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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage Juni 2015 © 2015 art&words – verlag für kunst und literatur Zerzabelshofstraße 41, D-90480 Nürnberg Homepage: http://art-and-words.de Twitter: https://twitter.com/art_and_words Facebook: http://www.facebook.com/artandwords Gesamtgestaltung: art&words Umschlaggestaltung: Peter Hellinger Druck: Schaltungsdienst Lange oHG Zehrensdorfer Straße 11 D-12277 Berlin (Marienfelde)

ISBN 978-3-943140-51-4 Auch als E-Book erhältlich.


Für meine Töchter


Danksagung Mein Dank gilt den Menschen die mich inspirierten, die mir Zuspruch gaben und die mich baten, meine Geschichten zu veröffentlichen. Er gilt natürlich auch denjenigen, die mir zuhörten, privat und öffentlich. Die erste literarische Heimat habe ich beim AVF, AutorenVerband Franken gefunden. Der größte Dank gilt dem unvergleichlichen Peter Hellinger, ohne den dieses Buch in dieser Form nicht möglich geworden wäre. Christa L. A. Bellanova, Juni 2015

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Hermann, das Ei Rückblickend kann man sagen, dass alles mit dem neuen Schlossgärtner begonnen hatte. Einem fremdländischen Mann, der versprach, allerlei unbekannte und exotische Pflanzen einzuführen. Der König, dessen Leidenschaft die Gartenkultur war, wischte die Bedenken seiner Gattin, der Königin, beiseite und so trat der Unbekannte seinen Dienst an. Schon bald waren im Blumengarten die allerschönsten, noch nie zuvor gesehenen Gewächse in den erstaunlichsten Farben zu bestaunen. Auch für den Gemüsegarten deutete er Neuerungen an, die für die Hofküche unbekannte Gemüse und exquisite kulinarische Köstlichkeiten bereit halten würden. Und tatsächlich war es auch so. Es gab Okraschoten, Zucchini, gefüllte Zucchiniblüten, Tomaten, Paprika und Auberginen. Die Königin liebte Auberginen. In allen erdenklichen Variationen wurden diese lilafarbenen ovalen Früchte zubereitet und verzehrt. Fast jeden Tag wurden Auberginen gebraten, mittags und abends; manchmal musste der König sogar nachts aufstehen und in der Schlossküche noch die Reste eines Auberginenauflaufs für sie holen. Nach einigen Monaten rundete sich der Leib der Königin. Zuerst wollte sie es nicht glauben, hatte sie doch schon erwachsene verheiratete Töchter. Aber es war tatsächlich wahr: Neues Leben regte sich in ihr. Nach der für diese Dinge üblichen Zeit wurde die Hebamme gerufen und alles nahm seinen natürli9


chen Lauf. Der König ging aufgeregt vor dem Schlafzimmer seines Eheweibes auf und ab, wünschte er sich doch schon lange einen Sohn. Aber was die ängstlich drein blickende Hebamme ihm nach bangen Stunden des Wartens in den Arm legte, machte ihn sprachlos. Ein längliches, rundes, helles Etwas mit leicht lilafarbener Marmorierung, ohne Kopf und Arme, nur aus dem unteren Oval ragten zwei winzige Beinchen hervor. Natürlich war an den entscheidenden Stellen nicht zu erkennen, ob man dem Wesen nun einen männlichen oder weiblichen Vornamen geben sollte. Der König entschied kurzerhand, dass das Ei, denn um ein solches handelte es sich, Hermann heißen solle. Die erstaunliche Neuigkeit machte natürlich die Runde im Schloss und schließlich im Reich und weit darüber hinaus. Eine Sensation ohnegleichen. Nur der Gärtner wunderte sich kein bisschen. Wusste er doch, dass Auberginen auch Eierfrüchte genannt werden. Hermann wurde größer, die Beinchen kräftiger und schon bald hatte er herausgefunden, wie er – balancierend das Gleichgewicht haltend – damit laufen konnte. Äußerst neugierig erkundete er seine Umgebung und war sehr wissbegierig. Später bescheinigten ihm die Hauslehrer überragende Intelligenz. Auch im Sport war er ein Ass, nur mit dem Schreiben und Zeichnen hatte er gewisse Schwierigkeiten. Und so wuchs Hermann im Laufe der Zeit zu einem stattlichen Ei mit stämmigen Beinen heran, das von jedem ob seines ruhigen, sympathischen Wesens sehr gemocht wurde. 10


Der König und die Königin aber wurden älter und machten sich große Sorgen, was wohl mit Hermann passieren würde, wenn sie einmal nicht mehr seien. „Nie wird er ein Eheweib finden“, klagten sie, „fehlen ihm doch die entscheidenden Dinge für die Ehe.“ Da begab es sich, dass ausländische Delegationen, die von Hermann gehört hatten, den Hof besuchten. Unter ihnen auch Künstler, Gelehrte und Wissenschaftler. Hermann wurde bestaunt, untersucht und vermessen. Er lies alles mit Würde und Gleichmut über sich ergehen. „Ihr Sohn gehört einem sehr elitären Kreis an“, sagten sie. Werden doch Personen mit dieser außergewöhnlichen Form und Intelligenz andernorts auch eggheads, genannt, auf deren Ratschlag wichtige Entscheidungsträger überall in der Welt hören. Hermann blieb weiterhin unbeeindruckt. Was ihn neugierig machte war der dunkelhaarige kleine Goldschmied der ebenfalls zu den ausländischen Besuchern gehörte. In dessen Truhen und Taschen waren die allerlieblichsten Edelsteine in allen erdenklichen Größen zu finden, nebst Gold- und Silberstückchen die Hermann bestaunen durfte. „Erlauben Sie?“, fragte der Goldschmied und klebte einen kleinen roten Rubin an Hermanns Mitte, der sich das sehr gern gefallen ließ. „Vielleicht noch eines?“ Ein weiterer Edelstein wurde angebracht und schließlich noch einer und ein weiterer. „Da fehlt noch etwas Gold“, sagte der Künstler und „An dieser Stelle benötigen wir noch ein paar Perlen.“ 11


Bald war Hermann über und über mit Kostbarkeiten bestückt. Er fühlte sich unglaublich schön, aber auch etwas schwer. Vor dem Spiegel stolzierte er auf und ab, lies sich bestaunen und bewundern. „Diesen Anblick darf man der Welt nicht vorenthalten“, sagten alle. „Wenn wir weiterreisen, darf Hermann uns nicht begleiten?“ Hermann wollte und nahm schließlich Abschied von König und Königin. Er drehte sich kein einziges Mal um, als die Kutsche, in der er weich gepolstert neben dem Goldschmied, seinem „Schöpfer“, saß, den Schlossgarten verließ. Nur der Gärtner blickte versonnen, auf seinen Rechen gestützt, der Kutsche nach, die in einer Staubwolke verschwand. Die Reise ging gen Osten und dauerte sehr lange. Aber Hermann, das Ei, der noch nicht sehr viel von der Welt gesehen hatte, war von allem sehr beeindruckt. Nach vielen Wochen und allerlei Strapazen hatten sie schließlich eine große Stadt erreicht. Goldgefasste und farbige Zwiebeltürme die einen imposanten Bau zierten, überragten die übrigen Häuser. Der Goldschmied flüsterte zu Hermann: „Mein lieber Freund, hier am Zarenhof angekommen, wird man dir die gebührende Ehrerbietung und Bewunderung entgegenbringen die du verdient hast.“ Und so war es auch. Er wurde wie noch nie in seinem Leben hofiert. Die Zarin war hingerissen von Hermann, zeigte ihm alles und führte ihn schließlich in ihre private Schatzkammer, direkt neben ihrem Schlafzimmer. Was er dort erblickte lies ihn erschauern. 12


Der Raum war angefüllt mit Eiern in allen Größen. Ebenso geschmückt wie Hermann mit Edelsteinen, Gold, Silber und Perlen. Die kleineren Eier ruhten in reich verzierten Kästchen, andere thronten in genau für sie gearbeiteten Stellagen. Hermann aber war der Größte unter ihnen und der einzige mit Beinen. Sogleich stolzierte er umher, stellte sich vor und erzählte ungefragt seine Lebensgeschichte. Das er von den leblosen Schönheiten nicht verstanden wurde, störte ihn nicht im geringsten. Er fühlte sich sogleich zuhause und weigerte sich, die Schatzkammer überhaupt jemals wieder zu verlassen, hatte er doch endlich seine wahre Bestimmung gefunden. Und wenn er nicht gestorben ist, kann man ihn sicherlich heute noch dort finden, als Herr über seinesgleichen.

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Wie backe ich mir den perfekten Mann? So meine Damen, sie haben sich also entschlossen meinen Kochkurs, Verzeihung, Backkurs Wie backe ich mir den perfekten Mann? zu besuchen. Herzlich willkommen zu diesem Vorgespräch. Jede von ihnen hat bestimmt andere Vorstellungen und Wünsche für dieses spezielle Gebäck. Sie sollten sich natürlich zuallererst genau darüber im klaren sein, was für eine Art von Mann sie sich wünschen. Wie soll er schmecken, wie soll er aussehen? Danach richten sich die Zutaten, die Form und natürlich die Backzeit. Besinnen sie sich vorher, denn wenn er mal in der Röhre ist, gibt es kein Zurück mehr, zumindest nicht in meinem Kurs. Wir halten eine Vielzahl von Zutaten bereit, haben diverse Backformen und natürlich auch Rezeptvorschläge für Unentschlossene. Wünschen sie sich zum Beispiel einen echten Kerl, benötigen sie folgendes: Vollkornmehl, echtes Schrot und Korn, nicht zu wenig Salz, Pfeffer und wenn sie ihn pikant mögen, auch Chili und vielleicht ein paar exotische Gewürze und Nüsse. Grobes Material sozusagen, wenig liebliches. Da kann es aber passieren, dass beim Verzehr schon mal einer ihrer Zähne in Mitleidenschaft gezogen wird, oder wenn er zu lange in Ofen war, sie sich sogar die Zähne daran ausbeißen. Das müssen sie natürlich selbst wissen, ob 33


der perfekt gebackene Mann ihnen das wert ist. Aber wie gesagt, wenn sie es hart und fest möchten, nur zu. Ich empfehle auf jeden Fall auch einige Prisen Zucker, Humor, Zuverlässigkeit und nicht zu vergessen, das Trieb… – äh, Verzeihung, Tippfehler – Treibmittel. Dann noch sehr gut kneten und gehen lassen. Die nächste Entscheidung wäre, ob sie den perfekten Mann in einer Backform zubereiten oder ihn Natur belassen wollen, sozusagen: er geht auf wie er will, krumm, schief oder ähnliches. Da wissen sie nicht so genau was dabei herauskommt, optisch zumindest. Selbstverständlich können wir ihnen auch Formen anbieten: das Mainstream-Modell ist der Anzugträger. Es gibt aber auch den Handwerker, Feuerwehrmann oder Künstler. Überhaupt sind Uniformmodelle äußerst beliebt. Ganz nach ihrem Gusto. Wenn ihnen das alles zu viel Mann, ist, hätten wir auch noch eine andere Backmischung namens Soft. Helles Mehl, weiche Konsistenz, aber wenig Eigengeschmack, neutral. Sehr gut formbar, für nahezu alle Gelegenheiten. Ideal zum Belegen für Sandwiches zum Tee. Wie so oft im Leben, ist entscheidend, was oben drauf kommt und wie etwas verzehrt wird. Süß oder pikant, hier hat man alle Freiheiten und kann fast nichts falsch machen. Nur, wenn zu kurz gebacken wurde und er etwas fad und labberig schmeckt. Alles liegt in ihrer Hand, selbst ist die Frau. Wenn sie allerdings jetzt noch unentschlossen sind, hätten wir noch weitere Rezeptvorschläge. 34


Gehen wir nun einen Schritt weiter und davon aus, dass der Mann fertig gebacken vor ihnen liegt. Sollte er aus irgendeinem Grund doch zu groß geraten sein, empfehlen wir folgendes: Schneiden sie ihn in Scheiben und frieren sie ihn portionsweise ein. Legen sie ihn sozusagen auf Eis, so haben sie immer was frisches. Ach ja, zum Schluss noch ein Tipp: Wenn sie ganz und gar mit dem Endergebnis ihres Wunschgebäcks unzufrieden sein sollten und er überhaupt nicht schmeckt, verzweifeln sie nicht. Es gibt es noch die Möglichkeit ihn einige Zeit liegen zu lassen, bis er total hart geworden ist. Dann reiben sie das Ganz zu Bröseln, bis absolut nichts mehr an die frühere Form und Konsistenz erinnert und schon haben sie eine andere Verwendung. Der Mann wird sozusagen recycelt. Brösel braucht man immer in der Küche, als Panade oder notfalls als Vogelfutter. Meine Damen, ich kann ihnen ja zum Schluss verraten: Es muss nicht beim ersten Mal klappen mit dem perfekten Mann. Geben sie nicht auf und versuchen sie es erneut. Es wird bestimmt besser beim zweiten oder dritten Mal. Für Wiederholungstäterinnen gibt es bei mir im Kurs selbstverständlich Mengenrabatt. Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit!

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Mattes (I) Der alte Mattes saß auf der morschen Holzbank vor dem Gärtnerhäuschen und blickte wehmütig hinüber zum Herrenhaus, das auf der anderen Seite des großen Parks lag. Er hielt inne. Das Holzstück in seinen Händen fühlte sich richtig an und er würde morgen anfangen einen Frosch daraus zu schnitzen. Die ungewöhnliche Maserung, die etwas schräg verlief, sah schon jetzt aus wie ein schiefes Froschmaul. Er liebte es Tiere zu schnitzen. Schon immer hatte er dies gern getan und sich so ein Zubrot verdient zu dem kargen Lohn hier. Und Holz gab es ja genug, jetzt, wo der Grünschnabel angefangen hatte, den Wald abholzen zu lassen. Ein Kahlschlag, der nicht nur Wunden in der Natur, sondern auch Wunden in Mattes Seele verursacht. Zu seinen Füssen machte sich der Hund schmatzend über die Reste im Napf her. Die vereinzelt stehenden Bäume warfen lange Schatten auf den Rasen und so konnte Mattes zuerst nicht erkennen, wer sich als immer größer werdender Punkt auf ihn zubewegte. Erst als er nur noch einen großen Steinwurf entfernt war, erkannte er den jungen Herrn, der sich bei jedem energischen Schritt nervös die Reitpeitsche gegen die hohen Stiefel schlug. In Gedanken nannte Mattes ihn nur den Grünschnabel, der in der Stadt ein Lotterleben geführt hatte und sich nun nach dem Tod seines Vaters als Gutsherr aufspielte. 47


Er seufzte tief und wartete ab. Ohne ein Wort der Begrüßung baute sich der Besucher vor Mattes auf und herrschte ihn an: „Wann wirst du endlich deinen Plunder wegschaffen lassen?“, und deutete mit der Reitpeitsche auf die offene Holztür. Mattes Hund hatte sich erhoben und war beim Klang der Stimme und beim Anblick der Reitpeitsche mit eingezogenem Schwanz ins Innere der Hütte gekrochen. Mit dem Fuss trat der Grünschnabel gegen die bröckelnden Wände der Hütte und zischte: „Spätestens nächsten Monat bist du verschwunden!“ Dann wandte er sich ab und ging den gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Mattes hatte kein Wort erwidert. Was hätte er schon sagen können? Und so saß er noch regungslos, als sich die Dunkelheit wie eine Decke über den Park legte und die Glühwürmchen anfingen in den Büschen zu tanzen. Da hörte er am Boden ein leises Rascheln, und er sah ihn wieder, diesen langen dunklen Schatten. Das Zünglein schnell vor und zurück bewegend ,glitt die Schlange fast unmerklich auf den Blechnapf zu. Mattes überlegte keine Sekunde. Beherzt griff er zu, packte sie direkt hinter ihrem Kopf und hob sie hoch. Er drückte nicht zu fest, damit er sie nicht verletzen würde, aber doch so fest damit sie nicht entkommen konnte und steckte sie in den Jutesack, der neben ihm auf der Bank lag und band diesen zu. Er wusste jetzt was er zu tun hatte, morgen, oder den Tag danach und die Schlange würde ihm dabei helfen. Er war sich sicher! 48


Das Fräulein (II) Ich wundere mich sehr, dass die Haustür unten nur angelehnt und nicht ganz zu ist. Was mir zum Einen das Klingeln erspart, mich aber auch um mein Zählspiel bringt. Wenn ich länger als bis zehn zählen muss, bis das Summen des Türöffners erklingt, bekomme ich meist einen Bonbon oder einen Keks vom Fräulein, während sie mit dem Mietbüchlein und dem Geld beschäftigt ist. Also heut’ bekomm’ ich nix. Langsamer als sonst steig ich die Treppen hoch, hab aber irgendwie ein komisches Gefühl im Bauch, so als ob ich zu viel Limo getrunken hätt’, ganz anders als sonst. Von ganz oben hör ich eine Wohnungstür zuschlagen. Am ersten Treppenabsatz glitzert was in der Ecke, als die Sonne drauf scheint. Als ich mich bücke, seh ich, dass es ein kleiner dunkelroter Stein ist, an dem noch ein Stückchen Goldkette hängt. Ich steck’ es in meine Schürze, weil ich glaub, dass es dem Fräulein gehört. Sie trägt Ohrringe mit solchen roten Steinchen, die bewegen sich, wenn sie den Kopf dreht. Manchmal hat sie auch eine große rote Brosche an der Bluse und irgendwann will ich auch so was schönes haben. Fräulein, Fräulein, Fräulein schön, denke ich. Das ist mir gerade jetzt eingefallen. Vielleicht freut sie sich, wenn ich es ihr vorsinge. Sie mag mich nämlich, das spür’ ich. Mama sagt, ich hab eine schöne Stimme. Bestimmt krieg ich dann doch einen Keks. 71


Die Wohnungstür ist auch nur angelehnt. Jetzt rufe ich Fräulein und drücke die Tür nur so weit auf, bis ich hindurch schlüpfen kann. Der Teppich im Flur verschluckt meine Schritte, als ich langsam am Rand weitergehe und versuche, nicht auf das Blumenmuster zu treten. Ich hab was gefunden, ruf ich noch als ich auf die offene Wohnzimmertür zugeh’ und den schwarzen Schuh seh’. Der steht einfach so da und daneben liegt das Fräulein am Boden, ein Bein so komisch verdreht und die Hand an ihrem Hals. Neben ihrem Kopf liegt der kaputte Bilderrahmen mit dem Foto von dem blonden Mann, das sonst auf dem kleinen Schrank steht. Das Fräulein schaut nach oben an die Zimmerdecke und bewegt sich nicht. Aber da oben ist doch gar nichts denk ich, während ich nur stumm dastehe und mich nicht rühren kann. Ich hab das Mietbüchlein mit dem Geldumschlag so fest gedrückt, dass jetzt ein Knick drin ist, aber irgendwie weiß ich schon, dass man mich nicht dafür schelten wird.


Es ist Es ist Der Abend der Abende Geheimnisvoll und zauberhaft Hinter der Tür Hört man Leise Glöckchen klingeln Ein Rascheln und Raunen Dann Stille Atemlos davor Eine kleine Kinderseele Seufzend erwartend den Moment Bis endlich endlich Die Tür sich öffnet Zur blendenden Helligkeit Zum silbrigen Lichterglanz Und Freude soviel Freude Für ein ganzes Jahr Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum In der stillen, der heiligen Nacht

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Mattes (II) Mattes saß vor seinem Gärtnerhäuschen und blickte hinüber zum Herrenhaus. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf die Holzbank und wartete auf den dumpfen Schlag der Turmuhr, die zum Mittagessen läuten würde. Hungrig wie er war, beschloss er, sich vor der Zeit auf den Weg zu machen und erhob sich steif und bockbeinig. Während er langsam über die grüne Wiese schritt blickte er wohlgefällig auf den Park. Seit dem mysteriösem Tod des Grünschnabels – in Gedanken nannte Mattes ihn immer noch so – durch einen Schlangenbiss, hatte sich so einiges hier verändert. Für ihn eigentlich nur zum Guten. Der neue Verwalter hatte ihm nicht nur lebenslanges Wohnrecht in seinem nun instand gesetzten Gartenhäuschen gewährt, sondern auch freie Kost. Mattes arbeitete immer noch mit, so gut es ging und hatte auch die Oberaufsicht über die Gärtnergehilfen. Der etwas maulfaule Franz war der fleißigste unter ihnen. Man hatte ebenfalls angefangen, den angrenzenden Wald wieder aufzuforsten. Auch im Herrenhaus selbst gab es wieder Gesinde, nicht zuletzt eine Köchin, eine dralle, nicht unansehnliche Person. Sie hieß Martha und man munkelte, dass sie eine ehemalige Ganovenbraut sein sollte. Das tat Mattes Bewunderung für sie keinen Abbruch. Immer hatte sie von den Dingen, die Mattes besonders gern aß, eine Extraportion für ihn. 123


Sogar als er krank war und einige Zeit bettlägrig, hatte sie dafür gesorgt, dass jemand ihm die Mahlzeiten brachte. Manchmal war sie auch selbst gekommen und hatte ihn mit einem Schwätzchen aufgeheitert. Wenn er ehrlich zu sich selbst sein sollte, musste er sich eingestehen, dass er inzwischen lichterloh entflammt war für Martha, und das in seinem Alter. Doch die Männer lästerten, dass sie einen Putzfimmel hätte. Da kannte Martha kein Pardon. „In meiner Küche muss es sauber und ordentlich sein“, pflegte sie zu sagen, „sonst kann ich nicht kochen!“ Und um ihre Aussage zu untermauern, hieb sie stets mit einem Faustschlag auf den blank gescheuerten Küchentisch. Heute hatte Mattes eine Überraschung für sie. In seiner Tasche schlief zusammengerollt ein Kätzchen, kaum größer als eine runde Rübe. Er hatte es aus dem Bach gezogen, wo es das einzige Tierchen war, das sich in dem dahintreibenden Sack noch bewegt hatte. Jemand hatte den Wurf der kleinen Katzen ertränken wollen. Das hatte dem tierlieben Mattes in der Seele weh getan. Und er hatte es geschafft, das Kleine durchzubringen. Mit seinen rauen Fingern strich er über das weiche Fell in seiner Jackentasche. Mit jedem Schritt, den er näher zum Herrenhaus kam, wurde der Geruch nach Gebratenem intensiver und Mattes wurde noch hungriger als er ohnehin schon war. Martha war eine begnadete Köchin. Nach dem Essen würde er sie fragen, ob sie ihn am Sonntagnachmittag ins Dorf begleiten wolle. Dort hatte sich eine 124


Gauklertruppe niedergelassen. Er hatte sich erzählen lassen, dass sie mit ihren fremdartigen brokatenen Gewändern und Pluderhosen wie Märchenprinzen Aussehen würden. Und es sollten auch tatsächlich Szenen aus einzelnen Märchen nachgespielt werden. Zum Beispiel „Sterntaler“, wo dem Waisenmädchen, nachdem es alles verschenkt hatte, nur das Hemdchen geblieben war, in das am Ende, als Belohnung für seine Gutherzigkeit, goldene Sterne vom Himmel fielen. Es wurde auch berichtet, dass ebenfalls Seiltänzer und Feuerspucker zu sehen seien. Das alles würde Martha bestimmt gefallen. Das mit dem Kätzchen, das würde er sich noch einmal überlegen. Vielleicht sollte er sich einen Namen ausdenken und es selbst behalten, jetzt wo der Hund tot war. Sein langjähriger treuer Gefährte, der unter dem Hortensienstrauch begraben seine letzte Ruhe gefunden hatte. Ja, wahrscheinlich würde er es so machen. Wenn er es noch schaffen könnte, mit seinen gichtigen Händen ein Kätzchen aus Holz zu schnitzen, würde sich Martha bestimmt auch freuen. Ein Versuch war es wert. Er war froh über diesen Gedanken und beschleunigte seine Schritte in Richtung Herrenhaus.

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Aufbruch Als er erwachte, fühlte er sich zuerst noch unsicher, ob er es heute wagen sollte, aber dann entschloss er sich doch. Im Dunkeln zog er seine lange Hose der Einfachheit halber über den Pyjama. Der Pulli, den er am Vortag schon angehabt hatte, wurde über den Kopf gezogen, aber seine Socken vom Vortag konnte er im Dunkeln nicht finden, deshalb öffnete er leise die Schublade der Kommode und nahm ein anderes Paar heraus. Lautlos schlüpfte er aus dem Zimmer, holte den Anorak sowie seinen Rucksack vom Garderobenhaken. Die Stiefel behielt er in der Hand. Er hörte ein Schnarchen und dann nach ein paar Sekunden das Quietschen der Matratze hinter der nur angelehnten Tür. Sekundenlang hielt er den Atem an und wartete. Es würde nur gelingen, wenn die Wohnungstür nicht abgeschlossen war, und er hatte tatsächlich Glück. Fast geräuschlos zog er die Wohnungstür ins Schloss, tastete sich ohne Licht zu machen die Treppe hinunter. Auf der letzten Stufe setzte er sich hin und zog die Stiefel an. Vor der Haustür bemerkte er, dass es ziemlich kalt war, aber er konnte und wollte nicht umkehren, um noch eine Mütze zu holen. Und so stülpte er sich die Kapuze der Jacke über die Haare und zog die Kordel fest. Zielstrebig wandte er sich nach rechts, ging zügig bis zur Straßenecke. Es war noch dämmrig und der Asphalt glänzte vom Schneeregen. Die Straßenlaternen 131


spiegelten sich darin. An der großen Kreuzung blieb er stehen, blickte erst nach links und rechts, um dann schnell auf die andere Straßenseite zu laufen. Vorm Schaufenster des Drogeriemarktes blieb er kurz stehen und sah hinein. Das grüne Duschgel in Form eines Weihnachtsbaums erinnerte ihn etwas schuldbewusst daran, dass er sich nicht gewaschen hatte. Aber das war jetzt unwichtig. Wer Großes vorhat, darf sich nicht von Kleinigkeiten abhalten lassen, kam ihm in den Sinn. Zielstrebig ging er weiter. An der Straßenbahnhaltestelle angelangt blieb er stehen. Nur eine alte Frau mit Kopftuch saß auf der Wartebank, lächelte ihn an und sagte dann etwas in einer Sprache, die er nicht verstand. Er drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Gleise. Ein Bimmeln ließ ihn hochschrecken. Er sah die Straßenbahn näher kommen, in der nur eine Handvoll Menschen saßen. Die Alte erhob sich mühsam, humpelte auf die sich öffnende Tür zu. Er stieg nach ihr ein und setzte sich dann auf den Vierersitz ihr schräg gegenüber. Im Rückspiegel der Kabine ganz vorne sah er, dass der Fahrer ihn aufmerksam musterte und dann in sein Funkgerät sprach, bevor die Bahn weiterfuhr. Das beunruhigte ihn ein wenig und es wurde ihm ein bisschen warm. Als die Straßenbahn erneut anhielt, sprang er auf, stieg rasch aus und war auch schon am Ziel. In der Eingangshalle des Bahnhofs liefen die Menschen geschäftig hin und her. Sie hinterließen nasse Fußabdrücke, die er einige Momente fasziniert betrachtete.


Eine Gruppe von Wanderern stand mit Rucksäcken und Wanderstöcken lachend und redend zusammen, andere Leute zogen ihre polternden Rollkoffer hinter sich her. Er lauschte einige Augenblicke diesen Geräuschen nach. Dann besann er sich wieder, wusste aber im ersten Moment nicht, in welche Richtung er sich wenden sollte. Aber dann entdeckte er den Hinweispfeil zu den Zügen und er ging weiter. Am Bahnsteig stand ein Zug mit offenen Türen. Er kletterte hinein und ging langsam durch den Gang. Das Abteil mit den roten Polstersitzen hatte er ganz für sich allein und das gefiel ihm sehr. Während er sich in die Sitze schmiegte, rutschte seine Hose etwas nach oben und er bemerkte, dass er zwei verschiedene Strümpfe an hatte. Als sich der Zug kurze Zeit später ratternd in Bewegung setzte und immer schneller wurde, nickte er schließlich ein. Er träumte, dass er der Lokführer wäre und sich ganz vorne am Zuganfang befände, ihm alle zuwinkten. Ja, ohne ihn würde gar nichts gehen, ihn dem Allerwichtigsten. Die blaue Uniform mit den silbernen Knöpfen war das erste was er sah, als er wieder erwachte. Ein gutmütiges Gesicht mit einem grauen Schnauzbart beugte sich zu ihm herunter als er hörte: „Na, kleiner Mann, wohin geht denn die Reise?“ Er presste die Lippen aufeinander, schob trotzig das Kinn nach vorn. Man würde kein Wort aus ihm herausbringen und er würde auf keinen Fall zu weinen anfangen. Das war sicher! 133


Über die Autorin Christa L. A. Bellanova ist in Fürth geboren. Eine echte Fränkin sozusagen, die seit ihrer Jugend in Nürnberg lebt. Tätig war sie in der Verwaltung des öffentlichen Dienstes der Stadt Nürnberg. Nach der Familienpause begann sie schrittweise wieder mit Menschen zu arbeiten, unter anderem in der Administration einer Erwachsenenbildungsstätte und im Bereich der Nürnberg Messe. Danach wurde sie zertifizierte Stadtführerin in der zweitgrößten, aber für sie schönsten Stadt Bayerns. Texte hat sie eigentlich schon immer verfasst, sogar im Wochenbett. Inspiration erfährt sie durch die Begegnungen mit Menschen und die Geschichte ihrer Heimatstadt. Seit einigen Jahren schreibt sie verstärkt skurrile Kurzgeschichten und historisch gefärbte Erzählungen, sowie Märchen, autobiographische Texte und Gedichte. Ihre erste literarische Heimat fand sie beim AVF AutorenVerband Franken. Außerdem ist sie Mitglied der Schreibwerkstatt Wendelstein „Frauen schreiben“ sowie langjährige Teilnehmerin des „Literarischen Café“ der Akademie Nürnberg. Es gibt diverse Veröffentlichungen in teilweise preisgekrönten Anthologien und in der regionalen Presse. Außerdem war und ist sie ehrenamtlich redaktionell tätig; unter anderem schreibt sie Buchrezensionen und „editiorials“.

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Inhalt Danksagung Hermann, das Ei Jona beklagt sich Mühlengeschichten Acht Das Kind Brot Wie backe ich mir den perfekten Mann? Frauenschuhe Martha Jakob Mattes (I) Tratsch am Brunnen Gargoyle Katinka Das Fräulein (I) Wolle Das Fräulein (II) Der Pfahl Ihr guter Name Um 1640 Putto An Dich Es ist Zuhören Schlaflos Ostern Mattes (II) Holunderblut

7 9 15 17 25 27 29 33 37 41 43 47 49 53 57 61 65 71 73 77 85 101 105 107 109 115 121 123 127


Aufbruch Mondphasen Orange Ăœber die Autorin

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Mehr von Christa L. A. Bellanova unter anderem in der mit dem Deutschen Phantastikpreis 2013 ausgezeichneten Anthologie: Am 20. Dezember 1812 erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“ von Jacob und Wilhelm Grimm. Grund genug für den Verlag art&words zum zweihundertsten Jubiläum der Erstausgabe deutschsprachige Autoren aufzurufen, es den Grimms gleich zu tun und die alten Märchen neu zu erzählen oder neue Märchen zu erfinden. Schließlich wurden – ganz wie bei den Grimms – 86 Märchen für dieses Buch ausgewählt, von denen der Herausgeber überzeugt ist, dass es die Besten der Besten sind. Lehnen Sie sich also zurück und genießen Sie diese Märchen, auch wenn sie nicht immer mit jenen magischen Worten beginnen: Es war einmal …

Wenn das die Grimms wüssten! Anthologie

ISBN 978-3-943140-17-0

496 Seiten, Paperback, 18,50 € (D) Auch als E-Book erhältlich.

Zu beziehen bei art&words oder im Buchhandel.

Hermann, das Ei  

"Vermutlich habe ich die Gabe von meiner Mutter und deren Mutter geerbt. Etwas was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Die Gabe zuz...

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"Vermutlich habe ich die Gabe von meiner Mutter und deren Mutter geerbt. Etwas was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Die Gabe zuz...

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