Leseprobe zu: Norbert Lammert Flagge zeigen Vielfalt braucht Orientierung
Eine Gesellschaft, die sich entschlossen hat, Freiheit zu erlauben und zu ermöglichen, hat sich damit für Vielfalt entschieden. Sie geht damit von der Unvermeidlichkeit von Konflikten aus. Diese Konflikte kann sich eine Gesellschaft aber überhaupt nur erlauben, wenn Konsens darüber besteht, nach welchen Maßstäben solche Konflikte auszutragen sind. Ohne ein Mindestmaß solcher Gemeinsamkeit, gemeinsamer und verbindlicher Orientierungen und Überzeugungen, erträgt eine Gesellschaft keine Vielfalt.
Aus Überzeugung handeln
Die Gesellschaft, in der wir leben, muss ihre Prioritäten neu ordnen. Wir brauchen ein anderes Verhältnis von Interessen und Orientierungen, von Preisen und von Werten, von Kosten und Nutzen. Es geht in der Politik nicht allein um Mehrheiten, in der Wirtschaft nicht allein um Gewinne, in der Religion nicht allein um Glauben, in der Kultur nicht allein um Schönheit und in der Wissenschaft nicht allein um Fortschritt. Es ist an der Zeit, Zusammenhänge wieder zu entdecken und angemessene Schlüsse daraus zu ziehen. Folgt man neueren Untersuchungen und dem beachtlichen Erfolg aktueller Publikationen, dann haben Werte in unserer Gesellschaft eine neue Konjunktur. Dennoch ist die Debatte über kulturelle, auch und gerade über religiöse Grundlagen und Ansprüche unserer Gesellschaft, leichter zu verweigern als zu führen. Über Jahre hinweg ist sie hierzulande – wenn überhaupt – auffällig mutlos geführt worden; und lustlos allemal. Gerade mit Blick auf den Stellenwert von Glauben und Kultur für die politische Verfassung einer modernen Gesellschaft war die öffentliche Debatte gekennzeichnet durch das sorgfältige Vermeiden aller Festlegungen. Verbunden mit einem umso größeren Eifer im Bekenntnis zur Multikulturalität und zur Dialogbereitschaft. Nicht selten musste man dabei den Eindruck gewinnen, dass die Begeisterung für den geforderten Dialog vielleicht auch deswegen inzwischen so groß geworden ist, weil viele glauben, dies ersetze den eigenen Standpunkt. Tatsächlich hat aber jeder Dialog – schon gar der Dialog der Kulturen – zwei Mindestvoraussetzungen, wenn er denn ernst gemeint ist. Erstens den eigenen Standpunkt, sonst findet der Dialog nicht statt. Zweitens die Bereitschaft, andere Standpunkte oder Überzeugungen nicht nur als leider existierend zur Kenntnis zu nehmen, sondern ernst zu nehmen und sich mit ihnen im wörtlichen und übertragenen Sinne des Wortes auseinanderzusetzen. In vielen Gesprächen mit Staats- und Regierungschefs und Parlaments-