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Danilo Pérez, John Patitucci & Terri Lyne Carrington Children of the Light

Einführungstext von / Program Note by Kevin Le Gendre


DANILO PÉREZ, JOHN PATITUCCI & TERRI LYNE CARRINGTON Children of the Light Dienstag

19. März 2019 19.30 Uhr

Danilo Pérez Klavier John Patitucci Bass Terri Lyne Carrington Schlagzeug

Das Programm wird von den Künstlern angesagt.

Keine Pause


Die Mission weiterführen Children of the Light: Eine Hommage an Wayne Shorter

Kevin Le Gendre

Der Begriff „All Stars“ ist in der Jazzwelt weitgehend aus der Mode gekommen. Doch noch immer gibt es sogenannte Supergroups – Bands, in denen musikalische Größen, die jeder und jede für sich als Bandleader oder Begleiter (oder beides) erfolgreich sind, gemeinsam auftreten. Children of the Light ist ein gutes Beispiel dafür: Das Trio besteht aus dem Pianisten Danilo Pérez, dem Bassisten John Patitucci und – für das heutige Konzert – der Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington, die die Position von Brian Blade einnimmt. Sie alle haben seit mehr als 30 Jahren in verschiedensten Formationen immer wieder für Aufsehen gesorgt. Doch das Zusammentreffen herausragender Musikerinnen und Musiker allein ist noch kein Garant für künstlerischen Erfolg. Zwar treten Pérez, Patitucci und Carrington derzeit zum ersten Mal in dieser Besetzung gemeinsam auf, doch kennen sie einander gut und haben bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass die Chemie zwischen ihnen stimmt. Carrington hat zusammen mit Pérez und Patitucci im Wayne Shorter Quartet gespielt, zweifellos eine der bedeutendsten Bands im zeitgenössischen Jazz, und dadurch eine enge ­Beziehung zu den übrigen „Children“. „Sie war auch an meinem Album Panamonk von 1996 beteiligt und hat oft mit John gespielt“, ergänzt Pérez. „Wir haben eine sehr gute familiäre und musikalische Verbindung, die mindestens 24 Jahre zurückreicht. Außerdem arbeiten wir alle drei am Berklee Global Jazz Institute zusammen.“ 5


Jede Band mit einer solchen gemeinsamen Geschichte bringt zwangsläufig etwas Außergewöhnliches auf die Bühne. Doch Children of the Light ist eine Formation, in der der spezifische Charakter und Geist jedes der drei Mitglieder immer im Dienst eines musikalischen Gedankenaustauschs zum Einsatz kommt. Es geht weniger darum, was diese drei Virtuosen spielen, sondern wie sie es gemeinsam tun – vor allem da die Band ohne festen Leader auskommt. Carrington, Patitucci und Pérez streben nach dem Ideal eines beweglichen, anpassungsfähigen Ensembles, in dem Atmosphäre und Stimmung genauso wichtig sind wie Melodie und Rhythmus. Für dieses Ideal eines auf gleichberechtigter Zusammenarbeit aufgebauten Ensembles aus Klavier, Bass und Schlagzeug – im Unterschied zum klassischen klaviergeführten Trio mit seiner klaren Hierarchie zwischen den Instrumenten – gibt es bekannte Beispiele, wie etwa ACS, die Gruppe, in der Carrington gemeinsam mit Esperanza Spalding und der jüngst verstorbenen Geri Allen auftrat. Das 2015 unter dem Namen der Band erschienene Debütalbum von Children of the Light war ein klingender Beweis für das Bemühen der Gruppe, sich als Partnerschaft von Gleichgestellten zu ­präsentieren, in der eine federnde Basslinie ebenso viel ­Gewicht hat wie eine vorwärtsstürmende Tomtom-Figur oder ein aufblitzender Klaviertriller – der klassische Fall von einem Ganzen, das größer ist als die Summe seiner Teile. Kraftvoll mit großer orchestraler Geste zupackend, aber auch mit graziöser Intimität weiß sich die Gruppe jeglichen Vokabulars zu bedienen, das kluger zeitgenössischer Improvisation zur Verfügung steht, von Swing und Blues bis hin zu Klassik und Folk. Doch das Entscheidende ist, dass dieses Material nie auf vorhersehbare oder schematische Art und Weise eingesetzt wird. Im Zusammenspiel von Children of the Light bewahren sich Form und Inhalt immer eine große Offenheit. Manche Stücke fließen in gleichmäßigem Tempo mit dezenten Untertönen von Afro- oder Latin-Beats dahin, andere wechseln die Gangart mit herausfordernder Flexibilität und fügen sich damit ein in die Tradition solcher Pioniere wie Bill Evans, Herbie Hancock oder Chick Corea, mit dem Patitucci in jungen Jahren zusammenspielte. Für Pérez entspringt der Wunsch, impulsiv auf den Moment zu reagieren und im musikalischen Erzählverlauf Risiken nicht zu scheuen, aus der Persönlichkeit der Bandmitglieder und aus der Inspiration, die sie aus ihrer Verbindung zu Wayne Shorter gewonnen haben. „Wir versuchen, Klang6


farben und Instrumentenkombinationen zu entdecken, die sich über die traditionellen Rollen im Klaviertrio hinwegsetzen“, erklärt er. „Dieses Trio bringt zum Ausdruck, was wir von Shorter gelernt haben. Er hat uns ermutigt, Musik so zu schreiben und zu spielen, wie wir uns die Welt idealerweise vorstellen. Was uns antreibt, ist der Wunsch, mit unseren Kompositionen Licht und Hoffnung in die Welt zu bringen – und den Gedanken, ‚über die Musik hinaus‘ zu gehen. Das ist es, was er uns gelehrt hat: über Musik nicht nur in musikalischen Kategorien nachzudenken, sondern sie als Mittel zur menschlichen Entwicklung zu verstehen. Für uns geht es darum, Musik zu schaffen, die Menschen ­zusammenführt, die interaktiv ist, unvorhersehbar, spontan, heilend – die uns aus unserer Bequemlichkeit herausreißt. Wir haben einen eigenständigen Weg gefunden, miteinander umzugehen, deshalb können wir improvisieren, ohne dabei den Groove zu verlieren. Wir nennen dieses spontane Komponieren und Improvisieren gern ‚Komprovisieren‘.“ Jeder, der einen der zahllosen Auftritte des Wayne Shorter Quartet seit seinem Debüt im Jahr 2000 erlebt hat, weiß, dass diese Gedanken ganz sicher nicht belanglos sind. Die Musiker, die heute abend auf der Bühne stehen, haben sie sich vor fast 20 Jahren zu eigen gemacht und sind in dieser Zeit den hochfliegenden Zielen eines Visionärs gefolgt, der selbst vom Genie eines Miles Davis und Art Blakey beeinflusst wurde und auch außerhalb des Jazz sehr fruchtbar mit Künstlern wie Joni Mitchell und Milton Nascimento zusammengearbeitet hat. Die außermusikalische Motivation von Shorters Quartett, so erklärt Pérez, ist ebenso wichtig wie die musikalische. Zyniker mögen spotten über Künstler, die sich bemühen, mit ihrer Arbeit die Gesellschaft konstruktiv zu verändern. Doch genau das ist das Prinzip, von dem sich der Saxophonist – und überzeugte Buddhist – seit vielen Jahren leiten lässt, und genauso ist es für die Mitglieder von Children of the Light integraler Bestandteil ihres künstlerischen Selbstverständnisses. Patitucci, der zehn Jahre lang als Professor für Jazz am City College in New York lehrte, war eine treibende Kraft hinter der Online Jazz Bass School, die einer möglichst großen Zahl von Interessierten Zugang zu erfahrenen ­Musikern wie ihm selbst verschaffen soll. Carrington hat sich ihrerseits durch ihr prominent besetztes Mosaic Project nachhaltig für die Position von Frauen im Jazz eingesetzt. Pérez wiederum hat sich nicht nur als unermüdlicher Für7


sprecher für soziale Integration in seiner Heimat Panama ­einen Namen gemacht, sondern dort auch das erste Jazz­ festival des Landes ins Leben gerufen und Möglichkeiten für einheimische Musiker geschaffen, sich mit internationalen Stars auszutauschen, um sich musikalisch weiterzubilden. Und er hat immer wieder dazu aufgerufen, Musik als Mittel begreifen, um die Lebensbedingungen und Chancen von Menschen zu verbessern, die in extremer Armut leben. All diese Initiativen wurden 2012 von der UNESCO mit seiner Ernennung zum „Artist for Peace“ honoriert. Pérez, der als Mitglied von Dizzy Gillespies United Nations Orchestra in den späten 80er Jahren aus erster Hand das Gemeinschaftsgefühl über Grenzen hinweg kennenlernte, das Musik ­auslösen kann, sagte in seiner Dankesrede: „Ich glaube, wenn wir Jazz ins Zentrum musikalischer Ausbildung stellen, können wir damit dazu beitragen, Werte und Einstellungen zu schaffen, die Einfluss auf unsere Beziehung zu anderen Menschen und zur Umwelt haben.“ Sich nach außen hin anderen zuzuwenden, anstatt sich in sich selbst zu verkriechen, ist von entscheidender Bedeutung in einer Zeit, in der sich Intoleranz in der Gesellschaft ­immer weiter ausbreitet. Dem Bandnamen Children of the Light – eine Anspielung auf Shorters Children of the Night – kommt insofern symbolische Bedeutung zu, als er ein ­doppeltes Gefühl von Unschuld und Aufwärtsstreben zum Ausdruck bringt, oder vielmehr den Gedanken, dass jüngere Menschen, für die vieles auf der Welt neu ist, trotzdem den älteren, denen es nicht so geht, noch einiges beibringen können. Künstler, die sich dem Ideal verschreiben, dass Musik ­politischen Fortschritt bewirken und Solidarität erzeugen kann, laufen manchmal Gefahr zu vergessen, woher sie ­eigentlich kommen. Die klar artikulierte Überzeugung von Children of the Light ist es, die Erfolge anderer anzuerkennen und denen Respekt zu zollen, die der Band den Weg geebnet haben. Pérez steht an vorderster Front, wenn es darum geht, seine Dankbarkeit für die bis heute bestehende Präsenz des Mannes in seinem Leben und seiner Arbeit zum Ausdruck bringt, den er in vielerlei Hinsicht als Vaterfigur betrachtet – Wayne Shorter. „Seine Gegenwart wird immer in der ­Musik zu spüren sein. Seine Klänge sind in uns lebendig, während wir uns unserer Musik und unserem Leben widmen, und diese Musik wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln. Er hat uns alle unglaublich stark geprägt. Ihm haben wir es 8


zu verdanken, das Leben aus der Perspektive der Musik zu betrachten, und er hat in uns die Fähigkeit geweckt, den Schaffensprozess auf jedem Aspekt unseres Lebens zu übertragen. Mit jeder Note, die Wayne spielt, bringt er den Wert des Lebens zum Ausdruck und unterstützt uns dabei, die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden – mit Musik, die sozusagen die Schallmauer durchbricht. Ich weiß, dass John und Terri das genauso sehen. Unser Ziel ist es, diese Mission fortzusetzen.“ Übersetzung: Philipp Brieler

Kevin Le Gendre ist der Autor des Buches Don’t Stop the Carnival: Black Music in ­Britain.

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Continuing the Mission Children of the Light: A Tribute to Wayne Shorter

Kevin Le Gendre

“All stars” is a term that has gone more or less out of fashion these days in the world of jazz.Yet supergroups made up of players who are all high achievers, either as bandleaders or accompanists, or both, still exist. Children of the Light is a case in point: the trio comprises pianist Danilo Pérez, bassist John Patitucci, and, for tonight’s concert, drummer Terri Lyne Carrington, who takes over for Brian Blade. Each of these musicians has excelled in a wide variety of settings for well over three decades. Bringing together superlative players of course is no guarantee for artistic success. This may be the first time Pérez, Patitucci, and Carrington have appeared in this line-up, but they are by no means strangers and have developed chemistry in the past. Carrington has performed alongside Pérez and Patitucci in the Wayne Shorter quartet, arguably one of the greatest of small groups in contemporary jazz, so her relationship with her fellow “Children” is well established. “She was also part of my album Panamonk in 1996 and played with John many times,” Pérez points out. “There is a strong family and musical connection that goes back at least 24 years. The three of us also work together at the Berklee Global Jazz Institute.” Any group with this kind of shared history is bound to bring something extraordinary to the stage.Yet Children of the Light is an ensemble in which the strength of character and verve of each individual comes to the fore in a context that places great value on musical conversation and exchange. The question is not so much what the three virtuosi play then how they pool their collective resources—given the fact that there is no nominal leader. Carrington, Patitucci, and 11


Pérez pursue the ideal of a supple, shape-shifting e­ nsemble in which ambience or mood is prized alongside melody and rhythm. The ideal of a collaborative piano-bass-drums ensemble— as opposed to a piano trio with a clear hierarchy between the instruments—has notable precedents, including ACS, the group in which Carrington featured alongside Esperanza Spalding and the late Geri Allen. Children of the Light’s eponymous 2015 debut album was proof positive of the band’s desire to present a partnership of equals, where as much weight is given to a leaping bass line as it is to a tumbling tom-tom beat or sparkling trill on the keyboard. It’s classic case of the whole being greater than the sum of its parts. Sweepingly orchestral, powerfully robust, and gracefully intimate, the group draws on all vocabularies available to a savvy contemporary improviser, from swing and blues to classical and folk music.Yet the point is that none of these materials is used in a predictable or telegraphic way. There is an openness in both the form and content of Children of the Light’s performance, resulting in some songs keeping a steady pulse with subtle Afro-Latin undercurrents, while others chop and change momentum with teasing flexibility, adding to a rich lineage that might include pioneers such as Bill Evans, Herbie Hancock, or Chick Corea, with whom Patitucci played in his formative years. For Pérez, the desire to act on impulse in the moment and take risks with musical narrative can be put down to the personality of the players, as well as the significant inspiration they have drawn from their association with Wayne Shorter. “We are exploring colors and orchestrations defying the ­traditional roles of a piano trio setting,” he explains. “This is a trio that is carrying the torch of the lessons we learned from Wayne. He told us to write and play music the way we want the world to be like. With our compositions and playing we would want to bring light and hope to the world and ­express the idea of ‘going beyond the music.’ That’s what he has taught us: to not think about music just in musical terms but as a tool for human development. For us it’s about ­creating music that brings people together, music that is highly ­interactive, unpredictable, spontaneous, therapeutic— out of the comfort zone.We have found a very original way to interact with each other, so we can improvise without losing the groove.We call this kind of spontaneous composing and improvising ‘comprovising’.” 12


Those who have attended any of the countless performances of the Wayne Shorter Quartet since its 2000 debut will know that these ideas are anything but trifles. The musicians who appear on stage tonight have abided by them for close to 20 years, reaching for the lofty goals set by a visionary, who, himself, was touched by the genius of Miles Davis and Art Blakey, and found common creative ground with musicians beyond the borders of jazz, such as Joni Mitchell and Milton Nascimento. As Pérez explains, the extra-musical intent of Shorter’s quartet is as important as its musical one. Cynics may well sneer at artists who attempt to bring about some kind of constructive change in society through their work, but this has been a guiding principle of the saxophonist, a committed Buddhist, for many years, and it is also an integral motivation for Children of the Light. Patitucci, who taught as a professor of Jazz Studies at City College of New York for ten years, has been instrumental in ­developing the Online Jazz Bass School to encourage the greatest possible outreach and ­access to vastly experienced players such as himself, while Carrington has powerfully championed the role of women in jazz through her high-­profile Mosaic Project. As for Pérez, he has been an indefatigable advocate for social inclusion in his native Panama, establishing the country’s first jazz festival and ensuring that local musicians have the opportunity to ­interact with international stars in order to develop their own craft. He has also consistently endorsed the use of music as a means of improving the life chances of communities in extreme poverty, and his un­flagging dedication was recognized by UNESCO who a­ ppointed him Artist for Peace in 2012. In his acceptance speech Pérez, who gathered firsthand ­experience of the sense of fraternity beyond borders that music can foster in the late ’80s as a member of Dizzy Gillespie’s much-loved United Nations Orchestra, said: “I believe with jazz at the center of musical education we can help to create values and attitudes that affect how we relate to other people and to our environment.” Looking outwards toward others rather than turning in on oneself is vital at a time when intolerance spreads through society. As a band name, Children of the Light—a reference, of course, to Shorter’s Children of the Night—is highly symbolic insofar as it captures a dual feeling of innocence and uplift, or rather the idea that juniors, those who are new to the world, still have much to teach seniors, those who are not. 13


Artists who subscribe to the ideal of music as an agent of political progress and solidarity can sometimes forget where they have come from. The stated ethos of Children of the Light is acknowledgement of the achievements of others and respect for those who have paved the way for the band in the first place. Pérez is the first person to hail the ongoing presence in his life and work of the man he has come to look upon as a kind of father figure from many points of view, Wayne Shorter. “His presence will always be felt in the music. His sounds live in us, as we develop our music and life, and the music will continue to evolve. He has had a ­tremendous impact on all of us. He has helped us see life through the lens of music and inspired us to use the creative process in every aspect of our lives. With every note Wayne plays, he expresses the value of life and helps us to overcome the fear of the unknown—through music that pushes us to go beyond the sound barrier. I know John and Terri feel the same. We are committed to continuing the mission.”

Kevin Le Gendre is the author of Don’t Stop the Carnival: Black Music in Britain.

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