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Ein Ebook fĂźr off ene Leute, die sich politisch interessieren und die Welt nachhal
Editorial
Unser Dank gilt den 18 jungen Autorinnen und
Autoren, die mit ihren Beiträgen deutlich machen, dass die globale nachhaltige Entwicklung eine Sache von uns allen ist und keineswegs nur ein Programm politischer Eliten oder Ergebnis von UN-Resolutionen. 18 Autorinnen und Autoren, die sich beispielhaft engagieren, die mit leidenschaftlicher Hartnäckigkeit, geballtem Sachverstand und viel Mut Wege für eine Gesellschaft skizzieren, die Zukunft hat. Die zeigen, wie es sich gemeinschaftlich und nachhaltig leben, arbeiten, wirtschaften oder forschen lässt.
Und denen nicht egal ist, was aus den internati-
onal geltenden 17 Sustainable Development Goals (SDG`s) wird. Mehr noch: Die Hier und Jetzt Veränderungen wollen. Die wissen, dass mit den SDG`s nationale Sichtweisen überwunden werden müssen und dass sich die Zukunft der Weltgesellschaft auch in unseren eigenen Lebensentwürfen entscheidet. Und die auch wissen, dass es nicht einfach ist, bewusst gegen das „höher, schneller, weiter“ eigene Entwürfe und gemeinsame Praxis zu setzen.
Die deshalb ein 18. SDG einfordern, eines, das
Bewusstseinswandel und Transformations-Lernen, Kommunikation und das „Wagnis der Hoffnung“ (Dr. Bachmann) ernst nimmt. Dipl. Päd. Elisabeth Marie Mars, Herausgeberin
Wovon lassen wir uns bewegen? Wie entsteht ein Weltbild, von dem wir uns wirklich leiten lassen? Warum globale Nachhaltigkeitsziele?
Vorwort von Dr. Günther Bachmann Das Wagnis der Hoffnung
Katastrophen gibt es leider viel zu viele. Bilder
von hungernden Kindern, überschwemmten Dörfern armer Menschen, von gewilderten Nashörnern und schmelzenden Gletschern gehören zur Nachrichten-Routine. Manch eine*r hat sich an solche Bilder schon längst gewöhnt. Vielleicht kann man auch gar nicht dauer-empört sein. Es gibt jedoch auch andere Haltungen, etwa jene, die gezielt ignorieren, abstreiten und sogar mit bewussten Fehlinformationen diffamieren. Solch gezieltes Nichtwissenwollen setzt eine Negativenergie voraus, die für die/den Einzelne*n ungesund und vor allem für den sozialen Zusammenhang schädlich ist. Oft führt das zu Missachtung und Selbstsucht, auf gesellschaftlicher Ebene zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
Nach gangbaren Auswegen zu suchen, sich für
(selbst auch kleinste) Verbesserungen einzusetzen, zuzuhören und beizustehen, an Alternativen mitzuwirken: Jeder und jede kann das. Wir bewegen unsere
Welt, indem wir uns bewegen. Weltbilder entstehen, indem wir die Welt verändern. Indem wir austesten, was möglich ist.
So entstehen Ziele, die für Menschen relevant
sind, weil sie sich darin wiederfinden. Mit den globalen
Nachhaltigkeitszielen,
im
Englischen
Sustainable Development Goals, haben sich alle Staaten der Welt auf solche Ziele geeinigt. Für viele Menschen haben sie eine sehr konkrete Bedeutung. Sie sind zum Beispiel nützlich, wenn es darum geht, das Vernichten von Lebensmitteln zu beenden oder Bildung für Frauen und Mädchen zu verlangen, wo ihnen dies bisher versagt wird. Wenn es um die Erhaltung von Naturressourcen oder um faire Löhne geht. Wo
Frieden
und
Rechtsstaatlichkeit
eingeklagt
werden müssen.
Das und vieles mehr ist erstmals und für alle Staa-
ten, egal ob im Norden oder Süden, ob reich oder arm, in siebzehn Zielen festgelegt worden. Das war nicht einfach. Wenn Politiker sich an teils sogar quantifizierten Zielen messen lassen müssen, so könnte man argwöhnen, dass sie die Ziele sehr weit in die Zukunft
»
Es geht um ein Leben in Würde für alle!
«
Wie Menschen sich für die Umwelt und gegen Armut, für das Zusammenleben und gegen die Hoffnungslosigkeit einsetzen, ist der entscheidende Faktor, hier wie überall.
legen und ihre Erreichung und das „Abrechnen“ ger-
nach Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Partnerschaf-
ne ihren Nachfolgern überlassen. Im Falle der Nach-
ten. Das ist gut und ein Fortschritt, weil es ganzheit-
haltigkeitsziele stimmt das jedoch nicht. Sie erfor-
lich gedacht ist.
dern das Handeln im Hier und Jetzt.
Es geht um ein Leben in Würde für alle, das die
Ziele brauchen, wenn man so will, ein achtzehntes.
Natur und die ökologischen Lebensgrundlagen des
Das SDG Nr. 18 gibt es „eigentlich“ nicht. Es ist prak-
Planeten erhält und es gibt nur diesen Einen Plane-
tischer, viel lebensnäher, viel zupackender als alles,
ten. Schon jetzt bewegen wir uns in vielerlei Hinsicht
was an Zielen und Indikatoren geschrieben steht. Es
auf sehr dünnem Eis, was die Belastbarkeitsgrenzen
geht um das Wagnis der Hoffnung.
angeht. Mit Besorgnis und nicht gerade aus Anerken-
nung oder gar zum Ruhm der Menschheit sprechen
Goals 1 bis 17 zusammen. Wie Menschen sich für die
wir bereits vom Anthropozän1. Aus dieser Erkenntnis
Umwelt und gegen Armut, für das Zusammenleben
heraus sind die Sustainable Development Goals als
und gegen die Hoffnungslosigkeit einsetzen, ist der
universell gültig vereinbart worden. Nur so war es
entscheidende Faktor, hier wie überall. Und ja, ich
wenige Monate später möglich, in Paris den Weltkli-
rede bewusst von Menschen und nicht von Stakehol-
magipfel erfolgreich abzuschließen. Erstmalig (auf
dern oder Akteuren, wie dies üblicherweise so gerne
dieser Ebene) verbinden diese Ziele die Armutsbe-
geschieht. Weil wir business-as-unusual brauchen.
kämpfung und den Umweltschutz mit Forderungen
Ob es reicht? Ganz sicherlich nicht. Die siebzehn
Das SDG Nr. 18 hält die Sustainable Development
Positive Hoffnung wird zum Faktor, der Zynismus und Furcht zurückweist.
Hoffnung ist immer gut. Denn die weltweiten geo-
politischen Rollbacks und die monströse Nicht-Nachhaltigkeit machen Hoffnung zu einem wichtigen Faktor für das Überleben. Und ja, angesichts von Unsicherheit und Nichtwissenkönnen wird positive Hoffnung zum Faktor, der Zynismus und Furcht zurückweist. Keine grundlose, abstrakte Hoffnung,
Prof. Dr. Günther Bachmann,
sondern diejenige, die sich in der Gemeinschaft
Generalsekretär Rat für Nachhaltige Entwicklung
bewährt, die Gruppen von Menschen zusammen-
www.nachhaltigkeitsrat.de
bringt und jedem/jeder die Sicherheit gibt, Teil von etwas Größerem zu sein. Angesichts der planetaren Grenzen für ein würdevolles Leben aller muss sie uns anleiten, Lösungen zu finden. Bei allem, sie bleibt ein Wagnis. Aber real sind Utopien immer dann, wenn sie über das Heute hinausgehen und dennoch den wirklichen Möglichkeiten und dem Handeln von Menschen verhaftet bleiben.
1
Der Wissenschaftler Paul Crutzen hat als Erster erkannt, dass der Mensch stärkster Treiber für die Zerstörung der Erde ist und nannte das Phänomen "Anthropozän".
Inhalt Die Frauen von Juchitàn (9) — Studiengang für den Frieden (16) — Schock! (22) — It’s me (33) — Die Zapatistas (39) — Namoussas Heimkehr (55) — The Peaceful Bamboo Family (63) — Teilen statt Tauschen (76) — Recycling in Togo (88) — Kreative Forschung (92) — Transition Towns (99) — Startups (110) — Selber machen! (122) — Kipok: Wir werden leben! (130) — Taste of Malawi (137) — Circo FantazzTico (145) — Flaschenwasser (152) — We are Ocean People (162)
SDG’s Die »Sustainable Development Goals« bezeichnen die Zielsetzung der Vereinten Nationen, die zur Sicherung globaler nachhaltiger Entwicklung auf sozialer, ökologischer, kultureller sowie ökonomischer Ebene dient. Diese Transformation der Welt ist auch die Hoffnung der Gestalter*innen dieses Ebooks!
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D i e F ra u e n
von Juchi
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Pa t r i a r c h a l e S t r
ukt u r e n s i n d h i e r f r e m d
Ju chi J
Ein Hahn kräht. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages
tauchen den Marktplatz Juchitáns in ein angenehmes Licht, der Morgentau auf dem Asphalt glitzert, eine Katze genießt die Wärme des Morgens auf einer der den Marktplatz umgebenden Bänke. Eine junge Frau eilt hastig über den Platz. Die Absätze ihrer Schuhe stimmen rhythmisch in den Tag ein. Es ist Wochenmarkt am Samstag, ein reges Treiben zu früher Stunde. Zelte werden aufgebaut, Tische gerückt, erste Interessierte schlendern über den Marktplatz. Die Händlerinnen sind in ihrem Element. Im Chor bewerben sie bunte Kleider, ausgefallene Ledertaschen und gefüllte Leckereien. Einige Frauen sind allein gekommen, andere haben sich zu einem Kollektiv für den Verkaufstag zusammengeschlossen. Jeder Verkauf wird im Notizheft notiert, der Umsatz regelmäßig kontrolliert. Man oder besser gesagt frau müsse schließlich den Überblick über die Geschäfte behalten, so eine der Händlerinnen. Männer sind nur wenige auf dem Marktplatz zu sehen, Frau hat hier eindeutig das Sagen.
10
Frausein einmal anders
Juchitán de Zaragoza, eher nur unter dem Na-
men Juchitán bekannt, ist eine kleine Stadt im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Mit seinen knapp 75.000, zum Großteil indigenen Einwoh-
Seinen Ursprung hat das Matriarchat Juchitáns wohl
ner*innen, ist sie die viertgrößte Stadt des Bundes-
in der Zeit der Zapoteken. In der Wirtschaft, die sich
staates. Als einer der wichtigsten Verkehrsknoten-
v.a. auf den Verkauf von Waren wie Obst und Gemüse,
punkte des Bundesstaates floriert die Wirtschaft,
Blumen, Schmuck und traditionellen Kleidern stützt,
es geht friedlich zu. Zunächst einmal ist der Stadt
geben die Frauen der Stadt den Ton an.
nichts Ungewöhnliches anzumerken.
Es gibt eine klare geschlechtliche Arbeitsteilung.
Doch im Gegensatz zu anderen Städten Mexikos
Männer beschaffen den Frauen in Funktion von
wird das soziale sowie ökonomische Miteinander von
Bauern, Fischern und Handwerkern Rohstoffe, die
Frauen geprägt. Quellen der Conquista, der Eroberer
dann von den Frauen verarbeitet, vermarktet und
Mittelamerikas belegen, dass bereits zur vorhispa-
verkauft werden.
nischen Zeit eine starke Repräsentanz von Frauen in
Die Einnahmen behalten die Frauen, sie verfü-
angesehenen politischen und religiösen Positionen in
gen damit nicht nur über eigenes Geld, sondern
dieser Region gegeben war.
entscheiden auch über die Nutzung des erwirtschafteten Gewinns. Traditionelle Rollenbilder von Mann und Frau werden strikt abgelehnt. Dem Mann wird somit nicht die klassische Ver-
11
sorgerrolle zugeteilt, die Frau ist nicht nur für Haushalt und Kinder zuständig. Der Machismus hat hier keine Chance. Auch in puncto Sexualität stehen die Bürger*innen der Stadt für alternative Konzepte ein. In Juchitán wird ein drittes Geschlecht in Form des ‚Muxes‘ oder der ‚Marimacha‘ anerkannt.
Alltäglicher Machismus in Mexiko
Verlässt man Juchi-
tán, findet man sich schnell inmitten patriarchaler wieder.
Strukturen
Auch
wenn
einige junge Einwohner*innen Juchitán für ein Studium im nahen Oaxaca der Stadt den Rücken kehren, kann sich der Großteil ein Leben im machistisch geprägten Mexiko nur schwer vorstellen. Machismus impliziert seiner Definition nach die Dominanz des Mannes und die bewusste Unterordnung der Frau – ein in Mexiko weit verbreitetes und gefürchtetes Konzept. Im Zuge dessen erfahren Frauen häufiger häusliche Gewalt, müssen sich unsittliche Kommentare auf der Straße gefallen lassen oder werden schlimmstenfalls Opfer eines sogenannten Feminizids. Dieser gilt als die wohl brutalste Form männlicher Machtdemonstration und beschreibt Frauenmorde, die von
Männern verübt werden und deren Motiv in einer extremen Geringschätzung oder Hass gegenüber Frauen liegt. Juchitán bietet Frauen, als Ausnahme von der machistischen Norm, Sicherheit vor sexualisierter Gewalt und wird somit auch immer öfter als Reiseziel oder Zufluchtsort wahrgenommen.
Gleichberechtigung der Geschlechter für eine globale nachhaltige Entwicklung
Als fünftes Ziel der Sustainable Development
Goals (SDGs) ist die Gleichberechtigung der Geschlechter fest in der Agenda 2030 verankert. Es bezieht sich auf die soziale Dimension der nachhaltigen Entwicklung und fokussiert die Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle Mädchen und Frauen. Darunter gefasst ist z.B. neben der Chancengleichheit auch die freie Entscheidungsfreiheit beider Geschlechter. Doch jeder Plan ist nur so gut wie seine Umsetzung. Ist das Verbot geschlechterspezifischer Diskriminierung zwar in der Verfassung Mexikos festgeschrieben, wird es im öffentlichen Raum dennoch oftmals missachtet. Die gemeinnützige Organisation Observatorio Ciudadano Nacional del Feminicido (OCNF), die seit dem Jahr 2007 sexualisierte Gewalt in 19 der 32
13
Bundesstaaten untersucht, weist auf eine dramatische Zunahme von Feminiziden im gesamten Land hin.
Juchitán als Vorbild für den Wandel?
Die Marimacha bildet das weibliche Gegenstück zum
Muxe. Der Muxe wird von der Gemeinschaft als besonders fleißig angesehen und genießt deshalb ein hohes Ansehen. Er kann verheiratet sein und Kinder haben, sein Geliebter wird als heterosexueller Mann angesehen. Gleichberechtigung fordert stets einen radikalen Umbruch, einen Ausbruch aus der Gewohnheit, einen Neuanfang. Das alternative Gesellschaftsmodell in Juchitán stellt
In Juchitán jedoch ist dies anders. Aber kann
einen solchen Umbruch dar.
die Stadt damit als Vorbild für den Wandel patriarchaler Gesellschaften herangezogen werden oder ist auch das Leben im Matriarchat kritisch zu hinterfragen? Auf den ersten Blick scheint es fast, als würde in Juchitán ein umgekehrtes Machtverhältnis zwischen Mann und Frau gelebt werden, in dem der Mann der Frau untergeordnet ist, befohlene Arbeit verrichtet und nicht in wichtige Entscheidungen sozialer und ökonomischer Tragweite involviert ist.
Auf den zweiten Blick jedoch bieten sich auch dem
Mann im Matriarchat Juchitáns mehr Möglichkeiten
Fortwährender Kampf für Geschlechtergleichheit
der persönlichen Entfaltung als im machistisch geprägten Mexiko. Werden Homo-, Bi- oder Transsexu-
Mexiko ist kein fernes Beispiel für das Fort-
alität in weiten Teilen des Landes stark diskriminiert,
bestehen patriarchaler Gesellschaften. Auch in
sind sie in Juchitán von der Gesellschaft anerkannt. Als
Deutschland existieren eben genannte Struktu-
sogenannter Muxe, einer Art dritten Geschlechts, kön-
ren. Es ist weiterhin keine Lohngleichheit für
nen Männer ihre Sexualität frei und akzeptiert ausleben.
Männer und Frauen bei gleicher Arbeit vorhan-
14
den, in Werbekatalogen werden klassische Rollenbilder vermittelt und Frauen werden auf ihr
Aussehen reduziert. Der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit muss sowohl in der Politik als auch im kleinen Rahmen, wie beispielsweise dem Freundeskreis und der Familie, fortgeführt werden. Und warum sollten bei diesen Diskussionen nicht die Frauen von Juchitán erwähnt werden? Ihre Stadt ist etwas ganz Besonderes, dem sind sie sich jedenfalls bewusst.
Jil Holtbernd zog es nach ihrem Politik- und Recht-Studium 2016 für ein Jahr nach Mexiko. Neben ihrer Arbeit bei der UNESCONationalkommission in Mexiko-Stadt, nutzte sie jede freie Minute um zu reisen, spannende Menschen und Projekte kennenzulernen. Besonders faszinierten Jil die Frauen von Juchitán aus dem Bundesstaat Oaxaca mit ihrer Idee einer matriarchalen Gesellschaft als alternativem Lebenskonzept.
15
Ein innovativer Studiengang für den Frieden: Thilko Gläßgen studierte im Wintersemester 2016/17 in Yaoundé. Ein afrikanisches Land aus der Studierenden-Perspektive kennen zu lernen, war seit seinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Ghana sein großer Traum. Als Kenner europäischer und afrikanischer Kulturen möchte Thilko dazu beitragen, dass die westlichen Medien ausgewogener über afrikanische Themen berichten.
„Mitarbeiten für den Frieden und für die Entwicklung in Kamerun“, so beschreibt ein Student der Universität, warum er sich trotz schwieriger politischer Bedingungen für den Studiengang Friedensjournalismus entschieden hat.
Laut Reporter ohne Gren-
kritische Berichte über
gen einen journalistischen
Universität Zentralafrika
zen verfüge Kamerun zwar
Armee, über Korruption
Studiengang zu installie-
(UPAC) in Yaoundé nahm
über „vielfältige und frei-
und
Sezessionsbestre-
ren? Alles andere als ein-
die ersten Studierenden
mütige (…) Medien“, aber
bungen.“ Alles in allem
fach – doch in Kameruns
in der Disziplin des Frie-
die Regierung „versucht
nur Platz 130 von 180 Län-
Hauptstadt Yaoundé war
densjournalismus auf.
(…) massiv, die Medien
dern in der aktuellen Rang-
es pünktlich zum Win-
unter Druck zu setzen.
liste
Pressefreiheit
tersemester 2016/17 so-
Unerwünscht sind etwa
von 2017. Gute Bedingun-
weit. Die Protestantische
der
17
Die Idee des Friedensjournalismus
Im Friedensjournalismus nach dem Konzept von Johan Galtung1 werden bessere Kenntnisse in Friedens- und Konfliktforschung vorausgesetzt. Der Fokus soll nicht auf dem Konflikt liegen, sondern auf seiner möglichen Entwicklung und den Perspektiven einer Lösung. Insbesondere Friedensinitiativen sollen mehr Platz eingeräumt werden. Denn gerade im Krisenfall stifte eine sensationslüsterne Berichterstattung die Konfliktparteien oft zu noch mehr Gewalt
an.
Friedensjournalismus
möchte ausgeglichener und fairer berichten. Journalist*innen sollen die Macht und die Konsequenzen ihrer Berichterstattung klar sein: „In Ruanda konnte die ganze Welt sehen, welche Macht von einem kleinen
Radiosender
ausgeht.“
1994 hatte der Radiosender Mille Collines die Hutu auf die Tutsi gehetzt und sie aufgeputscht die Tutsi möglichst grausam zu ermorden.
18
1
Johan Galtung (*1930 in Norwegen) gilt aus Gründer der Friedensforschung. Bereits 1959 gründete er in Oslo das erste Friedensforschungsinstitut der Welt: Peace Research Institute Oslo. Er entwickelte die Transcend Methode, die zur friedlichen Konfliktlösung beitragen soll. Er ist Träger von neun Ehrendoktortiteln, des Gandhi Preises sowie des alternativen Nobelpreises.
Ein Rückkehrer Sieben Sprachen spricht Prof. Dr. Célestin Tagou. Neben drei europäischen beherrscht er auch vier afrikanische. Da in Kamerun sowohl englisch als auch französisch offizielle Amtssprachen sind, kann sich Tagou mit fast jedem*r Kameruner*in unterhalten. Hinzu kommt deutsch, denn Tagou studierte in Frankfurt und Berlin, entschied sich dann aber in seine kamerunische Heimat zurückzukehren, um dort zu lehren. An der Protestantischen Universität Zentralafrikas in Yaoundé installierte er als Dekan zunächst den Studiengang Frieden und Entwicklung und schließlich kam noch Friedensjournalismus hinzu. Besonders dieses Projekt liegt ihm am Herzen, denn: „Journalisten können Konflikte verschärfen, aber eben auch 2
Der Mediator vermittelt mit Gesprächen zwischen den Parteien und versucht Kompromisse zu finden, die für beide Parteien annehmbar sind.
entschärfen.“ Der Brückenbauer Tagou kombiniert hier zwei Aspekte miteinander: seine persönlichen Erfahrungen aus dem heimatlichen kamerunischen Dorf, wo Konflikte seit jeher durch Gespräche, die von einem zuvor bestimmten und v.a. unabhängigen Mediator2 gewaltfrei gelöst werden mit seinen umfangreichen Studienerfahrungen der
19
Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland.
Bereits 1978 verabschiedete die UNESCO eine Mediendeklaration, in der sie ein bis dato unbekanntes Potenzial der Medien
Argumente statt Fäuste
beschrieb:
„Massenmedien
haben einen wichtigen Anteil an der Stärkung von Frieden, der internationalen Verständigung und an der Bekämpfung von Rassismus, Apartheid und Kriegshetze.“ Auch für Tagou steht
fest: „Wer Frieden will, der muss sich für Frieden engagieren und nicht in seine Verteidigung investieren.“ Wenn Medien friedliche Konfliktlösungen realistisch aufzeigen und Friedensinitiativen mehr Platz in ihrer Berichterstattung einräumen würden, würden demnach auch mehr Menschen friedensorientierter handeln und sich den Initiativen möglicherweise sogar anschließen? Bessere Argumente statt Fäuste, um der Gewalt in Konflikten keine Plattform zu geben. Doch insbesondere im kamerunischen Journalismus muss sich noch viel ändern. Das Land hat aufgrund seiner Kolonialgeschichte zwei Amtssprachen, während etwa 80% französischsprachig sind, sprechen die übrigen 20% englisch. Die Englischsprachigen werden jedoch staatlich diskriminiert, sie haben kaum Chancen Beamte zu werden. Anfang des Jahres kam es daher in den beiden englischsprachigen Regionen vermehrt zu Demonstrationen für mehr Gleichberechtigung, daraufhin rief ein ‚Journalist‘ in einer TV-Reportage zur Dératisation (frz. Rattenbekämpfung) auf.
20
Dabei verliefen die Demonstrationen bis dato vollkommen
gewaltfrei. Statt den Konflikt friedlich zu lösen, entschied sich die Regierung ein Exempel zu statuieren und ging mit großer Gewalt gegen die Demonstrierenden vor. Nun ist es zwar erst mal wieder ruhig, doch befriedigend
Mahnende Beispiele für die Studierenden
gelöst wurde der Konflikt für viele Kameruner*innen nicht. Das Mantra der Friedensjournalist*innen ist ihre Unvoreingenommenheit. In den Seminaren lernen sie, was es mit konfliktfreier Kommunikation auf sich hat und dass sich Konflikte – je nachdem wie in den Medien über sie berichtet wird – auch anders entwickeln: weniger oder eben mehr gewalttätig. Das beginnt schon bei der Wortwahl: z.B. ist das Indefinitpronomen man, welches Aussagen für die Rezipient*innen verallgemeinernd und verschleiernd darstellt, im Friedensjournalismus tabu. Oder: Wurde versäumt sachgerechte Informationen zu geben? Das würde implizieren, dass nachlässig gehandelt wurde oder wurden einfach keine Informationen gegeben, stattdessen aber Wertungen des Autors, der Autorin? Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die Darstellung von Gewalt in den Medien. So wird in vielen Medien Gewalt besonders lüstern oder drastisch dargestellt, was die Konfliktparteien zu neuerlicher Gewalt anstachelt. Gerade das 16. der SDG's
zeigt, welch wichtiger Beitrag vom Journalismus für eine friedliche Gesellschaft ausgehen kann.
Friedensjournalismus
Insbesondere mehr Transparenz und ein genereller Zugang zu Informationen stehen nämlich
in Johan Galtungs Bi-
bei SDG's wie auch beim Friedensjournalismus ganz oben auf der Tagesordnung. Dekan Tagou
bliographie oder bei
hofft, dass sich in 20 Jahren eine positive Entwicklung feststellen lässt. Ich, der ein Semester
conflict&communica-
als Gaststudent an der UPAC verbracht hat, bin überzeugt, dass schon unsere junge Generation
tion online
für eine gerechtere, nachhaltigere Welt arbeiten kann – wozu Friedensjournalismus ein wertvolles Werkzeug ist.
21
Zum ersten Mal bin ich Leo auf Zehenspitzen
begegnet – wir befanden uns auf einem Korallen-
Zu den Protesten der Student*innen in Brasilien
riff in Maracaipe, einem Strand in der Nähe von Recife im Nordosten Brasiliens. Ich studierte dort für zwei Semester an der Universidade Federal de Pernambuco; er nahm sich eine Auszeit von seinem Studium in Rio de Janeiro. Wir balancierten zwischen den scharfen Felsen und bald bewegte sich unsere Unterhaltung über die Seesterne hin zu politischen Themen. Darf ich vorstellen: Leonardo da Silva dos Santos, heute 25 Jahre,
Insa Olshausen lernte während ihres Studiums in Brasilien
aufgrund seines fußballerischen Talents genannt:
(2014/15) den Begriff ‚brazilianization‘ mit Inhalt zu füllen, den
Choque (ja genau, das bedeutet ‚Schock‘). Ehe-
Soziolog*innen weltweit benutzen, um Dynamiken extremer
maliger Aktivist in der studentischen Vertretung
sozialer Ungleichheit zu beschreiben. Wichtiger ist es ihr aller-
des Unisports, der Atletica an der Universidade
dings, von den starken sozialen Bewegungen zu berichten, die sie kennengelernt hat und von den inspirierenden Menschen, die sich dort engagieren.
22
Federal do Rio de Janeiro. Aktuell frisch gewählter Präsident der studentischen Vertretung seiner Fachschaft an der Universidade Federal do Semi-Arido in Mossoró im Bundestaat Rio Grande do Norte, wo er Forstwissenschaft studiert. Als ich wieder in Deutschland
„ A situacao aqui tà muito mal “
war, setzten wir unsere Gespräche über Skype fort. Und ich musste miterleben, wie
sich
Choques
Unbeschwertheit
Stück für Stück in Sorge verwandelte,
allerdings von den mas-
bis er beinahe jedes Gespräch mit den
siven Protesten der Be-
Worten „A situacao aqui tá muito mal“
völkerung, von denen mir
– „Es sieht schlecht aus hier“ begann.
Choque
In den konventionellen Zeitungen las
besondere von den Pro-
ich von der Gefährdung der noch jungen
testen der Student*innen,
Ich wollte aber auch
Demokratie in Brasilien, den Korrupti-
den zahlreichen besetzten
unbedingt etwas tun, um
onsvorwürfen auf beiden politischen
Universitäten im ganzen
meine
Seiten, der neoliberalen Ausrichtung
Land, den Ausschreitun-
Ausdruck zu bringen. So
des neuen Regimes. Nichts las ich
gen der Polizei gegen die
entstand in einem unse-
Demonstrierenden.
rer Skype Gespräche die
berichtete,
ins-
Ich
fühlte mich hilflos.
Solidarität
zum
Idee zu einem Interview – um zumindest einer Stimme der Proteste hier in Deutschland,
Gehör
zu
verschaffen. Info-Link zur Diktatur
23
Wie würdest du die momentane Situation in Brasilien beschreiben?
Unter dem 2002 zum Präsi-
„In Brasilien fand vor kurzem ein parlamentarischer
Politischer Hintergrund
Putsch statt, der breite Un-
Brasilien ist eine noch relativ junge Demokratie; das Vermächtnis der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 lebt in autoritären Strukturen fort.
terstützung von den konservativen Parteien und den Medien erhielt. Seitdem ist
denten gewählten Gewerkschafter Lula kam zum ersten Mal wieder ein linker Politiker an die Macht, der zahlreiche soziale Re-
ein autoritäres Regime an
formen durchführte. 2011
der Macht, das die Rechte
wurde Dilma Rousseff zur
der Arbeiter*innen Stück für Stück einschränkt.
Präsidentin gewählt. Sie
Die Rechte der Arbeitnehmer*innen wurden
gilt als Nachfolgerin des
seit 1940 in der Ära Vargas garantiert. Nun
Präsidenten Lulas und ge-
sollen die Ausgaben für Bildung und Gesund-
hört wie er der Arbeiter-
heit für die nächsten 20 Jahre gestoppt wer-
partei (Partido dos Trabalhadors-PT) an. Im August
den. Das Renteneintrittsalter soll um 10 Jahre
2016 wurde sie durch ein Impeachment Verfahren
erhöht werden. Deshalb befindet sich das
abgesetzt und ihr ehemaliger Vizepräsident Michel
Land seit dem Putsch in einem Zustand extre-
Temer übernahm die Macht. Ob es sich dabei um ei-
mer Instabilität und gewaltsamer Proteste.“
nen Putsch handelte, ist umstritten. Die Verfassung gibt die Möglichkeit eines solchen Verfahrens, wenn
[Die Ära Vargas wird die Zeit genannt, in der der brasilianische Präsident Getúlio Vargas im Amt war. Vargas hatte sich stark für die Rechte der Arbeiter*innen eingesetzt, Anm. der Autorin]
„erhebliche Verbrechen“ vorliegen; im Falle Dilmas handelte es sich bei den Vorwürfen jedoch lediglich um durchaus übliche Haushaltstricks. Umso brisanLinks zum Thema:
ter erscheint der Fall, dass über die Hälfte der Regie-
Gesundheit
rungsmitglieder und auch Temer selbst der Korrupti-
Rentenreform
on angeklagt sind. Sicher ist, dass Temer
Arbeit
seit dem Machtwechsel einen konserva-
Sparpaket
tiven und strikt neoliberalen Kurs fährt.
24
Wie würdest du die Situation an den brasilianischen Universitäten beschreiben?
im Land, die früher fester
scheint die Sache, wenn
Bestandteil des Studiums
man erfährt, dass die Privat-
waren, sind nicht mehr um-
schulen diese Reform nicht
setzbar, weil die Zuschüs-
umsetzen werden. Daher
„In den letzten Jahren gab
se für den Sprit der Busse
werden in Zukunft immer
es viele Verbesserungen an
gestrichen wurden. Die
weniger Schüler*innen von
den Unis, z.B. wurden die
Sekundärschulen wurden
öffentlichen Schulen eine
Anzahl der Studienplätze,
reformiert, angeblich, um
Chance haben, an den Uni-
die investierten Gelder er-
die Schüler*innen besser
versitäten aufgenommen zu
höht und die soziale Inklu-
auf den Arbeitsmarkt vor-
werden, die aufgrund der
sion gefördert. Diese Fort-
zubereiten. Dabei wurde
schlechteren Qualität der
schritte werden durch die
der Unterricht von Kunst,
öffentlichen Schulen bei den
Maßnahmen der Regierung
Geschichte, Soziologie, Phi-
Aufnahmeprüfungen oh-
jetzt zunichte gemacht. Die
losophie und Sport gestri-
nehin schon benachteiligt
Vergabe von Studiensti-
chen. Ich denke, dass diese
sind.“
pendien wurde drastisch
Maßnahme fatal ist, weil
gekürzt. Die Stipendien für
die Schüler*innen dadurch
Auslandsaufenthalte wur-
nicht mehr auf ein Studium,
den komplett gestrichen.
sondern nur für einfache
Die akademischen Reisen
Arbeitsplätze vorbereitet
zu verschiedenen Orten
werden. Noch absurder er-
25
Welche Konsequenzen haben die Kürzungen für Student*innen aus armen Verhältnissen? „Sie müssen entweder ihr Studium aufgeben oder arbeiten, obwohl sie ein Vollzeitstudium machen. Und die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird mit jedem Tag schlimmer, wir haben schon jetzt mehr als 14 Millionen Arbeitslose. [Das sind laut TradingEconomics 13,6% der Bevölkerung, Anm. der Autorin] In meinem Studiengang z.B. haben wir mit 25 Personen angefangen und jetzt sind wir nur noch 12. Die anderen mussten ihr Studium aufgeben, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten.“
Bildungssystem in Brasilien
Auch das Bildungssystem in Brasilien ist von Ungleichheit geprägt. Es gibt eine Analphabetenrate von 12,4% (siehe Welt in Zahlen). In den letzten Jahren wurden beispielsweise durch die Bolsa Família, eine Grundsicherung für arme Familien, deren Auszahlung an die Bedingung des Schulbesuchs der Kinder geknüpft ist, erhebliche Verbesserungen erreicht. Die Qualität der öffentlichen Schulen gilt als schlecht, die der Universitäten hingegen als gut. Daraus ergibt sich die ungerechte Situation, dass die Schüler*innen aus Elternhäusern, die sich eine private Schule leisten können, deutliche Vorteile beim Zugang zu den Universitäten haben. Um Chancengleichheit zu fördern, wurden unter Dilma Quoten eingeführt, die festlegen, dass die Hälfte der Studienplätze an Schüler*innen von öffentlichen Schulen vergeben werden, eine Maßnahme, die unter der Regierung Temers nun wieder zur Debatte steht.
Links zum Thema: Bildung Ungleichheit
26
Wie haben die Student*innen auf diese Veränderungen reagiert?
„Die Student*innen sind gemeinsam mit den Gewerkschaften die am besten infor-
Deshalb hatten diese leider nicht die
mierte und politisch aktivste
Reichweite, die wir uns gewünscht haben.
gesellschaftliche Gruppe. Sie
Trotzdem waren die Besetzungen, als An-
organisieren seit dem Putsch
fang des studentischen Widerstands gegen
Proteste im ganzen Land und
die Regierung, wichtig.“
in der Hauptstadt Brasília, um die Bevölkerung auf die Ereignisse aufmerksam zu machen. Die Informationen erreichen allerdings nicht die breite Masse der Menschen, weil die großen Medien auf der Seite der höheren Klassen stehen. An vielen Unis kann man die Folgen der momentanen Politik direkt sehen, z.B. an den heruntergekommenen Gebäuden und an der fehlenden Beleuchtung. 2016, direkt nach dem Putsch, gab es eine Bewegung, bei der viele Schulen und Unis im ganzen Land besetzt wurden (das war tatsächlich die bisher größte studentische Besetzungsaktion der Welt!), um gegen die von der Regierung aufgezwungenen Reformen zu protestieren. Diese Aktion wurde von den großen Medien allerdings weitestgehend ignoriert und die Proteste ließen bald wieder nach.
27
Was hat sich für dich seit dem Regierungswechsel verändert? Inwiefern betreffen dich die aktuellen Ereignisse persönlich?
Was sind die Probleme und Herausforderungen der Student*innen in Brasilien? „Ich habe mein Stipendium verloren und bin seitdem wieder auf die Unterstützung von meinem Vater,
„Die fehlende Unterstützung der Regierung ist
der in Rente ist, angewiesen.
ein Riesenproblem. Die größte Herausforde-
Außerdem nehme ich seit dem
rung ist es, der Bevölkerung bewusst zu machen,
Putsch an Protesten teil und ver-
auf welche soziale Katastrophe wir unter dieser
suche immer mehr bei Leuten ein Bewusstsein für die aktuelle
Regierung zusteuern. Auch der Rest der Welt
politische Situation zu schaffen. Ich denke, dass die Ungleich-
scheint nicht zu wissen, was momentan wirklich
heit in der Bevölkerung und die
in Brasilien passiert. Das größte Hindernis ist mit
Vorurteile gegenüber benachteilig-
Sicherheit die Manipulationsmacht der Medien,
ten Gruppen wie den Armen, v.a.
GesellschaftsstrukturBrasiliens
der schwarzen Bevölkerung, den
Brasilien ist ein Land extremer sozialer Ungleichheit. Ressourcen sind im Besitz einer kleinen Minderheit, die Mehrheit der Menschen lebt in Armut. Geschichtlich sind die Besitzverhältnisse geprägt durch die Aufteilung der Bevölkerung in Großgrundbesitzer einerseits und Sklaven oder Leibeigene andererseits. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei und der Entstehung einer kleinen Mittelschicht reproduziert sich die ungleiche Verteilung des Besitzes bis heute.
Homosexuellen und Frauen zunehmen. Ich bin angewidert und verunsichert von den Ereignissen. Angewidert, weil eine Gruppe extrem korrupter Politiker*innen auf eine völlig undemokratische Weise die Macht übernommen hat und verunsichert, weil ich nicht weiß, welchen realen Einfluss die Bevölkerung in dieser Situation überhaupt hat.“
besonders der ‚Rede Globo‘ als größte Informationsplattform Brasiliens. Wir Studierende brauchen die finanzielle Unterstützung der Regierung. Momentan werden gerade mal die bestehenden Schulen und Unis aufrechterhalten. Es sind aber enorme Veränderungen notwendig, um eine gerechtere Gesellschaft aufLinks zum Thema:
zubauen, in der die extreme
Korruption
Chancenungleichheit abge-
Korruptions-
baut wird. Dafür
verfahren Temer
setzen wir uns ein.“
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Kannst du ein bisschen von deiner eigenen Familiengeschichte erzählen?
„Ich komme aus einer Familie, die eine ziemlich starke politische Geschichte hat. Meine Eltern sind etwas unwissend, weil sie aus einfachen Verhältnissen stammen und keinen Zugang zu einer Universität hatten. Ich habe aber einen Onkel und eine Tante, die mich sehr inspirieren. Mein Onkel heißt Joel Rufino und war ein bekannter Historiker, Professor und Schriftsteller. Er hat viel dazu beigetragen, die Forschung zu den afrikanischen Einflüssen im Land voranzubringen. Während der Militärdiktatur von 1964 wurde er verfolgt und ging ins Exil. Er lebte einige Zeit in Bolivien und wurde festgenommen, als er 1973 nach Brasilien zurückgekehrte. Meine Tante Lilia ist Literaturwissenschaftlerin. Auch sie war eine Widerstandskämpferin gegen die Diktatur. Von 1964 bis 1968 war sie im Movimento Secundarista (der Widerstandsbewegung der Sekundärschulen) involviert. Während ihrer Studienzeit hat sie sich im Movimento Revolucionário 8 de Outubro (MR8) engagiert. Der MR8 war eine kommunistische Organisation, die an dem bewaffneten Kampf gegen die Militärdiktatur teilgenommen hat. Ihr hauptsächliches Ziel war der Kampf gegen die Unterdrückung der Diktatur und die Gründung eines sozialistischen Staates. Sie war außerdem an der Gründung der DCE der Universität ‚Santa Úrsula‘ beteiligt. Später wurde meine Tante Kulturdirektorin des Akademischen Zentrums für Literaturwissenschaft. Darüber hinaus hat sie sich bei verschiedenen Zusammenschlüssen von Gemeinden in Rio de Janeiro engagiert und beispielsweise den Verband der Favelabewohner*innen mit gegründet (Federacao de Favelas do Rio de Janeiro FAFERJ). Sie hat immer klar zu ihren Idealen gestanden und durch sie habe ich meine Leidenschaft für Politik entdeckt.“
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Was war dein eigener erster politischer Erfolg?
„Das war an der Uni, noch in
„Das war im Dezember 2016 in Brasília, wo wir gegen die Entscheidung
Rio. Es gab eine studentische
der Regierung protestiert haben, die öffentlichen Ausgaben für die nächs-
Gruppe, die für den Unisport,
ten 20 Jahre einzufrieren. Wir sind aus Rio de Janeiro angereist und in dem
der Atletica, zuständig war.
Gebäude einer Fachschule untergekommen. Als die Polizei mitbekam, dass
Sie waren jedoch in die Unterschlagung von öffentlichen Geldern verwickelt. Außerdem waren sie schon seit über 5 Jahren an der
Wann warst du das letzte Mal bei einem Protest dabei? Wo fand er statt? Und wie lief er ab?
wir da waren, kamen sie sieben Mal, um unser Gepäck zu durchsuchen. Als wir uns auf den Weg zur Demo gemacht haben, haben sie unseren Bus für eine weitere Durchsuchung gestoppt. Dazu haben sie uns zu einer verlassenen Straße gebracht und die
Leitung, ohne dass es Wahlen oder eine Form von Wechsel gegeben hätte, total undemo-
Gesichter von uns allen gefilmt. Außerdem haben sie alle Schwarzen von
kratisch. Ein Freund von mir hat im Rektorat gear-
uns gezwungen sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und nochmal ex-
beitet und eine Ausgabe von 200 Millonen Reais (50
tra durchsucht. Dann bei der Demo haben wir es zwar geschafft, eine Zeit
Millonen Euro) entdeckt, die für Lebensmittel für die
auf den Straßen zu bleiben und die Stadt für einige Stunden zu blockieren.
Student*innen in der Atletica sein sollten. Diese Le-
Die Medien haben allerdings nicht berichtet, dass 50.000 Student*innen auf der Straße waren und deshalb hat-
bensmittel sind allerdings nie bei den Sportler*innen angekommen. Wir haben die Belege für diese Ausgabe aufgetrieben und die Information unter den Student*innen und Professor*innen verbreitet. Das hat eine Revolte ausgelöst und das Rektorat war gezwungen, eine Untersuchung des Betrugs einzuleiten und die Verantwortlichen zu bestrafen. Wir haben den Vorstand der Atletica übernommen, um den Bereich wieder gerecht und demokratisch zu gestalten, indem wir u.a. Neuwahlen veranstaltet haben. Heute geht die Atletica als gutes Beispiel für alle Bereiche der Uni voran.“
Medienlandschaft
Reporter ohne Grenzen schreibt: Medienkonzentration und politische Einflussnahme behindern in Brasilien auch fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktatur (1985) noch immer einen unabhängigen Journalismus. Links: www.reporter-ohne-grenzen.de www.medico.de www.tagesspiegel.de
ten die Proteste nicht die Wirkung, die wir uns gewünscht haben. Es ist aus verschiedenen Gründen gefährlich sich bei den Protesten zu engagieren: Die Brutalität der Polizei, die besonders gegen schwarze Demonstrierende viele Vorurteile hat. Bei den letzten Protesten ist die Gewalt immer weiter eskaliert bis hin zum Einsatz von Schusswaffen auf Seiten der Polizei.“
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Wann wird die nächste Aktion stattfinden, an der du teilnimmst? Wo wird die sein? Und was ist geplant?
„Ich möchte unbedingt bei der geplanten Aktion in Brasília dabei sein, an dem Tag der Abstimmung
Ich bin für den Rücktritt der aktuellen Regierung und Neuwahlen.
der Abgeordneten für die Reform der
Sozialhilfe. Da soll über die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre entschieden werden. Ich weiß aber nicht, ob ich das Geld habe, hinzufahren. Deshalb hoffe ich sehr, dass es eine Mobilisierung der Gewerkschaften geben wird, damit ich an diesem Tag dabei sein kann, der für die Zukunft unseres Landes so wichtig ist.“
Was sind deine Ziele im Protest gegen die Regierung?
„Im Moment sind die Ziele der Rücktritt der aktuellen Regierung und Neuwahlen. Ich bin für die Wiederwahl
des Ex-Präsidenten Lula und die Einschränkung der Macht der Rede Globo. Außerdem brauchen wir eine schnelle Agrarreform und den kontinuierliche Abbau der extremen sozialen Ungleichheit und Bildungsungerechtigkeit im Land.“
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Außer deinem politischen Engagement – was sind deine ganz persönlichen Ziele?
Ich möchte unbedingt bei der geplanten Aktion in Brasília dabei sein.
„Ich möchte so schnell wie möglich meine Ausbildung abschließen und dann im Umweltbereich arbeiten. Ich würde gerne Lateinamerika und Europa bereisen, so viel Wissen wie möglich sammeln und das in Brasilien weitergeben.“
Wenn du die Möglichkeit hättest, allen Brasilianer*innen etwas mitzuteilen, was wäre deine Botschaft?
„Ich würde ihnen sagen, dass sie sich über verschiedene Wege informieren sollten, nicht nur über die konventionellen Medien, damit sie einen wirklichen Überblick über die politische
Situation bekommen. Außerdem wünsche ich mir, dass sie an ihr Recht auf Mitbestimmung glauben und dafür kämpfen, an den politischen Entscheidungen teilzuhaben.“
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It’s me: Gleichgeschlecht liche Chancen
Was bedeutet es, als lesbische Lehrerin oder
schwuler Lehrer an einer Schule zu unterrichten? Was bedeutet es, als lesbisches Mädchen oder schwuler Junge in die Schule zu gehen? Was bedeutet es, für lesbische Mütter und schwule Väter, was für die Jugendlichen selbst, wenn Kinder homosexueller Eltern in die Schule gehen? All dies sind wichtige und so unterschiedliche Komponenten von Homosexualität in der Schulwelt, dass die Reaktionen und Erfahrungen ebenso verschieden sind. Zudem kommt es auch stark auf den Ort und den Zeitraum an. Betrachtet werden sollen in diesem Artikel homosexuelle Erfahrungen und Gedanken, die in Gymnasien in Deutschland aktuell bedeutsam sind.
Denise Reubert Studentin, engagiert sich bei der Freiwilligenorganisation SCI (Service Civil International) – Deutscher Zweig für weltweite Friedensarbeit. Ihre Selbstfindungsphase mit dem Ergebnis der eigenen Homosexualität liegt noch nicht lange zurück, seither sind sexuelle Identität und Gender ein bedeutendes Themenfeld für sie.
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Eine homosexuelle Lehrerin gewährt Einblick
Ich finde Frauen sexuell
platz, an dem ich eine professionelle Nähe zu den
anziehend. Kurz gesagt: Ich bin
dort agierenden Menschen aufbaue, vorhandene
lesbisch. Ja, das ist eine zutref-
Grenzen jedoch bewusst nicht überschreite. Des-
fende Aussage. Doch ich bin eben
halb bringe ich gerne das Thema sexuelle Vielfalt,
auch Lehrerin. Als solche habe
das Homosexualität genauso beinhaltet wie alle
ich eine gewisse Verantwortung
anderen sexuellen Lebensweisen, in den Unter-
meinen Kolleg*innen und in ers-
richt, ziehe aber eine klare Grenze zwischen der
ter Linie den Schüler*innen ge-
wertevermittelnden Lehrperson und der persön-
genüber. Ihnen Werte wie sexuel-
lich eingebundenen Lesbe.
le Vielfalt zu vermitteln ist nicht
Ich habe jetzt schon an mehreren Gymnasien ge-
nur sinnvoll, sondern in einer he-
arbeitet und doch immer wieder festgestellt, dass es
teronormen Gesellschaft
überall Unterschiede gibt. Sei es das Outing oder die
auch
nahelie-
Homophobie betreffend. Leider bekomme ich immer
gend, damit ein vollkommen weltoffenes, alle
wieder mit, wie es manchmal zu einem homophoben
sexuellen Lebensentwürfe tolerierendes Ge-
Sprachgebrauch kommt. Das Wort ‚schwul‘ hat in der ak-
sellschaftssystem ohne jegliche Hetero- oder
tuellen Jugendsprache wieder eine teilweise beleidigen-
Homonormalität keine Utopie mehr bleibt.
de Ausprägung bekommen. So manches Mal merke ich,
Dafür muss ich nicht meine eigene persön-
wie Schüler*innen es aber auch benutzen, ohne damit
liche sexuelle Vorliebe auf eine Ebene brin-
die dahinterstehende Diskriminierung einer Minderheit
gen, die sich mit der Lehrerrolle nur schwer
wahrzunehmen. So verwenden sie es beispielsweise
vereinbaren lässt. Hier unterscheide ich stark
auch, um ein Buch, das ihnen nicht gefällt, als langwei-
zwischen Privatperson und öffentlicher Per-
lig und abwertend zu betiteln. Die Frage, die man sich
son. Natürlich bin ich auf der Straße sichtbar
da stellen kann: Greife ich nun ein und halte eine Leh-
und Schüler*innen wie Kolleg*innen können
rerstandpauke? Oder überhöre ich das ausnahmsweise
mich dort beispielsweise auf den Christo-
mal? Tatsächlich ist es gar nicht so einfach wegzuhören,
pher-Street-Day-Paraden mit meiner Freundin
denn es ist ein mir persön lich wichtiges The-
antreffen. Aber die Schule ist mein Arbeits-
ma, v.a. für meine Gesellschaftsvorstellung.
geradezu
34
Doch jedes Mal einzugreifen ist auch nicht immer leicht, weshalb ich situationsabhängig entscheide, wie ich reagiere. Von „Manchmal spreche ich die Schüler*innen höchstpersönlich an“ über „Dann gebe ich mal einen Spruch zum Besten“ bis hin zu „Ich bleibe gelassen und tue nichts“ ist alles einmal
Du bist schwul — Das ist schwul — Du Opfa — Deine Höllenfahrt
dabei. Wie sichtbar Homosexualität an Schulen wird, ist in meinen Augen stark daran gebunden, dass ich in der Funktion als Lehrer*in, Koordina-
Probleme hab’n. Doch haste
tor*in oder Schulleiter*in ernstgenommen werde. Als
erst mal gecheckt, dass die
Privatperson möchte ich nur sofern wahrgenommen
die Probleme hab’n, biste
werden, dass ich in privaten Gesprächen im Lehrer-
Du weißt ja gar nich, wie
denen 1000 Schritte vor-
zimmer und auch im Klassenzimmer selbst entschei-
hart das Leben sein kann.
aus. Was für’n scheiß Leben,
den kann, wie viel ich von meiner Person preisgebe.
Erstmal wächste in ’ner
wenn de nicht mal jeden
Geht von den Schüler*innen und Kolleg*innen ein to-
„normalen“ Welt auf – und
Menschen lieben kannst
leranter Umgang aus, bin ich selbstsicherer und je-
dann zack. Weißte nicht
und so nimmst wie er ist
de*r an der Schule kann besser mit dem Thema Ho-
mehr wo oben und unten ist.
… Gut, bist durch die Hölle
mosexualität umgehen. In erster Linie unterstützt es
Erst heterosexuell, dann ho-
gegangen, genau genom-
so die sich im Coming Out befindenden Schüler*in-
mosexuell. Willstes doch gar
men zweimal. Erst warste
nen, die in ihrer Pubertät ohnehin schon kaum wis-
nicht. Willst einfach nur da-
sen, wie ihnen geschieht. Für solche Schüler*innen
zugehören. „Normal“ sein.
bin ich auch immer Ansprechpartnerin, denn ich
Eben wie alle andern. Keine
weiß, wie verwirrend und herausfordernd allein die innere Akzeptanz mit der eigenen Homosexualität sein kann.
35
Mama & Mami, Papa & Papi
dein eig’ner Feind, wollst´ nicht wahrhaben, dass de anders bist. Dass de homosexuell bist. Dass de nicht wie die Masse bist. Biste gecheckt hast, dass anders
Fandstes scheiße.
sein nicht schlechter ist.
Konnteste bloß nix tun.
Brauchste die andern nicht.
Bis: Der Lehrer vorne haut
Musste nicht gleich sein
Sprüche raus gegen Möch-
wie sie. Biste unabhängig.
tegern-Sprücheklopfer, die
Dann hat dein Ego aba doch
sich homophob äußern.
lie, es wird Nudeln mit Tomatensauce geben. Das
noch ’nen Schlag kassiert,
„Der ist schwul, der blickt
mag Lilli, ihre Tochter, zurzeit am liebsten. Lilli ist
voll drauf, tat voll weh. Dich
mich immer so komisch an,
elf, vor drei Monaten in die sechste Klasse eines
ham se ausgelacht, hinter
das geht nicht, der will was
Gymnasiums gekommen. Ihre Mama, Susanne,
deinem Rücken getuschelt:
von mir! Das ist schwul.“ Die
liebt sie sehr. Genauso sehr wie ihre Mami, Meg-
„Läuft da etwa was zwischen
Reaktion: „Als ob du denn
an. Und Susanne liebt Megan. Zusammen sind sie
denen? Die gehen schon
so hübsch wärst, dass dich
die Regenbogenfamilie Schulze.
zum zweiten Mal zusam-
welche anmachen würden.“
men nach Hause… .“ Hastes
Plötzlich issa kleinlaut und
schon Megan zur Tür herein. Lilli hört, wie sich
eben trotzdem mitgekriegt.
nicht mehr so krass homo-
die beiden liebevoll begrüßen und kommt die
phob zu dir. Alle andern
Treppe ihres Reihenhauses heruntergerannt, um
haben dich auch akzeptiert.
den beiden Lesben in die Arme zu fallen. Sie alle
Und lach’n mit dir. Über al-
haben nämlich besonders Eines gemeinsam: Sie
les. Nur nich über Homose-
lieben sich als Familie. Dann stürzen sich alle
Sie kocht gerade Abendessen für ihre Fami-
Susanne gießt die Nudeln ab, da kommt auch
xualität. Homophobie geht gar nicht. Das is jetzt tabu. (Namen redaktionell geändert.)
36
Daniel und Jan kennen das Problem der Ak-
zeptanz von Homosexualität noch zu gut aus ihrer Vergangenheit. Doch inzwischen sind die beiden schwulen Väter von zwei Jungen und einem Mädchen ein so fester Bestandteil bei Elternabenden, dass sie schon Monate vorher gefragt werden, ob hungrig auf die Nudeln. Während des Essens fra-
sie auch wirklich beim nächsten Treffen wieder
gen Mama Susanne und Mami Megan beide auf-
diese leckeren Muffins backen werden. Nicht nur
geregt nach, wie Lilli denn die Schule heute fand.
wegen ihrer Backkünste sind sie in der Schule
„Mama, Mami, echt jetzt? Ihr wisst doch, dass ich
sichtbar: Die beiden Schwulen engagieren sich in
die Schule liebe. Ich gehe gerne hin, also macht
einem Schulprojekt, bei dem ‚Andersartigkeit vom
euch nicht immer Sorgen.“ Leichter gesagt als ge-
Heteromainstream‘ großgeschrieben wird. Dort
tan, denken sich die beiden lesbischen Mütter.
stehen sie als Ansprechpartner v.a. für schwule
Leider haben sie auf den Elternabenden von den
Schüler Rede und Antwort, aber weil sie ebenso
mehrheitlich heterosexuellen Elternpaaren schon
für einen respektvollen Umgang und Toleranz ein-
häufig Anfeindungen erlebt, weil Lilli schließlich
stehen, sind sie auch Kontaktpersonen für Schü-
ohne einen Vater, dafür aber mit zwei Lesben auf-
ler*innen und Lehrer*innen jeglicher sexuellen
wachse. Dabei lieben sie Lilli doch über alles auf
Orientierung. Daniel und Jan sind ein Beispiel da-
der Welt. Für die beiden lesbischen Mütter spielt
für, wie Homosexualität in der Schule sichtbar ge-
ihre sexuelle Orientierung keine spezielle Rolle,
macht wird.
sie haben Lilli so erzogen, dass Homosexualität nichts Schlechtes oder Verwerfliches ist, sondern genauso ein zu tolerierender Lebensentwurf wie Heterosexualität auch. Sie stehen für Menschlichkeit ein.
37
Dabei werden Höhen wie Tiefen angespro-
chen und Schüler*innen werden zugleich angeregt
Was also sollen wir lernen?
sich mit dem Thema sexuelle Vielfalt auseinander zu setzen. Ihre drei Kinder haben bereits früh im Kindergartenalter damit begonnen. Schwer sei
Wie wichtig also Homosexualität in der Schule ist,
es v.a. für den Ältesten gewesen, weil Homosexu-
können wir nun gut sehen. Der Lehrplan einiger
alität vor 15 Jahren noch stärker tabuisiert wur-
deutscher Bundesländer sieht die Einbeziehung
de als heute und er zudem seine zwei Väter und
des Themas Sexuelle Vielfalt auch bereits vor.
seine zwei kleinen Geschwister, die er versuchte
Doch Bildung ist Ländersache, deshalb obliegt es
aus der Angriffsfläche zu ziehen, stets beschüt-
jedem einzelnen Bundesland in Deutschland, wie
zen wollte, ihm dies aber nicht immer ohne Hil-
stark sexuelle Lebensformen von Lehrer*innen
fe gelang. Oftmals wurde er als ‚Schwuchtel un-
an ihre Schüler*innen vermittelt werden sollen.
ter Schwuchteln‘ diskriminiert. Als er klarstellte,
Sollten wir aber nicht sogar weltweit einen lehrrei-
dass seine Väter zwar beide männlich und schwul
chen, Toleranz vermittelnden Unterricht anstre-
seien, er sich aber in ein Mädchen verliebt hat-
ben? Und wenn wir als Kinder bereits mit einem
te, wurde ihm dies erst am Gymnasium durch das
breit gefächerten Akzeptanzverhalten aufwach-
Projekt seiner Väter geglaubt.
sen, dann können wir doch genauso gut als komplette Gesellschaft für eine Perspektive der Offenheit, Akzeptanz und Toleranz einstehen. Mehr noch, lasst uns für die Liebe auf und in dieser Welt plädieren. Für die Menschlichkeit.
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Die Zapatistas: Meine Arbeit als Menschenrechtsbeobachterin
Ich möchte mich mit meinem Artikel auf das
SDG No. 17 ‚Partnerschaften, um Ziele zu erreichen‘ beziehen und von meinen Erfahrungen mit den Zapatistas erzählen. Es wurde schon viel über jene Widerstandsbewegung gesagt, die mit Wortgewandtheit unzählige Menschen auf dieser Welt erreicht und inspiriert hat. Und obwohl die Zapatistas ihre mediale und wissenschaftliche Hochkonjunktur bereits hinter sich gelassen haben, verlieren ihre Visionen und Worte nicht an Bedeutungskraft – Gegenteiliges ist zu beobachten. Was einst in den Bergen und Wäldern Südmexikos begann und mexikanische Regierungskreise in UnFelizia Schreiber beendete im Jahr 2016 ihr Ethnologie-Studium mit
ruhe und Wut versetzte, schlägt heute Wellen, die
dem regionalen Schwerpunkt ‚Lateinamerika‘ an der Universität Hamburg.
auch die Küsten unseres Kontinentes erreichen.
Von Januar bis März 2017 arbeitete sie als Menschenrechtsbeobachterin für eine Menschenrechtsorganisation im südlichen Bundesstaat Chiapas, Mexiko. Sie besuchte verschiedene indigene Gemeinden und konnte dadurch Einblicke in die Widerstandsbewegungen vor Ort erlangen.
Die Zapatistas „Dies ist unser einfaches Wort, das danach sucht, die Herzen der Menschen zu berühren, die, wie wir, bescheiden und einfach sind, aber auch, wie wir, würdig und rebellisch. Dies ist unser einfaches Wort, [...] um andere Menschen dazu einzuladen, mit uns gemeinsam in etwas sehr Großem zu gehen, das sich Mexiko nennt und etwas noch viel Größerem, das sich Welt nennt. Dies ist unser einfaches Wort, um allen Herzen, die aufrichtig und edel sind, zu erzählen, was wir uns in Mexiko und auf der Welt wünschen. Dies ist unser einfaches Wort, denn es ist unsere Idee, alle anzusprechen, die so sind wie wir, und uns mit ihnen zu vereinen, wo auch immer sie leben und kämpfen.” (Sechste Deklaration aus dem lakandonischen Urwald 2005: S.1) Wir befinden uns im südlichsten Bundesstaat Mexikos: Chiapas – ein Gebiet, dass sich durch seine landschaftliche und kulturelle Diversität auszeichnet. Wer sich mit der Geschichte der Zapatistas beschäftigt, wird feststellen, dass diese
40
41 eine traurige und blutige ist. Sie gehören zu den 30-40% der chiapanekischen Bevölkerung, die indigener Herkunft ist und weil der Boden, auf dem sie stehen, reich an natürlichen Ressourcen ist, unterliegen sie seit Jahrhunderten den kolonialistischen und heute postkolonialistischen, ausbeuterischen
Strukturen.
Ressourcenraub,
Verfolgung und Marginalisierung sind nur einige Schlagworte in diesem Kontext.
Mit dem zapatistischen Aufstand am 01.01.1994
begann eine neue Ära in der Geschichte des indigenen Widerstandes. Es folgte eine landesweite Mobilisierung und Wiederaneignung einer Vielzahl von Gebieten des Bundesstaates. In ihrer ersten Phase kämpften die Zapatistas hauptsächlich für die Rechte der Indigenen, ihre Kultur und das ihnen zustehende Land. Als bezeichnendes Merkmal legten sie in diesem Prozess stets Wert darauf, sich auf nationaler sowie internationaler Ebene auszutauschen und fokussierten darüber hinaus, wie keine andere Bewegung, eine
42 weltweite Solidarisierung zur Erreichung ihrer
Trotz aller Errungenschaften und Erfolge, die
Ziele. Die Zapatistas haben es heute für sich auf
im Prozess der zapatistischen Selbstermächti-
der lokalen Ebene geschafft, in autonomen Ge-
gung verzeichnet werden konnten, ist die endgül-
meinden zu leben und haben, angelehnt an basis-
tige Forderung nach ‚paz con justicia‘ (übersetzt:
demokratische Werte, eigene Regierungsformen.
Frieden mit Gerechtigkeit) noch lange nicht er-
Sie haben ihr eigenes Bildungs- und Gesundheits-
füllt. Der Konflikt entwickelt sich vor diesem Hin-
system etablieren können und versorgen sich zu
tergrund über die lokale Ebene hinaus zu einer
großen Teilen mittels effektiver Kollektivarbeit
globalen Thematik mit universellem Anspruch
selbst.
und Relevanz. Die Zapatistas begreifen sich als
www.carea-menschenrechte.de
ein Glied im Kampf für die Menschlichkeit und
www.chiapas.eu
gegen den Neoliberalismus.
„Und all das war möglich durch die Anstren-
„Und deshalb lernen überall immer mehr
gungen der zapatistischen Dörfer und die sehr
Compañeros und Compañeras mit den Men-
große Unterstützung von großmütigen und
schen aus anderen Teilen Mexikos und der Welt
aufrichtigen Menschen, die wir ‚Zivilgesell-
umzugehen, sie lernen zu respektieren und Res-
schaften‘ nennen und von ihren Organisati-
pekt einzufordern, sie lernen, dass es viele Wel-
onen auf der ganzen Welt. So, als ob all diese
ten gibt und alle ihren Platz, ihre Zeit und ihre
Menschen wahr gemacht hätten, dass ‚eine
Art und Weise haben und dass es gegenseitigen
andere Welt möglich ist‘ und zwar mit Taten
Respekt zwischen allen Menschen geben muss.“
und nicht nur mit bloßen Worten.“ (ebd. S.10)
(Sechste Deklaration aus dem lakandonischen Urwald 2005: S. 11)
43 Sie kämpfen für die EINEWELT, in der, wie sie sagen, viele Welten Platz finden. Dieser Auffassung liegt ihre Anerkennung und Wertschätzung der kulturellen Vielfalt auf diesem Planeten zu Grunde, deren friedliche Koexistenz in ihrem Verständnis, durch gegenseitiges Zuhören, voneinander Lernen und der Vereinigung im Zeichen von Würde und Respekt gesichert werden könne und müsse. Mit ihrer undogmatischen Art inspirieren sie seither Künstler*innenkollektive, mobilisieren alternative, politische Gruppierungen, diskutieren und philosophieren mit intellektuellen Kreisen, solidarisieren sich weltweit mit unterdrückten Minderheiten und schreiben Geschichten, die einerseits Kindern als Gutenachtlektüre dienen können und andererseits die Welt zu revolutionieren vermögen.
Zivile Friedenscamps
44
Im Kontext der Zapatistas und meiner Arbeit
beitragen. Die Arbeit als BriCo ist eine Form der
sind zwei Organisationen von grundlegender Be-
zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung und
deutung: Das ist zum einen das mexikanische
folgt dem Prinzip der Nichteinmischung. Sie glie-
Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las
dert sich in drei Aufgabenbereiche: Am Anfang
Casas (kurz: FrayBa) und zum anderen CAREA
steht die Beobachtung bzw. Begleitung von Perso-
e.V. mit Sitz in Berlin (www.frayba.org.mx und
nen oder Gemeinden. Daraufhin folgt die Doku-
www.carea-menschenrechte.de). Seit 1989 setzt
mentation der Situation und letztlich die aktive
sich FrayBa als autonome und religionsunabhän-
Solidarität auf lokaler sowie globaler Ebene. Die
gige Organisation für die strukturell benachtei-
Anwesenheit internationaler Beobachter*innen
ligte, indigene Bevölkerung und die kulturelle Di-
dient darüber hinaus als Schutz vor Übergriffen
versität im Bundesstaat Chiapas ein. Auf Bitte der
durch Militär und paramilitärische Gruppen.
zapatistischen Gemeinden zum Einsatz von Menschenrechtsbeobachter*innen appellierte FrayBa
FrayBa entsendet also vor Ort Personen in die
an die nationale und internationale Öffentlichkeit
jeweiligen Gemeinden. Um als BriCo in ein zivi-
und es entwickelte sich das Projekt der zivilen
les Friedenscamp zu fahren, bedarf es einer Vor-
Friedenscamps. Seitdem gibt es eine aktive Prä-
bereitung, welche in Deutschland von CAREA e.V.
senz und partizipative Solidarität von nationalen
durchgeführt wird. Relevante Themen sind die
und internationalen Menschenrechtsbeobach-
Reflexion des Konzeptes der Menschenrechtsbe-
ter*innen (spanisch kurz: BriCos), die zum Schutz
obachtung, die historische und aktuelle Situation
der Menschenrechte, zum Vorantreiben des Frie-
in Mexiko, rassismus-kritische Perspektivierung
densprozesses in Chiapas und zur Erweiterung
und die Betrachtung der spezifischen Konfliktla-
des Handlungsspielraums der Zivilbevölkerung
ge in Chiapas.
Mein Aufenthalt in der Gemeinde
45
Die folgenden Ausführungen basieren auf mei-
en wechselte. Die Spaltung bezieht sich nicht nur
nen persönlichen Erfahrungen und subjektiven
auf die Gemeinde generell, sondern auch auf die
Einschätzungen. Sie erheben keinen Anspruch
einzelnen Familien. Die Situation ist dementspre-
auf Allgemeingültigkeit. Außerdem muss berück-
chend angespannt.
sichtigt werden, dass ich als Nichtmuttersprachlerin eventuell nicht immer alles ‚richtig‘ verstan-
Am 04.05.2014 eskalierte die Situation, als ein
den habe.
zapatistischer Lehrer der Gemeinde von der paramilitärischen Organisation CIOAC, deren Mitglie-
Die Gemeinde, in der ich mich aufhalte, ist ge-
der zum Teil aus den Bewohner*innen des Dorfes
spalten. Das heißt, hier wohnen sowohl Partidis-
bestehen, ermordet wurde. Am gleichen Tag wur-
tas (Parteitreue) als auch Zapatistas, zu einem An-
den auch die Schule und die Klinik der Zapatistas
teil von 80% zu 20%. Eine meiner ersten Fragen
niedergebrannt – beide gerade erst im Bau. Die
war: Wie kann sich eine Gemeinde derart spal-
Ermordung erregte extreme Unruhe und Angst,
ten? Am Anfang, so wurde mir erzählt, gehörten
dennoch wurde beschlossen, dass mensch sich
alle der Widerstandsbewegung der Zapatistas an.
nicht auf das Niveau der rohen Gewalt niederlas-
Im Zuge der staatlichen Aufstandsbekämpfung
sen wollte. Die Schritte gestalteten sich folgen-
wurden verschiedene Sozialprogramme etabliert,
dermaßen:
die bewusst die Bewegung spalten sollten. Die Za-
patistas lehnen die Teilnahme aus verschiedenen
Innerhalb eines Tages bauten 70 Personen das
Gründen konsequent ab, während ein anderer Teil
Lager für die BriCos, die ab diesem Zeitpunkt von
der Bewegung sich dafür entschied und dement-
FrayBa entsendet wurden. Auch die Schule und
sprechend ‚auf die Seite‘ der staatlichen Partei-
die Klinik wurden aus Sicherheitsgründen neben
46 dem Friedenscamp neu errichtet. Aufgrund der unzureichenden juristischen Umstände wohnen aktuell Täter und Opfer Tür an Tür. Bis heute patrouillieren, im Zeichen von staatlichen Einschüchterungsmaßnahmen, verschiedene Militäreinheiten durch die Straßen der Gemeinde. FrayBa trägt uns auf, die Bewegung dieser Gruppen zu notieren. So können sie neben der Verfolgung der Militärbewegung präventiv zu möglichen Anschlägen arbeiten und gleichzeitig wird durch die Präsenz von Beobachter*innen die Anspannung und Angst der Dorfbewohner*innen geteilt und somit idealerweise minimiert.
Soviel zur Ausgangsbasis für meinen zweiwöchigen Alltag, der so aussieht: Morgens weckt uns das Licht der ersten Strahlen des Sonnenaufgangs, das durch die kleinen Rillen des mit Holzplanken gebauten Hauses
47 leuchtet. Schlafsäcke rascheln, morgendliches
gleichheiten innerhalb der Gemeinde kommen,
Gemurmel und das sanfte, stetige Plätschern des
da die Familie, die eine tienda besitzt, durch den
Flusses vermischen sich und ich schiebe mich
Gewinn finanzielle Vorteile erlangt.
langsam aus meiner Hängematte. Die ersten beiden compas sitzen schon draußen, trinken Mate
Unser campamento ist von zwei Seiten von ei-
oder Kaffee und halten die erste Wache. Da wir
nem kleinen Fluss eingerahmt. Die anderen Sei-
zehn Personen, und so eine relativ große Gruppe
ten schließen mit einem Zaun ab und vorne gibt
sind, erstellen wir am ersten Abend nach unse-
es ein Eingangstor. Aufgrund der konfliktreichen
rer Ankunft einen Rotationsplan, um die Aufga-
Situation in der Gemeinde dürfen wir das campa-
ben ‚Wache‘, ‚Mittag-/Abendessen‘ und ‚Ordnung/
mento nicht verlassen, was sich durch die Größe
Sauberkeit‘ in kollektiver Arbeit zu verteilen. Von
des Geländes, die abwechslungsreiche Gesell-
06:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr abends sitzen
schaft und den begrenzten Zeitraum gut bewälti-
mindestens zwei, oft auch mehrere auf dem klei-
gen lässt.
nen Wachposten, der aus einem Tisch und je nach Bedarf, einer verschiedenen Anzahl von Stühlen
Es gibt eine große Gemeinschaftsküche, in der
besteht. Wir haben alle Lebensmittel selbst mit-
wir jeden Tag über dem Feuer kochen und mor-
gebracht, darunter auch Tropfen zur Wasserreini-
gens bringen uns die compas aus dem Ort frische,
gung. Zwar gibt es hier ein, zwei tiendas (Lädchen),
handgemachte tortillas aus Mais. Unsere beiden
aber es sollte von größeren und regelmäßigen
responsables (die Verantwortlichen für die Bri-
Einkäufen abgesehen werden, da dies zu einer
Cos) besuchen uns fast täglich und sprechen zwei
ungewollten ökonomischen Abhängigkeit führen
oder drei Stunden mit uns. Sie erzählen uns von
kann. Des Weiteren kann es zu Konflikten und Un-
ihrer Arbeit auf der milpa (ein Feld, auf dem Mais,
» Unsere Rache ist es, glücklich zu sein! «
48
49 Bohnen und manchmal Gemüse angebaut wird),
dieser Unterrichtform sollen eindeutig die sonst
Geschehnissen im Dorf, kleinen Anekdoten und
üblichen, hierarchischen Strukturen des klassi-
spielen nachts mit uns Karten. Darüber hinaus
schen Schulunterrichts durchbrochen werden.
beantworten sie geduldig unsere zahlreichen Fra-
Durch Fragen finde ich heraus, dass in der Schu-
gen – beispielsweise zu der Schule, zu ihrer in-
le vier Fächer gelehrt werden: Spanisch, Mathe,
digenen Sprache tojolabal (übersetzt: Das wahre
Geschichte und Agrar-Ökologie. Später folgt dann
Wort), zur zapatistischen Selbstverwaltung und zu
die integración, mit dem Ziel, das Bewusstsein
den Saat- und Erntezeiten. Häufig kommen auch
für den anhaltenden Widerstandskampf und die
Kinder und Frauen vorbei und trinken einen Kaf-
aktuelle Situation der Zapatistas zu wecken. Die
fee mit uns.
Jugendlichen werden in diesem Schritt in die Aktivitäten und Organisationsstrukturen der Bewe-
Auf der gegenüberliegenden Flussseite befin-
gung eingebunden.
det sich ein buntbemaltes zweistöckiges Gebäude, in dem sich die Klinik und die Schule befin-
Am letzten Abend schreiben wir den Bericht
den. Mit sechs Jahren gehen die meisten Kinder
für FrayBa, in dem wir die Militärbewegungen zu-
von Montag bis Mittwoch in die Schule. Es gibt
sammenfassen und führen ein abschließendes
hier vier Lehrer*innen, wobei der zapatistische
Gespräch mit unseren Verantwortlichen. Der ge-
Unterricht nicht frontal abläuft. Die Älteren leh-
lebte Widerstand der Zapatistas hat mich nachhal-
ren die Jüngeren und lernen selbst wiederum von
tig beeindruckt und inspiriert. Besonders berührt
den Älteren. Wie das im Detail funktioniert, kann
haben mich die Gespräche mit unseren respons-
ich nicht genauer erklären, da ich selbst keine
ables und das am letzten Tag geführte Gespräch
zapatistische Schule besuchen konnte, aber mit
mit der junta del buen gobierno (Rat der guten Re-
50
51 gierung) im caracol. Nachdem sie sich für unse-
Aber das wirklich Gefährliche ist, in ihm den
re Arbeit bedankt haben, sprachen wir über die
Blick auf sich selbst zu wagen. Ein wenig Distanz
aktuelle Situation. Die Zapatistas hätten zwar viel
zu sich selbst, unterstützt durch ein Lächeln, er-
erreicht, aber befinden sich nun an einem Punkt,
leichtert die Dinge.“ (Zitat des SubCommandante
an dem sie alleine nicht mehr weiter kämen. Sie
Marcos, Sprecher der nationalen Befreiungsar-
sagen, dass man nur vereint und organisiert gegen
mee der Zapatistas, kurz: EZLN)
die staatlichen Verbrechen aus wirtschaftlichen und politischen Interessen an den allgemein gül-
Für mich zeichnet sich die Menschenrechts-
tigen Menschenrechten, die in vielen Ländern auf
beobachtung in Chiapas in verschiedener Hin-
der Welt tagtäglich geschehen, vorgehen könne.
sicht positiv aus. Zum einen bricht sie mit den sonst häufig postkolonialistischen Strukturen und
Das Wir vor dem Ich: Quintessenz
Motiven von Austauschprojekten zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Sie wirft gängige paternalistische, kolonialistische, teils rassistische und karitative Denkmuster über Bord. Das Konzept der Nicht-Einmischung sichert
„Es gibt einen Spiegel in der Welt. Er erlaubt
darüber hinaus den gegenseitigen Respekt, das
uns zu sehen, was wir sind, was wir waren und
Zuhören und Kennenlernen, bevor mensch sich
was wir sein werden. Der erste Eindruck ist alles
aktiv an der Gestaltung von Lebensrealitäten an-
andere als angenehm, der zweite erklärt und der
derer beteiligt, ohne die jeweiligen kulturellen Zu-
dritte verspricht uns etwas. Das Problem ist, den
sammenhänge und individuellen Bedürfnisse zu
Spiegel zu finden. Das ist nicht einfach.
verstehen. Ein weiterer positiv hervorzuhebender
52 Punkt ist, dass die Privilegien, die im Nord-Süd-
Der oben vom Subcommandante Marcos er-
Kontext bestehen und nicht von einen auf den an-
wähnte Blick in den Spiegel war für mich manch-
deren Tag verändert werden können, zumindest
mal unangenehm, manchmal führte er zu einem
effektiv genutzt werden – als Teil und Vertreter
Schweigen, manchmal zu einem Lachen, manch-
der internationalen Öffentlichkeit können wir uns
mal erfüllte er mich mit Scham und manchmal
mit unserer Präsenz für die Sicherheit und den
führte er zu einer Erklärungsnot – aber immer
Schutz bedrohter Minderheiten auf lokaler Ebene
mündete er in der Hoffnung und Zuversicht, dass
und die Verteidigung universeller Menschenrech-
die Dinge in einem stetigen Fluss der Transfor-
te auf globaler Ebene einsetzen.
mation sind, zu dessen Modellierung jede Hand fähig ist.
Doch während meiner Zeit in Mexiko und den zwei weiteren Gemeinden, die ich besuchen
Die geteilte Zeit mit den Zapatistas sowie mit
konnte, wurde mir eines immer deutlicher: Die Ar-
den anderen BriCos hat mir viele meiner Privile-
beit als Menschenrechtsbeobachter*in stellt eine
gien erst sichtbar gemacht und mich sie v.a. spü-
effektive Gewaltprävention dar und schützt bzw.
ren lassen. Sich in dieser, im globalen Geflecht
unterstützt auf seine Weise die rechtliche Grund-
bevorteilten und ungerechten Rolle zu befinden,
lage des Organisierungsprozesses der Zapatistas.
die mensch bis dato eventuell als natürlich ge-
Dennoch tragen den größten Nutzen v.a. wir, die
geben betrachtet hat, ist eine unangenehme Si-
Beobachter*innen, die mit den gewonnenen Er-
tuation. Dennoch: Ich hatte die Möglichkeit, für
fahrungen, Wissen und Weisheiten aus den zapa-
einen kurzen Augenblick diese mir sonst so ent-
tistischen Gemeinden zurückkehren dürfen.
fernte Welt zu betreten, durfte den Zapatistas zuhören, von ihnen lernen und aus ihren Worten
53 und Blickrichtungen meine Lehren ziehen. Eine dieser Lehren ist die der Gemeinschaft. Das Wir vor dem Ich. Dies kann als Kritik am Individualismus verstanden werden, aber sie schließt die individuelle Entwicklung keineswegs aus, sondern verschiebt lediglich die Prioritäten zu Gunsten eines gemeinsamen Wohlbefindens und der Erweiterung des Handlungsspielraumes der gesamten Gruppe. Des Weiteren haben mir die Zapatistas mit ihrer offenen und wertfreien Art gezeigt, dass es nicht darum geht, dass jemand dem*der anderen etwas zeigt, damit wir irgendwann alle gleich ‚entwickelt‘ sind. Vielmehr geht es darum, die kulturelle Vielfalt zu erkennen und anzuerkennen, sich in diesem Sinne gegenseitig zu inspirieren, voneinander zu lernen und gemeinsam den Willen zu haben, etwas anderes zu konstruieren. Anfangs frustriert es den*die eine*n oder andere*n sich in der passiven und unbeteiligten Rolle als Beobachter*in zu Recht zu finden. Ich stelle aber auch fest, dass ich den von den Zapatistas inspirierten Bewusstseinswechsel und den damit ein-
54 hergehenden Tatendrang gerade in meinem ei-
alle, die nicht auf Anpassung und Rassismus ba-
genen sozio-kulturellen Kontext oder von diesem
siert, sondern auf kultureller Vielfalt und univer-
ausgehend, umsetzen kann und bewusst die dor-
sellen Wertvorstellungen. Die Zapatistas kämp-
tigen Ressourcen und Privilegien nutzen kann.
fen, wie viele andere indigene Bewegungen in Lateinamerika, schon lange für eine Dekoloniali-
Es wäre ignorant, die globalen Ungerechtig-
sierung, aber an diesem Dilemma sind zwei Sei-
keiten und Ungleichheiten und deren Zusammen-
ten beteiligt und nur gemeinsam können wir das
hang zu unserem alltäglichen, lokalen Handeln
globale Ungleichgewicht aufheben und eine nach-
zu negieren. Die wirtschaftliche Ausbeutung, po-
haltige Welt mit globalem Bewusstsein kreieren.
litische Abhängigkeit, kulturelle Diskriminierung und soziale Unterdrückung in verschiedenen Län-
„Der Kampf ist wie ein Kreis. Man kann ihn
dern des globalen Südens sind Konflikte, die Er-
an jeder Stelle anfangen, aber er hört niemals
gebnis eines immer noch bestehenden Postko-
auf.“ (Zitat des Viejo Antonios, Symbolfigur der
lonialismus sind, welcher in unseren Köpfen auf
Zapatistas, geschaffen von dem SubCommandan-
verschiedenste Weise verankert und legitimiert
te Marcos)
wird. Es wäre darüber hinaus aber pessimistisch, zu denken, dies sei eine starre Endlosschleife ohne Eingriffsmöglichkeiten. Denn genau in diesen Köpfen kann auch der Anfang einer Transformation geschehen. Eine Entwicklung von und für
Namoussas Heimkehr
Noch vor 12 Tagen hatte
sich die Mutter nicht vorstellen können, was jetzt Realität ist: ihre Tochter Namoussa sitzt ruhig und entspannt neben ihr auf der Rückbank des Geländewagens. Vor den beiden Frauen sitzt Pfarrer Tankpari Guitanga, der den Wagen mit konzentriertem Blick über die leere sandige Piste steuert. Neben Namoussas Fuß eine Kette mit einem grob aufgesägtem Bügelschloss. Es ist Namoussas Kette, die ihr rechtes Fußgelenk einst fest umschlungen
hielt.
Einem
Gefangenentransport glich ihre Anreise
vor 12 Tagen, als sich Mutter und Tochter auf-
56
machten, um die neue kostenlose Sprechstunde für die ‚Verrückten’ zu besuchen. Die Kette wird im Auto bleiben, der Pfarrer möchte sie als Andenken an ihre Befreiung behalten. Einige Regentropfen fallen während der zügigen Fahrt Richtung Norden auf die Windschutzscheibe und lösen beim Aufprall den feinen roten Staub. Die Regenzeit kündigt sich an, auf die Pflanzen, Tiere und Menschen hier sehnlich warten. Denn momentan herrscht noch eine Temperatur von über 40 Grad, noch verfolgt eine lange Staubwolke den Geländewagen, die einen Blick in den Rückspiegel überflüssig macht. Niemand spricht, Namoussa und ihre Mutter blicken auf die vorbeiziehende ausgedörrte Landschaft mit den gewaltigen Baobabbäumen, denen man hier nachsagt, sie stünden kopfüber und nur die Wurzeln seien zu sehen. So komfortabel waren sie vermutlich noch nie unterwegs. Was wohl in ihnen vor sich geht? Die letzten 12 Tage haben viel verändert. Ob sich Namoussa dessen bewusst ist, ist schwer zu sagen, ihre Mutter aber hatte bereits einen Tag nach der Befreiung Namoussas gebeten, sie zu fotografieren. Die bloße Tatsache, dass ihre Tochter mit ihr zusammen friedlich auf dem Boden sitzen konnte, war für sie unfassbar gewesen und musste unbedingt dokumentiert werden.
Braunes Wasser rauscht um die Räder als der Wagen die Furt eines Stausees durchquert, der durch den nächtlichen Regen bereits über den Damm gebrochen war und die Straße in einen strömenden Fluss verwandelt hat. Nach dem See biegt der Pfarrer links ab, auf eine schmale Piste zum kleinen Dorf Gori. Die Piste wird immer mehr zu im Sand verlaufenden Reifenspuren, die sich schließlich ganz verlieren. Es gibt keine erkennbare Straße mehr – wozu auch. Ein Auto besitzt hier niemand und Motorräder, Eselskarren und Fahrräder finden ihre ganz eigenen Wege.
Ohnehin stehen nur verein-
zelte Lehmhäuser in der kargen Landschaft herum, der Ortskern scheint anderswo zu sein. In der Regenzeit wird sich der Stausee bis hierher ausdehnen, doch momentan erstreckt sich hinter den Häusern nur eine weite baumlose Fläche. Die letzte Häusergruppierung ist Namoussas Hof, ihr Zuhause oder zumindest das, was von nun an ihr Zuhause sein soll. Schon immer hatte sie hier gelebt, doch konnte sie sich hier bisher wirklich zuhause fühlen?
57
Die Ankunft des Gelände-
tiksandalen nichts trägt,
wagens, der jetzt langsam vor
lächelnd auf ihren Arm.
den Hof rollt, wird sofort re-
Sie erwidert den Willkom-
gistriert. Schon bevor sich die
mensgruß auf Gourmant-
Wagentüren öffnen, hat sich
ché, „Pielpiela“, eifrig mit
eine Schar neugieriger Kinder
der
versammelt, deren Geschrei
„Lampo
aus allen Ecken weitere Men-
und
schen anlockt. Der gerade
alle Richtungen.
noch leere Vorplatz wird in kürzester Zeit belebt durch ein Gewimmel von Kindern, Schafen,
Nachbar*innen,
Hunden und anderen Schaulustigen, die die Neuankömmlinge sofort begrüßen. Das wenige Gepäck von Mutter und Tochter wird ausgeladen und auch Namoussa ist Freude anzusehen. Direkt steuert sie auf die Kinderschar zu und nimmt das kleinste unter ihnen, das außer gelben Plas-
passenden lampo
Antwort lampo“
Händeschütteln
in
58
59
Der Ortspfarrer von Gori ist ebenfalls mit seiner Frau gekommen, um
die Zurückgekehrten und seinen bisher unbekannten Kollegen zu empfangen. Er kennt die Familie schon lange und hatte sie bisher mit seinen Gebeten begleitet. Mehr konnte er für Namoussa nicht tun – so wie die wenigen Gleichgesinnten im Land, die nicht wegschauen, die tatsächlich helfen wollen, aber nicht wissen, wie. Er ist es, der erzählt, Namoussa sei im Haus wie ein Eindringling gewesen und nicht unter den Ihrigen
angesehen. Kein Wunder, dass Namoussa zuerst zögert und auf ihren ge-
Holzpfahl, der ein Strohdach über sich
wohnten Platz blickt, als sie aufgefordert wird, sich auf die bereitgestell-
stützt. Am Fuße des Pfahls ruht eine
ten Bänke zu den anderen zu setzten. Ihre Rolle in der Familie muss erst
rostige Kette, die einst verbunden war
wieder neu gefunden werden, definiert durch ihre Mitmenschen.
mit der Kette an Namoussas Fuß. Ihr
Ihr gewohnter Platz ist neben einem
gewohnter Platz ist wie der Platz eines Hundes. In der Nähe des Hauses und doch mit sicherem Abstand, Tag und Nacht sich selbst überlassen. Der Pfahl als einziger Begleiter, der mit ihr geduldig das Schicksal teilte. Welche Veränderungen die Anwesenden heute in Namoussa erkennen und wie ihr Leben zuvor ausgesehen haben mag, lässt sich für Außenstehende allenfalls erahnen, jedoch nicht nachempfinden. Zu bizarr ist das Szenario, das für alle hier schon lange zu Normalität geworden war. Der Hangar, der Pfahl und die Kette bleiben auf ewig stillschweigende Zeugen und Namoussas Würde kehrt nach 27 Jahren Krankheit gerade erst wieder zurück.
Doch
sie
selbst
Nur die Einsamkeit habe Namoussa ertragen, und
„Gott,
wir
bitten
60
unbekümmert,
weil sie ständig umherwandern wollte, waren sie ge-
dich für eine wei-
sie erfreut sich an vie-
zwungen, sie festzubinden. Erst als er fertig ist mit
terhin positive Entwicklung
len
Dingen,
seiner Schilderung des bisherigen Alltags, scheint er
Namoussas bis zur vollstän-
an einem Blatt, das
sich bewusst zu werden, welch schlimme Situation er
digen Genesung und segne
sie abreist oder an ei-
soeben erzählt hatte. Sein Blick wandert zu der ros-
auch die Medikamente, die
nem Strohhalm, den
tigen Kette am Pfahl. Wie mag es sich anfühlen, ge-
Namoussa zu sich nimmt“,
sie vom Boden aufliest.
zwungen zu sein, die eigene Tochter wie ein Tier an
betet abschließend der ört-
Immer wieder klatscht
einen Pfahl binden zu müssen? Nachts das Klirren
liche Pfarrer mit geschlosse-
sie laut in die Hände
der Kette zu hören, an der sie sich wie ein rastloser
nen Augen. Pfarrer Tankpari
und lacht dabei. Sie
Wachhund bewegt? Die Familie hatte keine Wahl ge-
Guitanga nickt zustimmend,
antwortet auf Fragen,
habt und nicht die geringste Ahnung von der Krankheit
während seine Hand auf Na-
doch sie scheint es
ihrer Tochter sowie der Möglichkeit, diese zu behan-
moussas Schulter liegt. Die-
vorzuziehen, mit sich
deln. Hier auf dem Land können die wenigsten Lesen
ser Satz, aus dem Munde ei-
selbst zu kommunizie-
und Schreiben und sind abhängig von traditionellem
nes örtlichen Pfarrers, ist
ren. Sie ist gefangen
mündlich überliefertem Wissen. Einem Wissen, das
mehr als eine freundliche
und frei zugleich in ih-
psychische Krankhei-
rer eigenen Welt kind-
ten nicht kennt. So
licher Unschuld. Ihre
wusste Namoussas Fa-
aggressiven
Ausbrü-
milie nur von den Ver-
che mit Schlägen und
rückten, den Verhex-
Schimpfworten
sind
ten, den von Dämonen
nur schwer vorstellbar
Besessenen, für die es
und
glaubhaft,
keine Heilung gibt. Sie
als der alte Vater sie
haben dieses Schick-
sachlich und mit vielen
sal akzeptiert und sich
Gesten schildert.
arrangiert.
wirkt
kleinen
doch
61
Geste. Dieser ist gerade hier in Burkina Faso alles andere als selbstverständlich – in einem Land, in dem viele traditionelle, religiöse Vertreter die Medizin ablehnen und als einziges Heilmittel gegen die Dämonen das Gebet zu Gott sehen. Dieser Satz ist mutig und revolutionär – er trägt viel Hoffnung, nicht nur für Namoussas weitere Genesung, sondern auch für den Umgang mit psychisch Kranken im ganzen Land, die langfristig von einem Um- und Überdenken der traditionellen Sichtweisen profitieren werden.
Pfarrer Tankpari startet den Motor und wendet im großen
Bogen. Einige Kinder rennen dem Auto vergnügt nach, bis sie im Rückspiegel schließlich verschwinden. Es geht zurück über die schmale Furt des Stausees. Bald, wenn die erlösende Regenzeit kommt und die dürre Savanne wie durch einen Zauber in grüne Wiesen verwandelt wird, wird über diese Furt ein reißender Fluss ziehen und sie nicht mehr passierbar machen. Die holprigen Wellblechpisten lassen die aufgesägte Fußkette unter dem Beifahrersitz klirren. Doch den Pfarrer scheint das nicht zu stören. Immer wieder klingelt eines seiner drei Handys, die in einem Fach neben der Handbremse liegen. Tag und Nacht ist er erreichbar, und er weiß, vor seinem Haus erwarten bereits neue Patient*innen seine Ankunft.
Die eingeschweißten Tabletten, die Pfarrer Tankpari jetzt auf seiner ausgestreckten Handfläche allen Anwesenden präsentiert, müssen auf sie wie magische Wunderpillen wirken. „Einmal täglich, jeden Abend von jeder Tablette eine. Und es ist wichtig, zu mir zu kommen, bevor die Medikamente aufgebraucht sind“, erklärt Pfarrer Tankpari gleich mehrmals in ernstem Tonfall, denn die Angehörigen können das Rezept nicht lesen und fragen immer wieder nach. Ein junger Mann filmt die Erklärung mit seinem Handy.
Namoussas Heimkehr Info: Psychisch Kranke in Burkina Faso Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie leben in Burkina Faso am Rande der Gesellschaft. Sie leiden nicht nur unter ihrer Krankheit selbst, sondern vor allem auch unter der Stigmatisierung durch ihr Umfeld. Sie gelten als verhext oder als von Dämonen besessen und werden geschlagen, angekettet und aus Angst vor Ansteckung gemieden. Die Hoffnung auf Heilung suchen viele betroffene Familien in Gebetszentren oder bei traditionellen Schamanen. Psychiater gibt es landesweit nur eine Handvoll und gerade auf dem Land sind deren medizinische Möglichkeiten unbekannt, unerreichbar und oftmals auch unbezahlbar. Der Verein St. Camille aus Reutlingen unterstützt seit vielen Jahren die Arbeit mit psychisch Erkrankten und Epileptikern in Westafrika. Die Unterstützung des Vereins YENFAABIMA in Burkina Faso ist eines von mehreren Projekten. Mehr Informationen auf: www.kettenmenschen.de
62
Tankpari Guitanga Tankpari Guitanga ist über Jahrzehnte hinweg in seiner Funktion als Gemeindepfarrer zu einer zunehmend bekannten Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie aus der gesamten Ostregion des Landes geworden. Mittlerweile befindet er sich als Pfarrer im Ruhestand und kann sich ganz seiner Leidenschaft hingeben: den Menschen zu helfen, die auf Grund ihrer Krankheit vielerorts auf verschlossene Ohren und Türen stoßen und von der Gesellschaft abgegrenzt leben. Er hat den Hilfsverein YENFAABIMA gegründet und veranstaltet seit November 2015 in Zusammenarbeit mit einer Psychiatrischen Fachkraft einmal im Monat eine kostenlose Sprechstunde, in der Diagnosen gestellt und Medikamente verschrieben werden. Die Arbeit findet zunehmend Zuspruch und die Zahl der Hilfesuchenden aus einem Umkreis von 150 km steigt stetig. Der junge Verein hat große Zukunftspläne und bereits mit dem Bau eines eigenen Sprechstundengebäudes begonnen. Als bekannter Musiker und Chorleiter nutzt Tankpari Guitanga zudem sein Netzwerk in der Region, um durch Lieder, Radiosendungen und Seminare Aufklärungsarbeit in seiner Sprache Gourmantché zu betreiben. Das Beten für kranke Menschen spielt für ihn eine wichtige Rolle – jedoch setzt er sich ganz klar für eine zusätzliche medizinische Behandlung der Hilfesuchenden ein – im traditionellen Burkina Faso noch immer keine Selbstverständlichkeit.
Dokumentarfilm „Die Krankheit der Dämonen“ In dem Dokumentarfilm „La Maladie du Démon“ (Die Krankheit der Dämonen) begleitet Lilith Kugler Pfarrer Tankpari Guitanga bei seiner Arbeit und bietet einen hautnahen Einblick in die Situation von Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie in Burkina Faso. Infos zum Film auf: www.la-maladie-du-demon.com/
Lilith Kugler lebte als Kind mit ihrer Familie 1,5 Jahre in Burkina Faso. Über Jahre und Kontinente hinweg, pflegte die Familie den Kontakt zu den dort neu gewonne- nen Freunden - unter ihnen auch Pfarrer Tankpali Guitanga. Dieser machte sie bei einem Besuch 2009 erstmals auf die Situation der psychisch Kranken aufmerk- sam. Sechs Jahre später dreht Lilith Kugler als Studierende der ‚Audiovisuellen Medien‘ darüber einen Dokumentarfilm.
The Peaceful Bamboo Family: Hué, Zentralvietnam. Mit dem Fahrrad schlängele ich mich durch die schmalen Wege bergauf, vorbei an Familienhäusern, werde ab und zu mit einem fröhlichen „Hello!“ begrüßt und entferne mich weiter von der Stadt, passiere Reisfelder und stehe irgendwann vor einem großen Tor mit goldener Schrift: „There is no way to happiness, happiness is the way“. Nein, ich bin nicht an einem Märchenort angekommen, sondern an meinem Arbeitsplatz für ein Jahr, der Peaceful Bamboo Family. Hier wohnt und arbeitet eine Gemeinschaft von Erwachsenen und Jugendlichen
mit
Behinderungen
zusammen. In meinem einjährigen Freiwilligendienst 2013/14 hatte ich das Glück, diese Gemeinschaft intensiv kennenzulernen und mit ihr arbeiten sowie leben zu dürfen.
Ein Beispiel für Bruttonationalglück
Möglichkeit,
biodynami-
rem Mann die Peaceful
sche Landwirtschaft zu be-
Bamboo Family gründete,
treiben, Räucherstäbchen
erinnert sich gerne zu-
Die Gemeinschaft be-
ihren besonderen Fähig-
herzustellen, Mango-Mar-
rück.
steht seit 2009 mit dem
keiten zu einer Gemein-
melade
erklärten Ziel, die Ent-
schaft beizutragen. Damit
und Lack-Kunstwerke zu
diesen wunderbaren Ort
wicklung und soziale Inte-
steht gleichermaßen das
fertigen.
anpassen. Flexibel und
gration von Jugendlichen
Wohl der in der Gemein-
An einem friedlichen
stark, wie der Bambus,
mit
und/oder
schaft Lebenden, als auch
Ort, an dem einst Bam-
hat sich eine vielseiti-
körperlicher Behinderung
das Wohl ihrer Umgebung
bus
entstand
ge Gruppe an Menschen
zu fördern. Eine unterstüt-
im Mittelpunkt.
2007 der Keim für diese
zusammengefunden, mit
zende Pädagogik für Men-
Entsprechend
Lernstätte. Lisi Ha Vinh,
der wir zusammenarbei-
schen mit geistiger Behin-
net
die
ten“, sagt sie.
derung war zu Beginn der
Bamboo Family ganz
Arbeit von Eurasia, einer
besonders durch ihren
Schweizer Stiftung, die die
nachhaltigen Lebens-
Peaceful Bamboo Family
stil aus, der von Acht-
ins Leben rief, noch recht
samkeit, Naturschutz
neu in Vietnam.
und Respekt für die
geistiger
Die
Einrichtung
sich
die
zeichPeaceful
soll
soziale und spirituel-
v.a. Jugendliche mit Be-
le Umgebung geprägt
hinderungen fördern und
ist. In verschiedenen
ihnen nach der Schulzeit
Werkstätten
eine Möglichkeit bieten,
die Jugendlichen eine
64
einen Beruf zu
Ausbildung
erlernen und mit
Aktuell haben sie die
können machen.
zu
produzieren
wucherte,
zusammen
mit
ih-
„Wir wollten uns an
2009 kamen die ers-
eher eine Seltenheit ist.
ten 13 Jugendlichen, um
Alles bleibt im Kreislauf
gemeinsam in verschiede-
des Gartens, d.h., frucht-
nen Werkstätten zu arbei-
barer Dünger wird von den
ten.
aus dem Garten stammen-
Stark geprägt wird das
den Resten bereitet oder
Leben und Arbeiten durch
kommt von den Kühen,
den wohl ersten biodyna-
die das Unkraut im Garten
mischen Garten in ganz
fressen. Durch bewussten
Vietnam, in dem Obst und
Wechsel der auf den Fel-
Gemüse auf konsequent
dern angebauten Pflanzen
biologische Art und Wei-
wird für eine fortdauernde
se angebaut werden. Hier
Fruchtbarkeit des Bodens
wachsen unter anderem
gesorgt. Dies steht im Ge-
Papayas, Mangos, Ananas,
gensatz zur Monokultur,
Kürbis, Auberginen, Salat,
die in Vietnam oft prakti-
vietnamesisches Suppen-
ziert wird, weil bestimm-
kraut und Tee. Zusätzlich
te Nahrungsmittel für den
wird traditionelles regio-
Export vorgesehen sind.
nales Gemüse angebaut,
Die Peaceful Bamboo Fa-
so z.B. „Quà Và“, eine
mily bemüht sich zudem,
Baumfrucht, die es nur in
eine biodynamische Zer-
Zentralvietnam gibt, und
tifizierung
traditionelle medizinische
die ihr beim Verkauf ihrer
Heilpflanzen. In der Pea-
Produkte
ceful Bamboo Family wer-
würde, denn ohne die Ver-
den keine Pestizide ver-
wendung
von
wendet, was in Vietnam
Pestiziden
und
zu
erhalten,
zugutekommen
65
chemischen Düngemitteln
boo Family bewahrt, son-
und poliere viele Male,
ist der Aufwand größer
dern auch vietnamesische
bis die Bilder schön und
sische Tradition sind Räu-
und die Produktion nicht
Kunsttradition.
Traditio-
glatt sind und zur Ausstel-
cherstäbchen, die in der
so ertragreich wie die aus
nelle Lackarbeiten, deren
lung aufgehängt werden
Peaceful Bamboo Family
der konventionellen Land-
Grundmaterial
können. Das macht mich
ohne Zusatz von schäd-
wirtschaft.
Dementspre-
nächst verspachtelt und
glücklich.
liebsten
lichen Chemikalien, die
chend sind die Preise für
poliert wird, bevor man es
male ich Blumen, Häuser,
bei der Verbrennung frei-
die biodynamisch ange-
mit Lack verziert, entste-
Wasserbüffel und Men-
gesetzt werden könnten,
bauten Lebensmittel ein
hen in Vietnam seit über
schen.“
hergestellt werden.
wenig höher. In der Gar-
1000 Jahren.
ten-Werkstatt lernen die
In
Jugendlichen also biolo-
Werkstatt kreieren die Ju-
gisch-landwirtschaftliche
gendlichen ihre eigenen
Arbeit und entwickeln ein
Kunstwerke,
Bewusstsein für die Her-
verschiedene Lackschich-
kunft ihrer Nahrungsmit-
ten übereinander malen,
tel. Cò, einer der Jugendli-
sie mit Eierschalen ver-
chen, erzählt: „Auch wenn
zieren und dann polieren.
die Arbeit im Garten bei
Auch Schmuck und Post-
Regen oder Hitze hart ist,
karten werden hier ange-
ist hier mein Lieblings-
fertigt. Tién, gehörloser
ort. Wir bauen Obst und
Künstler vieler Lackbilder,
Gemüse an und ich fühle
erklärt
mich bei der Arbeit frei
sprache, wie seine Bilder
und nützlich.“
entstehen, was sie dar-
stellen und welche Freude
Aber nicht nur die Na-
66
der
Holz
zu-
Lackarbeit-
indem
durch
sie
Zeichen-
tur wird in der
sie ihm bereiten: „Ich la-
Peaceful
ckiere, male, schmirgele
Bam-
Am
Eine andere vietname-
Die Stäbchen werden
entstanden neue Wohn-
hier
Frucht-
ne reife Papaya im Garten
beispielsweise mit Safran
flächen, es kamen mehr
shakes kreiert. Besonders
zu ernten war, gibt es eben
statt mit chemisch her-
Jugendliche dazu und der
berühmt ist der Papaya-
für ein paar Tage keinen
gestellter Farbe gefärbt.
Garten wurde vergrößert.
shake, der ohne Zusatz von
Papayashake im Angebot.
Dafür wird Safranpulver
Mittlerweile sind etwa 80
Zucker oder Milch traum-
in Wasser gekocht und
Menschen täglich im Zen-
haft süß und erfrischend
ßerung
anschließend werden die
trum, zu dem ein mehr als
schmeckt. Im Unterschied
war zwar ein erhöhter Res-
Bambusstäbe
4 km2 großes Land-
hineinge-
stellt.
gebiet gehört, auf
Ein
für
Vietnam
dem sich nun neben
erstaunlicherweise unge-
Wohn-, Arbeits- und
wöhnliches Produkt ent-
Gemeinschaftsräu-
steht in der Koch-Werk-
men
statt: es ist die im Land
zimmer, ein inklu-
größtenteils
unbekannte
siver Kindergarten
Marmelade. Sie bietet eine
und ein Teehaus be-
wunderbare Möglichkeit,
finden. Im Teehaus,
regional typische Früchte
Schmuckstück der
in leckeren Mango- und
Peaceful
Ananas-Fruchtaufstrich
Family und künst-
zu verwandeln und ist bei
lerischer
den Jugendlichen und tou-
Ruhe,
ristischen
eingebettet in den
Besucher*in-
auch
Gäste-
Bamboo Ort
der
harmonisch
köstliche
Eine Folge der Vergröder
Einrichtung
Shari, Freiwillige in der Peaceful Bamboo Family: „Zwei Jahre nach meinem Freiwilligendienst besuchte ich die Peaceful Bamboo Family und ich konnte eine große Entwicklung in der Nachhaltigkeit des Projektes feststellen. Ich denke, dass die Gemeinschaft ein großes Vorbild im Bereich Nachhaltigkeit ist. Meiner Erfahrung nach ist dort einer der wenigen Orte in Hué, die ich persönlich kennen gelernt habe, wo auf Nachhaltigkeit Acht gegeben wird und sich nach und nach eine wirklich nachhaltige Gemeinschaft entwickelt hat.“
nen besonders beliebt.
traumhaften Garten, ser-
zu anderen Cafés sind hier
sourcenverbrauch
Seit ihrer Entstehung
vieren die Jugendlichen
nicht alle Sorten rund um’s
somit eine größere Aus-
wuchs die Peaceful Bam-
süße Leckereien.
Jahr zu erhalten, denn es
wirkung auf die Umwelt,
67
boo Family von
wird auf saisonale Produk-
gleichzeitig
Jahr zu Jahr, es
eigenen
te geachtet. Wenn mal kei-
auch an der Nachhaltig-
Mit dem Obst aus dem Garten
werden
wurde
und
aber
keit des Zentrums gear-
im
wachsenden
decken zu können. Die
beitet und neue Ideen zum
Chumket-Baumes her, die
Selbstversorgung ist zu-
Naturschutz sind entstan-
diese drei Produkte kom-
dem von Vorteil, da es in
den. Seit Beginn achtet die
plett ersetzen kann. Zwei
der Region oft zu Ausfällen
Gemeinschaft auf einen
Tage lang werden hierfür
der öffentlichen Stromver-
nachhaltigen Konsum, z.B.
die Früchte in Wasser ge-
sorgung kommt.
werden Essensreste auf
kocht und für den Duft an-
Somit wäre die Pea-
dem Kompost zu wertvol-
schließend
Zitronengras
ceful Bamboo Family bei
lem Dünger für die im Gar-
und Traubenblätter hinzu-
ihrer Entwicklung zu So-
ten wachsenden Pflanzen
gefügt.
larenergie, die sich bis-
umgewandelt. Unverwert-
Außerdem
investiert
her noch nicht in Vietnam
barer Müll landet nicht im
die Peaceful Bamboo Fa-
etabliert hat, ein Vorbild
Bach, der anderorts als
mily in erneuerbare Ener-
und Pionier. Die Anschaf-
Mülldeponie dient. Ihrem
gien und hat eine Solar-
fungskosten
neuen Ziel, eine müllfreie
anlage auf dem Dach, die
en Solaranlage, die auf
Gemeinschaft zu werden,
etwa 12 bis 14kWh Energie
einem kürzlich erbauten
nähert sich die Peaceful
pro Tag erbringt. Das ist
Wohnhaus im Garten an-
Bamboo Family durch ver-
zwar schon eine beacht-
gebracht
schiedene Schritte:
liche Menge, mit der man
werden zurzeit durch ein
Im Teehaus wird mitt-
etwa 2 Kühlschränke, 2
Fundraising-Projekt orga-
lerweile auf Plastikstroh-
Computer und 10 Glühlam-
nisiert.
halme verzichtet. Anstatt
pen einen gesamten Tag
Trotz allen Respekts,
Shampoo, Duschgel und
lang betreiben kann, aber
den die Peaceful Bamboo
Spülmittel in Plastikver-
die Gemeinschaft möch-
Family ihrer Umgebung ge-
packungen
kaufen,
te noch mehr Solaranla-
währt, muss die Gemein-
stellt die Gemeinschaft
gen anschaffen, um eines
schaft sich ständig vor
neuerdings
Tages ihren Eigenbedarf
Augen
an
dass
zu
eine
Sei-
fe aus den Früchten des
Garten
Energie
vollständig
einer
werden
führen, sie
sich
neu-
soll,
68
in einer Küstenregion befindet,
die
beson-
ders stark von Umweltschäden betroffen ist. So sind in den letzten Jahren die Klimabedingungen extremer und Stürme sowie Taifune zerstörerischer geworden. Überflutete
Stra-
ßen sind keine große Besonderheit
mehr
in der Regenzeit. Seit vergangenem Sommer verzichtet
ein
Groß-
teil der Bevölkerung der mittleren Küstenregion zudem auf den re-
Umgangs mit der Natur
Wir im globalen Nor-
ein großer Meeresfrüch-
gionalen Fischfang und
werden also viel unmittel-
den sollten uns dies öfter
te-Exporteur ist. Zudem
-konsum. Grund ist ein
barer wahrgenommen als
vor Augen führen, denn wir
sollten wir uns die Einrich-
Massensterben der Fische
an anderen Orten auf der
spüren noch nicht unmit-
tung als Vorbild nehmen,
im Meer, das wahrschein-
Welt. Diese unmittelbare
telbar den Klimawandel
denn sie ist wirtschaftlich
lich auf eine Verschmut-
Wirkung ist sicher auch
und auch eine Verschmut-
gewachsen und hat gleich-
zung durch eine Zentral-
ein Grund, warum sich die
zung des Südchinesischen
zeitig
vietnamesische
Fabrik
Peaceful Bamboo Family
Meeres beeinflusst unser
pektiert und nachhaltige
zurückzuführen ist. Aus-
so stark für den Schutz
Angebot im Supermarkt
Maßnahmen er-
wirkungen
der Umwelt einsetzt.
nicht,
griffen.
respektlosen
obwohl
Vietnam
die
Umwelt
res-
69
Wachstum
wirt-
ful Bamboo Family ist das
oder ihren eigenen Platz
Stellenwert und darf bei
schaftlicher Gewinn wer-
Verständnis von Glück und
in der Gemeinschaft. Ein
herkömmlichen
den sonst oft nur als
Wohlergehen. Gemeinsam
ganz besonderer Wochen-
chen Essen nicht fehlen.
einzige, für sich alleinste-
wird meditiert, Achtsam-
tag ist der Donnerstag, an
Vor dem Essen wird an die
hende Ziele gesehen; die
keits-Übungen
werden
dem sich alle nach der Ar-
Herkunft der Lebensmit-
Auswirkungen auf die Um-
gemacht und somit Kon-
beit besonders schön klei-
tel gedacht und den Bau-
gebung und den Planeten
zentration und Mitgefühl
den.
ern gedankt.
Erde, den die Mensch-
für Mitmenschen und die
heit
sich
Umgebung gestärkt.
vegetarisches
Abendes-
Gemeinschaft im Kreis zu-
teilt,
werden
Es herrscht eine Ge-
sen, welches symbolisiert,
sammen, meditiert und je-
ausgeblendet.
meinschafts-Atmosphäre,
dass zu einem guten Essen
de*r kann (mit-)teilen, was
man unterstützt sich ge-
nicht unbedingt Fleisch
ihm oder ihr auf dem Her-
genseitig und jede*r hat
gehört. Fleisch hat in Vi-
zen liegt.
als
etnam sonst einen hohen
für
und
als
Ganze meistens
Von großer Bedeutung das
gemeinschaftli-
che Leben in der Peace-
Individuum
seinen
Es gibt ein festliches
festli-
Anschließend sitzt die
Das Glücksverständnis
Gross National Happiness Gross National Happiness (GNH), zu Deutsch: Bruttonationalglück, ist eine Entwicklungsphilosophie und ein Indikator zur Messung des Lebensstandards einer Nation. Der GNH-Indikator wird vermehrt als Alternative zum Bruttonationaleinkommen gesehen, da er den Wohlstand einer Nation nicht lediglich auf monetärer Basis bestimmt, sondern auch soziale, kulturelle und umwelttechnische Aspekte beachtet. Seinen Ursprung hat Gross National Happiness in Bhutan, dessen König den Begriff in den 1970er Jahren prägte und dessen Integration in die öffentliche Politik vorantrieb. Mehr Infos unter www.grossnationalhappiness.com. und dessen Implementie-
nes Landes nicht nur auf
tuellem Erbe, drittens der
im
rung in der Gemeinschaft
wirtschaftliches
Wachs-
Umweltschutz und vier-
Bhutan und trägt seine
geht mit der Unterstüt-
tum zurückzuführen ist,
tens eine verantwortungs-
Erfahrungen
zung von ‚Gross Natio-
sondern
volle Führung.
die Gemeinschaft weiter.
nal Happiness‘ (GNH, zu
Glück und Wohlergehen.
Es ist somit vollständig
Auch in puncto Achtsam-
Deutsch:
Bruttonational-
Die vier Hauptsäulen
mit den 17 Zielen für nach-
keit und Glück können wir
glück) einher, einem al-
von GNH sind erstens
haltige Entwicklung der
etwas von ihr lernen:
ternativen Entwicklungs-
eine gerechte sozio-öko-
Vereinten Nationen ver-
paradigma
nomische
Entwicklung,
einbar. Tho Ha Vinh, Grün-
achtsamer auf die Natur,
die
zweitens die Förderung
der der Peaceful Bamboo
aufeinander und auch auf
Entwicklung ei-
von kulturellem und spiri-
Family, ist Mitwirkender
uns selbst zu sein. Ha-
71
aus
laut
Bhutan,
dem
vielmehr
auf
GNH-Programm direkt
von an
Wir können versuchen,
ben wir selbst nicht oft
same Momente, die einem
auch, Erfahrungen und
das Gefühl, der turbulen-
nachhaltig in Erinnerung
Methoden gezielt an an-
te Alltag rauscht an uns
bleiben, wie beispielswei-
dere weiter zu tragen. So
vorbei, ohne dass wir es
se der gemeinsame Don-
war sie eine der ersten
mitbekommen?
nerstagabend.
Einrichtungen in der Stadt
stress gibt es in der Pea-
Die vorbildliche nach-
Hué, die Fortbildungen im
ceful Bamboo Family mit
haltige, achtsame Lebens-
Bereich
den vielen Workshops und
weise der Gemeinschaft
gik anbot. Mehrmals im
im Einklang mit der
Jahr kommen Lehrer*in-
Natur
geschieht
nen und Erzieher*innen
glücklicher weise
hier zusammen, um sich
nicht isoliert und
mit dem Thema Bildung
im Geheimen. El-
von Menschen mit Be-
tern der Jugendli-
hinderungen auseinan-
chen,
Nachbar*in-
der zu setzen. Beson-
nen, Freund*innen,
derer Fokus liegt hier
Freiwillige und Be-
auf sozialem und emo-
mily statt und Studierende
sucher*innen
er-
tionalem Lernen, wonach
sowie
fahren vom nach-
soziale Kompetenzen bei-
chen die Einrichtung, um
haltigen Lebensstil,
spielsweise durch Über-
bei der Gartenarbeit zu
passen möglicher-
nahme von Verantwortung
helfen und biodynamische
weise
Sicht-
für die Gemeinschaft und
Landwirtschaft zu erler-
weise und ihr Ver-
durch gegenseitiges Un-
nen.
halten an und kön-
terstützen gefördert wer-
Alltags-
ihre
Sonderpädago-
Freiwillige
besu-
In Zusammenarbeit mit
Haushaltsarbeiten genug,
nen als Multiplikator*innen
den sollen.
mehreren
dennoch nimmt sich die
fungieren.
Auch landwirtschaftli-
der Stadt hat die Lernstät-
Gemeinschaft
Nebenher versucht die Pe-
che Schulungen finden in
te ein Projekt ins
aceful Bamboo Family aber
der Peaceful Bamboo Fa-
Leben gerufen,
bewusst
Zeit für gemeinsame, acht-
Grundschulen
72
durch das bereits mehr
ter oder zur Mitgestal-
als 600 Grundschulkinder
terin wird.
biologische Gartenarbeit
Aber nicht nur an-
und
dere lernen von der
den
respektvollen
Umgang mit der Umwelt
Gemeinschaft,
entdecken sowie eine Ver-
dern auch Mitglieder
bindung zur Natur aufbau-
der Peaceful Bamboo
en können. Dieses Projekt
Family lernen durch ei-
soll noch weiter ausgebaut
nen regen Austausch
und ein neues Stück Land
mit anderen Einrich-
als ‚Trainings-Garten‘ an-
tungen dazu. So haben
geschafft werden. Durch
einige
das Bildungsangebot hat
de Einrichtungen für
es
Paradigmen-
Menschen mit Behin-
wechsel gegeben, sodass
derung in Europa und
die Jugendlichen, die einst
den USA oder biody-
die Lernenden waren, nun
namische
als Lehrende agieren kön-
in Indien besucht, um
nen. Einige der Jugend-
von ihnen zu lernen
lichen werden nächstes
und ihre Erfahrungen
Jahr ein Diplom abschlie-
nach Vietnam zurück
nen Veranstaltungen, wie
Gemeinschaft jedes Jahr
ßen, welches sie offiziell
zu tragen. Außerdem hat
z.B. auf der städtischen
Familien und Freund*in-
als ausbildende Mitarbei-
sich seit der Gründung
Feier zum Tag der Bildung,
nen einlädt, macht die
tende
Dies
nachhaltig der Blick vie-
durch die Teilnahme am
Peaceful Bamboo Family
ist ein Schritt hin zu ei-
ler Vietnames*innen auf
jährlich stattfindenden Ju-
auf
sich
ner Gemeinschaft, in der
Menschen mit Behinde-
gend-Fußballturnier oder
und
trifft
73
rung
Durch
durch die festliche Weih-
und positiven Zuspruch.
Auftritte auf verschiede-
nachtsfeier, zu der die
Die
einen
qualifiziert.
jedes zum
Mitglied Mitgestal-
son-
Mitarbeiten-
Landwirte
verändert.
aufmerksam auf
Auftritte
Respekt überzeu-
Menschen mit Behinderung in Vietnam: Während des Vietnamkriegs (1955-1975) versprühten die USA das chemische Entlaubungsmittel Agent Orange über viele Flächen Vietnams, um Nutzpflanzen zu zerstören und Wälder zu entlauben, die dem kommunistischen Feind, dem Vietcong, als Tarnung dienten. Das Mittel war mit giftigem Dioxin verunreinigt, welches Fehlbildungen, Krebs und andere Krankheiten verursacht. Insgesamt wird geschätzt, dass mehr als 1 Million Menschen in Vietnam Behinderungen oder andere Krankheiten durch Agent Orange davontrugen, darunter etwa 100 000 Kinder. Da der Stoff sehr persistent ist und lange in der Umwelt verbleibt, leidet die vietnamesische Bevölkerung noch heute an den Nachwirkungen
gen die Zuschauer*innen
baut werden, wie z.B. die
davon,
Menschen
Kooperation, die mit einer
mit Behinderungen ihre
französischen Bäckerei in
besonderen
der Stadt besteht, die der
dass
Fähigkeiten
sinnvoll einsetzen und da-
Gemeinschaft
durch bemerkenswerte Er-
ßig eine bestimmte Men-
gebnisse erzielen können.
ge an Marmelade abkauft.
Ein
abschließender
Weitere Ziele der Peaceful
Aspekt betrifft die Finan-
Bamboo Family sind es,
zierung dieser großarti-
durch die Ausbildung eini-
gen Einrichtung. Bisher
gen der Jugendlichen die
war die Peaceful Bamboo
Integration in einen Beruf
Family finanziell sehr ab-
auf dem Arbeitsmarkt und
hängig von ihrer Grün-
somit eine finanzielle Ei-
derstiftung Eurasia, wurde
genständigkeit zu ermögli-
aber in den letzten Jahren
chen. Und eines ist sicher:
im Bereich des sozialen
Sie wird nicht aufhören,
Unternehmertums aktiver
ihre Botschaft weiter zu
und strebt an, eines Tages
tragen.
wirtschaftlich eigenständig zu sein. Der Verkauf von
Räucherstäbchen,
Lackarbeiten,
Marmela-
de, Obst und Gemüse soll die Einkünfte der Gemeinschaft sichern. Hierzu sollen die Geschäftskontakte zu Großabnehmern ausge-
regelmä-
des verunreinigten Bodens. Jedes Jahr werden mehrere Tausend Menschen mit Behinderungen geboren und betroffene Familien erfahren wenig Unterstützung. Diesen zu helfen, machte die Organisation Eurasia sich zur Aufgabe, half betroffenen Familien zunächst materiell und baute nach und nach fördernde Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. So entstand auch die Peaceful Bamboo Family. Die Anfänge waren für Eurasia nicht leicht, da Menschen mit Behinderungen in der vietnamesischen Gesellschaft meist nicht anerkannt waren. Eurasia setzt sich für die Anerkennung, Bildung und Integration von Menschen mit Behinderungen ein und hat schon große Fortschritte erzielt. Links zum Thema: Eurasia Foundation and Association Die Anfänge
Hanna Adam absolvierte 2013/14 einen internationalen Freiwilligendienst in der Peaceful Bamboo Family, einem Lernzentrum für Jugendliche mit Behinderungen in Vietnam. Beeindruckt von der nachhaltigen Lebensweise, dem Glücksverständnis und der Achtsamkeit der Gemeinschaft entschied sie sich, diese Nachricht weiterzutragen.
75
Teilen statt Tauschen: Eine Welt nach Bedßrfnissen und Fähigkeiten
Ich wohnte in einer Kleinstadt, als ich noch studierte.
Alles, was ich brauchte, war zu Fuß erreichbar und die ebenen Straßen wurden von vielen Fahrrädern befahren. So auch von meinem. Das erste, das ich hatte, ein altes von meinem Opa, wurde über die Weihnachtszeit aus dem Hinterhof gestohlen. Mein Onkel brachte mir ein paar Wochen später ein Fahrrad vorbei, das er auf dem Schrottplatz gefunden und wieder fahrtauglich gemacht hatte. Dazu schenkte er mir zwei Schlösser. Ich erinnere mich noch an einen Tag, als ich nach Hause kam, das Fahrrad ein bisschen widerspenstig im Hof ankettete und eine leise Wut in mir aufkam.
Ich will mein Fahrrad nicht anketten. Irgendetwas in
mir sträubte sich dagegen und ich fragte mich: Was soll das überhaupt? Wieso schließen wir unsere Fahrräder ab, unsere Haustüren zu, als müssten wir jeden Augenblick aufpassen, dass uns nichts weggenommen wird? Müssen wir unsere Besitztümer wirklich so verteidigen? Und wenn ja, warum?
Ich will mein Fahrrad nicht anschließen. Ich will nicht
so leben, als würde mir ständig weggenommen werden, was ich brauche. Aus meiner Wut entwickelte sich eine Utopie.
77
Eine Vorstellung von dem, wie es sein könnte.
Weil wir nur zusammen eine Zukunft gestalten kön-
nen, die uns allen etwas bedeutet, teilen wir unsere Träume, Pläne und den kreativen Prozess dorthin. Aus einsam wird durch Mitwirkung gemeinsam.
Zu Beginn steht die Konstruktion einer Utopie. Sie ba-
siert auf der Vorstellung, dass wir uns als Menschen den Planeten Erde als gemeinsames Zuhause teilen. Wie eine große WG. Ich stelle mir die Frage: Wie können wir als Weltgemeinschaft dafür sorgen, dass wir alle ein „gutes Leben“1 haben? Und komme zu der Antwort, dass dies der Fall wäre, sobald unsere Bedürfnisse erfüllt sind. Daraus ergeben sich zwei weitere Fragen: 1. Was brauchen und was haben wir? (Was sind unsere Bedürfnisse, Ressourcen, Fähigkeiten etc.) 2. Wie wollen wir zusammen leben, also mit unseren Bedürfnissen, Ressourcen, Fähigkeiten, Wissen etc. umgehen? Die erste Frage kann beantwortet werden, indem wir uns unsere Bedürfnisse und Ressourcen (sowohl der materiellen als auch der immateriellen) bewusst machen und diese mit unseren Mitmenschen kommunizieren.
78
Benutzen statt besitzen – ein bisschen Utopie
So banal es klingt, so außergewöhnlich ist es: Nimm dir Zettel und Stift und ein paar Minuten deiner Zeit, um deine Bedürfnisse und Fähigkeiten aufzuschreiben. Was brauchst du? Ein Bett, eine Umarmung, Nahrung, aufmunternde Worte, Aufmerksamkeit? Und steckt vielleicht noch ein anderes Bedürfnis hinter dem Aufgeschriebenen? Was kannst du besonders gut? Wie kannst und willst du andere unterstützen? Teilst du deine Bedürfnisse mit? Wer ist verantwortlich für deren Erfolg?
Die zweite Frage beantworte ich mit
„Teilen“. In unserem Lebensraum gibt es verschiedenste Ressourcen, die wir gemeinsam nutzen und als Commons verwalten und pflegen können. Commons sind Ressourcen wie Wissen, Nahrung, Energiequellen, Wasser, Land u.a., die aus selbstorganisierten Prozessen des gemeinsamen bedürfnisorientierten Produzierens, Verwaltens, Pflegens und/oder Nutzens
79
hervorgehen.
Legen wir die Tausch- und Verwer-
tungslogik ad acta, heißt das auch, dass wir uns von Eigentumsansprüchen lösen. Letzten Endes bedeutet Eigentum einen größeren (legalen) Anspruch auf eine Ressource zu haben als andere. Völlig unabhängig davon, ob die Ressource vom Eigentümer benötigt oder sinnvoll genutzt werden kann. Dies hat zu einer extrem ungleichen Verteilung von Ressourcen und letztlich auch dazu geführt, dass Menschen hungern und frieren, während gleichzeitig Lebensmittel und Kleidung tonnenweise im Müll landen. Die Produktion und Koordination von Gütern wäre dann an unsere Bedürfnisse gekoppelt und nicht mehr länger daran, wie viel Profit ein Unternehmen damit machen kann. Wir könnten langlebige und sinnvolle Produkte produzieren und auch auf die Bedürfnisse unseres Planeten achten, statt ihn weiterhin auszubeuten. Unsere Beziehungen wären nicht mehr länger von Konkurrenz geprägt,
80
sondern vielmehr von Vertrauen und Miteinander. Wenn wir uns als Teil einer (Welt-)Gemeinschaft sehen, sind wir daran interessiert, dass die Gemeinschaft bestehen bleibt und es allen Mitgliedern gut geht. Alles, was ich zur Gemeinschaft beisteuere, kommt also mir selbst zugute. Und auch alles, was andere dazu beisteuern.
Wir könnten sinnvollen Tätigkeiten nachgehen
und dabei unser Potential entfalten.
Eine Ökonomie des Teilens würde bedeuten, dem Kapi-
talismus den Rücken zuzukehren. Beim Teilen funktionieren kapitalistische Mechanismen nicht mehr. Die Möglichkeit, einen Mehrwert zu erziehen, fällt weg. Stattdessen können wir uns voll darauf konzentrieren, eine Gesellschaft zu kreieren, die darauf ausgerichtet ist, die Bedürfnisse aller zu erfüllen und die Fähigkeiten jeder und jedes Einzelnen zu fördern. Teilen ist etwas, das auf theoretischer Ebene durchdacht und auch ‚zerdacht‘ werden kann. Was aber viel wichtiger ist, damit sich Menschen auf diese neue Art des Miteinanders einlassen, sind Erfahrungen.
Deswegen ist im Frühjahr 2017 die Idee einer Sharing-
Flake entstanden. Eine Konstruktion, die erstmals im Sommer 2017 über verschiedene Festivals und Veranstaltungen gezogen ist und die es Menschen ermöglicht, miteinander zu teilen.
81
Die
Flake Vision Eine Gesellschaft, die auf Selbstbestimmung, Vertrauen und Kollaboration basiert, welche allen Menschen die Möglichkeit gibt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und die Ökosysteme für alle Lebewesen bewahrt. Das soziale Experiment der Flake dient als Impuls für Menschen, das Konzept des Teilens in ihrem lokalen Wirkungskreis umzusetzen und weiter in die Welt zu tragen: Lokale Hingabe für globale Verantwortung.
Tauschen ist Schnee von gestern Die Flake ist eine Konstruktion, die es Menschen erleichtert, miteinander in Kontakt zu kommen, sich zu vernetzen und zu teilen, indem sie ihre Bedürfnisse und Ressourcen auf Kärtchen schreiben und auf der Flake transparent machen. Von oben sieht die Flake aus wie eine Schnee-Flocke, daher der Name. Jeder Arm der Flake steht für eine Kategorie (z.B. Fähigkeiten, Dinge, Mitfahrgelegenheiten, Wissen, Gedichte, Projekte, Veranstaltungen usw.).
82
Teilen Das Teilen zugunsten gemeinsamer Ideen ist ein seltenes Erlebnis. Die Bedürfnisse unserer Mitmenschen, ihre Ressourcen und Ideen sowie Möglichkeiten der gemeinsamen Vernetzung und Unterstützung bleiben uns häufig verborgen. Außerdem werden Beziehungen von Tauschlogiken dominiert: Ich helfe dir nur, wenn auch du mir hilfst. Um dieses Gedankenmodell/System aufzubrechen, schafft die FLAKE einen Erfahrungsraum für die Idee des‚ Teilens‘ statt des ‚Tauschens‘, der dazu einlädt, Konzepte wie Eigentum, Markt und Profit neu zu denken und gemeinsam zu gestalten. Teilen bedeutet für uns Gemeinschaft fördern, miteinander lernen, Zugänge schaffen, Verschwendung vorbeugen, Haben minimalisieren und Sein sowie Freude und Glück maximieren. Teilen ist aktiv und lebendig, es fördert Selbstbestimmung und Selbstorganisation.
83
Erfahrungsbericht Ihren ersten großen Auftritt hatte die Flake auf dem MOVE-Utopia. Fünf Tage lange wurde die Flake von 1000 Menschen neugierig begutachtet, mitgestaltet und gefeiert. Nach einiger Zeit begannen manche sich Stoff-Patches auf die
Wir hatten viele Gespräche und konnten Menschen
T-Shirts zu pinnen, auf denen ihre Bedürfnisse
mit unserer Begeisterung anstecken. Schon nach
und Fähigkeiten sichtbar wurden. Innerhalb
zwei Veranstal-tungen kamen erste Anfragen von
einer Stunde bekam ein junger Mann einen
Menschen, die eine eigene Flake initiieren wollten oder uns
neuen Haarschnitt, Mitfahrgelegenheiten
auf andere Veranstaltungen einluden. Einblicke in die Fla-
wurden gefunden, eine erstaunliche Über-
ke-Tour gibt es auch auf flake.world. Teilen macht Freude
sicht an ähnlichen Veranstaltungen und
und diese steckt an!
Projekten entstand. Die Fähigkeiten-Kategorie war am Ende besonders gut gefüllt. Die Flake bekam einen neuen ‚Arm‘, den wir‚ regionale Vernetzung‘ nennen. Über E-Mail-Listen oder kleine Treffen auf der Veranstaltung konnten sich Menschen, die in einer Stadt wohnen, kennenlernen, um gemeinsam aktiv zu werden.
Anhalten – Neu machen – Umdenken: Drei Ebenen gesellschaftlicher Transformation Anhalten – Neu machen – Umdenken.
Einige Wochen später fand in Berlin das erste
Anhalten: Was läuft gerade falsch? Den Zug zum Stehen
Vernetzungstreffen statt.
bringen, der auf den Abgrund zurast. Systeme und Mechanismen anhalten, die irreversible Schäden verursachen. Beispiele sind die Rodung von Wäldern, Massentierhaltung, Kohleabbau oder die Produktion von Plastik und Müll. Aber auch menschenfeindliches oder autoritäres Verhalten.
84
Beispiel: Kohle stoppen – Klima schützen: www.ende-gelaende.org
Neu machen: Es bedarf Systeme und Mechanismen, die die bisherigen überflüssig machen zugunsten der Ausarbeitung und Umsetzung von neuen Konzepten auf dem Weg in eine nachhaltige, zukunftsfähige Gesellschaft. Sowohl im Umgang mit unserem Lebensraum und unseren Ressourcen, als auch im sozialen Miteinander. Wie kann Gesellschaft strukturiert sein, sodass sich alle Menschen mit einbringen und ihr Potential entfalten können? Wie gehen wir mit Ungerechtigkeit und Diskriminierung um? Beispiel: Solidarische Organisierung regionaler Nahrungsmittelversorgung: www.solidarische-landwirtschaft.org
Umdenken: Damit die neuen Konzepte umsetzbar sind und von vielen Menschen getragen werden, ist ein vielschichtiges Umdenken nötig. Gewohnheiten hinterfragen, die Komfortzone erweitern, sich dem kreativen Prozess hingeben, um neue Möglichkeiten und Wege zu finden. Erst mit einem umfassenden Bewusstseinswandel ist nachhaltige, tiefgreifende Transformation möglich. Unsere Verhaltensweisen und Handlungen basieren auf Gedankenmustern, die sich etablieren, je nachdem, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wenn ich nie etwas geschenkt bekommen habe und immer hart arbeiten musste, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, wird sich mir dieser Gedanke fest einbrennen und mein Handeln beeinflussen. Sobald ich neue Erfahrungen mache, die nicht dem gewohnten Gedankenmuster entsprechen, kann ich meine Glaubenssätze hinterfragen. Zum Beispiel nach dem Besuch einer solidarisch organisierten Veranstaltung, wie von livingutopia2 oder der undjetzt?!-Konferenz3.
85
Fßr eine tiefgreifende und anhaltende Transformation sind Veränderungen auf allen drei Ebenen notwendig, die eng miteinander verwoben sind. Besonders wichtig ist es deshalb zu schauen, in welchem Bereich ich selbst aktiv sein mag. Die eigenen Leidenschaften damit zu verbinden, was die Welt gerade braucht.
Denn in meinen Augen braucht die Welt vor
86
allem Menschen, die ihrem Herzen folgen und das nach auĂ&#x;en tragen, was in ihnen lebendig ist.
Rosina Klotz hat ihr Sozialwissenschafts-Studium erfolgreich abgebrochen mit der Absicht, zu lernen, was und wie sie möchte und frei das zu entfalten, was in ihr steckt. Ihre Zeit steckt Rosina in Projekte rund um das Thema gesellschaftliche Transformation. Dabei hat sie die Vision einer Welt, die gemeinsam und durch gemeinschaftliches Zusammenwirken gestaltet wird und es allen Menschen ermöglicht, selbstbestimmt zu leben.
Weitere Projekte mit ähnlichen Visionen: Keinruhigeshinterland, Das Mädchen im Park, Ecobasa
1
www.pachamama.org
2
www.livingutopia.org
3
www.undjetzt-konferenz.de
Hierfür noch eine kleine Übung: Nimm dir ein Blatt Papier und teile es in drei Spalten. Über die erste schreibst du ‚Was mich lebendig macht‘ und darunter listest du all das auf, wofür du brennst, was dir Freude macht. Nun schreibst du über die dritte Spalte ‚Was die Welt braucht‘ und schreibst alles auf, was deiner Meinung nach anders laufen sollte und verändert werden muss. Als letztes schreibst du über die zweite Spalte ‚Verbinde ich mit dem‘. Jetzt kannst du Linien zwischen der ersten und der dritten Spalte ziehen und diese mit Handlungen benennen. Liebst du Musik und die Welt braucht mehr Klimagerechtigkeit, könntest du z.B. ein Lied darüber schreiben.
Recycling in Togo Aus Plastikabfall wird eine Tasche
Togo ist ein ruhiges Land in Westafrika, relativ
klein und zurzeit nicht in den Schlagzeilen, sodass die meisten Menschen es nicht kennen. In dem Land mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von rund 30°C ist eines der wichtigsten Dinge WASSER. Doch in fast keinem Haushalt gibt es fließendes Wasser. Zum Kochen, Duschen und Wäsche waschen wird Wasser von einer nahegelegenen Pumpe oder einem Brunnen geholt.
Obwohl es in Togo sehr warm ist, geht fast nie-
mand mit einer Flasche Wasser, sondern mit Kleingeld in den Taschen aus dem Haus. Denn überall in den Städten und Orten gibt es Kinder und Frauen, die den ganzen Tag durch die Straßen und über die Märkte laufen und Wasser verkaufen. Typischerwei-
In fast keinem Haushalt gibt
es fließendes Wasser
se tragen sie eine große Schüssel auf dem Kopf, in der sich viele Plastiktüten mit jeweils 500ml Wasser befinden. Für 25 FCFA (umgerechnet 4 Cent) kann so eine Tüte Wasser gekauft werden. Ausgetrunken ist sie schnell und der Plastikmüll wird meist am Straßenrand liegen gelassen. Das führt dazu, dass Straßen und Wassergräben vermüllen und es stellt inzwischen ein gravierendes Umweltproblem dar.
Vor fast zwei Jahren nahm Clothilde
Doch in der Stadt Kara im Nor-
daher an der Schneider*innenaus-
den von Togo gibt es nun ein Projekt,
bildung teil und ist seitdem im Pro-
welches versucht, dieser Umwelt-
jekt angestellt. Sie bekommt jeden
verschmutzung
Monat ihren festen Lohn und hat
entgegenzuwirken.
Das Prinzip ist simpel. Die leeren
nun auch mehr Zeit für ihre beiden Kinder. Innerhalb
Wasserbeutel werden gesammelt,
von einem Monat erlernten die Schneider*innen die
recycelt und zur Produktion für wasserfeste
nötigen Techniken, um die Plastiktüten zu verarbeiten.
Taschen, Rucksäcke und Portemonnaies ver-
Dann wurde die Produktion aufgenommen. Diese läuft
wendet. Mit finanzieller Unterstützung der
wie folgt ab: Zunächst werden die benutzen Wassertü-
französischen Botschaft wurde das Projekt
ten gesammelt, aufgetrennt und gründlich gewaschen.
gestartet. Zunächst kamen Leute aus Benin,
Anschließend müssen sie getrocknet und gebügelt
welche bereits Erfahrungen in diesem Bereich
werden. Danach können sie von den Schneider*innen
hatten und bildeten 15 Schneider*innen aus.
verarbeitet werden. Die fertige Ware
Eine von ihnen ist Clothilde. Sie ist 25 Jah-
wird dann auf Märkten und Straßen
re alt und hat die Schule in
verkauft. Schon für 150 FCFA kann
der zwölften Klasse ohne Ab-
man ein Portemonnaie erwerben. Für
schluss abgebrochen. Seit-
den Verkauf ist u.a. Alexis zuständig.
dem verkaufte sie selbstge-
Der Geschichtsstudent konnte sein
brautes Tschukbier auf dem
Studium aufgrund fehlender finan-
Markt. Das ist allerdings eine
zieller Mittel nicht beenden. Seit
sehr kräftezehrende Arbeit,
2016 ist er nun für die Werbung
da das Bier nachts gebraut
und den Verkauf der recycelten
und tagsüber verkauft wird.
Taschen zuständig.
Vor zwei
Jahren nahm
Clothilde an der Schneider* innen-
ausbildung teil
Mit seinem Motorrad fährt er zu Unter-
nehmen, Schulen und auf Märkte in der ganzen Region von Kara und verkauft die Taschen. Zu Beginn war es jedoch nicht einfach, die Bevölkerung von den recycelten Taschen zu überzeugen. Es war viel Zeit und Aufklärungsarbeit nötig, um den Menschen
Schulkinder benutzen
Maistüten als Schulranzen
die Vorteile der Produkte näher zu bringen. Auf großen Versammlungen und Kongressen wurde Werbung gemacht und über den Umweltschutz gesprochen. Spätestens mit Beginn der Regenzeit war der Nutzen der recycelten Taschen nicht mehr abzustreiten. Denn v.a. Schulkinder müssen oft eine weite Strecke zur Schule laufen. Viele tragen ihre Hefte dabei unter dem Arm, ande-
Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem wird
re benutzen leere Maistüten als ‚Schulranzen‘.
in den Ferien Jugendlichen erklärt, wie sie
In einer Tasche aus recycelten Wassertüten
selbst mit einer guten Idee Geld beantra-
haben alle Schulsachen Platz und bleiben tro-
gen, ein Projekt starten und so ihre Zu-
cken!
kunft selbst in die Hand nehmen können.
Das Projekt fördert nicht nur den Umwelt-
Einige Jugendliche haben sich zusammen-
schutz, indem herumliegender Plastik-Müll
geschlossen und arbeiten an einem Pro-
auf Straßen und Feldern reduziert wird und
jekt, um einfache Häuser zu bauen und an
die Wassergräben sauberer werden, sondern
Studierende zu vermieten. Denn in
es sensibilisiert auch die Menschen und hat
der Universitätsstadt Kara ist Wohn-
raum für Student*innen kaum bezahlbar.
Inzwischen sind erste Erfolge für das Recy-
der Umwelt etwas Gutes tue.“
clingprojekt zu verzeichnen. So gibt es bei-
Auch wenn in Deutschland re-
spielsweise Kinder, die nach der Schule
lativ wenig Müll auf den Stra-
die leeren Wassertüten sammeln und an-
ßen liegt, so produzieren wir
schließend kiloweise verkaufen. Auf eini-
trotzdem viel zu viel Plastik-
gen Versammlungen und Festen wurde da-
abfall. Dass z.B. Plastiktüten
mit begonnen, den Plastikmüll dem Projekt
in Geschäften nun kosten-
zur Verfügung zu stellen.
pflichtig sind oder gar nicht
Aber es gibt auch Schwierigkeiten. So
mehr angeboten werden, soll
musste zwischenzeitlich die Produktion
helfen, den Verbrauch zu reduzieren
gestoppt werden, da die Nachfrage zu ge-
und das Bewusstsein für dieses Prob-
ring war. Mit Beginn der Regenzeit und dem
lem zu wecken. Doch es gibt noch viel
neuen Schuljahr konnte sie aber wieder
mehr Möglichkeiten, etwas zu tun. Wer
aufgenommen werden. Die Mitarbeiter*in-
weiß, vielleicht wird es bei uns auch
nen sind zuversichtlich, dass das Projekt
bald mehr bunte Taschen und Rucksä-
weiter wachsen und die Umwelt verbessern
cke aus recyceltem Plastikmüll geben.
wird. Alexis meint: „Ich erkläre den Leuten immer, dass selbst wenn sie ihr Haus sauber halten und die Lebensmittel gut lagern, sie sich schnell Krankheiten einfangen können, solange auf den Straßen und in den Wassergräben Müll rumliegt. Der ist Brutstätte für Mücken und andere Insekten, die Krankheiten übertragen. Auch wenn es nicht alle verstehen, mache ich die Arbeit gerne, weil ich weiß, dass ich damit
Anna-Sophie Kupper ist Studentin der Sozialen Arbeit in Leipzig. Zuvor absolvierte sie 2015 / 2016 einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst im Norden von Togo. Während dieser Zeit engagierte sie sich v.a. in der Kinder- und Jugendarbeit vor Ort. Dabei lernte sie u.a., welche wichtige Rolle die Natur für das Leben der Menschen spielt. Seit ihrer Rückkehr versucht sie, mit möglichst vielen Leuten ihre Liebe zu Land und Leuten zu teilen.
Kreative Forschung als Quelle für Nachhaltige Entwicklung
„Jeder Mensch ist ein Künstler [bzw. eine Künstlerin]“,
sagte Joseph Beuys. Doch was hat das mit einer nachhal-
tigen Entwicklung zu tun? Mit seiner Aussage möchte er zu verstehen geben, dass jeder Mensch das Potenzial und die Möglichkeit hat, sein Umfeld bewusst und aktiv mitzu-
gestalten. Es geht darum, reflektiert mit seiner Umgebung umzugehen und daraufhin Veränderungen einzuleiten, die
einer Vision folgen. Dazu gehört, die Möglichkeit zu einem
Wandel zu erkennen und sie zu nutzen. Und so ist es auch auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung. Hierbei
spielen Bildungseinrichtungen eine entscheidende Rolle, da sie nicht nur disziplinäre Grundlagen, sondern auch Werte und Grundhaltungen vermitteln. Nicht nur Fachkenntnisse,
sondern Gestaltungskompetenzen entscheiden, auf welche Art und Weise wir unsere Lebenswelt verändern können. Selbstständigkeit und Motivation, zielorientiertes und vor-
rausschauendes Handeln und Reflexion sind Grundlagen
dieser Kompetenzen und nehmen einen steigenden Stellenwert in der heutigen Zeit ein.
Das Versprechen unserer Hochschulen an die Welt // Third Mission
93 und Universitäten wurde und wird weiterhin erwartet, dass sie einen aktiven Beitrag zur Umsetzung des SDG Nummer 4 ‚Hochwertige Bildung‘ leisten: Bildung für Nachhaltige Entwicklung, dessen UN Dekade 2015 endete, jedoch weiterhin einen enormen Stellenwert für unsere Zukunftsfähigkeit einnimmt. So unterzeichneten 2010 Deutschlands Bildungsstätten, dass sie in dreifacher Hinsicht dieses Ziel verfolgen: Erstens in der Forschung über Nachhaltigkeitsthemen, zweitens in der Lehre als Bildung für Nachhaltige Entwicklung, die Menschen zum autonomen Denken und Handeln befähigt und drittens im Betrieb im Sinne des sozial-ökologischen Managements.
Dieser Entschluss war die Geburtsstunde des IINE (In-
tegratives Institut Nachhaltige Entwicklung), mit drei unterschiedlichen Nachhaltigkeits-Studiengängen und einer speziell dafür eingerichteten Professur an der Hochschule Bochum, die sowohl innerhalb der Hochschulstrukturen als auch über ihre Grenzen hinaus, einen Beitrag zur Umsetzung von Nachhaltigkeit leisten. Die Initiierung eines Repair-Cafés an unserer Hochschule, Nachhaltigkeitsberatungen in
Fünfundzwanzig Jahre nach der Weltkonferenz von Rio
Start-Ups oder die Entwicklung einer Fair-Trade-Kooperati-
hat sich Nachhaltigkeit als Leitbild in den gesellschaftli-
on mit Olivenölproduzent*innen in Spanien sind einige Bei-
chen Diskursen etablieren können. V.a. von Hochschulen
spiele der geplanten und ausgeführten Projekte.
Ein transformatives, integratives Studium in Bochum
rolle spielen […], sondern die ausgebildete Fähigkeit, das scheinbar zerrissene Bild der Einzelerscheinungen in den organischen Zusammenhängen zu empfinden und schließlich zu verstehen.“ Rund 90 Jahre später konnte sich diese Haltung – zumindest zum Teil – in der Wissenschaft und an vielen Hochschulen erneut etablieren. Ein Glück, denn um ziel- und aufgabenorientiert handeln zu können, ist dieser integrative Aspekt und der Einbezug vieler Akteur*innen
Ziel ist es, die Studierenden in einem transdisziplinären
wichtig und ausschlaggebend. In der transformativen Wis-
Studiengang auf die Bewältigung der komplexen Heraus-
senschaft, also einer Wissenschaft, die sich mit dem Wan-
forderungen unserer heutigen Welt vorzubereiten. Neben
del und seinen Möglichkeiten beschäftigt, sehen sich die
natur-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen-
Forschenden niemals rein als objektive Betrachter*innen,
feldern wird besonderer Wert auf die Vermittlung ethischer
sondern vielmehr als Gestalter*innen.
und systemtheoretischer Grundlagen gelegt. Denn alles um uns herum kann als System verstanden werden – seien es Ökosysteme, soziale Systeme oder ökonomische Systeme (ja, sogar das ganze System Erde!) –, deren Elemente in Abhängigkeit zueinanderstehen.
Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhun-
derts sah der Künstler Wassili Kandinsky die Wissenschaft wieder auf dem Weg hin zu einem synthetischen Denken, in dem die vergessenen Beziehungen zu den einzelnen Teilelementen wiederentdeckt werden: „Wenn man heute wirklich nicht weiß, was eigentlich unter dem Begriff Bildung […] verborgen ist […], so darf doch mit vollem Recht behauptet werden, dass nicht eine kleinere oder größere Anhäufung von speziellen [Fach]Kenntnissen hier die Haupt-
Bildung und Forschung für eine Nachhaltige Entwicklung
der Hochschulstrukturen umgesetzt. In der Nachhaltigkeitswissenschaft gehört die Kreativität immer zur Wissenschaft dazu. Kunst hat einen eigenen Platz in der Darstellung und Aufbereitung von Forschungsergebnissen bzw. -prozessen. Künstlerische Tätigkeiten eröffnen hier neue Denk- und Sichtweisen, die es braucht, um das langfristige Ziel einer nachhaltigen Entwicklung für alle zu erreichen.
Durch selbst initiierte, studienbegleitende Projekte kön-
nen die Studierenden in realweltlichen Zusammenhängen eigenständig das erlernte Wissen und kreative Herangehensweisen anwenden und kontextualisieren, die nötige Grundhaltung wie Offenheit für Neues und Verantwortungsübernahme erwerben sowie verinnerlichen. Häufig ist das transformative Forschen mit Mehraufwand verbunden, da
Was bedarf es für Veränderungen im System, um dieses
alle betroffenen Akteur*innen berücksichtigt werden, ganz
hin zu einer nachhaltigkeitsorientierten Richtung zu verän-
im Sinne einer echten Partizipation. Es ist zwar ein Mehr-
dern? Welche Akteur*innen sind eine wichtige Unterstüt-
aufwand, der sich aber lohnt, da die Interessen, Bedürfnis-
zung und wer muss überzeugt werden, damit dieses Projekt
se, Ängste und Wünsche aller Beteiligten gehört und in den
Erfolg haben wird? In Bildungsstätten darf es niemals bloß
Forschungsgegenstand sowie in die Entwicklungsplanung
um die reine Wissensvermittlung gehen, sondern darum,
integriert werden.
einen Raum zu schaffen, in dem Lernprozesse stattfinden
können. D.h. auch, eine Entfaltung der eigenen Haltung für
folg eines umgesetzten Projektes – nicht nur, weil die Betei-
eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Dort können die
ligten Vorschläge und Zeit in das Projekt einfließen lassen,
Gestaltungskompetenzen erprobt und reflektiert werden
sondern sich v.a. damit identifizieren können.
Dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung für den Er-
sowie eigenständig Strategien für die Etablierung von weiteren Schritten für eine nachhaltige Entwicklung erarbeitet werden. Gemeinsam werden sie so innerhalb und außerhalb
95
Anpacken mit Kopf, Herz und Hand
Quartieren und Orten. Die Ergebnisse eines relativ langwierigen Prozesses zeigen sich nicht nur in der konkreten Veränderung des Ortes, sondern auch in der positiven Resonanz der Betroffenen. Durch viele Dialoge, partizipative Einheiten und eine gemeinschaftliche Umsetzung wird zudem bei den interessierten Bürger*innen das Bewusstsein für mögli-
Mit den Projekten gehen die Studierenden raus aus der
che Veränderungen gestärkt. Der größte Erfolgsfaktor? Ge-
Hochschule Bochum – rein ins reale Geschehen. Dadurch
nau dieses wachsende Bewusstsein und Empowerment! Und
wird eine nachhaltige Entwicklung nicht nur in die Hoch-
zwar nicht nur für die Studierenden, sondern für alle, die
schullandschaft eingebettet, sondern auch nach außen prä-
sich beteiligen wollen und etwas verändern möchten. Zwar
sentiert, kommuniziert und in vielen kleinen sowie größe-
können während eines solchen Prozesses sowohl innerhalb
ren Nischen gemeinschaftlich umgesetzt. So unterstützen
als auch außerhalb der Hochschule Hindernisse oder Kon-
sie die Stadt Bochum z.B. bei der Konzipierung neuer Stadt-
flikte auftreten, wie z.B. mangelnde Teilhabe, langwierige,
entwicklungskonzepte, integrieren die Wünsche der An-
bürokratische Prozesse oder fehlende Räumlichkeiten kön-
wohner*innen in Visionen und nennen konkrete Orte für die
nen immer wieder zu Rückschlägen führen, sollten aber
Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung. Beispielsweise
kein Grund sein, aufzugeben. Für eine wirkliche Verände-
wurde das Konzept des Leihladens für die Bürger*innen Bo-
rung muss neben der nötigen Einsicht auch die Motivation
chums erarbeitet, für den es nun gilt, eine akzeptable Räum-
bei allen Beteiligten entstehen – inklusive Zivilcourage und
lichkeit zu finden. Neben solchen beratenden Tätigkeiten
Engagement –, um das gewünschte Ziel zu erreichen.
mit der Stadt arbeiten die Studierenden und Mitarbeitenden des IINE auch direkt mit den Anwohner*innen selbst zusammen. So konnte ein Urban Gardening Projekt umgesetzt werden, in dem verwahrlosten Flächen im öffentlichen Raum wieder neues Leben eingehaucht wurde und sich so neue Treffpunkte etablieren konnten.
Das Motivierende und Schöne an den studienbegleiten-
den Projekten ist ihre Wirksamkeit in unterschiedlichen
96
Der Anspruch, alle Betroffenen in Visionsentwicklungen,
Planung und Umsetzung einzubeziehen, kann manchmal sehr aufwendig und herausfordernd sein. Trotzdem: Was ist schöner als zu sehen, wie Gemeinschaften entstehen, die sich vereint für ein Ziel einsetzen und dadurch ihre Umwelt und Umgebung in positiver Weise gestalten? V.a. die Bürger*innen selbst können einen Wandel durch Eigeninitiative voranbringen, indem sie so mutig sind, den Status Quo zu hinterfragen und in eine reflektiert nachhaltige Richtung zu lenken.
So z.B. Philipp, der in der Hustadt lebt und vor Ort kosten-
lose Führungen zu einem nachhaltigen Stadtentwicklungsprozess anbietet. Damit hilft er die negative Konnotation des Stadtviertels abzubauen, ein neues gemeinschaftliches Bewusstsein für mögliche Veränderungen zu etablieren und Bürger*innen zu motivieren, sich in ihrem Viertel zu engagieren.
97
Wir alle sind Entwicklung // Wir sind die Entwicklungswelt
2015 gesteht Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirt-
schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Rahmen der Sustainable Development Goals (SDG) ein:
Deutschland sei, genauso wie alle anderen Länder dieser
Welt, ein Entwicklungsland. Jedes Teilelement dieser Welt ist in der Lage sich weiterzuentwickeln und dies ist auch von Nöten, damit wir eine für alle lebenswerte Welt erschaffen oder erhalten können – und zwar sowohl für die heutigen, als auch für die kommenden Generationen. Besonders wichtig hierfür ist die Etablierung eines neuen Bewusstseins durch partizipative Prozesse (des verantwortungsvollen Weltbürgertums) und gleichzeitiges Empowerment der Bürger*innen, um einen realen – und nicht von oben aufgesetzten – Perspektivenwechsel möglich zu machen. Jede*r Einzelne sollte verstehen, dass kleine Taten große Auswirkungen haben. Nicht nur lokal, sondern auch global. Jede*r kann Künstler*in sein und unsere Gesellschaft und Umwelt in eine lebenswerte Richtung mitgestalten.
Carina Hausmann studiert seit 2014 Nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Bochum. Hier hat sie erkannt, dass sich Kreativität und Wissenschaft nicht ausschließen, sondern ergänzen. Gemeinsam mit dem Integrativen Institut Nachhaltige Entwicklung möchte sie über die Grenzen ihrer Hochschule hinweg transformative Arbeitsmethoden etablieren, die
Link zu ausgewählten studentischen Projekten:
alle Beteiligten mit einbeziehen und so einen Beitrag zum nötigen Perspek-
www.hochschule-bochum.de
tivwechsel leisten.
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Transition Towns von A bis C
Transition Towns von A bis C? Fragt ihr euch gerade, ob das ein Tippfehler ist? Nein, diese Aussage geht auf Gerd Wessling, einen Transition Town Trainer, zurück:
„Wenn wir das Transition Modell vorstellen […] ist die erste Folie immer ‚Transition‘. Und darüber steht das ‚A bis C‘ von Transition. Da steht nicht A bis Z. Damit wollen wir verdeutlichen, dass das Transition Modell, auch wenn es ‚schon‘ jetzt fünf Jahre alt ist, immer noch sehr am Anfang steht, immer noch ein gigantisches Experiment ist und immer noch keiner weiß, wo es eigentlich hingehen soll. Wir wissen es nicht. Wir haben nur das Gefühl, dass es eine gute Form ist, Menschen u.a. aus der Ohnmacht zu befreien, die sie oft durchaus auch mit Recht empfinden, wenn sie über die großen Probleme und Themen der Welt nachdenken, wenn wir an den Klimawandel denken, wenn wir an peak oil denken. […] Da wollen wir mit der Transition Town ansetzen: Wir versuchen, uns aus der Ohnmacht zu befreien und die Menschen […] ins selbstermächtigte und selbstorganisierte Handeln zu führen.“ Wessling 2013
Dieses Zitat ermöglicht meiner Meinung nach einen
guten Einstieg in das Thema der Transition Towns. Es verdeutlich einerseits die Organisationsform, welche v.a. dynamisch von den Mitgliedern abhängt. Diese können selbst über ihre möglichen Handlungsideen entscheiden: Es stellt ein Experiment dar, welches v.a. ein kontinuierlicher Lernprozess ist. Fehlermachen ist dabei miteingeplant. Somit löst Transition Town das ‚Expertenproblem‘ auf, in welches ich mich selbst oft flüchte:
Wie kann ich denn schon als kleines Individuum, ohne
tiefere Erkenntnisse zu diesem Thema, beispielsweise eine Nachhaltigkeitsdebatte mitgestalten und positiv lenken? Die Transition Town-Idee dreht diese Gedanken radikal um: Anstatt als kleines Individuum das Gefühl der Machtlosigkeit in sich zu tragen, fordert Transition Towns die Befreiung von dieser Ohnmacht, von den eigenen Schutzmechanismen, um lokales, selbstbestimmtes Handeln möglich zu machen. Durch diesen Gestaltungsauftrag wird andererseits deutlich sichtbar, dass die Transition Towns ganz aktiv auf wachstumskritische Impulse in unserer Gesellschaft zurückgreifen, die in den Medien und in verschiedenen Firmen eine zentrale Rolle spielen.
Somit versuchen die verschiedenen Transition Towns
Klimaschutz und Nachhaltigkeit, welche seit den 1960er Jahren eine immer größere Bedeutung erlangen, weiterzuentwickeln und v.a. praktisch zu leben.
100
Aha. Transition was?
Transition Towns ist eine Bewegung, welche
etwa 2005 unter der Leitung von Rob Hopkins in Großbritannien startete. Ausgemachtes Ziel ist es dabei, Städte oder Regionen aktiv positiv zu gestalten und somit zu wandeln. Rob Hopkins, ehemals als Dozent im universitären Rahmen tätig, zog 2006 nach Totnes, um dort das erste Projekt der Transition Towns zu beginnen. Am Anfang einer Rede von Hopkins im Jahr 2012 beginnt er damit, seine Geschichte vorzustellen:
„Es ist eine Geschichte, welche meiner Meinung nach die Welt verändern kann. Es ist eine Geschichte, welche die Welt schon verändert. Es ist die Geschichte meiner Stadt Totnes in Devon.“ Hopkins, aus dem Englischen übersetzt
Weltveränderung?
Klingt gut, aber diese Zitat wirft natürlich einige weiterfüh-
rende Fragen auf: Warum soll ein Wandel geschehen und wie kann und soll dieser Wandel aussehen? Im Laufe seiner Rede geht er auf diese beiden Fragen ein: Der Wandel ist aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Situation notwendig, welche v.a. wachstumsorientiert ausgerichtet ist. Das dieses Wachstum aber nicht ewig andauern kann, wird am Gedanken des ‚peak oil‘ sichtbar: Dies ist ein Konzept, welches aufgrund der
101
endlichen Ölressourcen schlussfolgert, dass irgendwann die
„Schauen wir uns mal Witzenhausen an oder jede überschritten und somit das postulierte andere Stadt dieser Größe. Das System hier würde ‚dauerhafte Wachstum‘ nicht mehr in der sicherlich sofort kollabieren, wenn morgen Benzin heutigen, günstigen Form möglich sei. Daher beschäftigt sich Hopkins mit der 5 mal so teuer wäre als heute, wenn Strom 10 mal Frage, wie dies verhindert werden kann so teuer wäre wie heute und die ganzen Lieferketten bzw. wie im lokalen Kontext alternative Entwicklungsmodelle entstehen können. mit den Supermärkten alles nicht mehr funktioAls einen möglichen Handlungsimpuls nieren würde. Dann würde hier nichts mehr gehen. erkennt er die Relokalisierung von Nahrungsversorgung, Energielieferung oder Dieses System ist also nicht resilient, Bausubstanzen. Dahinter steckt der Vernicht widerstandsfähig. Durch Transisuch, menschliche Grundbedürfnisse durch lokale Unternehmen zu befriedigen und somit aufwändige Transportkosten tion versuchen wir dieses System widerund wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verhindern. Gleichzeistandsfähiger zu machen, d.h., selbst tig wendet sich Transition Towns damit von fossilen Brennstoffen ab. wenn mal eine solche Krise kommen würde, das dann die Akteure vor Ort sich Eng mit der Relokalisierung ist das Konzept der Resilienz verbunden, welches auf die Stärkung der Widerstandsgut kennen, gut vernetzt sind, in ihrer fähigkeit der Stadt hinweist. Resilienz kann dabei als Ziel und Verschiedenheit sich wertschätzen und Folge von Relokalisierung verstanden werden: Durch zunehmende Unabhängigkeit von anderen nichtlokalen Märkten, das als Stärke wahrnehmen und nicht als verstärkt sich gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit der Stadt. Bedrohung […]. Wenn dann alle gemeinGerd Wessling erklärt den Sinn der Resilienz im Folgenden am Beispiel der Stadt Witzenhausen genauer: sam agieren, haben sie eine viel bessere Chance, da etwas zu tun.“ Wessling, 2013 102 maximale Förderungsrate von Brennstoff
103
Für Wessling ist die Resilienz somit eng an das Netzwerk in-
nerhalb einer Stadt verbunden. Es geht schließlich nicht nur darum, eine ökonomische Unabhängigkeit zu schaffen, sondern auch, Menschen zusammenzubringen und zu bestärken, damit
sie fürsorgliche, lokale Gemeinschaften aufbauen können. Wei-
wird gleichzeitig aber noch ein anderer, sehr wich-
terführend ist es gleichzeitig das Ziel, die verschiedenen Ge-
tiger Aspekt der Transition Town deutlich: Durch
nerationen zu verbinden und somit sowohl auf die Bedürfnisse
den Begriff der Resilienz grenzt sich Hopkins vom
der jetzigen als auch auf die der zukünftigen Generation zu ach-
Begriff der ‚Nachhaltigkeit‘ ab. Für ihn ist Nachhal-
ten. Der positive Wandel soll daher auch Auswirkungen auf den
tigkeit ein Modebegriff, welcher heutzutage v.a. die
menschlichen Umgang miteinander haben.
psychologische Ebene des Gewissens ansprechen
An der Bedeutung des Begriffes der Resilienz
soll, um beispielsweise bei ‚umweltbewussten Firmen‘ neue ökonomische Profite zu erzeugen oder Wähler*innenstimmen einzufangen. Dies wird u.a. an paradoxen Zusammensetzungen wie ‚nachhaltiger Zement‘ oder ‚nachhaltiges Konsumieren‘ deutlich. Deswegen benutzt Hopkins anstatt des Begriffs der Nachhaltigkeit oftmals den Begriff der Resilienz. Der Begriff der Resilienz ermöglicht einen Perspektivwechsel: Krisen werden nicht mehr rein negativ betrachtet, sondern der Schwerpunkt liegt auf den Potenzialen und Ressourcen der Problembewältigung. Leben im Postwachstum wird somit nicht als Einschränkung erfasst, sondern vielmehr als neue Chance gesehen, um die Lebensqualität zu verbessern. Dies wird auch zusammenfassend und einschränkend an einer weiteren Aussage von Wessling sichtbar:
„Nun ist aber Resilienz und Widerstandsfähigkeit natürlich gleichzeitig ein defensiver Begriff und wir möchten jetzt immer stärker [etwas anderes] in den Vordergrund [stellen]: Dies ist die Erhöhung der Lebensqualität. Durch Transition Town können wir die jetzt erhöhen. Das passiert, wenn ich meine Nachbarn oder neue Leute besser kennen lerne […]. Wenn die [Menschen] besseres Essen zu sich nehmen, geht es ihnen normalerweise auch besser. Wenn der Verkehrslärm abnimmt oder die Leute mehr Radfahren, geht es ihnen oft besser. D.h. wir wollen jetzt schon durch das, was wir tun, die Lebensqualität erhöhen.“ Wessling, 2013
Und in der Praxis…?
Dieses Zitat führt uns auf die praktische Ebene. Welche
Möglichkeiten gibt es, die Lebensqualität zu verbessern? Welche Möglichkeiten gibt es, sich von dem Ohnmachtsgedanken zu befreien?
In Totnes gibt es 10 Jahre nach der Gründung etwa 20
lokale Projekte, die v.a. freiwillig und selbstorganisiert aufgebaut und geleitet werden. Mit der Zeit haben sich verschiedene Themengruppen gebildet, die sich u.a. mit Fragen rund um Energie-, Essens- oder Transport beschäftigen. Ziel ist es dabei, einerseits Pläne zu entwickeln, welche aktiv CO2 Emissionen verringern. Andererseits soll aber weiterführend durch diese Projekte das Vertrauen in die Gemeinschaft trotz Klimawandel gestärkt werden, um sich den Abhängigkeiten von wirtschaftlichen Krisen zu entziehen. Transition Town stellt somit nur eine Überorganisation dar, in welcher Treffen und Austausch mög-
104
lich sind. Die Aktivitäten und Projekte werden von aktiven Menschen vor Ort getragen.
Projekte, Projekte
Zwei Gruppen möchte ich an dieser Stelle näher vor-
stellen: Die Gruppe Ernährung rief das Projekt des ‚Garden Share‘ ins Leben. Dort wurde der Kontakt zwischen Gartenbegeisterten ohne Garten und Gartenbesitzer*innen ohne Begeisterung hergestellt. Somit konnten ehemals ungenutzte Gärten wieder genutzt werden. Nun war es möglich, einen Raum für kreative Arbeit
… Idee des Teilens auszurichten: Teilen unseres Raumes, unserer Ressourcen und unserer Zeit zeigt uns, dass wir immer wechselseitig voneinander abhängig sind.“ Brown 2010, aus dem Englischen übersetzt
und Nahrungsmittelanbau zu schaffen. Der Wunsch nach Autarkie spielt dabei auch eine Rolle, wobei dies eher ein Gedankenspiel ist. Die Resilienz wurde dabei
Somit stellen die Gärten auch einen Raum für einen
noch weiter gefördert, da verschiedene Workshops (und
Austausch dar, in dem Menschen sich kennenler-
natürlich praktische Möglichkeiten) zum Erlernen von
nen und gemeinsame Pläne schmieden. Teilen stellt
Fähigkeiten des Gärtners beitrug. Neben diesen öko-
dabei eine alternative wirtschaftliche Form dar,
nomischen und gesundheitlichen Gedanken, berichtet
welche die Menschen immer wieder neu verbindet.
Lou Brown (Co-Organisatorin des Projektes), aber auch
Aus dieser kleinen Idee der Transition Town Totnes
noch von einer weiterführenden erneuten Vernetzung:
gründete sich die Plattform ‚landshare‘, die sich die Weiterführung des Prinzips auf nationaler Ebene
„Die Idee [hinter dem ‚Garden Share‘ Projekt] ist die Community durch Beziehungen und Engagement zu stärken. Es hilft uns, unser Handeln nach der …
als Ziel gesetzt hat. Eine ähnliche Idee findet sich mittlerweile auch in Deutschland wieder: Auf https://www.gartenpaten.org/ können Gärten angeboten oder gesucht werden. Die Ideen von Transition Town sind somit nicht nur auf diese Organisation beschränkt, sondern tragen sich weiter, vervielfältigen sich, reproduzieren sich und werden gleichzeitig
105
Transition Towns wieder neu prägen.
Die zweite Gruppe, die ‚Heart and Soul Group‘, setzt
sich mit dem Thema der Transition im Inneren des Individuums auseinander, wie Sophy Banks erläutert:
„Wenn wir uns nicht die Prozesse im Inneren [des Menschen] anschauen, würden wir nicht mehr verstehen, was sich verändern sollte, wie Menschen mit schwierigen Situationen umgehen und wie Gruppenprozesse auf den Wandel Einfluss haben. Wir müssen wissen, welche psychologischen Auswirkungen der Wandel auf die Menschen hat, um dadurch eine positive, kreative Vision von uns Menschen und von unserer Zukunft erschaffen zu können.“ Brown 2010, aus dem Englischen übersetzt
106
Die Gruppe beschäftigt sich mit den Barrieren und
Ängsten der Menschen, die ein Wandel mit sich bringt. So ist es von Bedeutung mit möglichen Verlustgedanken und Ängsten offen umzugehen, diese (in einer Gruppe) auszusprechen und somit zu verarbeiten. Der Wandel, der innerhalb der Transition Towns angestrebt wird, hat schließlich direkte Folgen auf das eigene Leben und damit u.a. auch eine mögliche ‚Rückstufung‘ des eigenen Status oder des Komforts. Dies geschieht, wie Sophy Blanks weiter ausführt, v.a. auf einer spirituellen Ebene:
„Wir sprechen über die spirituellen Aspekte der Transition in der ‚Heart and Soul Group‘, wir sprechen über das eigene Bewusstsein und über psychologische Aspekte. Wenn wir das Wort ‚spirituell‘ verwenden, denken viele oftmals, dass wir uns mit dem Religiösen auseinandersetzen. Aber nein, es ist nicht das Religiöse, worüber wir reden. Wir reden über das, was über die normalen, menschlichen Dinge des Konsumierens und Arbeitens hinausgeht. Wir reden über die Liebe, die wir uns gegenseitig, unseren Kindern, unserer Erde und unseren Wohnorten schenken und dem damit verbundenen Wunsch, eine gute Gesellschaft zu erschaffen.“ Banks 2010, aus dem Englischen übersetzt
Diese Ziele sollen durch Diskussionen, Workshops
Was hat das Ganze mit mir zu tun?
und regelmäßige Treffen umgesetzt werden: Damit
versucht die ‚Heart and Soul Group‘, den Wandel psy-
Town von A bis C. Transition Town stellt ein Entwurf dar,
chologisch zu begleiten und somit auch die Resilienz
ein Netzwerk, ein Experiment, in das wir uns alle einbrin-
der Individuen und der Gemeinschaft zu stärken. Fän-
gen können, in dem wir alle Fehler machen können, in dem
de kein kontinuierlicher Prozess des Austausches der
noch einige Buchstaben frei sind, um mitzugestalten. Es
Kritik, der Sorgen und Ängste statt, könnte das Projekt
gibt sicherlich auch Kritik an Transition Town, gleichzei-
Transition Town sich womöglich nicht weiter entfal-
tig lebt dieses Projekt von diesen Menschen, die kritisch
ten und erneuern. Die Projekte sind dabei oftmals sehr
denken und nach neuen Alternativen suchen. Transition
klein und erscheinen vielleicht auf den ersten Blick
Town kann dabei sowohl in uns wirken, als auch, dass wir
als unwichtig, doch wie anhand der Gruppe ‚Time to
auf Transition Towns einwirken. Transition Town ist schon
Breathe‘ (Zeit zum Atmen) ersichtlich wird, können sie
lange kein Konzept mehr, welches nur in Totnes wirkt:
gleichzeitig große Wirkung für die Individuen entfalten.
Mittlerweile hat es sich über den ganzen Erdteil ausgebrei-
Die Gruppe ‚Time to Breathe‘ traf sich einmal in der
tet. Allein in Deutschland gibt es aktuell 168 registrierte
Woche, um durch einfache (Atem-)Methoden den stress-
Transition Towns. Vielleicht auch in deiner Stadt? Manche
vollen und verwirrenden (Transition)Zeiten entgegen zu
sind aktiv, manche befinden sich im Winterschlaf:
wirken. Diese regelmäßigen Treffen wurden dabei für
Hier findet ihr dazu auf jeden Fall einige Infos:
viele Teilnehmenden als befreiend und selbstfindend
www.transition-initiativen.de
bezeichnet: Stellvertretend für diese Wirkung steht das Zitat eines unbekannten Teilnehmenden: „Es ist wie eine Oase in meiner Woche. Ich bin so dankbar, diese Zeit für mich selbst zu haben“ (anonym 2014, aus dem Englischen übersetzt). Die innere Transition zeigt somit deutlich ihre Wirkung, auch wenn dieses Projekt leider gerade eine Pause macht.
108
Erinnert ihr euch noch an die Überschrift? Transition
Auch in meiner aktuellen Lebensstadt Halle
Vielleicht ist es ja auch für dich eine Möglichkeit, deine
existiert eine Transition Town, welche sich 2012 grün-
Ideen, deine Vorstellungen, deine Pläne und deine Per-
dete und verglichen mit Totnes sich in einem ‚Anfangs-
spektiven für eine gerechtere, solidarischere Welt dort
stadium‘ befindet. Die Idee einer Transition Town ent-
miteinzubringen. Denn von dem Eigenen, der eigenen
wickelte sich aus den ‚Heldentagen‘, wobei der Wunsch
Position leben die vielen Projekte:
aufkam, Theorie und Praxis mehr miteinander zu verbinden. ‚Anfangsstadium‘ erscheint gleichzeitig als falscher Begriff, schließlich stellt Totnes nicht das Ziel aller Transition Towns dar, sondern ist nur einer von vielen möglichen Wegen. Nach der Gründung von Transition Town Halle bildeten sich, ausgelöst durch eine erste große Euphoriewelle, verschiedene Arbeitsgruppen: Achtsamkeits-, Kommunikationsgruppe, WohnVisionsgruppe oder eine Ernährungsgruppe. Das Label Transition Town war und ist v.a. ein übergreifender Begriff, um die verschiedenen Projekte zu bündeln. Schon anhand der hier kurz skizierten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Halle und Totnes
„Transition Towns bezieht sich v.a. auf sich selbst, auf den eigenen Grund und Boden. Denn aus dieser Perspektive heraus können wir Verantwortung übernehmen, Beziehungen aufbauen und die Welt verbessern.“ Anonym
lässt sich also eines erkennen: Transition Town ist ein offenes Konzept, welches v.a. als Überorganisation fungiert, in welchem sich verschiedene Gruppen austauschen können und in dem sich ein neuer, kreativer Raum entfaltet. Somit nimmt dieses – gestaltet durch
Philipp Dieterich studiert zurzeit Soziologie und Ethnologie in Halle. Durch
Organisationen und Individuen in verschiedenen
dieses Studium konnte er sich intensiver mit dem Thema des Klimawandels und
Städten – andere Formen an.
der globalen Nachhaltigkeit auseinandersetzen und ist dabei durch Freunde auf das Projekt der ‚Transition Towns‘ gestoßen. Die Auseinandersetzung mit die-
109
sem Projekt zeigte ihm auf, wie vielfältig sich Menschen für einen gesellschaftlichen Wandel engagieren.
Aus Gründen Wirtschaftlich
guten gründen arbeiten
und
trotzdem nachhaltig Denken — ein Widerspruch? Vier Berliner
Startups
zeigen,
wie
diese
Wann immer der Begriff ‚Startup‘ auftaucht, wird er
in einem Atemzug mit euphorischen Begriffen genannt: Weltweite Bewegung, New Economy, eben eine ganz
Verbindung
gelingen
kann.
eigene Kultur. Gründer*innen gelten als jung, kreativ, selbstbestimmt und denkt man an Gründer wie Frank Thelen, bringen sie es manchmal zu einem Grad an Be-
110
kanntheit, der bislang nur Popstars vorbehalten war. Was früher das staubige Großraumbüro à la Stromberg war, ist heute der individuell gestaltete Co-Working Space mit Sofaecke. Fast entsteht der Eindruck, als seien Startups die große Revolte des jungen 21. Jahrhunderts. Doch sind sie das wirklich? Verbirgt sich hinter diesem sexy Schein am Ende nicht doch nur das hässliche Gesicht eines lediglich profitorientierten und dabei relativ rücksichtslosen Turbo-Kapitalismus?
Nicht unbedingt. Natürlich, Ziel eines wirtschaftlich ar-
arbeit mit der Humboldt-Universität, die das Team bis
beitenden Unternehmens, und das sind Startups nun
heute unterstützt. Andere Startups haben es aus eigener
einmal, ist und bleibt der ökonomische Erfolg. Wie die-
Initiative heraus probiert, so etwa Ayumi von Dycle. Am
ses Ziel erreicht wird, hängt jedoch immer noch von
Anfang testete sie ihre Idee sogar an sich selbst, erst
den Gründer*innen und ihrer Unternehmensstruktur ab.
später wurde daraus dann ein unternehmerisches Pro-
Sein eigener Chef sein, kann eben auch bedeuten, die
jekt mit mittlerweile mehreren Partner-Unternehmen.
eigenen ökologischen und nachhaltigen Überzeugungen
Dycle ist eines von vielen Startups, das als neu gegrün-
in dem Startup umzusetzen.
detes Unternehmen mit dem Anspruch auf nachhaltige
Zu den derzeit unumstrittenen Hot-Spots für Startups
Entwicklung auftritt. Dass ein Startup auch gemeinnüt-
gehört Berlin, nicht nur in Deutschland, sondern auch in
zig sein kann, das zeigt das mittlerweile gar nicht mehr
Europa und sogar weltweit. Erschwinglicher Wohnraum,
so junge Projekt 24gute Taten. Den Gründer*innen geht
hohe Lebensqualität und optimale Bedingungen, um
es zwar um den möglichst größten Profit, jedoch nicht
sich mit Partner-Unternehmen zu vernetzen – das sind
um sich selber zu bereichern, sondern um nachhaltige
nur einige Vorteile der deutschen Hauptstadt. Für Rolf
Projekte auf der ganzen Welt zu unterstützen.
Behring, Gründer von ÜberEnergy, war es v.a. die För-
derung durch eines der vielen, oft staatlichen, Förder-
ten Seiten vorgestellt. Dabei ist jedes im Gründungspro-
programme, die ihn nach Berlin zog: „Als wir uns
zess unterschiedlich weit fortgeschritten. Manche for-
für ein Stipendium beworben und es dann auch
schen noch an fundamentalen Grundbausteinen, andere
bekommen haben, war das genau die Unter-
stehen kurz vor der Markteinführung und wieder andere
stützung, die wir zu diesem frühen Zeitpunkt der Fir-
sind bereits seit einigen Jahren aktiv und erfolgreich. Sie
mengründung brauchten.“ Auch die zwei Gründer von
alle aber sind eindrucksvolle Beispiele dafür, dass eine
GreenAdapt haben es in ein solches Förderprogramm
zündende Idee, etwas Mut und eine ordentliche Portion
geschafft. Als Spin-off entwickelte sich die Idee aus
Eigeninitiative der Start für ein eigenes Unternehmen
dem universitären Kontext heraus und in Zusammen-
sein kann – das nicht nur nimmt, sondern v.a. auch gibt.
111
Insgesamt vier Unternehmen werden auf den nächs-
Aus
Aa
Gold
4500 Windeln benötigt ein Baby im Durchschnitt,
bevor es lernt, selbstständig die Toilette zu benutzen. Das sind fünf bis sechs Windeln am Tag oder eine Tonne im Jahr – gar nicht schlecht für ein so kleines Wesen! Die Windeln landen nach Benutzung im Müll, klar. Oder doch nicht? Angefangen hat Ayumi Matsuzaka, die freischaffende
Dycle
macht
aus
gebrauchten
Künstlerin ist, mit einem Selbstversuch. 2010 begann sie mit dem Kunstprojekt All my cycle. A body experi-
Babywindeln einen fruchtbaren
ence. „Ich habe damals meine eigenen Ausscheidungen gesammelt und daraus durch Kompostierung dann
Humusboden, um darin Bäume
fruchtbaren Boden hergestellt, in dem ich z.B. Salat und anderes Gemüse gepflanzt habe.“ Anderthalb Jahre dau-
zu pflanzen. Obstbäume etwa,
erte es, bis sich der Kreislauf mit der Ernte und dem Verzehr der Pflanzen wieder geschlossen hatte.
aus deren Früchten wiederum
Ende 2013 kam ihr dann der Gedanke, aus dem
Selbstversuch das Grundprinzip für ein eigenes Un-
Babynahrung
entstehen
kann.
ternehmen
zu
machen.
Der
geschlossene
Kreis-
113
lauf blieb. Jedoch ging es nun nicht mehr
ten“, sagt Ayumi. Und siehe da
um Ayumi selbst, sondern um die größte
– es funktionierte! Mittlerweile
kleinste Gruppe von Fäkalienproduzenten:
wachsen die ersten Obstbäume
Babys. Auch der Name des Startups lag re-
in der Windelerde. Zurzeit fehlt es v.a. an ei-
lativ nahe; Dycle ist eine Komposition aus
nem: den Windeln. Natürlich reichen nicht die
den
Be-
gewöhnlichen Windeln aus
(Windel)
dem Supermarkt, kompos-
(Kreislauf).
tierbar müssen sie sein.
Zur Optimierung des Kreis-
Deshalb arbeiten Wissen-
laufs holte sie sich wissen-
schaftler*innen der Tech-
schaftliche Unterstützung
nischen Universität Ber-
mit ins Boot. Theoretisch
lin seit einigen Monaten
klingt das Projekt wirklich
daran, solche Windeln für
vielversprechend:
Cir-
Dycle herzustellen. Das
ca 1000 Liter schwarzen
Ziel für die Zukunft ist es,
Humus könnte ein einzi-
sogar das Material, das
ges Baby mit seinen Aus-
zur Herstellung der Win-
scheidungen produzieren.
deln benötigt wird, aus
Ob das auch in der Praxis
dem Kreislauf, etwa aus
funktionieren kann, muss-
den Holzfasern der neu
te erst getestet werden.
gepflanzten Bäume, he-
griffen und
englischen diaper cycle
Glücklicherweise konnte Ayumi auf die Win-
raus zu gewinnen. Für Ayumi ist es wichtig,
delbestände eines Unternehmens zurückgrei-
dass der Kreislauf nur mit der Unterstützung
fen, das bereits vorher versucht hatte, kom-
aller mitarbeitenden Menschen funktionieren
postierbare Windeln auf den Markt zu bringen.
kann: „Ohne eine solche Unterstützung wäre
„Da hatten wir wirklich großes Glück, denn
unser System schwach, deshalb ist jeder ein-
so konnten wir unser Pilotprojekt star-
geladen, sich zu engagieren!“
Die Energiezentrale
Rolf Behrsing liebt Effizienz. Beim Ausfüllen von Pa-
pierkram etwa. Oder beim Bau seines eigenen Hauses im sonnigen Kalifornien. Um die Wärme im Haus so gut wie möglich nutzen zu können und möglichst wenig davon zu verschwenden, setzte Behrsing zunächst auf eine solide Dämmung. Doch das war ihm noch nicht genug, er wollte mehr, mehr Effizienz. Und genau hier, in diesem Moment der Unzufriedenheit, sich nicht einfach damit zufrieden zu geben, wie in seinem Haus die Wärme genutzt wird, entstand die Idee für sein Startup: Die produ-
ÜberEnergy steuert den Ener-
zierte Heizungswärme in Häusern müsste sich doch so steuern lassen, dass die Energie intelligent genutzt wird.
gieverbrauch in Haushalten. Da-
Anfangs spielte er mit der Überlegung, in seiner Heimat Kalifornien, im berühmten Silicon Valley, zu bleiben und
durch wird weniger Energie ver-
dort sein Unternehmen aufzubauen. Sogar Investoren hatte er schon gefunden. Dann kam jedoch die Zusage
schwendet – und der Luxus erhöht.
für ein Stipendium in Berlin, auf das er durch eine Mit-
arbeiterin von ÜberEnergy aufmerksam wurde, und das ganze Team packte die Koffer.
Die Lösung für das Problem der Wärmeverteilung:
maschinelles Lernen. Ein computergesteuertes System erstellt dabei aus einer Reihe von Beobachtungen Muster, etwa wie oft und wie lange die Bewohner*innen ihre Wohnung verlassen. Darüber hinaus werden externe Einflüsse, wie etwa Sonneneinstrahlung und Wetterveränderungen in das Programm eingespeist. „Aus all diesen Daten kann man ziemlich genau berechnen, wie eine Wohnung am besten beheizt werden sollte“, so Behrsing. Tagsüber, wenn die Wohnung leer ist, wird also z.B. weniger geheizt, kurz bevor die Bewohner*innen dann zurückkehren, regelt das System die Temperatur wieder nach oben – und man kommt in eine warme Wohnung. Die ganze Idee basiert also auf Vorhersehbarkeit. Aber ist nicht jeder Tag im Leben eines Menschen anders? „Glaub mir, die meisten Menschen sind in ihrer täglichen Routine vorhersehbarer als sie denken.“
Warum solche Routinen also nicht dazu nutzen, Ener-
gie besser zu nutzen? Falls man aber doch mal spontan ins Eigenheim zurückkehrt, so stellt sich das System durch Echtzeitinformationen auch darauf ein. Behrsing und sein Team schätzen, dass bei einem durchschnittlichen Mitteleuropäer etwa 40 Prozent an Energie durch
115
seine Idee eingespart werden könnte.
116
ÜberEnergy ist also so etwas wie ein intelligenter
die Heizung all zu hoch zu drehen. In anderen Ländern
und lernfähiger Thermostat. Es klingt fast zu schön:
ist dies allerdings nicht der Fall. So auch in Behrsings
Den Energieverbrauch senken und das Wohlbe-
Heimatland, den USA. Damit sein System dort auch ak-
hagen in den eigenen vier Wänden sogar noch erhöhen.
zeptiert wird, muss es noch einen weiteren Nutzen ha-
Und nicht nur für Privathaushalte ist die Technologie ge-
ben, einen Nutzen finanzieller Natur. Weniger Energie
dacht:
zu verbrauchen, bedeutet nämlich letztendlich bares
„In Schulen z.B. sind die Räume nur während des
Geld zu sparen. Dieser Aspekt ist gerade in Ländern wie
Unterrichts und in den Pausen belegt. Dazwischen ist
Amerika, wo schon die Existenz des Klimawandels al-
das Heizen einfach nur Energieverschwendung.“
les andere als common sense ist, von Relevanz. Denn,
Behrsing räumt zwar ein, dass in Deutschland das Be-
auch wer das Klima in erster Linie gar nicht schützen
wusstsein für den Energieverbrauch relativ hoch ist,
will, Geld sparen und in ein warmes Hause kommen, das
dass sich manche lieber einen Pullover überziehen als
wollen dann doch die meisten.
Helfertürchen
Einen
Baum
pflanzen,
eine
Eine Hand voll Studienfreunde, eine originel-
le Idee und eine ganze Menge ehrenamtlicher
Stunde Nachhilfe, ein Kranken-
Arbeit: dies waren die Zutaten für das Startup 24gute Taten. Alles begann vor einigen Jahren in
transport.
Mit
dem
Weih-
der Vorweihnachtszeit: Als Sebastian Wehkamp, einer der Gründer, auf der Suche nach einem Ad-
nachtskalender dieses Startups
ventskalender durch die Stadt hetzte, wurde er immer wieder von Spendensammler*innen ange-
lassen sich auf kreativem Weg
sprochen. Da kam ihm die Idee: Eigentlich müsste sich doch das Spenden und das Schenken ver-
24gute
Taten
vollbringen.
binden lassen. Und das ließ es sich durchaus!
118
Das Prinzip des Kalenders ist einfach: Für eine
Transparenz. Für jedes Türchen lässt sich daher
Spende von 24, 48 oder 96 Euro bekommt man
online genau nachvollziehen, wie die Leistung bei
einen der Weihnachtskalender. Hinter jedem Tür-
den Betroffenen vor Ort ankommt. Es werden Hin-
chen steckt dann ein Hilfsprojekt, das entspre-
tergrundinformationen gegeben und genau aufge-
chend einen Teil der Spende erhält. Quasi die
zeigt, welches Problem vor Ort überhaupt existiert:
„Schokolade des Kalenders“, wie die Gründer*in-
„Bei der Auswahl der Projekte achten wir sehr
nen es selbst nennen. Diese Kleinstspende fliest
darauf, dass die gute Tat Teil eines sinnvollen
jedoch nicht wie bei anderen Spendenaktionen in
Gesamtkonzeptes ist“, erklärt Lisa Strauch, die
einen großen abstrakten Topf, aus dem das Pro-
als Projektmanagerin für den Kalender arbei-
jekt dann finanziert wird, sondern jeder Euro lässt
tet. Ein ganz neuer Ansatz des Startups ist es,
sich direkt in eine kleine, ganz konkrete Leistung
Schulklassen für den Kalender zu begeistern.
übersetzen: So kann man am ersten Advent z.B.
„Seit einiger Zeit haben wir die Möglichkeit,
sieben Hühner im Südsudan impfen lassen. Am
dass wir für Schulen neben dem Kalender
14. Dezember ermöglicht man die Pflanzung eines
auch
Baumsetzlings in Uganda. Und einige Tage später
Durch das tägliche Öffnen der Türchen können
finanziert man eine Dosis Insulin für einen syri-
dann spielerisch globale Zusammenhänge er-
schen Flüchtling mit Diabetes. Unterstützt wer-
schlossen werden. Im Gegensatz zu den anderen
den Hilfsprojekte aus den vier Bereichen Ge-
vorgestellten Unternehmen ist dieses als gemein-
sundheit, Bildung, Versorgung und Natur. Oberste
nütziger Verein organisiert. Ist 24gute Taten dann
Priorität hat bei den Mini-Spenden immer die
überhaupt noch ein Startup?
Unterrichtsmaterialien
bereitstellen.“
119
„Zwar wollen auch wir einen möglichst gro-
Seit dem Start des Projekts im Jahr 2011 wur-
ßen ‚Profit‘ machen, allerdings geben wir das
den insgesamt 144 Projekte in 55 Ländern unter-
Geld dann größtenteils an unsere Partnerpro-
stützt und rund 965.000 Euro an Spenden einge-
jekte weiter“, erklärt Lisa. Von diesem grundsätz-
nommen. Auch wenn das Team damit nicht auf
lichen Unterschied einmal abgesehen, ist das Pro-
Anhieb die Probleme der Welt lösen kann, ein Pro-
jekt einem typischen Startup aber durchaus sehr
blem löst 24gute Taten in jedem Fall:
ähnlich: Am Anfang stand die originelle Idee des
Adventskalenders mit Kleinstspenden. Durch die
nachtskalender.
Initiative der Gründer*innen wurde daraus dann allmählich ein marktreifes Produkt. Damit die Arbeit des Kalender-Teams weitergehen kann, fließt ein Teil jeder Spende in die Vereinsarbeit und mittlerweile konnten sie eine halbe Stelle schaffen:
„Ab einer bestimmten Größe ist es einfach
nicht mehr möglich, ein solches Unternehmen ausschließlich ehrenamtlich zu stemmen.“
die lästige Suche nach einem originellen Weih-
Wetterwechsel
‚Die Folgen des Klimawan-
dels‘, diese fast schon zur Floskel mutierte Redensart ruft Assoziationen wie Wirbelstürme, Dürren oder Überschwemmungen hervor – und klingt meistens nach weit, weit weg. Dass der Klimawandel auch in Deutschland wirksam werden wird, daran denken viele erstmal nicht. Dabei ist auch hierzulande jede Region auf eine ganz bestimmte Art und Weise betroffen. Wie genau, das möchte das junge Berliner Startup GreenAdapt herausfinden.
Entstanden ist die Idee im Laufe der Bildungs-
arbeit von Ingo Böing und Adrian Pfalzgraf, den beiden Initiatoren. An Schulen redeten sie über
Dass
der
Klimawandel
den Klimawandel und darüber, mit welchen Maßnahmen man sich anpassen kann – im Grunde war
unser
Wetter
verändern
wird,
das schon eine Risikoanalyse im kleinen Maßstab.
ist
unumstritten.
Die
jungen
„Auf meinem Dachboden haben wir uns ganz
am Anfang überlegt, wie ein Analyse-Tool aussehen könnte und das dann auf einem vier Me-
Gründer*innen von GreenAdapt
ter langem Backpapier skizziert“, erinnert sich Ingo Böing. Durch eine Kooperation mit der Hum-
wollen
Kommunen
bei
boldt-Universität und einer Förderung durch das EXIST-Gründerstipendium wurde aus den anfäng-
der
Vorbereitung
helfen.
lichen Gedanken dann allmählich eine konkrete
121
analyse zu erstellen, die immer den Zeitraum zwischen 2031 und 2060 betrifft. Deren Ergebnis ist bzw. wäre also die so oft von der Politik gepredigte Investition in
abschätzbar zu machen:
die Zukunft. Ein Beispiel: Der Harz ist in den kalten Jah-
„Bei Hitzewellen steigt
reszeiten eine beliebte Wintersportregion, Skilanglauf-
das Herzinfarktrisiko um
strecken, aber auch einige Abfahrten gibt es hier. Wenn
das
es nun im Winter möglicherweise wärmer wird, so warm,
alte Menschen sind da-
dass der Schnee ausbleibt, dann bleiben im Harz auch
von betroffen“,
die Touristen fern. Eine Kommune, die ihre gesamte In-
meint Adrian. Anfangen
frastruktur auf den Wintersport ausgerichtet hat, muss
wollen die Gründer*innen
dadurch mit starken finanziellen Einbußen rechnen.
erst einmal in Deutsch-
Doch wer behauptet, dass sich der Klimawandel aus-
land, doch perspektivisch
schließlich negativ auswirkt? Eine ehrliche Analyse der
können sie sich durchaus
Folgen kann für manche Regionen auch bedeuten, dass
vorstellen, ihre Software
sie von den Wetterveränderungen profitieren könnten.
auch in anderen Regionen
Für unsere Harzer Kommune könnte das etwa bedeuten,
der Welt zu testen.
Dreifache,
gerade
dass die längeren Sommer dazu genutzt werden können, den Wandertourismus auszubauen und dadurch die VerGeschäftsidee.Grundsätz-
luste im Winter zu kompensieren. Oder: In landwirtschaftlichen
lich geht es darum, nicht
Kommunen steigt bei zunehmenden Windstärken die Erosion der
völlig
auf
Bodenkrume auf den Feldern. „Da kann es schon helfen, an be-
das sich langsam verän-
stimmten Stellen Hecken zu pflanzen“, erklärt Adrian, der die
dernde Klima zu sein.
strategische Leitung des Gründungsprojektes übernommen hat.
Für jede Kommune ver-
Worauf genau sich eine Region gefasst machen muss, das verrät die
suchen die Gründer*innen
Software und die wissenschaftliche Expertise von GreenAdapt.
deshalb aus Klimadaten
Das langfristige Ziel des noch jungen Unternehmens ist es, das Ri-
eine individuelle Risiko-
siko des Klimawandels auch für Unternehmen und Privatpersonen
unvorbereitet
Theo Starck absolvierte 2009/10 einen internationalen Freiwilligendienst auf den Philippinen. Nach seiner Rückkehr studierte er deutsche Sprache und Literatur in München, Prag und Berlin. Währenddessen suchte er nach Möglichkeiten des Engagements in Deutschland und kam dabei auch auf die Gründung von Startups, die ihr Wirtschaften explizit auf Nachhaltigkeit ausrichten.
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!
Mitsuo Iwamoto verbrachte 2015/2016 12 Monate in einem Jugendzentrum in El Viejo, Nicaragua. Dort arbeitete er mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ein Jugendkollektiv gr체ndeten, um lokale soziale Probleme zu bek채mpfen. Das Kollektiv hat bereits mehrere Projekte, wie einen Dokumentarfilm 체ber Kinderarbeit und eine Onlinekampagne gegen Bel채stigung, erfolgreich verwirklicht. Derzeit studiert Mitsuo Philosophie, Politik und Wirtschaft in Oxford.
122
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!
Ein drückend heißer Tag im Parque Central von El
Viejo, Nicaragua. Marktfrauen laufen über den Platz und bieten ihre Produkte an, Schüler*innengruppen sitzen beisammen, lachen und kichern. Mitten in diesem regen Treiben zwei junge Männer auf einer Parkbank. Die beiden unterhalten sich angeregt. Sie regen sich darüber auf, wie die Regierung sich hauptsächlich damit beschäftigt, zu zeigen, dass sie etwas gegen die sozialen Probleme im Land unternimmt, aber nichts an den Ursachen ändert. Wie der Präsident paternalistische ‚Geschenke‘ an seine Getreuen verteilt und mit öffentlichen Einrichtungen umspringt, als würden sie ihm gehören und nicht dem nicaraguanischen Volk. Wie er Schulen und Universitäten unter seine Kontrolle bringt und als Propagandainstrumente missbraucht. Und wie auch die Nichtregierungsorganisationen in ihrem Kampf oftmals scheitern, gelähmt durch die Notwendigkeit ständig neue Projektanträge zu stellen, ‚Qualitätsmanagement‘ zu betreiben und alles zu dokumentieren. Die dabei oft mehr Kraft in diese Dinge stecken müssen, als ihnen dann für die tatsächliche Arbeit bleibt.
123
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!
wollten. Im Nachhinein scheint es mir absurd, dass ich so lange brauchte, um dies zu begreifen. Aber ich hatte damals schon die Narrative verinnerlicht, dass die Menschen nur in unser Zentrum kamen, wenn sie etwas von uns wollten. Und die staatlichen ‚Geber‘-Pro-
So lautet der Gründungsmythos des ‚Colectivo So-
gramme verbreiten ja auch eine ‚Nehmer‘-Mentalität,
cial Juvenil Somos Diferente‘. An diesem Tag beschlie-
die die Menschen in eine gewollte Abhängigkeit bringt
ßen die beiden, dass es nicht genug ist, sich nur über die
und Eigeninitiative zerstört. Gerade deswegen scho-
Missstände zu beklagen, sondern, dass sie selber etwas
ckierte es mich wohl so, dass die beiden, ohne eine
ändern wollen. Ich begegnete den beiden Männern von
Gegenleistung zu wollen, einfach aus Anteilnahme und
der Parkbank, Derlis und Melvin, das erste Mal in dem
Engagement, etwas verändern wollten.
Sozialzentrum, in dem ich letztes Jahr arbeitete. Sie ka-
men vorbei, um mit meinem Chef Josué zu sprechen. Ob
es an meinem Spanisch lag oder daran, dass ich solch
des Colectivo wollen sich, anstatt auf Hilfe von außen
eine Idee einfach nicht erwartet hatte, kann ich heute
zu warten, den sozialen Problemen vor Ort selber an-
nicht mehr sagen, aber mir blieb schleierhaft, was die
nehmen. Dabei wollen sie sich nicht von der Regierung,
beiden zu ihrem Besuch motiviert hatte. Später erklärte
aber auch von keiner NGO vorschreiben lassen, wo und
mir Josué, dass die beiden auch schon an anderen Pro-
wie sie zu arbeiten haben. Sie machen dies freiwillig
jekten mit ihm gearbeitet hatten und gekommen waren,
und wie es ein Mitglied treffend beschreibt, „aus Ver-
um ihn als Privatmann, nicht als Sozialarbeiter, für das
antwortung und mit Verantwortung.“
Die Idee dahinter ist relativ einfach: Die Mitglieder
Colectivo zu gewinnen. Ich verstand immer noch nicht so
wirklich, was die beiden antrieb. Doch als sich mehrere Wochen später fünf Leute bei uns einfanden, um an der Satzung des Colectivo zu arbeiten, begann ich zu verste-
hen, dass den beiden die Menschen in ihrer Stadt einfach wichtig waren und sie deren Situation verbessern
124
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!
125
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!
Also sammelten die beiden befreundete Mitstrei-
ter*innen um sich. Ihnen half v.a. auch, dass die Grün-
dungsmitglieder alle aus der Region stammen und schon seit Langem freundschaftlich verbunden sind. So hatten die ‚Sitzungen‘ des Colectivo oft einen entspannten, wit-
zigen Charakter. Für die ersten Monate setzten sich die Mitglieder das Ziel, einen Dokumentarfilm über Kinder-
arbeit zu drehen (youtube.com) und Workshops mit den
betroffenen Kindern durchzuführen. Denn in der nicaraguanischen Gesellschaft wird Kinderarbeit oft schlicht
als normal angesehen. Auch ich machte mir nach ein
paar Wochen in Nicaragua keine Gedanken mehr darüber eine Tüte ‚tajadas‘ (leckere frittierte Kochbanen, die
es in Nicaragua überall, wirklich überall zu kaufen gibt)
bei einem Kind zu kaufen. Doch die Realität der Kinder zeigt, dass diese Ignoranz schreckliche Folgen hat. Die
Kinder können nicht zur Schule gehen, nicht spielen und
nicht Kind sein. Wenn man dies erkennt, stellt man sich zwangsläufig die Frage, warum ihre Eltern, die Regie-
rung und Gesellschaft dies zulassen. Doch den meisten Eltern bleibt keine andere Wahl als ihre Kinder arbeiten zu schicken, da sie als Familien auf das Geld angewiesen sind. Insbesondere in den ländlichen Regionen, in denen viele Eltern auf den großen Zuckerrohr-Plantagen arbeiten, häufen sich die Fälle, in denen Eltern an chronischem Nierenversagen erkranken, arbeitsunfähig werden und frühzeitig sterben. Die Krankheit wird mit auf den Plantagen eingesetzten Pestiziden und dauerhafter Dehydratation während extrem langer Arbeitstage in Verbindung gebracht. Doch da sich weder die Plantagenbesitzer noch die Regierung für die Folgen verantwortlich fühlen, sind die betroffenen Familien oft auf sich alleine gestellt, wenn die Eltern nicht mehr arbeiten gehen können. Mit dem Wegfall dieses Einkommens bleibt den Kindern oft keine andere Wahl als selber zum Familieneinkommen beizutragen. Das Colectivo schafft
126
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! es in seinem Film durch Interviews mit Sozialarbeitern, Eltern und Kindern, diese Zusammenhänge aufzuzei-
gen. Gleichzeitig rührt es die Zuschauer*innen zutiefst, z.B., wenn man hört, wie Socorro, eine achtjährige Stra-
ßenverkäuferin auf die Frage: „Möchtest du aufhören,
zu arbeiten?“, antwortet: „Nein, ich möchte ja meine
Mama nicht im Stich lassen … am liebsten würde ich arbeiten und zur Schule gehen.“
Beim Drehen der Dokumentation fiel Melvin jedoch
auch auf, wie sie sich durch ihre hervorgehobene Position weiter von den Mitgliedern der Comunidad ent-
fernten. Doch ihr Anspruch ist es gerade nicht nur eine Gruppe von Expert*innen zu sein, die gegen lokale Prob-
leme antritt, sondern auch Menschen ohne Vorkenntnis-
se miteinzubeziehen und ihnen zu ermöglichen, sich für eine Verbesserung der Situation einzusetzen. So wollen
sie nicht nur selber Probleme bekämpfen, sondern noch
viel mehr Menschen dazu in die Lage versetzen, selber Probleme zu analysieren und an ihrer Lösung mitzuar-
beiten. Zum Beispiel Eric, ein Jugendlicher aus unserer
Comunidad, nahm das Angebot, beim Colectivo mitzu-
127
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!
arbeiten, an. Eric´s Mutter arbeitet derzeit, wie so viele Nicaraguaner*innen, in Costa Rica und daher wohnen er und sein jüngerer Bruder bei ihrer Tante in der Comunidad. In der Schule hatte Eric Probleme mitzukommen und musste bereits eine Klasse wiederholen. Im Colectivo konnte er sich endlich ausleben, seine eigenen Ideen einbringen und sich in seiner Freizeit voll zur Entfaltung bringen. Dies half ihm auch seinen Alltag zu strukturieren und sich in der Schule zu verbessern. Auf diese Weise bietet das Colectivo Jugendlichen die Möglichkeit, sich sinnvoll einzubringen und dabei eine ganze Menge über ihre Stadt und die Probleme vor Ort zu lernen. Doch so bewundernswert die Arbeit des Colectivo
auch ist, trifft sie auch immer wieder auf Hindernisse. Dazu zählt die Motivation der Mitglieder. Keine*r von ihnen wird für seine Arbeit bezahlt, viele von ihnen befinden sich selbst auch in einer ökonomisch schwierigen Lage und haben anderweitige Verpflichtungen, denen sie nachkommen müssen. Gleichzeitig brauchen sie, auch wenn sie unentgeltlich arbeiten, Mittel, um z.B. Materialien für Workshops oder Equipment für Dreharbeiten zu
128
Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! beschaffen. Denn, auch wenn sie viel Einsatz und Moti-
bringt, mit Menschen aus derselben Stadt zu arbeiten.
vation mitbringen, über finanzielle Mittel verfügt keines
Zum Beispiel konnte das Colectivo eine Arbeitsgruppe
der Mitglieder.
zur sich verschlechternden Umweltsituation ins Leben
Trotzdem ist das ‚Colectivo Social Juvenil Somos
rufen, in der sich sowohl Vertreter*innen der Bevölke-
Diferente‘ ein gelungenes Beispiel dafür, wie Eigeni-
rung als auch Politiker*innen und Vertreter*innen von
nitiative auch mit wenig Mitteln schon viel verändern
NGO´s gemeinsam gegen die Verschmutzung des Grund-
kann. So gaben die Schulklassen, in denen das Colec-
wassers durch die umliegenden Zuckerrohr-Plantagen
tivo beispielsweise Workshops zu Prävention durch-
engagierten. Dieser inklusive Ansatz führt auch dazu,
führte, durchgehend an, dass sie sich nun besser und
dass die Menschen, mit denen das Colectivo arbeitet,
sicherer beim Thema Sex fühlen. Auch die Online-Kam-
weniger das Gefühl haben, ‚Objekte eines Projektes‘ zu
pagne gegen die Belästigung von Frauen stieß in den
sein, sondern handelnde Subjekte, die gemeinsam mit
sozialen Netzwerken auf große Resonanz und positive
anderen Menschen für eine nachhaltige Verbesserung
Rückmeldungen. Natürlich hat die Dokumentation über
ihrer Situation eintreten. So wird auch verhindert, dass
Kinderarbeit nicht dazu geführt, dass alle Kinder plötz-
eine zu große Abhängigkeit entsteht, wie es bei beinahe
lich nicht mehr arbeiten müssen. Aber durch mehrere
allen staatlichen und vielen Programmen von Nichtregie-
Filmvorführungen wurde zumindest eine Sensibilisie-
rungsorganisationen in Nicaragua der Fall ist. Durch die
rung einiger wichtiger Akteur*innen in der lokalen Po-
Förderung genau solcher Projekte kann der Widerspruch
litik erreicht. Dabei profitieren die Mitglieder von ihrer
der Hilfe vielleicht aufgehoben werden: Helfen, ohne die
lokalen Verwurzelungund den Vorteilen, die es mit sich
Menschen abhängig von dieser Hilfe zu machen.
129
Kipok: Wir werden leben!
Safe Motherhood
im Endulen Hospital
im Norden
Tansanias
Dr. Florian Schneider arbeitet seit 2005 in verschiedenen Ländern Afrikas. Nach zwei Jahren ‚Missionar auf Zeit‘ in Äthiopien und Tansania war er Gründungsmitglied und Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Endulen e.V. - Trage es im Herzen mit!“ Im Jahr 2014 beendete er sein Medizinstudium an der Universität Witten/Herdecke
130
und arbeitet derzeit als Kinder- und Jugendarzt am St. Franziskus Hospital in Münster.
und in einem Umkreis von 300 km des Krankenhauses. Sie werden mindestens einmal im Monat vom Primary Health Care Team besucht. Dieses Team besteht aus einem Arzt und einer Hebamme. Sie kümmern sich um kranke Maasai und führen die Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere und Kinder durch. Pro Jahr können ungefähr 300 schwangere Frauen untersucht und begleitet werden.
Die Frauen der Maasai entbinden mit Hilfe lokaler Hebam-
Die Ortschaft Endulen liegt mitten in der Ngorongoro
men (TBAs) in ihrem familiären Umfeld zu Hause. In einem Dorf
Conservation Area im nördlichen Tansania. Dieses ein-
(Boma) ist mindestens eine Frau in Geburtshilfe und den kul-
zigartige Naturschutzgebiet dient dazu, dass Menschen
turellen Riten ausgebildet, um die Schwangeren während der
im Einklang mit Natur und wilden Tieren leben können.
Schwangerschaft und durch die Geburt zu begleiten. Diese Be-
Dort ist das Endulen Hospital das einzige Krankenhaus
gleitung geht solange, bis das Kind 3 bis 4 Jahre alt ist. Sie kön-
für ca. 80.000 Menschen. Es versorgt v.a. Maasai, aber
nen unkomplizierte Geburten sehr gut betreuen und gehen wäh-
auch Wairaq und Mangati. Erstere verfolgen weiterhin
renddessen auf zahlreiche
ihre traditionellen Lebenswege, die bedeuten, dass vie-
Riten und Bräuche ein. Wenn
le kulturelle Riten ihren Alltag über das ganze Leben
aber Komplikationen oder
hinweg bestimmen.
Begleiterkrankungen
Zu den wichtigsten Riten gehören die traditionellen
Kindern oder der Frau auf-
Initiationsfeste zu Beginn der Pubertät und zu den Ver-
treten, benötigen sie schul-
131
bei
mählungen. Die Dörfer der Maasai liegen auf
medizinische
Unterstüt-
einer Höhe von 1000 – 3000 m Meereshöhe
zung aus dem Krankenhaus.
Die schnell benötigte
Zwischen 2006 und 2007 lebte ich für ein Jahr in Endu-
Hilfe kommt oft zu spät,
len und arbeitete täglich im Krankenhaus. Dort wuchs nicht
da die Dörfer zu weit weg
nur der Wunsch Medizin zu studieren und als Arzt zurückzu-
liegen,
Benachrich-
kehren, sondern viele Fragen wurde in unzähligen Gesprä-
tigung zu spät abgesetzt
chen aufgeworfen und konnten nicht ausreichend beant-
wird oder der Weg für
wortet werden. Es mussten bei schneller Ausbreitung von
Fahrzeuge
unzugänglich
tödlichen Infektionskrankheiten und hoher Sterblichkeits-
ist. Komplikationen sind z.B. mangelnde Wehentätigkeit in
rate bei Geburt und im Säuglingsalter dringend Antworten
der Austreibungsphase der Geburt, starker Blutverlust oder
gefunden werden. Die traditionelle Maasai-Gesellschaft
Infektionen am Ende der Schwangerschaft.
befand sich im Zwiespalt zwischen der fortschreitenden
Wenn die Betreuung durch lokale Hebammen erfolgt,
Modernisierung, v.a. in Bezug auf das Sexual- und das Part-
finden zudem keine Untersuchungen und Behandlungen
nerschaftsverhalten und die tief verwurzelte Kultur mit der
von
Infektionskrank-
heiten
Pflicht,
traditionsmäßig
Syphi-
zu heiraten und viele Kin-
HIV/
der zu bekommen. Nach
typischen
meiner Rückkehr im Jahr
Schwangerschaftser-
2007 gründete ich mit vie-
krankungen
(schwan-
len Mitstreiter*innen den
gerschaftsinduzier-
Verein ‚Endulen e.V. – Tra-
ter
Bluthochdruck,
ge es im Herzen mit!‘. Im
Schwangerschafts-
Jahr 2008 fassten wir die
vergiftung) statt, was
Millennium Development
Mütter und Kinder zu-
Goals 4 und 5 ins Auge, um
sätzlich einem großen
die Säuglings- und Müt-
Risiko aussetzt.
tersterblichkeit
lis, Aids)
(z.B.
die
Gonorrhoe, und
ken.
132
zu
sen-
In den Jahren 2008 bis 2010 führte ich halbstrukturierte Interviews in den Dörfern um das Krankenhaus herum durch, um der Frage nachzugehen, warum bei einer hohen Geburtenrate und bei einer gleichzeitig hohen Mütter- und Säuglingssterblichkeit so wenige Geburten unter ärztlicher Beobachtung im Krankenhaus stattfinden. Zu Fuß oder mit dem Motorrad ging es in entlegene Dörfer. Hohe Krankenhausgebühren, mangelnder Platz innerhalb der bestehenden Krankenhausstruktur, Ignoranz gegenüber kulturellen Bedürfnissen und die mangelnde Akzeptanz gegenüber der TBA waren die Hauptgründe. In den kommenden Monaten folgten viele Treffen mit den Ältesten, mit traditionellen Heiler*innen, lokalen Hebammen und schwangeren Frauen, um diesen Fragen weiter auf den Grund zu gehen und das kulturelle Wissen der angestellten Pfleger*innen,
MDG`s und SDG`s
Ärzt*innen im Krankenhaus zu steigern. Der Hauptfokus lag
Millennium Development Goal 4, Senkung der Kindersterblichkeit: Zwischen
immer auf dem gegenseitigen Austausch und der gegensei-
1991 und 2015 Senkung der Kindersterblichkeit von unter Fünfjährigen um zwei
tigen Bereicherung. Für die Angestellten im Krankenhaus
Drittel (von 10,6% auf 3,5%). Millennium Development Goal 5, Verbesserung der
war v.a. die Wichtigkeit der traditionellen Hebammen ein
Gesundheitsversorgung der Mütter: Zwischen 1990 und 2015 Senkung der Ster-
neuer, zentraler Punkt, die z.B. diverse Segnungen nach der
blichkeitsrate von Müttern um drei Viertel. Bis 2015 allgemeinen Zugang zu re-
Geburt vornimmt.
produktiver Gesundheit erreichen. Im September 2015 wurde die Agenda 2030 verabschiedet, bei der 17 neue ‚Sustainable Development Goals‘ verabschiedet
133
wurden. Quelle: www.un.org/millenniumgoals
Mit Hilfe der Maasai und der Angestellten wur-
Der Schwerpunkt der
de ein Bauplan für eine neue Wöchnerinnenstati-
Arbeit im Rahmen ‚Safe
on entwickelt, die im Jahr 2011 – finanziert durch
Motherhood‘
Spenden aus Europa – eröffnet wurde. Sie wurde
dahin
‚Kipok!‘ genannt, was übersetzt ‚Wir werden leben!‘
rung und Aufbau neuer
heißt. Die neue Abteilung bietet Platz für 24 Frau-
Strukturen.
en – vor, während und nach der Geburt. Neues me-
die eingeführten Treffen
dizinisches Equipment macht eine fachgerechte
mit lokalen Hebammen
Betreuung von Komplikationen und Operationen
werden bis heute vier-
möglich. Eine rudimentäre Frühchenstation er-
teljährlich
möglicht eine Versorgung von zu klein oder zu
um weiterhin einen Raum zu schaffen, Wissen auszutauschen. Ange-
früh Geborenen.
stellte Ärzt*innen und Hebammen/Krankenpfleger lernen viel von der
war
bis
WissensgenerieBesonders
fortgeführt,
Kultur der Maasai und die lokalen Hebammen lernen viel für die Geburten im Boma und darüber, was im Endulen Hospital in Notfällen möglich ist. Bis zu 60 Frauen treffen sich dort pro Workshop mit einheimischen Hebammen und Ärzt*innen des Krankenhauses. In der neuen Wöchnerinnenstation wurde extra ein Bereich geschaffen, wo Wissen besprochen und weitergegeben wird. Ein lokaler Künstler bemalte die Innenwände des neuen Gebäudes mit kultursensitiven Bildern. Durch diese Zeichnungen inspiriert, entwickelte ein deutscher Illustrator eine Aufklärungsbroschüre, die Vorgehensweisen bei möglichen Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt darstellt.
134
Diese
Broschüre
wird bei den Treffen besprochen und auch ausgehändigt,
damit
auch in den Dörfern Gespräche mit jungen Frauen und Mädchen stattfinden
können
und das Wissen so weitergegeben wird.
Die
Anzahl
der
Geburten im Krankenhaus sind in den letzten acht Jahren gestiegen. Waren es in den Jahren 2008 bis 2010 insgesamt 186 Geburten, so fanden allein im Jahr 2016 an die 300 Geburten im Krankenhaus statt. Auch die Zahl der Kaiserschnitte konnte bis über 30 pro Jahr angeho-
und die gegenseitige Akzeptanz zu fördern.
ben werden. Derzeit setzen wir uns mit der Idee eines Erweiterungs-
Durch die Verbindung europäischer Hilfe mit
baus auseinander.
tansanischer Organisation und
Lokale Hebammen sind ein
lokalem bzw. kulturellem Wissen
wichtiger Schlüssel bei der Be-
konnte in den letzten Jahren viel
treuung von Frauen vor, wäh-
für die Gesundheit von Müttern
rend und nach der Geburt, um
und Kindern in und um Endulen
die Mütter- und Säuglingssterb-
getan werden. Das gegenseitige
lichkeit zu senken. Interviews,
Vertrauen ist das wichtigste Ele-
regelmäßige Treffen und Aufklä-
ment, um den Kindern und deren
rungsarbeit halfen in kurzer Zeit,
Müttern einen guten Start ins Le-
kulturelle Hürden zu überwinden
ben zu bieten.
135
Endulen e.V. Seit 2005 arbeitet Dr. Florian Schneider in verschiedenen Ländern Afrikas. Er war u.a. für sein Studium in Südafrika, baute mit dem Operndorf Afrika eine Krankenstation in Burkina Faso auf und ist medizinischer Berater des Aufklärungsprojekts ‚Ask without Shame‘ in Uganda. 2008 war er Gründungsmitglied und für viele Jahre danach 1. Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Endulen e.V. – Trage es im Herzen mit!“ Schwerpunkt des Vereins ist es, in Zusammenarbeit mit den Maasai, den traditionellen Hebammen und tansanischen Ärzten und Ärztinnen die Mütter- und Säuglingsgesundheit in und um das Endulen Hospital im Norden Tansanias zu verbessern. Im Endulen Hospital wurden für Projekte, die sich v.a. der Energieversorgung, der Reduzierung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit, der medizinischen Ausstattung und der akuten Übernahme von Medikametenlieferungen oder Notoperationen widmen, bereits mehr als 250.000 Euro gesammelt und sinnvoll in Endulen eingesetzt. Sein Herzensprojekt ist das Projekt ‚Safe Motherhood‘ zur Verbesserung der Mütter- und Säuglingsgesundheit im interkulturellen Kontext. Wer Lust hat, beim Verein „Endulen e.V. – Trage es im Herzen mit!“ mitzuhelfen oder die derzeitigen Projekte finanziell zu unterstützen, findet mehr Informationen unter
136
www.endulen.de.
Taste Slow
of Malawi
Fashion
138
Die Schneiderin Joyce Banda berichtet von ih-
rer neuen Arbeit im Projekt ‚Taste of Malawi‘: „Es bringt nicht nur zusätzliches Geld ein, welches wir dringend benötigen. Das Projekt schenkt uns die Möglichkeit, endlich etwas Eigenes erschaffen zu können. In einem Land wie Malawi ist es nicht selbstverständlich, dass Frauen arbeiten. Durch meine Teilnahme wird das Bild der arbeitenden, selbstständigen Frau, auch innerhalb meines persönlichen Umfelds, normalisiert.“
Malawi hat im Grunde eine lange ‚slow fash-
ion‘-Tradition. Es gibt ein starkes Bewusstsein für Kleidung und das Schneider*innenhandwerk. Die Stoffe werden ‚Chitenje‘ genannt und sind mit verschiedenen Formen und Farben bedruckt, die eine
denn es kommen immer kosten-
kulturelle Bedeutung haben. Die aus den Baumwoll-
günstigere Kunstfaser-Stoffe aus
stoffen geschneiderten Textilien sind ein treuer Be-
Fabriken in Indien und China auf
gleiter im Alltag – ob als Babytrage oder als Kleid, der
den Markt. ‚Langsame Mode‘ versucht,
Stoff wird für alles Mögliche verwendet. Das, was in
diesen Prozessen mit einer sorgfälti-
Europa und den USA als ‚slow fashion‘ bezeichnet
gen Herstellung und Auswahl der Roh-
wird, ist in Malawi die normale, traditionelle Textil-
stoffe, einer nachhaltigen und manuel-
industrie. Aber auch die malawische Industrie ist von
len Produktion sowie Langlebigkeit der
globalen wirtschaftlichen Entwicklungen betroffen,
Produkte zu entgegenzuwirken.
139
ropa gekauft werden. Hergestellt unter fairen Bedingungen und verkauft zu einem fairen Preis. Die Einnahmen fließen vollständig zurück in das Projekt, denn die Frauen erhalten ein angemessenes Ausbildungsgehalt. Bezahlt werden zusätzlich einige Mitarbei-
Der Verein ‚Taste of Malawi‘ hat sich zum Ziel gesetzt, die-
ter*innen vor Ort, die den Frauen mit Rat und Tat zur Seite
sen kulturellen malawischen Reichtum bekannt zu machen
stehen und sie in allen wichtigen Bereichen der Schnei-
und zu fördern. Neben der Wertschätzung von nachhaltiger
der*innenlehre schulen. Die Herstellung der Kleider, Rö-
Mode in Malawi und in Deutschland ist ein weiterer zent-
cke, Jutebeutel sowie anderen Textilien erfolgt in sorgfäl-
raler Aspekt bei der Arbeit die Stär-
tiger Handarbeit und es wird komplett auf die Verwendung
kung der Frauen in der Gesellschaft.
von künstlichen, kurzlebigen Stoffen verzichtet. In diesem
Das Nähgewerbe in Malawi ist stark
Fall eignet sich ‚Chitenje‘ bestens als Grundstoff für hoch-
von Männern dominiert. Die Rollen-
wertige, langlebige Mode. Die Muster haben ihren eigenen
verteilung von Männern und Frauen
Charme, die Stoffe sind bedruckt mit traditionellen Symbo-
folgt anderen sozialen Normen und
len. Jedes Teil ist ein Einzelstück: Weil alles mit Hilfe von
Konventionen als in Deutschland.
Nähmaschinen und ansonsten per Hand geschneidert wird,
Frauen sind bei der (Aus-)Bildung
variieren die Stücke jedes Mal in Farbe und Schnitt. Des
und bei der Berufswahl oft struktu-
Weiteren folgt die Arbeit einer ‚Zero-Waste Strategie‘:
rell benachteiligt. Das Projekt ‚Taste
of Malawi e. V.‘ soll Frauen auf ihrem
den, sondern es sollen alle Ressourcen effizient und so gut
Weg in die Selbstständigkeit unter-
wie möglich genutzt werden. Die Schneiderinnen lernen
stützen und zwar durch die Produktion von ‚slow fashion‘.
von Beginn an, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten
Damit gibt es zwei Zielsetzungen, die aufeinander aufbau-
optimal zu nutzen. Große Stoffmengen werden zu Kleidern
en: Die Frauen erhalten eine Schneiderinnenlehre, um da-
und Tüchern verarbeitet, während aus den kleinen Stoffres-
nach finanziell unabhängig sein zu können. Alle Produkte,
ten Haarbänder und ähnliches gefertigt werden. Auch die
die während der mehrmonatigen Ausbildung in Lilongwe,
Zeit, die für die Produktion benötigt wird, wird großzügiger
der Hauptstadt Malawis, geschneidert werden, können
bemessen. Statt Fließbandarbeit setzt ‚slow fashion‘ auf hu-
über einen Online Shop des Vereins von Menschen in Eu-
mane Arbeitszeiten.
Slow Fashion: ein nachhaltiger Konsumund Produktionsstil aus Malawi für Deutschland
Bei der Produktion soll kein Material verschwendet wer-
140
Das Projekt besteht ein Jahr nach seiner Vereinsgründung im Jahr 2016 aus einer
Dadurch
unterlaufen
Handvoll
ehrenamtlicher
bei der Herstellung der
deutscher Studierender und
Kleidung weniger Fehler
einigen
und die Mitarbeitenden
in Malawi. Einmal im Monat
sind zufriedener.
findet ein Skype Meeting auf
Durch das Projekt können
Englisch statt, um sich un-
die Frauen lernen, mit
tereinander
vertrauten Materialien et-
und neue Vorgehensweisen
was Neues herzustellen und damit erfolgreich zu sein.
zu besprechen – ein gemein-
Mittlerweile hat sich Taste of Malawi in Lilongwe schon
sames
Mitarbeiter*innen
auszutauschen
Brainstorming,
einen Namen gemacht. Besonders die Ehemänner sind
den Schneiderinnen von dem
sich
stolz. Für die Frauen selbst ist das Projekt somit eine
Projekt angetan. Die Frauen
hinweg setzt. Teure Fahrt-
besondere und wichtige Erfahrung. Die meisten von ih-
motivieren sich nicht nur un-
kosten werden mit diesem
nen verdienen zum ersten Mal eigenes Geld. Das Gefühl,
tereinander, sondern geben
Vorgehen
nicht auf ihre Männer oder fremde Menschen angewie-
auch ihr handwerkliches Kön-
vermieden. Die Online-Ver-
sen zu sein, ist für viele von ihnen völlig neu. Nach der
nen und berufliches Wissen
netzung soll auch dem Grund-
Ausbildung wollen sich die meisten Frauen selbststän-
kontinuierlich an Bekannte
gedanken des Projekts – der
dig machen und damit nicht nur eine weitere Einkom-
weiter. So entsteht ein großes
Nachhaltigkeit – gerecht wer-
mensquelle für ihre Familien schaffen, sondern sich v.a.
Netzwerk für Frauen in ähn-
den. Produziert wird in ei-
selbst verwirklichen. Der Traum, nicht mehr von inter-
lichen Situationen, welches
nem Vorort von Lilongwe, der
nationalen Hilfsorganisationen abhängig zu sein, rückt
neue
schafft
Hauptstadt Malawis. Die Ko-
mit Hilfe des Projekts in greifbare Nähe. Neben den
und gegenseitige Unterstüt-
ordination und Vermarktung
stolzen Ehemännern ist auch das Umfeld der angehen-
zung bietet.
erfolgt aus Freiburg.
Perspektiven
über
das
Ländergrenzen
umweltschonend
141
Der Verein versucht zudem, insbesondere für nachhal-
tige Mode in Deutschland zu sensibilisieren. Mit Vorträgen und Infoveranstaltungen in Schulen, auf Messen, Flohmärkten und Festivals ist das Team aktiv. Die Konsument*innen in Deutschland sollen direkt ange-
Slow Fashion in Deutschland
sprochen werden und davon überzeugt werden, dass auch mit diesem persönlichen Engagement etwas bewegt werden kann. Durch Präsentationen mit viel Bildmaterial werden
Menschen sensibilisiert und auf die Thematik aufmerksam gemacht. Auch Gesprächskreise fördern den wichtigen Austausch und ermöglichen allen Interessierten, mehr über Slow Fashion zu erfahren. Nicht nur eigene Erfahrungen und Meinungen werden ausgetauscht, sondern auch Vorurteile werden aus dem Weg geschafft. Besonders Schüler*innen sind fasziniert von den neuen Erkenntnissen, die sie in den Workshops erlangen. „Ich wusste zwar, dass es Fairtrade Kleidung gibt, aber ich dachte immer, sie sei altmodisch und eher etwas für die ältere Generation“, erzählt eine 14-jährige Schülerin. In den Seminaren lernen www.facebook.com/tasteofmalawi
aber junge Menschen genau das: Faire Kleidung kann eben
Instagram: tasteofmalawi
auch modern sein. Obwohl große Modeketten in Einzelfäl-
142
len schon mit Fairtrade Kleidung werben, ist
es oft schwer zurückzuverfolgen, ob es sich
zeichnet werden: Der Gewinn eines StartSocial Beratungs-
dabei tatsächlich auch um die beworbene Slow
stipendiums, welches unter der Schirmherrschaft von Bun-
Fashion handelt. Besonders in Deutschland ist zumin-
deskanzlerin Merkel steht, stellte eine große Bereicherung
dest ein langsamer Trend in die richtige Richtung zu er-
dar. Sechs Monate lang bekam das Projekt Unterstützung
kennen: durch die sozialen Medien werden immer mehr
von professionellen Berater*innen, die gemeinsam mit dem
junge Menschen auf den Begriff aufmerksam. Das Internet ist dabei ein großes Hilfsmittel. Denn: die globale Bewegung wird sowohl international, als auch in Deutschland, durch das Engagement von Blogger*innen und Einzelhändler*innen weiter verbreitet. Es gibt mittlerweile auch in Deutschland Geschäfte, in denen ausschließlich Slow Fashion verkauft wird. Obwohl in der heutigen Gesellschaft damit schon ein Umdenken stattfindet, reicht dieses noch lange nicht aus. Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass es Sinn macht, auf Nachhaltigkeit zu setzen – und zwar in allen Bereichen. Es beginnt beim Einzelnen. Es ist ein Trugschluss, dass ein einzelner Mensch nichts bewegen kann.
Seit der Gründung konnten schon einige Erfolge ver-
143
Team neue Strategien entwickelten, um noch
Taste of Malawi und die SDG’s
mehr Menschen zu erreichen. Durch den reichen Erfahrungsschatz der Coaches wurde das Team bestärkt und motiviert. Die Coaches nahmen während der sechsmonatigen Stipendienzeit auch an den monatli-
chen Skypemeetings teil. Bei regelmäßigen Treffen bekam
Sustainable Development Goals bzw. Zielen für
das Team zusätzlich die Möglichkeit, von den Expert*in-
nachhaltige Entwicklung von den Vereinten Na-
nen Ratschläge und Tipps zu erhalten, um diese dann mit
tionen. Vorrangig bezieht sich das Projekt Taste
ihnen gemeinsam praktisch anzuwenden. Der Ausbau der
of Malawi auf das Ziel des nachhaltigen Konsums
Social Media Aktivität und die regelmäßige Teilnahme an
und der nachhaltigen Produktion. Mit Slow Fash-
Wettbewerben zur Unterstützung von jungen Hilfsprojek-
ion soll das Thema Nachhaltigkeit nicht nur in die
ten sind nur zwei Beispiele des neuen Strategieplans. Auch
Köpfe, sondern auch in die Kleiderschränke der
den Förderpreis der ‚Stiftung Brücke‘ hat Taste of Malawi
Menschen einziehen.
im Jahr 2015, welcher jährlich ein soziales Projekt unterstützt, dankend erhalten. Das Fördergeld ermöglichte den Anbau weiterer Räumlichkeiten auf dem Produktionsgelände in Lilongwe. Durch den Zuspruch von Freunden, Bekannten sowie weiteren Interessierten und die Unterstützung vieler Menschen und Unternehmen wächst das Projekt stetig weiter. Die größte Motivation ist jedoch, zu sehen, wie die geförderten Frauen mit viel Freude schneidern und an ihren Erfahrungen wachsen.
Das Projekt orientiert sich gleich an mehreren
Natürlich möchten wir auch den Frauen in Malawi hel-
fen und sie auf ihrem persönlichen Weg, sich selbst zu verwirklichen, begleiten. Vielen ist es durch Taste of Malawi möglich, sich ihren Traum vom eigenen Schneiderladen zu erfüllen und mit Hilfe ihrer Talente so Geld zu verdienen. Geld, das sie in Malawi dringend benötigen, um ihre Kinder zu ernähren und auch um ihnen etwas bieten zu können. Selbstständigkeit, Weiterbildung und gerechte Löhne sind essentiell für die persönliche Entwicklung – und die hat jeder Mensch verdient. Unabhängig von Geschlecht, Alter und Hautfarbe. In diesem Zusammenhang steht Taste of Malawi weiterhin für Geschlechtergleichheit, chancengerechte Bildung und die Beendigung von Armut. Gerade in einem Land wie Malawi muss noch sehr viel passieren. Die Menschen sind trotz Armut sehr motiviert, auch die Frauen. Gerade deshalb muss eine Gleichbehandlung stattfinden und eine Wertschätzung der Frauen erfolgen. Mit dem Slow Fashion Projekt leistet Taste of Malawi e.V. vor Ort einen wichtigen Beitrag dazu.
Mareike Lummer ist Studentin der Anglistik/Amerikanistik und Linguistik in Düsseldorf. Neben dem Studium arbeitet sie im Bereich der internationalen Kommunikation. Durch ihr Interesse für Sprachen und andere Kulturen kam sie im Jahr 2016 zu Taste of Malawi e.V. und ist dort seitdem zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Circo Fantazz Tico Plötzlich
lässt
sie
das Tuch los und fällt sich drehend
dem
Boden
ent-
gegen. Kurz bevor sie aufschlagen würde, zieht sich der Knoten
zu
federnd
und
auf.
fängt
Maru
sie
zieht
sich an ihrem Vertikaltuch empor und dreht sich in einen Überspaghat. Sie hält kurz inne,
um
Applaus
zu
den
tobenden
genießen
und
lässt sich nun ganz langsam das Tuch hinuntergleiten. Wie eine Schlange bewegt sie sich und ist sich jeder Bewegung ihres Körpers bewusst.
145
Felicitas Arlt arbeitete 2015/16 im Circo Fantazztico von Costa Rica und entdeckte die Macht von Tanz, Akrobatik und Musik auf die unterschiedlichsten Menschen. Ihre Idee: Diese Kombination sollte man in viele soziale Projekte einbringen. Momentan ist sie wieder mit ihrem Projekt in Perez Zeledon, denn dieser Zirkus lässt sie nicht mehr los.
Kaum steht sie wieder auf dem erdigen Bo-
den, erscheinen die restlichen ‚Chamacos‘ im Szenario und spielen mit Akrobatik und Jonglage die Geschichte des ‚domingo siete‘ weiter. Domingo siete ist ein traditionelles Märchen
Carolina schlägt stolz
über Hexen, Glück, Musik und Tanz und der
mit
Zufriedenheit im Leben.
Juan-Carlos
Die Zirkusgruppe einigte sich auf diese
den Jugendlichen ein
Thematik und arbeitete lange an der Ausar-
und bedankt sich dann
beitung. Alle zusammen sind so motiviert und
herzlich bei allen Betei-
konzentriert, dass auch die Zuschauer*innen
ligten. Selbst aus dem
den Atem anhalten, als sie sich gegenseitig
Publikum kann man se-
durch die Luft werfen, Saltos machen und Keu-
hen, wie sehr sie diese
len und Bälle den Raum kreuzen. Die Nacht ist
‚Chamacos‘ doch liebt,
voller Spontanität, Energie, Kraft und Licht
wie sehr sie für diesen
und die Zeit scheint einen Moment stehen zu
Zirkus lebt und wie sie
bleiben.
es genießt, Teil dieses
Projektes zu sein. Die
Die Zirkusband begleitet musikalisch alles
Maru,
Pablito, und
all
wie perfekt und mit einem Schlagzeugsolo und
Kolumbianerin
einer doppelten Schraube kommt es zum krö-
nun schon seit 12 Jah-
nenden Abschluss. Das Publikum ist begeis-
ren in San Isidro in Cos-
tert, die Musiker*innen, die Artist*innen, Maru
ta Rica und leitet den
und Carolina, die Leiterin des Zirkus, strahlen
‚Circo FantazzTico‘. Er
noch immer so viel Energie aus, dass sie ein-
ist ihr Leben, ihre Hei-
fach jede*n mitreißen.
mat und die Jungen
lebt
und Mädchen sind ihre
146
Familie, sie gehört einfach dort mitten rein.
lichen und ihre ganzheitliche positive Entwicklung. Das ist die Idee von Vida Nueva und auch die Umsetzung funktioniert sehr gut. Zusammen mit Carolina, Darío und Pablito werden die Kinder von den unterschiedlichsten Freiwilligen aus der ganzen Welt trainiert. Jede*r gibt andere Kunststücke, Techniken und Zirkuskenntnisse weiter. Das Angebot von Jonglage bis Akrobatik fördert Vertrauen in sich selbst und die Gruppe vermittelt Verantwortungsbewusstsein und Teamgeist. Es steht dabei nicht die Konkurrenz im Vordergrund, sondern das Miteinander. Jede*r einzelne Tico besitzt seine individuelle Begabung und somit gilt es, diese Fähigkeiten und Stärken zu erkennen und zu fördern. Daraus entsteht ein großes Ganzes. Und dieses zusammenerarbeitete Zirkusstück stärkt das Selbstwertgefühl des*der Ein
‚Circo FantazzTico‘ ist ein zirkuspädagogisches Sozialprojekt
zelnen und die Einheit der Gruppe. Sehr stolz werden
der Asociacion Vida Nueva, in welchem Präventivarbeit mit sozial
dann die Stücke in den verschiedensten Kontexten
benachteiligten Kindern und Jugendlichen betrieben wird.
vorgeführt. Von den Klassenkameraden, über die
Idee dieses Projektes ist es, den Kindern, die am meisten
Dorfgemeinde, über Nachbarländer und sogar bis
unter der schwierigen sozialen Situation leiden, ein sicheres
nach Europa haben es einige schon geschafft, sich
Umfeld zu schaffen, in welchem diese sowohl körperliche Fähig-
zu präsentieren. Die Freiwilligen kommen und
keiten als auch soziale Kompetenzen erlernen können. Alle
gehen,
Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrem sozialökonomi-
bleiben konstant als Bezugspersonen. Diese drei
schen Hintergrund, sollen kostenlosen Zugang zu Spiel, Bildung,
Personen sind für mich wahre Helden, denn es
Kunst, Kommunikationsmitteln und kulturellen Frei-
ist ganz sicher nicht leicht, immer für diese
räumen haben, als Basis von Gleichberechtigung.
Kinder und Jugendlichen da zu sein. Carolina arbei-
Man legt großen Wert auf die Autonomie der Jugend-
tete schon in verschiedenen Zirkusprojekten, doch
147
aber
nur
Carolina,
Darío
und
Pablito
der Circo FantazzTico hielt sie fest. Dort wohnt sie mit immer wieder neuen internationalen Freiwilligen in dem sogenannten ‚Comedor‘, der das Herzstück des Zirkus ausmacht. Von dort koordiniert sie das Zusammenleben und Arbeiten der Freiwilligen und übernimmt die Rolle der Mentorin für diese. Natürlich ist ein Ort mit immer wechselnden neuen Menschen, die versuchen, zusammen zu leben und zusammen zu arbeiten, eine Basis für viele Probleme, aber auch für sehr viel Kreativität, Inspiration und neue Ideen. Carolina ist eine starke und mutige Frau, sie beweist sich immer wieder in brenzligen Situationen u.a. durch ihre Erfahrung und ihre Geduld.
Sie betreut die ‚Chamacos‘ nun schon seitdem sie
als Kind den Zirkus für sich gefunden hat und für jede*n Einzelnen ist sie wie eine große Schwester und gleichzeitig eine hohe Autorität. Diese Frau besitzt eine Ausstrahlung, von der jede*r Lehrer*in
Familie, einige lebten schon auf der Straße, taten sich etwas an
oder Gruppenleiter*in träumt. Obwohl sie nicht viel
oder sind aggressiv. Alle haben eine Vergangenheit und ein
älter scheint als die ‚Chamacos‘, herrscht sehr viel
jetziges Leben, das wir uns nicht vorstellen können. Und gleich-
Respekt zwischen ihnen. Die Arbeit mit den Zirkus-
zeitig sind alle auch ganz normale Kinder und Jugendliche, die sich
kindern ist und war nicht immer einfach. Dadurch,
für ein Projekt, wie den Zirkus, sehr begeistern können. Carolina
dass sie aus den eher sozialschwachen Familien
kennt sie alle nur zu gut, weiß, wann man wem mit der Schule
kommen, wachsen sie in einem schwierigen und auch
helfen muss oder bei wem man heute Nachsicht haben sollte.
gefährlichen Umfeld auf. Viele haben eine Vergan-
Immer wieder war ich überrascht, wie sie so viele Dinge gleich-
genheit mit Drogen oder kämpfen immer noch damit,
zeitig organisieren konnte. Für den Zirkus ist sie unentbehrlich
andere haben nie besonders viel Aufmerksamkeit in
und wirklich jede*r ist ihr unglaublich dankbar für die
der Schule bekommen oder auch in ihrer eigenen
Mühe, die sie sich macht.
148
Von diesen drei
wunderbaren
immer an seiner Seite,
Men-
er hörte sie, spielte sie
schen möchte ich ei-
und fühlte sie. Jetzt
nen weiteren vorstel-
kann er sich ein Leben
len: Pablito.
ohne Rhythmus, Melo-
dien und Takte nicht
Ein junger Mann in
zu großen Klamotten,
mehr
das T-Shirt links herum
Musik ist einfach ein
und ein langes Zöpf-
Teil von ihm. Aber auch
chen im kurzen Haar,
die Kunst an sich kann
so sieht man ihn mit
ihn
seiner Band im Hinter-
nebenher fotografiert
grund der Zirkusszene.
er bei verschiedenen
Seine großen braunen
Events und Präsenta-
Augen strahlen, wenn
tionen.
er mit der Gitarre in
Schon immer war
der Hand im Takt der
es sein Traum, eines
Musik wippt und mit
Tages von Kunst leben
seinen
zu
die
neu
Kolleg*innen
vorstellen,
sehr
die
begeistern,
können.
Und
einstudier-
obwohl das in Costa
ten Lieder spielt. Man
Rica offensichtlich un-
sieht ihm regelrecht
möglich ist, gibt er die-
an, wie wohl er sich
sen Traum nicht auf.
dabei fühlt. Kunst fas-
Er arbeitet als Foto-
ziniert ihn und Musik
graf, in der Licht- und
ist seine größte Lei-
Tontechnik,
denschaft. Seitdem er
und unbezahlt im Zir-
klein ist, war die Musik
kus und ab und zu hat
freiwillig
er weitere Jobs in der Effizienzplanung von Firmen. Aber auch nur, um sich bald eine bessere Kamera zu leisten und mit dem Zirkus auf Europatournee zu gehen.Im Zirkus hat er eine
Lebensform
gefun-
den, in der er die Kunst leben kann, die er sich in seinem Alltag wünscht. Er spielt in der Zirkusband, organisiert Licht und Ton vor
den
Präsentationen,
betreut die ‚Chamacos‘ und ist wirklich immer für jede*n da. Auch wenn er viel für den Zirkus aufgibt, ist es immer noch eine frei-
Maru, Carolina und Pablito – diese drei unglaublichen Menschen stehen in meinen Augen für den ‚Circo FantazzTico‘ und ein Leben lang werde ich mich an sie erinnern.
willige und unbezahlte Arbeit. Um dort weiter aktiv zu sein, wohnt er noch im-
Wer Pablo kennt, weiß, dass dieser junge Mann eine sehr aufrichtige und authentische
mer bei seinen Eltern, ver-
Person ist. Er schaut den Menschen in die Augen, spricht aus, was er fühlt, hört jedem*r zu
zichtet auf viel und muss
und lässt sich auf jede*n ein. Eine Freundschaft mit diesem Menschen ist goldwert. Der
nebenher arbeiten.
Zirkus wird ihn so schnell nicht loslassen, seine Freund*innen auch nicht, seine Familie kann es sich auch nicht ohne ihn vorstellen, er wird wohl noch sehr lange in seiner Heimat bleiben,
150
die er ja auch liebt. Aber eines Tages, daran glaubt er, wird er sich seinen Traum erfüllen und nur von der Kunst leben.
Zusammen mit wech-
glaublichen Gemeinschaft
Leben, das ich ein Jahr lang habe kennen lernen dürfen und
selnden Freiwilligen aus
zu leben, in dieser Grup-
das ich sehr schnell zu lieben begonnen habe. Von all die-
der ganzen Welt trainie-
pe Außergewöhnliches zu
sen Menschen kann man so viel lernen. Alle genießen die
ren sie die Kinder und Ju-
leisten und die Welt neu
Musik, die Kunst, die Akrobatik und die Gemeinschaft so-
gendlichen in Zirkusdis-
zu entdecken. Die Fleißig-
wie das Leben und die Energie, die daraus entstehen. Durch
ziplinen, um daraus ein ge-
sten unter ihnen dürfen
den Zirkus änderte sich ihr Leben und jede*r sieht darin ein
meinschaftliches Werk zu
den
seiner
Stück Kraft, Hoffnung und Zukunft. Dieses Projekt soll als
gestalten. Diese sind ge-
Europatournee begleiten
Vorbild für sehr viele weitere dienen, es zeigt wie erfolg-
nauso mit Herz und Seele
und verlassen zum ersten
reich und wundervoll sich Menschen und Ideen entwickeln.
dabei, da sie so die Mög-
Mal ihr Geburtsland. Die-
Musik, Sport und Zirkus tragen einen bedeutenden Teil zu
lichkeit haben, in einer un-
se Menschen leben ein
einer
Zirkus
auf
harmonischen sollten
Gemeinschaft in
jedem
bei
und
Lebensbereich
Einfluss finden. Es sind die einfachsten Methoden, Menschen einander näher zu bringen, Brücken zu bauen und sich ohne Sprache zu verstehen.
Im September 2017 kommt die Showgruppe des Circo FantazzTico auf Europatournee – u.a. in einige deutsche Städte.
151
n e h c s FlaTrinkwasser Wasser ist ein Grundnahrungsmittel – für uns hier in Deutschland vielleicht sogar so selbstverständlich, dass wir es gar nicht mehr bewusst als Nahrungsmittel wahrnehmen. Denn genau das gleiche Leitungswasser nehmen wir ja auch zum Duschen / Waschen / Gärtnern. Sehr gern trinken wir aus Flaschen, die im Supermarkt aufgereiht in den Regalen stehen und deren Etiketten mit Gipfeln voll Schnee, grünen Bergwiesen und sprudelnden Quellen pure Natur und Gesundheit versprechen.
Tatsache ist jedoch, dass für das Nass aus der Plastik-
flasche Berge von Müll produziert, Quellen ausgebeutet und begrenzte Ressourcen aufgebraucht werden. Dem entgegen steht, dass Flaschenwasser nicht immer besser als das Trinkwasser aus der Leitung ist. Dieses Paradox des Flaschenwassers soll in dieser Arbeit hinter- fragt und aufgezeigt werden. Warum fügen wir uns einem System, das offensichtlich mehr Nachteile als Vorteile bringt? Welche Auswirkungen kann unser unbewusstes Handeln haben?
Wasserverteilung | Im Ganzen
Obwohl unser Planet zu mehr als 70 Prozent damit
bedeckt ist, wird Wasser für die wachsende Weltbe-
Müssen wir in Deutschland Wasser sparen?
Wie viel im Bereich Wasserspa-
ren möglich ist, zeigen beispielsweise die Entwicklung wassersparender
völkerung zunehmend ein knappes Gut. Denn gera-
Waschmaschinen und die Nutzung von
de mal drei Prozent dieser gewaltigen Mengen sind
“Grauwasser” als Toilettenspülung. Das
trinkbares Süßwasser, und wiederum nur ein Drittel davon
hat inzwischen absurde Folgen: In manchen Städten
ist für die menschliche Nutzung erreichbar. Generell ver-
müssen die für sinkende Verbrauche überdimensionier-
brauchen Industriestaaten in der Regel zehnmal mehr Was-
ten Trinkwassernetze gespült werden, um eine Verkei-
ser als Entwicklungsländer. Denn Wasser ist nicht nur ein
mung zu verhindern …
wichtiges Lebensmittel, sondern auch für die Industrie als
Rohstoff, Reinigungs- oder Kühlmittel wichtig.
Wasserüberschuss (ausgenommen mögliche lokale Was-
Für „uns“ ist sauberes Wasser allgegenwärtig und wir
serknappheit etwa in den Einzugsgebieten von Groß-
machen uns kaum Gedanken, wo unzählige Liter unbemerkt
städten), und das bei uns eingesparte Wasser hilft nichts
verloren gehen. Die Wege der Menschen in Drittweltlän-
in den Mangelgebieten. Nicht zu vergessen ist hierbei
dern aber werden immer länger, um an Wasser fürs tägliche
allerdings die benötigte Energie zu Aufbereitung des
Leben zu gelangen. Denn mittlerweile wurde fast der Hälf-
Wassers und vor allem die hohe zugeführte Energie für
te der weltweiten Feuchtgebiete das Wasser abgegraben –
Warmwasser - nicht nur Wasser, sondern auch Energie-
meist für Landbau oder neue Siedlungen. Laut Uno haben
verbrauch.
748 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trink-
wasser. (dpa)
ten Importeuren von “virtuellem Wasser”, wodurch wir
Tatsächlich gehört Deutschland zu den Regionen mit
Und: Deutschland gehört zu den weltweit zehn größ-
erheblich zum Wassermangel in Trockengebieten beitragen.
Als virtuelles Wasser wird jenes Wasser bezeichnet,
das zur Erzeugung eines Produkts aufgewendet wird.
153
Zieht man die Bilanz des virtuellen Wassers, verbraucht jeder Deutsche pro Tag rund 4000 Liter . (cf/ dpa)
154
Wasserverteilung | Grundwasser als Trinkwasser In
Deutschland
kommt
unser
Leitungswasser
zu
barer Energien ist auch eine Grundwasserförderung in
64 % aus natürlichen Quellen (Grundwasser), zu 27 % aus
großen Mengen möglich – teilweise bis zu Übernutzung.
Oberflächenwasser (Flüssen und Seen) und zu 9 % aus Quell-
(Paeger, J.)
wasser. Bevor es ins Versorgungsnetz eingespeist wird, wird es durch verschiedene Verfahren zu Trinkwasser aufbereitet. Nur in Notfällen ist es nötig, das Wasser mithilfe von Chlor
zu
desinfizieren.
Unser Abwasser hingegen wird nach dem Klären in die Gewässer geleitet und damit wieder in den Kreislauf der Natur gegeben, nicht in unsere Rohre. (Umweltbundesamt) Grundwasser kann eine erneuer- bare Ressource sein:
Ein kleiner Teil davon, etwas 2.200 Kubikkilometer im
Vereinfachte Darstellung
Jahr, nimmt am schnellen Wasserkreislauf teil. Dieses Wasser kann in dem Maß genutzt werden, wie es wieder aufge-
Wird der Gesamtwasservorrat der Erde gleichgesetzt mit 150
füllt wird. Brunnen werden seit Jahrtausenden genutzt, aber
Litern (eine Badewannenfüllung), dann entspricht der Süßwas-
die Grenzen der Muskelkraft sowie später der Techniken
servorrat einer Menge von 4,5 Litern (1/2 Putzeimer) und die für
zur Nutzung von Wind- und Wasserkraft begrenzten auch
den Menschen nutzbare Süßwassermenge lediglich 0,02 Litern
die Grundwassererschließung. Doch aufgrund heute nutz-
(1 Likörglas). (Hutterer, E.)
Das Wasser und der Mensch | Wasserkonflikte
schen ist. So ist das Recht auf Zugang zu saubern Wasser im Juli 2010 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt worden. Trotzdem ist dieser Beschluss noch lange keine Tatsache für alle,
In den letzten Jahren wurde ein Anstieg der gemeldeten
und vor allem die Privatisierung der Trinkwasserversor-
Fälle von Wasserstreitigkeiten und Gewalt verzeichnet. Mit
gung und der Verkauf von Quellen bringt die gerechte
großer Wahrscheinlichkeit ist ein Teil dieser Erhöhung auf
Verteilung weiter in Gefahr. Denn Privatwirtschaftliche
die Verbesserungen in der Berichterstattung zurückzufüh-
Unternehmen müssen, im Gegensatz zu der öffentlichen
ren, wie zum Beispiel eine umfassende und einfache Samm-
Hand, immer Gewinne erwirtschaften. So wird das Was-
lung und Verbreitung von Informationen durch das Internet.
ser zum Wirtschaftsgut. (Gleick, P. H.)
Es ist aber nicht auszuschließen, dass ein Teil
des Anstiegs auf wachsende Spannungen und Streitigkeiten über begrenzte Süßwasserressour-
Vorrat
Verbrauch in km3/yr
Verbrauch/
cen und die ungelösten politischen Herausfor-
im Land
Gesamt
pro Person
Vorrat
derungen im Zusammenhang mit Wasser als begrenztem Gut ist. Dem zugrunde liegt vor allem
Ägypten
57,3
68,3
809
119,2 %
eine sehr ungleiche Verteilung der Wasservor-
Kanada
2902
45,1
1,3
1,6 %
USA
3069
482,2
1,5
15,7 %
China
2738,8
578,9
425
21,1 %
ansprechen muss, sondern die weitaus breiteren
Indien
1911
761
627
39,8 %
Ursachen von Wasserkonflikten überhaupt. Ins-
Israel
1,8
2
268
108,3 %
besondere ein gerechter Zugang zu Wasser für
Saudi Arabien
2,4
23,7
902
986,3 %
Deutschland
188
32,3
394
17,2 %
Italien
175
45,4
755
25,9 %
Schweden
186,2
2,6
280
1,4 %
kommen weltweit.
Im eigentlichen Sinne sind es nicht die Was-
serkonflikte, die die internationale Gemeinschaft
Alle, Strategien für die Verbesserung des Wasserzugangs und auch die Verhinderung der Wasserverschmutzung sind wichtige Themen.
155
Diese Statistik ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig Wasser für den Men-
Das Wasser und der Mensch | Wasser als Lebenselexir
Die Bedeutung des Wassers hat dazu ge-
Viele dieser Probleme hat der Mensch
führt, dass es in vielen Religionen als Quelle
selbst verursacht. Durch Entwaldung wird die
der Existenz beschrieben wird, wie z. B. das
Speicherfähigkeit der Ökosysteme zerstört
rituelle Bad des Hindu im Ganges, die rituel-
und vom Menschen durch Straßen, Parkplätze,
le Waschung der Moslems vor dem Betreten
Gebäude o. Ä. versiegelte Flächen verhindern,
einer Moschee oder etwa die Taufe erinnern
dass der Niederschlag in den Boden gelangen
daran. Auch hat der Mensch schon immer die
kann, um das Grundwasser aufzufüllen.
Nähe zum Wasser gesucht. Die ersten Siedlun-
gen der Menschheit wurden dort angelegt, wo
gel an sauberen Trinkwasser, sondern auch
es genug Wasser gab, viele große Städte sind
dessen Verschmutzung. Giftstoffe aus Indus-
an Flüssen oder am Meer entstanden.
trie und Pestizide der Land- wirtschaft landen
Teilweise hat sich die Situation aber grund-
in Gewässern und Flüssen und schließlich im
legend geändert: War Mesopotamien vor 5000
Ozean. Dieser scheint auf den ersten Blick
Jahren noch eine grüne Landwirtschaftsre-
dank seiner enormen Wassermengen kaum zu
gion, liegen hier heute die Wüsten des Iraks.
verschmutzen zu sein. Was leider nicht stimmt,
Genauso lag Tenochtitlàn, die Hauptstadt der
wie die mittlerweile über 400 toten Zonen an
Azteken, auf einer Insel – heute ist dort Mexi-
Küsten oder in Binnenmeeren zeigen. Und am
ko-City eine Stadt mit konstanten Wasserpro-
Ende landet das, was wir verursachen, wieder
blemen.
bei uns. Denn auch das verschmutzte Wasser
Ein weiteres Problem ist nicht nur der Man-
befindet sich im Gesamtwasserkreislauf unse-
156
rer Erde. (Paeger, J.)
Flaschenwasser | Thematik in Deutschland
Trinkwasser nennt sich das Wasser, das hier in Deutsch-
land aus unserer Leitung kommt. Aus gutem Grund: Wir können es trinken.
Leitungswasser ist das am besten kontrollierte Lebens-
mittel überhaupt und wird auf mehr gesundheitsschädliche Substanzen getestet als Mineral- und Quellwasser. Trotzdem kaufen wir Wasser in Flaschen. Es entsteht Müll, der zusätzliche Transport schadet der Umwelt und wir sind auch noch bereit, mehr dafür zu bezahlen. Warum ist das so?
Wasser als Handelsgut Unsere Entfremdung von dem Grundnahrungsmittel Wasser
Wasserversorgung weitgehend verdrängt. (Tegeler, H.)
beschert Konzernen ein Milliardengeschäft und hat nicht
nur bei uns, sondern auch in Ländern wie Pakistan und Ni-
grube. Trinkwasser soll Russlands drittgrößte Einnahme-
geria die Mittel- und Oberschicht erobert. Wasser ist in je-
quelle des Staatshaushalt nach Öl und Gas werden, so der
nen Ländern weit davon entfernt, ein Grundrecht zu sein.
Parlamentschef Boris Gryslow. Reines Trinkwasser könne
Das Gegenteil ist der Fall:
schon jetzt als „strategische Quelle“ betrachtet werden.
Es wird zu einem für die Armen unerschwinglich teurem
„Es beginnen bereits Kriege um das Wasser“, äußerte er.
Luxusgut. Das Grundwasser wird abgepumpt und an die ur-
Russland verfüge über immense Reserven an Trinkwasser
banen Eliten verkauft, während die lokale Bevölkerung kein
und müsse es zum Exportartikel machen. (sputnik)
Und auch andere Länder sehen Wasser bereits als Gold-
sauberes Trinkwasser hat. Das Wasser aus der Plastikflasche, von Nestlé beispielsweise weltweit als „Pure Life“ vertrieben, hat in einem Land wie Pakistan die öffentliche
157
Flaschenwasser | Fokus Konsum
Weltweit werden in jedem Jahr mehr als 89 Milliar-
den Liter Wasser in Flaschen abgefüllt. 80 % dieser Flaschen werden nicht recycelt. Jeder Deutsche trägt rund 137 Liter Flaschenwasserjährlich nach Hause. Dabei kommt das meiste Wasser aus der preiswerten 1,5-Liter Flasche vom Discounter – und die bestehen meist aus Plastik. Insgesamt landen 70 Prozent der Mineralwässer in Einwegflaschen im Handel, Tendenz steigend. (Soechtig, S.)
Auch wenn qualitativ selten besser, ist das Was-
ser aus der Flasche erheblich teurer. Zwei Liter Mineralwasser kosten im Durchschnitt einen Euro. Für den gleichen Preis bekommt man ca. 100 mal so viel Liter Leitungswasser. Allein in den USA verbraucht
die
Produktion
von
Plastikflaschen
„In der Geschichte ist Wasser, und vor allem sein Ursprung, die Quelle, immer Gegenstand von Verehrung und Respekt gewesen. Die Erfindung des Wasserhahns und der Mineralwasserflasche haben uns vergessen lassen, dass Wasser, bevor es aus dem Hahn fließt oder in Flaschen verkauft wird, ein Geschenk der Natur ist.” Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises
2,7 Milliarden Liter Öl pro Jahr. 76%
der
ralwasser
in
sind
Deutschland in
gekauften
PET-Flaschen
Mine-
verpackt,
die
sich zusammensetzen aus 47,4% Einweg, 19,6% PET-Mehrweg
und
Nur
werden
23,5
%
9,1% in
PET-Rücklauf-Flaschen. Mehrweg-Glasflaschen
gekauft. (Verband d. Mineralbrunnen)
158
Flaschenwasser | Warum es gekauft wird
Es ist »beliebt«
Es ist »besser«
Es ist »gesund«
Wasser ist mittlerweile ein Li-
Eine große Sorge gilt immer wie-
Geworben wird oft mit einem
festyleprodukt. War es früher noch
der der Qualität des Leitungswas-
erhöhten Anteil an Mineralien in
Cola, Apfelschorle & Co, die Jugend-
sers. In manchen Ländern ist es in
Mineral- und Quellwasser im Ver-
lichkeit ausstrahlten, sind es jetzt
der Tat besser, kein Wasser aus der
gleich
unterschiedliche
Mineralwasser.
Leitung zu trinken. Doch in vielen
dings sind diese Mineralien nicht
Im Kampf gegen Qualm, Pfunde und
Ländern ist das Leitungswasser nicht
in Mengen vorhanden, die tatsäch-
Altwerden greifen mittlerweile im-
nur trinkbar, sondern von sehr guter
lich gesundheitsrelevant sind. Eine
mer mehr Leute zur Wasserflasche.
Qualität. Das gilt auch für Deutsch-
Untersuchung zur ernährungsphy-
Frisch, fit, gesund, glücklich und
land. Trinkwasser ist bundesweit
siologischen Bedeutung von Trink-
jung seien Ihre Trinker, verspricht
eines der am besten kontrollierten
wasser in Deutschland kam zu dem
die Werbung der Flaschenwasserin-
Lebensmittel. Die Richtlinien der
Schluss, dass Trink- und Mineral-
dustrie.
deutschen
Trinkwasserverordnung
wässer zwar zur Mineralstoffbe-
sind sogar strenger als die für Mine-
darfsdeckung eines Menschen bei-
ralwasser. (Z.d.G.)
tragen können, aber der Bedarf an
zu
Leitungswasser.
Aller-
Mineralstoffen hauptsächlich durch feste Nahrung gedeckt wird. (Z.d.G.)
159
Flaschenwasser | Definitionen unterschiedlicher Mineralwasserstandards Natürliches Mineralwasser
Wasser, das seinen Ursprung in
Quellwasser
Wasser, das aus einem unterir-
Tafelwasser
Zur Herstellung von Tafelwasser
unterirdischen, vor Verunreinigun-
dschen Wasservorkommen stammt
können Trinkwasser oder natürli-
gen geschützten Vorkommen hat. Es
und über eine natürlich oder künst-
ches Mineralwasser verwendet wer-
ist durch seine Reinheit und seinen
lich erschlossene Quelle entnom-
den. Darüber hinaus dürfen Meer-
Gehalt an Mineralstoffen, Spuren-
men wird. Im Gegensatz zu Mi-
wasser, Natriumchlorid und andere
elementen und sonstigen Bestand-
neralwasser muss es geringeren
Zusatzstoffe nach Maßgabe der Zu-
teilen gekennzeichnet. Es darf nur in
gesetzlichen Anforderungen stand-
satzstoff-Zulassungsverordnung
den Handel gebracht werden, wenn
halten und braucht keine amtliche
verwendet werden. Zur kommerzi-
es amtlich anerkannt ist. (V.S.)
Anerkennung. (V.S.)
ellen Herstellung wird gelegentlich Trinkwasser aus dem öffentlichen Trinkwassernetz entnommen. (V.S.)
160
Flaschenwasser | Fazit
»Volvic – Die Kraft ist in dir« »Ein Liter Gerolsteiner enthält soviel Magnesium wie eine Portion Spinat«
öffnen – dafür, was man wirklich braucht und auf welche Weise es zu einem gelangt – anstatt Teil der Marketingstra-
»Bonaqua – Zu jeder Zeit
»Apollinaris inspiriert
tegie kapitalistisch geprägter Großkonzerne zu werden.
Menschen seit 1852«
Weltweit und vor allem in Industrieländern wie Deutsch-
enfach herrlich erfrischend
land konsumieren die Menschen gerade viel mehr Ressour-
und bringt ordentlich Schwung
cen, als eigentlich zur Verfügung stehen. Wasser in Flaschen
in den Tag«
abzufüllen und teuer zu verkaufen ist nur ein kleiner Teil davon - aber verbildlicht sehr deutlich, in welche Richtung die
Das riesige Angebot verschiedener Wassermarken –
Gesellschaft - global gesehen - sich entwickelt.
aus verschiedensten Regionen weltweit importiert – ist nur
ein weiterer Faktor, der verdeutlicht, dass Wasser immer
zelnen, Plastikflaschen zukünftig in den Regalen stehen zu
mehr zu einem Konsumprodukt wird; und damit zu einem
lassen und sich Wasser aus der Leitung abzufüllen. So aber
Produkt, für das die Käufer bereit sind, immer mehr Geld zu
könnte ein stärkeres Bewusstsein für gemeinsame - und be-
bezahlen – weil sie es sich leisten können und den Verheißun-
grenzte - Ressourcen entstehen.
Im Prinzip ist es nur ein kleiner Schritt für jeden Ein-
gen der Werbeversprechen glauben. Das merken natürlich auch Industrie und Wirtschaft. Sie beginnen, Geld aus der
»Vittel –unser Energiebündel
Ressource Trinkwassers zu erwirtschaften.
für pure Lebensfreude«
Die Folgen: Das Aufkaufen großer Quellen von einzelnen
Konzernen und das Privatisieren eines Nahrungsmittels,
Annika Hock studiert seit Herbst 2013 Architektur und
das eigentlich selbstverständlich und für alle leicht zugäng-
Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Im Rahmen eines
lich sein sollte.
Seminars hat sie den Fokus auf Informationsdesign und die
Frage der [Des]-Information gelegt. Diese betrifft den
Mit dem Kauf jeder einzelnen Wasserflasche unter-
stützten die Konsumenten genau dieses Phänomen: der
Klimawandel ebenso wie z.B. die Nahrungsmittelproduktion.
Markt wird weiter angekurbelt, Trinkwasserquellen immer
Da Nahrung ein essentielles Bedürfnis ist und gleichfalls der
umstrittener und der Zugang für kleine Gruppen immer
Zugang zu sauberem Trinkwasser, hat sie die
schwerer. Es geht darum, jedem Einzelnen die Augen zu
Flaschenwasser-Problematik ausgearbeitet.
161
1
Rako Pasefika
‚Rako‘ ist rotumanisch und bedeutet so viel wie ‚ein Ort zum Lernen und zum Teilen‘. Und genau das ist auch
die Leitlinie der kulturellen Gruppe von den Fiji Inseln. In einer für die künstlerische Szene Fijis beispiellosen Entwicklung ist aus zwei jungen Frauen mit einer Leidenschaft für traditionellen Tanz und Musik ihrer Heimat Rotuma eine international erfolgreiche Firma geworden. Ihr Erfolgsgeheimnis ist wohl nicht nur das unglaubliche Talent der Künstler*innen, sondern auch die besonderen Werte, die die Gemeinschaft prägen und zusammenhalten. Teil von Rako zu sein bedeutet auch, Teil einer Familie zu sein und dieses Gefühl hat mein Jahr dort zu etwas ganz Besonderem gemacht. 1 Einleitungstext des Albums „Mama Hanua“ von Rako Pasefika
eine fijianische Erfolgsgeschichte
163
Auf der anderen Seite der Erde, mitten im pazifischen
Ozean, scheinen die Fiji Inseln für uns unglaublich weit entfernt. Noch weiter entfernt liegt allerdings die zu Fiji ge-
Fijis um. So vermischen sich die zahlreichen kulturellen
hörende Insel Rotuma. Die isolierte, kaum zu erreichende
Hintergründe Fijis und Sprache, Traditionen und Werte der
Lage erklärt, warum Rotuma seine eigene Sprache und kul-
rotumanischen Kultur drohen langsam zu verschwinden.
turellen Praktiken entwickelte, die sich von denen der fiji-
Aus diesem Kontext heraus entstand die Gruppe Rako Pase-
anischen Bevölkerung deutlich unterscheiden. Zudem wird
fika. Viele der Mitglieder haben rotumanische Wurzeln und
den Rotumanen häufig eine polynesische Zugehörigkeit
möchten möglichst viel von ihrer Kultur bewahren. ‚Hanua
zugesprochen, während Fiji offiziell zu den melanesischen
Helava‘, unsere Insel, heißt es in einem Lied. Obwohl die
Inseln Ozeaniens gehört. Im Laufe der Zeit und besonders
meisten Mitglieder der Gruppe in Suva, der Hauptstadt Fijis
nachdem die Globalisierung auch die ozeanischen Inseln
leben und nur sehr selten ihre weit entfernte Heimat besu-
einholte, siedelten viele Rotumanen, auf der Suche nach Ar-
chen können, ist Rotuma ein wichtiger Identifikationsfaktor
beit, auf die wirtschaftlich weiterentwicklten Hauptinseln
für die Gruppe. Rako zeigt die zahlreichen Facetten Rotumas in seinen Geschichten, Tänzen, Kostümen und seiner Musik.
Rako’s Entstehungsgeschichte
Neben der Tanzgruppe entstand eine Band, die eigene
Lieder schrieb und produzierte. Durch die Professionalität der Auftritte und die spürbare Leidenschaft auf der Bühne
Initiiert wurde das Projekt von Letila Mitchell, die seit-
erlangte Rako immer mehr Aufmerksamkeit. Innerhalb we-
her sowohl die Geschäftsführung als auch die künstlerische
niger Jahre gründete Letila mit ihrem Mann, dem passio-
Leitung innehält. Als Tänzerin und bildende Künstlerin mit
nierten und talentierten Musiker und Produzenten Paul, die
rotumanischen Wurzeln sah sie sich mit der häufig pers-
Firma TiPau Limited. Somit konnten etwa zehn Künstler*in-
pektivlosen Zukunft für Künstler*innen in Fiji konfrontiert.
nen fest angestellt werden und ein regelmäßiges Gehalt
Den vielen Talenten und dem großen Potenzial der Jugend
erhalten. Tanz- und Musikunterricht wurde lange Zeit kos-
zum Trotz sind künstlerische Karrieren nicht hoch angese-
tenlos angeboten, um allen gleichberechtigte Chancen zu
hen und erfahren kaum Unterstützung. Gemeinsam mit der
geben, ihr Talent und ihre Leidenschaft zu verwirklichen.
Tänzerin Laudan Kotoitubou startete Letila so eine Tanz-
gruppe, die schnell Zuwachs fand und professionell überall
schen ein neues System, das besonders talentierten Ju-
in Fiji auftrat. Beide Frauen zeichnen sich durch ihre große
gendlichen mit wenig finanziellen Mitteln ein Förderpro-
Leidenschaft bei dem, was sie tun, aus. Ohne ihre selbst-
gramm anbietet. Außerdem erhalten die Tänzer*innen und
bewusste, liebevolle Art wäre es wohl kaum möglich gewe-
Musiker*innen für jeden Auftritt eine Gage. Inzwischen tritt
sen, so schnell, so viele Menschen von sich zu begeistern.
die Gruppe international auf und wird für Festivals und Kon-
Es entstand schließlich der Wunsch, vielen jungen, talen-
gresse aller Art gebucht. Immer wieder fungiert Rako als
tierten Künstler*innen die Möglichkeit zu geben, von ihrer
kultureller Botschafter Ozeaniens, wie etwa bei Zusammen-
Kunst leben zu können und so das Ansehen der traditionel-
künften der Internationalen Olympischen Komitees in Fiji
len Künste zu steigern.
und Washington. Neben dem Hauptsitz in Suva, der Haupt-
Durch den starken Anstieg der Mitglieder gibt es inzwi-
stadt Fijis, hat Rako inzwischen eine Zweitstelle in Brisbane.
164
Neben der Tanz- und Musiksparte entstand im Laufe der
Zeit eine eigene Modelinie. 2013 präsentierte Letila ihre farbenfrohe Kollektion erstmals auf der Fiji Fashion Week.
immer traditionellen Charakter und jedes Kostüm wird mit
In den ersten Jahren wurde jedes Kleidungsstück selbst ge-
viel Bedacht zusammengestellt und dann oft in mühsamer
näht und bedruckt – ein sehr großer Arbeitsaufwand, der
Kleinarbeit per Hand gefertigt. Alle Tänzer*innen müssen
aus jedem der außergewöhnlichen Stücke ein Unikat mach-
in der Lage sein, ihre eigenen Kostüme anzufertigen und
te. Durch die ansteigende Nachfrage kam es schließlich zu
instand zu halten.
einer Zusammenarbeit mit einer auf Fiji lebenden Austra-
lierin, die mit einer kleinen Gruppe fijianischer Frauen ei-
lich sehr locker und einfach ist – d.h., ungefähr jeder trägt
nen Großteil der Näharbeiten übernommen hat. Die Druck-
jeden Tag Flip Flops und ein Bula-Hemd –, ist das Mode-
vorlagen wurden von Rakos Künstler*innen entworfen und
business anspruchsvoller und sehr erfolgreich. Neben Rako
zeigen traditionelle, rotumanische Symbole. So ist etwa auf
gelingt es auch vielen weiteren Designer*innen, ihre Kollek-
vielen Kleidern der Tavake Vogel zu sehen, ein Tier, das
tionen auch in Australien und Neuseeland zu präsentieren
ausschließlich auf Rotuma verbreitet ist. Beinahe alle Sym-
und dort viele Kund*innen zu gewinnen, die sich für die un-
bole zeigen Elemente aus der Natur – so finden sich auf vie-
gewöhnlichen Farben und Formen und die traditionelle Fer-
len Kleidern die Motive von Blumen, Blättern und Tieren
tigungsweise per Hand interessieren. Die Schwierigkeiten,
aus dem Pazifik. Die Farb- und Stoffauswahl orientiert sich
die sich für die Designer*innen vor Ort ergeben, sind für
ebenfalls daran; so gibt es etwa eine Kollektion in blaugrü-
uns in Europa meist kaum denkbar. Wenn sich z.B. zwei De-
nen und gelblichen Farbtönen mit dem Thema ‚Ocean‘.
signer*innen in Fiji entscheiden, den gleichen Stoff in der
Außerdem wird Schmuck aus natürlichen Materialien –
gleichen Farbe nutzen zu wollen, führt das manchmal dazu,
etwa aus Kokosnuss oder Muscheln – angefertigt. Die Kostü-
dass im ganzen Land kein Material dieser Art mehr vorhan-
me der Tänzer*innen und Musiker*innen werden ebenfalls
den ist. Dann heißt es – wie es das fijianische Sprichwort
von RakoDesigns entworfen und produziert. Diese haben
‚Vaka Malua‘ ausdrückt – geduldig sein und auf das nächs-
Obwohl der Kleidungsstil auf den Fiji Inseln grundsätz-
te Schiff mit den meist aus Indien oder China importierten Materialien warten.
165
166 Was wichtig ist
Unterschiede in der Erziehung und in den Familienstrukturen. Kinder, die nicht in Suva, sondern in Dörfern aufwachsen, kennen in der Regel kaum Privatsphären und treffen bei Rako beispielsweise auf Kinder, deren Eltern aus westli-
Das Team von Rako vertritt eine klare Linie von Wer-
chen Ländern nach Fiji migriert sind und ein ganz anderes
ten, die von allen Mitgliedern gelebt und auch an die Kin-
Verständnis davon haben, wie man sich verhält. Dort sind
der weitergegeben werden sollen. Fürsorge, Ehrlichkeit,
die finanziellen Unterschiede natürlich ebenfalls beson-
Vertrauen, Bescheidenheit, Respekt, Selbstdisziplin und
ders groß. Dennoch wird versucht, durch viele Gespräche
Liebe sind nur einige Stichworte. Sowohl im Umgang mit-
und kleine Workshops einen sicheren Ort zu schaffen, in
einander als auch im Verhalten während der Arbeit sollen
dem diese Werte gelebt werden und sich alle gegenseitig
diese Grundsätze immer eingehalten werden – ein Unter-
respektieren. Ein sicherer Ort bedeutet in diesem Kontext
fangen, das natürlich nicht immer gelingt. Die Gruppe, die
auch, über Themen sprechen zu können, die zuhause tabu-
Rako bildet, wandelt sich ständig, neue Mitglieder kommen,
isiert werden oder Konflikten innerhalb der Familien aus
andere gehen und viele haben ganz verschiedene familiä-
dem Weg gehen zu können. Nicht alle Eltern unterstützen
re und auch religiöse Hintergründe. Durch die Kolonialzeit
ihre Kinder in ihrem Wunsch, eine künstlerische Karriere
und die großen Entfernungen zwischen den Inseln ist die
einzuschlagen – aber hier versucht Rako zu vermitteln, auch
fijianische Gesellschaftsstruktur sehr heterogen; so leben
wenn das nicht immer gelingt. Nicht nur die künstlerische
sehr viele indisch-stämmige Fijianer mit muslimischen
Erziehung der jungen Menschen soll eine Rolle spielen, son-
Hintergründen neben den sonst meist methodistischen fi-
dern auch ihre soziale.
jianisch-stämmigen Christen. Des Weiteren gibt es große
Ein klares Hierarchiesystem herrscht beinahe überall in
Fiji. Das komplizierte, uralte Chiefsystem in den Dörfern ist ein deutlicher Beleg dafür, wie wichtig der Respekt vor Autoritäten und älteren Menschen auf den Inseln ist. Obwohl Rako sich als eine Familie sieht, ist auch dort die Autoritätenfrage klar geregelt. Letila als Chefin hat in jedem Fall das letzte Wort und diesen Anspruch stellt auch niemand in Frage. Es gibt noch einige weitere Mitglieder, die mehr Entscheidungsmacht haben als andere, doch dies ist kein Vergleich zu dem großen Respekt gegenüber der Gründerin. Auch Eltern erfahren eine große Wertschätzung sowie Verwandte und Ältere generell.
Dieses System sorgt einerseits für ein sehr respektvol-
les Miteinander, andererseits stellt sich die Frage, wie sich die so geschätzten Werte Einheit und Gleichheit damit vereinen lassen. Kritik kann so leider kaum angebracht werden – das führt manchmal dazu, dass gute Ideen keine Chance haben und sich wenig ohne die Zustimmung von Letila weiterentwickeln können.
167
Wenn sich das Klima verändert …
die für sie und die ganze Welt so wichtig ist. ‚Af’akia ’os Was beschäftigt die Menschen
Hanua‘ sind die ersten Worte auf dem Debütalbum ‚Mama
auf den Fiji Inseln? Was ist für sie
Hanua‘ und bedeuten so viel wie: „Wir müssen unser Land,
wichtig? Das ist natürlich individu-
unsere Heimat bewahren“. Diese Aussage möchten sie in
ell sehr unterschiedlich, aber ein
die Welt tragen, stellvertretend für all diejenigen zuhause,
Thema, das alle vereint, ist der Kli-
die nicht um die Welt reisen und vor Menschen mit Einfluss
mawandel. Das Verhältnis zur Natur ist wesentlich enger
auftreten können.
als es die meisten Menschen mit westlicher Sozialisation kennen. Gerade in den ländliche Gebieten lebt man mit und für das Land, ernährt sich beinahe ausschließlich von dem,
Schattenseiten
was vor dem eigenen Haus wächst oder im Meer schwimmt. Das Leben orientiert sich so an den Gezeiten und dem
Ein Thema, was wesentlich weniger Gehör findet, ist
Wetter und jede Veränderung in der Natur ist spürbar. Die
das der häuslichen Gewalt. Obwohl Gewalt gegen Kinder
Dorfgemeinschaften auf abgelegenen Inseln bemerken seit
und Frauen gesetzlich verboten ist, geschieht dies immer
Jahren, dass sich das Meer, die Tiere und die Pflanzen ver-
noch erschreckend häufig hinter verschlossenen Türen.
ändern. In den letzten Jahren wurde ganz Ozeanien von Un-
Scheinbar nur sehr langsam ändert die Gesellschaft die-
wetterkatastrophen heimgesucht.
ses Verhalten. Gesprochen wird kaum darüber, die ganze
Während der Klimawandel hier in Deutschland bisher
Thematik ist ein Tabu. Die Frauen, die meist davon betrof-
keine (oder kaum) existentielle Auswirkungen hat, ver-
fen sind, schweigen ebenfalls, wohl auch aus Angst vor den
schwinden im pazifischen Ozean die ersten Inseln. Famili-
Ehemännern und dem Gefühl der Schande für die Familie.
en und Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten dort leben,
Eine Scheidung ist nicht besonders hoch angesehen und
verlieren ihre Heimat. Das ist für die gesamte Region ein
wird gerade in ländlichen Strukturen kaum durchgeführt.
sehr schmerzhafter Prozess, da das Land und die Natur ei-
Obwohl die Frau in der rotumanischen Kultur meist eine
nen sehr hohen Stellenwert für die Menschen haben. Verar-
größere Rolle inne hat, als das in der traditio-
beitet wird dies auch in der Kunst – so handeln einige von
nell fijianischen der Fall ist, sind auch Frauen
Rako´s Liedern von Mama Earth, der großen Mutter Erde,
bei Rako davon betroffen. Statt den Schmerz
168
und die Demütigung zu teilen, kommt es vor, dass die Frau-
durch die musikalische, künstlerische Ebene eine Stimme
en zuhause bleiben, bis man ihnen den Vorfall nicht mehr
zu geben. In dem Lied geht es nicht nur um Verarbeitung,
ansieht. Wenn doch etwas durchdringt, sind die Reaktionen
sondern um eine generelle Bestärkung für Frauen, für sich
von Freund*innen und Familie sehr unterschiedlich: von
einzustehen und selbstbestimmt zu leben.
großer Wut auf den Mann bis zu nüchterner Gleichgültig-
keit ist alles dabei. Überrascht ist allerdings niemand.
sönlichkeiten, die versuchen, ihre Kinder ebenso zu er-
Letila und die Mütter von Rako versuchen, das Thema
ziehen. Gesamtgesellschaftlich ist das Problem allerdings
zu öffnen und auch die Mädchen und Jungen im Schulalter
noch lange nicht gelöst – in der ländlichen Bevölkerung
damit vertraut zu machen – es gehört viel Mut dazu, über
sind alte Strukturen und Rollenbilder stark verankert. Es
die eigenen Erfahrungen zu sprechen. Letila, die selbst in
ist allerdings immer häufiger zu beobachten, dass gerade
ihrer ersten Ehe von häuslicher Gewalt betroffen war, hat
die Jugend für mehr Gleichberechtigung kämpft und es so
das Lied ‚Home‘ geschrieben, das ebenfalls für das erste
hoffentlich langsam zu einem Umdenken in der sonst so
Album aufgenommen wurde. So wird versucht, den Frauen
friedlichen und freundlichen Bevölkerung kommt.
Die Frauen bei Rako sind selbstbestimmte, starke Per-
169
Seitdem ich Rako im Sommer 2016 das letzte Mal be-
Sina Musche absolvierte 2014/15 einen in-
sucht habe, ist viel passiert. Der Erfolg ist enorm groß und
ternationalen Freiwilligendienst bei der Kultur-
es ist faszinierend zu sehen, wie es gelungen ist, aus sehr
gruppe Rako Pasefika auf den Fiji Inseln. Dort
verschiedenen talentierten Künstler*innen eine internatio-
arbeitete sie sehr eng mit Menschen zusammen,
nal erfolgreiche, facettenreiche Firma zu formen. Gleichzei-
die der fijianischen Subkultur der Rotuma ange-
tig hat dieses Wachstum auch eine Schattenseite. So höre
hören. Gemeinsam mit den Künstler*innen vor
ich von einigen Freund*innen, dass sich in die einst so fa-
Ort engagierte sie sich bei der Bewahrung der
miliäre Atmosphäre ein gewisser Druck und eine verstärkte
traditionellen Werte durch die Förderung von
Kommerzialisierung eingeschlichen haben.
jungen Künstler*innen. Außerdem thematisiert
Dennoch muss betont werden, dass diese rasante Ent-
die Gruppe die Bedrohung Ozeaniens durch den
wicklung das beste Beispiel für das künstlerische und un-
Klimawandel. Seit ihrer Rückkehr steht Sina wei-
ternehmerische Potenzial vieler Menschen in den nur als
terhin im engen Kontakt mit den Menschen und
‚Urlaubsparadies‘ deklarierten pazifischen Inseln ist. Durch
führt weitere Projekte auf den Fiji Inseln durch.
Rako lernen auch wir pazifisches Wissen, seine Traditionen und Werte sowie die Anliegen und Sorgen der Menschen kennen und ernst zu nehmen.
Impressum Herausgeberin Elisabeth Marie Mars, Arbeitsstelle Weltbilder e.V.
Gefördert von Engagement Global
Konzeption Elisabeth Marie Mars
Redaktion Elisabeth Marie Mars, Merle Gellert, Robin Frisch, Ann-Christin Seifert
Im Auftrag des BMZ
Supervision Sebastian Aperdannier, Referat Weltkirche, Bistum Münster
Art Direction Sebastian Metzing, Absolvent Münster School of Design (MSD)
Für den Inhalt dieser Publikation ist allein die Arbeitsstel-
Teil von kollektivdrei, www.sebimetz.de
le Weltbilder e.V. verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und dem Bundesministerium für wirtschaft-
Münster, Oktober 2017
liche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.
www — book Autorinnen und Autoren Anna-Sophie Kupper
Jil Holtbernd
Annika Hock
Lilith Kugler
Carina Hausmann
Mareike Lummer
Denise Reubert
Mitsuo Iwamoto
Felicitas Arlt
Philipp Dieterich
Felizia Schreiber
Rosina Klotz
Florian Schneider
Sina Musche
Hanna Adam
Theo Stark
Insa Olshausen
Thilko Gläßgen
Danke fürs Lesen und Weitermachen! Weitere Informationen zum Projekt unter www.weltweitweitermachen.org Allgemeine Informationen zur Arbeitsstelle Weltbilder unter www.arbeitsstelle-weltbilder.de
„Es geht um das Wagnis der Hoffnung“ Dr. Bachmann, Rat für Nachhaltige Entwicklung