing der Staaten und Regionen. Aber auch bei steuerlichen Avancen im Wettbewerb der Standorte stellt sich für Investoren immer wieder die Gretchenfrage, wie sich das Steuersystem langfristig entwickelt und in welchem Ausmaß es eine Steuerplanung zulässt. Mit seinen rechtsstaatlichen Prinzipien zum Schutz der Anleger und mit einer langen Tradition in der harmonischen Weiterentwicklung des Wirtschafts- und Steuerrechts liegt gerade hierin die komparative Stärke Liechtensteins gegenüber anderen Standorten.

Der Mix macht die Standort­attraktivität aus Neben einem konkurrenzfähigen Steuersystem, das im Zuge einer umfassenden Steuerreform die Attraktivität des Landes nochmals erhöhen soll, setzt Liechtenstein ganz bewusst auf Standortfaktoren wie die Qualifikation der Arbeitskräfte, ein ausgezeichnetes Bildungssystem, eine zweckmäßige Infrastruktur, die hohe Lebensqualität – und nicht zuletzt auf die Zugehörigkeit zum schweizerischen Wirtschaftsraum mit dem Schweizer Franken und die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum und in der WTO. Gerade dieser Mix macht den Standort Liechtenstein wirklich interessant. Denn bei der Beurteilung der Standortattraktivität betrachten Unternehmen, Investoren und Kunden nicht allein die steuerliche Seite, sondern nehmen bei ihren Entscheiden eine Gesamtbeurteilung aller Standortfaktoren vor. Ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort setzt deshalb auch auf eine dienstleistungsorientierte Verwaltung. Kompetenz der Behörden, Verlässlichkeit, konstante und transparente Behördenpraxis sowie Schnelligkeit gehören dabei zu den Qualitätskriterien einer dienstleistungsorientierten Verwaltung nach liechtensteinischem Verständnis.

betrug der direkte Warenexport 4.182 Mio. CHF. Liechtenstein weist im Jahre 2005 eine Warenexportquote von 71 % aus. Dabei ist Deutschland ein wichtiger Handelspartner für Liechtenstein. Der direkte Warenexport nach Deutschland machte 2007 835 Mio. CHF aus – dies sind 20 % der direkten Warenexporte. Zudem machten 2007 die direkten Warenimporte aus Deutschland 972 Mio. CHF aus. Dies sind 40 % der direkten Warenimporte. Viele Industrie- und Gewerbebetriebe haben Marktnischen gefunden, in denen sie sich auf den internationalen Märkten nicht nur behaupten, sondern oftmals zu den Marktführern gehören. Ein Spiegelbild dieser wirtschaftlichen Entwicklung stellt die Arbeitsplatzbilanz der liechtensteinischen Wirtschaft dar: Fast die Hälfte aller Arbeitsplätze nehmen Zupendler aus der Region ein. Eine bemerkenswerte Besonderheit ist darüber hinaus auch die Tatsache, dass liechtensteinische Betriebe fast gleich viele Arbeitsplätze wie in Liechtenstein selber in ihren ausländischen Niederlassungen zur Verfügung stellen.

Anreize für Leistungserbringung und Vertrauensschutz

Die liberale Wirtschaftsordnung Liechtensteins orientiert sich traditionell daran, Anreize für die private Leistungserbringung zu schaffen, indem die regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unternehmerfreundlich gestaltet sind und den Wirtschaftsteilnehmern ein hohes Maß an Vertrauensschutz im Verhältnis zum Staat eingeräumt wird. Entsprechend dieser großen Eigenverantwortung der Wirtschaftstreibenden sind die Kontrollmechanismen in Liechtenstein und die internationale Kooperation zur Missbrauchsbekämpfung in den vergangenen Jahren stark ausgebaut worden. Auch die Reformen auf dem Finanzplatz mit einem neuen Stiftungsrecht, einer umfassenden Steuerreform und der Formulierung einer kreativen Innovationspolitik sollen bewirken, dass Liechtensteins diversifizierte Wirtschaft mit hoch spezialisierten ProEin Denk- und Werkplatz dukten und wettbewerbsfähigem Know-how weiter vorne mitmit hoher Innovationskraft halten kann. Offene Volkswirtschaften stehen in einem mit der Liechtenstein kann auf eine bewährt solide, erfolgreich diverzunehmenden Globalisierung noch verstärkten internationasifizierte Wirtschaft mit hoher Innovationskraft in den drei len Wettbewerb. In diesem dynamischen Umfeld setzt LiechtenSäulen Industrie, Finanzdienstleistungen und Gewerbe zählen. stein auch in Zukunft auf seine attraktiven RahmenbedingunZur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationagen und Standortfaktoren, die eng mit den liechtensteinischen len Parkett unternehmen Wirtschaft und Politik große AnstrenWerten einer liberalen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung gungen, Liechtenstein in einer konstruktiven regionalen wie zusammenhängen. Diese Eigenheiten eines im Verhältnis zum internationalen Zusammenarbeit als Innovationsstandort zu Bürger und zur Wirtschaft zurückhaltenden Staates zu bewahpositionieren. Die liberale Wirtschaftspolitik konzentriert sich ren und gleichzeitig internationalen Entwicklungen innerhalb auf die Stärkung der Rahmenbedingungen, die Förderung der der Staatengemeinschaft gerecht zu werden, wird für Liechtenkooperativen Sozialpartnerschaft im Innern und auf einen disstein zur grossen Herausforderung der kommenden Jahre. n kriminierungsfreien Zugang zu den internationalen Märkten in den Außenbeziehungen. Wichtigster Pfeiler der kleinen Volkswirtschaft (2006: 31.000 Beschäftigte in 3.400 Unternehmen) Dr. Klaus Tschütscher führte seit 2005 als stellvertretender Regierungschef die Ressorts ist die Industrie und das Waren produzierende Gewerbe. Mit Wirtschaft, Justiz und Sport. Bei der Landtagseinem Wertschöpfungsanteil von nahezu 40 Prozent des Brutwahl am 8. Februar gewann seine Vaterländitoinlandprodukts von 4.6 Milliarden Franken (2005) übertrifft sche Union die absolute Mehrheit, Tschütscher dieser Bereich den Finanzdienstleistungssektor. Das im Länübernimmt von seinem Vorgänger Otmar Hasler das Amt des Regierungschefs. Der prodervergleich große Gewicht der Produktionsbetriebe zeigt sich movierte Jurist ist nebenamtlicher Dozent an auch im Beschäftigungsanteil von 44 Prozent, während im Beder Hochschule Liechtenstein sowie Mitglied reich der Finanzdienstleistungen 15 Prozent der Beschäftigten der liechtensteinischen Delegationen bei der arbeiten. Dementsprechend groß ist die Bedeutung des freien OECD und der EU. Marktzugangs für die Liechtensteiner Exportwirtschaft. 2007

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LIECHTENSTEIN Dr. Andrea Entner-Koch

EU-Recht in Liechtenstein EU-Recht in Liechtenstein – ein Widerspruch? Nein. Trotz der Tatsache, dass Liechtenstein nicht Mitglied der EU ist, kommt EU-Recht in großem Umfang auch in Liechtenstein zur Anwendung. Dank des Vertrags über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ist die gegenseitige Verflechtung eng, was für Liechtenstein als Kleinstaat im Herzen Europas mit seiner exportorientierten Wirtschaft zentral ist. Der EWR dehnt den Binnenmarkt der EU auch auf Liechtenstein aus und umfasst ungefähr zwei Drittel des EU-Rechtsbestands. Zudem wird Liechtenstein in naher Zukunft den Verträgen von Schengen und Dublin beitreten und damit in einem weiteren bedeutenden Bereich EU-Recht zur Anwendung bringen. Die Unterzeichnung der Assoziierungsprotokolle erfolgte im Februar 2008, der Ratifikationsprozess ist jedoch noch nicht in allen Mitgliedstaaten abgeschlossen. R

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LIECHTENSTEIN

Dr. Andrea Entner-Koch leitet seit 2002 die Stabsstelle EWR der Liechtensteinischen Regierung. Die Stabsstelle koordiniert die Umsetzung des EU/EWR-Rechts, berät die Regierung in EWR-rechtlichen Belangen und vertritt sie in Verfahren vor der EFTA-Überwachungsbehörde sowie vor dem EFTA-Gerichtshof und dem Europäischem Gerichtshof.

Welche Bereiche sind vom EWR-Abkommen umfasst?

REYKJAVIK

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RUSSISCH FÖDERAT

TALLINN STOCKHOLM

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ESTLAND

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VEREINIGTES KÖNIGREICH

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WILNA MINSK

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WARSCHAU

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DEUTSCHLAND

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VADUZ

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REPUBLIK MOLDAU

PRESSBURG BUDAPEST

ÖSTERREICH

SCHWEIZ

CHISINAU

UNGARN

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SLOWENIEN LAIBACH ZAGREB KROATIEN SAN MARINO

MONACO ANDORRA

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MADRID

UKRAINE

TSCHECHISCHE REPUBLIK SLOWAKEI

LIECHTENSTEIN

FRANKREICH

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WEISSRUSSLAND

BERLIN

LUXEMBURG PARIS

Für Liechtenstein ist die Teilnahme am EWR-Abkommen von zentraler Bedeutung, souveränitätspolitisch und wirtschaftlich. Die völkerrechtlich verbindliche Absicherung der eigenstaatliLiechtenstein ein „Zwergstaat“ im Herzen Europas“ ist an einem Beitritt zum Schengenraum interessiert.

FINNLAND

Nord-

BRÜSSEL

Bedeutung für Liechtenstein

EN

Mitglieder des Schengener Abkommens: Mitglieder Mitglieder mit Ausnahmeregelungen (kein Wegfall der Grenzkontrollen) unterzeichnet, aber (noch) keine Ausführung A Nicht-EU-Staaten, t l a n t i s die c an h einer e r Schengen-Mitgliedschaft interessiert sind NO

Neben den vier Grundfreiheiten umfasst das EWR-Abkommen eine Vielzahl von Bereichen, angefangen von technischen Vorschriften, Energie, soziale Sicherheit und gegenseitige Berufsanerkennung über Finanzdienstleistungen, audiovisuelle Dienste bis zum Verbraucher- und Umweltschutz, Statistik und Gesellschaftsrecht. Dies hat mannigfaltige Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben. So haben z.B. Waren aus Liechtenstein einen ungehinderten Zugang zum EU-Markt, was für eine exportorientierte Wirtschaft mit einem kleinen Heimatmarkt entscheidend ist. Im Finanzdienstleistungsbereich hat Liechtenstein EU-Niveau, da hier die gleichen Vorschriften wie in den EU-Staaten in Bezug auf Banken, Versicherungen und Investmentunternehmen gelten. Weiters nehmen Jugendliche aus Liechtenstein in großer Zahl und begeistert an den bedeutenden EU-Austauschprogrammen (Erasmus, Leonardo, Sokrates etc.) teil. Nicht umfasst vom EWRAbkommen, das weder eine Zoll-, noch eine Währungsunion begründet, sind unter anderem folgende Bereiche: Landwirtschaft und Fischerei, Steuern, Außen- und Sicherheitspolitik sowie polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen (2. und 3. Säule der EU).

SC

Das EWR-Abkommen ist ein dynamisches Abkommen, welches laufend um neue Rechtsakte ergänzt wird. Dies garantiert die Homogenität, welche Voraussetzung ist für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Umfasste das EWR-Abkommen bei Unterzeichnung im Jahre 1992 noch rund 1500 EU-Rechtsakte, so stieg die Zahl der in das EWR-Abkommen übernommenen EU-Rechtsakte bis Juli 2008 auf insgesamt 5280 EU-Rechtsakte an. Diese alle bilden das auch in Liechtenstein anwendbare EU-Recht und stellen in den vom Vertrag umfassten Bereichen sicher, dass der EWR-Rechtsbestand ident ist mit jenem der EU. Die praktische Umsetzung des EU-Rechts in Liechtenstein wird von der EFTA-Überwachungsbehörde (ESA) in Brüssel überwacht (bei den EU-Staaten liegt diese Kontrolle bei der EU-Kommission). Dabei erreicht Liechtenstein aktuell eine Umsetzungsquote von 99.2%, womit Liechtenstein auf Platz 9 unter den 30 EWR-Staaten rangiert.

EN

Durch den EWR sind die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und die drei EWR/EFTA-Staaten – Liechtenstein, Island und Norwegen – in einem Binnenmarkt zusammengeschlossen, in welchem für alle beteiligten Staaten die gleichen Grundregeln gelten. Die Staatsbürger aller 30 EWR-Mitgliedstaaten haben somit das Recht, sich innerhalb des gesamten EWR frei zu bewegen, zu wohnen, zu arbeiten, gesellschaftliche Niederlassungen zu gründen, zu investieren und Grundbesitz zu erwerben (man spricht in diesem Zusammenhang von den so genannten‚ vier Grundfreiheiten’). Zudem untersagt das EWR-Abkommen jegliche Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit.

chen Souveränität durch Einbindung in größere Einheiten ist essentiell - je kleiner der Staat, umso wichtiger. Dabei befinden sich alle Kleinstaaten in einer widersprüchlichen Lage: Sie fürchten einerseits die Größenverträglichkeit von verstärkter Integration und den damit einhergehenden Verpflichtungen – andererseits sind sie wirtschaftlich und politisch darauf angewiesen. Mangels politischer oder militärischer Macht kann die einzelstaatliche Souveränität nur durch Mitgliedschaft in Rechtsgemeinschaften abgesichert werden. Davon abgesehen leuchtet auch unter einem wirtschaftlichen Aspekt ein, dass eine Isolation, eine Beschränkung auf den liechtensteinischen Markt, keinen Sinn machen würde. Folglich ist Liechtenstein seit EWR-Beitritt am 1. Mai 1995 ein verlässlicher Partner im europäischen Integrationsgefüge, was auch durch die hohe Umsetzungsquote dokumentiert wird. Die erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung seit 1995 legt die Schlussfolgerung nahe, dass es gelungen ist, mit der EWR-Mitgliedschaft die attraktiven Rahmenbedingungen zu erhalten bzw. auszubauen. Dabei stellt der ungehinderte Zugang zum Binnenmarkt für Waren und Dienstleistungen besonders für die sehr stark exportorientierte liechtensteinische Industrie einen bedeutenden Standortvorteil dar. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Liechtenstein mit seinem unmittelbar bevorstehenden Beitritt zu den Verträgen von Schengen und Dublin einen weiteren Integrationsschritt setzen möchte – und dadurch in Zukunft noch mehr EU-Recht auch in Liechtenstein Anwendung finden wird. n

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Was ist der Europäische Wirtschaftsraum (EWR)?

LISSABON

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BOSNIEN UND HERZEGOWINA

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MONTENEGRO PODGORICA TIRANA

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Bayerischer Monatsspiegel 151_2009 RABAT

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GRIECHENLAND

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ATHEN


LIECHTENSTEIN Dr. Norbert Seeger

Liechtenstein will ein attraktiver Finanzplatz bleiben

Gesetzesanpassungen und internationale Abkommen sollen Zukunft sichern Das Fürstentum Liechtenstein hat in den letzten Jahren gezielt daran gearbeitet, seinen Finanzplatz in das europäische Regulierungsumfeld einzubinden. Als zwar kleiner, aber breit diversifizierter und international vernetzter Wirtschaftsstandort erfüllt Liechtenstein heute insbesondere in der Rechtsanwendung und in der Aufsicht über den Finanzplatz internationale Standards. Durch die bisherigen und künftigen Bemühungen soll die Zukunft dieses für die liechtensteinische Volkswirtschaft wichtigen Wirtschaftszweiges langfristig abgesichert werden. R

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LIECHTENSTEIN Das Fürstentum Liechtenstein verfügt im internationalen Vergleich über einen hohen Wohlstand. Mit rund 100.000 Franken liegt das Pro-Kopf-Einkommen deutlich über allen andern europäischen Staaten, der Staat verfügt über ansehnliche Reserven und die Arbeitslosenquote liegt unter 3 Prozent. Die Wirtschaft ist – entgegen anderslautenden Vermutungen – sehr breit diversifiziert. Eine hoch spezialisierte Industrie agiert weltweit und exportiert 98 Prozent ihrer Produkte. Mehrere liechtensteinische Unternehmen sind Marktführer in ihrem Spezialgebiet. In Liechtensteins Industrie erarbeiten knapp 45 Prozent der Beschäftigten rund 40 Prozent der Bruttowertschöpfung des Landes.

Bedeutung des Finanzsektors Auch der Finanzplatz leistet einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand: Zwar beschäftigt er lediglich 15 Prozent aller Beschäftigten, doch erbringt er knapp 30 Prozent der Wertschöpfung und finanziert darüber hinaus rund 40 Prozent des Staatshaushalts. Rechnet man auch die vom Finanzplatz abhängigen Branchen, wie das Bauwesen, die Gastronomie und die verschiedenen Zulieferer dazu, wird die vom Finanzplatz abhängige Steuerleistung deutlich höher. Angesichts dieser Wirtschafts- und Ertragsstruktur ist es klar, dass der Staat alles daran setzt, die Grundlagen des Wohlstands zu erhalten und durch nachhaltiges Wachstum zu sichern.

Liechtenstein in Europa integriert

© Presse- und Informationsamt, Vaduz

Seit 1995 ist Liechtenstein Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), zu dem sämtliche EU-Staaten sowie Norwegen und Island gehören. Aufgrund der Verpflichtungen aus dieser Mitgliedschaft hat Liechtenstein seither rund 5.000 EU-Richtlinien übernommen und in nationale Gesetze überführt. Ein großer Teil dieser Gesetze betrifft die Stärkung und Modernisierung des Finanzplatzes. So wurde zur Bekämpfung der Geldwäsche eine Financial Intelligence Unit geschaffen und der gesamte Finanzsektor einer unabhängigen Finanzmarktaufsicht unterstellt. Weitere Schwerpunkte waren unter anderem eine Totalrevision des Rechtshilfegesetzes und eine Verschärfung des Sorgfaltspflichtgesetzes, der Erlass eines Gesetzes für Investmentunternehmen sowie die Übernahme

der EU-Finanzmarktrichtlinie (MiFID), die einen einheitlichen Rechtsrahmen für die Erbringung von Wertpapierdienstleistungen und Anlagetätigkeiten bietet.

Internationale Zusammenarbeit Gleichzeitig wurde die internationale Zusammenarbeit durch den Abschluss verschiedener Abkommen gestärkt: • Im Jahr 2002 wurde zwischen dem Fürstentum Liechtenstein und den Vereinigten Staaten ein Rechtshilfeabkommen abgeschlossen, das dem Schutz der internationalen Finanzmärkte vor Terror, organisiertem Verbrechen und Wirtschaftskriminalität dient. • Im Jahr 2005 trat ein Abkommen zwischen Liechtenstein und der EU betreffend die Zinsbesteuerung in Kraft. Seither erhebt Liechtenstein auf Zinszahlungen an Personen mit Wohnsitz in einem EU-Land einen Steuerrückbehalt, der zu 75 Prozent ans jeweilige Wohnsitzland fliesst. • Ebenso hat Liechtenstein mit der EU ein Abkommen über seine Beteiligung an den Schengen/Dublin-Vereinbarungen ausgehandelt. Die Inkraftsetzung steht bevor.

IWF lobt Liechtenstein Die Bemühungen Liechtensteins, seine nationalen Gesetze an hohe internationale Standards anzupassen – viele sind die höchsten innerhalb der EU! – und die internationale Kooperation im Finanzsektor zu stärken, sind nicht unbeachtet geblieben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in den Jahren 2002 und 2007 in Liechtenstein Assessments über die Qualität des Finanzplatzes durchgeführt und dem Land ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt.

Auswirkungen des EWR-Beitritts Der Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum hat dem Finanzsektor neue Möglichkeiten eröffnet: • Dank der Einheitslizenz für Banken können sich EWRBanken in Liechtenstein ansiedeln und liechtensteinische Banken Niederlassungen im EWR errichten. Heute sind in Liechtenstein 16 Banken tätig, die ein Kundenvermögen von über 200 Milliarden betreuen.

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LIECHTENSTEIN • Durch den EWR wurde auch der Aufbau eines Versicherungsstandorts möglich. Ein 1996 erlassenes Versicherungsaufsichtsgesetz schuf vorteilhafte Rahmenbedingungen für Lebens-, Schadens- und Rückversicherungsunternehmen. Heute sind in Liechtenstein 37 Versicherungsgesellschaften mit einem Prämienvolumen von knapp 7 Milliarden Franken tätig; 96 Prozent davon entfallen auf Lebensversicherungen. • Auch als Fondsstandort hat die Bedeutung Liechtensteins zugenommen. 2007 boten 303 inländische und 246 ausländische Fonds ihre Produkte an; sie verwalteten ein Kundenvermögen von 30 Milliarden Franken. • Schliesslich hat auch die Schaffung eines Vermögensverwaltungsgesetzes neue Möglichkeiten eröffnet. 2007 waren in Liechtenstein 90 Gesellschaften mit einem betreuten Kundenvermögen von über 21 Milliarden Franken tätig.

Reform des Finanzplatzes geht weiter Liechtenstein hat im Jahr 2000 die Reform seiner Finanzdienstleistungsbranche in Angriff genommen. Seither wurden zahlreiche Gesetzesvorhaben realisiert und wichtige internationale Abkommen geschlossen, welche die Position Liechtensteins gestärkt und seine Reputation als Finanzplatz gefestigt haben. Der Reformprozess geht aber weiter: • Ein wichtiges Element der Reform bildet ein kürzlich verabschiedetes neues Stiftungsrecht, in dem die Rechte und Pflichten des Stifters und der Begünstigten neu geregelt und Stiftungen einer neu geschaffenen Stiftungsaufsicht unterstellt wurden. • Ein zweiter Schwerpunkt ist die Revision des Steuergesetzes, mit dem die Attraktivität Liechtensteins als Wirtschafts- und Finanzstandort untermauert und langfristig gesichert werden soll. Es knüpft an die bisherige Tradition eines günstigen und wettbewerbsfähigen Steuersystems an, wird aber auch die rechtlichen Verpflichtungen aus der EWR-Mitgliedschaft berücksichtigen. • Drittes Element ist schließlich das in seiner Substanz bereits ausgehandelte Betrugsabkommen mit der Europäischen Union. Der im Abkommen definierte Betrugsbegriff deckt grundsätzlich alle Delikte im Zusammenhang mit indirekten Steuern ab.

Mit Futuro in die Zukunft Unter dem Namen Futuro hat das Fürstentum Liechtenstein eine Vision für die Zukunft des Finanzplatzes erarbeitet, die nicht nur die Bedürfnisse der Finanzbranche berücksichtigt, sondern von einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung ausgeht. Ziel ist die langfristige Sicherung eines nachhaltigen Wachstums. Die Vision basiert auf den traditionellen Stärken des Finanzplatzes und setzt den Fokus auf das Private Wealth Management. Man will stärker als bisher die Chancen aus der Zugehörigkeit zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und zum Schweizer Wirtschaftsraum nutzen. Darüber hinaus fordert die Vision die Schaffung eines einzigartigen rechtlichen Umfelds, die Befolgung höchster internationaler Standards bei der Rechtsanwendung, den Aufbau eines Pools von erstklassigen Spezialisten sowie eine professionelle internationale Vermarktung des Standorts Liechtenstein. Kooperation in Steuerfragen «Mit dem Abschluss des Betrugsabkommens würden wir uns im Bereich der Kooperation in Steuerfragen auf den gemeinsamen europäischen Nenner begeben. Wir haben unseren Beitrag für den bisherigen Verhandlungserfolg geleistet. (…) Angesichts des internationalen Trends hin zu einer verstärkten Zusammenarbeit in Steuerfragen und der bereits in den letzten Monaten gemachten Kooperationsangebote ist die Zeit gekommen, unser System der Rechts- und Amtshilfe im Bereich der Steuern auf eine neue Grundlage zu stellen. Wir sollten in Zukunft all jenen Staaten eine umfassende Kooperation anbieten, die bereit sind, mit uns sinnvolle Lösungen für die gewachsenen Kundenbeziehungen zu finden und an einer fairen und konstruktiven Zusammenarbeit für die Zukunft interessiert sind.» (S. D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein in seiner Ansprache zum Staatsfeiertag am 15. August 2008) «Die Politik der Liechtensteinischen Regierung war und ist es, Liechtenstein schrittweise in ein internationales Regelwerk einzubinden, um damit einerseits unsere Souveränität als Mitglied des Europarates, der Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation und des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) abzusichern und damit andererseits der liechtensteinischen Wirtschaft den Zugang zu internationalen Märkten zu ermöglichen. (…) Bei der Kooperation zur Ahndung von Delikten, die indirekte Steuern, wie zum Beispiel die Mehrwertsteuer, betreffen, hat Liechtenstein bereits mit dem im Februar unterzeichneten Beitrittsabkommen zum Schengenraum den europäischen Standard übernommen. (…) Für die direkten Steuern, also zum Beispiel die Einkommenssteuer, bedeutet das im Juni dieses Jahres in der Substanz verhandelte (Betrugs)-Abkommen vollumfängliche Rechtsund Amtshilfe in Fällen von Steuerbetrug und ähnlichen Delikten.» (Otmar Hasler, Regierungschef bis Februar 2009, und sein Nachfolger Klaus Tschütscher in einem Beitrag in der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 9. August 2008)

Starker Schutz der Privatsphäre Weiterhin unbestritten ist der Schutz der Privatsphäre und des Eigentums. Liechtensteins Wirtschaftssystem bietet Anreize zur privaten Leistungserbringung und überbindet dem Individuum und den Unternehmen große Verantwortung für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft. Daraus ergibt sich ein weitgehender Schutz der Privatsphäre – zu der auch das Bankkundengeheimnis gehört. n

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Dr. Norbert Seeger ist seit 1984 als Rechtsanwalt in Liechtenstein zugelassen. Von 1986-1993 war er Richter am Verwaltungsgerichtshof und Vorstandsmitglied der Liechtensteinischen Rechtsanwaltskammer. Er gründete das Advokaturbüro Seeger und ist seit 2005 Präsident des FinQ Qualitätsinstitutes für Finanzdienstleistungen eV, Vaduz. Von 1995 bis 2000 war er Präsident der Fortschrittlichen Bürgerpartei in Liechtenstein.

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LIECHTENSTEIN

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lic.oec. HSG Iwan J. Ackermann

Investment Controlling: Für Transparenz, Effizienz und Übersicht Ein überaus bewegtes Jahr an den internationalen Finanzmärkten liegt hinter uns und mancher Anleger wundert sich noch immer, wie ihm geschehen ist. Heftige Kursausschläge, durchbrochene Barrier Levels – nicht nur bei strukturierten Produkten – und teils erhebliche Verluste bei als „risikoarm“ geltenden Anlagen haben die Aspekte Sicherheit und Kontrolle bei der Vermögensanlage wieder deutlich in den Mittelpunkt gerückt. Die Aufteilung der Anlagen in verschiedene Branchen und Märkte, verwaltet von verschiedenen Finanzinstituten, hilft hier, das Risiko zu mindern. Oft leiden dabei jedoch Transparenz und Kostenkontrolle. Investment Controlling ist damit zu einem absolut zeitgemässen Instrument in der Vermögensbewirtschaftung avanciert. Ein Investment Controller steht dem Kunden als neutraler und unabhängiger Berater zur Seite, da er für seine Dienstleistung ein klar definiertes Honorar und keine leistungsabhängigen Vergütungen erhält. Seine Tätigkeit kann in die Bereiche Con­sulting, Monitoring, Controlling und Reporting unterteilt werden. Consulting: Der Investment Controller hilft bei der Erarbeitung einer massgeschneiderten Anlagestrategie, basierend auf den individuellen Bedürfnissen eines Kunden sowie bei der Mandatsvergabe und dem Aushandeln der Konditionen. Monitoring: Durch die fortlaufende Überwachung der Anlagerichtlinien kann ein Investment Controller allfällige Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Er prüft sowohl die Einhaltung möglicher Bandbreiten als auch die Qualität des Bewirtschaftungsprozesses.

Controlling: Die besten Kosten sind noch immer jene, die erst gar nicht entstehen. Der Kunde profitiert bei einem Investment Controlling von einer transparenten Aufstellung der anfallenden Kosten. Aber auch die Marktkonformität von Wertschriftenund Devisenkursen oder Valutastellung werden fortlaufend überwacht. Reporting: Ein massgeschneidertes Reporting zeigt transparent die führungs- und entscheidungsrelevanten Informationen auf. Nebst den Ergebnissen aus Monitoring und Controlling werden auch detaillierte Angaben zu den Stärken und Schwächen der einzelnen Manager festgehalten. Ausserdem können die Daten sogar in einer Wertschriftenbuchhaltung weiterverwendet werden. Die Dienstleistung des Investment Controlling richtet sich sowohl an institutionelle wie auch an private Anleger. Sie eignet sich prinzipiell immer dann, wenn Vermögenswerte extern bewirtschaftet werden, die Überwachung der Risiken und die Beurteilung der Leistungen sich jedoch schwierig gestaltet. n Iwan J. Ackermann, CEO der First Advisory Group, einem der ältesten, größten und renommiertesten Treuhand-Unternehmen in Liechtenstein. Die traditionelle Unabhängigkeit erlaubt eine individuelle und neutrale Beratung der Kunden auf höchstem Niveau.

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www.firstadvisorygroup.com Vaduz ◆ Fürstentum Liechtenstein Nachfolgeplanung ◆ Asset protection ◆ unabhängige Beratung

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Steuerplanung ◆ internationales Gesellschaftsmanagement

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LIECHTENSTEIN Günther Meier

Liechtenstein hat sich mit 35 000 Einwohnern und rund 30 000 Arbeitsplätzen in den letzten drei Jahrzehnten zu einem bedeutenden regionalen Wirtschaftsplatz entwickelt. Mit der Hochschule Liechtenstein und der Privaten Universität sowie dem Liechtenstein Institut stehen auch drei international ausgerichtete Bildungsinstitutionen für die Region zur Verfügung. Wissen zählt zu den entscheidenden Faktoren unserer heutigen Gesellschaft. Investitionen in die Bildung wirken sich positiv auf die Wirtschaft aus, wobei gerade ein kleines Land wie Liechtenstein – ohne Rohstoffe und mit wenig natürlichen Ressourcen – sich im internationalen Standortwettbewerb nur durch ein hervorragendes Bildungsniveau behaupten kann. Liechtensteins Bildungswesen ist auf nachbarschaftliche Kooperation angelegt. Die Berufsausbildung im dualen System mit einerseits Berufsschule und andererseits Lehrplatz R

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© Stabsstelle für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit • Postfach 684 • 9490 Vaduz

Bildungsstandort mit nachbarschaftlichem Teamwork


LIECHTENSTEIN in der Wirtschaft erfolgt in Zusammenarbeit mit der Schweiz: Die praktische Ausbildung erhalten die Auszubildenden in den einheimischen Unternehmen, während die theoretische Berufsausbildung in den schweizerischen Berufsschulen absolviert wird. Auch ein großer Teil der Studierenden belegt einen Studienplatz an einer ausländischen Hochschule oder Universität, vorwiegend in der Schweiz und Österreich. Zugleich aber entwickelte sich Liechtenstein zu einem regionalen Bildungsplatz, der von der Hochschule Liechtenstein geprägt wird. © Stabsstelle für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit • Postfach 684 • 9490 Vaduz

Hochschule Liechtenstein als regionale Ausbildungsstätte

Hochschule Liechtenstein.

Diese Hochschule ging aus dem 1961 gegründeten Abendtechnikum Vaduz und der nachfolgenden Liechtensteinischen Ingenieurschule hervor und konzentriert sich auf ihre Kernkompetenzen Wirtschaftswissenschaften und Architektur. In der ehemaligen Baumwollspinnerei Jenny&Spoerry entwickelte sich eine Denkfabrik mit qualitativ hoch stehender Lehre, die dem Praxisbezug einen großen Stellenwert beimisst. Als Ausund Weiterbildungsstätte mit Hochschulniveau hat sie ein internationales Beziehungsnetz zu Hochschulen und Universitäten in Europa, Amerika und Asien geknüpft.

zumeist auf Neuland. Hochaktuell ist der Master-Studiengang in Vermögensrecht, der auf den Bereich des Private Wealth Management ausgerichtet ist. Er umfasst die rechtlichen Anforderungen bei Vermögenserwerb und Vermögenstransfer in den deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein und wird durch eine Grundausbildung im englischen Recht ergänzt. Bei Studienaufenthalten in Hongkong und Singapur lernen die Absolventen zudem die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen- und Standortbedingungen der im Wealth Management bedeutenden Märkte Asiens kennen.

Schon als Fachhochschule betrieb die Hochschule Liechtenstein eine dynamische Bildungs- und Innovationsstrategie und wurde zu einer treibenden Kraft in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Liechtensteins. So setzte sie die Bologna-Erklärung der EU-Bildungsminister, mit der 1999 das Bachelor- und Mastersystem eingeführt wurde, als eine der ersten Bildungsinstitutionen in Europa konsequent um. Die Hochschule bietet in ihren Fachrichtungen Architektur und Wirtschaftswissenschaften Spezialisierungen in Entrepreneurship, Finanzdienstleistungen sowie Wirtschaftsinformatik und kooperiert zudem eng mit der Wirtschaft. Institute und An-Institute wirken als Kompetenzzentren, denen der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gelingt. Und das KMU-Zentrum, das dem Institut für Entrepreneurship angegliedert ist, wurde zur Drehscheibe für Transfer- und andere Dienstleistungen für kleine und mittlere Unternehmen. Mit der an der Hochschule eingerichteten Konjunkturforschungsstelle Liechtenstein (KOFL) steht ein Kompetenzzentrum für volkswirtschaftliche Fragestellungen in Liechtenstein zur Verfügung.

Kleine Universität mit Nischenangeboten Neben der Hochschule wurde seit dem Jahr 2000 auf private Initiative hin eine Universität mit einem exklusiven Studienangebot aufgebaut. Die noch junge Private Universität in Liechtenstein (UFL) hat Modellcharakter in der postgradualen Ausbildung und Forschung und führt neben dem Fachbereich «Wissenschaftliche Medizin» auch den Fachbereich «Rechtswissenschaften». Die Private Universität im Fürstentum Liechtenstein fühlt sich laut ihrem Gründer und Vorsitzenden des Universitätsrates, Dr. Peter Ritter, dem Humboldt’schen Erbe verpflichtet, lehrend und forschend tätig zu sein. Die Forschungsprogramme orientieren sich an jüngsten Entwicklungen, die Professoren und Dozenten forschen und lehren

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Neben der postgradualen Weiterbildung mit den MasterStudiengängen können an der Universität auch zwei berufsbegleitende Doktoratsstudien – «Dr. scient.med.» (Wissenschaftliche Medizin) und «Dr. jur.» (Vermögensrecht) – belegt werden. Die Zulassung zu diesen Studien setzt den Abschluss eines Master-Studiums oder eines gleichwertigen anderen Universitätsstudiums voraus. Einen weiteren ExecutiveMaster-Studiengang bietet die Universität in Mediation und Konfliktmanagement (M.M.) an, der auf wissenschaftlicher Grundlage auf außergerichtliche Konfliktlösungsverfahren für die verschiedensten Bereiche wie Familie, Wirtschaft, Umwelt, Verwaltung oder Schule vorbereitet. Mit Studienbeginn 2009 wird die Universität den Studiengang Executive Master Europäisches IT-Recht (LL.M.) neu in das Studienprogramm aufnehmen.

Liechtenstein-Institut als Forschungsstelle Eine weitere wichtige Bildungsstätte ist das 1986 gegründete Liechtenstein-Institut, das sich der für Liechtenstein relevanten Forschung in den Fachgebieten Rechtswissenschaft, Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft und Geschichte widmet. Die Ergebnisse werden vor allem in der Schriftenreihe «Liechtenstein – Politische Schriften» publiziert. n Günther Meier ist Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ für das Fürstentum Liechtenstein und leitet als Chefredakteur die Zeitschrift „Der Monat – Das Magazin für Liechtenstein“. Von 1984 bis 1999 war er Chefredakteur der Tageszeitung „Liechtensteiner Volksblatt“.

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LIECHTENSTEIN Michael Lauber

Konsolidierung im Bankensektor Wie die Schweiz will auch Liechtenstein zu den wettbewerbsfähigsten Finanzplätzen der Welt im Private Banking zählen. Doch der Druck auf Offshore-Finanzplätze und so genannte Steueroasen wächst und damit auch jener auf den Finanzplatz Liechtenstein. Die Liechtensteinischen Banken haben bereits seit langem ihre Strategie auf das Onshore- und damit das Wachstumsgeschäft neu ausgerichtet. So haben die Banken Expansionen vorangetrieben und die Nähe zum Kunden im Ausland gesucht. In den letzten Jahren wurden seitens Liechtensteinischer Banken unzählige Niederlassungen im europäischen und im asiatischen Raum gegründet. Die Banken in Liechtenstein haben damit auf die Globalisierung der Weltwirtschaft reagiert. Nun hat auch die Politik reagiert. Bereit für Veränderungen sollen neue Modelle internationaler Partnerschaften auch auf politischer Ebene erarbeitet und die Rahmenbedingungen auf noch stabilere Pfeiler gestellt werden. R

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LIECHTENSTEIN

Die politische und wirtschaftliche Stabilität und Integrität, die Eingliederung in den europäischen Wirtschaftsraum dank der EWR-Mitgliedschaft, die Anbindung an den starken Schweizer Franken und eine verankerte Kultur zum Schutz der Privatsphäre werden wichtige Eckpfeiler bleiben, jedoch im weltweiten Wettbewerb allein nicht ausreichen. Die Banken sind zu Veränderungen bereit und unterstützen die Politik im Land selbst bei Vorhaben wie Stiftungsrechtsreform, Steuerrechtsreform und dem Projekt „Futuro“. Ein kleines Land wie Liechtenstein mit 35.000 Einwohnern und fehlenden Rohstoffen kann und darf sich nicht isolieren. Mit knapp dreißig Prozent Anteil am BIP des Landes ist sich der Bankenplatz seiner Verantwortung bewusst.

Effizienz und Schutz der Privatsphäre Fortlaufende Regulierung und damit verbundene Kosten, aber auch tief greifende Veränderungen in Bezug auf internationale Kooperationen zwingen die Banken zu Wachstum. Die weltweit großen Veränderungen gerade im Bereich des Private Wealth Managements betreffen den Bankenplatz Liechtenstein stark. Das verpflichtet zu stets neuen innovativen Ideen und Produkten und einer permanent steigenden Dienstleistungsqualität sowie Effizienz. Eine Vergleichsstudie zum internationalen Private Banking 2007 wies Liechtensteins Banken eine der höchsten Performances gegenüber ihren internationalen

Der Schweizer Franken (CHF) ist die offizielle Währung in Liechtenstein. Euros werden an den meisten Orten akzeptiert.

Mitbewerbern im Vergleich zu Vorjahren aus. Das hat zum einen den Hintergrund, dass Banker und Vermögensverwalter nach immer neuen Instrumenten zur sicheren und gleichzeitig ertragsreichen Performance suchen und zum anderen bereit sind, diese innovativ einzusetzen. Das unternehmerische Denken der Private Banker in Liechtenstein zahlt sich aus. Und obwohl Liechtensteins Banken gemäß dieser Studie nach der Schweiz die höchsten Löhne zu verzeichnen haben, ist ihr Pro-Kopf-Gewinn im internationalen Vergleich am höchsten. Deshalb werden die Banken aus Liechtenstein mit ihrer Effizienz, ihrem Know-how, ihrem liechtensteinischen

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© Presse- und Informationsamt, Vaduz

Reformen werden unterstützt

Unterzeichnung der europäischen Übereinkommen am 18. November 2008. Regierungsrätin Rita Kieber-Beck, Generalsekretär Terry Davis.

Heimatdomizil und ihrer Internationalität weiter an Bedeutung und Reputation gewinnen. Es ist dabei zentrale Aufgabe der Zukunft, verstärkt in Know-how und Aus- wie auch Weiterbildung von High Professionals am Finanzplatz Liechtenstein zu investieren. Die Internationalität des Finanzplatzes bietet Möglichkeiten, Know-how zu fördern und auch einzusetzen.

Stabiler Standort in Europa Bis zum Jahr 2007 konnten die Liechtensteinischen Banken ein stetes Wachstum verzeichnen. Seit 2002 haben sich die verwalteten Vermögen praktisch verdoppelt und die 200 Mrd.Grenze erreicht. Mit den Turbulenzen an den Finanzmärkten sowie der deutschen Steueraffäre ist ein Rückgang beim Gewinn bzw. der Akquisition von Neugeldern festzustellen. Es ist nicht auszuschließen, dass ein kurzfristiger Trend der Abwanderung von Kapital stattfindet und die Banken nach einem rasanten Wachstum in eine Konsolidierungsphase treten. Aufgrund der getätigten Investitionen und vorausschauendem Handeln können Liechtensteins Banken ihre Wachstumsstrategie dennoch fortsetzen. Langfristig wird sich der Finanzplatz Liechtenstein als sicherer und vertrauenswürdiger Standort inmitten Europas profilieren können. Bei der Suche nach stabilen Standorten im Zuge der Globalisierung werden gerade Europäer aber auch internationale Kunden wieder vermehrt in vertraute Standorte investieren. Liechtensteins Finanzplatz als EWR-Mitglied und mit großer wirtschaftlicher Nähe zur Schweiz ist auf diese Entwicklung vorbereitet. n

Michael Lauber ist seit 2004 Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbandes. Nach seiner Tätigkeit als Untersuchungsrichter wechselte er zur Spezialfahndung 1 der Berner Kriminalpolizei des Kantons Bern und danach zur Zentralstelle Organisierte Kriminalität des Bundesamtes für Polizei in Bern. Von 2001 bis 2004 führte er die Financial Intelligence Unit in Liechtenstein.

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LIECHTENSTEIN Werner Meissl

Erfolgreiches Scharnier Versicherungsstandort Liechtenstein vereint die Schweiz mit der EU In meiner Beratungstätigkeit erlebe ich immer wieder, dass für die Standortwahl Liechtenstein das „Steuerparadies“ als wesentliches Motiv gesehen wird. Die Praxis zeigt aber, dass dies nur ein Kriterium neben vielen anderen ist und letzlich das Steuermotiv weit in den Hintergrund tritt. Selbstverständlich findet Steuerwettbewerb statt. So sanken beispielsweise die Gewinnsteuern im Durchschnitt um 11.6 auf 23.7 Prozent. In einigen neuen EU-Ländern oder in Irland liegen diese Sätze unter dem Durchschnitt, teilweise sogar unter 10 Prozent. Mit 17 Prozent und bei Gewinnausschüttung bis 23 Prozent liegt Liechtenstein zwar immer noch unter dem Durchschnitt, aber die Paradiese für Unternehmensbesteuerung liegen woanders. Um dem wieder ein wenig näher zu kommen, plant Liechtenstein eine Steuerreform, die zu Unternehmenssteuern von 12.5 Prozent führen soll. Steuerwettbewerb oder Steuerkartell, das scheint auf europäischer Ebene die Frage zu sein. Die Schweiz und Liechtenstein haben eine Antwort darauf. In der Schweiz beträgt der durchschnittliche Steuersatz auf Unternehmensgewinne 19,2 Prozent. Das ist um 1,4 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Im internationalen KPMG-Ranking liegt die Schweiz damit auf Rang 10. Da die Steuerhoheit im wesentlichen bei den 26 Kantonen liegt, interessiert weniger der Durchschnitt als die tatsächlichen Steuersätze: Im höchst besteuerten Kanton sind es 24,2, im niederst besteuerten Kanton 12,7 Prozent. Wäre das nicht ein nachahmenswertes Steuermodell für die 27 EU-Staaten?

Ein Wust an Wörtern Bei der Standortwahl für Unternehmen gibt es eine große Anzahl von Auswahlkriterien. Eines davon ist die Jurisdiktion. Wenn Sie feststellen, dass das maßgebliche Gesetz dem Sie mit Ihrer Geschäftstätigkeit in Liechtenstein unterliegen, aus 12.407 Wörtern besteht, wird Ihnen vielleicht das Wort Bürokratismus in den Sinn kommen. Wenn Sie aber erfahren, dass es in Ihrem eigenen Land dafür fünfmal so vieler Wörter bedarf, genau 60.152, haben Sie wahrscheinlich eine Vorentscheidung getroffen. Seit 1. Mai 1995 gehört Liechtenstein dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) an und hat gleichzeitig mit dem Nicht-EWR Land Schweiz eine Zoll- und Währungsunion. Anfang 1996 trat

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LIECHTENSTEIN ein EU-konformes Versicherungsaufsichtsgesetz in Kraft, dem ein Jahr später die entsprechende Verordnung folgte. Im Juli 1998 trat ein bilaterales Abkommen zwischen dem Fürstentum Liechtenstein und der Schweizerischen Eidgenossenschaft hin­sichtlich Direktversicherungen in Kraft. Dieses ermöglicht Schweizer und Liechtensteiner Versicherungen, vereinfacht im jeweils anderen Land Niederlassungen zu gründen. Wodurch Schweizer Versicherungen mit einer Niederlassung in Liechtenstein den Zugang zum Europäischen Markt finden, während EU-Versicherer von Liechtenstein aus in der Schweiz tätig werden können.

Derzeit sind in Liechtenstein einundvierzig Gesellschaften zum Geschäftsbetrieb zugelassen: • 14 Schadenversicherungen, davon 6 Captives (Eigenversicherungen) • 22 Lebensversicherungen • 5 Rückversicherungen, davon alle als Captives (Eigenversicherungen) • 4 Pensionsfonds Bisher dominieren klar die Lebensversicherungen. Das hat verschiedene Gründe. Zum ersten steht die Lebensversicherung als Instrument der Altersvorsorge in engem Zusammenhang mit der Vermögensbildung und damit auch mit dem Banken- und Fondsplatz Liechtenstein. Fast alle Lebensgesellschaften haben ihren Schwerpunkt in der fondsgebunden Lebensversicherung. Diese ermöglicht ein breites Anlagespektrum, das auch Kapitalanlagen außerhalb von Investmentfonds zulässt. Das Modell hat wesentlich zum Erfolg der Lebensversicherung aus Liechtenstein beigetragen und wird in ähnlicher Form auch von luxemburger und irischen Versicherern angeboten. Das Modell der individuellen Vermögensverwaltung pro Versicherungsvertrag wird seit 1.1.2009 in Deutschland nicht mehr als steuerprivilegierte Lebensversicherung anerkannt. Fondsgebundene Lebensversicherungen, die in öffentlich vertriebene Investmentfondsanteile oder Anlagen, (die die Entwicklung eines öffentlichen Indexes abbilden), investieren, bieten nach wie vor einen lukrativen Steuervorteil. Das gilt für jede Lebensversiche­ rung, die diese Kriterien erfüllt, egal ob es eine deutsche, liechtensteiner oder eine Gesellschaft aus einem anderen EU-Land ist. Der Steuervorteil besteht darin, dass die Erträge aus einer Lebensversicherung nicht der Abgeltungssteuer unterliegen. Erfolgt die Auszahlung der Versicherung nach zwölf Jahren und nach dem 60. Lebensjahr, so ist der Ertrag mit dem halben Steuersatz zu versteuern. Während der Laufzeit des Vertrages fällt keine Steuer an und es ist daher auch keine Angabe in der Steuererklärung notwendig. Das Konkursprivileg ist eine Besonderheit im liechtensteinischen und schweizerischen Versicherungsrecht. Es normiert, dass beim Konkurs des Versicherungsnehmers der Anspruch aus der Lebensversicherung nicht in die Konkursmasse fällt, wenn Ehegatten oder Kinder bezugsberechtigt sind. Nachlassplanung. Der Anspruch aus einer Lebensversicherung fällt nicht in den Nachlass, wenn im Vertrag ein Begünstigter benannt ist. Das bedeutet, der Begünstigte erwirbt direkt den Anspruch aus dem Vertrag unabhängig von Erbfolge oder Nach-

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lass. Werden dadurch Pflichtanteilsansprüche verletzt, ist die Anfechtung nur beim Begünstigten möglich.

Mit 50 Euro dabei Unter den 22 Lebensversicherern haben sich einige Gesellschaften auf das Geschäft mit hohen Beiträgen fokussiert, bei denen die Vermögensverwaltung im Vordergrund steht. Andere bieten ihre fondsgebundenen Produkte ab Monatsbeiträgen von 50 Euro über den Maklervertrieb an, wieder andere haben sich auf den Bankenvertrieb konzentriert oder versuchen mit neuen Deckungsformen zu punkten. Eine Besonderheit besteht freilich durch das bilaterale Versicherungsabkommen mit der Schweiz. So hat ein deutscher Lebensversicherer seinen Standort in Vaduz, um von dort den schweizer Markt zu bedienen. Umgekehrt sehen mehr als die Hälfte der ansässigen schweizer Lebensversicherer im Liechtensteiner Modell eine Ergänzung ihres Kerngeschäftes um Vermögensverwaltung und Zugang zum EU-Markt. Die größten österreichischen Gesellschaften sind ebenfalls vertreten. Eine deutsche Gesellschaft, die den ersten liechtensteinischen Pensionsfonds gegründet hat, ist mittlerweile auch in der Lebensversicherung tätig. Eine große deutsche Gesellschaft hat ihr Liechtenstein-Projekt wegen der Stiftungsaffäre zur Gänze zurückgezogen, obwohl das Genehmigungsverfahren fast abgeschlossen und bereits Personal rekrutiert war.

Weniger Bevormundung Die Dynamik bei den Zulassungen von Lebensversicherungen wird sich in den nächsten Jahren eher abschwächen. Im Bereich der Schadens- und Rückversicherung einschließlich der Captives sehe ich noch beachtliches Potential. Das 2007 in Kraft getretene Pensionsfondsgesetz hat bisher zur Gründung von vier Pensionsfonds geführt. Auch hier sehe ich noch große Entwicklungsmöglichkeiten, weil auch in diesem Bereich die Flexibilität und Gestaltungmöglichkeiten das eigentliche Wettbewerbskriterium ist. Mehr Eigenverantwortlichkeit und weniger staatliche Bevormundung und eine auf das Wesentliche beschränkte und EU-konforme Gesetzgebung sind die Treiber für den Versicherungsstandort. Die Unabhängigkeit der integrierten Finanzmarktaufsicht (FMA) wird auch in Zukunft gewährleistet sein. Sie sollte aber nicht der Versuchung unterliegen, die Freiräume, die die EU-Richtlinien bieten, zugunsten der oft komplizierten Anwendungspraxis in anderen Ländern aufzugeben. Die vorhandenen Versicherungs- und Sorgfaltspflichtgesetze bieten eine solide Basis, die in ihrer Strenge manch andere nationale Gesetzgebung in der EU übertrifft. Infos über die maßgeblichen Gesetze und alle zugelassenen Versicherungsgesellschaften unter www.a-services.li n Werner Meissl ist Verwaltungsratspräsident der Assurance Services AG und der Quantum Leben AG sowie akademisch geprüfter Versicherungskaufmann an der Wirtschafts-Uni. Er war Vorstandsvorsitzender einer österreichischen Lebensversicherung sowie Vorsitzender der Geschäftsleitung einer liechtensteinischen Lebensversicherung. Von 1998 bis 2002 war er Präsident des Liechtensteinischen Versicherungsverbandes e.V.

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LIECHTENSTEIN

Hannes Suter

Das neue liechtensteinische Stiftungsrecht – eine Alternative bei Gemeinnützigkeit Seit dem Jahr 2001 strebte die liechtensteinische Regierung eine Überarbeitung des liechtensteinischen Stiftungsrechts an, welche 2005 zu einer Totalrevision des Stiftungsrechts führte. Ziel war es nicht nur das Stiftungsrecht in Einklang mit der geltenden Rechtssprechung zu bringen und durch eine systematische und differenzierte Kodifizierung die Rechtssicherheit zu erhöhen, sondern darüber hinaus sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, welche den nationalen und internationalen Anforderungen an ein homogenes und in sich geschlossenes Gesetzeswerk entsprechen. Nachfolgend soll kurz auf einige Kernpunkte der Revision, welche aus Sicht des wirtschaftlichen Stifters von Belang sind, eingegangen werden.

Stiftungszweck Im Gegensatz zum deutschen Recht sind privatnützige Zwecke nicht nur legitim, sondern stellen vielmehr die weitaus häufigste Stiftungsform dar. Gemäss Art. 552 § 2 Abs. 3 PGR handelt es sich um eine privatnützige Stiftung, wenn diese ganz oder überwiegend privaten oder eigennützigen Zwecken zu dienen bestimmt ist, insbesondere die so genannten Familien­ stiftungen. Gemeinnützig sind hingegen solche Stiftungen, mittels deren Zweck, die Allgemeinheit gefördert wird. Abgestellt wird dabei auf einen bestimmten Zeitpunkt, so dass eine Zweckänderung von privatnützig in gemeinnützig im Laufe des Bestehens einer Stiftung möglich ist.

Verantwortlichkeit des Stifters Art. 552 § 4 Abs. 3 PGR stellt klar, dass die treuhänderische Gründung einer Stiftung nicht als Scheingeschäft zu betrach-

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ten ist. Obgleich es sich um einen Fall der indirekten Stellvertretung handelt, gilt der Geschäftsherr als Stifter, mit der Folge, dass die Stifterrechte unmittelbar dem wirtschaftlichen Hintermann zukommen. Um die Perpetuierung der Stiftung zu gewährleisten, ist eine Abtretung oder Vererbung der Rechte nicht möglich (Art. 552 § 30 PGR).

Eintragungspflicht/Stiftungsaufsichtsbehörde Gemäss Art. 552 § 14 Abs. 4 und 5 PGR sind gemeinnützige Stiftungen eintragungspflichtig (Publizitätswirkung). Die Eintragung wirkt konstitutiv. Ferner unterstehen die gemeinnützigen Stiftungen von Gesetzes wegen der Stiftungsaufsichtsbehörde (Art. 552 § 29 PGR). Um eine bestmögliche externe Kontrolle der gemeinnützigen Stiftungen zu gewährleisten, wurden die Kompetenzen beim Grundbuch- und Öffentlichkeitsregister gebündelt. Privatnützige Stiftungen steht zwar sowohl die Eintragung als auch die Unterwerfung unter die Stiftungsaufsichtsbehörde offen, indes dürfte beides in der Praxis keine Bedeutung erlangen.

Informations- und Auskunftsrechte Im Gegensatz zum geltenden Recht, welches bei privatnützigen Stiftungen dem Stifter bzw. dem Stiftungsrat eine weitgehende Dispositionsbefugnis über die Informations- und Auskunftsrechte der Begünstigten einräumt, sind die Informations- und Auskunftsrechte der Begünstigten zukünftig zwingender Natur. Mit der zwingenden Normierung soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass es zu einer effizienten Kontrolle privatnütziger Stiftungen, die nicht unter der Aufsicht der Stiftungsaufsichtsbehörde stehen, zwingend notwendig ist,

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Informationen und Auskünfte über die Stiftung zu erhalten. Mit Einrichtung eines Kontrollorgans können diese Rechte auf einen Kernbereich begrenzt werden (Art. 552 § 11 PGR). Für gemeinnützige Stiftungen besteht eine gesetzliche Pflicht zur externen Kontrolle. Die Revisionsstelle, muss von der Stiftung unabhängig sein (Art. 552 § 27 PGR).

Asset Protection Der zunehmenden Bedeutung des Schutzes des Stiftungsvermögens dient Art. 552 § 36 PGR. Danach können Gläubiger von Begünstigten diesen ihre Ansprüche grundsätzlich nicht auf dem Wege des Sicherungsverfahrens, der Zwangsvollstreckung oder des Konkurses entziehen. Dem Willen des Stifters im Allgemeinen und der Asset Protection im besonderen dient auch die Neuregelung in Art. 29 Abs. 5 IPRG. Pflichtteilsberechtigte Erben können zukünftig ihre Rechte gegenüber der Stiftung nur dann geltend machen, wenn das Recht des Staates, dem die Rechtsnachfolge von Todes wegen unterliegt, eine Anfechtung des Vermögensübergangs auf die Stiftung zulässt und die Anfechtung nach dem für den Erwerbsvorgang massgeblichen Recht zulässig ist. Die nach deutschem Recht geltende 10-jährige Anfechtungsfrist (§ 2325 Abs. 3 BGB) kann somit umgangen und durch die zweijährige Anfechtungsfrist in Liechtenstein (§ 785 Abs. 3 ABGB) ersetzt werden.

Business Judgement Rule (BJR) Die in Art. 182 Abs. 2 PGR kodifizierte BJR orientiert sich an § 93 d AktG und ist durch mehrere Entscheidungen des FL OGH motiviert. Die BJR dient der Schaffung eines haftungsfreien Kernbereichs unternehmerischen Ermessens bei Geschäftsentscheidungen des Stiftungsrats. Handelt der Stiftungsrat innerhalb dieses Kreises, so kann er sich auf die Haftungsfreiheit verlassen und muss sich nicht vor Fehlentscheidungen und daraus resultierenden Verlusten des ihm anvertrauten Vermögens fürchten (Safe Harbour Rule). Verlässt er jedoch diesen Kreis, so handelt er sorgfaltswidrig (anders insofern der Bericht und Antrag, wonach die Sorgfaltswidrigkeit nicht automatisch anzunehmen sei) und muss für Schäden haften.

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Fazit Durch die Kodifizierung mit der klaren Zuordnung von Verantwortung an den Stifter und den Stiftungsrat (BJR), durch die mit der Eintragung einhergehenden Publizität und durch die verpflichtende externen Kontrolle sowohl im Wege einer Revisionsstelle als auch im Wege einer kompetenten Stiftungsaufsichtsbehörde, wodurch innovativ die Vorteile beider Aufsichtssysteme verknüpft werden, werden die internationalen Anforderungen an ein Gesetz für gemeinnützige Stiftungen übertroffen. Berücksichtigt man ferner, dass eine Zweckänderung im Laufe des Stiftungslebens möglich ist und dass das Vermögen vor Gläubigerzugriffen oder Zugriffen pflichtteilsberechtigter Erben geschützt werden kann, so eröffnet das neue Gesetz gerade für solche Personen, die ihr Vermögen oder Teile ihres Vermögens gemeinnützigen Institutionen zukommen lassen wollen, eine attraktive und im internationalen Vergleich unbürokratische Alternative. n

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LIECHTENSTEIN

Ines Rampone-Wanger

Ein Bayer in Liechtenstein Das Brauhaus in Schaan braut Bier nach bayerischer Tradition Was macht ein echter Bayer im Fürstentum Liechtenstein? Bier brauen natürlich! Michael Hanreich gibt im Schaaner Brauhaus sein Bestes, damit auch liechtensteinische Genießer Bier bekommen, das nach bayerischer Manier gebraut wird. Die Liechtensteiner haben schon immer gerne Bier getrunken. Doch so richtig zum Trend geworden ist der kühle Gerstensaft erst wieder, als letztes Jahr das Brauhaus eröffnet hat. Die letzte Brauerei in Liechtenstein hatte ihre Sudpfanne im Jahre 1917 geschlossen. Die damalige Brauerei Quaderer war ebenfalls in Schaan angesiedelt und musste aufgrund der prekären Rohstoffknappheit im Ersten Weltkrieg sehr zum Verdruss der liechtensteinischen Bierliebhaber ihre Brautätigkeit aufgeben. Vor 17 Jahren keimte bei Bruno Güntensperger die Idee, wieder ein Brauhaus aufzubauen. Der damalige Doktorand am Institut für Lebensmittelwissenschaft der ETH Zürich war Praktikant in einer Brauerei und übte sich mit Studenten im Technikum auch an eigenen Brauversuchen. 2007 führte der Reifeprozess zum Erfolg: Die Liechtensteiner Brauhaus AG wurde in Schaan gegründet.

Ein Schwabe und ein Oberbayer In Michael Heilmayer, einem gebürtigen Schwaben, fand Bruno Güntensperger einen kompetenten Braumeister, und schon bald war es in Liechtenstein wieder chic, sich ein Glas Bier zu gönnen. So chic, dass mehrere hundert Hektoliter pro Monat gebraut werden müssen, um die Nachfrage zu stillen. Seit dem 1. Mai 2008 arbeitet als zusätzlicher Braumeister der Oberbayer Michael Hanreich in Schaan. Der 38-jährige

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Fachmann kommt aus Starnberg und hat sein Handwerk bei der Augustiner-Brauerei in München erlernt, wo er fünf Jahre lang Geselle war, bevor er sieben Jahre in der Familienbrauerei Hofmühl in Eichstätt arbeitete und schließlich nach einem Jahr Meisterschule den Brau- und Malzmeister-Titel erlangte. Aber bayerisches Bier nur für seine Landsleute zu brauen, war dem unternehmungslustigen Mann zu wenig. Er wurde zum „Botschafter des Bayernbiers“ und reiste vorerst für ein Jahr nach Budapest, wo er die Paulaner Gasthausbrauerei führte. Auf den Geschmack gekommen, zog es ihn noch weiter fort: Er zeigte den Chinesen, was ein echt gutes Bier ist. In Peking ist das Paulaner Bier – mit sieben Euro pro Halbliter – zwar sehr teuer, aber 1900 Hektoliter wurden in der Gasthausbrauerei dennoch jährlich genossen. Da aber Heimweh bekanntlich schlimmer ist als Durst, packte Michael Hanreich Anfang vergangenen Jahres die Koffer. Er wollte nicht länger ohne Familie, Freunde, Berge und Seen leben. Im deutschen Brauerei-Magazin „Brauwelt“ sah er die Stellenausschreibung des Brauhauses und bewarb sich. Ein Glücksfall für Bruno Güntenperger, der seinen Qualitätsanspruch an ein gutes Bier nach bayrischen Maßstäben setzt. Und ein Glücksfall für Michael Hanreich, der sich in Liechtenstein pudelwohl fühlt. „Die Mentalität der unkomplizierten Menschen hier ist der bayerischen nicht unähnlich. Hier habe ich mich gleich heimisch gefühlt.“ Zudem, schmunzelt er, „ist die Natur wunderbar und unser Bier schmeckt vorzüglich.“ Der Braumeister freut sich besonders darüber, dass neben den beiden Biersorten „Hell’s“ und „Weiza“ nun bald auch das von ihm kreierte „Dunkl’s“ auf den Markt kommt. Weitere Informationen unter: www.brauhaus.li

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LIECHTENSTEIN

Innerhalb von sechs Jahrzehnten wurde aus der mechanischen Werkstatt der Gebrüder Hilti ein Weltkonzern. Ein geradezu märchenhafter Erfolg, der aber hart erkämpft wurde. Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Eine Reise durch die Geschichte, Kultur und Strategie des Liechtensteiner Unternehmens. Eine gehörige Portion Mut und Pioniergeist waren es, die den gelernten Maschinenbauingenieur Martin Hilti zusammen mit seinem Bruder Eugen 1941 im liechtensteinischen Schaan seine mechanische Werkstatt eröffnen liessen. Zu Beginn standen im kleinen Familienbetrieb fünf Mitarbeitende an den Drehbänken und fertigten mechanische Komponenten für Textilmaschinen. Damals ahnte noch niemand, dass dies die Geburtsstunde eines Weltkonzerns und des grössten Arbeitgebers der Region sein sollte. Nach einem harten Kampf ums Überleben in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, setzte das junge Unternehmen zu einem kontinuierlichen Aufschwung an. Massgeblich dafür war der Einstieg in die Befestigungstechnik im Jahre 1948. Der technologische Reifegrad der Befestigungsgeräte, die damals bereits auf dem Markt waren, reichte für den harten Baustellenalltag noch nicht aus. Martin Hilti erkannte jedoch das Potenzial dieser Technik. Er erwarb die entsprechenden Patente und entwickelte das Verfahren weiter. Zahlreiche technische Neuerungen und bahnbrechende Erfindungen folgten nach und nach. Aus der einstigen Werkstatt wurde so ein Industrieunternehmen, das seinen Aktionsradius rasch auf Europa, Nord- und Südamerika sowie den Nahen Osten ausdehnte. Der endgültige internationale Durchbruch gelang Hilti in den 1960er Jahren mit den Bohrhämmern mit patentierter pneumatischer Federung. Um diesen Verkaufsschlager gruppierten sich mit den Jahren fortlaufend neue Produktlinien. Heute findet der Bauprofi bei Hilti praktisch alles, was er zum Messen, Ausrichten, Bohren, Abbauen, Trennen, Schleifen, Befestigen, Installieren und Abdichten sowie für den Brandschutz braucht. Das Unternehmen ist mittlerweile auf weltweit rund 21 000 Mitarbeiter in mehr als 120 Ländern angewachsen und erwirtschaftete 2007 einen Umsatz von 4,7 Mrd. Schweizer Franken. Die Hilti-Strategie sieht vor, bis 2015 die Zahl der Mitarbeiter auf 30 000 und den Umsatz auf acht Milliarden zu erhöhen. Angesichts der Wirtschaftskrise ein ambitioniertes Ziel, doch Hilti-Vorstandschef Bo Risberg ist überzeugt: „Aus jeder schwierigen Situation kann auch etwas Positives erwachsen.“ Gerade bei schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könne das Hilti-Geschäftsmodell mit dem Direktvertrieb flexibel reagieren und zusätzliche Marktanteile gewinnen. n

Liechtensteiner Industrieunternehmen schaffen 4 800 Arbeitsplätze in Deutschland Die 31 Industriebetriebe, die in der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer (LIHK) zusammengeschlossen sind, haben im Jahr 2007 in 19 deutschen Niederlassungen rund 4 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, rund 1500 mehr als fünf Jahre zuvor. Zu den Mitgliedern der LIHK gehören bekannte Unternehmen wie Hilti AG, Hilcona AG, Inficon AG, OC Oerlikon Balzers AG oder ThyssenKrupp Presta AG. Sie investierten 2007 rund 192 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung; immerhin 4,6 Prozent ihres Auslandsumsatz. Der hohe Stellenwert von Forschung und Entwicklung gilt als einer der Erfolgsfaktoren der liechtensteinischen Industrie.

Deutschland ist auch das wichtigste Exportland Liechtensteins. Die gesamten direkten Warenexporte (ohne die Schweiz) beliefen sich 2007 auf 2,5 Milliarden Euro, von denen 20 Prozent nach Deutschland gingen. Übers Jahr sind damit die Warenlieferungen nach Deutschland um 13 Prozent angestiegen. Umgekehrt sind deutsche Produkte in Liechtenstein ebenfalls sehr begehrt. Rund 40 Prozent aller direkten Warenimporte (ohne die Schweiz) kommen aus Deutschland. Liechtensteins Vorliebe für deutsche Produkte zeigt sich auch im Alltag: Jeder zweite in Liechtensteinisch zugelassenen Pkw stammt aus deutscher Produktion. Die Bedeutung als Handelspartner für Deutschland zeigt auch das Statistische Bundesamt: Unter den insgesamt 236 Handelspartner im Aussenhandel ist Liechtenstein im ersten Drittel zu finden. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: Josef Beck, Geschäftsführer Liechtensteinische Industrie- und Handelskammer, Altenbach 8, 9490 Vaduz, Tel.: 237 55 11, Fax: 237 55 12 E-Mail: josef.beck@lihk.li n

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© Hilti Aktiengesellschaft

Hilti AG – Von der Werkstatt zum Weltkonzern


BAYERN & KULTUR

Fürst der Bilder Eine Wand mit über 50 Kunstwerken von oben bis unten dicht behängt – befremdlich für den Betrachter und doch der Glanzpunkt einer an Überraschungen reichen Ausstellung in der Münchner Alten Pinakothek, mit der sich Generaldirektor Reinhard Baumstark in den Ruhestand verabschiedet. Diese und drei weitere Wände simulieren in Originalgröße die beiden Kunstkabinette, die der Wittelsbacher Kurfürst Johann Wilhelm um 1730 in seinem Düsseldorfer Schloss hinter dem Schlafgemach anlegen ließ. Für die Mehrzahl seiner Kunstwerke, darunter Rubens, Brueghel und Raffael, ließ er eigens eine Galerie bauen, die erste ihrer Art in Europa, die zu sehen selbst Amerikaner herüber kamen und von der später auch Goethe begeistert war. Doch warum ist ein Düsseldorfer Monarch wichtig für Bayern? Ganz einfach: Jan Willem, wie seine Landsleute ihn nannten, sammelte und kaufte, was heute Stolz und Grundstock der Alten Pinakothek ist. Der Kurfürst war ein anerkannter Kunstkenner und lieferte sich nicht selten preistreibende Bietergefechte mit seinem Cousin, dem bayerischen Kurfürsten Max Emanuel. Nach seinem Tod wanderten die Bilder, inzwischen eine der größten Kunstsammlungen des Kontinents, erst ins neu erbaute Schloss von Mannheim und dann, als alle beweglichen Güter der Wittelsbacher in München zusammenfasst wurden, kamen sie an die Isar, wo sie heute die Besucher der Pinakothek in Staunen versetzen. „So entstand“, freut sich Baumstark, „der größte Gemäldebesitz weltweit.“ Erstmals offenbart die Pinakothek die Herkunft ihres Schatzes und bietet eine faszinierende Erbschaftsstory. Kurfürst Johann Wilhelms Bilder Alte Pinakothek, München Bis 17. Mai. n

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BAYERN & KULTUR

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UNTERNEHMEN

Reuschel & Co. Marktkommentar

Für Optimismus ist es noch zu früh Optimisten erleben derzeit schwere Zeiten. Wirtschaftsinstitute und Chefvolkswirte übertreffen sich gegenseitig mit düsteren Prognosen, Unternehmen verkünden schlechte Nachrichten und die Aktienkurse reagieren entsprechend.

aufwenden. 150 Mrd. stehen für Kapitalspritzen und für Hypothekenrefinanzierungen zur Verfügung. Und dann ist da noch das gerade verabschiedete Konjunkturpaket im Umfang von 789 Mrd. US-Dollar, mit dem u. a. 3,5 Mio. neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen.

Nicht einmal die milliardenschweren Konjunkturpakete, die weltweit aufgelegt werden, finden große Beachtung. Was sicher auch daran liegt, dass die tatsächliche Umsetzung und die genauen Auswirkungen noch nicht abzuschätzen sind. So auch in den USA, auf die die ganze Welt derzeit schaut: Anfang Februar stellte der neue amerikanische Finanzminister Timothy Geithner die Maßnahmen zur Stützung der US-Konjunktur vor. Insgesamt beläuft sich die mobilisierte Summe auf gigantische 2 939 Mrd. US-Dollar. Bis zu 1 000 Mrd. US-Dollar sollen in die so genannte „Bad Bank“ fließen. Der Staat selbst will jedoch nur 100 Mrd. US-Dollar zuschießen. Der Rest soll von so genannten Public Private Partnerships (PPP) – Investitionen von privaten Investoren in öffentliche Projekte – kommen. Weitere 1 000 Mrd. US-Dollar möchte die Fed zur Stützung von forderungsgesicherten Anleihen

Alles in allem atemberaubend. Die Märkte reagierten jedoch vorerst enttäuscht, blieb der Finanzminister doch genauere Erläuterungen schuldig, wie die Maßnahmen im Detail umgesetzt werden sollen. Zu große Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Krise sollte man sich vorerst nicht machen. Erst einmal bleibt abzuwarten, wie die Gelder eingesetzt und wie die Schritte zur Stützung greifen werden.

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Reuschel & Co. Privatbankiers ist eine der führenden Privatbanken Deutschlands. Sie verbindet die persönliche Atmosphäre und das individualisierte Leistungsangebot eines renommierten Bankhauses mit der Expertise eines international tätigen Finanzdienstleisters.

In den letzten Wochen sind abgesehen von den starken Schwankungen auch die Um­sätze an den Aktienbörsen deutlich zurückgegangen. Das ist nicht verwunderlich, denn viele institutionelle Investoren haben sich von Aktien getrennt und durch die nach wie vor hohe Volatilität sind die Handelslimite der Banken stark eingeschränkt. Es wird noch einiges auf die Märkte zukommen. Allen voran die großen Autobauer stecken in einer tiefen Krise, und

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UNTERNEHMEN die Regierungen wie die Unternehmen selbst sind scheinbar ratlos, wie es weitergehen soll. Ein Lichtblick ist somit derzeit noch nicht einmal mit einem Fernglas zu erkennen. Der Konjunkturhimmel ist so dunkel, dass viele Unternehmen keine Prognosen für die künftige Entwicklung mehr geben. Allerdings erwarten wir im Jahresverlauf 2009 erste Anzeichen für die beginnende Stabilisierung der Weltkonjunktur. Dann dürften sich auch die Kapitalmärkte wieder etwas beruhigen. Dreh- und Wendepunkt sind jedoch zweifellos die Kreditmärkte. Erst wenn die Funktionsfähigkeit des internationalen Finanzsystems wieder hergestellt ist, werden auch die Investoren langsam das verloren gegangene Vertrauen wiederfinden. Angesichts der weltweit immensen Anstrengungen sind wir zuversichtlich, dass dies auch gelingen könnte. Der Weg dorthin dürfte aber auch in den nächsten Wochen und Monaten steinig bleiben.

auf eine teilweise Aufhellung und eine fortschreitende Bodenbildung im Jahresverlauf stehen jedoch gut. Fundamental gibt es zur Zeit kaum Argumente für Aktien. Vieles ist aber bereits in den aktuellen Kursen „eingepreist“. Discountzertifikate oder ausgewählte Unternehmensanleihen können eine interessante Alternative mit attraktiven Konditionen sein. Hier gilt es jedoch ganz genau auf die Emittentenauswahl zu achten! n Ihre Ansprechpartner: André Will-Laudien (Investment Center) +49 (0)89 2395-1649 Stefan Blaukat (Pressesprecher) +49 (0)89 2395-1296

Für strategische Anlagen stehen daher weiterhin defensive Aspekte im Vordergrund. Ohne jeden Zweifel werden die nächsten Monate besonders für die Märkte für Risikoanlagen weiter schwierig bleiben. Die Chancen

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BAYERN & KULTUR Prof. Dr. Walter Beck

Friedliche Bergriesen Der Aufbruch zu den Gorillas in den Virunga-Bergen von Ruanda beginnt frühmorgens um Fünf in der Hauptstadt Kigali. Drei Stunden später werden wir von staatlichen Ranger eingewiesen: Das afrikanische Land, das jüngst wie kaum ein zweites gelitten hat unter einem schrecklichen Völkermord, weiß um den Wert, den diese friedlichen Menschenaffen für den Tourismus und damit auch für die Zukunft Ruanda darstellen. Der Besuch bei den bis zu zwei Metern großen und bis zu 200 Kilo schweren Tieren ist sorgfältig organisiert, limitiert – und teuer. R

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Der Plan, die Berggorillas zu besuchen, reifte schon lange und wurde schließlich durch die Unterstützung des ruandischen Botschafters in Berlin, Eugène Gasana, Realität. Es sollte ein Ausflug werden, der unvergleichliche Eindrücke hinterlassen wird. Wer – wie wir – an zwei Tagen zwei verschiedene Gorilla-Gruppen erleben darf, kommt mit der Überzeugung zurück: Wir gehören in eine Entwicklungslinie, auch wenn sich diese vor vielen Millionen Jahren getrennt hat. Die Ähnlichkeiten bleiben und sind überzeugend. Im Dschungel der Virunga-Berge leben noch 400 Gorillas; weltweit sollen es sind 700 sein. In dem von Ruanda kontrollierten Teil dürften es etwa 250 Tiere sein. Sie leben in Familienverbänden von acht bis 35 Mitgliedern. Wir besuchen die Gruppe 13 mit dem Silberrücken Agashyia und tags darauf eine zweite Gruppe. Diese sind Einwanderer aus dem Kongo mit ihrem Oberhaupt, dem Silberrücken Kwitonga. Die Gorillas leben in einer Höhe zwischen 2 000 bis 2 600 Metern. Am ersten Tag bedeutet dies eine Bergwanderung von einer Stunde, am zweiten Tag sind es zweieinhalb. Es geht auf schmalen Pfaden durch den Urwald. Oft müssen die Wege mit der Machete freigeschlagen werden. Der Weg ist beschwerlich, aber am Ziel wird man für alle Mühen reichlich belohnt. Die Silberrücken sind wahrhaft beeindruckend. Ihr Minenspiel zeigt uns: Ihr seid zwar lästig, stört uns aber nicht wirklich. Die Gruppe 13

Gorilla-Kinder sind verspielt und ihre Mütter geradezu menschlich neugierig. lässt sich in der Siesta nicht stören. Diese Stunde ist für sie Ruhezeit und Unterricht zugleich. Die Gorilla-Buben spielen miteinander und raufen wie unsere Söhne. Gleichzeitig erhalten sie Unterricht im Sozialverhalten. Wirklich beeindruckend.

Ruanda

Für das kleine Ruanda in Zentralafrika ist der Tourismus zu den Menschenaffen eine wichtige Einnahmequelle.

mit mehr als 40 verschiedenen Pflanzen. Sie leben – wie unser Führer schmunzelt – mitten im Supermarkt. Hin und wieder gehören auch Ameisen, kleine Käfer oder sogar mal eine Schlange zum Speiseplan. Diese friedliche Futtersuche unterscheidet die Gorillas von den Schimpansen, die sich nicht Pflanzenkost und Früchte begnügen, sondern auch Fleisch fressen und dafür gelegentlich sogar Artgenossen töten. Schimpansen gehen auf „Raubzüge“. Gorillas sind friedlich. „Schimpansen“, sagt einer aus unserer Gruppe, „sind halt schon menschlicher.“ Leider. n

Vor dem Besuch wurden wir instruiert, gut sieben Meter Abstand zu den Gorillas zu halten. Doch dann laufen uns die Gorilla-Jungen und ihre Schwestern fast über die Füße. Mit einer ausgestreckten Hand könnten wir sie streicheln. Dies aber ist streng verboten. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen neugierige Gorilla-Weibchen die Nähe zum Menschen suchen. Die Versuchung, zu streicheln, ist groß. Am zweiten Tag sind wir mitten in der Gruppe, die sich gerade ihre Nahrung sucht. Eine Nähe, die dem Silberrücken Kwitonga nicht so recht passt. Ein junger Silberrücken aus dieser Gruppe packt plötzlich einen unserer Scouts von hinten. Eine unfreiwillige Umarmung, die aber offenbar immer wieder vorkommt: Der Scout lässt sich gekonnt zu Boden fallen, ein zweiter zieht ihn aus den Armen des Gorillas. Er lächelt: „No problem, no problem, der Gorilla wollte nur spielen.“ Jeder von uns war froh, dass nicht er zum „Spielkameraden“ ausgesucht worden war. Diese imposanten Menschenaffen leben von Blättern, Knospen, Bambus. Der Dschungel deckt den Tisch der Gorillas reichlich

Der Dschungel deckt den Tisch der Menschenaffen mit einem reichlichen Pfanzenangebot. Sie leben wie im Supermarkt, schmunzelt der Führer.

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BAYERN & KULTUR Prof. Dr. Walter Beck

Vom Ursprung der Menschheit 200. Geburtstag von Charles Darwin

Er hat alle bis dahin bestehenden Weltbilder über den Menschen vom Thron gestürzt. Er wurde gehasst, geschmäht und gefeiert. Vor allem aber: Bis heute ist Charles Darwin im Kern nicht widerlegt. Am 12. Februar war sein 200. Geburtstag. Schon als Kind interessierten ihn das Sammeln von Käfern und die Ordnung der Natur stärker als die Schule. Zwar brach er das Medizinstudium ab und wechselte auf Anraten seines Vaters zur Theologie. Später schrieb er dazu: „Wenn ich bedenke, wie heftig ich von den Rechtgläubigern angegriffen worden bin, scheint es beinahe grotesk, dass ich einmal den Plan hatte, Pfarrer zu werden. Diese Absicht und meines Vaters Wunsch wurden aber nie ausdrücklich widerrufen, sie starben einfach eines natürlichen Todes, als ich nach dem Weggang aus Cambridge als Naturforscher auf der Beagle mitfuhr.“ Finanziell unabhängig durch die erfolgreichen Tätigkeiten seines Vaters, konnte er sich nach dem Theologiestudium ganz seinem Leben als Naturforscher widmen. Es war ein stetes Bemühen, das alle seine Kräfte in Anspruch genommen hat, ihn wohl krank werden ließ im Kampf zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und anerzogenem Welt- und Theologie-„Wissen“. 1844 schrieb er an einen Freund: „Es ist, wie einen Mord zu gestehen.“ So hat er seine eigenen Erkenntnisse im Verhältnis zu dem bis dahin herrschenden Weltbild gesehen. Beinahe hätte ihn seine eigene Erkenntnis gesundheitlich völlig ruiniert. Ein Wissenschaftler, der für seine Erkenntnis alle persönlichen Risiken übernahm, der 25 Jahre daran gearbeitet hat, seine Theorie durch Fakten zu untermauern, nicht durch Glaubenssätze. Vor 150 Jahren, am 24. November 1859, erschien sein Buch „Der Ursprung der Menschheit“. 25 Jahre lang hat Darwin mit diesem Thema gekämpft. Ein kräftezehrender Schritt für einen Menschen, ein gewaltiger Schritt für die geistige Befreiung der Menschheit. Die Menschen waren jetzt nicht mehr unmittelbare Geschöpfe Gottes, sie waren nicht mehr geschaffen, wie sie sind, sondern Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Die Theologen, die den Beginn der Welt zwischen 4000 und 6000 Jahre vor Christus berechnet hatten, waren plötzlich mit einer über Millionen Jahre dauernden Entwicklung konfrontiert.

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Es war ein Schock! Eine Befreiung vom Joch der wörtlich ausgelegten Bibel und ein Schritt weg von dem persönlichen Gott, der den Menschen tagtäglich begleitet, überwacht, hilft und stützt. Es war auch ein großer Verlust an Sicherheit. Noch dazu hat Darwin in überzeugender Weise den Zufall als Kriterium bei der Entwicklung der Welt mit eingeführt. Er wurde angefeindet wie zu seiner Zeit sonst niemand. Heute, nach 150 Jahren, zeigt sich in der Wissenschaft immer wieder aufs Neue: Die grundsätzliche Gedankenrichtung von Darwin war richtig, wenn er auch manche Details nicht gesehen haben mag. Richtig ist bis heute seine Kernaussage zum „Überleben des Tüchtigsten, also desjenigen, der am besten an die Umgebung angepasst ist“. Das ist häufig fehlinterpretiert worden und eigennützig umgedeutet worden in „Das Überleben des Stärksten“. Doch das hat Darwin nie gesagt. Gerade der scheinbar Stärkste verliert Die Verästelungen der Evolution gibt ein Diagramm in „Der Entstehung der Arten“ wider.

häufig, weil er an seine Umwelt falsch angepasst ist. Darwin, der gesehen hat, dass Gott nicht tagtäglich in die Schöpfung eingreift, meint am Schluss seines Buches: „Es ist eine großartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim allen Lebens nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat.“ Diese Erkenntnis hat schließlich nach vielen Kämpfen dazu geführt, dass auch die christlichen Kirchen ihre Versöhnung mit Darwin erreicht haben. Umso bemerkenswerter ist es, dass mehr als jeder zweiter US-Bürger Zweifel an der Evolutionsforschung hat und sich dem rund 35 Prozent der Deutschen anschließen, obwohl wissenschaftliche Funde fast tagtäglich die Evolutionstheorie aufs Neue bestätigen. n

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LEBEN & GENIESSEN Hans-Joachim Epp

Auf der Jagd nimmt der Wirt neue Rezepte ins Visier

Nur fünf Gehminuten sind es vom unterfränkischen Kloster Münsterschwarzach zum Landgasthof von Joachim Schwab. Mit hoher Kochkunst verwandelt der Wirt regionale Produkte in Köstlichkeiten zu moderaten Preisen.

Mainfranken, im Zentrum Deutschlands und Mitteleuropas gelegen, bietet dem Reisenden Geschichte und Kultur nahezu in allen Orten: Würzburg mit seiner Residenz von Balthasar Neumann, längst zum Weltkulturerbe ernannt, mit seinen schier unzähligen Kirchtürmen sowie der Festung Marienberg mit der über 1000 Jahre alten Rundkirche ist die Metropole Unterfrankens.

Seit 1895 betreibt die Familie Schwab diesen Gasthof nunmehr in der vierten Generation. Willkommen signalisiert das grüne Haus mit seinen roten Fensterläden und dem liebevoll dekorierten Eingangsbereich. Schwabs Ideen, hier fränkische Gastfreundschaft mit bodenständiger Küche und Weinen – alles ausschließlich aus der Region – in anspruchsvollem Ambiente zu erleben, wurden Schritt für Schritt umgesetzt.

Schweinfurt ist Geburtsstadt des Kugellagers und heute als Industriestadt Weltmarktführer für Wälzlager. Die Schweinfurter „Kugeln“ werden im Space Shuttle ebenso eingesetzt wie im Airbus 380 und in vielen medizinischen Geräten. Bad Kissingen war schon im 19. Jahrhundert Kaiserbad, in Königsberg lebte der berühmteste Astronom des 15. Jahrhunderts. Als Johannes Müller geboren, arbeitete er als Regiomontanus. In Ostheim steht Deutschlands größte und besterhaltene Kirchenburg, und in Schwarzach gründeten die Benediktiner 816 ihre Abtei, die zum Kloster Münster Schwarzach wuchs und dessen mächtige Basilika die Besucher in ihren Bann zieht. Millionen kennen das Kloster als Wirkstätte von Pater Anselm Grün, dem einfühlsamen Ratgeber und Bestseller-Autor.

Das Küchenprogramm wurde neu definiert. Der kulinarische Reichtum des fränkischen Landes – Felder, Wälder, Flüsse, Seen – bestimmt die Speisekarte. Der Wirt geht montags auf die Jagd in den Steigerwald. „Unser Chef war auf der Jagd“ steht dann mittwochs auf der Speisekarte, und von der Jagdbeute schwärmen nicht nur die Gäste, sondern auch das neunköpfige Team und die Auszubildenden um den Chef Joachim Schwab. Tipp: Leber vom Hirsch, gebraten, mit Apfelscheiben, Röstzwiebeln und Püree (14,80 a), Streifen von der Rehkeule, Haslenussrahmsößle, Marktgemüse, Butternudeln (16,80 a):

Mainfrankens Kultur ist traditionell nicht nur auf Bauwerke, Erfindungen und Wissenschaftler ausgerichtet, sondern verbindet sich harmonisch mit den Wein und damit selbstverständlich auch mit die Kulinarik. Diese erfuhr in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Entwicklung, und einer der umtriebigsten und erfolgreichsten Entwicklungshelfer ist Joachim Schwab, Chef des Hauses und der Küche von Schwab’s Landgasthof in Stadt Schwarzach.

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LEBEN & GENIESSEN Die Verlockung, zum Frankenweinexperten und Weinscout zu werden, ist groß und man sollte sich ihr stellen. Es macht einfach Spaß, einen Riesling vom Weingut Wirsching gegen einen vom Juliusspital oder vom Gut des Grafen von Schönborn zu verkosten, einen Weißburgunder mit einem Grauburgunder (beide aus dem Winzerkeller Sommerach) zu vergleichen oder einen Traminer Spätlese vom Fürstlich Castellschen Domäneamt zu genießen. Scheurebe, Rieslaner, Bacchus, Müller-Thurgau findet man nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen fränkischen Weinstuben. Kaum aber die Kreszenz. Tipp: Wiesenbronner Wachhügel Chardonnay Spätlese vom Öko-Weingut Hell in Wiesenbronn (Bocksbeutel zu 21,00 a).

Noch ein Gutes hat die Jagdleidenschaft des Wirtes. Auf dem Hochsitz kommt er dazu, in alten Klosterrezepten und Kochbüchern seiner Tante, die viele Rezepte niedergeschrieben hat, zu lesen. Sein Ziel ist es, altvertraute Gerichte zeitgemäß zu verändern. „Was der Seniorchef gerne isst“, steht dann auf der Karte. Zum Beispiel: Geräucherter Bauch auf Bohnengemüse mit Mehlspatzen serviert (9,80 a) oder Tipp: Karpfen aus dem Aischgrund, knusprig gebacken, mit Salaten aus der Gärtnerei in Albertshofen (13,50 a).

Die Mahlzeit nicht mit einer Vorspeise oder Suppe zu beginnen, wäre ein Versäumnis. Je nach gewähltem Hauptgang sind diese Kreationen ein absolutes Muss: • Sommeracher Mostsüpple mit Zimtkrusteln (3,80 a), • klare Rehsuppe mit Trüffelravioli (4,00 a). Kaum zu verzeihen ist es, sein Menü ohne Dessert zu beenden: Tipp: Karthäuser Klöße mit Weinschaum.

Unter dem Motto „Aus der Küche geplaudert, Profis über die Schulter schauen und dabei in die Töpfe gucken“ finden in Schwab’s Landgasthof Kochkurse statt, die ein Rundum-Verwöhnprogramm (also frei von den ungeliebten Küchendienstarbeiten) beinhalten. In diesem Jahr werden vier Kurse angeboten so zum Beispiel im September: „Aus unserer heimischen Fischküche“. Die Weinkarte des Wirtshauses, ausschließlich Frankenweine, spiegelt den beachtlichen Qualitätsschub wider, der den fränkischen Winzern in den vergangenen Jahren gelungen ist. Die Karte sucht Ihresgleichen gemessen an den Rebsorten, der Zahl der anerkannten Winzer und den gästefreundlichen Preisen. Natürlich nimmt der Silvaner eine Sonderrolle ein, und das schon, seit er 1660 von den Ebracher Mönchen von Österreich nach Franken gebracht wurde. Mit seinen zarten Aromen und viel Körper passt er ganz ausgezeichnet zum Spargel, der bald wieder auf der Karte stehen wird. Tipp: Sommeracher Katzenkopf, Weingut Zehenthof, Tobias Weickert, Sommerach (das Viertel 2,70 a). Der Winzer ist Staatsehrenpreisträger 2008. Würzburger Stein Kabinett, Juliusspital, Würzburg (der Bocksbeutel zu 14,50 a).

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Die Roten von Dornfelder und Domina über Regent bis Spätburgunder sollte man alle probieren. Alle sind trocken ausgebaut. Als „Neutralisator“ empfiehlt es sich, Adelholzener Mineralwasser zum Wein zu bestellen. Tipp: Sommeracher Domina, Winzerkeller Sommerach (das Viertele zu 3,90 a).

Von den wenigen Neuzüchtungen, denen eine rosige Zukunft vorausgesagt wird, steht die Sorte Regent ganz oben auf der Bewertungsskala. Das herrliche Aroma erinnert an überreife Sauerkirschen und Rotweinpflaumen. Ein unbedingtes Muss Tipp: Mainstockheimer Hofstück Bio, Winzerhof Burrlein (das Viertele zu 3,90 a).

Fränkische Gastfreundschaft in anspruchsvollem Ambiente ist Joachim Schwabs Botschaft an die Einwohner und Besucher Mainfrankens. Mit seinem Freund, dem Maler und Bildhauer Theophil Steinbrenner, dieser hat sein Atelier mit Galerie in der Nachbarschaft, wurde hier eine Wirtshausatmosphäre geschaffen, die fränkisch so ausgedrückt wird: „Sou muss des sei“. Die in den Gasträumen gruppierten Skulpturen bieten Genuss fürs Auge und regen an zu einem Besuch der Künstlerwerkstatt, die samt Galerie in der Nachbarschaft liegt. Praktische Hinweise Schwab’s Landgasthof verfügt über elf wohnliche Zimmer mit soliden Naturholzmöbeln (DZ rd. 70 a inklusive eines hervorragenden Frühstücks, meist serviert von der Wirtin Frau Elfi Utz, geb. Schwab) Reservierung fürs Restaurant absolut notwendig! Hauptgastraum nachfragen. n Schwab’s Landgasthof Bamberger Straße 4 97359 Schwarzach am Main Telefon: 09324-1251 info@landgasthof-schwab.de www. landgasthof-schwab.de

Öffnungszeiten: mittags und abends Montag und Dienstag Ruhetag Betriebsferien über Fasching Keine Kreditkarten

Hans-Joachim Epp ist Sachverständiger für das Hotelwesen und Mitglied der Chaîne des Rôtisseurs Oberbayern

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FÜR SIE GELESEN POLITIK & WIRTSCHAFT der Bericht des Althistorikers Jörg-Dieter Gauger über das Verschwinden des kulturellen Gedächtnisses. Wenn Bildungsstandards und Leistungsmaßstäbe verfallen, ist die staunenswerte Erfolgsgeschichte des Landes in Gefahr. Heinrich Maetzke

Hans-Peter Schwarz Herausgeber

Die Bundesrepublik Deutschland – Eine Bilanz nach 60 Jahren Böhlau Verlag, Köln 698 Seiten, 39,90 Euro Zum 60. Geburtstag der Republik hat der Adenauer-Biograph und bedeutendste Bundesrepublik-Historiker Hans-Peter Schwarz 30 Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologen und einen ehemaligen Verfassungsrichter versammelt, um breite Bilanz zu ziehen. Das Themenspektrum reicht von der Besatzungszeit über die Wiedervereinigung bis zum Sport und zur Zukunft des ländlichen Raumes oder dem tiefgreifenden Wandel der Rolle der Frau. Wie der Phönix aus der Asche stieg die Bundesrepublik aus den Trümmerlandschaften des Zweiten Weltkriegs empor und fand zurück zur Rolle des beispiellos leistungsfähigen Industriestaats. Trotz allem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ist Kontinuität eines ihrer Kennzeichen: Parteien, Länder, Zeitungen, Rundfunkanstalten und andere Strukturelemente gehen auf die Besatzungszeit zurück. Acht Bundeskanzler in 60 langen Jahren – von solcher Regierungsstabilität können manche Nachbarländer nur träumen, schreibt Schwarz zu Recht. Wohin geht nun die Reise der Republik? Die politischen Eliten haben ein „europäisiertes Deutschland“ im Blick, so der Erlanger Politikwissenschaftler Stefan Fröhlich. Ob die Wähler folgen, wird man sehen. Bei alledem wissen die Deutschen immer weniger, woher sie kommen, beobachtet Peter März. Das jahrhundertealte Heilige römische Reich Deutscher Nation ist aus dem kollektiven Bewusstsein völlig verschwunden. Beunruhigend ist

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wir können’s ni’ ändern, ‚s geht ähm alles dahin“, sächselt ein ehemalige Landkarten-Produzent seine Hoffnungslosigkeit. Doch wer sich wehrt oder gar aufbäumt, dem zeigt das Regime seinen grausamen Werkzeugkasten, der wohlbestückt ist mit Instrumenten von der fürsorglich vorgetragenen Erpressung bis zur bestialisch vollzogenen Bestrafung. Der „Turm“ wurde bereits als ein deutsches Volksbuch beschrieben und mit dem „Zauberberg“ von Thomas Mann verglichen. Das ist hoch gegriffen. Nehmen wir’s eine Nummer kleiner: Es ist das beste Buch im 20. Gedenkjahr zum Fall der Mauer. Und ein gewichtiges Argument gegen die Ostalgiker, die sich heute das Leben in der DDR schönreden und damit auf Stimmenfang gehen. PS

Uwe Tellkamp

Der Turm Suhrkamp Verlag 973 Seiten, 24,80 Euro Seit Monaten hält sich „Der Turm“ nun schon auf den Bestsellerlisten. Weshalb dieser Erfolg auch in diesem Jahr, in dem der Fall der Mauer und der unblutige Zusammenbruch der ostdeutschen Diktatur 20 Jahre zurückliegt, anhalten dürfte, umschreibt die Süddeutsche Zeitung in einem Satz: „Wenn in Zukunft einer wissen will, wie es denn wirklich gewesen ist in der späten DDR, sollte man ihm rasch und entschlossen den neuen Roman von Uwe Tellkamp in die Hand drücken.“ Der so Bedrückte muss sich allerdings auf schwere Kost gefasst machen: Knapp 1000 Seiten, schier endlose Sätze, Sturzbäche von Impressionen. Wie der Schiffer die Brandung durchdringen muss, um die Weite des Meeres zu genießen, muss der Leser die sich aufbäumende Wortgebilde der ersten 20, 30 Seiten überwinden, bis er aufgenommen ist im Erzählfluss und eintauchen kann in den Alltag des real existierenden Sozialismus. Ein Buch für „wahre Buchstabensaufaus“, wie Tellkamp, 1968 in Dresden geboren, selbst wortspielt. Episch breit und doch fesselnd führt er den Leser ein in die Gesellschaft des Dresdner Villenviertels mit Ärzten und Intellektuellen, Künstlern und Funktionären. Sie fühlen den Verrat um sich und haben sich ergeben in den Mangel, der den Alltag würgt. „So isses leider,

Udo Di Fabio

Gewissen, Glaube, Religion Berlin University Press 142 Seiten, 19,90 Euro Er gilt als „Meisterdenker einer neuen Bürgerlichkeit“ (Die Zeit) und hat mit seinem Buch „Die Kultur der Freiheit“ sowie einer Flut von Vorträgen der Republik zu mehr Verständnis über die wichtige Rolle von Familie und Kinder für eine moderne Gesellschaft verholfen. Jetzt legt Udo Di Fabio fünf Referate über „Gewissen, Glaube, Religion“ als Buch vor: Der gläubige Christ und Richter am Bundesverfassungsgericht lotet die Grenzen der Religionsfreiheit neu aus und mahnt, bei aller notwendigen Neutralität eines säkularen Staates sich „nicht von den Sinnstiftungsressourcen der Religion abzuschneiden“. Wie er engagiert gegen religiösen Fundamentalismus argumentiert, wendet sich Di Fabio gegen einen nachlässigen Staat, der die Pflege seiner kulturellen Wurzeln aufgibt. Und die grün-

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FÜR SIE GELESEN den in Europa nun einmal im Christentum. Ein Gedanke, der zunehmend auch wieder eine gegenüber diesen Wurzeln indifferent gewordenen Rechtsprechung des höchsten Gerichts beeinflussen wird. Und das gibt Zuversicht. M.W.

Solidarität und Gerechtigkeit hat keine Moral und auch keine Zukunft.“ Der katholische Sozialethiker grenzt deutlich ab: der Kommunismus nach Karl Marx, der nicht in der Lage war, Wohlstand für die Menschen zu erwirtschaften, und ein primitiver und entfesselter Kapitalismus, der Gier zu seinem einzigen Maßstab machte, gegen eine deutlich überlegene Marktwirtschaft, die allerdings in einem Ordnungsrahmen sozial verankert werden muss. Eine fachlich und moralisch fundierte Lektüre in einer vor ökonomischer Horrorfurcht materiell und seelisch demolierten Welt. PS

Reinhard Marx

Das Kapital Pattloch Verlag 320 Seiten, 19,95 Euro Der Name ist ihm selbstverständlich Kapital. Reinhard Marx, der Sohn eines westfälischen Schlossermeisters, wäre auch als Maier oder Schulze ein sozial engagierter, theologisch gefestigter und fröhlich-herzerwärmender Kirchenmann geworden und zu einem der einflussreichsten deutschen Bischöfe aufgestiegen. Doch die Namensnähe hat ihn schon beim Studium in Paris eingefangen, und nun ist er in die Vollen gegangen: Kokett betitelt er sein jüngstes Buch „Das Kapital“ und setzt trotzig „Ein Plädoyer für den Menschen“ darunter. Namensbruder Karl mag im Grabe rotieren. Als Marx vor zwei Jahren das Buch konzipierte, war von seinem Umzug von Trier auf den Münchner Bischofsstuhl ebenso wenig zu ahnen wie von der heute weltumspannenden Finanzkrise. Nach den Regeln des Marketing darf es glückliche Fügung genannt werden, dass der neue Münchner Erzbischof nun ausgerecht in diesen Wochen ein Buch vorstellen kann, in dem er dem Namensvetter Fehler vorhalten kann (vor allem dessen Menschenbild, das auf einer völlig falschen Vorstellung des Menschen basiere, indem es jede religiöse Dimension ausklammert) und gleichermaßen die entfesselte Globalisierung in die moralischen Schranken weisen kann: „Ein Kapitalismus ohne Menschbild,

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Alfons Schweiggert

Edgar Allan Poe und König Ludwig II.

Anatomie einer Geistesfreundschaft EOS Verlag 176 Seiten, 17,80 Euro Zum 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe (19. Januar) liefert der nicht nur durch zahlreiche bedeutsame Bücher über König Ludwig II. bekannte Münchner Schriftsteller Alfons Schweiggert eine sensationelle Entdeckung. Erstmals enthüllt er die mystische Geistes- und Seelenverwandtschaft dieser beiden genialen Persönlichkeiten, des amerikanischen Kultautors, ein Mythos schon zu Lebzeiten, und des nicht minder legendären Bayern-Monarchen. Für Charles Baudelaire war Poe „ein neuer Heiliger in der Gesellschaft der erlauchten Unglückseligen“. Auch Ludwig II. darf diesem Kreis durchaus zugerechnet werden. Erstaunlicherweise wurde bislang auf die faszinierende enge geistig-seelische Beziehung beider weder in der Literatur über Poe noch in der über Ludwig II. auch nur mit einem Wort eingegangen. Ein Grund dafür mag sein,

dass bislang nicht bekannt war, dass Ludwig II. als einer der ersten in Deutschland das Werk des genialen amerikanischen Dichters und Magiers des Phantastischen und Abgründigen entdeckte. In einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Lew Vanderpoole, das vier Jahre vor dem rätselhaften Ende des Königs stattfand, schwärmte der Bayernkönig von Poe als „einem Juwel und einem der größten Menschen, die je geboren wurden“. Für ein einstündiges Gespräch mit dem Dichter wollte er seinen Thron hingeben. Es bestehe „ eine bestimmte Ähnlichkeit zwischen Poes Natur und der meinen“, soll der Monarch dem Journalisten gesagt haben. Dies verwundert nicht, wenn man beider Schicksale vergleicht. Angefangen von äußerlichen und charakterlichen Parallelen über geradezu sensationelle Ähnlichkeiten der künstlerischen Auffassung bis hin zu psychischen Merkmalen und den schwierigen Beziehungen zu Frauen. Selbst die Todesumstände zeigen unglaublichen Überschneidungen. Alles dies verdeutlicht Schweiggert schlüssig und kann sich dabei auf Ludwig II. direkt berufen: „Für mich ist Poe einer der wunderbarsten aller Schriftsteller ... einer der größten Menschen, die je geboren wurden ... Ich glaube, dass eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Poes Natur und der meinen besteht.“ Akribisch seziert Schweiggert die höchst erstaunlichen Überschneidungen beider hinsichtlich ihres genialen Wesens und der Nähe zum Wahn sowie bezüglich der künstlerischen Auffassung, die Ludwig aus Poes Werken für seine Vorstellungen von Kunst abgeleitet zu haben scheint. In diesem Buch wird also nicht nur ein kenntnisreicher Blick in die seelischen Abgründe des amerikanischen Kultautors Poe gestattet, sondern auch in die rätselhafte Psyche des Bayernkönigs. Poe dient dem Autor des Buches gleichsam als Spiegel, in dem sich das Wesen Ludwigs II. in einer Art und Weise zeigt, wie dies so in der Ludwig-Literatur bislang in der Tat noch nicht geschehen ist. Wie Schweiggert zu Recht betont, „weisen Ludwigs Lebensschicksal und Werk mit Leben und Werk E. A. Poes derart zahlreiche und auffallende Überschneidungen auf, dass ein Vergleich dazu beitragen kann, Wesen und die künstlerischen Aktivitäten des bayerischen Monarchen in Teilen neu zu interpretieren und zu verstehen.“ Ehrenfried Brandner

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VORSCHAU

Veranstaltungen des Peutinger Collegiums 2008/09 23. März. 2009 Dr. h.c. Wolfgang Spindler, Präsident des Bundesfinanzhofes

September 2009 Prof. Dr. Walter, Deutsche Bank AG (angefragt)

29. April 2009 Dr.-Ing. Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender RWE

15. Oktober 2009 Notker Wolf, OSB, Abtprimas der Benediktiner, Rom

18. Mai 2009 Staatspräsident Václav Klaus, Tschechien

25. Oktober 2009 Dr. Otto Wiesheu, Vorstandsmitglied der Bahn AG

Juni 2009 Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Dezember 2009 Viviane Reding, Mitglied der Europäischen Kommission

Juli 2009 Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, Passau

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21.08.2008

18:56 Uhr

Seite 1

Impressum Redaktion Peter Schmalz (Chefredakteur) Prof. Dr. Walter Beck Julius Beck Schellingstraße 92 D-80798 München redaktion@bayerischer-monatsspiegel.de Leserbriefe an die Redaktion oder an leserbriefe@bayerischer-monatsspiegel.de

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genesen und geniessen

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Private Banking

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Bayerischer Monatsspiegel #151  

Ausgabe 151 stellt in seinem Schwerpunkt die Vielfältigkeit des Fürstentums Liechtenstein dar.

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