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Zeitung für immersive Kunst: Panorama, Literatur, Theater, Zeichnung 2. Ausgabe | Januar 2018

Diorama – Die Entdeckung der Illusion Diorama-Parallelwelten hinter Glas | Immersion in der Literatur – Durs Grünbeins „Kindheit im Diorama“ Die Kunst der Entgrenzung – Im falschen Film im Theater | Die Pergamon-Giganten – Der Zeichner Yadegar Asisi Der International Panorama Council – Die ganze Welt der Panoramen


2 Editorial

Es gab Panoramen, Dioramen, Kosmoramen, Diaphanoramen, Navaloramen, Pleoramen Fatoscope, Fantasma-Parastasien, ExpĂŠrimence fantasmagoriques, malerische Reisen im Zimmer, Georamen, optische Pittoresken, CinĂŠoramen, Phanoramen, Stereoramen, Cykloramen, Panorama dramatique.

Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Suhrkamp, Frankfurt 1982


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Liebe Leserinnen, Liebe Leser, Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Menschen bereit, sich aus jeder nur möglichen Trickkiste der Illusion verzaubern zu lassen. Sie taumelten benommen aus den Schlachten-Panoramen, wurden seekrank bei imaginären Schiffsreisen oder verträumten sich in die dreidimensionalen Mikrokosmen zeitlich und räumlich weit entfernter Guckkasten-Szenarien. Die Scheinwelten wurden technisch immer aufwändiger. Vor den Fenstern von Eisenbahn-Waggons zogen Helfer gemalte transsibirische Landschaften vorbei. Stundenlang schaukelten Zuschauer in Booten im Wasser herum, während vor ihnen Uferlandschaften auf kilometerlangen Leinwänden abgerollt wurden. Die Helfer, die sich auf den Schiffen um Seekranke kümmern sollten, waren nicht zwingend nur Teil der Illusion. Vulkane brachen mit Getöse aus, spuckten Lichterketten und grollten aus Donnermaschinen - lange Holzrohre, in denen Hinkelsteine hinunterpolterten. Alles Fake? Ja, aber das war damals das Kino oder die virtuellen Welten von heute. Und wenn Sie denken, dass diese frühe Freude an der Illusion durch die vielen Apparate, die hinten immer mit „–ramen“ endeten, für uns heute zu den verstaubten Reliquien einer Zeit gehören, in der besonders elegante Passanten mit Schildkröten flanierten, um ein angemessenes Tempo an den Tag zu legen, dann erfahren Sie in dieser Ausgabe, dass die alten Techniken noch immer das Zeug haben, uns zu faszinieren. Denn auch wir geben unserem Wunsch nach magischer Verwirrung nur zu gerne nach und dafür muss es nicht sofort die Holodeck-Ausrüstung sein. Es geht auch einfacher. Wenn wir uns darauf einlassen. Eintauchen. Einen weltvergessenen Zustand erreichen. Mit diesem Anspruch auf Immersion beschäftigen sich immer mehr Kunstformen unserer Zeit.

Nach der umfangreichen Ausstellung „Sehsucht – Das Panoramen als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts“ 1993 in der Bundeskunsthalle in Bonn hat vor zwei Jahren die Alte Nationalgalerie in Berlin eine großen Pleoramen-Schau (pleo: ich reise zur See) gezeigt. Als dritte große Kunsteinrichtung in Deutschland hat die Kunsthalle Schirn eine Ausstellung mit Dioramen aus Paris nach Frankfurt geholt. Denn diese vom Aussterben bedrohten Guckkästen, in denen im 19. Jahrhundert vor allem ausgestopfte Tiere vor illusionistischem Hintergrund ausgestellt wurden, hatten, wie auch die Panoramen, eigentlich keinen Platz in der Kunstgeschichte. Sie inspirieren aber zeitgenössische Künstler zu ungewöhnlichen und neuen Einblicken. So auch den Schriftsteller Durs Grünbein, der sich in seinem literarischen Text „Kindheit im Diorama“ mit dem Blick eines neugierigen Kindes an diese Fernseh- und Fernweh-Kisten seiner frühen Kindheit erinnert. Auch Theater und Oper beziehen ihre Attraktivität zu einem guten Teil aus der optischen Inszenierung des Bühnenraumes- und Geschehens. Dass es aber im Theater immer mehr darum geht, die Zuschauer direkt in die fiktionale Kunstwelt mitzunehmen und eintauchen zu lassen, zeigt die aktuelle Produktion der Performancegruppe SIGNA am Hamburger Schauspielhaus. „Das halbe Leid“ ist immersives Theater. Wir waren dabei. In Pergamon allerdings nicht. Wir können aber vermuten, dass die hellenistischen Griechen von dem Gigantenfries am großen Altar von Pergamon ähnlich hypnotisiert waren. Allerdings vor Ehrfurcht. Immerhin handelte es sich um überlebensgroße Abbildungen der olympischen Götter. Der in Marmor gehauene Gigantenkampf war sowas wie das „Action-Kino“ der Antike. Yadegar Asisi macht diesen überwältigenden Eindruck von Göttern und Giganten in einem enormen Aufwand für das neue Pergamon-Panorama noch einmal sichtbar.

Ihre Juliane Voigt Chefredakteurin


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Text: Julia Schmitz

Dioramen – Parallelwelten hinter Glas

Die Entdeckung der Illusion Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begeisterten DioramaSchaukästen die Betrachter mit inszenierten Naturdarstellungen und dramatischen Szenerien des Weltgeschehens. Aber auch einfach als AlltagsNachbildungen ferner und kolonialer Welten hinter sicherem Glas. In einer Ausstellung hat sich die Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main damit beschäftigt, wie auch zeitgenössische Fotografie und Filme sich diesem Konzept der Illusion bedienen.


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Ich wollte, man führte mich zu jenen Dioramen zurück, deren brutale und überwältigende Magie mir eine förderliche Täuschung aufzudrängen weiß. Und lieber betrachte ich einige Theaterdekorationen, wo ich meine Lieblingsträume kunstvoll ausgedrückt und tragisch vereinigt finde. Weil dergleichen falsch ist, ist es dem Wahren unendlich viel näher. Charles Baudelaire (französischer Lyriker; Aus: Aufsätze zur Literatur und Kunst, 1859)


6 Dioramen – Parallelwelten hinter Glas

Ein Schaukasten aus Holz, hinter dessen Glasfront sich eine dreidimensionale Szenerie ausbreitet: Die ersten Dioramen lassen sich bereits auf das 16.  Jahrhundert zurückführen, als man vor allem Figuren aus der Bibel nachbildete – doch so richtig in Schwung kam das Konzept erst im 19. Jahrhundert. Mit dem rasant angestiegenen Interesse an der Entdeckung der Natur durch Koryphäen wie Alexander von Humboldt oder Charles Darwin stieg auch der Wunsch nach deren Vermittlung: Es entstanden Schaukästen, die in lebensechter Größe die scheinbar „wilde Natur“ darstellten, gesichert hinter einer Glasscheibe und doch so authentisch, dass die Betrachter sich mittendrin wähnten. Die Kombination aus präparierten und in einer Bewegung erstarrten Tierkörpern vor realistisch gemaltem Hintergrund erzeugte eine so eindringliche Illusion, dass so mancher Ausstellungsbesucher versuchte, den Schaukasten zu betreten und die kämpfenden Tiere zu trennen. Eine Illusion, von der sich der moderne, an vielerlei optische Spielereien gewöhnte Mensch, nicht so leicht verwirren lässt. Oder doch? Sowohl Film als auch Fotografie unserer Zeit bedienen sich der auf der Meta-Ebene gleichen Konzepte wie ein Diorama: Sie nutzen Inszenierung und Verdichtung für scheinbar alltägliche Szenen. Betrachten wir die in einem großen Leuchtkasten angebrachten Fotografien von Jeff Wall, so finden wir uns mitten in einem Wohnzimmer wieder – auch wenn der Versuch, in das Bild einzusteigen, in den meisten Fällen ausbleibt. Scheinbar beiläufig wirkt diese Aufnahme, und doch liegt ihr eine detailliert geplante Choreografie zugrunde. Wie in einem Diorama wird auch in den Bildern von Jeff Wall der Blick auf einen bestimmten Ausschnitt gelenkt; in der zeitgenössischen Kunst geht es jedoch, anders als bei den naturwissenschaftlichen Dioramen, nicht um die Darstellung des Status Quo, sondern um die Frage nach Alternativen: Wie könnte es sein?

Auch der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto greift die Darstellungsform auf, um sie in unsere Zeit zu übertragen: Er fertigte seit den 1970ern gestochen scharfe Fotografien von Dioramen an, deren Illusion man aufgrund ihrer scheinbaren Plastizität und der nicht sichtbaren Grenzen des Schaukastens vollkommen erliegt. Man akzeptiert das Abgebildete direkt, bevor man den Bildinhalt – z.B. ein spazierendes Neandertaler-Pärchen – und dessen Authentizität überhaupt hinterfragt. Für die Künstler aus Fotografie und Film steckt dahinter auch immer die Auslotung der Grenze zwischen Realität und Illusion. Was ist, wenn unser eigenes Leben ebenfalls nur eine aufwändige Inszenierung ist? Diese Frage stellt sich letztendlich auch die Hauptfigur aus dem Film „The Truman Show“, der ausschnittsweise zu Beginn der Ausstellung gezeigt wurde. Unwissend hatte Truman bis ins Erwachsenenalter die Realität, die ihm von Regisseuren jahrelang vorgegeben wurde, akzeptiert. In dem riesigen Diorama – der Fernsehbildschirm der Zuschauer fungiert hier als Glasscheibe – geht er seinem scheinbar normalen Alltag nach, bis er eines Tages misstrauisch wird und auf seiner Flucht an den Rand der Kulisse stößt. Es sei „diese Mischung aus extremer Künstlichkeit, die vorgibt, natürlich zu sein“, die bis heute die Faszination der Dioramen ausmache, so Philipp Demand, Direktor der Schirn. Die Fotografien von Jeff Wall und Hiroshi Sugimoto und letztendlich auch die „Truman Show“ heben sich, bei allen Gemeinsamkeiten, jedoch in einem Punkt von den Dioramen ab: Sie bedienen sich auf den ersten Blick ebenfalls der Inszenierung einer heilen Welt, bevor sie den Schleier zur Realität lüften. Und die kann manchmal ganz schön bitter sein.


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Coverbild: Nachts im American Museum of Natural History in New York City.

Bild oben: Ausstellungsansicht: Kent Monkman

Wenn das Museum schließt, wird repariert und geputzt.

Der Künstler lebt in Winnipeg, Kanada. Seine Miss Chief Eagle Testickle auf dem Motorrad hat als sein Alter Ego den kubistischen Stier von Picasso mit pinkfarbenen Pfeilen erlegt. Eine Kritik an der Epoche der Moderne in der Darstellung indigener Volksgruppen im Kubismus und Primitivismus. „Als Antithese der heteronormativen patriarchalischen Misogynie des europäischen Macho-Künstlers, den Picasso verkörpert hat.“ (Kent Monkman, in „Diorama“ Ausstellungskatalog; Snoeck 2017)

© Richard Barnes Savannah Numeration 2005 Fotografie

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017, Foto: Norbert Miguletz Béte Noire 2014 Installation


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Immersion in der Literatur

Kindheit im Diorama Auszug aus: Durs Grünbeins „Kindheit im Diorama“ aus dem Aufsatz-Band „Galilei vermißt Dantes Hölle“, Suhrkamp, Frankfurt 1996 (gekürzt)

Tineke de Lange/Suhrkamp

Durs Grünbein wurde am 9. Oktober 1962 in Dresden geboren. Er lebt und arbeitet als Dichter, Übersetzer und Essayist in Berlin und Rom. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Peter-Huchel-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg 2000, den Friedrich Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 2004 und den Berliner Literaturpreis 2006 der Preussischen Seehandlung verbunden mit der Heiner-Müller-Professur 2006. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.


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[...]  In meiner Kindheit gab es eine Zeit, da quälte ich meinen Großvater jeden zweiten Tag, mit mir ins Museum zu gehen. Wie fast jedes Jahr, bevor ich zur Schule kam, verbrachte ich bei meinen Großeltern den Sommer im thüringischen Gotha. Die üblichen Spaziergänge durch die städtischen Parkanlagen und die berühmte Orangerie hatte ich bald so satt, dass ich lieber allein herumvagabundierte. Auf Begleitung angewiesen war ich nur für ein einziges Ausflugsziel: Das Naturkundemuseum. Sechsjährig, im unschuldigen Zustand des Analphebetismus, mit besonderen Interessen nur für Schwäne und Autos, Eisenbahnen und Hunde, geriet ich zum ersten Mal in den Sog einer kleinen Manie. Mein Großvater wusste schon Bescheid, wenn ich wie an langer Leine ihm vorausstürmte, die breiten Stufen des Gebäudes hoch und hinein in die Säle, noch bevor er an der Kasse das Wechselgeld nachgezählt hatte. Um mich wiederzufinden brauchte er nur im Erdgeschoss die Reihe kleiner Separées abzusuchen, die wie Theaterlogen mit dunklen Vorhängen gegen den Gang abgeschirmt waren. Hinter einem der Vorhänge, mäuschenstill wie beim Versteckspiel, stand ich und hatte die Zeit gleich vergessen, denn vor mir lag Afrika, eine hitzeflimmernde Savannenlandschaft. Oder es kam vor, dass ich fröstelnd vorn an der Glasscheibe lehnte, und vor mir türmten sich Eisschollen vor einem blaugefrorenen Horizont. Trat dann mein Großvater hinzu, zeigte ich meist nur stumm ins Bambusdickicht auf den flach sich anschleichenden Tiger oder ich warnte ihn mit einem Blick vor den Wildschweinen im Unterholz. Vor mir dehnte

(Abdruck: mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Grünbein hat seine Kindheitserinnerungen in Dresden auch in dem Buch „Die Jahre im Zoo“ beschrieben. In dem Essay „Kindheit im Diorama“ aber beschreibt er die Faszination, die er als Kind bei den Besuchen im Naturhistorischen Museum in Gotha erlebt hat. Gotha hatte das größte Naturkundemuseum Thüringens. Eingerichtet im Herzoglichen Museum, das 1879 von Ernst II. von Coburg und Gotha gebaut wurde. Der Herzog war ein kulturinteressierter Mensch und förderte die schönen Künste. Hatte aber auch mit dem berühmten Zoologen Alfred Brehm ausgedehnte Reisen nach Afrika unternommen. Bedeutsam waren die Dioramen, die daraus entstanden. Überhaupt war die Herzogliche Museums-Sammlung mit ihren Antiken

und Kunstschätzen damals von großer wissenschaftlicher und künstlerischer Bedeutung. Nach 1945 ist die Sammlung komplett nach Russland transportiert worden. Nach der Rückgabe der Exponate ist das Museum umgebaut und neu eröffnet worden. Zwischen 1952 und 1954 hat der berühmte Jagd- und Tiermaler Friedrich Reimann die Hintergründe der neu eingerichteten Dioramen ausgemalt. Die in einzelnen Kabinetten aufgestellt waren, einzeln abgetrennt mit dicken Vorhängen, um die oft auch dramatisch illuminierten Szenerien einzeln und in gedämpfter Akustik betrachten zu können. Die Dioramen waren für den jungen Durs Grünbein so real, dass er hinter der Glasscheibe staunend die Wirklichkeit fremder Welten vermutete.

sich, zum Greifen nah, eine unermeßliche Ferne, die ich offenbar lange schon kannte, aus Erzählungen, Träumen und undeutlichen Erinnerungen. Meinem wiedererkennenden Blick war sie genauso real wie der Stadtpark draußen oder der Thüringer Wald. Was für Großvater allenfalls eine Kopie war, ein Stück Dschungel, täuschend echt imitiert und etwa so interessant wie die Schaufensterauslage in einem Pelzgeschäft, war mir unmittelbar mit der Natur draußen identisch. Genau so hatte ich mir die polaren Einöden, Heimat des Eisbären, immer schon vorgestellt. Hatte man nicht denselben Ausblick, wenn man an Deck eines Eisbrechers stehend zum Nordpol vordrang? Und diese Vegetation, typisch für Amazonasgebiete, war das nicht wirklich der Regenwald in dem man im Dickicht verlorenging, umstrickt von Lianen, gebissen von giftigen Vipern? War es nur Wille zur Phantasie? Es musste ja jede Einzelheit stimmig sein, ein Bruch wäre dem kindlichen Sachverstand sofort aufgefallen. Dabei wusste ich über tropische Pflanzen so gut wie nichts, hörte manche der Tiernamen zum ersten Mal, dankbar für Großvaters Lexikonkenntnisse. Der Unterschied zwischen ihm und mir lag nicht in der Aufmerksamkeit für Details, in mehr oder weniger romantischer Freude; es war die Aufnahme des Ganzen, an der die Geister sich schieden. Was für ihn unumkehrbar jenseits der Glasscheibe blieb, eine Spiegelung wie Dürers Rasenstück, war für mich Teil des Diesseits, an dessen Begegnung ich nur durch eine Glasscheibe gehindert wurde. [...]


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SIGNA © Köstler

Die Kunst der Entgrenzung


Im falschen Film Text: Juliane Voigt

Auch im Theater sieht man eigentlich erst einmal in ein Diorama. Nur dass es lebendige Schauspieler sind in diesem Guck-Kasten. Und natürlich gibt es da auch keine Glasscheibe. Aber auch das Theater will dem Zuschauer die Illusion der Wirklichkeit vermitteln. Das klappt, genauso wie beim Diorama, je nach Qualität der Schauspieler oder des Stücks mehr oder weniger. Eine neue Theaterform aber versucht das inzwischen auch ohne Bühne. Das nennt sich „Immersives Theater“. Im Jahr 2001 ist die Gruppe SIGNA von der Dänin Signa Sorensen und dem Österreicher Arthur Köstler gegründet worden. Knapp 40 Schauspieler und Schauspielerinnen improvisieren Non-Stop-Stücke in leerstehenden Hallen, Depots, Fabriken oder auf Freiflächen. Tagelang, manchmal sogar über Wochen. Dabei ziehen sie die Zuschauer als Mit-Akteure in ihre speziellen und oft unheimlichen Welten. Nichts für Feiglinge ist auch ihr neues Stück „Das halbe Leid“ am Schauspielhaus Hamburg.

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12 Die Kunst der Entgrenzung

Die Premiere von Friedrich Schillers „Die Räuber“ im Mannheimer Theater endete in Tumulten. Zuschauer seien in Ohnmacht gefallen, schreiend und schluchzend hätten sie sich in die Arme ihres Nebenmannes geworfen, heißt es in einem Augenzeugenbericht. Sogar von einer Sturzgeburt war die Rede. So schonungslos gelang die Darstellung des Bösen auf der Bühne. Der Abend war so skandalös, dass das Stück jahrzehntelang nicht mehr aufgeführt werden durfte. Mehr als 200 Jahre ist das jetzt her. Heute ist „Die Räuber“ ein etwas pathetischer Klassiker. Eine aufsehenerregende Neuinszenierung des Münchener Residenztheaters war in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Aber die Wirkung seiner Uraufführung hat Schillers Stück nun im Allgemeinen nicht mehr. Und so ein Eintauchen in die künstliche Welt der Theater-Bühne gelingt ja auch insgesamt schwer in einer Zeit, die immer mehr virtuelle Kunstwelten erschafft. Schon lange versuchen die Theater aus dem Guckkasten von der Bühne herunter zum im Programmheft blätternden oder gähnenden Publikum durchzudringen. Das Theater SIGNA löst die Grenze zwischen Publikum und Schauspielern radikal auf. Ihr Stück „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ im Jahr 2008 spielte zum Beispiel in einem in sich geschlossenen und dafür extra gebauten Dorf. Ein Areal in der Nähe von Köln, mit Bretterbuden und Bauwagen und Außengrenzen. Die Truppe wohnte dort mehrere Wochen. Eine verzwitscherte Kleinstadtidylle in die man als Besucher eintauchte, für Tage oder Stunden. Die Produktion war bis zur letzten Hütte damals zum Berliner Theatertreffen eingeladen. So neu war das, so bemerkenswert. SIGNA ist heute die berühmteste Performance-Gruppe für immersives Theater, die konsequenteste. Was SIGNA allerdings wirklich im Sinn hat, ist nicht Improvisation oder der Spaß daran, die Zuschauer auch einfach mal eben Theater mitspielen zu lassen. Es geht vielmehr darum, in die Welten und Geschichten, die sie vorgeben, emotional einzutauchen. In ihren Produktionen steckt hinter einer relativ harmlosen Rahmenhandlung immer eine unheimliche Bedrohung. Und so erlebte der Besucher von „Ruby Town“, so hieß das Hüttendorf, dass die Bewohner zwar ihren Tätigkeiten nachgehen. Aber plötzlich patrouillieren Soldaten, die Stimmung ist angespannt, keiner äußert sich dazu, eine imaginäre Bedrohung wird spürbar, aus der es keine Fluchtwege gibt. Oder das „Dorine Chaikine Institute“. Eine Krankenstation, das SIGNA für ein paar Tage im Berliner Ballhaus Ost eingerichtete hatte. Als Zuschauer hat man sich mit dem Eintritt selbst für eine Nacht in eine psychiatrische Station eingewiesen und war den irrationalen Regeln von Ärzten

und Schwestern bis an den Rand der Selbstaufgabe ausgeliefert. In dem Stück „Black Rose Trick Hotel“ in Malmö, in das die Zuschauer wie in ein Hotel eincheckten, gelangten sie vorgeblich zwar an den sichersten Ort der Welt, der als solcher auch militärisch bewacht wurde, waren aber plötzlich einer mysteriösen und ansteckenden Krankheit in Quarantäne-Situation ausgesetzt. Das neue Stück von SIGNA heißt „Das halbe Leid“ und spielt im Obdachlosenmilieu - Schlafsäle vollgestellt mit Doppelstockbetten, Waschräume für Hundertschaften, osteuropäische Kälte in einem stillgelegten Hamburger Fabrikgebäude. Ja, der Mensch ist eine traurige Maschine. Im ehemaligen Verwaltungstrakt sind „Gruppenräume“ eingerichtet. Der Verein „Das halbe Leid“ lädt Mitmenschen ein, bei einem zwölfstündigen Kurs Mitleid zu empfinden, Empathie zu üben. Die knapp 40 SIGNA-Schauspieler sind zum einen Vereinsmitglieder, die freiwillig psychosoziale Arbeit leisten. Oder eben Obdachlose und psychisch Kranke, Drogenopfer. Mit denen man zuerst einmal Kleidung und Essen teilen soll. Bis zum nächsten Morgen steckt man deshalb in einem würdelosen Secondhand-Outfit, bekommt einen farb- und geschmacklosen Pamps in einer Gummischüssel serviert und teilt mit seinem persönlichen Obdachlosen, die sich nun „Mentoren“ nennen, ein mit Lumpen abgehängtes Lager. Bis Mitternacht besucht man gemeinsam mit den knapp 50 anderen Mitspielern ein fragwürdiges Kursangebot, Psychospielchen in überspitzter Therapeutensprache unter Anleitung der Vereinsmitglieder, in denen einige Teilnehmer von außen wirklich ziemlich bewunderungswürdig aus sich herausgehen. Das klingt alles freiwillig. Ist es aber nicht. Denn schon bald wird klar, dass man einer Diktatur des Proletariats unterworfen ist. Vor lauter Empathie wehrt sich aber keiner. Die unheimlichen Gestalten toben im Laufe der zäh dahinkriechenden Nacht ihre Komplexe und Psychosen mit Mitten-im-Satz-Wutausbrüchen und Handgreiflichkeiten untereinander immer selbstbewusster an den zu Mitspielern avancierten Theaterbesuchern aus. Ein klaustrophobischer Theaterabend mit kafkaesken Situationen. Die Grenze zwischen harmlosem Spiel und persönlicher Beleidigung hat bald Schlagseite. Selbst wenn es auch völlig freies Spiel ist und wenn man so will „Impro-Theater“, orientiert sich die Gruppe doch auch an den Schauspiel-Theorien des Naturalismus. Stanislawskis Lehre vom äußeren Leben einer Figur und der Übereinstimmung mit dem Inneren der Rolle. Jeder SIGNA-Spieler hat seine eigene Geschichte völlig verinnerlicht und arbeitet mit den Emotionen der eigenen Seele. Und


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Besonders viele junge Leute stürmen dieses neue Mitmach-Theater. Auch „Das halbe Leid“ ist immer ausverkauft. Viele sind zum wiederholten Mal dabei. Sie gehen in dieser Welt selbstvergessen auf. Wer sich „emphatisch öffnet“, dem winkt am Mor-

gen nicht nur die Aussicht, das begehrte Zertifikat über die erfolgreiche Kursteilnahme zu bekommen. Besonders Engagierte haben auch noch die Chance, „Kursist des Tages“ zu werden. Wer aber vorzeitig aussteigt und sich einfach als Beobachter zurückzieht, muss am Morgen vor einem Vereins-Tribunal Stellung nehmen. Spätestens da kommt der Verdacht auf, dass mit diesem Verein „Das halbe Leid“ irgendetwas nicht stimmt. Das Ganze scheint eine Art Sekte militanter Gutmenschen zu sein. Alles wird mit Kameras überwacht. Der Morgenkreis startet mit Gesang, Parolen, Dogmen, Reden und Ansagen. Es wird gepetzt und angezeigt. Ein Big Brother-Camp mit eigenen Gesetzen. Immer deutlicher steigt plötzlich die Panik auf, als eigenständig denkendes Individuum unschuldig weggesperrt zu sein. Erschreckend wie schnell man unter diesem Druck plötzlich seinen Charakter aufgibt und kleinlaut wird, sich anpasst, unsichtbar wird, lächelt. Am Morgen nimmt man das normale Leben vom Abend davor, als doppeltes Glück wahr, vor dem man nachgerade auf die Knie sinken möchte. Den Ausflug in diese irrationale Welt bezahlt man mit einem gesunden Maß an Depression, ähnlich wie Schillers Publikum, damals nach der Räuber-Premiere.

SIGNA © Köstler

die steht in enger Verknüpfung mit den anderen. Als Mit-Akteur erfährt man das auf Nachfrage, spürt aber die gedämpfte Aggression hinter jeder Person. Zunehmend wird die Situation unerträglich und bedrohlich. Man macht keinen Schritt mehr alleine. Die meisten „Kurs-Teilnehmer“ gehen voll im Spiel auf, sie bieten ihre Hilfe an, fühlen mit, hören zu, lassen sich beschimpfen und gehen dafür wirklich an ihre eigenen psychischen Grenzen. Selbstverständlich ist diese Wirkung vor allem die fabelhafte Leistung der Schauspieler und Schauspielerinnen. Sie halten in diesem zwölfstündigen Theatermarathon ihre Rollen mit nervigen Ticks und Macken und hilfloser sabbernder und lallender Artikulation gnadenlos durch. Formal ist es ein ebenso ungewöhnliches wie auch kunstvoll stilisiertes Theatererlebnis. Fragwürdig wird es dort, wo es distanzlos die Manipulation von Menschen legitimiert und als drastische Möglichkeit einer therapeutischen „Heilung“ ausgibt.


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Die Pergamon-Giganten

Der Zeichner Yadegar Asisi


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Die Gigantomachie gehört zu den bekanntesten und ältesten Mythen der Antike. Schon früheste Überlieferungen erzählen von diesem „Krieg der Giganten“. Die sich anmaßten, die Götter zu stürzen. Sie türmten Berge aufeinander und schleuderten von da aus Felsbrocken und Eichenstämme gen Himmel. Die Giganten waren in Größe und Kraft unübertroffen. Aber sie waren immer noch nur Erdbewohner. Rowdies, Revolutionäre. Aber die Götter schlugen zurück. Dafür versammelte sich der gesamte Götterhimmel und stürzte sich auf sie mit Gebrüll. Wenn auch im Streit – nie mehr sind Götter und Menschen sich so nahegekommen. Wenngleich die Götter sich von da an mehr unter die Menschen mischten. Auch ihnen war es eine Lehre, es sich im Olymp nicht all zu bequem einzurichten. Diese schicksalhafte Begegnung aber ist von griechischen Steinbildhauern der Antike 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung für die Ewigkeit in Marmor geschlagen worden. Und zwar so kunstvoll und so einmalig in seiner Schönheit, dass der Marmor-Fries lange in die Reihe der Weltwunder gezählt wurde. Der Giganten-Fries rings um den Pergamonaltar ist 113 Meter lang und zweieinhalb Meter hoch. Für die Menschen dieser Zeit muss es ein gewaltiges marmornes Action-Kino gewesen sein. Köpfe rollten, Blitze schossen, sterbende Giganten sanken zu Boden, Schwerter und Pfeile bohrten sich in muskulöse Körper und Glieder. Ein olympisches Kampfgetümmel. Ein Schlachtfeld der Götter durchaus. Aber auch der Wissenschaftler. Denn das ganze Gemetzel ist seit seiner Ausgrabung im Jahr 1878 nur noch in Bruchstücken und fragmentarisch vorhanden. Lesbar ist die in Stein gehauene Erzählung nur für das Auge des Experten. Yadegar Asisi hat nun einen Teil des Gigantenfrieses so rekonstruiert, wie er vor mehr als 2000 Jahren ausgesehen haben könnte. Und zwar in der für ihn vollkommensten und idealen künstlerischen Ausdrucksform: als Zeichnung. Er hat die vorhandenen Figuren und Gliedmaßen, das Gedränge und Gewimmel von Göttern und Giganten in seiner ganzen Dreidimensionalität erfasst. Denn es ist nicht nur ein Marmor-Relief. Die Figuren sind fast komplett als Skulpturen aus den 50 cm starken Marmorplatten herausgearbeitet, worden. Eine filigrane Komposition und auch der Grund dafür, dass soviel verloren gegangen ist. Asisi hat das Sichtbare und das Unsichtbare gezeichnet. Nur in den Farben Weiß, Grau und Schwarz hat er die Götter und Giganten zum Leben erweckt. In der Grisaille-Malerei, die er dafür verwendet hat, kommt die überraschende räumliche Wirkung nur durch Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß zustande.

Das Ganze ist wie so oft auch hier mehr als die Summe seiner ausgegrabenen Teile. Es war eine gigantengleiche Aufgabe. Yadegar Asisi hat mehrere Jahre lang mit großer Unterstützung von Archäologen und Wissenschaftlern, allen voran Dr. Volker Kästner vom Pergamonmuseum, daran gearbeitet. Inhaltlich ist eine Rekonstruktion gelungen, die eine größtmögliche Nähe zu dem zeigt, wie der NordFries wahrscheinlich ausgesehen hat. Die illusionistische Wirkung der Darstellung aber, dass sich die gezeichneten Szenen wie plastisch aus dem Papier herausheben, das sind die Gesetze des Zeichnens. Perspektive, Raum und Licht, Spannung und Dramaturgie. Aber auch die Sinnlichkeit der hellenistischen Bildhauerkunst, das Majestätische, das Ideal der Schönheit, das die Künstler vor mehr als 2000 Jahren festhalten wollten, sind daraus zu lesen. Den Göttern im Olymp wurde geweissagt, dass sie den Kampf gegen die Giganten nur mit der Hilfe eines Sterblichen gewinnen könnten. Mit Herkules als Wunderwaffe und Zeus als Anführer kämpften die Olympier also um die göttliche Ordnung auf der Erde. Gefeiert wurde die Gigantomachie nicht nur als Triumph der Götter über das weltliche Chaos, sondern auch als Symbol des Sieges über alle Feinde der hellenistischen Welt. Das lässt sich bis heute trefflich interpretieren. Erst jetzt aber können wir ihrem Triumph wirklich zusehen. So gebannt, wie die Menschen vor mehr als 2000 Jahren zu den Riesen und den olympischen Übermenschen aufgesehen haben müssen. Die knapp zehn Meter lange Original-Zeichnung von Yadegar Asisi wird mit der Neueröffnung des Interimsbaus des Pergamonmuseums ausgestellt. Wir zeigen Ausschnitte hier als Vorabdruck.


16 Der Zeichner Yadegar Asisi

Gigantenklein....so nennen Archäologen scherzhaft einen Fundus im Pergamonmuseum. Denn noch immer rätseln Wissenschaftler und Archäologen über Teile aus den Ausgrabungen, die sich bis heute nicht zuordnen lassen. Der Nordfries des Altars zum Beispiel ist am besten erhalten. Trotzdem bleibt es für den Betrachter ein rätselhaftes Gigantenpuzzle. Hier ist ein Fuß, da ein Rumpf, ein bärtiger Kopf, wallende Haare, ein Auge, ein Helm, ein Speer. Was gehört zu wem? Welcher Kopf gehört einem Giganten und welches sind hier die Götter? Und vor allem: Um welche Götter handelt es sich? An der Ausdeutung des Pergamon-Frieses arbeiten Forscher seit der Ausgrabung der Marmorplatten vor 130 Jahren. Denn es gibt kaum schriftliche Überlieferun-

Liebesgöttin im Kampfgetümmel Dass es sich hier wirklich um Aphrodite handelt, ließ sich durch eine Inschrift im Gesims identifizieren. Denn so kriegerisch kennt man die Liebesgöttin gar nicht. Auch ihr fließendes, sehr elegantes Gewand weist auf sie hin. Der Kopf ist aber leider nicht erhalten. Sie tritt mit ihrem linken Fuß dem Giganten sehr brutal ins Gesicht und zieht eine Lanze, die sie ihm gerade in die Brust gerammt hat, wieder heraus. Daneben liegt schon ein toter Gigant. Und über der Szene fliegt der kleine Eros als bogenschießender Knabe. Von ihm sind nur der sehr stark beschädigte Corpus und Flügelreste erhalten. Mythologisch kommt an der Stelle aber kein anderer in Frage. Denn es ist der Sohn der Aphrodite, den sie mit dem Kriegsgott Ares gezeugt hat. Die nächste Göttin ist Dione, die Mutter der Aphrodite. Sie kämpft gegen einen jugendlichen kräftigen Giganten mit weit ausgebreiteten Flügeln und Schlangenbeinen. Schlangenbeine sind an dem großen Altarfries ein Charakteristikum der Giganten. Wobei auch nicht alle Giganten damit ausgestattet sind.

gen über die Entstehung des Frieses in Pergamon am Anfang des 2. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Der Forschungsstand gilt allerdings heute als gesichert. Für die Rekonstruktion musste Yadegar Asisi selbst zum Forscher werden. Große Unterstützung bekam er von Dr. Volker Kästner. Er ist ein Experte, für den Gigantenfries. Er weiß alles, kennt jedes Detail und sprudelt vor Hintergrundwissen. Der Archäologe hat viele Jahre im Pergamonmuseum gearbeitet und 1996 auch die Restaurierung geleitet. Kästner hat Yadegar Asisi bei der zeichnerischen Rekonstruktion des Götterkampfes beratend zur Seite gestanden. Durch seine Ausführungen wird der geheimnisvolle Fries selbsterklärend. Ein Exkurs in die griechische Mythologie:

Göttliche Furcht und himmlischer Schrecken Deimos und Phobos sind die Söhne des Kriegsgottes Ares. Die beiden sind die personifizierten Aspekte des Krieges: Deimos steht für Schrecken oder Terror. Phobos für panische Angst. Sie treten immer zusammen auf. Deimos mit Schwert und Schild ersticht hier gerade einen Giganten. Phobos dagegen ist in die Klemme geraten und wird von einem bärtigen Giganten im Ringergriff gehalten. Er kämpft mit einer Art Schlagring mit kurzem Schwert. Im ganzen Fries ist ein kurzer Moment innerhalb der Schlacht dargestellt. Aber ein Moment aus dem schon zu erkennen ist, dass die Götter siegen werden. Und sie siegen auch auf der ganzen Linie. In dieser Situation sieht es ein bisschen brenzliger aus. Phobos aber wird im nächsten Moment zustechen und sich aus der Umklammerung durch den bärtigen Schlangenbeiner lösen.


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Krieg der Löwenmähnen Hier fallen die vollen langen Haare dieser Göttinnen auf. Die drei Gorgonen sind Töchter von urtümlichen Meeresgöttern. Auch sie treten nur als Triade auf. Und es ist der Hinweis, dass der Fries auf der Westseite in die Meereswelt übergehen wird. Eine von ihnen war die Gorgo-Medusa. Nach der griechischen Mythologie ist sie von Perseus enthauptet worden, denn wenn man ihr ins Antlitz sah, wurde man versteinert. In der hellenistischen Zeit wurden die Gorgonen aber schon als schöne Frauenköpfe dargestellt, nicht mehr mit Schlangenhaaren. Die am Fries Besterhaltene ist die so genannte Löwengöttin, die Dritte. Mit einem großen Löwen, der auch einen Giganten von hinten anfällt. Ein älterer Gigant geht mit einem Felsbrocken auf die Göttin los. Die aber sticht mit dem Fuß ihrer Lanze auf diesen Giganten ein. Der Löwe kümmert sich also um den einen und der große Gigant mit den Flügeln, der noch ein bisschen gefährlicher aussieht, wird von der Göttin erlegt.

Poseidon taucht auf aus den Tiefen des Meeres Erhalten ist hier links ein Fischkopf, auf dem der Gigant mit dem Fuß gestanden hat. Denn darauf weist eine Abbruchspur hin. Auch ein Teil des Kopfes und die Schulter dieses Giganten sind erhalten. Von rechts kommt Poseidon mit seiner Entourage. Natürlich hat er als Gott der Weltmeere Seepferde, die sein Zweigespann ziehen. Die Hippocampen sind teils Pferd und teils Fisch. Unterstützt wird er von zwei Seemonstern. Eins mit Schuppen und einer Krokodilschnauze und ein Zweites, was glatt ist, keine Schuppen hat. Die Beinschlange des Giganten der vorhergehenden Göttinnen beißt diesem Meeresungeheuer in die Backe. Dieses Stück ist erhalten. Von der Poseidonfigur ist fast nichts erhalten. Es gibt seinen reichverzierten Dreizack und einen Armrest, über den ein Delphin springt. Diese Fragmente waren die Grundlage für die zeichnerische Entwicklung der Szenen.


Amazon Studios And Queens Museum Celebrate New Film "Wonderstruck" With Lighting Of Panorama Of The City Of New York; Credit: Getty Images for Amazon Studios

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Neues vom International Panorama Council Die ganze Welt der Panoramen


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Der IPC ist ein internationale Organisation von Panorama-Spezialisten, die sich dem Erbe und dem Erhalt der wenigen noch erhaltenen historischen Panoramen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verpflichtet fühlen. Überall auf der Welt gibt es Künstler und Wissenschaftler, die sich mit Panoramen beschäftigen. Ein Mal im Jahr treffen sie sich an einem anderen Ort auf der Welt, um sich auszutauschen. Auch um neue Panoramen kennenzulernen. Im Herbst waren die Panorama-Enthusiasten in New York. Ein Bericht über das Treffen von Ruby Carlson, Generalsekretärin des IPC in Los Angeles:

Der neue Präsident des IPC Seth Thompson ist Associate Professor am „Department of Art and Design“ der American Universität in Sharjah (Vereinigte Arabische Emirate) sowie Medienkünstler und Autor, der sich mit der Dokumentation und Interpretation von Kunst, Design und Kultur durch Print- und Online-Präsentationen beschäftigt. Seine Forschungsinteressen und -praktiken konzentrieren sich vor allem auf die Interpretation und Repräsentation von visueller Kultur und Kulturerbe unter Verwendung von Panorama-Bildgebung und Hypermedia-Systemen. Thompson ist Mitglied der International Art Critics Association und lebt und arbeitet seit 2006 in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Der 26. International Panorama Council fand auf Einladung des Queens-Museums in New York statt. Das Programm widmet sich der Präsentation von visuellen Künsten und Bildungsprogrammen. Berühmt ist es aber für das weltweit größte Stadt-Modell: New York City im Maßstab von 1:1200. Geschätzt 900.000 Gebäude sollen es sein. Denn dass diese Stadt wirklich riesig ist, das wird nirgendwo deutlicher, als mit diesem Boden-Relief. Der Stadtteil Queens ist zum Beispiel so groß wie Berlin. Und auch auf dem Kennedy-Flughafengelände würde Berlin bequem hineinpassen. Die ganze Stadt New York besteht, außer einem Teil der Bronx, wirklich nur aus Inseln, die durch Brücken miteinander verbunden sind. Das alles lässt sich auf diesem Stadtbummel erkunden. In einer Tag- und Nachtversion mit Millionen kleinen Lichtern aus den Wolkenkratzern von Manhattan und dem ganzen illuminierten Großraum der Millionenmetropole. Genau genommen ist das New York-Panorama in Queens ja kein Panorama, aber da man auf einer gläsernen Balustrade ringsherum laufen kann und die Stadt von allen Seiten erlebt, ist der Blick auf die Stadt aus dieser erhöhten Perspektive in seiner Dimension ähnlich überwältigend, wie Besucher das von den Panoramen kennen.

Das New York Panorama stand denn auch im Mittelpunkt dieser Tage. Die Teilnehmer besuchten aber auch das „Museum of Moving Images“ in Brooklyn. Ein Museum mit vielen Ikonen der Filmgeschichte. Von Muppet-Show bis Star Wars. Aber auch einer wunderbaren Ausstellung mit Objekten aus der Zeit, als die Bilder laufen lernten. Vom Moving-Panorama zum Kino. An den zwei Tagen im Queens-Museum haben viele Teilnehmer des International Panorama Councils von ihrer Arbeit berichtet. Vorgestellt wurden Panoramen der Gegenwart und Vergangenheit, New York und seine historischen Panoramen, Rundbilder in russischen Kinos, in Panoramen in Alaska oder Brasilien, wo Studenten heute die verlorenen historischen Rundbilder in Modellform rekonstruieren. Es gibt aber auch ganz neue Panoramen. Neben den zahlreichen Neueröffnungen der Asisi-Panoramen in Deutschland und Rouen (Frankreich) hat auch Kambodscha ein neues Panorama eröffnet. „Angkor, das Zeitalter des Wohlstandes“ zeigt Aspekte des Lebens unter der jahrtausendealten Khmer-Ära. Atlanta in den USA dagegen ist dabei, ein wichtiges historisches Panoramabild zu retten. Auf dem 1886 von dem deutschen Panorama-Maler F.W. Heine gemalten Riesenrundgemälde geht es um den Angriff auf die Zivilbevölkerung von Atlanta im Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten. Das Bild ist mit großem Aufwand in ein neues Gebäude umgezogen worden und wird von dem Münchner Restaurator Ulrich Weilhammer rekonstruiert. Dass es überhaupt noch existiert, ist ein Wunder, denn viele Panoramen aus dem 19. Jahrhundert sind zerstört und verbrannt worden. Und um die Rettung der letzten historischen Panoramen geht es ja immer bei dieser Internationalen Panorama Konferenz. Darüber hinaus aber auch um die Repräsentation von Geschichte in panoramabezogenen Medien wie Stereographie und Virtuell Reality. Mehr und mehr Computerspiele nutzen die Illusion der Panoramen. Seit Herbst ist denn auch nicht mehr Sara Velas die Präsidentin des IPC. Sie hatte die Panorama-Gesellschaft zwei Jahre lang von Los Angeles aus geführt und gab ihr Amt nach Ablauf der Präsidentschaft ab. Neuer Präsident ist jetzt der Amerikaner Professor Seth Thompson aus Dubai. Der nächste International Panorama Council wird im September Panorama 1453 in Istanbul stattfinden. Schwerpunkt der Konferenz ist die Reflektion über die historische Wahrheit im Kontext der Panoramen. Viele Panoramen überliefern ja eine Geschichtsauffassung, die heute überholt beziehungsweise richtig falsch sein kann. Darüber soll in Istanbul diskutiert werden.


AKTUELLE PANORAMA-AUSSTELLUNGEN: Panometer Leipzig  Richard-Lehmann-Str. 114  04275 Leipzig

Panometer Dresden Gasanstaltstraße 8b 01237 Dresden

asisi Panorama Berlin  Friedrichstraße 205  10117 Berlin

WITTENBERG360 Lutherstraße 42 06886 Wittenberg

Gasometer Pforzheim Hohwiesenweg 6 75175 Pforzheim

PANORAMA AM ZOO Adenauerallee 3  30175 Hannover

Panorama XXL Quai de Boisguilbert 76 000 Rouen, France

TITANIC Bis Januar 2019

DRESDEN 1945 13. Januar – 22. April 2018

DIE MAUER Dauerausstellung

LUTHER 1517 Seit 22. Oktober 2016

ROM 312 Seit 6. Dezember 2014

AMAZONIEN Seit 18. November 2017

GREAT BARRIER REEF Seit 16. September 2017 ROUEN 1431 Ab 1. Juni 2018

DRESDEN BAROCK Ab 28. April 2018 T +49(0)341.35 55 34-0 www.panometer.de

T +49(0)341.35 55 34-0 www.panometer.de

T +49(0)341.35 55 34-0  www.die-mauer.de

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T +49(0)7231.776 09 97 gasometer-pforzheim.de

T +49(0)511.280 74 248 panorama-am-zoo.de

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IMPRESSUM asisi F&E GmbH, Oranienplatz 2, 10999 Berlin  Geschäftsführer Yadegar Asisi   Texte Julia Schmitz, Juliane Voigt   Grafik & Lektorat asisi F&E GmbH

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Three Six O | Ausgabe 2 | Januar 2018  

Zeitung für immersive Kunst: Panorama, Literatur, Theater, Zeichnung

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