Haut Cuisine – Dinner für alte Freunde

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HAUT CUISINE Dinner für alte Freunde



You standing upright makes me stand upright. Bruce Campbell


Als die Welt noch in den Fugen war, servierte man in den Restaurants noch Braten mit Soße oder Gemüsesuppe nach Gusto des Gastes. Während sich Kunst und Populärkultur stetig ver­­änderten, aßen die Menschen dennoch das gleiche Essen. Dann wurde etwas angestoßen, was keinen Stein auf dem anderen ließ. Stil und Tradition werden durch neue Ästhetik, die Abstraktion, moderne Technik und Ideen aufgreift, ersetzt, um neue Erfahrungen zu schaffen. Die Speisen als Medium mit dem Ziel provokativ, sowie beeindruckend und außerordentlich delikat zu sein, sind angerichtet. Der Tisch für den Dialog zwischen Gast und Wirt ist gedeckt. Mit der Analyse des persönlichen Mikrobioms wird die profitabelste Nahrungsauswahl getroffen. Das klingt, als ginge es um Quantensprünge in der Küche, schlussendlich ist es jedoch nur Mac and Cheese. Oder wie wären Chips? Deine Haut entscheidet. Das Dinner in der »Haut Cuisine« macht auf das Netzwerk von Organismen aufmerksam, von dem wir umspannt sind. Ohne Sie gibt es kein Wir und gegen Sie zu arbeiten kann fatale Auswirkungen haben. Die neue Küche legt Wert auf ein Mit- und Füreinander von Mensch und Bakterien.

Diplomdokumentation von Anthea Oestreicher


HAUT CUISINE Dinner fĂźr alte Freunde

Diplomdokumentation von Anthea Oestreicher



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Inhalt

Recherche Optimierung der Schöpfung 5 Szenarien des Schnitts 12 Haut 16 Grenzen in Bildern 24 Verbessere mich 33 Fragmente im Overload 37 Vergessen/Ermessen 41 Unsichtbare Türsteher 44 Erkannte Fakten 52

Konzeption Ungefragt eingemischt Der Bote verteilt die Einladung Essen für die Gesundheit

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Umsetzung Das Dinner beginnt 77 Ein letztes Mal in die Zukunft 92 Abstract 97 Gallery of Living in (Wrong) Fear 107 Anhang 122


Der Körper in seiner gesellschaftlichen Wirkung hinsichtlich verschiedener Ideale, als auch die Grenzen des eigenen Körpers interessieren mich seit geraumer Zeit. Über eine Annäherung aus zwei verschiedenen Blickrichtungen entstand letztendlich mein Thema. Der Weg dorthin führte mich über die Außendarstellung des eigenen Körpers hin zur Verschönerung und Optimierung des Körpers zur Haut. Erst nach einiger Zeit wurde mir bewusst wie interessant und unglaublich wichtig der Teil der Haut ist, der sein eigenes Leben lebt. Die menschliche Haut als die Schnittstelle zwischen Innen und Außen beheimatet unzählige Bak­ terienstämme. Das sogenannte Mikrobiom bildet ein Netzwerk, das den menschlichen Körper umspannt und die Haut schützt. Die Anzahl der Bakterien in, um und auf unserem Körper übersteigt die Anzahl der humanen Körperzellen um ein Vielfaches. Ich tauchte fasziniert in die Thematik der Mikroben ein und brachte mich dem aktuellen Forschungsstand so nahe wie nur möglich. Aus der heimischen Küche wurde ein Labor und eine Werkstatt, indem ich das Mikrobiom verschie­ dener Menschen und aus verschiedenen Situationen sammelte und die Bakterien am Leben erhielt. Zum Nachdenken brachte mich, dass meine Faszination nicht von jedem geteilt wird und die Mikroben, obwohl sie von der eigenen Haut kommen als ekelerregend angesehen werden. Dieses große Spektrum aus bakteriellen »Nationen« wird vom Menschen zu wenig wahrgenommen und wertgeschätzt. Unsere Gesund­heits­prävention besteht auch darin, dieses biologische System zu behandeln und die Koevolution mit anderen Organismen zu leugnen. Ich kam zu dem Schluss, dass die Idee und die Rolle des Menschen zu überdenken ist, damit der von sich selbst besessene, sich übergeordnet fühlende und zerstörerische Mensch wieder zu einem Teil eines Ökosystems wird. Die schlussendliche Verknüpfung zum Bereich der Ernährung wächst aus dem Credo: Essen ist die beste Medizin. Schließlich isst jeder Menschen jeden Tag. Nach der persönlichen Medizin kommt nun also die persönliche Ernährung.

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RECHERCHE Optimierung der Schöpfung Das Ideal oder die Perfektion des Körpers spielen seit vielen Jahren eine große Rolle. Das beste Beispiel hierfür sind Schönheitsoperationen. Hier stellt sich beispielsweise die Frage ob es um eine Optimierung der eigenen Schönheit oder um die Gleichstellung mit anderen, »besser ausgestatteten« Individuen geht. Im Kunstkontext spielt hier die französische Künstlerin Orlan eine große Rolle. Laut ihr beruhen räumliche Anordnungen auf der Grundannahme, dass Innen und Außen zueinander passen. Dies ist sowohl eine logische als auch eine topologische Frage. Logisch ist, dass sie sich gegenseitig ausschließen und trotzdem nur gemeinsam vollständig sind. Die topologische Frage bedeutet, dass innen und außen auf einfache Weise übereinstimmen müssen, dass sie isomorph sind. Dieser Isomorphismus trifft nicht nur auf Innen und Außen, sondern auch auf Körper und Geist, Essenz und Entscheidung, Subjekt und Objekt, als auch männlich und weiblich zu. Unter Anderem zeichnen diese Gegensätze das west­liche Denken aus. Die kosmetische Chirurgie ist der Beweis unseres Engagements zu Gleichheit, individueller Autonomie und Wohlstand. Schönheit wird als wertvolle Ware angesehen, die ungleich verteilt ist. Dies ruft unter Umständen Neid hervor. Die Lösung wäre dementsprechend, dass Schönheit demokratisiert werden müsse, damit mit genügend Geld und Anstrengung die Schönheit für jeden erreichbar sein kann. Dies würde die Kraft der Schönheit als Instrument der Ungleichheit schwächen. Renata Salecl schreibt dazu: »Der Mangel an Identifizierung mit einem IchIdeal (einer symbolischen Rolle) hat zu einer Identifizierung des Subjekts mit einer imaginären Rolle (das heißt einem Ideal-Ich) geführt, in der sich das Subjekt für liebenswert hält. Diese narzisstische Suche nach dem perfekten Bild führt zu einer




Besessenheit des Subjekts, seinen Körper mittels exzessiver Diäten, Training, plastischer Chirurgie usw. ändern zu können.« Besonders interessant ist im Bereich der Schönheitsoperationen auch die Rolle des Chirurgen. Dieser hat die Macht über den Körper seines Patienten und kann die Natur gemäß der Schönheitsvorstellungen kultivieren. Das Verhalten der Patienten erinnert an das Insektenverhalten und der Auffassung von Mimesis. Insekten ändern ihre Farbe und passen sie an die Umgebung an, um »Teil des Bildes« zu werden. Die Mimesis ereignet sich im Bereich des Sehens. Das Aufrechterhalten zwischen Innen und Außen, der Grenze zwischen Gestalt und Hintergrund der Körper verdoppelt sich und wird von dem ihm umgebenden Raum geschluckt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Theorie der sexuellen Selektion Darwins: Sie erklärt die evolutive Entstehung von sexualdimorphen Signalstrukturen wie Prachtkleidern und anderen sekundären Geschlechtsmerkmalen. Die Ausbildung einer solchen Signalstruktur beeinflußt den Fortpflanzungserfolg. Hierzu sind vor Allem die transkulturellen Aussehenspräferenzen zu betrachten: Als ästhetisch und schön gelten hohe Symmetriewerte von Gesicht und Körperteilen, eine glatte Haut, hemisphärische Brüste, eine bestimmte Relation von Taille und Hüfte, dem bekannten Kindchen-Schema und anderen Gesichtspräferenzen, die schon an Babys ermittelt werden konnten. Die Frage ist nun, ob diese transkulturellen Präferenzen neben den rein kulturellen Codes weiter bestehen und inwiefern kulturelle Codes die Vorstellungen über unsere vorgeschichtlichen Adaptionen prägen. Es stellt sich dennoch die Frage, warum sexuelle Ornamente überhaupt entstanden sind, wo sie doch oft unpraktisch sind (in der Tierwelt beispielsweise das Pfauenrad). Darwin behauptet, die Vorteile bei der Partnerkonkurrenz sind Bestehensgrund genug, denn ohne diese Konkurrenz gäbe es keine evolutionäre Fixierung immer extremerer Ornamente. Persönlich erinnert mich die Metamorphose mithilfe einer Schönheitsoperation an den vermesse-

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nen menschlichen Traum selbst Gott spielen zu wollen und dementsprechend an Mary Shelleys Frankenstein. In diesem Zusammenhang stieß ich auf das Projekt »Hautnah« von Alba d‘Urbano. Sie definiert die Haut als äußerliche Grenze und externe Hülle. Die Haut definiert die Kontur des Bildes, das sich auf der Retina eines anderen Menschen abzeichnet. Diese Thematik wird auch in der Literatur aufgegriffen: »Aber als die Kleidungsstücke, die ich mechanisch vom Leib zog, um mich herum auf dem Boden verstreut liegen, überfällt mich plötzlich im Spiegel der Anblick meines nackten Körpers… Diese Masse welken Fleisches, das mich heute bedeckt, muss eine anormale Bildung sein, durch Zauberwerk auf meinem eigentlichen Körper mitgewuchert.« Aus Elsa Morante – »Aracoeli« Auch Eugénie Lemoine-Luccioni schreibt in »La robe« über die zweite Haut: »Man hat im Leben nur seine Haut, aber man ist nie das was man hat.« Das Überschreiten der Grenze zwischen Innen und Außen, Belebtem und Unbelebtem, Vorher und Nachher beschreibt auch Blaise Cendras in »Sur la robe elle a un corps« (Auf dem Kleid trägt sie einen Leib). Hier wird das Vertraute umgekehrt, was ein wesentliches Merkmal der Mode ist. Die heutige Mode drückt nicht den Menschen per se aus, sondern kreiert den Körper. Der anatomische Körper wird durch die Mode in seinem Raum erweitert oder durchaus auch auf eine Fläche reduziert. In Anbetracht dieser Tatsachen möchte ich die Mode als Konstrukt bezeichnen, dass aus unserem Umgang mit Kleidern, die einen ästhetischen Überschuss haben und der zugehörigen Institution, die diese Kleider


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zur Mode ernennt, besteht. Der Mensch ist für Mode ein Objekt, eine Projektionsfläche, die die tote Kleidung zum Leben erwecken kann. Der nackte Menschenkörper ist in diesem Fall irrelevant. Die Kombination meiner Betrachtungen bringt mich zum ersten Teil meines Konzepts: Die Haut als Schnittstelle. Diese Schnittstelle und die Szenarien des Schnitts wurden von mir in ihren verschiedenen Ausprägungsmöglichkeiten untersucht. Szenarien des Schnitts Der Schnitt in die Haut stellt einen Wechsel zwischen totem und lebendem Fleisch dar. Im Kontext des Körpers gibt es des Weiteren auch die Schnittstelle zwischen dem lebenden Körper und einem Mythos: Der Schamane schneidet dem »Patienten« in das Fleisch um böse Geister, die sich im Körper befinden, austreiben zu können. Das Wort plastisch kommt vom griech. »plastikos«: auf Absicht des Formgebens. Daher auch der Einsatz von »Plastik«, synthetischen Materialien wie beispielsweise Silikon, um Körperimplantate herzustellen. Der Schnitt ist in diesem Fall ein funktionales und ästhetisches Wiederherstellen, gleichzeitig ist der Schnitt Gegenstand der Inszenierung des eigenen Körpers (»selfmade body«). Die Bekenntnis zum Schnitt weicht­ der Natürlichkeit als Ideologie. Im Hinblick auf die Perfektion, die diese Technik innehat, ergreift den Menschen eine Scham darüber als Mängelwesen geboren und nicht in Perfektion gemacht zu sein. Ein weiteres Szenario ist der Körper als Schnittstelle von Körper(material), Körperbild und einem Medium, beispielsweise einem Spiegel. Das Körperbild selbst entsteht nicht von alleine im Spiegel, sondern erst, wenn der körperliche Blick auf bzw. in den Spiegel fällt und der Körper erkannt wird. So vermittelt das Medium Spiegel das Körperbild und ist kein äußerliches Instrument. Bei einer OP wird der Schnitt »hinter« dem Spiegel vollführt, indem der Schnitt unter die Oberfläche der

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Haut geht, die für den Spiegel sonst undurchdringlich bleibt. Der Schnitt in die Konventionen funktioniert beispiels­ weise durch die Inszenierung des eigenen Körpers. Orlan setzt das Szenario des Schnitts in den lebenden Körper konsequent als Transformation des »readymade«-Körpers zur »selfmade«-Gestalt ein. Dies ist auch die Definition der body art-Bewegung: die Selbstfindung durch Körper- und Schmerzerfahrung. Im Szenario werden Schnittmuster des Machbaren entwickelt und realisiert, wobei die Tiefe des Schnitts als Eingriff und der Blick in den geöffneten Körper in diesem Szenario ausgeblendet bleibt. Im Kontext der Schönheitsoperationen kann auch das Vorher/Nachher-Ereignis als eine Transformation von Fleisch­material zu Plastik-Produkt dargestellt werden. Das wahre Ich erweist sich dementsprechend nach der OP als Ware (»Ware Ich?«): als Körper, der sich durch Tauschwert bestimmt. »We become what we see« gilt nicht nur als Motto für die Schnittstelle zwischen Vor- und Herstellung einer Vielfalt an Mustern von Körpern, sondern auch die Schnittstelle von Angebot und Nachfrage einer Produktpalette an Körpermustern denen man folgen sollte/muss. Durch dieses Wissen wurde meine Neugier an der Haut als solche geweckt und eine umfassende Recherche zum Thema Haut schloss sich an.


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Haut Um die Haut zu beschreiben werden Metaphern wie Grenze, Wand oder Barriere benutzt. Aber auch als Tor in den Körper ist die Haut seit frühester Zeit bekannt. Die Haut ist sowohl materielle, psychische als auch symbolische Hülle des Körpers. Gleichzeitig ist sie die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt. Als reizaufnehmende und reagierende Oberfläche trägt sie Zeichen der Identität, unterliegt verschiedenen Alterungsprozessen und zeigt Spuren der Erinnerung. Brüche und Kontinuitäten betreffen somit Verletzungen, Tätowierungen und Häutungen. Sie hüllt, sackt ein, verpackt, verschalt, beschützt (wie eine Hütte), umfasst und hält fest. Die Haut an sich beherbergt unzählige Nerven, Blutgefäße, Drüsen und Haarwurzeln. In der Fachsprache »Dermis« oder »Corium«, darunter liegt die »Subkultis«, darüber »Epidermis«, die gefäß- und gefühllos ist. Die Haut umfasst eine Fläche von 1,6–1,8m2 und beträgt 18% des Körpergewichts. Die Haut sorgt für den physikalischen, den chemischen und den immunologischen Schutz, Wärmeregulation und die Aufnahme von Sinnesreizen. Die Haut selbst besteht aus Basal-, Stachel-, Körnerund die Glanzzellen, sowie einer Hornschicht. Anders könnte die Haut auch als Geflecht aus dem Skleroprotein Kollagen bezeichnet werden. Ein Quadratzentimeter der Haut enthält sechs Millionen Zellen, die 5000 Sinneskörper, vier Meter Nervenfasern und einen Meter Adern umfassen. Auf diesem einen Quadratzentimeter befinden sich 100 Schweißdrüsen, 15 Talgdrüsen, 200 Schmerzpunkte, 25 Druckpunkte, 12 Kälte- und zwei Wärmepunkte. Der ph-Wert der Haut liegt im leicht sauren Bereich bei ca. 5–5,5. Die Haut hat eine Zerreißfestigkeit von 1,5 Kilogramm pro Quadratmillimeter. Die auffälligsten Stellen der menschlichen Haut sind sicherlich die, die Haare (Pili) und ihre Wurzeln (Haarzwiebeln) in den Schichten der Lederhaut haben und die vor Allem auf dem Kopf, den Achselhöhlen, den Extremitäten oder um die Genitalien

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nach außen dringen. Mithilfe der Haare kommuniziert man mit der Außenwelt und signalisiert die eigene Identität. Die Haut ist ein Medium der Kommunikation und der Mitteilung, als Hülle und Grenze zugleich und daher die verletzliche Zone des Körpers. Verletzungen der Haut können sich im Reizen, Röten, Abschürfen, Durchbohren, Aufreißen, Zerfetzen u.ä. zeigen. Unsere Haut ist den Einwirkungen der Außenwelt ausgesetzt vor denen man sich mit zusätzlichen Oberhäuten von Tieren (Leder, Wolle, Pelz, Seide) oder Pflanzen (Baumwolle, Leinen) schützt: Der Bekleidung. Wichtig sind auch die Nacktheit und die Haut–zu– Haut-Berührungen, sowohl in der Entwicklung des Kindes, als auch in verschiedensten Riten, bei denen ein Segnender (z.B. Priester) die Haut mit einer Flüssigkeit weiht. Die Haut galt schon bevor man den Körper sezierte als Ausdrucksebene des Inneren, als Hülle auf der man das innere Geschehen abbildete. Als Pergament konservierte Haut wird zum Träger der Erinnerung. Die Haut ist Synonym für Identität und Individualität, wie Redewendungen (aus der Haut fahren, in jemand anderes Haut schlüpfen, mit heiler Haut davonkommen) belegen. Als Bedeutungsträger von Identität lässt sich unterscheiden: • Beschriebene Haut: Bestimmung und Zukunft des Menschen (z.B. Notizen auf der Hand als Erinnerung) • Tätowierte Haut: Schmückt, zeigt Zugehörigkeit und ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Natur. • Verräterische Haut: Der Fingerabdruck macht die Identität nachweisbar • Kosmetisch behandelte oder geschmückte Haut • Soziale Haut: Durch Hautfarbe werden Individuen zugeordnet, ausgegrenzt und in Rangfolge eingeordnet • Moralisierende Haut (Haut der schlechten Ge-



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wohnheit): Sündhaftigkeit, die man ablegen sollte/will, um ewige Seligkeit zu erlangen Abgezogene Haut als Symbol für (Straf)Gewalt, (Selbst)Justiz, Macht und Entmenschlichung

Schutz- und Barrierefunktion Die Aufgabe der Barriere liegt in wissenschaftlicher Sicht beim Stratum corneum. Dies ist die Schicht, die sich bei der Reifung von Epidermiszellen zu Hornzellen mit dazwischen gelegten Lipoiden an der Oberfläche der Epidermis bildet. Der Aufbau dieser Hornschicht ist vergleichbar mit einer Ziegelsteinwand. Die Hornzellen sind hierbei die Ziegelsteine und die Lipoide in den Zwischenräumen funktionieren als Halt gebender Zement. Dieser Aufbau macht die Hornschicht weitgehend undurchlässig für Wasser und andere Flüssigkeiten. Ohne diese Schicht könnte der Mensch an Land den Wassergehalt seines Körpers nicht aufrecht erhalten. Fehlt an einem Stück die Epidermis, die für diese Erneuerung sorgt, kann das lebensgefährlich sein. Durch mehrmaliges Abziehen der Hornzellen mithilfe von Klebeband, lässt sich eine Änderung der Oberflächenstruktur feststellen, eventuell in Kombination mit einem leichten Nässen. Achilles aus Homers Ilias und Siegfried sollen durch Stärkung der Epidermis eine unverwundbare Haut erhalten haben, Achilles durch Ambrosia und Läuterung im Feuer, Siegfried durch ein Bad in Drachenblut. Identitätsbildende Funktion Die auf die Haut bezogene Ich-Vorstellung umfasst die Wahrnehmung von sich selbst und gleichzeitig die Unvorstellbarkeit und die Unvereinbarkeit einer Existenz ohne Haut. Somit repräsentiert die Haut Individualität und Verletzlichkeit gleichermaßen. Eine auf die Haut bezogene Ich-Vorstellung bildet sich schon in der frühen Kindheit, mit dessen Hilfe das Ich eigene Erfahrungen der Körperoberfläche zu einer Vorstellung von

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sich selbst entwickelt. Das Haut-Ich umfasst folgende Funktionen: Die umfassende und vereinigende Hülle für das Selbst, die Barriere zum Schutz der Psyche, eine Filterfunktion und eine Spiegelung der Realität. Beim Thema Häutung wird der Ausdruck der Identität und Selbstsicht durch die Haut besonders deutlich. Hier ist vor Allem die Sage zwischen Apollon und dem Satyr Marsyas zu erwähnen. Bei einem musikalischen Wettstreit zwischen Satyr Marsyas auf der Flöte und Apollo, der Gott des Maßes und der Musik, auf der Kithara unterliegt Marsyas. Daraufhin wird dieser gehäutet. Die Haut als Metapher für das Leben wird auch bei Herodot thematisiert: König Cambyses lässt den bestechlichen Richter Sisamnes häuten und bespannt mit Riemen der Haut einen Sessel bei Gericht. Danach bestimmt König Cambyses den Sohn des Sisamnes zum neuen Richter und trägt ihm auf, sich stets daran zu erinnern auf welchem Sessel er als Richter sitzt. Besondere Kennzeichen der Haut werden gerne zu Identifizierungszwecken benutzt. Auffällige Hautmale werden auch in Ausweisen vermerkt. Ähnlich zur Identifikation genutzt wird der individuelle Fingerabdruck. Der Grund dieser Muster auf den Fingerkuppen sind die auf dem Kamm der Papillarleisten dicht bei einander liegenden Öffnungen der Schweißdrüsen. Da die gleiche Musterkombination mit einer Wahr­ scheinlichkeit von 1x10-11 zu erwarten ist, gab es seit dem Beginn der Menschheit wohl nie das gleiche Papillarleistenmuster. Sensorische Funktion Bewusst können Oberflächenstrukturen und Strukturunterschiede mithilfe des Tastsinnes befühlt und erkannt werden. Freie Nervenendigungen sind die wichtigsten Rezeptorstrukturen für die Wahrnehmung von Schmerz. Bei unterschwelliger Reizung vermitteln diese die Empfindung eines Juckreizes. Voraussetzung für das ausgeklügelte System, das Temperatur und


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Temperaturunterschiede, Druck, Schmerz und Kitzel wahrnimmt sind Rezeptoren, die eintreffende Informationen aufnehmen und über Impulse an das Nervensystem weitergeben können. Der Tastsinn ermöglicht Blinden die Brailleschrift zu lesen, Bildhauern ihre Statuen herzustellen und andere Menschen tastend zu identifizieren. In Darstellungen der fünf Sinne wird der Tastsinn oft durch einen pickenden Vogel symbolisiert. Kommunikative Funktion Die Haut als Leinwand ist bekannt durch die Kunst der Tätowierungen, aber auch um Informationen zu übermitteln. Eine besondere Ausdruckskraft bestimmt die Mimik des Gesichts. Beim Verhüllen des Gesichts ist die Möglichkeit eines lebendigen Ausdrucks aufgehoben. Die Maske ist im Vergleich unveränderlich, starr, unbeweglich – eine wirkungsvolle Methode sein Gesicht und die ausgesendete Botschaft zu verändern und damit dem Träger eine andere Identität zu verschaffen. Grenzen in Bildern Das Reden über die eigene Haut ist ein Sprechen über sich als Körper. Betrachtet man Redewendungen gibt es einerseits solche, die die Haut als schützende Hülle oder auch als verbergende Hülle darstellen. Das Authentische entzieht sich dem Blick und erfordert gelesen zu werden. Andererseits gibt es Redewendungen, die die Haut mit der Person gleichsetzen. Diese Redewendungen werden heute aber immer seltener genutzt, lediglich die »dicke« oder »ehrliche« Haut werden hierfür heute noch gebraucht. In der Ver­gangenheit wurde die »Haut« sehr viel häufiger als Synonym für »Mensch«, »Geist«, »Nerven«, »Leib«, »Leben« genutzt, die heutzutage nicht mehr gebraucht werden (an eigner Haut erfahren, auf die Haut gehen, mit der Haut zahlen …). Zusammen mit anderen Körperteilen wird die Haut noch als Synekdoche eingesetzt: »Mit Haut und Haar« entstand im Mittelalter und bezog sich auf nicht verstümmelnde Strafen, z.B. Abschneiden der

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Haare. Also eine Strafe die sich auf der Oberfläche des Körpers vollzog, ohne ihn in seiner Grundfunktion zu schädigen. Auf gleiche Weise funktioniert der Term »nur noch Haut und Knochen« sein. Die andere mögliche Bedeutungsebene ist die der empfindlichen Hülle, beispielhaft in der Formulierung »sich wohl in seiner Haut fühlen« oder »mit heiler Haut davonkommen«. Die raumbildende, behausende Funktion der Haut, gibt es gleichermaßen im Englischen (»to sleep in a whole skin«), im Französischen »mourier dans sa peau« (in der eigenen Haut (d.h. friedlich) zu sterben). Die Haut ist aber nicht nur schützender Raum, sondern auch oftmals ein Gefängnis (»nicht in der Haut eines anderen stecken zu wollen« oder »ein Schelm in der Haut«) oder das italienische »avere il diavolo nella pelle« (in etwa: den Teufel im Leib haben). Die Wendung »aus der Haut fahren« entwirft dagegen ein Körperhülle, die bei einem Emotionsausbruch überwunden werden kann, und man außer sich ist (»to jump out of one’s skin«). In Friedrich Hebels Maria Magdalene geht es um die Enge der Haut, symbolisch für eine häusliche Enge, und das Verletzlichkeit den Vater dazu bringt »borstig« zu werden: »Wir passen ein für allemal nicht zusammen, er kanns nicht eng genug um sich haben, er möge seine Faust zumachen und hineinkriechen, ich möge meine Haut abstreifen, wie den Kleinkinderrock, wenns nur ginge« und »Erst waren all die Stacheln bei mir nach innen gerichtet, da kniffen und drückten sie alle zu ihrem Spaß auf meiner nachgiebigen glatten Haut herum… Aber das Ding gefiel mir nicht, ich kehrte meine Haut um, nun fuhren ihnen die Borsten in die Finger, und ich hatte Frieden.« Diese beiden konträren Denkformen: das Selbst als Haut und das Selbst in der Haut sind hierbei sehr wichtig. Im Text »Peau d‘ Ane« von Charles Perrault wird die Protagonistin von ihrem eigenen Vater sexuell begehrt


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und möchte ihre Identität verändern. Sie kann aus ihrer Haut und versteckt sich in der Haut eines Esels und wird zur Stallmagd. Die Verkleidung der eigenen Haut kann manchmal nützlich sein, ist aber auch Fremdtäuschung und gleichzeitig Selbstbetrug. »Die Körperpelle da hat Wissenschaft, die können Sie mit dem Mikroskop auf ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie nicht bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern darunter ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen und Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, – und darunter wieder die Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie, die Unterlage, die mit ihren vielen Fettzellen die holdseligen weiblichen Formen zustande bringt.« Thomas Mann – Der Zauberberg: Stratum corneum: Dead or Alive »Shall I compare thee to a rubber sheet Protecting man from toxins, draught and heat, Where mortal bricks and lipid mortar meet To build a multilayered wall so neat, That with thou living membranes can’t compete?« Harry Boddé »Der Mensch ist ein Untermieter in der eigenen Haut« Zarco Petan Zitate sind dem Buch »Die Haut im medizinischen und kulturgeschichtlichen Kontext entnommen. Paul Valéry beschreibt die Haut als das was am tiefsten im Menschen liegt: »Was am tiefsten im Menschen liegt, ist die Haut […] Und dann Mark, Gehirn, alles, was man zum Fühlen, Leiden , Denken … in die Tiefe gehen […] braucht, sind Erfindungen der Haut! … Wir können graben, Doktor, aber wir sind …ektoderm.«

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Die Haut als Mauer ist symbolisch für die Vorstellungen des »Wohnens« und »Gefangenseins« im eigenen Körper. Eine andere Analogie ist die des »Kleides«. Das Kleid-Modell ist vor allem in den früheren Jahrhunderten aktuell, in welchem die Körperoberfläche noch mehr auf ihre physiologischen Eigenschaften hin betrachtet wurde. Dies liegt vor Allem daran, dass das Innere des Menschen noch unklar war. In der Kleidmetapher geht es vor Allem um das An- und Ablegen. Die Wände eines Hauses können auch im architektonischen Sinne als Haut bezeichnet werden. Schon Leon Battista Alberti schreibt in Della Architettura, dass der Körper eines Hauses von mehreren Schichten Verputz überzogen sein soll. Dem Haus wird also ein Kleid überzogen, das seiner individuellen Stellung entspricht. Als im 20. Jahrhundert die vollständige Entfernung der schmückenden Fassaden und ein Offenlegen (Entblößen) des Bauskeletts vollzogen wird, wird aus der weichen Verkleidung nun die Haut des Gebäudes. Wo liegt aber die wirkliche Ähnlichkeit zwischen Körper und Haus? Beide sind vertikale und konzentrierte Gebilde, die sowohl eine Einheit als auch eine zusammengesetzte Form sind. Insbesondere ist die Parallelisierung zwischen Haus und Körper als feste, umhüllende Form von Bedeutung. In der Traum­analyse werden erscheinende Häuser als der eigene Körper interpretiert. Vor Allem der weibliche Körper wird aufgrund seines eindringbaren Hohlraumes als Haus verstanden. Als Fenster des Leibes werden die Sinnesorgane interpretiert, der Stoffwechselapparat ist entsprechend durch Türen und Pforten dargestellt. Des Weiteren ist in der Haut/Haus-Metapher die Diskrepanz zwischen Subjekt und Umwelt, sowie das Denken der Haut-Mauer als Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit bereitgestellt. Die modernen Glasfassaden sind vereinbar mit den Modellen des gläsernen Menschen und passen zu der Reihe von Entschleierungstechniken aus der Kriminalis-




tik, Psychoanalyse und auch den neuen Medien. Das authentische Ich ist im gläsernen, unverhüllten Menschen sofort ersichtlich. Je intensiver diese unwillkürliche Offenlegung wird, desto intensiver wird versucht sich zu verhüllen. So gibt es in der Gegenwartskunst Beispiele die die Haut als absolut undurchdringlichen Panzer darstellen, der keine Öffnungen oder Sinnesorgane besitzt. Als Beispiel sind hier die Arbeiten von Anthony Aziz und Sammy Cucher zu nennen. Kafka verfasst in seinem Tagebuch hierzu das Oxymoron: »Meine Gefängniszelle – meine Festung«, eine Grenze, die trennt und Schutz bietet. Auch etymologisch gibt es eine enge Verbindung von Haut und Haus. Das Wort Haut entstand aus dem mittelhochdeutschen »hus/hut« Der Anlaut »h« führt zurück auf den urverwandten Anlaut »sk«. Die ursprüngliche Wurzel sowohl von Haus als auch Haut ist »Ski« und bedeutet »bedecken« und »behüten«. (Aus Grimms Deutschem Wörterbuch, Band 10, S. 640) Exkurs: Produkte aus Menschenhaut Im zweiten Weltkrieg hat Ilse Koch angeblich Lampenschirme aus tätowierter Haut von verstorbenen Häftlingen aus dem KZ Buchenwald in Auftrag gegeben und in ihrem Haus aufgestellt. Der Mörder Ed Ein stellte Trophäen seiner Opfer her, z.B. Lampenschirme. Im 18. Jahrhundert gab es folgende isländische Legende: Wenn man Erlaubnis bekommt über jemandes Haut (männlich) nach dessen Tod zu verfügen, konnte man diese Person hüftabwärts häuten und die Haut als Hose verwenden. Wenn man nun eine Münze von einer armen Witwe erhält und gemeinsam sie mit einem magischen Symbol in den Hodensack legt, vermehren sich die Münzen, sodass man niemals wieder arm wird. Eine dieser Hosen ist im Museum of Icelandic Sorcery and Witchcraft in Holmalik, Island, ausgestellt. Big Nose George wurde nach einem Raubzug 1880 gehängt. Der Körper ging für Studienzwecke an einen Doktor, der einen Aschenbecher aus dem Schädel und ein Paar Schuhe aus seiner Haut fertigte. Die-

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se Stücke sind im Carbon County Museum in Wyoming zu besichtigen. Buchumschläge aus menschlicher Haut waren ebenfalls hoch geschätzt. Beispielsweise in der erotischen Literatur wurde das Werk »Justine et Juliette« von Marquis de Sade in weiblicher Brusthaut gebunden. Mit Haut gebundene Bücher werden als anthropodermische Buchkunst bezeichnet. Momentan gibt es 47 registrierte Bücher in Menschenhaut weltweit. Verbessere mich Die Verbindung zwischen der Körperlichkeit, den Idealen, der Schnittstelle und der Haut liegt für mich in der Sehnsucht nach Verbesserung. Schon immer waren wir als Menschen mit unserem Körper nicht zufrieden und wollten ihn verbessern. In der Gesellschaft wird diese Verbesserung oft mit Verschönerung und einer Umbaumaßnahme gleichgesetzt. Die Tendenz zur Optionssteigerung und Grenzüberschreitung ist in unserer Kultur bereits angelegt, und wird als Vision bereits früh in Umlauf gebracht (siehe Frankenstein). Bestehende Grenzen können zunehmend mehr durch menschliches Handeln überwunden werden. Der entscheidende Akteur dabei ist der Mensch in der Rolle als Gestalter, er gestaltet seine Umwelt und schließlich auch sich selbst. Laut Foucault ist die Arbeit an Körper und Geist eine Technologie des Selbst. Die Umwelt ist schon seit längerer Zeit Ziel der Umgestaltung, die Arbeit an Körper und Geist wird hier direkt ansetzen. Schon heute gibt es Magnetimplantate als Sinneserweiterung und Sportprothesen als technische Upgrades mit Wettbewerbsvorteilen. Prothesen sind also heute nicht nur Reparaturen am Körper, sondern dessen Verbesserung. Das entwickelte Cochlea-Implantat von Enno Park kompensiert Hördefizite und kann zudem störende Hintergrundgeräusche ausblenden. Mir fällt dabei jedoch auf, dass wir mit unserer selbstgebauten Umwelt trotzdem nicht so klarkommen, wie es beispielsweise in der Tierwelt der Fall ist.




Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Grenze der Haut verschwimmen zu lassen, sodass sie unscharf wird. Wie kann die Haut bzw. ihre Grenze nach Außen hin ausgedehnt werden? Wie verändert sich die Grenze der Haut, wenn eine andere Person in meinen persönlichen Raum eintritt. Wie sind auftretende Emotionen mit der Haut als schützende Hülle vereinbar? Ich erröte, wenn mir etwas peinlich ist, ich bekomme Gänsehaut wenn ich mich fürchte, oder mir kalt ist. Mir stellen sich die Nackenhaare auf oder mir läuft kalter Angstschweiß den Rücken herunter. Dabei stellen wir uns doch unter einer Schutzhülle eher etwas starkes und kräftiges wie eine Rüstung vor. Entstehung und Anpassung Um zu verstehen warum die Haut heute so aussieht, warf ich einen Blick auf die Evolutionsgeschichte der Haut. Die erste als Haut zu bezeichnende Hülle gab es an Quallen. Ihre Umhüllung bestand aus einer einzelnen Zellschicht, die nahe Feinde erspürt. Der Fisch als Weiterentwicklung hatte eine viel mehr ausgebaute Haut, bestehend aus einer steifen Barriere (der Epidermis) und Dermis, in der die Wurzeln der Hautstruktur (der Schuppen) liegen. Umgeben sind diese zwei Schichten von einer schleimartigen Schicht, die der Wundheilung hilft, den Geschwindigkeitsaufbau unterstützt und auch mit verschiedenen Giftstoffen versetzt sein kann. Um schließlich an Land zu überleben war eine neue Proteinschicht aus Keratin notwendig, die die Haut stärker und formbarer macht. Diese strapazierfähige Hülle kann weich wie eine Frischhaltefolie oder hart wie ein Plastikbecher sein. Keratin ist über die komplette Reptilienhaut verteilt um den Tieren erhöhten Schutz zu bieten. Bei Säugetieren findet sich Keratin vor Allem in Haaren, Nägeln, Hufen, Hörnern und Krallen. Zudem sind Lipide in der Hautstruktur verankert, die die Haut ähnlich einer Regenjacke wasserfest machen. Ein weiterer Punkt ist, dass Säugetiere Warmblüter sind. Damit haben sie eine eigene Körpertemperatur

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und können besser mit saisonalem Temperaturwechseln umgehen. Im Gegensatz zu den kaltblütigen Reptilien können sie daher zu Tode erfrieren. Um das zu umgehen, gibt es Haare die den Körper isolieren und die Haut vor Abnutzung und Verletzung schützen. Als eine Mutation der Haut ist das Haar ebenso schuppig wie einer Reptilienschuppe. Der Mensch hat sein Alleinstellungsmerkmal durch das Fehlen dieser Haare. Durch die Schweißproduktion gibt es damit die Möglichkeit eines kühlenden Bades. So kann der Mensch ein Tier verfolgen ohne stoppen zu müssen, denn der menschliche Körper kann auch im Rennen Schweiß produzieren um den Körper vor Überhitzung zu schützen. Die sehr ineffiziente Kühlung über die Zunge (wie bei anderen Säugetieren) hat diesen Vorteil nicht. Bei der Verfolgung im Rennen hat der Mensch gegenüber dem Tier somit einen großen Vorteil. Beim Blick in die Gegenwart ist sowohl Jagen, als auch Rennen nur noch eine Freizeitaktivität und nicht mehr überlebenssichernd. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass hier der Stand der Evolution nicht mehr unserer Lebensanforderung entspricht. Das uns oft fehlende Fell ahmen wir beispielsweise mit Funktionskleidung nach. Fragmente im Overload Die Möglichkeiten die sich mir bieten um meine bisherigen Erkenntnisse darzustellen sind: 1. ein Objekt, das eine physische Verbindung zwischen zwei Menschen erfordert und diese dadurch auf gewisse Weise verbindet, 2. eine Oberfläche, möglicherweise auch tragbar, die berührt werden muss, 3. ein prothetisches Objekt, das die Haut physisch vergrößert und verändert oder ein textiles Umfeld, in das eingetaucht werden kann. Es muss ein Objekt entstehen, mit dem man interagieren kann, und bestenfalls müsste diese Interaktion intuitiv sein oder bestenfalls automatisch stattfinden.


vorherrschende Bakterien Actinobakterien Proteobakterien Staphylokokken Bacteroiden

Zonen der Haut trocken feucht talgig


unter der Haut / innen Haut Kรถrper Direkte Umgebung Begegnungen fremd

unter der Haut / innen Haut Kรถrper Kleidung Haus Stadt Horizont


Um das zu unterstützen ist es hilfreich, wenn das benutzte Material, die benutzte Farbigkeit oder die Form schon rein optisch dem Körperteil oder der Funktion zugeordnet ist. Für den Handwerksprozess erachte ich es als wichtig, eine Balance zwischen Industrie und Handwerk zu finden. Hier kommen mir zwei Techniken in den Sinn: Die Wiederholung als Charakteristik der industriellen Produktion und die Unregelmäßigkeit als Charakter handgemachter Produkte. Das Haut-Ich Im Werk »Das Haut-Ich« von Anzieu finde ich wichtige Ausschnitte: »Ende des 18. Jahrhundert führte die Schule der Ideologien in Frankreich und Europa die Idee vom unendlichen geistigen, wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt ein. Lange war dies ein bestimmender Grundgedanke. Und danach kam die Enttäuschung. Wenn ich zusammenfassend die Lage der westlichen Länder, vielleicht sogar der ganzen Menschheit am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu beurteilen hätte, so würde ich die Notwendigkeit unterstreichen, Grenzen zu setzen; ich denke dabei an das Bevölkerungswachstum, das Wettrüsten, die Atombombenversuche, das Überstürzen geschichtlicher Ereignisse, das wirtschaftliche Wachstum, den unstillbaren Konsum, die wachsende Kluft zwischen den reichen Ländern und den Ländern der dritten Welt, den Größenwahnsinn bei wissenschaftlichen Projekten und wirtschaftlichen Unternehmungen, die Überflutung der Privatsphäre durch die Massenmedien, den Zwang, immer wieder durch Über-Training und Doping neue Rekorde aufzustellen, die Sucht, sich immer schneller, weiter und aufwendiger um den Preis von Verkehrsstaus, Nervosität, Herzund Kreislauferkrankungen und Lebensüberdruß

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fortzubewegen. Grenzen müssten der Gewalt an Natur und Mensch gesetzt werden, der Verschmutzung von Luft, Erde und Wasser, der Energieverschwendung, der Sucht, alles, was möglich ist, zu produzieren, auch wenn daraus mechanische, architektonische und biologische Monster entstehen. Grenzen müssten der Auflösung von moralischen und sozialen Werten gesetzt werden sowie dem vermeintlichen Recht auf Befriedigung jedweder individueller Wünsche. Der fortschreitenden technologischen Entwicklung, die die körperliche Integrität, die geistige Freiheit, die natürlich Zeugung und das Überleben der Menschheit bedroht, müsse Einhalt geboten werden.« Vermessen/Ermessen Im Gegensatz zu den transhumanistischen Bewegungen, die versuchen den Körper immer besser, intelligenter oder auch unsterblich zu machen, gibt es bereits unentdeckte Bereiche des Menschen, die als Superorganismen den Menschen bereits verbessern und noch weiter verbessern können. Durch den Transhumanismus und die Verbesserung des Menschen schon vor der Geburt wird es bald für alle notwendig sein nachzuziehen, um nicht als »schlechtere«, »unleistungsfähigere« Menschen einen Nachteil zu haben. Dabei gibt es schon seit es den Menschen gibt, Kleinstlebewesen, die unseren Körper als Lebensraum gewählt haben und diesen »verbessern«: Bakterien. Unter dem falschen Gedanken, dass diese Kleinstlebewesen uns nur schaden wird gegen sie gekämpft, wobei sie in einem Gleichgewicht genau für das Gegenteil, die Erhaltung und Aufrechterhaltung des Menschen sorgen. Unsichtbare Türsteher Was direkt auf unserer Haut, in Gleichgewicht mit unserer Haut lebt sind verschiedene Bakterienstämme. Die meisten Menschen fürchten diese Bakterien, ek-


EUKARYOTEN

Mensch

Pilze Tiere

Wimpertierchen

GeiĂ&#x;eltierchen Diplomonaden

extrem Halophile extrem Thermophile

Methanogene ARCHAEEN


BAKTERIEN

Cyanobacteria Staphylococcus

Proteobacteria

Bacillales Bacilles

Bacteroidetes

Firmicutes

Actinobacteria Verrucomicrobia

Proprionibacteria Actinobacteridae Corynebacteria


eln sich vor ihnen und versuchen sie mithilfe von antibakteriellen Mitteln von der Haut fernzuhalten. Doch gerade dieses, noch größtenteils unerforschte, Mikrobiom auf der Haut gibt Informationen darüber, wer wir sind, wo wir leben, mit wem wir leben. Somit kann es unseren personal space beeinflussen. Die Hautbakterien bilden ein Netzwerk, das den menschlichen Körper umspannt und die Haut schützt. Am meisten Bakterien leben auf der Kopfhaut, hier sind es 800.000 Bakterien/cm2. Unsere mikrobielle Flora wird bestimmt durch die individuellen Hautausprägungen (Dicke, Faltenanzahl, Hautanhangsgebilde, Schweiß- und Talgmengen), immunbiologische Faktoren und verschiedene Charakteristika des Wirts (Alter, Geschlecht). Verschiedene Umweltfaktoren wie Bekleidung, Pflege und Kosmetika spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Durch Kontakt zu anderen Individuen werden Bakterien getauscht und vermischt. Die häufigsten Bakterien auf der Haut (nach aktuellem Stand) sind : Allen voran das Bakterium Staphylocuccus epidermidis. Die Feinde sind »böse« Hautbakterien und Antibiotika. Die Staphylokokken epidermidis produzieren eine Substanz aus Schweiss, die den Körpergeruch bestimmt. Das Molekül Lipoteichonsäure als Teil des Bakteriums unterbindet den Ausstoß von Chemikalien aus Hautzellen, die Entzündungen hervorrufen. Obwohl Entzündungen essentiell für die Heilung von Verletzungen sind, ist die Fähigkeit diese Entzündungen zu mindern der Schlüssel zur Heilung oder deutlichen Verbesserungen von Hautkrankheiten wie Psoriasis führen. Die vorhandene Protease verlangsamt zudem das Wachstum der Staphylococcus aureus. Die Staphylokokken sind in Weintraubenform angeordnet. Sowohl die Staphylokokken als auch die Proprionibakterien bilden Fettsäuren die das Wachstum von Hefe- und anderen Pilzen eindämmen. Ein weiteres wichtiges Bakterium ist das Corynebakterium. Coryne kommt etymologisch von der Keule.Dieses Bakterium spaltet die von den Talgdrüsen der Haut gebildeten Fette zu Fettsäuren, die für das saure Milieu der

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Haut verantwortlich sind. Sie hemmen das Keimwachstum und helfen den sauren pH-Wert aufrecht zu erhalten. Weitere wichtige Bakterien auf der Haut sind die Proteo- und Cyanobakterien. Das Mikrobiom kann in diesem Sinne gleichwertig mit dem menschlichen Genom betrachtet werden, vor Allem im Hinblick auf dessen Wichtigkeit. 3/4 der Zellen einer »Person« sind nicht im klassischen Sinne human. Somit trägt das Mikrobiom wesentlich zur Identifikation (und auch zur Individualität) bei. Wenn dieses Mikrobiom nun sichtbar gemacht wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich daraufhin die Gesellschaft verändert. Im besten Falle verändert sich das Ansehen der Bakterien weg von der Unsauberkeit hin zur sauberen Sichtweise. Des Weiteren kann sich auch der Blick selbst auf die eigene Person als Mensch ändern, da auf, im und um den Körper mehr Mikroben als menschliche Zellen vorhanden sind (jede Person trägt soviel Mikroben mit sich, wie die Erde Menschen »trägt«). Beim Blick auf die Übertragung von Bakterien kann ein anderes Bild der zwischenmenschlichen Verbindung entstehen. Ab welchem Punkt verbindet man sich mit einem anderen Menschen? Exkurs Proxemik Laut der Untersuchung von Edward T.Hall gibt es im »personal space« des Individuums 4 Zonen: • Die intime Zone, die näher als 45 cm ist (hier bekommen beispielsweise der Partner oder die Eltern Zutritt) • Die persönliche Zone zwischen 46 cm und 1,2 m (Zutritt bekommen hier beispielsweise Freunde) • Die soziale Zone zwischen 1,2m und 3,6m für Verkäufer, Handwerker, Unbekannte • Die unpersönliche/offene Zone ab 3,6 m für die breite Masse Um diese Entfernung zu wahren benutzen die Menschen von vorneherein Dinge, die Entfernung schaffen. Im Alltag sieht man diese Art von Revierabsteck-


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ung beispielsweise in der auf dem Nebensitz platzierten Tasche oder dem Handy neben sich auf dem Tisch. Die Proxemik und das Mikrobiom Kann dementsprechend das Vermischen der eigenen Mikroben mit den Mikroben einer anderen Person ein Zeichen von Zuneigung oder ein ritueller Tausch sein? Oder kann der Austausch von Mikroben zu einem Ritual gemacht werden? Die Wirkung eines jeden Rituals ist die Veränderung der eigenen Person, nach dem Ritual ist man jemand anderes, sei es aufgrund der Persönlichkeit, der Stellung in der Gesellschaft oder der Zugehörigkeit. Vor Allem ins Auge fallen mir hier das Tauschen der Ringe bei der Hochzeit. Durch dieses Ritual bindet man sich eng mit einer anderen Person und wird gleichzeitig Teil einer neuen Familie, die ganz andere Hintergründe und auch Gene hat. Ein weiterer Tausch, der von sich schon sehr auf einem Mikrobenaustausch beruht, ist der Tausch des Trikots beispielsweise nach einem Fußballländerspiel. Eine ritualisierte Alltagshandlung die in diese Richtung geht, ist der Austausch von Visitenkarten. Aufgrund unseres Mikrobioms sind wir unverwechselbar. Allerdings ist das was bisher als Individuum angesehen wurde etwas Fluktuierendes, da sich die Situation unserer Mikroben andauernd verändert. Philosophisch gesehen ergibt sich eine Unverwechselbarkeit fast jeder Bakterienwolke, gültig für den gesamten Weltraum, denn die Bakterienwolke »Mensch« besteht aus mehr Zellen, als es bisher gezählte Sterne im Weltraum gibt. Es gibt in diesem »All« keine zwei gleichen »Wolken«. Und keine ist eine Sekunde später noch die gleiche Wolke, die sie vorher war. Der Mensch als Wolke ist eine wandelnder Vielvölkerstaat. Es stellt sich nun die Frage ob Mikrobenwolken miteinander kommunizieren können. Spielen sie eine Rolle beim knüpfen von Kontakten und nehmen sie Temperament oder Charisma wahr, bzw. strahlen dies aus? Kann eine Wolke die Wolke einer anderen Person manipulieren oder verändern?

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Anhand des Faktes das nur 10% unserer Zellen menschlich sind, stellt sich des Weiteren die Frage wie viel von dem »Ich« weggelassen werden kann, bevor es nicht mehr »Ich« ist. Macht dies überhaupt Sinn? Der Mensch besteht aus Zellen, humanen wie bakteriellen. Zusammen bilden diese Zellen (10% humane Zellen und 90% bakterielle Zellen) riesige Strukturen. Wenn »Ich« Bakterien aus meinem Körper extrahiere, können diese auch alleine weiterleben. »Ich«, als Mensch, kann aber nicht ohne diese Bakterien existieren. Wenn die Bakterien entfernt werden, gibt es kein »Ich« mehr. Kann eine Grenze festgelegt werde, wann das »Ich« aufhört zu sein, abhängig davon wie viele Bakterien entfernt werden? Könnte der Tausch der Mikroben mit einer zufälligen Person vollführt werden. Eine Mikrobe nach der anderen wird durch eine Mikrobe des Gegenüber getauscht. Wird das Gegenüber irgendwann zu mir? Wann? Um dies zu verkomplizieren muss beachtet werden, dass unser Bild als statisches Wesen unhaltbar ist. Wir verändern uns von Moment zu Moment. Wir bestehen aus Trilliarden von Kleinteilen, die wiederum aus Kleinteilen bestehen, die sich konstant ändern. Zusammen sind diese Teile nicht statisch, sondern dynamisch. Ihre Komposition und auch ihre Kondition ändert sich stetig. Unsere Bakterien (bzw. unsere Zellen im gesamten) sterben aus und werden durch neu gebildete ersetzt. Demzufolge stirbt ein Teil von dir stetig und wird durch einen neuen Teil ersetzt. Das was als »Ich« bezeichnet wird, ist nur ein augenblicklicher Schnappschuss. Wir sind ein selbst erhaltendes Muster ohne klare Grenze, das zu einem Zeitpunkt ein Selbstbewusstsein entwickelt hat und nun über das Selbst in Raum und Zeit nachdenken kann, aber tatsächlich nur in genau in diesem Moment so existiert. Die Symbiose aus humanen und Bakterienzellen erlischt erst im Falle unseres Todes und der tote Wirtskörper wird dann bei ausbleibender Versorgung von




den Bakterien komplett abgebaut. Die Menschheitsgeschichte ist direkt beeinflusst durch diese perfekte Symbiose. Sind wir Menschen nur das Biotop einer älteren und höher entwickelten Kultur? Erkannte Fakten 1. Das Mikrobiom ist dynamisch und unterliegt ständiger Änderung. Als Hommage wird hier der Text Veränderungen im Laufe des Tages von Peter Handke herangezogen, der die Unterschiede im menschlichen Individuum darstellt. Bei bzw. nach verschiedenen Handlungen ist der Mensch ein anderer, dementsprechend auch sein Mikrobiom. Außerdem entwickelt sich das Mikrobiom stetig weiter. 2. Werden Bakterien, die Teil des Mikrobioms sind vom Menschen entfernt, können sie weiter existieren. Als Beispiel dienen Bakterienkolonien in Petrischalen. Der Mensch kann im Gegensatz dazu ohne jegliche Bakterien nicht überleben. 3. Das Mikrobiom fungiert als Säureschutzmantel. Es hält die Schutzschicht der Haut aufrecht und schützt den Menschen und sein Immunsystem vor Pathogenen. Als Gegenteil und Analogie zugleich sind hier Säureschutzoveralls/Kittel aus dem Laborbedarf, die den Menschen schützen. Allerdings schützen die Laborkittel vor Säure und der Säureschutzmantel des Menschen beruht auf dem sauren pH-Wert der Haut. Der gemessene pH-Wert von 5– 5,5 beim Menschen soll analog wie ein Mantel vor Krankheitserregern schützen. 4. Das Mikrobiom in Interaktion mit anderen Mikrobiomen. Das Mikrobiom eines Menschen ist einzigartig ähnlich dem Fingerabdruck. Mithilfe des menschlichen Mikrobioms kann ein Mensch eindeutig identifiziert werden. Bei Kontakt zu anderen Menschen passen sich die Mikrobiome nach einem gewissen Zeitraum aneinander an und fangen an, sich zu ähneln. Wird die Nähe unterbrochen, entwickeln sich die Mikrobiome wieder in

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unterschiedliche Richtungen auseinander falls Umfeld, Ernährung u.ä. mit geändert wird. Bei der Zeremonie der Hochzeit werden durch den Ringtausch symbolisch zwei Mikrobiome miteinander verknüpft. Weitergehend werden auch die Familien aus denen diese Mikrobiome stammen (die sich innerhalb der Familie ebenso ähneln) verknüpft. Die aus dieser Verknüpfung entstehenden Kinder tragen Teile beider Mikrobiome mit sich. 5. Das erste eigene Mikrobiom kommt von der Mutter. Während der Geburt enthält das Kind Bakterien aus der Vaginalflora der Mutter. In den ersten Lebensmonaten kommt das Kind in engen Kontakt mit dem Hautmikrobiom (durch Saugen an der Brust) und dem oralen Mikrobiom (durch »Vorschmecken« der Babynahrung).




Erste Gedanken Ăźber einen Titel Es ist alles um mich, Ăźberall Momentaufnahme Muttermal we want your aura look at me are we human yet? gesundheitserreger ich und die Anderen du bist nicht du social network the garden of you invisible residents the unseen nur ein Biotop Ich enthalte Vielheit multitudo bunches of grapes mainly microbe Ich Krustentier Maskenanzug outer facade/inner workings to be only body or nobody trivialmetamorphose the skin thing nomadic identity /Halbnomade You don‘t need technology to provoke it Now come forth, all species Auld aquaintance nomadic skin

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KONZEPTION Ungefragt eingemischt Bakterien sind die ältesten Lebewesen auf der Erde, im Gegensatz zum Menschen gibt es Bakterien schon seit Milliarden von Jahren. Speziell an ihnen ist, dass sie nur einen einzigen, vergleichsweise kurzen DNAStrang haben. Ihre Merkmale sind somit auf wenigen genetische Informationen encodiert. Bakterien ernähren sich aus den Nährstoffen in ihrer Umgebung. Gut ernährt wachsen sie auf die doppelte Größe an und teilen sich im Anschluss. Diese Wesen mit einem eigentlich langweiligen Leben aus wachsen und teilen, führen dennoch eine erstaunliche Wechselbeziehung mit dem Menschen. Betrachtet man die genetische Information in der DNA besitzen diese menschlichen Zellen 30.000 Gene, die gesamte Anzahl der bakteriellen Gene in einem Individuum ist dieser Zahl 100 mal überlegen. Dennoch wird ihnen immer noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die meiste Presse bekommen sie für die schlechten Dinge, die im Vergleich zu den für den Menschen überlebenswichtigen Aufgaben sehr viel weniger auftreten. Wir sehen uns selbst als außerhalb des Tierreichs und unsere Gesundheitsfürsorge besteht darin biologische Systeme zu behandeln und die Koevolution (wechselseitige Entwicklung) in einem ökologischen Netzwerk mit anderen Organismen zu leugnen. Als Paradebeispiel kann hier der Gebrauch von Antibiotika angesehen werden, mit deren Einsatz wir jegliche Mikroben in unserer Nähe zerstören, ungeachtet ihrer Gesinnung oder ihrem Nutzen für uns. Im Laufe der Zeit wurde Antibiotika immer mehr und häufiger eingesetzt als verlässliches Medikament für diverse Krankheiten. Mittlerweile haben allerdings etliche Bakterien, Viren und andere Mikroben Resistenzen gegen diese Antibiotika entwickelt und Superbakterien wie MRSA, eine tickende Zeitbombe entwickelt. Wie werden wir darauf reagieren? Wie geht die Entwicklung weiter?


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Sinnige und unsinnige Möglichkeiten Um uns an dieser Stelle zu helfen gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine dieser Möglichkeiten wäre die genetische Manipulation im Sinne der Eugenetik. Mit dieser Möglichkeit würden wir weiterhin unsere Umgebung, unsere Lebensweise und uns selbst »designen«, ähnlich wie wir es heute bereits tun. Dies klingt naheliegend hinsichtlich unserer Primatenherkunft, mit dem Effekt des Kontrollbedürfnisses und einer Angst vor und vollzogenen Zerstörung allem, das in unserem Wege steht. Vielleicht müssen wir als Menschen überdenken und ein überdachtes Konzept unserer Selbst schaffen. Die Hygiene-Hypothese Einen ersten Ansatz dazu schafft David Strachan in seiner »Hygiene Hypothese« auf Basis der Forschungen von Edward O. Wilson, die aussagt, dass unsere Hygienepraktiken ungesund sind, unser Immunsystem schwächen und damit Krankheiten wie Asthma oder Ekzeme hervorrufen. Überarbeitet wurde diese Hypothese von Graham Rock (Mikrobial Exposure Hypothesis). Laut ihm sind wir gesünder, wenn wir uns den Parasiten, Bakterien und Mikroben aussetzen mit denen wir uns als Mensch entwickelt haben. Diese »alten Freunde« sind Mikroorganismen, die harm­los sind und einst reichlich in unserer Umgebung vorhanden waren, nun aber aufgrund der Änderungen unseres alltäglichen Lebensstils verschwunden sind. Diese Konzept trifft genau das Bild eines menschlichen Superorganismus. Damit wird eine Brücke zurück zur Thematik der Selbstoptimierung geschlagen. Mit diesem Hintergrund kommt der Gedanke auf die Entwicklung in Symbiose mit den »alten Freunden« fortzuführen. Eine Alternative zu dem Bild des von sich selbst besessenen, übergeordneten und zerstörerischen und isolieren Menschen hin zu einem Teil eines Ökosystems und der Eigenwahrnehmung als »Lebens­ raum Mensch«. Hierzu passt vor Allem die Aussagen des bereits erwähnten Edward O. Wilson. Er benutzt

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den Begriff »Biophilie« als dem Menschen angeborene Tendenz sich zu Leben und lebensähnlichen Prozessen hingezogen zu fühlen. Daher ist es nicht möglich sich ohne Folgen von der Natur zu emanzipieren. Manipulationen am menschlichen Körper und Veränderungen in unserem Verhalten können die kommunalen Beziehungen mit Mikroben verbessern. Es würde helfen, die Oberfläche auf der Bakterien gedeihen können, zu vergrößern, um ihnen die Möglichkeit zurückzugeben sich besser und wieder mit uns weiter zu entwickeln. Sensorik Um die rein visuelle Darstellung und Sichtbarmach­ ung von Bakterien auf der Haut zu einem intelligenten Werkzeug werden zu lassen, gibt es im Bereich der Programmierung und Sensorik einige neuartige Möglichkeiten. Eine »Kickstarter«-Kampagne von Gordon Williams brachte neue Möglichkeiten um diese Idee zu verwirklichen. Gordon Williams erstellte einen Mikrokontroller, der über Javascript kabellos programmiert werden kann. Das auch für Laien programmierbare »Smart Device« verfügt über eine Blue­toothVerbindung, mit der das Gerät programmiert und auch Ergebnisse an andere Geräte geschickt werden können. Außerdem sind bereits 4 LEDs (R,G,B und Infrarot) eingebaut und ein Temperatursensor. Das Gerät selbst ist ein großer, klickbarer Button. Mit 5 freien Pins um eigene Sensoren anzuschließen, entstand die Idee mithilfe einer Messung auf der Haut herauszufinden, ob diese Stelle eine für Bakterienvermehrung ein attraktives Klima/Milieu bietet. Diese Messung kann mithilfe eines Temperatursensors, eines Feuchtigkeitssensors und eines pH-Wertmessers durchgeführt werden. Mit den 5 freien Pins wäre es somit möglich 5 Sensoren zu verbinden um an verschiedenen Körperstellen Werte aufzunehmen und zu bewerten. Die Haut kann im Großen und Ganzen in verschiedene Zonen eingeteilt werden: Eine talgige Zone, die sich vor Allem im Gesicht, dem Dekolleté und dem oberen


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Rücken befindet; eine feuchte Zone an Stellen wie in der Unterbrustfalte, dem Knie- und Armbeugen, unter den Achseln und im Genitalbereich. Die übrigen Stellen sind vorwiegend trocken. Wie in einer Darstellung gezeigt sind je nach Stelle unterschiedliche Bakterien vorhanden, die unterschiedliche Klimata bevorzugen. Der Puck.js kann somit Daten von den Sensoren sammeln und ausgeben. Anhand vorheriger Einstellung kann im Weiteren bewertet werden, ob die an dieser Stelle gemessene Temperatur, der pH-Wert und die Feuchtigkeit für das Bakterienwachstum attraktiv sind. Falls dies nicht der Fall ist, wird der Benutzer informiert und kann an der Stelle durch den mit der Stelle direkt verbundenen Gummischlauch intervenieren um den Bereich zu verbessern. Obwohl die Möglichkeit besteht, diese Intervention ebenfalls zu automatisieren, ist es hier wichtig, den Menschen selbst aktiv am Geschehen teilhaben zu lassen um die Situation seines Hautmikrobioms zu verbessern, ähnlich wie dies in Vergangenheit durch beispielsweise die Nutzung von antibakteriellen Seifen der Fall war. Um dies für den Benutzer einfach zu gestalten ist via Bluetooth eine Verbindung zum Smartphone hergestellt, die mithilfe einer einfachen Gestaltung zeigt, wo Problemstellen am Körper liegen. Um Fehlmessungen auszuschließen ist es im Weiteren wichtig Referenztemperaturen zu messen, wie die z.B. Umgebungstemperatur, die Gerätetemperatur oder auch eine typische Körpertemperatur (beispielsweise unter den Achseln). Durch diese Art und Weise kann ein visuelles, skulpturales Objekt mit technologischem Hintergrund verbunden werden. Dies macht das eher künstlerisch anmutende Objekt zum Designobjekt im Sinne wie es Ettore Sottsass in den späten 60ern formuliert hat: »Design is a way of discussing society, politics, eroticism, food and even design. At the end, it is a way of building up a possible figurative utopia or metaphor about life.« So überschreitet das Projekt die Grenze von Mimikry zu Integration. Die Arbeit zeigt ebenso eine Möglich-

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keit der Experimente, die industrielle Systeme durch biologische Prozesse ersetzen. »The Stone Age did not end because humans ran out of stones. It ended because it was time for a rethink about how we live.« Architect William McDonough Im Laufe dieser Gedanken wurden die Motti meiner Arbeit 1. Das Unsichtbare sichtbar machen, sowie 2. alte Freunde einzuladen. Herkunft des Wortes »einladen« Im Duden findet man zum Begriff der Einladung vor Allem: das Einladen; Äußerung, mit der man jemanden einlädt Beispiele: • eine Einladung aussprechen, annehmen, ablehnen • eine schriftliche Einladung bekommen • einer Einladung folgen, Folge leisten • <in übertragener Bedeutung>: (ugs.) die defekte Scheibe ist geradezu eine Einladung für Diebe (verlockt geradezu Diebe), das Auto zu entwenden • <in übertragener Bedeutung>: die Leistung der gegnerischen Hintermannschaft war eine Einladung (bot viele Möglichkeiten) zum Toreschießen. Das Herkunftswörterbuch des Duden verweist auf den Begriff »laden« unter dem Folgendes zu finden ist: »zum Kommen auffordern«: Das gemeingerm. Verb mhd. Laden […] ist wahrscheinlich von dem unter Laden »Geschäft« behandelten Wort abgeleitet, das auf lapan- »Brett, Bohle« zurückgeht


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(vgl. Latte). In alter Zeit war es üblich, Einladungen zu Zusammenkünften oder Aufforderungen zu Volksversammlungen oder dergleichen dadurch zu bewerkstelligen, dass man einen Boten mit einem (mit Zeichen eingekerbtem) Brett oder Stück Holz herumschickte (s. zum Sachlichen auch den Artikel Klub). Das Verb bedeutete demnach ursprünglich etwa »durch die Übersendung eines Brettes oder dergleichen zum Kommen auffordern«– Gebräuchlicher als das einfache Verb sind heute die Zusammensetzungen einladen und vorladen. Der Bote verteilt die Einladung Der Gedanke einen Boten mit einer Petrischale statt eines Brettes zu den potenziellen Gästen zu schicken, ist darauf ein naheliegender Gedanke. Die Gäste hinterlassen eine »Kerbe« in der Petrischale, indem sie ihren Handabdruck auf dem Nährboden hinterlassen, wenn sie an der Veranstaltung teilnehmen möchten. Bis zum Tag der Veranstaltung wachsen die Kolonien auf dem Nährboden und werden am Tag der Veranstaltung wieder mit dem Gast zusammengebracht. Der Gast findet den für ihn zugeordneten Platz anhand seines Mikrobioms, das auf den Teller an seinem Platz gedruckt wurde. So entsteht eine direkte Verbindung zwischen dem Mensch und der Sichtbarmachung seines eigenen Mikrobioms. Durch den Kontakt auf dem Teller kann es zu einer Sensibilisierung kommen und durch die Konfrontation mit dem Abbild wird die Aufmerksamkeit genau auf die auf uns leben­­ den Organismen gelenkt. »The more you see it, the more you like it.« (Mere-Exposure-Theorie nach Robert Zajonc) »Genau dann, wenn wir die Wirkungsweise der Creatura in der äußeren Welt erkennen, haben wir ein Bewusstsein von ›Schönheit‹ oder ›Hässlichkeit‹«. (Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, S. 597)

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»Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern die Meinungen, die wir über die Dinge haben.« (Epiktet) Essen für die Gesundheit Ein leerer Teller verlangt natürlich danach gefüllt zu werden. Laut dem Historiker Alfred Crosby ist das Kochen – und damit meiner Meinung nach auch das Essen in einem Restaurant – ein noch einzigartigeres Kriterium für das Menschsein als beispielsweise die Erfindung der Sprache. Kochen und Essen sind also ein herausragend wichtiger Teil in der menschlichen Kultur. (Im übertragenen und wörtlichen Sinne sind die Bakterien ebenfalls Teil der menschlichen Kultur.) Und nicht nur das: Macht definiert sich dadurch, dass der Mächtige den Zugriff auf Nahrungs-Ressourcen hat. Dabei geht es wie bei zeitgenössischen Diäten um einen Kampf: Wer ist stärker: Geist oder Fleisch? Somit bestimmt der Mensch über die Nahrung die er zu sich nimmt, und kann dadurch – wenn auch unbewusst – den Bakterienkulturen die Nahrung verwehren, sodass diese unterliegen. Damit entsteht mitunter je nach Person eine andere Basis, die nur mit individuellem Essen wieder in einen Normalzustand – »Frieden«– gebracht werden kann. In der heutigen Zeit gibt es immer mehr die Möglichkeit verschiedenste Produkte zu personalisieren. So ist der Gedanke, Nahrungsmittel auf persönliche Bedürfnisse einzustellen nicht mehr fern. Auf die Thematik des Mikrobioms stellt sich die Frage, ob es spezielle Nahrung gibt, die auf verschiedene Erfordernisse eingehen kann. Und ob die Wahl eines Nahrungsmittels Auswirkungen auf die Haut und­auf das Mikrobiom der Haut haben kann. Recherchen zu diesem Thema führten mich zu den Begriffen der Pro- und Prebiotik. Essbare Probiotika helfen die Mikroflora und den pHWert der Haut in einem gesunden Gleichgewicht zu halten. Wenn die Haut dieses Gleichgewicht verliert, können durch die verletzte Barriere gefährliche Fremd-


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substanzen und Bakterien in den Körper eindringen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit von Falten, Rosacea, Akne, Psoriasis und Dermatitis. Die orale Einnahme von probiotischen Lebensmitteln verringern Entzündungen, Rötungen und können die Faltenbildung minimieren. Neue klinische Studien zeigten, dass orale Probiotika die Funktion der Hautbarriere verbessern, die Sensitivität der Haut verringern und das Immunsystem unterstützen können. Studien von Tatiana Levkovich, Forscherin am MIT, haben gezeigt, dass die Fütterung von probiotischen Bakterien an Mäuse positive Fell- und Hautänderungen hervorriefen. Die Hautärztin Whitney Bowe untersuchte wie die bereits bekannte Darm–Gehirn–Haut-Theorie mit neuen Erkenntnissen bestätigt werden kann. Bowe sagt, dass es offensichtlich ist, dass Darmmikroben und orale Probiotika mit der Haut durch ihre Fähigkeit Entzündungs- und Stressreaktionen, Fettanteil und andere Werte beeinflussen zu können, verknüpft werden kann. Es macht daher Sinn, dass die Beziehung zwischen dem Darmmikrobiom und der Haut auch durch Ernährung (positiv) beeinflusst werden kann. Prebiotika sind ebenso wie Probiotika sehr gut geeignet um eine junge, gesunde Ausstrahlung der Haut zu unterstützen. Prebiotika sind seit 1995 als »functional food« bekannt. In diese Kategorie fallen z.B. Kohlenhydrate wie Fructo-oligo-Saccharide bzw. Gluco-oligo-Saccaride, sowie Inulin. Diese Bestandteile finden sich beispielsweise in Spargel, Zwiebeln, Knoblauch, Bananen, Artischocken, Topinambur. Leinsamen, Chicorée, Haferflocken, Rotwein oder Honig. Die nicht verdaulichen Bestandteile in diesen Nahrungsmitteln erhöhen die Zahl und Aktivität der Bifido- und Milchsäurebakterien im Körper. Die schlechten Organismen im Körper können die Bestandteile der Prebiotika nicht verarbeiten, somit können die »guten« Bakterien sich mithilfe dieser Stoffe schneller vermehren. Während Probiotika lebende Bakterien enthalten, füttern Prebiotika die bereits im System lebenden Bakterien. Durch Prebiotika steigt die Stoffwechselrate der Bakterien an, sodass ein bakterieller Gärprozess schneller vonstatten

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gehen kann. Beispielsweise wird innerhalb der Milchsäuregärung der in der Milch enthaltene Milchzucker schneller zur Milchsäure vergoren. Eine vereinfachte Reaktionsgleichung der anaeroben Milchsäuregärung unter Berücksichtigung des prebiotischen Einflusses des Inulins sieht dann wie folgt aus: Lactose

Inulin

Milchsäurebakt. Glucose + 2 ADP + 2 P Milchsäure + 2 ATP Lebensmittel die sowohl Pre- als auch Probiotika enthalten werden als Synbiotika bezeichnet. Hier unterstützen sich die Stoffe gegenseitig in ihrer Wirkung. Mit diesem Wissen kam die Entscheidung sowohl syn, pre- als auch probiotische Nahrungsmittel zu servieren. Probiotische Nahrungsmittel wenn ein die Basis für ein gesundes Bakterienwachstum bereits gelegt wurde, prebiotische Nahrung, wenn bisher kein Nährboden für Bakterien im eigenen Körper zu finden ist und Synbiotika wenn Mangel an beiden Komponenten herrscht. Kombucha Durch den Gärungsprozess aus lebenden Bakterien und Hefe ist das Kombuchagetränk als probiotische Nahrungsmittel ein reichhaltiger Bakterienlieferant. Ein wichtiger Bestandteil des Kombuchas ist die enthaltende Glucuronsäure, mithilfe deren schädigende körpereigene und auch körperfremde (wie z.B. Pharmaka) Stoffe entgiftet und ausgeschieden werden. Die Glucuronsäure ist ein ursprünglich körpereigener Stoff, der in der Leber hergestellt wird. Durch eine mit vielen Giftstoffen belastete Umwelt ist es der Leber aber heute nicht mehr möglich genügend Glucuronsäure herzustellen. Die Säure ist maßgeblich am Aufbau der Hyaluronsäure beteiligt, die Großteil der Grundsubstanz der Haut ist. Hyaluronsäure ist dafür bekannt, den Wundheilungsprozess und die Zellerneuerung der Haut zu beschleunigen. Neben der Glucuronsäure ist


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Kombucha reich an Milchsäure, den Vitaminen B und C und hat einen sauren pH-Wert. Topinambur Als prebiotisches (auch präbiotisches) Nahrungsmittel ist Topinambur neben der Nahrung für den Menschen eine Nahrung ausschließlich für die nützlichen Bakterien im Körper. Körperschädliche Bakterien können von den Nährstoffen der Wurzel nicht zehren. Daher verschafft Topinambur den „guten“ Bakterien im Wettlauf gegen die „schlechten“ Bakterien einen Vorteil. Maccaroni and Cheese Als Mischung aus Probiotika (Milchprodukt) und prebiotika (Stärke, Ballaststoffe) ist das Gericht ein sogenanntes Synbiotika. Damit hat dieses Gericht den Vorteil, dass sowohl Bakterien als auch die pas­­senden Nährböden geliefert werden.

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UMSETZUNG Das Dinner beginnt Um die nun entstandenen Gedanken zu verbinden, entstand die Idee eine Einladung zum Abendessen zu inszenieren. Das entstehende Produkt soll mithilfe einer plastischen Infografik meine im Verlauf des Semesters Erkenntnisse und erarbeiteten Ideen verbinden und vereinen. Im Laufe der Umsetzung wurde mir klar, dass der bisherige Arbeitstitel »Days of living in (wrong) fear – Eine Einladung zum Dinner« an einigen Stellen problematisch wurde. Vor Allem durch die direkte Miteinbeziehung der Zeit, denn »Days of living« setzt den Betrachter in die Gegenwart. Das Dinner ist jedoch eine spekulative Zukunftsvorstellung, die heute aufgrund dem noch nicht ausgereiften Stand der Technik in diesem Bereich so noch gar nicht umsetzbar ist. Aus verschiedenen Wortspielen mit den Begriffen Kultur, Tisch, Küche,Dinner, Haut entstand die Idee der »Haut Cuisine«. Dieses Wortspiel vereint die Beschäftigung mit der Haut und der Küchenkultur in einem Namen, den auch ein edles Restaurant tragen kann. So wurde »Haut Cuisine« nicht nur zu meinem Titel, sondern auch zu den Namen eines spekulativen Restaurants der Zukunft. Beim Betreten des Restaurants erwartet den Gast folgendes: Der Gast setzt sich auf den für ihn bestimmten Platz, erkennbar am Teller. Dann wird ihm ein »Wearable« aufgesetzt, dass mit drei Sensoren sowohl den pHWert, die Temperatur und die Feuchtigkeit der Haut misst. Aufgrund dieser Werte kann eine Aussage über das bereits vorhandene Mikrobiom erstellt werden und je nach Bedürfnis des Gastes wird ein Nahrungsmittel ausgewählt. Über ein Lichtsystem, das im Esstisch eingebaut ist, wird diese Wahl verkündet. Somit bekommt jeder Gast das Nahrungsmittel was für seine mikrobielle Situation am Besten geeignet ist und was die vorhanden Bakterien am Besten nährt oder die Voraussetzung für andere Bakterien schafft, sich diesen


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Menschen als Habitat zu suchen. In Kombination entsteht somit ein futuristisch anmutendes, skulpturales Erlebnis, dass das Mikrobiom mit dem Gesundheits­ aspekt und dem wachsenden Anspruch an Personalisierung verknüpfen kann. Das Dinner als solches übersteigt die Grenzen seiner einzelnen Elemente, verbindet letztere und wird zur stimmigen Einheit. So wie ein Rhizom nicht ein Ding, sondern vielmehr einen Prozess beschreibt, zielt meine Auseinandersetzung mit der Dinnereinladung darauf ab, herauszufinden, was aus diesem Format entstehen kann. Für die Konstruktion und Umsetzung dieses Projektes war es somit erforderlich: 1. Einen Tisch zu bauen, der fähig ist verschiedene Gefäße von unten zu beleuchten 2. Ein ästhetisch ansprechendes »Device« zu gestalten, das die taktile Druckstelle des Puck.js zugänglich macht und im Inneren mit Sensorik ausgestattet werden kann. 3. Teller mit dem Mikrobiom der Gäste zu erstellen. 4. Nahrungsmittel vorbereiten, die einerseits möglichst unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen können und in einem Ausstellungskontext über mindestens eine Woche nicht verderben. 5. Das Szenario durchzuspielen und festzuhalten um den Ablauf zeigen zu können. 6. Die Ausstellungsfläche um diese Ankerpunkte herum zu gestalten. Die Herstellung des Tisches ließ sich am einfachsten realisieren, indem in einen einfachen Tisch mit den Maßen 67x110 cm drei Auslassungen gefräst und diese mit Acrylglasplatten versehen wurden. Unter die Tischplatte wurde eine Lichtkonstruktion eingebaut, die vom Puck.js gesteuert werden kann. Um das Ensemble am Tisch zu vervollständigen werden sogenannte »Amuse Bouche«-Servierlöffel eingesetzt, um die Nahrungsmittel entnehmen und probieren zu können.

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Als Sitzmöbel entschied ich mich für den Charles Eames Plastic Side Chair in schwarz mit Edelstahlfüßen, da dieser als ein zeitloser Klassiker harmonisch wirkt, ohne zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Des Weiteren ist dieser Stuhl für mich ein Möbelstück, das aufgrund seiner Beliebtheit voraussichtlich auch in der Zukunft als Essplatzmöbel seinen Platz findet. Das Device wurde nach einigen nicht zufriedenstellenden Versuchen auf seine Essenz reduziert. Da das Dinner in der Ausstellung ein fiktives Szenario ist, fällt der ursprüngliche Gedanke ein »Gehäuse« für die innen liegenden Sensoren zu entwickeln in den Hintergrund. Wichtig ist nun, den Puck.js als Button dazustellen, der berührt werden soll, um eine Analyse zu starten. Um meine Voruntersuchungen im Endprodukt aufzunehmen wurde aus Latex eine neue Hülle für den Puck.js gegossen, die optisch an die Visualisierung der Bakterien angelehnt ist und eine interessante taktile Empfindung auslöst. Der Puck.js an jedem Platz ist über eine Bluetooth-Schnittstelle mit einem »Master-Puck« verbunden, der unter dem Tisch versteckt ist. Im inneren der »Devices« sorgen einige Zeilen Javascript für folgenden Ablauf: Der Gast drückt auf den Sensor. Dieser sendet ein Signal zum Master. Wenn der Master nicht bereits mit einem der anderen Gast-Pucks verbunden ist, stimmt der Master der Verbindung zu. Daraufhin geht die Kon­ troll-­LED am Puck des Gastes an. Diese signalisiert dem Gast, das nun seine Messung starten kann. Der Master schaltet nun alle drei Lichter an, die sich unter den Acrylglasscheiben am Tisch und damit unter den Gerichten befinden ein. Für die nächsten drei Sekunden werden nun die drei Gerichte beleuchtet. Dies suggeriert in meinem (fiktiven) Szenario das für die Ana­lyse­messung Zeit benötigt wird. Nach drei Sekunden entscheidet der Master mithilfe eines programmierten Zufallsgenerator welches der drei Lichter an bleibt. Die übrigen Lichter werden abgeschaltet. Das letzte Licht bleibt nun für fünf Sekunden an, um es




eindeutig zuzuordnen zu können und dem Kellner das Signal zu geben nun starten zu können. Dann erlischt das dritte Licht ebenfalls. Nun kann ein neuer Messzyklus begonnen werden, d.h. der nächste Gast kann per Druck auf seinen Sensor seine individuelle Messung starten. Die Konstruktion unter der Tischplatte ist für den Gast nicht sichtbar. Hier befinden sich drei LED-Ringe, die über Kabelverbindungen einerseits mit dem Puck.js und andererseits mit einem 5V-Netzteil verbunden werden. Über freie Pins innerhalb des Puck.js kann jeder der drei LED-Lichtkreise separat angesteuert und somit an und ausgeschaltet werden. Diese Komponenten wurden auf einer Platte unter dem Tisch befestigt. Nach einigen Tests konnte ich mich für die bereits genannten Lebensmittel entscheiden. Die Haltbarkeitsfrage konnte ich mit diesen sowohl für den Bereich der Pre- als auch der Probiotik erreichen. Um den Kombucha besser und optisch spannender zu präsentieren, wurde aus dem Getränk eine Art Wackelpudding hergestellt. Der Topinambur wurde fein gehobelt und zu Chips verarbeitet. Chips als fertiges Gericht haben den Vorteil als »comfort food« bekannt und von den Menschen nicht als das typische zwanghaft gesunde Essen gesehen zu werden. Außerdem kann mit der Herstellungsweise der wichtige Bestandteil Inulin in seiner ganzen Menge beibehalten werden. Das Inulin ist der Bestandteil des Topinambur, der die Knolle zum prebiotisch macht. Das synbiotische Gericht gestaltete sich aufgrund der Anforderungen an die Haltbarkeit schwierig. Letzten Endes entschied ich mich, eine moderne Variante eines bekannten Gerichts zu kreieren, das mit meinem Twist von einem verschrieenen ungesunden Essen zu einer Kreation wird, die das Mikrobiom stützt. Die sonst als Nervennahrung oder als »Futter für die Seele« bekannten Gerichte können so in doppeltem Sinne genossen werden. Die fertigen Gerichte wurden in drei großen Glasbehältern mit ei-

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nem Durchmesser von 11cm und einem Fassungsvermögen von je 1,8l, gefüllt und werden am Tisch mithilfe einer Suppenkelle entnommen. In der Entwicklung kristallisierte sich außerdem heraus, dass das Dinner weniger im privaten Rahmen zu verorten ist, als das es ein Erlebnis in einem Restaurant ist. Um dies besonders zu verdeutlichen und auch um das entstehende Bild abzurunden, entschied ich mich eine Leuchttafel anzufertigen, die den Namen des spekulativen Restaurants »Haut Cuisine« präsentiert. Auch hier ergab die Umsetzung einige Hürden: eine Herstellung als Neonschrift war rein aus Budgetgründen nicht umsetzbar. EL-Wire, ein LED-Draht, der sich rein vom Material für die Herstellung gut eignete, hatte eine zu geringe Leuchtkraft. So wurde auch dieses Vorhaben auf seinen Kern herunter gebrochen. Das für mich wichtige an der Leuchtschrift war die Auszeichnung des besuchten Ortes. Das Leuchtschild ist in meinem Darstellungskontext das Symbol das den Tisch eindeutig vom privaten Rahmen abgrenzt und in den öffentlichen bzw. halböffentlichen Rahmen übersetzt. Daher ist die Beleuchtung des Schildes ein eindrucksvoller Zusatzeffekt, von dem unter Betrachtung der finanziellen, zeitlichen und produktionstechnischen Möglichkeiten am Ehesten abgesehen werden kann. Viel wichtiger ist es, den Namen an sich in einem größeren Format zu präsentieren. Um den Restaurantkontext zu vollenden, darf natürlich auch eine Speisekarte nicht fehlen. Um authentisch zu arbeiten ließ ich mich von Restaurants und Kochbüchern in den Bereichen der Nouvelle Cuisine, der neuen nordischen Küche oder auch der Molekularküche inspirieren. Einige wichtige Quellen, die hier genannt werden können, sind das NOMA (Kopenhagen, Dänemark), das Nobelhart & Schmutzig (Berlin), das El Bull (ehemals in der Provinz Girona, Spanien) sowie das Buch »Modernist Cuisine at Home«. Wichtig war nun für mich eine ansprechende Darstellung der angebotenen Gerichte und ein kurzer Einleitungstext, der im Restaurant »Haut Cuisine« willkommen heißt. Dieser Text




soll durchaus auch doppeldeutig wahrgenommen werden können, sodass es für »Unwissende« eine einladende Begrüßung ist, für »Informierte« jedoch noch etwas mehr sein kann. So entstand dieser Text: In der Speisekammer der Haut sind Bakterien die Vorräte. Wenn diese knapp werden oder verderben ist es Aufgabe der Haut den Schaden zu beheben und für eine gut gefüllte Speisekammer zu sorgen. Die Haut Cuisine hat sich dies als Ziel gesetzt. Was zählt, ist hier nicht nur was serviert wird, sondern was davon bei unseren Freunden im Mikrobiom ankommt. Wir kreieren individuellen Genuss für individuelle Gäste. Jeder Löffel ist daher der maßgeschneiderte Schub Leben.

Willkommen im Haut Cuisine. Im Innenteil der Speisekarte findet man eine kurze Beschreibung der angebotenen Speisen: Topinamburchips legen Fundamente Topinambur ist prebiotische Nahrung für Menschen und die nützlichen Bakterien im Körper. Körperschädigende Bakterien können von den Nährstoffen der Wurzel nicht zehren. Daher verschafft Topinambur den »guten« Bakterien im Wettlauf gegen die »schlechten« Bakterien einen Vorteil. Kombucha in grünem Tee bringt Leben Durch den Gärungsprozess aus lebenden Bakterien und Hefe ist das Kombuchagetränk als probiotisches Nahrungsmittel ein reichhaltiger Bakterienlieferant. Die enthaltende Glucuronsäure entgiftet schädigende Stoffe und baut Hyaluronsäure auf. Hyaluronsäure ist dafür bekannt, den Wundheilungsprozess und die Zellerneuerung der Haut zu beschleunigen.

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Maccaroni & Käse machen es komplett Als Mischung aus Pro- und Prebiotika ist dieses Gericht synbiotisch. Damit liefert es sowohl Bakterien als auch den dazu passenden Nährboden Um das Restaurant und den Kontext des Dinners zu vervollständigen werden über die Arbeit hinaus Einladungen erstellt und verteilt werden. Da Petrischalen vorrangig aus gesundheitlichen und hygienischen Gründen nicht frei verteilt werden können, übertrug ich die Idee der leeren Petrischale, die vom Boten über­ bracht wird, auf einen Flyer. Dieser zeigt die leere Petrischale, die der Bote verteilt. So wird ohne zu viel zu verraten, die Richtung der Arbeit aufgezeigt. Auf der Rückseite des Flyers ist Platz für meinen Abstract, der ähnlich wie der Begrüßungstext der Speisekarte mit Doppeldeutigkeiten spielt und einladen soll, mehr über die »Haut Cuisine« zu erfahren. Für die Teller wurden von meinen persönlichen Gästen Handabdrücke genommen und in den Petrischalen kultiviert. Nach einigen Tagen Wachstum unter täglicher Dokumentation wurde das Ergebnis fotografiert und an einen Hersteller in England verschickt. Der Hersteller in England wurde gewählt, da ich hier die Möglichkeit bekam, hochwertige Keramik in Einzelausfertigung zu bedrucken. Diese Teller zeigen einerseits natürlich, dass wir uns als Menschen nicht nur genetisch, sondern auch bakteriell voneinander unterscheiden. Viel wichtiger ist jedoch der Fakt, den Gast darauf aufmerksam zu machen, das er ein hybrider Superorganismus ist, der wie bereits beschrieben nur existieren kann, wenn die verschiedenen Lebensformen auf dem Körper kooperieren. Hiermit können auch die Begriffe »Gast« und »Wirt« besonders betrachtet werden. Ist der Wirt tatsächlich der Gastgeber im Restaurant und der Gast die eingeladenen Person oder ist nicht die eingeladenen Person der »Wirt« für die Bakterien als Gäste?


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Zu guter Letzt soll dem Tisch für die Ausstellung mit einem kurzen fotografisch oder filmischem Überblick Leben eingehaucht werden. Hier ging es mir darum, den Vorgang der sich im Restaurant »Haut Cuisine« abspielt, zu zeigen und die Funktionalität des Tisches darzustellen. Für dieses Vorhaben wurde der Tisch im Tageslichtstudio aufgebaut und von mir Gäste geladen, die am Dinner teilnehmen. Das letztendlich entstehende Objekt stellt ein komplexes Set aus Problemen dar und unterstützt, dass die ausgeführten Aktivitäten nicht durch das Ding an sich ihren Wert erhalten, sondern durch das dahinter liegende System.

Ein letztes Mal in die Zukunft Um die bisher fiktive Darstellung in ein funktionierendes Gebilde umzuwandeln besteht die Möglichkeit, das Device mit verschiedenen Sensoren zu versehen. Die bereits erwähnten Variablen des pH-Werts, des Feuchtigkeitswerts und der Temperatur müssen dafür konkretisiert werden. Bei einer Normalflora und einem pH-Wert um 5 können Mirkoorganismen sehr gut wachsen und leben. Bei einem solchen pH-Wert wird durch den sogenannten »Säureschutzmantel« das Wachstum von nichtpathogenen Bakterien gefördert und das von pathogenen Bakterien gehemmt. Des Weiteren kann sich bei einem solchen Wert die Oberhaut am Besten regene-

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rieren und schwemmt am wenigsten Lipide und Salze aus. Das ist insofern wichtig, als dass eine erhöhte Salzausschwemmung den Hydrolipidfilm durchlässiger macht, sodass Stoffe aus der Umwelt leichter eindringen können. Durch die Fähigkeit Feuchtigkeit zu binden, trocknet die Haut bei einem Salzmangel zudem aus. Der Feuchtigkeitswert spielt ebenso eine Rolle, da an den verschiedenen Stellen des Körpers unterschiedliche Klimata herrschen und dementsprechend auch unterschiedliche Bakterienarten vorzufinden sind. Um beispielsweise am Unterarm ein trockenes Milieu zu halten, das aber von der Austrocknung entfernt ist, ist es demnach ratsam ein stabiles Feuchtigkeitslevel auch hier zu halten. Da die Region des Unterarms besonders viele äußeren Einwirkungen und damit auch Temperaturschwankungen ausgesetzt ist, sind die hier vorkommenden Bakterien nicht ganz so sensibel wie beispielsweise am unteren Rücken, dennoch fühlen sie sich bei Temperaturen um die 37° C am wohlsten. Diese Temperatur gilt es aufrecht zu erhalten. Da die Haut aus einer Variation von besonderen Nischen besteht, gibt es eine gewisse Spanne von pH-­ Werten, Temperaturen, Feuchtigkeitswerten und der Talgmenge. Daher muss in der realen, funktionstüchtigen Umsetzung diese Messung auf mehreren repräsentativen Körperstellen stattfinden. Hautstrukturen wie Haarfollikel und verschiedenste Drüsen müssen des Weiteren als Subhabitate beachtet werden, die durchaus ihr eigenes Mikrobiom haben können. Was das Projekt außerdem sehr interessant macht, ist das zwiespältige Verhältnis, das viele Menschen zum Essen entwickeln oder schon entwickelt haben. Einerseits wird sich nach Natürlichkeit (bio, regional, Alte Sorten usw.) gesehnt, andererseits wird zunehmend Argwohn gegenüber Produkten gehegt. Daher wäre es spannend, die Reaktionen der Menschen zu sehen, die in der Zukunft dieses »veredelte« Essen auf den Tisch bekommen, das so »bio« ist, dass es sogar teilweise lebendig ist. Forschungsziel der Haut Cuisine könnte somit sein, die



HAUT CUISINE Ergebnis


Hautgesundheit durch maßgeschneiderte Ernährung zu fördern. Dazu muss die medizinische und ernährungswissenschaftliche Forschung in den nächsten Jahren herausarbeiten, wie das gesunde Ökosystem im Darm und auf der Haut eines gesunden Menschen genau aussieht um gezielter bestimme Pro- und Prebiotika empfehlen zu können. Also: erst die Diagnose, dann das individuelle Menü. So könnte eines Tages personalisiertes Essen im Restaurant serviert werden. Jedoch muss bei all dieser Forschung beachtet werden, dass Essen etwas sehr emotionales ist, dass am Ende kein Medikament sein darf, sondern schmecken muss.

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Abstract Als die Welt noch in den Fugen war, servierte man in den Restaurants noch Braten mit Soße oder Gemüsesuppe je nach Gusto des Gastes. Während sich Kunst und Populärkultur stetig veränderten, aßen die Menschen dennoch das gleiche Essen. Dann wurde etwas angestoßen, was keinen Stein auf dem anderen ließ. Stil und Tradition werden durch neue Ästhetik, die Ab­ straktion, moderne Technik und Ideen aufgreift, ersetzt, um neue Erfahrungen zu schaffen. Die Speisen als Medium mit dem Ziel provokativ, sowie beeindruckend und außerordentlich delikat zu sein, sind angerichtet. Der Tisch für den Dialog zwischen Gast und Wirt ist gedeckt. Mit der Analyse des persönlichen Mikrobioms wird die profitabelste Nahrungsauswahl getroffen. Das klingt, als ginge es um Quantensprünge in der Küche, schlussendlich ist es jedoch nur Mac and Cheese. Oder wie wären Chips? Deine Haut entscheidet. Das Dinner in der »Haut Cuisine« macht auf das Netzwerk von Organismen aufmerksam, von dem wir umspannt sind. Ohne Sie gibt es kein Wir und gegen Sie zu arbeiten kann fatale Auswirkungen haben. Die neue Küche legt daher Wert auf ein Mit- und Füreinander von Mensch und Bakterien.


Ablaufplan der Devices

Start Klick auf Device Licht auf Device blinkt

Verbindungsversuch zu »Küche« Verbindung zu »Küche« erfolgreich

keine Verbindung möglich

Analysemessung startet

Fehlermeldung

alle Gerichte werden beleuchtet Ende der Analyse Licht geht aus

Auswahl des Gerichts Stop


Die Devices Die Programmierung der Devices folgt einem relativ einfachen Ablaufplan, der es ermöglicht mit einer Codierung zwei unterschiedliche Arten dieser Devices zu steuern. Vier dieser Devices sind auf dem Tisch positioniert und interagieren direkt mit dem Gast. Das fünfte Device ist unter dem Tisch und kann sozusagen als Küche gesehen werden, die die Bestellungen aufnimmt und verwaltet. Bei der Umsetzung der Technik wurde ich von »GPIO Solutions« unterstützt. Der Film Die »Haut Cuisine« als Artefakt bekommt seine Bedeutung auch durch den Kontext auch durch die Geschichte, in der dieses Dinner stattfindet. Um diese Geschichte in der Ausstellung zu zeigen, entschied ich mich dem Objekt einen kurzen Film als Begleitung mitzugeben. Dieser Film spielt in einer möglichen Welt, in der dieses Dinner Alltag ist. Durch die Einbettung des Artefaktes der »Haut Cuisine« in eine Narration, erscheint das Projekt meines Erachtens nach realer und fördert das Vorstellungsvermögen des Betrachters in höherem Maße. So wird dazu angeregt, der Phantasie freien Lauf zu lassen, zu reflektieren und möglicherweise neue Denkweisen zu erreichen. Was wäre, wenn wir eine Welt hätten, in der solch ein Restaurant real ist und wir bedacht sind, unser Mikrobiom mit unserer Nahrungsaufnahme zu unterstützen? Es ist Fiktion, aber es realisiert sich als Fiktion selbst, es tut so, als ob es echt wäre, und wird dadurch zu einem Testfeld.


Film stills »Dinner im HAUT CUISINE«





Zuletzt bleibt mir noch ein Manifest von Dunne und Raby zu erwähnen, dass meine Meinung zum Unterschied zwischen traditionellem Design, dass kundenorientiert ist und die Gegenwart gestaltet und dem spekulativer Gestaltung, dass Design als Medium nutzt um durch Provokation neue Denkweisen zu schaffen. Dieses Manifest hat mich in den letzten Zügen meiner Arbeit insofern unterstützt, dass es mir deutlich machte, was ich mit meiner Arbeit ausdrücken möchte.


a Affirmative Problem solving Provides answers Design for production Design as solution In the service of industry Fictional functions For how the world is Change the world to suit us Science fiction Futures The “real” real Narratives of production Applications Fun Innovation Concept design Consumer Makes us buy Ergonomics User-friendliness Process

b Critical Problem finding Asks questions Design for debate Design as medium In the service of society Functional fictions For how the world could be Change us to suit the world Social fiction Parallel worlds The “unreal” real Narratives of consumption Implications Humor Provocation Conceptual design Citizen Makes us think Rhetoric Ethics Authorship

a /b , Manifest von Dunne und Raby (2009). Critical/Speculative Design (b) vs Traditional design (a).


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Gallery of Living in (Wrong) Fear Dangerous Appendix



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Anhang

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Abbildungsverzeichnis Die Rechte der im Verlauf des Buches erscheinenden Abbildungen sind mir, Anthea Oestreicher, zu eigen. Ausnahme bilden die sich im befindlichen Seiten. Die Angaben beziehen sich auf dei Reihenfolge des Erscheinens. Orlan: Nicola Delorme Polaroid Project <http://www.nicoladelorme.com/page.php?name=ORLAN%20-%202011> Barbara Krüger, Untitled <super rich/Ultra gorgeous/Extra skinny/Forever young>, 1997 <http://dbartmag.de/archiv/2008/d/2/1/588.html> Alba d‘Urbano- Il sarto immortale <https://daidibujoanalisiseideacion.wordpress.com/ category/envolver/> Renee Verhoven <http://threadfashionandcostume.blogspot. de/2016/06/renee-verhoeven.html> Esmay Wagemans - Second Skin <http://thecreatorsproject.vice.com/blog/secondskin-sculptures-free-the-nipple-in-an-artful-way> Lampe aus Menschenhaut <https://www.guioteca.com/curiosidades/ilse-koch-la-bruja-de-buchenwald-la-mujer-nazi-que-hacia-lamparas-de-piel-humana-y-protagonizaba-orgias/> Schuhe aus der Haut von »Big Nose George« <http://www.roadsideamerica.com/story/14910 > Lucy Mc Rae and Bart Hess, Evolution <for Vogue> <http://laura-kate-cooper.tumblr.com/ post/4913488191/lucy-mcrae> Bart Hess, Liquified

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Urheberrechtserklärung Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig erstellt und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Soweit ich auf fremde Materialien, Texte oder Gedankengänge zurückgegriffen habe, enthalten meine Ausführungen vollständige und eindeutige Verweise auf die Urheber und Quellen. Alle weiteren Inhalte der vorgelegten Arbeit stammen von mir im urheberrechtlichen Sinn, soweit keine Verweise und Zitate erfolgen. Mir ist bekannt, dass ein Täuschungsversuch vorliegt, wenn die vorstehende Erklärung sich als unrichtig erweist.

Ort, Datum

Unterschrift



The Stone Age did not end because humans ran out of stones. It ended because it was time for a re-think about how we live. Architect William McDonough


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Anthea Oestreicher Diplomarbeit WS 2016 / 17 Hochschule Darmstadt Kommunikations-Design Betreut von Prof. Frank Philippin