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Prolog Carol Iles zog Tennisschuhe an und warf die hochhackigen Pumps, die sie bei der Arbeit getragen hatte, durch den Flur in Richtung Schlafzimmer. „Also, wo gehen wir denn jetzt essen?“, fragte ihre Freundin Amy, während sie in ihrer Kosmetiktasche nach einem Lippenstift kramte. Sie war direkt von der Arbeit hergekommen und hatte sich Jeans und Pullis zum Wechseln mitgebracht, so dass sie ihr Kostüm ablegen konnte. Amy ging ins Bad, um sich im Spiegel zu betrachten. Carol sah auf die Wanduhr, die in der Küche hing. „Ich dachte, wir gehen zu Charlies Grill, unten in der Passage. Anschließend können wir einen Spaziergang machen, um das Abendessen abzuarbeiten, und dann geben wir etwas von deinem Urlaubsgeld aus, bevor du fährst.“ Sie öffnete den Kühlschrank, um zu sehen, was sie ihrem Gast anbieten konnte. „Ich habe Sprite, Pepsi und diverse Isodrinks.“ Sie hatte die Getränke für ihren Sohn mitgebracht, als sie am Abend zuvor eingekauft hatte, und wie es aussah, hatte er noch zwei davon in sich hineinschütten können, bevor sein Vater ihn heute abgeholt hatte. Sie hätte ihm vorschlagen sollen, die Dosen mitzunehmen. Ihr Sohn würde erst in zwei Wochen wieder hier sein. Seine Abwesenheit war eine schmerzliche Erinnerung an das, was in ihrem Leben schiefgelaufen war. Scheidungen führten unweigerlich dazu, dass alle Beteiligten Probleme hatten, sich an neue Abläufe zu gewöhnen. Carol berührte eine der Dosen. Sie gehörten zu den wenigen Dingen in ihrem Haus, die an ihren Sohnes erinnerten. Er bestand darauf, seine Sachen in einem Rucksack herzubringen und alles wieder mitzunehmen. Wenn er in ihrem Haus mit seinem Chaos Wurzeln schlug, war es, als gebe er zu, dass auch er durch die Scheidung zerrissen worden war. Er lebte bei seinem Vater, und das betonte er immer wieder. „Sprite ist okay.“ Carol schob die melancholischen Gedanken beiseite. Sie stellte die Dose für Amy auf die Küchenbar und nahm sich selbst eine 7


Pepsi. Amy war an diesem Freitagabend extra in der Stadt geblieben, um sie aufzuheitern, obwohl sie schon früher hätte in Urlaub fahren können. Und Carol hatte sich fest vorgenommen, den heutigen Abend zu genießen. Sie nahm die Cola mit ins Wohnzimmer und blätterte durch die Tagespost. Amy hatte sich wieder zu ihr gesellt und packte Lippenstift und Haarbürste in ihre Kosmetiktasche. Carol hielt ihrer Freundin drei Kataloge hin, die am Vortag gekommen waren. „Die Bluse habe ich in einem von diesen hier gesehen.“ „Danke.“ Amy legte die Hefte auf den Küchentisch und öffnete ihre Limonade. „Ich hoffe, sie haben sie auch in Lachsfarben.“ Sie kramte in ihrer Handtasche nach einem Stift. „Ach ja, ich habe übrigens die Karte gefunden, von der ich dir erzählt habe.“ Sie hielt eine blaue Visitenkarte hoch. „Brian rastet aus, wenn ich vorschlage, für unseren Sohn professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ „Du musst daran denken, was das Beste für Mark ist. Es ist normal, dass Kinder unter einer Scheidung leiden, aber Mark verkraftet es weniger gut als die meisten anderen“, gab Amy zu bedenken. „Brian besteht darauf, dass es ein Problem ist, das wir als Familie lösen müssen.“ „Carol, ich weiß, dass dein Sohn mich hasst, weil ich dich überzeugt habe, es wäre das Beste, wenn du Brian verlässt. Und wenn er wüsste, dass es mein Vorschlag ist, würde er mit Sicherheit auf stur stellen, aber ich glaube wirklich, dass es gut für ihn wäre, mit jemandem zu sprechen. Es ist jetzt über ein Jahr her. Von allein kommt er da nicht raus. Kannst du nicht wenigstens mit Rachel O’Malley sprechen? Sie ist sehr gut in ihrem Job.“ Carol war es müde, noch einen Menschen in diesen Alptraum zu verwickeln und wieder alles erklären zu müssen. Amy war so zuversichtlich, dass die Situation sich bessern würde. Carol lächelte. „Lass mir die Karte hier, ich überleg’s mir.“ „Du wirst es nicht bereuen.“ Es klingelte an der Tür. Carol erwartete niemanden. „Einen Augenblick.“ Sie ging zur Tür. Carol öffnete, dann sah sie überrascht auf. „Ist das Basketballspiel abgesagt worden?“ Sie trat zur Seite, um den Besucher herein8


zulassen. Sie hoffte, Amy war so klug und blieb in der Küche. Wenn sie seine Stimme hörte, konnten sie eine Konfrontation vermeiden. „Das nicht.“ Der Schuss traf sie in die Brust. Sie prallte gegen den Wohnzimmertisch hinter ihr.

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1 „Wir müssen gehen, Mrs Sands.“ Rachel O’Malley hinderte die alte Dame daran, in ihr Wohnzimmer zu gehen, und lenkte sie stattdessen auf die Wohnungstür und den freiwilligen Helfer vom Roten Kreuz zu. Die Fensterläden klapperten, und ein feiner Regen, der zur offenen Tür hereinblies, hinterließ einen nassen Film in der Diele. Der Fluss überschwemmte den Damm, und die Menschen in Sicherheit zu bringen, hatte oberste Priorität. Es war Dienstag, der 13. März, und die Regenfälle in ganz Chicago hatten den Fluss rasch über die Ufer treten und einen zehn Kilometer breiten Streifen Land überfluten lassen. „Ich brauche meine Bilder.“ „Sicher, das verstehe ich. Aber ich fürchte, wir haben keine Zeit.“ Rachel rückte den Vogelkäfig und die Arzttasche in ihrer Hand zurecht, um Mrs Sands in ihren Regenmantel zu helfen. „Der Wind ist ganz schön stark, deshalb lassen Sie sich am besten von Nora und dem Beamten helfen.“ Mit zwanzig Minuten Vorwarnung hatten die Bewohner gerade noch Zeit, ein paar Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände einzupacken. Nora nahm Mrs Sands beim Arm und half ihr auf dem Weg zu dem wartenden Rettungswagen. Rachel reichte dem Beamten die persönlichen Dinge. In der Dämmerung leuchteten immer wieder Taschenlampen wie Glühwürmchen rund um den Gebäudekomplex auf, während drei Polizeibeamte und zwei weitere Rotkreuzhelfer mit der Suche nach zu evakuierenden Bewohnern beschäftigt waren. Katastrophen waren Rachels tägliches Brot, aber an Überschwemmungen konnte sie sich einfach nicht gewöhnen. Wenn die Flut erst einmal die Oberhand hatte, konnte man nur noch wenig tun. Rachel befestigte ein fluoreszierend rotes Rechteck am Garagentor des Hauses Nr. 58 in der Governor Street, um kenntlich zu machen, dass hier alles leer war. Kaltes, schlammiges Wasser umspülte ihre Stiefel und erreichte ihre Jeans, als sie durch das Wasser watete, um den Hof zu überqueren. 10


Das nächste Haus war ein Stück nach hinten versetzt und stand auf einem abschüssigen, offenbar von einem Landschaftsgärtner gestalteten Grundstück. Weil es näher am Fluss lag, war das Gebäude schwerer beschädigt als die anderen Häuser, denn das Wasser strömte über den Hinterhof herein und umspülte das Haus und floss dann die Governor Street hinunter. Rachel kämpfte gegen die Wassermassen an. Sie verlor den Halt und hob instinktiv die Arme, um ihren Kopf zu schützen, als sie den Abhang hinunter in Richtung Straße fortgerissen wurde. Es war das zweite Mal an diesem Tag, dass sie untertauchte. Sie stieß gegen ein paar Feuerwehrstiefel. „Ich hab dich.“ Den beruhigenden Worten folgten Sekunden später Hände, die sie unter den Armen packten und auf die Füße stellten. Hauptbrandmeister Cole Parker stand breitbeinig in der rauschenden Flut und ließ die Strömung an sich hochbranden. Er war gerade dabei gewesen, seinen Schutzanzug zuzuknöpfen. „Danke, Cole.“ Nun war sie vollkommen durchnässt. Sie beugte sich vor und trocknete ihr Gesicht an seinem Hemd. Es war aus rauem blauem Jeansstoff, und sie konnte das weiße T-Shirt darunter sehen. Er hatte sich auf dieses Wetter besser eingestellt als sie und trug mehrere Lagen Kleidung gegen die Kälte. Der Stoff spannte sich über den mächtigen Muskeln des Mannes. „Nichts zu danken, Rae.“ Er strich mit den Händen ihr feuchtes Haar zurück und lachte. „Du bist aber richtig nass geworden. Hast du dir bei der Tauchaktion wehgetan?“ „Mir fehlt nichts.“ Sie war peinlich berührt und ein wenig verärgert, weil er ihren Sturz mit angesehen hatte, aber das konnte sie nun auch nicht mehr ändern. Ihr Kurzhaarschnitt war neu, und wenn die Haare nass waren, verloren sie jede Form und hingen einfach in Strähnen herunter. Sie schniefte und blinzelte, als das Wasser ihr in die Augen lief. Dann nahm sie seine Hand und wischte sich mit seiner Ärmelmanschette über die Augen. „Ich hätte wohl besser ein Handtuch mitgebracht.“ Sie legte den Kopf schief, um das Wasser aus ihrem Ohr zu entfernen. „Dir macht das Ganze hier Spaß, oder?“ „Schade, dass ich jetzt keine Kamera habe“, bestätigte Cole grinsend. Er legte die Hände auf ihre Schultern und half ihr, in den 11


strömenden Fluten festen Halt zu finden. „Geh mit Jack. Ich seh im letzten Haus nach.“ Ihr Bruder kam über die Straße auf sie zu. Er war Oberbrandmeister im selben Feuerwehrbezirk, in dem Cole Hauptbrandmeister war. Cole behauptete, sein frühzeitig ergrautes Haar habe er zumindest teilweise Jack zu verdanken. Jack war ein vorsichtiger, sicherheitsbewusster Feuerwehrbeamter, aber bei einem Einsatz führte er seine Mannschaft immer selbst an, vor allem, wenn jemand in Gefahr war. Jack war hier und Cole auch, also war Kompanie 81 auf diesen Einsatz geschickt worden. „Ich wusste nicht, dass die Feuerwehr auch Überschwemmungen bekämpft.“ Cole zog die durchnässte Rotkreuzjacke über ihrem Rücken gerade. „Sieht so aus, als würden wir es gerade lernen. Das Technische Hilfswerk hat nicht genug Leute. Wir müssen also die Brücke verteidigen.“ Sie sah überrascht zu ihm auf. „Auf wessen schwarzer Liste stehst du denn?“ Cole lachte. „Ich hoffe, es sieht nur unmöglich aus. Jack vermutet, dass es Spaß macht. Hast du trockene Sachen in der Notunterkunft?“ „Wenn nicht, werden die nächsten zwei Stunden ziemlich ungemütlich.“ Das Wasser um sie herum stieg stetig an. Rachel sah zu dem Haus hinüber, das ihr Ziel gewesen war. „Du überprüfst besser das Haus, solange du noch hinkommst. Aber sei bitte vorsichtig.“ „Immer“, versprach Cole. „Kannst du für mich die Leute in der Notunterkunft zählen und fragen, ob noch irgendwo Haustiere sind? In ungefähr zwanzig Minuten zieh ich meine Männer aus dieser Straße ab.“ „Mach ich.“ Rachel ergriff Jacks Hand, um in der starken Strömung nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und arbeitete sich die Straße bis zum Löschwagen hinauf, der weiter oben stand. Cole verteidigte die Brücke. Sie lächelte. Zumindest würde sie wissen, wo er in der nächsten Zeit war. Die Vorstellung, bei der nahe gelegenen Notunterkunft zu arbeiten, hatte plötzlich etwas Verlockendes.

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*** Im Laufe des Freitags waren die Wassermassen zu einer gefährlichen Flut angeschwollen, die immer lauter wurde, je näher Cole dem Fluss kam. Einer der Bewohner der Governor Street, die von den Fluten vertrieben worden waren, hatte eine amerikanische Flagge über dem Damm aus Sandsäcken gehisst, den die Arbeiter die „Alamo-Front“ getauft hatten. Die Fahne flatterte im nächtlichen Wind, beleuchtet von den Notlampen, die es den Arbeitern ermöglichten, die Brücke im Auge zu behalten, die jetzt ganz von Wasser umgeben und damit völlig abgeschnitten war. Es war ein trotziges Symbol, passend zur Einstellung derer, die in den letzten drei Tagen gegen die Flutkatastrophe angekämpft hatten. Heute war ein schlimmer Tag gewesen. Wenn er keine Sandsäcke geschleppt oder Pumpen repariert hatte, war er den Jungs zur Hand gegangen, die mit der gefährlichen Aufgabe betraut waren, Treibgut, das stecken geblieben war und sich unter der Brücke angestaut hatte, zu zertrümmern und zu entfernen. Während er jetzt seine abendliche Kontrollrunde drehte, fühlte Cole sich ein wenig wie ein General, der den Zustand seiner Truppen überwachte. Fluten zu bekämpfen, war überhaupt nicht seine Spezialität – immerhin war er Leiter der Brandstiftungseinheit –, aber seine Männer hatten sich der Herausforderung gestellt. Sie hatten dem Fluss heute ein Unentschieden abgerungen, und das war ein tolles Gefühl. Cole hielt nach Rachel Ausschau. Sie hatte ihn und seine Männer mit heißem Kaffee und den aktuellen Sportergebnissen versorgt. Ihr karamellfarbenes Haar wellte sich jetzt, nachdem es wieder trocken war, und als er sie in einem der seltenen Augenblicke ertappt hatte, in denen sie ihre Lesebrille trug, war sie ihm wie eine eifrige Studentin erschienen, die viel jünger wirkte, als sie tatsächlich war. Wenn man ihrem Bruder Glauben schenkte, war Rachel fünfunddreißig, und angesichts ihres Berufs, der sie zu Katastropheneinsätzen in ganz Amerika führte, schien es Cole ein Wunder, dass ihr Haar noch kein Grau zeigte. Sie alterte auf elegante Weise. Wenn er heute Abend schon nicht das Vergnügen ihrer Gesellschaft haben konnte, würde er wenigstens ein paar Minuten mit ihr reden und sich an dem Lächeln freuen, das ihn in der Erinnerung begleitete. 13


Cole sah sie nicht und hoffte, dass sie sich endlich hingelegt hatte, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Sie hatte es vorgezogen, in der Notunterkunft zu bleiben, anstatt in ihre Wohnung zurückzukehren, die einige Meilen südlich von hier lag. Sie war es gewohnt, mit ihrem Schlafsack und einer Tasche auszukommen. Dabei enthielt ihr Seesack, den sie als Notfallausrüstung betrachtete, einige merkwürdige Dinge. Er hatte Nagellack, Aufkleber und diverse farbige Haarbänder neben Aspirin, Briefumschlägen und Briefmarken darin gesehen. In einem der wenigen Läden der Gegend, die entschlossen waren, geöffnet zu bleiben, hatte er eine witzige Karte erstanden und in ihre Tasche geschoben. Er wollte, dass sie heute Abend mit einem Lachen an ihn dachte. Als er den gelben Smiley auf Jack O’Malleys Schutzanzug sah, änderte Cole seine Richtung und ging zu dem blauen Pumpenwagen hinüber. Das Fahrzeug war vor Jahren bereits durch modernere Löschzüge ersetzt worden, aber in einem Kampf wie diesem wurde alles gebraucht, was Wasser pumpen konnte. Jack war auf dem First des Dammes und schob dreißig Pfund schwere Säcke herum. Neben ihm war ein Schlauch straff über die Mauer aus Sandsäcken gespannt und ließ Wasser in den Fluss strömen, so schnell die Pumpen es heraufbefördern konnten. Cole blieb an der vorderen Stoßstange des Pumpenwagens stehen und beobachtete gespannt, was geschah. Er knackte eine Erdnuss, während er darauf wartete, dass Jack mit seiner Arbeit fertig wurde. Wie es aussah, mussten die Nüsse in seiner Tasche als Ersatz fürs Abendessen herhalten. Sein Freund hob den Schlauch in die neue Ausbuchtung, die er geschaffen hatte. Das Wasser wurde zu einer Fontäne, und Flutlichter beleuchteten das überschwemmte Gebiet. Jack bückte sich und stellte dann eine flache Pappschachtel auf die Sandsäcke. Kurz darauf tanzte eine gelbe Gummiente mit schwarzer Sonnenbrille auf dem Wasserstrahl und tauchte gleich danach mitten im Fluss wieder auf. Jack spielte. Die schnelle Strömung trug die gelbe Ente den Fluss hinunter und unter der Brücke hindurch, wo sie verschwand. „Guter Schuss.“ 14


Jack drehte sich auf seinem Aussichtspunkt um. „Wir haben zehntausend davon. Ich gehe davon aus, dass ein paar weniger nicht auffallen.“ Er ließ eine zweite Ente zu Wasser, und der Strahl beförderte sie in den Fluss, wo sie zunächst kopfüber auf den Wellen tanzte, sich dann jedoch wieder aufrichtete, nur um von einem Ast, den sie rammte, geschlachtet zu werden. Die Handelskammer der Stadt hatte zur Eröffnungsfeier einer Spendenrallye ein Entenwettrennen geplant. Jetzt lagen zehntausend Enten in den Lagerhallen der Feuerwehr. Wie es aussah, würden sie dort auch noch eine Weile bleiben. Das Rennen war abgesagt worden. „Bring Adam morgen eine Schachtel mit. Er wird begeistert sein“, sagte Cole. „Daran habe ich auch schon gedacht.“ Das Haus des Jungen war am Tag durch die Bäume hindurch zu sehen, und das Wasser reichte inzwischen bis zur Mitte des Wohnzimmerfensters, während der Briefkasten draußen schon unter Wasser stand. Adam war jeden Tag hier, um zu helfen. Er musste zusehen, wie der Fluss sein Zuhause zerstörte. Alle versuchten, ihm die Situation ein bisschen leichter zu machen. „Kann es sein, dass der Fluss schneller geworden ist?“ Jack holte eine Stoppuhr aus der Innentasche seines Feuerwehranzugs hervor. Er maß die Geschwindigkeit der nächsten Ente zwischen den beiden Pfählen, die sie mit roten Fahnen markiert hatten. „Acht Komma zwei Sekunden. Das ist ein ziemliches Tempo.“ „Der Höchststand müsste in etwa achtundvierzig Stunden erreicht sein.“ „Ich habe vorhin etwas gesehen, das wie eine Gaskartusche aussah und wie ein Korken vorbeitanzte. Da hat es offensichtlich irgendeinen Terrassengrill zerlegt.“ „Der Friedhof an der Rosecrans Road ist heute Abend überflutet worden. Der Boden dort war eine Mischung aus losem Sand und Staub. Ich wette, die Strömung frisst ihn weg wie nichts“, erklärte Cole. „Du bist immer für ein paar schaurige Neuigkeiten gut.“ „Ich gebe mir Mühe.“ Cole erwähnte nicht, dass Jacks Schwester Lisa gekommen war, um zwei Leichensäcke abzugeben. Lisas Boss 15


in der Gerichtsmedizin erinnerte sich noch zu gut an das letzte Mal, als eine Leiche aus dem Fluss geborgen worden war. Sie war ihm in eine Gardine eingewickelt übergeben worden, weil man nichts Besseres gefunden hatte. Er hatte seine wichtigsten Mitarbeiter heute losgeschickt, um sicherzustellen, dass die Rettungsmannschaften ausgerüstet waren. Es würde unweigerlich jemand versuchen, eine überflutete Straße zu überqueren, zu einem von der Außenwelt abgeschnittenen Haus zu gelangen oder anderweitig leichtfertig zu handeln. Der Fluss würde keine Gnade kennen. Cole deutete auf den Pumpenwagen. „Wie macht er sich?“ „Hervorragend. Diese Maschine könnte den ganzen Fluss leer pumpen, wenn wir es wollten.“ Jack war nass und müde. Die Übertreibungen wurden ein bisschen maßlos, aber er hatte auch Grund zu seinem Überschwang. Er hatte die alte Pumpe trotz aufgeschlagener Knöchel und frustrierender Ersatzteilreparaturen in Topform gehalten. Jetzt konnte sie glänzen. Und bis jetzt behielt sie trotz zunehmender Sickerstellen die Oberhand. Die Sandsäcke bremsten den Fluss und zwangen ihn, den Damm aufzuweichen, anstatt ihn einzureißen. Die Pumpen mussten dafür sorgen, dass das Wasser, das durchsickerte, zurückgepumpt wurde, denn sonst würde der Fluss die Kanalisation der Stadt fluten. „Ich lege noch eine Lage Säcke am Ufer entlang, nur für den Fall. Bevor der Höchststand erreicht ist, wird das Wasser mindestens noch fünfzehn Zentimeter steigen. Brauchst du irgendwas?“ „Kaffee. Trockene Socken. Cassie.“ „Interessante Reihenfolge. Ich werde Cassie nicht verraten, dass du sie erst an dritter Stelle genannt hast.“ Cassie Ellis und Jack waren seit letztem Herbst ein Paar, und Cole freute sich darauf, irgendwann ihre Hochzeit zu feiern. Cassie war selbst bei der Feuerwehr gewesen, aber bei dem Brand eines Pflegeheims schwer verletzt worden. Cole bewunderte sie dafür, wie sie diese Tragödie verarbeitet und sich ein neues Leben aufgebaut hatte. „Kaffee und Socken sind kein Problem. Cassie habe ich damit beauftragt, die historischen Dokumente aus der städtischen Bibliothek in Sicherheit zu bringen. Wenn etwas nicht ersetzt werden kann, sollten wir kein Risiko eingehen.“ Cole warf einen Blick auf 16


die Enten. „Aber ich schicke sie nachher rüber, falls du eine von denen mit ihrem Namen versehen willst.“ Er fischte einen wasserfesten Edding aus seiner Tasche und warf ihn Jack zu. „Das gefällt ihr bestimmt.“ „Danke, Boss!“ „Fall nicht rein.“ Jack lachte und nahm eine Ente, um mit seinem Kunstwerk zu beginnen. Cole ging weiter, um bei den anderen Jungs an der Front nach dem Rechten zu sehen. *** Rachels Beine fühlten sich ganz taub an, und ihr linker Arm schmerzte. Aber sie hätte sich auf keinen Fall bewegt. Nathan Noles war endlich eingeschlafen, und jetzt durchfuhren nur noch gelegentlich kleine schluckaufartige Schluchzer den kleinen Körper. Das Leben war nicht einfach, wenn man drei Jahre alt war und die Lieblingsdecke von rasenden Wassermassen, die das Zuhause des Jungen erfasst hatten, verschluckt worden war. Rachel rieb mit dem Daumen in kleinen Kreisen über seinen Rücken. Der Teddy, den sie ihm als Ersatz für seine Decke angeboten hatte, war jetzt an einigen Stellen dreckig und klemmte noch immer unter dem Arm des Kindes. Nathan hatte sich an dem Plüschtier festgeklammert und wollte es nicht mehr loslassen. Sie hatte keine eigene Familie, aber sie hatte Träume. Sie spürte einen Kloß im Hals, als sie das schlafende Kind betrachtete. Sie wollte einen Sohn wie ihn. Sie küsste seine Stirn und strich die Falten seines warmen Schlafanzugs glatt, dann zog sie die Decke über seine Schultern. Nathans Familie war in die Notunterkunft gekommen, als Rachel gerade Tische für die Anlaufstelle des Roten Kreuzes aufstellte. Sie hatte ihre Tasche hervorgeholt, die sie in irgendeine Ecke geworfen hatte, und den Bären herausgekramt. „Das hier ist Joseph. Er ist schon alt und ein bisschen ramponiert, aber vielleicht magst du ihn haben, Nathan? Er ist ein freundlicher Bär.“ Der Blick des Jungen war von ihr zu dem Teddy gewandert. Nathan 17


hatte geschnieft und die Hand ausgestreckt, um den Bären an sich zu ziehen. Er hatte Joseph an seine Brust gedrückt und geseufzt. Dann hatte er den Kopf an die Schulter seiner Mutter gelehnt. Ein Lächeln zwischen ihr und Nathans Mama, und schon hatte Rachel ihre erste Freundin in dieser Katastrophe gefunden. Ann Noles war allein erziehend und arbeitete in der Notrufzentrale der Polizei. Sie war noch immer zuversichtlich, dass sie etwas aus ihrem Hause würde retten können. Rachel fand in Ann eine verwandte Seele. Nathans Bruder Adam schlief auch, in seinem Schlafsack auf einer der Turnmatten. Rachel streckte den Arm aus und nahm das Buch in die Hand, das er im Licht einer Taschenlampe gelesen hatte. Sie markierte die aufgeschlagene Seite und schob es in seinen Rucksack. Ein Teddy hatte Nathan geholfen; für Adam suchte sie noch etwas. Die Flut hatte eine für den Jungen wertvolle Comicsammlung zerstört, die er sich innerhalb von vier Jahren mit kleinen Jobs für Nachbarn und Angehörige zusammengespart hatte. Ann wollte morgen mit ihrer Familie zu Freunden ziehen, denn es würde eine Weile dauern, bis sie in ihr Haus zurückkehren und mit den Aufräumarbeiten beginnen konnten. Adam hatte keine große Lust, am Montag wieder zur Schule zu gehen. Die Männer, die am Damm arbeiteten, hatten ihn herzlich aufgenommen, und es war dort viel aufregender als in der Schule. Rachel lehnte ihren Kopf an den von Nathan, schloss die Augen und versuchte, selbst für eine Weile zur Ruhe zu kommen. Ihre Tage begannen vor Morgengrauen. Überschwemmungen waren anstrengender als Tornados, weil sie die Menschen erst im Kampf gegen die Wassermassen erschöpften und dann nichts als Zerstörung hinterließen. Die Tragödie würde ein zweites Mal zuschlagen, wenn die Menschen sahen, was sie verloren hatten – eingedrückte Zimmerdecken, vom Wasser zermalmte und aufgetürmte Möbel, aufgeweichter Putz, zerstörte Haushaltsgeräte. Die Erschöpfung und ihre zerschlagenen Hoffnungen würden die Bewohner der Stadt überwältigen. Rachel hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, verletzten Menschen zu helfen, aber sie war nicht mehr so jung, und das Tempo 18


dieses Lebens hatte sie mürbe gemacht. Traumapsychologin beim Roten Kreuz zu sein, war eine Arbeit für junge Leute. Nicht jeder konnte so optimistisch bleiben wie Ann, und andere bei Laune zu halten, zehrte an ihren eigenen Kräften. Wie geht es Jennifer wohl? Wann immer Rachel im Laufe des Tages zur Ruhe kam, wanderten ihre Gedanken zu ihrer Schwester. Jennifers Krebs war eine Zeit lang zurückgegangen, dann aber aggressiver als vorher wieder ausgebrochen. Die Krebszellen saßen an ihrer Wirbelsäule und hatten inzwischen auch auf die Leber übergegriffen. Dieser zweite Aufenthalt in der Johns-Hopkins-Klinik dauerte bereits länger als ihre erste Behandlung dort vor einem Jahr. Es sah nicht gut aus. Rachel musste nach Baltimore, um ihre Schwester zu sehen. Eine Familie zu haben, die zusammenhielt, war einer jener Träume gewesen, die bei den O’Malleys Wirklichkeit geworden waren, und die Vorstellung, ihre Schwester an diese Krankheit zu verlieren ... Schon der Gedanke trieb ihr die Tränen in die Augen. Jennifer war die beste Freundin, die sie hatte. „Er ist verliebt.“ Rachel öffnete die Augen und blinzelte die Tränen fort, bevor sie den Kopf umwandte und lächelte. Sie hatte Cole nicht in die Halle kommen hören. „Ich auch.“ Er setzte sich auf die Matte zu ihrer Linken. Das Hemd, das er heute Morgen angezogen hatte, wies Schlammspritzer auf. Sie war versucht, die Hand auszustrecken und einige davon abzubürsten. Der Matsch würde trocknen und das Hemd steif und unbequem machen, aber sie wusste, dass er für heute noch nicht fertig war. Er würde mehrmals während der Nacht den Damm abschreiten. Er öffnete den Seesack, den er neben ihrem abgestellt hatte, und suchte nach trockenen Socken. „Hast du etwas zu essen gehabt?“ „Es gab vorhin Hühnchen.“ „Wenn das hier vorbei ist, lade ich dich zu einem richtigen Essen ein.“ „Abgemacht.“ Er sah sie prüfend an. „Wirklich?“ Sie kicherte wegen seiner Reaktion. „Wie oft habe ich in letzter Zeit wegen zu viel Arbeit abgesagt?“ 19


Er lächelte. „Dreimal, aber wer zählt schon mit?“ Seit Weihnachten hatte sie genug Zeit mit Cole verbracht, um zu wissen, dass es nicht nur die angenehme Gesellschaft war, die sie zu ihm hinzog. Vor ihr saß ein Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen könnte. Und so hoffnungsvoll und froh machend diese Vorstellung war, so sehr sie auch ihre Beziehung weiter erforschen wollte, sie hatte im Moment weder die Zeit noch die Kraft dazu. Sie wusste, dass die anderen O’Malleys bald Wind von ihrer Beziehung bekommen würden. Sie hatte sich bemüht, Cole nicht zu oft zu erwähnen, um keine Spekulationen aufkommen zu lassen. Aber in dem Bestreben, ihnen beiden die Aufmerksamkeit der Familie zu ersparen, war sie wahrscheinlich etwas zu zurückhaltend gewesen. „Aber nicht zum Mexikaner.“ „Chinesisch?“ „Klingt gut.“ „Ich freue mich drauf.“ Sein Blick wanderte zu dem Jungen, den sie im Arm hielt. Er streckte die Hand aus und zog Nathans Teddy näher heran. „Er liegt anscheinend ganz bequem so.“ „Ich mag Kinder.“ „Ich auch.“ Sie lächelte und ließ den Kopf neben Nathan auf die Matte sinken. Sie kommentierte seine Bemerkung nicht. „Ann packt bei der Notrufzentrale gerade ihre Sachen zusammen“, sagte Cole. „Kannst du noch zwanzig Minuten bei den Jungs bleiben?“ „Klar.“ Cole lehnte den Kopf gegen die Wand, verschränkte die Arme vor der Brust und schloss die Augen. „Weck mich, wenn sie zurückkommt.“ Rachel zögerte, und einen Augenblick lang zweifelte sie, ob sie Coles Interesse an Ann richtig interpretierte. „In Ordnung.“ Er öffnete die Augen nicht, aber er lächelte. „Sie ist eine Freundin, Rae. Ich mag ihre Jungs. Aber dein Bruder ist derjenige, der ein Auge auf die Mutter der beiden geworfen hat.“ „Stephen?“ Sie hatte nur einen Bruder, der im Moment keine feste Beziehung hatte. Ihre erstaunte Reaktion weckte Nathan auf. 20


„Mhm. Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen, warum ein Rettungssanitäter sich an einem Freitagabend in der Notrufzentrale herumdrückt.“ Sie konnte sich einen anderen Grund denken, aber trotzdem … „Er hat angeboten, ihr morgen zu helfen, wenn sie zu ihrer Freundin zieht.“ „Das habe ich auch mitbekommen.“ Ann hatte erwähnt, dass sie Stephen kennen gelernt hatte, aber sie hatte nur ein paar allgemeine Fragen gestellt. Rachel dachte darüber nach, während sie Nathan wieder in den Schlaf wiegte. „Stephen?“ Cole grinste und berührte mit der Hand ihre Schulter. „Du warst offensichtlich beschäftigt.“ *** Rachel sah einen Lichtschimmer, als die Tür zur Turnhalle sich öffnete und die Person, die hereingekommen war, stehen blieb, um ihre Augen an das schummrige Licht zu gewöhnen. Vorsichtig durchquerte Ann den Raum und ließ sich auf der Luftmatratze neben Rachel nieder. „Nathan ist aufgewacht und hat gemerkt, dass du nicht da warst“, flüsterte Rachel. Sie wartete, bis Ann es sich bequem gemacht hatte, dann hob sie Nathan auf den Schoß seiner Mutter. Sofort vermisste sie das Gewicht und das tröstende Gefühl, das sie verspürt hatte, während sie ihn auf dem Arm gehalten hatte. Rachel zog ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und wischte die Tränenspur von der Wange des Jungen. „Wie war die Arbeit?“ „Hektisch.“ Ann beugte sich über ihren Sohn, berührte seinen Kopf mit ihrem und schloss die Augen. „Ich bin so müde, dass die Luftmatratze sich heute wie ein Federbett anfühlen wird.“ „Ich habe deinen Kühlbeutel in den Eisschrank getan. Willst du ihn zwanzig Minuten drauf tun, bevor du dich hinlegst?“ Ann war in die Fluten gewatet, um einer Nachbarin zu helfen, und dabei unglücklich von einem vorbeitreibenden Ast erwischt worden. Ann nickte. „Das wäre gut. Danke.“ Rachel ging, um den Eisbeutel zu holen. Auf dem Rückweg nahm 21


sie zwei Becher mit Grießpudding und zwei Löffel mit. Es war schön, eine Freundin zu haben, mit der sie die ruhigen Momente in der Notunterkunft teilen konnte. In der Tür blieb sie stehen und suchte mit ihrer kleinen Stablampe die Karteikarten an der Pinnwand ab. Sie fand fünf Nachrichten für Ann und nahm sie mit zum anderen Ende der Turnhalle. Ann kuschelte mit Nathan. „Heute sind ein paar Nachrichten für dich gekommen. Und Cole sagt, er muss mit dir sprechen.“ Der Mann schlief so tief und fest, dass er sich bei ihrer leisen Unterhaltung nicht einmal rührte. Nach drei Tagen Kampf gegen die Fluten war er vollkommen erschöpft. Jedes Mal, wenn Rachel ihn gesehen hatte, war er im Zentrum des Geschehens gewesen. „Lass ihn schlafen. Er hat eine Nachricht von meiner Kusine, aber die habe ich bei der Arbeit schon bekommen.“ Ann langte an Nathan vorbei und legte sich den Eisbeutel aufs Knie. Als sie die Kälte spürte, sog sie hörbar die Luft ein. Rachel zuckte mitfühlend zusammen. „Du musst zum Arzt.“ „Es ist nur eine Prellung. Ich hätte heute öfter aufstehen und herumlaufen sollen. Das Sitzen macht es nur steifer.“ Ann entspannte sich und öffnete ihren Pudding. Rachel zeigte ihr die Karte, die Cole für sie dagelassen hatte. Ann lachte, als sie sie las, und ihr Blick wanderte zu dem schlafenden Cole und dann wieder zu Rachel. „Er ist verknallt in dich.“ Sie gab die Karte zurück. „Das hoffe ich doch.“ Rachel steckte sie in ihre Tasche, um sich zu vergewissern, dass sie sie auch mit nach Hause nahm. „Ich überlege, mich für ein, zwei Tage abzuseilen.“ „Fliegst du rüber zu deiner Schwester?“ „Erst mal muss ich versuchen, die Reise zu organisieren.“ „Du solltest sie besuchen.“ Die Kinder brauchten sie. Ihre Schwester Jennifer brauchte sie. Rachel sah sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sie nicht an zwei Orten gleichzeitig sein konnte. „Ich bin wieder da, bevor das Wasser zurückgeht.“ Ann lächelte. „Glaub mir, das Wasser wird noch da sein, wenn du zurückkommst.“ Sie legte Nathan ab und streckte sich neben ihm aus. „Ich habe heute ein Gerücht gehört.“ 22


„Erzähl!“ Ann streckte die Hand aus und strich Adam über den Rücken. „Jack steckt hinter dem Wunsch meines Sohnes, ein Flaschenschiff in den Fluss zu werfen.“ Rachel leckte den Deckel ihres Puddingbechers ab. „Mein Bruder ist im Grunde genommen immer noch ein Kind.“ „Das ist mir auch aufgefallen. Adam redet die ganze Zeit nur von ihm. Jack ist ein guter Mann.“ „Alle meine Brüder sind gute Menschen. Stephen ist der Verantwortungsbewusste.“ Rachel knüllte ihr Kissen unter dem Kopf zusammen und streckte sich auf ihrem Schlafsack aus. „Das habe ich gemerkt. Er hat mir heute Blumen mitgebracht.“ „Tatsächlich?“ „Mhm“, murmelte Ann. Rachel zögerte. Sie fragte sich, ob Ann mehr erzählen würde. „Wenn du ausgehen möchtest, mache ich gerne den Babysitter für dich.“ „Er hat mich nicht gefragt.“ Rachel stützte sich auf den Ellenbogen. „Und warum nicht?“ „Gute Frage. Fragst du ihn für mich?“ Rachel griff nach der Jacke, in der ihr Handy steckte. Ann legte eine Hand auf ihren Arm und lächelte. „Morgen früh reicht.“ „Verdirb mir nicht den Spaß!“ Ann kicherte. „Danke, Rae.“ „Wofür?“ „Dafür, dass du Stephen gesagt hast, er soll mir Blumen schenken.“ Ann hatte sie durchschaut. „Gern geschehen. Ich hatte den Eindruck, als könntest du eine kleine Aufmunterung gebrauchen.“ „Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Ein netter Typ mit Blumen, der mit mir flirtet, geht jederzeit in Ordnung.“ „Ich habe ihm nicht gesagt, dass er mit dir flirten soll.“ Ann lächelte. „Eben. Es hat gut getan. Auf das Angebot mit dem Kinderhüten komme ich zurück. Sag Stephen, dass ich ein gutes Steak mit Salat mag.“ „Alles klar.“ Rachel hatte noch nie eine Krise erlebt, in der Blu23


men nicht geholfen hätten. Wie es aussah, war es der richtige Schachzug gewesen, Stephen den Auftrag zu geben. Rachel schob einen Arm unter ihren Kopf und schloss die Augen. Es war schon nach elf, und in sechs Stunden würde ein neuer, langer Tag beginnen. *** Rachel wachte auf, als sie ein Kitzeln an ihrem Handgelenk spürte. Sie bewegte ihre Hand und lächelte. „Cole, das –“, murmelte sie und schlug die Augen auf. Es war niemand zu sehen. Ihr Piepser ging. Sie hatte ihn mit einem Schweißband an ihrem Handgelenk befestigt, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich wach wurde, wenn sie angepiepst wurde. Sie zog das Gerät heraus und sah auf die Nummer. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie sah, wer sie erreichen wollte. Sie hatte eine Ahnung, worum es ging. Schnell verließ sie die Turnhalle und beantwortete den Anruf draußen auf dem Gang, wo alles still war. „Rachel, er war heute Abend nicht da.“ Marissa weinte. „Ach, Liebes, das tut mir leid.“ Rachel ging hinaus und setzte sich auf die Treppe, während sie den Schmerz vernahm und wünschte, Mr Collins könnte über seinen eigenen Schmerz hinaussehen und begreifen, was er seiner Tochter antat. Marissa war in der elften Klasse, und heute war ihr Musikwettbewerb gewesen. Den Besten winkte ein Stipendium fürs College. Dieser Abend war wichtig gewesen. „Ich habe deine Nachricht bekommen. Mama sagte, ich soll dich morgen anrufen.“ „Ich habe gesagt, dass du anrufen sollst. Glaub mir, Freunden ist es egal, wie spät es ist. Wie hast du denn abgeschnitten?“ „Ich bin Zweite geworden.“ „Ich bin stolz auf dich, Marissa.“ „Linda ist Erste. Ihr Solo war einfach toll.“ „Nächstes Jahr bekommst du wieder eine Chance.“ „Ich hätte Papa so gerne dabeigehabt.“ „Ich weiß, Liebes. Er hat es versprochen. Er hätte da sein sollen.“ Marissa hatte vor zwei Jahren ihr Bein bei einem Autounfall verlo24


ren. Das war für ein Mädchen in ihrem Alter traumatisch genug, aber ihr Vater hatte am Steuer gesessen, und er hatte seinen eigenen Kummer nie verwunden. Gebrochene Versprechen tun weh, wenn man erwachsen ist, aber wenn man noch ein Kind ist und die eigene Familie … Rachel hatte es am eigenen Leibe erfahren, und selbst Jahrzehnte später war der Schmerz nicht ganz verklungen. Alles, was sie jetzt tun konnte, war, eine Freundin zu sein und zuzuhören. „Mama ist hinterher mit mir essen gegangen. Vorher war ich zu aufgeregt.“ „Was habt ihr denn gegessen?“ „Sie hat mich überredet, Scampi zu probieren. Die waren gar nicht schlecht.“ Die Tränen des Mädchens versiegten allmählich. „Ich hatte so gehofft, er würde kommen.“ „Die Liebe hofft immer“, sagte Rachel leise. „Er leidet immer noch darunter, dass er damals am Steuer gesessen hat.“ „Ich weiß.“ Marissa hatte zwei Jahre lang gekämpft, um sich ihr Leben zurückzuerobern. Aber seelische Verletzungen durch Familienangehörige schmerzten viel mehr als körperliche Verletzungen. „Mache ich denn etwas falsch?“, flüsterte Marissa. Rachel schloss die Augen. „Nein. Dein Papa wollte dich immer beschützen. Und jetzt hat er das Gefühl, als müsste er dich vor sich selbst schützen. Irgendwann wird es besser, Marissa. Erinnerst du dich, wie wir darüber gesprochen haben, dass Zeit die Menschen verändert? Gib ihm immer wieder Gelegenheiten, an deinem Leben Anteil zu nehmen. Irgendwann wird er das Gefühl haben, dass er kommen kann. Und dann fängst du am besten an, indem du sagst: ‚Ich hab dich lieb.‘“ Am anderen Ende blieb es einen Augenblick still. „Danke.“ „Zeit, Marissa. Sie hilft.“ Rachel beugte sich vor, um zwei Spielfiguren aufzuheben, die ein Kind liegen gelassen hatte. „Greg Sanford hat mich gefragt, ob ich mit ihm zum Abschlussball gehe.“ „Wirklich?“ Rachel freute sich, das zu hören, denn sie wusste, wie sehr das Mädchen auf eine Einladung gehofft hatte. „Ich muss 25


diesen Herrn unbedingt kennenlernen. Eigentlich mag ich ihn jetzt schon. Was hast du gesagt?“ „Ich habe Ja gesagt, aber nur, wenn er mich nicht zum Tanzen auffordert. Wir gehen einfach nur hin.“ „Greg war im letzten Jahr immer für dich da. Glaub mir, ihr werdet einen wunderbaren Abend miteinander verbringen.“ „Ich wünschte, er würde noch nicht Abi machen und dann in vier Monaten weggehen. Ich werde ihn schrecklich vermissen.“ „Hat er schon Bescheid bekommen, ob er die Aufnahmeprüfung bestanden hat?“, fragte Rachel. Sie wollte sich einen Eindruck davon verschaffen, welche Veränderungen auf ihre junge Freundin zukommen würden. „Die Akademie der Luftwaffe hat ihm einen Studienplatz angeboten. Er will Pilot werden, wie sein Vater.“ Marissa zögerte. „Glaubst du, wir können uns sehen, wenn du das nächste Mal in der Stadt bist?“ „Ich bin ganz in der Nähe“, sagte Rachel. „Wir können uns morgen treffen oder irgendwann nächste Woche, wenn ich von Jennifer wieder zurück bin.“ „Nächste Woche nach der Schule wäre toll.“ „Also abgemacht.“ Rachel machte sich eine Notiz in ihrer Handfläche, damit sie die Verabredung nicht vergaß, bis sie ihren Kalender zur Hand nehmen konnte. „Gibt es etwas, das ich deiner Mutter sagen soll oder müsste?“ „Da ist alles in Ordnung.“ „Irgendwas anderes, was du mir nicht erzählen willst, was ich aber wissen sollte?“ Marissa dachte einen Augenblick lang nach. „Da ist auch alles in Ordnung.“ „Gut, dann sehen wir uns nächste Woche. Wenn du vorher mit mir reden willst, rufst du an, versprochen?“ „Ja. Danke, Rae.“ „Liebes, ich bin stolz auf dich.“ Ihr Piepser signalisierte den nächsten Anruf. „Ich rufe morgen deine Mutter an, um für nächste Woche einen Termin abzustimmen“, sagte Rachel, während sie sich erhob. Jack wollte sie sprechen, und das bedeutete, dass irgendetwas am Damm nicht in Ordnung war. 26


*** „Cole.“ Rachel schüttelte ihn sachte und wünschte, sie könnte ihn schlafen lassen. Er war an die Wand gelehnt eingeschlafen, das Kinn auf die Brust gesunken, die Arme verschränkt. Sie bewunderte seine Fähigkeit, einfach die Augen zu schließen und wegzutauchen. Falls er sich Sorgen über irgendwelche Dinge machte, hätte sie nie sagen können, wann. Auf jeden Fall raubten sie ihm nicht den Schlaf. Cole schlug die Augen auf, blinzelte und richtete den Blick auf sie. „Jack hat mich angepiepst. Sie brauchen dich am Damm.“ Er holte tief Luft und seufzte. „Okay. Ich bin wach.“ „Es ist ein Uhr morgens.“ „So genau wollte ich es gar nicht wissen.“ Sie ließ ihre Hand auf seinem Unterarm liegen und lächelte ihn an. „Ich weiß, aber deine Uhr ist stehen geblieben. Sie blinkt auf diese komische Art, rot mit weißen Zahlen. Nathan dachte, es wäre deine Nachtlampe.“ „Wasser und Armbanduhren vertragen sich nicht. Die wird wohl nie mehr richtig trocknen.“ Sie machte einen Schritt zurück, als Cole aufstand. „Was ist denn passiert?“ „Jack hat etwas gesagt von zu viel Schlamm im Wasser – anscheinend verstopft das die Pumpen.“ Cole streckte den Arm aus und berührte mit der Hand ihre Schulter. „Warst du wach?“ „Ich hatte vorher schon einen Notruf.“ „Wenn du ein Plätzchen brauchst, an dem du ungestört ein paar Stunden schlafen kannst, versuch es mal auf dem Fahrersitz eines der Feuerwehrfahrzeuge. Dort findet dich keiner.“ Er sorgte für sie auf dieselbe Weise, wie er sich um seine Männer kümmerte. Das war nett. „Danke.“ „Du kannst mich ruhig beim Wort nehmen. Und bring Adam nachher zum Damm runter. Jack hat etwas für ihn.“ „Mach ich.“ „Und du hast wirklich zugesagt, dass du dir die Zeit nimmst, mit 27


mir essen zu gehen?“ Er massierte mit dem Daumen ihr Schlüsselbein. „Ich hätte nur ungern das Gefühl, dass ich das geträumt habe.“ Sie grinste. „Chinesisch. Und hoffentlich ein Abend ohne Unterbrechungen.“ Er zögerte, weil er die Stimmung des Augenblicks nicht zerstören wollte. Ihr ging es genauso. Er sah so gut aus, wenn er halbwach war. Am liebsten hätte sie ihn umarmt und sich dabei in seine Umarmung gekuschelt. „Geh arbeiten, Cole.“ „Aye aye, Sir!“ Er lächelte ihr zu und machte sich auf den Weg zur Tür. Rachel sah ihm nach und machte es sich dann auf ihrem Schlafsack bequem. Sie stellte ihren Piepser und nahm ihr Kopfkissen in den Arm. Dann schloss sie die Augen, das Lächeln noch immer auf ihren Lippen. Ein Lächeln von Cole und eine Einladung zum Essen waren fast so gut wie Blumen. *** „Was ist los, Jack?“ Cole fand Rachels Bruder auf dem Parkplatz, wo das flache Rettungsboot der Feuerwehr geparkt war. Er war dabei, die Bremslichter des Anhängers zu kontrollieren. „Ich wollte Rae nicht beunruhigen, aber Lisa braucht uns. Sie sagte, wir sollen einen Leichensack mitbringen.“ „Wo ist sie?“ „Rosecrans Road.“ Cole rümpfte die Nase und versuchte zu ignorieren, dass es ein Uhr morgens war. „Ich hoffe, ihr war klar, dass ich sie nur aufziehen wollte. Ist der Leichnam einbalsamiert?“ „Das Erste, was Lisa sagte, als ich sie zurückrief, war: ‚Das Wasser zerstört meinen Tatort.‘ Dann klang sie ziemlich gereizt. Ich fürchte, es ist was Ernstes.“ „Du hast interessante Schwestern.“ „Wem sagst du das?“ Cole zog seinen Schlüsselbund heraus. „Ich fahre. Sind wir beide genug?“ 28


„Es klang so, als bräuchte sie uns für den Transport. Kompanie 42 arbeitet in der Gegend.“ „Gut. Dann wollen wir mal sehen, in was sie da geraten sind.“

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