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Zeitung für Panorama, Zeitkunst und Immersion | 1. Ausgabe | Oktober 2017

Reformation Pause im Kreis Werner Tübke – 30 Jahre Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen Moritz Götze – Ausstellung


2 Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Raste nie, doch haste nie, sonst haste die Neurasthenie!


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Das war das heitere Motto, mit dem die Menschen das 19. Jahrhundert begrüßten. Industrialisierung und die neue Pünktlichkeit forderten die ersten, heute würde man sagen, „Burn-Outs“. Es war aber auch die Zeit, als Panorama-Bilder in allen größeren Städten die Menschen so begeisterten, wie heute Blockbuster in den Kinos. Ein Auto fuhr damals knapp 50 Kilometer pro Stunde, das war Raserei! Inzwischen prasselt das tägliche Weltgeschehen ungefiltert als mediales Trommelfeuer auf unsere hektischen Gemüter ein. Die Bilder, die ein Panorama des Weltgeschehens abbilden sollen, lösen ein dumpfes Gefühl von Macht- und Teilnahmslosigkeit in uns aus. Geht es Ihnen auch manchmal so, dass sie das alles nicht mehr hören und sehen wollen? Panorama, das Wort, leitet sich von den griechischen Wörtern „pan“ und „horare“ ab: ALLES SEHEN! Was man damit auch meinen kann, habe ich gerade noch einmal in dem Luther-Panorama in Wittenberg erlebt. Und ich kann Ihnen sagen: Für mich war das wie Urlaub! Am Anfang habe ich mit den hektischen Sehgewohnheiten, mit der wir die Welt sonst betrachten, das Bild noch szenisch und einzelteilig wahrgenommen. Eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die Theaterkostüme, die fotografische Genauigkeit der Gesichter, die gemalte Kulisse. „Achja, mmh, so ist das gemacht, aha...“ dachte ich. Wie man eben so in Kinofilme geht und nach den technischen Kniffen sucht. Aber nach wenigen Minuten muss jemand in dem riesigen Bild innegehalten haben in seinem geschäftigen Treiben und mich hineingezogen haben. Denn plötzlich war ich drin, im mittelalterlichen Wittenberg. Es war laut, die Gerüche und fremden Stimmen ließen mich taumeln. Und bald nahm mich dieser Luther persönlich an die Hand, führte mich durch seine Zeit und erklärte: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Das verstand ich plötzlich in seiner ganzen Konsequenz. Noch lange streifte ich herum, es war spannend, dabei sein zu können, wie alles begann und – anders als alle um mich herum – zu wissen, als welcher Umbruch die Reformation auch noch 500 Jahre später wahrgenommen werden würde. Und bevor ich jetzt noch weiter große Worte mache, begrüße ich Sie erst einmal als neue Chefredakteurin dieser „Asisi-News“, die mit dieser ersten Ausgabe nicht nur einen neuen Namen, sondern auch ein neues Gesicht bekommen hat. „Three Six O“, das heißt übersetzt „Drei Sechs Null“ und steht für 360 Grad. Vier Mal im Jahr wollen wir Ihnen mit diesem Heft die Welt der Panoramen vorstellen. Da geht es ebenso um moderne Kunst als auch um Bemühungen, historische Panorama-Bilder zu rekonstruieren. Es geht aber auch um ein ganz neues Phänomen in der zeitgenössischen Kunst. Unter dem Begriff „Immersion“ entwickelt sich eine neue Kunstform. Sie stellt den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt. Und ermöglicht ihm in seiner haptischen und sinnlichen Wahrnehmung das grenzenlose Eintauchen in eine andere Welt. Das wird zunehmend ein virtuelles Erlebnis mit technischen Raffinessen. Aber auch Panoramen sind ja immersive Kunst. So wie ich es ja selbst auch in dem Luther-Panorama erlebt habe. In dieser Ausgabe geht es zum Abschluss des Reformations-Jubiläums noch einmal um seinen Superstar: Martin Luther. Und die Sicht verschiedener Künstler auf ihn. In der nächsten Ausgabe Anfang 2018 berichte ich dann von den Vorbereitungen für das Pergamon-Panorama auf der Berliner Museumsinsel. Im Mai wird da die große Eröffnung sein. Und vorher lassen wir Sie schon einmal einen Blick hineinwerfen. Ich kenne den Panorama-Künstler Yadegar Asisi seit fast 30 Jahren. Die traumwandlerische Sicherheit, mit der er die für tot erklärten Panorama-Bilder des 19. Jahrhunderts in unserer Zeit platziert, finde ich phänomenal. Mit dieser Zeitung begleite ich auch die nächsten Asisi-Panoramen, die Sie in die griechische Antike, in ein kleines Paradies und sogar in die Zukunft bringen werden. Mehr verrate ich aber dazu noch nicht.

Viel Freude beim Lesen! Wünscht Ihre Juliane Voigt


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Text: Thea Herold Thea Herold arbeitet in Berlin als Dozentin, Autorin und Coach und erforscht in ihrem Langzeitprojekt „breakreminder“ die unterschiedlichen Strukturen der Pause in der 24 Stunden / 7 Tage-Wachgesellschaft und gehört zu den Gründerinnen der „Schlafakademie Berlin“.

Pause im Kreis


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Wenn wir das „Lesen“ von Kunstwerken lernen, indem wir Kunst erleben, dann geht es nicht viel anders zu als beim Lesenlernen zum Beginn unserer Schulzeit. Aus Buchstaben werden mit der Zeit Worte. Dann Sätze und Inhalt mit Sinn. Wie dieses Buchstaben lernen damals im Detail passierte, haben die meisten von uns vergessen. Aber jedes Mal, wenn eine unbekannte Schrift in fremden Sprachen das Lesen und Verstehen wieder auf null zu stellen scheint, braucht es erneute Anstrengung und oft erhebliche Zeit, um sich das System zur Verständigung neu anzueignen. Ob nun Kyrillisch, Arabisch, Chinesisch, Persisch oder Latein – alle Sprachen haben sehr verschiedene Zeichen.


LUTHER 1517 Panorama und Plattform; Foto: Tom Schulze © asisi

6 Pause im Kreis


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Doch bei jeder Sprache gibt es weißen Raum zwischen den Worten – die Pause. Ohne diesen sinnvollen Zwischenraum wäre alle Schrift ein Brei aus Schwarz, jeder Satz nur krakulierende Lineatur und ohne die Leerzeichen verschwimmt jeder Text zur Landschaft aus Wortgebilden, wird unlesbar und verliert allen Inhalt. Selbst in der Sprache der digital-binären Codes aus Eins und Null, true and false, braucht es die Sinn herstellende Pause im Quelltext. Selbst Logarithmen haben Syntax. Aber ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Und das stimmt. Es sagt uns oft sprichwörtlich mehr als tausend Worte und das auch aufgrund der Pause. Ein Bild, wie das Panoramabild LUTHER 1517 von Yadegar Asisi. Pausen erfordert es geradezu. Beim Eintreten in den Rundraum entstehen blitzschnell visuelle Brücken zwischen Gestern und Heute. Eine Welle neuer Eindrücke überrollt uns beim Eintreten, nimmt sofort alle Sinne gefangen und doch gibt das Kreisrund des Panoramabildes auch spürbaren Halt. Weil der Kreis des Panoramas sich uns nicht nur öffnet, sondern unser Sehen auch begrenzt. Und weil die sinnliche Überforderung des ersten Momentes mit der sanften Einladung zum Zeitnehmen verbunden wird. Es gibt im Kreis eine imaginäre Aufforderung „Halt inne“, denn jeder Kreis hat diese Chance der Begrenzung, die aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt. Doch dazu kommt im Panorama beim Rundblick über 360° die Einladung zur zentrierten, geistigen Ruhe. In der Panoramakunst ist es der Rundblick auf das EINE große Bild. Doch auch in der Natur wird jedes Gipfelerlebnis durch diese Pause am höchsten Punkt beim Rundblick unvergesslich. Denn erst mit Zeit können wir den besonderen “Bildtext“ eines Panoramabildes lesen. Und die Intermission, der Stopp, das Innehalten und immer wieder Stehenbleiben, strukturiert unser visuellakustisches „Lesevergnügen“ beim LUTHER-Bild in der Rotunde. Mittelalterliche Fassaden unterbrechen dichtgedrängte Szenen. Das Tempo von Turbulenz und Aktion wird beim Blick in weite Landschaft und zum Himmel hinauf immer wieder gedrosselt. Die anamorphotische Komposition des gefüllten Raumes erleben wir bei Asisis Panoramen auch deshalb als so gut lesbar, weil wir unser Gehen im Rundbild genau dann unterbrechen können, wenn uns danach ist. Wir können tatsächlich Pause machen, dürfen ruhig abwarten, bis sich die mentale Landkarte ordnet.

Die meisten Besucher machen das ganz intuitiv. Immer wieder bleiben die Menschen stehen, lassen sich Zeit. Manche halten sich auch fest am Geländer, oder lehnen sich an oder verweilen auf den Plateaus. Nur über die Treppen geht man ohne Unterbrechung. Macht ja auch Sinn. Der eine Grund, warum wir in diesem besonderen Kunstraum de facto eine Pause, also ein temporäres Heraustreten aus der Zeit erleben, findet sich darin, dass es sich beim Thema LUTHER 1517 um einen thematisch-visuellen Zeitsprung von circa fünfhundert Jahren handelt. Das ist aber nur eine Seite: die „äußere Zeit“. Der andere Grund liegt im Spiel des Panoramas mit der „inneren Zeit“, mit der circadianen Taktung, die unsere inneren Uhren bestimmt. Da im LUTHER-Panorama für einen Tag keine 24 Stunden vergehen, sondern die Nacht schon nach etwa zwanzig Minuten beginnt – „erleben“ wir zwei, drei Tage oder eine ganze Woche im Wittenberg der Reformation. Diese künstliche Zeitdehnung ist natürlich subjektiv verschieden. Vielleicht übernimmt die Kunst – und vor allem die Räume, wo wir sie erleben – in Zukunft auch mehr von dieser wunderbaren Aufgabe, uns immer wieder an die Kunst des Pausierens zu erinnern. Wir brauchen Bilder, die uns zentrieren. Visuelle Texte für jenes 21. Jahrhundert, die nicht nur alle Farben und Formen unseres Zeitalters reflektieren, sondern auch für Gedanken und Geist Raum entstehen lassen. Eine angemessene Pause zu machen ist ein Gewinn. An diesen Gedanken dürfen wir uns wieder gewöhnen. Beim Besuch am 17. September 2017 erlebte diesen Mehrwert der Pause um 12.45 ein Besucher ganz direkt. Es war gerade dunkel, trocken, warm. Und als es hell wurde, nach zwanzig Minuten, stand er von der Bank wieder auf. Rieb sich kurz die Augen und zog wieder interessiert das Bild erkundend seine Kreise. Es war eben die rechte Zeit für einen Powernap gewesen. Souverän oder intuitiv, egal: „public sleep“, denn der Kunstfreund hatte einfach kurz mal geschlafen. LUTHER 1517 von Yadegar Asisi Seit 22. Oktober 2016 WITTENBERG360 Lutherstraße 42, 06886 Wittenberg Öffnungszeiten: täglich 10 – 18 Uhr Weitere Informationen unter www.wittenberg360.de


8 Pause im Kreis


LUTHER 1517 Panorama, Panorama-Innenrund; Foto: Tom Schulze © asisi

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Dresden 1976. Im Albertinum eröffnet eine Retrospektive von Werner Tübke, einer der damals bedeutendsten Maler in der DDR. Er redet auf dem Podium. Über seine Arbeit. Und über sein neuestes Vorhaben: Das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen. Den Auftrag habe er soeben bekommen, sozusagen am Rande von... direkt aus der Parteizentrale im ZK der SED Berlin. Er wird gefeiert. Alle reden von dem historischen Schlachtenpanorama. Ein irres Projekt. Ein wahnsinniges Vorhaben. Im Publikum ist auch der gerade 21-jährige Yadegar Asisi. Der junge iranische Emigrant ist Architekturstudent in Dresden. Er steht erstaunt in dem Getümmel. Das ist über 40 Jahre her. Aber an eins erinnert er sich deutlich – dass er sich fragte:


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Was ist ein Panorama? Text: Juliane Voigt


12 Was ist ein Panorama?

Bis 1987, zehn Jahre seines Lebens, hat Werner Tübke an diesem Großauftrag gearbeitet. Vor Ort im thüringischen Bad Frankenhausen. Es wurde sein Lebenswerk. Ein unfassbarer Aufwand. Öl auf 1800 Quadratmeter Leinwand. Bis heute heißt dieses Bild: „Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland“. Und es steht wie in einem Pantheon an dem Ort, an dem am 14. und 15. Mai 1525 eine bestialische Schlacht zwischen Bauern und Söldnern tobte. Mistgabeln gegen Schwerter und Speere. Unter Thomas Münzer sind im thüringischen Bad Frankenhausen mehr als 6000 aufständische Bauern und Salzsieder niedergemetzelt worden. Es war eine entscheidende Schlacht. Die aufständischen Bauern unterlagen. Die Revolution hatte ihre Kinder gefressen. Das Bild ist ein überwältigendes, alle bis dahin gekannten Begrenzungen, sprengendes Gemälde des 20. Jahrhunderts in der Bildsprache der Renaissance. Ein monumentales Tafelbild. Voller Allegorien, Fabelwesen und Symbole. Pontius Pilatus, der sich die Hände in Unschuld wäscht. Neben ihm ein Narr. Die einzige Figur auf dem ganzen Bild, die den Betrachter ansieht. Mit Gesichtszügen des Malers Tübke himself. Ein riesiges, bedeutungsgeladenes und mythisches Monumentalgemälde. Eine metaphorische Interpretation der frühen Neuzeit. Das die DDR-Kunstwissenschaftler in ihrer engen Kunstauffassung vor schwere Aufgaben stellte. Brueghel und Bosch, Cranach und Dürer ließen grüßen. Und die ganze Geschichte des christlichen Abendlandes. Tübke hatte sich, so rund das Gebäude da oben auf dem Hügel auch war, gegen eine theatralische Großillustration der Ereignisse, gegen die perspektivische Illusion eines Panoramabildes entschieden. Es sind Einzelszenen fast ohne perspektivische Anordnung. Zum Teil auch nach Stichen von Lukas Cranach d.Ä. farbig auf die große Leinwand übertragen. Um Tübke und dieses Bild zu verstehen, ist eine Führung vor Ort sinnvoll. Yadegar Asisi war schon im Studium damals in Dresden der Faszination der räumlichen Perspektive begegnet. Und zeichnete und durchdrang begeistert die Gesetzmäßigkeiten der Perspektive. Mit der Abbildung der Natur durchbrach er die Eindimensionalität des Papiers. Er begann, Menschen mit illusionistischen Rauminstallationen zu verwirren. Begeisterte sich für die anamorphotische Malerei des Barock. Es war für ihn wie Zauberei. Die Maler dieser Zeit hatten die strengen Grenzen des Tafelbildes gesprengt. Denn die Zentralperspektive war in der frühen Neuzeit ähnlich wie der Kontrapunkt in der Musik Teufelszeug. Alchemie. Abrakadabra. Aber indem die Maler den Betrachter an einen Punkt stellten und von da aus Perspektiven konstruierten, ließ sich plötzlich die Weite und Tiefe von Landschaften oder Räumen erschaffen. Als Werner Tübke schon angefangen hatte,

sklavisch mit Pinsel und Quast Ölfarbe auf die größte Leinwand aller Zeiten zu bringen, verließ Asisi 1977, gerade fertig mit seinem Architekturstudium, die DDR. Und kam 1979 aus dem Iran nach Westberlin. Inzwischen hatte er die Zeichnung für sich perfektioniert. Und begann an der damaligen Hochschule der Künste Berlin Malerei zu studieren. Und entdeckte nun Altmeister wie Albrecht Dürer, Rembrandt oder Ilja Repin. Fasziniert auch hier wieder von den illusionistischen Effekten. Von Licht und Dunkelheit, Schatten und Reflektionen. Und von dem Universum der Farben. Die ganze Palette zur Abbildung der großen Farbigkeit der Natur. Die Grüntöne der Landschaft, Wolkenformationen an dem unendlichen Farbspektrum des Himmels. Und eben Tiefe und Weite, Nebel und Dunst. Wenn er heute zurücksieht, dann war das alles eigentlich schon deterministisch und festgelegt, wie es mit ihm weitergehen wird. Direkt zielführend auf die Welt der Panoramen. Seit Herbst 2016 ist in Wittenberg ein Panorama zur Reformation zu sehen. LUTHER 1517. Auch hier ist es der Originalschauplatz. Ein Steinwurf entfernt vom Lutherplatz, vom Schloss, von der Szenerie, die vor 500 Jahren die Welt veränderte. Das Panorama ist 18 Meter hoch, 75 Meter lang im Rund. Gemalt von dem Panorama-Künstler Yadegar Asisi. Der Besucher steht inmitten der Rotunde auf dem Wittenberger Schlossplatz und beobachtet Martin Luther aus einer Distanz von ein paar Metern – Ein Blick aus der Zeitmaschine 500 Jahre zurück. Mehr als zehn Mal ist Luther auf dem Bild zu sehen: In seinem Arbeitsraum. Auf der Straße predigend. Mit seinen Kindern singend, ihnen lesen und schreiben beibringend. Immer als ein Auslöser in Schlüsselpositionen mit direkter Wirkung auf seine Zeit. Die Horizontlinie des Panoramas rankt sich wie ein Erzählstrang um die wichtigsten Ereignisse der frühen Neuzeit. Das Papier mit den Thesen ist zu sehen, der von ihm attackierte Ablasszauber, im Hintergrund der schon drohende Bauernkrieg oder die Inquisition noch als Relikt christlicher Religionsfanatiker. Reformation live. Asisi wollte an einem Ort, mit dem Blick in eine Wittenberger Straße, die Geschichte einer ganzen Gesellschaft erzählen. Man sieht Wirtshäuser, Bordelle, Handwerksbetriebe, Markttreiben, Studentenleben. Katharina von Bora pflanzt vor der Stadt einen Apfelbaum. Die zentrale Schlosskirche repräsentiert die kirchliche und die weltliche Macht, durch die großen Kirchenfenster schlägt das Licht wie ein riesiger Spot auf Luther. Der erste Medienstar seiner Zeit. Denn so sieht Asisi ihn. In der Cranach-Werkstatt sieht der Betrachter die Massenproduktion der Luther-Porträts. Die von da aus in ganz Europa kursierten. Gutenberg druckte Luthers Schriften in Flugblattmanier. Die Bücher wurden für den Transport in Fässer verpackt. In Europa verbreiteten sie sich wie ein ganz neues, modernes Massenmedium.


Werner Tübke: Bauernkriegspanorama Bad Frankenhausen; Foto: ZK-MEDIEN © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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14 Was ist ein Panorama?

Das Panorama LUTHER 1517 ist eine fast fotorealistische und, erstmals bei Asisi, eine narrative Darstellung der überlieferten historischen Ereignisse der Reformation in fast greifbarer Nähe zum Geschehen. Keine historische Momentaufnahme. Ein vielgestaltiges Panoramabild, in das der Besucher sich über drei Etagen als gerade Teilnehmender auf die Ereignisse der Reformation einlassen kann. Es ist ein Illusionsraum. Asisi nutzt die räumliche Kraft des Panoramas mit Sound- und Lichtinstallationen, um dem Betrachter den direkten Zugang zu ermöglichen. Und dieser Zugang ist ziemlich einfach. Man muss nur schauen und sich Zeit lassen. Einmal sind sie sich dann noch begegnet. Asisi und Tübke. Nach dem ersten Zusammentreffen in

Dresden, damals, es war schon so lange her. Auf dem Flughafen in Rom. Da hatte das Bild in Bad Frankenhausen schon den Status als kultureller Gedächtnisort auf der Blauen Liste der Bundesregierung. Werner Tübke war im hohen Alter, auch gezeichnet von den Strapazen in diesen zehn Jahren auf dem thüringischen Hügel. Als Yadegar Asisi auf ihn zuging und ihn fragte, was er ihn, der das Wort Panorama in sein Bewusstsein gepflanzt hatte, schon immer fragen wollte: Warum er das Bauernkriegs-Panorama nicht einfach gerade aufgehängt hätte. Denn ein Panorama sei es nicht. Und Tübke hatte gar nicht erstaunt und ein wenig mürrisch geantwortet, dass er nie vorhatte, ein Schlachtenpanorama auf fast 2000 qm Leinwand, zu malen. Er hat die Zeit der Schlacht im Zusammenwirken mit


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Vor 30 Jahren wurde es eröffnet. Kurz danach ging die DDR in den Westen und auf die Straße. Aber ob frühbürgerliche Revolution oder Reformation, Panorama oder Großgemälde: Die beiden Bilder erzählen mit unterschiedlichen Mitteln und auf andere Weise die gleiche Geschichte.

Werner Tübke: Bauernkriegspanorama Bad Frankenhausen; Foto: ZK-MEDIEN, Bonn 2017

ihren Auslösern und Wirkungen – Luthers Reformation – mit seinen künstlerischen Mitteln zeigen wollen. Vielleicht wollte er sich nicht an die architektonische Vorgabe halten. Rund? Na und? Und der DDR nicht noch ein Gewinner-Epos schenken. Eine Illusion zurechtgerückter Geschichtsauffassungen, mit der sich die Kommunisten gern die Gesetzmäßigkeiten der Welt erklärten. Denn sein Thomas Müntzer steht verloren zwischen Toten und Kämpfenden. Die Siegesfahne im Schlamm vor sich. Sein Geschichtsbild war nur in der äußeren Form eine runde Sache. Nur wenn etwas rund ist, ist es noch lange kein Panorama. Tübkes Bild ist ein grandioses Monumentalbild. Und es war eine Revolution in der DDRKunstgeschichte. In diesem Reformations-Gedenkjahr feiert auch das Tübke-Gemälde ein Jubiläum.

Bauerkriegspanorama von Werner Tübke Panorama Museum Am Schlachtberg 9 06567 Bad Frankenhausen Weitere Informationen unter www.panorama-museum.de

Öffnungszeiten November bis März: Montag: geschlossen, Dienstag – Sonntag: 10 – 17 Uhr April bis Oktober: Montag: geschlossen, Dienstag – Sonntag: 10 – 18 Uhr


Bilder aus der Ausstellung „Superstar 2.0“ von Moritz Götze; Foto: Juliane Voigt © Moritz Götze

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Text: Juliane Voigt

Luther 2.0 im Weltkulturerbe Martin Luther – der Medien-Star. Diesen Eindruck hat das Jubiläumsjahr der Reformation schon auch hinterlassen. Luther beherrscht die Gazetten und Bühnen. Ein Medienstar seiner Zeit und auch unserer. So sieht ihn nicht nur der Künstler Yadegar Asisi auf seinem Wittenberger LutherPanorama. Auch für den Hallenser Pop-ArtKünstler Moritz Götze ist dieser Martin Luther ziemlich angesagt in unserer Welt.


18 Luther 2.0 im Weltkulturerbe

Die St. Jacobikirche in Stralsund ist eine der großen Stadtkirchen, von denen die Silhouette der Weltkulturerbe-Altstadt geprägt ist. Mit 700 Jahren ist sie neben St. Marien und St. Nikolai die jüngste und auch die kleinste. Die Säulen wachsen trotzdem 25 Meter hoch in den Gewölbehimmel. Das Kirchenschiff ist mit 70 Metern so lang wie der Turm hoch ist. Im Frühjahr ist die Jacobikirche als Kulturkirche eröffnet worden. Ein leerer gekalkter Innenraum. An großen Trennwänden hat Moritz Götze seine Arbeiten aufgehängt. Er hat die Hallenkirche in eine Kunsthalle verwandelt. Mit Kirchen kennt er sich aus. Im thüringischen Bernburg hat er den Innenraum der St. AegidiusKirche einmal ringsrum mit seinen bunten und ausgesägten Emaille-Riesen-Comics mit Motiven aus Gleichnissen und biblischen Geschichten gestaltet. Insofern hat er Erfahrung mit Kirchenräumen, sagt er. „Wobei man einfach sagen muss, dass natürlich so norddeutsche Backsteingotik doch sehr monumental ist und insofern habe ich mich auch ein bisschen gefürchtet davor, dass ich den Raum nicht verletze, dass der seine Würde behält aber auch, dass ich das von der Monumentalität des Raumes auch bespiele. Weil wenn ich meine normalen Bilder oder Zeichnungen hier reinhänge, sieht das aus, als ob ich meine Briefmarkensammlung ausstelle.“ Zentral und überlebensgroß: Der Mönch Martin Luther. Inmitten unserer modernen Gesellschaft. Götze greift Luther als Ikone seiner Zeit auf und übersetzt ihn in die Gegenwart. Um ihn herum der Zivilisationsmüll und die Abgründe unserer Gesellschaft.

Rüdiger Giebler ist ein langjähriger Freund von Moritz Götze. Sie arbeiten viel zusammen. Er sagt über ihn, dass er etwas begriffen hat, was Luther eigentlich meinte. Dass das, was man selber im Herzen fühlt, das einzig Wichtige ist. Selber Denken! Das war, was Luther von seinen Zeitgenossen wollte. Und was er noch immer will von uns heute. So habe Götze, sagt Giebler das auch als Aufforderung genommen. Und gerade vor solchen Ehrfurchtsgebieten wie Martin Luther macht er nicht Halt. Und wie Luther macht auch Götze dem Betrachter keine Vorschriften. In einer Leipziger Kabinettausstellung hat er einen Altar-Entwurf von Lucas Cranach d.Ä. gesehen. Cranach hat ihn nicht ausgeführt. Also übernahm Moritz Götze die Arbeit. Es ist ein ziemlich großer Klappaltar aus Emaille und Stahl, sein bevorzugtes künstlerisches Medium. Bunte Heilige. Schöne Frauen. Nur dass zum Beispiel das Ungeheuer, mit dem die heilige Margarete abgebildet wird, eine Battletag-Figur aus dem Reich der aktuellen Kinderzimmer-Monster ist. Oder die heilige Dorothea. Mit Blumenkorb, ihr wichtigstes Attribut. Als Schutzpatronin der Wöchnerinnen hat die Jungfrau auch ein Kind an der Hand. Die kleinen Engels-Flügel aber sind mit Schnüren festgebunden, wie kleine Kinder sie gern tragen. Und nicht nur das hat sich Götze als künstlerische Freiheit gegenüber Cranach herausgenommen. Seine Heiligen sind Pop-Ikonen, sie liegen am Strand herum oder schweben als fröhliche Idyllen und Lichtgestalten durch unsere Zeit. Die können das, die dürfen das.


Bilder aus der Ausstellung „Superstar 2.0“ von Moritz Götze; Foto: Juliane Voigt © Moritz Götze

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Oder das bekannte Klischeebild mit der Idylle von Familie und Heim. Luther im Zentrum mit der Gitarre, neben ihm Melanchthon und Katharina von Bora mit den Kindern. Sie singen gemeinsam. Luther hat ja viele viele Kirchenlieder geschrieben und komponiert. Durch ihn zog Musik und gemeinsames Singen erst in den Gottesdienst ein. Bachs Kantaten-Schatz zum Beispiel, über 200 Jahre später, gründete sich auf die Choräle von Luther. Und Götzes Luther ist hier prompt ein Mick Jagger. Ein fröhlicher Bandleader. Die Reformation symbolisiert für ihn wie die 60er Jahre eine Zeit der Umbrüche. Für die Ausstellung hat er auch einen funktionierenden Flipperautomaten umgestaltet. Der Ball pfeift durch das Labyrinth aus Lebensstationen wie in einem Spiel des Lebens. Hier wirft Martin Luther mit dem Tintenfass nach dem Teufel. Da schlägt er die Thesen an. Cranach ist zu sehen. Melanchthon und der Weg, auf dem Martin Luther als Mönch nach Erfurt wandert und in ein Gewitter gerät, bei dem ihn fast ein Blitz erschlagen hat. Was ihn dann nochmal bestärkte, gegen den Willen seines Vaters Theologie zu studieren. Eine kleine Bilderwelt, im Zentrum die Frauen, Katharina von Bora. Immer wieder übersetzt Götze berühmte CranachMotive in seine Bildsprache. Luther ist ja unter anderem durch die Porträtserien aus dessen Malwerkstatt bekannt geworden. „In der Symbiose mit Cranach und Gutenberg war das medial einfach auf der Höhe der Zeit.“ Sagt Götze. „Also im Prinzip ist da die Medienrevolution losgegangen. Die Schriften und die Briefe, die

Luther veröffentlicht hat, dass die wirklich in ganz Deutschland publik waren und diskutiert wurden, man kann sich das nicht so vorstellen, wie wir uns heute diese Zeit vorstellen, dass irgendwie keiner von was wusste.“ Die Art, wie er den Betrachter in seine Bilderwelt zieht, erscheint erst einmal leicht. Je mehr man sich aber hineinbegibt, spürt man die Tiefgründigkeit, die manchmal beängstigend wird. Das erwartet man nicht von vornherein, man denkt, das ist Pop Art, das ist Comic. Und dann steht man davor und irgendwann kommt so eine erschütternde Grenze. Götze stellt die Frage, was Reformation, Erneuerung, heute wäre. Seine anarchistische Fröhlichkeit zeigt aber subtil, wie gefährdet das alles ist in unserer Welt. Moritz Götze will spielen und er will, dass alle mitspielen. Er wünscht sich einfach eine Welt voller Fantasie. Das ist das, was man sieht in dieser Ausstellung, das ist das, was er mag und er möchte gern, dass alle so sind. Damit hat er recht, das wäre sehr schön, nur ein bisschen schade für ihn, denn er würde sein Alleinstellungsmerkmal verlieren. Aber er würde wahrscheinlich gerne darauf verzichten, wenn dafür ein paar andere Sorgen aus der Welt wären. „Moritz Götze – Superstar 2.0“ Deutsche Bilder von Martin Luther bis Friedrich II Kulturkirche St. Jakobi, Stralsund Jacobiturmstraße 28a 18439 Stralsund kdw-hst.de Ausstellung ab 20.05.2017 bis 31.10.2017: täglich 11 – 17 Uhr Eintritt frei, um Spenden wird gebeten


Texte Juliane Voigt (freie Kulturjournalistin, Theaterkritikerin und Fotografin), Thea Herold Grafik & Lektorat asisi F&E GmbH

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