Einleitung In dem Buch der Bücher kann man eine Menge entdecken, doch wer hätte gedacht, dass man hier auch echte Superheldengeschichten finden kann, und das sogar nicht zu knapp? Die Superhelden von Marvel, DC-Comics und Co. verblassen neben den Superhelden der Bibel. Gleich auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir von ihnen: Damals und auch noch später lebte auf der Erde das Geschlecht der Riesen. Sie waren aus der Verbindung der Gottessöhne mit den Menschentöchtern hervorgegangen und sind als die großen Helden der Vorzeit bekannt.1 Wow, und es geht noch viel weiter. Im Buch der Richter lesen wir vom Hulk der Bibel, dem vor Kraft und Testosteron strotzenden Simson, einer weiblichen Superheldin, Debora, von der sich Wonder Woman noch einiges abschauen könnte. Zurzeit der Könige lesen wir von den legendären dreißig Superhelden König Davids und, und, und. Doch leider ist das Alte Testament für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Thomas Gottschalk scherzte einmal: „Was interessiert mich das Alte Testament; mich interessiert eher das Testament vom Alten!“ Ich kann über diesen Scherz nicht wirklich lachen, weiß aber, viele trauen sich nicht richtig an dieses komische, verstaubte Buch und seine alten Geschichten heran. Eine dieser alten und zugleich für uns Christen so wichtigen Geschichten, ist die Geschichte Abrahams. Sie gehört zu den schönsten, he1
1 Mo 6,4.
rausforderndsten und ältesten Geschichten der Weltliteratur und ist viel mehr, als bloß eine großartige Geschichte. Viele übersehen, dass Abraham auch im Neuen Testament siebzig Mal erwähnt wird und selbst Jesus immer wieder auf diesen Mann zurückkommt. Wie wir noch feststellen werden, war dieser Abraham ein echter Superheld in den Augen Gottes, und vieles können wir heute noch von ihm lernen. Doch Vater Abraham hat (nicht nur) viele Kinder, wie es in einem alten Kinderlied heißt, sondern hatte auch viele andere Menschen zu seinen Lebzeiten in seinem unmittelbaren Umfeld, die es wert sind, unter die Lupe genommen zu werden. Neben der Hauptgestalt, unserem Hero Abraham, sollen auch diese hier zu Wort kommen. Wir wollen auch sie aus dem Schatten Abrahams treten und ihre eigene Version der Geschichte erzählen lassen. Sie werden mit ihren Herausforderungen, Prüfungen und Erlebnissen mit Gott zu Wort kommen und neu, vielleicht zum ersten Mal, zu uns sprechen. Das vorliegende Buch soll die Botschaften der fast viertausend Jahre alten Geschichte Abrahams ins heutige Leben übertragen und in unser Herz fallen lassen. Als Pastor bin ich es gewohnt, die Gemeindeglieder und Gottesdienstbesucher persönlich anzusprechen und zu duzen – dieser Gewohnheit werde ich auch in diesem Buch nachgehen. So bleibt nur noch zu sagen: Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und dass Gott dein Herz durch dieses Buch berühren möge.
Kapitel 1 Superheld Abraham Der typische Superheld hat übernatürliche Kräfte, ist bereit, sein Leben für die gute Seite zu geben und ist seinen Widersachern und Gegnern moralisch und intellektuell überlegen. Für einen typischen Superhelden ist es aber auch typisch, dass dieser eine Schwäche gegenüber bestimmten Situationen oder Gegenständen besitzt. Nicht nur naive Kinder lieben Superhelden. Nein, zur Fangemeinde der Superhelden gehören auch sehr viele denkende erwachsene Menschen, wie ich zum Beispiel – zumindest halte ich mich für einen denkenden erwachsenen Menschen. Jedes Jahr erfindet die Unterhaltungsindustrie neue Superhelden, doch zu den bekanntesten zählen die Klassiker: Spiderman, Batman, Hulk, Ironman oder der Superheld aller Superhelden schlechthin – Superman, der bereits im Jahr 1938 in einem Comic erschien. Doch all diese verblassen beim biblischen Superhelden Abraham. Abraham war ein Mann, der wie jeder andere Mensch zu allen Zeiten auch Herausforderungen hatte: Er war Ehemann, Vater, Onkel, Missionar, Geschäftsmann, Notleidender, Schlichter, Befehlshaber, Chef, Priester, Überflieger, Freund Gottes, Besserwisser … Er hatte mit seinem Charakter zu kämpfen, seiner Patchworkfamilie, Stress in der Familie (der Zickenterror seiner Ladys), hatte peinliche Verwandte mit einem Moral- und Alkoholproblem, mit Herausforderungen im Beruf und seiner Berufung. Er hatte viele Gefahren und Hindernisse in seinem Leben zu überwinden und dennoch gelang es ihm, für uns ein leuchtendes Vorbild des Glaubens zu werden und zu bleiben.
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Vom Superhelden Abraham
Lebst du schon oder wohnst du noch? Die Geschichte von Abraham beginnt nicht irgendwo in der Bibel ganz isoliert, als ein ganz neues Buch oder Ähnliches. Nein, die Geschichte von Abraham ist eigentlich auch nur ein Teil der Genesis, des ersten Buchs Mose. Und genauso wie es in diesem Buch verschiedene Kapitel gibt und diese Kapitel thematisch aufeinander aufbauen und einige Gedanken aus vorangegangenen Kapiteln aufnehmen, verknüpfen und vertiefen, so knüpft die Geschichte von Abraham eben auch an eine andere Geschichte der Bibel an. Sie antwortet auf Fragen, die in der vorangegangenen Erzählung offengeblieben sind. Wenn wir den Zusammenhang der Bibel ins Auge fassen, dann stellen wir staunend fest, dass sich Abrahams Geschichte an die legendäre Überlieferung über die Tragödie vom Turmbau zu Babel anschließt. Jeder kennt die Geschichte über den Turm, den Gott einstürzen ließ, doch vielen ist nicht bewusst, dass mit dieser Geschichte im Grunde eine große Frage gestellt wird, die Abrahams Leben und Berufung beantworten sollte. Um Abraham richtig verstehen zu können, müssen wir uns die Mühe machen, die Fragen herauszufinden, der Geschichte vom Turmbau zu Babel aufmerksam zuhören, zwischen den Zeilen lesen und aus den Trümmern des zerstörten Turmes die entscheidenden Fragen ausgraben. Was geschah damals in Babel? In aller Kürze: Die Menschen sammelten und organisierten sich und bündelten ihre gesamte wirtschaftliche, technische und körperliche Energie in einem gewaltigen Bauprojekt. Wenn wir so wollen, haben wir hier die früheste Form der Globalisierung. Bis hierhin ist die ganze Sache ja nicht besonders anrüchig, doch beim genaueren Hinse-
Kapitel 1: Superheld Abraham
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hen stellen wir fest, dass das Motiv derer, die sich hier in Babel versammelten, nicht stimmte, sie taten es nämlich aus Stolz und ungehorsam Gott gegenüber,2 sie taten es um den Himmel zu stürmen und sich selbst einen Namen zu machen! 3 Doch Gott lässt sich die ganze Sache nicht gefallen und vereitelte die stolzen Pläne der Menschen, führt die Sprachen ein, die die Menschen dazu zwingen sollten, sich in kleinen Gruppen auf der Erde zu verteilen und schafft somit letztendlich die Grundlage für die verschiedenen Völker und Nationen. Die Fragen, die sich in dieser Geschichte dem aufmerksamen Leser stellen, sind diese: Was geschieht mit den unterschiedlichen Nationen? Wie will Gott den unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Mentalitäten begegnen? Wie will er die verschiedenen Menschen erreichen? Oder hat Gott die Nationen gar verstoßen oder vergessen? Und jetzt kommt Abraham und seine Berufung – die Antwort auf all jene eben gestellten Fragen: Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.4 Wollten die Menschen sich wie zuvor erwähnt selber einen großen Namen schaffen, so sagt Gott jetzt: „Ich such mir jemanden 2
Gott befahl zuletzt in Kapitel 8, dass sich die Menschen auf der Erde verteilen und mehren sollten.
3
1 Mo 11,4.
4
1 Mo 12,1-3, Einheitsübersetzung, Stuttgart: Katholische Bibelanstalt, 1980; 2004 (EU). Hervorhebung durch den Autor.
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Vom Superhelden Abraham
aus und ich selbst werde seinen Namen groß machen!“ Gott erschafft die Nationen, die zunächst einmal ihre eigenen Wege gehen sollten, aber sie sind ihm nicht egal. Im Gegenteil, sie bleiben in seinem Fokus und in seinem Herzen. Wie an vielen Stellen der Bibel, sehen wir auch hier, dass die Menschen durch ihren Ungehorsam ein Problem produzieren und Gott selbst einen Ausweg schafft und anbietet. Dieser Ausweg aus der selbst gewählten Gottesferne heißt Abraham, durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet sein. Gott liebt alle Menschen, und das von alters her, und hier in und mit Abraham schafft er die Grundlage für eine alternative Lebensweise, ein Leben aus Glauben an den einen wahren Schöpfergott. Abraham macht sich also auf Gottes Wort hin auf den Weg, um seine Mission zu erfüllen. Er vertraut und glaubt Gott und wagt es in ein Land zu ziehen, das ihm bisher unbekannt war. Ein sehr, sehr altes rabbinisches Gleichnis, das bereits zurzeit Jesu gebräuchlich war, erzählt, warum Gott Abraham erwählte. In der Erzählung heißt es, dass ein König seinen Palast auf festen Felsen bauen wollte. Nach einigen vergeblichen Versuchen fand er einen großen Felsen, der sich als Fundament seines Palastes eignete und kündigte an, auf diesen Felsen seinen Palast zu bauen. Genauso, wie der König den Felsen für seinen Palast aussuchte, so lehrten die Rabbiner, habe auch Gott Abraham als Felsen für seinen Plan erwählt. In dem Gleichnis der Rabbiner sagte Gott: „Auf diesen Felsen kann ich die Fundamente der Welt legen.“5 Spannend an diesem alten rabbinischen Gleichnis ist, dass das Wort „Felsen“ nicht in hebräischer Sprache, sondern in griechischer Sprache „petra“ überliefert worden ist! 5
Krüger, Horst: Sind wir denn nicht frei? Christsein zwischen Gesetz und Gnade. – Erzhausen: Leuchter Edition, 2002, S. 60.