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ebook: weltweitweitermachen

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www — book

Ein Ebook fĂźr off ene Leute, die sich politisch interessieren und die Welt nachhal


Editorial

Unser Dank gilt den 18 jungen Autorinnen und

Autoren, die mit ihren Beiträgen deutlich machen, dass die globale nachhaltige Entwicklung eine Sache von uns allen ist und keineswegs nur ein Programm politischer Eliten oder Ergebnis von UN-Resolutionen. 18 Autorinnen und Autoren, die sich beispielhaft engagieren, die mit leidenschaftlicher Hartnäckigkeit, geballtem Sachverstand und viel Mut Wege für eine Gesellschaft skizzieren, die Zukunft hat. Die zeigen, wie es sich gemeinschaftlich und nachhaltig leben, arbeiten, wirtschaften oder forschen lässt.

Und denen nicht egal ist, was aus den internati-

onal geltenden 17 Sustainable Development Goals (SDG`s) wird. Mehr noch: Die Hier und Jetzt Veränderungen wollen. Die wissen, dass mit den SDG`s nationale Sichtweisen überwunden werden müssen und dass sich die Zukunft der Weltgesellschaft auch in unseren eigenen Lebensentwürfen entscheidet. Und die auch wissen, dass es nicht einfach ist, bewusst gegen das „höher, schneller, weiter“ eigene Entwürfe und gemeinsame Praxis zu setzen.

Die deshalb ein 18. SDG einfordern, eines, das

Bewusstseinswandel und Transformations-Lernen, Kommunikation und das „Wagnis der Hoffnung“ (Dr. Bachmann) ernst nimmt. Dipl. Päd. Elisabeth Marie Mars, Herausgeberin


Wovon lassen wir uns bewegen? Wie entsteht ein Weltbild, von dem wir uns wirklich leiten lassen? Warum globale Nachhaltigkeitsziele?

Vorwort von Dr. Günther Bachmann Das Wagnis der Hoffnung

Katastrophen gibt es leider viel zu viele. Bilder

von hungernden Kindern, überschwemmten Dörfern armer Menschen, von gewilderten Nashörnern und schmelzenden Gletschern gehören zur Nachrichten-Routine. Manch eine*r hat sich an solche Bilder schon längst gewöhnt. Vielleicht kann man auch gar nicht dauer-empört sein. Es gibt jedoch auch andere Haltungen, etwa jene, die gezielt ignorieren, abstreiten und sogar mit bewussten Fehlinformationen diffamieren. Solch gezieltes Nichtwissenwollen setzt eine Negativenergie voraus, die für die/den Einzelne*n ungesund und vor allem für den sozialen Zusammenhang schädlich ist. Oft führt das zu Missachtung und Selbstsucht, auf gesellschaftlicher Ebene zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Nach gangbaren Auswegen zu suchen, sich für

(selbst auch kleinste) Verbesserungen einzusetzen, zuzuhören und beizustehen, an Alternativen mitzuwirken: Jeder und jede kann das. Wir bewegen unsere


Welt, indem wir uns bewegen. Weltbilder entstehen, indem wir die Welt verändern. Indem wir austesten, was möglich ist.

So entstehen Ziele, die für Menschen relevant

sind, weil sie sich darin wiederfinden. Mit den globalen

Nachhaltigkeitszielen,

im

Englischen

Sustainable Development Goals, haben sich alle Staaten der Welt auf solche Ziele geeinigt. Für viele Menschen haben sie eine sehr konkrete Bedeutung. Sie sind zum Beispiel nützlich, wenn es darum geht, das Vernichten von Lebensmitteln zu beenden oder Bildung für Frauen und Mädchen zu verlangen, wo ihnen dies bisher versagt wird. Wenn es um die Erhaltung von Naturressourcen oder um faire Löhne geht. Wo

Frieden

und

Rechtsstaatlichkeit

eingeklagt

werden müssen.

Das und vieles mehr ist erstmals und für alle Staa-

ten, egal ob im Norden oder Süden, ob reich oder arm, in siebzehn Zielen festgelegt worden. Das war nicht einfach. Wenn Politiker sich an teils sogar quantifizierten Zielen messen lassen müssen, so könnte man argwöhnen, dass sie die Ziele sehr weit in die Zukunft

»

Es geht um ein Leben in Würde für alle!

«


Wie Menschen sich für die Umwelt und gegen Armut, für das Zusammenleben und gegen die Hoffnungslosigkeit einsetzen, ist der entscheidende Faktor, hier wie überall.

legen und ihre Erreichung und das „Abrechnen“ ger-

nach Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Partnerschaf-

ne ihren Nachfolgern überlassen. Im Falle der Nach-

ten. Das ist gut und ein Fortschritt, weil es ganzheit-

haltigkeitsziele stimmt das jedoch nicht. Sie erfor-

lich gedacht ist.

dern das Handeln im Hier und Jetzt.

Es geht um ein Leben in Würde für alle, das die

Ziele brauchen, wenn man so will, ein achtzehntes.

Natur und die ökologischen Lebensgrundlagen des

Das SDG Nr. 18 gibt es „eigentlich“ nicht. Es ist prak-

Planeten erhält und es gibt nur diesen Einen Plane-

tischer, viel lebensnäher, viel zupackender als alles,

ten. Schon jetzt bewegen wir uns in vielerlei Hinsicht

was an Zielen und Indikatoren geschrieben steht. Es

auf sehr dünnem Eis, was die Belastbarkeitsgrenzen

geht um das Wagnis der Hoffnung.

angeht. Mit Besorgnis und nicht gerade aus Anerken-

nung oder gar zum Ruhm der Menschheit sprechen

Goals 1 bis 17 zusammen. Wie Menschen sich für die

wir bereits vom Anthropozän1. Aus dieser Erkenntnis

Umwelt und gegen Armut, für das Zusammenleben

heraus sind die Sustainable Development Goals als

und gegen die Hoffnungslosigkeit einsetzen, ist der

universell gültig vereinbart worden. Nur so war es

entscheidende Faktor, hier wie überall. Und ja, ich

wenige Monate später möglich, in Paris den Weltkli-

rede bewusst von Menschen und nicht von Stakehol-

magipfel erfolgreich abzuschließen. Erstmalig (auf

dern oder Akteuren, wie dies üblicherweise so gerne

dieser Ebene) verbinden diese Ziele die Armutsbe-

geschieht. Weil wir business-as-unusual brauchen.

kämpfung und den Umweltschutz mit Forderungen

Ob es reicht? Ganz sicherlich nicht. Die siebzehn

Das SDG Nr. 18 hält die Sustainable Development


Positive Hoffnung wird zum Faktor, der Zynismus und Furcht zurückweist.

Hoffnung ist immer gut. Denn die weltweiten geo-

politischen Rollbacks und die monströse Nicht-Nachhaltigkeit machen Hoffnung zu einem wichtigen Faktor für das Überleben. Und ja, angesichts von Unsicherheit und Nichtwissenkönnen wird positive Hoffnung zum Faktor, der Zynismus und Furcht zurückweist. Keine grundlose, abstrakte Hoffnung,

Prof. Dr. Günther Bachmann,

sondern diejenige, die sich in der Gemeinschaft

Generalsekretär Rat für Nachhaltige Entwicklung

bewährt, die Gruppen von Menschen zusammen-

www.nachhaltigkeitsrat.de

bringt und jedem/jeder die Sicherheit gibt, Teil von etwas Größerem zu sein. Angesichts der planetaren Grenzen für ein würdevolles Leben aller muss sie uns anleiten, Lösungen zu finden. Bei allem, sie bleibt ein Wagnis. Aber real sind Utopien immer dann, wenn sie über das Heute hinausgehen und dennoch den wirklichen Möglichkeiten und dem Handeln von Menschen verhaftet bleiben.

1

Der Wissenschaftler Paul Crutzen hat als Erster erkannt, dass der Mensch stärkster Treiber für die Zerstörung der Erde ist und nannte das Phänomen "Anthropozän".


Inhalt Die Frauen von Juchitàn (9) — ­Studiengang für den Frieden (16) — Schock! (22) — It’s me (33) — Die Zapatistas (39) — Namoussas Heimkehr (55) — The Peaceful Bamboo Family (63) — Teilen statt Tauschen (76) — Recycling in Togo (88) — Kreative Forschung (92) — Transition Towns (99) — Startups (110) — Selber machen! (122) — Kipok: Wir werden leben! (130) — Taste of Malawi (137) — Circo FantazzTico (145) — Flaschenwasser (152) — We are Ocean People (162)


SDG’s Die »Sustainable Development Goals« bezeichnen die Zielsetzung der Vereinten Nationen, die zur Sicherung globaler nachhaltiger Entwicklung auf sozialer, ökologischer, kultureller sowie ökonomischer Ebene dient. Diese Transformation der Welt ist auch die Hoffnung der Gestalter*innen dieses Ebooks!

K

lick

d

! f u ra


D i e F ra u e n

von Juchi

tรกn

Pa t r i a r c h a l e S t r

ukt u r e n s i n d h i e r f r e m d

Ju chi J


Ein Hahn kräht. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages

tauchen den Marktplatz Juchitáns in ein angenehmes Licht, der Morgentau auf dem Asphalt glitzert, eine Katze genießt die Wärme des Morgens auf einer der den Marktplatz umgebenden Bänke. Eine junge Frau eilt hastig über den Platz. Die Absätze ihrer Schuhe stimmen rhythmisch in den Tag ein. Es ist Wochenmarkt am Samstag, ein reges Treiben zu früher Stunde. Zelte werden aufgebaut, Tische gerückt, erste Interessierte schlendern über den Marktplatz. Die Händlerinnen sind in ihrem Element. Im Chor bewerben sie bunte Kleider, ausgefallene Ledertaschen und gefüllte Leckereien. Einige Frauen sind allein gekommen, andere haben sich zu einem Kollektiv für den Verkaufstag zusammengeschlossen. Jeder Verkauf wird im Notizheft notiert, der Umsatz regelmäßig kontrolliert. Man oder besser gesagt frau müsse schließlich den Überblick über die Geschäfte behalten, so eine der Händlerinnen. Männer sind nur wenige auf dem Marktplatz zu sehen, Frau hat hier eindeutig das Sagen.

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Frausein einmal anders

Juchitán de Zaragoza, eher nur unter dem Na-

men Juchitán bekannt, ist eine kleine Stadt im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Mit seinen knapp 75.000, zum Großteil indigenen Einwoh-

Seinen Ursprung hat das Matriarchat Juchitáns wohl

ner*innen, ist sie die viertgrößte Stadt des Bundes-

in der Zeit der Zapoteken. In der Wirtschaft, die sich

staates. Als einer der wichtigsten Verkehrsknoten-

v.a. auf den Verkauf von Waren wie Obst und Gemüse,

punkte des Bundesstaates floriert die Wirtschaft,

Blumen, Schmuck und traditionellen Kleidern stützt,

es geht friedlich zu. Zunächst einmal ist der Stadt

geben die Frauen der Stadt den Ton an.

nichts Ungewöhnliches anzumerken.

Es gibt eine klare geschlechtliche Arbeitsteilung.

Doch im Gegensatz zu anderen Städten Mexikos

Männer beschaffen den Frauen in Funktion von

wird das soziale sowie ökonomische Miteinander von

Bauern, Fischern und Handwerkern Rohstoffe, die

Frauen geprägt. Quellen der Conquista, der Eroberer

dann von den Frauen verarbeitet, vermarktet und

Mittelamerikas belegen, dass bereits zur vorhispa-

verkauft werden.

nischen Zeit eine starke Repräsentanz von Frauen in

Die Einnahmen behalten die Frauen, sie verfü-

angesehenen politischen und religiösen Positionen in

gen damit nicht nur über eigenes Geld, sondern

dieser Region gegeben war.

entscheiden auch über die Nutzung des erwirtschafteten Gewinns. Traditionelle Rollenbilder von Mann und Frau werden strikt abgelehnt. Dem Mann wird somit nicht die klassische Ver-

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sorgerrolle zugeteilt, die Frau ist nicht nur für Haushalt und Kinder zuständig. Der Machismus hat hier keine Chance. Auch in puncto Sexualität stehen die Bürger*innen der Stadt für alternative Konzepte ein. In Juchitán wird ein drittes Geschlecht in Form des ‚Muxes‘ oder der ‚Marimacha‘ anerkannt.

Alltäglicher Machismus in Mexiko

Verlässt man Juchi-

tán, findet man sich schnell inmitten patriarchaler wieder.

Strukturen

Auch

wenn

einige junge Einwohner*innen Juchitán für ein Studium im nahen Oaxaca der Stadt den Rücken kehren, kann sich der Großteil ein Leben im machistisch geprägten Mexiko nur schwer vorstellen. Machismus impliziert seiner Definition nach die Dominanz des Mannes und die bewusste Unterordnung der Frau – ein in Mexiko weit verbreitetes und gefürchtetes Konzept. Im Zuge dessen erfahren Frauen häufiger häusliche Gewalt, müssen sich unsittliche Kommentare auf der Straße gefallen lassen oder werden schlimmstenfalls Opfer eines sogenannten Feminizids. Dieser gilt als die wohl brutalste Form männlicher Machtdemonstration und beschreibt Frauenmorde, die von


Männern verübt werden und deren Motiv in einer extremen Geringschätzung oder Hass gegenüber Frauen liegt. Juchitán bietet Frauen, als Ausnahme von der machistischen Norm, Sicherheit vor sexualisierter Gewalt und wird somit auch immer öfter als Reiseziel oder Zufluchtsort wahrgenommen.

Gleichberechtigung der Geschlechter für eine globale nachhaltige Entwicklung

Als fünftes Ziel der Sustainable Development

Goals (SDGs) ist die Gleichberechtigung der Geschlechter fest in der Agenda 2030 verankert. Es bezieht sich auf die soziale Dimension der nachhaltigen Entwicklung und fokussiert die Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle Mädchen und Frauen. Darunter gefasst ist z.B. neben der Chancengleichheit auch die freie Entscheidungsfreiheit beider Geschlechter. Doch jeder Plan ist nur so gut wie seine Umsetzung. Ist das Verbot geschlechterspezifischer Diskriminierung zwar in der Verfassung Mexikos festgeschrieben, wird es im öffentlichen Raum dennoch oftmals missachtet. Die gemeinnützige Organisation Observatorio Ciudadano Nacional del Feminicido (OCNF), die seit dem Jahr 2007 sexualisierte Gewalt in 19 der 32

13

Bundesstaaten untersucht, weist auf eine dramatische Zunahme von Feminiziden im gesamten Land hin.


Juchitán als Vorbild für den Wandel?

Die Marimacha bildet das weibliche Gegenstück zum

Muxe. Der Muxe wird von der Gemeinschaft als besonders fleißig angesehen und genießt deshalb ein hohes Ansehen. Er kann verheiratet sein und Kinder haben, sein Geliebter wird als heterosexueller Mann angesehen. Gleichberechtigung fordert stets einen radikalen Umbruch, einen Ausbruch aus der Gewohnheit, einen Neuanfang. Das alternative Gesellschaftsmodell in Juchitán stellt

In Juchitán jedoch ist dies anders. Aber kann

einen solchen Umbruch dar.

die Stadt damit als Vorbild für den Wandel patriarchaler Gesellschaften herangezogen werden oder ist auch das Leben im Matriarchat kritisch zu hinterfragen? Auf den ersten Blick scheint es fast, als würde in Juchitán ein umgekehrtes Machtverhältnis zwischen Mann und Frau gelebt werden, in dem der Mann der Frau untergeordnet ist, befohlene Arbeit verrichtet und nicht in wichtige Entscheidungen sozialer und ökonomischer Tragweite involviert ist.

Auf den zweiten Blick jedoch bieten sich auch dem

Mann im Matriarchat Juchitáns mehr Möglichkeiten

Fortwährender Kampf für Geschlechtergleichheit

der persönlichen Entfaltung als im machistisch geprägten Mexiko. Werden Homo-, Bi- oder Transsexu-

Mexiko ist kein fernes Beispiel für das Fort-

alität in weiten Teilen des Landes stark diskriminiert,

bestehen patriarchaler Gesellschaften. Auch in

sind sie in Juchitán von der Gesellschaft anerkannt. Als

Deutschland existieren eben genannte Struktu-

sogenannter Muxe, einer Art dritten Geschlechts, kön-

ren. Es ist weiterhin keine Lohngleichheit für

nen Männer ihre Sexualität frei und akzeptiert ausleben.

Männer und Frauen bei gleicher Arbeit vorhan-

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den, in Werbekatalogen werden klassische Rollenbilder vermittelt und Frauen werden auf ihr


Aussehen reduziert. Der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit muss sowohl in der Politik als auch im kleinen Rahmen, wie beispielsweise dem Freundeskreis und der Familie, fortgeführt werden. Und warum sollten bei diesen Diskussionen nicht die Frauen von Juchitán erwähnt werden? Ihre Stadt ist etwas ganz Besonderes, dem sind sie sich jedenfalls bewusst.

Jil Holtbernd zog es nach ihrem Politik- und Recht-Studium 2016 für ein Jahr nach Mexiko. Neben ihrer Arbeit bei der UNESCONationalkommission in Mexiko-Stadt, nutzte sie jede freie Minute um zu reisen, spannende Menschen und Projekte kennenzulernen. Besonders faszinierten Jil die Frauen von Juchitán aus dem Bundesstaat Oaxaca mit ihrer Idee einer matriarchalen Gesellschaft als alternativem Lebenskonzept.

15


Ein innovativer Studiengang für den Frieden: Thilko Gläßgen studierte im Wintersemester 2016/17 in Yaoundé. Ein afrikanisches Land aus der Studierenden-Perspektive kennen zu lernen, war seit seinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Ghana sein großer Traum. Als Kenner europäischer und afrikanischer Kulturen möchte Thilko dazu beitragen, dass die westlichen Medien ausgewogener über afrikanische Themen berichten.

„Mitarbeiten für den Frieden und für die Entwicklung in Kamerun“, so beschreibt ein Student der Universität, warum er sich trotz schwieriger politischer Bedingungen für den Studiengang Friedensjournalismus entschieden hat.


Laut Reporter ohne Gren-

kritische Berichte über

gen einen journalistischen

Universität Zentralafrika

zen verfüge Kamerun zwar

Armee, über Korruption

Studiengang zu installie-

(UPAC) in Yaoundé nahm

über „vielfältige und frei-

und

Sezessionsbestre-

ren? Alles andere als ein-

die ersten Studierenden

mütige (…) Medien“, aber

bungen.“ Alles in allem

fach – doch in Kameruns

in der Disziplin des Frie-

die Regierung „versucht

nur Platz 130 von 180 Län-

Hauptstadt Yaoundé war

densjournalismus auf.

(…) massiv, die Medien

dern in der aktuellen Rang-

es pünktlich zum Win-

unter Druck zu setzen.

liste

Pressefreiheit

tersemester 2016/17 so-

Unerwünscht sind etwa

von 2017. Gute Bedingun-

weit. Die Protestantische

der

17


Die Idee des Friedensjournalismus

Im Friedensjournalismus nach dem Konzept von Johan Galtung1 werden bessere Kenntnisse in Friedens- und Konfliktforschung vorausgesetzt. Der Fokus soll nicht auf dem Konflikt liegen, sondern auf seiner möglichen Entwicklung und den Perspektiven einer Lösung. Insbesondere Friedensinitiativen sollen mehr Platz eingeräumt werden. Denn gerade im Krisenfall stifte eine sensationslüsterne Berichterstattung die Konfliktparteien oft zu noch mehr Gewalt

an.

Friedensjournalismus

möchte ausgeglichener und fairer berichten. Journalist*innen sollen die Macht und die Konsequenzen ihrer Berichterstattung klar sein: „In Ruanda konnte die ganze Welt sehen, welche Macht von einem kleinen

Radiosender

ausgeht.“

1994 hatte der Radiosender Mille Collines die Hutu auf die Tutsi gehetzt und sie aufgeputscht die Tutsi möglichst grausam zu ermorden.

18

1

Johan Galtung (*1930 in Norwegen) gilt aus Gründer der Friedensforschung. Bereits 1959 gründete er in Oslo das erste Friedensforschungsinstitut der Welt: Peace Research Institute Oslo. Er entwickelte die Transcend Methode, die zur friedlichen Konfliktlösung beitragen soll. Er ist Träger von neun Ehrendoktortiteln, des Gandhi Preises sowie des alternativen Nobelpreises.


Ein Rückkehrer Sieben Sprachen spricht Prof. Dr. Célestin Tagou. Neben drei europäischen beherrscht er auch vier afrikanische. Da in Kamerun sowohl englisch als auch französisch offizielle Amtssprachen sind, kann sich Tagou mit fast jedem*r Kameruner*in unterhalten. Hinzu kommt deutsch, denn Tagou studierte in Frankfurt und Berlin, entschied sich dann aber in seine kamerunische Heimat zurückzukehren, um dort zu lehren. An der Protestantischen Universität Zentralafrikas in Yaoundé installierte er als Dekan zunächst den Studiengang Frieden und Entwicklung und schließlich kam noch Friedensjournalismus hinzu. Besonders dieses Projekt liegt ihm am Herzen, denn: „Journalisten können Konflikte verschärfen, aber eben auch 2

Der Mediator vermittelt mit Gesprächen zwischen den Parteien und versucht Kompromisse zu finden, die für beide Parteien annehmbar sind.

entschärfen.“ Der Brückenbauer Tagou kombiniert hier zwei Aspekte miteinander: seine persönlichen Erfahrungen aus dem heimatlichen kamerunischen Dorf, wo Konflikte seit jeher durch Gespräche, die von einem zuvor bestimmten und v.a. unabhängigen Mediator2 gewaltfrei gelöst werden mit seinen umfangreichen Studienerfahrungen der

19

Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland.


Bereits 1978 verabschiedete die UNESCO eine Mediendeklaration, in der sie ein bis dato unbekanntes Potenzial der Medien

Argumente statt Fäuste

beschrieb:

„Massenmedien

haben einen wichtigen Anteil an der Stärkung von Frieden, der internationalen Verständigung und an der Bekämpfung von Rassismus, Apartheid und Kriegshetze.“ Auch für Tagou steht

fest: „Wer Frieden will, der muss sich für Frieden engagieren und nicht in seine Verteidigung investieren.“ Wenn Medien friedliche Konfliktlösungen realistisch aufzeigen und Friedensinitiativen mehr Platz in ihrer Berichterstattung einräumen würden, würden demnach auch mehr Menschen friedensorientierter handeln und sich den Initiativen möglicherweise sogar anschließen? Bessere Argumente statt Fäuste, um der Gewalt in Konflikten keine Plattform zu geben. Doch insbesondere im kamerunischen Journalismus muss sich noch viel ändern. Das Land hat aufgrund seiner Kolonialgeschichte zwei Amtssprachen, während etwa 80% französischsprachig sind, sprechen die übrigen 20% englisch. Die Englischsprachigen werden jedoch staatlich diskriminiert, sie haben kaum Chancen Beamte zu werden. Anfang des Jahres kam es daher in den beiden englischsprachigen Regionen vermehrt zu Demonstrationen für mehr Gleichberechtigung, daraufhin rief ein ‚Journalist‘ in einer TV-Reportage zur Dératisation (frz. Rattenbekämpfung) auf.

20

Dabei verliefen die Demonstrationen bis dato vollkommen


gewaltfrei. Statt den Konflikt friedlich zu lösen, entschied sich die Regierung ein Exempel zu statuieren und ging mit großer Gewalt gegen die Demonstrierenden vor. Nun ist es zwar erst mal wieder ruhig, doch befriedigend

Mahnende Beispiele für die Studierenden

gelöst wurde der Konflikt für viele Kameruner*innen nicht. Das Mantra der Friedensjournalist*innen ist ihre Unvoreingenommenheit. In den Seminaren lernen sie, was es mit konfliktfreier Kommunikation auf sich hat und dass sich Konflikte – je nachdem wie in den Medien über sie berichtet wird – auch anders entwickeln: weniger oder eben mehr gewalttätig. Das beginnt schon bei der Wortwahl: z.B. ist das Indefinitpronomen man, welches Aussagen für die Rezipient*innen verallgemeinernd und verschleiernd darstellt, im Friedensjournalismus tabu. Oder: Wurde versäumt sachgerechte Informationen zu geben? Das würde implizieren, dass nachlässig gehandelt wurde oder wurden einfach keine Informationen gegeben, stattdessen aber Wertungen des Autors, der Autorin? Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die Darstellung von Gewalt in den Medien. So wird in vielen Medien Gewalt besonders lüstern oder drastisch dargestellt, was die Konfliktparteien zu neuerlicher Gewalt anstachelt. Gerade das 16. der SDG's

Mehr zum Thema

zeigt, welch wichtiger Beitrag vom Journalismus für eine friedliche Gesellschaft ausgehen kann.

Friedensjournalismus

Insbesondere mehr Transparenz und ein genereller Zugang zu Informationen stehen nämlich

in Johan Galtungs Bi-

bei SDG's wie auch beim Friedensjournalismus ganz oben auf der Tagesordnung. Dekan Tagou

bliographie oder bei

hofft, dass sich in 20 Jahren eine positive Entwicklung feststellen lässt. Ich, der ein Semester

conflict&communica-

als Gaststudent an der UPAC verbracht hat, bin überzeugt, dass schon unsere junge Generation

tion online

für eine gerechtere, nachhaltigere Welt arbeiten kann – wozu Friedensjournalismus ein wertvolles Werkzeug ist.

21


Zum ersten Mal bin ich Leo auf Zehenspitzen

begegnet – wir befanden uns auf einem Korallen-

Zu den Protesten der Student*innen in Brasilien

riff in Maracaipe, einem Strand in der Nähe von Recife im Nordosten Brasiliens. Ich studierte dort für zwei Semester an der Universidade Federal de Pernambuco; er nahm sich eine Auszeit von seinem Studium in Rio de Janeiro. Wir balancierten zwischen den scharfen Felsen und bald bewegte sich unsere Unterhaltung über die Seesterne hin zu politischen Themen. Darf ich vorstellen: Leonardo da Silva dos Santos, heute 25 Jahre,

Insa Olshausen lernte während ihres Studiums in Brasilien

aufgrund seines fußballerischen Talents genannt:

(2014/15) den Begriff ‚brazilianization‘ mit Inhalt zu füllen, den

Choque (ja genau, das bedeutet ‚Schock‘). Ehe-

Soziolog*innen weltweit benutzen, um Dynamiken extremer

maliger Aktivist in der studentischen Vertretung

sozialer Ungleichheit zu beschreiben. Wichtiger ist es ihr aller-

des Unisports, der Atletica an der Universidade

dings, von den starken sozialen Bewegungen zu berichten, die sie kennengelernt hat und von den inspirierenden Menschen, die sich dort engagieren.

22


Federal do Rio de Janeiro. Aktuell frisch gewählter Präsident der studentischen Vertretung seiner Fachschaft an der Universidade Federal do Semi-Arido in Mossoró im Bundestaat Rio Grande do Norte, wo er Forstwissenschaft studiert. Als ich wieder in Deutschland

„ A situacao aqui tà muito mal “

war, setzten wir unsere Gespräche über Skype fort. Und ich musste miterleben, wie

sich

Choques

Unbeschwertheit

Stück für Stück in Sorge verwandelte,

allerdings von den mas-

bis er beinahe jedes Gespräch mit den

siven Protesten der Be-

Worten „A situacao aqui tá muito mal“

völkerung, von denen mir

– „Es sieht schlecht aus hier“ begann.

Choque

In den konventionellen Zeitungen las

besondere von den Pro-

ich von der Gefährdung der noch jungen

testen der Student*innen,

Ich wollte aber auch

Demokratie in Brasilien, den Korrupti-

den zahlreichen besetzten

unbedingt etwas tun, um

onsvorwürfen auf beiden politischen

Universitäten im ganzen

meine

Seiten, der neoliberalen Ausrichtung

Land, den Ausschreitun-

Ausdruck zu bringen. So

des neuen Regimes. Nichts las ich

gen der Polizei gegen die

entstand in einem unse-

Demonstrierenden.

rer Skype Gespräche die

berichtete,

ins-

Ich

fühlte mich hilflos.

Solidarität

zum

Idee zu einem Interview – um zumindest einer Stimme der Proteste hier in Deutschland,

Gehör

zu

verschaffen. Info-Link zur Diktatur

23


Wie würdest du die momentane Situation in Brasilien beschreiben?

Unter dem 2002 zum Präsi-

„In Brasilien fand vor kurzem ein parlamentarischer

Politischer Hintergrund

Putsch statt, der breite Un-

Brasilien ist eine noch relativ junge Demokratie; das Vermächtnis der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 lebt in autoritären Strukturen fort.

terstützung von den konservativen Parteien und den Medien erhielt. Seitdem ist

denten gewählten Gewerkschafter Lula kam zum ersten Mal wieder ein linker Politiker an die Macht, der zahlreiche soziale Re-

ein autoritäres Regime an

formen durchführte. 2011

der Macht, das die Rechte

wurde Dilma Rousseff zur

der Arbeiter*innen Stück für Stück einschränkt.

Präsidentin gewählt. Sie

Die Rechte der Arbeitnehmer*innen wurden

gilt als Nachfolgerin des

seit 1940 in der Ära Vargas garantiert. Nun

Präsidenten Lulas und ge-

sollen die Ausgaben für Bildung und Gesund-

hört wie er der Arbeiter-

heit für die nächsten 20 Jahre gestoppt wer-

partei (Partido dos Trabalhadors-PT) an. Im August

den. Das Renteneintrittsalter soll um 10 Jahre

2016 wurde sie durch ein Impeachment Verfahren

erhöht werden. Deshalb befindet sich das

abgesetzt und ihr ehemaliger Vizepräsident Michel

Land seit dem Putsch in einem Zustand extre-

Temer übernahm die Macht. Ob es sich dabei um ei-

mer Instabilität und gewaltsamer Proteste.“

nen Putsch handelte, ist umstritten. Die Verfassung gibt die Möglichkeit eines solchen Verfahrens, wenn

[Die Ära Vargas wird die Zeit genannt, in der der brasilianische Präsident Getúlio Vargas im Amt war. Vargas hatte sich stark für die Rechte der Arbeiter*innen eingesetzt, Anm. der Autorin]

„erhebliche Verbrechen“ vorliegen; im Falle Dilmas handelte es sich bei den Vorwürfen jedoch lediglich um durchaus übliche Haushaltstricks. Umso brisanLinks zum Thema:

ter erscheint der Fall, dass über die Hälfte der Regie-

Gesundheit

rungsmitglieder und auch Temer selbst der Korrupti-

Rentenreform

on angeklagt sind. Sicher ist, dass Temer

Arbeit

seit dem Machtwechsel einen konserva-

Sparpaket

tiven und strikt neoliberalen Kurs fährt.

24


Wie würdest du die Situation an den brasilianischen Universitäten beschreiben?

im Land, die früher fester

scheint die Sache, wenn

Bestandteil des Studiums

man erfährt, dass die Privat-

waren, sind nicht mehr um-

schulen diese Reform nicht

setzbar, weil die Zuschüs-

umsetzen werden. Daher

„In den letzten Jahren gab

se für den Sprit der Busse

werden in Zukunft immer

es viele Verbesserungen an

gestrichen wurden. Die

weniger Schüler*innen von

den Unis, z.B. wurden die

Sekundärschulen wurden

öffentlichen Schulen eine

Anzahl der Studienplätze,

reformiert, angeblich, um

Chance haben, an den Uni-

die investierten Gelder er-

die Schüler*innen besser

versitäten aufgenommen zu

höht und die soziale Inklu-

auf den Arbeitsmarkt vor-

werden, die aufgrund der

sion gefördert. Diese Fort-

zubereiten. Dabei wurde

schlechteren Qualität der

schritte werden durch die

der Unterricht von Kunst,

öffentlichen Schulen bei den

Maßnahmen der Regierung

Geschichte, Soziologie, Phi-

Aufnahmeprüfungen oh-

jetzt zunichte gemacht. Die

losophie und Sport gestri-

nehin schon benachteiligt

Vergabe von Studiensti-

chen. Ich denke, dass diese

sind.“

pendien wurde drastisch

Maßnahme fatal ist, weil

gekürzt. Die Stipendien für

die Schüler*innen dadurch

Auslandsaufenthalte wur-

nicht mehr auf ein Studium,

den komplett gestrichen.

sondern nur für einfache

Die akademischen Reisen

Arbeitsplätze vorbereitet

zu verschiedenen Orten

werden. Noch absurder er-

25


Welche Konsequenzen haben die Kürzungen für Student*innen aus armen Verhältnissen? „Sie müssen entweder ihr Studium aufgeben oder arbeiten, obwohl sie ein Vollzeitstudium machen. Und die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird mit jedem Tag schlimmer, wir haben schon jetzt mehr als 14 Millionen Arbeitslose. [Das sind laut TradingEconomics 13,6% der Bevölkerung, Anm. der Autorin] In meinem Studiengang z.B. haben wir mit 25 Personen angefangen und jetzt sind wir nur noch 12. Die anderen mussten ihr Studium aufgeben, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten.“

Bildungssystem in Brasilien

Auch das Bildungssystem in Brasilien ist von Ungleichheit geprägt. Es gibt eine Analphabetenrate von 12,4% (siehe Welt in Zahlen). In den letzten Jahren wurden beispielsweise durch die Bolsa Família, eine Grundsicherung für arme Familien, deren Auszahlung an die Bedingung des Schulbesuchs der Kinder geknüpft ist, erhebliche Verbesserungen erreicht. Die Qualität der öffentlichen Schulen gilt als schlecht, die der Universitäten hingegen als gut. Daraus ergibt sich die ungerechte Situation, dass die Schüler*innen aus Elternhäusern, die sich eine private Schule leisten können, deutliche Vorteile beim Zugang zu den Universitäten haben. Um Chancengleichheit zu fördern, wurden unter Dilma Quoten eingeführt, die festlegen, dass die Hälfte der Studienplätze an Schüler*innen von öffentlichen Schulen vergeben werden, eine Maßnahme, die unter der Regierung Temers nun wieder zur Debatte steht.

Links zum Thema: Bildung Ungleichheit

26


Wie haben die Student*innen auf diese Veränderungen reagiert?

„Die Student*innen sind gemeinsam mit den Gewerkschaften die am besten infor-

Deshalb hatten diese leider nicht die

mierte und politisch aktivste

Reichweite, die wir uns gewünscht haben.

gesellschaftliche Gruppe. Sie

Trotzdem waren die Besetzungen, als An-

organisieren seit dem Putsch

fang des studentischen Widerstands gegen

Proteste im ganzen Land und

die Regierung, wichtig.“

in der Hauptstadt Brasília, um die Bevölkerung auf die Ereignisse aufmerksam zu machen. Die Informationen erreichen allerdings nicht die breite Masse der Menschen, weil die großen Medien auf der Seite der höheren Klassen stehen. An vielen Unis kann man die Folgen der momentanen Politik direkt sehen, z.B. an den heruntergekommenen Gebäuden und an der fehlenden Beleuchtung. 2016, direkt nach dem Putsch, gab es eine Bewegung, bei der viele Schulen und Unis im ganzen Land besetzt wurden (das war tatsächlich die bisher größte studentische Besetzungsaktion der Welt!), um gegen die von der Regierung aufgezwungenen Reformen zu protestieren. Diese Aktion wurde von den großen Medien allerdings weitestgehend ignoriert und die Proteste ließen bald wieder nach.

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Was hat sich für dich seit dem Regierungswechsel verändert? Inwiefern betreffen dich die aktuellen Ereignisse persönlich?

Was sind die Probleme und Herausforderungen der Student*innen in Brasilien? „Ich habe mein Stipendium verloren und bin seitdem wieder auf die Unterstützung von meinem Vater,

„Die fehlende Unterstützung der Regierung ist

der in Rente ist, angewiesen.

ein Riesenproblem. Die größte Herausforde-

Außerdem nehme ich seit dem

rung ist es, der Bevölkerung bewusst zu machen,

Putsch an Protesten teil und ver-

auf welche soziale Katastrophe wir unter dieser

suche immer mehr bei Leuten ein Bewusstsein für die aktuelle

Regierung zusteuern. Auch der Rest der Welt

politische Situation zu schaffen. Ich denke, dass die Ungleich-

scheint nicht zu wissen, was momentan wirklich

heit in der Bevölkerung und die

in Brasilien passiert. Das größte Hindernis ist mit

Vorurteile gegenüber benachteilig-

Sicherheit die Manipulationsmacht der Medien,

ten Gruppen wie den Armen, v.a.

GesellschaftsstrukturBrasiliens

der schwarzen Bevölkerung, den

Brasilien ist ein Land extremer sozialer Ungleichheit. Ressourcen sind im Besitz einer kleinen Minderheit, die Mehrheit der Menschen lebt in Armut. Geschichtlich sind die Besitzverhältnisse geprägt durch die Aufteilung der Bevölkerung in Großgrundbesitzer einerseits und Sklaven oder Leibeigene andererseits. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei und der Entstehung einer kleinen Mittelschicht reproduziert sich die ungleiche Verteilung des Besitzes bis heute.

Homosexuellen und Frauen zunehmen. Ich bin angewidert und verunsichert von den Ereignissen. Angewidert, weil eine Gruppe extrem korrupter Politiker*innen auf eine völlig undemokratische Weise die Macht übernommen hat und verunsichert, weil ich nicht weiß, welchen realen Einfluss die Bevölkerung in dieser Situation überhaupt hat.“

besonders der ‚Rede Globo‘ als größte Informationsplattform Brasiliens. Wir Studierende brauchen die finanzielle Unterstützung der Regierung. Momentan werden gerade mal die bestehenden Schulen und Unis aufrechterhalten. Es sind aber enorme Veränderungen notwendig, um eine gerechtere Gesellschaft aufLinks zum Thema:

zubauen, in der die extreme

Korruption

Chancenungleichheit abge-

Korruptions-

baut wird. Dafür

verfahren Temer

setzen wir uns ein.“

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Kannst du ein bisschen von deiner eigenen Familiengeschichte erzählen?

„Ich komme aus einer Familie, die eine ziemlich starke politische Geschichte hat. Meine Eltern sind etwas unwissend, weil sie aus einfachen Verhältnissen stammen und keinen Zugang zu einer Universität hatten. Ich habe aber einen Onkel und eine Tante, die mich sehr inspirieren. Mein Onkel heißt Joel Rufino und war ein bekannter Historiker, Professor und Schriftsteller. Er hat viel dazu beigetragen, die Forschung zu den afrikanischen Einflüssen im Land voranzubringen. Während der Militärdiktatur von 1964 wurde er verfolgt und ging ins Exil. Er lebte einige Zeit in Bolivien und wurde festgenommen, als er 1973 nach Brasilien zurückgekehrte. Meine Tante Lilia ist Literaturwissenschaftlerin. Auch sie war eine Widerstandskämpferin gegen die Diktatur. Von 1964 bis 1968 war sie im Movimento Secundarista (der Widerstandsbewegung der Sekundärschulen) involviert. Während ihrer Studienzeit hat sie sich im Movimento Revolucionário 8 de Outubro (MR8) engagiert. Der MR8 war eine kommunistische Organisation, die an dem bewaffneten Kampf gegen die Militärdiktatur teilgenommen hat. Ihr hauptsächliches Ziel war der Kampf gegen die Unterdrückung der Diktatur und die Gründung eines sozialistischen Staates. Sie war außerdem an der Gründung der DCE der Universität ‚Santa Úrsula‘ beteiligt. Später wurde meine Tante Kulturdirektorin des Akademischen Zentrums für Literaturwissenschaft. Darüber hinaus hat sie sich bei verschiedenen Zusammenschlüssen von Gemeinden in Rio de Janeiro engagiert und beispielsweise den Verband der Favelabewohner*innen mit gegründet (Federacao de Favelas do Rio de Janeiro FAFERJ). Sie hat immer klar zu ihren Idealen gestanden und durch sie habe ich meine Leidenschaft für Politik entdeckt.“

29


Was war dein eigener erster politischer Erfolg?

„Das war an der Uni, noch in

„Das war im Dezember 2016 in Brasília, wo wir gegen die Entscheidung

Rio. Es gab eine studentische

der Regierung protestiert haben, die öffentlichen Ausgaben für die nächs-

Gruppe, die für den Unisport,

ten 20 Jahre einzufrieren. Wir sind aus Rio de Janeiro angereist und in dem

der Atletica, zuständig war.

Gebäude einer Fachschule untergekommen. Als die Polizei mitbekam, dass

Sie waren jedoch in die Unterschlagung von öffentlichen Geldern verwickelt. Außerdem waren sie schon seit über 5 Jahren an der

Wann warst du das letzte Mal bei einem Protest dabei? Wo fand er statt? Und wie lief er ab?

wir da waren, kamen sie sieben Mal, um unser Gepäck zu durchsuchen. Als wir uns auf den Weg zur Demo gemacht haben, haben sie unseren Bus für eine weitere Durchsuchung gestoppt. Dazu haben sie uns zu einer verlassenen Straße gebracht und die

Leitung, ohne dass es Wahlen oder eine Form von Wechsel gegeben hätte, total undemo-

Gesichter von uns allen gefilmt. Außerdem haben sie alle Schwarzen von

kratisch. Ein Freund von mir hat im Rektorat gear-

uns gezwungen sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und nochmal ex-

beitet und eine Ausgabe von 200 Millonen Reais (50

tra durchsucht. Dann bei der Demo haben wir es zwar geschafft, eine Zeit

Millonen Euro) entdeckt, die für Lebensmittel für die

auf den Straßen zu bleiben und die Stadt für einige Stunden zu blockieren.

Student*innen in der Atletica sein sollten. Diese Le-

Die Medien haben allerdings nicht berichtet, dass 50.000 Student*innen auf der Straße waren und deshalb hat-

bensmittel sind allerdings nie bei den Sportler*innen angekommen. Wir haben die Belege für diese Ausgabe aufgetrieben und die Information unter den Student*innen und Professor*innen verbreitet. Das hat eine Revolte ausgelöst und das Rektorat war gezwungen, eine Untersuchung des Betrugs einzuleiten und die Verantwortlichen zu bestrafen. Wir haben den Vorstand der Atletica übernommen, um den Bereich wieder gerecht und demokratisch zu gestalten, indem wir u.a. Neuwahlen veranstaltet haben. Heute geht die Atletica als gutes Beispiel für alle Bereiche der Uni voran.“

Medienlandschaft

Reporter ohne Grenzen schreibt: Medienkonzentration und politische Einflussnahme behindern in Brasilien auch fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktatur (1985) noch immer einen unabhängigen Journalismus. Links: www.reporter-ohne-grenzen.de www.medico.de www.tagesspiegel.de

ten die Proteste nicht die Wirkung, die wir uns gewünscht haben. Es ist aus verschiedenen Gründen gefährlich sich bei den Protesten zu engagieren: Die Brutalität der Polizei, die besonders gegen schwarze Demonstrierende viele Vorurteile hat. Bei den letzten Protesten ist die Gewalt immer weiter eskaliert bis hin zum Einsatz von Schusswaffen auf Seiten der Polizei.“

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Wann wird die nächste Aktion stattfinden, an der du teilnimmst? Wo wird die sein? Und was ist geplant?

„Ich möchte unbedingt bei der geplanten Aktion in Brasília dabei sein, an dem Tag der Abstimmung

Ich bin für den Rücktritt der aktuellen Regierung und Neuwahlen.

der Abgeordneten für die Reform der

Sozialhilfe. Da soll über die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre entschieden werden. Ich weiß aber nicht, ob ich das Geld habe, hinzufahren. Deshalb hoffe ich sehr, dass es eine Mobilisierung der Gewerkschaften geben wird, damit ich an diesem Tag dabei sein kann, der für die Zukunft unseres Landes so wichtig ist.“

Was sind deine Ziele im Protest gegen die Regierung?

„Im Moment sind die Ziele der Rücktritt der aktuellen Regierung und Neuwahlen. Ich bin für die Wiederwahl

des Ex-Präsidenten Lula und die Einschränkung der Macht der Rede Globo. Außerdem brauchen wir eine schnelle Agrarreform und den kontinuierliche Abbau der extremen sozialen Ungleichheit und Bildungsungerechtigkeit im Land.“

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Außer deinem politischen Engagement – was sind deine ganz persönlichen Ziele?

Ich möchte unbedingt bei der geplanten Aktion in Brasília dabei sein.

„Ich möchte so schnell wie möglich meine Ausbildung abschließen und dann im Umweltbereich arbeiten. Ich würde gerne Lateinamerika und Europa bereisen, so viel Wissen wie möglich sammeln und das in Brasilien weitergeben.“

Wenn du die Möglichkeit hättest, allen Brasilianer*innen etwas mitzuteilen, was wäre deine Botschaft?

„Ich würde ihnen sagen, dass sie sich über verschiedene Wege informieren sollten, nicht nur über die konventionellen Medien, damit sie einen wirklichen Überblick über die politische

Situation bekommen. Außerdem wünsche ich mir, dass sie an ihr Recht auf Mitbestimmung glauben und dafür kämpfen, an den politischen Entscheidungen teilzuhaben.“

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It’s me: Gleichgeschlecht liche Chancen

Was bedeutet es, als lesbische Lehrerin oder

schwuler Lehrer an einer Schule zu unterrichten? Was bedeutet es, als lesbisches Mädchen oder schwuler Junge in die Schule zu gehen? Was bedeutet es, für lesbische Mütter und schwule Väter, was für die Jugendlichen selbst, wenn Kinder homosexueller Eltern in die Schule gehen? All dies sind wichtige und so unterschiedliche Komponenten von Homosexualität in der Schulwelt, dass die Reaktionen und Erfahrungen ebenso verschieden sind. Zudem kommt es auch stark auf den Ort und den Zeitraum an. Betrachtet werden sollen in diesem Artikel homosexuelle Erfahrungen und Gedanken, die in Gymnasien in Deutschland aktuell bedeutsam sind.

Denise Reubert Studentin, engagiert sich bei der Freiwilligenorganisation SCI (Service Civil International) – Deutscher Zweig für weltweite Friedensarbeit. Ihre Selbstfindungsphase mit dem Ergebnis der eigenen Homosexualität liegt noch nicht lange zurück, seither sind sexuelle Identität und Gender ein bedeutendes Themenfeld für sie.

33


Eine homosexuelle Lehrerin gewährt Einblick

Ich finde Frauen sexuell

platz, an dem ich eine professionelle Nähe zu den

anziehend. Kurz gesagt: Ich bin

dort agierenden Menschen aufbaue, vorhandene

lesbisch. Ja, das ist eine zutref-

Grenzen jedoch bewusst nicht überschreite. Des-

fende Aussage. Doch ich bin eben

halb bringe ich gerne das Thema sexuelle Vielfalt,

auch Lehrerin. Als solche habe

das Homosexualität genauso beinhaltet wie alle

ich eine gewisse Verantwortung

anderen sexuellen Lebensweisen, in den Unter-

meinen Kolleg*innen und in ers-

richt, ziehe aber eine klare Grenze zwischen der

ter Linie den Schüler*innen ge-

wertevermittelnden Lehrperson und der persön-

genüber. Ihnen Werte wie sexuel-

lich eingebundenen Lesbe.

le Vielfalt zu vermitteln ist nicht

Ich habe jetzt schon an mehreren Gymnasien ge-

nur sinnvoll, sondern in einer he-

arbeitet und doch immer wieder festgestellt, dass es

teronormen Gesellschaft

überall Unterschiede gibt. Sei es das Outing oder die

auch

nahelie-

Homophobie betreffend. Leider bekomme ich immer

gend, damit ein vollkommen weltoffenes, alle

wieder mit, wie es manchmal zu einem homophoben

sexuellen Lebensentwürfe tolerierendes Ge-

Sprachgebrauch kommt. Das Wort ‚schwul‘ hat in der ak-

sellschaftssystem ohne jegliche Hetero- oder

tuellen Jugendsprache wieder eine teilweise beleidigen-

Homonormalität keine Utopie mehr bleibt.

de Ausprägung bekommen. So manches Mal merke ich,

Dafür muss ich nicht meine eigene persön-

wie Schüler*innen es aber auch benutzen, ohne damit

liche sexuelle Vorliebe auf eine Ebene brin-

die dahinterstehende Diskriminierung einer Minderheit

gen, die sich mit der Lehrerrolle nur schwer

wahrzunehmen. So verwenden sie es beispielsweise

vereinbaren lässt. Hier unterscheide ich stark

auch, um ein Buch, das ihnen nicht gefällt, als langwei-

zwischen Privatperson und öffentlicher Per-

lig und abwertend zu betiteln. Die Frage, die man sich

son. Natürlich bin ich auf der Straße sichtbar

da stellen kann: Greife ich nun ein und halte eine Leh-

und Schüler*innen wie Kolleg*innen können

rerstandpauke? Oder überhöre ich das ausnahmsweise

mich dort beispielsweise auf den Christo-

mal? Tatsächlich ist es gar nicht so einfach wegzuhören,

pher-Street-Day-Paraden mit meiner Freundin

denn es ist ein mir persön lich wichtiges The-

antreffen. Aber die Schule ist mein Arbeits-

ma, v.a. für meine Gesellschaftsvorstellung.

geradezu

34


Doch jedes Mal einzugreifen ist auch nicht immer leicht, weshalb ich situationsabhängig entscheide, wie ich reagiere. Von „Manchmal spreche ich die Schüler*innen höchstpersönlich an“ über „Dann gebe ich mal einen Spruch zum Besten“ bis hin zu „Ich bleibe gelassen und tue nichts“ ist alles einmal

Du bist schwul — Das ist schwul — Du Opfa — Deine Höllenfahrt

dabei. Wie sichtbar Homosexualität an Schulen wird, ist in meinen Augen stark daran gebunden, dass ich in der Funktion als Lehrer*in, Koordina-

Probleme hab’n. Doch haste

tor*in oder Schulleiter*in ernstgenommen werde. Als

erst mal gecheckt, dass die

Privatperson möchte ich nur sofern wahrgenommen

die Probleme hab’n, biste

werden, dass ich in privaten Gesprächen im Lehrer-

Du weißt ja gar nich, wie

denen 1000 Schritte vor-

zimmer und auch im Klassenzimmer selbst entschei-

hart das Leben sein kann.

aus. Was für’n scheiß Leben,

den kann, wie viel ich von meiner Person preisgebe.

Erstmal wächste in ’ner

wenn de nicht mal jeden

Geht von den Schüler*innen und Kolleg*innen ein to-

„normalen“ Welt auf – und

Menschen lieben kannst

leranter Umgang aus, bin ich selbstsicherer und je-

dann zack. Weißte nicht

und so nimmst wie er ist

de*r an der Schule kann besser mit dem Thema Ho-

mehr wo oben und unten ist.

… Gut, bist durch die Hölle

mosexualität umgehen. In erster Linie unterstützt es

Erst heterosexuell, dann ho-

gegangen, genau genom-

so die sich im Coming Out befindenden Schüler*in-

mosexuell. Willstes doch gar

men zweimal. Erst warste

nen, die in ihrer Pubertät ohnehin schon kaum wis-

nicht. Willst einfach nur da-

sen, wie ihnen geschieht. Für solche Schüler*innen

zugehören. „Normal“ sein.

bin ich auch immer Ansprechpartnerin, denn ich

Eben wie alle andern. Keine

weiß, wie verwirrend und herausfordernd allein die innere Akzeptanz mit der eigenen Homosexualität sein kann.

35


Mama & Mami, Papa & Papi

dein eig’ner Feind, wollst´ nicht wahrhaben, dass de anders bist. Dass de homosexuell bist. Dass de nicht wie die Masse bist. Biste gecheckt hast, dass anders

Fandstes scheiße.

sein nicht schlechter ist.

Konnteste bloß nix tun.

Brauchste die andern nicht.

Bis: Der Lehrer vorne haut

Musste nicht gleich sein

Sprüche raus gegen Möch-

wie sie. Biste unabhängig.

tegern-Sprücheklopfer, die

Dann hat dein Ego aba doch

sich homophob äußern.

lie, es wird Nudeln mit Tomatensauce geben. Das

noch ’nen Schlag kassiert,

„Der ist schwul, der blickt

mag Lilli, ihre Tochter, zurzeit am liebsten. Lilli ist

voll drauf, tat voll weh. Dich

mich immer so komisch an,

elf, vor drei Monaten in die sechste Klasse eines

ham se ausgelacht, hinter

das geht nicht, der will was

Gymnasiums gekommen. Ihre Mama, Susanne,

deinem Rücken getuschelt:

von mir! Das ist schwul.“ Die

liebt sie sehr. Genauso sehr wie ihre Mami, Meg-

„Läuft da etwa was zwischen

Reaktion: „Als ob du denn

an. Und Susanne liebt Megan. Zusammen sind sie

denen? Die gehen schon

so hübsch wärst, dass dich

die Regenbogenfamilie Schulze.

zum zweiten Mal zusam-

welche anmachen würden.“

men nach Hause… .“ Hastes

Plötzlich issa kleinlaut und

schon Megan zur Tür herein. Lilli hört, wie sich

eben trotzdem mitgekriegt.

nicht mehr so krass homo-

die beiden liebevoll begrüßen und kommt die

phob zu dir. Alle andern

Treppe ihres Reihenhauses heruntergerannt, um

haben dich auch akzeptiert.

den beiden Lesben in die Arme zu fallen. Sie alle

Und lach’n mit dir. Über al-

haben nämlich besonders Eines gemeinsam: Sie

les. Nur nich über Homose-

lieben sich als Familie. Dann stürzen sich alle

Sie kocht gerade Abendessen für ihre Fami-

Susanne gießt die Nudeln ab, da kommt auch

xualität. Homophobie geht gar nicht. Das is jetzt tabu. (Namen redaktionell geändert.)

36


Daniel und Jan kennen das Problem der Ak-

zeptanz von Homosexualität noch zu gut aus ihrer Vergangenheit. Doch inzwischen sind die beiden schwulen Väter von zwei Jungen und einem Mädchen ein so fester Bestandteil bei Elternabenden, dass sie schon Monate vorher gefragt werden, ob hungrig auf die Nudeln. Während des Essens fra-

sie auch wirklich beim nächsten Treffen wieder

gen Mama Susanne und Mami Megan beide auf-

diese leckeren Muffins backen werden. Nicht nur

geregt nach, wie Lilli denn die Schule heute fand.

wegen ihrer Backkünste sind sie in der Schule

„Mama, Mami, echt jetzt? Ihr wisst doch, dass ich

sichtbar: Die beiden Schwulen engagieren sich in

die Schule liebe. Ich gehe gerne hin, also macht

einem Schulprojekt, bei dem ‚Andersartigkeit vom

euch nicht immer Sorgen.“ Leichter gesagt als ge-

Heteromainstream‘ großgeschrieben wird. Dort

tan, denken sich die beiden lesbischen Mütter.

stehen sie als Ansprechpartner v.a. für schwule

Leider haben sie auf den Elternabenden von den

Schüler Rede und Antwort, aber weil sie ebenso

mehrheitlich heterosexuellen Elternpaaren schon

für einen respektvollen Umgang und Toleranz ein-

häufig Anfeindungen erlebt, weil Lilli schließlich

stehen, sind sie auch Kontaktpersonen für Schü-

ohne einen Vater, dafür aber mit zwei Lesben auf-

ler*innen und Lehrer*innen jeglicher sexuellen

wachse. Dabei lieben sie Lilli doch über alles auf

Orientierung. Daniel und Jan sind ein Beispiel da-

der Welt. Für die beiden lesbischen Mütter spielt

für, wie Homosexualität in der Schule sichtbar ge-

ihre sexuelle Orientierung keine spezielle Rolle,

macht wird.

sie haben Lilli so erzogen, dass Homosexualität nichts Schlechtes oder Verwerfliches ist, sondern genauso ein zu tolerierender Lebensentwurf wie Heterosexualität auch. Sie stehen für Menschlichkeit ein.

37


Dabei werden Höhen wie Tiefen angespro-

chen und Schüler*innen werden zugleich angeregt

Was also sollen wir lernen?

sich mit dem Thema sexuelle Vielfalt auseinander zu setzen. Ihre drei Kinder haben bereits früh im Kindergartenalter damit begonnen. Schwer sei

Wie wichtig also Homosexualität in der Schule ist,

es v.a. für den Ältesten gewesen, weil Homosexu-

können wir nun gut sehen. Der Lehrplan einiger

alität vor 15 Jahren noch stärker tabuisiert wur-

deutscher Bundesländer sieht die Einbeziehung

de als heute und er zudem seine zwei Väter und

des Themas Sexuelle Vielfalt auch bereits vor.

seine zwei kleinen Geschwister, die er versuchte

Doch Bildung ist Ländersache, deshalb obliegt es

aus der Angriffsfläche zu ziehen, stets beschüt-

jedem einzelnen Bundesland in Deutschland, wie

zen wollte, ihm dies aber nicht immer ohne Hil-

stark sexuelle Lebensformen von Lehrer*innen

fe gelang. Oftmals wurde er als ‚Schwuchtel un-

an ihre Schüler*innen vermittelt werden sollen.

ter Schwuchteln‘ diskriminiert. Als er klarstellte,

Sollten wir aber nicht sogar weltweit einen lehrrei-

dass seine Väter zwar beide männlich und schwul

chen, Toleranz vermittelnden Unterricht anstre-

seien, er sich aber in ein Mädchen verliebt hat-

ben? Und wenn wir als Kinder bereits mit einem

te, wurde ihm dies erst am Gymnasium durch das

breit gefächerten Akzeptanzverhalten aufwach-

Projekt seiner Väter geglaubt.

sen, dann können wir doch genauso gut als komplette Gesellschaft für eine Perspektive der Offenheit, Akzeptanz und Toleranz einstehen. Mehr noch, lasst uns für die Liebe auf und in dieser Welt plädieren. Für die Menschlichkeit.

38


Die Zapatistas: Meine Arbeit als Menschenrechtsbeobachterin

Ich möchte mich mit meinem Artikel auf das

SDG No. 17 ‚Partnerschaften, um Ziele zu erreichen‘ beziehen und von meinen Erfahrungen mit den Zapatistas erzählen. Es wurde schon viel über jene Widerstandsbewegung gesagt, die mit Wortgewandtheit unzählige Menschen auf dieser Welt erreicht und inspiriert hat. Und obwohl die Zapatistas ihre mediale und wissenschaftliche Hochkonjunktur bereits hinter sich gelassen haben, verlieren ihre Visionen und Worte nicht an Bedeutungskraft – Gegenteiliges ist zu beobachten. Was einst in den Bergen und Wäldern Südmexikos begann und mexikanische Regierungskreise in UnFelizia Schreiber beendete im Jahr 2016 ihr Ethnologie-Studium mit

ruhe und Wut versetzte, schlägt heute Wellen, die

dem regionalen Schwerpunkt ‚Lateinamerika‘ an der Universität Hamburg.

auch die Küsten unseres Kontinentes erreichen.

Von Januar bis März 2017 arbeitete sie als Menschenrechtsbeobachterin für eine Menschenrechtsorganisation im südlichen Bundesstaat Chiapas, Mexiko. Sie besuchte verschiedene indigene Gemeinden und konnte dadurch Einblicke in die Widerstandsbewegungen vor Ort erlangen.


Die Zapatistas „Dies ist unser einfaches Wort, das danach sucht, die Herzen der Menschen zu berühren, die, wie wir, bescheiden und einfach sind, aber auch, wie wir, würdig und rebellisch. Dies ist unser einfaches Wort, [...] um andere Menschen dazu einzuladen, mit uns gemeinsam in etwas sehr Großem zu gehen, das sich Mexiko nennt und etwas noch viel Größerem, das sich Welt nennt. Dies ist unser einfaches Wort, um allen Herzen, die aufrichtig und edel sind, zu erzählen, was wir uns in Mexiko und auf der Welt wünschen. Dies ist unser einfaches Wort, denn es ist unsere Idee, alle anzusprechen, die so sind wie wir, und uns mit ihnen zu vereinen, wo auch immer sie leben und kämpfen.” (Sechste Deklaration aus dem lakandonischen Urwald 2005: S.1) Wir befinden uns im südlichsten Bundesstaat Mexikos: Chiapas – ein Gebiet, dass sich durch seine landschaftliche und kulturelle Diversität auszeichnet. Wer sich mit der Geschichte der Zapatistas beschäftigt, wird feststellen, dass diese

40


41 eine traurige und blutige ist. Sie gehören zu den 30-40% der chiapanekischen Bevölkerung, die indigener Herkunft ist und weil der Boden, auf dem sie stehen, reich an natürlichen Ressourcen ist, unterliegen sie seit Jahrhunderten den kolonialistischen und heute postkolonialistischen, ausbeuterischen

Strukturen.

Ressourcenraub,

Verfolgung und Marginalisierung sind nur einige Schlagworte in diesem Kontext.

Mit dem zapatistischen Aufstand am 01.01.1994

begann eine neue Ära in der Geschichte des indigenen Widerstandes. Es folgte eine landesweite Mobilisierung und Wiederaneignung einer Vielzahl von Gebieten des Bundesstaates. In ihrer ersten Phase kämpften die Zapatistas hauptsächlich für die Rechte der Indigenen, ihre Kultur und das ihnen zustehende Land. Als bezeichnendes Merkmal legten sie in diesem Prozess stets Wert darauf, sich auf nationaler sowie internationaler Ebene auszutauschen und fokussierten darüber hinaus, wie keine andere Bewegung, eine


42 weltweite Solidarisierung zur Erreichung ihrer

Trotz aller Errungenschaften und Erfolge, die

Ziele. Die Zapatistas haben es heute für sich auf

im Prozess der zapatistischen Selbstermächti-

der lokalen Ebene geschafft, in autonomen Ge-

gung verzeichnet werden konnten, ist die endgül-

meinden zu leben und haben, angelehnt an basis-

tige Forderung nach ‚paz con justicia‘ (übersetzt:

demokratische Werte, eigene Regierungsformen.

Frieden mit Gerechtigkeit) noch lange nicht er-

Sie haben ihr eigenes Bildungs- und Gesundheits-

füllt. Der Konflikt entwickelt sich vor diesem Hin-

system etablieren können und versorgen sich zu

tergrund über die lokale Ebene hinaus zu einer

großen Teilen mittels effektiver Kollektivarbeit

globalen Thematik mit universellem Anspruch

selbst.

und Relevanz. Die Zapatistas begreifen sich als

www.carea-menschenrechte.de

ein Glied im Kampf für die Menschlichkeit und

www.chiapas.eu

gegen den Neoliberalismus.

„Und all das war möglich durch die Anstren-

„Und deshalb lernen überall immer mehr

gungen der zapatistischen Dörfer und die sehr

Compañeros und Compañeras mit den Men-

große Unterstützung von großmütigen und

schen aus anderen Teilen Mexikos und der Welt

aufrichtigen Menschen, die wir ‚Zivilgesell-

umzugehen, sie lernen zu respektieren und Res-

schaften‘ nennen und von ihren Organisati-

pekt einzufordern, sie lernen, dass es viele Wel-

onen auf der ganzen Welt. So, als ob all diese

ten gibt und alle ihren Platz, ihre Zeit und ihre

Menschen wahr gemacht hätten, dass ‚eine

Art und Weise haben und dass es gegenseitigen

andere Welt möglich ist‘ und zwar mit Taten

Respekt zwischen allen Menschen geben muss.“

und nicht nur mit bloßen Worten.“ (ebd. S.10)

(Sechste Deklaration aus dem lakandonischen Urwald 2005: S. 11)


43 Sie kämpfen für die EINEWELT, in der, wie sie sagen, viele Welten Platz finden. Dieser Auffassung liegt ihre Anerkennung und Wertschätzung der kulturellen Vielfalt auf diesem Planeten zu Grunde, deren friedliche Koexistenz in ihrem Verständnis, durch gegenseitiges Zuhören, voneinander Lernen und der Vereinigung im Zeichen von Würde und Respekt gesichert werden könne und müsse. Mit ihrer undogmatischen Art inspirieren sie seither Künstler*innenkollektive, mobilisieren alternative, politische Gruppierungen, diskutieren und philosophieren mit intellektuellen Kreisen, solidarisieren sich weltweit mit unterdrückten Minderheiten und schreiben Geschichten, die einerseits Kindern als Gutenachtlektüre dienen können und andererseits die Welt zu revolutionieren vermögen.


Zivile Friedenscamps

44

Im Kontext der Zapatistas und meiner Arbeit

beitragen. Die Arbeit als BriCo ist eine Form der

sind zwei Organisationen von grundlegender Be-

zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung und

deutung: Das ist zum einen das mexikanische

folgt dem Prinzip der Nichteinmischung. Sie glie-

Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las

dert sich in drei Aufgabenbereiche: Am Anfang

Casas (kurz: FrayBa) und zum anderen CAREA

steht die Beobachtung bzw. Begleitung von Perso-

e.V. mit Sitz in Berlin (www.frayba.org.mx und

nen oder Gemeinden. Daraufhin folgt die Doku-

www.carea-menschenrechte.de). Seit 1989 setzt

mentation der Situation und letztlich die aktive

sich FrayBa als autonome und religionsunabhän-

Solidarität auf lokaler sowie globaler Ebene. Die

gige Organisation für die strukturell benachtei-

Anwesenheit internationaler Beobachter*innen

ligte, indigene Bevölkerung und die kulturelle Di-

dient darüber hinaus als Schutz vor Übergriffen

versität im Bundesstaat Chiapas ein. Auf Bitte der

durch Militär und paramilitärische Gruppen.

zapatistischen Gemeinden zum Einsatz von Menschenrechtsbeobachter*innen appellierte FrayBa

FrayBa entsendet also vor Ort Personen in die

an die nationale und internationale Öffentlichkeit

jeweiligen Gemeinden. Um als BriCo in ein zivi-

und es entwickelte sich das Projekt der zivilen

les Friedenscamp zu fahren, bedarf es einer Vor-

Friedenscamps. Seitdem gibt es eine aktive Prä-

bereitung, welche in Deutschland von CAREA e.V.

senz und partizipative Solidarität von nationalen

durchgeführt wird. Relevante Themen sind die

und internationalen Menschenrechtsbeobach-

Reflexion des Konzeptes der Menschenrechtsbe-

ter*innen (spanisch kurz: BriCos), die zum Schutz

obachtung, die historische und aktuelle Situation

der Menschenrechte, zum Vorantreiben des Frie-

in Mexiko, rassismus-kritische Perspektivierung

densprozesses in Chiapas und zur Erweiterung

und die Betrachtung der spezifischen Konfliktla-

des Handlungsspielraums der Zivilbevölkerung

ge in Chiapas.


Mein Aufenthalt in der Gemeinde

45

Die folgenden Ausführungen basieren auf mei-

en wechselte. Die Spaltung bezieht sich nicht nur

nen persönlichen Erfahrungen und subjektiven

auf die Gemeinde generell, sondern auch auf die

Einschätzungen. Sie erheben keinen Anspruch

einzelnen Familien. Die Situation ist dementspre-

auf Allgemeingültigkeit. Außerdem muss berück-

chend angespannt.

sichtigt werden, dass ich als Nichtmuttersprachlerin eventuell nicht immer alles ‚richtig‘ verstan-

Am 04.05.2014 eskalierte die Situation, als ein

den habe.

zapatistischer Lehrer der Gemeinde von der paramilitärischen Organisation CIOAC, deren Mitglie-

Die Gemeinde, in der ich mich aufhalte, ist ge-

der zum Teil aus den Bewohner*innen des Dorfes

spalten. Das heißt, hier wohnen sowohl Partidis-

bestehen, ermordet wurde. Am gleichen Tag wur-

tas (Parteitreue) als auch Zapatistas, zu einem An-

den auch die Schule und die Klinik der Zapatistas

teil von 80% zu 20%. Eine meiner ersten Fragen

niedergebrannt – beide gerade erst im Bau. Die

war: Wie kann sich eine Gemeinde derart spal-

Ermordung erregte extreme Unruhe und Angst,

ten? Am Anfang, so wurde mir erzählt, gehörten

dennoch wurde beschlossen, dass mensch sich

alle der Widerstandsbewegung der Zapatistas an.

nicht auf das Niveau der rohen Gewalt niederlas-

Im Zuge der staatlichen Aufstandsbekämpfung

sen wollte. Die Schritte gestalteten sich folgen-

wurden verschiedene Sozialprogramme etabliert,

dermaßen:

die bewusst die Bewegung spalten sollten. Die Za-

patistas lehnen die Teilnahme aus verschiedenen

Innerhalb eines Tages bauten 70 Personen das

Gründen konsequent ab, während ein anderer Teil

Lager für die BriCos, die ab diesem Zeitpunkt von

der Bewegung sich dafür entschied und dement-

FrayBa entsendet wurden. Auch die Schule und

sprechend ‚auf die Seite‘ der staatlichen Partei-

die Klinik wurden aus Sicherheitsgründen neben


46 dem Friedenscamp neu errichtet. Aufgrund der unzureichenden juristischen Umstände wohnen aktuell Täter und Opfer Tür an Tür. Bis heute patrouillieren, im Zeichen von staatlichen Einschüchterungsmaßnahmen, verschiedene Militäreinheiten durch die Straßen der Gemeinde. FrayBa trägt uns auf, die Bewegung dieser Gruppen zu notieren. So können sie neben der Verfolgung der Militärbewegung präventiv zu möglichen Anschlägen arbeiten und gleichzeitig wird durch die Präsenz von Beobachter*innen die Anspannung und Angst der Dorfbewohner*innen geteilt und somit idealerweise minimiert.

Soviel zur Ausgangsbasis für meinen zweiwöchigen Alltag, der so aussieht: Morgens weckt uns das Licht der ersten Strahlen des Sonnenaufgangs, das durch die kleinen Rillen des mit Holzplanken gebauten Hauses


47 leuchtet. Schlafsäcke rascheln, morgendliches

gleichheiten innerhalb der Gemeinde kommen,

Gemurmel und das sanfte, stetige Plätschern des

da die Familie, die eine tienda besitzt, durch den

Flusses vermischen sich und ich schiebe mich

Gewinn finanzielle Vorteile erlangt.

langsam aus meiner Hängematte. Die ersten beiden compas sitzen schon draußen, trinken Mate

Unser campamento ist von zwei Seiten von ei-

oder Kaffee und halten die erste Wache. Da wir

nem kleinen Fluss eingerahmt. Die anderen Sei-

zehn Personen, und so eine relativ große Gruppe

ten schließen mit einem Zaun ab und vorne gibt

sind, erstellen wir am ersten Abend nach unse-

es ein Eingangstor. Aufgrund der konfliktreichen

rer Ankunft einen Rotationsplan, um die Aufga-

Situation in der Gemeinde dürfen wir das campa-

ben ‚Wache‘, ‚Mittag-/Abendessen‘ und ‚Ordnung/

mento nicht verlassen, was sich durch die Größe

Sauberkeit‘ in kollektiver Arbeit zu verteilen. Von

des Geländes, die abwechslungsreiche Gesell-

06:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr abends sitzen

schaft und den begrenzten Zeitraum gut bewälti-

mindestens zwei, oft auch mehrere auf dem klei-

gen lässt.

nen Wachposten, der aus einem Tisch und je nach Bedarf, einer verschiedenen Anzahl von Stühlen

Es gibt eine große Gemeinschaftsküche, in der

besteht. Wir haben alle Lebensmittel selbst mit-

wir jeden Tag über dem Feuer kochen und mor-

gebracht, darunter auch Tropfen zur Wasserreini-

gens bringen uns die compas aus dem Ort frische,

gung. Zwar gibt es hier ein, zwei tiendas (Lädchen),

handgemachte tortillas aus Mais. Unsere beiden

aber es sollte von größeren und regelmäßigen

responsables (die Verantwortlichen für die Bri-

Einkäufen abgesehen werden, da dies zu einer

Cos) besuchen uns fast täglich und sprechen zwei

ungewollten ökonomischen Abhängigkeit führen

oder drei Stunden mit uns. Sie erzählen uns von

kann. Des Weiteren kann es zu Konflikten und Un-

ihrer Arbeit auf der milpa (ein Feld, auf dem Mais,


» Unsere Rache ist es, glücklich zu sein! «

48


49 Bohnen und manchmal Gemüse angebaut wird),

dieser Unterrichtform sollen eindeutig die sonst

Geschehnissen im Dorf, kleinen Anekdoten und

üblichen, hierarchischen Strukturen des klassi-

spielen nachts mit uns Karten. Darüber hinaus

schen Schulunterrichts durchbrochen werden.

beantworten sie geduldig unsere zahlreichen Fra-

Durch Fragen finde ich heraus, dass in der Schu-

gen – beispielsweise zu der Schule, zu ihrer in-

le vier Fächer gelehrt werden: Spanisch, Mathe,

digenen Sprache tojolabal (übersetzt: Das wahre

Geschichte und Agrar-Ökologie. Später folgt dann

Wort), zur zapatistischen Selbstverwaltung und zu

die integración, mit dem Ziel, das Bewusstsein

den Saat- und Erntezeiten. Häufig kommen auch

für den anhaltenden Widerstandskampf und die

Kinder und Frauen vorbei und trinken einen Kaf-

aktuelle Situation der Zapatistas zu wecken. Die

fee mit uns.

Jugendlichen werden in diesem Schritt in die Aktivitäten und Organisationsstrukturen der Bewe-

Auf der gegenüberliegenden Flussseite befin-

gung eingebunden.

det sich ein buntbemaltes zweistöckiges Gebäude, in dem sich die Klinik und die Schule befin-

Am letzten Abend schreiben wir den Bericht

den. Mit sechs Jahren gehen die meisten Kinder

für FrayBa, in dem wir die Militärbewegungen zu-

von Montag bis Mittwoch in die Schule. Es gibt

sammenfassen und führen ein abschließendes

hier vier Lehrer*innen, wobei der zapatistische

Gespräch mit unseren Verantwortlichen. Der ge-

Unterricht nicht frontal abläuft. Die Älteren leh-

lebte Widerstand der Zapatistas hat mich nachhal-

ren die Jüngeren und lernen selbst wiederum von

tig beeindruckt und inspiriert. Besonders berührt

den Älteren. Wie das im Detail funktioniert, kann

haben mich die Gespräche mit unseren respons-

ich nicht genauer erklären, da ich selbst keine

ables und das am letzten Tag geführte Gespräch

zapatistische Schule besuchen konnte, aber mit

mit der junta del buen gobierno (Rat der guten Re-


50


51 gierung) im caracol. Nachdem sie sich für unse-

Aber das wirklich Gefährliche ist, in ihm den

re Arbeit bedankt haben, sprachen wir über die

Blick auf sich selbst zu wagen. Ein wenig Distanz

aktuelle Situation. Die Zapatistas hätten zwar viel

zu sich selbst, unterstützt durch ein Lächeln, er-

erreicht, aber befinden sich nun an einem Punkt,

leichtert die Dinge.“ (Zitat des SubCommandante

an dem sie alleine nicht mehr weiter kämen. Sie

Marcos, Sprecher der nationalen Befreiungsar-

sagen, dass man nur vereint und organisiert gegen

mee der Zapatistas, kurz: EZLN)

die staatlichen Verbrechen aus wirtschaftlichen und politischen Interessen an den allgemein gül-

Für mich zeichnet sich die Menschenrechts-

tigen Menschenrechten, die in vielen Ländern auf

beobachtung in Chiapas in verschiedener Hin-

der Welt tagtäglich geschehen, vorgehen könne.

sicht positiv aus. Zum einen bricht sie mit den sonst häufig postkolonialistischen Strukturen und

Das Wir vor dem Ich: Quintessenz

Motiven von Austauschprojekten zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Sie wirft gängige paternalistische, kolonialistische, teils rassistische und karitative Denkmuster über Bord. Das Konzept der Nicht-Einmischung sichert

„Es gibt einen Spiegel in der Welt. Er erlaubt

darüber hinaus den gegenseitigen Respekt, das

uns zu sehen, was wir sind, was wir waren und

Zuhören und Kennenlernen, bevor mensch sich

was wir sein werden. Der erste Eindruck ist alles

aktiv an der Gestaltung von Lebensrealitäten an-

andere als angenehm, der zweite erklärt und der

derer beteiligt, ohne die jeweiligen kulturellen Zu-

dritte verspricht uns etwas. Das Problem ist, den

sammenhänge und individuellen Bedürfnisse zu

Spiegel zu finden. Das ist nicht einfach.

verstehen. Ein weiterer positiv hervorzuhebender


52 Punkt ist, dass die Privilegien, die im Nord-Süd-

Der oben vom Subcommandante Marcos er-

Kontext bestehen und nicht von einen auf den an-

wähnte Blick in den Spiegel war für mich manch-

deren Tag verändert werden können, zumindest

mal unangenehm, manchmal führte er zu einem

effektiv genutzt werden – als Teil und Vertreter

Schweigen, manchmal zu einem Lachen, manch-

der internationalen Öffentlichkeit können wir uns

mal erfüllte er mich mit Scham und manchmal

mit unserer Präsenz für die Sicherheit und den

führte er zu einer Erklärungsnot – aber immer

Schutz bedrohter Minderheiten auf lokaler Ebene

mündete er in der Hoffnung und Zuversicht, dass

und die Verteidigung universeller Menschenrech-

die Dinge in einem stetigen Fluss der Transfor-

te auf globaler Ebene einsetzen.

mation sind, zu dessen Modellierung jede Hand fähig ist.

Doch während meiner Zeit in Mexiko und den zwei weiteren Gemeinden, die ich besuchen

Die geteilte Zeit mit den Zapatistas sowie mit

konnte, wurde mir eines immer deutlicher: Die Ar-

den anderen BriCos hat mir viele meiner Privile-

beit als Menschenrechtsbeobachter*in stellt eine

gien erst sichtbar gemacht und mich sie v.a. spü-

effektive Gewaltprävention dar und schützt bzw.

ren lassen. Sich in dieser, im globalen Geflecht

unterstützt auf seine Weise die rechtliche Grund-

bevorteilten und ungerechten Rolle zu befinden,

lage des Organisierungsprozesses der Zapatistas.

die mensch bis dato eventuell als natürlich ge-

Dennoch tragen den größten Nutzen v.a. wir, die

geben betrachtet hat, ist eine unangenehme Si-

Beobachter*innen, die mit den gewonnenen Er-

tuation. Dennoch: Ich hatte die Möglichkeit, für

fahrungen, Wissen und Weisheiten aus den zapa-

einen kurzen Augenblick diese mir sonst so ent-

tistischen Gemeinden zurückkehren dürfen.

fernte Welt zu betreten, durfte den Zapatistas zuhören, von ihnen lernen und aus ihren Worten


53 und Blickrichtungen meine Lehren ziehen. Eine dieser Lehren ist die der Gemeinschaft. Das Wir vor dem Ich. Dies kann als Kritik am Individualismus verstanden werden, aber sie schließt die individuelle Entwicklung keineswegs aus, sondern verschiebt lediglich die Prioritäten zu Gunsten eines gemeinsamen Wohlbefindens und der Erweiterung des Handlungsspielraumes der gesamten Gruppe. Des Weiteren haben mir die Zapatistas mit ihrer offenen und wertfreien Art gezeigt, dass es nicht darum geht, dass jemand dem*der anderen etwas zeigt, damit wir irgendwann alle gleich ‚entwickelt‘ sind. Vielmehr geht es darum, die kulturelle Vielfalt zu erkennen und anzuerkennen, sich in diesem Sinne gegenseitig zu inspirieren, voneinander zu lernen und gemeinsam den Willen zu haben, etwas anderes zu konstruieren. Anfangs frustriert es den*die eine*n oder andere*n sich in der passiven und unbeteiligten Rolle als Beobachter*in zu Recht zu finden. Ich stelle aber auch fest, dass ich den von den Zapatistas inspirierten Bewusstseinswechsel und den damit ein-


54 hergehenden Tatendrang gerade in meinem ei-

alle, die nicht auf Anpassung und Rassismus ba-

genen sozio-kulturellen Kontext oder von diesem

siert, sondern auf kultureller Vielfalt und univer-

ausgehend, umsetzen kann und bewusst die dor-

sellen Wertvorstellungen. Die Zapatistas kämp-

tigen Ressourcen und Privilegien nutzen kann.

fen, wie viele andere indigene Bewegungen in Lateinamerika, schon lange für eine Dekoloniali-

Es wäre ignorant, die globalen Ungerechtig-

sierung, aber an diesem Dilemma sind zwei Sei-

keiten und Ungleichheiten und deren Zusammen-

ten beteiligt und nur gemeinsam können wir das

hang zu unserem alltäglichen, lokalen Handeln

globale Ungleichgewicht aufheben und eine nach-

zu negieren. Die wirtschaftliche Ausbeutung, po-

haltige Welt mit globalem Bewusstsein kreieren.

litische Abhängigkeit, kulturelle Diskriminierung und soziale Unterdrückung in verschiedenen Län-

„Der Kampf ist wie ein Kreis. Man kann ihn

dern des globalen Südens sind Konflikte, die Er-

an jeder Stelle anfangen, aber er hört niemals

gebnis eines immer noch bestehenden Postko-

auf.“ (Zitat des Viejo Antonios, Symbolfigur der

lonialismus sind, welcher in unseren Köpfen auf

Zapatistas, geschaffen von dem SubCommandan-

verschiedenste Weise verankert und legitimiert

te Marcos)

wird. Es wäre darüber hinaus aber pessimistisch, zu denken, dies sei eine starre Endlosschleife ohne Eingriffsmöglichkeiten. Denn genau in diesen Köpfen kann auch der Anfang einer Transformation geschehen. Eine Entwicklung von und für


Namoussas Heimkehr

Noch vor 12 Tagen hatte

sich die Mutter nicht vorstellen können, was jetzt Realität ist: ihre Tochter Namoussa sitzt ruhig und entspannt neben ihr auf der Rückbank des Geländewagens. Vor den beiden Frauen sitzt Pfarrer Tankpari Guitanga, der den Wagen mit konzentriertem Blick über die leere sandige Piste steuert. Neben Namoussas Fuß eine Kette mit einem grob aufgesägtem Bügelschloss. Es ist Namoussas Kette, die ihr rechtes Fußgelenk einst fest umschlungen

hielt.

Einem


Gefangenentransport glich ihre Anreise

vor 12 Tagen, als sich Mutter und Tochter auf-

56

machten, um die neue kostenlose Sprechstunde für die ‚Verrückten’ zu besuchen. Die Kette wird im Auto bleiben, der Pfarrer möchte sie als Andenken an ihre Befreiung behalten. Einige Regentropfen fallen während der zügigen Fahrt Richtung Norden auf die Windschutzscheibe und lösen beim Aufprall den feinen roten Staub. Die Regenzeit kündigt sich an, auf die Pflanzen, Tiere und Menschen hier sehnlich warten. Denn momentan herrscht noch eine Temperatur von über 40 Grad, noch verfolgt eine lange Staubwolke den Geländewagen, die einen Blick in den Rückspiegel überflüssig macht. Niemand spricht, Namoussa und ihre Mutter blicken auf die vorbeiziehende ausgedörrte Landschaft mit den gewaltigen Baobabbäumen, denen man hier nachsagt, sie stünden kopfüber und nur die Wurzeln seien zu sehen. So komfortabel waren sie vermutlich noch nie unterwegs. Was wohl in ihnen vor sich geht? Die letzten 12 Tage haben viel verändert. Ob sich Namoussa dessen bewusst ist, ist schwer zu sagen, ihre Mutter aber hatte bereits einen Tag nach der Befreiung Namoussas gebeten, sie zu fotografieren. Die bloße Tatsache, dass ihre Tochter mit ihr zusammen friedlich auf dem Boden sitzen konnte, war für sie unfassbar gewesen und musste unbedingt dokumentiert werden.


Braunes Wasser rauscht um die Räder als der Wagen die Furt eines Stausees durchquert, der durch den nächtlichen Regen bereits über den Damm gebrochen war und die Straße in einen strömenden Fluss verwandelt hat. Nach dem See biegt der Pfarrer links ab, auf eine schmale Piste zum kleinen Dorf Gori. Die Piste wird immer mehr zu im Sand verlaufenden Reifenspuren, die sich schließlich ganz verlieren. Es gibt keine erkennbare Straße mehr – wozu auch. Ein Auto besitzt hier niemand und Motorräder, Eselskarren und Fahrräder finden ihre ganz eigenen Wege.

Ohnehin stehen nur verein-

zelte Lehmhäuser in der kargen Landschaft herum, der Ortskern scheint anderswo zu sein. In der Regenzeit wird sich der Stausee bis hierher ausdehnen, doch momentan erstreckt sich hinter den Häusern nur eine weite baumlose Fläche. Die letzte Häusergruppierung ist Namoussas Hof, ihr Zuhause oder zumindest das, was von nun an ihr Zuhause sein soll. Schon immer hatte sie hier gelebt, doch konnte sie sich hier bisher wirklich zuhause fühlen?

57


Die Ankunft des Gelände-

tiksandalen nichts trägt,

wagens, der jetzt langsam vor

lächelnd auf ihren Arm.

den Hof rollt, wird sofort re-

Sie erwidert den Willkom-

gistriert. Schon bevor sich die

mensgruß auf Gourmant-

Wagentüren öffnen, hat sich

ché, „Pielpiela“, eifrig mit

eine Schar neugieriger Kinder

der

versammelt, deren Geschrei

„Lampo

aus allen Ecken weitere Men-

und

schen anlockt. Der gerade

alle Richtungen.

noch leere Vorplatz wird in kürzester Zeit belebt durch ein Gewimmel von Kindern, Schafen,

Nachbar*innen,

Hunden und anderen Schaulustigen, die die Neuankömmlinge sofort begrüßen. Das wenige Gepäck von Mutter und Tochter wird ausgeladen und auch Namoussa ist Freude anzusehen. Direkt steuert sie auf die Kinderschar zu und nimmt das kleinste unter ihnen, das außer gelben Plas-

passenden lampo

Antwort lampo“

Händeschütteln

in

58


59

Der Ortspfarrer von Gori ist ebenfalls mit seiner Frau gekommen, um

die Zurückgekehrten und seinen bisher unbekannten Kollegen zu empfangen. Er kennt die Familie schon lange und hatte sie bisher mit seinen Gebeten begleitet. Mehr konnte er für Namoussa nicht tun – so wie die wenigen Gleichgesinnten im Land, die nicht wegschauen, die tatsächlich helfen wollen, aber nicht wissen, wie. Er ist es, der erzählt, Namoussa sei im Haus wie ein Eindringling gewesen und nicht unter den Ihrigen

angesehen. Kein Wunder, dass Namoussa zuerst zögert und auf ihren ge-

Holzpfahl, der ein Strohdach über sich

wohnten Platz blickt, als sie aufgefordert wird, sich auf die bereitgestell-

stützt. Am Fuße des Pfahls ruht eine

ten Bänke zu den anderen zu setzten. Ihre Rolle in der Familie muss erst

rostige Kette, die einst verbunden war

wieder neu gefunden werden, definiert durch ihre Mitmenschen.

mit der Kette an Namoussas Fuß. Ihr

Ihr gewohnter Platz ist neben einem

gewohnter Platz ist wie der Platz eines Hundes. In der Nähe des Hauses und doch mit sicherem Abstand, Tag und Nacht sich selbst überlassen. Der Pfahl als einziger Begleiter, der mit ihr geduldig das Schicksal teilte. Welche Veränderungen die Anwesenden heute in Namoussa erkennen und wie ihr Leben zuvor ausgesehen haben mag, lässt sich für Außenstehende allenfalls erahnen, jedoch nicht nachempfinden. Zu bizarr ist das Szenario, das für alle hier schon lange zu Normalität geworden war. Der Hangar, der Pfahl und die Kette bleiben auf ewig stillschweigende Zeugen und Namoussas Würde kehrt nach 27 Jahren Krankheit gerade erst wieder zurück.


Doch

sie

selbst

Nur die Einsamkeit habe Namoussa ertragen, und

„Gott,

wir

bitten

60

unbekümmert,

weil sie ständig umherwandern wollte, waren sie ge-

dich für eine wei-

sie erfreut sich an vie-

zwungen, sie festzubinden. Erst als er fertig ist mit

terhin positive Entwicklung

len

Dingen,

seiner Schilderung des bisherigen Alltags, scheint er

Namoussas bis zur vollstän-

an einem Blatt, das

sich bewusst zu werden, welch schlimme Situation er

digen Genesung und segne

sie abreist oder an ei-

soeben erzählt hatte. Sein Blick wandert zu der ros-

auch die Medikamente, die

nem Strohhalm, den

tigen Kette am Pfahl. Wie mag es sich anfühlen, ge-

Namoussa zu sich nimmt“,

sie vom Boden aufliest.

zwungen zu sein, die eigene Tochter wie ein Tier an

betet abschließend der ört-

Immer wieder klatscht

einen Pfahl binden zu müssen? Nachts das Klirren

liche Pfarrer mit geschlosse-

sie laut in die Hände

der Kette zu hören, an der sie sich wie ein rastloser

nen Augen. Pfarrer Tankpari

und lacht dabei. Sie

Wachhund bewegt? Die Familie hatte keine Wahl ge-

Guitanga nickt zustimmend,

antwortet auf Fragen,

habt und nicht die geringste Ahnung von der Krankheit

während seine Hand auf Na-

doch sie scheint es

ihrer Tochter sowie der Möglichkeit, diese zu behan-

moussas Schulter liegt. Die-

vorzuziehen, mit sich

deln. Hier auf dem Land können die wenigsten Lesen

ser Satz, aus dem Munde ei-

selbst zu kommunizie-

und Schreiben und sind abhängig von traditionellem

nes örtlichen Pfarrers, ist

ren. Sie ist gefangen

mündlich überliefertem Wissen. Einem Wissen, das

mehr als eine freundliche

und frei zugleich in ih-

psychische Krankhei-

rer eigenen Welt kind-

ten nicht kennt. So

licher Unschuld. Ihre

wusste Namoussas Fa-

aggressiven

Ausbrü-

milie nur von den Ver-

che mit Schlägen und

rückten, den Verhex-

Schimpfworten

sind

ten, den von Dämonen

nur schwer vorstellbar

Besessenen, für die es

und

glaubhaft,

keine Heilung gibt. Sie

als der alte Vater sie

haben dieses Schick-

sachlich und mit vielen

sal akzeptiert und sich

Gesten schildert.

arrangiert.

wirkt

kleinen

doch


61

Geste. Dieser ist gerade hier in Burkina Faso alles andere als selbstverständlich – in einem Land, in dem viele traditionelle, religiöse Vertreter die Medizin ablehnen und als einziges Heilmittel gegen die Dämonen das Gebet zu Gott sehen. Dieser Satz ist mutig und revolutionär – er trägt viel Hoffnung, nicht nur für Namoussas weitere Genesung, sondern auch für den Umgang mit psychisch Kranken im ganzen Land, die langfristig von einem Um- und Überdenken der traditionellen Sichtweisen profitieren werden.

Pfarrer Tankpari startet den Motor und wendet im großen

Bogen. Einige Kinder rennen dem Auto vergnügt nach, bis sie im Rückspiegel schließlich verschwinden. Es geht zurück über die schmale Furt des Stausees. Bald, wenn die erlösende Regenzeit kommt und die dürre Savanne wie durch einen Zauber in grüne Wiesen verwandelt wird, wird über diese Furt ein reißender Fluss ziehen und sie nicht mehr passierbar machen. Die holprigen Wellblechpisten lassen die aufgesägte Fußkette unter dem Beifahrersitz klirren. Doch den Pfarrer scheint das nicht zu stören. Immer wieder klingelt eines seiner drei Handys, die in einem Fach neben der Handbremse liegen. Tag und Nacht ist er erreichbar, und er weiß, vor seinem Haus erwarten bereits neue Patient*innen seine Ankunft.

Die eingeschweißten Tabletten, die Pfarrer Tankpari jetzt auf seiner ausgestreckten Handfläche allen Anwesenden präsentiert, müssen auf sie wie magische Wunderpillen wirken. „Einmal täglich, jeden Abend von jeder Tablette eine. Und es ist wichtig, zu mir zu kommen, bevor die Medikamente aufgebraucht sind“, erklärt Pfarrer Tankpari gleich mehrmals in ernstem Tonfall, denn die Angehörigen können das Rezept nicht lesen und fragen immer wieder nach. Ein junger Mann filmt die Erklärung mit seinem Handy.


Namoussas Heimkehr Info:  Psychisch Kranke  in Burkina Faso  Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie leben in Burkina Faso am Rande der Gesellschaft. Sie leiden nicht nur unter ihrer Krankheit selbst, sondern vor allem auch unter der Stigmatisierung durch ihr Umfeld. Sie gelten als verhext oder als von Dämonen besessen und werden geschlagen, angekettet und aus Angst vor Ansteckung gemieden. Die Hoffnung auf Heilung suchen viele betroffene Familien in Gebetszentren oder bei traditionellen Schamanen. Psychiater gibt es landesweit nur eine Handvoll und gerade auf dem Land sind deren medizinische Möglichkeiten unbekannt, unerreichbar und oftmals auch unbezahlbar. Der Verein St. Camille aus Reutlingen unterstützt seit vielen Jahren die Arbeit mit psychisch Erkrankten und Epileptikern in Westafrika. Die Unterstützung des Vereins YENFAABIMA in Burkina Faso ist eines von mehreren Projekten. Mehr Informationen auf: www.kettenmenschen.de

62

Tankpari Guitanga  Tankpari Guitanga ist über Jahrzehnte hinweg in seiner Funktion als Gemeindepfarrer zu einer zunehmend bekannten Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie aus der gesamten Ostregion des Landes geworden. Mittlerweile befindet er sich als Pfarrer im Ruhestand und kann sich ganz seiner Leidenschaft hingeben: den Menschen zu helfen, die auf Grund ihrer Krankheit vielerorts auf verschlossene Ohren und Türen stoßen und von der Gesellschaft abgegrenzt leben. Er hat den Hilfsverein YENFAABIMA gegründet und veranstaltet seit November 2015 in Zusammenarbeit mit einer Psychiatrischen Fachkraft einmal im Monat eine kostenlose Sprechstunde, in der Diagnosen gestellt und Medikamente verschrieben werden. Die Arbeit findet zunehmend Zuspruch und die Zahl der Hilfesuchenden aus einem Umkreis von 150 km steigt stetig. Der junge Verein hat große Zukunftspläne und bereits mit dem Bau eines eigenen Sprechstundengebäudes begonnen. Als bekannter Musiker und Chorleiter nutzt Tankpari Guitanga zudem sein Netzwerk in der Region, um durch Lieder, Radiosendungen und Seminare Aufklärungsarbeit in seiner Sprache Gourmantché zu betreiben. Das Beten für kranke Menschen spielt für ihn eine wichtige Rolle – jedoch setzt er sich ganz klar für eine zusätzliche medizinische Behandlung der Hilfesuchenden ein – im traditionellen Burkina Faso noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Dokumentarfilm   „Die Krankheit der Dämonen“  In dem Dokumentarfilm „La Maladie du Démon“ (Die Krankheit der Dämonen) begleitet Lilith Kugler Pfarrer Tankpari Guitanga bei seiner Arbeit und bietet einen hautnahen Einblick in die Situation von Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie in Burkina Faso. Infos zum Film auf: www.la-maladie-du-demon.com/

Lilith Kugler lebte als Kind mit   ihrer Familie 1,5 Jahre in Burkina   Faso. Über Jahre und Kontinente   hinweg, pflegte die Familie den   Kontakt zu den dort neu gewonne-   nen Freunden - unter ihnen auch   Pfarrer Tankpali Guitanga. Dieser machte sie bei einem Besuch  2009 erstmals auf die Situation   der psychisch Kranken aufmerk-   sam. Sechs Jahre später dreht   Lilith Kugler als Studierende der   ‚Audiovisuellen Medien‘ darüber   einen Dokumentarfilm.


The Peaceful Bamboo Family: Hué, Zentralvietnam. Mit dem Fahrrad schlängele ich mich durch die schmalen Wege bergauf, vorbei an Familienhäusern, werde ab und zu mit einem fröhlichen „Hello!“ begrüßt und entferne mich weiter von der Stadt, passiere Reisfelder und stehe irgendwann vor einem großen Tor mit goldener Schrift: „There is no way to happiness, happiness is the way“. Nein, ich bin nicht an einem Märchenort angekommen, sondern an meinem Arbeitsplatz für ein Jahr, der Peaceful Bamboo Family. Hier wohnt und arbeitet eine Gemeinschaft von Erwachsenen und Jugendlichen

mit

Behinderungen

zusammen. In meinem einjährigen Freiwilligendienst 2013/14 hatte ich das Glück, diese Gemeinschaft intensiv kennenzulernen und mit ihr arbeiten sowie leben zu dürfen.

Ein Beispiel für Bruttonationalglück


Möglichkeit,

biodynami-

rem Mann die Peaceful

sche Landwirtschaft zu be-

Bamboo Family gründete,

treiben, Räucherstäbchen

erinnert sich gerne zu-

Die Gemeinschaft be-

ihren besonderen Fähig-

herzustellen, Mango-Mar-

rück.

steht seit 2009 mit dem

keiten zu einer Gemein-

melade

erklärten Ziel, die Ent-

schaft beizutragen. Damit

und Lack-Kunstwerke zu

diesen wunderbaren Ort

wicklung und soziale Inte-

steht gleichermaßen das

fertigen.

anpassen. Flexibel und

gration von Jugendlichen

Wohl der in der Gemein-

An einem friedlichen

stark, wie der Bambus,

mit

und/oder

schaft Lebenden, als auch

Ort, an dem einst Bam-

hat sich eine vielseiti-

körperlicher Behinderung

das Wohl ihrer Umgebung

bus

entstand

ge Gruppe an Menschen

zu fördern. Eine unterstüt-

im Mittelpunkt.

2007 der Keim für diese

zusammengefunden, mit

zende Pädagogik für Men-

Entsprechend

Lernstätte. Lisi Ha Vinh,

der wir zusammenarbei-

schen mit geistiger Behin-

net

die

ten“, sagt sie.

derung war zu Beginn der

Bamboo Family ganz

Arbeit von Eurasia, einer

besonders durch ihren

Schweizer Stiftung, die die

nachhaltigen Lebens-

Peaceful Bamboo Family

stil aus, der von Acht-

ins Leben rief, noch recht

samkeit, Naturschutz

neu in Vietnam.

und Respekt für die

geistiger

Die

Einrichtung

sich

die

zeichPeaceful

soll

soziale und spirituel-

v.a. Jugendliche mit Be-

le Umgebung geprägt

hinderungen fördern und

ist. In verschiedenen

ihnen nach der Schulzeit

Werkstätten

eine Möglichkeit bieten,

die Jugendlichen eine

64

einen Beruf zu

Ausbildung

erlernen und mit

Aktuell haben sie die

können machen.

zu

produzieren

wucherte,

zusammen

mit

ih-

„Wir wollten uns an


2009 kamen die ers-

eher eine Seltenheit ist.

ten 13 Jugendlichen, um

Alles bleibt im Kreislauf

gemeinsam in verschiede-

des Gartens, d.h., frucht-

nen Werkstätten zu arbei-

barer Dünger wird von den

ten.

aus dem Garten stammen-

Stark geprägt wird das

den Resten bereitet oder

Leben und Arbeiten durch

kommt von den Kühen,

den wohl ersten biodyna-

die das Unkraut im Garten

mischen Garten in ganz

fressen. Durch bewussten

Vietnam, in dem Obst und

Wechsel der auf den Fel-

Gemüse auf konsequent

dern angebauten Pflanzen

biologische Art und Wei-

wird für eine fortdauernde

se angebaut werden. Hier

Fruchtbarkeit des Bodens

wachsen unter anderem

gesorgt. Dies steht im Ge-

Papayas, Mangos, Ananas,

gensatz zur Monokultur,

Kürbis, Auberginen, Salat,

die in Vietnam oft prakti-

vietnamesisches Suppen-

ziert wird, weil bestimm-

kraut und Tee. Zusätzlich

te Nahrungsmittel für den

wird traditionelles regio-

Export vorgesehen sind.

nales Gemüse angebaut,

Die Peaceful Bamboo Fa-

so z.B. „Quà Và“, eine

mily bemüht sich zudem,

Baumfrucht, die es nur in

eine biodynamische Zer-

Zentralvietnam gibt, und

tifizierung

traditionelle medizinische

die ihr beim Verkauf ihrer

Heilpflanzen. In der Pea-

Produkte

ceful Bamboo Family wer-

würde, denn ohne die Ver-

den keine Pestizide ver-

wendung

von

wendet, was in Vietnam

Pestiziden

und

zu

erhalten,

zugutekommen

65


chemischen Düngemitteln

boo Family bewahrt, son-

und poliere viele Male,

ist der Aufwand größer

dern auch vietnamesische

bis die Bilder schön und

sische Tradition sind Räu-

und die Produktion nicht

Kunsttradition.

Traditio-

glatt sind und zur Ausstel-

cherstäbchen, die in der

so ertragreich wie die aus

nelle Lackarbeiten, deren

lung aufgehängt werden

Peaceful Bamboo Family

der konventionellen Land-

Grundmaterial

können. Das macht mich

ohne Zusatz von schäd-

wirtschaft.

Dementspre-

nächst verspachtelt und

glücklich.

liebsten

lichen Chemikalien, die

chend sind die Preise für

poliert wird, bevor man es

male ich Blumen, Häuser,

bei der Verbrennung frei-

die biodynamisch ange-

mit Lack verziert, entste-

Wasserbüffel und Men-

gesetzt werden könnten,

bauten Lebensmittel ein

hen in Vietnam seit über

schen.“

hergestellt werden.

wenig höher. In der Gar-

1000 Jahren.

ten-Werkstatt lernen die

In

Jugendlichen also biolo-

Werkstatt kreieren die Ju-

gisch-landwirtschaftliche

gendlichen ihre eigenen

Arbeit und entwickeln ein

Kunstwerke,

Bewusstsein für die Her-

verschiedene Lackschich-

kunft ihrer Nahrungsmit-

ten übereinander malen,

tel. Cò, einer der Jugendli-

sie mit Eierschalen ver-

chen, erzählt: „Auch wenn

zieren und dann polieren.

die Arbeit im Garten bei

Auch Schmuck und Post-

Regen oder Hitze hart ist,

karten werden hier ange-

ist hier mein Lieblings-

fertigt. Tién, gehörloser

ort. Wir bauen Obst und

Künstler vieler Lackbilder,

Gemüse an und ich fühle

erklärt

mich bei der Arbeit frei

sprache, wie seine Bilder

und nützlich.“

entstehen, was sie dar-

stellen und welche Freude

Aber nicht nur die Na-

66

der

Holz

zu-

Lackarbeit-

indem

durch

sie

Zeichen-

tur wird in der

sie ihm bereiten: „Ich la-

Peaceful

ckiere, male, schmirgele

Bam-

Am

Eine andere vietname-


Die Stäbchen werden

entstanden neue Wohn-

hier

Frucht-

ne reife Papaya im Garten

beispielsweise mit Safran

flächen, es kamen mehr

shakes kreiert. Besonders

zu ernten war, gibt es eben

statt mit chemisch her-

Jugendliche dazu und der

berühmt ist der Papaya-

für ein paar Tage keinen

gestellter Farbe gefärbt.

Garten wurde vergrößert.

shake, der ohne Zusatz von

Papayashake im Angebot.

Dafür wird Safranpulver

Mittlerweile sind etwa 80

Zucker oder Milch traum-

in Wasser gekocht und

Menschen täglich im Zen-

haft süß und erfrischend

ßerung

anschließend werden die

trum, zu dem ein mehr als

schmeckt. Im Unterschied

war zwar ein erhöhter Res-

Bambusstäbe

4 km2 großes Land-

hineinge-

stellt.

gebiet gehört, auf

Ein

für

Vietnam

dem sich nun neben

erstaunlicherweise unge-

Wohn-, Arbeits- und

wöhnliches Produkt ent-

Gemeinschaftsräu-

steht in der Koch-Werk-

men

statt: es ist die im Land

zimmer, ein inklu-

größtenteils

unbekannte

siver Kindergarten

Marmelade. Sie bietet eine

und ein Teehaus be-

wunderbare Möglichkeit,

finden. Im Teehaus,

regional typische Früchte

Schmuckstück der

in leckeren Mango- und

Peaceful

Ananas-Fruchtaufstrich

Family und künst-

zu verwandeln und ist bei

lerischer

den Jugendlichen und tou-

Ruhe,

ristischen

eingebettet in den

Besucher*in-

auch

Gäste-

Bamboo Ort

der

harmonisch

köstliche

Eine Folge der Vergröder

Einrichtung

Shari, Freiwillige in der Peaceful Bamboo Family: „Zwei Jahre nach meinem Freiwilligendienst besuchte ich die Peaceful Bamboo Family und ich konnte eine große Entwicklung in der Nachhaltigkeit des Projektes feststellen. Ich denke, dass die Gemeinschaft ein großes Vorbild im Bereich Nachhaltigkeit ist. Meiner Erfahrung nach ist dort einer der wenigen Orte in Hué, die ich persönlich kennen gelernt habe, wo auf Nachhaltigkeit Acht gegeben wird und sich nach und nach eine wirklich nachhaltige Gemeinschaft entwickelt hat.“

nen besonders beliebt.

traumhaften Garten, ser-

zu anderen Cafés sind hier

sourcenverbrauch

Seit ihrer Entstehung

vieren die Jugendlichen

nicht alle Sorten rund um’s

somit eine größere Aus-

wuchs die Peaceful Bam-

süße Leckereien.

Jahr zu erhalten, denn es

wirkung auf die Umwelt,

67

boo Family von

wird auf saisonale Produk-

gleichzeitig

Jahr zu Jahr, es

eigenen

te geachtet. Wenn mal kei-

auch an der Nachhaltig-

Mit dem Obst aus dem Garten

werden

wurde

und

aber


keit des Zentrums gear-

im

wachsenden

decken zu können. Die

beitet und neue Ideen zum

Chumket-Baumes her, die

Selbstversorgung ist zu-

Naturschutz sind entstan-

diese drei Produkte kom-

dem von Vorteil, da es in

den. Seit Beginn achtet die

plett ersetzen kann. Zwei

der Region oft zu Ausfällen

Gemeinschaft auf einen

Tage lang werden hierfür

der öffentlichen Stromver-

nachhaltigen Konsum, z.B.

die Früchte in Wasser ge-

sorgung kommt.

werden Essensreste auf

kocht und für den Duft an-

Somit wäre die Pea-

dem Kompost zu wertvol-

schließend

Zitronengras

ceful Bamboo Family bei

lem Dünger für die im Gar-

und Traubenblätter hinzu-

ihrer Entwicklung zu So-

ten wachsenden Pflanzen

gefügt.

larenergie, die sich bis-

umgewandelt. Unverwert-

Außerdem

investiert

her noch nicht in Vietnam

barer Müll landet nicht im

die Peaceful Bamboo Fa-

etabliert hat, ein Vorbild

Bach, der anderorts als

mily in erneuerbare Ener-

und Pionier. Die Anschaf-

Mülldeponie dient. Ihrem

gien und hat eine Solar-

fungskosten

neuen Ziel, eine müllfreie

anlage auf dem Dach, die

en Solaranlage, die auf

Gemeinschaft zu werden,

etwa 12 bis 14kWh Energie

einem kürzlich erbauten

nähert sich die Peaceful

pro Tag erbringt. Das ist

Wohnhaus im Garten an-

Bamboo Family durch ver-

zwar schon eine beacht-

gebracht

schiedene Schritte:

liche Menge, mit der man

werden zurzeit durch ein

Im Teehaus wird mitt-

etwa 2 Kühlschränke, 2

Fundraising-Projekt orga-

lerweile auf Plastikstroh-

Computer und 10 Glühlam-

nisiert.

halme verzichtet. Anstatt

pen einen gesamten Tag

Trotz allen Respekts,

Shampoo, Duschgel und

lang betreiben kann, aber

den die Peaceful Bamboo

Spülmittel in Plastikver-

die Gemeinschaft möch-

Family ihrer Umgebung ge-

packungen

kaufen,

te noch mehr Solaranla-

währt, muss die Gemein-

stellt die Gemeinschaft

gen anschaffen, um eines

schaft sich ständig vor

neuerdings

Tages ihren Eigenbedarf

Augen

an

dass

zu

eine

Sei-

fe aus den Früchten des

Garten

Energie

vollständig

einer

werden

führen, sie

sich

neu-

soll,

68


in einer Küstenregion befindet,

die

beson-

ders stark von Umweltschäden betroffen ist. So sind in den letzten Jahren die Klimabedingungen extremer und Stürme sowie Taifune zerstörerischer geworden. Überflutete

Stra-

ßen sind keine große Besonderheit

mehr

in der Regenzeit. Seit vergangenem Sommer verzichtet

ein

Groß-

teil der Bevölkerung der mittleren Küstenregion zudem auf den re-

Umgangs mit der Natur

Wir im globalen Nor-

ein großer Meeresfrüch-

gionalen Fischfang und

werden also viel unmittel-

den sollten uns dies öfter

te-Exporteur ist. Zudem

-konsum. Grund ist ein

barer wahrgenommen als

vor Augen führen, denn wir

sollten wir uns die Einrich-

Massensterben der Fische

an anderen Orten auf der

spüren noch nicht unmit-

tung als Vorbild nehmen,

im Meer, das wahrschein-

Welt. Diese unmittelbare

telbar den Klimawandel

denn sie ist wirtschaftlich

lich auf eine Verschmut-

Wirkung ist sicher auch

und auch eine Verschmut-

gewachsen und hat gleich-

zung durch eine Zentral-

ein Grund, warum sich die

zung des Südchinesischen

zeitig

vietnamesische

Fabrik

Peaceful Bamboo Family

Meeres beeinflusst unser

pektiert und nachhaltige

zurückzuführen ist. Aus-

so stark für den Schutz

Angebot im Supermarkt

Maßnahmen er-

wirkungen

der Umwelt einsetzt.

nicht,

griffen.

respektlosen

obwohl

Vietnam

die

Umwelt

res-

69


Wachstum

wirt-

ful Bamboo Family ist das

oder ihren eigenen Platz

Stellenwert und darf bei

schaftlicher Gewinn wer-

Verständnis von Glück und

in der Gemeinschaft. Ein

herkömmlichen

den sonst oft nur als

Wohlergehen. Gemeinsam

ganz besonderer Wochen-

chen Essen nicht fehlen.

einzige, für sich alleinste-

wird meditiert, Achtsam-

tag ist der Donnerstag, an

Vor dem Essen wird an die

hende Ziele gesehen; die

keits-Übungen

werden

dem sich alle nach der Ar-

Herkunft der Lebensmit-

Auswirkungen auf die Um-

gemacht und somit Kon-

beit besonders schön klei-

tel gedacht und den Bau-

gebung und den Planeten

zentration und Mitgefühl

den.

ern gedankt.

Erde, den die Mensch-

für Mitmenschen und die

heit

sich

Umgebung gestärkt.

vegetarisches

Abendes-

Gemeinschaft im Kreis zu-

teilt,

werden

Es herrscht eine Ge-

sen, welches symbolisiert,

sammen, meditiert und je-

ausgeblendet.

meinschafts-Atmosphäre,

dass zu einem guten Essen

de*r kann (mit-)teilen, was

man unterstützt sich ge-

nicht unbedingt Fleisch

ihm oder ihr auf dem Her-

genseitig und jede*r hat

gehört. Fleisch hat in Vi-

zen liegt.

als

etnam sonst einen hohen

für

und

als

Ganze meistens

Von großer Bedeutung das

gemeinschaftli-

che Leben in der Peace-

Individuum

seinen

Es gibt ein festliches

festli-

Anschließend sitzt die

Das Glücksverständnis


Gross National Happiness Gross National Happiness (GNH), zu Deutsch: Bruttonationalglück, ist eine Entwicklungsphilosophie und ein Indikator zur Messung des Lebensstandards einer Nation. Der GNH-Indikator wird vermehrt als Alternative zum Bruttonationaleinkommen gesehen, da er den Wohlstand einer Nation nicht lediglich auf monetärer Basis bestimmt, sondern auch soziale, kulturelle und umwelttechnische Aspekte beachtet. Seinen Ursprung hat Gross National Happiness in Bhutan, dessen König den Begriff in den 1970er Jahren prägte und dessen Integration in die öffentliche Politik vorantrieb. Mehr Infos unter www.grossnationalhappiness.com. und dessen Implementie-

nes Landes nicht nur auf

tuellem Erbe, drittens der

im

rung in der Gemeinschaft

wirtschaftliches

Wachs-

Umweltschutz und vier-

Bhutan und trägt seine

geht mit der Unterstüt-

tum zurückzuführen ist,

tens eine verantwortungs-

Erfahrungen

zung von ‚Gross Natio-

sondern

volle Führung.

die Gemeinschaft weiter.

nal Happiness‘ (GNH, zu

Glück und Wohlergehen.

Es ist somit vollständig

Auch in puncto Achtsam-

Deutsch:

Bruttonational-

Die vier Hauptsäulen

mit den 17 Zielen für nach-

keit und Glück können wir

glück) einher, einem al-

von GNH sind erstens

haltige Entwicklung der

etwas von ihr lernen:

ternativen Entwicklungs-

eine gerechte sozio-öko-

Vereinten Nationen ver-

paradigma

nomische

Entwicklung,

einbar. Tho Ha Vinh, Grün-

achtsamer auf die Natur,

die

zweitens die Förderung

der der Peaceful Bamboo

aufeinander und auch auf

Entwicklung ei-

von kulturellem und spiri-

Family, ist Mitwirkender

uns selbst zu sein. Ha-

71

aus

laut

Bhutan,

dem

vielmehr

auf

GNH-Programm direkt

von an

Wir können versuchen,


ben wir selbst nicht oft

same Momente, die einem

auch, Erfahrungen und

das Gefühl, der turbulen-

nachhaltig in Erinnerung

Methoden gezielt an an-

te Alltag rauscht an uns

bleiben, wie beispielswei-

dere weiter zu tragen. So

vorbei, ohne dass wir es

se der gemeinsame Don-

war sie eine der ersten

mitbekommen?

nerstagabend.

Einrichtungen in der Stadt

stress gibt es in der Pea-

Die vorbildliche nach-

Hué, die Fortbildungen im

ceful Bamboo Family mit

haltige, achtsame Lebens-

Bereich

den vielen Workshops und

weise der Gemeinschaft

gik anbot. Mehrmals im

im Einklang mit der

Jahr kommen Lehrer*in-

Natur

geschieht

nen und Erzieher*innen

glücklicher weise

hier zusammen, um sich

nicht isoliert und

mit dem Thema Bildung

im Geheimen. El-

von Menschen mit Be-

tern der Jugendli-

hinderungen auseinan-

chen,

Nachbar*in-

der zu setzen. Beson-

nen, Freund*innen,

derer Fokus liegt hier

Freiwillige und Be-

auf sozialem und emo-

mily statt und Studierende

sucher*innen

er-

tionalem Lernen, wonach

sowie

fahren vom nach-

soziale Kompetenzen bei-

chen die Einrichtung, um

haltigen Lebensstil,

spielsweise durch Über-

bei der Gartenarbeit zu

passen möglicher-

nahme von Verantwortung

helfen und biodynamische

weise

Sicht-

für die Gemeinschaft und

Landwirtschaft zu erler-

weise und ihr Ver-

durch gegenseitiges Un-

nen.

halten an und kön-

terstützen gefördert wer-

Alltags-

ihre

Sonderpädago-

Freiwillige

besu-

In Zusammenarbeit mit

Haushaltsarbeiten genug,

nen als Multiplikator*innen

den sollen.

mehreren

dennoch nimmt sich die

fungieren.

Auch landwirtschaftli-

der Stadt hat die Lernstät-

Gemeinschaft

Nebenher versucht die Pe-

che Schulungen finden in

te ein Projekt ins

aceful Bamboo Family aber

der Peaceful Bamboo Fa-

Leben gerufen,

bewusst

Zeit für gemeinsame, acht-

Grundschulen

72


durch das bereits mehr

ter oder zur Mitgestal-

als 600 Grundschulkinder

terin wird.

biologische Gartenarbeit

Aber nicht nur an-

und

dere lernen von der

den

respektvollen

Umgang mit der Umwelt

Gemeinschaft,

entdecken sowie eine Ver-

dern auch Mitglieder

bindung zur Natur aufbau-

der Peaceful Bamboo

en können. Dieses Projekt

Family lernen durch ei-

soll noch weiter ausgebaut

nen regen Austausch

und ein neues Stück Land

mit anderen Einrich-

als ‚Trainings-Garten‘ an-

tungen dazu. So haben

geschafft werden. Durch

einige

das Bildungsangebot hat

de Einrichtungen für

es

Paradigmen-

Menschen mit Behin-

wechsel gegeben, sodass

derung in Europa und

die Jugendlichen, die einst

den USA oder biody-

die Lernenden waren, nun

namische

als Lehrende agieren kön-

in Indien besucht, um

nen. Einige der Jugend-

von ihnen zu lernen

lichen werden nächstes

und ihre Erfahrungen

Jahr ein Diplom abschlie-

nach Vietnam zurück

nen Veranstaltungen, wie

Gemeinschaft jedes Jahr

ßen, welches sie offiziell

zu tragen. Außerdem hat

z.B. auf der städtischen

Familien und Freund*in-

als ausbildende Mitarbei-

sich seit der Gründung

Feier zum Tag der Bildung,

nen einlädt, macht die

tende

Dies

nachhaltig der Blick vie-

durch die Teilnahme am

Peaceful Bamboo Family

ist ein Schritt hin zu ei-

ler Vietnames*innen auf

jährlich stattfindenden Ju-

auf

sich

ner Gemeinschaft, in der

Menschen mit Behinde-

gend-Fußballturnier oder

und

trifft

73

rung

Durch

durch die festliche Weih-

und positiven Zuspruch.

Auftritte auf verschiede-

nachtsfeier, zu der die

Die

einen

qualifiziert.

jedes zum

Mitglied Mitgestal-

son-

Mitarbeiten-

Landwirte

verändert.

aufmerksam auf

Auftritte

Respekt überzeu-


Menschen mit Behinderung in Vietnam: Während des Vietnamkriegs (1955-1975) versprühten die USA das chemische Entlaubungsmittel Agent Orange über viele Flächen Vietnams, um Nutzpflanzen zu zerstören und Wälder zu entlauben, die dem kommunistischen Feind, dem Vietcong, als Tarnung dienten. Das Mittel war mit giftigem Dioxin verunreinigt, welches Fehlbildungen, Krebs und andere Krankheiten verursacht. Insgesamt wird geschätzt, dass mehr als 1 Million Menschen in Vietnam Behinderungen oder andere Krankheiten durch Agent Orange davontrugen, darunter etwa 100 000 Kinder. Da der Stoff sehr persistent ist und lange in der Umwelt verbleibt, leidet die vietnamesische Bevölkerung noch heute an den Nachwirkungen

gen die Zuschauer*innen

baut werden, wie z.B. die

davon,

Menschen

Kooperation, die mit einer

mit Behinderungen ihre

französischen Bäckerei in

besonderen

der Stadt besteht, die der

dass

Fähigkeiten

sinnvoll einsetzen und da-

Gemeinschaft

durch bemerkenswerte Er-

ßig eine bestimmte Men-

gebnisse erzielen können.

ge an Marmelade abkauft.

Ein

abschließender

Weitere Ziele der Peaceful

Aspekt betrifft die Finan-

Bamboo Family sind es,

zierung dieser großarti-

durch die Ausbildung eini-

gen Einrichtung. Bisher

gen der Jugendlichen die

war die Peaceful Bamboo

Integration in einen Beruf

Family finanziell sehr ab-

auf dem Arbeitsmarkt und

hängig von ihrer Grün-

somit eine finanzielle Ei-

derstiftung Eurasia, wurde

genständigkeit zu ermögli-

aber in den letzten Jahren

chen. Und eines ist sicher:

im Bereich des sozialen

Sie wird nicht aufhören,

Unternehmertums aktiver

ihre Botschaft weiter zu

und strebt an, eines Tages

tragen.

wirtschaftlich eigenständig zu sein. Der Verkauf von

Räucherstäbchen,

Lackarbeiten,

Marmela-

de, Obst und Gemüse soll die Einkünfte der Gemeinschaft sichern. Hierzu sollen die Geschäftskontakte zu Großabnehmern ausge-

regelmä-


des verunreinigten Bodens. Jedes Jahr werden mehrere Tausend Menschen mit Behinderungen geboren und betroffene Familien erfahren wenig Unterstützung. Diesen zu helfen, machte die Organisation Eurasia sich zur Aufgabe, half betroffenen Familien zunächst materiell und baute nach und nach fördernde Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. So entstand auch die Peaceful Bamboo Family. Die Anfänge waren für Eurasia nicht leicht, da Menschen mit Behinderungen in der vietnamesischen Gesellschaft meist nicht anerkannt waren. Eurasia setzt sich für die Anerkennung, Bildung und Integration von Menschen mit Behinderungen ein und hat schon große Fortschritte erzielt. Links zum Thema: Eurasia Foundation and Association Die Anfänge

Hanna Adam absolvierte 2013/14 einen internationalen Freiwilligendienst in der Peaceful Bamboo Family, einem Lernzentrum für Jugendliche mit Behinderungen in Vietnam. Beeindruckt von der nachhaltigen Lebensweise, dem Glücksverständnis und der Achtsamkeit der Gemeinschaft entschied sie sich, diese Nachricht weiterzutragen.

75


Teilen statt Tauschen: Eine Welt nach Bedßrfnissen und Fähigkeiten


Ich wohnte in einer Kleinstadt, als ich noch studierte.

Alles, was ich brauchte, war zu Fuß erreichbar und die ebenen Straßen wurden von vielen Fahrrädern befahren. So auch von meinem. Das erste, das ich hatte, ein altes von meinem Opa, wurde über die Weihnachtszeit aus dem Hinterhof gestohlen. Mein Onkel brachte mir ein paar Wochen später ein Fahrrad vorbei, das er auf dem Schrottplatz gefunden und wieder fahrtauglich gemacht hatte. Dazu schenkte er mir zwei Schlösser. Ich erinnere mich noch an einen Tag, als ich nach Hause kam, das Fahrrad ein bisschen widerspenstig im Hof ankettete und eine leise Wut in mir aufkam.

Ich will mein Fahrrad nicht anketten. Irgendetwas in

mir sträubte sich dagegen und ich fragte mich: Was soll das überhaupt? Wieso schließen wir unsere Fahrräder ab, unsere Haustüren zu, als müssten wir jeden Augenblick aufpassen, dass uns nichts weggenommen wird? Müssen wir unsere Besitztümer wirklich so verteidigen? Und wenn ja, warum?

Ich will mein Fahrrad nicht anschließen. Ich will nicht

so leben, als würde mir ständig weggenommen werden, was ich brauche. Aus meiner Wut entwickelte sich eine Utopie.

77

Eine Vorstellung von dem, wie es sein könnte.


Weil wir nur zusammen eine Zukunft gestalten kön-

nen, die uns allen etwas bedeutet, teilen wir unsere Träume, Pläne und den kreativen Prozess dorthin. Aus einsam wird durch Mitwirkung gemeinsam.

Zu Beginn steht die Konstruktion einer Utopie. Sie ba-

siert auf der Vorstellung, dass wir uns als Menschen den Planeten Erde als gemeinsames Zuhause teilen. Wie eine große WG. Ich stelle mir die Frage: Wie können wir als Weltgemeinschaft dafür sorgen, dass wir alle ein „gutes Leben“1 haben? Und komme zu der Antwort, dass dies der Fall wäre, sobald unsere Bedürfnisse erfüllt sind. Daraus ergeben sich zwei weitere Fragen: 1. Was brauchen und was haben wir? (Was sind unsere Bedürfnisse, Ressourcen, Fähigkeiten etc.) 2. Wie wollen wir zusammen leben, also mit unseren Bedürfnissen, Ressourcen, Fähigkeiten, Wissen etc. umgehen? Die erste Frage kann beantwortet werden, indem wir uns unsere Bedürfnisse und Ressourcen (sowohl der materiellen als auch der immateriellen) bewusst machen und diese mit unseren Mitmenschen kommunizieren.

78

Benutzen statt besitzen – ein bisschen Utopie


So banal es klingt, so außergewöhnlich ist es: Nimm dir Zettel und Stift und ein paar Minuten deiner Zeit, um deine Bedürfnisse und Fähigkeiten aufzuschreiben. Was brauchst du? Ein Bett, eine Umarmung, Nahrung, aufmunternde Worte, Aufmerksamkeit? Und steckt vielleicht noch ein anderes Bedürfnis hinter dem Aufgeschriebenen? Was kannst du besonders gut? Wie kannst und willst du andere unterstützen? Teilst du deine Bedürfnisse mit? Wer ist verantwortlich für deren Erfolg?

Die zweite Frage beantworte ich mit

„Teilen“. In unserem Lebensraum gibt es verschiedenste Ressourcen, die wir gemeinsam nutzen und als Commons verwalten und pflegen können. Commons sind Ressourcen wie Wissen, Nahrung, Energiequellen, Wasser, Land u.a., die aus selbstorganisierten Prozessen des gemeinsamen bedürfnisorientierten Produzierens, Verwaltens, Pflegens und/oder Nutzens

79

hervorgehen.


Legen wir die Tausch- und Verwer-

tungslogik ad acta, heißt das auch, dass wir uns von Eigentumsansprüchen lösen. Letzten Endes bedeutet Eigentum einen größeren (legalen) Anspruch auf eine Ressource zu haben als andere. Völlig unabhängig davon, ob die Ressource vom Eigentümer benötigt oder sinnvoll genutzt werden kann. Dies hat zu einer extrem ungleichen Verteilung von Ressourcen und letztlich auch dazu geführt, dass Menschen hungern und frieren, während gleichzeitig Lebensmittel und Kleidung tonnenweise im Müll landen. Die Produktion und Koordination von Gütern wäre dann an unsere Bedürfnisse gekoppelt und nicht mehr länger daran, wie viel Profit ein Unternehmen damit machen kann. Wir könnten langlebige und sinnvolle Produkte produzieren und auch auf die Bedürfnisse unseres Planeten achten, statt ihn weiterhin auszubeuten. Unsere Beziehungen wären nicht mehr länger von Konkurrenz geprägt,

80


sondern vielmehr von Vertrauen und Miteinander. Wenn wir uns als Teil einer (Welt-)Gemeinschaft sehen, sind wir daran interessiert, dass die Gemeinschaft bestehen bleibt und es allen Mitgliedern gut geht. Alles, was ich zur Gemeinschaft beisteuere, kommt also mir selbst zugute. Und auch alles, was andere dazu beisteuern.

Wir könnten sinnvollen Tätigkeiten nachgehen

und dabei unser Potential entfalten.

Eine Ökonomie des Teilens würde bedeuten, dem Kapi-

talismus den Rücken zuzukehren. Beim Teilen funktionieren kapitalistische Mechanismen nicht mehr. Die Möglichkeit, einen Mehrwert zu erziehen, fällt weg. Stattdessen können wir uns voll darauf konzentrieren, eine Gesellschaft zu kreieren, die darauf ausgerichtet ist, die Bedürfnisse aller zu erfüllen und die Fähigkeiten jeder und jedes Einzelnen zu fördern. Teilen ist etwas, das auf theoretischer Ebene durchdacht und auch ‚zerdacht‘ werden kann. Was aber viel wichtiger ist, damit sich Menschen auf diese neue Art des Miteinanders einlassen, sind Erfahrungen.

Deswegen ist im Frühjahr 2017 die Idee einer Sharing-

Flake entstanden. Eine Konstruktion, die erstmals im Sommer 2017 über verschiedene Festivals und Veranstaltungen gezogen ist und die es Menschen ermöglicht, miteinander zu teilen.

81


Die

Flake Vision Eine Gesellschaft, die auf Selbstbestimmung, Vertrauen und Kollaboration basiert, welche allen Menschen die Möglichkeit gibt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und die Ökosysteme für alle Lebewesen bewahrt. Das soziale Experiment der Flake dient als Impuls für Menschen, das Konzept des Teilens in ihrem lokalen Wirkungskreis umzusetzen und weiter in die Welt zu tragen: Lokale Hingabe für globale Verantwortung.

Tauschen ist Schnee von gestern Die Flake ist eine Konstruktion, die es Menschen erleichtert, miteinander in Kontakt zu kommen, sich zu vernetzen und zu teilen, indem sie ihre Bedürfnisse und Ressourcen auf Kärtchen schreiben und auf der Flake transparent machen. Von oben sieht die Flake aus wie eine Schnee-Flocke, daher der Name. Jeder Arm der Flake steht für eine Kategorie (z.B. Fähigkeiten, Dinge, Mitfahrgelegenheiten, Wissen, Gedichte, Projekte, Veranstaltungen usw.).

82


Teilen Das Teilen zugunsten gemeinsamer Ideen ist ein seltenes Erlebnis. Die Bedürfnisse unserer Mitmenschen, ihre Ressourcen und Ideen sowie Möglichkeiten der gemeinsamen Vernetzung und Unterstützung bleiben uns häufig verborgen. Außerdem werden Beziehungen von Tauschlogiken dominiert: Ich helfe dir nur, wenn auch du mir hilfst. Um dieses Gedankenmodell/System aufzubrechen, schafft die FLAKE einen Erfahrungsraum für die Idee des‚ Teilens‘ statt des ‚Tauschens‘, der dazu einlädt, Konzepte wie Eigentum, Markt und Profit neu zu denken und gemeinsam zu gestalten. Teilen bedeutet für uns Gemeinschaft fördern, miteinander lernen, Zugänge schaffen, Verschwendung vorbeugen, Haben minimalisieren und Sein sowie Freude und Glück maximieren. Teilen ist aktiv und lebendig, es fördert Selbstbestimmung und Selbstorganisation.

83


Erfahrungsbericht Ihren ersten großen Auftritt hatte die Flake auf dem MOVE-Utopia. Fünf Tage lange wurde die Flake von 1000 Menschen neugierig begutachtet, mitgestaltet und gefeiert. Nach einiger Zeit begannen manche sich Stoff-Patches auf die

Wir hatten viele Gespräche und konnten Menschen

T-Shirts zu pinnen, auf denen ihre Bedürfnisse

mit unserer Begeisterung anstecken. Schon nach

und Fähigkeiten sichtbar wurden. Innerhalb

zwei Veranstal-tungen kamen erste Anfragen von

einer Stunde bekam ein junger Mann einen

Menschen, die eine eigene Flake initiieren wollten oder uns

neuen Haarschnitt, Mitfahrgelegenheiten

auf andere Veranstaltungen einluden. Einblicke in die Fla-

wurden gefunden, eine erstaunliche Über-

ke-Tour gibt es auch auf flake.world. Teilen macht Freude

sicht an ähnlichen Veranstaltungen und

und diese steckt an!

Projekten entstand. Die Fähigkeiten-Kategorie war am Ende besonders gut gefüllt. Die Flake bekam einen neuen ‚Arm‘, den wir‚ regionale Vernetzung‘ nennen. Über E-Mail-Listen oder kleine Treffen auf der Veranstaltung konnten sich Menschen, die in einer Stadt wohnen, kennenlernen, um gemeinsam aktiv zu werden.

Anhalten – Neu machen – Umdenken: Drei Ebenen gesellschaftlicher Transformation Anhalten – Neu machen – Umdenken.

Einige Wochen später fand in Berlin das erste

Anhalten: Was läuft gerade falsch? Den Zug zum Stehen

Vernetzungstreffen statt.

bringen, der auf den Abgrund zurast. Systeme und Mechanismen anhalten, die irreversible Schäden verursachen. Beispiele sind die Rodung von Wäldern, Massentierhaltung, Kohleabbau oder die Produktion von Plastik und Müll. Aber auch menschenfeindliches oder autoritäres Verhalten.

84

Beispiel: Kohle stoppen – Klima schützen: www.ende-gelaende.org


Neu machen: Es bedarf Systeme und Mechanismen, die die bisherigen überflüssig machen zugunsten der Ausarbeitung und Umsetzung von neuen Konzepten auf dem Weg in eine nachhaltige, zukunftsfähige Gesellschaft. Sowohl im Umgang mit unserem Lebensraum und unseren Ressourcen, als auch im sozialen Miteinander. Wie kann Gesellschaft strukturiert sein, sodass sich alle Menschen mit einbringen und ihr Potential entfalten können? Wie gehen wir mit Ungerechtigkeit und Diskriminierung um? Beispiel: Solidarische Organisierung regionaler Nahrungsmittelversorgung: www.solidarische-landwirtschaft.org

Umdenken: Damit die neuen Konzepte umsetzbar sind und von vielen Menschen getragen werden, ist ein vielschichtiges Umdenken nötig. Gewohnheiten hinterfragen, die Komfortzone erweitern, sich dem kreativen Prozess hingeben, um neue Möglichkeiten und Wege zu finden. Erst mit einem umfassenden Bewusstseinswandel ist nachhaltige, tiefgreifende Transformation möglich. Unsere Verhaltensweisen und Handlungen basieren auf Gedankenmustern, die sich etablieren, je nachdem, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wenn ich nie etwas geschenkt bekommen habe und immer hart arbeiten musste, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, wird sich mir dieser Gedanke fest einbrennen und mein Handeln beeinflussen. Sobald ich neue Erfahrungen mache, die nicht dem gewohnten Gedankenmuster entsprechen, kann ich meine Glaubenssätze hinterfragen. Zum Beispiel nach dem Besuch einer solidarisch organisierten Veranstaltung, wie von livingutopia2 oder der undjetzt?!-Konferenz3.

85


Fßr eine tiefgreifende und anhaltende Transformation sind Veränderungen auf allen drei Ebenen notwendig, die eng miteinander verwoben sind. Besonders wichtig ist es deshalb zu schauen, in welchem Bereich ich selbst aktiv sein mag. Die eigenen Leidenschaften damit zu verbinden, was die Welt gerade braucht.

Denn in meinen Augen braucht die Welt vor

86

allem Menschen, die ihrem Herzen folgen und das nach auĂ&#x;en tragen, was in ihnen lebendig ist.


Rosina Klotz hat ihr Sozialwissenschafts-Studium erfolgreich abgebrochen mit der Absicht, zu lernen, was und wie sie möchte und frei das zu entfalten, was in ihr steckt. Ihre Zeit steckt Rosina in Projekte rund um das Thema gesellschaftliche Transformation. Dabei hat sie die Vision einer Welt, die gemeinsam und durch gemeinschaftliches Zusammenwirken gestaltet wird und es allen Menschen ermöglicht, selbstbestimmt zu leben.

Weitere Projekte mit ähnlichen Visionen: Keinruhigeshinterland, Das Mädchen im Park, Ecobasa

1

www.pachamama.org

2

www.livingutopia.org

3

www.undjetzt-konferenz.de

Hierfür noch eine kleine Übung: Nimm dir ein Blatt Papier und teile es in drei Spalten. Über die erste schreibst du ‚Was mich lebendig macht‘ und darunter listest du all das auf, wofür du brennst, was dir Freude macht. Nun schreibst du über die dritte Spalte ‚Was die Welt braucht‘ und schreibst alles auf, was deiner Meinung nach anders laufen sollte und verändert werden muss. Als letztes schreibst du über die zweite Spalte ‚Verbinde ich mit dem‘. Jetzt kannst du Linien zwischen der ersten und der dritten Spalte ziehen und diese mit Handlungen benennen. Liebst du Musik und die Welt braucht mehr Klimagerechtigkeit, könntest du z.B. ein Lied darüber schreiben.


Recycling in Togo Aus Plastikabfall wird eine Tasche

Togo ist ein ruhiges Land in Westafrika, relativ

klein und zurzeit nicht in den Schlagzeilen, sodass die meisten Menschen es nicht kennen. In dem Land mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von rund 30°C ist eines der wichtigsten Dinge WASSER. Doch in fast keinem Haushalt gibt es fließendes Wasser. Zum Kochen, Duschen und Wäsche waschen wird Wasser von einer nahegelegenen Pumpe oder einem Brunnen geholt.

Obwohl es in Togo sehr warm ist, geht fast nie-

mand mit einer Flasche Wasser, sondern mit Kleingeld in den Taschen aus dem Haus. Denn überall in den Städten und Orten gibt es Kinder und Frauen, die den ganzen Tag durch die Straßen und über die Märkte laufen und Wasser verkaufen. Typischerwei-

In fast keinem Haushalt gibt

es fließendes Wasser

se tragen sie eine große Schüssel auf dem Kopf, in der sich viele Plastiktüten mit jeweils 500ml Wasser befinden. Für 25 FCFA (umgerechnet 4 Cent) kann so eine Tüte Wasser gekauft werden. Ausgetrunken ist sie schnell und der Plastikmüll wird meist am Straßenrand liegen gelassen. Das führt dazu, dass Straßen und Wassergräben vermüllen und es stellt inzwischen ein gravierendes Umweltproblem dar.


Vor fast zwei Jahren nahm Clothilde

Doch in der Stadt Kara im Nor-

daher an der Schneider*innenaus-

den von Togo gibt es nun ein Projekt,

bildung teil und ist seitdem im Pro-

welches versucht, dieser Umwelt-

jekt angestellt. Sie bekommt jeden

verschmutzung

Monat ihren festen Lohn und hat

entgegenzuwirken.

Das Prinzip ist simpel. Die leeren

nun auch mehr Zeit für ihre beiden Kinder. Innerhalb

Wasserbeutel werden gesammelt,

von einem Monat erlernten die Schneider*innen die

recycelt und zur Produktion für wasserfeste

nötigen Techniken, um die Plastiktüten zu verarbeiten.

Taschen, Rucksäcke und Portemonnaies ver-

Dann wurde die Produktion aufgenommen. Diese läuft

wendet. Mit finanzieller Unterstützung der

wie folgt ab: Zunächst werden die benutzen Wassertü-

französischen Botschaft wurde das Projekt

ten gesammelt, aufgetrennt und gründlich gewaschen.

gestartet. Zunächst kamen Leute aus Benin,

Anschließend müssen sie getrocknet und gebügelt

welche bereits Erfahrungen in diesem Bereich

werden. Danach können sie von den Schneider*innen

hatten und bildeten 15 Schneider*innen aus.

verarbeitet werden. Die fertige Ware

Eine von ihnen ist Clothilde. Sie ist 25 Jah-

wird dann auf Märkten und Straßen

re alt und hat die Schule in

verkauft. Schon für 150 FCFA kann

der zwölften Klasse ohne Ab-

man ein Portemonnaie erwerben. Für

schluss abgebrochen. Seit-

den Verkauf ist u.a. Alexis zuständig.

dem verkaufte sie selbstge-

Der Geschichtsstudent konnte sein

brautes Tschukbier auf dem

Studium aufgrund fehlender finan-

Markt. Das ist allerdings eine

zieller Mittel nicht beenden. Seit

sehr kräftezehrende Arbeit,

2016 ist er nun für die Werbung

da das Bier nachts gebraut

und den Verkauf der recycelten

und tagsüber verkauft wird.

Taschen zuständig.

Vor zwei

Jahren nahm

Clothilde an der Schneider* innen-

ausbildung teil


Mit seinem Motorrad fährt er zu Unter-

nehmen, Schulen und auf Märkte in der ganzen Region von Kara und verkauft die Taschen. Zu Beginn war es jedoch nicht einfach, die Bevölkerung von den recycelten Taschen zu überzeugen. Es war viel Zeit und Aufklärungsarbeit nötig, um den Menschen

Schulkinder benutzen

Maistüten als Schulranzen

die Vorteile der Produkte näher zu bringen. Auf großen Versammlungen und Kongressen wurde Werbung gemacht und über den Umweltschutz gesprochen. Spätestens mit Beginn der Regenzeit war der Nutzen der recycelten Taschen nicht mehr abzustreiten. Denn v.a. Schulkinder müssen oft eine weite Strecke zur Schule laufen. Viele tragen ihre Hefte dabei unter dem Arm, ande-

Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem wird

re benutzen leere Maistüten als ‚Schulranzen‘.

in den Ferien Jugendlichen erklärt, wie sie

In einer Tasche aus recycelten Wassertüten

selbst mit einer guten Idee Geld beantra-

haben alle Schulsachen Platz und bleiben tro-

gen, ein Projekt starten und so ihre Zu-

cken!

kunft selbst in die Hand nehmen können.

Das Projekt fördert nicht nur den Umwelt-

Einige Jugendliche haben sich zusammen-

schutz, indem herumliegender Plastik-Müll

geschlossen und arbeiten an einem Pro-

auf Straßen und Feldern reduziert wird und

jekt, um einfache Häuser zu bauen und an

die Wassergräben sauberer werden, sondern

Studierende zu vermieten. Denn in

es sensibilisiert auch die Menschen und hat

der Universitätsstadt Kara ist Wohn-


raum für Student*innen kaum bezahlbar.

Inzwischen sind erste Erfolge für das Recy-

der Umwelt etwas Gutes tue.“

clingprojekt zu verzeichnen. So gibt es bei-

Auch wenn in Deutschland re-

spielsweise Kinder, die nach der Schule

lativ wenig Müll auf den Stra-

die leeren Wassertüten sammeln und an-

ßen liegt, so produzieren wir

schließend kiloweise verkaufen. Auf eini-

trotzdem viel zu viel Plastik-

gen Versammlungen und Festen wurde da-

abfall. Dass z.B. Plastiktüten

mit begonnen, den Plastikmüll dem Projekt

in Geschäften nun kosten-

zur Verfügung zu stellen.

pflichtig sind oder gar nicht

Aber es gibt auch Schwierigkeiten. So

mehr angeboten werden, soll

musste zwischenzeitlich die Produktion

helfen, den Verbrauch zu reduzieren

gestoppt werden, da die Nachfrage zu ge-

und das Bewusstsein für dieses Prob-

ring war. Mit Beginn der Regenzeit und dem

lem zu wecken. Doch es gibt noch viel

neuen Schuljahr konnte sie aber wieder

mehr Möglichkeiten, etwas zu tun. Wer

aufgenommen werden. Die Mitarbeiter*in-

weiß, vielleicht wird es bei uns auch

nen sind zuversichtlich, dass das Projekt

bald mehr bunte Taschen und Rucksä-

weiter wachsen und die Umwelt verbessern

cke aus recyceltem Plastikmüll geben.

wird. Alexis meint: „Ich erkläre den Leuten immer, dass selbst wenn sie ihr Haus sauber halten und die Lebensmittel gut lagern, sie sich schnell Krankheiten einfangen können, solange auf den Straßen und in den Wassergräben Müll rumliegt. Der ist Brutstätte für Mücken und andere Insekten, die Krankheiten übertragen. Auch wenn es nicht alle verstehen, mache ich die Arbeit gerne, weil ich weiß, dass ich damit

Anna-Sophie Kupper ist Studentin der Sozialen Arbeit in Leipzig. Zuvor absolvierte sie 2015 / 2016 einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst im Norden von Togo. Während dieser Zeit engagierte sie sich v.a. in der Kinder- und Jugendarbeit vor Ort. Dabei lernte sie u.a., welche wichtige Rolle die Natur für das Leben der Menschen spielt. Seit ihrer Rückkehr versucht sie, mit möglichst vielen Leuten ihre Liebe zu Land und Leuten zu teilen.


Kreative Forschung als Quelle für Nachhaltige Entwicklung

„Jeder Mensch ist ein Künstler [bzw. eine Künstlerin]“,

sagte Joseph Beuys. Doch was hat das mit einer nachhal-

tigen Entwicklung zu tun? Mit seiner Aussage möchte er zu verstehen geben, dass jeder Mensch das Potenzial und die Möglichkeit hat, sein Umfeld bewusst und aktiv mitzu-

gestalten. Es geht darum, reflektiert mit seiner Umgebung umzugehen und daraufhin Veränderungen einzuleiten, die

einer Vision folgen. Dazu gehört, die Möglichkeit zu einem

Wandel zu erkennen und sie zu nutzen. Und so ist es auch auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung. Hierbei

spielen Bildungseinrichtungen eine entscheidende Rolle, da sie nicht nur disziplinäre Grundlagen, sondern auch Werte und Grundhaltungen vermitteln. Nicht nur Fachkenntnisse,

sondern Gestaltungskompetenzen entscheiden, auf welche Art und Weise wir unsere Lebenswelt verändern können. Selbstständigkeit und Motivation, zielorientiertes und vor-

rausschauendes Handeln und Reflexion sind Grundlagen

dieser Kompetenzen und nehmen einen steigenden Stellenwert in der heutigen Zeit ein.


Das Versprechen unserer Hochschulen an die Welt // Third Mission

93 und Universitäten wurde und wird weiterhin erwartet, dass sie einen aktiven Beitrag zur Umsetzung des SDG Nummer 4 ‚Hochwertige Bildung‘ leisten: Bildung für Nachhaltige Entwicklung, dessen UN Dekade 2015 endete, jedoch weiterhin einen enormen Stellenwert für unsere Zukunftsfähigkeit einnimmt. So unterzeichneten 2010 Deutschlands Bildungsstätten, dass sie in dreifacher Hinsicht dieses Ziel verfolgen: Erstens in der Forschung über Nachhaltigkeitsthemen, zweitens in der Lehre als Bildung für Nachhaltige Entwicklung, die Menschen zum autonomen Denken und Handeln befähigt und drittens im Betrieb im Sinne des sozial-ökologischen Managements.

Dieser Entschluss war die Geburtsstunde des IINE (In-

tegratives Institut Nachhaltige Entwicklung), mit drei unterschiedlichen Nachhaltigkeits-Studiengängen und einer speziell dafür eingerichteten Professur an der Hochschule Bochum, die sowohl innerhalb der Hochschulstrukturen als auch über ihre Grenzen hinaus, einen Beitrag zur Umsetzung von Nachhaltigkeit leisten. Die Initiierung eines Repair-Cafés an unserer Hochschule, Nachhaltigkeitsberatungen in

Fünfundzwanzig Jahre nach der Weltkonferenz von Rio

Start-Ups oder die Entwicklung einer Fair-Trade-Kooperati-

hat sich Nachhaltigkeit als Leitbild in den gesellschaftli-

on mit Olivenölproduzent*innen in Spanien sind einige Bei-

chen Diskursen etablieren können. V.a. von Hochschulen

spiele der geplanten und ausgeführten Projekte.


Ein transformatives, integratives Studium in Bochum

rolle spielen […], sondern die ausgebildete Fähigkeit, das scheinbar zerrissene Bild der Einzelerscheinungen in den organischen Zusammenhängen zu empfinden und schließlich zu verstehen.“ Rund 90 Jahre später konnte sich diese Haltung – zumindest zum Teil – in der Wissenschaft und an vielen Hochschulen erneut etablieren. Ein Glück, denn um ziel- und aufgabenorientiert handeln zu können, ist dieser integrative Aspekt und der Einbezug vieler Akteur*innen

Ziel ist es, die Studierenden in einem transdisziplinären

wichtig und ausschlaggebend. In der transformativen Wis-

Studiengang auf die Bewältigung der komplexen Heraus-

senschaft, also einer Wissenschaft, die sich mit dem Wan-

forderungen unserer heutigen Welt vorzubereiten. Neben

del und seinen Möglichkeiten beschäftigt, sehen sich die

natur-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen-

Forschenden niemals rein als objektive Betrachter*innen,

feldern wird besonderer Wert auf die Vermittlung ethischer

sondern vielmehr als Gestalter*innen.

und systemtheoretischer Grundlagen gelegt. Denn alles um uns herum kann als System verstanden werden – seien es Ökosysteme, soziale Systeme oder ökonomische Systeme (ja, sogar das ganze System Erde!) –, deren Elemente in Abhängigkeit zueinanderstehen.

Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhun-

derts sah der Künstler Wassili Kandinsky die Wissenschaft wieder auf dem Weg hin zu einem synthetischen Denken, in dem die vergessenen Beziehungen zu den einzelnen Teilelementen wiederentdeckt werden: „Wenn man heute wirklich nicht weiß, was eigentlich unter dem Begriff Bildung […] verborgen ist […], so darf doch mit vollem Recht behauptet werden, dass nicht eine kleinere oder größere Anhäufung von speziellen [Fach]Kenntnissen hier die Haupt-


Bildung und Forschung für eine Nachhaltige Entwicklung

der Hochschulstrukturen umgesetzt. In der Nachhaltigkeitswissenschaft gehört die Kreativität immer zur Wissenschaft dazu. Kunst hat einen eigenen Platz in der Darstellung und Aufbereitung von Forschungsergebnissen bzw. -prozessen. Künstlerische Tätigkeiten eröffnen hier neue Denk- und Sichtweisen, die es braucht, um das langfristige Ziel einer nachhaltigen Entwicklung für alle zu erreichen.

Durch selbst initiierte, studienbegleitende Projekte kön-

nen die Studierenden in realweltlichen Zusammenhängen eigenständig das erlernte Wissen und kreative Herangehensweisen anwenden und kontextualisieren, die nötige Grundhaltung wie Offenheit für Neues und Verantwortungsübernahme erwerben sowie verinnerlichen. Häufig ist das transformative Forschen mit Mehraufwand verbunden, da

Was bedarf es für Veränderungen im System, um dieses

alle betroffenen Akteur*innen berücksichtigt werden, ganz

hin zu einer nachhaltigkeitsorientierten Richtung zu verän-

im Sinne einer echten Partizipation. Es ist zwar ein Mehr-

dern? Welche Akteur*innen sind eine wichtige Unterstüt-

aufwand, der sich aber lohnt, da die Interessen, Bedürfnis-

zung und wer muss überzeugt werden, damit dieses Projekt

se, Ängste und Wünsche aller Beteiligten gehört und in den

Erfolg haben wird? In Bildungsstätten darf es niemals bloß

Forschungsgegenstand sowie in die Entwicklungsplanung

um die reine Wissensvermittlung gehen, sondern darum,

integriert werden.

einen Raum zu schaffen, in dem Lernprozesse stattfinden

können. D.h. auch, eine Entfaltung der eigenen Haltung für

folg eines umgesetzten Projektes – nicht nur, weil die Betei-

eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Dort können die

ligten Vorschläge und Zeit in das Projekt einfließen lassen,

Gestaltungskompetenzen erprobt und reflektiert werden

sondern sich v.a. damit identifizieren können.

Dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung für den Er-

sowie eigenständig Strategien für die Etablierung von weiteren Schritten für eine nachhaltige Entwicklung erarbeitet werden. Gemeinsam werden sie so innerhalb und außerhalb

95


Anpacken mit Kopf, Herz und Hand

Quartieren und Orten. Die Ergebnisse eines relativ langwierigen Prozesses zeigen sich nicht nur in der konkreten Veränderung des Ortes, sondern auch in der positiven Resonanz der Betroffenen. Durch viele Dialoge, partizipative Einheiten und eine gemeinschaftliche Umsetzung wird zudem bei den interessierten Bürger*innen das Bewusstsein für mögli-

Mit den Projekten gehen die Studierenden raus aus der

che Veränderungen gestärkt. Der größte Erfolgsfaktor? Ge-

Hochschule Bochum – rein ins reale Geschehen. Dadurch

nau dieses wachsende Bewusstsein und Empowerment! Und

wird eine nachhaltige Entwicklung nicht nur in die Hoch-

zwar nicht nur für die Studierenden, sondern für alle, die

schullandschaft eingebettet, sondern auch nach außen prä-

sich beteiligen wollen und etwas verändern möchten. Zwar

sentiert, kommuniziert und in vielen kleinen sowie größe-

können während eines solchen Prozesses sowohl innerhalb

ren Nischen gemeinschaftlich umgesetzt. So unterstützen

als auch außerhalb der Hochschule Hindernisse oder Kon-

sie die Stadt Bochum z.B. bei der Konzipierung neuer Stadt-

flikte auftreten, wie z.B. mangelnde Teilhabe, langwierige,

entwicklungskonzepte, integrieren die Wünsche der An-

bürokratische Prozesse oder fehlende Räumlichkeiten kön-

wohner*innen in Visionen und nennen konkrete Orte für die

nen immer wieder zu Rückschlägen führen, sollten aber

Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung. Beispielsweise

kein Grund sein, aufzugeben. Für eine wirkliche Verände-

wurde das Konzept des Leihladens für die Bürger*innen Bo-

rung muss neben der nötigen Einsicht auch die Motivation

chums erarbeitet, für den es nun gilt, eine akzeptable Räum-

bei allen Beteiligten entstehen – inklusive Zivilcourage und

lichkeit zu finden. Neben solchen beratenden Tätigkeiten

Engagement –, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

mit der Stadt arbeiten die Studierenden und Mitarbeitenden des IINE auch direkt mit den Anwohner*innen selbst zusammen. So konnte ein Urban Gardening Projekt umgesetzt werden, in dem verwahrlosten Flächen im öffentlichen Raum wieder neues Leben eingehaucht wurde und sich so neue Treffpunkte etablieren konnten.

Das Motivierende und Schöne an den studienbegleiten-

den Projekten ist ihre Wirksamkeit in unterschiedlichen

96


Der Anspruch, alle Betroffenen in Visionsentwicklungen,

Planung und Umsetzung einzubeziehen, kann manchmal sehr aufwendig und herausfordernd sein. Trotzdem: Was ist schöner als zu sehen, wie Gemeinschaften entstehen, die sich vereint für ein Ziel einsetzen und dadurch ihre Umwelt und Umgebung in positiver Weise gestalten? V.a. die Bürger*innen selbst können einen Wandel durch Eigeninitiative voranbringen, indem sie so mutig sind, den Status Quo zu hinterfragen und in eine reflektiert nachhaltige Richtung zu lenken.

So z.B. Philipp, der in der Hustadt lebt und vor Ort kosten-

lose Führungen zu einem nachhaltigen Stadtentwicklungsprozess anbietet. Damit hilft er die negative Konnotation des Stadtviertels abzubauen, ein neues gemeinschaftliches Bewusstsein für mögliche Veränderungen zu etablieren und Bürger*innen zu motivieren, sich in ihrem Viertel zu engagieren.

97


Wir alle sind Entwicklung // Wir sind die Entwicklungswelt

2015 gesteht Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirt-

schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Rahmen der Sustainable Development Goals (SDG) ein:

Deutschland sei, genauso wie alle anderen Länder dieser

Welt, ein Entwicklungsland. Jedes Teilelement dieser Welt ist in der Lage sich weiterzuentwickeln und dies ist auch von Nöten, damit wir eine für alle lebenswerte Welt erschaffen oder erhalten können – und zwar sowohl für die heutigen, als auch für die kommenden Generationen. Besonders wichtig hierfür ist die Etablierung eines neuen Bewusstseins durch partizipative Prozesse (des verantwortungsvollen Weltbürgertums) und gleichzeitiges Empowerment der Bürger*innen, um einen realen – und nicht von oben aufgesetzten – Perspektivenwechsel möglich zu machen. Jede*r Einzelne sollte verstehen, dass kleine Taten große Auswirkungen haben. Nicht nur lokal, sondern auch global. Jede*r kann Künstler*in sein und unsere Gesellschaft und Umwelt in eine lebenswerte Richtung mitgestalten.

Carina Hausmann studiert seit 2014 Nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Bochum. Hier hat sie erkannt, dass sich Kreativität und Wissenschaft nicht ausschließen, sondern ergänzen. Gemeinsam mit dem Integrativen Institut Nachhaltige Entwicklung möchte sie über die Grenzen ihrer Hochschule hinweg transformative Arbeitsmethoden etablieren, die

Link zu ausgewählten studentischen Projekten:

alle Beteiligten mit einbeziehen und so einen Beitrag zum nötigen Perspek-

www.hochschule-bochum.de

tivwechsel leisten.

98


Transition Towns von A bis C

Transition Towns von A bis C? Fragt ihr euch gerade, ob das ein Tippfehler ist? Nein, diese Aussage geht auf Gerd Wessling, einen Transition Town Trainer, zurück:

„Wenn wir das Transition Modell vorstellen […] ist die erste Folie immer ‚Transition‘. Und darüber steht das ‚A bis C‘ von Transition. Da steht nicht A bis Z. Damit wollen wir verdeutlichen, dass das Transition Modell, auch wenn es ‚schon‘ jetzt fünf Jahre alt ist, immer noch sehr am Anfang steht, immer noch ein gigantisches Experiment ist und immer noch keiner weiß, wo es eigentlich hingehen soll. Wir wissen es nicht. Wir haben nur das Gefühl, dass es eine gute Form ist, Menschen u.a. aus der Ohnmacht zu befreien, die sie oft durchaus auch mit Recht empfinden, wenn sie über die großen Probleme und Themen der Welt nachdenken, wenn wir an den Klimawandel denken, wenn wir an peak oil denken. […] Da wollen wir mit der Transition Town ansetzen: Wir versuchen, uns aus der Ohnmacht zu befreien und die Menschen […] ins selbstermächtigte und selbstorganisierte Handeln zu führen.“ Wessling 2013


Dieses Zitat ermöglicht meiner Meinung nach einen

guten Einstieg in das Thema der Transition Towns. Es verdeutlich einerseits die Organisationsform, welche v.a. dynamisch von den Mitgliedern abhängt. Diese können selbst über ihre möglichen Handlungsideen entscheiden: Es stellt ein Experiment dar, welches v.a. ein kontinuierlicher Lernprozess ist. Fehlermachen ist dabei miteingeplant. Somit löst Transition Town das ‚Expertenproblem‘ auf, in welches ich mich selbst oft flüchte:

Wie kann ich denn schon als kleines Individuum, ohne

tiefere Erkenntnisse zu diesem Thema, beispielsweise eine Nachhaltigkeitsdebatte mitgestalten und positiv lenken? Die Transition Town-Idee dreht diese Gedanken radikal um: Anstatt als kleines Individuum das Gefühl der Machtlosigkeit in sich zu tragen, fordert Transition Towns die Befreiung von dieser Ohnmacht, von den eigenen Schutzmechanismen, um lokales, selbstbestimmtes Handeln möglich zu machen. Durch diesen Gestaltungsauftrag wird andererseits deutlich sichtbar, dass die Transition Towns ganz aktiv auf wachstumskritische Impulse in unserer Gesellschaft zurückgreifen, die in den Medien und in verschiedenen Firmen eine zentrale Rolle spielen.

Somit versuchen die verschiedenen Transition Towns

Klimaschutz und Nachhaltigkeit, welche seit den 1960er Jahren eine immer größere Bedeutung erlangen, weiterzuentwickeln und v.a. praktisch zu leben.

100


Aha. Transition was?

Transition Towns ist eine Bewegung, welche

etwa 2005 unter der Leitung von Rob Hopkins in Großbritannien startete. Ausgemachtes Ziel ist es dabei, Städte oder Regionen aktiv positiv zu gestalten und somit zu wandeln. Rob Hopkins, ehemals als Dozent im universitären Rahmen tätig, zog 2006 nach Totnes, um dort das erste Projekt der Transition Towns zu beginnen. Am Anfang einer Rede von Hopkins im Jahr 2012 beginnt er damit, seine Geschichte vorzustellen:

„Es ist eine Geschichte, welche meiner Meinung nach die Welt verändern kann. Es ist eine Geschichte, welche die Welt schon verändert. Es ist die Geschichte meiner Stadt Totnes in Devon.“ Hopkins, aus dem Englischen übersetzt

Weltveränderung?

Klingt gut, aber diese Zitat wirft natürlich einige weiterfüh-

rende Fragen auf: Warum soll ein Wandel geschehen und wie kann und soll dieser Wandel aussehen? Im Laufe seiner Rede geht er auf diese beiden Fragen ein: Der Wandel ist aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Situation notwendig, welche v.a. wachstumsorientiert ausgerichtet ist. Das dieses Wachstum aber nicht ewig andauern kann, wird am Gedanken des ‚peak oil‘ sichtbar: Dies ist ein Konzept, welches aufgrund der

101

endlichen Ölressourcen schlussfolgert, dass irgendwann die


„Schauen wir uns mal Witzenhausen an oder jede überschritten und somit das postulierte andere Stadt dieser Größe. Das System hier würde ‚dauerhafte Wachstum‘ nicht mehr in der sicherlich sofort kollabieren, wenn morgen Benzin heutigen, günstigen Form möglich sei. Daher beschäftigt sich Hopkins mit der 5 mal so teuer wäre als heute, wenn Strom 10 mal Frage, wie dies verhindert werden kann so teuer wäre wie heute und die ganzen Lieferketten bzw. wie im lokalen Kontext alternative Entwicklungsmodelle entstehen können. mit den Supermärkten alles nicht mehr funktioAls einen möglichen Handlungsimpuls nieren würde. Dann würde hier nichts mehr gehen. erkennt er die Relokalisierung von Nahrungsversorgung, Energielieferung oder Dieses System ist also nicht resilient, Bausubstanzen. Dahinter steckt der Vernicht widerstandsfähig. Durch Transisuch, menschliche Grundbedürfnisse durch lokale Unternehmen zu befriedigen und somit aufwändige Transportkosten tion versuchen wir dieses System widerund wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verhindern. Gleichzeistandsfähiger zu machen, d.h., selbst tig wendet sich Transition Towns damit von fossilen Brennstoffen ab. wenn mal eine solche Krise kommen würde, das dann die Akteure vor Ort sich Eng mit der Relokalisierung ist das Konzept der Resilienz verbunden, welches auf die Stärkung der Widerstandsgut kennen, gut vernetzt sind, in ihrer fähigkeit der Stadt hinweist. Resilienz kann dabei als Ziel und Verschiedenheit sich wertschätzen und Folge von Relokalisierung verstanden werden: Durch zunehmende Unabhängigkeit von anderen nichtlokalen Märkten, das als Stärke wahrnehmen und nicht als verstärkt sich gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit der Stadt. Bedrohung […]. Wenn dann alle gemeinGerd Wessling erklärt den Sinn der Resilienz im Folgenden am Beispiel der Stadt Witzenhausen genauer: sam agieren, haben sie eine viel bessere Chance, da etwas zu tun.“ Wessling, 2013 102 maximale Förderungsrate von Brennstoff


103

Für Wessling ist die Resilienz somit eng an das Netzwerk in-

nerhalb einer Stadt verbunden. Es geht schließlich nicht nur darum, eine ökonomische Unabhängigkeit zu schaffen, sondern auch, Menschen zusammenzubringen und zu bestärken, damit

sie fürsorgliche, lokale Gemeinschaften aufbauen können. Wei-

wird gleichzeitig aber noch ein anderer, sehr wich-

terführend ist es gleichzeitig das Ziel, die verschiedenen Ge-

tiger Aspekt der Transition Town deutlich: Durch

nerationen zu verbinden und somit sowohl auf die Bedürfnisse

den Begriff der Resilienz grenzt sich Hopkins vom

der jetzigen als auch auf die der zukünftigen Generation zu ach-

Begriff der ‚Nachhaltigkeit‘ ab. Für ihn ist Nachhal-

ten. Der positive Wandel soll daher auch Auswirkungen auf den

tigkeit ein Modebegriff, welcher heutzutage v.a. die

menschlichen Umgang miteinander haben.

psychologische Ebene des Gewissens ansprechen

An der Bedeutung des Begriffes der Resilienz

soll, um beispielsweise bei ‚umweltbewussten Firmen‘ neue ökonomische Profite zu erzeugen oder Wähler*innenstimmen einzufangen. Dies wird u.a. an paradoxen Zusammensetzungen wie ‚nachhaltiger Zement‘ oder ‚nachhaltiges Konsumieren‘ deutlich. Deswegen benutzt Hopkins anstatt des Begriffs der Nachhaltigkeit oftmals den Begriff der Resilienz. Der Begriff der Resilienz ermöglicht einen Perspektivwechsel: Krisen werden nicht mehr rein negativ betrachtet, sondern der Schwerpunkt liegt auf den Potenzialen und Ressourcen der Problembewältigung. Leben im Postwachstum wird somit nicht als Einschränkung erfasst, sondern vielmehr als neue Chance gesehen, um die Lebensqualität zu verbessern. Dies wird auch zusammenfassend und einschränkend an einer weiteren Aussage von Wessling sichtbar:


„Nun ist aber Resilienz und Widerstandsfähigkeit natürlich gleichzeitig ein defensiver Begriff und wir möchten jetzt immer stärker [etwas anderes] in den Vordergrund [stellen]: Dies ist die Erhöhung der Lebensqualität. Durch Transition Town können wir die jetzt erhöhen. Das passiert, wenn ich meine Nachbarn oder neue Leute besser kennen lerne […]. Wenn die [Menschen] besseres Essen zu sich nehmen, geht es ihnen normalerweise auch besser. Wenn der Verkehrslärm abnimmt oder die Leute mehr Radfahren, geht es ihnen oft besser. D.h. wir wollen jetzt schon durch das, was wir tun, die Lebensqualität erhöhen.“ Wessling, 2013

Und in der Praxis…?

Dieses Zitat führt uns auf die praktische Ebene. Welche

Möglichkeiten gibt es, die Lebensqualität zu verbessern? Welche Möglichkeiten gibt es, sich von dem Ohnmachtsgedanken zu befreien?

In Totnes gibt es 10 Jahre nach der Gründung etwa 20

lokale Projekte, die v.a. freiwillig und selbstorganisiert aufgebaut und geleitet werden. Mit der Zeit haben sich verschiedene Themengruppen gebildet, die sich u.a. mit Fragen rund um Energie-, Essens- oder Transport beschäftigen. Ziel ist es dabei, einerseits Pläne zu entwickeln, welche aktiv CO2 Emissionen verringern. Andererseits soll aber weiterführend durch diese Projekte das Vertrauen in die Gemeinschaft trotz Klimawandel gestärkt werden, um sich den Abhängigkeiten von wirtschaftlichen Krisen zu entziehen. Transition Town stellt somit nur eine Überorganisation dar, in welcher Treffen und Austausch mög-

104

lich sind. Die Aktivitäten und Projekte werden von aktiven Menschen vor Ort getragen.


Projekte, Projekte

Zwei Gruppen möchte ich an dieser Stelle näher vor-

stellen: Die Gruppe Ernährung rief das Projekt des ‚Garden Share‘ ins Leben. Dort wurde der Kontakt zwischen Gartenbegeisterten ohne Garten und Gartenbesitzer*innen ohne Begeisterung hergestellt. Somit konnten ehemals ungenutzte Gärten wieder genutzt werden. Nun war es möglich, einen Raum für kreative Arbeit

… Idee des Teilens auszurichten: Teilen unseres Raumes, unserer Ressourcen und unserer Zeit zeigt uns, dass wir immer wechselseitig voneinander abhängig sind.“ Brown 2010, aus dem Englischen übersetzt

und Nahrungsmittelanbau zu schaffen. Der Wunsch nach Autarkie spielt dabei auch eine Rolle, wobei dies eher ein Gedankenspiel ist. Die Resilienz wurde dabei

Somit stellen die Gärten auch einen Raum für einen

noch weiter gefördert, da verschiedene Workshops (und

Austausch dar, in dem Menschen sich kennenler-

natürlich praktische Möglichkeiten) zum Erlernen von

nen und gemeinsame Pläne schmieden. Teilen stellt

Fähigkeiten des Gärtners beitrug. Neben diesen öko-

dabei eine alternative wirtschaftliche Form dar,

nomischen und gesundheitlichen Gedanken, berichtet

welche die Menschen immer wieder neu verbindet.

Lou Brown (Co-Organisatorin des Projektes), aber auch

Aus dieser kleinen Idee der Transition Town Totnes

noch von einer weiterführenden erneuten Vernetzung:

gründete sich die Plattform ‚landshare‘, die sich die Weiterführung des Prinzips auf nationaler Ebene

„Die Idee [hinter dem ‚Garden Share‘ Projekt] ist die Community durch Beziehungen und Engagement zu stärken. Es hilft uns, unser Handeln nach der …

als Ziel gesetzt hat. Eine ähnliche Idee findet sich mittlerweile auch in Deutschland wieder: Auf https://www.gartenpaten.org/ können Gärten angeboten oder gesucht werden. Die Ideen von Transition Town sind somit nicht nur auf diese Organisation beschränkt, sondern tragen sich weiter, vervielfältigen sich, reproduzieren sich und werden gleichzeitig

105

Transition Towns wieder neu prägen.


Die zweite Gruppe, die ‚Heart and Soul Group‘, setzt

sich mit dem Thema der Transition im Inneren des Individuums auseinander, wie Sophy Banks erläutert:

„Wenn wir uns nicht die Prozesse im Inneren [des Menschen] anschauen, würden wir nicht mehr verstehen, was sich verändern sollte, wie Menschen mit schwierigen Situationen umgehen und wie Gruppenprozesse auf den Wandel Einfluss haben. Wir müssen wissen, welche psychologischen Auswirkungen der Wandel auf die Menschen hat, um dadurch eine positive, kreative Vision von uns Menschen und von unserer Zukunft erschaffen zu können.“ Brown 2010, aus dem Englischen übersetzt

106


Die Gruppe beschäftigt sich mit den Barrieren und

Ängsten der Menschen, die ein Wandel mit sich bringt. So ist es von Bedeutung mit möglichen Verlustgedanken und Ängsten offen umzugehen, diese (in einer Gruppe) auszusprechen und somit zu verarbeiten. Der Wandel, der innerhalb der Transition Towns angestrebt wird, hat schließlich direkte Folgen auf das eigene Leben und damit u.a. auch eine mögliche ‚Rückstufung‘ des eigenen Status oder des Komforts. Dies geschieht, wie Sophy Blanks weiter ausführt, v.a. auf einer spirituellen Ebene:

„Wir sprechen über die spirituellen Aspekte der Transition in der ‚Heart and Soul Group‘, wir sprechen über das eigene Bewusstsein und über psychologische Aspekte. Wenn wir das Wort ‚spirituell‘ verwenden, denken viele oftmals, dass wir uns mit dem Religiösen auseinandersetzen. Aber nein, es ist nicht das Religiöse, worüber wir reden. Wir reden über das, was über die normalen, menschlichen Dinge des Konsumierens und Arbeitens hinausgeht. Wir reden über die Liebe, die wir uns gegenseitig, unseren Kindern, unserer Erde und unseren Wohnorten schenken und dem damit verbundenen Wunsch, eine gute Gesellschaft zu erschaffen.“ Banks 2010, aus dem Englischen übersetzt


Diese Ziele sollen durch Diskussionen, Workshops

Was hat das Ganze mit mir zu tun?

und regelmäßige Treffen umgesetzt werden: Damit

versucht die ‚Heart and Soul Group‘, den Wandel psy-

Town von A bis C. Transition Town stellt ein Entwurf dar,

chologisch zu begleiten und somit auch die Resilienz

ein Netzwerk, ein Experiment, in das wir uns alle einbrin-

der Individuen und der Gemeinschaft zu stärken. Fän-

gen können, in dem wir alle Fehler machen können, in dem

de kein kontinuierlicher Prozess des Austausches der

noch einige Buchstaben frei sind, um mitzugestalten. Es

Kritik, der Sorgen und Ängste statt, könnte das Projekt

gibt sicherlich auch Kritik an Transition Town, gleichzei-

Transition Town sich womöglich nicht weiter entfal-

tig lebt dieses Projekt von diesen Menschen, die kritisch

ten und erneuern. Die Projekte sind dabei oftmals sehr

denken und nach neuen Alternativen suchen. Transition

klein und erscheinen vielleicht auf den ersten Blick

Town kann dabei sowohl in uns wirken, als auch, dass wir

als unwichtig, doch wie anhand der Gruppe ‚Time to

auf Transition Towns einwirken. Transition Town ist schon

Breathe‘ (Zeit zum Atmen) ersichtlich wird, können sie

lange kein Konzept mehr, welches nur in Totnes wirkt:

gleichzeitig große Wirkung für die Individuen entfalten.

Mittlerweile hat es sich über den ganzen Erdteil ausgebrei-

Die Gruppe ‚Time to Breathe‘ traf sich einmal in der

tet. Allein in Deutschland gibt es aktuell 168 registrierte

Woche, um durch einfache (Atem-)Methoden den stress-

Transition Towns. Vielleicht auch in deiner Stadt? Manche

vollen und verwirrenden (Transition)Zeiten entgegen zu

sind aktiv, manche befinden sich im Winterschlaf:

wirken. Diese regelmäßigen Treffen wurden dabei für

Hier findet ihr dazu auf jeden Fall einige Infos:

viele Teilnehmenden als befreiend und selbstfindend

www.transition-initiativen.de

bezeichnet: Stellvertretend für diese Wirkung steht das Zitat eines unbekannten Teilnehmenden: „Es ist wie eine Oase in meiner Woche. Ich bin so dankbar, diese Zeit für mich selbst zu haben“ (anonym 2014, aus dem Englischen übersetzt). Die innere Transition zeigt somit deutlich ihre Wirkung, auch wenn dieses Projekt leider gerade eine Pause macht.

108

Erinnert ihr euch noch an die Überschrift? Transition


Auch in meiner aktuellen Lebensstadt Halle

Vielleicht ist es ja auch für dich eine Möglichkeit, deine

existiert eine Transition Town, welche sich 2012 grün-

Ideen, deine Vorstellungen, deine Pläne und deine Per-

dete und verglichen mit Totnes sich in einem ‚Anfangs-

spektiven für eine gerechtere, solidarischere Welt dort

stadium‘ befindet. Die Idee einer Transition Town ent-

miteinzubringen. Denn von dem Eigenen, der eigenen

wickelte sich aus den ‚Heldentagen‘, wobei der Wunsch

Position leben die vielen Projekte:

aufkam, Theorie und Praxis mehr miteinander zu verbinden. ‚Anfangsstadium‘ erscheint gleichzeitig als falscher Begriff, schließlich stellt Totnes nicht das Ziel aller Transition Towns dar, sondern ist nur einer von vielen möglichen Wegen. Nach der Gründung von Transition Town Halle bildeten sich, ausgelöst durch eine erste große Euphoriewelle, verschiedene Arbeitsgruppen: Achtsamkeits-, Kommunikationsgruppe, WohnVisionsgruppe oder eine Ernährungsgruppe. Das Label Transition Town war und ist v.a. ein übergreifender Begriff, um die verschiedenen Projekte zu bündeln. Schon anhand der hier kurz skizierten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Halle und Totnes

„Transition Towns bezieht sich v.a. auf sich selbst, auf den eigenen Grund und Boden. Denn aus dieser Perspektive heraus können wir Verantwortung übernehmen, Beziehungen aufbauen und die Welt verbessern.“ Anonym

lässt sich also eines erkennen: Transition Town ist ein offenes Konzept, welches v.a. als Überorganisation fungiert, in welchem sich verschiedene Gruppen austauschen können und in dem sich ein neuer, kreativer Raum entfaltet. Somit nimmt dieses – gestaltet durch

Philipp Dieterich studiert zurzeit Soziologie und Ethnologie in Halle. Durch

Organisationen und Individuen in verschiedenen

dieses Studium konnte er sich intensiver mit dem Thema des Klimawandels und

Städten – andere Formen an.

der globalen Nachhaltigkeit auseinandersetzen und ist dabei durch Freunde auf das Projekt der ‚Transition Towns‘ gestoßen. Die Auseinandersetzung mit die-

109

sem Projekt zeigte ihm auf, wie vielfältig sich Menschen für einen gesellschaftlichen Wandel engagieren.


Aus Gründen Wirtschaftlich

guten gründen arbeiten

und

trotzdem nachhaltig Denken ­ — ein Widerspruch? Vier Berliner

Startups

zeigen,

wie

diese

Wann immer der Begriff ‚Startup‘ auftaucht, wird er

in einem Atemzug mit euphorischen Begriffen genannt: Weltweite Bewegung, New Economy, eben eine ganz

Verbindung

gelingen

kann.

eigene Kultur. Gründer*innen gelten als jung, kreativ, selbstbestimmt und denkt man an Gründer wie Frank Thelen, bringen sie es manchmal zu einem Grad an Be-

110

kanntheit, der bislang nur Popstars vorbehalten war. Was früher das staubige Großraumbüro à la Stromberg war, ist heute der individuell gestaltete Co-Working Space mit Sofaecke. Fast entsteht der Eindruck, als seien Startups die große Revolte des jungen 21. Jahrhunderts. Doch sind sie das wirklich? Verbirgt sich hinter diesem sexy Schein am Ende nicht doch nur das hässliche Gesicht eines lediglich profitorientierten und dabei relativ rücksichtslosen Turbo-Kapitalismus?


Nicht unbedingt. Natürlich, Ziel eines wirtschaftlich ar-

arbeit mit der Humboldt-Universität, die das Team bis

beitenden Unternehmens, und das sind Startups nun

heute unterstützt. Andere Startups haben es aus eigener

einmal, ist und bleibt der ökonomische Erfolg. Wie die-

Initiative heraus probiert, so etwa Ayumi von Dycle. Am

ses Ziel erreicht wird, hängt jedoch immer noch von

Anfang testete sie ihre Idee sogar an sich selbst, erst

den Gründer*innen und ihrer Unternehmensstruktur ab.

später wurde daraus dann ein unternehmerisches Pro-

Sein eigener Chef sein, kann eben auch bedeuten, die

jekt mit mittlerweile mehreren Partner-Unternehmen.

eigenen ökologischen und nachhaltigen Überzeugungen

Dycle ist eines von vielen Startups, das als neu gegrün-

in dem Startup umzusetzen.

detes Unternehmen mit dem Anspruch auf nachhaltige

Zu den derzeit unumstrittenen Hot-Spots für Startups

Entwicklung auftritt. Dass ein Startup auch gemeinnüt-

gehört Berlin, nicht nur in Deutschland, sondern auch in

zig sein kann, das zeigt das mittlerweile gar nicht mehr

Europa und sogar weltweit. Erschwinglicher Wohnraum,

so junge Projekt 24gute Taten. Den Gründer*innen geht

hohe Lebensqualität und optimale Bedingungen, um

es zwar um den möglichst größten Profit, jedoch nicht

sich mit Partner-Unternehmen zu vernetzen – das sind

um sich selber zu bereichern, sondern um nachhaltige

nur einige Vorteile der deutschen Hauptstadt. Für Rolf

Projekte auf der ganzen Welt zu unterstützen.

Behring, Gründer von ÜberEnergy, war es v.a. die För-

derung durch eines der vielen, oft staatlichen, Förder-

ten Seiten vorgestellt. Dabei ist jedes im Gründungspro-

programme, die ihn nach Berlin zog: „Als wir uns

zess unterschiedlich weit fortgeschritten. Manche for-

für ein Stipendium beworben und es dann auch

schen noch an fundamentalen Grundbausteinen, andere

bekommen haben, war das genau die Unter-

stehen kurz vor der Markteinführung und wieder andere

stützung, die wir zu diesem frühen Zeitpunkt der Fir-

sind bereits seit einigen Jahren aktiv und erfolgreich. Sie

mengründung brauchten.“ Auch die zwei Gründer von

alle aber sind eindrucksvolle Beispiele dafür, dass eine

GreenAdapt haben es in ein solches Förderprogramm

zündende Idee, etwas Mut und eine ordentliche Portion

geschafft. Als Spin-off entwickelte sich die Idee aus

Eigeninitiative der Start für ein eigenes Unternehmen

dem universitären Kontext heraus und in Zusammen-

sein kann – das nicht nur nimmt, sondern v.a. auch gibt.

111

Insgesamt vier Unternehmen werden auf den nächs-


Aus

Aa

Gold

4500 Windeln benötigt ein Baby im Durchschnitt,

bevor es lernt, selbstständig die Toilette zu benutzen. Das sind fünf bis sechs Windeln am Tag oder eine Tonne im Jahr – gar nicht schlecht für ein so kleines Wesen! Die Windeln landen nach Benutzung im Müll, klar. Oder doch nicht? Angefangen hat Ayumi Matsuzaka, die freischaffende

Dycle

macht

aus

gebrauchten

Künstlerin ist, mit einem Selbstversuch. 2010 begann sie mit dem Kunstprojekt All my cycle. A body experi-

Babywindeln einen fruchtbaren

ence. „Ich habe damals meine eigenen Ausscheidungen gesammelt und daraus durch Kompostierung dann

Humusboden, um darin Bäume

fruchtbaren Boden hergestellt, in dem ich z.B. Salat und anderes Gemüse gepflanzt habe.“ Anderthalb Jahre dau-

zu pflanzen. Obstbäume etwa,

erte es, bis sich der Kreislauf mit der Ernte und dem Verzehr der Pflanzen wieder geschlossen hatte.

aus deren Früchten wiederum

Ende 2013 kam ihr dann der Gedanke, aus dem

Selbstversuch das Grundprinzip für ein eigenes Un-

Babynahrung

entstehen

kann.

ternehmen

zu

machen.

Der

geschlossene

Kreis-


113

lauf blieb. Jedoch ging es nun nicht mehr

ten“, sagt Ayumi. Und siehe da

um Ayumi selbst, sondern um die größte

– es funktionierte! Mittlerweile

kleinste Gruppe von Fäkalienproduzenten:

wachsen die ersten Obstbäume

Babys. Auch der Name des Startups lag re-

in der Windelerde. Zurzeit fehlt es v.a. an ei-

lativ nahe; Dycle ist eine Komposition aus

nem: den Windeln. Natürlich reichen nicht die

den

Be-

gewöhnlichen Windeln aus

(Windel)

dem Supermarkt, kompos-

(Kreislauf).

tierbar müssen sie sein.

Zur Optimierung des Kreis-

Deshalb arbeiten Wissen-

laufs holte sie sich wissen-

schaftler*innen der Tech-

schaftliche Unterstützung

nischen Universität Ber-

mit ins Boot. Theoretisch

lin seit einigen Monaten

klingt das Projekt wirklich

daran, solche Windeln für

vielversprechend:

Cir-

Dycle herzustellen. Das

ca 1000 Liter schwarzen

Ziel für die Zukunft ist es,

Humus könnte ein einzi-

sogar das Material, das

ges Baby mit seinen Aus-

zur Herstellung der Win-

scheidungen produzieren.

deln benötigt wird, aus

Ob das auch in der Praxis

dem Kreislauf, etwa aus

funktionieren kann, muss-

den Holzfasern der neu

te erst getestet werden.

gepflanzten Bäume, he-

griffen und

englischen diaper cycle

Glücklicherweise konnte Ayumi auf die Win-

raus zu gewinnen. Für Ayumi ist es wichtig,

delbestände eines Unternehmens zurückgrei-

dass der Kreislauf nur mit der Unterstützung

fen, das bereits vorher versucht hatte, kom-

aller mitarbeitenden Menschen funktionieren

postierbare Windeln auf den Markt zu bringen.

kann: „Ohne eine solche Unterstützung wäre

„Da hatten wir wirklich großes Glück, denn

unser System schwach, deshalb ist jeder ein-

so konnten wir unser Pilotprojekt star-

geladen, sich zu engagieren!“


Die Energiezentrale

Rolf Behrsing liebt Effizienz. Beim Ausfüllen von Pa-

pierkram etwa. Oder beim Bau seines eigenen Hauses im sonnigen Kalifornien. Um die Wärme im Haus so gut wie möglich nutzen zu können und möglichst wenig davon zu verschwenden, setzte Behrsing zunächst auf eine solide Dämmung. Doch das war ihm noch nicht genug, er wollte mehr, mehr Effizienz. Und genau hier, in diesem Moment der Unzufriedenheit, sich nicht einfach damit zufrieden zu geben, wie in seinem Haus die Wärme genutzt wird, entstand die Idee für sein Startup: Die produ-

ÜberEnergy steuert den Ener-

zierte Heizungswärme in Häusern müsste sich doch so steuern lassen, dass die Energie intelligent genutzt wird.

gieverbrauch in Haushalten. Da-

Anfangs spielte er mit der Überlegung, in seiner Heimat Kalifornien, im berühmten Silicon Valley, zu bleiben und

durch wird weniger Energie ver-

dort sein Unternehmen aufzubauen. Sogar Investoren hatte er schon gefunden. Dann kam jedoch die Zusage

schwendet – und der Luxus erhöht.

für ein Stipendium in Berlin, auf das er durch eine Mit-


arbeiterin von ÜberEnergy aufmerksam wurde, und das ganze Team packte die Koffer.

Die Lösung für das Problem der Wärmeverteilung:

maschinelles Lernen. Ein computergesteuertes System erstellt dabei aus einer Reihe von Beobachtungen Muster, etwa wie oft und wie lange die Bewohner*innen ihre Wohnung verlassen. Darüber hinaus werden externe Einflüsse, wie etwa Sonneneinstrahlung und Wetterveränderungen in das Programm eingespeist. „Aus all diesen Daten kann man ziemlich genau berechnen, wie eine Wohnung am besten beheizt werden sollte“, so Behrsing. Tagsüber, wenn die Wohnung leer ist, wird also z.B. weniger geheizt, kurz bevor die Bewohner*innen dann zurückkehren, regelt das System die Temperatur wieder nach oben – und man kommt in eine warme Wohnung. Die ganze Idee basiert also auf Vorhersehbarkeit. Aber ist nicht jeder Tag im Leben eines Menschen anders? „Glaub mir, die meisten Menschen sind in ihrer täglichen Routine vorhersehbarer als sie denken.“

Warum solche Routinen also nicht dazu nutzen, Ener-

gie besser zu nutzen? Falls man aber doch mal spontan ins Eigenheim zurückkehrt, so stellt sich das System durch Echtzeitinformationen auch darauf ein. Behrsing und sein Team schätzen, dass bei einem durchschnittlichen Mitteleuropäer etwa 40 Prozent an Energie durch

115

seine Idee eingespart werden könnte.


116

ÜberEnergy ist also so etwas wie ein intelligenter

die Heizung all zu hoch zu drehen. In anderen Ländern

und lernfähiger Thermostat. Es klingt fast zu schön:

ist dies allerdings nicht der Fall. So auch in Behrsings

Den Energieverbrauch senken und das Wohlbe-

Heimatland, den USA. Damit sein System dort auch ak-

hagen in den eigenen vier Wänden sogar noch erhöhen.

zeptiert wird, muss es noch einen weiteren Nutzen ha-

Und nicht nur für Privathaushalte ist die Technologie ge-

ben, einen Nutzen finanzieller Natur. Weniger Energie

dacht:

zu verbrauchen, bedeutet nämlich letztendlich bares

„In Schulen z.B. sind die Räume nur während des

Geld zu sparen. Dieser Aspekt ist gerade in Ländern wie

Unterrichts und in den Pausen belegt. Dazwischen ist

Amerika, wo schon die Existenz des Klimawandels al-

das Heizen einfach nur Energieverschwendung.“

les andere als common sense ist, von Relevanz. Denn,

Behrsing räumt zwar ein, dass in Deutschland das Be-

auch wer das Klima in erster Linie gar nicht schützen

wusstsein für den Energieverbrauch relativ hoch ist,

will, Geld sparen und in ein warmes Hause kommen, das

dass sich manche lieber einen Pullover überziehen als

wollen dann doch die meisten.


Helfertürchen

Einen

Baum

pflanzen,

eine

Eine Hand voll Studienfreunde, eine originel-

le Idee und eine ganze Menge ehrenamtlicher

Stunde Nachhilfe, ein Kranken-

Arbeit: dies waren die Zutaten für das Startup 24gute Taten. Alles begann vor einigen Jahren in

transport.

Mit

dem

Weih-

der Vorweihnachtszeit: Als Sebastian Wehkamp, einer der Gründer, auf der Suche nach einem Ad-

nachtskalender dieses Startups

ventskalender durch die Stadt hetzte, wurde er immer wieder von Spendensammler*innen ange-

lassen sich auf kreativem Weg

sprochen. Da kam ihm die Idee: Eigentlich müsste sich doch das Spenden und das Schenken ver-

24gute

Taten

vollbringen.

binden lassen. Und das ließ es sich durchaus!


118

Das Prinzip des Kalenders ist einfach: Für eine

Transparenz. Für jedes Türchen lässt sich daher

Spende von 24, 48 oder 96 Euro bekommt man

online genau nachvollziehen, wie die Leistung bei

einen der Weihnachtskalender. Hinter jedem Tür-

den Betroffenen vor Ort ankommt. Es werden Hin-

chen steckt dann ein Hilfsprojekt, das entspre-

tergrundinformationen gegeben und genau aufge-

chend einen Teil der Spende erhält. Quasi die

zeigt, welches Problem vor Ort überhaupt existiert:

„Schokolade des Kalenders“, wie die Gründer*in-

„Bei der Auswahl der Projekte achten wir sehr

nen es selbst nennen. Diese Kleinstspende fliest

darauf, dass die gute Tat Teil eines sinnvollen

jedoch nicht wie bei anderen Spendenaktionen in

Gesamtkonzeptes ist“, erklärt Lisa Strauch, die

einen großen abstrakten Topf, aus dem das Pro-

als Projektmanagerin für den Kalender arbei-

jekt dann finanziert wird, sondern jeder Euro lässt

tet. Ein ganz neuer Ansatz des Startups ist es,

sich direkt in eine kleine, ganz konkrete Leistung

Schulklassen für den Kalender zu begeistern.

übersetzen: So kann man am ersten Advent z.B.

„Seit einiger Zeit haben wir die Möglichkeit,

sieben Hühner im Südsudan impfen lassen. Am

dass wir für Schulen neben dem Kalender

14. Dezember ermöglicht man die Pflanzung eines

auch

Baumsetzlings in Uganda. Und einige Tage später

Durch das tägliche Öffnen der Türchen können

finanziert man eine Dosis Insulin für einen syri-

dann spielerisch globale Zusammenhänge er-

schen Flüchtling mit Diabetes. Unterstützt wer-

schlossen werden. Im Gegensatz zu den anderen

den Hilfsprojekte aus den vier Bereichen Ge-

vorgestellten Unternehmen ist dieses als gemein-

sundheit, Bildung, Versorgung und Natur. Oberste

nütziger Verein organisiert. Ist 24gute Taten dann

Priorität hat bei den Mini-Spenden immer die

überhaupt noch ein Startup?

Unterrichtsmaterialien

bereitstellen.“


119

„Zwar wollen auch wir einen möglichst gro-

Seit dem Start des Projekts im Jahr 2011 wur-

ßen ‚Profit‘ machen, allerdings geben wir das

den insgesamt 144 Projekte in 55 Ländern unter-

Geld dann größtenteils an unsere Partnerpro-

stützt und rund 965.000 Euro an Spenden einge-

jekte weiter“, erklärt Lisa. Von diesem grundsätz-

nommen. Auch wenn das Team damit nicht auf

lichen Unterschied einmal abgesehen, ist das Pro-

Anhieb die Probleme der Welt lösen kann, ein Pro-

jekt einem typischen Startup aber durchaus sehr

blem löst 24gute Taten in jedem Fall:

ähnlich: Am Anfang stand die originelle Idee des

Adventskalenders mit Kleinstspenden. Durch die

nachtskalender.

Initiative der Gründer*innen wurde daraus dann allmählich ein marktreifes Produkt. Damit die Arbeit des Kalender-Teams weitergehen kann, fließt ein Teil jeder Spende in die Vereinsarbeit und mittlerweile konnten sie eine halbe Stelle schaffen:

„Ab einer bestimmten Größe ist es einfach

nicht mehr möglich, ein solches Unternehmen ausschließlich ehrenamtlich zu stemmen.“

die lästige Suche nach einem originellen Weih-


Wetterwechsel

‚Die Folgen des Klimawan-

dels‘, diese fast schon zur Floskel mutierte Redensart ruft Assoziationen wie Wirbelstürme, Dürren oder Überschwemmungen hervor – und klingt meistens nach weit, weit weg. Dass der Klimawandel auch in Deutschland wirksam werden wird, daran denken viele erstmal nicht. Dabei ist auch hierzulande jede Region auf eine ganz bestimmte Art und Weise betroffen. Wie genau, das möchte das junge Berliner Startup GreenAdapt herausfinden.

Entstanden ist die Idee im Laufe der Bildungs-

arbeit von Ingo Böing und Adrian Pfalzgraf, den beiden Initiatoren. An Schulen redeten sie über

Dass

der

Klimawandel

den Klimawandel und darüber, mit welchen Maßnahmen man sich anpassen kann – im Grunde war

unser

Wetter

verändern

wird,

das schon eine Risikoanalyse im kleinen Maßstab.

ist

unumstritten.

Die

jungen

„Auf meinem Dachboden haben wir uns ganz

am Anfang überlegt, wie ein Analyse-Tool aussehen könnte und das dann auf einem vier Me-

Gründer*innen von GreenAdapt

ter langem Backpapier skizziert“, erinnert sich Ingo Böing. Durch eine Kooperation mit der Hum-

wollen

Kommunen

bei

boldt-Universität und einer Förderung durch das EXIST-Gründerstipendium wurde aus den anfäng-

der

Vorbereitung

helfen.

lichen Gedanken dann allmählich eine konkrete


121

analyse zu erstellen, die immer den Zeitraum zwischen 2031 und 2060 betrifft. Deren Ergebnis ist bzw. wäre also die so oft von der Politik gepredigte Investition in

abschätzbar zu machen:

die Zukunft. Ein Beispiel: Der Harz ist in den kalten Jah-

„Bei Hitzewellen steigt

reszeiten eine beliebte Wintersportregion, Skilanglauf-

das Herzinfarktrisiko um

strecken, aber auch einige Abfahrten gibt es hier. Wenn

das

es nun im Winter möglicherweise wärmer wird, so warm,

alte Menschen sind da-

dass der Schnee ausbleibt, dann bleiben im Harz auch

von betroffen“,

die Touristen fern. Eine Kommune, die ihre gesamte In-

meint Adrian. Anfangen

frastruktur auf den Wintersport ausgerichtet hat, muss

wollen die Gründer*innen

dadurch mit starken finanziellen Einbußen rechnen.

erst einmal in Deutsch-

Doch wer behauptet, dass sich der Klimawandel aus-

land, doch perspektivisch

schließlich negativ auswirkt? Eine ehrliche Analyse der

können sie sich durchaus

Folgen kann für manche Regionen auch bedeuten, dass

vorstellen, ihre Software

sie von den Wetterveränderungen profitieren könnten.

auch in anderen Regionen

Für unsere Harzer Kommune könnte das etwa bedeuten,

der Welt zu testen.

Dreifache,

gerade

dass die längeren Sommer dazu genutzt werden können, den Wandertourismus auszubauen und dadurch die VerGeschäftsidee.Grundsätz-

luste im Winter zu kompensieren. Oder: In landwirtschaftlichen

lich geht es darum, nicht

Kommunen steigt bei zunehmenden Windstärken die Erosion der

völlig

auf

Bodenkrume auf den Feldern. „Da kann es schon helfen, an be-

das sich langsam verän-

stimmten Stellen Hecken zu pflanzen“, erklärt Adrian, der die

dernde Klima zu sein.

strategische Leitung des Gründungsprojektes übernommen hat.

Für jede Kommune ver-

Worauf genau sich eine Region gefasst machen muss, das verrät die

suchen die Gründer*innen

Software und die wissenschaftliche Expertise von GreenAdapt.

deshalb aus Klimadaten

Das langfristige Ziel des noch jungen Unternehmens ist es, das Ri-

eine individuelle Risiko-

siko des Klimawandels auch für Unternehmen und Privatpersonen

unvorbereitet

Theo Starck absolvierte 2009/10 einen internationalen Freiwilligendienst auf den Philippinen. Nach seiner Rückkehr studierte er deutsche Sprache und Literatur in München, Prag und Berlin. Währenddessen suchte er nach Möglichkeiten des Engagements in Deutschland und kam dabei auch auf die Gründung von Startups, die ihr Wirtschaften explizit auf Nachhaltigkeit ausrichten.


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!

Mitsuo Iwamoto verbrachte 2015/2016 12 Monate in einem Jugendzentrum in El Viejo, Nicaragua. Dort arbeitete er mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ein Jugendkollektiv gr체ndeten, um lokale soziale Probleme zu bek채mpfen. Das Kollektiv hat bereits mehrere Projekte, wie einen Dokumentarfilm 체ber Kinderarbeit und eine Onlinekampagne gegen Bel채stigung, erfolgreich verwirklicht. Derzeit studiert Mitsuo Philosophie, Politik und Wirtschaft in Oxford.

122


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!

Ein drückend heißer Tag im Parque Central von El

Viejo, Nicaragua. Marktfrauen laufen über den Platz und bieten ihre Produkte an, Schüler*innengruppen sitzen beisammen, lachen und kichern. Mitten in diesem regen Treiben zwei junge Männer auf einer Parkbank. Die beiden unterhalten sich angeregt. Sie regen sich darüber auf, wie die Regierung sich hauptsächlich damit beschäftigt, zu zeigen, dass sie etwas gegen die sozialen Probleme im Land unternimmt, aber nichts an den Ursachen ändert. Wie der Präsident paternalistische ‚Geschenke‘ an seine Getreuen verteilt und mit öffentlichen Einrichtungen umspringt, als würden sie ihm gehören und nicht dem nicaraguanischen Volk. Wie er Schulen und Universitäten unter seine Kontrolle bringt und als Propagandainstrumente missbraucht. Und wie auch die Nichtregierungsorganisationen in ihrem Kampf oftmals scheitern, gelähmt durch die Notwendigkeit ständig neue Projektanträge zu stellen, ‚Qualitätsmanagement‘ zu betreiben und alles zu dokumentieren. Die dabei oft mehr Kraft in diese Dinge stecken müssen, als ihnen dann für die tatsächliche Arbeit bleibt.

123


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!

wollten. Im Nachhinein scheint es mir absurd, dass ich so lange brauchte, um dies zu begreifen. Aber ich hatte damals schon die Narrative verinnerlicht, dass die Menschen nur in unser Zentrum kamen, wenn sie etwas von uns wollten. Und die staatlichen ‚Geber‘-Pro-

So lautet der Gründungsmythos des ‚Colectivo So-

gramme verbreiten ja auch eine ‚Nehmer‘-Mentalität,

cial Juvenil Somos Diferente‘. An diesem Tag beschlie-

die die Menschen in eine gewollte Abhängigkeit bringt

ßen die beiden, dass es nicht genug ist, sich nur über die

und Eigeninitiative zerstört. Gerade deswegen scho-

Missstände zu beklagen, sondern, dass sie selber etwas

ckierte es mich wohl so, dass die beiden, ohne eine

ändern wollen. Ich begegnete den beiden Männern von

Gegenleistung zu wollen, einfach aus Anteilnahme und

der Parkbank, Derlis und Melvin, das erste Mal in dem

Engagement, etwas verändern wollten.

Sozialzentrum, in dem ich letztes Jahr arbeitete. Sie ka-

men vorbei, um mit meinem Chef Josué zu sprechen. Ob

es an meinem Spanisch lag oder daran, dass ich solch

des Colectivo wollen sich, anstatt auf Hilfe von außen

eine Idee einfach nicht erwartet hatte, kann ich heute

zu warten, den sozialen Problemen vor Ort selber an-

nicht mehr sagen, aber mir blieb schleierhaft, was die

nehmen. Dabei wollen sie sich nicht von der Regierung,

beiden zu ihrem Besuch motiviert hatte. Später erklärte

aber auch von keiner NGO vorschreiben lassen, wo und

mir Josué, dass die beiden auch schon an anderen Pro-

wie sie zu arbeiten haben. Sie machen dies freiwillig

jekten mit ihm gearbeitet hatten und gekommen waren,

und wie es ein Mitglied treffend beschreibt, „aus Ver-

um ihn als Privatmann, nicht als Sozialarbeiter, für das

antwortung und mit Verantwortung.“

Die Idee dahinter ist relativ einfach: Die Mitglieder

Colectivo zu gewinnen. Ich verstand immer noch nicht so

wirklich, was die beiden antrieb. Doch als sich mehrere Wochen später fünf Leute bei uns einfanden, um an der Satzung des Colectivo zu arbeiten, begann ich zu verste-

hen, dass den beiden die Menschen in ihrer Stadt einfach wichtig waren und sie deren Situation verbessern

124


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!

125


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!

Also sammelten die beiden befreundete Mitstrei-

ter*innen um sich. Ihnen half v.a. auch, dass die Grün-

dungsmitglieder alle aus der Region stammen und schon seit Langem freundschaftlich verbunden sind. So hatten die ‚Sitzungen‘ des Colectivo oft einen entspannten, wit-

zigen Charakter. Für die ersten Monate setzten sich die Mitglieder das Ziel, einen Dokumentarfilm über Kinder-

arbeit zu drehen (youtube.com) und Workshops mit den

betroffenen Kindern durchzuführen. Denn in der nicaraguanischen Gesellschaft wird Kinderarbeit oft schlicht

als normal angesehen. Auch ich machte mir nach ein

paar Wochen in Nicaragua keine Gedanken mehr darüber eine Tüte ‚tajadas‘ (leckere frittierte Kochbanen, die

es in Nicaragua überall, wirklich überall zu kaufen gibt)

bei einem Kind zu kaufen. Doch die Realität der Kinder zeigt, dass diese Ignoranz schreckliche Folgen hat. Die

Kinder können nicht zur Schule gehen, nicht spielen und

nicht Kind sein. Wenn man dies erkennt, stellt man sich zwangsläufig die Frage, warum ihre Eltern, die Regie-

rung und Gesellschaft dies zulassen. Doch den meisten Eltern bleibt keine andere Wahl als ihre Kinder arbeiten zu schicken, da sie als Familien auf das Geld angewiesen sind. Insbesondere in den ländlichen Regionen, in denen viele Eltern auf den großen Zuckerrohr-Plantagen arbeiten, häufen sich die Fälle, in denen Eltern an chronischem Nierenversagen erkranken, arbeitsunfähig werden und frühzeitig sterben. Die Krankheit wird mit auf den Plantagen eingesetzten Pestiziden und dauerhafter Dehydratation während extrem langer Arbeitstage in Verbindung gebracht. Doch da sich weder die Plantagenbesitzer noch die Regierung für die Folgen verantwortlich fühlen, sind die betroffenen Familien oft auf sich alleine gestellt, wenn die Eltern nicht mehr arbeiten gehen können. Mit dem Wegfall dieses Einkommens bleibt den Kindern oft keine andere Wahl als selber zum Familieneinkommen beizutragen. Das Colectivo schafft

126


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! es in seinem Film durch Interviews mit Sozialarbeitern, Eltern und Kindern, diese Zusammenhänge aufzuzei-

gen. Gleichzeitig rührt es die Zuschauer*innen zutiefst, z.B., wenn man hört, wie Socorro, eine achtjährige Stra-

ßenverkäuferin auf die Frage: „Möchtest du aufhören,

zu arbeiten?“, antwortet: „Nein, ich möchte ja meine

Mama nicht im Stich lassen … am liebsten würde ich arbeiten und zur Schule gehen.“

Beim Drehen der Dokumentation fiel Melvin jedoch

auch auf, wie sie sich durch ihre hervorgehobene Position weiter von den Mitgliedern der Comunidad ent-

fernten. Doch ihr Anspruch ist es gerade nicht nur eine Gruppe von Expert*innen zu sein, die gegen lokale Prob-

leme antritt, sondern auch Menschen ohne Vorkenntnis-

se miteinzubeziehen und ihnen zu ermöglichen, sich für eine Verbesserung der Situation einzusetzen. So wollen

sie nicht nur selber Probleme bekämpfen, sondern noch

viel mehr Menschen dazu in die Lage versetzen, selber Probleme zu analysieren und an ihrer Lösung mitzuar-

beiten. Zum Beispiel Eric, ein Jugendlicher aus unserer

Comunidad, nahm das Angebot, beim Colectivo mitzu-

127


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen!

arbeiten, an. Eric´s Mutter arbeitet derzeit, wie so viele Nicaraguaner*innen, in Costa Rica und daher wohnen er und sein jüngerer Bruder bei ihrer Tante in der Comunidad. In der Schule hatte Eric Probleme mitzukommen und musste bereits eine Klasse wiederholen. Im Colectivo konnte er sich endlich ausleben, seine eigenen Ideen einbringen und sich in seiner Freizeit voll zur Entfaltung bringen. Dies half ihm auch seinen Alltag zu strukturieren und sich in der Schule zu verbessern. Auf diese Weise bietet das Colectivo Jugendlichen die Möglichkeit, sich sinnvoll einzubringen und dabei eine ganze Menge über ihre Stadt und die Probleme vor Ort zu lernen. Doch so bewundernswert die Arbeit des Colectivo

auch ist, trifft sie auch immer wieder auf Hindernisse. Dazu zählt die Motivation der Mitglieder. Keine*r von ihnen wird für seine Arbeit bezahlt, viele von ihnen befinden sich selbst auch in einer ökonomisch schwierigen Lage und haben anderweitige Verpflichtungen, denen sie nachkommen müssen. Gleichzeitig brauchen sie, auch wenn sie unentgeltlich arbeiten, Mittel, um z.B. Materialien für Workshops oder Equipment für Dreharbeiten zu

128


Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! Selber machen! beschaffen. Denn, auch wenn sie viel Einsatz und Moti-

bringt, mit Menschen aus derselben Stadt zu arbeiten.

vation mitbringen, über finanzielle Mittel verfügt keines

Zum Beispiel konnte das Colectivo eine Arbeitsgruppe

der Mitglieder.

zur sich verschlechternden Umweltsituation ins Leben

Trotzdem ist das ‚Colectivo Social Juvenil Somos

rufen, in der sich sowohl Vertreter*innen der Bevölke-

Diferente‘ ein gelungenes Beispiel dafür, wie Eigeni-

rung als auch Politiker*innen und Vertreter*innen von

nitiative auch mit wenig Mitteln schon viel verändern

NGO´s gemeinsam gegen die Verschmutzung des Grund-

kann. So gaben die Schulklassen, in denen das Colec-

wassers durch die umliegenden Zuckerrohr-Plantagen

tivo beispielsweise Workshops zu Prävention durch-

engagierten. Dieser inklusive Ansatz führt auch dazu,

führte, durchgehend an, dass sie sich nun besser und

dass die Menschen, mit denen das Colectivo arbeitet,

sicherer beim Thema Sex fühlen. Auch die Online-Kam-

weniger das Gefühl haben, ‚Objekte eines Projektes‘ zu

pagne gegen die Belästigung von Frauen stieß in den

sein, sondern handelnde Subjekte, die gemeinsam mit

sozialen Netzwerken auf große Resonanz und positive

anderen Menschen für eine nachhaltige Verbesserung

Rückmeldungen. Natürlich hat die Dokumentation über

ihrer Situation eintreten. So wird auch verhindert, dass

Kinderarbeit nicht dazu geführt, dass alle Kinder plötz-

eine zu große Abhängigkeit entsteht, wie es bei beinahe

lich nicht mehr arbeiten müssen. Aber durch mehrere

allen staatlichen und vielen Programmen von Nichtregie-

Filmvorführungen wurde zumindest eine Sensibilisie-

rungsorganisationen in Nicaragua der Fall ist. Durch die

rung einiger wichtiger Akteur*innen in der lokalen Po-

Förderung genau solcher Projekte kann der Widerspruch

litik erreicht. Dabei profitieren die Mitglieder von ihrer

der Hilfe vielleicht aufgehoben werden: Helfen, ohne die

lokalen Verwurzelungund den Vorteilen, die es mit sich

Menschen abhängig von dieser Hilfe zu machen.

129


Kipok: Wir werden leben!

Safe Motherhood

im Endulen Hospital

im Norden

Tansanias

Dr. Florian Schneider arbeitet seit 2005 in verschiedenen Ländern Afrikas. Nach zwei Jahren ‚Missionar auf Zeit‘ in Äthiopien und Tansania war er Gründungsmitglied und Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Endulen e.V. - Trage es im Herzen mit!“ Im Jahr 2014 beendete er sein Medizinstudium an der Universität Witten/Herdecke

130

und arbeitet derzeit als Kinder- und Jugendarzt am St. Franziskus Hospital in Münster.


und in einem Umkreis von 300 km des Krankenhauses. Sie werden mindestens einmal im Monat vom Primary Health Care Team besucht. Dieses Team besteht aus einem Arzt und einer Hebamme. Sie kümmern sich um kranke Maasai und führen die Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere und Kinder durch. Pro Jahr können ungefähr 300 schwangere Frauen untersucht und begleitet werden.

Die Frauen der Maasai entbinden mit Hilfe lokaler Hebam-

Die Ortschaft Endulen liegt mitten in der Ngorongoro

men (TBAs) in ihrem familiären Umfeld zu Hause. In einem Dorf

Conservation Area im nördlichen Tansania. Dieses ein-

(Boma) ist mindestens eine Frau in Geburtshilfe und den kul-

zigartige Naturschutzgebiet dient dazu, dass Menschen

turellen Riten ausgebildet, um die Schwangeren während der

im Einklang mit Natur und wilden Tieren leben können.

Schwangerschaft und durch die Geburt zu begleiten. Diese Be-

Dort ist das Endulen Hospital das einzige Krankenhaus

gleitung geht solange, bis das Kind 3 bis 4 Jahre alt ist. Sie kön-

für ca. 80.000 Menschen. Es versorgt v.a. Maasai, aber

nen unkomplizierte Geburten sehr gut betreuen und gehen wäh-

auch Wairaq und Mangati. Erstere verfolgen weiterhin

renddessen auf zahlreiche

ihre traditionellen Lebenswege, die bedeuten, dass vie-

Riten und Bräuche ein. Wenn

le kulturelle Riten ihren Alltag über das ganze Leben

aber Komplikationen oder

hinweg bestimmen.

Begleiterkrankungen

Zu den wichtigsten Riten gehören die traditionellen

Kindern oder der Frau auf-

Initiationsfeste zu Beginn der Pubertät und zu den Ver-

treten, benötigen sie schul-

131

bei

mählungen. Die Dörfer der Maasai liegen auf

medizinische

Unterstüt-

einer Höhe von 1000 – 3000 m Meereshöhe

zung aus dem Krankenhaus.


Die schnell benötigte

Zwischen 2006 und 2007 lebte ich für ein Jahr in Endu-

Hilfe kommt oft zu spät,

len und arbeitete täglich im Krankenhaus. Dort wuchs nicht

da die Dörfer zu weit weg

nur der Wunsch Medizin zu studieren und als Arzt zurückzu-

liegen,

Benachrich-

kehren, sondern viele Fragen wurde in unzähligen Gesprä-

tigung zu spät abgesetzt

chen aufgeworfen und konnten nicht ausreichend beant-

wird oder der Weg für

wortet werden. Es mussten bei schneller Ausbreitung von

Fahrzeuge

unzugänglich

tödlichen Infektionskrankheiten und hoher Sterblichkeits-

ist. Komplikationen sind z.B. mangelnde Wehentätigkeit in

rate bei Geburt und im Säuglingsalter dringend Antworten

der Austreibungsphase der Geburt, starker Blutverlust oder

gefunden werden. Die traditionelle Maasai-Gesellschaft

Infektionen am Ende der Schwangerschaft.

befand sich im Zwiespalt zwischen der fortschreitenden

Wenn die Betreuung durch lokale Hebammen erfolgt,

Modernisierung, v.a. in Bezug auf das Sexual- und das Part-

finden zudem keine Untersuchungen und Behandlungen

nerschaftsverhalten und die tief verwurzelte Kultur mit der

von

Infektionskrank-

heiten

Pflicht,

traditionsmäßig

Syphi-

zu heiraten und viele Kin-

HIV/

der zu bekommen. Nach

typischen

meiner Rückkehr im Jahr

Schwangerschaftser-

2007 gründete ich mit vie-

krankungen

(schwan-

len Mitstreiter*innen den

gerschaftsinduzier-

Verein ‚Endulen e.V. – Tra-

ter

Bluthochdruck,

ge es im Herzen mit!‘. Im

Schwangerschafts-

Jahr 2008 fassten wir die

vergiftung) statt, was

Millennium Development

Mütter und Kinder zu-

Goals 4 und 5 ins Auge, um

sätzlich einem großen

die Säuglings- und Müt-

Risiko aussetzt.

tersterblichkeit

lis, Aids)

(z.B.

die

Gonorrhoe, und

ken.

132

zu

sen-


In den Jahren 2008 bis 2010 führte ich halbstrukturierte Interviews in den Dörfern um das Krankenhaus herum durch, um der Frage nachzugehen, warum bei einer hohen Geburtenrate und bei einer gleichzeitig hohen Mütter- und Säuglingssterblichkeit so wenige Geburten unter ärztlicher Beobachtung im Krankenhaus stattfinden. Zu Fuß oder mit dem Motorrad ging es in entlegene Dörfer. Hohe Krankenhausgebühren, mangelnder Platz innerhalb der bestehenden Krankenhausstruktur, Ignoranz gegenüber kulturellen Bedürfnissen und die mangelnde Akzeptanz gegenüber der TBA waren die Hauptgründe. In den kommenden Monaten folgten viele Treffen mit den Ältesten, mit traditionellen Heiler*innen, lokalen Hebammen und schwangeren Frauen, um diesen Fragen weiter auf den Grund zu gehen und das kulturelle Wissen der angestellten Pfleger*innen,

MDG`s und SDG`s

Ärzt*innen im Krankenhaus zu steigern. Der Hauptfokus lag

Millennium Development Goal 4, Senkung der Kindersterblichkeit: Zwischen

immer auf dem gegenseitigen Austausch und der gegensei-

1991 und 2015 Senkung der Kindersterblichkeit von unter Fünfjährigen um zwei

tigen Bereicherung. Für die Angestellten im Krankenhaus

Drittel (von 10,6% auf 3,5%). Millennium Development Goal 5, Verbesserung der

war v.a. die Wichtigkeit der traditionellen Hebammen ein

Gesundheitsversorgung der Mütter: Zwischen 1990 und 2015 Senkung der Ster-

neuer, zentraler Punkt, die z.B. diverse Segnungen nach der

blichkeitsrate von Müttern um drei Viertel. Bis 2015 allgemeinen Zugang zu re-

Geburt vornimmt.

produktiver Gesundheit erreichen. Im September 2015 wurde die Agenda 2030 verabschiedet, bei der 17 neue ‚Sustainable Development Goals‘ verabschiedet

133

wurden. Quelle: www.un.org/millenniumgoals


Mit Hilfe der Maasai und der Angestellten wur-

Der Schwerpunkt der

de ein Bauplan für eine neue Wöchnerinnenstati-

Arbeit im Rahmen ‚Safe

on entwickelt, die im Jahr 2011 – finanziert durch

Motherhood‘

Spenden aus Europa – eröffnet wurde. Sie wurde

dahin

‚Kipok!‘ genannt, was übersetzt ‚Wir werden leben!‘

rung und Aufbau neuer

heißt. Die neue Abteilung bietet Platz für 24 Frau-

Strukturen.

en – vor, während und nach der Geburt. Neues me-

die eingeführten Treffen

dizinisches Equipment macht eine fachgerechte

mit lokalen Hebammen

Betreuung von Komplikationen und Operationen

werden bis heute vier-

möglich. Eine rudimentäre Frühchenstation er-

teljährlich

möglicht eine Versorgung von zu klein oder zu

um weiterhin einen Raum zu schaffen, Wissen auszutauschen. Ange-

früh Geborenen.

stellte Ärzt*innen und Hebammen/Krankenpfleger lernen viel von der

war

bis

WissensgenerieBesonders

fortgeführt,

Kultur der Maasai und die lokalen Hebammen lernen viel für die Geburten im Boma und darüber, was im Endulen Hospital in Notfällen möglich ist. Bis zu 60 Frauen treffen sich dort pro Workshop mit einheimischen Hebammen und Ärzt*innen des Krankenhauses. In der neuen Wöchnerinnenstation wurde extra ein Bereich geschaffen, wo Wissen besprochen und weitergegeben wird. Ein lokaler Künstler bemalte die Innenwände des neuen Gebäudes mit kultursensitiven Bildern. Durch diese Zeichnungen inspiriert, entwickelte ein deutscher Illustrator eine Aufklärungsbroschüre, die Vorgehensweisen bei möglichen Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt darstellt.

134


Diese

Broschüre

wird bei den Treffen besprochen und auch ausgehändigt,

damit

auch in den Dörfern Gespräche mit jungen Frauen und Mädchen stattfinden

können

und das Wissen so weitergegeben wird.

Die

Anzahl

der

Geburten im Krankenhaus sind in den letzten acht Jahren gestiegen. Waren es in den Jahren 2008 bis 2010 insgesamt 186 Geburten, so fanden allein im Jahr 2016 an die 300 Geburten im Krankenhaus statt. Auch die Zahl der Kaiserschnitte konnte bis über 30 pro Jahr angeho-

und die gegenseitige Akzeptanz zu fördern.

ben werden. Derzeit setzen wir uns mit der Idee eines Erweiterungs-

Durch die Verbindung europäischer Hilfe mit

baus auseinander.

tansanischer Organisation und

Lokale Hebammen sind ein

lokalem bzw. kulturellem Wissen

wichtiger Schlüssel bei der Be-

konnte in den letzten Jahren viel

treuung von Frauen vor, wäh-

für die Gesundheit von Müttern

rend und nach der Geburt, um

und Kindern in und um Endulen

die Mütter- und Säuglingssterb-

getan werden. Das gegenseitige

lichkeit zu senken. Interviews,

Vertrauen ist das wichtigste Ele-

regelmäßige Treffen und Aufklä-

ment, um den Kindern und deren

rungsarbeit halfen in kurzer Zeit,

Müttern einen guten Start ins Le-

kulturelle Hürden zu überwinden

ben zu bieten.

135


Endulen e.V. Seit 2005 arbeitet Dr. Florian Schneider in verschiedenen Ländern Afrikas. Er war u.a. für sein Studium in Südafrika, baute mit dem Operndorf Afrika eine Krankenstation in Burkina Faso auf und ist medizinischer Berater des Aufklärungsprojekts ‚Ask without Shame‘ in Uganda. 2008 war er Gründungsmitglied und für viele Jahre danach 1. Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Endulen e.V. – Trage es im Herzen mit!“ Schwerpunkt des Vereins ist es, in Zusammenarbeit mit den Maasai, den traditionellen Hebammen und tansanischen Ärzten und Ärztinnen die Mütter- und Säuglingsgesundheit in und um das Endulen Hospital im Norden Tansanias zu verbessern. Im Endulen Hospital wurden für Projekte, die sich v.a. der Energieversorgung, der Reduzierung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit, der medizinischen Ausstattung und der akuten Übernahme von Medikametenlieferungen oder Notoperationen widmen, bereits mehr als 250.000 Euro gesammelt und sinnvoll in Endulen eingesetzt. Sein Herzensprojekt ist das Projekt ‚Safe Motherhood‘ zur Verbesserung der Mütter- und Säuglingsgesundheit im interkulturellen Kontext. Wer Lust hat, beim Verein „Endulen e.V. – Trage es im Herzen mit!“ mitzuhelfen oder die derzeitigen Projekte finanziell zu unterstützen, findet mehr Informationen unter

136

www.endulen.de.


Taste Slow

of Malawi

Fashion


138

Die Schneiderin Joyce Banda berichtet von ih-

rer neuen Arbeit im Projekt ‚Taste of Malawi‘: „Es bringt nicht nur zusätzliches Geld ein, welches wir dringend benötigen. Das Projekt schenkt uns die Möglichkeit, endlich etwas Eigenes erschaffen zu können. In einem Land wie Malawi ist es nicht selbstverständlich, dass Frauen arbeiten. Durch meine Teilnahme wird das Bild der arbeitenden, selbstständigen Frau, auch innerhalb meines persönlichen Umfelds, normalisiert.“

Malawi hat im Grunde eine lange ‚slow fash-

ion‘-Tradition. Es gibt ein starkes Bewusstsein für Kleidung und das Schneider*innenhandwerk. Die Stoffe werden ‚Chitenje‘ genannt und sind mit verschiedenen Formen und Farben bedruckt, die eine

denn es kommen immer kosten-

kulturelle Bedeutung haben. Die aus den Baumwoll-

günstigere Kunstfaser-Stoffe aus

stoffen geschneiderten Textilien sind ein treuer Be-

Fabriken in Indien und China auf

gleiter im Alltag – ob als Babytrage oder als Kleid, der

den Markt. ‚Langsame Mode‘ versucht,

Stoff wird für alles Mögliche verwendet. Das, was in

diesen Prozessen mit einer sorgfälti-

Europa und den USA als ‚slow fashion‘ bezeichnet

gen Herstellung und Auswahl der Roh-

wird, ist in Malawi die normale, traditionelle Textil-

stoffe, einer nachhaltigen und manuel-

industrie. Aber auch die malawische Industrie ist von

len Produktion sowie Langlebigkeit der

globalen wirtschaftlichen Entwicklungen betroffen,

Produkte zu entgegenzuwirken.


139

ropa gekauft werden. Hergestellt unter fairen Bedingungen und verkauft zu einem fairen Preis. Die Einnahmen fließen vollständig zurück in das Projekt, denn die Frauen erhalten ein angemessenes Ausbildungsgehalt. Bezahlt werden zusätzlich einige Mitarbei-

Der Verein ‚Taste of Malawi‘ hat sich zum Ziel gesetzt, die-

ter*innen vor Ort, die den Frauen mit Rat und Tat zur Seite

sen kulturellen malawischen Reichtum bekannt zu machen

stehen und sie in allen wichtigen Bereichen der Schnei-

und zu fördern. Neben der Wertschätzung von nachhaltiger

der*innenlehre schulen. Die Herstellung der Kleider, Rö-

Mode in Malawi und in Deutschland ist ein weiterer zent-

cke, Jutebeutel sowie anderen Textilien erfolgt in sorgfäl-

raler Aspekt bei der Arbeit die Stär-

tiger Handarbeit und es wird komplett auf die Verwendung

kung der Frauen in der Gesellschaft.

von künstlichen, kurzlebigen Stoffen verzichtet. In diesem

Das Nähgewerbe in Malawi ist stark

Fall eignet sich ‚Chitenje‘ bestens als Grundstoff für hoch-

von Männern dominiert. Die Rollen-

wertige, langlebige Mode. Die Muster haben ihren eigenen

verteilung von Männern und Frauen

Charme, die Stoffe sind bedruckt mit traditionellen Symbo-

folgt anderen sozialen Normen und

len. Jedes Teil ist ein Einzelstück: Weil alles mit Hilfe von

Konventionen als in Deutschland.

Nähmaschinen und ansonsten per Hand geschneidert wird,

Frauen sind bei der (Aus-)Bildung

variieren die Stücke jedes Mal in Farbe und Schnitt. Des

und bei der Berufswahl oft struktu-

Weiteren folgt die Arbeit einer ‚Zero-Waste Strategie‘:

rell benachteiligt. Das Projekt ‚Taste

of Malawi e. V.‘ soll Frauen auf ihrem

den, sondern es sollen alle Ressourcen effizient und so gut

Weg in die Selbstständigkeit unter-

wie möglich genutzt werden. Die Schneiderinnen lernen

stützen und zwar durch die Produktion von ‚slow fashion‘.

von Beginn an, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten

Damit gibt es zwei Zielsetzungen, die aufeinander aufbau-

optimal zu nutzen. Große Stoffmengen werden zu Kleidern

en: Die Frauen erhalten eine Schneiderinnenlehre, um da-

und Tüchern verarbeitet, während aus den kleinen Stoffres-

nach finanziell unabhängig sein zu können. Alle Produkte,

ten Haarbänder und ähnliches gefertigt werden. Auch die

die während der mehrmonatigen Ausbildung in Lilongwe,

Zeit, die für die Produktion benötigt wird, wird großzügiger

der Hauptstadt Malawis, geschneidert werden, können

bemessen. Statt Fließbandarbeit setzt ‚slow fashion‘ auf hu-

über einen Online Shop des Vereins von Menschen in Eu-

mane Arbeitszeiten.

Slow Fashion: ein nachhaltiger Konsumund Produktionsstil aus Malawi für Deutschland

Bei der Produktion soll kein Material verschwendet wer-


140

Das Projekt besteht ein Jahr nach seiner Vereinsgründung im Jahr 2016 aus einer

Dadurch

unterlaufen

Handvoll

ehrenamtlicher

bei der Herstellung der

deutscher Studierender und

Kleidung weniger Fehler

einigen

und die Mitarbeitenden

in Malawi. Einmal im Monat

sind zufriedener.

findet ein Skype Meeting auf

Durch das Projekt können

Englisch statt, um sich un-

die Frauen lernen, mit

tereinander

vertrauten Materialien et-

und neue Vorgehensweisen

was Neues herzustellen und damit erfolgreich zu sein.

zu besprechen – ein gemein-

Mittlerweile hat sich Taste of Malawi in Lilongwe schon

sames

Mitarbeiter*innen

auszutauschen

Brainstorming,

einen Namen gemacht. Besonders die Ehemänner sind

den Schneiderinnen von dem

sich

stolz. Für die Frauen selbst ist das Projekt somit eine

Projekt angetan. Die Frauen

hinweg setzt. Teure Fahrt-

besondere und wichtige Erfahrung. Die meisten von ih-

motivieren sich nicht nur un-

kosten werden mit diesem

nen verdienen zum ersten Mal eigenes Geld. Das Gefühl,

tereinander, sondern geben

Vorgehen

nicht auf ihre Männer oder fremde Menschen angewie-

auch ihr handwerkliches Kön-

vermieden. Die Online-Ver-

sen zu sein, ist für viele von ihnen völlig neu. Nach der

nen und berufliches Wissen

netzung soll auch dem Grund-

Ausbildung wollen sich die meisten Frauen selbststän-

kontinuierlich an Bekannte

gedanken des Projekts – der

dig machen und damit nicht nur eine weitere Einkom-

weiter. So entsteht ein großes

Nachhaltigkeit – gerecht wer-

mensquelle für ihre Familien schaffen, sondern sich v.a.

Netzwerk für Frauen in ähn-

den. Produziert wird in ei-

selbst verwirklichen. Der Traum, nicht mehr von inter-

lichen Situationen, welches

nem Vorort von Lilongwe, der

nationalen Hilfsorganisationen abhängig zu sein, rückt

neue

schafft

Hauptstadt Malawis. Die Ko-

mit Hilfe des Projekts in greifbare Nähe. Neben den

und gegenseitige Unterstüt-

ordination und Vermarktung

stolzen Ehemännern ist auch das Umfeld der angehen-

zung bietet.

erfolgt aus Freiburg.

Perspektiven

über

das

Ländergrenzen

umweltschonend


141

Der Verein versucht zudem, insbesondere für nachhal-

tige Mode in Deutschland zu sensibilisieren. Mit Vorträgen und Infoveranstaltungen in Schulen, auf Messen, Flohmärkten und Festivals ist das Team aktiv. Die Konsument*innen in Deutschland sollen direkt ange-

Slow Fashion in Deutschland

sprochen werden und davon überzeugt werden, dass auch mit diesem persönlichen Engagement etwas bewegt werden kann. Durch Präsentationen mit viel Bildmaterial werden

Menschen sensibilisiert und auf die Thematik aufmerksam gemacht. Auch Gesprächskreise fördern den wichtigen Austausch und ermöglichen allen Interessierten, mehr über Slow Fashion zu erfahren. Nicht nur eigene Erfahrungen und Meinungen werden ausgetauscht, sondern auch Vorurteile werden aus dem Weg geschafft. Besonders Schüler*innen sind fasziniert von den neuen Erkenntnissen, die sie in den Workshops erlangen. „Ich wusste zwar, dass es Fairtrade Kleidung gibt, aber ich dachte immer, sie sei altmodisch und eher etwas für die ältere Generation“, erzählt eine 14-jährige Schülerin. In den Seminaren lernen www.facebook.com/tasteofmalawi

aber junge Menschen genau das: Faire Kleidung kann eben

Instagram: tasteofmalawi

auch modern sein. Obwohl große Modeketten in Einzelfäl-


142

len schon mit Fairtrade Kleidung werben, ist

es oft schwer zurückzuverfolgen, ob es sich

zeichnet werden: Der Gewinn eines StartSocial Beratungs-

dabei tatsächlich auch um die beworbene Slow

stipendiums, welches unter der Schirmherrschaft von Bun-

Fashion handelt. Besonders in Deutschland ist zumin-

deskanzlerin Merkel steht, stellte eine große Bereicherung

dest ein langsamer Trend in die richtige Richtung zu er-

dar. Sechs Monate lang bekam das Projekt Unterstützung

kennen: durch die sozialen Medien werden immer mehr

von professionellen Berater*innen, die gemeinsam mit dem

junge Menschen auf den Begriff aufmerksam. Das Internet ist dabei ein großes Hilfsmittel. Denn: die globale Bewegung wird sowohl international, als auch in Deutschland, durch das Engagement von Blogger*innen und Einzelhändler*innen weiter verbreitet. Es gibt mittlerweile auch in Deutschland Geschäfte, in denen ausschließlich Slow Fashion verkauft wird. Obwohl in der heutigen Gesellschaft damit schon ein Umdenken stattfindet, reicht dieses noch lange nicht aus. Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass es Sinn macht, auf Nachhaltigkeit zu setzen – und zwar in allen Bereichen. Es beginnt beim Einzelnen. Es ist ein Trugschluss, dass ein einzelner Mensch nichts bewegen kann.

Seit der Gründung konnten schon einige Erfolge ver-


143

Team neue Strategien entwickelten, um noch

Taste of Malawi und die SDG’s

mehr Menschen zu erreichen. Durch den reichen Erfahrungsschatz der Coaches wurde das Team bestärkt und motiviert. Die Coaches nahmen während der sechsmonatigen Stipendienzeit auch an den monatli-

chen Skypemeetings teil. Bei regelmäßigen Treffen bekam

Sustainable Development Goals bzw. Zielen für

das Team zusätzlich die Möglichkeit, von den Expert*in-

nachhaltige Entwicklung von den Vereinten Na-

nen Ratschläge und Tipps zu erhalten, um diese dann mit

tionen. Vorrangig bezieht sich das Projekt Taste

ihnen gemeinsam praktisch anzuwenden. Der Ausbau der

of Malawi auf das Ziel des nachhaltigen Konsums

Social Media Aktivität und die regelmäßige Teilnahme an

und der nachhaltigen Produktion. Mit Slow Fash-

Wettbewerben zur Unterstützung von jungen Hilfsprojek-

ion soll das Thema Nachhaltigkeit nicht nur in die

ten sind nur zwei Beispiele des neuen Strategieplans. Auch

Köpfe, sondern auch in die Kleiderschränke der

den Förderpreis der ‚Stiftung Brücke‘ hat Taste of Malawi

Menschen einziehen.

im Jahr 2015, welcher jährlich ein soziales Projekt unterstützt, dankend erhalten. Das Fördergeld ermöglichte den Anbau weiterer Räumlichkeiten auf dem Produktionsgelände in Lilongwe. Durch den Zuspruch von Freunden, Bekannten sowie weiteren Interessierten und die Unterstützung vieler Menschen und Unternehmen wächst das Projekt stetig weiter. Die größte Motivation ist jedoch, zu sehen, wie die geförderten Frauen mit viel Freude schneidern und an ihren Erfahrungen wachsen.

Das Projekt orientiert sich gleich an mehreren


Natürlich möchten wir auch den Frauen in Malawi hel-

fen und sie auf ihrem persönlichen Weg, sich selbst zu verwirklichen, begleiten. Vielen ist es durch Taste of Malawi möglich, sich ihren Traum vom eigenen Schneiderladen zu erfüllen und mit Hilfe ihrer Talente so Geld zu verdienen. Geld, das sie in Malawi dringend benötigen, um ihre Kinder zu ernähren und auch um ihnen etwas bieten zu können. Selbstständigkeit, Weiterbildung und gerechte Löhne sind essentiell für die persönliche Entwicklung – und die hat jeder Mensch verdient. Unabhängig von Geschlecht, Alter und Hautfarbe. In diesem Zusammenhang steht Taste of Malawi weiterhin für Geschlechtergleichheit, chancengerechte Bildung und die Beendigung von Armut. Gerade in einem Land wie Malawi muss noch sehr viel passieren. Die Menschen sind trotz Armut sehr motiviert, auch die Frauen. Gerade deshalb muss eine Gleichbehandlung stattfinden und eine Wertschätzung der Frauen erfolgen. Mit dem Slow Fashion Projekt leistet Taste of Malawi e.V. vor Ort einen wichtigen Beitrag dazu.

Mareike Lummer ist Studentin der Anglistik/Amerikanistik und Linguistik in Düsseldorf. Neben dem Studium arbeitet sie im Bereich der internationalen Kommunikation. Durch ihr Interesse für Sprachen und andere Kulturen kam sie im Jahr 2016 zu Taste of Malawi e.V. und ist dort seitdem zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.


Circo Fantazz Tico Plötzlich

lässt

sie

das Tuch los und fällt sich drehend

dem

Boden

ent-

gegen. Kurz bevor sie aufschlagen würde, zieht sich der Knoten

zu

federnd

und

auf.

fängt

Maru

sie

zieht

sich an ihrem Vertikaltuch empor und dreht sich in einen Überspaghat. Sie hält kurz inne,

um

Applaus

zu

den

tobenden

genießen

und

lässt sich nun ganz langsam das Tuch hinuntergleiten. Wie eine Schlange bewegt sie sich und ist sich jeder Bewegung ihres Körpers bewusst.

145

Felicitas Arlt arbeitete 2015/16 im Circo Fantazztico von Costa Rica und entdeckte die Macht von Tanz, Akrobatik und Musik auf die unterschiedlichsten Menschen. Ihre Idee: Diese Kombination sollte man in viele soziale Projekte einbringen. Momentan ist sie wieder mit ihrem Projekt in Perez Zeledon, denn dieser Zirkus lässt sie nicht mehr los.


Kaum steht sie wieder auf dem erdigen Bo-

den, erscheinen die restlichen ‚Chamacos‘ im Szenario und spielen mit Akrobatik und Jonglage die Geschichte des ‚domingo siete‘ weiter. Domingo siete ist ein traditionelles Märchen

Carolina schlägt stolz

über Hexen, Glück, Musik und Tanz und der

mit

Zufriedenheit im Leben.

Juan-Carlos

Die Zirkusgruppe einigte sich auf diese

den Jugendlichen ein

Thematik und arbeitete lange an der Ausar-

und bedankt sich dann

beitung. Alle zusammen sind so motiviert und

herzlich bei allen Betei-

konzentriert, dass auch die Zuschauer*innen

ligten. Selbst aus dem

den Atem anhalten, als sie sich gegenseitig

Publikum kann man se-

durch die Luft werfen, Saltos machen und Keu-

hen, wie sehr sie diese

len und Bälle den Raum kreuzen. Die Nacht ist

‚Chamacos‘ doch liebt,

voller Spontanität, Energie, Kraft und Licht

wie sehr sie für diesen

und die Zeit scheint einen Moment stehen zu

Zirkus lebt und wie sie

bleiben.

es genießt, Teil dieses

Projektes zu sein. Die

Die Zirkusband begleitet musikalisch alles

Maru,

Pablito, und

all

wie perfekt und mit einem Schlagzeugsolo und

Kolumbianerin

einer doppelten Schraube kommt es zum krö-

nun schon seit 12 Jah-

nenden Abschluss. Das Publikum ist begeis-

ren in San Isidro in Cos-

tert, die Musiker*innen, die Artist*innen, Maru

ta Rica und leitet den

und Carolina, die Leiterin des Zirkus, strahlen

‚Circo FantazzTico‘. Er

noch immer so viel Energie aus, dass sie ein-

ist ihr Leben, ihre Hei-

fach jede*n mitreißen.

mat und die Jungen

lebt

und Mädchen sind ihre

146

Familie, sie gehört einfach dort mitten rein.


lichen und ihre ganzheitliche positive Entwicklung. Das ist die Idee von Vida Nueva und auch die Umsetzung funktioniert sehr gut. Zusammen mit Carolina, Darío und Pablito werden die Kinder von den unterschiedlichsten Freiwilligen aus der ganzen Welt trainiert. Jede*r gibt andere Kunststücke, Techniken und Zirkuskenntnisse weiter. Das Angebot von Jonglage bis Akrobatik fördert Vertrauen in sich selbst und die Gruppe vermittelt Verantwortungsbewusstsein und Teamgeist. Es steht dabei nicht die Konkurrenz im Vordergrund, sondern das Miteinander. Jede*r einzelne Tico besitzt seine individuelle Begabung und somit gilt es, diese Fähigkeiten und Stärken zu erkennen und zu fördern. Daraus entsteht ein großes Ganzes. Und dieses zusammenerarbeitete Zirkusstück stärkt das Selbstwertgefühl des*der Ein

‚Circo FantazzTico‘ ist ein zirkuspädagogisches Sozialprojekt

zelnen und die Einheit der Gruppe. Sehr stolz werden

der Asociacion Vida Nueva, in welchem Präventivarbeit mit sozial

dann die Stücke in den verschiedensten Kontexten

benachteiligten Kindern und Jugendlichen betrieben wird.

vorgeführt. Von den Klassenkameraden, über die

Idee dieses Projektes ist es, den Kindern, die am meisten

Dorfgemeinde, über Nachbarländer und sogar bis

unter der schwierigen sozialen Situation leiden, ein sicheres

nach Europa haben es einige schon geschafft, sich

Umfeld zu schaffen, in welchem diese sowohl körperliche Fähig-

zu präsentieren. Die Freiwilligen kommen und

keiten als auch soziale Kompetenzen erlernen können. Alle

gehen,

Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrem sozialökonomi-

bleiben konstant als Bezugspersonen. Diese drei

schen Hintergrund, sollen kostenlosen Zugang zu Spiel, Bildung,

Personen sind für mich wahre Helden, denn es

Kunst, Kommunikationsmitteln und kulturellen Frei-

ist ganz sicher nicht leicht, immer für diese

räumen haben, als Basis von Gleichberechtigung.

Kinder und Jugendlichen da zu sein. Carolina arbei-

Man legt großen Wert auf die Autonomie der Jugend-

tete schon in verschiedenen Zirkusprojekten, doch

147

aber

nur

Carolina,

Darío

und

Pablito


der Circo FantazzTico hielt sie fest. Dort wohnt sie mit immer wieder neuen internationalen Freiwilligen in dem sogenannten ‚Comedor‘, der das Herzstück des Zirkus ausmacht. Von dort koordiniert sie das Zusammenleben und Arbeiten der Freiwilligen und übernimmt die Rolle der Mentorin für diese. Natürlich ist ein Ort mit immer wechselnden neuen Menschen, die versuchen, zusammen zu leben und zusammen zu arbeiten, eine Basis für viele Probleme, aber auch für sehr viel Kreativität, Inspiration und neue Ideen. Carolina ist eine starke und mutige Frau, sie beweist sich immer wieder in brenzligen Situationen u.a. durch ihre Erfahrung und ihre Geduld.

Sie betreut die ‚Chamacos‘ nun schon seitdem sie

als Kind den Zirkus für sich gefunden hat und für jede*n Einzelnen ist sie wie eine große Schwester und gleichzeitig eine hohe Autorität. Diese Frau besitzt eine Ausstrahlung, von der jede*r Lehrer*in

Familie, einige lebten schon auf der Straße, taten sich etwas an

oder Gruppenleiter*in träumt. Obwohl sie nicht viel

oder sind aggressiv. Alle haben eine Vergangenheit und ein

älter scheint als die ‚Chamacos‘, herrscht sehr viel

jetziges Leben, das wir uns nicht vorstellen können. Und gleich-

Respekt zwischen ihnen. Die Arbeit mit den Zirkus-

zeitig sind alle auch ganz normale Kinder und Jugendliche, die sich

kindern ist und war nicht immer einfach. Dadurch,

für ein Projekt, wie den Zirkus, sehr begeistern können. Carolina

dass sie aus den eher sozialschwachen Familien

kennt sie alle nur zu gut, weiß, wann man wem mit der Schule

kommen, wachsen sie in einem schwierigen und auch

helfen muss oder bei wem man heute Nachsicht haben sollte.

gefährlichen Umfeld auf. Viele haben eine Vergan-

Immer wieder war ich überrascht, wie sie so viele Dinge gleich-

genheit mit Drogen oder kämpfen immer noch damit,

zeitig organisieren konnte. Für den Zirkus ist sie unentbehrlich

andere haben nie besonders viel Aufmerksamkeit in

und wirklich jede*r ist ihr unglaublich dankbar für die

der Schule bekommen oder auch in ihrer eigenen

Mühe, die sie sich macht.

148


Von diesen drei

wunderbaren

immer an seiner Seite,

Men-

er hörte sie, spielte sie

schen möchte ich ei-

und fühlte sie. Jetzt

nen weiteren vorstel-

kann er sich ein Leben

len: Pablito.

ohne Rhythmus, Melo-

dien und Takte nicht

Ein junger Mann in

zu großen Klamotten,

mehr

das T-Shirt links herum

Musik ist einfach ein

und ein langes Zöpf-

Teil von ihm. Aber auch

chen im kurzen Haar,

die Kunst an sich kann

so sieht man ihn mit

ihn

seiner Band im Hinter-

nebenher fotografiert

grund der Zirkusszene.

er bei verschiedenen

Seine großen braunen

Events und Präsenta-

Augen strahlen, wenn

tionen.

er mit der Gitarre in

Schon immer war

der Hand im Takt der

es sein Traum, eines

Musik wippt und mit

Tages von Kunst leben

seinen

zu

die

neu

Kolleg*innen

vorstellen,

sehr

die

begeistern,

können.

Und

einstudier-

obwohl das in Costa

ten Lieder spielt. Man

Rica offensichtlich un-

sieht ihm regelrecht

möglich ist, gibt er die-

an, wie wohl er sich

sen Traum nicht auf.

dabei fühlt. Kunst fas-

Er arbeitet als Foto-

ziniert ihn und Musik

graf, in der Licht- und

ist seine größte Lei-

Tontechnik,

denschaft. Seitdem er

und unbezahlt im Zir-

klein ist, war die Musik

kus und ab und zu hat

freiwillig


er weitere Jobs in der Effizienzplanung von Firmen. Aber auch nur, um sich bald eine bessere Kamera zu leisten und mit dem Zirkus auf Europatournee zu gehen.Im Zirkus hat er eine

Lebensform

gefun-

den, in der er die Kunst leben kann, die er sich in seinem Alltag wünscht. Er spielt in der Zirkusband, organisiert Licht und Ton vor

den

Präsentationen,

betreut die ‚Chamacos‘ und ist wirklich immer für jede*n da. Auch wenn er viel für den Zirkus aufgibt, ist es immer noch eine frei-

Maru, Carolina und Pablito – diese drei unglaublichen Menschen stehen in meinen Augen für den ‚Circo FantazzTico‘ und ein Leben lang werde ich mich an sie erinnern.

willige und unbezahlte Arbeit. Um dort weiter aktiv zu sein, wohnt er noch im-

Wer Pablo kennt, weiß, dass dieser junge Mann eine sehr aufrichtige und authentische

mer bei seinen Eltern, ver-

Person ist. Er schaut den Menschen in die Augen, spricht aus, was er fühlt, hört jedem*r zu

zichtet auf viel und muss

und lässt sich auf jede*n ein. Eine Freundschaft mit diesem Menschen ist goldwert. Der

nebenher arbeiten.

Zirkus wird ihn so schnell nicht loslassen, seine Freund*innen auch nicht, seine Familie kann es sich auch nicht ohne ihn vorstellen, er wird wohl noch sehr lange in seiner Heimat bleiben,

150

die er ja auch liebt. Aber eines Tages, daran glaubt er, wird er sich seinen Traum erfüllen und nur von der Kunst leben.


Zusammen mit wech-

glaublichen Gemeinschaft

Leben, das ich ein Jahr lang habe kennen lernen dürfen und

selnden Freiwilligen aus

zu leben, in dieser Grup-

das ich sehr schnell zu lieben begonnen habe. Von all die-

der ganzen Welt trainie-

pe Außergewöhnliches zu

sen Menschen kann man so viel lernen. Alle genießen die

ren sie die Kinder und Ju-

leisten und die Welt neu

Musik, die Kunst, die Akrobatik und die Gemeinschaft so-

gendlichen in Zirkusdis-

zu entdecken. Die Fleißig-

wie das Leben und die Energie, die daraus entstehen. Durch

ziplinen, um daraus ein ge-

sten unter ihnen dürfen

den Zirkus änderte sich ihr Leben und jede*r sieht darin ein

meinschaftliches Werk zu

den

seiner

Stück Kraft, Hoffnung und Zukunft. Dieses Projekt soll als

gestalten. Diese sind ge-

Europatournee begleiten

Vorbild für sehr viele weitere dienen, es zeigt wie erfolg-

nauso mit Herz und Seele

und verlassen zum ersten

reich und wundervoll sich Menschen und Ideen entwickeln.

dabei, da sie so die Mög-

Mal ihr Geburtsland. Die-

Musik, Sport und Zirkus tragen einen bedeutenden Teil zu

lichkeit haben, in einer un-

se Menschen leben ein

einer

Zirkus

auf

harmonischen sollten

Gemeinschaft in

jedem

bei

und

Lebensbereich

Einfluss finden. Es sind die einfachsten Methoden, Menschen einander näher zu bringen, Brücken zu bauen und sich ohne Sprache zu verstehen.

Im September 2017 kommt die Showgruppe des Circo FantazzTico auf Europatournee – u.a. in einige deutsche Städte.

151


n e h c s FlaTrinkwasser Wasser ist ein Grundnahrungsmittel – für uns hier in Deutschland vielleicht sogar so selbstverständlich, dass wir es gar nicht mehr bewusst als Nahrungsmittel wahrnehmen. Denn genau das gleiche Leitungswasser nehmen wir ja auch zum Duschen / Waschen / Gärtnern. Sehr gern trinken wir aus Flaschen, die im Supermarkt aufgereiht in den Regalen stehen und deren Etiketten mit Gipfeln voll Schnee, grünen Bergwiesen und sprudelnden Quellen pure Natur und Gesundheit versprechen.

Tatsache ist jedoch, dass für das Nass aus der Plastik-

flasche Berge von Müll produziert, Quellen ausgebeutet und begrenzte Ressourcen aufgebraucht werden. Dem entgegen steht, dass Flaschenwasser nicht immer besser als das Trinkwasser aus der Leitung ist. Dieses Paradox des Flaschenwassers soll in dieser Arbeit hinter- fragt und aufgezeigt werden. Warum fügen wir uns einem System, das offensichtlich mehr Nachteile als Vorteile bringt? Welche Auswirkungen kann unser unbewusstes Handeln haben?


Wasserverteilung | Im Ganzen

Obwohl unser Planet zu mehr als 70 Prozent damit

bedeckt ist, wird Wasser für die wachsende Weltbe-

Müssen wir in Deutschland Wasser sparen?

Wie viel im Bereich Wasserspa-

ren möglich ist, zeigen beispielsweise die Entwicklung wassersparender

völkerung zunehmend ein knappes Gut. Denn gera-

Waschmaschinen und die Nutzung von

de mal drei Prozent dieser gewaltigen Mengen sind

“Grauwasser” als Toilettenspülung. Das

trinkbares Süßwasser, und wiederum nur ein Drittel davon

hat inzwischen absurde Folgen: In manchen Städten

ist für die menschliche Nutzung erreichbar. Generell ver-

müssen die für sinkende Verbrauche überdimensionier-

brauchen Industriestaaten in der Regel zehnmal mehr Was-

ten Trinkwassernetze gespült werden, um eine Verkei-

ser als Entwicklungsländer. Denn Wasser ist nicht nur ein

mung zu verhindern …

wichtiges Lebensmittel, sondern auch für die Industrie als

Rohstoff, Reinigungs- oder Kühlmittel wichtig.

Wasserüberschuss (ausgenommen mögliche lokale Was-

Für „uns“ ist sauberes Wasser allgegenwärtig und wir

serknappheit etwa in den Einzugsgebieten von Groß-

machen uns kaum Gedanken, wo unzählige Liter unbemerkt

städten), und das bei uns eingesparte Wasser hilft nichts

verloren gehen. Die Wege der Menschen in Drittweltlän-

in den Mangelgebieten. Nicht zu vergessen ist hierbei

dern aber werden immer länger, um an Wasser fürs tägliche

allerdings die benötigte Energie zu Aufbereitung des

Leben zu gelangen. Denn mittlerweile wurde fast der Hälf-

Wassers und vor allem die hohe zugeführte Energie für

te der weltweiten Feuchtgebiete das Wasser abgegraben –

Warmwasser - nicht nur Wasser, sondern auch Energie-

meist für Landbau oder neue Siedlungen. Laut Uno haben

verbrauch.

748 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trink-

wasser. (dpa)

ten Importeuren von “virtuellem Wasser”, wodurch wir

Tatsächlich gehört Deutschland zu den Regionen mit

Und: Deutschland gehört zu den weltweit zehn größ-

erheblich zum Wassermangel in Trockengebieten beitragen.

Als virtuelles Wasser wird jenes Wasser bezeichnet,

das zur Erzeugung eines Produkts aufgewendet wird.

153

Zieht man die Bilanz des virtuellen Wassers, verbraucht jeder Deutsche pro Tag rund 4000 Liter . (cf/ dpa)


154

Wasserverteilung | Grundwasser als Trinkwasser In

Deutschland

kommt

unser

Leitungswasser

zu

barer Energien ist auch eine Grundwasserförderung in

64 % aus natürlichen Quellen (Grundwasser), zu 27 % aus

großen Mengen möglich – teilweise bis zu Übernutzung.

Oberflächenwasser (Flüssen und Seen) und zu 9 % aus Quell-

(Paeger, J.)

wasser. Bevor es ins Versorgungsnetz eingespeist wird, wird es durch verschiedene Verfahren zu Trinkwasser aufbereitet. Nur in Notfällen ist es nötig, das Wasser mithilfe von Chlor

zu

desinfizieren.

Unser Abwasser hingegen wird nach dem Klären in die Gewässer geleitet und damit wieder in den Kreislauf der Natur gegeben, nicht in unsere Rohre. (Umweltbundesamt) Grundwasser kann eine erneuer- bare Ressource sein:

Ein kleiner Teil davon, etwas 2.200 Kubikkilometer im

Vereinfachte Darstellung

Jahr, nimmt am schnellen Wasserkreislauf teil. Dieses Wasser kann in dem Maß genutzt werden, wie es wieder aufge-

Wird der Gesamtwasservorrat der Erde gleichgesetzt mit 150

füllt wird. Brunnen werden seit Jahrtausenden genutzt, aber

Litern (eine Badewannenfüllung), dann entspricht der Süßwas-

die Grenzen der Muskelkraft sowie später der Techniken

servorrat einer Menge von 4,5 Litern (1/2 Putzeimer) und die für

zur Nutzung von Wind- und Wasserkraft begrenzten auch

den Menschen nutzbare Süßwassermenge lediglich 0,02 Litern

die Grundwassererschließung. Doch aufgrund heute nutz-

(1 Likörglas). (Hutterer, E.)


Das Wasser und der Mensch | Wasserkonflikte

schen ist. So ist das Recht auf Zugang zu saubern Wasser im Juli 2010 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt worden. Trotzdem ist dieser Beschluss noch lange keine Tatsache für alle,

In den letzten Jahren wurde ein Anstieg der gemeldeten

und vor allem die Privatisierung der Trinkwasserversor-

Fälle von Wasserstreitigkeiten und Gewalt verzeichnet. Mit

gung und der Verkauf von Quellen bringt die gerechte

großer Wahrscheinlichkeit ist ein Teil dieser Erhöhung auf

Verteilung weiter in Gefahr. Denn Privatwirtschaftliche

die Verbesserungen in der Berichterstattung zurückzufüh-

Unternehmen müssen, im Gegensatz zu der öffentlichen

ren, wie zum Beispiel eine umfassende und einfache Samm-

Hand, immer Gewinne erwirtschaften. So wird das Was-

lung und Verbreitung von Informationen durch das Internet.

ser zum Wirtschaftsgut. (Gleick, P. H.)

Es ist aber nicht auszuschließen, dass ein Teil

des Anstiegs auf wachsende Spannungen und Streitigkeiten über begrenzte Süßwasserressour-

Vorrat

Verbrauch in km3/yr

Verbrauch/

cen und die ungelösten politischen Herausfor-

im Land

Gesamt

pro Person

Vorrat

derungen im Zusammenhang mit Wasser als begrenztem Gut ist. Dem zugrunde liegt vor allem

Ägypten

57,3

68,3

809

119,2 %

eine sehr ungleiche Verteilung der Wasservor-

Kanada

2902

45,1

1,3

1,6 %

USA

3069

482,2

1,5

15,7 %

China

2738,8

578,9

425

21,1 %

ansprechen muss, sondern die weitaus breiteren

Indien

1911

761

627

39,8 %

Ursachen von Wasserkonflikten überhaupt. Ins-

Israel

1,8

2

268

108,3 %

besondere ein gerechter Zugang zu Wasser für

Saudi Arabien

2,4

23,7

902

986,3 %

Deutschland

188

32,3

394

17,2 %

Italien

175

45,4

755

25,9 %

Schweden

186,2

2,6

280

1,4 %

kommen weltweit.

Im eigentlichen Sinne sind es nicht die Was-

serkonflikte, die die internationale Gemeinschaft

Alle, Strategien für die Verbesserung des Wasserzugangs und auch die Verhinderung der Wasserverschmutzung sind wichtige Themen.

155

Diese Statistik ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig Wasser für den Men-


Das Wasser und der Mensch | Wasser als Lebenselexir

Die Bedeutung des Wassers hat dazu ge-

Viele dieser Probleme hat der Mensch

führt, dass es in vielen Religionen als Quelle

selbst verursacht. Durch Entwaldung wird die

der Existenz beschrieben wird, wie z. B. das

Speicherfähigkeit der Ökosysteme zerstört

rituelle Bad des Hindu im Ganges, die rituel-

und vom Menschen durch Straßen, Parkplätze,

le Waschung der Moslems vor dem Betreten

Gebäude o. Ä. versiegelte Flächen verhindern,

einer Moschee oder etwa die Taufe erinnern

dass der Niederschlag in den Boden gelangen

daran. Auch hat der Mensch schon immer die

kann, um das Grundwasser aufzufüllen.

Nähe zum Wasser gesucht. Die ersten Siedlun-

gen der Menschheit wurden dort angelegt, wo

gel an sauberen Trinkwasser, sondern auch

es genug Wasser gab, viele große Städte sind

dessen Verschmutzung. Giftstoffe aus Indus-

an Flüssen oder am Meer entstanden.

trie und Pestizide der Land- wirtschaft landen

Teilweise hat sich die Situation aber grund-

in Gewässern und Flüssen und schließlich im

legend geändert: War Mesopotamien vor 5000

Ozean. Dieser scheint auf den ersten Blick

Jahren noch eine grüne Landwirtschaftsre-

dank seiner enormen Wassermengen kaum zu

gion, liegen hier heute die Wüsten des Iraks.

verschmutzen zu sein. Was leider nicht stimmt,

Genauso lag Tenochtitlàn, die Hauptstadt der

wie die mittlerweile über 400 toten Zonen an

Azteken, auf einer Insel – heute ist dort Mexi-

Küsten oder in Binnenmeeren zeigen. Und am

ko-City eine Stadt mit konstanten Wasserpro-

Ende landet das, was wir verursachen, wieder

blemen.

bei uns. Denn auch das verschmutzte Wasser

Ein weiteres Problem ist nicht nur der Man-

befindet sich im Gesamtwasserkreislauf unse-

156

rer Erde. (Paeger, J.)


Flaschenwasser | Thematik in Deutschland

Trinkwasser nennt sich das Wasser, das hier in Deutsch-

land aus unserer Leitung kommt. Aus gutem Grund: Wir können es trinken.

Leitungswasser ist das am besten kontrollierte Lebens-

mittel überhaupt und wird auf mehr gesundheitsschädliche Substanzen getestet als Mineral- und Quellwasser. Trotzdem kaufen wir Wasser in Flaschen. Es entsteht Müll, der zusätzliche Transport schadet der Umwelt und wir sind auch noch bereit, mehr dafür zu bezahlen. Warum ist das so?

Wasser als Handelsgut Unsere Entfremdung von dem Grundnahrungsmittel Wasser

Wasserversorgung weitgehend verdrängt. (Tegeler, H.)

beschert Konzernen ein Milliardengeschäft und hat nicht

nur bei uns, sondern auch in Ländern wie Pakistan und Ni-

grube. Trinkwasser soll Russlands drittgrößte Einnahme-

geria die Mittel- und Oberschicht erobert. Wasser ist in je-

quelle des Staatshaushalt nach Öl und Gas werden, so der

nen Ländern weit davon entfernt, ein Grundrecht zu sein.

Parlamentschef Boris Gryslow. Reines Trinkwasser könne

Das Gegenteil ist der Fall:

schon jetzt als „strategische Quelle“ betrachtet werden.

Es wird zu einem für die Armen unerschwinglich teurem

„Es beginnen bereits Kriege um das Wasser“, äußerte er.

Luxusgut. Das Grundwasser wird abgepumpt und an die ur-

Russland verfüge über immense Reserven an Trinkwasser

banen Eliten verkauft, während die lokale Bevölkerung kein

und müsse es zum Exportartikel machen. (sputnik)

Und auch andere Länder sehen Wasser bereits als Gold-

sauberes Trinkwasser hat. Das Wasser aus der Plastikflasche, von Nestlé beispielsweise weltweit als „Pure Life“ vertrieben, hat in einem Land wie Pakistan die öffentliche

157


Flaschenwasser | Fokus Konsum

Weltweit werden in jedem Jahr mehr als 89 Milliar-

den Liter Wasser in Flaschen abgefüllt. 80 % dieser Flaschen werden nicht recycelt. Jeder Deutsche trägt rund 137 Liter Flaschenwasserjährlich nach Hause. Dabei kommt das meiste Wasser aus der preiswerten 1,5-Liter Flasche vom Discounter – und die bestehen meist aus Plastik. Insgesamt landen 70 Prozent der Mineralwässer in Einwegflaschen im Handel, Tendenz steigend. (Soechtig, S.)

Auch wenn qualitativ selten besser, ist das Was-

ser aus der Flasche erheblich teurer. Zwei Liter Mineralwasser kosten im Durchschnitt einen Euro. Für den gleichen Preis bekommt man ca. 100 mal so viel Liter Leitungswasser. Allein in den USA verbraucht

die

Produktion

von

Plastikflaschen

„In der Geschichte ist Wasser, und vor allem sein Ursprung, die Quelle, immer Gegenstand von Verehrung und Respekt gewesen. Die Erfindung des Wasserhahns und der Mineralwasserflasche haben uns vergessen lassen, dass Wasser, bevor es aus dem Hahn fließt oder in Flaschen verkauft wird, ein Geschenk der Natur ist.” Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises

2,7 Milliarden Liter Öl pro Jahr. 76%

der

ralwasser

in

sind

Deutschland in

gekauften

PET-Flaschen

Mine-

verpackt,

die

sich zusammensetzen aus 47,4% Einweg, 19,6% PET-Mehrweg

und

Nur

werden

23,5

%

9,1% in

PET-Rücklauf-Flaschen. Mehrweg-Glasflaschen

gekauft. (Verband d. Mineralbrunnen)

158


Flaschenwasser | Warum es gekauft wird

Es ist »beliebt«

Es ist »besser«

Es ist »gesund«

Wasser ist mittlerweile ein Li-

Eine große Sorge gilt immer wie-

Geworben wird oft mit einem

festyleprodukt. War es früher noch

der der Qualität des Leitungswas-

erhöhten Anteil an Mineralien in

Cola, Apfelschorle & Co, die Jugend-

sers. In manchen Ländern ist es in

Mineral- und Quellwasser im Ver-

lichkeit ausstrahlten, sind es jetzt

der Tat besser, kein Wasser aus der

gleich

unterschiedliche

Mineralwasser.

Leitung zu trinken. Doch in vielen

dings sind diese Mineralien nicht

Im Kampf gegen Qualm, Pfunde und

Ländern ist das Leitungswasser nicht

in Mengen vorhanden, die tatsäch-

Altwerden greifen mittlerweile im-

nur trinkbar, sondern von sehr guter

lich gesundheitsrelevant sind. Eine

mer mehr Leute zur Wasserflasche.

Qualität. Das gilt auch für Deutsch-

Untersuchung zur ernährungsphy-

Frisch, fit, gesund, glücklich und

land. Trinkwasser ist bundesweit

siologischen Bedeutung von Trink-

jung seien Ihre Trinker, verspricht

eines der am besten kontrollierten

wasser in Deutschland kam zu dem

die Werbung der Flaschenwasserin-

Lebensmittel. Die Richtlinien der

Schluss, dass Trink- und Mineral-

dustrie.

deutschen

Trinkwasserverordnung

wässer zwar zur Mineralstoffbe-

sind sogar strenger als die für Mine-

darfsdeckung eines Menschen bei-

ralwasser. (Z.d.G.)

tragen können, aber der Bedarf an

zu

Leitungswasser.

Aller-

Mineralstoffen hauptsächlich durch feste Nahrung gedeckt wird. (Z.d.G.)

159


Flaschenwasser | Definitionen unterschiedlicher Mineralwasserstandards Natürliches Mineralwasser

Wasser, das seinen Ursprung in

Quellwasser

Wasser, das aus einem unterir-

Tafelwasser

Zur Herstellung von Tafelwasser

unterirdischen, vor Verunreinigun-

dschen Wasservorkommen stammt

können Trinkwasser oder natürli-

gen geschützten Vorkommen hat. Es

und über eine natürlich oder künst-

ches Mineralwasser verwendet wer-

ist durch seine Reinheit und seinen

lich erschlossene Quelle entnom-

den. Darüber hinaus dürfen Meer-

Gehalt an Mineralstoffen, Spuren-

men wird. Im Gegensatz zu Mi-

wasser, Natriumchlorid und andere

elementen und sonstigen Bestand-

neralwasser muss es geringeren

Zusatzstoffe nach Maßgabe der Zu-

teilen gekennzeichnet. Es darf nur in

gesetzlichen Anforderungen stand-

satzstoff-Zulassungsverordnung

den Handel gebracht werden, wenn

halten und braucht keine amtliche

verwendet werden. Zur kommerzi-

es amtlich anerkannt ist. (V.S.)

Anerkennung. (V.S.)

ellen Herstellung wird gelegentlich Trinkwasser aus dem öffentlichen Trinkwassernetz entnommen. (V.S.)

160


Flaschenwasser | Fazit

»Volvic – Die Kraft ist in dir« »Ein Liter Gerolsteiner enthält soviel Magnesium wie eine Portion Spinat«

öffnen – dafür, was man wirklich braucht und auf welche Weise es zu einem gelangt – anstatt Teil der Marketingstra-

»Bonaqua – Zu jeder Zeit

»Apollinaris inspiriert

tegie kapitalistisch geprägter Großkonzerne zu werden.

Menschen seit 1852«

Weltweit und vor allem in Industrieländern wie Deutsch-

enfach herrlich erfrischend

land konsumieren die Menschen gerade viel mehr Ressour-

und bringt ordentlich Schwung

cen, als eigentlich zur Verfügung stehen. Wasser in Flaschen

in den Tag«

abzufüllen und teuer zu verkaufen ist nur ein kleiner Teil davon - aber verbildlicht sehr deutlich, in welche Richtung die

Das riesige Angebot verschiedener Wassermarken –

Gesellschaft - global gesehen - sich entwickelt.

aus verschiedensten Regionen weltweit importiert – ist nur

ein weiterer Faktor, der verdeutlicht, dass Wasser immer

zelnen, Plastikflaschen zukünftig in den Regalen stehen zu

mehr zu einem Konsumprodukt wird; und damit zu einem

lassen und sich Wasser aus der Leitung abzufüllen. So aber

Produkt, für das die Käufer bereit sind, immer mehr Geld zu

könnte ein stärkeres Bewusstsein für gemeinsame - und be-

bezahlen – weil sie es sich leisten können und den Verheißun-

grenzte - Ressourcen entstehen.

Im Prinzip ist es nur ein kleiner Schritt für jeden Ein-

gen der Werbeversprechen glauben. Das merken natürlich auch Industrie und Wirtschaft. Sie beginnen, Geld aus der

»Vittel –unser Energiebündel

Ressource Trinkwassers zu erwirtschaften.

für pure Lebensfreude«

Die Folgen: Das Aufkaufen großer Quellen von einzelnen

Konzernen und das Privatisieren eines Nahrungsmittels,

Annika Hock studiert seit Herbst 2013 Architektur und

das eigentlich selbstverständlich und für alle leicht zugäng-

Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Im Rahmen eines

lich sein sollte.

Seminars hat sie den Fokus auf Informationsdesign und die

Frage der [Des]-Information gelegt. Diese betrifft den

Mit dem Kauf jeder einzelnen Wasserflasche unter-

stützten die Konsumenten genau dieses Phänomen: der

Klimawandel ebenso wie z.B. die Nahrungsmittelproduktion.

Markt wird weiter angekurbelt, Trinkwasserquellen immer

Da Nahrung ein essentielles Bedürfnis ist und gleichfalls der

umstrittener und der Zugang für kleine Gruppen immer

Zugang zu sauberem Trinkwasser, hat sie die

schwerer. Es geht darum, jedem Einzelnen die Augen zu

Flaschenwasser-Problematik ausgearbeitet.

161


1

Rako Pasefika

‚Rako‘ ist rotumanisch und bedeutet so viel wie ‚ein Ort zum Lernen und zum Teilen‘. Und genau das ist auch

die Leitlinie der kulturellen Gruppe von den Fiji Inseln. In einer für die künstlerische Szene Fijis beispiellosen Entwicklung ist aus zwei jungen Frauen mit einer Leidenschaft für traditionellen Tanz und Musik ihrer Heimat Rotuma eine international erfolgreiche Firma geworden. Ihr Erfolgsgeheimnis ist wohl nicht nur das unglaubliche Talent der Künstler*innen, sondern auch die besonderen Werte, die die Gemeinschaft prägen und zusammenhalten. Teil von Rako zu sein bedeutet auch, Teil einer Familie zu sein und dieses Gefühl hat mein Jahr dort zu etwas ganz Besonderem gemacht. 1 Einleitungstext des Albums „Mama Hanua“ von Rako Pasefika

eine fijianische Erfolgsgeschichte


163

Auf der anderen Seite der Erde, mitten im pazifischen

Ozean, scheinen die Fiji Inseln für uns unglaublich weit entfernt. Noch weiter entfernt liegt allerdings die zu Fiji ge-

Fijis um. So vermischen sich die zahlreichen kulturellen

hörende Insel Rotuma. Die isolierte, kaum zu erreichende

Hintergründe Fijis und Sprache, Traditionen und Werte der

Lage erklärt, warum Rotuma seine eigene Sprache und kul-

rotumanischen Kultur drohen langsam zu verschwinden.

turellen Praktiken entwickelte, die sich von denen der fiji-

Aus diesem Kontext heraus entstand die Gruppe Rako Pase-

anischen Bevölkerung deutlich unterscheiden. Zudem wird

fika. Viele der Mitglieder haben rotumanische Wurzeln und

den Rotumanen häufig eine polynesische Zugehörigkeit

möchten möglichst viel von ihrer Kultur bewahren. ‚Hanua

zugesprochen, während Fiji offiziell zu den melanesischen

Helava‘, unsere Insel, heißt es in einem Lied. Obwohl die

Inseln Ozeaniens gehört. Im Laufe der Zeit und besonders

meisten Mitglieder der Gruppe in Suva, der Hauptstadt Fijis

nachdem die Globalisierung auch die ozeanischen Inseln

leben und nur sehr selten ihre weit entfernte Heimat besu-

einholte, siedelten viele Rotumanen, auf der Suche nach Ar-

chen können, ist Rotuma ein wichtiger Identifikationsfaktor

beit, auf die wirtschaftlich weiterentwicklten Hauptinseln

für die Gruppe. Rako zeigt die zahlreichen Facetten Rotumas in seinen Geschichten, Tänzen, Kostümen und seiner Musik.


Rako’s Entstehungsgeschichte

Neben der Tanzgruppe entstand eine Band, die eigene

Lieder schrieb und produzierte. Durch die Professionalität der Auftritte und die spürbare Leidenschaft auf der Bühne

Initiiert wurde das Projekt von Letila Mitchell, die seit-

erlangte Rako immer mehr Aufmerksamkeit. Innerhalb we-

her sowohl die Geschäftsführung als auch die künstlerische

niger Jahre gründete Letila mit ihrem Mann, dem passio-

Leitung innehält. Als Tänzerin und bildende Künstlerin mit

nierten und talentierten Musiker und Produzenten Paul, die

rotumanischen Wurzeln sah sie sich mit der häufig pers-

Firma TiPau Limited. Somit konnten etwa zehn Künstler*in-

pektivlosen Zukunft für Künstler*innen in Fiji konfrontiert.

nen fest angestellt werden und ein regelmäßiges Gehalt

Den vielen Talenten und dem großen Potenzial der Jugend

erhalten. Tanz- und Musikunterricht wurde lange Zeit kos-

zum Trotz sind künstlerische Karrieren nicht hoch angese-

tenlos angeboten, um allen gleichberechtigte Chancen zu

hen und erfahren kaum Unterstützung. Gemeinsam mit der

geben, ihr Talent und ihre Leidenschaft zu verwirklichen.

Tänzerin Laudan Kotoitubou startete Letila so eine Tanz-

gruppe, die schnell Zuwachs fand und professionell überall

schen ein neues System, das besonders talentierten Ju-

in Fiji auftrat. Beide Frauen zeichnen sich durch ihre große

gendlichen mit wenig finanziellen Mitteln ein Förderpro-

Leidenschaft bei dem, was sie tun, aus. Ohne ihre selbst-

gramm anbietet. Außerdem erhalten die Tänzer*innen und

bewusste, liebevolle Art wäre es wohl kaum möglich gewe-

Musiker*innen für jeden Auftritt eine Gage. Inzwischen tritt

sen, so schnell, so viele Menschen von sich zu begeistern.

die Gruppe international auf und wird für Festivals und Kon-

Es entstand schließlich der Wunsch, vielen jungen, talen-

gresse aller Art gebucht. Immer wieder fungiert Rako als

tierten Künstler*innen die Möglichkeit zu geben, von ihrer

kultureller Botschafter Ozeaniens, wie etwa bei Zusammen-

Kunst leben zu können und so das Ansehen der traditionel-

künften der Internationalen Olympischen Komitees in Fiji

len Künste zu steigern.

und Washington. Neben dem Hauptsitz in Suva, der Haupt-

Durch den starken Anstieg der Mitglieder gibt es inzwi-

stadt Fijis, hat Rako inzwischen eine Zweitstelle in Brisbane.

164


Neben der Tanz- und Musiksparte entstand im Laufe der

Zeit eine eigene Modelinie. 2013 präsentierte Letila ihre farbenfrohe Kollektion erstmals auf der Fiji Fashion Week.

immer traditionellen Charakter und jedes Kostüm wird mit

In den ersten Jahren wurde jedes Kleidungsstück selbst ge-

viel Bedacht zusammengestellt und dann oft in mühsamer

näht und bedruckt – ein sehr großer Arbeitsaufwand, der

Kleinarbeit per Hand gefertigt. Alle Tänzer*innen müssen

aus jedem der außergewöhnlichen Stücke ein Unikat mach-

in der Lage sein, ihre eigenen Kostüme anzufertigen und

te. Durch die ansteigende Nachfrage kam es schließlich zu

instand zu halten.

einer Zusammenarbeit mit einer auf Fiji lebenden Austra-

lierin, die mit einer kleinen Gruppe fijianischer Frauen ei-

lich sehr locker und einfach ist – d.h., ungefähr jeder trägt

nen Großteil der Näharbeiten übernommen hat. Die Druck-

jeden Tag Flip Flops und ein Bula-Hemd –, ist das Mode-

vorlagen wurden von Rakos Künstler*innen entworfen und

business anspruchsvoller und sehr erfolgreich. Neben Rako

zeigen traditionelle, rotumanische Symbole. So ist etwa auf

gelingt es auch vielen weiteren Designer*innen, ihre Kollek-

vielen Kleidern der Tavake Vogel zu sehen, ein Tier, das

tionen auch in Australien und Neuseeland zu präsentieren

ausschließlich auf Rotuma verbreitet ist. Beinahe alle Sym-

und dort viele Kund*innen zu gewinnen, die sich für die un-

bole zeigen Elemente aus der Natur – so finden sich auf vie-

gewöhnlichen Farben und Formen und die traditionelle Fer-

len Kleidern die Motive von Blumen, Blättern und Tieren

tigungsweise per Hand interessieren. Die Schwierigkeiten,

aus dem Pazifik. Die Farb- und Stoffauswahl orientiert sich

die sich für die Designer*innen vor Ort ergeben, sind für

ebenfalls daran; so gibt es etwa eine Kollektion in blaugrü-

uns in Europa meist kaum denkbar. Wenn sich z.B. zwei De-

nen und gelblichen Farbtönen mit dem Thema ‚Ocean‘.

signer*innen in Fiji entscheiden, den gleichen Stoff in der

Außerdem wird Schmuck aus natürlichen Materialien –

gleichen Farbe nutzen zu wollen, führt das manchmal dazu,

etwa aus Kokosnuss oder Muscheln – angefertigt. Die Kostü-

dass im ganzen Land kein Material dieser Art mehr vorhan-

me der Tänzer*innen und Musiker*innen werden ebenfalls

den ist. Dann heißt es – wie es das fijianische Sprichwort

von RakoDesigns entworfen und produziert. Diese haben

‚Vaka Malua‘ ausdrückt – geduldig sein und auf das nächs-

Obwohl der Kleidungsstil auf den Fiji Inseln grundsätz-

te Schiff mit den meist aus Indien oder China importierten Materialien warten.

165


166 Was wichtig ist

Unterschiede in der Erziehung und in den Familienstrukturen. Kinder, die nicht in Suva, sondern in Dörfern aufwachsen, kennen in der Regel kaum Privatsphären und treffen bei Rako beispielsweise auf Kinder, deren Eltern aus westli-

Das Team von Rako vertritt eine klare Linie von Wer-

chen Ländern nach Fiji migriert sind und ein ganz anderes

ten, die von allen Mitgliedern gelebt und auch an die Kin-

Verständnis davon haben, wie man sich verhält. Dort sind

der weitergegeben werden sollen. Fürsorge, Ehrlichkeit,

die finanziellen Unterschiede natürlich ebenfalls beson-

Vertrauen, Bescheidenheit, Respekt, Selbstdisziplin und

ders groß. Dennoch wird versucht, durch viele Gespräche

Liebe sind nur einige Stichworte. Sowohl im Umgang mit-

und kleine Workshops einen sicheren Ort zu schaffen, in

einander als auch im Verhalten während der Arbeit sollen

dem diese Werte gelebt werden und sich alle gegenseitig

diese Grundsätze immer eingehalten werden – ein Unter-

respektieren. Ein sicherer Ort bedeutet in diesem Kontext

fangen, das natürlich nicht immer gelingt. Die Gruppe, die

auch, über Themen sprechen zu können, die zuhause tabu-

Rako bildet, wandelt sich ständig, neue Mitglieder kommen,

isiert werden oder Konflikten innerhalb der Familien aus

andere gehen und viele haben ganz verschiedene familiä-

dem Weg gehen zu können. Nicht alle Eltern unterstützen

re und auch religiöse Hintergründe. Durch die Kolonialzeit

ihre Kinder in ihrem Wunsch, eine künstlerische Karriere

und die großen Entfernungen zwischen den Inseln ist die

einzuschlagen – aber hier versucht Rako zu vermitteln, auch

fijianische Gesellschaftsstruktur sehr heterogen; so leben

wenn das nicht immer gelingt. Nicht nur die künstlerische

sehr viele indisch-stämmige Fijianer mit muslimischen

Erziehung der jungen Menschen soll eine Rolle spielen, son-

Hintergründen neben den sonst meist methodistischen fi-

dern auch ihre soziale.

jianisch-stämmigen Christen. Des Weiteren gibt es große


Ein klares Hierarchiesystem herrscht beinahe überall in

Fiji. Das komplizierte, uralte Chiefsystem in den Dörfern ist ein deutlicher Beleg dafür, wie wichtig der Respekt vor Autoritäten und älteren Menschen auf den Inseln ist. Obwohl Rako sich als eine Familie sieht, ist auch dort die Autoritätenfrage klar geregelt. Letila als Chefin hat in jedem Fall das letzte Wort und diesen Anspruch stellt auch niemand in Frage. Es gibt noch einige weitere Mitglieder, die mehr Entscheidungsmacht haben als andere, doch dies ist kein Vergleich zu dem großen Respekt gegenüber der Gründerin. Auch Eltern erfahren eine große Wertschätzung sowie Verwandte und Ältere generell.

Dieses System sorgt einerseits für ein sehr respektvol-

les Miteinander, andererseits stellt sich die Frage, wie sich die so geschätzten Werte Einheit und Gleichheit damit vereinen lassen. Kritik kann so leider kaum angebracht werden – das führt manchmal dazu, dass gute Ideen keine Chance haben und sich wenig ohne die Zustimmung von Letila weiterentwickeln können.

167


Wenn sich das Klima verändert …

die für sie und die ganze Welt so wichtig ist. ‚Af’akia ’os Was beschäftigt die Menschen

Hanua‘ sind die ersten Worte auf dem Debütalbum ‚Mama

auf den Fiji Inseln? Was ist für sie

Hanua‘ und bedeuten so viel wie: „Wir müssen unser Land,

wichtig? Das ist natürlich individu-

unsere Heimat bewahren“. Diese Aussage möchten sie in

ell sehr unterschiedlich, aber ein

die Welt tragen, stellvertretend für all diejenigen zuhause,

Thema, das alle vereint, ist der Kli-

die nicht um die Welt reisen und vor Menschen mit Einfluss

mawandel. Das Verhältnis zur Natur ist wesentlich enger

auftreten können.

als es die meisten Menschen mit westlicher Sozialisation kennen. Gerade in den ländliche Gebieten lebt man mit und für das Land, ernährt sich beinahe ausschließlich von dem,

Schattenseiten

was vor dem eigenen Haus wächst oder im Meer schwimmt. Das Leben orientiert sich so an den Gezeiten und dem

Ein Thema, was wesentlich weniger Gehör findet, ist

Wetter und jede Veränderung in der Natur ist spürbar. Die

das der häuslichen Gewalt. Obwohl Gewalt gegen Kinder

Dorfgemeinschaften auf abgelegenen Inseln bemerken seit

und Frauen gesetzlich verboten ist, geschieht dies immer

Jahren, dass sich das Meer, die Tiere und die Pflanzen ver-

noch erschreckend häufig hinter verschlossenen Türen.

ändern. In den letzten Jahren wurde ganz Ozeanien von Un-

Scheinbar nur sehr langsam ändert die Gesellschaft die-

wetterkatastrophen heimgesucht.

ses Verhalten. Gesprochen wird kaum darüber, die ganze

Während der Klimawandel hier in Deutschland bisher

Thematik ist ein Tabu. Die Frauen, die meist davon betrof-

keine (oder kaum) existentielle Auswirkungen hat, ver-

fen sind, schweigen ebenfalls, wohl auch aus Angst vor den

schwinden im pazifischen Ozean die ersten Inseln. Famili-

Ehemännern und dem Gefühl der Schande für die Familie.

en und Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten dort leben,

Eine Scheidung ist nicht besonders hoch angesehen und

verlieren ihre Heimat. Das ist für die gesamte Region ein

wird gerade in ländlichen Strukturen kaum durchgeführt.

sehr schmerzhafter Prozess, da das Land und die Natur ei-

Obwohl die Frau in der rotumanischen Kultur meist eine

nen sehr hohen Stellenwert für die Menschen haben. Verar-

größere Rolle inne hat, als das in der traditio-

beitet wird dies auch in der Kunst – so handeln einige von

nell fijianischen der Fall ist, sind auch Frauen

Rako´s Liedern von Mama Earth, der großen Mutter Erde,

bei Rako davon betroffen. Statt den Schmerz

168


und die Demütigung zu teilen, kommt es vor, dass die Frau-

durch die musikalische, künstlerische Ebene eine Stimme

en zuhause bleiben, bis man ihnen den Vorfall nicht mehr

zu geben. In dem Lied geht es nicht nur um Verarbeitung,

ansieht. Wenn doch etwas durchdringt, sind die Reaktionen

sondern um eine generelle Bestärkung für Frauen, für sich

von Freund*innen und Familie sehr unterschiedlich: von

einzustehen und selbstbestimmt zu leben.

großer Wut auf den Mann bis zu nüchterner Gleichgültig-

keit ist alles dabei. Überrascht ist allerdings niemand.

sönlichkeiten, die versuchen, ihre Kinder ebenso zu er-

Letila und die Mütter von Rako versuchen, das Thema

ziehen. Gesamtgesellschaftlich ist das Problem allerdings

zu öffnen und auch die Mädchen und Jungen im Schulalter

noch lange nicht gelöst – in der ländlichen Bevölkerung

damit vertraut zu machen – es gehört viel Mut dazu, über

sind alte Strukturen und Rollenbilder stark verankert. Es

die eigenen Erfahrungen zu sprechen. Letila, die selbst in

ist allerdings immer häufiger zu beobachten, dass gerade

ihrer ersten Ehe von häuslicher Gewalt betroffen war, hat

die Jugend für mehr Gleichberechtigung kämpft und es so

das Lied ‚Home‘ geschrieben, das ebenfalls für das erste

hoffentlich langsam zu einem Umdenken in der sonst so

Album aufgenommen wurde. So wird versucht, den Frauen

friedlichen und freundlichen Bevölkerung kommt.

Die Frauen bei Rako sind selbstbestimmte, starke Per-

169


Seitdem ich Rako im Sommer 2016 das letzte Mal be-

Sina Musche absolvierte 2014/15 einen in-

sucht habe, ist viel passiert. Der Erfolg ist enorm groß und

ternationalen Freiwilligendienst bei der Kultur-

es ist faszinierend zu sehen, wie es gelungen ist, aus sehr

gruppe Rako Pasefika auf den Fiji Inseln. Dort

verschiedenen talentierten Künstler*innen eine internatio-

arbeitete sie sehr eng mit Menschen zusammen,

nal erfolgreiche, facettenreiche Firma zu formen. Gleichzei-

die der fijianischen Subkultur der Rotuma ange-

tig hat dieses Wachstum auch eine Schattenseite. So höre

hören. Gemeinsam mit den Künstler*innen vor

ich von einigen Freund*innen, dass sich in die einst so fa-

Ort engagierte sie sich bei der Bewahrung der

miliäre Atmosphäre ein gewisser Druck und eine verstärkte

traditionellen Werte durch die Förderung von

Kommerzialisierung eingeschlichen haben.

jungen Künstler*innen. Außerdem thematisiert

Dennoch muss betont werden, dass diese rasante Ent-

die Gruppe die Bedrohung Ozeaniens durch den

wicklung das beste Beispiel für das künstlerische und un-

Klimawandel. Seit ihrer Rückkehr steht Sina wei-

ternehmerische Potenzial vieler Menschen in den nur als

terhin im engen Kontakt mit den Menschen und

‚Urlaubsparadies‘ deklarierten pazifischen Inseln ist. Durch

führt weitere Projekte auf den Fiji Inseln durch.

Rako lernen auch wir pazifisches Wissen, seine Traditionen und Werte sowie die Anliegen und Sorgen der Menschen kennen und ernst zu nehmen.


Impressum Herausgeberin Elisabeth Marie Mars, Arbeitsstelle Weltbilder e.V.

Gefördert von Engagement Global

Konzeption Elisabeth Marie Mars

Redaktion Elisabeth Marie Mars, Merle Gellert, Robin Frisch, Ann-Christin Seifert

Im Auftrag des BMZ

Supervision Sebastian Aperdannier, Referat Weltkirche, Bistum Münster

Art Direction Sebastian Metzing, Absolvent Münster School of Design (MSD)

Für den Inhalt dieser Publikation ist allein die Arbeitsstel-

Teil von kollektivdrei, www.sebimetz.de

le Weltbilder e.V. verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und dem Bundesministerium für wirtschaft-

Münster, Oktober 2017

liche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.


www — book Autorinnen und Autoren Anna-Sophie Kupper

Jil Holtbernd

Annika Hock

Lilith Kugler

Carina Hausmann

Mareike Lummer

Denise Reubert

Mitsuo Iwamoto

Felicitas Arlt

Philipp Dieterich

Felizia Schreiber

Rosina Klotz

Florian Schneider

Sina Musche

Hanna Adam

Theo Stark

Insa Olshausen

Thilko Gläßgen

Danke fürs Lesen und Weitermachen! Weitere Informationen zum Projekt unter www.weltweitweitermachen.org Allgemeine Informationen zur Arbeitsstelle Weltbilder unter www.arbeitsstelle-weltbilder.de

„Es geht um das Wagnis der Hoffnung“ Dr. Bachmann, Rat für Nachhaltige Entwicklung


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